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Jihad – Eine Ideologie des Todes

Danksagungen

Ich bedanke mich bei Herrn Dr. Anton Grabner-Haider für Deine unermüdliche Unterstützung, dass sich aus einer Idee eine konkrete wissenschaftliche Forschung entwickeln konnte.

Vielen Dank auch an Herrn Dr. Leopold Neuhold für Deine Betreuung, Deine Geduld und Dein Engagement.

Auch gilt Dr. Amer Albayati, Islam- und Terrorexperte, ein großer Dank für das lange private Gespräch und die tiefen Einblicke in den Islam und den Terrorismus.

Einen herzlichen Dank an meine Oma Magdalena, für die Unterstützung, die Liebe und ihr Verständnis. Deine Gedanken und Gebete bedeuten mir sehr viel.

Danke auch an meine Kinder Lucy-Desiree und Levin-Joseph Martin. Ihr seid die besten Kinder der Welt.

Ein besonderer Dank geht an Susi, für ihre Liebe, Unterstützung, Verständnis und Geduld.

Danke an meine Mutter Andrea für die Unterstützung.

Ich bedanke mich auch bei meiner Schwägerin Nina, meinem Schwager Eugen und meiner Nichte Mia für ihre Liebe und Unterstützung.

Vielen Dank auch an Werner für die Kraft, der wie ein Vater für mich ist.

Dank auch an Dr. Hans Praschniker für die vielen anregenden Gespräche und Ideen.

Gewidmet meiner geliebten Frau Lili

Durch das Feuer gegangen, in der Liebe vereint, für immer ergeben. Ohne Dich hätte ich diese Arbeit niemals geschafft und wäre heute nicht der, der ich bin. Ich danke Dir für jeden Augenblick. Du bist das Wunder, auf das ich immer gewartet habe.

Danke für Deine Unterstützung, Dein Vertrauen, Deinen unerschütterlichen Glauben an mich, Deine vielen aufmunternden Worte, Deiner Liebe.

Ich liebe Dich!

Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Kapitel I – Grundfragen der Ideologien

1.1. Der Begriff „Ideologie“

1.2. Ideologie als Weltanschauung

1.3. Entstehung von Großideologien

1.4. Strukturen ideologischer Systeme

1.5. Religiöser Fundamentalismus

1.6. Islamismus – als Aufbegehren gegen die herrschende Ordnung

Kapitel II – Theologie des Todes

2.1. Der Islam als eine Religion

2.2. Die Lösung aller Probleme ist der Islam

2.3. Utopie der politisch-religiösen umma

2.4. Die Konzeption des Jihads

2.5. Die Theologie des Todes

2.6. Vom traditionellen Märtyrer zum modernen Terroristen

2.7. Die Globalisierung der religiösen Gewalt

Kapitel III – Ziele und Taktik des „IS“ in Europa

3.1. Der islamistische Terrorismus in Europa

3.2. Terroristisches Kalkül in Europa

3.3. Die neue Identität der Muslime in Europa

Kapitel IV – Die wehrhafte Demokratie

4.1. Die offene Gesellschaft und ihre Feinde

4.2. Herausforderung des Islamismus und des Jihadismus

4.3. Eine notwendige wehrhafte Demokratie

4.4. Terrorbekämpfung durch Prävention

4.5. Radikalisierung in den Moscheen

4.6. Kontrolle von islamischen Vereinen

4.7. Die notwendige Diskussion um ein Verbotsgesetz islamistischerVereine

4.8. Die notwendige „Leitkultur“

Kapitel V – Europäisierung des Islams

5.1. Strukturen des Fundamentalismus

5.2. Die endgültige Politisierung des Islams

5.3. Das Radikalisierungsphänomen

5.4. Ein Islam europäischer Prägung

5.5. Die Aufgabe der kritischen Philosophie

5.6. Eine moderne Hermeneutik

5.7. Die Veränderung des öffentlichen Raumes

5.8. Für ein reformiertes Gottesbild

5.9. Menschenrechte und Humanismus

5.10. Aufklärung und Rationalität

5.11. Trennung von Glauben und Politik

Kapitel VI – Zusammenfassung und Ausblick

6.1. Resümee

Literatur

Internet-Quellen

IS-Propaganda

Einleitung

Die Terrorgruppe „IS“ in Syrien und dem Irak und die vielen Terroranschläge weltweit haben die Frage nach der Ideologie solcher Gruppen entstehen lassen. Mit ihrer Theologie des Todes gelang es der Jihadistengruppe, nicht nur große Teile Syriens und dem Irak zu erobern und für einige Jahre eine Schreckensherrschaft zu halten, sondern auch einen Genozid zu verüben. Ungläubige wurden systematisch vertrieben, versklavt, getötet und ihr Eigentum von den Jihadisten erobert. Das Leben als ein Jihadist mit Waffen, Sexsklavinnen, Drogen und Morden wurde zu einem Ideal eines neuen Typus von „Helden“. Die Ideologie dieser Terrorgruppe strahlte über die ganze Welt aus und zog viele tausend Menschen in ihren vernichtenden Bann. Viele Europäer haben sich der Gruppe angeschlossen und gegen die „Feinde“ Allahs gekämpft. Sie haben vergewaltigt, gemordet, gefoltert und ganze Landstriche zerstört. In ihrer Umkehr aller Werte erstrahlt der „neue Anti-Held“, der sich mit Waffen martialisch in den neuen Medien präsentiert. Die religiöse Ideologie findet Anleihen in nationalistischen und faschistischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Dabei sollen nationale Grenzen aufgehoben werden und ein einheitliches Kalifat errichtet werden. Der gemeinsame Glaube wird zu einer Rassen und Ethnien übergreifenden Kategorien der auserwählten Klasse. Das was im Irak und Syrien begann, soll weltweit geschehen, bis alle Ungläubigen getötet oder konvertiert sind.

Der „Islamische Staat“ stellt kein regionales oder nationales Phänomen dar, sondern hat sicherheitspolitische Auswirkung auf die gesamte europäische Staatengemeinschaft. Die Ausrufung des sunnitisch bestimmten Kalifats durch Abu Bakr al-Baghdadi in Syrien und im Irak am 29. April 20141 stellte den Anfang einer mittlerweile sich global auswirkenden Entwicklung dar. Der „Islamische Staat“ in Syrien und Irak ist eine politische Bewegung, welche ihre Ansichten in religiösideologischer Form eingebettet hat. Damit wurzeln die Ideen des „Islamischen Staates“ in den religiösislamischen tradierten Quellen und lassen sich auch darauf zurückführen. Die Entwicklungen des religiösen Terrorismus werden als eine Befreiungs- und Widerstandsbewegung gegen westliche Einflüsse und zur Errichtung eines globalen Kalifats propagiert. Wie ein Krebsgeschwür hat sich diese Vorstellung weltweit ausgebreitet.

Die Eroberungs- und Allmachtsfantasien sind das Ergebnis der Reaktivierung der verbreiteten mythischen Denkfiguren im tradierten Islam. Der Islamismus reaktiviert viele dieser archaischen und traditionellen Denkfiguren zu einer radikalen Weltanschauung, in der die radikalen Islamisten den Terrorismus nicht nur als eine militante militärische Strategie entwickelt haben, sondern diesen auch als die verbesserte Version der Eroberungsstrategien der ersten Muslime verstehen. Der Prophet Mohammed wird in der islamistischen Vorstellung lediglich als erfolgreicher Eroberer und unbarmherziger Kriegsherr betrachtet. Damit wird die idealisierte Figur des Propheten, der Stämme überrannte und Mekka einnahm, zur absoluten Verhaltensnorm der Islamisten. Damit wird der islamische Terrorismus aus dem religiösen Code der tradierten Quellen abgeleitet. Radikale Denker entwickeln die Lehren des Korans und der Sunna als eine Kriegs- und Eroberungstheologie weiter. Angefangen bei der extremistischen Interpretation der Muslimbruderschaft, entwickelte sich die Ideologie des Jihadismus und des internationalen Terrorismus.

Diese Forschung geht der Frage nach der Entwicklung dieser extremistischen Ideologie nach und versucht, mögliche Antworten auf die Theologie des Todes zu formulieren. Dabei wird besonders hinsichtlich der Verbreitung entsprechender islamistischer Lehrmeinungen als Nährboden des Extremismus in Europa die Frage diskutiert, wie eine mögliche wehrhafte Demokratie auf solche Entwicklungen reagieren kann.

Das erste Kapitel beleuchtet kurz die Thematik und typische Charakteristika von ideologischen Denksystemen und Weltanschauungen. Dabei soll nachgewiesen werden, dass eine effektive ideologische Verhaltenssteuerung vor allem auf einer emotiven Ebene stattfindet und über gelebte radikale Werte eine extremistische Weltanschauung entwickelt wird. Die Zuspitzung einer Weltanschauung zu einem politischen Programm, wie es der Islamismus ist, zeigt auf, dass hier vor allem machtpolitische Interessen von Personen eine große Rolle spielt. Um die Idee des „Islamischen Staats“ zu verstehen, ist unumgänglich nachzuzeichnen, dass viele ideologische und fundamentalistische Elemente aus den Themenfeldern des Mythos übernommen wurden. Gerade der „Islamische Staat“ arbeitet wie die meisten Großideologien mit mythisch-religiösen Elementen und verdichtet diese zu einer vermeintlichen theologischen Lehrmeinung.

Im Zweiten Kapitel wird vor allem auf die fundamentalistischideologische Entwicklung im Islam eingegangen. Dabei sollen vor allem die Entstehung und die Entwicklung jener ideologischen Denkmodelle erklärt werden, welche zur Herausbildung und Manifestation der ideologischen Ausrichtung des „Islamischen Staates“ beigetragen haben. Grundlegend stellt sich die Frage, ob die jihadistische Gewalt der Terrorgruppen aus den tradierten Quellen des Islams legitimiert werden kann oder ob es sich hierbei nur um vermeintlich religiöse Terroristen handelt. Es werden Anknüpfungen in den tradierten Quellen des Islams sowie in der Entwicklung des historischen Islams nachgezeichnet, aus denen sich die Theologie des Todes ableiten und rechtfertigen lässt. Es wird aufgezeigt, dass die Theologie des Todes sich bereits im Koran finden lässt und dass eine wortwörtliche Auslegung die Terrorgruppe „IS“ und ihr Verhalten legitimierten kann. Die von der Muslimbruderschaft konkretisierte Konzeption, dass allein der Islam die Lösung aller Probleme ist, stellt den Ausgangspunkt der religiösen Argumentation dar. Es wird aufgezeigt werden, wie der Jihadismus sich entwickelt und begründet hat und welche Rolle dabei der Koran als Hauptquelle des Islams spielt. Abschließend wird auf die Gefahr der Globalisierung der religiösen Gewalt hingewiesen, die sich immer mehr in Europa ausbreitet und zu einem gefährlichen Instrument der Allmachts- und Eroberungsfantasien wird. Die Ausbreitung der religiös motivierten Gewalt und des islamischen Extremismus stellt die ideologische Basis eines möglichen Kulturkampfes dar.

Im dritten Kapitel wird kurz die Strategie des „IS“ in Europa skizziert. Dabei wird die Entwicklung von einem großen Organisationsterrorismus der Al-Qaida zu einem Netzwerkbasierten Selfmade-Terrorismus kurz gestreift. Durch kleine terroristische Gruppen und Netzwerke soll ein Bürgerkrieg in Europa entfacht werden, aus dem letztlich die Islamisten siegreich hervorgehen. Durch viele kleinere Anschläge und durch die Verbreitung der radikalen Lehrmeinungen sollen Muslime weltweit motiviert werden, für die religiöse „umma“ zu kämpfen und sich gegen den dekadenten Westen zu erheben. Basis des Kulturkampfes stellt das neue, radikale Selbstbewusstsein der Muslime in Europa dar, welches durch entsprechende Lehrmeinungen verstärkt werden soll.

Ausgehend von diesen Erkenntnissen sollen dann im vierten Kapitel Möglichkeiten der wehrhaften Demokratie diskutiert werden. Europa muss hier insbesondere jene islamischen Vereine und Moscheen kontrollieren, die eine Nähe zu fundamentalistischen Gruppen aufweisen In vielen europäischen Moscheen wird ein Islam der Überlegenheit und der Eroberung gelehrt. Diese Denkfigur wird direkt aus dem Koran abgeleitet2 und in der extremistischen Vorstellung lediglich reaktiviert. Viele Sinnbilder und historische Geschichten werden verbreitet und daraus wird eine moralische Anleitung für die Gläubige abgeleitet. Der Islamismus mit seinen steigenden Anhängern stellt die westlichen Gemeinschaften vor eine große Herausforderung. Unter dem Deckmantel der Toleranz und der Religionsfreiheit haben sich islamistische Strukturen ausgebreitet, welche den Nährboden für Gewalt und Jihadismus bereiten. Eine effektive Anti-Terrorstrategie muss solche Tendenzen unterbinden und entsprechende Moscheen schließen. In vielen europäischen Moscheen und Islamvereinen wird eine islamische Weltanschauung verbreitet, die den Nährboden für den islamischen Extremismus legt.3 So entwickelt sich mitten in Europa eine mit dem Terrorismus sympathisierenden muslimische Gesellschaftsschicht. Aus den Subkulturen der westlichen Gemeinschaft wird eine anti-demokratische und anti-liberale Weltanschauung verbreitet. Diese Entwicklung stellt die offene Gesellschaft vor großen Aufgaben und fordert die wehrhafte Demokratie heraus. Tausende Jihadisten aus der ganzen Welt haben sich dem Kalifat in Syrien und dem Irak angeschlossen haben. Sie haben für die Vision des religiösen Kalifat gekämpft und Ungläubige getötet, misshandelt, verstümmelt und missbraucht. Die Anhänger aus der ganzen Welt haben sich nicht erst im Kalifat radikalisiert, sondern in ihren Heimatländern. In mitten der westlichen Gesellschaften haben sich extremistischen Strukturen entwickelt, die ein internationales Netzwerk gesponnen haben. Die Jihad-Touristen reisten begeistert von der Theologie des Todes nach Syrien und schlossen sich dem selbst ernannten Kalifen an. Viele dort ausgebildete Kämpfer kehrten als Selbstmordkommando zurück und verübten viele Anschläge mit Toten und etlichen Verletzten. Die Gefahr, welche von dem radikalisierten und gewaltbereiten Rückkehrer ausgeht, stellt Europa vor die große Herausforderung, eine erneute Welle des Extremismus zu verhindern. Schon während der Zeit des Kalifats kehrten etliche Jihadisten zurück nach Europa. Etlichen wurde der Prozess gemacht und sie wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Aber viele reisten unerkannt nach Europa ein. Sie leben als tickende Zeitbomben mitten unter uns. Die Gefängnisse entwickeln sich immer mehr zu Orten der Radikalisierung4 und jetzt nach dem Ende des Kalifats bleibt die Frage ungeklärt, was mit den potentiellen Rückkehrern geschehen soll. Es bedarf einer breiten Debatte um die Instrumente einer wehrhaften Demokratie, damit der religiöse Extremismus und Einflüsse des Islamismus unterbunden werden. Es soll daher für entsprechende Kontrollinstrumente und für ein effektives Verbotsgesetz islamistischer Gruppen und Vereine argumentiert werden.

Das letzte Kapitel 5 greift mögliche Entwicklungen zur Europäisierung des Islams auf. Dabei wird vor allem darauf hingewiesen, dass es bei der Herausbildung von Rationalität und Aufklärung innerhalb der islamischen Diaspora zu notwendigen Säkularisierungsprozessen kommen muss. Humanität und Vernunft müssen losgelöst von religiösen Dogmen entwickelt werden, damit egalitäre Konzepte sich durchsetzen können. Der Islam muss sich den europäischen Grundideen und der herrschenden Leitkultur anpassen. Ohne eine notwendige Reform durch Liberalismus, Rationalität und Aufklärung verliert der tradierte Islam den Anschluss an die Moderne und kann somit zum Hindernis moderne Lebensgestaltung werden. Um den Terrorismus und die Gewalt aus dem Islam zu relativieren, bedarf es einer starken Distanz zu problematischen Suren und Textstellen. Der Islam muss entideologisiert werden und in rationale Rahmen entwickelt werden, damit der Glaube sozialverträglich wird.

Anmerkung: Es wurde bewusst eine Koranübersetzung ausgewählt, die im Rahmen unterschiedlicher „Koranverteilungen“ salafistischer Gruppen u.a. in Hamburg zeitweise auftauchten. Der vom „Siegel des Prophetene.V.“ übersetzte und verteilte Koran ist online weiterhin verfügbar, die Tätigkeiten sind aber bereits eingestellt.

1 Vgl. https://www.zeit.de/politik/ausland/2014-06/kalifatisis.

2 Vgl. Sure 3,110.

3 Vgl. Österreichischer Integrationsfond, Die Rolle der Moschee im Integrationsprozess, Seite 35.

4 Vgl. https://noe.orf.at/news/stories/2866422/.

Kapitel I – Grundfragen der Ideologien

1.1. Der Begriff „Ideologie“

Die vielfältigen Definitionen von „Ideologie“ machen eine Eingrenzung sowie eine Abgrenzung schwierig, besonders da die unterschiedlichen Disziplinen ihre jeweils eigene Bedeutungsdefinition entwickelt haben. Im Rahmen soll unter dem Begriff „Ideologie“ ein gedankliches Steuerungssystem zu standardisierten, aber auch zu individuellen Verhaltensweisen von Individuen verstanden werden5. Ein solches mentales Instrumentarium umfasst auch eine Verhaltenskontrolle über Wertvorstellungen des „Guten“ oder des „Bösen“, was besonders hinsichtlich der religiösen und ideologischen Systeme von Bedeutung ist. Eine emotionale Verhaltenssteuerung ist ein erfolgreicher Mechanismus, der vor allem als Rekrutierungsinstrument von Anhängern Anwendung findet. Dabei werden durch Ideologen bestimmte Meinungen, Überzeugungen und Vorstellungen absolut gesetzt und als ein standardisiertes und alternativloses Verhaltensschema entwickelt. Auf der persönlichen Verhaltensebene wird das individuelle Verhalten an die standardisierten Schemata angepasst, sodass es zu einer Vereinheitlichung der Sympathisanten kommt. Damit wird versucht, die angestrebte Homogenität der ideologischen Weltanschauung zu erreichen. Ideologische Konzepte entwickeln sich immer wieder von Neuem und gewinnen Einfluss auf das politisch-gesellschaftliche Denken und Handeln von Gruppen und Gesellschaften. Das 21. Jahrhundert ist gekennzeichnet von einem Wiedererstarken einer religiösen Ideologie, die sich zu einem gesellschaftlichen Sprengkörper entwickelt.

Zum ersten Mal fand der Begriff „Ideologie“ im 18. Jahrhundert in Frankreich Verwendung als eine erkenntnistheoretische Position. Der damals noch durchaus positiv gebrauchte Begriff wurde von den Denkern der Aufklärung als „Lehre von den Ideen“ verstanden. Der französische Philosoph Destutt de Tracy (1754-1836) gilt als Namensgeber. Seine Philosophie geht davon aus, dass jegliche Idee ihren Ursprung in der menschlichen Empfindung habe und daher eine Wissenschaft auf Basis sensualistischer Grundlage6 sei. Damit stellt die Wissenschaft der Ideen eine Grundlage für sämtliche wissenschaftliche Forschung da und ist folglich eine fundamentale Wissenschaft der Erkenntnisfähigkeit der Menschen. Destutt de Tracy versuchte, unter dem Einfluss des Positivismus eine neue wissenschaftliche Disziplin zu entwickeln, welche bemüht war, die Ideen der politischen Programme seiner Zeit zu erfassen. Sein Ziel war es, eine Methode zu entwickeln, welche objektive rationale Grundgedanken ermitteln kann, um auf dieser Basis ein entsprechendes politisches Programm zu entwerfen. Dadurch sollten rationale und objektive politische Programme realisiert werden können. Mit dem Vorwurf Napoleons (1769-1821), dass diese Philosophie weltfremd und für die politische Praxis untauglich sei7, bekam der Begriff der Ideologie eine negative Assoziation. Spätestens hier erfuhr er eine Wandlung zu einem politisch gebrauchten Begriff, um „weltanschauliche Programme“ zu umschreiben. Die Politisierung des Begriffes geschah vor allem durch Diffamierung von politischen Gegnern, indem das jeweils andere politische Programm als „ideologisch“ und daher als weltfremd und politisch untauglich bezeichnet wurde. Damit verbunden war auch der Vorwurf, dass die als ideologisch bezeichneten Konzepte idealistische und utopische Elemente enthielten. Durch diese Abwertung wurde vermittelt, dass das fremde Programm als falsch verstanden werden musste und somit zumindest einige Annahmen enthält, welche nicht wahrheitsgetreu, gut oder richtig sind.

Der Begriff „Ideologie“ wurde vor allem durch die kritische Auseinandersetzung von Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) mit den herrschenden sozialen Verhältnissen nicht nur neu belebt, sondern erfuhr auch eine Erweiterung der politischen Bedeutungsdimension. Es kommt nach Karl Marx in den Ideologien zu einem Täuschungsmanöver, unbewusst oder auch bewusst, über die realen Zustände der Gesellschaft. Die eigene Weltanschauung wird als die einzig richtige und wahre vertreten. Die Wahrheit oder Richtigkeit dieser Deutung wird aber nicht aus den fundamentalen Ideen der Weltanschauung entwickelt, sondern sie beruht vor allem auf so genanntem kaschiertem oder verschleiertem Wissen.8Karl Marx und Friedrich Engels verdeutlichten, dass der Mensch ein Bedürfnis nach Illusion hat und eine lebhafte Wunschprojektion besitzt.9 Eben diese Projektionsfähigkeit der Menschen führte zur Ideologisierung vermeintlich religiöser Wahrheiten und Vorstellungen, indem diese als Wünsche in eine Götterwelt übertragen wurden, von wo sie als absolute Gesetzmäßigkeit auf die Menschheit wieder zurück geholt wurden. Damit verfestigten sich die mythischen Wunschprojektionen der Menschen als göttliche Wahrheiten. Das Bedürfnis der Erklärung der Welt und der Sinngebung des eigenen Lebens wurde durch die metaphysisch-göttliche Instanz gelöst.

Das kaschierte oder verschleierte Wissen führt schnell zu machtpolitischen Strukturen und zu ideologisch-totalitären Konzepten, die eine beliebige Manipulation der herrschenden Meinungen und der verzerrenden Sachverhalte ermöglichen. Damit sind die herrschenden Meinungen und Ideen nicht nur das Produkt einer Gruppe, sondern die Gruppe wird auch zum Reproduktionsfaktor der herrschenden Ideen. Nach Karl Marx entwickelt sich das falsche Bewusstsein immer anhand sozialer und gesellschaftlicher Phänomene, es steht also direkt mit einer politischen Denklinie in Verbindung. Daher ist unser Bewusstsein interessensabhängig.10 Konkret richtet sich die Kritik von Karl Marx gegen die Meinung der herrschenden Klasse und impliziert, dass in dieser eine Mystifikation der realen Verhältnisse vorherrscht. Dabei bleiben die eigentlichen Triebkräfte der Meinungsbildner der Mehrheit einer Gesellschaft weitgehend unbekannt, sie sind ihnen gar nicht zugänglich. Da dieses falsche Bewusstsein nicht von den real existierenden Gegebenheiten herstammt, bleibt nur mehr eine ideelle, durch eine bestimmte Form des menschlichen Denkens als mögliche Quelle des politischen Bewusstseins übrig. Und eben diese Quelle ist nicht frei, sondern sie ist durch bestimmte Wertvorstellungen und politisch motivierte Inhalte determiniert.

1.2. Ideologie als Weltanschauung

Weltanschauungen bieten einen Orientierungs- und Handlungsrahmen, einen Sinnhorizont, einen Rechtfertigungsgrund für das Verhalten und einen erkenntnistheoretischen Rahmen. Ob es sich um Mythen, Religionen, Ideologien oder aufklärerische Ideen handelt, wir Menschen haben ein Bedürfnis nach Sinngebung unserer Welterfahrung und nach einer Rechtfertigung unseres Verhaltens und Handelns. Solche Konzepte befähigen uns dazu, dass wir uns eine Erklärung der Wirklichkeit zur Deutungsorientierung erschaffen, als emotionale Entlastungshilfe, zur Reduktion der sozialen Wirklichkeit oder als Integrationsfaktor beim Erleben der Gruppen und Gemeinschaften.11 Als einer der ersten Denker wies wohl Francis Bacon (1561-1626) mit seiner Idolenlehre auf den Umstand der menschlichen Täuschungsinstrumente hin. Damit konnte er nachweisen, dass das menschliche Erkenntnisvermögen sich durch unterschiedliche psychologische Aspekte, gesellschaftliche Konventionen und Normen sowie durch Vorurteile und pseudowissenschaftliche Argumentationen täuschen lässt. Diese Anfälligkeit des menschlichen Geistes nutzen Ideologen zur Verführung durch ihre Programme und Lehrmeinungen mittels rhetorischer Überzeugungskraft geschickt aus.

Eine Weltanschauung zeigt sich in den verschiedenen Formen von Mythen, Symbolen, religiösen Vorstellungen, Moralkonzepten, Weltbildern, Sprachspielen und gesellschaftlichen Institutionen. Solche Konzepte dienen auch als Kategorisierungsschemata zur Reduktion der sozialen Komplexität. Wir Menschen neigen allgemein dazu, auf die komplexen Vorgänge der Außenwelt mit vereinfachten Reaktionsstrukturen zu antworten. Das macht uns handlungsfähiger und leistungsstärker, um besonders in schwierigen Situationen effektiv agieren zu können. Diese Reaktionsmuster12 ermöglichen es, die Komplexität der äußeren Phänomene in überschaubare Strukturen zu fassen. Es sind grundlegende Strukturen, welche dann als eine Basis unseres Verhaltens dienen. So lassen sich Menschen effektiv durch Wertvorstellungen und damit verbundenen typischen Verhaltensreaktionen steuern und lenken.

Wir Menschen sind an bestimmte Überzeugungssysteme gebundene Lebewesen, durch die wir sozial steuerbar sind. Menschliche Handlungen sowie das Hervorbringen von Artefakten sind aus diesem System generell erklärbar.13 Damit sind bestimmte mögliche Verhaltensschemata durch die Identifikation der gelebten Weltsicht und Wertvorstellung durchaus ermittelbar. Die Erkenntnis der stereotypen Verhaltensweisen lässt sich zwar in der Analyse der grundlegenden Weltanschauung ermitteln, sie ist aber in Bezug auf konkretes situatives Verhalten der Einzelpersonen unsicher und bewegt sich im Rahmen von Wahrscheinlichkeiten. Die Annahme einer bestimmten Weltanschauung erhöht zwar die Wahrscheinlichkeit, gemäß den grundlegenden Lehren zu handeln, allerdings ist keine kausale Verkettung erkennbar. In einer herrschenden „Theologie des Todes“ wird nicht jeder Sympathieträger quasi freiwillig zu einem Selbstmordattentäter. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit von zerstörerischen Tendenzen höher, weil die Bereitschaft und der Wille gegeben sind, und weil das soziale Umfeld solche Praktiken gutheißt und unterstützt.

In der philosophischen Auseinandersetzung mit Ideologien als Weltanschauung werden vor allem die Ideen- und Wertsysteme analysiert, in die Menschen fest eingebunden sind. Es war Ernst Topitsch (1919-2003), der in diesem Zusammenhang darauf hinwies, dass ein Aufbrechen absoluter Wahrheitserkenntnisse und Weltsichten ein hohes Risikopotential birgt; er umschrieb es mit „Geborgenheit“.14 Diese Geborgenheit wird durch die ideologische Zugehörigkeit zu einem fundamentalistischen System weitgehend realisiert. Damit bieten Ideologien jene emotionale Geborgenheit, die durch Rationalität und Aufklärung zum Teil zerbrochen wurde. Ideologische Konzepte tendieren damit zu einem Sammelbecken für „verlorene Seelen“, die auf der Suche nach Halt und Sicherheit in einer sich verändernden Gesellschaft sind. Sie suchen hier, was die Gesellschaft ihnen nicht zu bieten vermag. In ideologischen Konzepten wird die soziale Einheit nach strengen Ritualen und Regeln deutlich zelebriert; jedes Mitglied, auch wenn es dem Kollektiv untergeordnet wird, wird zum wichtigen Bestandteil der Gruppe. Unter anderem auch aus diesem Grund heraus gelingt es der islamistischen Ideologie, nicht nur fixe Ankerpunkte und Lehren zu entwickeln, sondern auch Mitgliedern und Sympathisanten neue Aufgaben und eine soziale Stellung zu geben. Diese Sicherheit in der zerbrechlichen menschlichen Existenz ermöglicht einen neuen Sinnhorizont und extremistischen Wertewandel.

1.3. Entstehung von Großideologien

Politische Ideologien können hingegen nicht mehr als eine reine Weltanschauung begriffen werden, da sie eindeutige politischnormative Züge annehmen. Anders als bei Weltanschauungen zielen politische Ideologien durch standardisierte und vereinfachte Strukturen auf eine Klasse von politischen Sympathieträgern ab.15 Nationalsozialismus, Stalinismus oder Islamismus sind keine Weltanschauungen mehr, sondern politische Ideologien, die eine Großgruppe von Sympathieträgern benötigen. Ideologien im politischen Sinne übersteigen Weltanschauungen insofern, als sie ein starres Dogma aufstellen und damit politische Stützpfeiler der jeweiligen Gesellschaft oder Gemeinschaft sind. Wird im Folgenden von Islamismus, Faschismus oder Jihadismus gesprochen, sind darunter politische Großideologien zu verstehen. Fast jede Ideologie, welche eine scharfe Abgrenzung von „Fremden“ implementiert, lässt sich wie in Europa auf die Entwicklung der manichäischen Heilslehren zurückführen. Obwohl diese Lehre von der Kirche als eine falsche religiöse Entwicklung verurteilt wurde, überlebten die Ideen der kontrastreichen Trennung von Gut und Böse, von Wahrheit und Lüge sowie von Licht und Finsternis bis in die heutige Zeit16 und fanden auch Eingang in das islamische Denken.

Politische Ideologien entwickeln sich aus primären menschlich-biologischen Impulsen, Wertvorstellungen, Bedürfnissen und Trieben, welche aus dem sub- oder prärationalen Bereich stammen und auf eine höhere und geistige Ebene gelenkt werden. Diese Ebene drückt sich vor allem dadurch aus, dass hier soziale Reflexionen und tiefergehende interpsychische Prozesse ablaufen können. Während die individuellen Impulse unreflektiert, spontan und willkürlich auftreten, finden die politischen Auseinandersetzungen mit diesen Impulsen auf einer weitgehend reflektierten Ebene statt. Dort manifestieren sich Ideologien als konkrete Ideen, Absichten, Pläne oder Maßnahmen, sie rationalisieren und systematisieren sich als ein endgültiges politisches Programm. Solche Konzepte sind der Gesellschaft zugrundeliegende, auf die politische Klasse der Bürger zugeschnittene Ideen- und Gedankensysteme, die nicht mehr auf das Individuum begrenzt sind und eindeutiges politisches Veränderungspotential aufweisen. Weltanschauungskonzepte hingegen bewegen sich vor allem in Erkenntnis- und Interpretationsleistungen, ideologische Konzepte entwickeln daraus absolute politische Lehrmeinungen. Das ist auch das Unterscheidungsmerkmal zwischen Ideologie als Weltanschauung und Ideologie als politischem Programm. In der Folge wird unter dem Begriff Ideologie ein politisches Programm verstanden. Solche Ideologien sind Denk- und Weltdeutungssysteme, die vom Machtstreben der Vertreter genährt werden.17 Darin sind bestimmte als wahr, richtig oder gut postulierte Aussagen, Meinungen, Erkenntnisse und Deutungen impliziert, welche von den Vertretern als alternativlos propagiert werden. Es handelt sich dabei keineswegs um neutrale, intellektuelle oder philosophische Entwürfe, sondern um politisch hoch wirksame Denksysteme. Sobald ein solches Konzept politische Tendenzen annimmt und damit auf eine Vielzahl von Sympathieträgern angewiesen ist und absolute Geltungsansprüche erhebt, handelt es sich um eine politische Ideologie. Durch eine Erweiterung der Weltanschauung mit einem Bündel von Meinungen, Aussagensätzen, emotionalisierten Phrasen, Erkenntnisleistungen, gemeinsamem Sinnhorizont und Zielformulierungen sowie durch messianische Bestrebungen entstehen Ideologien als politische Systeme.

Eine politische Ideologie oder Großideologie lässt sich aber nicht erklären, wenn nicht als Hintergrund ein starkes Machtstreben bei bestimmten Gruppen als auch bei Einzelpersonen vorhanden ist. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein gewisser Machttrieb unterschiedlichen Ausprägungen in jedem Menschen zu finden ist. Dieses Machtbedürfnis lässt sich vermutlich in einem uralten Streben des Menschen finden, die Außenwelt gemäß der eigenen Vorstellung zu gestalten und das Gegebene mit dem Gewollten in Einklang zu bringen. Somit gehört dieses Machtstreben zum psychogenetischen Erbe der Menschen, mit dem sie zu leben lernen mussten. Im Sinne Sigmund Freuds18 (1856-1939) müssen die Menschen durch gesellschaftliche Adaptionen und Vertröstungen ihrer Triebkräfte, ihre Vorstellungen, ihre „Leiderfahrungen“ kompensieren und umlenken. Der westlichen Gesellschaft ist es in vielen Bereichen gelungen, Triebumlenkungen zu erreichen und die sexuelle Energie zu sublimieren. In den islamisch-arabischen Ländern fehlen häufig solche Strategien, sodass Reaktionen vor allem auf einer emotionalen Ebene ablaufen. Die entsprechenden Kontrollmechanismen sind in diesem Kulturraum weniger ausgereift. Mitglieder eines solchen Kulturraumes sind durchaus anfälliger für emotionale Argumentationsketten und können schneller mit Gewalt auf unerwünschte Entwicklungen reagieren.

Herrschaft und Machtstreben hängen sehr eng mit politischen Ideologien zusammen, aber nicht jede politische Macht wird ideologisch begründet. Hier müssen die legitimen von den illegitimen Machtansprüchen getrennt werden. Politische Macht vereint mit politischer Vernunft und begründetem Konsens stellt die legitime Form der Herrschaft dar. Sie wird in Demokratien nicht vererbt, installiert oder durch bestimmte soziale Stellungen gerechtfertigt, sondern sie wird in legalen und fairen Wahlverfahren ermittelt und verteilt. Eine solche Herrschaft ist als anerkannte und legitime Zuordnung von Machtfaktoren an Personen und Gruppen und als Regulativ sowie als Ordnungsfaktor zu begreifen. Hingegen ist die religiös und ideologisch begründete Herrschaft, die sich auf metaphysische Instanzen der Rechtfertigungs- und Legitimationsbasis beruft, im westlichen Sinne eine illegitime und irrationale Macht und Herrschaft. Bei einer religiösen Rechtfertigung liegt die Letztbegründung nicht im Bereich des Volkes, sondern in der Existenz einer übernatürlichen Wesenheit oder Gottheit. Herrschaft ohne legale Legitimation durch das Volk oder mit erzwungener Legitimierung stellt sich in der Regel als ideologische Macht heraus. Sie ist immer mit psychischen Vorstellungen eng verbunden, die unterschiedliche Machstrukturen anspricht und oftmals mit Gewalt durchgesetzt wird. Macht einer Einzelperson wird oftmals in Verbindung mit materieller Erfüllung, aber auch mit innerer Trieberfüllung betrachtet.19 Zu einer Herrschaft gehören auch Ruhm, politischer und gesellschaftlicher Einfluss, Dominanz, Anerkennung, Bewunderung und im extremen Fall auch das Ausleben von Perversität und sexuellen Trieben. Auch das Gefühl, gehasst und verachtet zu werden stellt oft einen negativen Machtfaktor dar. Macht kann in diesem Sinne als eine Fähigkeit begriffen werden um die eigenen Wünsche und Bedürfnisse durchzusetzen und auf andere Personen einzuwirken, sich dem Willen unterzuordnen. Ist der Machttrieb stark ausgebildet und verbindet er sich mit missionarischen, revolutionären, imperialistischen oder utopischen Ideen und Idealen, dann stechen bestimmten „Machtmenschen“ meist deutlich hervor, wie etwa Adolf Hitler, Stalin, Napoleon oder auch Nero. Das gilt auch für Abu Bakr al-Baghdadi als den selbst ernannten Kalifen des „Islamischen Staates“. Aus diesem Verständnis der Macht und Herrschaft lässt sich eine Erklärung der Mitgliedschaft bei Terrorgruppen geben. Eine Herrschaft stellt das Führen einer untergeordneten oder unterworfenen Gruppe dar. Das Ausüben von Machtpositionen ist oft verbunden mit erotischen Inhalten und der Ausübung von Gewalt als Ausdruck der Macht der herrschenden Elite. Weibliche Sympathisanten sind auf der Suche nach dem neuen Helden, nach dem Ideal der starken Männlichkeit. Männliche Jihadisten leben ihre pervertierte Machtstellung aus und töten, misshandeln und missbrauchen Unschuldige. Der neue Anti-Held, wie ihn Jürgen Manemann beschrieb, ist charakterisiert durch die Umwertung aller Werte.20 Durch die Fokussierung auf das Anwenden von Gewalt und das Töten Ungläubiger wird die eigene Existenz transzendiert. Statt dem helfendem Wertideal der Mitmenschlichkeit zu folgen, wird eine vernichtende, ideologisch und religiös geforderte Gewaltanwendung und die Vernichtung der Ungläubigen zelebriert. Der daraus entstehende Terrorismus stellt die Zuspitzung der Provokation der Macht durch die Absolutsetzung der tradierten Werte und Vorstellungen dar. Herrschaft und Machterhaltung werden nicht durch Dialog, Überzeugungsarbeit und Zustimmung erreicht, sondern durch Töten und Vernichten der „Feinde“. Hier sind die Mechanismen einer potentiellen Massenvernichtung, einer gezielten terroristischen Vernichtung „unwerten“ Lebens verankert. Großideologien können unter dem Gesagten als soziopolitische Konzepte gesehen werden, die zur Gewaltausübung und Unterdrückung tendieren.

Das 19. Jahrhundert war vor allem von der Ideologie des Nationalismus gekennzeichnet. Die Ideologie fußt auf der Idee, dass eine Gemeinschaft von Menschen aufgrund bestimmter Gemeinsamkeiten, wie die Zugehörigkeit zu einem Sprachraum, zu einer Kultur oder zu einer politischen Einheit eine Nation bildet. In Europa wurde die Idee des Nationalstaates teilweise mit kriegerischen Mitteln umgesetzt und mündete in den nationalsozialistischen Faschismus. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde zum zentralen politischen Programm der nationalen Bewegungen. Aus der Ideologie des Nationalismus entwickelte sich schnell die Vorstellung der biologischkulturellen Überlegenheit einer Rasse. Das arische Volk wurde in der Ideologie Adolf Hitlers von Gott als das führende Volk ausgesucht, daher durfte nicht zugelassen werden, dass andere Kulturen die Vormachtstellung hatten.21 Diese Vorstellung der Überlegenheit der auserwählten Klasse und das Selbstbestimmungsrecht sind auch Teil des argumentativen Narratives des Islamismus. Politische Ideologien dienen dazu, Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu begründen und aufrechtzuerhalten. Dazu braucht es eine Festsetzung und Propagierung allgemeiner und absoluter Werte, sowie einer Selbstverständlichkeit der Anwendung und Durchsetzung dieser Ansprüche. Unterstützt wird dieser Prozess von einer starken Mystifizierung früherer Ideale und einer Verzerrung aktueller Lebensentwürfe, sodass keine Alternative zum ideologischen Lehrgerüst bestehen kann. Die Bereitschaft, die eigene Ideologie zu leben, variiert aber stark. Menschen können zwar bestimmte Ideologien akzeptieren, als gut befinden, sogar als lebenswert halten, müssen diese aber nicht zwangsläufig auch konsequent ausleben. Andere Anhänger hingegen sind so überzeugt, dass alternative Interpretationen nicht akzeptiert werden22 und der Kampf für die Realisierung intensiviert wird. Setzt sich die Vorstellung durch, dass nur die eigenen Ideen und Werte wahr und richtig sind, dann können daraus ein Flächenbrand, ein Kulturkrieg und gewaltbereite Aktionen entstehen. Die vermeintliche moralische Überlegenheit animiert Sympathisanten, ihre Konzepte gegen den Willen der Mehrheitsgesellschaft durchzusetzen. In jeder Ideologie gibt es bestimmte Wertannahmen, Weltbilder und Lehrmeinungen, aus denen dann in weiterer Folge bestimmte soziopolitische Programme abgeleitet werden. Das Bestreben, eine Gesellschaft gemäß einer herrschenden Ideologie zu verändern, verführt schnell dazu, Annahmen einfach hinzunehmen, damit die Veränderungen so schnell wie möglich erreicht werden können. Dazu kann auch die Anwendung von Gewalt und letztlich Terrorismus als ein legitimes strategisches Mittel gehören.

1.4. Strukturen ideologischer Systeme

Ideologisch wird ein politisches System dann, wenn es nach einem absoluten und bipolaren Deutungsschema23 aufgebaut ist. Sämtliche Großideologien sind nach immer wiederkehrenden Prinzipen gestaltet, wobei die Komplexität und das Zusammenspiel der einzelnen Elemente, sowie die Verarbeitung und Interpretation der Einflüsse, sich unterscheiden. Es handelt sich grundsätzlich um eine totalitäre Informationsverarbeitung der äußeren und inneren Einflüsse. Ein weiteres Element ist ein bestimmtes Verhaltensmuster, welches in einem direkten Zusammenhang mit den sozialen Einflüssen steht. In ideologischen Systemen wird vor allem emotiv argumentiert, in dem an bestimmte latent vorhandene Denkmuster und dichotome Wertvorstellungen angedockt wird. Dieses Instrument der Verhaltenssteuerung der Mitglieder umschrieb Ernst Topitsch mit dem Begriff plurifunktionale Führungssysteme.24 Die präziseste Ausgestaltung der evolutionär entwickelten Orientierungssysteme lässt sich beim aufgeklärten Menschen finden, wobei aber hier noch viele triebhafte und unreflektierte Verhaltensweisen wirksam bleiben. Besonders hier setzen Ideologen an und können erfolgreich ihre Lehren verbreiten.

Ein weiteres universelles Merkmal ideologischer Gruppen liegt in dem Sonderinteresse einer Klasse, einer Gemeinschaft oder Gruppe25, und den daraus resultierenden Verhaltensweisen. Das können einfache Reaktionsmuster sein, wie der Rückzug aus der Mehrheitsgesellschaft bis hin zur Ausbildung militärischer Strukturen, mit dem Ziel, durch terroristische Aktionen gesellschaftliche Veränderungen zu erzwingen. Solche Gruppen erklären, ihr Sonderinteresse, das sich gegen die Mehrheit der Interessen der Gesellschaft richtet, sei allgemeingültig und daher durchzusetzen. Oder sie behaupten, ihre Anliegen seien die herrschenden Anliegen der Gesellschaft, während ihre Gegner ein falsches Bewusstsein besitzen. Beide Ansätze sind empirisch nicht begründbar. Hier werden bestimmte Sachzwänge und vorgefertigte Meinungen als notwendig Elemente der Weltanschauung verbreitet. Das wird besonders dann deutlich, wenn es zu einem Dialog mit Andersdenkenden kommen soll. Öffentliche Debatten über herrschende Werte und Wertkonstellationen sowie eine kritische Analyse dieser Wertvorstellungen werden systematisch unterdrückt und durch Immunisierungsstrategien erfolgreich verhindert.

Mit dem Sonderinteresse verbunden ist die Legitimation der herrschenden Klasse, Gruppe, Gemeinschaft oder Nation26. Dabei wird besonders auf die Exklusivität der eigenen Gruppe hingewiesen. Der fundamentalistisch geprägte Islam sieht sich weltweit als die herrschende Klasse. Der Herrschaftsauftrag stammt vom Weltgott Allah, welcher sich an gläubige Muslime richtet und nicht an die säkularisierte westliche Welt. Die erhöhte Machtposition des Islams sei nach der islamistischen Interpretation bereits im Koran festgehalten. Denn dort wird die islamische Gemeinschaft als die beste Gemeinschaft beschrieben.27 Aus diesem Verständnis heraus lässt sich dann in weiterer Folge die Rechtfertigung der Errichtung eines gegen die Werte des Westens ausgerichteten Kalifats ableiten. Die Überlegenheit dieser politischen Klasse beruht nicht auf real existierenden biologischen, sozialen oder technischen Gegebenheiten, sondern allein auf dem Auftrag durch den Propheten Mohammed. Die Legitimation der ideologischen Weltanschauung fußt daher in einer metaphysischen Welt.

Um eine einheitliche politische Bewegung erreichen zu können, bedarf es der Universalisierung von Überzeugungen, welche vor allem durch mythische Lehren abgesichert werden.28 Diese einheitliche Überzeugung kann durchaus einem wissenschaftlichen Rahmen genügen, denn sie enthält neben einem mythologischen Kern auch viele pseudowissenschaftliche und kryptische Aussagen. Mit solchen Erkenntnissen hängt eng zusammen, dass die Interpretation von politischem Wissen, besonders wenn es sich um traditionell überliefertes dogmatisches Wissen handelt, in einer exklusiven und kleinen Gruppe liegt. Auf diese Weise tendiert das Hoheitsrecht der Interpretation und der Erschaffung von kollektiven Überzeugungen für alle Mitglieder zu einer kleinen ausgewählten Gruppe. Die Interpretation der ideologischen Inhalte des „Islamischen Staates“ liegt in erster Linie bei dem selbst ernannten Kalifen und seinem Propagandasystem. Damit gehen von dieser Gruppe auch die Androhung und Anwendung von Gewalt aus, die propagierten Überzeugungen zu akzeptieren und bedingungslos zu glauben. Es kann in einem solchen totalitären System keinen offenen philosophischen Dialog geben. Eine solche exklusive Gruppe entscheidet autoritär nach selbstgesetzten Maßstäben, welche Aussagen zum Kern und welche zum Randbezirk der Ideologie gehören, und welche als falsch ausgeschlossen werden.

Das bedingt die Einrichtung und den Ausbau eines Propagandasystems29zum Zweck, die öffentliche Meinung zu manipulieren und in der Folge weitere Mitglieder zu rekrutieren. Es kommt der internen Logik gleich, wenn die Ideologieträger bemüht sind, durch die Verbreitung der Lehrmeinungen und der vermeintlich richtigen Werten die Anzahl der Sympathieträger nicht nur zu halten, sondern zu erweitern. Die Verbreitung der Inhalte erfolgt über die unterschiedlichen Mittel und Methoden der sprachlichen Ausdrucksweise. Als Transportmittel dienen die unterschiedlichen Medien, mit einer starken Präferenz der sozialen Netzwerke. Die verbreiteten Zeichen und Symbole müssen aber nicht nur vom Sender, sondern auch von einem weit entfernten Empfänger verstanden werden; das kann schwierig werden, wenn der Sender und der Empfänger in unterschiedlichen kulturellen, sprachlichen und gesellschaftlichen Gemeinschaften leben. Das Verstehen von Symbolen und sprachlichen Ausdrücke kann hier also vor allem als ein Interpretieren verstanden werden.30 Durch die zunehmende Anonymität der Botschaft durch die Medien, und vor allem durch das Fehlen von direkten Rückkoppelungssystemen des Empfängers an die Autoren, ist die Gefahr der Verzerrung sehr groß. Sie nimmt tendenziell besonders im Bereich der sozialen Medien weiterhin zu, da hier die Deutungshoheit pluralistisch ausgeprägt ist. Bestimmte Wahrnehmungs- und Selektionsfilter auf der technischen Ebene führen zu einer einschränkenden Wahrnehmung. Propagandistische Aussagensätze und Normen weisen vor allem eine evaluierende und präskriptive (auffordernde bzw. vorschreibende) Form auf.31 Damit können sich solche Methoden oft einer rationalen und aufgeklärten Kontrollfunktion entziehen, sie werden zu Instrumenten der Machterreichung bzw. der Aufrechterhaltung der politischen Herrschaft einer Gruppe.

Die Grundlage der Verschärfung von politischen Konflikten ist die Perfektionierung des Feind-Schemas. Das Feindbild entsteht durch die Projektion von verwerflichen Eigenschaften auf die jeweils andere Gruppe. Dabei muss zwischen einem reellen Feind und einem aus Angst ausgelösten Feindbild unterschieden werden.32 Ein realer Feind stellt eine tatsächliche Bedrohung dar, ein imaginierter Feind kann durch ideelle Elemente hochstilisiert werden und löst dadurch unter Umständen fatale Reaktionsketten aus. Anders kann aus einem reinen ideellen Feindbild eine reale Bedrohung werden, nämlich dann, wenn die Gruppe so handelt, dass der imaginäre Feind tatsächlich zu einer Bedrohung wird. Das Feindbild generalisiert dabei alle Personen einer fremden Gruppe, ohne auf Unterscheidungen einzugehen. Im Falle der jihadistischen Bewegung und Gruppen werden der „ungläubige Westen“, aber auch andersdenkende Personen zu Feinden erklärt. Das gelingt vor allem intern durch die Brandmarkung der Abtrünnigkeit (Takfir). Das Prinzip „Takfir“ ist keine neue Entwicklung in der islamistischen Religion, vielmehr erfährt es hier eine radikale Auslegung in der islamistischen Interpretation. Dieses Prinzip wird als göttlich gewollte Rechtfertigung zum Töten von andersdenkenden Muslimen herangezogen. Dabei werden bestimmte Muslime zu Ungläubigen erklärt, der alleinige Abfall vom Glauben kann in einigen Ländern bereits das Todesurteil sein. Generell verbietet der Koran das Töten von Muslimen33, wenn aber gläubige Muslime als Ungläubige eingestuft werden, dann gilt der Rechtsschutz durch den Koran nicht mehr. Diese radikale Denkfigur des Aufhebens des Tötungsverbots wurde von den jihadistischen Gruppen wie dem „IS“ immer weiter perfektioniert. Das Freund-Feind-Schema bestimmt die eigene politische Gestaltung, und ist damit ein Mittel zur Identitätsfindung einer Gruppe. Diese strenge Unterscheidung lässt sich bereits in einem mythologischen oder religiösen Weltbild erkennen und hat bis heute überlebt. Dieses trennende Denken führt zur Spaltung von Gemeinschaften und zu politisch-gesellschaftlichen Konflikten.

Eng damit verbunden ist die Funktion des Sündenbock-Syndroms.34Hier kommt es zu einer Generalisierung von Schuldigen einer Gemeinschaft oder Gruppe, einer Nation oder Ethnie oder einer Religionsgemeinschaft. Das Sündenbock-Syndrom überträgt vor allem die Verantwortung und die Schuld an der eigenen schwierigen Situation auf eine andere Gruppe. Das ist eine gängige Argumentationsstruktur terroristischer Gruppen. Nicht die eigene Gesellschaft hat Schuld an dem „Untergang“, sondern generell wird dem Westen die alleinige Schuld an den sozioökonomischen Missständen der islamischarabischen Welt gegeben. Damit verbunden ist die Aufforderung zur Befreiung von Einflüssen des „Sündenbocks“. Hier wird mit dem Argument des Opferstatus der auserwählten Gruppe gespielt, weshalb die Befreiung aus diesem Status eine Notwendigkeit darstellt. Diese schematische Deutungsstruktur muss um das Faktum der verschwörungstheoretischen Interpretationsform erweitert werden. Diese aus vorwissenschaftlichen, halbwissenschaftlichen oder rein emotionalen Aussagekomplexen bestehenden Annahmen einer breiten Verschwörungsannahme verstärken die ideologischen Denkmuster und tragen zur Verschärfung des Konfliktes bei.

Der absolute Wahrheitsanspruch35definiert bestimmte Aussagen, Erkenntnisse, Werte oder Einsichten als absolut wahr. Damit verbunden ist auch die normative Aufforderung, diese Wahrheiten nicht in Frage zu stellen oder zu korrigieren und auf neues Wissen adäquat zu reagieren. Die aus dem saudischen Wahhabismus übernommene Einstellung der Ablehnung von Erneuerungen in der Religion (Bid’a) stellt ein instrumentelles Werkzeug von Terrorgruppen dar. Dabei wird argumentiert, dass philosophisches Wissen und Erkenntnisse nicht nur Trugschlüsse sind, sondern eine falsche und gefährliche anti-göttliche Wahrheit darstellen, die es notwendigerweise zu bekämpfen gelte. Die absolute Wahrheit als unumstößliches fundamentales Basiskonstrukt lässt sich in allen Religionen und Mythen erkennen. Besonders in religiösen Konzepten wird eine Infragestellung der alten Wahrheiten durch Tabuisierung abzuwenden versucht und kann sogar mit einem Ausschluss aus der Gemeinschaft enden. Erst durch rationale Aufklärungsprozesse können solche dogmatischen Strukturen der Ideologien fragil werden, wenn auch diese nicht vollständig verschwinden, sondern vielmehr eine Transformation erfahren.

Ideologien beinhalten generell eine historische Zielsetzung, in der die „Heilserreichung“ realisiert werden soll. Ernst Topitsch formulierte, dass solche „Heilserwartungen“ besonders oft Naherwartungen sind.36 Damit drückt er aus, dass solche Erwartungserscheinungen vor allem durch die Hoffnung der Menschen mitbestimmt werden, die auf eine Befreiung aus schwieriger Situation hoffen. Es ist die Erwartung der Befreiung des Menschen aus einer unheilvollen Lage. Allerdings sind solche Erwartungshaltungen in der Regel anfällig für Enttäuschungen, dann nämlich, wenn die erwartete Befreiung nicht in dem erhofften Maß eintritt. Solche Entwicklungen müssen für die Verkünder der Heilsbefreiung fatale Folgen haben, allerdings wird die Verwirklichung der Befreiung meist temporär verschoben. So wurde das islamische Kalifat phasenweise durchaus erreicht, letztlich aber nicht allumfassend und global errichtet. Die Zielsetzung bleibt aber als heilserwartendes Versprechen in den islamistischen Konzepten weiterhin vorhanden. Die Auflösung dieser Heilsversprechen und der daraus resultierenden Erwartungshaltung ist daher Bestandteil einer entsprechenden Dekonstruktion religiöser Konzepte. Die jenseitigen utopischen Heilslehren bestehen vor allem aus dem Versprechen für die Märtyrer, in das göttliche Paradies einzugehen. Anton Grabner-Haider weist auf den Umstand hin, dass es bei ideologischen Denksystemen zu Projektionen kommt.37 Dabei wird das mythische Denken in das Universum projiziert und abgesichert als göttlicher Wille zurückempfangen. Unterstrichen wird diese Theorie in der Annahme anthropomorpher Götterfiguren, was bedeutet, dass die Gottheiten nach menschlichen Vorstellungen entstanden sind. Mit dieser Projektion verselbstständigt sich also das ideologische Denken und wird zu einem mythisch-göttlichen Denken.

Ideologien können bei bereits bestehenden Konflikten wie etwa der Konfrontation des säkularen Westens mit der arabischen Welt als ein Katalysator funktionieren. Dabei werden vor allem die Methoden sowie die verwendeten Mittel für die Austragung des Konfliktes durch die herrschende Ideologie gerechtfertigt und legitimiert. Religiösideologische Weltanschauungen verbinden die geistige Auseinandersetzung mit kriegerischen Mitteln als Gottes Willen. Nur mit Gottes Hilfe und Legitimation kann der Krieg mit seinen Gräueltaten gerechtfertigt und legitimiert werden. Der Glaube an Gott, die religiöse Verbundenheit mit der metaphysischen Instanz wird dahingehend instrumentalisiert, dass ein Krieg gegen Andersdenkende und Ungläubige gerechtfertigt wird. Hingegen werden westliche Konstrukte wie etwa Gerechtigkeit, Recht auf Selbstschutz, Humanismus als legitimer Grund für Kriegseintritt verwendet. Die Trägergruppen von Ideologien sind aber ständig bemüht, ihre Ideologie von fremden Eindrücken zu reinigen.38 Es gibt eine Grundtendenz der Menschen zur Herausbildung kohärenter Überzeugungssystemen. Menschen sind daher „programmiert“, dass sie dem herrschenden Passungsprinzip intuitiv folgen. Wir Menschen sind auf die Erfahrungswissenschaften angewiesen, um unser Leben zu erhalten und stetig zu verbessern. Jede Weltanschauung, jede Ideologie enthält den weltanschaulichen Rahmen, als auch die Erfahrungskenntnis. Der Rahmen kann wissenschaftliche Formen annehmen, als auch vorwissenschaftlich strukturiert sein. Damit ist das grundlegende Orientierungsproblem des Menschen gelöst.39

1.5. Religiöser Fundamentalismus

Ideologien greifen auf ein starkes Ideen- und Wertsystem, aus denen Verhaltensweisen und politische Ansprüche legitimiert werden, zurück. Bei dem islamischen Extremismus liefern die Quellen des Islams diese unverrückbare Basis. Aus dem Koran, den Hadithen und der Scharia als Referenzrahmen entwickeln die Ideologen ihr Lehrgebäude. Dabei ist die Relativierung problematischer Inhalte der Quellen sowie deren Auslegung für die extremistische oder liberale Vorstellung entscheidend. Bei der fundamentalistischen Auslegung der heiligen Texte kommt es zur wortwörtlichen Interpretation der Quellen und damit zu destruktiven Folgen, die letztlich in Fanatismus, Hass, Faschismus und Gewalt münden. Die vielen Gewaltaufrufe in den tradierten Quellen werden zu einer normativen Anleitung islamistischen Verhaltensstruktur. Es ist die traditionelle Exegese mit der Weiterentwicklung der religiösen Rechtfertigung, die den Terrorismus und den islamischen Faschismus hervorbringt. Diese Form der Interpretation des Islams findet auch immer mehr in Europa Anklang und führt zu einer Verschärfung der islamischen Weltsicht. Nimmt eine dogmatisch vertretene Religion massives Interesse an, die gesellschaftlichen Verhältnisse umzugestalten, führt das zum Aufbau einer entsprechend religiös motivierten Ideologie.40 Religionen können somit durchaus als Ideologien begriffen werden, und sie konkurrieren mit unterschiedlichen areligiösen Ideologien.

Es fand keine breite und tiefgehende rationale Aufklärung im Islam statt, weshalb die viele frühen Denkfiguren bis heute nicht relativiert wurden. Während letztlich mit Immanuel Kants (1724-1804) Traktat „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ Europa in die Phase der Aufklärung und des Humanismus geführt wurde und damit die westliche Modernisierung der Religion und auch der Abnabelungsprozess von einem areligiösen und religiösen Denken einsetzte,41 fehlt eine solche Phase im Islam weitgehend. Was keineswegs bedeutet, dass es solche Strömungen in den islamischen Denkschulen nicht gegeben hat. Vielmehr hat sich eine starke Orthodoxie durchgesetzt, kann die Deutungshoheit bis heute weitgehend halten. Grundsätzlich sind alle Religionen sehr anfällig für fundamentalistische Auslegungen. Das gilt für das Christentum, wie auch für das Judentum, aber im Besonderen für den Islam, der ein freies Denken noch nicht herausgebildet hat. Es gelten weiterhin mehrheitlich die alten religiösen Wertvorstellungen und die göttliche Erklärung der Welt. Die eindeutige dichotome Einteilung der Menschen in Gläubige und Ungläubige, die strenge Einteilung in „Haram“ (Verboten) und Halal (Erlaubt) und die Suche nach dem paradiesischen Sinn prägen bis heute das Verständnis der Muslime. Solche Fundamentalismen bieten ihren Anhängern daher immer eine unverrückbare Basis für eine absolute Sicherheit.42 Der Sinnhorizont und die Verhaltensnormen viele Muslime werden direkt aus dem Koran und der Sunna abgeleitet und sind somit bereits in vielen Fällen eine „Anti-These“ zum modernen säkularen Verfassungsstaat. Religiöse Ideologien können, wenn sie mit Gewalt und Machtansprüchen verbunden werden, gefährliche Fantasiewelten, Illusionen und realitätsferne utopische Vorstellungen entwickeln. Die Heilsversprechen, die transzendenten Legitimationsgründe und die autoritären politischen Gesellschaftsmodelle können sich verselbstständigen und mit pseudowissenschaftlichen Sichtweisen verbinden. Dadurch erfährt der Mensch in der Gefangenschaft einer fundamentalistischen Ideologie seine scheinbare Selbstbefreiung. Es verwundert daher kaum, dass islamistische Strömungen als „Befreier“ der wahren Gläubigen auftreten und einen notwendigen geistigen wie auch physischen Befreiungskampf führen.

Innerhalb des islamischen Fundamentalismus tritt vor allem der Salafismus als eine starke Strömung in der Moderne auf. Diese geistige Haltung im Islam hat ihre Lehren aus den religiösen Quellen und bezieht sich auf die Altvorderen „as-Salaf as-Salih“, auf jene Urgemeinde nach Mohammed und auf die ihm folgenden rechtsgeleiteten Kalifen. Die frühe salafistische Bewegung schöpfte ihre Kraft vor allem aus der häufigen Bedrohung der islamischen Großreiche. Im 13. Jahrhundert verloren die Muslime nicht nur ihr Kalifat in Cordoba (Spanien), sondern es gelang den Mongolen, auch Bagdad, die damalige Hauptstadt des islamischen Reiches, zu erobern. Das Großreich war an zwei empfindlichen Punkten getroffen. Aufgrund dieser Entwicklung konnte sich die religiöse Orthodoxie durchsetzen, die sich auf die traditionellen und fundamentalistischen Lehren der Religion und Rechtswissenschaft stützte. Als das Großreich zu zerfallen drohte, erlebte die dogmatische Orthodoxie als Reaktion auf den drohenden Verlust der religiösen Identität einen Höhepunkt. Alle liberalen Programme und Reformversuche konnten seitdem mehrheitlich unterbunden werden.43 Diese geistige Haltung führte zu einer ständigen Reproduktion der eigenen ideologischen Weltanschauungen, ohne die neuen Probleme zu erkennen. Damit verlor der Islam den Anschluss an die Prozesse der Moderne. Der religiöse Fundamentalismus leistet dem Modernisierungsprozess durch vier wesentliche Phänomene Widerstand: a) die wortwörtliche Auslegung der religiösen Quellen; b) die Nichtigkeit der modernen Theologie und Wissenschaft; c) der Glaube, dass alle, die den fundamentalistischen Standpunkt nicht teilen, keine wahren Gläubige sein können; d) die Überzeugung, dass Religion und Politik nicht getrennt werden dürfen.44 Aus diesem Verständnis heraus ergibt sich ein starker Widerstand gegen die Kultur der Moderne. Der religiöse und politische Fundamentalismus ist eine anti-moderne Strömung, aber er bedient sich der ...

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