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Job gesucht – Familie gefunden

PROLOG

Maizie Sommers lehnte sich in ihrem Drehsessel zurück und musterte die modisch gekleidete Frau, die mit entschlossenem Gesicht in ihr Büro marschiert war. Seit ihre Besucherin aufgetaucht war, hatte die Immobilienmaklerin kein Wort gesagt. Das war jetzt zehn Minuten her, und die Frau redete noch immer auf sie ein.

Ruth Cassidy war drei Jahre älter als sie und nicht gekommen, um ein Haus zu kaufen oder zu verkaufen. Sie war hier, weil sie einen Mann brauchte. Genauer gesagt, einen Ehemann. Und zwar für ihre hübsche und äußerst wählerische achtundzwanzigjährige Tochter.

Obwohl Maizie die Nichte ihres verstorbenen Ehemanns in den letzten fünfzehn Jahren nur selten gesehen hatte, mochte sie Kennon sehr.

Ruth dagegen war ihr nicht so sympathisch. Aber daran war Ruth selbst schuld. Von Anfang hatte sie keinen Zweifel daran gelassen, dass Maizie in ihren Augen nicht gut genug für ihren älteren Bruder Terrence war. Im Gegensatz zu Maizie hatte Ruth ihn niemals Terry genannt.

Sie sprach noch immer und schien so schnell nicht aufhören zu wollen.

Maizie stand auf, ging ans Fenster und schaute suchend auf die Hauptstraße hinaus.

Verblüfft drehte Ruth sich zu ihrer Schwägerin um. „Was tust du da?“, fragte sie scharf.

Maizie würdigte sie keines Blicks, sondern starrte weiter nach draußen. „Ich will sehen, welcher von den Reitern als Erster kommt.“

„Welche Reiter? Was redest du da?“ Ruth stellte sich neben sie und starrte verwirrt auf den Verkehr, der mitten am Vormittag gemächlich vorbeiströmte.

„Die vier Reiter der Apokalypse“, antwortete Maizie und betrachtete Ruth. Ihre Schwägerin sah noch immer gut aus. Und sie hielt sich noch immer für etwas Besseres. „Du bist hier, redest mit mir und bittest mich sogar um einen Gefallen. Das kann nur bedeuten, dass die Hölle zufriert oder der Weltuntergang kurz bevorsteht. Und die Hölle kann ich von hier aus nicht sehen.“

Ruth kniff die Augen zusammen und seufzte dramatisch. „Sehr witzig. Aber das habe ich mir vielleicht selbst eingebrockt, was?“

„Vielleicht?“, wiederholte Maizie sanft.

Ruth hob die Hände. „Okay, okay, ich bin selbst schuld, ich weiß.“ Ihr war deutlich anzusehen, wie schwer ihr die nächsten Worte fielen. „Es tut mir leid, aber ich fand nun mal, dass Sandra Herrington für meinen Bruder die bessere Wahl gewesen wäre. Sie war reich und stammte von den Pilgervätern ab. Ihre Vorfahren sind auf der Mayflower aus England nach Amerika gekommen.“

Maizie kannte den Stammbaum ihrer einstigen Rivalin. Und Terry hatte ihr oft genug dafür gedankt, dass sie ihn vor Sandra Herrington und einem Leben in unendlicher Langeweile bewahrt hatte. „Ja, ich weiß“, sagte sie.

Ruth runzelte die Stirn. „Ich habe mich geirrt, okay?“

Maizie hatte sich nie für ein Genie gehalten, aber sie war nicht naiv. „Das sagst du nur, weil du meine Hilfe brauchst.“

Ruth schien widersprechen zu wollen, doch dann zuckte sie hilflos mit den Schultern. „Vielleicht hätte ich nicht herkommen sollen, aber ich habe gehört, dass du und deine Freundinnen nebenbei so eine Art Partnervermittlungsagentur betreibt …“

Maizie schüttelte den Kopf. „Es ist keine Agentur. Theresa, Cecilia und ich haben beruflich mit vielen Menschen zu tun.“ Die drei Frauen kannten sich seit der dritten Klasse. „Deshalb haben wir einfach nur die Augen aufgehalten. Für den Fall, dass wir jemandem begegnen, der möglicherweise zu einer unserer Töchter passt.“

Sie lächelte zufrieden. Die Kundenlisten nach geeigneten Kandidaten zu durchforsten war ihre Idee gewesen. Und sie hatten damit Erfolg gehabt. Inzwischen lebten ihre drei Töchter und Theresas Sohn Kullen in festen Beziehungen und waren jeweils glücklich liiert oder schon verheiratet. „Und es hat sich gelohnt“, fügte sie stolz hinzu.

Ruth setzte sich wieder und warf Maizie einen flehentlichen Blick zu. „Ich brauche jemanden für Kennon. Sie hat so viele Jahre an einen schrecklichen Mann vergeudet, der sich aus heiterem Himmel in eine andere Frau verliebt und sie von einem Tag zum anderen sitzen lassen hat. Seit einem Jahr arbeitet sie nur noch und hat kein einziges Date gehabt. Ich möchte nicht, dass sie allein bleibt.“

„Kein einziges Date?“, wiederholte Maizie. Du meine Güte, das kam ihr bekannt vor. „Und sie hat es dir erzählt?“

„Eine Mutter weiß so etwas einfach.“ Ruth berichtete, dass sie Kennons Assistenten Nathan ausgehorcht hatte. Sie hatte ihn mit ihrem Kokoskuchen bestochen.

In Maizies Kopf arbeitete es bereits. In ihr regte sich der jahrhundertealte Instinkt. „Hat Kennon noch ihr Einrichtungsgeschäft?“

„Sie wohnt praktisch dort.“ Hoffnungsvoll beugte Ruth sich vor. „Warum fragst du?“

„Zufällig habe ich ein sehr schönes, aber vollkommen leeres Haus an einen Witwer verkauft, der dort gerade eingezogen ist. Er braucht dringend jemanden, der es ihm einrichtet.“ Sie legte die Hände auf die Tastatur ihres Computers und holte sich die benötigte Information auf den Bildschirm. „Er kommt aus der Gegend von San Francisco und hat zwei kleine Töchter.“ Sie wartete auf die Reaktion ihrer Schwägerin.

Ruths Augen wurden groß. „Zwei Töchter. Das verschafft mir einen Vorsprung. Ich wäre praktisch schon Großmutter. Damit kann ich leben.“ Sie lächelte. „Womit verdient er seinen Lebensunterhalt?“

Maizie lächelte. „Er ist Herzchirurg.“

„Ein Arzt?“ Ruths Augen leuchteten. „Maizie, ich glaube, ich liebe dich. Und ich verzeihe dir alles.“

„Gut zu wissen“, sagte Maizie trocken.

Aber wie immer entging der Schwester ihres verstorbenen Ehemanns der sarkastische Unterton.

Manche Dinge ändern sich nie, dachte Maizie, während sie schon nach Dr. Simon Sheffields Handynummer suchte.

1. KAPITEL

„Warst du etwa die ganze Nacht hier?“

Etwa zehn Sekunden, nachdem er das Licht eingeschaltet hatte, starrte Nathan LeBeau entgeistert auf die junge Frau, die es sich auf dem weißen Ledersofa im Büro des Einrichtungsgeschäfts so bequem wie möglich gemacht hatte. Seine schlanke, aristokratische Hand lag auf der schmalen Brust, als hätte er Angst, sein Herz könnte zerspringen.

„Wie soll ich dich denn mit meinem unermüdlichen Fleiß beeindrucken, wenn du deine Nächte hier verbringst?“ Er ging ans einzige Fenster und öffnete die hellblaue Jalousie. „Du kannst von Glück sagen, dass du nicht gerade 911 wählst.“

„Warum sollte ich 911 wählen?“, murmelte Kennon Cassidy blinzelnd und rieb sich den schmerzenden Nacken.

„Weil du mich halb zu Tode erschreckt hast.“ Nathan warf sein dunkelbraunes Haar über die Schulter. Er trug es so lang, um wie ein begnadeter Dirigent auszusehen.

Kennon Cassidy, seine Arbeitgeberin, aber eigentlich eher seine gute Freundin und Förderin, setzte sich auf und sah ihren hochgewachsenen und manchmal recht anstrengenden Assistenten an. „Wie spät ist es?“

Nathan betrachtete sie. „Ich würde sagen, es ist eine ganze Weile her, dass deine Kutsche sich in einen Kürbis verwandelt hat.“

Kennon lächelte. „Nathan, du guckst einfach zu viele Märchenfilme.“

„Nicht freiwillig. Etwas anderes dürfen Rebecca und Stuart sich nicht ansehen, wenn ich auf sie aufpasse. Ich kann es kaum erwarten, dass die beiden in die Pubertät kommen und gegen meine biedere Schwester rebellieren.“

Nathan stützte eine Hand auf die Hüfte und musterte die schlanke, etwas zerzaust aussehende Blondine, die ihn vier Jahre zuvor trotz seiner zwei linken Hände eingestellt hatte. „So kann es nicht weitergehen, weißt du?“

Ihre Blicke trafen sich. „Stimmt. Als Erstes muss ich diesen süßlichen Geschmack auf der Zunge loswerden. Ich bin nämlich mit einem Hustenbonbon im Mund eingeschlafen.“ Kennon stand auf, betrachtete ihr Spiegelbild im Fenster und schüttelte sich. Sie sah grauenhaft aus. Sie unterdrückte ein Gähnen und versuchte sich zu erinnern, wann sie eingeschlafen war. „Ich wollte mich nur mal eine Minute hinlegen und die Augen zumachen.“

„Aus der Minute sind Stunden geworden.“

„Wie spät ist es?“, wiederholte sie. „Im Ernst.“

„Morgen“, antwortete er. Sie runzelte die Stirn. „Wenn du es genau wissen willst, wir haben Dienstag. Acht Uhr dreißig. Vierter Mai. Im Jahre des Herrn zweitausendund…“

Kennon hob eine Hand. „Ich weiß, welches Jahr wir haben. Ich bin nicht Rip Van Winkle.“

„Bei dem hat es auch damit angefangen, dass er nur ein kurzes Nickerchen machen wollte.“ Nathan warf einen Blick in das aufgeschlagene Skizzenbuch, das auf dem Schreibtisch lag. „Hast du an den Entwürfen für das Haus der Prestons gearbeitet?“

Das hatte sie vorgehabt. Aber eigentlich hatte sie eher an ihrem Selbstwertgefühl gearbeitet. Obwohl sie Nathan wie den Bruder liebte, den sie nie gehabt hatte, wollte sie das Thema mit ihm nicht vertiefen.

Es war schon schlimm genug, dass ihr Assistent ihre Trennung von Pete mitbekommen hatte. Genauer gesagt, Petes Trennung von ihr. Zugegeben, sie war nicht gerade bis über beide Ohren in den Mann verliebt gewesen, aber es beunruhigte sie, dass sie nichts gemerkt hatte.

Nach zwei gemeinsamen Jahren hatte Pete eines Morgens verkündet, dass er sich in eine andere Frau verliebt hatte. In eine Blondine ohne Gewissen, aber dafür mit großem Busen, die er noch dazu sechs Wochen später geheiratet hatte. Dass die beiden jetzt auch noch ein Kind bekamen, hatte sie härter getroffen, als sie erwartet hatte.

„Ja, das habe ich“, erwiderte sie, dankbar für die Ausrede, die Nathan ihr lieferte. „Ich habe am Haus der Prestons gearbeitet.“

Er schob das Skizzenbuch zur Seite. „Okay, lass mal sehen.“

Leider gab es nichts zu sehen. Im ersten Jahr auf dem College hatte sie bessere Ideen gehabt als jetzt. „Was?“

„Deine Entwürfe.“

„Ich glaube, du verwechselst da etwas, Nathan. Ich unterschreibe deine Gehaltsschecks, nicht du meine.“

„Dir ist nichts eingefallen, oder?“, fragte er.

Sie zuckte mit den Schultern und wich seinem Blick aus. „Nichts, was meine Zeit wert wäre.“

„Mal wieder, was?“ Er ging um sie herum und schaute ihr ins Gesicht.

Kennon wusste, dass Nathan es nur gut meinte, aber im Moment ging er zu weit. „Nathan, ich habe schon eine Mutter. Zwei Mütter brauche ich nicht.“

„Ich bin nur ein Freund, der nicht will, dass du einem Kerl nachtrauerst, mit dem du dich gar nicht erst hättest abgeben dürfen.“

Aber sie hatte sich mit ihm abgegeben. Zwei Jahre meines Lebens, dachte sie wütend. „Ich will nicht über ihn reden.“

Nathan nickte anerkennend. „Ich auch nicht. Jetzt spritz dir etwas Wasser ins Gesicht, leg Make-up auf und zieh dich um“, befahl er und öffnete einen Schrank, der normalerweise Hängeordner, zurzeit jedoch einen marineblauen Rock mit Nadelstreifen und ein weißes Top mit kurzen Ärmeln enthielt.

Er nahm die Sachen heraus, reichte sie ihr und schob sie aus dem Büro. „Wir wollen doch, dass du dich von deiner besten Seite zeigst.“

Kennon blieb stehen. „Wir? Wen genau meinst du damit?“

„Dich und mich natürlich“, erwiderte er mit Unschuldsmiene. „Bist du am frühen Morgen immer so misstrauisch?“

„Nur wenn du mich herumkommandierst.“

„Schön.“ Nathan wich zurück. „Wenn du lieber wie ein ungemachtes Bett aussehen und unsere Kunden abschrecken willst. Mir doch egal. Ich kann mich auch wieder auf die Couch meiner Schwester legen und mich von den kleinen Monstern als Trampolin missbrauchen lassen.“

Seufzend gab sie auf. „Ich spritze mir Wasser ins Gesicht, lege Make-up auf und ziehe mich um.“

„Braves Mädchen.“

Kennon verschwand im hellblau gekachelten Bad und schloss die Tür.

„Übrigens!“, rief er ihr nach. „Du bist in einer Stunde mit einem neuen Kunden verabredet. In Newport Beach.“

In einer Stunde? Kennon hasste es, sich abhetzen zu müssen.

Und dann fiel ihr etwas ein. „Ich habe für heute Vormittag gar keinen Termin abgemacht.“

„Aber ich.“

Nicht, dass Nathan keine Termine vereinbaren durfte. Aber wenn er es tat, informierte er sie immer. Genauer gesagt, er prahlte damit, denn er war äußerst stolz darauf, dass er sein Gehalt wert war und neue Kunden an Land zog.

„Wann? Ich war gestern den ganzen Tag hier – und die ganze Nacht – und habe nicht gehört, dass du einen Termin vereinbart hast. Und es hat auch niemand hier angerufen.“

„Es ist so etwas wie eine Überweisung.“

Inzwischen hatte Kennon sich umgezogen. Sie öffnete die Tür, warf Nathan einen fragenden Blick zu und legte Make-up auf. „So? Von wem?“ Ihre Wangen waren blass. Sie brauchte dringend etwas Sonne.

„Ist das wichtig? Hauptsache, wir haben einen neuen Kunden. Einen glücklichen und zufriedenen Kunden.“

Sie legte den Lippenstift hin. Hier war etwas faul. „Von wem?“, wiederholte sie.

„Ursprünglich von deiner Tante Maizie.“

„Ursprünglich.“ Warum gab Nathan sich so geheimnisvoll? „Und der Vermittler ist …?“

„Für dich uninteressant“, unterbrach er sie.

„Nathan. Wer ist diese rätselhafte Person, und warum um alles in der Welt machst du es so spannend?“, fragte sie scharf.

„Der Vermittler ist deine Mutter“, murmelte er. „Zufrieden?“

„Meine Mutter?“, wiederholte Kennon verblüfft. „Und Tante Maizie? Die beiden reden miteinander? Seit wann das denn?“

Das konnte nicht sein. Ihre Mutter sprach nicht mit ihrer Tante. Kennon und Nikki, ihre Cousine und Maizies einzige Tochter, vermuteten, dass es damit zu tun hatte, dass Ruths Bruder die falsche Frau geheiratet hatte. Anstatt sich – wie Ruth es wollte – für Sandra Herrington zu entscheiden, hatte er Maizie geheiratet. Ruth war überzeugt gewesen, dass Maizie nicht gut genug für ihn war.

Kennons Mutter war nicht die Einzige gewesen. Aber Kennon vergötterte ihre Tante und hatte Nikki mehr als einmal versichert, wie sehr sie sie um ihre unkonventionelle Mutter beneidete.

„Wenn du tauschen möchtest, sag Bescheid“, hatte Nikki erwidert, weil ihre Mutter sie mal wieder unter die Haube hatte bringen wollen. Inzwischen beklagte sie sich nicht mehr, denn mittlerweile war Nikki mit einem einfühlsamen und noch dazu äußerst attraktiven Mann verheiratet.

Kennon hatte gehört, dass Tante Maizie daran nicht ganz unschuldig war.

Wenigstens das kann ich meiner Mutter nicht vorwerfen, dachte Kennon lächelnd. Ruth Connors Cassidy war auf dem Gebiet nicht aktiv. Jedenfalls nicht mehr, seit die Söhne ihrer Freundinnen nicht mehr auf dem Markt waren.

Aber Tante Maizie konnte einfach nicht davon lassen. Was, wenn ihre Mutter zu Tante Maizie gegangen war, um …

Nein. Kennon zügelte ihre Fantasie. Das würde ihre Mutter nicht tun. Außerdem war das Thema Männer für sie erledigt. Zur Hölle mit ihnen. Außer Nathan. Aber der war für sie wie ein Bruder.

Stirnrunzelnd betrachtete sie sich in dem kleinen ovalen Spiegel über dem Waschbecken. „Ich sehe schrecklich aus. Warum gehst du nicht für mich?“

Nathan schüttelte den Kopf. „Erstens stimmt das nicht, und zweitens besteht der Kunde darauf, mit der Chefin zu sprechen. Falls dein Verstand noch etwas vernebelt ist, darf ich dich darauf hinweisen, dass dieses Geschäft dir gehört.“

„Was weißt du noch über ihn?“

„Nur, dass deine Tante ihm das Haus verkauft hat und der Mann noch keine Möbel besitzt. Er will, dass du es ihm einrichtest.“

Na ja, vielleicht war das hier genau das, was sie brauchte. Ein neues Projekt. Ein komplettes Haus einzurichten, könnte ein beträchtliches Honorar einbringen. „Okay, gib mir die Adresse, dann mache ich mich auf den Weg.“

„Hier ist sie.“ Nathan zog einen Zettel aus seiner Westentasche. „Ich habe dir sogar eine Straßenkarte ausgedruckt.“ Er entfaltete den Zettel und gab ihn ihr. „Schließlich weiß ich, dass du mit der modernen Technik auf Kriegsfuß stehst.“

„Das stimmt überhaupt nicht“, widersprach sie. „Ich lasse mir nur ungern von einem Navigationsgerät vorschreiben, wie ich fahren muss.“ Kennon warf ihm einen finsteren Blick zu. „Du kommandierst mich schon genug herum.“

„Das liebst du doch“, erwiderte er ungerührt.

„Gut, dass du mich immer wieder daran erinnerst.“

Das dachte Kennon auch dann noch, als sie im Wagen saß. Obwohl es zum Haus, das sie einrichten sollte, nur sieben Meilen waren, fühlte sie sich, als hätte sie dreißig hinter sich. Auf einer schlechten Straße. Einen neuen Kunden zu treffen war das Letzte, was sie jetzt wollte. Aber in ihrer Situation war kein Auftrag zu klein. Und Nathan hatte erzählt, dass der Mann genug Möbel brauchte, um das ganze Haus zu füllen. Hoffentlich hatte es mehr als ein Zimmer.

Kennon, wo ist dein Optimismus geblieben? Wie konntest du bloß zulassen, dass dieser Mistkerl dich so aus der Bahn wirft? Nathan hat recht. Die Trennung war ein Geschenk des Himmels. Sie hat dich davor bewahrt, einen Riesenfehler zu begehen. Du hast nicht Pete geliebt, sondern das Bild, das du dir von ihm gemacht hast! Jetzt vergiss ihn endlich!

Nach einem Blick auf Nathans Karte bog sie rechts ab. Gleich hinter der Ecke stand ein imposantes Haus mit zwei Stockwerken.

Kennon stieg aus, ging zur hohen Eingangstür und läutete. Im Haus erklangen die ersten Takte von Verdis Zigeunerchor.

Na ja, wenigstens ist es kein Trauermarsch, dachte sie.

2. KAPITEL

Stirnrunzelnd zog Simon Sheffield sich hastig an. Sein Wecker hatte nicht geklingelt. Oder falls doch, so hatte er ihn im Halbschlaf ausgeschaltet, um dem störenden Geräusch zu entgehen.

Kaum war er wach, kehrte die innere Unruhe zurück. Sofort stellte er sich wieder die Frage, die ihn seit einer Woche quälte. War es ein kolossaler Fehler gewesen, die Mädchen aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen und hierher umzuziehen?

Aber hatte er überhaupt eine andere Wahl gehabt? San Francisco war voller Erinnerungen, und Simon gehörte nicht zu den Menschen, die in Erinnerungen Trost fanden. Im Gegenteil, sie taten ihm weh.

So sehr, dass es ihm schwerfiel, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Und in seinem Beruf durfte er sich durch nichts und niemanden ablenken lassen.

Aber immer wieder musste er an Nancy und all die Dinge denken, die sie zusammen unternommen hatten, all die Pläne, die sie gemeinsam geschmiedet hatte. Nancy war das Licht seines Lebens gewesen. Und im Leben all derjenigen, die sie gekannt hatten. Nancy war die Verkörperung von Hoffnung und Zuversicht gewesen, ein Mensch, der mit einer Berührung und einem Lächeln heilen konnte. Eine Frau, für die nichts unmöglich war.

Aber selbst sie konnte nicht von den Toten auferstehen.

Und er war schuld an ihrem Tod.

Weil sein Pflichtgefühl und sein Anstand ihn davon abgehalten hatten, das Versprechen zu halten, das er den Ärzten ohne Grenzen gegeben hatte. Als begabter und begehrter Herzchirurg hatte Simon sich sofort bereit erklärt, fünfzehn Tage an der Ostküste Afrikas zu arbeiten. Doch als er abreisen sollte, hatte es bei Jeremy Winterhaus, einem seiner Patienten, nach einer Bypass-Operation gesundheitliche Probleme gegeben. Simon hatte sich für Mr Winterhaus verantwortlich gefühlt und die neue OP keinem Kollegen überlassen wollen.

Nancy, selbst Ärztin, hatte ihn gedrängt, bei seinem Patienten zu bleiben, war sofort eingesprungen und an seiner Stelle nach Ostafrika geflogen.

Und drei Tage später ums Leben gekommen, als nach einem starken Seebeben ein Tsunami die Küstenregion überschwemmt und sie und über zwei Dutzend Menschen mit sich fortgerissen hatte.

Edna hatte frühmorgens an seine Tür geklopft und ihm mit rot geweinten Augen die schreckliche Nachricht überbracht. Edna O’Malley war früher Nancys Nanny gewesen und kümmerte sich jetzt um seine beiden Töchter Madelyn und Meghan. Sie war ins Schlafzimmer gekommen und hatte mit ihrer sanften, leisen Stimme erzählt, was passiert war. Von einer Sekunde zur anderen war die Welt, die er kannte, zerstört.

„Unsere Nancy ist von einem Tsunami aufs Meer hinausgerissen worden, Doctor“, hatte sie gesagt.

Fassungslos hatte er sie angestarrt und gewusst, dass nichts mehr so sein würde, wie es gewesen war.

Dreizehn Monate später war die Wunde in seinem Herzen noch immer nicht verheilt. Er wusste, dass er irgendwo von vorn anfangen und die schmerzhaften Erinnerungen tief in sich einschließen musste, bis er stark genug war, sich ihnen zu stellen. Er durfte so nicht weitermachen, das war er seinen Töchtern schuldig.

Weil auch sie ihn an Nancy erinnerte, hätte er Edna am liebsten in San Francisco zurückgelassen. Aber er brauchte jemanden, der die Mädchen betreute, wenn er im Krankenhaus war. Jemanden, dem er vertraute. Als Herzchirurg hatte er keinen geregelten Arbeitstag und keine Zeit, ein neues Kindermädchen zu suchen.

Außerdem brauchte auch Edna eine Aufgabe, die ihr half, die Trauer zu überstehen. Simon wusste, dass sie Nancy über alles geliebt hatte. Und sie liebte die Mädchen. Alle drei zu verlieren hätte die Frau umgebracht, und er wollte nicht noch einen Menschen auf dem Gewissen haben.

Morgens aufzustehen fiel ihm noch immer unglaublich schwer. Denn wenn er die Augen aufschlug, vergaß er für den Bruchteil einer Sekunde, was geschehen war.

Aber dann kehrte die Erinnerung zurück. Mit einer solchen Wucht, dass es ihm einen Moment lang den Atem raubte. Aber nach und nach wurde es einfacher. Nicht besser, nur einfacher. Mehr konnte er sich nicht erhoffen, das war ihm klar.

Wenn er seinen Patienten und der Klinik, in der er arbeitete, nützen wollte, musste er ein neues Leben beginnen. Und daher war es keine gute Idee, zur ersten Besprechung mit Dr. Hale, dem Chefarzt der Chirurgie im Blair Memorial, zu spät zu kommen.

Als die Türglocke sich mit ihrer grässlichen Melodie meldete, zuckte er zusammen.

Was denn noch? Verärgert schlüpfte Simon in seine Jacke und stopfte die fertig gebundene Krawatte in die Tasche. Er hasste die Dinger und trug sie nur, wenn es sich absolut nicht vermeiden ließ.

Ein Niesen verriet, dass Edna bereits auf dem Weg nach vorn war. Obwohl sie behauptete, dass es ihr gut ging, kündigte sich bei ihr eine schwere Erkältung an.

Immer wenn es regnet …

„Ich gehe schon, Edna!“, rief er. Sie hatte so früh schon alle Hände voll zu tun. Madelyn war acht, Meghan sechs, und die beiden für die Schule fertig zu machen, war harte Arbeit.

Doch als typisch englische Nanny war Edna trotz ihrer siebenundsechzig Jahre nicht zu bremsen. Nicht dick, aber auch nicht gerade schlank, eilte sie in ihren altmodischen, äußerst praktischen Schuhen durchs Haus. „Ich bin noch nicht tot, Doktor“, erwiderte sie spitz und unterdrückte ein Husten.

Simon schüttelte den Kopf. „Wenn Sie so weitermachen, sind Sie es bald.“

Edna warf ihm einen tadelnden Blick zu. „Ich hoffe, dass Sie Ihre Patienten einfühlsamer behandeln, Doktor.“ Sie öffnete die schwere Tür und musterte die junge Frau, die davor stand, von Kopf bis Fuß. Dann wandte sie sich ab und nieste lauter, als man es einer Person ihrer Größe und Figur zugetraut hätte.

„Gesundheit“, sagte Kennon. „Ich bin mit Dr. Simon Sheffield verabredet.“

Edna nieste zum dritten Mal, zog ein Taschentuch heraus und putzte sich die Nase, bevor sie die junge Besucherin erneut einer kritischen Betrachtung unterzog. Sie zerknüllte das Taschentuch und stopfte es in die Schürze. „Ich fürchte, der Doktor macht keine Hausbesuche, Miss. Nicht einmal in seinem eigenen Haus. Sie müssen sich schon an seine Sprechzeiten im Krankenhaus oder in der Praxis halten.“

Hier liegt ganz offenbar ein Missverständnis vor, dachte Kennon. „Aber ich bin nicht krank“, begann sie. Weiter kam sie nicht.

„Schön für Sie“, erwiderte die Nanny und senkte die Stimme. „Mir geht es leider nicht so gut.“

Kennon setzte eine mitfühlende Miene auf und fragte sich, was das mit ihrem Termin zu tun hatte. Hatte Nathan etwas falsch notiert?

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