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Jesse Trevellian kehrt zurück: Thriller Sammelband

Alfred Bekker

Jesse Trevellian kehrt zurück: Thriller Sammelband

Zwei Krimis: Killer ohne Gnade/ Killer ohne Skrupel: Cassiopeiapress Spannung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Jesse Trevellian ermittelt

Zwei Krimis: Killer ohne Gnade / Killer ohne Skrupel

von Alfred Bekker

Ein CassiopeiaPress E-Book

© 2014 by Author

© 2014 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Dieses Ebook enthält folgende zwei Krimis:

Killer ohne Gnade

Killer ohne Skrupel

Der Umfang dieses Ebook entspricht 480 Taschenbuchseiten.

Killer ohne Gnade

Als beim Dreh eines Action Movies der Star eine echte Kugel abbekommt, beginnen die Ermittlungen von Jesse Trevellian und seinem Team - denn es handelte sich nicht um einen Unfall, wie sich schnell herausstellt. Ein Action Star, der tief in die Machenschaften des organisierten Verbrechens verstrickt ist, gegen die er in seinen Filmen immer kämpfte und ein Machtkampf innerhalb der Unterwelt - damit hat es Trevellian in diesem Fall zu tun. Und schon bald steht er ebenfalls auf der Abschussliste der Syndikate...

1

New York 1997

John Mariano stieß einen grimmigen Schrei zwischen den makellos weißen Zähnen hervor. Sein Gesicht war eine verzerrte Maske. Der unruhige Blick seiner dunklen Augen glitt über die bröckelnden Fassaden der heruntergekommenen Häuser, die kaum mehr als Ruinen waren.

Mariano packte den riesigen Flammenwerfer mit beiden Händen. Das Gewicht dieser furchtbaren Waffe schien Mariano nicht das Geringste auszumachen. Sein Hemd bestand nur noch aus Fetzen. Die Ärmel waren herausgerissen, so dass Marianos gewaltige Muskeln deutlich sichtbar wurden.

Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen.

Braungelber Nebel kroch in dichten Schwaden über den Asphalt.

Aus den Augenwinkeln heraus nahm Mariano plötzlich eine Bewegung wahr. Er wirbelte herum. Ein schwarzgekleideter Angreifer war aus einem der Hauseingänge herausgesprungen und riss seine Maschinenpistole hoch. Der Lauf deutete auf Mariano.

Der Angreifer war maskiert. Er trug eine schwarze Sturmhaube, die lediglich die Augen freiließ.

Mariano reagierte eiskalt.

Ein Muskel zuckte kurz unterhalb seines linken Auges. Genau in dem Moment, in dem das Mündungsfeuer der Maschinenpistole wie die hungrige Flammenzunge eines Drachen hervorschnellte, feuerte Mariano.

Der Feuerstrahl des Flammenwerfers erfasste mit einem zischenden Geräusch den Maskierten.

Mariano ließ sich seitwärts fallen, während einige Kugeln dicht an ihm vorbeischossen. Sie ritzten ihre unverwechselbare Signatur in die Fassaden auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein.

Der Maskierte schrie auf, als ihn das Feuer erfasste. Die Wucht des Feuerstrahls riss ihn nach hinten und fegte ihn gegen die Wand.

Mariano wirbelte derweil herum.

Er griff zu dem Futteral, das ihm seitlich am Gürtel hing.

Eine überdimensionale Spezialpistole mit ultralangem Lauf steckte darin. Mit ihr konnte man besondere Explosivgeschosse auf den Weg schicken. Mariano riss die Waffe heraus und feuerte, ohne zu zielen. Das Projektil schoss heraus und pfiff in eines der Fenster hinein. Eine Sekunde später gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Eine gewaltige Explosion ließ den Asphaltboden erzittern. Die Wand brach auf einer Länge von mehreren Metern auseinander und ein menschlicher Körper wurde aus dem Gebäude herausgeschleudert. Der Todesschrei ging in dem Explosionsgeräusch unter. Schwer wie ein nasser Sack schlug der Körper auf dem Asphalt auf, wo er in seltsam verrenkter Stellung liegenblieb.

Steine flogen durch die Luft. Ganze Mauerteile brachen heraus und rutschten in die Tiefe.

Ein rotes Flammenmeer züngelte aus dem Fenster heraus. Die Hitze war bis hinunter zu Mariano zu spüren. Schweiß stand dem ungewöhnlich muskulösen Mann auf der Stirn. Das dunkle Haar klebte ihm am Kopf.

Er bleckte die Zähne wie ein Raubtier und setzte dann zu einem Spurt auf die andere Straßenseite an. Aus einer Fensteröffnung blitzte es dunkelrot heraus. Mariano feuerte seine Pistole ab. Das Explosivgeschoss machte ganze Arbeit, als es durch die Fensteröffnung flog und dort detonierte. Ein Schrei mischte sich in das Explosionsgeräusch. Die Schüsse verebbten. Ein Teil der Decke schien herunterzukrachen.

Beißender, schwarzer Qualm mischte sich mit grauem Staub und quoll aus dem Gebäude heraus.

Mariano stand völlig erstarrt da.

Das Geräusch eines einzelnen Schusses war in dem Getöse untergegangen.

Mariano wankte.

Sein Gesicht war so starr wie immer. Die Augen traten aus ihren Höhlen hervor. Nicht mehr grimmige Entschlossenheit stand in ihnen, sondern...

Der Tod!

Ein roter Punkt befand sich mitten auf der Stirn und wurde rasch größer. Er wirkte fast wie ein drittes Auge, das rote Tränen vergoss.

Mariano sackte in sich zusammen. Eine Sekunde später lag er ausgestreckt auf dem Rücken.

John Mariano, einem Millionenpublikum besser bekannt als 'Der Bestienkiller' war so mausetot, wie die Legion seiner zahllosen Feinde, mit denen er kurzen Prozess gemacht hatte.



2

"Ich habe Ihnen diesen Ausschnitt aus dem bisher fertiggestellten Filmmaterial des neuesten John Mariano-Steifens keinesfalls in der Absicht gezeigt, Ihnen ein Beispiel für vorbildliche Verbrechensbekämpfung zu geben", erklärte Mr. McKee, der Chef des FBI-Districts New York im Rang eines Special Agent in Charge.

Wir saßen in Mr. McKees Dienstzimmer und genossen das besondere Aroma des Kaffees, den seine Sekretärin Mandy gebraut hatte. Ein Kaffee, der in der gesamten FBI-Zentrale an der Federal Plaza für seinen besonderen Geschmack berühmt war. Eine Schande, das wir ihn aus Pappbechern trinken mussten.

Rechts von mir hatte mein Freund und Kollege Milo Tucker in einem der schlichten Ledersessel Platz genommen, mit denen Mr. McKees Büro ausgestattet war. Außerdem waren noch die Special Agents "Orry" Medina und Clive Caravaggio anwesend und lauschten interessiert Mr. McKees Ausführungen.

Mr. McKee machte ein ernstes Gesicht. "Wie ich annehme, haben Sie alle in den letzten Tagen mal Zeitung gelesen oder die Nachrichten gesehen... So wissen Sie, dass der Schuss, den John Mariano in die Stirn bekam, keineswegs eine tricktechnische Meisterleistung war - sondern die Realität.

Jemand hat ihn bei den Dreharbeiten seines neuesten Streifens umgebracht."

"Ich habe davon gehört", meldete sich Orry zu Wort. Er war indianischer Abstammung, hatte einen dunklen Teint und war vermutlich der bestangezogenste Agent des ganzen FBI-Distrikts. Seine Sammlung seidener Krawatten genoss einen geradezu legendären Ruf.

Orry nahm einen Schluck aus seinem Kaffeebecher und fragte dann schulterzuckend. "Ich frage mich die ganze Zeit schon, weshalb das ein Fall für den FBI sein soll."

"Formal gesehen schon deshalb, weil John Mariano ein Bürger des Staates Kalifornien ist, der in New York State ermordet wurde", erläuterte Mr. McKee. "Aber es gibt da auch noch ein paar andere interessante Details, die dafür sorgen, dass der Fall Mariano unser Fall ist." Mr. McKee schaltete den Projektor aus. Er atmete tief durch und vergrub eine Hand in der Hosentasche. "Wir haben nämlich den ballistischen Bericht inzwischen vorliegen. Und der spricht eine eindeutige Sprache. Mariano starb mit einer Waffe, die auch bei zwei Morden aus dem Mafia-Milieu benutzt wurde. Die Details können sie sich in dem Bericht ansehen, den ich Ihnen zusammengestellt habe."

"Mariano wurden doch immer Kontakte zur Mafia nachgesagt", meinte Caravaggio.

"Er ist Italo-Amerikaner", warf Orry ein. "Das macht ihn in dieser Hinsicht natürlich sofort verdächtig."

Caravaggio runzelte etwas ärgerlich die Stirn. Die Ironie in der Bemerkung seines Kollegen und Partners schien ihm völlig entgangen zu sein. "Ach, ja?"

Caravaggio war flachsblond und sah aus wie ein Wikinger.

Trotzdem - seine Ahnen stammten aus Bella Italia und daher reagierte er in dieser Hinsicht etwas empfindlich.

"Sollte ein Witz sein", meinte Orry etwas kleinlaut und rückte sich die edle, mit 585er Gold beschichtete Krawattennadel in die richtige Position. Bei ihm eine Geste der Verlegenheit.

Milo meinte: "Jedenfalls wäre Mariano nicht der erste, der im Showgeschäft durch Verbindungen zur ehrenwerten Gesellschaft nach oben gekommen ist..."

Mir fiel da spontan zuerst der Name Frank Sinatra ein, dessen Verbindungen zur Cosa Nostra nie genau aufgeklärt worden waren. Eigentlich hatte ich gedacht, dass die Zeiten vorbei waren, in denen ein Pate einem Hollywood-Tycoon ein Angebot machte, dass er nicht ablehnen konnte, um irgendein Sternchen zu puschen. Offensichtlich doch nicht.

Mr. McKee wandte sich herum und ging zu seinem Schreibtisch. Er kehrte mit ein paar großformatigen Schwarzweißfotos zurück, die er mit einer gekonnten Handbewegung vor uns auf den Tisch ausbreitete. "Diese Männer wurden mit derselben Waffe wie Mariano umgebracht", erläuterte Mr. McKee dazu. "Leute aus den mittleren Etagen des organisierten Verbrechens. Geschäftsführer von gutgehenden Nachtclubs, die als Geldwaschanlagen benutzt werden oder maßgebliche Leute in Reedereien, die in den Drogenschmuggel verwickelt sind."

"Immer derselbe Killer?", murmelte ich skeptisch.

"Ein Profi, so wie unsere bisherigen Erkenntnisse ergaben. Vermutlich wurde ein Schalldämpfer benutzt. Der Killer spähte seine Opfer vermutlich sehr sorgfältig aus, bevor er zuschlug. Er wusste stets genau Bescheid. Die Anschläge waren bis ins Detail geplant. So gut, dass er seine Opfer stets allein antraf. Es gibt keine Beschreibungen des Täters, keine Zeugen, die irgend etwas an brauchbaren Informationen hätten liefern können. Nur eine Kugel, fast immer genau in die Stirn, etwas oberhalb der Augen... Was allerdings das Attentat auf Mariano angeht, so scheint der Killer für eine sorgfältige Vorbereitung keine Zeit gehabt zu haben. Am Film-Set müssen etwa hundert Personen gewesen sein. Alles war durch private Sicherheitskräfte abgeriegelt, um Fans daran zu hindern, ihr Idol beim Dreh zu stören."

"Der Täter ging ein ziemlich großes Risiko ein", sagte Milo.

Mr. McKee bestätigte das. "Der Mord fand gewissermaßen vor Dutzenden von Zeugen statt. Die Kollegen der City Police haben von allen Aussagen aufgenommen, die zum Tatzeitpunkt am Ort des Geschehens waren. Diese Aussagen stehen Ihnen natürlich für Ihre Ermittlungen zur Verfügung. Leider scheint kaum etwas dabei zu sein, was einen Anhaltspunkt liefern könnte. Der Killer feuerte von einem Hausdach aus. Zuerst fiel den meisten Anwesenden wohl gar nicht auf, dass es sich nicht um einen Trick handelt. Sie haben die Explosionen auf dem Schirm gesehen. Bei dem Getöse fällt ein einzelner Schuss nicht auf."

"Den Killer hat niemand gesehen?", fragte Orry.

"Nein", schüttelte Mr. McKee den Kopf. "Auch den Sicherheitsleuten, die das ganze Gebiet absuchten, ist niemand aufgefallen, der verdächtig wirkte. Offenbar hat der Killer das Chaos geschickt genutzt, um zu verschwinden. Wie er sich überhaupt auf das Gelände gestohlen hat, ist allen ein Rätsel. Vielleicht hat er sich unter die Packer gemischt, die Requisiten am Drehort ausgeladen haben. Jedenfalls hat er es geschafft."

"Die Frage ist also, für wen dieser Killer arbeitet...", stellte ich fest. "Denn es ist wohl nicht anzunehmen, dass er auf eigene Rechnung unterwegs ist."

"Sie sagen es, Jesse."

"Also müssen wir nach weiteren Anhaltspunkten suchen", stellte Milo fest und machte dabei ein wenig optimistisches Gesicht.

"Immerhin wissen wir, dass die Toten allesamt dem Antonelli-Clan im Wege standen", stellte Mr. McKee fest.

"Und wie passt Mariano dann in diese Reihe?", fragte ich.

"Überhaupt nicht", erwiderte Mr. McKee. "Es gibt mehr als nur Gerüchte darüber, dass Big Tony Antonelli Marianos Filmkarriere überhaupt erst ermöglichte oder zumindest doch sehr förderte."

Ich sah Mr. McKee offen an. "Sie hoffen, dass wir am Ende nicht nur den Lohnkiller dingfest machen können, der Mariano auf dem Gewissen hat, sondern auch den Antonelli-Clan lahmlegen", stellte ich fest.

"Ganz genau, Jesse."

"Sie sind ein Optimist", stellte ich fest. "Bislang konnte man den Antonellis nie etwas nachweisen. Jedenfalls nichts Gerichtsverwertbares. Jeder weiß, dass sie ihre Finger im Drogenhandel, im Glücksspiel und in einigen anderen illegalen und daher sehr lukrativen Branchen haben, aber wenn jemand über die Klinge springen musste, dann waren das immer nur die niederen Chargen..."

"Und das ärgert mich seit langem, Jesse!" Mr. McKee setzte sich nun ebenfalls in einen der dunklen Sessel. Er schlug die Beine übereinander. Sein Gesicht strahlte Entschlossenheit aus. Er deutete mit einer knappen Bewegung auf die Fotos auf dem Tisch. "Wenn ein Mafia-Pate die mittleren Chargen der Konkurrenz umbringt, will er vielleicht sein Gebiet ausdehnen. Aber, wenn er einen Mann wie Mariano umbringen lässt, dann muss es dafür entweder einen verdammt guten Grund geben, oder man muss an Big Tonys Intelligenz zweifeln."

"Möglichkeit Nummer zwei ist wohl absurd", stellte Milo fest.

Mr. McKee nickte.

"Das sehe ich auch so. Schließlich kann man sich in dem Fall wie dem von John Mariano sicher sein, dass die Ermittlungen peinlich genau von den Medien verfolgt werden. Das ist keine Sache, die irgendwann zu den Akten gelegt werden kann. Die Polizei, der FBI, die Staatsanwaltschaft keiner könnte sich das leisten, ohne sich unangenehme Fragen gefallen lassen zu müssen. Also wird es besonders hartnäckige Ermittlungen geben. Das liegt in der Natur der Sache - und Big Tony kann sich das an zwei Fingern ausrechnen. Er ist lange genug im Geschäft, um so etwas zu wissen..."

"Big Tony muss ziemlich nervös sein", nickte ich.

"Und vielleicht macht er dadurch Fehler", ergänzte Mr. McKee. Nach einer kurzen Pause fügte er düster hinzu: "Irgend etwas geht da vor sich, von dem wir bislang noch keine Ahnung haben..."



3

Milo und ich verbrachten einige Zeit in unserem gemeinsamen Dienstzimmer, um uns einen Überblick über die Fakten zu verschaffen. Unser wichtigstes Hilfsmittel war dabei der Computer. Per Datenfernleitung waren wir in Sekundenschnelle mit allen wichtigen Archiven und Datenbanken verbunden, darunter dem Zentralarchiv des FBI in Washington und den Datenbanken des NYPD.

Insbesondere interessierten uns natürlich alle verfügbaren Informationen, die im Laufe der Jahre über die Antonelli-Familie gesammelt worden war. Big Tony hatte seine wilden Sturm und Drangjahre eigentlich längst hinter sich. So hatten wir jedenfalls geglaubt. Es hatte schon Gerüchte geben, der große Boss wollte sich vollständig aus dem illegalen Bereich zurückziehen und sein Geld nur noch in saubere Geschäfte investieren.

New York war ein Dorf - und Little Italy erst recht.

Jedenfalls, was die Verbreitungsgeschwindigkeit von Gerüchten und Halbwahrheiten anging.

Was die Informationen über John Mariano angingen, waren unsere üblichen Informationsquellen dafür wohl eher ungeeignet. Er war nie straffällig geworden, hatte seine Fingerabdrücke nie auf einer Waffe hinterlassen, mit der jemand umgebracht worden war und war nur ein einziges Mal mit der Polizei in Berührung gekommen. Als er nämlich seine erste Frau verprügelt hatte, und die Nachbarn die Cops gerufen hatten. Aber damals war John Mariano noch kein Star gewesen, sondern ein mehr oder minder erfolgloser Schauspieler, der sich mit Auftritten in Werbespots über Wasser hielt und die paar Dollar, die er damit verdiente, in Fitnessstudios trug.

Später war dann mal in einem Magazin zu lesen, dass der Gebrauch von Anabolika zum Muskelaufbau seine Persönlichkeit verändert und ihn aggressiv gemacht habe.

Seltsamerweise wurde diese Story, die erst als großer Aufmacher angelaufen war, nicht weiter verfolgt. Der Verdacht lag nahe, dass da vielleicht jemand die Hand im Spiel gehabt hatte. Jemand, dessen Angebote man nicht ablehnen konnte...

Milo und ich durchstöberten alles, was an Presseinformationen, Filmarchiven oder Internet-Seiten von John Mariano-Fanclubs online auf unseren Bildschirm zu holen war. Mariano war zum Zeitpunkt seines Todes vielleicht noch nicht ganz da angekommen, wo Schwarzenegger, Bruce Willis oder Van Damme heute schon waren, aber die Fachwelt traute ihm den Aufstieg in die Superliga der Hau-Drauf-Helden durchaus zu.

Für den späteren Nachmittag hatten wir uns mit Frank Jackson, dem Regisseur des letzten Mariano-Streifens am Tatort verabredet.

Es handelte sich um eine Industriebrache in Brooklyn, ganz in der Nähe des East Rivers gelegen. Bei gutem Wetter war im Hintergrund die typische Skyline von Manhattan zu sehen. Die Gebäude sahen aus wie eine Ansammlung von Ruinen.

Ehemalige Bürokomplexe gab es hier ebenso wie Lagerhäuser.

Eine Import/Export Firma hatte ihren Sitz gehabt, war ins Trudeln gekommen und inzwischen Pleite. Einen Käufer für das Gelände gab es bereits. Alles, was hier stand würde abgerissen werden. Eine ideale Voraussetzung, um hier vorher noch einen Action-Film abzudrehen, in dessen Verlauf so einiges in die Luft fliegen sollte. Das Aufräumen würde das Abrisskommando übernehmen.

Als Milo und ich mit meinem Sportwagen auf dem Gelände eintrafen, war Frank Jackson schon dort. Er trug eine Brille mit Spiegelgläsern und ein grellbuntes Hemd mit Riesenkragen im Siebziger-Jahre-Look. Ein hagerer Mann mit blassem Teint, dessen nervöse Finger eine Zigarette zerdrückten, während er gegen den Kotflügel seines gelben Porsche lehnte.

Im Wagen saß eine hinreißende Blondine mit tief ausgeschnittenem Kleid und gelangweiltem Blick. Wir stiegen aus.

Jackson begrüßte uns mit einem nachlässigen "Hi!"

Wir zeigten ihm erstmal unsere Ausweise, für die Jackson allerdings kaum einen Blick übrig hatte.

Er kaute auf irgend etwas herum.

"Ich hoffe, Sie kriegen den Kerl, der Johnny auf dem Gewissen hat", meinte Jackson grimmig. "Wir stehen alle ziemlich auf dem Schlauch. Das ganze Team..."

"Aus dem Film wird nichts", stellte ich fest.

Jackson nickte. "Ja, und an meiner Beteiligung am Einspielergebnis auch nicht. Mein Gott..." Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, so als könnte er es immer noch nicht fassen, dass Mariano auf der anderen Seite des Jordan war. John Mariano, der Star, an dem das gesamte Projekt gehangen hatte.

Ich ließ meinen Blick über das Gelände schweifen. Ich versuchte, die Stelle zu finden, von wo aus der Killer auf Mariano angelegt haben musste. Dem ballistischen Bericht nach, musste sich der Täter auf dem Dach eines Gebäudes befunden haben. Ich würde mir die Stelle noch genauer ansehen, aber es sprach viel dafür, dass der Mann, den wir suchten, ziemlich sportlich war.

Und schwindelfrei.

Es hat schon Fälle gegeben, in denen unsere Karten deutlich besser waren, ging es mir bitter durch den Kopf. Die Kollegen von der Scientific Research Division, dem zentralen Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten, hatten das gesamte Gelände millimetergenau abgesucht. Nichts hatten sie gefunden, was auch nur einen vagen Hinweis liefern konnte. Nicht einmal eine Patronenhülse.

Da war nur die Kugel, die man aus dem Kopf des toten John Mariano herausgeholt hatte.

Nichts weiter.

Ich war überzeugt davon, dass unser Freund auch die am liebsten wieder eingesammelt hätte, wäre er dazu in der Lage gewesen.

"Haben Sie irgendeine Ahnung, weswegen jemand Mariano töten wollte?", fragte ich.

Jackson machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ein netter Kerl war er jedenfalls nicht", meinte er. "Weder in seinen Filmen, noch im wahren Leben. Er war 'Der Bestienkiller', manchmal aber auch die Bestie. Besonders, wenn am Set irgend etwas nicht nach seiner Mütze lief. Mein Gott, er war ein Tyrann. Aber was macht man nicht alles für einen Batzen Dollars? Man spielt sogar unter einem John Mariano den Regisseur..."

"Klingt sehr zynisch."

"Ach, ja? Sagen Sie bloß, für Sie bricht eine Welt zusammen, wenn ich am Image des toten Helden kratze..."

"Das wohl kaum."

"Na, dann..." Er atmete tief durch und verschränkte die Arme vor der Brust. "Mariano war der absolute Boss. Vielleicht hätte er das Zeug zu einem netten Menschen gehabt - wenn sein erster Film ein Flop geworden wäre. Aber 'Der Bestienkiller' machte ihn weltberühmt und steinreich. Und dann folgten die unsäglichen Fortsetzungen. 'Die Rückkehr des Bestienkillers' und 'Die Rache des Bestienkillers'. Teil IV sollte den Titel 'Der Zorn des Bestienkillers' tragen. Aber daraus wird nun wohl nichts mehr... Und wahrscheinlich gehen die meisten aus dem Team mit einem finanziellen Minus aus der Sache heraus."

"Wieso das?", fragte Milo.

Jackson sah ihn mit einem Blick an, in dem sich Überheblichkeit widerspiegelte. Er nahm uns nicht so ganz für voll. Wir waren nicht vom Fach, und das ließ er uns spüren.

"Die Millionen, die Mariano 'Der Bestienkiller' eingebracht hat, investierte er in die Fortsetzungen. Mariano war der Hauptproduzent. Tja, und wer bezahlt, bestimmt auch, welche Musik gespielt wird, wenn Sie wissen, was ich meine..."

Wir wussten es sehr gut.

Die Tatsache, dass Mariano nicht nur vor, sondern auch hinter der Leinwand eine beherrschende Figur geworden war, war mir aus unseren bisherigen Ermittlungen bereits bekannt.

"Erfolg hat Neider", meinte Jackson. "Und ich wette, einer von denen hat den starken Mann umgenietet..."

"Wir haben den Filmausschnitt gesehen."

Jackson nickte. "Eine Einstellung ohne Schnitt. Mariano brauchte so etwas nicht. Er wollte so wenig Tricks wie möglich. Wahrscheinlich wollte er einfach nur jedem am Set beweisen, dass seine aufgeblasenen Muskeln nicht aus Pudding waren. Jedenfalls konnte er mit diesem riesigen Flammenwerfer herumwedeln, als ob es sich um eine Attrappe aus Pappmaché handelte."

"Sie scheinen keine sehr hohe Meinung von dem zu haben, was Sie da tun", stellte ich fest.

Jackson zuckte die Achseln. "Künstlerisch anspruchsvoll sind die Bestienkiller-Filme jedenfalls nicht. Aber wenn man das Glück hat, bei einem dieser Streifen Regie führen zu dürfen, ist das wie ein Gewinn in der Lotterie. Diese Filme sind alle gleich. John Mariano säubert als 'Der Bestienkiller' ein zukünftiges New York von einer großen Anzahl von Fieslingen, die keine hohe Lebenserwartung haben, sobald Mariano mit seinem Flammenwerfer auftaucht."

"Dauert es noch lange?", meldete sich die Blondine etwas maulend zu Wort. Sie hatte die Arme vor den Brüsten verschränkt und zog einen Schmollmund.

"Das hängt nicht von mir ab", knurrte Jackson. Sein Blick auf die Uhr sprach Bände. Er wollte uns so schnell wie möglich wieder loswerden.

Ich trat an den gelben Porsche heran, dessen Verdeck nach hinten geklappt war. Ich stützte mich auf die Oberkante der Tür und warf einen Blick auf die Blonde.

"Mein Name ist Trevellian. Und wer sind Sie?"

"Rita Garland", murmelte sie.

"Waren Sie auch am Set, als der Mord geschah?"

"Ja. Aber alles, was es dazu zu sagen gibt, habe ich bereits Ihren Kollegen von der City Police zu Protokoll gegeben. Mein Gott, als Mariano plötzlich zu Boden stürzte, und wir alle nach und nach begriffen, dass irgend etwas nicht stimmen konnte, gab es fast so etwas wie eine Panik. Die meisten haben erst einmal zugesehen, dass sie in Sicherheit kamen... Wenn jemand einen Mann wie John Mariano in aller Öffentlichkeit erschießt, dann muss es sich um einen Wahnsinnigen handeln... Irgend ein Irrer, der auf diese Weise in die Medien will." Rita atmete tief durch. Sie drückte die Faust zwischen ihre sich deutlich durch den enganliegenden Pullover heraushebenden Brüste und schluckte.

"Wir dachten alle, dass der Irre nochmal schießt und ein Massaker anrichtet", ergänzte Jackson.

"Ich verstehe..."

"Ich hoffe nur, dass ich wenigstens bald das Geld für die geleisteten Drehtage bekomme", knurrte Jackson.

"Wieso haben Sie da Sorge?", fragte Milo.

"Weil seine Witwe Haare auf den Zähnen hat. Sie ist Marianos dritte Frau, und ich vermute, es wird ein Riesengerangel um das Erbe geben. Schließlich gibt es auch Kinder aus den ersten beiden Verbindungen." Er machte eine wegwerfende Geste. "Aber das muss ja nicht Ihre Sorge sein."

"Kommen Sie", sagte ich. "Zeigen Sie uns genau, wie es passiert ist."



4

Wir gingen zwischen den Gebäudezeilen entlang. In Wirklichkeit sah die Szenerie in dem Filmausschnitt ganz anders aus. Der Eindruck war durch die Auswahl des Bildausschnitts so manipuliert worden, dass der Eindruck einer kilometerweiten Ruinenlandschaft entstand.

Eine weiße Markierung zeigte an, wo John Mariano gestorben war.

"Ich stand dort drüben, neben dem Kameramann", erklärte Jackson. "Rita war auch in meiner Nähe. Sie hatte dafür zu sorgen, dass Änderungen sofort ins Skript eingetragen wurden."

Ich deutete auf das fünfstöckige Flachdach-Gebäude.

"Von dort oben wurde geschossen... Haben Sie dort nichts bemerkt?"

"Der Schuss schien aus dem Nichts zu kommen. Wenn Sie sagen, dass es von dort oben gekommen ist, muss ich Ihnen das glauben. Gesehen habe ich dort nichts. Aber um ehrlich zu sein, habe ich auch nicht darauf geachtet. Es war ein einziges Chaos. Die Explosionen, der Nebel aus der Nebelmaschine, das zum Teil panisch reagierende Team..." Er sah mich an. Seine Augenbrauen bildeten eine Schlangenlinie.

"Sagen Sie, warum interessiert sich eigentlich der FBI für den Fall? So wie ich das sehe, handelt es sich um einen ganz gewöhnlichen Mord..."

"Das wird sich noch herausstellen", sagte ich.

"Das beantwortet nicht meine Frage. Trauen die hohen Tiere dem Police Department nicht zu, die Sache aufzuklären?"

"Jackson ist Bürger Kaliforniens", sagte ich ausweichend. "Und da er in New York State ermordet wurde..."

"Klingt für mich wie an den Haaren herbeigezogen", sagte Jackson. Mir gefiel es nicht, wie er das Frage-und Antwortspiel einfach umdrehte. Aber Jackson war es gewohnt, eine hundert-Personen-Filmcrew herumzukommandieren. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm ganz gewiss nicht.

Ich lächelte dünn.

"Dann sagen Sie mir doch eine Version, die weniger an den Haaren herbeigezogen klingt!"

Er kratzte sich am Kinn.

"Nun, es gab doch da immer ein paar unbestätigte Gerüchte über Mariano..."

"Ach, ja?"

Ich wollte ihn aus der Reserve locken.

"Er soll Verbindung zur Mafia gehabt haben. Ermitteln Sie deshalb?"

"Wissen Sie etwas darüber?"

"Nur das, was man so hört. Aber um das beurteilen zu können, kenne ich ihn nun wirklich nicht gut genug. Bislang hatte ich ohnehin den Verdacht, dass es sich bei diesen Gerüchten um einen PR-Gag seines Managers handelt, um Mariano noch ein bisschen interessanter zu machen. Aber wenn der FBI sich für Mariano interessiert..."

Seitlich nahm ich eine Bewegung war. In einer der durch die Detonation ausgebrannten und von einem Rand aus schwarzem Ruß umgebenen Fensteröffnungen sah ich für den Bruchteil eines Augenblicks eine Gestalt.

"Was ist los, Jesse?", fragte Milo.

"Wir werden beobachtet..."

Mein Griff ging reflexartig zur Pistole vom Typ Sig Sauer P226, die ich im Gürtelhalfter stecken hatte. Ich fasste die Waffe mit beiden Händen.

"Bleiben Sie zurück!", sagte ich an Frank Jackson und sein Script Girl gewandt.

Natürlich konnte es Zufall sein, dass sich jetzt dort jemand herumtrieb. Und vielleicht war die Erklärung dafür auch ganz harmlos. Aber irgendwie glaubte ich nicht so recht daran.



5

Als ich das Gebäude erreichte und den Blick schweifen ließ, konnte ich nirgends etwas Verdächtiges sehen. Keine Bewegung, kein Laut, nichts.

Milo hielt sich ein ganzes Stück hinter mir und sorgte für meine Rückendeckung. Sicherheit ist das höchste Gebot in der Polizeiarbeit.

"Hallo! Ist da wer?", rief ich. Meine Worte verhallten zwischen den ausgebrannten und durch die Detonationen sichtlich mitgenommenen Ruinen. Ganze Mauerstücke waren herausgebrochen und auf die Straße gesackt. "Hier spricht Agent Trevellian vom FBI! Kommen Sie heraus!""

Wieder keine Antwort.

Die Tür hatte jemand ausgehängt. Der Eingang war offen. Ich tastete mich vorsichtig hinein. Milo folgte mir. Man konnte nur raten, wofür dieses Gebäude mal benutzt worden war. Der Raum, der sich vor meinen Augen erstreckte war groß und kahl.

Sicherlich zweihundert Quadratmeter. Vielleicht ein Großraumbüro. Die Reste von Teppichboden sprachen jedenfalls dafür, dass es sich nicht um einen ehemaligen Lagerraum handelte.

Auf der linken Seite bewegte sich etwas Dunkles.

Ich wirbelte herum.

Eine fette Ratte huschte über den Boden, blieb einen Augenblick lang stehen, hob den Kopf und blickte in unsere Richtung. Dann huschte sie davon.

Ich deutete zur Türöffnung, die aus diesem Raum herausführte. Dahinter wurde eine Art Flur sichtbar.

Vorsichtig durchquerten wir den Raum und tasteten uns dann zum Flur vor. Nirgends war etwas zu sehen oder zu hören.

Und auch von uns sagte keiner ein Wort.

Der Flur war lang und endete vor dem Aufzug, der aber mit Sicherheit außer Betrieb war. Dahinter befand sich ein Treppenaufgang.

Mit der Waffe im Anschlag schlichen wir weiter voran.

Eine Tür führte nach rechts. Sie war angelehnt. Mit einem Tritt öffnete ich sie. Mit der P226 im Anschlag stürmte ich hinein. Milo kam hinterher und deckte mich ab. Der Raum war nicht so groß wie jener, in dem wir uns zuerst befunden hatten. Man hatte auch hier ein paar Möbel zurückgelassen.

Preiswerte Regalwände aus Spanplatte, die sich durch die Feuchtigkeit etwas verzogen hatten. Zu gebrauchen waren sie kaum noch.

Das Fenster stand offen.

Eine dunkle Gestalt wirbelte herum. Ein Mann mit ungepflegtem, struppigen Vollbart, Baseballmütze und einem zerschlissenen Parka, der für die Jahreszeit viel zu warm war.

Der Mann duckte sich, riss etwas empor, dass wie eine ziemlich große Pistole wirkte und feuerte.

Es gab keinen Laut.

Ich sah das Aufblitzen des Mündungsfeuers und warf mich zur Seite. Milo machte dasselbe. Die Kugel fuhr in die schmucklose Raufaser-Wand hinter uns und splitterte ein Stück aus dem Putz heraus.

Ich rollte mich am Boden herum, während ich undeutlich ein Geräusch wahrnahm, das wie ein kräftiges Niesen oder der Schlag mit einer Zeitung klang. Der Schuss einer Waffe mit Schalldämpfer.

Das Projektil ritzte dicht neben mir den Boden. Ich hatte den Luftzug spüren können, mit dem es an meiner Stirn vorbeigeschossen war.

Ich riss die P226 hoch und feuerte.

Nicht, um zu treffen, sondern um zu warnen.

Ich ballerte zweimal kurz hintereinander los und hielt dabei etwas seitwärts. Die Scheibe des offenstehenden Fensters ging zu Bruch. Der Knall hallte ein halbes Dutzendmal in den leeren Räumen wider.

Der Kerl war weg.

Ich war innerhalb eines Sekundenbruchteils wieder auf den Beinen.

Schnell hatte ich die wenigen Meter bis zum Fenster hinter mich gebracht und starrte hinaus.

Die Pistole hielt ich mit beiden Händen umfasst.

Der Kerl rannte davon, auf eine Dreiergruppe von Lagerhallen zu. Dieses Gelände war ein einziges Labyrinth. Es war schwierig, hier jemanden zu stellen, wenn man nicht gerade eine Hundertschaft von entsprechend ausgebildeten Officers zur Verfügung hatte. Das hatte sich schon der Mörder von John Mariano zu Nutze gemacht, als er sein Attentat durchführte...

"Stehenbleiben! FBI!", rief ich dem Kerl hinter her.

Während seines Laufs drehte er sich kurz um und feuerte nochmals in meine Richtung. Ein ziemlich ungezielter Schuss, der irgend eines der noch vorhandenen Fenster zu Bruch gehen ließ. Ein Regen aus messerscharfen Splittern ging hernieder.

Sie glitzerten in der Sonne wie Lametta.

Ich brannte dem Kerl einen Warnschuss neben die Hacken.

Aber das schien ihn nicht zu beeindrucken.

Als ob der Leibhaftige persönlich hinter ihm her gewesen wäre, beschleunigte er noch. Seine Kondition schien dabei nicht die beste zu sein. Er fasste sich in Höhe der Milz an die Seite.

Seitenstiche!

Vielleicht verbesserte das unsere Chance, ihn doch noch zu kriegen.

"Der scheint mit uns nichts zu tun haben zu wollen!", kommentierte Milo gallig.

"Los, schnappen wir ihn uns!", rief ich, während ich mich mit einem Satz über die Fensterbank schwang. Mit der Waffe in der Hand setzte ich zu einem Spurt an. Milo folgte mir in einem Abstand von wenigen Metern.

Was immer der Kerl hier gesucht hatte - es erschien mir mehr als ein Zufall zu sein, genau hier, zwei Tage nach John Marianos Tod, einen Mann anzutreffen, der mit einer Schalldämpferwaffe bedenkenlos auf FBI-Agenten feuerte.

Es gab mehrere Möglichkeiten, die denkbar waren.

Eine war, dass der Killer doch nicht so sorgfältig alle Spuren verwischt hatte, wie es nach Angaben der City Police und der Scientific Research Division zunächst den Anschein gehabt hatte. Möglicherweise hatte der Täter etwas zurückgelassen, was bislang übersehen oder falsch gedeutet worden war... Und jetzt war er hier, um jedes Risiko auszuschalten.

Er keuchte.

Sein Lauf bekam etwas Taumelndes. Er feuerte erneut.

Nein, dachte ich. Ein so schlechter Schütze kann das Attentat nicht begangen haben...

Ich duckte mich kurz.

"Geben Sie auf und bleiben Sie stehen! Dann passiert Ihnen nichts!", rief Milo.

Zwecklos.

Seine Augen traten aus den tiefliegenden Höhlen hervor.

Grenzenlose Panik sprach aus diesem Blick und ich fragte mich, was die wohl verursacht hatte.

Sein Gesicht war grimmig verzogen. Er hob die Waffe und feuerte zweimal kurz hintereinander.

Wir feuerten zurück.

Der Flüchtende taumelte in das offene Tor der Lagerhalle hinein und verschwand dort.

Im nächsten Moment gab es einen durchdringenden, metallischen Laut. Ein Stöhnen und Quietschen betäubte die Ohren. Das Tor setzte sich in Bewegung. Es senkte sich von oben herab. Offenbar war die elektrische Anlage noch in Ordnung.

Der Spalt zwischen dem betonierten Erdboden und dem Metalltor wurde immer schmaler.

Ich spurtete los.

Milo war dicht hinter mir.

Sekunden nur vergingen, ehe ich das Tor erreichte. Ich warf mich zu Boden und rollte mich unter dem sich unaufhaltsam niedersenkenden Tor hindurch, ehe es mit einem donnernden Geräusch auf dem Boden aufkam. Ich wirbelte herum, riss die Waffe empor und blickte in den blanken Schalldämpfer, der auf die Waffe meines Gegners aufgeschraubt war.



6

Der Mann keuchte. Er atmete unruhig und hielt sich mit einer Hand noch immer die Seite, während die andere zitternd die Waffe hielt. Es war eine Automatik - allerdings eine, an der verschiedene Veränderungen vorgenommen waren. Der Lauf war länger als üblich, der Schalldämpfer verlängerte ihn zusätzlich. Und dann war da das große Zielfernrohr, das eigentlich zu einem Präzisionsgewehr gehörte. Mir fiel ein rotes Leuchten von unglaublicher Intensität auf.

Ein Laserpointer zur Zielerfassung.

Der Strahl traf in meiner Herzgegend auf den Stoff meiner Jacke.

Meine Waffe deutete auf ihn, mit der seinen hatte er mich ins Visier genommen.

Ein unangenehmes Patt.

Ich sah, wie sich der Druck seines Zeigefingers auf den Abzug verstärkte. Die Knöchel seiner Hand wurde so weiß wie sein Gesicht.

Einen Herzschlag lang hing alles in der Schwebe. Ich konnte versuchen, mich zur Seite zu werfen und blitzschnell zu feuern, in der Hoffnung, ihn mit dem ersten Schuss so zu erwischen, dass er nicht mehr feuern konnte.

Er war kein guter Schütze, trotz Laserpointer.

Ich hatte also eine Chance.

Aber mein Instinkt warnte mich.

Außerdem wollte ich dem Kerl ein paar Fragen stellen, wozu er mit einer Kugel im Kopf wohl kaum noch in der Lage sein würde.

Ich hörte, wie Milo von draußen versuchte, das Metalltor wieder zu öffnen. Natürlich vergeblich.

"Dein Freund kann dir jetzt nicht helfen", lachte mein Gegenüber.

"Nehmen Sie die Waffe runter!"

"Das könnte dir so passen!"

Mein Gegenüber grinste schief und entblößte zwei Reihen sehr schlechter Zähne. Angefaulte Stümpfe, mehr schien in in seinem Mund nicht mehr drin zu sein.

Ich fragte mich unwillkürlich, wie alt er wohl war.

Zwischen dreißig und sechzig schien alles möglich zu sein. Er wirkte ziemlich verkommen. Der Bart war völlig verfilzt, desgleichen die Haare die unter der schmuddeligen Baseball-Kappe hervorragten. Auf seinem Handrücken zeigte sich ein rötlicher Ausschlag. Und das Furunkel neben seiner knollenförmigen Nase sah auch übel aus.

"Geben Sie auf", sagte ich. "Ich bin vom FBI! Sie sitzen hier in der Falle. Mein Freund da draußen wird Verstärkung rufen und dann umstellt ein Sondereinsatzkommando das ganze Gebiet."

"Ich glaube dir nicht", zischte er. Seine Zunge kam beim sprechen ziemlich weit zwischen den Zähnen hindurch. Es war nicht ganz einfach, ihn zu verstehen. "Du gehörst zu ihnen, ich weiß es..."

"Von wem sprechen Sie?", fragte ich.

"Sobald ich diese Waffe senke, wirst du mich über den Haufen ballern wie einen räudigen Hund..."

"Nein, ich..."

"Keine Bewegung!" Seine Stimme überschlug sich.

"Ich kann Ihnen meinen Ausweis zeigen!"

"Das ist nur ein Trick..."

"Glauben Sie nicht, ich hätte Sie längst über den Haufen schießen können, wenn ich das gewollt hätte?" Es war bisschen übertrieben, was ich ihm da entgegenschleuderte. Aber es beeindruckte ihn. Ich konnte ihm die Verwirrung förmlich ansehen.

Ein Profikiller ist das auf keinen Fall, ging es mir durch den Kopf. Aber andererseits glaubte ich nicht daran, dass er sich zufällig hier herumtrieb und mit einer Waffe hantierte, die die Tatwaffe sein konnte. Sowohl vom Kaliber als auch von der Zielgenauigkeit her.

Mit einer schnellen Bewegung zog ich den FBI-Dienstausweis aus der Jacke. Ich ließ ihn aus der Hand segeln, so dass er eine Sekunde später auf den Boden klatschte. Das FBI-Emblem war deutlich zu sehen. Mein Foto auch, obwohl es vielleicht nicht mehr das allerneueste war.

Der Kerl zuckte zusammen und für den Bruchteil einer Sekunde fürchtete ich schon, er würde schießen und mir keine andere Wahl lassen, als ihn zu töten.

Aber er war vernünftig.

Ich sah die Zwiespalt in ihm. Den verstohlenen Blick zu dem Ausweis am Boden.

Er flüsterte: "Mein Gott,ich dachte..." Er sprach nicht weiter.

"Was?", fragte ich und machte einen Schritt nach vorn. Ich war jetzt auf eine Distanz von zwei, drei Metern an ihn herangekommen. Das machte ihn nervös.

"Bis jetzt ist nichts passiert", sagte ich. "Sie haben mit der Show, die Sie hier abgezogen haben, niemanden verletzt... Sie wissen, dass auf Polizistenmord im Staate New York zwingend die Todesstrafe verhängt wird, oder?"

"Hör mal..."

"Über den Angriff auf einen Bundesbeamten kann man gegebenenfalls hinwegsehen, wenn Sie jetzt hier aber noch für eine Tragödie sorgen, ist Ihnen die Giftspritze sicher..."

Er atmete tief durch. Und dann ging eine ruckartige Bewegung durch seinen ganzen Körper. Er warf die Waffe in seiner Hand von sich wie ein glühend heißes Eisen. Und dann hob er die Hände. Alle beide. Er zitterte.

"Alles in Ordnung, Milo!", rief ich laut, so dass es in der leeren Lagerhalle widerhallte.

Dann holte ich die Handschellen heraus.

"Sie haben das Recht, zu schweigen", sagte ich und begann dann die übliche Litanei herunterzubeten, mit der wir einen soeben Verhafteten über seine Rechte aufklären mussten.



7

Mit großem Getöse öffnete sich das Tor der Lagerhalle wieder.

Metall schabte auf Metall. Ein durchdringender Laut, der etwas Sägendes hatte. Ich hatte den Hebel schnell gefunden, mit dem die Anlage in Gang zu setzen war.

Milo stand mit dem Handy in der Hand da und klappte das Gerät gerade zusammen.

"Alles in bester Ordnung", sagte ich, während ich den Mann aus der Halle führte.

Milo nickte.

"Es wird gleich Verstärkung anrücken..."

"Gut, dann brauchen wir diesen Gentleman nicht selbst ins Hauptquartier bringen."

Ich hatte die P226 wieder ins Gürtelhalfter gesteckt. In der Linken hielt ich mit einem Taschentuch die Waffe des Bärtigen.

"Was hältst du davon?", fragte ich Milo.

"Sieht aus, wäre jemandem die Standardversion dieser Waffe nicht gut genug gewesen."

"So sehe ich das auch. Laserzielerfassung, ein hochpräzises Fernrohr und der verlängerte Lauf... Eine Waffe, die auch über weite Distanzen eine Zielgenauigkeit haben dürfte, wie sie sonst nur ein Gewehr bietet!"

"Ja, aber das Ding ist nicht so groß und sperrig." Milo nickte und fügte dann hinzu: "Die Waffe eines Attentäters..."

"Ich habe damit nichts zu tun!", rief indessen der Festgenommene.

"Ach, nein?", fragte ich. "Wovon sprechen wir denn?"

Irgendwie schien er zu merken, dass er sich verplappert hatte oder zumindest auf bestem Wege dahin war. Er schluckte, sah mich nachdenklich an und versuchte abzuschätzen, wie er sich jetzt am besten zu verhalten hatte.

"Na, von diesem Schauspieler. Oder?", meinte er.

"Wie kommen Sie darauf?", hakte ich nach.

"Steht doch in jeder Zeitung, was mit John Mariano, dem Bestienkiller passiert ist... Bumm und aus!"

Ich bedachte ihn mit einem kühlen, durchdringenden Blick.

"Wer sind Sie?", fragte ich.

"Ich habe das Recht, die Aussage zu verweigern", sagte er.

"Sicher haben Sie das, aber es die Frage, ob es schlau ist, von diesem Recht ausgerechnet jetzt Gebrauch zu machen..."

"Warum sollte das unklug sein?"

Ich trat nahe an ihn heran und hielt ihm die Waffe unter die Nase, mit der er vor wenigen Augenblicken noch auf mich geschossen hatte. "Wir werde dieses Ding von unseren Spezialisten genauestens auseinandernehmen und untersuchen lassen. Jede Schraube und jeden Bolzen einzelnen. Und am Ende werden wir wissen, ob mit dieser Waffe vielleicht einige Morde begangen wurden. Und was glauben Sie wohl, auf welchen Gedanken wir und die Staatsanwälte kommen, wenn wir berücksichtigen, dass diese Waffe bei Ihnen gefunden wurde?"

Der Mann schluckte.

"Ich habe niemanden umgebracht!"

"Das mag sein. Aber wenn Sie uns jetzt erzählen, wie Sie an das Ding herangekommen sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das auf uns überzeugend wirkt, noch beträchtlich größer, als wenn Sie damit erst so lange warten, bis alle Beweise vor Ihnen auf dem Tisch liegen und Ihnen ein Richter dann die Rechnung präsentiert... Und was Ihren Namen und Ihre Personalien angeht, die bekommen wir auch ohne Ihre Hilfe heraus. Dauert nur ein bisschen länger. Aber das bedeutet nur, dass wir Sie länger festhalten müssen..."

Und Milo ergänzte: "Sie sollten nicht mit uns pokern. Nicht bei dem miesen Blatt, das Sie haben..."

Der Mann sah erst mich, dann Milo einen Augenblick lang nachdenklich an. Er schluckte. Sein Gesicht wirkte finster.

Dann brummte er: "Leo Mendrowsky."

"Was?", fragte ich.

"Mein Name. Ich heiße Leo Mendrowsky."

"Haben Sie Papiere?"

"Nein."

"Und was machen Sie hier?"

"Ich wohne hier", sagte er. "Naja, wenn das der richtige Ausdruck ist. Ich bin obdachlos."

"Und woher haben Sie die Waffe?"

"Ich habe sie...", er zögerte, "...gefunden."



8

Wenig später war die Verstärkung am Ort des Geschehens eingetroffen, die Milo herbeigerufen hatte. Uniformierte Beamte der City Police und außerdem eine Handvoll von unseren Leuten. Orry und Clive Caravaggio waren auch darunter.

Frank Jackson, der Regisseur des letzten und nicht mehr vollendeten Bestienkiller-Movies hatte zusammen mit seinem Script Girl Rita beobachtet, was sich um die Lagerhalle herum abgespielt hatte.

"Ich erkenne den Mann wieder", sagte Jackson.

"Sind Sie sich sicher?", hakte ich nach.

"Absolut. Ich bin ihm das erste Mal begegnet, als ich mit Ray Karla, dem Executive Producer über das Gelände ging, um es dahingehend zu prüfen, ob es als Schauplatz für den Bestienkiller in Frage kommt. John Mariano war auch dabei. Das hat er sich nie nehmen lassen. Er wollte immer alle Fäden in der Hand halten..."

"Erzählen Sie mir mehr darüber, wie Sie Mr. Mendrowsky begegnet sind", forderte ich.

"Richtig. Mendrowsky war sein Name. Ich konnte ihn mir nicht merken." Jackson zuckte die Achseln. "Kann auch nicht jeder so einen Allerweltsnamen wie ich haben..." Er fand das lustig. Aber die einzige, die darüber etwas giggeln konnte, war Rita. Jackson sah mich an. "Er tauchte plötzlich aus einem der Häuser auf, in dem er wohl sein Lager aufgeschlagen hatte. Ich wollte ihn erst vom Gelände schmeißen, aber das wollte Mariano nicht. Johnny hatte immer ein sentimentales Herz für Underdogs..." Jackson wandte den Blick in Mendrowskys Richtung und sagte: "Sorry!"

"Schon gut", erwiderte der Bärtige. "Es ist ja schließlich wahr. Ein Glückskind bin ich nicht grade..."

Jackson wandte sich wieder mir zu. Er strich sich das Haar nach hinten und ich hatte den Eindruck, dass das bei ihm eine Geste der Verlegenheit war. Schließlich fuhr er fort: "Johnny erlaubte Mr. Mendrowsky, auch während des Drehs hier auf dem Gelände zu bleiben. Nur nicht gerade da, wo wir etwas in die Luft sprengen wollten."

Ich wandte mich an Mendrowsky.

"Sie haben bei den Arbeiten zum neuen Bestienkiller-Film zugesehen?"

"Ja. Hin und wieder."

"Haben Sie gesehen, wie auf Mariano geschossen wurde?"

Mendrowsky schluckte.

Er druckste etwas herum und ich fragte mich, warum eigentlich. Er hatte doch nichts zu verlieren. Keiner glaubte, dass er der Killer war. Er hatte kein Motiv und auch nicht die nötigen Schießfertigkeiten. Im Moment gaben wir ihm eine Vorlage nach der anderen zu seiner Entlastung.

Eigentlich hätte es aus Leo Mendrowsky heraussprudeln müssen wie bei einem Wasserfall. Aber er blieb noch immer sehr zurückhaltend.

Mein Instinkt sagte mir, daß es dafür einen Grund geben musste.

"Ich zeige es Ihnen", sagte er dann.

"Okay", nickte ich.

Er hob die mit Handschellen zusammengeketteten Hände.

"Glauben Sie, das die wirklich nötig sind?"

"Sie haben gerade noch auf uns geschossen", stellte Milo fest. "Ist noch gar nicht so lange her...."

"Das war doch nur, weil..."

"Warum?", hakte ich sofort nach. Unsere Blicke begegneten sich. Er taxierte mich ab und biss sich auf die aufgesprungene Lippe. "Nichts", knurrte er.

"Für wen haben Sie uns gehalten?", beharrte ich.

Er schluckte.

"Für welche von denen..."

"Wer sind die?"

"Die zu dem Mann gehören, den ich gesehen habe. Ich hatte gedacht, Sie machen kurzen Prozess mit mir!"



9

Ich nahm Mendrowsky die Handschellen ab. Sofern er nicht die umgebaute Automatik in den Fingern hatte, wirkte er auf mich wenig furchteinflößend. Wir ließen uns von ihm in jenes Gebäude führen, von dessen Dach aus John Mariano getötet worden war. Außer Milo und mir begleiteten uns auch die Agenten Medina und Dillagio.

Wir betraten einen hässlichen Quader, schnell hochgezogen, um Büro und Lagerräume zu bieten. Jetzt eine Ruine. Es sah ebenso kahl und leergeplündert aus wie die anderen Gebäude auch. Nur hatte man hier noch keine Sprengungen und pyrotechnischen Tricks im Rahmen der Dreharbeiten eines Action-Reißers vorgenommen. Und so machte der Klotz einen verhältnismäßig wohnlichen Eindruck. Dazu kam, dass fast durchgängig die Fenster noch intakt waren.

Dafür hatte man von dieser Seite des Gebäudes aus noch nicht einmal freie Sicht auf den East River und die Silhouette von Downtown Manhattan, auf der anderen Seite dieser Meeresbucht, die seltsamerweise als "River" in allen Atlanten steht, seit irgendwer auf die glorreiche Idee kam, sie so zu nennen.

Mendrowsky zeigte uns sein Lager, das er in einem großflächigen Raum im dritten Stock aufgeschlagen hatte. Man hatte aus den Fenstern heraus eine hervorragende Sicht auf jene Stelle, an der John Mariano ermordet worden war.

Die weiße Markierung der Umrisse war von hier oben aus gut zu sehen.

In einer Ecke lagen Mendrowskys Habseligkeiten. Ein Schlafsack, ein Spirituskocher, ein paar Kartons.

"Ich war hier am Fenster", sagte er. "Und ich habe nach draußen geblickt... Mein Gott, all die Explosionen und das Theater. Und dann merkte ich plötzlich, dass etwas nicht stimmte. Mariano sank zu Boden, obwohl er doch eigentlich immer der Gewinner in den Streifen ist!" Mendrowsky grinste schief. Er kratzte sich am Hinterkopf und deutete dann in Richtung der offenen Tür, durch die man in den Flur sehen konnte.

"Was geschah dann?", fragte ich.

"Ich hörte Schritte. Jemand rannte den Flur entlang. Ich war neugierig und schaute nach. Wenig später erreichte ich das Treppenhaus und sah hinab."

"Und?"

"Da war er."

"Er?"

"Ich habe ihn leider nur von hinten gesehen. Er rannte in Riesenschritten nach unten. So, als ob der Teufel hinter ihm her gewesen wäre..."

"Haben Sie ihn angesprochen?"

"Bin ich verrückt? Ich fand die Waffe. Er hatte sie einfach von sich geschleudert. Wahrscheinlich fürchtete der Kerl, dass die Sicherheitskräfte, die da unten tätig waren, ihn nicht vom Gelände lassen würden, ohne ihn gründlich zu durchsuchen. Aber die verloren schon in den ersten Momenten völlig die Kontrolle. Da lief nichts mehr geordnet zusammen, sag ich Ihnen, Sir. Ein einziges Chaos war das..."

"Wohin ist der Kerl verschwunden?"

"Ich habe ihn nicht mehr gesehen."

Jetzt mischte sich Milo ein. "Können Sie sich an irgendwelche Einzelheiten erinnern? Welche Haarfarbe hatte er zum Beispiel? Alter? Kleidung?"

Mendrowsky sah ihn etwas überrascht an. Er zuckte die Schultern. "Er war schwarzhaarig", erklärte er. "Und ich glaube, er trug eine Lederjacke..."

"Welche Farbe?"

"Braun - glaube ich. Irgendwie dunkel jedenfalls. Meine Güte, das ging alles so schnell..."

"Und die Pistole haben Sie mitgenommen..."

"Ja, ich bin mit Sack und Pack eine Weile hier ausgezogen, als die Polizei hier alles durchsucht hat. Eigentlich dachte ich, dass das alles längst vorbei wäre - das ganze Theater. Deswegen war ich auch so misstrauisch Ihnen gegenüber." Er atmete tief durch. "Ich dachte wirklich, Sie wären gekommen, um mich über den Jordan zu schicken..."

Milo und ich wechselten einen Blick miteinander.

Mein Partner zuckte die Achseln.

"Wir werden Sie mit ins Hauptquartier nehmen und dort ein ausführliches Protokoll von Ihrer Aussage machen", erklärte ich dann.

Mendrowsky nickte langsam.

Er nahm das hin, wie ein notwendiges Übel. Etwas, das man wie ein Gewitter über sich hinwegziehen lässt. Er beschwerte sich noch nicht einmal darüber.

Er verbirgt etwas, dachte ich. Ich konnte nicht sagen, was genau mich in diesem Augenblick zu dieser intuitiven Erkenntnis brachte. Vielleicht die Tatsache, dass Mendrowskys Erinnerungsvermögen manchmal ganz exakt und manchmal seltsam ungenau zu funktionieren schien...

"Eine Frage noch", sagte ich, als Orry ihn schon abführen wollte.

Mendrowsky drehte sich zu mir herum.

"Ja?"

Seine unruhigen Augen schienen nervös zu flackern.

"Was wollten Sie mit der Pistole?"

"Die Lebenserwartung von unsereinem ist nicht besonders hoch, Mr. Trevellian... Einige sterben an der verdammten Kälte im Winter - andere werden einfach erschlagen. Ich dachte mir, mit so einem Ding kann man sich ein bisschen Respekt verschaffen. Vielleicht hätte ich sie auch verkauft."

"Verstehe..."

"Ich glaube nicht, dass Sie das können... Ihresgleichen ist doch mit einem goldenen Löffel im Mund auf die Welt gekommen!"

Er wollte jetzt ablenken, aber ich hatte keine Lust, das zuzulassen. Mochte das Schicksal diesen Mann auch hart geschlagen haben, er war Zeuge eines Mordes. Und dazu ein Zeuge, von dem ich das Gefühl hatte, dass er mich in ein paar bestimmten Punkten anlog...

"Mr. Mendrowsky..."

"Warum so feierlich, G-man?", grinste er mich schief an und kicherte.

"...wieso kommen Sie eigentlich auf die Idee, dass der Killer oder seine Leute es auf Sie abgesehen haben könnten?"

"Naja, ich meine..." Er wurde ganz bleich.

"Das ergäbe nur einen Sinn, wenn Sie und der Killer sich gesehen hätten..."

Ich trat nahe an ihn heran. Ich spürte seine Unsicherheit förmlich. "Hat er sich vielleicht doch umgedreht, im Treppenhaus. Wenn auch nur für einen kurzen Moment..."

"Ich weiß es nicht!", fauchte er.

"Das wissen Sie sehr gut!"

"Was wollen Sie eigentlich? Dass ich mir irgendein Gesicht ausdenke oder was?" Er war dunkelrot angelaufen.

Milo legte mir eine Hand auf die Schulter.

"Lass es gut sein, Jesse", riet er mir. Ich atmete einmal tief durch. Milo hatte recht. Mit dem Kopf durch die Wand ging es hier nicht weiter.

Andererseits war es ein verflucht unangenehmes Gefühl, wenn man glaubte, ganz dicht an etwas sehr Entscheidendem dran zu sein und dann plötzlich vor einer Mauer zu stehen.



10

Big Tony Antonelli war ein gebeugter, grauhaariger Mann mit tiefliegenden dunklen Augen. Er wirkte beinahe unscheinbar in seiner blauen Strickjacke, die viel zu groß für diesen dürren alten Mann wirkte. Der dünne Oberlippenbart gab ihm etwas Aristokratisches. Zwischen den langen, dürren Fingern steckte der dicke Stummel einer Havanna.

Der Wind, der von See her blies, hatte sie längst gelöscht.

Von der Veranda seines Hauses in der Nähe von Montauk, Long Island, konnte Big Tony hinaus auf den Strand und das Meer sehen. Den unendlichen Atlantik, dessen Brandung ein unablässiges Rauschen verursachte. Das beruhigte die Nerven, fand Big Tony. Er hatte auch ein Haus in Little Italy in der Grand Street und ein weiteres in Miami, Florida. Und dann war da auch noch eines in Palermo in Sizilien. Aber dessen Besitz hatte rein sentimentale Gründe. Die alte Heimat, an die er sich noch vage erinnern konnte.

Big Tony war mit vier Jahren nach New York gekommen.

Und er sprach noch nicht einmal richtig Italienisch. Aber er hatte ein großes, weiches Herz, wenn es um diese Dinge ging. Diejenigen, die den Fehler gemacht hatten, sich mit ihm anzulegen, hatten ihn allerdings von einer ganz anderen Seite kennengelernt...

Big Tony trank seinen Espresso aus.

Auf seinen Knien lag die neueste Ausgabe der New York Times. Dann stand er auf. Die Zeitung klemmte er unter seinen Arm, während er den Blick über sein Anwesen schweifen ließ.

Ein Swimming Pool leuchtete blau in der Sonne.

Männer in dunklen Anzügen und schwarzen Brillen patrouillierten auf der Anlage herum. Walkie- Talkies beulten die Außentaschen ihrer Anzüge aus. Manchmal klappte der Wind eine Jacke zur Seite, so dass der Blick auf ein Gürtelholster inklusive Automatik-Pistole sichtbar wurde. Manche dieser Posten waren auch mit Maschinenpistolen oder Sturmgewehren ausgerüstet. Und die deutschen Schäferhunde, die sie an kurzen Leinen mit sich führten, sahen zwar im Moment ganz friedlich aus, konnten aber auf Zuruf zu reißenden Bestien werden.

Big Tony fühlte sich einigermaßen sicher.

Aber er wusste, dass man in seiner Position nicht wachsam genug sein konnte.

Schon so mancher, der sich zu sicher gefühlt hatte, war dann schneller unter die Erde gekommen, als er es in seinen schlimmsten Alpträumen für möglich gehalten hätte.

Wenn einer etwas davon wusste, dann war es Big Tony.

Er hatte so viele große Bosse kommen und gehen sehen. Kaum einer war geblieben und von diesen wiederum nur wenige für länger. Big Tony war eine Ausnahme. Er hatte überlebt, war von ganz unten sehr weit hinaufgekommen.

Er lächelte, als er die Sonne auf dem Meer glitzern sah.

Dann versuchte er, sich den Zigarrenstummel wieder anzuzünden. Er brachte es einfach nicht übers Herz, ihn wegzuwerfen. Was solche Dinge betraf, war er ein unverbesserlicher Geizhals.

Hinter sich vernahm Big Tony Schritte.

Der alte Mann drehte sich herum, innerlich noch halb in seinen Erinnerungen und Träumereien gefangen.

Ein Lächeln umspielte kurz seine dünnen, aufgesprungenen Lippen.

"Harry", stieß er hervor, als er den jungen, dunkelhaarigen Mann mit den kantigen Gesichtszügen auf sich zukommen sah.

Harrys Züge waren voller Entschlossenheit. Er war groß und breitschultrig. Unterhalb seines rechten Auges zuckte unruhig ein Muskel.

"Onkel Tony, du wolltest mich sprechen."

Big Tony nickte. Er hatte seine Frau und seine beiden Kinder bei einem Bombenattentat verloren. Und seitdem setzte er all seine Hoffnungen auf Harry, seinen Neffen. Er sollte die Familie irgendwann einmal führen. Wenn er das Zeug dazu hatte. Aber wann es soweit war, das wollte Big Tony selbst bestimmen...

Tony hob die Zeitung und deutete damit auf die zierliche Sitzecke. "Setz dich", sagte er.

"Danke, aber..."

"Carlo wird dir einen Espresso bringen."

Harry zuckte die Achseln und setzte sich. Der alte Mann trat auf ihn zu und warf die Zeitung vor seinen Neffen auf den Tisch.

Das grimmige Gesicht von John Mariano blickte einen von einem Foto aus an. In der Rechten hielt er seinen Flammenwerfer. Zwei Munitionsgürtel kreuzten sich über seiner gewaltigen Bodybuilderbrust. Er war der Bestienkiller...

"Es ist zu schade, dass dieser begabte Mensch so früh aus dem Leben gerissen wurde", sagte Big Tony im Tonfall echten Bedauerns. "Er war talentiert. Ich wusste es von Anfang an..."

Harry grinste.

"Du hast seiner Karriere ja auch ziemlich auf die Sprünge geholfen!"

Big Tony sah seinen Neffen mit einem undefinierbaren Blick an. "Dir nicht auch, Harry?", erwiderte er dann auf eine Art und Weise, die dem Jüngeren nicht gefiel.

Harry lockerte seine Krawatte.

Big Tonys letzte Bemerkung hatte einen Unterton, der Harry nicht gefiel.

"Harry, du warst in den letzten Jahren wie ein Sohn für mich", sagte er dann mit leiser, verhaltener Stimme. Und sein Blick wurde sehr ernst dabei.

"Und ich werde nie vergessen, was du für mich getan hast, Onkel Tony!"

"Das Gedächtnis ist eine flüchtige Angelegenheit, Harry. Glaub mir. Ich bin älter als du... Jeder hat seinen Preis, für den er selbst den Namen seiner Mutter vergessen würde."

Big Tonys Blick war jetzt eisig. Und obwohl er eigentlich ein kleiner, unscheinbarer Mann mit krummen Rücken war, wirkte er jetzt beinahe furchteinflößend. Ein Feuer brannte in seinen Augen. Das Feuer jenes unbändigen Willens, der ihn ganz nach oben getrieben hatte. Immer weiter und höher. Bis an einen Punkt, an dem es nur noch den Blick zurück zu geben schien. Und die Sorge darum, dass nicht alles, was er errichtet hatte, wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrach, sobald er selbst mal nicht mehr existierte.

"Weißt du, nach dem Tod meiner Frau und meiner Kinder hatte ich schon gedacht, dass meine Kraft mich verlassen hätte", sinnierte er. "Wofür das alles? Wofür die Toten und das Blut, auf dem das alles errichtet wurde, wenn es niemanden gibt, der es weiterführt..." Big Tonys Zeigefinger schnellte vor wie die Klinge eines Klappmessers. Sein Blick war hellwach.

"Das hat sich durch dich geändert, Harry. Und es täte mir sehr weh, wenn du mich hintergehen würdest!"

"Das würde ich nie tun, Onkel Tony!"

"Hör zu, ich will dir deine Sünden nicht einzeln unter die Nase reiben. Du bist jung und du hast deshalb ein Recht darauf, Fehler zu machen. Also Schwamm über die Vergangenheit. Ich weiß, dass du hinter meinem Rücken einiges getan hat, was mir nicht gefällt..."

"Hör zu, ich kann..."

Big Tony hob die Hand. Es war eine energische Geste, die keinen Widerspruch zuließ.

"Ich will keine Erklärungen, Harry."

"Ich habe nur das Interesse der Familie im Sinn!"

"Ja, ich weiß. Das verbindet uns. Und wenn es anders wäre, hätte ich dich nie in die Position gebracht, in der du heute bist."

Harry Antonelli lehnte sich etwas zurück. Seine Augen wurden schmal. Er atmete tief durch und biss sich auf die Lippe. Er verkniff sich eine Bemerkung.

"Ich will keine Alleingänge mehr, Harry! Damit das ein für allemal klar ist!"

"Aber..."

"Es ist genug Blut geflossen, Harry... Ich will nicht, dass alles in Gefahr gerät, was ich aus kleinsten Anfängen heraus aufgebaut habe!"

"Vor zehn Jahren hättest du nicht so geredet", erwiderte Harry zwischen den Zähnen hindurch. Sein Blick war finster.

Und er wunderte sich selbst über die Entschlossenheit, die aus seinen Worten herausklang.

Big Tony sah seine Neffen nachdenklich an. Ich muss auf ihn aufpassen, ging es ihm durch den Kopf. Harry hat eine Menge Temperament. So wie ich früher... Aber er darf nicht übermütig werden!

"Ich werde versuchen, ein Treffen mit den anderen Familien anzusetzen", erklärte Big Tony dann. "Und ich möchte, dass du dabei bist."

"Sitzen die Tarrascos auch am Tisch?"

"Natürlich!"

"Onkel, die haben systematisch versucht, deine Leute umzudrehen, einzuschüchtern und für sich zu gewinnen! Die haben jemanden bei den Behörden, der dafür gesorgt hat, dass unsere Nachtclubs dauernd im Hinblick auf ihre hygienischen Verhältnisse ...

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