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John Carsons Gesetz

John Carsons Gesetz

 

von Pete Hackett

(Text alte Rechtschreibung)

 

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© Peter Haberl

© 2012 der Digitalausgabe AlfredBekker/CassiopeiaPress

Ein CassiopeiaPress E-Book.

Alle Rechte vorbehalten.

Www.AlfredBekker.de

 

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Besorgt beobachtete Elliott McCormick die Entwicklung der Dinge. Soeben hatte sein Freund und Partner Horatio Smith den Fremden als Falschspieler bezeichnet. Die Atmosphäre im Saloon war plötzlich mit unheilvoller Explosivität geladen. Die beiden Männer, die zusammen mit Horatio und dem Fremden am Spieltisch saßen, rafften ihr Geld zusammen, ließen ein paar Münzen für ihre Zeche liegen und verzogen sich schnell. Sie verschwanden im Gewühl der Kerle, die in Dreierreihe am Tresen standen.

Elliott saß mit ein paar Freunden und Bekannten zwei Tische weiter. Mit schneidender Stimme, die die eingetretene, bleierne und gefährliche Stille sprengte wie das Klirren von Stahl, stieß Horatio noch einmal hervor: „Sie sind ein verdammter Falschspieler, Mister. Ich habe es genau gesehen. Sie gaben sich Ihre Karten von unten. Jetzt ist mir auch klar, weshalb Sie so erpicht darauf waren, die Bank zu halten.“

Horatio war groß, breitschultrig und blondhaarig. Er ruckte in die Höhe. Mit beiden Armen stützte er sich auf den Tisch, weit beugte er sich vor. In seinen blauen Augen flammte der heiße Zorn.

Die Linke des Fremden lag auf dem Tisch. Daneben befand sich das Päckchen Karten. Die Rechte des Mannes hing neben dem Colt.

Horatio dehnte: „Leugnen ist zwecklos. Sie sind ein mieser Betrüger. Normalerweise gibt es darauf nur eine Antwort. Aber wir wollen doch friedlich bleiben, nicht wahr? Also verschwinden Sie und lassen Sie sich hier nie wieder sehen.“

Der Fremde lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Sein linker Mundwinkel zuckte verächtlich in die Höhe. „Sie können nicht verlieren, mein Freund“, klirrte sein Organ. „Und weil das so ist, stellen Sie die Behauptung auf, ich hätte betrogen. Beweisen Sie’s. Vorwärts.“

Er brach ab, musterte Horatio höhnisch, und als dieser nur auf seiner Unterlippe herumkaute, zischte er mit boshaftem Unterton: „Aaah, Sie können den Beweis nicht antreten. Nun, ich hoffe, Sie sind bewaffnet. Sie haben mich des Falschspiels bezichtigt und ich lasse das nicht auf mir sitzen. Gehen wir hinaus und klären wir es.“

Im Schankraum war es derart still, daß sogar das Summen der Fliegen an den beiden großen Frontfenstern zu vernehmen war. Die Luft schien mit Elektrizität aufgeladen zu sein. Die knisternde, erwartungsvolle Spannung berührte jeden der Anwesenden wie etwas Greifbares, etwas Stoffliches.

„Ich bin nicht bewaffnet“, knurrte Horatio, „und ich schieße mich auch nicht mit Ihnen, Stranger. Es reicht mir, wenn Sie Leine ziehen – ohne das Geld hier natürlich.“

Horatio zog den Mund schief und wies mit einer knappen Geste auf die Scheine und Münzen, die sich vor dem Fremden und in der Tischmitte stapelten.

Der Fremde stemmte sich am Tisch in die Höhe. Tief an seinem rechten Oberschenkel hing das offene Holster mit dem Colt. Sein Blick bohrte sich in den Horatios. „Und wenn ich nicht verschwinde?“ fragte er drohend. Mit den eiskalten Augen eines Reptils fixierte er Horatio.

Elliott überlegte, ob er eingreifen sollte. Er entschloß sich, abzuwarten. Horatio war ein Mann, der sich selbst gut zu helfen wußte. Und da Horatio unbewaffnet war, würde es sich der Fremde zweimal überlegen, nach dem Sechsschüsser zu greifen.

Daß dies ein Trugschluß war, daß diese Überlegung einen tödlichen Fehler beinhaltete, sollte Elliott innerhalb der nächsten zwei Minuten auf brutale, grausame Art und Weise klargemacht werden.

„Dann werde ich sie wohl verprügeln und eigenhändig auf die Straße werfen müssen!“ tönte Horatio, richtete sich auf und machte Anstalten, den Tisch zu umrunden, um seine Ankündigung in die Tat umzusetzen.

Da griff der Fremde nach dem Colt. Er zog ihn mit verblüffender Schnelligkeit, wie ein ausgestreckter Zeigefinder stieß der Lauf auf Horatio zu, und dann donnerte der Schuß. Horatio hielt abrupt an, seine Augen weiteten sich in maßlosem Staunen, er wankte, und plötzlich fiel er über den Tisch, riß ihn um und krachte auf den Boden.

Der Fremde feuerte eine Kugel in die Decke. „Platz!“ brüllte er. „Macht Platz! Wer versucht, mich aufzuhalten, frißt Blei!“

Die Menschen im Saloon waren wie erstarrt. Sie waren Zeugen eines kaltblütigen Mordes geworden, und es überstieg ihr Begriffsvermögen. Auch Elliott mußte das alles erst verarbeiten. Als er seine Fassungslosigkeit überwand und aufsprang, war der Mörder schon bei der Pendeltür. Und als Elliott mit dem Colt in der Faust den Ausgang erreichte, verschwand der Fremde gerade auf der anderen Straßenseite in einer stockfinsteren Gasse. Elliott jagte einen Schuß hinter ihm her. Drüben lohte es grell auf. Die Kugel schlug neben Elliott in den Tragebalken des Vorbaudaches ein und erschütterte die gesamte Konstruktion.

„Jemand soll den Marshal verständigen!“ schrie jemand.

Ein anderer brüllte nach dem Doc.

Elliott trieb die Sorge um seinen besten Freund in den Saloon zurück. Er kniete bei ihm nieder. Horatios Lider flatterten. Eine Mauer aus Leibern umringte sie. Das schmale Gesicht des Verwundeten war bleich. Der Blutfleck auf seiner Hemdbrust vergrößerte sich schnell. Münzen und Geldscheine lagen um Horatio herum auf dem Boden.

„Er – hat – tatsächlich – falsch – gespielt“, flüsterte Horatio mit erschreckend schwacher und verlöschender Stimme. Ein Gurgeln kämpfte sich in seiner Brust hoch, sein Mund öffnete sich, einige Wortbrocken drangen noch heraus, aber Elliott konnte schon nicht mehr verstehen, was der Freund noch sagen wollte. Und plötzlich kippte Horatios Kopf zur Seite. Seine Augen brachen, die Leere des Todes legte sich in seine Züge.

Schwindelgefühl erfaßte Elliott. Das alles kam ihm unwirklich und alptraumhaft vor. Horatio war tot. Es war Tatsache. Aber es wollte nicht in seinen Kopf. „Amigo“, murmelte er rauh. „Gütiger Gott, Horatio...“

Seine Stimme brach.

 

*

 

Das Aufgebot, das dem Mörder folgte, kam unverrichteter Dinge zurück. Elliott begab sich in das Sheriff’s-Office und wollte Einzelheiten wissen. Der Gesetzeshüter zuckte bedauernd mit den Achseln und meinte: „Als er in Santa Fe ankam mietete sich der Bursche unter dem Namen Scott Garrett im Cosmopolitan-Hotel ein. Er gab dem Clerk zu verstehen, daß er nur auf der Durchreise wäre, und daß sein Ziel Arroyo Hondo oben im Taos County sei, weil er dort auf einer Ranch am Arroyo la Petasa einen Job annehmen wolle. Arroyo Hondo ist gut und gerne sechzig Meilen von Santa Fe entfernt. Ich kann von den Männern nicht erwarten, daß sie eine Woche oder länger von zu Hause wegbleiben, um einen Banditen zu fangen. Und ich – nun, McCormick, ich denke, ich werde hier gebraucht. Ich werde den Sheriff von Arroyo Hondo telegraphisch benachrichtigen, und es wird bald einen Steckbrief von dem Mörder Ihres Geschäftspartners geben. Mehr kann ich im Moment nicht tun.“

„Scott Garrett!“ Elliott flüsterte den Namen fast wie eine Beschwörungsformel. Und dann: „Mir entkommst du nicht! Du wirst für Horatios Tod büßen.“

Es klang wie ein Schwur. Und wer Elliott kannte, der wußte, daß es für ihn Gesetz sein würde, den Mörder seines Freundes und Partners zu fangen und zur Rechenschaft zu ziehen...

 

*

 

Drei Tage später.

Elliott McCormick blickte auf die Ansammlung von Häusern und Hütten hinunter und wußte, daß er sein Ziel erreicht hatte. Langsam atmete er aus. Vor seinem Blick lag die kleine Ortschaft Arroyo Hondo. Elliott hatte das Pferd gezügelt und verhielt auf der Kuppe des Hügels südlich des Ortes. Es war heiß. Die Menschen in Arroyo Hondo hielten Siesta. Kaum ein Luftzug regte sich.

Elliott schob sich den breitrandigen Hut etwas aus der Stirn. Schweiß perlte auf seiner Stirn. Er setzte sich bequemer im Sattel zurecht. Das Pferd unter ihm stand ruhig und peitschte mit dem Schweif. Elliott nahm alle Eindrücke, die sich ihm boten, auf, verarbeitete sie und setzte mit einem Schenkeldruck das Pferd wieder in Bewegung. Er lenkte es auf den ausgefahrenen Reit- und Fahrweg, der direkt in die Main Street von Arroyo Hondo mündete. Elliott hatte keine Ahnung, daß er direkt in die Hölle ritt.

 

*

 

Die Häuser der Stadt reihten sich zu beiden Seiten der Main Street aneinander. Die meisten besaßen falsche Fassaden, von denen oftmals schon die Farbe abblätterte. Am Ende der Main Street war die Methodistenkirche mit dem spitzen Glockenturm errichtet worden. Linkerhand führte eine Holzbrücke über einen schmalen Fluß, der etwa eine Meile weiter westlich in den Rio Grande mündete. Außerhalb der Town säumte dichtes Gebüsch die Ufer des Creeks. Es gab Geschäfte, ein Hotel, zwei Saloons, und ein Sheriff's Office mit angebautem Jail. Gassen zweigten von der Main Street ab, und am Ende einer dieser Gassen lag der Mietstall. Ein großes Schild mit einer entsprechenden Aufschrift wies Elliott den Weg. Das Tor zum Wagenhof stand offen. Elliott saß ab und führte das Pferd in den Stall. Zu beiden Seiten des festgestampften Mittelganges befanden sich die Boxen für die Pferde. Es war stickig und roch nach Heu, Stroh, Pferdeschweiß und Leder. Die Hälfte der Boxen stand leer.

"Hallo, Stall!" rief Elliott staubheiser, mit angegriffener Stimme, und als sich nichts rührte, noch einmal: „Hallo, ist hier jemand?“ Es kam fast ungeduldig. Elliott schaute sich aufmerksam um. Ein Rotfuchs, wie Scott Garrett ihn ritt, war nicht zu sehen.

Aus dem hinteren Teil des Stalles wehte ein Geräusch an Elliotts Gehör. Aus der Düsternis schälte sich die Gestalt eines mittelgroßen Mannes. Er ging gebeugt, seine Schultern hingen nach unten, als würde er eine schwere Last tragen, seine Schritte schlurften müde über den Boden. Nur langsam kam er näher. Elliott entging nicht, daß das Gesicht des Mannes von Faustschlägen entstellt war. Es wies dunkle Schwellungen auf, Blutergüsse, sowie kleine Platz- und Schürfwunden, die allerdings schon verschorft waren. Obwohl der Bursche sich bewegte wie ein alter, gebrechlicher Greis, war er nicht älter als dreißig Jahre. "Sie möchten sicher Ihr Pferd unterstellen, Stranger?" fragte er nuschelnd. Seine geschwollenen Lippen ließen keine klare Aussprache zu.

Elliott eiste seinen fragenden Blick vom zerschlagenen Gesicht des Mannes los und erwiderte: "Zumindest für ein oder zwei Tage.“ Er machte eine kurze Pause, nagte nachdenklich an seiner Unterlippe, und sagte schließlich: „Erlauben Sie mir eine Frage, Mister?" Und ohne eine Antwort abzuwarten stellte Elliott die angekündigte Frage auch schon: "Wer hat Sie so übel zugerichtet".

Die Hand des Stallburschen tastete fahrig über das malträtierte Gesicht. Er zog seinen Kopf zwischen die Schultern, starrte Elliott düster an, seine Augen flackerten mißtrauisch. Schließlich erwiderte er abgehackt:

"Das war ein Fremder, der gestern in Arroyo Hondo angekommen ist. Seinen Namen kenne ich nicht. Er erkundigte sich nach der Arroyo la Petasa-Ranch John Carsons. Und weil ich ihn fragte, ob er einer von jenen Kerlen sei, die Carson anheuert, damit sie mit Pulverdampf und Blei für ihn die Siedler zu beiden Seiten des Flusses vertreiben, bekam er das wohl in den falschen Hals. Ehe ich mich versah, lag ich am Boden, und er traktierte mich mit den Füßen, bis ich mich nicht mehr rührte.“

„Ritt der Fremde einen Rotfuchs?“ wollte Elliott wissen.

„Ja. Und er schien einen ziemlich langen Trail hinter sich gehabt zu haben. An Pferd und Reiter klebte der Staub vieler Meilen. Das Tier war ziemlich abgetrieben, ich möchte fast sagen zuschanden geritten.“ Der Stallmann nickte grimmig. Dann fügte er hinzu: „Danach, wie ein Mann sein Pferd behandelt, kann ich seinen Charakter einschätzen. Sie, Mister, haben Ihren Hengst nicht überfordert.“

„In der Wildnis hängt das Überleben oftmals von der Kraft und den Reserven des Pferdes ab, das einen trägt“, murmelte Elliott. Er schnallte seine Satteltaschen los, warf sie sich über die linke Schulter und nahm sein Gewehr. Der Stallbursche griff nach dem Kopfgeschirr des Hengstes, um ihn in eine Box zu führen. Elliotts Stimme hielt ihn zurück. Er fragte:

„Wo finde ich die Arroyo la Petasa-Ranch?“

Die Miene des Stallburschen verschloß sich augenblicklich, versteinerte regelrecht, er musterte Elliott feindselig von oben bis unten. Am tiefsitzenden Colt an Elliotts rechter Seite blieb sein Blick etwas länger haften. „Ich habe mich wohl verschätzt, als ich vom Zustand Ihres Pferdes auf Ihren Charakter schloß“, stieß er hervor. „Sie gehören also auch zu der schießwütigen Sorte, mit der sich John Carson seit einiger Zeit umgibt.“

„Sie urteilen recht vorschnell, mein Freund“, murmelte Elliott ohne besondere Gemütsregung. „Und Sie machen aus Ihrem Herzen keine Mördergrube, wie?“

Der Stallmann spuckte auf den Boden, wandte sich wortlos ab und dirigierte Elliotts Pferd in eine Box. Er war davon überzeugt, einen Mann vor sich zu haben, der bereit war, seinen Colt an John Carson zu vermieten.

Elliott grinste kantig. Er kratzte sich am stoppelbärtigen Kinn. Eingetrockneter Staub rieselte aus den Bartstoppeln auf den Boden. „Jetzt kann ich verstehen, weshalb Ihnen eine jähzorniger Hundesohn wie Scott Garrett eine Tracht Prügel verabreichte. Danken Sie Gott, daß er nicht ein Stück Blei in Sie hineinknallte.“

„Den Gaul unterzustellen kostet einen Dollar pro Tag!“ stieß der Stallmann unfreundlich und abweisend hervor. „Zahlbar im Voraus.“

Elliott holte einen Dollar aus der Tasche, warf ihm den Stallmann zu. Dieser sagte: „Scott Garrett - ist das der Bursche, der mich mit Hilfe einiger niederträchtiger Tricks gestern brutal zusammenschlug?“

„Yeah.“

„Scott Garrett.“ Der Stallmann murmelte den Namen voll Haß. Sein Blick verlor sich durch das Stalltor auf einem ungewissen Punkt im Hof. Plötzlich blinzelte er. Er schob das Kinn vor. „Reiten Sie acht Meilen nach Westen, Mister. Benutzen sie den Weg, der nach der Brücke beginnt. Dann stoßen sie genau auf die Arroyo la Petasa-Ranch. Sie liegt an dem Creek, nach dem Carson sie benannt hat.“

Der Stallbursche öffnete den Bauchgurt. Dann hob er den schweren Sattel vom Pferderücken. Er verzog das Gesicht, denn es gab nach den Fußtritten, die ihm Scott Garrett verpaßt hatte, fast keine Stelle an seinem Körper, die nicht schmerzte.

Elliotts Interesse war erwacht. Er legte die Satteltaschen auf einer Futterkiste ab, setzte sich daneben, lehnte das Gewehr zur Seite und holte sein Rauchzeug aus der Tasche. Und während er sich eine Zigarette rollte, fragte er: „Sie sind kein Freund Carsons, wie?“

Der Stallmann hatte den Sattel abgelegt. Jetzt kam er zurück, um dem Pferd das Zaumzeug abzunehmen. Elliott zündete sich die Zigarette an. Mit verschlossenem Ausdruck musterte ihn der andere. Dann knurrte er feindselig: „Wollen Sie mich dazu verleiten, Dinge zu sagen, die dazu angetan sein können, mir mein eigenes Grab zu schaufeln?“

„Keine Sorge, mein Freund“, murmelte Elliott. „Ich steige gewiß nicht in den Sattel dieses John Carson. Garrett hat unten in Santa Fe meinen Freund und Partner am Spieltisch erschossen. Er zog und feuerte ohne jede Warnung, und dann verschwand er wie der Blitz. Um ihn zur Rechenschaft zu ziehen bin ich hier. Also sprechen Sie. Was läuft hier ab?“

Elliott inhalierte den Rauch seiner Zigarette und fixierte den Stallmann fordernd und abwartend. Der musterte ihn argwöhnisch und abschätzend, schien ihn zu erforschen und sich zu bemühen, seine geheimsten Gedanken zu ergründen. Schließlich zuckte er mit den Achseln. Wortlos nahm der dem Pferd das Kopfgeschirr ab, dann begann er, das Tier mit einem Strohbüschel abzureiben.

Elliott knurrte: „Nicht nur, daß Sie kein Freund Carsons sind, Amigo - Sie fürchten ihn auch. Sie fürchten ihn wie der Teufel das Weihwasser, richtig? Und weil das so ist, sind Sie mißtrauisch. Sie trauen nicht mal Ihrem eigenen Schatten, schätze ich. Aber ich beginne mir selbst einen Reim zu machen. Gerade Ihr Schweigen sagt mir mehr als alle Worte. Gewalt und Terror, nicht wahr? Carson hat dieser Stadt seinen Stempel aufgedrückt, hält sie mit Hilfe seiner rauhbeinigen Mannschaft im Würgegriff und ist akribisch darauf bedacht, niemand aus seinem Schatten herauswachsen zu lassen.“

Der Stallmann schwieg verbissen.

Elliott erhob sich, warf die Zigarette auf den Boden und trat die Glut sorgfältig aus. Der andere hatte Angst, mißtraute ihm, und seine Fragen waren in den Wind gesprochen. Er gab es auf. Als die Satteltaschen wieder über seiner Schulter hingen und er das Gewehr in der Hand hielt, sagte er:

„Es ist Carsons Gesetz, nach dem ihr hier lebt. Was sagt der Sheriff dazu? Hat auch er sich Carsons Gesetz untergeordnet, vertritt er es vielleicht sogar?“

Bitter lachte der Stallmann auf. „Er mußte sich nicht unterordnen, Mister. Er war von Anfang an ein Sheriff von Carsons Gnaden. Sein Name ist Morton Abbott. Sie werden ihn schon kennenlernen.“

Der Stallmann lief mit einem leeren Eimer zu der Futterkiste und beachtete Elliott nicht mehr. Der Deckel knarrte, als er ihn hochhob. Die Kiste war voll Hafer.

Auf Elliotts Stirn stand eine steile Falte, als er den Stall verließ. Er lenkte seine Schritte hinüber zum Hotel. Er hatte beschlossen, sich erst ein Zimmer zu mieten, und sich dann im Barber Shop ein heißes Bad und eine Rasur zu gönnen. Er dachte über das nach, was er erfahren hatte. Und er kam zu dem Schluß, daß es nicht einfach werden würde, Scott Garrett zu schnappen, wenn er sich tatsächlich einer rauhen und unduldsamen Mannschaft angeschlossen hatte.

 

*

 

Tiefziehende Wolken verdeckten den Mond. Schauerlich trieb der Ruf eines Käuzchens durch die Nacht. Pochender Hufschlag rollte durch die Finsternis, wehte über den Fluß, und vermischte sich mit dem Rauschen des Windes in den Baumkronen und Büschen.

Das flache Farmhaus lag im Dunkeln. Die Blendläden lagen vor den Fenstern. Im Corral schliefen die beiden Ochsen. Sie zogen bei der Bestellung der Äcker den Pflug, bei der Ernte den flachen Farmwagen. Sie waren überhaupt unentbehrlich für die tägliche Arbeit auf der Farm. Die Farm gehörte einem Mann Namens Hank Cleveland. Er war verheiratet, sein Bruder half ihm bei der Bewirtschaftung.

Die Menschen auf der Farm schliefen und waren ahnungslos. Vor drei Jahren hatte die Regierung das Land südlich von Tres Piedras bis hinunter zur Mündung des Arroyo la Petasa in den Rio Grande zur Besiedlung freigegeben. Hank Cleveland hatte eine der Heimstätten erworben. Er wollte hier den Grundstein für eine gute, sorgenfreie Zukunft legen.

Im Ufergebüsch zügelten die Reiter die Pferde. Der Hufschlag versank. Nur das Klirren der Gebißketten, das Knarren des Sattelleders und manchmal ein dumpfes Stampfen waren zu vernehmen. Es waren fünf Männer. Sie starrten auf den kastenähnlichen Umriß des Hauses, der sich schwarz aus der Dunkelheit abhob. Eine Stimme rasselte: „Wir nehmen keine Rücksicht. Ihr kennt die Order. Wenn wir von hier verschwinden, darf kein Stein mehr auf dem anderen sein. Also, vorwärts, verteilt euch.“

Sie zogen ihre Waffen, luden durch und ritten auseinander. Der Hufhund hörte sie. Er kroch aus seiner Hütte und schlug an. Die Kette, an der er angehängt war, klirrte. Sein Kläffen erfüllte die Nacht, steigerte sich, und schließlich gebärdete sich der Hund wie verrückt.

Durch einige Ritzen in der Haustür fielen plötzlich dünne Lichtstreifen. Knarrend öffnete sich die Tür. Ein Mann in einem langen Leinennachthemd mit einer Laterne in der Hand trat ins Freie. Das Licht huschte vor ihm her in den staubigen, von Wagenrädern zerfurchten Farmhof.

„Ruhig, Hasso!“ rief der Mann wütend. Es war Mitternacht. Ein Tag voll harter Farmarbeit lag hinter ihm. Mit den Hühnern mußte er am kommenden Tag wieder aufstehen. „Ruhig, verdammt!“

Aber der Hund zerrte an der Kette, bellte und gebärdete sich wie irrsinnig.

„Was hat er nur? Schleicht etwa jemand ums Haus? Indianer vielleicht?“

Es war Cora Cleveland, die besorgt diese Fragen stellten. Sie erschien in der Tür, in einem wallenden Nachthemd aus dem selben Stoff wie das Nachthemd ihres Mannes, nur ein heller Schemen, denn die Dunkelheit hüllte sie ein und ihr Mann befand sich mit der Laterne mitten im Ranchhof.

„Ach was“, winkte der Mann ab. „Hier gibt es keine Indsmen mehr. Still, Hasso, oder...“

Schüsse peitschten. Der Hund jaulte auf, überschlug sich und lag still. Der Mann wurde herumgewirbelt und umgeworfen. Die Laterne rollte über den Hof und erlosch. Hufschlag kam auf.

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