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Johannes Kepler Morgenstern

Über die Autorin

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Eva Rita Weiser wurde im Dezember 1953 in Karlsruhe geboren. In der Kleinstadt Walldorf wuchs sie als jüngstes von vier Geschwistern auf. Sie liebt Bücher seit ihrer Kindheit und wurde zunächst einmal Buchhändlerin. Danach studierte sie Literaturwissenschaften und Geschichte an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und machte den Magisterabschluss als Historikerin. Sozialgeschichte und die Entdeckungen der frühen Neuzeit interessieren sie besonders. Sie schreibt schon seit Jahren und bringt nun erstmals einen Roman zur Veröffentlichung.

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© 2016 Eva Rita Weiser

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7345-4791-1
Hardcover: 978-3-7345-4792-8
e-Book: 978-3-7345-4793-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Kapitel Eins

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Ein Fußmarsch im Schnee; Ziegen, Engel und der Johannesbrunnen

Eines Montagmorgens im Februar machte sich ein Mann auf den Weg von Ulm nach Tübingen, zu Fuß, durch den Schnee, sein Felleisen auf dem Rücken und seine Börse in den Gürtel eingehängt.

Er war noch kein Greis, aber auch keiner von den Jungen. Bis zu seinem Sechzigsten Lebensjahr war nicht mehr lang hin.

Er ging allein. Über Blaubeuren gedachte er die kurze Strecke zu bewältigen; in zwei bis drei Tagen, meinte er, müsste es hingehen. Im Blaubeurer Kloster würde er die erste Station machen, von da an weiter; vielleicht gäbe es Schlitten, auf denen er mitfahren könnte. Denn Blaubeuren und Tübingen hatten Verbindungen. Die Winter in diesen Zeiten waren lang; das Land lag tief verschneit, schon seit Oktober des vergangenen Jahres herrschte Kälte; sie hatte Schnee und krachendes Eis mit sich gebracht. Immer neuer Schnee war auf den alten vom Vorjahr gefallen. Man schrieb das Jahr 1627.

Im ausgehenden Winter, bei Eis und Schnee, allein zu Fuß durch abgelegene Höhen und Wälder: dazu muss es doch einen Grund geben? Einen Grund und einen Anlass? Nun, es war Sorge, die ihn hinaustrieb, es war seine Aufgabe, die ihn in Bewegung brachte, und auch ein großer Teil Ärger, den er verwinden musste. Sorge um den Sohn, der ihm, er wusste nicht wie, entglitten war: ob in den Kriegeswirren, bei den Wohnungswechseln, ob er auf der Flucht ihn verloren hatte.

Der seit Kurzem in Tübingen studierte und ihm Sorgen bereitete; Geldsorgen vor allem. Dann die Aufgabe, die vor ihm stand, die ihn schon seit fünfundzwanzig Jahren plagte: nun endlich die Sternentafeln herauszugeben, in Druck zu bringen, die Tafeln, die zu Ehren des längst verstorbenen Kaisers die Rudolfinschen heißen sollten. Auf die so viele warteten, und durch deren Verkauf er endlich einmal an ein Geld kommen könnte. Doch wie ein Fluch war es über den Tafeln gehangen: es war wie verhext. Immer wieder stieg neues Ungemach auf und verhinderte ihren Druck. Zuletzt in Linz, als die ganze Druckerei in Flammen aufging. Wie in einer Eingebung hatte er das Manuskript und die Drucklettern am Vorabend herausgeschafft.

Ja, Pech hatte er oft gehabt, aber manchmal auch Glück. Oder Ahnung. Die ihn auch oft getäuscht hatte. Nun, du musst es nehmen, wie es kommt, hatte er sich dann gesagt. Manchmal passt es mit den Ahnungen, manchmal nicht. Lieber einmal zu viel aufgepasst als einmal zu wenig. Doch mit dem Druckort Ulm und dem Stadtdrucker dort hatte er sich ganz vertan, meinte er. Und es ärgerte ihn insbesonders deshalb, da ihm, selbst nach eingehender Prüfung und Überlegung, die Umstände bestens geeignet schienen: Dieses Ulm direkt an der Donau, die schiffbar war nach unten und nach oben, die zudem gute Straßenwege hatte, diese freie Reichsstadt, in der man ein Vaterunser oder ein Paternoster beten konnte, wie einem das Herz stand. Wo man für einen Taler viele Tage leben konnte, und wo große Rollen seines guten Papiers bereitlagen. Die schon bezahlt waren. Grad wie so manche Fässer Wein, die er hatte herschaffen lassen, vor zwei Jahren. Konnte einer vorausschauender sein, hatte er nicht an alles gedacht? Hatte er nicht mit seinem Freund Johann Baptist alles geplant und vorbereitet? Mit dem Ortsansässigen, der stracks wie ein Brückenpfeiler in Ulm am Donauufer stand und die Strecke zwischen Linz und Tübingen verkürzte? Pass nur auf, dachte er manchmal im Stillen, das gäb noch den Goldenen Schnitt, wenn ich das ausrechne. Der Ort ist doch wie geschaffen. Im Dezember war er angekommen, hatte sich eingerichtet im Haus neben dem Stadtarzt Gregor Horst, hatte die Druckerei in Augenschein genommen, die genau wie beschrieben direkt gegenüber lag; hatte seine Zahlen- und Buchstabenlettern sortiert, sich mit dem Setzergesellen Silbernagel bekannt gemacht. Doch mit dem Drucker selbst, dem Jonas Saur, wurde er nicht warm. Der war ihm menschlich nicht angenehm; er schien ihm hinterhältig, gerissen und geldgierig, und bereits nach kurzer Zeit hatten sie handfesten Krach, die beiden Männer. Es ging bis vor den Stadtrat, zu seinem Verdruss, denn das Aufenthaltsrecht war ihm als Fremden nur für ein halbes Jahr gewährt, und selbstredend durfte er sich nichts zuschulden kommen lassen.

Es waren allerdings nicht die Sorgen allein, die ihn hinaustrieben. Es war nicht die schwere Aufgabe, nicht nur der peinliche Ärger. Es war sein Körper selbst, sein eigener fleischlicher Körper, der in Nöten war und ihn herumtrieb. Der ihm sein Lebenlang Wochen mit Fieber, Tage von Schwäche und Übelkeit beschert hatte und ihn des Nachts aufschreckte, mit Alpträumen, mit Herzrasen, mit Atemnot. Sein Körper mit der verletzlichen Hülle, der weißen, dünnen Haut, die an vielen Stellen schadhaft war wie ein alter Flickenmantel. Die vor allem furchtbar juckte. Die außen juckte, und innen, wo er nicht kratzen konnte. Denn die Stellen auf der Haut, wo die Scabies saßen, an den Armbeugen, in den Achseln, in den Leisten, die waren schon aufgekratzt, verhornt und zugekrustet und wieder aufgekratzt, braun und lila war die Haut da. Aber es juckte ihn auch innen, in den Armen, im Hals, im ganzen Kopf. Zu schweigen von den Abszessen und Ulcera, die ihn schon seit der Kindheit plagten und die ihn niemals wieder verließen. Als hätten sie eine Heimstatt gefunden. Sogleich an die Haut gegangen waren ihm die Plagegeister, und unter die Haut, als ob sie dort die reichste Beute fänden: als kleines Kind ihn mit den Pocken fast zu Tode gebracht, dann ließen sie Geschwüre wachsen, Entzündungen, Eiter; schlechte Drüsen wucherten auf dem Leib und mussten entfernt werden. Die Totwürger gingen ihm an die Haut, an die Körperhülle, - die wollen mir an‘s Leder, spottete er. Dann trag‘ ich die mal ins Freie, pflegte er zu sagen, die bring ich an die Luft. Das schätzen sie nicht, wenn ich den Körper ventiliere, an der kalten frischen Luft. Und wirklich wurde ihm wohler, wenn er ins Freie lief, ins Offene, wo die frische Schneeluft seine Haut kühlte.

So auch an diesem Montagmorgen. Am Sonntagabend hatte er seine Sachen gerichtet und in den Rucksack verstaut; morgens würde er nur mehr die Wegzehrung in einen Leinenbeutel packen und losziehen.

Wie so oft, hatte er in den frühen Morgenstunden einen Traum geträumt, der ihn keuchend und schwitzend hochfahren ließ. Den Traum kannte er schon, es ging immer um die gleiche Sache: nämlich um eine Druckerpresse, in die er lebendig hineingesteckt wurde, und die seinen Leib mittels Ruckeln und Schütteln in Stücke presste und ausspie; in kleinen Wabensteinen, durchsichtig gläsern und farbig lag das Abbild seines Körpers auf dem Boden; an guten Tagen ließ ihn dies lachend aufwachen. An schlechten formten die Steine seltsame Buchstaben und Worte, die er entziffern sollte, was ihm jedoch nicht gelang, und was desto bestürzender und beschämender war, als ihm bewusst war, es müsse ganz einfach sein. Aber er kam nicht dahinter, und das Erwachen war Qual und Erlösung in einem. An diesem Morgen war der Traum besonders drückend, mit Übelkeit und Atemnot fuhr er im Bett hoch. Sein Kopf tat ihm weh. Er setzte sich auf, stellte die Füße auf den Boden, fuhr mit der Hand durch die langen Haare und warf die Bettmütze in die Zimmerecke. Grub die Stirn in die Hände und verharrte so; denn es schien ihm, als müsse er aus dem Traum etwas lesen, und als sei er kurz davor. Die Buchstaben tanzten noch vor seinen Augen. Besinnung war ihm jedoch nicht vergönnt, denn augenblicklich bollerte es leise an der Tür; er stellte sich darauf ein, dass die widerliche Magd vom Doktor Horst das Essen brächte. Fest schloss er die Augen, denn ihren Anblick vermied er nach Kräften. Sie war laut; kaum verstand er ihre Sprache, sie störte sein Empfinden; und am wenigsten ertrug er ihren strengen Geruch.

Doch diesmal war es anders: ein Rauschen und Flattern wie von Vogelschwingen; ein zarter Geruch kitzelte seine Nase; Zimt roch er und Hafer, und zugleich den Duft eines jungen Mädchenkörpers. Er riss die Augen auf und traute ihnen nicht, denn vor ihm bewegte sich, mit dem Rücken zu ihm, eine unbekannte Gestalt: Schlank und biegsam, auf leisen Sohlen war da eine zu ihm hereingekommen, rückte und stellte geräuschlos Schüsseln und Näpfe zueinander, ordnete die Dinge, wie sie zusammengehörten, und wendete sich schließlich mit einem Drehen zu ihm. Da war es ein junges Mädchen, das lieblich nickte, mit der Hand auf die Speisen wies und sprach: „Guten Morgen, ich soll grüßen vom Doktor Horst, ich darf neuerdings das Essen bringen und den Herrn bedienen, wenn er etwas braucht“. Und war mit leisem Schließen der Tür verschwunden. Ihre blonden Zöpfe waren das letzte, was er von ihr sah.

Kopfschüttelnd warf der Mann die Decken von sich, stieg aus dem Bett und wusch sich, band seinen Zopf frisch zusammen, fuhr mit beiden Beinen in die Hose, die neben seinem Bett auf einem Stuhl lag, zog sich vollends an und stand bald angekleidet in seinem Zimmer. Ging zum Fenster, nahm die Vorhänge zurück und blickte in die kleine Gasse mit den Giebelhäusern.

Es war noch dunkel und kaum etwas zu sehen, aber sogleich fiel ihm ein, wo er war: in Ulm, seit einigen Wochen war er hier. Und allein, ohne seine Frau, ohne die Kinder. Es war nicht anders gegangen, oder jedenfalls auf Anhieb nicht anders. Vielleicht könnte er sie nachkommen lassen. Wenn der Fluss wieder befahrbar wäre. Denn schon im Oktober, als sie abgereist waren in Linz, war die Winterkälte gekommen, und im Lauf der Schifffahrt war die Donau zugefroren. Es ärgerte ihn, dass er es nicht vorhergesehen hatte. Kaum schaffte es das Schiff bis Regensburg. Dort hatte er seine Frau und die Kinder untergebracht und war allein mit einem Wagen weitergefahren, gefährlich genug. Aufgetürmt und festgezurrt die schweren Reisetruhen, die Kisten mit den Lettern und Zahlen aus Blei; die Druckstöcke und in einer ledernen Mappe das Manuskript, das kostbare, das nun in Ulm zum Druck kommen sollte. Er hatte schon angefangen und war nicht schlecht vorangekommen; bis auf den Ärger mit dem Drucker. Es trieb ihn nach Tübingen, zu schauen, ob dort ein anstelliger Drucker zu finden wäre; ob die Kosten des Lebens dort erschwinglich wären; welcher Art Behausung es gäbe und zuletzt, ob er eine Köchin fände, ihm das Leben halbwegs annehmlich zu machen. Er war nicht anspruchsvoll, aber im Lauf seines Lebens musste er lernen, dass manches seiner Gesundheit zuträglich war, anderes nicht. Wenn er noch eine Weile am Leben bleiben wollte, müsste er darauf Rücksicht nehmen.

Setzte sich, schon im Mantel und den Wollehut auf dem Kopf, den Rucksack auf dem Rücken, an den kleinen Holztisch am Fenster, nahm den Griffel, der dort bereitlag und schrieb in eine Spalte auf eine Schiefertafel: „Montag, 5. Februar 1627, Julianisch, Ulmae, in Suebia. Malte das Zeichen für den Neumond, ergänzte: Westwind; Schneewolken/nachts stark gewindet“. Stieg die kurze Treppe ins Erdgeschoss hinab und war die Tür draußen; hielt sich auf der Gasse links und stand in wenigen Schritten vor dem Münster.

Der weite Platz vor der großen Kirche lag im morgendlichen Halbdunkel. Es war kalt, Schnee und Rauch lag in der Luft; es windete. Er roch das Eis und die starken Wasser der Donau von unten her. Geschäftiges Treiben, Lärm und Geklapper. Händler bauten ihre Buden auf, stapelten ihre Waren: Bäcker, Metzger und Fischhändler; der Messerschmied drehte am Rad und ließ die Funken sprühen. Die gesamte Fläche war vereist. Kinder liefen auf Schlittschuhen in die Lateinschule auf dem Münsterplatz; Mütter zogen ihre Kleinen auf Schlitten hinter sich her. Windgeschützt, an einer Ecke der großen dunklen Kirche brannten Jäger einem erlegten Wildschwein die Borsten ab, es qualmte beißend, und es roch nach Blut und verbranntem Horn. Heftig spürte er die Kopfschmerzen vom Erwachen wieder, und Übelkeit stieg in ihm hoch.

Die Turmuhr am Münster schlug dröhnend Achtmal; der Marktplatz zitterte. Des Schlagens nicht versehen, blieb er erschrocken stehen, und das war sein Glück, denn ein Junge lief in großer Geschwindigkeit um die Ecke und ihm genau in die Leibesmitte; fast hätte er ihn umgerannt. Es war ein Schuljunge, nicht aus einem der reicheren Häuser, man sah es gleich an seinem dünnen Anzug. Beide strauchelten und suchten auf dem Eis rutschend ihr Gleichgewicht. Erschrocken packte er den Jungen am Kragen. Der wand sich und suchte eilig aus dem Griff zu kommen:

„Ich muss in die Schul‘, es hat ja schon gleich angefangen“, rief er, doch der Mann ließ ihn nicht frei. „Erst sagst mir, warum du so rennst, und die Leute aus der Bahn bringst. Ich hätt sterben können an dem Schrecken!“. „Ich muss in die Schul‘, es geht los um Acht, und es schlägt schon!“ rief der Junge wieder, und zeigte mit der Hand in Richtung auf das Schulgebäude. „In die Lateinschul geh ich, wir müssen pünktlich sein, der Herr Hebenstreit hält den Unterricht, und er ist streng“. „Aha“ sagte der Alte mit einem kleinen Lächeln, „sagst dem Herrn Lehrer einen Gruß von mir, vom Johannes aus Linz, ich hätte dich aufgehalten, hätte dir einen Spruch beigebracht, den soll er die Klasse mal übersetzen lassen. Neigte sich dem Jungen ans Ohr und flüsterte geheimnisvoll: „Kurentum Seerum, rennte lamentum – und wenn ich dich nächstes Mal seh‘, will ich wissen, wie‘s richtig übersetzt wird, aber Müh müsst ihr euch schon geben“. Und gab dem Jungen einen Stups, so dass dieser erneut fast wieder ins Rutschen und Fallen kam. „Sag nochmal, wie heißt die Sentenz?“ „Kurentum seerum, rente lamentum“ keuchte der Junge, hob seine Mütze auf, packte seinen Ranzen, der ihm von der Schulter gerutscht war, und lief eilends davon.

Noch erheitert über seinen Scherz, dachte er: Das Latein lernt er grad, und Rechnen nachher auch. Wie froh ich bin, dass sie immer wieder nachwachsen, die gescheiten Buben. Wird mein Tafelwerk noch brauchen können, wenn er fertig ist mit seinem Studium. So Junge mit einem Ingenium, die brauchen wir, solche, die nicht alles nachplappern, was man ihnen vorbetet. Schön ist‘s, wenn sie anfangen selber denken. Wie man so blaue Augen haben kann“, dachte er, „das ist ein Geschenk der Natur. Der hat ganz schwarze Haare gehabt, und blaue Augen dazu, das ist doch eine Gabe. Und dabei ist seine Haut ganz weiß gewest. Wie die von dem Mädchen heut in der Früh, aber die war blond. Und von der Sorte gibt’s auch Rothaarige, aber keine Braunen. Seltsam. Scheint‘s hier in Ulm gibt’s besonders viele mit blauen Augen. Da acht ich jetzt mal drauf, ob ich die Systemia dahinter finde“.

Im Gehen war er an einem Stand vorbeigekommen, aus dem Wärme und ein feiner behaglicher Duft stieg; über Holzkohlen wendete ein Alter Kastanien auf einem Eisengitter; für die nächste Fuhre schnitt er weitere mit einem Messer kreuzförmig ein. „Schau, Maroni, die habt ihr hier auch“, sagte Johannes versonnen und in sich gekehrt, - „gebt mir eine Handvoll, ich nehm‘ sie in die Manteltasche, wärmen sie mir doch die Händ eine Weile“. „Was Maroni, wie Maroni, Keschdte sind’s, so vornehm tut er“ murrte der Kastanienmann, und während er noch stand, dem Alten am Feuer einen Kreuzer gab, mit seinen Handschuhen herumfuhrwerkte und die Maroni in die Manteltasche steckte, kam der Junge von eben wieder. „Potzblitz, ist schon aus die Schul, habt ihr Feiertag heute, Lichtmess ist doch schon vorbei?“ fragte er, und jener antwortete: „Nein, doch, unser Lehrer ist krank, er muss das Bett hüten, er kann den Unterricht heut nicht halten, und wer in der Nähe wohnt, hat es geheißen, der darf heimgehen und um zehn wiederkommen, wenn Griechisch ist beim Lehrer Wippinger“.

Johannes gab dem Jungen zwei Kastanien und versank in Sinnen. „Da ist also doch was dran, an den Gerüchten mit dem Johann Baptist. Heut Morgen krank, aber gestern Abend war er fidel, und das Kesselfleisch hat ihm geschmeckt, und der Wein noch besser“. Denn sie waren mit einigen Freunden ihrer Bekanntschaft abends zusammengesessen. „Ja, der Wein im Krug hängt bei manchen zusammen wie an einem Stück, und wenn man nicht aufhören kann, dann steigt‘s einem in die Galle und von da direkt in den Kopf, dann muss man speien und wimmern. Ich red mit ihm, wenn ich zurück bin von Tübingen. Am liebsten ging ich erst nach unten an die Donau, ob eins der Händlerschiffe daliegt. Manche bringen Grüße aus Regensburg, von meiner Hausfrau, meiner lieben Susanna. Auch Sachen gibt sie ihnen mit, Dinge die ich brauchen kann, die ich in der Eile dort hab liegen lassen. Als wir uns getrennt haben im November war es noch viel kälter als jetzt. Gradwegs steckengeblieben im Eis war es, unser Schiff von Linz her. Bis Regensburg haben wir es zusammen geschafft, ich hab sie untergebracht und eingerichtet, dann musste ich allein weiter. Auf dem hohen Wagen, mit den Lettern und dem Manuskript und der Bettwäsch und der Rüstung. Heut noch tut mir der Podex weh und bin ich noch nicht erholt. Zum Glück war in Regensburg beim Waller in der Donaustraße grad die Wohnung frei. Platz hat sie da für die Kinder und für sich, und sie ist versorgt mit dem Nötigsten. Nur mich hat sie nicht, das kommt ihr hart an. Wie sie herzbrechend geweint hat beim Abschied, wie sie gerufen hat „Wann kommst denn wieder, wann kommst denn wieder“, wie ihr die hellen Tränen aus den Augen liefen, das tat mir weh. Wenigstens haben wir den Fluss und können uns verständigen. Letzte Woche hat sie mir Kuchen geschickt. Auch auf Weihnachten und auf meinen Geburtstag, wo ich ohne sie sein musste, und ich ihr auf ihren, sind ja grad vier Tage vorher. Fünfundfünfzig Jahr bin ich jetzt alt. Nein, gedacht hätt ich es nicht, dass ich so alt werde. Und sie, die liebe Gute; Siebenunddreißig ist sie geworden, am 23.12., grad einen Tag vor den Weihenächten“.

Er rieb seine Hände in den Handschuhen. Er vermisste seine Frau sehr. Die Frau und die Kinder fehlten ihm unsagbar. Er war nicht gern allein. Es war ihm ein Graus, wenn das Haus leer und kalt war. Er vermisste ihre weiche Wärme, ihr Lächeln, ihren Blick. Ihren Duft, wenn sie von hinten an ihn schlich, ihre Arme um ihn schlang und seine Wange küsste. Für ein halbes Jahr plante er den Aufenthalt in Ulm; vielleicht konnte er sie im Frühjahr zu sich holen. Die Genehmigung vom Magistrat war da. Wenn erst das Eis weg wäre, und die Donau wieder zu befahren.

Tief versunken in Gedanken war der Fremde weitergelaufen, und der Junge stand und sah ihm nach. Er wusste schon, wer das war: Der Mathematikus vom Kaiser war es, ein ganz berühmter Mann, hatte es geheißen, und er hatte sich gewundert, dass er gar nicht danach aussah. Vom Kaiser in Prag. Schon als die Pferdewagen gekommen waren mit den Kaufleuten aus Linz war ein rechtes Zusammenlaufen auf dem Platz gewesen. Gezittert und geschnaubt hatten die Rösser und mit den umwickelten Hufen gescharrt auf dem glatten Eis, dampfend aus ihren Mäulern.

Er hatte zugeschaut, bis der Alte abgestiegen war vom hohen Wagen: Umständlich, wacklich, zittrich und langsam, in einem langen schwarzen Mantel und Stiefeln, die Haut im Gesicht hell wie Buttermilch, und als er endlich heruntergeklettert war, fast hätte er sich mit dem Absatz verheddert auf dem Tritt, war es ein älterer Mann, kaum größer als er selbst, so kam es ihm vor. Wie lang die Burschen gebraucht hatten, um alles abzuladen. Kisten und Kasten trugen sie herunter; waren anscheinend schwer wie Blei. Laut geflucht und gespuckt hatten sie beim Schleppen. Und der berühmte Mann war jetzt hier in Ulm, wohnte in der Rabengasse gleich beim Doktor Horst um die Ecke, und ging über den Marktplatz und aß heiße Kastanien. Hatte aber einen Rucksack auf und sein Brotbeutel am Gürtel und sein Wehrgehäng mit der Pistol um, als ob er für länger verreisen wolle. Ging er am End schon wieder fort aus Ulm?

Ohne viel zu überlegen – bis zur Schule um Zehn war noch Zeit -, ging der Junge dem Alten nach, in einigem Abstand, fast wie zufällig und war neugierig, wohin dieser seinen Weg lenken würde. Sah, dass er über die kleine Blau ging, bis hin an den Wachturm am Westtor, sah ihn kurz mit dem Wächter sprechen und dann aus der Stadt hinausgehen.

Unschlüssig stand der Junge an der Mauer und blickte auf seine Schuhe. Die waren vom Schnee dick vermatscht und seine Zehen eiskalt. Er hüpfte auf den Zehenspitzen. Ihn fror, und er wendete sich, um in die Schule zurück zu gehen. Wenigstens war es dort ein bisschen warm, und in der großen Stube brannte ein Feuer.

Der berühmte Mathematikus indessen begab sich auf den Weg, auf eine Wanderung wie schon so viele, zu Fuß, was ihm das Liebste war, in der frischen kalten Luft, versorgt mit allem, was er brauchen würde. Kaum war er aus der Stadt, nahm er den Weg in Richtung Eselsberg, der Aufstieg war nicht lang, und er würde über einen schönen Höhenweg gehen; wenn sich der Tag hob, könnte er vielleicht weit schauen, wie er es liebte.

„Allemal lohnt sich das, den Buckel hochzusteigen“, sagte er sich. „Unten am Wasser krieg‘ ich vielleicht noch nasse Füß‘, da oben werde ich schön ventiliert, der Weg ist eben, ich hab eine Aussicht, und ich verlauf mich nicht. Ich bin zeitig dran“, redete er sich zu. „Bis zur Vesper bin ich in Blaubeuren. Dort in der Klosterschul nehmen sie mich gern auf. Der Oheim, der Ziehvater vom Wilhelm Schickard ist dort Abt, schon seit vergangenem Mai; grad neulich haben sie‘s mir gesagt. Ich freu mich auf Blaubeuren, kenn‘ es, seit ich ein Junge war. In den Sommerferien ging es dahin. Schön war‘s da. Nicht so streng wie in Maulbronn. Und von da aus halt ich mich bis Urach, herrlich ist‘s auch da. Über Zainingen geht der Weg, dann über Böhringen, ganz schön hoch ist es da, wunderbarlich, wenn man erst oben ist. Und nach Reutlingen und Tübingen ist der Weg dann nicht mehr weit“.

In Erinnerungen an seine Kindertage, wie immer, wenn er in der schwäbischen Heimat war, ging er kräftigen Schrittes voran; den Buckel hoch durch eine verschneite weiße Ebene, hie und da ein Strauch und eine Hecke, bis er den Höhenzug erreicht hatte. Von da an führte der Pfad durch den Wald, der Weg war von Schlitten und Fußstapfen ausgebahnt. Wie aufgerüttelt von seinen Schritten fiel manchmal Schnee in dicken Brocken von den Zweigen. Fast sah es aus wie Tauwetter, und er fürchtete, dass etwa eine Schneeschmelze kommen würde. Kälte und Schnee müsste noch kommen, vielleicht sogar Sturm; es war erst Anfang Februar oder schon Mitte, je nachdem, wie man es nahm. Denn in Ulm rechneten sie das Datum nach dem Alten Stil, sie zählten die Tage nach dem Julianischen Kalender, bei ihnen schrieb man den 5. Februar. In Augsburg, grad paar Meilen weiter, und nicht nur dort, dachte er mit rechter Verbitterung, richteten sich die Menschen nach dem Neuen, dem Gregorianischen, und schrieben den 15. Februar; die meisten jedenfalls. Nach dem Kalender, der richtig war. Es erboste ihn, dass einige Städte und Fürstentümer starr am alten Kalender hielten. Stur war das. Eine Melodie summend, ging er gradlinig dahin, sein Tempo sich einteilend.

Im Gehen merkte er, dass er von einem Lied begleitet wurde, wohl aus der Kirch am Sonntagmorgen: das kam ihm wieder in den Sinn: „Wie schön leuchtet der Morgenstern“. Ja die Venus, der Morgenstern. Die Stern‘ überhaupt“, musste er lächeln, „die leuchten mir schön. Und wie es so gut passt zum Laufen, als wär es für ein Wanderer gemacht. Wie jeder Tritt auf jede Silbe passt, das ist spaßig“.

Wie schön leuchtet der Morgenstern /
Voll Gnad und Wahrheit von dem HERRN /
Die süße Wurzel Jesse

Du Sohn David / aus Jacobs Stamm /
Mein König und mein Bräutigam /

Hast mir mein Hertz besessen /
Lieblich
freundlich /
Schön und herrlich /
Groß und ehrlich /
Reich von Gaben /
Hoch und sehr prächtig erhaben.

Während er dies sang, - bei den Zeilen „lieblich – freundlich“ passte der Rhythmus dann nichtmehr ohne Weiteres, sprang er lachend zwei große Schritte, fast wär er ausgerutscht – fiel ihm ein, wie er das Lied zum ersten Mal gehört hatte. In Regensburg war es gewesen, im großen Dom. Gesungen und musiziert hatten sie das Lied, und er hatte gestaunt über den Text und über die schöne Melodie. Hatte später erfahren, dass es eins von den neueren Liedern war, und wunderte sich gar nicht. Auswendig konnte er es gleich. Hätte von ihm sein können, der Text.

Ei meine Perl / du werte Kron /
Wahr Gottes und Marien Sohn /
Ein hochgeborner König /
Mein Hertz heißt dich ein Lilium,

Dein süßes Evangelium,
ist lauter Milch und Honig /
Ei mein Blümlein /

Hosianna /
Himmlisch Manna /

Das wir essen /

Deiner kann ich nicht vergessen.

„Deiner kann ich nicht vergessen.“ Es fiel ihm ein, wie er die Strophen zum ersten Mal gehört hatte, und wie ihm damals – ganz gegen seinen Willen – sein Freund Ortholph vor die Augen getreten war, im dämmrigen Licht des langen Kirchenschiffs meinte er, ihn greifbar vor sich zu sehen, wie einen Schemen. Ernst und mit leichtem Winken schwebte der Jugendfreund vorbei, seine Liebe. Sein Herz hatte stark zu schlagen begonnen. Er hatte ihn im sommerlichen Gras liegen sehen, rücklings, ihn anlächeln; den Stengel eines verblühten Löwenzahns abpflücken; die zarte weiße Kugel mit den kleinen Sternchen an den Mund halten und ihm die Samen entgegenblasen; unwirsch hatte er sie von seiner Kutte geklopft. Konnte aber die Augen nicht lassen vom Ortholph und von seinem Gesicht, und musste in seine Augen schauen, die schwarz waren und überaus glänzten, und dann auf seinen Mund. Als ob eine Materia aus den Augen hervorkomme, dachte er damals, eine Art Strahlen, eine Substanz, die wir nicht messen können. Dachte mit Weh an den Ortholph. Schon lang war der gestorben, - an der Pest, wie er es ihm vorhergesagt hatte. Aus den Augen verloren hatte er ihn, gleich seit er fortmusste nach Graz, geschrieben hatten sie sich, aber nicht mehr gesehen. Drei Jahre später war er tot. Er vermisste ihn immer.

Schon als er jung war, gab er sich selber zu, staunte er manche Menschen an. Gleich als Kind hatte er welche gesehen, die ihm auffielen. War es die Bildung des Gesichts, war es die des Körpers, auch schöne Stimmen unterschied er bald. Später erkannte er, dass es eine harmonia war im Gesicht, in der Kopfform, im Körperbau, die ihn anzog. Da musste er hinstehen und schauen. Schwarze Haare, glänzende Augen, weiße Haut, auf den Augenlidern ein Schimmern wie von Schmetterlingsflügeln; ein Rätsel war es ihm. Beim Ortholph. Und so ging es dem mit ihm. Hübsche Knaben waren sie. Gleich und doch ganz anders. Der Ortholph mit den glatten schwarzen Haaren, dem länglichen Gesicht und dem hübsch geformten Kopf. Mit den glanzschwarzen Augen und der weißen Haut. Hingegen er auch schwarzhaarig, aber kraus, und die Augen hellbraun und durchsichtig, wie von einem Hund. Und die Haut im Gesicht – seit Kindertagen voll mit Narben. Wie die Venus ihren Weg gekreuzt hatte.

„Auf unsicherem Boden bewege ich mich“, dachte er und lächelte: „Pass lieber auf den Weg, du alter Hornochs“, sagte er zu sich selbst, „sonst fällst noch hin und verbollerst dir dein Berzel, schau lieber vor dich hin als in dich rein. Du holst ihn nicht mehr, den Ortholph, nicht in diesem Leben, und wenn du Glück hast, wart‘ er auf Dich drüben, und holt dich ab und weist dir den Weg. Sind schon einige dort, bald mehr als Lebige, die mir am Herzen liegen“.

Die Venus, der Morgenstern! Wie der berühmte Italiener ihn und alle Astronomen zum Narren gehalten hatte! Er hatte die Venus durch ein Fernrohr beobachtet und seine Entdeckungen gehütet wie einen Schatz. Ein Rätsel hatte er ihnen aufgegeben, indem er einen endlosen Buchstabenhaufen hingeworfen hatte; wahrscheinlich lachend. Und er hatte die Herausforderung angenommen: Auf Papier gemalt hatte er die Buchstaben, auseinandergeschnitten und zusammengelegt, bis ein Sinn herauskam. Aber der wollte nicht. Die merkwürdigsten Sätze bildeten sich, alle sinnlos. Lang ließ der Galileo ihn schmoren. Die Lösung war: „Die Venus ahmt die Phasen des Mondes nach“. Dass der Morgenstern der gleiche war wie der Abendstern, wussten die Sternkundigen schon lang. Aber nun diese Sensation. Der Italiener hatte durch sein Fernrohr gesehen, dass die Venus, der liebe Morgenstern, um die Sonne kreiste, zwischen Sonne und Erde. Und sie zeigte eine Sichelform, nahm ab und zu, wie der Mond. Damit war bewiesen, dass sie um die Sonne kreiste, genau wie die Erde. Auf dem Kirchturm von San Marco in Venedig hatte der Galileo das Fernrohr vorgeführt. Und ihm geschrieben, dass sich einige von den Patriziern geweigert hatten, hindurchzuschauen. Wütend ihm das Rohr aus der Hand schlagen wollten. Nicht sehen wollten, nicht wissen wollten.

Rüstig war der Wanderer ausgeschritten und hatte ein gutes Stück Weges zurückgelegt. Zu seiner Überraschung fing es unversehens an zu schneien; sachte; langsam sinkende Flocken blieben auf seinem schwarzen Ärmel hängen. Er blieb stehen, starrte auf die sechseckigen Kristalle. „Kommt ihr wieder, lieben Freunde? Mit Euch hab ich nicht gerechnet, jetzt grad bei diesem unruhigen Wetter, nochmal Schnee? Ich dachte, es bleibt kalt, trocken, aber Neuschnee?“ Der Schneefall hingegen blieb moderat; leise fielen die Flocken aus den grauen Wolken. Ihm war warm, und er dachte sich mit einer Atzung zu stärken, auf dem Weg. Aus dem Lederbeutel, den er vorne am Gürtel trug, holte er ein Stück Brot und Schwarzwurst, biss im Gehen kräftig hinein, kaute im Rhythmus seiner Schritte. Summte das Lied, aß auch von den Apfelschnitzen und war guter Dinge. Kam gut voran. Die Tritte kräftig auf dem lockeren Schnee, bei jedem Schritt ein Häufchen aufwerfend, wie Sand. „Kraft kost es schon“, dachte er, „mehr Kraft als auf der ebenen Straß‘, aber dafür ist es hell und kalt und der Wind vertrocknet meine Eiterbeulen, die ich noch hab. Viele sind es nicht mehr, nur die paar am Hinteren, und die in der Achsel, das merk‘ ich kaum beim Laufen. Bis ich in Tübingen bin, sind sie eingeschnurzelt, so hoff ich“.

Doch kaum war er um die Wegbiegung an einer großen Fichte gebogen und hatte im Gehen den letzten Apfelschnitz verspeist, hatte ihn im Hinunterschlucken in der Kehle eine Traurigkeit angefallen. „Wie ein Hund“, dachte er, „unversehens, von hinten, fällt sie dich an. Als ob sie hinter dem Baum gewartet hätte“. Dass es Trauer war, wusste er gleich, er erkannte sie am aufsteigenden Schluchzen in der Kehle und der Enge im Hals, die ihm das Luftholen schwer machte und ihn zwang, langsamer zu gehen. „Das Weh, wo kommt das jetzt her“, dachte er, zu alt und zu erfahren, um sich zu wundern. Denn Trauer war immer um ihn, wie ein großer Engel, begleitete ihn sein Lebtag treu. Grad wenn er dachte, es gehe stracks vorwärts, war frisch und wohlgemut, kam sie hinter einer Ecke vor, schlich sich an von hinten, setzte ihre Pfoten auf seine Schultern und hechelte ihren heißen Atem ins Gesicht, die stinkende Hündin, bis ihm die Tränen kamen.

Es war der Monat Februar, der Monat, in welchem ihm sein Sohn gestorben war, sein Friederich. Sein Liebling, sein Augenstern. „Ich seh‘ ihn noch liegen auf der kleinen Bettstatt, so schmal und klein war er unter der Decke, dass ich mich gewundert habe. Er ist doch schon sechs, dachte ich, und er liegt da wie ein Vierjähriges unter dem Leintuch. Friedrich, hab ich gesagt, ganz leise und zart, ihm die schwarzen Locken aus der Stirn gestrichen, die waren feucht vom Schweiß und von meinen Tränen, Friedrich, bleib da, du kommst durch, du hast das Fieber, das überstehst du, ich weiß ja wie es ist, ich kenn es, ich hab es auch gehabt, ich war damals vier, du bist schon sechs, Friedrich, und stärker als ich es damals war, bleib bei mir, geb nicht auf, habe ich geschluchzt, aber er ging, er starb, im hitzigsten Fieber, er hatte kein Bleiben, und er war doch schon Sechs. Mein Friedrich, mein Söhnchen, wie hat es mir das Herz gelupft vor Freude, wenn ich ihn sah. Das ist nicht recht, dass man ein Kind so liebt, ich dachte es mir gleich. Das ärgert die Götter, und die werden zornig. Ich hätt‘ es wissen müssen. Und auch im Februar die Katharina verloren, mein so hübsches Töchterchen. Zehn Jahr wär sie jetzt alt, und könnt ihrer Mutter schon zur Hand gehen. Nicht mein bester Monat, der Februar. Wieviel Tränen ich um die Kinder geweint habe, die zähl ich nicht. Soviel wie Stern am Himmel stehen. Elf wären es, elf Kinder, und geblieben sind mir nur sechs. Zwei von der Barbara, und vier von der Susanna. Der Ludwig von der Barbara, mein Ältester, den ich jetzt aufsuche, die Leviten ihm zu lesen. Dass er sparsam ist, und sich einteilt. Das Geld nicht in den Neckar schickt. Und dass er lernt, was er soll. Flausen hat er im Kopf, und großtun will er“.

Plötzlich tauchte an einem Markstein, wo sich von oben her die Wege kreuzten, ein Wanderer auf, ein langer Kerl, gekleidet wie er, schwarzer Mantel, Stiefel, Rucksack, aber jung, schloss sich ungefragt seiner Bahn an und unterbrach seine Erinnerungen. „Auf die Burg nach Asch gehe ich“, gab er willig Auskunft, „ich schau mich nach einer Arbeit um. Es heißt, sie suchen Handwerksburschen und Gehilfen auf dem Schloss, da will ich mich vorstellen. Mein Meister hat mich nicht behalten an der Lichtmess‘, hat mir den Vertrag nicht verlängert. Alles sei unsicher, meinte er, ob die Aufträg noch so hereinkämen im Frühjahr, wüsst er nicht. Der Geizhals. Er hatt‘ wohl Angst um seine Tochter. Genommen hätt ich die schon“, fügte er mit einem Lächeln an. „Hab ich mich jedoch nicht lange drucken lassen und bin los. Grad das beste Reisewetter ist nicht, aber ich komm schon hoch auf die Burg. Vor dem Nachmittag bin ich oben. Und du – wohin geht deine Reise, was hast du für ein Geschäft?“

Leichthin gesprochen die Worte, freundlich der Blick. Johannes lächelte zurück: „Drucker bin ich, Buchdrucker und Setzer, und Händler und Verkäufer. Und geschrieben hab ich es, das Buch“, fügte er an. „Und gerechnet, beobachtet, ausgewertet, mir den Kopf verbrochen auch“. Der andere meinte nicht anders, als ob er einen Scherz sich mit ihm erlauben wolle. Buchdrucker. Allerdings, so hätt er sie sich vorgestellt, die Buchdrucker. Bücher! In der Hand gehalten hatte er noch keins. Wozu auch. Pflasterer war er, und Maurer; was er wusste, hatte ihm sein Lehrmeister gezeigt. „Hast denn wenigstens ein Auskommen damit“? frug ihn der Weggefährte, und der Angesprochene, den Mund verziehend, meinte „Auskommen schon. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Es passt schon. Ich brauch nicht viel. Ich könnt auch in einem Fass leben“. Und mit einem Seitenblick: „Weißt schon, wie der alte Diogenes, Paar Zwieback, Handvoll Zwetschgen, abends ein Krügel Wein. Die Frau mit den Kindern hat auch alles. Die Speisekammer ist voll mit Getreide, ganze Lagen mit Eiern hat sie, Fett, Linsen, Bohnen und Hirse. Brot ist da und Stoff für die Kleider genug. Brennholz wird gebracht. Frieren müssen sie nicht“.

Und weil ihn der andere mit fragend erhobenen Augenbrauen musterte, kam ihm die Stimmung, dass er ihm ein weiteres erzählen könnte. Es ging sich leicht, mit diesem Weggenossen, gern hätt er ihn ein Stück Weges noch behalten, und warum nicht, dachte er, warum sollte er ihm nicht ein Weniges von sich erzählen. Ob ihm der andere glauben würde, konnt‘ ihm gleich sein. „Ich komm aus einer Gastwirtschaft“, hub er an „meine Älteren und Vorderen waren Wirtsleute, beiderseits, die Mutter wie der Vater. Und Bürgermeister. Ein schönes Wappen haben wir, es zeigt eine Rüstung mit einem Engel, der ein blaues Tuch hält; Färber waren es und Kürschner; vormalen waren sie Geadelt, aber nachher haben sie’s wieder verschlampert, das Privileg. Rechtschaffene Leute, aber händelsüchtig, wie die meisten von dem Flecken dort. Hitzköpfe. Weil ich zum Arbeiten nicht taugte, durfte ich auf die Schul, auf die Lateinschul. Mir ist das Lernen leichtgefallen, kaum musst ich zweimal hinschauen, konnt ich es schon auswendig. Auf dem Acker bin ich öfters umgefallen. Ich hab gezackert und gejätet, die Schollen gerechelt und gehackt, aber kaum war es Mittag, haben mir die Händ gezittert und die Füß‘, das Essen musst ich wieder von mir geben, und die Beine waren wie Wachs. Bin niedergesunken und war untauglich. Haben sie sich eine Weile das angeschaut, geschumpfen und mich verhauen, und wie’s dennoch nicht besser wurde, mich nachher in die Schul geschickt. Ich hab gelernt, was das Zeug hält, eifrig war ich und schnell, alles besser als auf den Acker, dachte ich. Gestaunt haben sie, wie gut ich da war. Der Ioannes Kepler von Löwenberg, so hab ich unterschrieben die Immatrikulation in Tübingen. Meine Mutter, wie sie gelacht hat. Fast ausgeschüttet vor Lachen hat sie sich. „Der Leo, der Leo, der Leomontanus“, hat sie gerufen und ist in der Stube umhergetanzt, und das hat sich in ihr festgesetzt, und seither war ich ihr Leo. Der Löwe vom Leonberg.

Seitenblickend schaute er auf die Miene des Weggefährten; dieser sah nicht auf, gab auf seinen Weg Acht. „Und weiter?“ frug der – „das müsst ein Weilchen her sein seit der Schul, wie ging es weiter?“

„Na der hat die Neugier ja mit den Löffeln gefressen, warum der so naseweis fragt, pass auf, gleich will er wissen, wieviel Geld du dabeihast“ dachte er, und griff vorsichtshalber an den Geldbeutel, den er vorn am Gürtel trug, aber da er im Schwung war, und ihm der Junge wohl gefiel, fuhr er fort: „Nach der Lateinschul war ich in Tübingen auf dem Stift zum Studieren, da war es mir zum ersten Mal wohl. Da war es nicht mehr so streng; ich hab gelernt und gelesen, disputiert und gestaunt. Dann haben sie mich weggeschickt nach der Steiermark, nichtmal die Prüfung in der Theologie hab ich machen dürfen. Aber wenn ich damit anfang, das gibt ein langes Stück“, sagte er lachend. „Das langt uns bis Straßburg, das lass ich jetzt weg. Aber weiter: In Graz war ich Lehrer, dann musste ich dort fort, Du weißt schon, die Katholischen, oder wenn du es nicht weißt: die Päpstischen haben die Evangelischen verjagt, außer Landes vertrieben. Nach Tübingen zurück durfte ich nicht, denn dort haben sie mich nicht wollen, dann kam ich nach Prag. Zu einem hochberühmten Mann, das sagt dir jetzt nix, wenn ich dir sein Namen sag. Mathematikus des Kaisers wurde ich da“, fügte er leiser an, denn der Weggefährte, das leuchtete ihm ein, würde es nicht fassen können. „Der Zahlenminister des Kaisers, über zehn Jahre. Dann starb der Kaiser, dann musste ich fort aus Prag, endgültig wollten sie mich nicht in Tübingen, dann ging ich nach Linz, und blieb dort bis im Oktober, dann musste ich da auch fort. Die Bauern, weißt schon, hauen, zünden und stechen und setzen alles in Brand. Krieg ist!“.

Er atmete durch und merkte, dass er zitterte.

„Ja hat Er denn auch wo bleiben dürfen“, wechselte der Junge die Anrede, zwischen Staunen und Ehrfurcht schwankend, „scheint mir viel Fortgemussthaben für ein halbes Leben. Die zweite Hälfte kommt ja noch“, fügte er höflich an, denn er hatte wohl gesehen, dass der Andere mühsamer die Füße hob im schweren Schnee und im Gehen immer wieder die Stirn strich, die schweißige. Auch schien er aufgewühlt.

„Ich bin es nicht anders gewohnt“, sagte der Angesprochene unwirsch, „schon als Kind musste ich immer fort. Ein Elternhaus kenne ich nicht. Aber an die Stube bei der Großmutter erinnere ich mich. Und an die Wirtschaft beim Großvater, dem vaterseitigen. Wenn ich es überleg, bin ich recht in Wirtschaften groß geworden, in Schankstuben. Ich musste Aushelfen, den Gästen die Krüge bringen und die Vesperteller. Und die Kotzeeimer. Keine zwei Jahre war ich am selben Fleck. Das ganze Alphabet könnt ich legen mit den Orten, an denen ich schon war“. Und spöttisch seitenblickend zum Jungen: „Und du, kommst aus Augsburg, da hast ja schon den Anfang. Nein ich prahle nicht. Dass ich so viel gereist bin, hab ich müssen. Wer macht sich schon freiwillig auf den Weg. Es kost nur Geld, und am schlimmsten, die Zeit. Entweder musst‘ ich aber von wo weg, ohne meinen Wunsch, oder ich musste jemand hinterher. Oder vor etwas weg. Vor der Pest bin ich geflohen, von den Aufständischen wurde ich vertrieben, dem Kaiser musst ich hinterher oder mit ihm“.

Verzog den Mund und meinte: „drei Kaiser waren‘s, genaugenommen, das glaubst ja eh nicht“. Schaute dem Jungen ins Gesicht und fand ein freundliches Nicken. „Doch, ich glaub’s“, sagte jener, „und wir sind ja auf dem Weg. Augsburg hab ich, das ist wahr, jetzt geh ich nach Asch, und dann nach Blaubeuren, wie es später mit dem C weitergeht, das sehe ich noch. Aber du“, sagte er sinnend, „das hat ja doch einen Haufen Buchstaben, das Alphabet, wenn ich es noch recht weiß aus der Schul‘ – das glaub ich nicht aufs Erste, dass du alle Städte zusammenkriegst“. Und der Angesprochene lachte und schnurrte wie in einem Aufzählreim daher: „Jetzt pass mal auf und buchstabier mit mir: Augsburg, Blaubeuren – da kommen wir gleich hin – Calw im Schwarzwald, Dillingen, Esslingen, Frankfurt, Graz, Heidelberg, Ingolstadt, Jagstzell, Kempten, Linz, Memmingen, Nürnberg, O Passau, nein lass mich lieber sagen Prag, Q“ – er lachte auf und sagte mit einem kleinen Seitenblick: „Kunstadt“; fuhr dann fort: „Regensburg, Stuttgart, Tübingen, Ulm, Weyl und Wien, X“ – er sagte ‚Icks‘ – „und Ybbs, da staunst du jetzt, dass ich was hab mit Ypsilon, Z wie Zwickau und Zittau“.

Das Gelächter der Wanderer schallte durch den Wald. In Wippingen, kurz vor der Kirche, trennten sich ihre Wege. Rechts hoch nach Asch hielt sich der Junge. Johannes gab ihm ein Stück von der Schwarzwurst und einen Apfel mit auf den Weg, sie winkten sich, freundschaftlich. Beide hatten noch etwas zum Lachen auf ihrem Weg.

Ab Wippingen ging es leicht dahin, wie auf einem Schlitten. Eine ganze Weile ging er auf dem schönen Höhenzug, bewunderte den ruhigen weißen Landstrich. Richtig wohl war ihm. Indessen wurde ihm nach einer Weile gewahr, dass der Weg, der anfangs so gemächlich nach oben gegangen, sich wieder nach unten neigte und nach einigen engen Kurven unleugbar steil abwärts führte: ...

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