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Jetzt wird es spannend

Prosa im Trialog

Jetzt wird es spannend, denn die elf Autorinnen dieses Erzählbandes haben sich auf das Experiment des kollektiven Schreibens eingelassen. Zu dritt eine Geschichte in aufeinanderfolgenden Kapiteln zu schreiben, die schlüssig und plausibel erzählt wird, ist eine Herausforderung. Welchen Namen gibt man dem gemeinsamen Kind, welche Merkmale bestimmen die Handlung und wessen Werte geben den Protagonist*innen eine Seele und eine unverwechselbare Haltung? Und wie baut man die Brücke von Kapitel zu Kapitel, damit die trialogisch verstrickte Handlung zu einem gemeinsamen Werk wird? Das literarische Werkzeug ist der ‚Cliffhänger‘, der den Spannungsbogen von Kapitel zu Kapitel treibt und der die drei Autorinnen einer Geschichte miteinander verbindet.

In drei Büchern sind fünfzehn Erzählungen mit jeweils vier Kapiteln thematisch organisiert. Sie sind inspiriert von Beobachtungen im Alltag, von Glücksmomenten und Momenten des Scheiterns und zeigen nicht nur die Ängste und Hoffnungen ihrer Figuren, sondern auch deren Abgründe und Möglichkeiten.

Renate Haußmann

Friederike Lydia Ahrens, Kirsten Eckmann,
Manon Haccius, Sabine Hammer,
Karin Harries-Hedder, Renate Haußmann,
Christiane Maria Luti, Felizitas Peters,
Barbara Rossi, Ursula Striepe, Marie Wedel

Jetzt wird es spannend

Geschichten zu dritt

BUCH 1

Wie die Zeit vergeht

Das Mädchen im Kirschbaum

Kapitel 1

Das Mädchen im Kirschbaum

 

Sabine Hammer

Kapitel 2

Freier Fall

 

Renate Haußmann

Kapitel 3

Kirschenprinzessin

 

Manon Haccius

Kapitel 4

Kirschkernkissen

 

Sabine Hammer

 

Das Mädchen im Kirschbaum

Sie wollte gerade die löchrige Küchengardine wieder zuziehen. Da sah sie im dämmrigen Abendlicht die Umrisse des Mädchens auf der obersten Leitersprosse. Und wieder, wie all die Tage davor, stand es regungslos, seinen Kopf in Richtung Bahnsteig gedreht. Erwartete es jemanden? Suchte es Zuflucht im dichten Blätterwerk des Kirschbaums? Neugierig spähte sie in Nachbars Garten, doch die zunehmende Dunkelheit kaschierte alles und ließ die Konturen in einem tiefen Schwarz verschwinden. Gleich morgen früh, bevor sie ihre Wochenmarkteinkäufe tätigte, wollte sie ihr Fernglas auf die Fensterbank legen. Vielleicht konnte sie damit etwas entdecken, was Antworten auf ihre Fragen gab.

Das leichte Unbehagen, eine Voyeurin zu sein, schluckte sie am nächsten Tag mit dem ersten Milchkaffee herunter. Sie öffnete das Fenster, schloss die Augen, genoss die sommerliche Morgensonne und freute sich über das fröhliche Amselgezwitscher. Eine bedrohlich klingende Männerstimme holte sie jäh aus ihrer Entspannung. „Komm sofort herunter! Ich weiß, dass du dich wieder im Baum versteckst. Ich zähle bis drei, dann bist du in deinem Zimmer und wehe nicht, sonst setzt es was!“ Mit zittrigen Fingern nahm sie das Fernglas, drehte so lange am Rädchen, bis sie ihr Motiv scharf fokussieren konnte. Es erschien der Baumstamm mit seiner knorrigen Rinde und die an ihm lehnende Holzleiter. Und da saß das Mädchen auf einem Brett in der obersten Astgabel. Es hielt etwas in der Hand. War es ein Buch? Neben ihm stand eine glänzende Metallkassette, in die es ab und an hineingriff.

Das Mädchen war wie immer ganz schwarz gekleidet, fast unsichtbar, krähenartig. Nur dass kein Laut von ihm zu hören war. Es machte keinerlei Anstalten, seinen Rückzugsort zu verlassen. Im Gegenteil. In aller Ruhe holte es aus der glitzernden Box einen Zettel, einen Stift, schrieb etwas auf und steckte dann das Papier in eine winzige Asthöhle über seinem Kopf. Da sie von ihrem Beobachtungsposten aus nicht erkennen konnte, was das Mädchen schrieb, zog sie es vor, erst die Einkäufe zu erledigen und ihre Recherchen am Nachmittag fortzusetzen.

Beim Verlassen der Wohnung hörte sie erneut sein Brüllen. „Mach, was ich dir sage, und zwar sofort! Wenn du dich weiter weigerst und nicht das tust, was ich von dir verlange, kannst du die Nacht dort oben verbringen. Ich werde die Leiter in den Schuppen stellen. Du wirst schon sehen, was du davon hast! Du wirst frieren und hungern.“

Sollte sie sich einmischen und Zivilcourage beweisen? Könnte sie diesen Vater überhaupt beruhigen? Er flößte selbst ihr Angst ein. Sie nahm sich vor, noch am heutigen Tag fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zögernd stieg sie auf ihr Rad und fuhr zum Wochenmarkt. An einem Obststand lachten sie die ersten saftigen roten Süßkirschen an. Unweigerlich musste sie an das Mädchen im Baum denken. Von nun an nannte sie es ‚Cherry’. Auf dem Weg nach Hause sprach sie beim Jugendamt vor und schilderte einer Sozialarbeiterin, was sie beobachtet hatte und ihre Sorgen um das Mädchen. Sobald ihr Dienstplan es zuließe, versprach die Familienhelferin einen Hausbesuch zu machen, um sich vor Ort ein eigenes Bild von der Familie zu verschaffen.

Beim anschließenden Blick aus dem Küchenfenster stellte sie sofort fest, dass die Leiter nicht mehr am Stamm lehnte, dass aber Cherry auf ihrem Brett stand und zum Bahnsteig schaute. Durch das Fernglas konnte sie auch erkennen, dass sie Kirschen aß und die Kerne im hohen Bogen Richtung Bahnsteig spuckte. Gedankenverloren tat sie es dem Mädchen gleich. Sie verzehrte eine nach der anderen von diesen köstlichen Früchten und beim Weitspucken empfand sie geradezu ein kindliches Vergnügen. Plötzlich drehte sich das Mädchen ruckartig um und schaute in ihre Richtung. Sie nutzte die Gelegenheit und rief ihm zu: „Hallo, hier bin ich, im Nachbarhaus. Hast du Lust mich zu besuchen?“ Schon verschwand Cherry wieder im Blätterdickicht. Doch ein paar Minuten später schritt sie langsam und aufrecht ihren heimischen Plattenweg entlang zur Gartenpforte. Ihr majestätischer Gang passte nicht zu ihrem schwarzen Schlabberlook. Ehe sie sich versah, stand ein Mädchen mit großen, rehbraunen Augen und einem ernsten, unkindlichen Gesichtsausdruck vor ihr. Sie ignorierte ihre ausgestreckte Hand, ging an ihr vorbei in die Küche und setzte sich auf einen Stuhl. Sofort wollte sie von ihr wissen, wie alt sie sei, in welche Klasse sie gehe, und vor allem wollte sie erfahren, was sie tagtäglich in dem Kirschbaum mache. Cherry presste ihre Lippen aufeinander, zog ihre Stirn kraus und antwortete nicht. War sie taub oder gar taubstumm? Als sie ihr anbot, sie nach Hause zu begleiten, begann sie hektisch aus einer Tasche ihrer übergroßen Strickjacke etwas hervorzuziehen. Sie hielt ihre Glitzerschachtel in der Hand, aus der sie mehrere Zettel und einen Stift entnahm. Mit Großbuchstaben schrieb sie auf ein Blatt NEIN, auf ein anderes die Zahl 9, darunter eine 4 und auf einen neuen Zettel schrieb sie FREIHEITSLIEBE. Sie konnte also hören, aber nicht sprechen.

Verwundert schaute sie das Mädchen an. In seinem Blick sah sie jetzt keine Traurigkeit mehr, eher eine unbändige, wilde Entschlossenheit. Zaghaft wollte sie es am Arm berühren, doch es zuckte zurück, versteifte seine Körperhaltung und rückte vom Tisch ab. Sofort zog sie ihre Hand zurück. Sie wollte es auf keinen Fall verschrecken. Seine Einwortsätze, die alle wichtigen Informationen enthielten, faszinierten sie. Behutsam wies sie das Mädchen darauf hin, dass es schon spät sei, und sie zuhause bestimmt von ihrem Vater erwartet werde, worauf sie ihr erneut den NEIN-Zettel hinlegte, und jetzt begriff sie. Auf ihre Frage, ob sie am Sonntag wiederkommen möchte, schrieb sie JA.

Am nächsten Tag empfing sie Cherry mit frisch gekochter Kirschmarmelade und einem Zettelkasten. Sie konnte nun für ihre Antworten verschiedene Farben auswählen. Nach einer Stunde war der Küchentisch mit kleinen bunten Vierecken übersät. Beide spürten, wie sich in der wohltuenden Stille eine Beziehung zwischen ihnen anbahnte. Eine Woche später lächelte Cherry sie zum ersten Mal beim Abschied an. Doch sie unterdrückte ihren Impuls, das Mädchen zu umarmen.

An einem lauen Sommerabend öffnete Cherry ihr Küchenfenster und schrieb zwei Wörter auf einen grünen Zettel FREIHEIT ATMEN. Längst hatte sie verstanden, was dem Mädchen der Kirschbaum bedeutete: allein und für andere unsichtbar sein, träumen dürfen, atmen können und, vor allem, sich frei fühlen.

Nach einigen Tagen stand die Leiter wieder am inzwischen fast völlig abgeernteten Kirschbaum. Durch das Fernglas entdeckte sie Cherry. Sie stand in einer Astgabel und ihre geöffnete Schachtel befand sich neben ihr auf dem Brett. Mit einer Hand hielt sie sich am Stamm fest, mit der anderen holte sie einen Zettel nach dem anderen aus einem Hohlraum und steckte diese in ihre Box. Wenige Minuten später stand sie in der Wohnung vor ihr, nickte ihr zu, ging in die Küche, räumte den Tisch frei und verteilte auf ihm ihre Zettellawine. Sie las und staunte, dass aus diesem introvertierten, wortkargen Mädchen so viel Lebensweisheit hervorquoll. Es ließ sie in seine Seele schauen und an seinen Gedanken und Gefühlen teilhaben. Nun wusste sie endgültig, dass es Vertrauen zu ihr gefasst hatte.

Was sie zu lesen bekam, erinnerte sie an ihren Schulalltag und an die von ihr auf die Tafel geschriebenen Themenvorschläge für Besinnungsaufsätze, wie z.B.: „Was ist Glück?“ „Kann man sich in Gefangenschaft trotzdem frei fühlen?“ „Verletzt sich jemand auch selbst, wenn er anderen wehtut?“ Hier bekam sie bruchstückhaft Antworten auf diese Fragen. Die philosophischen Kurzbotschaften dieses jungen Mädchens zeigten ihr einerseits, wie sehr es sich nach Geborgenheit und Liebe sehnte und andererseits wurde seine Angst vor Nähe und den damit verbundenen erneuten Enttäuschungen deutlich. Sie wollte für das Mädchen da sein, es begleiten. Auch wenn es nicht mit ihr sprach, verstand sie es von Tag zu Tag besser. Woche um Woche verbrachten sie viele Stunden gemeinsam in der Küche. Alle mittlerweile eng beschriebenen Zettel sammelten sie in einer Schatulle.

Eines Abends klingelte Cherry Sturm bei ihr, warf ihr im Hausflur eine neue Ausgabe des Wochenblatts vor die Füße, drehte sich um und verschwand in der Dunkelheit.

 

Freier Fall

Wie jedes Jahr an ihrem Geburtstag fährt Mira an die Alster. Sie parkt in der Milchstraße, nahe der Musikhochschule. Ihr alter Rektor ist jetzt Vorsitzender im Aufsichtsrat. Sie klopft an der Tür und wartet, bis geöffnet wird. „Ach, du bist es.“ Ihr Erscheinen löst kein Erstaunen aus. „Komm nachher bei mir vorbei, ich habe ein kleines Geschenk für dich.“ Sie geht durch das Haus auf die Terrasse. Der breite Balkon wird getragen von den drei Säulen der Eingangshalle. Die Treppe führt direkt in den Park hinunter, der am Harvestehuder Weg endet. Von der Terrasse hat sie nicht nur einen Blick auf die Alster, sondern auch in das Nachbargrundstück hinein, dort wo am Ende noch einige der Gebäude stehen, die nach dem Krieg von den Engländern genutzt worden waren. Und mitten drin im Park ein alter Kirschbaum, der jetzt rot leuchtet, mit sichtbaren Lücken, das Werk der Stare, die im Morgengrauen die reifen Früchte ernten. Sie stellt einen Stuhl in Richtung Kirschbaum, legt die Tüte mit den Kirschen auf die breite Lehne und lässt sich tief in den breiten Chairman hineinsinken. Mira wundert sich, wie gut das wiederkehrende Ritual funktioniert. Es stellt sich ein, sobald sie den Baum erblickt und zur Verstärkung eine Kirsche in den Mund schiebt. Dann wird sie zum Kind, genau in dem Moment, indem sie den Kirschkern im weiten Bogen in den Park hineinspuckt.

Sie war neun, als Frau Meinert vom Jugendamt an die Tür klopfte. Zwei Männer begleiteten sie, die sich wie Schutzpatrone an ihre Seite stellten. Ohne ein Wort ließ der Vater Mira gehen. Und ohne einen Blick zurück nahm sie den kleinen Pappkoffer und sogar die ausgestreckte Hand der Frau, die sie nach Hamburg bringen sollte. Miras Tränen waren verbraucht, als die Männer mit den kreischenden Sägen in den Garten gekommen waren. „Willst du dich nicht verabschieden?“ Frau Meinert durchbrach die Stille. Sie zweifelte, wie das hier anständig zu Ende gebracht werden sollte. Mira schüttelte den Kopf. Nichts hielt sie an diesem Ort, seit der Kirschbaum abgeholzt wurde. Sie holte einen kleinen Zettel aus ihrer Jackentasche. „Mein Freund ist tot“, stand da.

Die Fahrt nach Hamburg zog sich hin. Der graue VW hüstelte und brummte, wenn ein Schlagloch einen Gang zurück erforderte. Mira fühlte nichts. Keine Trauer, keine Furcht, keine Aufregung. Erst als sie über die Elbbrücken fuhren und rostige Kräne aus dem Elbwasser ragten, ging ihr Atem schneller. Sie schaute Frau Meinert an. „Ja, jetzt sind wir in Hamburg, gleich siehst du den Michel“, erwiderte sie auf den fragenden Blick. Alles was Mira sah, waren zusammengefallene Häuser und Menschen in den Straßen, die trotz des warmen Wetters mehrere Sachen übereinander angezogen hatten. Sie schienen etwas zu suchen oder zu sammeln. Mira schüttelte den Kopf, wagte aber nicht, Frau Meinert anzusehen, weil sie keine fertige Antwort auf ihre ungereimten Fragen haben wollte.

Und dann passierte etwas Merkwürdiges. An einem Bahnhof bogen sie rechts ab und fuhren auf eine Straße, die an einem großen See entlangführte. Auf der einen Seite das blaue Wasser und auf der anderen Seite große, schöne Häuser. Schöne, heile Häuser mitten in einem Park. „Das ist die Alster“, sagte Frau Meinert. „Gleich sind wir da.“ In dem mächtigen Haus am Harvestehuder Weg wohnten und arbeiteten englische Soldaten. Es hatte einen großen Zaun zum Park. Im Park standen Holzhütten wie am Bindfaden aufgereiht und mitten drin ein Baum – ein riesiger alter Kirschbaum.

Das ist jetzt 55 Jahre her. Mira zieht sich das leichte Tuch etwas fester um die Schultern und blickt über die Alster. „Na ja, es ist etwas aufgeräumter“, denkt sie, „und gegenüber auf der anderen Seite ragen Hochhäuser hinter den weißen Villen auf, doch so richtig hat sich hier nichts verändert.“ Sie lässt wieder eine Kirsche in den Mund rutschen und träumt sich weiter in das Ereignis ihrer Kindheit hinein. „Bald bekommen wir eine eigene Wohnung“, der Mann schaute sie und Frau Meinert etwas verunsichert an. Mit Blick auf die offene Tür der Hütte fügte er hinzu; „Und dann hast du ein eigenes Zimmer.“ Seine Frau lächelte aus wunderschönen blauen Augen. Sie wollte das Mädchen in den Arm nehmen und traute sich dann doch nicht. Mira nahm, gnädig gestimmt, ihre Hand und zog sie hinaus zum Kirschbaum. Beide saßen im Gras und schauten auf die rote Pracht, die viel zu hoch hing, als dass sie erreichbar gewesen wäre. Mit beiden Händen hielt Inge ihren Bauch und lachte. „Dein Zimmer wirst du wohl bald teilen müssen, wenn du bei uns bleiben willst.“ In Gedanken schrieb Mira auf einen gelben Zettel: „Ja, sehr gerne.“

Der Gärtner war es, der die Leiter am Kirschbaum stehen ließ. Er machte Mittagspause, als Mira aus der Schule kam. Wie sollte sie da widerstehen? Die Sprossen konnte sie leicht überwinden, sie reichten aber nicht ganz zu den ersten Ästen. Mit leichtem Schwung stieß sie sich von der letzten Stufe ab und erreichte den nächsten Ast, der sich so lange gegen die ungewohnte Last wehrte, bis er brach. Mit einer Schubkarre brachte Inge sie in die Krankenstation der englischen Besatzer, die von der Milchstraße aus zu erreichen war. Ohne darüber nachzudenken, nahm sie einen ganzen Satz Zettel vom Nachttisch ihres stummen kleinen Mädchens. NEIN, schrieb Mira, auf die Frage, ob sie Schmerzen hätte. JAA, gleich darauf, als der Arzt ihren Arm anfasste, und TUT MIR LEID, als sie mit dem eingegipsten linken Arm die aufgeregte Inge umarmte. Das Haus der Engländer verließen sie mit zwei Eintrittskarten für die Hamburger Musikhalle. „Sie spielen wieder“, sagte der junge Soldat. „Gehen sie mit der Kleinen hin. Musik heilt alle Wunden.“ Von dem Moment hatte ihr Leben eine Wende genommen.

Alle Kirschen sind weggeträumt. Sie ist wieder angekommen im Leben und in der Realität. Schon die ganze Woche rückten Nachrichten sie gedanklich nahe an die Ereignisse, die tief im Speicher ihrer Erinnerungen lagen. In Hamburg werden wieder Flüchtlingsheime gebaut. Menschen aus Kriegsgebieten stehen vor der Tür und hoffen darauf, dass auch ihr Leben eine Wende nimmt. In der Morgenpost sah sie den Bauplan für Wohneinheiten im Park an der Alster. Der Kirschbaum sollte verschwinden.

Auf dem Rückweg zum Büro geht sie an der Tafel bekannter Absolventen der Musikhochschule vorbei. Auch ihr Name ist darauf zu finden. Herrmann hat sie schon erwartet. „The same procedure …?“ Er nimmt sie erwartungsvoll in die Arme. „Hast du mir wieder etwas mitgebracht?“ Mira greift in die Tasche. Hundert kleine Zettel mit Noten rieseln auf den Konferenztisch in der Mitte des Zimmers. Jede Instrumentengruppe hat eine eigene Farbe. Am Ende legt sie einen Notensatz für die kleine Trommel auf den Stapel und mit fester Stimme sagt sie: „Mein Freund der Baum ist tot. Er hat mich gerettet in höchster Not.“

 

Kirschenprinzessin

Mira setzte sich mit einem Ruck auf. Wo war sie? Allmählich registrierte sie wieder das großstädtische Grundrauschen im Hintergrund. Sie saß auf einer Bank an der Außenalster. Der strahlende Frühsommersonntag hatte Spaziergänger, Jogger, Menschen mit Hunden und Radfahrer nach draußen gelockt. Die Alster glitzerte als flirrendes Lichtband vor ihren Augen. Sie ertappte sich zu oft beim Tagträumen in der letzten Zeit. „Du wirst langsam wunderlich“, schalt sie sich selbst. „Such dir jemanden aus, den du eine Weile beobachtest, damit du ganz im Hier und Jetzt ankommst. Verlier‘ dich nicht gleich wieder in der Vergangenheit. Irgendwann gehst du sonst dort noch endgültig verschütt.“ Sie schüttelte energisch den Kopf. Das wollte sie nicht, dafür war sie mit 65 Jahren nun doch noch zu jung.

Nur ein paar Meter entfernt, auf dem Weg am Wasser, sah sie ein kleines Mädchen, etwa drei Jahre alt. Es ging mit seinem Opa spazieren, der mit der linken Hand einen Buggy schob. Mit der rechten hielt er dem Kind eine Tüte hin, in die es freudig hineingriff – Kirschen, stellte Mira fest. Großvater, Kirschen, ein kleines Mädchen, um das er sich liebevoll kümmert, Mira wurde fast schwindelig. So ging es also auch. Sie atmete mehrmals tief ein und aus und befahl den Tränen energisch, nicht zu fließen. Sie schaute weiter dem Opa und dem kleinen Mädchen zu und lächelte versonnen. Mit Herz und Sinn war sie ganz bei der kleinen Kirschenprinzessin. Die pickte sich drei Früchte aus der Tüte, drehte sich um und lief wie an einer Schnur gezogen zu der Bank, auf der Mira saß. „Da, Kirschen. Für dich!“, sagte sie und streckte Mira die prallen roten Kugeln hin. Dann kletterte sie entschlossen auf die Bank und rutschte zu Mira heran. Die steckte sich eine Kirsche in den Mund und spuckte den Kern in geübtem Bogen in die Wiese. Die Kirschenprinzessin lachte: „Noch maaal!“

Inzwischen war auch der Großvater zur Bank gekommen. „Sie gestatten?“, fragte er, bevor er auf Miras anderer Seite auf der Bank Platz nahm. „Meine kleine Kirschenprinzessin“ – er nannte das Mädchen also tatsächlich auch so – „weiß immer ganz genau, wenn sie jemanden mag. So schnell wie zu Ihnen eben habe ich sie aber noch zu niemandem laufen sehen.“ Mira spuckte den nächsten Kirschkern in die Wiese und nickte. Dann legte sie den Arm um das Kind und lächelte es an. Die Kleine strahlte zurück. Eine Weile beobachteten die Drei still das Treiben auf dem Wasser. Der alte Herr sagte irgendwann mit leiser Stimme: „Wissen Sie, meine Frau hat noch erfahren, dass unsere Tochter schwanger geworden war. Aber die Geburt der Enkelin hat sie nicht mehr erlebt.“ Er räusperte sich entschlossen. Mira nickte. Sie legte kurz ihre Hand auf den Arm ihres Nachbarn. Er sollte wissen, sie hatte ihm zugehört. „Opa, Tränen fangen!“, sagte da eine energische Stimme neben ihr. Und wirklich, etwas umständlich nestelte er ein blütenweißes Taschentuch aus seiner Jackentasche und tupfte damit die Tränen von Miras Wangen.

„Entenkinder gucken!“, forderte die Kirschenprinzessin und rutschte von der Bank herunter. „Begleiten Sie uns ein Stück?“ Mira nickte und stand ebenfalls auf.

 

Kirschkernkissen

Am Abend vor dem Fernseher merkte sie, dass sie sich überhaupt nicht auf die Talk-Show konzentrieren konnte. Immer wieder musste sie an die nachmittägliche Begegnung mit dem Opa und seiner Enkelin an der Alster denken. Diesmal wurde sie nicht trübsinnig wie sonst, wenn sie zurück an ihre traumatischen Kindheitserlebnisse dachte und diese nicht in Worte fassen konnte. Heute war es anders, belebend, leicht.

Irritiert griff sie zum Tagebuch und schrieb nach langer Zeit mal wieder ein Gedicht. Sie öffnete den verstaubten Klavierdeckel, klimperte fröhlich auf den Tasten herum, und dazu sang sie ihre lyrischen Zeilen. Ihr Herz raste und Freudentränen liefen über ihre Wangen. Wann hatte sie jemals ihre Gefühle laut ausgedrückt? Bisher konnte sie diese nur aufschreiben und jetzt bekamen sie sogar eine Gesangsstimme. Mira wurde übermütig. Sie trällerte ihre Verse immer lauter und hämmerte dabei heftig auf die Tastatur. Plötzlich hielt sie inne, nahm ihren rasenden Puls wahr, spürte Schweißperlen zwischen ihren Brüsten und gebetsmühlenartig wiederholte sie den Satz: „So fühlt sich Glück an.“

Ihre Freundinnen schauten sich durchaus im Netz die Partnerangebote bei ‚Parship’ oder ‚Tinder’ an. Dafür fühlte Mira sich längst zu alt und außerdem fehlte ihr auch der Mut, in diesem Medium Persönliches zu offenbaren. Wie sollte sie sich auch beschreiben? „Ich spiele gerne Klavier und singe dazu, schreibe Gedichte und genieße die Stille in der Natur. Wenn Du auch die leisen Töne magst, trau Dich, mich zu kontaktieren!“ Die Vorstellung, dass tatsächlich jemand an ihr Interesse haben sollte, ließ sie fast panisch werden. Sie könnte doch nicht mit einem Zettelkasten beim ersten Date erscheinen, weil sie vor lauter Aufregung kein Wort hervorbringen würde. Nein, das kam überhaupt nicht für sie infrage.

Das, was sie für den nächsten Tag plante, erschien ihr bereits sehr wagemutig. Sie wollte morgens auf dem Markt Kirschen kaufen und diese wie am Vortag am selben Ort zur gleichen Zeit verzehren in der Hoffnung, dass wieder Kinderhände beherzt in ihre Obstdose greifen würden.

Schon von Weitem sah sie sie auf die Parkbank zulaufen mit ihrem auf und ab wippenden Pferdeschwanz, ihren Opa im Schlepptau. Kaum saß sie neben ihr, probierte sie die süßen Früchte und spuckte die Kerne im hohen Bogen aus. Dabei plapperte sie unentwegt: „Weißt du was? Ich hab morgen Geburtstag. Rate mal, wie alt ich werde! Ich kann dich nicht einladen. Ich weiß ja gar nicht, wie du heißt. Können wir zusammen hier nachfeiern? Kommst du dann wieder?“ Mira stieß sofort ein kräftiges „Ja, abgemacht“ hervor.

Eigentlich wollte Mira für dieses Treffen nur einen Kirschkuchen backen. Doch dann hatte sie die Idee, auch die Kerne zu nutzen und sie bei niedriger Temperatur im Ofen trocknen zu lassen. In der Zwischenzeit holte sie vom Dachboden ihre uralte Nähmaschine herunter und suchte in einer Kommode nach farbigen Stoffresten. Um Mitternacht war nicht nur der Geburtstagskuchen, sondern auch ein kuscheliges Nackenhörnchen aus rotem Plüschstoff fertig. Am liebsten hätte sie auch für sich selbst so einen Seelentröster genäht.

Als sie am übernächsten Tag ihr Kirschkernkissen der kleinen Prinzessin überreichte, schlang die ihre Ärmchen um Mira und rief entzückt aus: „Kannst du so eins auch für Opa nähen? Bitte, bitte!“

An diesem Abend schrieb Mira auf einen roten Zettel:

Kirschen essen

Nicht vergessen!

Ich nähe dir ein Kirschkernkissen

Und hoffe, du wirst mich stets vermissen!

Auf der Achterbahn

Kapitel 1

Rote Rosen

 

Felizitas Peters

Kapitel 2

Found and lost

 

Ursula Striepe

Kapitel 3

Das Echo

 

Renate Haußmann

Kapitel 4

Happy Valentine

 

Felizitas Peters

 

Rote Rosen

Welcher Knopf war es nur? Der grüne sicher. Aufmachen ist doch immer grün. Mit Rot schließt man. Aber halt – gestern hatte sie eine neue Fernbedienung für das Hoftor bekommen. Ob die wirklich genauso funktioniert? Entschlossen drückt sie auf Grün – nichts. Dann auf Rot – immer noch nichts. Sie hupt. Er muss doch gehört haben, dass sie vor dem Tor steht. Warum macht er denn nicht auf? Vermutlich ist er immer noch verärgert. Wie lange kann ein Mann denn schmollen? Länger als eine Frau offenbar. Es ist so heiß in diesem Auto! Die Klimaanlage liegt auch in den letzten Zügen. Hektisch drückt sie all die anderen kleinen Knöpfe, die sich auf dem streichholzschachtelgroßen Bedienfeld drängen. Der ganze Kofferraum ist voller Lebensmittel und es sind 35 Grad im Schatten. Wenn das nicht bald in den Kühlschrank kommt, war die ganze Aufregung heute Morgen für die Katz – vom Geld gar nicht zu reden. Da! Das Tor schwingt auf, endlich. Keine Ahnung, welcher Knopf es denn nun gewesen ist – aber egal. Schnell hinein, bevor das automatische Tor wieder schließt. Entschlossen legt sie den Gang ein, schaut über die Schulter, ob auch niemand dort steht, der sich hinter ihrem Auto hineinschleichen könnte und fährt wie gewohnt in dieser unnatürlich verrenkten Haltung auf den Hof. Geschafft. Und sie ist es auch. Was für ein Morgen!

Jetzt muss noch alles hochgeschleppt werden. Warum hatten sie nochmal ein Haus am Hang gekauft? Wegen der Aussicht? Wie oft wird sie heute wohl die Treppen hochgehen müssen, bis alles oben ist? Ob sie ihn noch mal rufen soll? Der Schweiß läuft ihr jetzt schon in die Augen und dabei hat sie noch nicht mal angefangen mit dem Auspacken. Mit dem Unterarm wischt sie sich übers Gesicht und stutzt: Da ist etwas Rotes! Und da auch. Eine Spur roter Punkte zieht sich die Treppenstufen hinauf. Schnell reißt sie die Autotür auf und rennt zum Fuß der Treppe. Blut, denkt sie. Das muss Blut sein. Ob er verletzt ist? Angeschossen? Oder Schlimmeres! Doch es ist kein Blut. Der warme Wind weht ihr rotes Konfetti entgegen. Es sind Rosenblätter. Rote Rosenblätter. Auf der steilen Treppe zu ihrem Vorstadthaus liegt eine Spur von zarten roten Blütenblättern, die bis hinauf ins Haus führt. Sie blickt sich um und sucht den Hof ab. Warum, könnte sie nicht sagen. Will sie schauen, ob dort jemand steht, der sie beobachtet? Wer sollte das sein? Vielleicht steckt Angst in ihr. Erst das Tor, dann die ‚Blutflecken‘, die keine sind. Sie atmet tief durch und geht langsam die Stufen hinauf.

Oben führt die Spur aus Rosenblättern auf die Terrasse. Dort wird sie dünner, zittriger, als sei der Fluss des Streuens unterbrochen worden, vielleicht ist jemand hin und her gegangen – oder gestört worden. Doch die Spur führt weiter ins Haus. Aber die Eingangstür ist zu. Warum ist die Tür zu? Wo ist er denn?

Sie folgt den Rosenblättern durch das Wohnzimmer zum Esstisch. Dort steht ein kleines, liebevolles Arrangement: zwei Sektgläser und eine Flasche. Auf dem Tisch ein paar Tropfen. Wasser? Die Flasche ist leer. In der leeren Flasche stecken zwei prachtvolle rote Rosen, die dem Schicksal ihrer Schwestern entkommen sind. Außerdem ein kleines, gebasteltes Schild mit ‚Happy Valentine!‘. Sie schluckt. Er ist doch einfach süß, wenn er will. Vermutlich ist das seine Art ihr zu sagen, wie leid es ihm tut, dass er heute Morgen so einen Aufstand gemacht hat. Oder – ob er den Aufstand nur gemacht hat, damit sie allein zum Einkaufen fährt? Egal, sie wird ihm verzeihen. Aber wo ist er nur? Diese ganze Inszenierung schreit doch danach, dass er hinter der Tür hervorspringt und „Überraschung“ ruft. Mit einer vollen Sektflasche in der Hand. Also? Wo bleibt er? Leise ruft sie ihn. Das müsste er doch hören. Warum sie leise ruft, kann sie selbst nicht erklären, aber das unheimliche Gefühl hat sie nicht verlassen. In der Küche ist er nicht und ein kurzer Blick durch das Küchenfenster zeigt ihr auch im Garten kein Lebenszeichen. Er ist nicht im Arbeitszimmer und nicht im Zimmer der Kinder. Vielleicht ist er im Schlafzimmer, denkt sie. Wer weiß, wie weit diese Überraschung noch geht – ihm ist alles zuzutrauen.

Okay, sie wird mitspielen. Die letzten Meter zum Elternschlaftrakt schleicht sie jetzt. Behutsam setzt sie Schritt für Schritt, damit die Dielen vor der Schlafzimmertür nicht knarren und sie verraten. Leise drückt sie die Türklinke herunter und öffnet die Tür – da! Hier liegen wieder Rosenblätter – allerdings keine Spur mehr, nur ein paar versprengte Blättchen, die sie wieder an dicke Blutstropfen erinnern.

Nur noch drei kleine Schritte und dann kann sie um die Ecke schauen auf das Bett.

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