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John Quentin – Im Auftrag des Admirals

Inhalt

  1. Handelnde Personen Band 1: Quentin – Im Auftrag des Admirals
  2. 1. Neu an Bord
  3. 2. Kaperfahrt
  4. 3. Brest
  5. 4. Erfolg
  6. 5. Swordfish
  7. 6. Semaphor
  8. 7. Falle
  9. 8. Sturm
  10. 9. Prise
  11. 10. Elizabeth
  12. 11. Malta
  13. 12. Zu Hause
  14. 13. Knapp
  15. Erklärung der seemännischen Begriffe

Handelnde Personen Band 1:
Quentin – Im Auftrag des Admirals

Fregatte »Neptune«, 32 Achtzehnpfünder, 3-Mast-Vollschiff, ca. 40 m Decklänge, ca. 1200 Tonnen, Mannschaftssoll etwa 250 Mann

Chadwick, Sir Edward, Kapitän

Henderson, Master

Lazenby, Harold, 1. Offizier

Lonsdale, Bootsmann

Peace, Melvyn, 3. Leutnant

Peters, Barkassenführer

Scott, Tobias, Toppsgast

Slade, Peter, Fähnrich

Smith, 2. Offizier

Stratton, Joseph, Deserteur

Tascoe, William, Fähnrich

Taylor, John, Deserteur

Toppsegelkutter »Swordfish«, 1 Mast, 100 Tonnen, ca. 18 m Decklänge, anfangs 8 Vierpfünder, später 6 Vierpfünder und eine 24-Pfünder-Karronade, Mannschaftssoll ca. 50 Mann

Brundle, Leutnant, vorheriger Kommandant

Doolittle, Steuermannsmaat

Hill, Bootsmannsmaat

Markham, Paul, Master

McLaughlin, Bootsmann

Sarson, Nathaniel, Steward

Scarr, Toppsgast

Yardley, Toppsgast

Historische Personen

Eustache Comte de Bruix, franz. Vizeadmiral in Brest

Cuthbert Lord Collingwood, Konteradmiral

George Elphinstone Earl Keith, Vizeadmiral Mittelmeer

Horatio Viscount Nelson, Konteradmiral

Sir Evan Nepean, erster Sekretär der Admiralität

James Saumarez, Konteradmiral in Gibraltar

George John Earl Spencer, 1. Lord der Admiralität

Andere

Bennet, Edwin Hafenadmiral Portsmouth

Bourouché, Leutnant Fregatte »Achille« (F), St. Nazaire

Brenton, Kapitän Linienschiff »Cesar«

Carpenter, Kapitän Korvette »Fox«

de Chateauroux, Charlotte, Schwester des Admirals de Bruix

Cutterworth, Zeitungsschreiber in London

Elizabeth, Gouverneursgattin Gibraltar

Espartin, Flaggleutnant von Admiral de Bruix

Foubert, Leutnant, Kommandant Semaphorstation

Gordon, Sir, Redakteur der Times

Jaladour, Albert, Caporal, Wachtposten in Brest

Laurent, Fischer in Brest

Legg, John, Kapitän Fregatte »Eagle«

Marie, Zofe von Mme de Chateauroux

Marquis de Picardie, Pierre Charles, Quentins Vater

McCloud, Zeitungsschreiber in London

Moutroux, Fischer in Brest

Patterson, Henry, Schneider in Westminster

Paul, Butler in Blamford House

Pierce, 1. Offizier Fregatte »Eagle«

Pierre, franz. Soldat, Malta

Pitt, Sir Francis, Flaggleutnant Gibraltar

Poinconnet, Sabrine-Louise, Gattin des Generals auf Malta

Rexley, Seesoldat des Linienschiffs »Foudroyant«

Roxhill, Flaggleutnant des Admirals Collingwood

Rutherford, Mrs., Schneiderin in Dartford

Shoobridge, Arzt in Gibraltar

Trouchard, Mme., Passagier

Williams, Zeitungsschreiber London

1. Neu an Bord

Heute, am 13. Mai 1799 wurde es überhaupt nicht richtig hell, obwohl es schon später Vormittag war. Düstere Nebelbänke lagen über der See, und der glatte Wasserspiegel verschwand übergangslos im Nebel. Die Sicht betrug kaum eine Kabellänge (ca. 185 m). Auch die Geräusche der Stadt Portsmouth wurden an den Steintreppen hinab zum Bootsanleger fast vollständig verschluckt. Der sechzehnjährige Midshipman (Fähnrich, Offiziersanwärter) Jean François Comte de St. Quentin saß neben seiner Seekiste auf der obersten Stufe und blickte verzweifelt in das Grau hinaus. Nun sollte also mit einem abrupten Wechsel seine schöne Jugend, sein ganzes bisheriges Leben endgültig zu Ende gehen! Bis vor drei Wochen hatte er ein wohlbehütetes Leben geführt … als Mädchen! Er schaute an sich herab auf diese Uniform, die ihm so völlig fremd war. Es war ja üblich, dass auch Jungen bis zum vierten oder fünften Lebensjahr Mädchenkleider trugen, doch seine Mutter hatte ihn weiter diese Kleider tragen lassen und ihn statt Jean Jeanette genannt. Das hatte sich einfach so ergeben, und kaum jemand, am wenigsten er selbst, hatte sich viele Gedanken darum gemacht. Nach zwei Söhnen hatte sie sich wohl so eine Tochter gewünscht, dass sie ihn dazu erzogen hatte. Bei seiner schmächtigen Figur und dem fein geschnittenen, weichen Gesicht standen ihm Kleider auch viel besser als Hosen. Als er irgendwann einmal mehr aus Spaß Jungenkleidung angezogen hatte, waren seine Mutter, seine Brüder, selbst die Diener ganz enttäuscht gewesen und hatten ihn wieder in die Mädchenrolle gedrängt. Seine Hauslehrer hatten ihm dann aber neben hausfraulichen Verrichtungen auch Unterricht für angehende Männer erteilt. Ja, sogar Fechtunterricht hatte er erhalten, was sich in den weiten, langen Röcken manchmal als etwas schwierig gestaltet hatte. Dann war vor kurzem sein Vater nach langen Jahren der Abwesenheit nach Hause gekommen und hatte entsetzt reagiert. Jeanette hatte gerade mit zwei Mädchen vom Nachbargut einige Tanzschritte probiert. Da war sein Vater hereingestürzt, hatte ihm wutentbrannt das schöne rote Kleid regelrecht vom Körper gerissen, ihm die hochgesteckten Haare so auseinander genommen, dass dabei einige Haarbüschel zu Boden gefallen waren, und ihm seine Wäsche vom Leib gerissen. Nackt hatte er ihn durch das ganze Haus geschleift und ihn vor die verschüchterte Dienerschaft gestellt. Auch seine Mutter konnte nicht verhindern, dass der Vater sich darauf sofort um eine Stelle bei der Marine für ihn bemüht hatte. Wie er sagte, würde man dort schon einen richtigen Mann aus ihm machen. Das Risiko, dass der Krieg gegen Frankreich, der nun schon sieben Jahre andauerte, seinen Sohn in Gefahr bringen könnte, hatte er in seiner Wut wohl nicht bedacht.

»Zu welchem Schiff, Sir?«, fragte ihn ein stämmiger Bootsmann und riss ihn aus seinen Träumen.

»Zur ›Neptune‹!«

Er schritt mit dem Bootsführer die glitschigen Treppenstufen hinunter und setzte sich auf die Ducht der Jolle. Direkt vor ihm wurde seine Seekiste festgelascht, in der sich seine neu gekauften Sachen befanden.

»Das kostet aber drei Pence extra, Sir. Die ›Neptune‹ liegt mindestens anderthalb Meilen draußen.«

Quentin nickte und hüllte sich enger in seinen Bootsmantel ein. Den Dreispitz zog er tief in die Stirn. Die Jolle glitt unter gleichmäßigem Schlag der Riemen in das konturlose Grau hinaus. Von Zeit zu Zeit blickte der Bootssteuerer auf den kleinen Kompass. Quentin hoffte, dass er die draußen im Solent verankerte Fregatte sofort finden würde. Er ließ seine Gedanken noch einmal zurückschweifen, wollte sich erst dann mit seiner neuen Aufgabe beschäftigen, wenn er das Schiff vor sich sah. Quentin dachte an das Schloss seines Vaters, Chateau d’Pissy in Nordfrankreich, in dem er die ersten Jahre seiner Kindheit verbracht hatte. In dem riesigen Gartenpark hatte er mit seinen Brüdern gespielt. Vor zehn Jahren hatte der Pöbel nach der Revolution in Frankreich die Macht übernommen, und seine Familie war nach England geflohen. Selbst das Königspaar, Louis den Sechzehnten und seine Gemahlin Marie Antoinette, hatte man vor drei Jahren umgebracht. Das zeigte, dass die Entscheidung seines Vaters, des Marquis de Picardie, der Heimat den Rücken zu kehren, vollkommen richtig gewesen war. Die Adligen, die in Frankreich geblieben waren, hatten die neuen Machthaber entweder getötet oder enteignet. Seinem Vater war es immerhin gelungen, große Teile seines beweglichen Besitzes mit nach England zu nehmen. Dabei hatte geholfen, dass sein Vater neben den Ländereien in Frankreich auch noch etliche Güter in der Karibik und auf dem südamerikanischen Kontinent besaß und er eine eigene Flotte von Schonern unterhielt. In England hatte er dann Blamford House, ein Landgut in der Nähe von Dartford direkt an der Themse gekauft, und dort war Quentin in den letzten Jahren aufgewachsen. Seinen Vater hatte er in den Jahren seither nicht mehr gesehen. Er war sofort nach der Flucht aus Frankreich und dem Erwerb des englischen Gutes in die Karibik gesegelt und hatte sich dort um seine Geschäfte gekümmert.

»Boot ahoi!«, hörte Quentin eine Stimme übers Wasser.

Er blickte auf und erkannte in dem Grau schemenhaft die riesigen Umrisse der Fregatte. Turmhoch wuchs das komplizierte Gewirr der Takelage aus dem Nebel.

»›Neptune‹, Offizier!«, rief der Bootssteuerer zurück, hob den Arm hoch und streckte den Daumen aus. Das zeigte der Schiffsbesatzung, dass ein Offizier mit niedrigem Rang im Boot saß. Neugierig lugten etliche Gesichter über das Schanzkleid, um zu sehen, wer da kam.

»Riemen bei!«, kommandierte der Bootssteuerer, und mit letzter Fahrt schor die Jolle an die Bordwand. Der Bugmann hakte in die Großrüsten ein, und Quentin maß die Entfernung zum Fallreep ab. Er drückte noch einmal den Hut fest, klappte den Bootsmantel auf und schaffte es mit einem großen Sprung, ohne nasse Füße die Stufen des Fallreeps zu erreichen. An Deck empfing ihn ein junger Leutnant.

»Fähnrich Jean François Comte de St. Quentin meldet sich an Bord, Sir.«

»Ich bin Melvyn Peace, dritter Leutnant. Willkommen an Bord.«

Jean schaute sich um und betrachtete das Geschehen auf dem Deck. Überall waren Matrosen beschäftigt, und es schien so, als herrsche ein unglaubliches Chaos. Dennoch schien es eine gewisse Ordnung zu geben, jeder an Bord war mit einer Aufgabe betraut. Die Besatzung der Fregatte war mit den letzten Vorbereitungen des Inseegehens beschäftigt.

»Ich bringe Sie zum Kommandanten. Sir Edward Chadwick hat Sie schon heute Morgen erwartet.«

Und laut, jedenfalls lauter als es notwendig gewesen wäre rief er übers Deck:

»Mr. Tascoe, kümmern Sie sich um das Gepäck des neuen Midshipman!«

Er folgte dem Leutnant aufs Achterdeck und dann hinab zur Kommandantenkajüte. Der Seesoldatenposten salutierte und stieß den Kolben der Muskete geräuschvoll auf den Boden.

»Leutnant Peace und Fähnrich, Sir!«

Der Seesoldat in seiner roten Uniform mit den gekreuzten, weißen Koppelriemen brüllte seine Meldung so laut, dass Quentin die Ohren rauschten. Offenbar brüllte jeder an Bord, wenn er etwas zu sagen hatte. Dann öffnete er die Tür zur Kajüte, und Quentin folgte dem dritten Leutnant. Dabei duckte er sich unwillkürlich unter den Decksbalken, merkte jedoch sehr schnell, dass er aufrecht stehen konnte und nahm Haltung an.

»Der neue Midshipman, Mr. Count und noch was, Sir!«, meldete der Leutnant und verließ wieder die Kajüte.

»Fähnrich Jean François Comte de St. Quentin meldet sich an Bord.«

»Verdammt noch mal, wo bleiben Sie denn so lange, Mr. Quentin?«

»Ich … ich bin gekommen, so schnell ich konnte. Ich habe erst vorgestern meine Bestallungsorder bekommen.«

»Mr. Quentin, gewöhnen Sie sich sofort an, dass Sie Vorgesetzte mit Sir anzureden haben.«

»Jawohl … Aye, aye, Sir.«

»Na also, es geht doch, Mr. Quentin. Haben Sie etwas für mich zu lesen?«

Sir Chadwick lächelte ihn an. Jean merkte, dass der Kommandant doch nicht so hart war, wie es zuerst den Anschein hatte. Er reichte ihm die beiden Umschläge, die er aus Whitehall mitgebracht hatte. Der dünne enthielt seine Segelorder, und in dem dicken waren wohl die letzten Depeschen von den Lords der Admiralität. Der Kommandant nahm zuerst seine Order und las sie durch. Leise pfiff er durch die Zähne.

»Da bekommen wir ja richtigen französischen Adel an Bord. Jean François Baptiste Marie Comte de St. Quentin. Und Sie wollen gegen ihre Landsleute kämpfen?«

»Jawohl, Sir. Das ist nicht mein Frankreich. Ich lebe seit meinem achten Lebensjahr in England, Sir.«

Sir Chadwick wusste, dass vieles nicht ausgesprochen worden war. England war voll von europäischen Adligen, die von den Jakobinern aus ihren Schlössern vertrieben worden waren. Das Inselreich stand ganz alleine gegen Frankreich, Spanien und Holland und hatte es nur seiner Flotte zu verdanken, dass Frankreich noch keinen Versuch der Invasion gemacht hatte. Im vergangenen Jahr hatte Nelson in der Schlacht am Nil bei Aboukir die französische Flotte vernichtet. Seither war das Mittelmeer wieder in englischer Hand. Doch wie lange konnte es noch standhalten? Britische Geschwader kreuzten unablässig vor den französischen Häfen und blockierten jeden Versuch, Schiffe in See zu den Kolonien zu lassen.

»An Bord dieses Schiffes werden Sie nicht mit Ihrem Adelstitel angeredet. So viel Zeit haben wir nicht. Hier sind Sie einfach Mr. Quentin. Verstanden?«

»Aye, aye, Sir.«

»Erfüllen Sie ihre Pflicht! Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ist das Ihr erstes Kommando?«

»Jawohl, Sir. Ich bin aber ein paar Male auf Schonern meines Vaters gefahren, allerdings als Passagier … Sir!«

»Nun gut, dann werden Sie sich ja schnell eingewöhnen.«

Damit winkte der Kommandant lässig mit der Hand, und Quentin verließ die Kajüte. Draußen wartete schon Midshipman Tascoe.

»Ich heiße William Tascoe. Komm, ich bringe dich ins Logis.«

Er folgte ihm den Niedergang hinunter, durchs Batteriedeck und weiter hinunter ins Orlopdeck. In diesem düsteren Raum unterhalb der Wasserlinie lag das Quartier der Fähnriche. Enge Kojen waren an den Wänden angebracht, und in der Mitte stand ein rohgezimmerter Tisch. Um diesen herum standen die Seekisten der anderen Fähnriche und dienten so als einzige Sitzgelegenheit. Tascoe stellte ihn den anderen vor. Die beäugten ihn neugierig. Im flackernden Licht von zwei Talglampen rückten sie näher an ihn heran. Tascoe und ein anderer Midshipman waren etwa in seinem Alter, die anderen drei waren erheblich jünger. Der jüngste von ihnen war sicherlich erst zwölf. John Quentin stellte sich vor, und Tascoe nannte die Namen der anderen.

»So, jetzt zeige ich dir erst einmal das Schiff«, meinte er.

Quentin hörte oben auf dem Deck eine Glocke sechs Mal schlagen.

»Sechs Glasen, ich muss in einer Stunde auf Wache, also komm mit.«

Er führte ihn durch das ganze Schiff, durchkämmte mit ihm Deck für Deck und zeigte ihm die Batterie der Achtzehnpfünder. Kaum vorstellbar, dass auf so engem Raum fast dreihundert Menschen leben konnten. Dann kletterte er wieselflink Quentin voraus in die Großwanten. Quentin wurde immer langsamer, je höher es hinaufging.

»Schau immer nur nach oben, nicht nach unten!«

Endlich kam er am Eselshaupt an, und dort wartete Tascoe auf ihn. Von hier hatte man einen schönen Überblick aufs Schiff. Krampfhaft hielt Quentin sich fest. Tascoe erklärte ihm das System der Wanten, Stagen und Pardunen (diverse Maststützen). Obwohl nur ganz wenig Seegang war, konnte man das Krängen (Schaukeln) des Schiffes hier sehr stark spüren. Dann kletterten sie weiter und weiter in den Mast hinauf, bis sie schließlich im Krähennest ankamen. Ein Matrose dort machte ihnen Platz, so weit es ging. Als Quentin hinunterschaute, sah er das Deck und die geschäftigen Matrosen ganz klein. Die Bewegungen des Schiffes verursachte Quentin Übelkeit, und er versuchte sich vorzustellen, wie es hier bei Sturm aussehen musste. Dann legte Tascoe auf die Royalrah (oberste von vier Rahen) aus, und Quentin versuchte, es ihm nachzumachen. Er legte sich mit dem Bauch auf das Rundholz und angelte mit den Beinen nach dem Fußpferd (Leine unter der Rah). Er versuchte, nicht nach unten zu schauen zu dem Deck, das nahezu 80 Fuß unter ihm lag. Endlich hatten seine Füße das Tau gefunden, und er stellte sich vorsichtig darauf. Die Rah fest umklammert schob er sich einige Schritte hinaus. Tascoe stand an der Rahnock (Ende der Rah) und beobachtete ihn.

»O Gott, das ist ja entsetzlich hoch«, stöhnte Quentin.

»Man gewöhnt sich an alles«, meinte Tascoe leichtfertig. »Für das erste Mal geht es bei dir schon sehr gut. Das habe ich schon anders erlebt. Zu dritt haben wir hier schon einen Midshipman abgefiert (abgeseilt), der sich keinen einzigen Schritt mehr bewegen konnte.«

Schritt um Schritt enterten sie wieder ab. Tascoe zeigte ihm darauf noch das komplizierte System der Brassen, Schoten und Fallen, mit denen die Segel ausgerichtet wurden. Erst mit der richtigen Segelstellung wurde aus dem Gewirr von Holz, Tauwerk und Leinwand ein schnelles Seefahrzeug. Schließlich stand er mit Tascoe an der Backbordreling, und der Fähnrich erklärte ihm von unten noch einmal das System der Takelage. Sie gingen an der Reling entlang, und Tascoe zeigte ihm, welche Leine an welcher Stelle festgemacht war.

»Wie lange brauche ich, William, um das alles zu behalten?«

»Bei mir hat es etwa zwei Wochen gedauert, um zumindest die wesentlichen Sachen zu lernen. Aber keine Bange, ich helfe dir.«

»Danke, aber weshalb machst du das?«

»Als ich hier an Bord kam, hat mir niemand was erklärt, und ich lernte nur über Rüffel, wenn ich an der falschen Leine holte (zog). Das will ich dir ersparen, weil ich glaube, dass du intelligent und nett bist.«

Quentin reichte ihm die Hand.

»Ich danke dir und hoffe, dass wir Freunde werden.«

Tascoe erklärte ihm das komplizierte Wachsystem. Die Mannschaft war in zwei Gruppen aufgeteilt und als Steuerbord- oder Backbordwache bezeichnet. Nach vier Stunden Wache folgten vier Stunden Freiwache, also Freizeit oder Schlaf. Die vier Stunden am Abend waren in zwei Wachen mit je zwei Stunden aufgeteilt und wurden als dogged watch bezeichnet, die so genannte erste und zweite Hundewache. Damit erreichte man, dass der Rhythmus der Wache wechselte und man nicht immer zu den gleichen Zeiten Wache hatte. Der Kapitän, der Koch und noch ein paar andere waren vom Wachdienst befreit. Alle halbe Stunde wurde die Glocke geläutet, und jeder auf Wache sehnte den achten Glockenschlag herbei, an dem nach vier Stunden seine Wache beendet war. Die Aufgabe des wachhabenden Fähnrichs war auch, das Drehen der Halbstunden- und Stundensanduhren zu überwachen. Während Tascoe ihm weiter über die Bordroutine erzählte, schaute Quentin ihn immer wieder an. William war sicher um einen ganzen Kopf größer als er und hatte eine kräftige Figur. Seinen strohblonden Schopf hatte er zu einem dicken Zopf geflochten, der unter dem Hut hervorlugte und lustig im Wind baumelte. Die Ärmel der schlecht sitzenden Uniform rutschten manchmal hoch. Quentin vermutete, dass der Fähnrich starke Muskeln darunter hatte. Ein netter Kerl, dachte er bei sich, doch als er merkte, dass er ihn mit weiblichem Blick sah, schalt er sich selbst und schämte sich für seinen Gedanken. Er durfte einfach nicht zulassen, dass sein Mädchendenken durchkam. Nein, nein, das durfte nicht sein. Doch so sehr er sich auch zusammenriss, immer wieder schweiften seine Gedanken von den Erklärungen zu dem Erzähler ab. Da Quentin erst für die übernächste Wache eingeteilt war, ging er ins Fähnrichslogis, zog sich aus und legte sich erst einmal in seine Koje. So sah also jetzt seine Zukunft aus. Statt eines weitläufigen Zimmers mit Dienern teilte er sich nun einen winzigen dunklen Raum tief unten im Schiff mit etlichen anderen. Die Koje war gerade so groß, dass er soeben darin liegen konnte. Und doch ging es ihm noch viel besser als den meisten Matrosen an Bord. Die hängten zwischen den Kanonen ihre Hängematten auf und hatten nur wenige Zoll Platz, von dem entsetzlichen Geruch in einem solch überfüllten Deck ganz zu schweigen. Quentin konnte nicht verhindern, dass ihm Tränen der Wut und der Enttäuschung die Wangen herabliefen. Aus und vorbei war sein bisheriges Leben. Und was er in der kurzen Zeit an Bord an Flüchen und unflätigen Sprüchen gehört hatte, überstieg seine bisherige Vorstellungskraft. Einige der Sprüche hatte er nicht einmal verstanden. Eine Unterhaltung von zwei Matrosen an Deck, die er eben mitgehört hatte, ging über Frauen. Offenbar kannten diese Männer nur irgendwelche Huren, so abfällig waren ihre Redeweisen gewesen. Ob wohl alle Männer so dachten? Trotz seiner Marineuniform fühlte er sich bei den Reden irgendwie persönlich angesprochen und beleidigt. Doch was konnte er an seinem neuen Leben ändern? Je eher er sich mit seinen neuen Lebensumständen abfand, umso besser. Dieser Gedanke tröstete ihn etwas, und so schlief er kurz ein. Nach wenigen Minuten wurde er durch Lärm geweckt. Pfeifen schrillten durch das Schiff. Er sprang schnell in seine Uniform und hastete an Deck. Dort enterten die Matrosen bereits wieselflink in die Wanten auf. Quentin schaute sich das Schauspiel an.

»Wenn es Ihnen Ihre knappe Zeit erlaubt, würde ich Sie um die Gefälligkeit bitten, Ihre Station im Fockmast (der vordere der drei Masten) einzunehmen, Mr. Quentin«, rief Leutnant Peace mit sarkastischer Höflichkeit. Dann aber, mit bellender Stimme:

»Los, rauf mit Ihnen! Wir sind eine Fregatte des Königs und kein Passagierschiff.«

Quentin lief zu den Fockwanten und enterte auf, so schnell es ging. Dennoch kam er als Letzter auf der Marsrah (zweite von unten) an und stellte sich auf das Fußpferd.

»Los die Marssegel, setzt Klüver!«, hörte er von unten.

Zusammen mit den Matrosen löste er die Zurrings (Leinen), mit denen das Segel an der Rah festgelascht war. Der schwere Stoff wurde ihm förmlich aus der Hand gerissen, als der Wind das Segel fasste und es unter ihm gegen den Mast drückte. Vor ihm killte (flatterte) laut knallend das Klüversegel. Dann kam der Anker frei, und das Schiff nahm über den Achtersteven (Kiel am Heck) Fahrt auf.

»Ruder hart Steuerbord!«, hörte er die Stimme des Kommandanten. Jetzt drehte das Schiff ein wenig, der zunehmende Wind erfasste den Klüver, sodass er steif wie ein Brett stand, und drückte das Schiff vollends herum.

»Hol die Leebrassen (Leinen zum Schwenken der Rahen)

Quentin spürte, dass die Rah, auf der er stand, verstellt wurde. Die Backbordseite wurde nach achtern (hinten) geholt, die Steuerbordseite bewegte sich zum Bug hin. Jetzt füllte sich auch sein Fockmarssegel mit Wind, und das Schiff nahm Fahrt auf. Mit hart angebrassten (fast in Längsrichtung stehenden) Rahen strebte es der Südseite der Insel Wight zu.

»Bramsegel (drittes Segel von unten) setzen!«

Quentin enterte zur nächsthöheren Rah auf, und die Prozedur wiederholte sich. Diesmal war die Rah jedoch schon recht schräg, weil das Schiff im Wind bereits stark krängte (seitlich überlag). Als Letzter enterte Quentin ab. Auf dem Vordeck empfing ihn der dritte Offizier.

»Für den Anfang nicht schlecht, aber in spätestens einer Woche muss das in der halben Zeit klappen.«

»Aye, aye, Sir.«

Jetzt erst hatte Quentin Zeit, sich umzuschauen. Im Westen zogen die schemenhaften Umrisse der Insel Wight vorbei. Sobald sie die ruhigen Gewässer des Solent verlassen hatten, setzte der Seegang des englischen Kanals ein, und das Schiff begann zu stampfen. Immer wieder brach sich die Gischt am Steuerbordbug und hüllte das ganze Vorschiff in einen Nebel aus feinen Wassertropfen. Wieder schrillten die Pfeifen durch die Decks, und erneut strömten die Matrosen aus den Niedergängen und enterten auf.

»Setzt die Großsegel!«

Quentin kam wieder als Letzter auf der Fockrah an. Jetzt machte sich das Stampfen des Schiffes bemerkbar, und Quentin hielt sich krampfhaft fest.

»Mit einer Hand festhalten und mit der anderen die Zurrings lösen, Sir!«, riet ihm der ältere Toppsgast (Segelbediener), der gleich neben Quentin auf der Rah stand. Er hatte eine weiße Hose und eine Teerjacke an. Sein langer Zopf baumelte im Wind.

»Aber Vorsicht, Sir, das Segel explodiert gleich.«

Quentin wusste nicht, was er damit meinte, aber als sie die Zurrings lösten, blähte sich das Segel so knallartig auf, dass er vor Schreck beinahe losgelassen hätte.

»Danke, Mister?«

»Scott, Tobias Scott, Sir.«

Unter dem zusätzlichen Druck der Großsegel holte das Schiff so weit über, dass die Stückpforten (Öffnungen für die Kanonen) auf der Leeseite fast ins Wasser tauchten. Doch wenn Quentin geglaubt hatte, dass jetzt die Arbeit erledigt wäre, dann hatte er sich getäuscht.

»Ein Reff (Verkleinern der Segelfläche) in die Mars- und Bramsegel!«

Erneut enterten sie zu den höheren Segeln auf. Das Reffen gestaltete sich schwieriger, als Quentin geglaubt hatte. Immer wieder schlug der Wind ihm die störrische Leinwand aus der Hand, obwohl eine Decksmannschaft kräftig an den Geitauen (Leine zum Einholen der Segel) holte und so die Segelfläche verkleinerte. Es dauerte einige Zeit, bis sie die Reffbändsel festgelascht hatten. Dann endlich durfte er wieder aufs Deck. Er schaute auf seine Hände. Sie waren eingerissen, und seine schönen langen Fingernägel, auf die er so stolz gewesen war, waren alle abgebrochen. Müde setzte er sich auf die unterste Stufe der Kampanjeleiter (vom Haupt- zum Achterdeck).

»Mr. Quentin, wenn Sie nichts zu tun haben, dann kommen Sie zu mir. Wir sind doch hier nicht in einem Mädchenpensionat.«

Das war die Stimme von Mr. Lazenby, dem ersten Offizier. Quentin stieg zum Achterdeck hinauf. Lazenby stand neben den beiden Rudergängern, die den Blick starr geradeaus gerichtet hatten.

»Sir?«

»Ich will Sie als angehenden Offizier nicht noch einmal an Deck sitzen sehen. In fünf Minuten beginnt der Navigationsunterricht. Melden Sie sich bei dem Master!«

»Aye, aye, Sir.«

Quentin hatte gemerkt, dass dieses ›Aye, Aye, Sir‹ wohl in der Navy immer die richtige Antwort war.

»An Deck, Segel voraus!«

Die Stimme kam aus dem Ausguck im Großmast. Lazenby nahm ein Fernrohr und suchte die Kimm ab.

»An Deck, Linienschiff, wahrscheinlich ein britisches.«

Nach kurzer Zeit war das Segel auch von Deck aus zu erkennen. Midshipman Tascoe kam mit einem dicken Buch gerannt. Jetzt entfalteten sich in den Toppen (Mastspitzen) des anderen Schiffes eine ganze Reihe von Signalflaggen. Tascoe hatte ebenfalls ein Fernrohr genommen und blickte abwechselnd auf das fremde Schiff und in sein Buch.

»Schiff ist die ›Cesar‹, Sir. 74 Geschütze, Kapitän Brenton. Sie führt eine blaue Konteradmiralsflagge, Sir«.

»Setzen Sie unser Erkennungssignal, Mr. Tascoe, und Sie, Mr. Peace, bereiten den Salut vor!«

Sofort nahmen einige Matrosen die Persenning (Plane) von den Zwölfpfündern auf dem Achterdeck. Mr. Summer, der Stückmeister, kam mit etlichen Pulverkartuschen aufs Achterdeck, und die Geschützbedienungen begannen, die sechs Rohre zu laden. Als die Segelpyramide des Linienschiffs auf gleicher Höhe war, begannen die Kanonen im Fünfsekundentakt zu bellen. Quentin hielt sich die Ohren bei den dreizehn lauten Knallen zu. Ein neues Signal des Flaggschiffs las Tascoe aus dem Signalhandbuch ab.

»Kommandant an Bord kommen!«

Die Fregatte drehte in den Wind, und die Gig (kleines Beiboot) des Kommandanten wurde ausgeschwungen. Zwei Bootsmannsmaate zwitscherten mit ihren Pfeifen, als der Kommandant das Deck verließ und das Fallreep (Leiter aus Tauwerk) hinabstieg. Etwa eine Stunde blieb er fort. Während dieser Zeit waren alle Segel aufgegeit (hochgezogen) bis auf das Kreuzgroßsegel und das Fockmarssegel. Dieses Segel am vorderen Mast war backgesetzt (gegen den Wind). So hielten sich der Vortrieb des achterlichen Segels und die Bremswirkung des vorderen Segels etwa die Waage, und das Schiff trieb nur leicht querab weg. Schließlich näherte sich die Gig des Kommandanten wieder, und die Begrüßungszeremonie mit den Bootsmannspfeifen wiederholte sich. Kaum war er wieder an Deck, sagte er nur knapp zu Lazenby:

»Wir gehen wieder auf unseren alten Kurs.«

Darauf verschwand er in seiner Kajüte. Die Segel wurden wieder richtig gesetzt, und sofort nahm das Schiff Fahrt auf. Dann wurde noch die Flagge gedippt und die»Neptune« rauschte weiter in Richtung Ushant. Beim Navigationsunterricht an Bord war von dieser Insel Ushant die Rede gewesen, bei der die letzte Landpeilung genommen wurde, ehe die Schiffe in den Atlantik oder nach Süden in Richtung Biskaya liefen. Von dieser Insel hatte Quentin noch nie etwas gehört, und erst, als ihm einmal ein Blick auf die Karte gewährt wurde, verstand er, was gemeint war. Ushant war einfach die englische Aussprache der Ile d’Ouessant.

Die nächsten Wochen waren angefüllt mit häufigem Exerzieren. Ständig wurden Segel gesetzt, gerefft, wieder ausgeschüttet. Nach einer Woche lagen sie in einer Flaute fest. Mit Eimerketten wurden die Segel nass gehalten, um auch die geringste Luftbewegung noch auszunutzen. Zwischendurch befahl der erste Offizier immer wieder Geschützexerzieren. Quentins Platz im Gefecht war auf dem Oberdeck bei den Zwölfpfündern. Er hatte sich mittlerweile gut eingelebt und sein voriges Leben schon fast vergessen. Nur an das Essen konnte er sich nicht gewöhnen. Gepökeltes Salzfleisch mit Hartbrot, das man schon nach einer so kurzen Reise vor dem Essen auf die Tischkante klopfen musste, um die Maden zum Verlassen des Brots zu bewegen. Nach vier Tagen waren die Vorräte an frischem Gemüse aufgebraucht, und so gab es immer nur das ekelhafte Fleisch, Bohnen und eine Gallone (ca. vier Liter) Dünnbier. Der Tagesrhythmus war bestimmt von vier Stunden Wachegehen und vier Stunden Freiwache. Quentin kam gar nicht mehr dazu, sich an sein früheres Leben als Mädchen zurückzuerinnern. Nach getaner Arbeit fiel er todmüde in seine Koje, um kurz darauf wieder geweckt zu werden. Dazwischen versuchte Mr. Henderson, der Master, den Fähnrichen die Grundlagen der Navigation beizubringen. Das war ein Fach, das Quentin lag, und seine Aufgaben waren meist auf Anhieb richtig. Einmal hatten sie das Mittagsbesteck (Messung des Sonnenhöchststandes) genommen und errechneten daraus und dem genauen Ablesen des Bordchronometers ihre Position. Mr. Henderson schaute über die Ergebnisse, welche die Midshipmen auf ihre Schiefertafeln geschrieben hatten, und wandte sich an Peter Slade, den jüngsten der Fähnriche:

»Herzlichen Glückwunsch, Mr. Slade. Sie haben eben offensichtlich die Quelle des Amazonas entdeckt. Erstaunlich nur, dass so nahe bei der Quelle kein Ufer zu sehen ist.«

Der kleine Midshipman schaute verlegen mit rotem Kopf auf seine Tafel und verglich dann sein Ergebnis mit dem der anderen. Nun stellte der Master einige Aufgaben, bei denen ein gegnerisches Schiff ausgesegelt und im Idealfall bekalmt (in den Windschatten bringen) werden sollte. Quentin hatte Probleme, sich die Auswirkung bestimmter Segelmanöver vorzustellen. Immer wieder verlor er die jeweiligen Positionen der Schiffe aus dem Kopf und geriet bei den theoretischen Gefechten immer wieder in die schlechte Leeposition. Henderson schüttelte den Kopf.

»Schauen Sie, meine Herren. Stellen Sie sich vor, dass sich auf dieser Backskiste ein Wasserbecken mit zwei kleinen Modellschiffchen befindet. Von hier kommt der Wind. Sie sind hier, und hier ist der Gegner.«

Zur besseren Veranschaulichung legte er sein Messer und seine Pfeife auf die Kiste.

»Nun lassen Sie einfach in Ihrer Fantasie diese Schiffchen fahren.«

Henderson schob seine Pfeife und das Messer auf dem Kistendeckel herum und zeigte ihnen so die Positionen der Schiffe und die Auswirkung bestimmter taktischer Segelmanöver. Die nächste theoretische Segelaufgabe klappte jetzt deutlich besser, weil Quentin mit dieser Hilfe den Seeraum besser im Kopf behalten konnte.

In den nächsten Tagen wehte der Wind stetig aus Süden. Das bedeutete, dass sie nach Süden aufkreuzen mussten. Etwa alle vier Stunden wurde – alle Mann – gepfiffen, und das Schiff ging über Stag auf einen neuen Kurs. In der südlichen Biskaya drehte der Wind endlich auf Nord und wehte so gleichmäßig, dass sie sogar die Leesegel (seitliche zusätzliche S.) setzen konnten. Ein gewaltiger Berg Segel wölbte sich jetzt an den Rahen, und ständig hörte man das Heulen des Windes im Rigg. Wie Harfensaiten brummten manchmal die strammgespannten Taue.

Schließlich kamen sie zu dem Blockadegeschwader vor Cadiz, das unter dem Kommando von Sir Hyde Parker stand. Sie verbrachten die nächsten Wochen damit, endlos vor der flachen spanischen Küste zu kreuzen. Die eintönige Bordroutine wurde nur durch regelmäßigen Geschütz- oder Segeldrill unterbrochen. Einmal lagen sie in einer Flaute fest. Da wurden mehrere leere Wasserfässer zu einem Floss zusammengelascht, und sie versuchten, auf unterschiedliche Entfernung diese Fässer mit den Kanonen zu treffen. Dabei lernte Quentin, dass die Reichweite der 18-Pfünder mit doppelter Pulverladung und größter Rohrerhöhung zwar bei fast 1,5 Meilen lag, auf diese Entfernung Treffer aber reine Glückssache waren. Die Wassersäulen, die beim Einschlag der Kugeln entstanden, lagen bis zu zweihundert Yards vom Ziel entfernt. Erst als sie bis auf etwa 4 Kabellängen herangekommen waren, trafen die Kugeln öfter. In der folgenden Woche wurden die Vorräte knapp, und sie liefen nach Gibraltar, um den Proviant zu ergänzen. Scheinbar waren sie schon erwartet worden, denn mehrere Leichter mit Wasser und Salzfleischfässern erwarteten sie, als sie an Quentins siebzehntem Geburtstag auf der Reede vor Gibraltar ankerten. Mit Rahtakeln wurden die leeren Fässer von Bord in die Boote geladen und die vollen Fässer wieder an Bord genommen. Danach folgte die weitere Schufterei, diese schweren Fässer zur geöffneten Ladeluke zu rollen und sie mit einer weiteren Talje dort in dem Laderaum der Fregatte hinunter abzufieren. In dem dunklen, muffigen Laderaum schließlich war dann pure Kraft nötig, die Fässer dort zu verstauen. Endlich war alles verstaut, und die Fregatte war wieder auslaufbereit. Quentin war auf dem Achterdeck, als er plötzlich deutliche Unruhe auf dem Schiff spürte. Kurz darauf kam der erste Offizier zu Chadwick.

»Ein Mann ist desertiert, Sir. Mc Cormack, Großtoppsgast. Er muss unbemerkt über Bord gesprungen und an Land geschwommen sein.«

»Dieser Dummkopf«, knurrte der Kommandant nur ärgerlich.

»Stellen Sie Suchtrupps zusammen, Mr. Lazenby. Ich bin sicher, in einer Stunde haben wir ihn.«

Quentin wurde ein Trupp Seesoldaten zugeteilt, und mit der Gig ruderten sie und die anderen Suchtrupps an Land. Quentin sollte die Südseite des Hafens mit der Werft und der Seilerei durchsuchen. Sie durchkämmten jeden Busch und jeden Winkel, fanden jedoch nichts Nach einer halben Stunde wurde auf der Fregatte ein Kanonenschuss abgefeuert, und Wimpel stiegen an der Marsnock hoch. Das war das vereinbarte Signal zur Rückkehr. Als sie wieder an Bord waren, stand der Gesuchte bereits mit gefesselten Händen auf dem Deck. Einer der anderen Trupps hatte ihn gefunden.

»Auspeitschen um die Flotte, 24 Hiebe pro Schiff!«

Chadwick machte eine ernste Miene, als er das verkündete. Im Hafen lagen neben der »Neptune« noch eine Korvette und ein Linienschiff. Das bedeutete 72 Peitschenhiebe.

»Das wird der Mann nicht überleben«, raunte Tascoe ihm zu.

»Mr. Quentin, sie überbringen den anderen Kommandanten das Urteil. Vollzug ist in einer Stunde! Mr. Quentin, Sie machen dann anschließend mit dem Deserteur die kleine Hafenrundfahrt!«

»Aye, aye Sir!«

Ihm wurde schlecht bei dem Gedanken, dass er den Gefangenen zu den einzelnen Schiffen bringen sollte. Doch was sollte er machen? Er stieg in die Gig und ließ sich zu dem Linienschiff hinüberbringen. Dort informierte er den Kommandanten. Der nahm das ungerührt zur Kenntnis. Offenbar war es für ihn nichts Ungewöhnliches.

»Na, dann kann ich meinen Leuten bei der Gelegenheit gleich mal ein Exempel statuieren. Dann kommen sie wenigstens nicht auf dumme Gedanken.«

Quentin konnte die Gleichgültigkeit des Mannes nicht verstehen. Immerhin sollte hier ein Mann zu Tode gepeitscht werden.

Der Kommandant der Korvette zeigte mehr Gefühl.

»Ich hasse Auspeitschungen, aber sie müssen wohl sein. Ich werde alles vorbereiten lassen, Mr. Quentin.«

Quentin kehrte auf die Fregatte zurück. Dort wurde gerade eine Gräting (Planke) an der Reling festgelascht. Kurz darauf hallte Trommelwirbel durch das Schiff. Divisionsweise traten die Männer an. Dem Deserteur wurde das Hemd ausgezogen, und zwei Seesoldaten banden ihn an die Gräting. Der Bootsmann steckte ihm einen Knebel zwischen die Zähne, und dann trat sein Gehilfe mit der neunschwänzigen Katze an. Schon nach wenigen Schlägen platzte das Rückenfleisch auf. Quentin fixierte seinen Blick auf einen Punkt an den Wanten, um das nicht mit ansehen zu müssen. Ewig erschien es ihm, bis die 24 Hiebe absolviert waren. Als der Mann losgebunden wurde, sackte er in sich zusammen. Ungerührt schütteten zwei Matrosen Pützen mit Seewasser über ihn. Zusammen mit dem Bordarzt und einigen Seesoldaten brachte Quentin ihn dann hinüber zum Linienschiff. Auch dort trat die gesamte Mannschaft an, und die elende Prozedur wiederholte sich. Danach war der Mann nicht mehr in der Lage, selbst zu gehen, dennoch wurde er zum nächsten Schiff transportiert. Nach vierzehn Schlägen dort bewegte er sich nicht mehr. Der Arzt ließ die Auspeitschung unterbrechen und untersuchte ihn.

»Er ist tot.«

Diese Worte kamen ohne jede Gefühlsregung. Quentin musste schlucken. Wie konnte der Mann nur seinen Beruf ausüben und Menschen heilen, wenn er offenbar so gefühllos war. Quentin nahm den Leichnam wieder mit an Bord der Fregatte, wo er eine halbe Stunde später nach einem kurzen Gebet der See übergeben wurde. Die ganze Zeit über kämpfte Quentin mit einem Würgereiz, und als die Bestattung beendet war, hängte er sich über die Reling und erbrach sich.

Am übernächsten Tag waren sie wieder auf ihrem Posten vor Cadiz zurück, und der eintönige Blockadedienst begann erneut. Während die Linienschiffe weiter draußen kreuzten, liefen die Fregatten und Korvetten dichter unter Land und warfen gelegentlich einen Blick in den Hafen. Dabei blieben sie jedoch knapp außerhalb der Reichweite der Küstenbatterien.

Eines Nachts hatte er Nachtwache mit Tascoe zusammen. Die Nacht war sternenklar, Wind und See ruhig. Der Midshipman erzählte von seiner Familie in Bexhill-on-Sea, nahe bei Hastings an der Südküste. Sein Vater war ein kleiner Kaufmann. Vor einem Jahr hatte er eine Menge Schulden gemacht, um Tuche aus Manchester einzukaufen. Diese Stoffe hatte er bezahlt, aber sie waren jedoch völlig unbrauchbar gewesen. Da er nun andere Ware nicht mehr bezahlen und auch den Kredit nicht zurückzahlen konnte, war er deshalb ins Gefängnis gekommen. Einer der Kunden war ein Kapitän im Ruhestand gewesen, er hatte sich des Jungen angenommen und ihm die Stelle auf der »Neptune« besorgt. Seine karge Heuer ließ er der Mutter zukommen, die um jeden Cent dankbar war und ihm regelmäßig lange Briefe schrieb. Seine Armut ergab einige Probleme an Bord, da er vom Koch kein Fett kaufen konnte, um die kargen Mahlzeiten aufzubessern oder um damit die Schuhe zu fetten. Quentin hatte Mitleid mit ihm, ging zum Koch, kaufte etwas von dem beim Kochen abgeschöpften Fett und gab es William. Der war so dankbar, dass er Quentin um den Hals fiel, als der mit dem Fett an Deck kam. Wieder tauchten bei Quentin die verbotenen Gedanken auf. Er genoss die Umarmung des Jungen und stellte sich kurz vor, wie es wäre, wenn er dabei noch Mädchen wäre. William dachte jedoch wohl nur an das Fett und betrachtete die Umarmung wohl als männlichen Dank für diese Überraschung. Jedenfalls schwitzte Quentin trotz der nächtlichen Temperaturen und hoffte, dass William von seinen Gefühlen nichts mitbekommen hatte.

Ende September wurden die Kommandanten zum Flaggschiff gerufen. Den ganzen Abend und die halbe Nacht blieb die gesamte Flotte, acht Linienschiffe, fünf Fregatten sowie eine Korvette und zwei Briggs beigedreht. Erst nachdem Sir Chadwick spät in der Nacht offensichtlich missmutig vom Admiral zurückkam, liefen sie wieder auf ihre Station dicht unter der Küste. Am nächsten Morgen stellte Quentin fest, dass die vier anderen Fregatten fehlten. Zusammen mit der Korvette und den beiden Briggs machte nur noch die »Neptune« die Nahaufklärung. Sir Chadwick ließ sich in den nächsten Tagen kaum an Deck blicken. Was mochte nur auf dem Flaggschiff vorgefallen sein? Wo waren die anderen Fregatten? Jeder versuchte eine Erklärung, und die wildesten Spekulationen liefen durch das Schiff. Nach weiteren vier Wochen tauchten sieben Schiffe beim Hauptgeschwader auf. Der Ausguck der »Neptune« glaubte die vier Fregatten und drei eroberte spanische Schiffe zu erkennen. Kurz darauf kam das Signal für den Kommandanten der »Neptune«, zum Flaggschiff zu kommen. Es folgten Signale für die Briggs, Cadiz erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. Beim Näherkommen erkannte Quentin, dass es sich bei den Neuankömmlingen tatsächlich um die vier britischen Fregatten handelte. Sowohl die britischen Schiffe wie auch die drei spanischen Fregatten zeigten erhebliche Kampfspuren. Quentin überlegte, was sie wohl geladen hatten. Sicher würde der Prisenagent in Gibraltar die Schiffe kaufen, und so würde für jeden an Bord der vier Schiffe ein schönes Prisengeld gezahlt werden. Diesmal blieb Sir Chadwick nur kurze Zeit an Bord des Flaggschiffs und kam noch missmutiger an Bord zurück, als beim letzten Mal. Sofort nach dem Einholen der Gig nahm die »Neptune« wieder Fahrt auf. Doch zur Überraschung aller knurrte Chadwick nur:

»Mr. Lazenby, wir übernehmen den Geleitschutz an der Spitze für die spanischen Schiffe nach Portsmouth.«

Das war äußerst ungewöhnlich. Kriegsschiffe und speziell Fregatten brauchten keinen Geleitschutz. Mit diesen spanischen Schiffen musste es etwas ganz Besonderes auf sich haben. Nun lösten sich die spanischen Schiffe und die beschädigten Fregatten aus dem Flottenverband, und mit der »Neptune« an der Spitze nahmen sie Kurs Nord nach England. Nachdem die Segelmanöver beendet waren, erfuhr die Besatzung durch die Mannschaft der Gig des Kommandanten, was sich ereignet hatte. Doch bevor es sich ganz an Bord herumgesprochen hatte, ließ Sir Chadwick die gesamte Mannschaft an Deck antreten und erklärte, welche Sensation passiert war:

»Meine Herren, sie sehen die spanischen Schiffe und die Fregatten, die sie erobert haben. Sicher haben Sie sich schon gewundert, weshalb diese Schiffe nicht nach Gibraltar verbracht werden, sondern nach England gehen. Das liegt an dem Wert der Ladung, denn es handelt sich um die spanischen Silberschiffe, die alle zwei Jahre aus Südamerika kommen. Es soll sich um Gold und Silber von insgesamt etwa fünfhunderttausend Pfund handeln. Leider sind wir an diesem Prisengeld nicht beteiligt, müssen aber alles daransetzen, diese Beute Englands sicher nach Hause zu bringen. Sicherlich werden die Spanier und die Franzosen alles daransetzen, uns diesen Schatz wieder abzujagen. Sie brauchen für ihre Kriegsführung dringend das Geld, das wir ihnen vor ihrer Nase weggeschnappt haben. Ich erwarte daher von Ihnen Aufmerksamkeit wie nie zuvor.«

Das war es also. Sie begleiteten den größten Schatz, den England je erobert hatte. Quentin überflog im Kopf, dass jeder Matrose der Fregatten wohl mehr als einhundert Pfund Prisengeld bekommen würde, genug, um sich eine sichere Existenz aufzubauen, wenn er den Krieg überleben würde. Jetzt fiel Quentin wieder das missmutige Gesicht von Sir Chadwick ein. Er hatte schon vorher erfahren, dass er bei der Aktion nicht dabei sein durfte. Kapitäne erhielten ein Drittel des Prisengeldes. Ihm waren also etliche Tausend Pfund entgangen, da konnte er verstehen, dass sein Kommandant brüskiert war.

»Wenn wir dabei gewesen wären, wäre ich alle finanziellen Sorgen für ewig los« sagte Tascoe zu ihm, als sie auf dem Achterdeck zusammenstanden.

»Stell dir vor, das wären für jeden für uns bestimmt fünfhundert Pfund gewesen. Damit hätte ich meinen Vater freikaufen und ihm wieder ein Geschäft im eigenen Haus mitten in der Stadt kaufen können. Und für mich wäre auch noch so viel übrig geblieben, dass ich mir alle Wünsche hätte erfüllen können.« Quentin schaute seinen Freund an und hatte Mitleid mit ihm.

»Wie viel Schulden hat denn dein Vater?«

»Ich weiß nicht genau, aber sicher mehr als fünfzig Pfund.« Quentin überlegte. Sein Vater hatte ihm zehn Pfund Taschengeld mitgegeben. Das würde nicht reichen. Er wollte seinen nächsten Brief an seine Mutter schreiben und sie um die Summe als Darlehen bitten. Er brachte es nicht übers Herz, den Freund so leiden zu sehen.

Sie liefen nicht auf direktem Kurs nach England, sondern liefen weit nach Nordwesten in den Atlantik hinaus. Sicherlich erwartete Sir Chadwick, dass vor La Coruña spanische Schiffe auf der Lauer lagen. So umgingen sie den erwarteten Kampf, in dem sie etwa zweihundert Meilen in den Atlantik hinausliefen. Der Wind stand während der gesamten Zeit günstig, und so liefen sie nach etwa zwei Wochen in Portsmouth ein. England empfing sie mit kaltem Oktoberwetter, und Quentin sah, dass die Bäume bereits ihr Grün in Braun und Gelb verfärbt hatten. Ob sie wohl Zeit hatten, dass er seine Mutter besuchen konnte? Sofort nach der Ankunft wurde der Schatz unter großen Sicherheitsvorkehrungen an Land gebracht. Doch Quentin durfte keinen Urlaub nehmen, so schrieb er seiner Mutter und berichtete von Tascoe und dessen misslicher Lage und bat sie um ein Darlehen von etwa 60 Pfund. Die »Neptune« erhielt neuen Proviant und neues Wasser, und wenige Tage später liefen sie wieder aus.

2. Kaperfahrt

Nach knapp vier Wochen warfen sie Anker auf der Reede von Gibraltar. Obwohl es jetzt Ende November war, herrschte hier noch eine große Hitze. Sofort wurden Sonnensegel aufgespannt, um die Hitze an Deck etwas angenehmer zu machen. Der Kommandant verließ das Schiff, um den Gouverneur aufzusuchen. Eine Abteilung Seesoldaten war angetreten, und unter dem Zwitschern der Bootsmannspfeifen stieg er in seine Gig. Erst spät am Abend kam er zurück und betrat unter dem gleichen Zeremoniell wieder das Achterdeck. Am Nachmittag waren Wasserleichter längsseits gekommen, und sie hatten ihren Vorrat an Proviant wieder aufgefüllt. Außer dem Kommandanten hatte niemand die kleine Stadt unterhalb des Felsens betreten dürfen.

»Mr. Lazenby, ich möchte zu Beginn der Nachtwache wieder auslaufen. Die Dons (Spanier) drüben in Algeciras müssen nicht mitkriegen, wohin wir schon wieder auslaufen.«

Quentin fragte sich, was der Kommandant wohl an Land gemacht hatte und wohin die Reise gehen sollte. Doch außer ihm selbst kannte niemand an Bord seine Befehle. Bei ein Glasen kam der Befehl zum Ankerlichten. Quentin kannte sich in der Takelage mittlerweile so gut aus, dass es ihm auch nichts ausmachte, dass er nun bei völliger Dunkelheit aufentern musste. Seine Höhenangst hatte sich zwar noch nicht völlig gelegt, aber er hatte sich an das Kribbeln im Magen gewöhnt. Und selbst, wenn er Angst hatte, so verlangte es die Marinetradition und sein Status als angehender Offizier, dass er sie nicht zeigen durfte. Auch kannte er die Männer seiner Gruppe jetzt sehr gut. Er hatte Glück, dass alle erfahrene Fahrensleute und keine Querulanten dabei waren. So hatte er in den letzten Monaten viel von ihnen gelernt, und er hatte den Eindruck, dass er von den Matrosen als Vorgesetzter anerkannt wurde. In der ablandigen Brise drehte der Bug langsam nach Nordosten. Da der Kurs beibehalten wurde, sollte es wohl in den Golf du Lion, wahrscheinlich vor Toulon gehen. Am dritten Tag kam direkt beim ersten Hellwerden der Ruf aus dem Ausguck:

»An Deck! Segel in Lee voraus.«

Sofort wurde – Alle Mann – gepfiffen und alle Segel, selbst die Royals und Leesegel gesetzt.

»An Deck! Schiff ist ein spanischer Kauffahrer.«

Soeben war Quentin niedergeentert und stand auf dem Achterdeck.

»An Deck! Der Don halst und geht auf Westkurs.«

»Vermutlich will er Alicante erreichen, aber das wird ihm nicht gelingen«, meinte Sir Chadwick, der Kommandant, der jetzt auch auf dem Achterdeck erschienen war.

»Ändern Sie Kurs. Zwei Strich Backbord.«

Das Ruder wurde gelegt, und sofort sprang eine Gruppe Matrosen und Seesoldaten an die Brassen, um die Segel für die neue Richtung auszutrimmen.

»Kurs Nord Nord Ost liegt an, Sir«, meldete der Rudergänger.

Alle Ferngläser waren nun zu dem winzigen Segel gerichtet, das über der Kimm erschienen war. Die »Neptune« flog geradezu auf das spanische Schiff zu. Gischt stob von ihrem Bug auf, und sie krängte leicht nach Steuerbord. Nun konnte man auch den Rumpf des spanischen Schiffes sehen. Quentin hätte es für ein Linienschiff gehalten. Die Bordwände waren bemalt wie bei den englischen Zweideckern. Doch die erfahrene Besatzung hatte den Unterschied bemerkt.

»Klarschiff zum Gefecht!«

Die Trommeln der Seesoldaten und die Bootsmannspfeifen begannen ihr eigenartiges Konzert. Über dem Oberdeck wurden große Netze aufgespannt, um die Kanoniere vor herabfallenden Teilen der Takelage zu schützen. Die Rahen wurden zusätzlich mit Ketten an den Mastspieren gesichert. Das Deck wurde mit Sand bestreut und mit Wassereimern feucht gemacht. So wurde verhindert, dass die Geschützbedienungen mit ihren nackten Füßen auf dem glatten Deck ausrutschten. Quentin sauste hinunter zum Oberdeck. Auch hier wurden, wie auf dem Batteriedeck, die Persennige von den Kanonen abgenommen, die Zurrings gelöst, und die Bedienungsmannschaften stemmten sich in die Taljen (Flaschenzüge), um die Kanonen erst einmal ganz einzurennen. Dann kamen die Schiffsjungen aus der Pulverkammer gerannt, brachten die Kartuschbeutel mit dem Pulver, die von den Geschützführern in die Rohre geschoben wurden. Es folgte ein Filzpfropfen, und beides wurde mit einer Spiere festgestopft. Dann nahm jeder Stückführer aus einem Gestell eine frisch angestrichene schwarze Kugel heraus und wog sie in den Händen, um eine möglichst runde Kugel zu finden. Die wurde ebenfalls in das Rohr geschoben und mit einem weiteren Filzpfropfen festgerammt. Jede Mannschaft, die feuerbereit war, hob die Hände.

»Mr. Quentin, melden Sie dem Kommandanten unsere Gefechtsbereitschaft«, sagte der Leutnant.

Quentin rannte zum Achterdeck und kam dort fast gleichzeitig mit dem kleinen Slade an.

»Batteriedeck feuerbereit, Oberdeck feuerbereit«, meldeten beide.

Sir Chadwick zog seine Uhr.

»Meine Empfehlung an die Herren Leutnants, zwölf Minuten sind zu lange. Das nächste Mal erwarte ich ihre Meldung nach zehn Minuten.«

»Mr. Peace lässt anfragen, ob die Kanonen ausgerannt werden sollen, Sir?«, fragte Slade.

»Nein, noch nicht!«, gab der Kommandant zurück.

Quentin schaute nach vorne. Der Abstand zu dem Kauffahrer betrug jetzt etwa noch eine halbe Meile. Es war deutlich zu sehen, dass mehrere Kanonen ihre Mündungen durch die Bordwand streckten. Eben, als Quentin hinsah, erschienen an der Bordwand des Spaniers zwei gelbrote, lange Feuerzungen. Das dumpfe Grollen des Abschusses hörte Quentin zusammen mit einem Poltern, als ein Block mit einem Stück Tau aus der Takelage fiel. Im Fockroyalsegel klaffte ein kleines Loch und nach einem kurzen Befehl des Bootsmanns enterten sofort einige Matrosen auf, um das Tau zu spleißen.

»Erstaunlich guter Schuss für einen Don, und dazu noch für ein Handelsschiff«, meinte der Kommandant seelenruhig. »Übrigens, Mr. Quentin, ist ihre Station nicht auf dem Oberdeck?«

»Jawohl, Sir!«

Quentin lief wieder die Kampanjeleiter hinab auf das Oberdeck. Vor lauter Aufregung war er auf dem Achterdeck stehen geblieben und hatte den weiteren Verlauf beobachtet. Das war natürlich ein unverzeihlicher Fehler, und er nahm sich vor, dass er sich in Zukunft nicht wieder so ablenken lassen würde.

»Einen Schuss vor den Bug des Spaniers«, befahl der Kapitän.

Kurz darauf bellte ein Neunpfünder-Buggeschütz auf. Quentin steckte den Kopf durch eine Stückpforte und sah den Spanier etwa noch eine Kabellänge voraus liegen. Er segelte mit halbem Wind, sodass er genau quer zum Kurs der »Neptune« lag. Wieder hörte er Geschütze des Spaniers, und erneut kamen Teile des Riggs von oben.

»Steuerbordbatterie ausrennen!«

Auf ein Kommando flogen die Stückpforten auf, und die Männer warfen sich in die Taljen. Mit quietschenden Lafetten rollten die Kanonen und steckten ihre Mündungen durch die Bordwand.

»Ruder hart backbord!« »Luvbrassen holen, Leebrassen fieren!«

Schiff und Rahen schwangen herum, und jetzt sah Quentin den Spanier auf Parallelkurs laufen.

»In die Takelage zielen«, kam die Anweisung vom Achterdeck. Die Stückführer zogen die Bodenkeile ganz heraus und gaben so dem Rohr eine maximale Erhöhung.

»Oberdeck! Feuer!«

Die Geschützführer rissen an den Abzugsleinen, und brüllend rollten die Kanonen binnenbords, bis sie durch die Strecktaue gehalten wurden.

»Er streicht die Flagge, Sir«, kam der Ruf aus dem Ausguck. Der dunkle Qualm der halben Breitseite wehte zu dem Spanier hin. Erst als er sich verzogen hatte, erkannte Quentin, dass dem Spanier die Fockbramstenge abgeknickt war und in einem Gewirr von Tauen von dem Mast herunterhing.

»Beidrehen und Kutter klar zum Fieren! Mr. Peace, Sie gehen mit Mr. Quentin, Mr. Tascoe und zehn Mann hinüber und segeln das Schiff nach Gibraltar.«

Das Schiff lag noch nicht ganz beigedreht, als die Kutterbesatzung das Boot schon ausschwang. Der dritte Leutnant musterte seine Prisenbesatzung, händigte ihnen Entermesser und Pistolen aus. Quentin hastete ins Fähnrichslogis, das völlig im Dunklen lag. Er tastete nach seiner Seekiste, fand obenauf einen kleinen Seesack und stopfte im Dunklen einige Kleidungsstücke hinein. Dann rannte er wieder an Deck und kam gerade noch rechtzeitig, um mitsamt seinem Bündel in den Kutter zu springen.

»Riemen an!« Der Kutter löste sich von der Bordwand und tanzte in der kabbeligen See. Kurz darauf betrat Quentin nach dem Leutnant das Deck des Spaniers. Im Angesicht der drohenden Breitseite hockte die Besatzung apathisch auf dem Oberdeck und wartete ab, was nun passieren würde. Zuerst einmal warfen die Spanier auf Befehl des Leutnants ihre Waffen weg und wurden dann nach vorne in die große Bugkammer gebracht. Die Matrosen verschalkten (verriegelten) den Eingang, und Tascoe und Quentin erhielten mit je zwei Matrosen den Auftrag, das Schiff zu durchsuchen, während der Leutnant die Kajüte des Kapitäns inspizierte. Sie durchkämmten das Schiff und fanden nichts Besonderes. In dem ersten Laderaum waren Säcke mit Hirse bis ans Luk geladen, in dem zweiten fand Quentin große Fässer mit Gewürzen. Die weitere Besichtigung zeigte, dass das Schiff knapp an Trinkwasser war. Nur noch zwei volle Fässer fand er. Quentin ging an Deck, um seine Meldung an den Leutnant zu machen. Als er den Niedergang heraufkam, sah er die britische Nationale über der spanischen Flagge wehen. Die »Neptune« war bereits an den Wind gegangen und strebte wieder ihrem nördlichen Ziel zu. Quentin meldete sich bei dem Leutnant und berichtete über den Zustand des Schiffes.

»Hier sind einige Papiere, die ich nicht lesen kann. Latein war nie meine Stärke gewesen, und hiervon verstehe ich gar nichts«, meinte der nur.

Quentin trat an den Schreibtisch des spanischen Kapitäns.

»Schauen Sie zu, ob Sie was rauskriegen. Ich kümmere mich erst mal darum, dass wir die alte Dame nach Gibraltar bekommen.«

Damit verließ der Leutnant die Kajüte und ging an Deck. Quentin blätterte durch Listen, offensichtlich Proviant. Dann kam die Mannschaftsliste. Er fand zwei Namen, die offensichtlich englisch klangen. Es folgten weitere Listen, welche die Ausrüstung des Schiffs betrafen. Auch fand er das aktuelle Signalhandbuch. Ihm wurde bewusst, welches Glück er in seiner Jugend gehabt hatte. Ein Teil der französischen Dienerschaft hatte sie nach England begleitet, und Quentin hatte, ohne darüber nachzudenken, auch weiter französisch mit ihnen gesprochen. Seine Mutter war eine gebürtige spanische Gräfin. Mit ihr und der spanischen Kammerzofe seiner Mutter hatte er ausschließlich spanisch gesprochen. Das neu eingestellte Personal in England und seine Hauslehrer waren Engländer, und so waren diese drei Sprachen in Blamford House allgegenwärtig, ohne dass dies Quentin in irgendeiner Weise als ungewöhnlich aufgefallen wäre. Bei den Papieren in der Kajüte des Kapitäns fielen ihm diese glücklichen Umstände erst auf, ermöglichten sie ihm doch, jetzt alles lesen zu können. Bei einem angefangenen Brief des Kapitäns, den Quentin für einen privaten Brief an die Frau des Kapitäns hielt, fand er einen zusammengefalteten Befehl. Er hatte keinerlei Schwierigkeiten, zu lesen. Nach förmlicher Anrede an den Großkapitän Sebastiano Baranchez folgte die Segelanweisung von Messina nach Valencia. Es war unbedingte Eile befohlen. Der Satz, bei dem Quentin stutzte, war die Aufforderung, dass die drei Schiffe im engen Verband fahren sollten, da als Begleitung nur eine Korvette abgestellt werden könnte. Quentin stürzte an Deck. Die Matrosen hatten auf den Rahen ausgelegt und begannen, die backstehenden Segel zu reffen. Er stieg zu dem Leutnant aufs Achterdeck und berichtete ihm über den Fund. Sofort begannen sie der »Neptune« zu signalisieren, was Quentin herausgefunden hatte. Darauf halste die Fregatte und rauschte mit hoher Fahrt wieder heran. Der Leutnant nahm einige Leute mit und ging zum vorderen Niedergang. Sie holten aus der spanischen Mannschaft die beiden Leute heraus, deren englische Namen Quentin auf der Mannschaftsliste gefunden hatte. Verdrossen kamen beide an Deck.

»Wer seid ihr?«

»John Taylor, geboren in Dorchester, … Sir. Ich war Toppsgast auf der alten ›Indefatigable‹ unter Sir Edward Pellew. Wir kreuzten vor zwei Jahren nachts vor Tarragona, als ich über Bord ging. Spanische Fischer holten mich am nächsten Tag raus. Ich hatte die Wahl zwischen Gefängnis oder diesem Schiff.«

Es war verständlich, dass der Mann wenig begeistert war. Das Leben auf einem spanischen Handelsschiff war zehnmal besser als auf einem britischen Kriegsschiff. Wenn der Mann keine Familie in England hatte, so zog ihn sicher nichts auf die überfüllten Decks einer Fregatte.

»Und du?«

»Joseph Stratton, aus Georgia. Ich protestiere in aller Form gegen meine Gefangennahme. Die Vereinigten Staaten von Amerika befinden sich nicht mit Ihnen im Krieg. Ich …«

»Sehr schön, meine Herren. Ab sofort sind Sie Seeleute Ihrer britischen Majestät. Sprechen Sie mir nach. Ich schwöre …«

Dann folgte die kurze Vereidigungsformel. Der britische Matrose wiederholte sie sofort, der angebliche Amerikaner zögerte. Erst als der Leutnant seine Pistole zog, sprach auch er die Formel nach, die ihn wohl für die nächsten Jahre an den harten Dienst der Marine binden würde. Sein ausgeprägter Cornwall-Dialekt ließ ohnehin Zweifel an seiner amerikanischen Herkunft aufkommen.

»Wo kommt das Schiff her?«

»Messina, Sizilien, Sir«, meinte Taylor.

»Was habt ihr geladen?«

»Hirse und Gewürze.«

»Sonst nichts?«

»Nicht, dass wir wüssten. Wir hatten beide Landgang, als geladen wurde.«

»Was denn, die ganze Mannschaft hatte Landgang?«

»Nein, nur wir beide.«

Das war bemerkenswert. Beim Beladen wurde normalerweise jede Hand gebraucht. Wenn die beiden weggeschickt wurden, dann sicher, um Ladung vor ihnen zu verbergen. Diese Ladung musste dann so groß oder bemerkenswert sein, dass jeder Laie sofort gesehen hätte, um was es sich handelte. Also barg das Schiff ein Geheimnis, das sie noch entschlüsseln mussten.

»Wart ihr alleine, oder waren noch andere spanische Schiffe dabei?«

»Alleine, Sir«, das war Stratton, doch als er das sagte, warf er Taylor einen Blick zu, ganz kurz nur, aber auch Quentin wusste, dass der Amerikaner log.

»Mr. Lonsdale!«, schrie der Leutnant übers Deck.

Der Bootsmann kam herbeigeeilt.

»Mr. Lonsdale, wären Sie so freundlich, unserem angeblichen Amerikaner hier ihren Starter spüren zu lassen.«

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