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Jerusalem

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Dramatis Personae
  6. Erstes Buch
  7. Prolog
  8. Kapitel I
  9. Kapitel II
  10. Kapitel III
  11. Kapitel IV
  12. Kapitel V
  13. Kapitel VI
  14. Kapitel VII
  15. Kapitel VIII
  16. Kapitel IX
  17. Kapitel X
  18. Kapitel XI
  19. Kapitel XII
  20. Kapitel XIII
  21. Kapitel XIV
  22. Kapitel XV
  23. Kapitel XVI
  24. Kapitel XVII
  1. Zweites Buch
  2. Kapitel XVIII
  3. Kapitel XIX
  4. Kapitel XX
  5. Kapitel XXI
  6. Kapitel XXII
  7. Kapitel XXIII
  8. Kapitel XXIV
  9. Kapitel XXV
  10. Kapitel XXVI
  11. Kapitel XXVII
  12. Kapitel XXVIII
  13. Kapitel XXIX
  14. Kapitel XXX
  15. Kapitel XXXI
  16. Epilog
  1. Karten

Über den Autor

Hanns Kneifel wurde 1936 in Gleiwitz/Oberschlesien geboren und wuchs auf in München. Nach einer Ausbildung zum Konditormeister machte er das Abitur nach und wurde Berufsschullehrer, hängte den Beruf aber bald an den Nagel, um von da an vom Schreiben zu leben. Er wurde bekannt durch seine Romane zur TV-Serie Raumpatrouille Orion und als Mitautor der Perry-Rhodan-Serie, seit den Neunzigerjahren auch als Autor minutiös recherchierter historischer Romane, deren Themen von der Frühgeschichte bis in die Neuzeit reichen.

Dramatis Personae

Die Hauptpersonen

Jean-Rutgar aus Les-Baux, Bastard des Herrn von Beausoleil, Anno Domini 1091 kaum 16 Jahre alt

Thybold, sein älterer Bruder, leiblicher Sohn des Herrn von Beausoleil, fünf Jahre älter als Rutgar

Ragenarda, 25-jährige, reife Schönheit, Jean-Rutgars erste große Liebe

Chersala, älteste Tochter des Schmieds Gautmar aus Drakon in Kleinasien, lernt Jean-Rutgar bedingungslos zu lieben.

Berenger, Waräger aus Britannien, Kundschafterreiter-Anführer in Diensten des oströmischen Kaisers Alexios I. Komnenos

Papst Urban II., ruft im Konzil zu Clermont am 27. November 1095 zur »bewaffneten Pilgerfahrt« auf. Das Ziel ist die Befreiung des Grabes Christi in Jerusalem von den »Ungläubigen« und ein Ende der oft tödlichen Zwistigkeiten unter europäischen Würdenträgern durch Bündelung der Motivation zur bewaffneten Pilgerfahrt.

Abt Hugo (Hugues) von Cluny, Bruder von Raimund von Toulouse und Saint-Gilles, erbaut die Benediktiner-Abtei und die Klosterkirche von Cluny in der Grafschaft Mâcon, zu ihrer Zeit die größte Kirche der Menschheit. Einer der Mönche und späterer Prior war Papst Urban II.

Peter von Amiens, genannt der Einsiedel, »Kukupetros«, ca. 40, barfüßiger Prediger unklarer Herkunft, will eine riesige Anzahl armer, frommer Pilger nach Jerusalem führen.

Emicho von Leiningen, Dietmar Vicomte de Melun, dessen Sohn Wilhelm, genannt der »Zimmermann«, die Priester Gottschalk und Volkmar, Walter von Poix (de Pexejo), Walter Sinehabere, Hartmann von Dillingen, Drogo von Nesle, Clarambald von Vendeuil, Thomas von La Fére und viele andere Ritter: gottlose Mitstreiter Peters von Amiens

Alexios I. Komnenos, Basileus und Autokratōr (Kaiser) des Oströmischen Reiches, Herrscher von Konstantinopel, bittet Papst Urban II. um Heere gegen die muslimischen Seldschuken

Sultan Kilidsch Arslan ibn-Süleiman, Herrscher des Seldschukenreiches, politischer und militärischer Gegner des Basileus und der Kreuzfahrer

Die Ritter und die wehrhaften Geistlichen

Bischof Adhemar von Le Puy, ca. 50, päpstlicher Legat, geistlicher Führer des Heiligen Krieges. Seine Brüder François-Lambert von Monteil und Peyrins und Wilhelm-Hugo von Monteil schließen sich Adhemar an.

Raimund von Toulouse und Saint-Gilles, ca. 54, einäugiger Anführer des Heeres aus Provençalen, Aquitaniern, Burgundern und Männern aus dem Languedoc, bricht mit ca. 1000 Berittenen und mehr als 10 000 Mann zu Fuß nach Jerusalem auf.

Hugo Graf von Vermandois, »Le Maisné«, ca. 40, Bruder König Philipps von Frankreich, Anführer eines kleinen Heeres,

Gottfried (Godefroi) Graf von Bouillon, als Gottfried V. Herzog von Niederlothringen, sowie dessen Brüder Eustachius und Balduin von Boulogne,

Herzog Robert II. von Flandern, ca. 42, Sohn Wilhelm des Eroberers, Anführer der etwa 600 berittenen und ca. 4000 Mann Fußvolk, Normannen und Britannier, und dessen Vetter Herzog Robert II. von der Normandie, 40, begleiten die Heere der anderen Fürsten, ebenso

Stephan Graf von Blois und Chartres, Schwager Roberts von der Normandie, zieht mit ca. 300 Berittenen und ca. 1500 Mann Fußvolk nach Jerusalem.

Fürst Bohemund von Tarent, ca. 40, hünenhafter italischer Normanne, Sohn Robert Guiscards, skrupellos und scheinbar unbesiegbar, und dessen ehrgeiziger Neffe Tancred, mit 500 Reitern und 3500 Mann zu Fuß, treffen am 9. April 1096 in Konstantinopel ein.

Arnulf von Choques, Raimund von Aguilers, Fulcher von Chartres; Geistliche, Kaplane verschiedener Fürsten, zum Teil Chronisten der Ereignisse während der bewaffneten Wallfahrt und der Erstürmung Jerusalems. Ebenso folgten diesen Fürsten Dutzende, Hunderte Männer von Adel jeden Alters; tapfere, fromme, feige, leichtfertige und beutegierige sogenannte zweite und dritte, also nicht erbberechtigte Söhne, deren Namen mit unbarmherzigen Strapazen, Entbehrungen und einzigartiger Tapferkeit verbunden sind.

Weitere Beteiligte

Hermann III. Graf von Hochstaden, Erzbischof von Köln, erlebt den Beginn des Zugs von Peter von Amiens und erfährt danach von den Gräueltaten und den Erlebnissen dieses »Volkskreuzzugs«.

Tatikios (lat. Tatitius) und Manuel Butumites, Generäle des Basileus Alexios zu Konstantinopel

Iftikhar ad-Daula, Statthalter der Fatimiden, mit arabischen und sudanesischen Truppen Verteidiger Jerusalems, sieht sich jenem Drittel der Christen gegenüber, das die Reise von Frankreich, Deutschland und Italien überlebt hat.

Der (deutsche) Volksmund verwendete für die Monate folgende (und andere, ähnliche) Bezeichnungen:

1. Hartung oder Schneemond (Januar)

2. Hornung (Februar)

3. Lenzmond (März)

4. Ostermond (April)

5. Weidemond (Mai)

6. Brachmond oder Johannismond (Juni)

7. Heumond (Juli)

8. Erntemond (August)

9. Herbstmond (September)

10. Weinmond (Oktober)

11. Windmond oder Schlachtmond (November)

12. Christmond (Dezember)

Erstes Buch

Von Clermont bis Konstantinopel
und Civetot

Prolog

ANNO DOMINI 1091, SOMMERTAG IN DER PROVENÇE, MITTAG
BURGRUINE BEAUSOLEIL BEI LES-BAUX, IN DEN ALPILLES

»Fata volentem ducunt, nolentem trahunt.«
(L. Annaeus Seneca)

Wieder begannen die Zikaden mit ihrem durchdringenden Lärmen. Ein Falkenpärchen zog seit einer Stunde seine Kreise hoch über dem brüchigen Rundturm der Burg. Schweigend, noch halb im Traum, sah Jean-Rutgar den Raubvögeln zu. Einige Tauben gurrten im verfallenden Taubenhaus, die wenigen Hühner, die der Fuchs sich noch nicht geholt hatte, wagten sich nicht aus dem Schatten der Scheune hinaus. Unter den weißen Wolken des Heumonds rüttelte Westwind an der Krone des Baumes und streichelte die Kornfelder in langen, zitternden Wellen. Ragenarda richtete sich halb auf und strich das schweißnasse Haar aus Jean-Rutgars Stirn.

»Der Herbst beginnt. Ringsum zerbricht alles«, sagte sie leise. »Und der Wintersturm wird alles zu Staub zerblasen und forttragen in alle Welt. So wie dich.«

Die weiße Sonne der Provençe, die das Land ausgedörrt hatte, brannte seit fast einem Monat heißer als sonst. Ein blauer, leuchtender Sommer endete. Aus dem Gebüsch kroch der Geruch von Rosmarin und Thymian. Auch Rutgars Tagtraum war von Wohlgeruch erfüllt gewesen, das Traumbild einer Burg mit rundem, weißem Turm unter leuchtenden Wolken, am sandigen Ufer eines Meeres von tiefblauer Farbe, und durch das Wasser hatte er rätselhafte goldene Dinge am Meeresboden liegen gesehen. Die Burg stand auf einem Hügel, inmitten riesiger Bäume, und der Hügel wuchs hervor aus einer silbernen, staunenswert fremdartigen Landschaft. Rutgar blinzelte den Traum fort und holte tief Luft. Über dem fernen Meer ballten sich Wolken, die ein Gewitter ankündigten.

Rutgar öffnete die Augen und glaubte, die Schwungfedern an den Flügelenden der Falken zittern zu sehen. Dann blickte er in Ragenardas Gesicht, und mit lähmender Plötzlichkeit kamen Verwirrung, Trauer und Furcht zurück, die der Wachtraum vertrieben hatte.

»Ich werde dich niemals vergessen können«, sagte er leise. Er hatte es schon Dutzende Male ausgesprochen. »Dich und das alles hier. Diese beiden Sommer. Niemand hat uns gesehen, keiner hat uns gestört. Warum muss es zu Ende gehn?«

»Nichts währt ewig«, antwortete sie und beugte sich über ihn. Ihr schweres Haar umgab seinen Kopf wie ein schützender Mantel, die dunklen Spitzen ihrer Brüste rieben sich an seiner heißen Haut. »Die Armut zwingt uns. Ich muss fort. Du musst fort. Im Frühling geht auch Thybold. Die Burg wird bald nur ein Haufen Steine sein.«

Der Brand während des Weidemonds im vergangenen Jahr hatte die Hälfte des Daches und viele der hölzernen Wände endgültig zerstört. Seit einem Jahr lebten nur Tauben, Mäuse und Ungeziefer, winzige Eidechsen und bleiche Skorpione zwischen den wenigen verwilderten Hühnern. Brombeeren, Himbeeren, Gestrüpp und mistralzerzauste Pinien wuchsen an den Flanken des Hügels außerhalb von Les-Baux und überwucherten die Brandspuren. Nur die Krone des Rundturms, aus der Dutzende Quader und Mauersteine herausgebrochen waren, ragte über die Pinienwipfel, in denen Zikaden schnarrten. Zum Versteck, in dem sie sich seit dreizehn Monaten mit der Hingabe derer liebten, die, weil sie das nahe Ende zu erkennen wussten, mehr und mehr Vorsicht fahren und sich von den köstlichen Stunden mitreißen ließen, führte ein handbreiter Pfad hinauf; schon eine Fußstunde an der Flanke vor dem Dörfchen auf der Klippe begann die menschenleere, wegarme Landschaft, über der nur Habichte und Falken rüttelten.

»Morgen.« Die leise Stimme Ragenardas, dunkler Samt wie ihre Haut, konnte ihn selbst nach einem Jahr noch verführen. »Nach dem Gewitter, morgen früh, mein schöner, junger Geliebter, müssen wir uns trennen. Für immer.«

Der Wetterturm wuchs schneeweiß im Westen; sinnlos, die Wolken und Stunden aufhalten zu wollen. Morgen begann ein anderes Leben. Die Furcht davor, das allzu Vertraute zu verlassen und sich in der unbekannten Welt zu verlieren, hockte seit der ersten Nacht dieses Sommers tief in Rutgars Herz. Das Vertraute, das waren die schöne, erfahrene Ragenarda, das Land rund um Nîmes zwischen dem Meer und Les-Baux, die wenigen Freunde und Philbert, der alte Ordensbruder, von dem er so viel gelernt hatte. Rutgar legte die Arme um die Schultern der Frau und antwortete:

»Mit dir bin ich glücklich. Fata volentem ducunt …, das Schicksal führt den Glücklichen, hat Philbert gesagt, in seiner Kirchensprache. Und den Unglücklichen zieht es. Ich will nicht unglücklich werden.«

»Du wirst nicht unglücklich sein.« Ragenardas Hüften drängten sich an ihn. Smaragdfarbene Eidechsen sonnten sich auf dem Mauerrest. »Du bist so viel klüger und stärker als alle anderen. Und so viel leidenschaftlicher, mein Grünauge.«

Er zählte fünfzehn Jahre, sie war zehn Jahre älter und ein halbes Jahrhundert erfahrener. Sie hatte ihn, der nicht einen Atemzug lang daran gedacht hatte, sich zu wehren, mit wissendem Lächeln verführt und ihn alles gelehrt, was sie von der Minne und der Leidenschaft ihrer Körper wusste. Von ihr hatte er auch ein paar Dutzend Schriftzeichen und Wörter der muslimischen Sprache gelernt. Wozu eigentlich? Es gab an der Küste keine Sarazenen mehr. Und mit diesem Können und Wissen, seiner Kraft und seiner Jugend würde er von nun an allein sein müssen. Mit schweißfeuchten Fingern erwiderte er ihr Streicheln und murmelte in ihr Haar:

»Ich weiß nicht, was mit mir geschehen wird, draußen, in der Welt, die ich nicht kenne. Aber ich werde zurückkommen, reich und mächtig.«

»Dann wirst du hier wenig wiederfinden von dem, was du kennst.« Ragenarda nahm lächelnd seine Hand und führte sie zwischen ihre Schenkel. Ihre Augen, schwarz im Schatten des löchrigen Vordachs, betrachteten ihn mit seltsam abwesenden Blicken, als habe sie geweint, ohne dass es ein anderer sah, habe den Abschied längst vollzogen. »Alles wird sich verändert haben. Ich weiß, dass es so ist – ich hab’s selbst schon einmal erlebt.«

Der Hauptstützpunkt der plündernden muslimischen Seeräuber, die Festung Fraxinetum im Land hinter den Küstenbuchten war lange vor Jean-Rutgars Geburt zerstört worden. Ragenarda stammte aus dieser Gegend, was ihr Aussehen zu erklären schien; der Graf hatte »die Maurin«, damals noch ein Kind, mitgebracht, und nach seinem Tod war ihr Leben bedeutungslos geworden. Rutgar, ebenso elternlos, ein fürstlicher Bastard, mit einer Magd gezeugt, wuchs im Schutz Thybolds, eines wirklichen Sohnes des Grafen und unter den Fittichen des alten Mönchs Philbert auf, dessen Glaubensbrüder aus der Abtei Montmajour die Sümpfe bei Arles trockengelegt hatten. Morgen würden Philbert und Rutgar dorthin aufbrechen.

Er wollte antworten, aber unter Ragenardas weichen, fordernden Lippen wurden im Summen des Windes seine Worte zu undeutlichem Murmeln. Ihre Körper schlangen sich umeinander, das hastige Atmen wurde zu stockendem Keuchen, die Lust ließ Rutgar seine Furcht und Traurigkeit vergessen. Ragenarda nahm ihn mit unverständlich murmelndem Singsang in sich auf, schlang die Beine um ihn, und er bewegte, wie sie es gelehrt hatte, seine Hüften. Dieses Mal legten sich zwei Schatten auf die leidenschaftliche kurze Ewigkeit, die Rutgar bisher fröhlich und ohne an die Sünden der Begierde und der Unzucht zu denken genossen hatte: die Furcht vor dem Leben im Unbekannten und die Schatten der Wolken, die sich vor die Sonne geschoben hatten. Der Himmel war leer, das Falkenpärchen war abgestrichen.

Aus der wohligen Erschöpfung weckten sie kurze, heiße Windstöße. Die Wolken hatten sich grau gefärbt. Pflanzensamen, dürres Laub und Spelzen wirbelten durch die Luft. Rutgar und Ragenarda zogen sich flüchtig an und liefen den Pfad hinunter bis zu der uralten Eiche, unter der Ragenardas Pferd lustlos an braunen Halmen zupfte. Im winzigen Quellteich wuschen sie sich, ergötzten sich zum letzten Mal an der Schönheit ihrer nassen Körper und ließen sich von der Luft im säuselnden Wind trocknen.

Rutgar sattelte Ragenardas müden Schimmel und sagte: »Morgen bringt der Händler Wein zur Abtei. Er nimmt Philbert und mich mit.«

Sie flocht ihr tropfendes Haar zu einem schwarz glänzenden Zopf, während sie zu ihrem Pferd ging. Einige Atemzüge lang betrachtete sie die Burgruine, die Pinien und den Kirschbaum, dessen Krone im Wind schaukelte, dann deutete sie auf die grauschwarze Gewitterwand.

»Ich werde morgen bei der Weggabelung sein, unter dem Nussbaum, mein Liebster.«

Er saß im kurz gefressenen Gras und zerrte den Stiefel am rechten Fuß hoch, sprang auf und hakte die Hände ineinander.

»Steig auf, Ragenarda.« Sie setzte ihren Fuß in die Steighilfe und schwang sich in den Sattel. »Sag Thybold, dass ich bei Philbert bin. Vielleicht sucht er mich.«

Sie hielt seine Hand und zügelte den Schimmel. Ihre Blicke kreuzten sich; in ihre Augen traten Tränen und liefen über ihre bräunlichen Wangen. Langsam nickte Ragenarda, dann entzog sie ihm die Hand. Sie gab den Zügel frei, schlug die Fersen in die Flanken des Reittiers und trabte unter den raschelnden Blättern der Eiche hinaus auf den Sandpfad. Jean-Rutgar ließ hilflos die Arme sinken, blinzelte und schloss die Augen, als der Wind eine Wolke aus Staub und Pflanzenresten über die Wasserfläche wehte.

Auch dieses karge Stück Land würde er verlassen; hier war er aufgewachsen, fünfzehn Jahre lang, kannte jeden Pfad, jede Quelle, jede verwitterte Mauer. Hier hatte er Vögel mit Leimruten gefangen, Wachtelfallen aufgestellt, Hasen in Schlingen erlegt und Paare beim lustvollen Tun beobachtet. Er bewegte sich schnell und unsichtbar wie der Fuchs oder eine wildernde Katze, selbst noch in den Jahren, in denen er vor der Hütte des Mönchs mühsam Lesen und Schreiben gelernt und in Philberts Heiliger Schrift gelesen hatte. Warum musste er fort? Was trieb ihn aus der Umgebung, deren tausend winzige Geheimnisse er besser kannte als jeder andere? Sein Traum, der weiße Burgturm? Die Sehnsucht nach einem anderen Leben, nach fernen Ländern, anderen Menschen? Er sah wieder zur drohenden Gewitterwand hinauf und begann zu laufen.

Die Grillen im Gras und zwischen den Steinen und die Zikaden im Geäst verdoppelten ihr Zirpen und Schnarren. Für einen Augenblick hörte Rutgar die Pferdehufe auf Steinen klappern, von fern polterte leiser Donner. Wenn nicht einmal Thybold, der jüngste von drei Söhnen des Grafen, etwas zu sagen hatte und sich mit den Brosamen begnügen musste, die vom allzu kargen Tisch der Familie für ihn abfielen, dann war es klüger, besseres Leben und größeres Heil in der Fremde zu suchen.

Hier war es beschwerlich, so wie das schmale Band des Feldes, das hügelan am Waldrand endete; abgesichelt, voller Spelzen und Stoppeln und Staub. Sperlinge pickten zwischen den stacheligen Resten. Die Wipfel der alten Zypressen neben dem Häuschen schwankten im Wind; der Brauch, der dem müden Wanderer durch diese drei Bäume Essen, Wasser und Schlafplatz versprach, stammte von den Römern, hatte Ragenarda ihm erzählt.

Er überquerte den leeren Streifen und rannte ein gelbes Kornfeld entlang, zwischen umwucherten Felsen hindurch und über die uralte Brücke zu der Hütte, die neben den Resten der Kapelle stand. Sie war schon eine zugewachsene, vom Mistral umheulte Ruine gewesen, als Rutgar den Benediktinermönch das erste Mal besucht hatte; vor neun, zehn Jahren.

Von Thybold und Ragenarda hatte er gelernt, Pferde richtig zu behandeln und zu reiten. Reitpferde waren teure, wertvolle Geschöpfe, fast so teuer wie eine Rüstung und gute Waffen. Die Familie besaß nicht mehr als zwei alte Wallache. Alles andere wusste er von den Bauern, den Fuhrleuten, Tagelöhnern und Hirten; denn er hatte sich durchgeschlagen, indem er überall dort gearbeitet hatte, wo es etwas zu schuften gab. Er kannte die harte Arbeit der Rhôneschiffer – Nîmes lag nicht allzu weit im Westen – ebenso wie die knochenbrechende Fron der Müller und Winzer und die Erzählungen von fahrenden Spielleuten und Rittern. An all das dachte er, tausend Erlebnisse schossen durch seinen Kopf, als er im Licht des ersten Blitzes über die Stoppeln eines Roggenfeldes auf die Hütte zustolperte. Ein Vogelschwarm stob vom anderen Ende des Feldes auf.

Schwitzend und keuchend ließ sich Rutgar auf die Steinbank fallen. Thybold und er hatten dem Mönch ein einfaches, strohgedecktes Vordach gezimmert, unter dem der Alte im Schatten an seinem Tisch sitzen und ins Land schauen konnte. Auf der Platte stand ein Tonkrug. Rutgar hob ihn an; kühles Wasser. Er trank, leerte ihn halb und setzte ihn ab, als der Weißbärtige aus der Hütte kam und sich unter dem Türstock bückte.

»Ich bin’s, Vater Einsiedel«, sagte Jean-Rutgar mit verlorenem Lächeln. »Gerade noch, bevor das Gewitter niedergeht. Will uns Gott ein Zeichen geben?«

Der Benediktinermönch setzte sich, legte den Arm um Rutgars Schultern und deutete mit dem Daumen über die Schulter.

»Nimm’s als Zustimmung. Ich hab mein Bündel gepackt. Viel ist’s nicht. Und du?«

Rutgar zuckte mit den Schultern. »Ragenarda bringt meinen Besitz morgen zur Straße. Sie hat auch nicht schwer daran zu tragen.«

Der Mönch lächelte unter den weißen Bartstoppeln. »Du wirst es vielleicht mit deinen fünfzehn Jahren nicht verstehen, Jean-Rutgar, aber warum sollte Gott dich strafen wollen? Nur weil du mit reinem Herzen diese Frau begehrst? Minne ist keine Sünde. Sie ist niemandes Eheweib.«

Unverbrüchliche Frömmigkeit und Liebe zu allen Kreaturen, nichts anderes kennt er, dachte Rutgar. Er ist zu gut für die Welt. Philbert mit den tausend Falten im Gesicht, dem schütteren Bart und dem weißen Haarkranz kannte nur Gottes Güte, die sich wie milder Regen auf jedes seiner Geschöpfe senkte. Aber auch Philbert verließ dieses Stück Land, weil er, hinfällig geworden, in diesem gottvergessenen Land verhungern würde, während er sich um seine Schäflein sorgte.

Jean-Rutgar nickte und antwortete lächelnd: »Du weißt, dass ich mich an die Sprüche deiner Weisheit halte, Vater Philbert.«

Zwei, drei vielfach verzweigte Blitze und, einige Herzschläge später, laut knatternder Donner bekräftigten seine Worte und machten ihn und den Mönch halb taub. Rutgar unterdrückte sein Erschrecken, ging in die Hütte und holte Oliven, den Ölkrug, Brotfladen und Käse, in ein feuchtes Tuch eingeschlagen. In seinen Ohren klingelte der Nachhall des Donners. Als er das Holzbrett abstellte und das Messer aus dem Stiefelschaft zog, hörte er trotz der klingenden Ohren Hufgetrappel und den Ruf. Er wandte den Kopf und erkannte Thybold im Sattel des schweißnassen Schimmels, den Ragenarda geritten hatte.

»Schnell, unters Dach!«, rief Rutgar und sprang auf. »Binde den Gaul fest! Wenn er sich losreißt, finden wir ihn nie wieder.«

Thybold sprengte heran, ritt um die Ecke der Hütte und sprang aus dem Sattel. Die Halbbrüder tauschten eine kurze Umarmung aus. Der Grafensohn, um die zwanzig, schwarzhaarig, mit Nackenzöpfchen und strahlenden blauen Augen, ließ sich von Rutgar helfen und knüpfte einen Leinensack vom Sattel.

»Braten, Käse und ein paar Trauben«, sagte er lachend und wickelte einen Krug aus der schützenden Strohhülle. »Und ein Schluck Wein. Mehr hab ich nicht finden können.«

»Gott segne euch zwei!«, rief Philbert. Obwohl er einsam in seiner Hütte lebte, wollte er nicht Eremit oder Einsiedel genannt werden. Er lachte und zeigte auf die Regenwolke. »Lasst uns ein Abschiedsmahl nehmen! Der Himmel schlägt den Takt zu jedem Schluck.«

Er holte Holzbecher aus der Hütte. Rutgar und Thybold sattelten ab und banden die Zügel am Türpfosten fest. Thybolds schmales Gesicht zeigte, dass er am liebsten mit Rutgar mitgeritten wäre, aber nicht zu den frommen Brüdern. Seine Falkennase schien erlebnisgierig in die Ferne hinauszuwittern.

Die tiefschwarze Wolkenmasse schob sich von Sonnenuntergang her blitzend und donnernd heran, aber noch ohne einen einzigen Tropfen. Der Wind fing sich unter dem vorspringenden Dach, als Rutgar die Becher füllte, den Weinstrahl mit der flachen Hand vor dem Sturm schirmend.

Das Gewitter tobte die halbe Nacht, mit zahllosen Blitzen, strömendem Regen und unablässigem Donner, als wolle die Welt untergehen. Die drei saßen im flackernden Dunkel hinter den Tropfenvorhängen, die wie Wasserfälle vom Dach plätscherten. Rutgar und Thybold redeten und sprachen sich gegenseitig Mut zu, versuchten den Sinn der Welt zu erkennen, noch ehe sie sich in der Fremde umgesehen hatten. Auch Thybold wollte Les-Baux verlassen, nach dem Winter, aber Rutgars Weg zu den Benediktinern war nicht seiner; er blieb unentschlossen. Der letzte Schluck Wein schmeckte sauer und rau, als sollte Jean-Rutgar auf die nächsten Jahre vorbereitet werden.

Um Mitternacht war die schwarze Wettermauer weitergezogen, und auch der Regen verlor allmählich seine Gewalt. Im ersten Morgengrauen sattelte Thybold den Schimmel, nachdem sie das triefende Tier trocken gerieben hatten. Sie hängten ihre Bündel an den Sattel und wanderten durch die Wildnis aus Fels, tropfenden Krüppeleichen und wilden Ölbäumen nach Süden, zur Wegscheide, wo Ragenarda neben dem Gespann des Händlers wartete.

Der Abschied, voll brennender Blicke und verzagten Flüsterns, zerriss Rutgars Herz, aber der Händler drängte. Von den ersten Sonnenstrahlen geblendet, wandte sich Jean-Rutgar um. Die Luft war so klar wie nie zuvor. Thybold und Ragenarda standen unter dem Nussbaum, an dessen Blättern das Sonnenlicht in tausend Funkeltropfen zerstrahlte; in Rutgars Kopf blitzten, wirbelten und strudelten die Gedanken durcheinander. Er empfand nichts, es war zu viel. Er kletterte zu Philbert zwischen die Fässer und wischte, als es niemand sah, die Tränen aus den Augen. Erst als Philberts Schultern schwer gegen ihn fielen, weil der Greis eingeschlafen war, richtete Rutgar seinen Blick auf die Räderspuren der Straße, die hügelan führte und neben einer verwitterten Säule hinter der Erhebung verschwand. Ihm war zumute, als könne er niemals mehr zu weinen aufhören.

Kapitel I

ANNO DOMINI 1095, 27. TAG DES WINDMONDS (NOVEMBER)
CLERMONT IN FRANKREICH, VOR DEN MAUERN

»Deus lo volt!« – »Gott will es!« – »Diex le volt!«
(Schlachtruf der Kreuzfahrer)

Vielen der Versammelten schien es, als habe der Regen, der vor einer Stunde über das Land gezogen war, aus geweihtem Wasser bestanden. Zugleich mit der Nässe bedeckte weihevolle Erwartung die Felder und Weiden. Noch war das teppichgeschmückte Podium, das den Baldachin und den Thronsessel trug und vor dem Osttor der hoch ummauerten Stadt Clermont errichtet worden war, nass und menschenleer. Breite Strahlenbündel durchbrachen die tiefen, grauschwangeren Wolken. Den stumpfen Kegel des Puy de Dome krönten zerfaserte Windfahnen.

Mehr als ein Dutzend Erzbischöfe, etliche zwanzig Dutzend Bischöfe und fast vierhundert Äbte, Prälaten, Priester und Mönche, die den vorletzten Tag des zehntägigen Konzils in der Auvergne hinter sich gebracht hatten, umgaben das geschmückte Podest; ein unruhiger, malmender Dreiviertelkreis aus Bewegung, Farbe, dampfenden Kleidern und blitzendem Silber und Gold. Aus feuchten Fahnen tropfte schmutziges Wasser auf die Schultern prächtig gewandeter Träger.

Auf dem weiten, flachen Feld, das der Regen des elften Monats durchweicht hatte und über dessen Stoppeln und niedergetretene Furchen eisiger Wind flüsterte, warteten Tausende auf den Papst. Urban II., dreiundfünfzig Herbste auf dem kerzengeraden Rücken, ein französischer Adliger namens Eudes »Odo« de Lagery, geboren auf dem Familienschloss nahe Châtillon-sur-Marne, schritt an der Seite Adhemars von Monteil, des breitschultrigen Bischofs von Le Puy, eines achtungsgebietenden Recken, durch die Gasse der prunkvoll gewandeten Würdenträger bis zu den Stufen des Podiums.

Jean-Rutgar fühlte, wie kalte Nässe durch die Sohlen an seinen Füßen heraufkroch. Er stand einen Steinwurf vom Podest entfernt und fragte sich, warum er wartete, fror und nicht im Heu der warmen Klosterscheune lag. Seit den letzten Tages des Erntemonds, seit Nîmes und Saint-Gilles, rhôneaufwärts und auf der Saône, über Vienne und Lyon, begleitete er den Zug des Papstes, schuftete als Knecht des Gespannführers und erhielt guten Lohn und freie Kost überall dort, wo der Papst mit seinem Gefolge zu Gast war. Es war eine gute Zeit gewesen, trotz der endlosen Mühen der Reise.

Ich bin aus Neugierde hier, dachte Jean-Rutgar, und vielleicht, weil ich Thybold hier wiederfinden kann. Halbbruder Thybold. Vor mehr als fünf Jahren hatten sie den letzten Schluck sauren Wein geteilt. Fünf Jahre! Sie waren schneller vergangen als eine Rhône-Hochflut und hatten Rutgar hierhin und dorthin gebracht, auf den unsicheren, schlechten Straßen der Provençe, im Burgundischen, bis in die Champagne und an Lothringens Grenze. Zuvor hatte er länger als ein Jahr als Klosterknecht und Herr über vier Gespanne in der Abtei Montmajour und später lange in Cluny gearbeitet, bis der liebenswerte Mönch Philbert, mehr, aber anders als ein Vater, in friedlichem Schlaf zu seinem Gott eingegangen war.

Daraufhin war Rutgar ein Jahr lang als Rhôneschiffer gefahren, flussauf, flussab, zwischen Aigues Mortes und Nîmes, Avignon oder Lyon; er kannte jede tückische Stromschnelle und hatte vier Mal dem nassen Tod davonschwimmen können.

Er musterte die prächtige Kleidung der Bischöfe und Kardinäle und fühlte sich plötzlich in der Menge der Versammelten eingeschlossen und bedrängt. Dass der Papst mit langen, gesiegelten Sendschreiben die Bischöfe hierher zusammengerufen hatte, wusste Jean-Rutgar; er hatte einige Male den Boten geholfen und ihnen den Weg gewiesen. In die Schäfte seiner Stiefel und den Messergurt waren Silber- und Goldmünzen eingenäht; wenige silberne und zwei goldene Denare.

Er blickte hoch und in Papst Urbans beherrschtes Gesicht. Die Züge verrieten Klugheit, Entschlusskraft, Listigkeit und, schwer zu verstehen, tiefe Gläubigkeit. Der Heilige Vater war unter dem Pilgerhut fast kahl, bis auf ergraute Haarbüschel über den Ohren, einen langen braunen Bart und einen dichten, dunklen Schnurrbart. Beide Bärte waren gepflegt und schienen gefärbt zu sein. Urbans kräftiger Körper war der eines Zimmermanns im Dachstuhl des Herrn oder eines tapferen Soldaten des wahren Glaubens.

Rutgar, der den Papst einige Male aus der Nähe erlebt hatte, leutselig, aber in gemessener Ruhe, zweifelte keinen Atemzug lang daran, dass er aus einer langen Rede den entscheidenden Satz, für hundert Probleme den einzigen Ausweg und aus vielen Schwierigkeiten die gerechteste Lösung fand. Von Urbans Begleitern, die bisweilen auf schlammigen Wegen oder wenn es zu steil wurde betend und fluchend an den klobigen Rädern der Wagen gezerrt hatten, hatte Jean-Rutgar einiges aus Urbans Leben erfahren können.

Im Lenzmond 1088 hatte ihn das Konklave von Terracina zum Papst gewählt. Dass er als Novize in den Gewölben der Abtei Cluny vom einfachen Mönch zum Prior aufgestiegen war, nötigte selbst Kirchenfürsten wie Adhemar von Monteil unendliche Hochachtung ab; der von Monteil war mit dem Grafen von Toulouse, Raimund IV., verschwägert, und Raimunds Bruder war Petrus, ein Cluniazenser Mönch. Jean-Rutgar erkannte an der Seite des Papstes den Bischof der Stadt Le Puy, der Urban den Vortritt ließ und nach ihm die Stufen des Podiums erklomm, kraftvoll, als sei er ein junger Priester; die Kardinäle folgten und stellten sich an drei Seiten des Podiums auf.

Urban verharrte in der Mitte des Podiums. Dann folgte er der Geste Adhemars und nahm auf den Kissen und Pelzen des prächtigen Thronsessels Platz. Er verhielt eine Weile mit geschlossenen Augen, hob die Arme und begann zu reden. Seine kraftvolle Stimme reichte in der Runde mühelos dreißig Reihen tief. Rutgar verstand, was er sagte, aber die meisten Versammelten um ihn herum kannten die Sprache der Kirchlichen nicht oder nur sehr unvollkommen.

»Vielgeliebte Brüder! Amtsbrüder im Glauben! Ihr Fürsten Frankreichs! Ihr seid von Gott geliebt und auserwählt, wie viele eurer Taten zeigen. Gottes Liebe erweist sich in der besonderen Lage eures Landes. Dank eures Glaubens und der Auszeichnung durch die Heilige Kirche nehmt ihr unter den Völkern einen besonderen Rang ein.«

Unruhig schweigend warteten die Versammelten. Der Gipfel des Puy de Dome, gut zwei Wegstunden im Westen, war in den Wolken verschwunden. Die Luft um Rutgar schien zu knistern wie vor einem Wintergewitter. Nie war er von einer solchen Stimmung umgeben gewesen. Urban holte tief Atem und schien mit sichtlicher Zufriedenheit zu erkennen, dass er noch nie vor so vielen Menschen geredet hatte. Tausende Augenpaare blieben auf ihn gerichtet. Graue Wolken schoben sich über die fahle Wintersonne. In den Händen einiger Priester glaubte Rutgar kleine Knäuel roter Bänder zu sehen.

Die Herrschaft Roms über die Christenheit, für die Urban unentwegt in zähen Gefechten der Macht und des Glaubens kämpfte, stand wegen des Schismas noch auf tönernen Füßen; bis vor einem Jahr hatte Gegenpapst Guibert auf dem Lateran zu Rom regiert.

Urban rief: »Aus der Christenheit im Osten erreicht uns großes Wehgeschrei. Unsere Brüder im Orient, von Türken und Muselmanen bedrängt, haben uns um Hilfe ersucht. Bis zu den östlichen Stränden des Mare mediterraneum sind die Gottlosen vorgedrungen, bis Romanien und Konstantinopel am Meeresarm Sankt Georgs, Propontis mit anderem, griechischen Namen. Die Perser, die auch Sarazenen, Seldschuken und Türken genannt werden, haben viele Kirchen Gottes im Reich von Alexios, dem Kaiser des oströmischen Reiches, geschändet, sie haben Altäre mit Unrat entheiligt, haben Christen beschnitten, deren Blut auf Altäre und in Taufbecken vergossen – und wir wissen, dass sie mit Vergnügen die Bäuche von Christen aufgeschlitzt, die Gedärme herausgerissen, die Körper gepfählt haben, dass sie mit Pfeilen auf Christen, an Bäume gebunden, geschossen und unzählige Frauen genotzüchtigt haben. Wer soll die Untaten rächen? Wer soll das eroberte Land befreien? Ich stehe hier, um euch den Willen Gottes zu enthüllen!«

Auf seiner monatelangen, beschwerlichen Reise hatte Rutgar einige von Urbans Reden gehört, schweigend, hinter der letzten Reihe der Versammelten. Klosterbrüder und Reisegenossen hatten erzählt, dass der Pontifex mit seinen Worten die Macht der Kirche in die gekrönten und gesalbten Häupter hineingehämmert habe; heute beschwor er die Herzen des frommen Fußvolks.

In die Geräusche, die einige Tausend Soldaten und Bauern, Handwerker und Tagelöhner verursachten, mischte sich das Winseln des Windes, der die Wolken um den Puy de Dome zu einer grauweißen Standarte zerteilte; wie Pfeilspitzen deuteten sie nach Osten. Rutgar zog seinen feuchten Mantel enger um Schultern und Hals zusammen.

Alle, auch Rutgar, die Papst Urban zuhörten, warteten auf das Unausgesprochene, auf die Große Botschaft. Flüsternd, gut oder schlecht übersetzt, wurde die Bedeutung von Urbans Worten bis in die hintersten Reihen weitergegeben.

»Schreckliche Nachrichten haben uns erreicht. Krieger des muselmanischen Reiches, gottlose Heiden, sind in unsere christlichen Länder vorgedrungen und haben sie durch Feuer, Schwert und gottlose Plünderung verwüstet. Christen wurden gefangen, verschleppt und zu Tode geschunden.«

Viele Worte und Sätze erkannte Rutgar wieder. In eindringlichen Predigten, zu Valence, daraufhin in Le Puy, La Chaise-Dieu, Monastir, Nîmes, Saint-Gilles, Tarascon, nach Avignon in Saint-Paul-Trois-Châteaux, Vienne, Lyon, Burgund, Cluny und Autun, Souvigny und zuletzt hier in Clermont, also in jeder Stadt am linken Rhône-Ufer, hatte Urban die Bischöfe beschworen. Er wollte die Kirche zur höchsten Schiedsrichterin über weltliche und geistliche Fürsten emporheben; Gottes Urteil sollte für jeden Gläubigen gelten. Seit Nîmes hatte Jean-Rutgar als junger Fuhrknecht, später als Gespannführer, Urbans päpstlichen Tross begleitet.

Was er den Tausenden sagen würde, hatte der Papst sicherlich in schlaflosen Nächten ausgedacht und niedergeschrieben. Alle Teilnehmer des Konzils wussten aus Briefen, aus den Worten des Pontifex, aus den Ansprachen ihrer Bischöfe, dass er sich über das Schicksal der Christenheit ereifern würde. Selbst Rutgar, der in mehr als zwei Dutzend Nächten das Leben Urbans bewacht hatte, kannte es nicht anders.

Als das Lärmen und die ersten Hochrufe verklungen waren, redete der Papst weiter.

»Kirchen wurden zerstört, das Land verwüstet, Frauen geschändet, sie und ihre Kinder in die Sklaverei geführt. Christus befiehlt uns, gegen die Heiden anzutreten, zu Lande und zu Wasser, und wer in diesem Kampf sein Leben verliert, dessen Sünden werden allesamt vergeben sein.«

Wieder erhoben sich Lärm und von Abscheu erfülltes Geschrei. Urban rief zu einem Zug in Waffen ins Heilige Land auf. War es ein Pilgerzug oder ein Krieg – oder gar beides? Rutgar blickte sich um: Die Gewappneten dachten wohl an geschändete Christenfrauen oder lüstern an willige Heidenweiber und an abergläubische Turkmenen, durchbohrt von christlichen Lanzenspitzen und zermalmt von den Hufen der Streitrosse. Der feuchte Wind hatte zugenommen; er trieb die Wolken auseinander, zerrte an den Gewändern und ließ Stoffbahnen und Fahnen dumpf knattern.

»Die versammelten Fürsten der Kirche werden Vorbilder für jeden einfachen Gläubigen sein. Sie werden die Beschlüsse des Konzils verteidigen und jeden begehrlichen Einfluss weltlicher Mächte abweisen. Wer aber wird das Unrecht gegen unsere Glaubensbrüder rächen?«

Urbans Aufruf war dazu gedacht, gleich mehrere Missstände zu beseitigen. Französische Adlige sollten ihre kleinlichen Händel vergessen, ihre übermütigen und kriegslustigen Söhne sollten sich einer Idee verschreiben, die größer und wichtiger war als ihre persönlichen Fehden; der Militia Christi, wie es Urban nannte. Ein solches gemeinsames Unterfangen würde ein für alle Male die gegenseitigen Überfälle der Ritter beenden und ebenso die Raubzüge gegen andere Gläubige.

Der Hungersnot würde begegnet, indem die Hungrigen ihre Mägen in den Ländern der Ungläubigen füllten, und waren erst einmal alle Vorbereitungen getroffen, konnte sich der Große Zug in Bewegung setzen.

Das Geschrei der Volksmenge scheuchte eine schwarze Wolke aus Hunderten Krähen auf, die schauerlich krächzend, lauter als die Stimmen der Tausende, über die Versammlung flatterten und nach Osten abstrichen, als habe sie der feuchte Westwind fortgeweht.

»Ihr seid das Volk voller Waffenruhm, Körperkraft und stolzem Mut, das jene demütigen soll, die euch widerstehen wollen. Erinnert euch an die gewaltigen Taten eurer ruhmreichen Ahnen! Erhebt euch! Ich erinnere euch an alle großen Könige, die viele Heidenreiche zerstört und das Banner der Heiligen Kirche aufgerichtet haben.«

Unter den Zuhörern waren einige französische Fürsten, die Urban selbst herbeigerufen hatte. Die Männer fühlten Urbans fordernde Blicke auf sich ruhen; jedes Wort drang tief in ihre Herzen. Bisher hatten sich Franzosen gegen Franzosen in zahllosen Kleinkriegen verzehrt, jetzt fühlten sie sich dazu aufgerufen, sich gemeinsam einem höheren Ziel zu widmen. Wenn Thybold davon erfahren hatte, dachte Rutgar, würde auch er wahrscheinlich diesem Aufruf folgen.

Urbans Worte sollten gleichermaßen aufrütteln und versöhnen. Er kannte den schwelenden Konflikt zwischen Rom und Konstantinopel. Er selbst, halb Flüchtling und halb Mächtiger, stützte sich auf das Wort des Herrn und auf die Überzeugung, dass selbst in jedem Raufbold ein edler Kern steckte, der aus der Furcht des Herrn heraus in heiligem Eifer eine höhere Aufgabe suchte. Urbans II. volltönende Worte nahmen einen feierlichen Klang an.

»Ihr habt euch selbst, o Söhne Gottes, Gott geweiht. Ihr werdet unter euch Frieden halten und die Gesetze der Kirche befolgen. Ein Werk ist zu vollbringen durch die Kraft eurer Aufrichtigkeit und durch göttliche Bestimmung. Wir wenden uns einer Aufgabe zu, die Gott euch auferlegt hat.«

Das kirchliche Verbot persönlicher Fehden hatte die Schwerter in den Scheiden festgeschmiedet. Der Nachfolger Petri erlaubte ihnen nun, die Waffen zum Schutz des Glaubens im Feindesland zu schärfen. Kampf für das eigene Seelenheil, das geöffnete Himmelstor vor dem inneren Auge, ehrenvolles Sterben und ein Weg durch Länder, wo Milch und Honig flossen, gaben dem Rittertum eine bislang nie gekannte Bedeutung.

Mit ausgestrecktem Arm zeichnete Urban das Kreuz in die Luft. »Ihr werdet die Herolde Christi sein, denen all ihre Sünden vergeben sind, selbst wenn der Tod sie ereilt. Aus der Macht Gottes, die er mir verlieh, gewähre ich euch diese Absolution.«

Jedes Wort war ein heiliges Machtwort. Die Unruhe nahm zu; fröstelnd und sich bekreuzigend, von der Angst vor der Bestrafung aller Sünden bewegt, schlugen sich viele Zuhörer an die Brust und erhofften Gesten und Beweise der Vergebung.

Der Pontifex wartete, bis größere Stille eingekehrt war, und rief: »Ihr, bisher Söldner der Hölle, werdet zu Soldaten des lebendigen Gottes! Ich rufe euch zur Heiligen Reise auf, zur Pilgerfahrt in Waffen. Im Land der Heiligen Stätten werdet ihr die Elenden finden; ihr seid die wahrhaft Reichen. Dort sündigen die Feinde Gottes; ihr aber seid lautere Soldaten Christi. Christus verlangt, dass seine Streiter ihren Besitz und ihre Familie um seiner Willen verlassen, denn nur durch Christum erlangen sie, erlangt ihr das ewige Leben.«

Aus der Menge der Tagelöhner und Leibeigenen rief eine heisere Stimme: »Gott will es so!«

Jean-Rutgar begann zu erkennen, dass er Zeuge eines einzigartigen Geschehens wurde. Auf dem flachen Feld vor der Stadtmauer ergriff eine ansteckende Begeisterung, eine Art heiliger Schauder alle Wartenden.

Urban wandte sich halb um und ließ sich von einem Würdenträger ein armlanges Kreuz geben. Er hob das Kreuz hoch über seinen Kopf und rief:

»So ist es! Gott will es!«

Ein Chor rauer Kehlen erhob sich. »Deus vult!« Die aus dem Languedoc riefen: »Deus lo volt!«, und »Diex le volt!« schrien die Südfranzosen.

»Es ist Gottes Wille!« Jetzt reichte der Donner aus Urbans Kehle bis zu den hintersten Reihen der Versammlung. Was war es, das Gott wollte, fragte sich Rutgar verstört und schüttelte sich. »Er ist unter uns, die in seinem Namen versammelt sind. Er gab euch die Worte ein, die euer Kriegsruf sein soll. Überall werden sie seine Gegenwart verkünden. Tragt das Kreuz auf den Schultern, auf eurer Brust, auf den Fahnen! Unsere Pflicht ist, für ihn zu sterben, so wie er für uns sein Leben hingegeben hat.«

Kardinal Gregorio dei Guidoni trat vor und rief beschwörend: »Ich nehme euch die Generalbeichte ab, ihr Krieger des Herrn!«

»Gott will es! Gott will es!«, schrien jetzt Dutzende, dann Hunderte, Tausende. Ohrenbetäubendes Geschrei hallte von der Stadtmauer wider. Rutgar presste die Hände auf die Ohren, die im Wind eiskalt geworden waren. Viele Männer fielen auf die Knie, schlugen die Fäuste an die Brust und redeten wild durcheinander. Aus den Wolken zuckte ein schmaler Sonnenstrahl herunter; der gezackte Riss in der bleigrauen Fläche erweiterte sich, und zugleich mit einem Regenguss fluteten breite Lichtbalken auf die Dächer der Stadt. In die Gesichter der Menge trat der Ausdruck gläubigen Staunens oder beginnender Besessenheit.

Der Bischof von Le Puy trat zu Gregorio und Urban.

»Ich, Adhemar von Monteil, will auf dem Weg Gottes schreiten. Aus der Hand des Papstes erbitte ich das Kreuz. Segne mich, Fels der Christenheit!«, rief er demütig.

Viele erinnerten sich daran, was auch Rutgar wusste: dass der Bischof, zu Pferde und in Waffen als Krieger der Kirche ungeschlagen, vor neun Jahren ins Heilige Land gereist war. Adhemar fiel vor Urban auf das rechte Knie, und Urban reichte ihm zwei Stoffstreifen, die ein junger Priester aus dem Gewand eines neben ihm Stehenden gerissen hatte.

»Dir, Bruder im Glauben«, rief Urban II., »erteile ich den Segen des Herrn und ernenne dich zum Anführer aller Gläubigen, zum Befehlshaber dieser Reise und aller Mühen.«

Adhemar stand auf, und während er demütig den Segen empfing, befestigte er die roten Stoffstreifen in Kreuzesform auf seiner Brust. In diesem Augenblick, erkannte Rutgar, hatte Urban II., also die Kirche, die Führung des Kreuzzugs übernommen. Kardinal Gregorio sank am Rand des Podiums in die Knie und stimmte das Confiteor an. Zuerst hörte Rutgar nur einzelne, unsichere Stimmen, dann ertönte, lauter und mächtiger aus Hunderten Stimmen, das Gebet. Er stimmte murmelnd mit ein. Überall erschienen Kreuze aus roten Bändern.

Als im strahlenden Sonnenschein, der die nassen Dächer der Stadt mit unirdischem Glanz übergoss, das Bekenntnis geendet hatte, stand Urban vom Thronsitz auf und erteilte langsam und lautstark die Absolution: »Ego vos absolvo …«

Er schloss mit den Worten:

»Geht nun auseinander, ihr Milites Christi, ihr Soldaten Christi und Streiter im Herrn, und redet mit allen darüber, was heute geschah. Die Bischöfe und ich werden beraten und das Konzil beenden. Wenn ihr aber eure Gelübde ablegt, so sollt ihr wissen, dass die Abreise zur bewaffneten Wallfahrt auf nächstes Jahr, auf den Tag der Himmelfahrt unserer seligen Jungfrau, festgesetzt wurde.«

In einer langen Prozession nahmen die Würdenträger den Weg zum Tor und in die Stadt. Noch länger brauchte die Menge, um sich zu zerstreuen.

Die Stadt war überfüllt, das Gedränge schwitzender Menschen in nassen Kleidern in den Gassen unentwirrbar. Ob durch Gottes Fügung oder blanken Zufall: Auf der Suche nach einem kräftigen Imbiss außerhalb der Abteimauern traf Jean-Rutgar einen der anderen Begleiter des päpstlichen Trosses, Robard, der sich »Vicomte« nannte. Er packte Rutgar am Handgelenk, zog ihn in eine überfüllte, rauchige Schänke und sagte:

»Seine Heiligkeit und seine trinkfesten Bischöfe weilen noch eine Handvoll Tage hier in Clermont. Wein her!«

»Bei Adhemar wird er’s gut haben«, antwortete Rutgar und packte den Becher, ehe ihn der betrunkene Nachbar zur Linken erreichte. »Was willst du mir damit sagen, Vicomte Robard?«

»Er braucht uns. Mich und dich. Große Dinge werden sich tun, Gevatter.« Er hob den schartigen Holzbecher. »Wir sollen ihn begleiten, nach Limoges, nach Poitiers, Tours und bis zum Brachmond oder Heumond zurück nach Nîmes. Graf Raimund von Toulouse wird ihn empfangen und begleiten. Gehst du mit uns?«

»Zahlt der Papst so gut wie bisher?«

»Er vertraut uns. Wir kommen durch halb Frankreich und hören tausend Predigten. Jede wird sich anhören wie die Rede, die er heute geführt hat. Kommst du mit? Dank des Pontifex ist Gott mit uns allen.«

Sie tranken und starrten einander über die Ränder der Becher in die Augen.

»Ja«, antwortete Rutgar. »Ich hab nichts Besseres und nichts Schlechteres zu tun. Glaubst du, dass Urbans Aufruf Erfolg haben wird?«

»Hab mich umgehört«, meinte Robard. »Es wird sein wie Hochwasser, wie eine Sturzflut, und vielleicht wird das Vorhaben den Händen der Bischöfe und der Fürsten entgleiten. Ja, sie alle werden die roten Kreuze tragen.«

Jean-Rutgar nippte am säuerlichen Wein und hörte, wie sein Magen knurrte. »Ich bin auf der Suche nach einem Jugendfreund, Thybold von Les-Baux. Hast du seinen Namen gehört? Ist er in Clermont?«

Der Vicomte schüttelte den Kopf und entfernte einen Strohhalm aus dem Wein. »Nein. Nicht dass ich wüsste. Komm, gehen wir zu den Mönchen. Dort bekommen wir Essen und können ruhig schlafen. Dort hören wir auch alle Neuigkeiten und Nachrichten.«

Rutgar nickte, leerte den Becher und schob sich hinter dem breiten Rücken des Vicomte durch die Menge. Auf dem Weg durch überfüllte Gassen dachte er an die Worte seines Gefährten. Papst Urban hatte, nachdem der deutsche Kaiser und der französische König gebannt worden waren, im Clermonter Konzil zu fast jeder lastenden Frage eine Antwort erzwungen, die der Heiligen Kirche ebenso wie dem Volk diente: Die Moral der Fürsten und Bischöfe musste sich ändern und bessern. Das Recht auf Asyl und das Verbot aller Kämpfe zwischen Sonntag bis Mittwoch, ein Verbot aller bewaffneten Streitereien, an denen sich Händler, Frauen, Arbeiter, Mönche und Priester beteiligten, und ein Verbot von Kämpfen an kirchlichen Feiertagen würden das Leben aller Menschen erleichtern und auch die Straßen sicherer machen. Wenn sich Adel und Volk an diese Gebote hielten.

Vielleicht war der heutige Tag ja der entscheidende Anstoß dazu, die Welt ein wenig besser und gerechter zu machen. Die Nachricht von den Stunden vor Clermonts Stadtmauer würde sich verbreiten, schneller als der Wind; so schnell wie die Schleier der lautlosen nächtlichen Lichterscheinungen, die seit Anfang des Jahres von Norden her in den Ländern zwischen den Meeren die Menschen Britanniens, Spaniens, Frankreichs und Italiens, selbst jene in Ungarn mit tiefer Furcht erfüllt hatten.

An jenem Abend lauschte Rutgar jedem Wort der Mönche und Knechte des Klosters und war, bevor er einschlief, ein wenig hoffnungsvoller als zuvor.

Kapitel II

A.D. 1096, 30. TAG DES WINDMONDS (NOVEMBER),
TAG DES HL. APOSTELS ANDREAS
ABTEI CLUNY, BURGUND, KLOSTERKIRCHE

»Der Geist kam über mich an des Herrn Tag, und ich hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune.«
(Offb 1,10)

Der Mönchsgesang schien die mächtigen Säulen der alten Kirche, die Erzabt Hugo von Semur zu einer der größten Kathedralen der Christenheit umbauen ließ, erbeben zu lassen und das neu errichtete Dachgestühl zu erschüttern. Weißgraue Weihrauchschwaden wolkten auf und verschwanden im Dunkel unter den Spitztonnendecken der Langhäuser, die aus sechzig Ellen Höhe den melodischen Schall zerteilten und zurückwarfen. Tausend Kerzenflammen ließen die künftigen Ausmaße dieses unfertigen Gotteshauses erahnen, das nach seiner Fertigstellung die größte Kirche der Christenheit sein würde. Einen unbedeutenden Teil des Vorhabens kannte Jean-Rutgar, denn Weißbart Rasso hatte es ihm erklärt: Die beiden Querschiffe und die Mauern der wuchernden Chöre mit ihren Fenstern und Altären erweiterten wie Lichtinseln im Halbkreis den Ostchor.

Alleen aus Linden und Steineichen flankierten die gewaltigen Umfassungsmauern, jenseits derer sich mit Weinbergen, Höhlen, Kirchen, Schlössern, Straßen, Brücken, Bauernhöfen und ausgedehntem, fruchtbarem Land die Clunisois erstreckte. Cluny und aller Besitz des Klosters, samt der »Wüsten« der Stiftungsurkunde, unterstanden allein dem Papst.

Aus Hunderten Mönchskehlen mochte der feierliche Choral den Glanz des Gottesdienstes über ganz Burgund laut ausstrahlen. An diesem frühen Abend schienen Kirche und Kloster der Abtei östlich der Loire das geistige Zentrum zu sein, der benediktinische Mittelpunkt, der kirchliche Macht, Bedeutung und Prunk verkörperte, würdiger Nabel der gesamten römischen Christenheit. Höfisches Gepränge breitete sich zwischen den Mauern des Gotteshauses aus, kostbare Gewänder weltlicher und geistlicher Würdenträger blitzten und funkelten. Aber von der Erregung, deren Wellen wie jene Aufrufe und Glockenklänge aus Clermont über das Land gerast waren, schien der versammelte Adel wenig zu spüren: Anderes schien heute wichtiger.

Schweigend und gebannt gedachte Erzabt Hugo von Semur, Herr über das riesige, wachsende Kloster und seit sieben Jahren Bauherr des neuen Klosterdoms, seiner Vision Clunys. Er schloss die Augen und sog den sinnbetörenden Duft des Weihrauchs tief in seine Lungen; er dachte an das Geschenk König Alfons VI., jene zehntausend Talente schieren Goldes aus der Araberbeute nach der Eroberung Toledos. Jede Unze würde mithelfen, die Abtei Cluny größer, schöner und mächtiger zu gestalten. Sein Werk, von Abt Odilo zu treuen Händen übernommen, war bereits heute das größte Kloster der Christenheit, so wie der heilige Benedikt es vorausgesehen und geplant hatte.

Und das Bedeutendste. Omnia ad maiorem Dei gloriam! Nicht einmal zwei Mondwechsel war es her, dass Urban II., Pontifex Maximus aller jener, die des wahren Glaubens waren, den Hochaltar und vier andere Altäre der neuen Basilika eingeweiht hatte: Urban, einst einfacher Mönch, später Prior dieser Abtei, jetzt als Papst der oberste Reformator des Benediktinerordens. Der Gesang vom Chor her verstummte für wenige Atemzüge.

Abt Hugo wandte den hageren Kopf. Kardinal Remy d’Aretin, jenseits der sechzig und schneehaarig, hielt seinen Blick auf die Fresken im Chor geheftet; von der monumentalen Malerei waren erst Teile fertiggestellt. Die schwarzen Umrisslinien auf der Grundierung und der fertig gemalte Kopf Christi »in der Glorie« traten, zum Teil goldfunkelnd im Kerzenlicht, prunkvoll und Ehrfurcht gebietend hervor.

Der Abt ließ die Lehnen seines Stuhls los und blickte, ohne zu lesen, in seinen Psalter. Seine Vorschau rechnete nicht mit Jahren, sondern mit Menschenaltern; nicht mit dem Jahrzehnt, das ihm, so Gott wollte, noch blieb. Sein Vorgänger, Abt Odilo Venerabilis, hatte ebenso empfunden und gehandelt. Papst Urban II., gegenwärtig beim Konzil zu Tours, war von den gleichen Visionen beseelt.

Hugo richtete seine Blicke zur ersten Reihe der Gläubigen und zur Begleiterin eines der Grafen. Das Kerzenlicht schmeichelte ihrer hochbrüstigen Schönheit. Abt Hugo dachte an die sündige Magdalena, unterdrückte diesseitiges Begehren und betrachtete das Kind, ein unschuldiges zweijähriges Mädchen, straff gebunden, in ihrem schlanken Arm.

Das schlafende Kind schien d’Aretin wie aus dem Gesicht geschnitten. Integer vitae scelerisque purus …, dachte der greise Abt. Wer von Lastern frei und von Frevel rein lebt, der bedarf nicht maurischer Speer und Bogen. Was den Kindern in die Wiege gelegt wurde, war für die Alten nur schwer zu erreichen.

Jedes gemurmelte Wort ging im Gesang unter, der die Mauern zu erschüttern schien und alle Herzen zittern ließ. Im Kirchenschiff, zwischen dem Lettner, der Gläubige und Altarraum voneinander trennte, und dem geschlossenen Kirchenportal, brannten deutlich weniger geheiligte Kerzendochte. Die Menge der Gläubigen verschmolz zu zwei großen Blöcken, die sich flüsternd, betend, murmelnd und unruhig bewegten, und aus denen mitunter einzelne Gesichter oder Teile von Rüstungen hervorblitzten. Von den Körpern, aus feuchter Kleidung und nassem Schuhwerk dampfte und stank es ins Dachgewölbe hinan und mischte sich mit süßlichem Weihrauchduft.

Der »Eremit« Robert d’Arbrissel, dessen glühendes Begehren es war, Begründer des Ordens von Fontrevault zu werden, hatte seinen Psalter aufgeschlagen und schien, unbeeindruckt von der festlich aufgeregten Stimmung der Versammelten, angestrengt zu lesen.

Für eine große Anzahl der Adligen und der klerikalen Würdenträger waren die flammenden Aufrufe nach dem Konzil noch kein Grund, mit der bisherigen Bequemlichkeit zu brechen, den Besitz zu verpfänden und unnatürliche Eile an den Tag zu legen. Jerusalem, Ziel bewaffneter Pilgerzüge, lag fern hinter dem Horizont der burgundischen Ebenen, und eine beschwerliche Wallfahrt ins Land der Ungläubigen wollte und konnte sich heute kaum ein einziger Teilnehmer dieser Vesper vorstellen.

Man hielt es nicht mit dem heiligen Eifer von Hugos leiblichem Bruder, Raimund de Saint-Gilles, des Grafen von Toulouse, den es an die Spitze eines waffenklirrenden Pilgerheeres im Zeichen des Kreuzes drängte. Papst Urban feierte das Fest wahrscheinlich in Limoges oder Poitiers, also erübrigte sich vorauseilender Gehorsam. Dennoch stand Bruder Raimunds Absicht fest.

Viel aufregender waren die Vermutungen, das Tuscheln und der Verdacht, die mit dem Anlass des Gottesdienstes zusammenhingen. Nicht einmal ein Jahrzehnt war es her, dass in Italien die Ernten verdorben und die Hungersnot so unbarmherzig groß gewesen waren; man hatte berichtet, dass die Verhungernden einander aufgefressen hätten. Im letzten Jahr war auch in Burgund die Ernte am Halm verdorrt, denn aus dem unbarmherzigen Himmel war vom Weidemond bis zum Weinmond kein einziger Tropfen Regen gefallen. Das Elend war vorausgesehen worden, denn an zehn Tagen im Herbst des Jahres 1094 waren unzählige feurige Erscheinungen, wie stürzende Flammensterne, am Nachthimmel zu sehen gewesen; machte sich die Hölle zum Armageddon bereit?

Aber Gott hatte alle Ernten dieses Jahren trefflich gedeihen lassen; auch der Wein versprach schwer und gut zu werden. Also kein Grund zur Besorgnis. Selbst Hugo von Vermandois, Bruder des französischen Königs Philipp, über den das Konzil zu Clermont wegen Ehebruchs den Bann geschleudert hatte, saß mit sich zufrieden in einer der ersten Reihen des Gestühls.

Der letzte Nachhall des mönchischen Chores verklang zwischen den Säulen und im Querschiff. Die Mauern schluckten die Geräusche. Von draußen vernahm man das Geläut der Glocken der Abtei. Der Erzabt hörte, wie das Tuscheln lauter wurde, zischelnder, als erwarte man etwas Besonderes; bisweilen wagte jemand ein spöttisches Gelächter, das blitzschnell unterdrückt wurde. Starr und würdevoll, wie Figuren auf einem Schachbrett, bewegten sich die Gäste.

Für lange Augenblicke schwieg das Getuschel. Wieder neigte Erzabt Hugo das Haupt, und die Chöre der Mönche begannen zu singen, machtvoll, wie die Fundamente und Säulenstümpfe der neuen Kirche. Geistige Macht und Stolz, diese Waffen des Herrn, kennzeichneten die Abtei Cluny. Hunderte Abteien und Priorate folgten ihren Anweisungen. Der Boden, auf dem die Abtei dem Himmel entgegenstrebte, gehörte weder dem französischen Königtum noch dem Kaiserreich. Und daher würde Cluny und ebenso ihm, Abt Hugo, auch die geistliche Führung über jene Heere anheimfallen, die gen Osten zogen, nach Konstantinopel, dem östlichen Rom.

Abt Hugo seufzte lautlos. Er sehnte sich nach seinem weichen Lehnstuhl, einem Krug Wein aus der Bourgoigne oder der Provençe, nach dem Gespräch mit seinem Cellerar oder der Lektüre eines guten Buches in genussvollem Schweigen, nach Kissen und Kaminglut für seine kalten Füße und Zehen. Aber die eilige Zeit verstrich; er vermochte sie nicht anzuhalten.

Robert d’Abrissel, heute im schmucklosen Ornat des wandernden Predigers, zerteilte die Weihrauchschwaden auf seinem Weg zu den Stufen, die zur Kanzel hinaufführten. Lange hatte er über den Inhalt seiner Predigt nachgesonnen; er wusste, dass der Herr auch ihn abermals mit Engelszungen würde reden lassen, sobald er die Gläubigen mit seinen ersten Sätzen in den Bann seiner Rede geschlagen hatte.

Langsam nahm er Stufe um Stufe. Dicke Sohlen des neuen Schuhwerks hielten die Kälte des Steins von seinen Zehen fern. Er erreichte die Kanzel, legte das Brevier auf die Brüstung und fühlte die Blicke aller, als ob ihn Tausende und Abertausende abwartend anstarren würden, wie jene brünstig tobenden Versammelten, die vor den Mauern von Clermont ihre Mäntel und Wamse zu Streifen zerrissen und daraus Kreuze auf ihre Schultern geheftet hatten.

»Ihr Gläubigen! Hier und heute, zur Messe des heiligen Apostels Andreas, zu Cluny im Burgund, wird uns die wahre, heilige Aufgabe des Christentums abermals aufgezeigt.«

Seine Stimme war klar und unbeirrt, ohne auch nur den Hauch eines Zweifels darüber, dass er, der sich nun selbst so erhöht hatte, umso tiefer fallen mochte.

»Der heilige Andreas, der Bruder des heiligen Apostels Petrus, hat zu Patras den Märtyrertod erlitten. Sein Leib ist zu Konstantinopel begraben, dort, wohin unsere Heere ziehen werden. Sie folgen, wie der Apostel, dem Rufe Gottes. Das Evangelium des Matthias sagt uns: ›Als unser Herr Jesus Christus am Galiläischen Meer hinwandelte, sah er zwei Brüder. Simon, der Petrus genannt wird, und seinen Bruder Andreas, die mit dem Netz fischten …‹«

Er las das Evangelium vor und fügte eigene Worte hinzu; er schloss, die Hand mit dem Buch hoch erhoben: »Den Andreas liebte unser Herr Jesus Christus gleich süßem Wohlgeruch. Alleluja. ›Folget mir nach. Ich will euch zu Menschenfischern machen‹, sagte er zu den Brüdern. Und so sage ich euch: Folget meinem Wort zum Grab Jesu Christi, nach Jerusalem, verjagt die Ungläubigen, deren Untaten heute auf seinem Grab lasten wie ein Fluch, der schwerer wiegt als alle Gebirge zusammen.«

Er machte eine Pause, holte tief Luft, und glutvoller Redneratem durchfuhr ihn. Pfingstliche Feuerzungen des Heiligen Geistes schienen ihn zu umlodern, als er weitersprach. Seine volltönende Stimme füllte die Kirche bis in die letzten Ecken der Langschiffe.

»Euch, Ihr Herren, ist die Irrlehre der Ungläubigen bekannt! In der Provençe und in ganz Okzitanien weiß wohl jeder, was im Buch der Heiden steht, das sie den ›Koran‹ nennen. Fast jeder von Euch, Ihr wackeren Herren und Kriegsknechte, hat auf dem Boden Spaniens im Zeichen der Reconquista gegen die Mauren gekämpft. Es soll Männer von Macht und Ehre geben, die sich vom Glanz und der Tapferkeit der muslimischen Sarazenen haben einlullen lassen, aber dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie dem heidnischen Götzen Mahomet dienen und einer langen Tradition der Gräuel und der Niedertracht folgen.«

Ihm schien, als würden manche weltliche Herren seine Worte abschütteln wie Regentropfen. Keiner war beeindruckt, niemand empörte sich, keiner sog aus den Predigerworten Hass auf die Muslime. Sie alle ergötzten sich auf kindliche Weise an der Feierlichkeit der Messe, am Prunk und Glanz, den die Kirche und die darin versammelten Geistlichen und Würdenträger verströmten, und am Ruch der Heiligkeit, der mit den Weihrauchwolken gen Himmel stieg.

»Zum glorreichen Ende des Konzils von Clermont«, hub d’Arbrissel mit hallender Stimme an, um undeutlichen, fernen Lärm von außerhalb des Gotteshauses zu übertönen, »da zerschnitten die Ritter ihre roten Mäntel und machten Kreuze aus den Streifen. Ritter des Kreuzes Jesu! Kreuzritter! Ja, zu Kreuzrittern wurden sie und schwuren, das Heilige Grab aus dem Elend der muslimischen Herrschaft zu befreien! Und ich sage Euch: Auf jeden Ritter, jeden Knappen, jeden Fürsten kommen hundert oder zweihundert einfache Menschen, die dem Ruf Seiner Heiligkeit des Papstes folgen!

Die einen reiten im Prunk einher und dennoch nicht zufrieden mit dem, was die Welt ihnen bieten kann, und von brennendem Glauben erfüllt. Und die anderen, die vielen, die wenig oder nichts zu verlieren und alles zu gewinnen haben, gehen barfuß, in Sandalen oder mit lumpenumwickelten Füßen. Das Kreuz, das sie tragen, löscht den Unterschied aus zwischen Herrn und Knecht, zwischen Graf, Tagelöhner, Hufschmied und Bauer. Nehmt Euch ein Beispiel an ihnen, und …«

Lauter Tumult, wildes Geschrei und das Hämmern am Kirchenportal unterbrachen ihn. Knarrend öffneten sich die Torflügel und krachten gegen die steinernen Halterungen. D’Abrissels Augen weiteten sich, als er den Haufen erkannte, der in die Kirche drängte. Einige Eindringlinge packten Kerzen und Leuchter und hielten sie in die Höhe.

Die Blicke aller Teilnehmer am Gottesdienst wandten sich vom Prediger ab und den Eindringlingen zu, aus deren Kleidung Regenwasser troff. An ihrer Spitze, ein großes Kreuz aus hellem Holz und einen dreiarmigen Leuchter in die Höhe reckend, barfuß und mit verwildertem langem Bart, kam ein barfüßiger Mönch durch den Mittelgang. Ihm folgte, stoßend und hinkend, humpelnd und schwankend, ein gewaltiger Haufe von Bettlern, Marktweibern, schäbigen Bauern und Handwerkern, einäugigen Galgenvögeln und schwärenbedeckten Verstümmelten; ein Lumpenpack und grelles Hurengesindel, dicke Mägde, hagere Pilz- und Zapfensammlerinnen, schmutzige Kinder und Halbwüchsige, Kranke und Arme, verwahrloste Beutelschneider oder bunt gekleidete Spielleute.

Kaum einer trug saubere Kleidung; ein Regenguss, der vor kurzem auf Dächer, Felder und entblätterte Bäume herabgeprasselt war, hatte die abgerissene Schar bis auf die Haut durchnässt. Feuchte Kälte drang in die Kirche ein, zugleich breitete sich ein pestilenzartiger Gestank aus, der sich mit erkalteten Weihrauchnebeln mischte und von Windstößen verwirbelt und in einem mächtigen Schwall aus dem sperrangelweit offenen Portal hinausgesogen wurde.

»Peter d’Amiens!«, ächzte Robert d’Abrissel. »Peter der Eremit! Gott schütze uns!«

Der bärtige Mönch kam näher, stellte den Leuchter auf eine Kirchenbank und hob das Kreuz. Die Würdenträger und die Gläubigen starrten ihn an wie einen Sendboten der Hölle. Er war hässlich und verwahrlost, seine Augen lagen in schwarzen Höhlen, seine Kutte und die Gurgel starrten vor Schmutz und waren von Wein getränkt, der auf seine nackten Schienbeine und Füße tropfte.

Tumult kam auf. Der Erzabt erhob sich, breitete die Arme aus und rief: »Still, im Namen des Herrn! Was wollt ihr?«

Die Menge, die Peter von Amiens folgte, ließ zwischen ihm und der ersten Reihe der jämmerlichen Gestalten ein Dutzend Schritte freien Raum; sie hielt ängstlichen Abstand zu ihrem Anführer, der vor innerer Spannung zu zittern schien. Er hob das Kreuz, starrte den Altar und die statuenhaften Priester an und schrie:

»Deus lo vult! Gott will es!«

Er drehte sich zu seiner Gefolgschaft und zu der Menge im Kirchenschiff um. Der Wind zerrte an allen Kerzenflammen und ließ sie flackern. Keuchend und stöhnend warf sich Peters skrupulöse Gefolgschaft zu Boden; die Eindringlinge breiteten die Arme aus und antworteten im schauerlichen Chorus:

»Deus lo vult … Deus lo vult … Deus lo vult!«

Eine Litanei ohne Ende begann. Einige aus der großen Kirchengemeinde folgten dem Beispiel. Peter hielt der Festversammlung das hoch erhobene Kreuz entgegen, schlurfte auf den Hauptaltar zu, das Holzkreuz wie eine Lanze mit sich führend, bohrte seine brennenden Blicke in jedes Augenpaar und zwang selbst d’Arbrissel auf der Kanzel in seinen Bann.

Ritter, Würdenträger, einige Priester, die zweihundert Sänger der Mönchschöre, einer nach dem anderen beugten sie, zögernd und unsicher, aber überwältigt von der Gewalt des Augenblicks und von den verstörenden Rufen der vielleicht fünfhundert dahingestreckten Elendsgestalten das Knie. Von Wanderpredigern hatte jeder Anwesende gehört – jetzt erlebten sie die Stimme Gottes aus dem schiefen Mund eines Unbekannten. Seine Hässlichkeit und erkennbare Bedürfnislosigkeit beschämte und demütigte sie, ohne dass sie es sich bewusst waren.

Zuletzt sanken auch die Priester, die Mönche und der Erzabt auf die Knie. Hugo hob den Arm und gab Robert d’Arbrissel einen Wink.

»Lasst ihn auf die Kanzel, Robert!«, rief er.

Peter von Amiens schüttelte den Kopf. Er senkte das Kreuz, das auf seltsame Weise eine strahlendere Farbe anzunehmen schien, und umrundete den Chor, scheinbar leichtfüßig über die hingestreckten Körper springend. Aus seinem Mund kamen unverständliche, grummelnde Sprüche oder Gebete. Vor dem Altar verneigte er sich tief, drehte sich um und ging entschlossen in die Richtung des Portals. Jenseits der Öffnung, weit am grauen Horizont, wetterleuchtete es; Regenschauer stoben in die Kirche hinein. Zwischen all den Stöhnenden und Zuckenden erreichte Peter das Kirchenportal, blieb ungerührt im Regen stehen und rief:

»Gott will, dass ihr mir folgt! Alle! Bis zu den Toren der Heiligen Stadt! Deus lo vult!«

Er wandte sich ab und schritt bis zu den Stufen des Portals. Irgendwo schrie jämmerlich ein Esel. Eine Gestalt nach der anderen kam auf die Beine und folgte ihm, als er im fauchenden Frühlingswind und in schrägen Schauern schwarzer Wassertropfen Stufe um Stufe abwärtsstieg. Alle, die mit ihm gekommen waren und so manch einer, der bisher in den Bänken gekniet hatte, folgten ihm. Schweigend, kreidebleich und mit weichen Knien tappte Robert d’Arbrissel, dessen Herz wie eine Trommel schlug, die Stufen der Kanzel hinunter.

Der Jubel über die gute Ernte war bedeutungslos geworden. In zuckendes Licht von tausend unterarmlangen Wachskerzen getaucht, standen einige Hundert Mönche, Priester, Ritter und Würdenträger starr da und schwiegen. Das Summen des Windes fing sich stöhnend zwischen den Säulen und unter dem Dachgewölbe, und mit jedem Windstoß, der den Gestank eines wahr gewordenen Albtraums aus der Abteikirche sog, schloss sich ein Einzelner oder eine Gruppe dem Zug des Peter von Amiens an; einer von vielen, die noch vor einer Stunde jeden Gedanken an ein solches Tun weit von sich gewiesen hätten.

Abt Hugo sagte leise, als habe er einen inneren Kampf verloren: »Wir haben nicht bedacht, dass das einfache Volk nicht anders fühlt als wir und die Fürsten. Es wird wie ein großer, gar seltsamer Aderlass sein.«

D’Arbrissel nickte schwer. »Aderlässe helfen der Genesung. Der Herr will offenbar, dass sich Pferdeknechte und Novizen, Witwen und Kräuterkundige, Knappen und Eierdiebe jenem Mönch anschließen. Dass ihm arme Fürstensöhne bedingungslos folgen, dass gewissenlose Ritter ihre Stunde gekommen sehen und durch die Pilgerfahrt dem Fegefeuer und der Hölle zu entkommen versuchen.«

Oder der Willkür ihrer Lehnsherren und den nicht minder erbarmungslosen weltlichen Strafen für ihre Sünden, dachte Abt Hugo und wusste, dass aus vielen kleinen Tropfen ein reißender Fluss entstand; ein Menschenfluss, eine Sintflut armer Sünder, eine waffenlose Armee der Armen, die auch Gottes Wort nicht aufhalten konnte.

Hugo blickte hilfesuchend in das Gesicht des Herrn hoch an der Chorwand. Je größer das Elend der Zeit, dachte er, desto mehr Glanz braucht es, um es auszuhalten. Remy d’Aretin nickte schwer.

»Sie ahnen nicht, jene armen Kinder Gottes, dass sie verführt sind«, sagte er mit gebrochener Stimme. »Aber sie sind glücklich in ihrer Verführtheit. Der Herr schütze sie.«

»In Ewigkeit, Amen.«

Jean-Rutgar schloss die Augen, lehnte sich gegen einen Gerüstbalken und versuchte zu verstehen, was er erlebt hatte. Ohne Zweifel: Die Armen und Elenden hatten die Vermögenden, die Fürsten und geistlichen Herren zum Aufbruch ins Heilige Land gedrängt. Die ausweglose Tiefe des Erlebnisses erschütterte Jean-Rutgar ebenso wie die erste Liebesnacht mit Ragenarda. Aus jeder Geste, aus jedem Wort der Armen sprach die verzweifelte Sehnsucht nach Leben ohne Furcht und Erlösung von allen Übeln, die Hoffnung, Gnade vor dem Gottesgericht zu finden und Sicherheit, weder vom Fegefeuer noch der Höllenglut gestraft zu werden. Verspürte auch er diese Sehnsucht? Galt für ihn dasselbe Ziel?

Er zog den Kopf zwischen die Schultern; er wusste es nicht. Als das Kirchenportal in seinem Rücken dröhnend zufiel, zuckte er zusammen und schlug die Augen auf. Die Menge war wie ein wilder Fluss über die Kirchenschwelle geschäumt, der alle und jeden mit sich riss. Auch ihn? Das gleichnishafte Bild erschreckte ihn: treibende Bäume, ertrunkene Menschen und Tiere, zerfetzte Hausdächer und stinkender Abfall in der reißenden Strömung, Schlamm, zertrümmerte Boote und losgerissene Wassermühlen, Sand, Geröll und tausend Dinge, die nichts aufzuhalten vermochte. Bettler und Fürsten verschlang der entfesselte Strom. Auch ihn? Oder sollte er dieses Wasser meiden? Er entschloss sich, abzuwarten, bis sich seine wirren Gedanken geklärt hatten und die Wasser gefallen waren. Im Halbdunkel des riesigen Kirchenraums fühlte er sich einsam und verloren, auch nachdem die Vesper geendet hatte.

Ein dichter Ring aus Hütten, Verschlägen, Scheunen und Ställen umgab, an einigen Stellen zwei- und dreifach hintereinander, den wachsenden Bau der Kirchenmauern und der Türme. Hunderte Feuer brannten und rauchten in der Arbeitersiedlung, die einem Dorf glich, das der nächste Sturm ohne Spuren fortblasen konnte. Tausend Steine wurden bemeißelt, ebenso viele Meißel wurden geschliffen; ein einziges Hämmern, Rattern, Knarzen und ein Kanon kaum deutbarer Geräusche umgab den Wall wuchernder Gerüste. Gespanne mit klirrenden Felgen brachten Steine und Balken, Pferde wieherten. Aus der zusammengedrängten Steinmasse aus Mauern, Türmen, Wänden und spitzkegeligen Dächern, dem Chorumgang und den Flanken des mächtigen Viereckturms stiegen der dumpfe Schall des Mönchsgesanges und der stundenlangen Chorgebete.

Es roch nach Schweiß, brodelnder Suppe und frischem Brot, nach den Abtrittgruben und dem frisch ausgeschaufelten Boden, aus dem sich die wuchtigen Fundamente der Querhäuser und der geplanten Seitentürme hervorschoben. Jean-Rutgar blinzelte in der fahlen Sonne des Christmonds und führte das Gespann, das drei Quader aus dem Steinbruch trug, zum Hebebaum der Nordwand. Träger zerrten die grob behauenen Steine zu den Trossen und schwenkten die Hebebäume herum. Schritte knirschten auf der Schicht aus kleinen Steinsplittern und den Resten der Meißelabschläge. Die Zugtiere versenkten die Mäuler in die Futtersäcke. Zwischen einer Steinmetzhütte und einem windschiefen Haus mit Lehmwänden, das die Helfer bewohnten, kam Laienbruder Rasso auf Rutgar zu und klapperte mit Holzbechern.

»Ein Schluck aus dem Keller meiner geistlichen Brüder!«, rief er und hob den Krug. »Ein gottgefälliger Trunk, Rutgar!«

Rutgar sprang auf den Brettersteg, der über den schlammigen Boden führte. Das Holz war vom letzten Regen nass und glitschig.

»Danke, Rasso«, sagte er nach dem ersten Schluck. »Hast du mit den Brüdern aus der Kanzlei geredet? Wie steht es mit dem Pergament?«

»Sie schenken dir ein paar Fetzen.« Rasso wischte Weintropfen aus dem struppigen Bart. »Vielleicht glauben sie, dass du den neuen Weg des Glaubens unseres Ordens unterstützt, wenn du mir schreibst.«

»Ich will nur lernen, wie man vieles mit möglichst wenigen Worten schreibt.«

Seit Jean-Rutgar für den Besitzer des Gespanns arbeitete, wusste er, dass der Laienbruder sich noch nicht an das Gebot des Ordens zu halten brauchte, wenig oder nichts zu reden und sich, wie die Priestermönche Clunys, der Verständigung durch das System von Finger- und anderen Zeichen zu bedienen. Aber er hatte gelernt, wie Wörter abzukürzen waren und dennoch ihren Sinn behielten. Pergament war teuer; das reiche Cluny konnte Hunderte Häute kaufen. Ein einfacher Pferdelenker oder Ochsentreiber war auf die Reste angewiesen, die vom Tisch der Herren fielen. Rutgar leerte den Becher und ließ sich nachschenken. Er wich einem Quader aus, der durch die Luft taumelte und sich vor dem Dach der Steinmetzhütte ins Geröll senkte.

»Je besser ich schreiben kann«, sagte er, »desto mehr erfährst du aus der Welt, in die du dich nicht hinaustraust, mein Freund.«

»Ein alter Mann wie ich hofft nur noch, seine letzten Tage in der Gnade Gottes und in einer trockenen Mönchszelle zu verbringen«, antwortete Rasso mit überzeugendem Ernst. »Zum Träumen von der großen Welt werde ich deine Briefe lesen. Und Odo, der dir Pergamente schenkt, liest sie auch.« Er lächelte und blickte zu den Mauern hinter den Gerüsten hinüber. »Vielleicht, wenn ich so jung und stark wäre wie du …« Er schenkte Rutgar ein ehrliches, zahnloses Lächeln und schloss: »Der Orden des heiligen Benedikt ist groß und wächst mit jedem Jahr. Er ist reich genug und kann auch den alten Rasso kleiden und nähren.«

»So ist es.« Rutgar sah sich um. Der Wagen war entladen, die Futtersäcke leer. Die schweren Zugpferde hoben die Köpfe. »Danke für den Wein. Abends komm ich zu dir, Rasso.«

»Ich freu mich immer und hör dich gern reden.«

Rutgar nickte Rasso lächelnd zu, griff zwischen den Köpfen der Pferde nach den Zügeln und führte das Gespann auf dem lehmigen Weg zu der Stelle, wo die Wagen umkehren und zum Steinbruch zurückfahren konnten, um neue Bausteine für die größte Kirche der Menschheit heranzuschaffen.

Und auch ohne dass Jean-Rutgar die Kunst gut beherrschte, mit wenig Tinte und Schreibtusche viel Gesehenes und Geschehenes zu berichten, erfuhr man zu Cluny von Peter dem Eremiten und der wachsenden Schar derer, die sich ihm anschlossen.

Von der kolossal hingelagerten, regengetränkten Steinmasse Clunys bewegte sich der Heerwurm Gottes über Brücken und durch Bäche unaufhaltsam nach Norden, zur Grafschaft Berry, durch das Orléonnais und die Champagne nach Lothringen und durch die Städte an der Meuse und über Aachen auf Köln zu. Wo immer Peters Armenschar durchzog, bettelnd und betend, hungernd und in blindem Gottesgehorsam, verließen Kinder, Jungfrauen, Frauen und Männer ihre Wohnstätten und folgten ihm.

Zwei Kerzenflammen genügten, um Madolens rotes Haar in leuchtendes Kupfer zu verwandeln. Dünner Schweiß glänzte auf ihrer Haut, als sie sich tief über Jean-Rutgar beugte. Er streichelte ihre Brüste, die schwer ihren Bewegungen folgten. Madolen hatte die Augen geschlossen und ihn tief in sich aufgenommen. Sie atmete schwer; zwischen ihren leisen Worten entstanden lange Pausen.

»Du bist das Beste in diesem Winter, Rutgar.« Sie wiegte ihren Körper vorwärts und zurück und stöhnte leise. »Aber im Frühling werd ich wieder allein sein.«

Er antwortete nicht. Wahrscheinlich war es so, obwohl er es selbst noch nicht wusste. Seine Finger strichen über Madolens weiße Schenkel, gruben sich in die Backen und kletterten den Rücken hinauf. Rutgar griff in ihr Haar, dessen Spitzen seine Schenkel kitzelten, und zog Madolens Kopf in den Nacken. Er richtete sich auf und küsste ihren Hals.

»Es ist noch lang hin bis zum Frühling«, antwortete er rau und bewegte die Zungenspitze in ihrem Ohr. »Sorge dich nicht.«

Sie bewegte sich schneller und wand sich stöhnend, bis sie über den Gipfel der Leidenschaft glitt; ein, zwei Atemzüge vor ihm. Schwer sank sie auf seine Brust und begrub ihn unter der Flut ihres gekräuselten Haares. Langsam trocknete der Schweiß auf ihren Körpern, und Rutgar zog die Decke über sie beide.

Madolen war älter als er, Wäscherin im Dorf und Besitzerin eines gemauerten Hauses. Ihr reifer Körper hatte ferne Erinnerung an Ragenarda erweckt, aber sie war nicht wie seine erste Liebe. Sie begehrte ihn und war seine Winterliebe.

Es war stets warm in ihrem schmalen Häuschen, das Dach blieb dicht, und im Keller standen immer Kübel und Holzzuber voll warmem Wasser. Sie klammerte sich an seine Jugend, und er betrog sie nicht mit anderen Frauen.

Jetzt lag er im überhitzten Zimmer. Zu wenig frische Luft kam durchs Fensterloch. Nachdem Jean-Rutgar seine Tiere ausgespannt und unter dem Dach des Stalls trocken gerieben und versorgt hatte, hatte er sich flüchtig gewaschen und eine Fackel ausgesucht, die noch einige Zeit lang brennen würde. Er hatte sie an einem Feuer entzündet und war zwischen Zäunen, unter tropfenden Baumkronen und entlang nasser Mauern zum Dorf gegangen. Der Winter, die Fackel, die Unruhe seines Herzens – Stunden und Tage krochen dahin, und er sehnte sich nach Sonne, Wärme und einer Arbeit, die ihn weder langweilte noch in üble Schinderei ausartete. Während des Winters harrte er hier aus, denn es gab gutes Geld, er wurde gebraucht, und Madolen wollte ihn nicht gehen lassen und umhüllte ihn mit Wärme, Wein und Begehren. Wenn er sie verließ, würde er traurig sein und sie vermissen; Madolen würde um ihn weinen und die Männer verfluchen. Noch immer herrschte Ragenarda über seine Erinnerungen.

Als Madolen ihn um Mitternacht weckte, waren die Kerzen heruntergebrannt. Aber aus dem Krug floss noch Wein für zwei volle Becher. Rutgar hatte in der feuchten Wärme von der weißen Burg geträumt, die er bauen würde. Madolen schmiegte sich an ihn und reizte ihn mit feuchten Lippen und gierigen Fingern, bis er sie ein zweites Mal nahm. Eine Stunde vor Sonnenaufgang zog er sich an und verließ sie. Sie schlief, ihr Gesicht zeigte ein zufriedenes Lächeln.

Als er zu den Ställen und zu seinem Gespann ging, erwachte das Dörfchen. Er holte sich ein Stück frisches Brot, trank einen Becher euterwarme Milch und dachte, als er das Gespann zum Steinbruch lenkte und die Rauchsäulen der frühen Feuer zu zählen versuchte, an Abschied, fremde Orte und andere Menschen. An Clunys Kirche und dem Kloster würden die Steinmetze noch viele Jahre bauen.

»Ich will es.« Er wiederholte, was ihn Laienbruder Odo gelehrt hatte: »Weil ich kann, was ich muss.«

Das Osterfest, sagte er sich, würde er in einer anderen Stadt feiern.

Kapitel III

A.D. 1096, 17. TAG DES OSTERMONDS (APRIL), KARSAMSTAG
KÖLN AM RHEIN, STADTMITTE

»Kommt mit mir; ich führe euch ins Gelobte Land.«
(Peter der Einsiedel)

Zum dritten Mal an diesem Tag rauschte kalter Regen auf Köln herunter. Das lärmende Gedränge nasser, schmutziger Menschen, die am Ostersonnabend den Platz vor der Kirche St. Maria ad Gradus bevölkerten, wich vor dem bärtigen Mann auf dem Esel auseinander und bildete zwischen Schragen, Fässern, Zubern, Körben, Karren und Käfigen des Ostermarkts eine Gasse, die sich verbreiterte, als das Volk die gewappneten Reiter sah, die dem Hässlichen mit dem härenen Mönchsgewand folgten. Der Regenguss hörte auf; von Dächern und aus Wasserspeiern plätscherte bräunliches Wasser. Wieder blieb Peters Esel, aus dessen Fell es schmutzig tropfte, mitten im Unrat des Marktes stehen. Eine Frau mit offenem Mieder fütterte ihn mit einem Rübenschnitz.

Schon bei seinem Einzug in die Stadt hatten arme Bauern und Bürger den Esel gestreichelt und waren, als sie ihn, den kleinen, untersetzten Reiter an der Spitze des Heeres Christi, erkannten, in begeisterte Rufe ausgebrochen. Jubel und Willkommensgeschrei waren ihm, wie sein verinnerlichter Gesichtsausdruck zeigte, ebenso gleichgültig wie der Gestank des Eselsschweißes, des Lauchs und der Mauern, die ätzende Salze ausdünsteten. Peter hustete, entließ einen gewaltigen Rülpser und strich das tropfende Wasser aus dem langen grauen Bart.

Peter besaß weder die Weihen eines Priesters, noch hatte er je länger als ein halbes Jahr im Kloster Orval ausgeharrt, aber er fühlte wie ein Bischof und ihm waren die hallende Stimme, die treffsichere Überredungskraft und die unbeirrbare Kraft des Glaubens eines eifernden Kardinals zu eigen. Er hieb seine Fersen dem Esel in die mageren Flanken und trieb das Tier weiter, durch die lebendige Mauer der Menschen, die Peter angafften, ihm Unverständliches zuriefen, lachten und tanzten; tausend Augen starrten ihn an.

Zwischen den Rädern der Karren kläfften räudige Köter, ein neuer scharfer Regenguss fegte über den Kirchplatz und scheuchte einen Taubenschwarm auf die Simse der Kirchtürme und unter die Dächer der Bürgerhäuser. Unter einem Vordach leierte Musik der Vaganten; ein Zink quäkte, ein Krummhorn unkte lang gezogene Laute, die Trommeln klapperten. Peter senkte demütig den Blick. Er hob das Kreuz aus hellem Holz; ein zweites hing, vom Anfassen schmutzig braun, an seinem Hals. In seinem dunklen Gesicht, wusste er, lasen die Menschen die göttliche Wahrheit: Ich führe euch auf den richtigen Weg!

Lautlos formten seine inbrünstigen Gedanken Worte aus der unendlichen Tiefe seines Glaubens: Dieses Osterfest ist der Beginn der Pilgerfahrt! Denn schon seit der zweiten Woche im Lenzmond predige ich Unzähligen die Botschaft Papst Urbans des Zweiten.

Ein paar Schritte hinter ihm ritt Weißbart Walter von Possy, der etliche Tausende anführte: entwurzelte Bauern, verarmte Ritter, ehemalige Leibeigene, Dirnen und Hübschlerinnen, Söhne in dritter und vierter Erbfolge, ausgestoßene Mönche und seltsames Gesindel, irrlichternder Pöbel und ehrliche, gottesfürchtige Pilger. Manche nannten den älteren Ritter auch »Walter von Poix« oder »de Pexejo«; sein Neffe Walter Sans-Avoir, der »Habenichts« oder »Sinehabere«, auch »Senzavehor«, befehligte eine Handvoll bewaffneter Berittener mehr als sein rotgesichtiger Oheim.

Die Gasse vor Peter endete an den Stufen der Kirche, deren Portal halb geöffnet war. Der Mönch rutschte vom Eselsrücken, rülpste in den Kuttenärmel und stieg bis zur obersten Stufe. Seit Langem ging er barfuß; er fühlte weder Nässe noch Kälte oder Schmutz unter den grindigen Sohlen. Langsam glitten seine Blicke unter dem Kapuzenrand über den Markt, über die Köpfe der Menschenmenge, bis zu den Gassen, die in den Platz mündeten. Dort zügelten Walter von Possys Neffen Simon und Matthäus ihre Pferde. Der älteste Neffe trug den gleichen Namen wie sein Oheim, was nicht selten zu Verwechslungen führte: Der junge Sans-Avoir, Peters treuester Anhänger, bedeutete seinem bunten Gefolge, stehen zu bleiben, und schwang sich aus dem Sattel.

Peter breitete die Arme aus und hob sie mitsamt dem großen hölzernen Kreuz empor, bis die Ärmel der Kutte zu den Achseln rutschten und bräunliche Haut entblößten, und wartete sieben Atemzüge lang. Danach redete niemand mehr auf dem Platz, nur Marktgeräusche und einige stinkende Darmwinde purrten von den Hauswänden wider.

»Euer Jubel gilt nicht mir!«, rief Peter und zwang die Zuhörer unter seinen Blick. Der nasse Saum der Gugel glitt in seinen Nacken. »Nicht Peter dem Eremiten, nicht mir, dem armen Peter. Ihr preist Gott den Herrn, der zu Jerusalem gekreuzigt wurde. Sein heiliges Grab müssen wir aus den Händen der Ungläubigen befreien! So sprach der Stellvertreter Jesu Christi, unser aller Papst Urban der Zweite!«

Alle Augen richteten sich auf ihn. Seine Stimme, die seherischen Augen und seine Worte hatten die Menge schon nach wenigen Sätzen in Bann geschlagen. Seit den ersten Tagen, an denen er für den Kreuzzug gepredigt hatte, flüchteten sich die Menschen in die Sicherheit seiner Beschwörungen und Prophezeiungen, verkauften ihre letzte Habe und sagten sich von ihren Herren und allen Zwängen los.

»Seit November, dem Schlachtmond, in Clermont, das ist in Frankreich, als der Papst sprach: ›Gott will es!‹, geht das Wort um in der Christenheit. Gott will, dass ich und ihr alle ins Heilige Land aufbrechen und Jerusalem die Goldene befreien. Ich war in der Goldenen Stadt, und ich sage euch: Unsere Glaubensbrüder erleiden große Unbill, Stunde um Stunde! Der Himmel hat uns Zeichen gegeben, wie ihr wohl wisst: Große Hungersnöte im vorigen Jahr! Seuchen und Überschwemmungen im Jahr zuvor. Schwarze Körner im Getreide, die alle Menschen um den Verstand bringen! Und die brennenden und leuchtenden Himmelszeichen nachts, jetzt, im Ostermond! Es sind Zeichen Gottes! Tut Buße, sagt der Herr, verrichtet gute Werke! Unser aller Sünden werden wir ledig, wenn wir zum Grab Christi pilgern! Ich habe in der Grafschaft Berry gepredigt, und viel Volk hat sich dazu versammelt. Im Hornung und im Lenzmond haben sich mir Gläubige aus dem Land um Orléans angeschlossen und aus der Champagne und Lothringen, und aus den Städten entlang der Maas rissen sie sich los, und auch aus Aachen folgten sie mir, und nun seht ihr sie, die stolz und demütig zugleich ihre Kreuze an der Schulter tragen: dort, bei den Führern meines Heeres! Gott will es so. Deus lo vult!«

Der tief hängende Himmel riss auf; zwischen weiß geränderten Wolken leuchtete die Mittagssonne auf die Stadt. Die Dächer und der Platz begannen zu dampfen. Die Anführer des waffenlosen Heeres ritten langsam durch das Marktgewirr oder führten ihre Pferde am Zügel zur Kirchentreppe.

Peter schien größer zu werden und strahlte die Sicherheit eines göttlichen Auftrags aus. Er schwieg, hob das Kreuz und deutete mit dem linken Arm auf die Ritter in den Sätteln und die waffentragenden Knappen. Reinhold von Breis, Gottfried Burel und Walter von Breteuil waren unter ihnen, und Peters Stellvertreter Gottschalk, Volkmar und Frater Orel. In den Straßen Kölns und im Umland warteten fünfzehntausend Menschen auf Nahrung und Quartier. Hier in der Domstadt, wo nur eine Gierseilfähre über den Rhein nach Osten führte, war der große Heerwurm erst einmal zum Stehen gekommen.

Peters Stimme trug weithin. Er hämmerte seine Worte wie die Nägel des Heiligen Kreuzes in die Seelen der Menschen. Ehe Christus wiederkehren könne, müsse die Terra Sancta, das Heilige Land, für den Christenglauben zurückerobert werden. Atemlos lauschte die unruhige Menschenmenge dem kleinwüchsigen Prediger, der sich nur von Fisch und Wein ernährte:

»Verkauft euren Besitz! Mit glühendem Eifer haben es vor euch schon so viele gewagt! In allen Ländern, selbst in England, Schottland und allen, die unseren reinen Glauben teilen, nehmen die Menschen das Kreuz – sie alle ziehen nach Osten, wandern, beten und singen. Große Heere erwarten uns in Konstantinopel.« Er breitete abermals die Arme aus, faltete die Hände und sank, zur Kirche gewandt, auf die Knie. Alle Priester in seinem Gefolge taten es ihm nach. »Lasset uns beten. Der Herr wird unser Flehen erhören. Deus lo vult!«

Zur Sext, der zwölften Stunde, kämpfte der irdische Gestank vom Markt gegen den göttlichen Weihrauch und Kerzenduft aus der Kirche. Herr Neidhart, Bibliothekar und Vorsteher des Skriptoriums der Augustinerchorherren und rechte Hand des Erzbischofs Herrmann III., stand unsichtbar im Halbdunkel des halb geöffneten Portals, rieb den messerscharfen Rücken seiner Nase und betrachtete den verfilzten grauen Haarkranz des Betenden im Sonnenlicht.

»Wenn Gott zulässt, dass der große Ruf des Papstes überall befolgt wird, wird sich manches Land leeren, Gevatter Rutgar.«

Jean-Rutgar, der sich bereits seit vier Tagen in der Domstadt aufhielt, beobachtete ebenso wie Neidhart die stoßende, schiebende Menschenmenge. Er antwortete ausweichend:

»Peter von Amiens mitsamt seinen wortmächtigen Brüdern wird nicht auf das Heer warten. Papst Urban hat ihm keinen Auftrag erteilt.«

Von Clermont aus hatte er den Papst und dessen Tross zu einigen benediktinischen Klöstern begleitet, daraufhin nach Cluny, dann um Weihnachten nach Limoges, von dort aus nach Poitiers und bis Tours. Dort, während eines weiteren Konzils, rief Urban II. abermals zur bewaffneten Pilgerfahrt auf und wandte sich nach Aquitanien. Jean-Rutgar hatte den Trupp verlassen und sich westwärts durchgeschlagen. In Lothringen war er auf die unübersehbare Spur des Eremiten gestoßen und hatte von Peters »Jüngern« gehört, die ebenfalls Gläubige um sich scharten. »Auch die anderen drei, Volkmar, Gottschalk und Frater Orel, haben schwerlich den Segen des Pontifex.«

Neidhart, in dunkler Kutte und noch umfangen von der düsteren Stimmung des Karfreitags, hatte auch unabhängig von dem Bericht, den Rutgar ihm gleich nach seinem Eintreffen gegeben hatte, bereits vom Zug der Fünfzehntausend gehört, die im Anmarsch auf Köln waren. Seit dem Clermonter Konzil hatten aufgeregte Amtsbrüder ihm vom Zulauf der Verzweifelten zum Pilgerheer des Eremiten berichtet. Jetzt sah er das Elend mit eigenen Augen. Seine Blicke, abwägend und finster, trotz unzähliger Fältchen in den Augenwinkeln, hefteten sich auf Walter Sans-Avoir und auf Frater Orel und Gottschalk, die auf Peter zustapften.

»Gelichter«, murmelte Neidhart in den Stoff des Kuttenärmels. »Gesindel mit vielen Spottnamen. Die Heuschreckenschwärme der Bibel! Jetzt haben wir sie auf dem Buckel und dem Geldbeutel.«

»Zu Cluny war der Haufe kleiner und blieb nur einen Tag«, antwortete Jean-Rutgar. Neidhart nickte und richtete schweigend den Blick zum Himmel. Was wusste Rutgar über Walter von Sans-Avoir, der sein Erbe verschleudert und jahrelang als Söldner gekämpft hatte? Er galt als tapferer, indes glückloser Krieger, als geschickter Unterhändler und gehorsamster Gefolgsmann des Predigers. Auf seinem kurzen Streifzug hatte er beträchtlichen Reichtum erplündert, und in seinem Gefolge tummelten sich junge Dirnen, Zwerge und Weinschenke, die etliche Fässer seines bevorzugten Weines bewachten.

»Die Herren Ritter in Peters Begleitung«, sagte Neidhart mit sichtlicher Missbilligung, »kennen wir. Die meisten sind unwürdige, rohe Gesellen, arm und hoch verschuldet. Du willst dich wirklich ihrer Gesellschaft anschließen?«

»Nicht ihnen«, antwortete Rutgar ruhig; seine Meinung über Sans-Avoir und einige andere Ritter stand längst fest. Auch die über Peter von Amiens, der ihn ein wenig an Vater Philbert erinnerte. Vielleicht lag es daran, dass beide im Gottesglauben unerschütterlich waren wie Felsen. Aber aus Philbert, dem weißbärtigen Greis in der Provençe, der reinlich gewesen war und leise und zurückhaltend geredet hatte, hatte verständnisvolle Güte gesprochen; Peter, schmutzig und verwahrlost, war ein schriller Eiferer im Herrn. »Dem frommen Eremiten, ja. Mit ihm, an seiner Seite, komme ich in die Länder von Milch und Honig.« Und vielleicht, dachte Rutgar, erfüllt sich mein Traum von der kleinen Burg.

»Gott segne deine Einfalt, Rutgar.«

»Meine Einfalt mag groß sein. Vielleicht wird mein Traum nie wahr«, antwortete Rutgar ruhig. »Aber meine Klingen sind schnell. Und scharf, meiner Seel’.«

Sie lugten weiter durch den Türspalt. Die anderen Ritter und ihr Gefolge waren kaum besser: Reinhold von Breis, Gottfried Burel und Walter von Breteuil, die an anderen Orten und entlang anderer Wege Pilger sammelten, so wie Wilhelm der Zimmermann, der Sohn des Vicomte de Melun, der riesenhafte Axtkämpfer aus Hugos des Großen Stamm, von dem man sagte, er habe bei der Verteidigung des spanischen Toledo mit seiner schweren Kampfaxt furchtbare Bluternte unter den Angreifern gehalten. Dazu Wilhelms langbärtiger Vater Dietmar mit den gelben Augen, der Kaplan des Gottfried von Bouillon, der »Bruder des Jähzorns«; beide waren rotbärtig und feuerhaarig. Und andere, Schlimmere, Gottlose. Neidhart schüttelte sich und trat einen Schritt vor, um Peter besser verstehen zu können.

»Gott kennt euch, er kennt die Seinen!«, rief der Prediger. »Gott will, dass wir in Köln in fröhlichen Gebeten das Osterfest feiern, wir, die Pilger, und die gottesfürchtigen Bewohner. Verteilt euch also, stellt die Zelte auf, kauft Essen und erholt euch vom langen Weg. Bereitet euch in Ruhe vor, denn der Weg, der vor uns liegt, wird lang und mühevoll sein.«

»Welch ein entsetzlicher Haufe!«

Neidhart sah mit steigendem Grimm zu, wie sich die Unterführer und Stellvertreter um den »kleinen Peter« versammelten; sie suchten seinen Rat, und was er vorschlug oder anordnete, wurde befolgt, als wäre es göttliches Gebot. Peter winkte, deutete hierhin und dorthin, redete mit Marktaufsehern und Stadtbütteln, und überaus langsam und ebenso ruhig begann sich der Platz zu leeren.

Neidhart wartete geduldig. Seine Finger spielten mit der Kordel des Zingulums. Geduld hatte er gelernt; geduldig hatten er und die Stadtoberen Kölns den Eremiten Peter erwartet. Die Einwohner der Stadt mochten fünfzigtausend zählen, hinzu kamen einige Tausend aus dem Umland, und mit fünfzehntausend Durstigen, Hungrigen, Müden, Kranken und vom Schicksal bitterer Armut Geschlagenen zusätzlich ertrank die Stadt an diesem Osterfest in einem Meer von Menschen.

In Trier, war zu erfahren gewesen, vor wenigen Tagen, hatten reiche Geschenke und Lebensmittel der jüdischen Gemeinde Peters armselige Pilger vor dem Hunger gerettet; denn er wies einen Empfehlungsbrief der französischen Juden vor. Jetzt kostete es viel Geld und noch mehr Geduld von Seiten der Christen Kölns. Als auf dem Platz nur noch Bauern, Händler und Kölner Bürger zu sehen war, nickte Neidhart Jean-Rutgar zu.

»Wir haben sie erwartet, wenn wir auch nie geglaubt haben, dass es so viele sein würden. Jetzt haben wir sie im Genick. Gehen wir – es gibt einiges zu bereden.«

Rutgar war als Gast der Augustiner gut behandelt worden. Man hatte ihm selbst seine malträtierten Stiefel neu besohlt und die Nähte ausgebessert. Sein Entschluss, mit dem Eremiten nach Konstantinopel zu wandern, stand noch nicht so fest, wie er es Neidhart hatte glauben lassen. Aber er würde Köln verlassen, so wie er Cluny verlassen hatte, mit einigen Silbermünzen, in die Kleidung eingenäht, und mit der ledernen Tasche voll mit leeren Pergamenten minderer Güte.

Neidhart schloss leise das Portal, ging zum Altar und raffte die Kukulle, bevor er im Licht einiger Dutzend Kerzen auf dem kalten Stein neben Rutgar zum Gebet niederkniete.

Vor zwei Jahren, während des andauernden, die Ernten vernichtenden Hagels, der Sturmfluten und der Überschwemmungen, der menschenmordenden Seuchenzüge, und vor einem Jahr, als Dürre und Hungersnöte wie Vorboten biblischer Plagen über dem Frankenland ausgeschüttet wurden, und als im vorigen Christmond und im folgenden Hartung die ersten grellen Lichtzeichen am Nachthimmel selbst ihn und seine Mitbrüder zu Tode erschreckten, hatte er inbrünstig zu Gott und den Heiligen gebetet. Aber die Heiligen und Gott hatten geschwiegen.

Der Papst hingegen hatte geredet, zur Pilgerschaft aufgerufen, und Gott wollte es so. Neidhart betete murmelnd für die Wiederauferstehung des Herrn im Osterfest, betete für die Stadt, für den Papst und um Frieden, und er schloss auch Jean-Rutgar und selbst den Eremiten Peter und dessen schwärende Horden in seine Gebete ein. Mit den Fünfzehntausend und den anderen Heeren der Jerusalem-Pilger, die sich zusammenfanden und kaum weniger Köpfe zählen mochten, würden Unzählige mitziehen, zu Fuß, zu Pferde oder auf dem Karren: Arme und Bresthafte, Tagelöhner und Abenteurer, Mörder, entflohene Leibeigene, Zuchtlose und Diebe, gläubige Verbrecher, Schänder und Gottlose, die da sicher glaubten, an jedem anderen Ort erginge es ihnen besser als diesseits und jenseits der Stadtmauern. Vielleicht war es ja auch eine Reinigung, ein Gedanke, den man als Christ nicht hegen durfte, der seine Seele aber mit einer geradezu ketzerischen Befriedigung erfüllte.

Neidhart bekreuzigte sich, stand auf und führte Rutgar zum Seiteneingang.

»Du kannst schreiben, hast du gesagt?«

»So ist es«, gab Rutgar mit einigem Stolz zu. »Aber ich habe nichts, um es dir zu zeigen.«

»Dann komm mit mir ins Scriptorium. Gott hat mich gerade ein wenig erleuchtet. Erzbischof Herrmann der Reiche von Hochstaden ist geradezu gierig nach politischen Neuigkeiten, die über bloße Werbeblätter hinausgehen.«

Jene »Excitatoria« hatte Rutgar bei Neidhart gesehen; die Schriften, voll von Bildern und einfachen Zeichnungen für die Unzähligen des einfachen Volks, den Ungebildeten und Blöden, die weder lesen noch schreiben konnten, jene Blätter, die Reliquien des Ostens schilderten und die Frauen der fernen Länder, die sich lüstern den Pilgern hingaben; eines der Blätter voller bunter Bilder hatte man an die Pforte des Nebeneingangs der Kirche geheftet. Er hörte Neidharts Knurren.

»O Herr, nicht nur geschoren sind deine Schafe, krank und überaus zahlreich, sondern ihre Herden sind auch voller Sündenböcke, die besser in die Wüste getrieben werden sollten.«

Sieben Tage und Nächte lang glich Köln, im Sonnenschein und im Regen des Ostermonds, einem riesigen Heerlager, das in langen Albträumen erdacht und zur schier unvorstellbaren Wirklichkeit geworden war. Hungrige und Betrunkene schliefen in jedem dunklen Winkel. Außerhalb der Mauern loderten einige Tausend Feuer, umgeben von Stangen und Seilen, über die man Leinwand und zusammengenähtes Leder gespannt hatte. Gegröle, Flüche und Gelächter ertönten ununterbrochen aus den Hurenhäusern. Die Kirchen waren voll wie niemals je zuvor; im Gedränge kamen manche zu Tode, die in der nassen Hitze und im Weihrauchdampf das Bewusstsein verloren hatten. Bald gab es in den Schenken nichts mehr zu essen außer heißem Brot, das man den Bäckern aus den Öfen riss.

Von den Schweinen, die nachts die Gassen säuberten, lebten am dritten Tag nur noch wenige; man briet sie auf Rosten und Spießen. Wenig Silber, kaum Gold, dafür unzähliges Kupfer wurde gewechselt. Die Betrunkenen fielen über die Frauen her, die Peters inbrünstiger Heerhaufen mit sich schleppte. Wein und Bier flossen in Strömen. Selbst Händler von weit her verkauften die letzten Fuder ihres Weins, der wenig besser als Essig schmeckte, Zunge, Gaumen und Zähne marterte und den Urin der Pilger krokusgelb färbte, der Hausmauern besudelte, durch die Gassen strömte und draußen vor der Stadt das frische Gras gilben ließ.

Scheinbar ohne Anlass läuteten die Glocken. In Mietställen, auf Koppeln und umliegenden Bauernhöfen schufteten Knechte und Hufschmiede, striegelten Pferde, Maulesel und Esel und beschlugen Hufe. Gewandschneider schnitten Leder und unglaubliche Mengen roter Stoffstreifen, die als Kreuze an Mäntel, Hemden, Kursite oder auf Satteldecken genäht wurden. Kinder wurden gezeugt und geboren, sie starben oder schrien ihren Willen hinaus, in dieser Welt zu leben, zusammen mit jenen Kindern jeden Alters, die ihren Eltern nach Jerusalem folgten.

Die Stadtoberen und die Bürgerschaft ließen aus allen Richtungen Handwerker, Weinfässer, Salzfisch und lebendes Geflügel, Brot, Käse, Holzkohle und Bier kommen – über Köln erhob sich eine helle Wolke aus Rauch und Gestank: Schweiß, Horn, Dampf und Schmutz, und der süßliche Ruch faulender Ratten und anderer Kadaver machte Katzen, Hunde und Aasvögel vor Gier und Hunger närrisch.

Jean-Rutgar wagte sich in das Gewimmel der engen Gassen, sagte wenig und hörte und sah viel und machte sich seine Gedanken. Peter, der Eremit aus dem feuchten Wald, lodernd vor göttlicher Eingebung, der nach Fisch und saurem Wein stank und dessen Esel von der Ausdauer des Gottseibeiuns erfüllt zu sein schien, zogen rastlos von einer Kirche zu einem Teil des Lagers, vom Kloster zum Ratshaus, von Tor zu Tor, hinunter zur Altstadt, zur fliegenden Brücke und zu den Schiffen im Hafen. Er betete, riet, trank sauren Wein, rülpste gurgelnd, spuckte Fischgräten auf seine Zehen, befahl und herrschte durch das Wort Gottes: Wer ihn sah, hörte oder seinen Anordnungen folgte, war sicher, dass er durch Peter in der Gnade des Herrn stand; wenigstens einige tiefe Atemzüge lang.

Und der kleine Einsiedler predigte. Er redete mit Engelszungen, die Arme hoch erhoben, wo er ging, ritt und stand. Von Milch und Honig sprach er, von silbernen Straßen im Heiligen Land, vom goldenen Jerusalem und dem Grab des Herrn, von der beschwerlichen Reise, die er vor etlichen Jahren auf sich genommen hatte, und davon, dass jedem, der ihm folgte, alle Sünden vergeben und die Buße erlassen sei, dass sein Pilgerzug die edlen Herrn zu Pferde brauchte, die Ritter in schimmernder Wehr mit dem Zeichen des Kreuzes; indes schienen es die meisten abseits des niederen Adels vorzuziehen, sich ihresgleichen anzuschließen und als Teilnehmer eines wahren Ritterheeres wider die Ungläubigen zu ziehen.

Es waren aber auch einfache, gläubige Menschen, Leibeigene oder Freie, die Klein-Peter aus der Picardie folgen wollten: Pilger, die ruhig und ohne verzehrende innere Glut die Landschaften, Stätten und Orte beschreiten wollten, in denen einst Jesus Christus gelebt und gewirkt hatte und gestorben war.

Die reichen Zünfte Kölns und deren plötzlich fromm gewordene Handwerker spendeten Zelte, Seile, Gürtel, Messer, Dolche, Werkzeuge und Karren. In der eisenbeschlagenen Truhe, die auf einem zweirädrigen Karren festgeschmiedet wurde, klirrten und klimperten über dem Silber der Juden die Geldspenden der gläubigen Kölner; lieber ein wenig ärmer, sagten sich manche, die pralle Münzbeutel daherbrachten, als noch länger dieser Belagerung ausgesetzt zu sein! Aber es gab auch andere Spender, die sich von der Kraft ihres Glaubens nährten und wussten, zumindest ahnten, dass es ebenso gnadenreich war, Jerusalem im Herzen zu haben, wie auf dessen angeblich unbezwingbaren Mauern zu wandeln.

Noch bevor Peter seinen Esel bestieg, der nach wenigen Tagen wohlgenährt, gestriegelt und frisch gezäumt war, unterlag Walter Sans-Avoir seiner Unruhe und brach, wohlversehen mit Peters Segen, reichlichem Proviant und etlichen Wegekundigen, am Dienstag nach Ostern von Köln nach Ungarn auf. Selbst ein einbeiniger Köhlerknabe, der sich Dilgen nannte und wirre Reden führte, schloss sich ihm an.

Peter hatte Graf Walters beträchtliches Gefolge nicht zwischen seine Pilger eingliedern wollen; die vielen Menschen zu verpflegen und im Zaum zu halten überstieg sein Können ebenso wie sein Wollen. Walters Ausrüstung bestand aus kühnem Gottvertrauen, einem Dutzend armer Priester, drei oder vier schwindsüchtigen Rittern, wenigen Gepäckwagen und erstaunlich vielen Münzen in der Schatztruhe; die kampfunerfahrenen Bauern und Handwerker trugen Lanzen und alte, bis zum Silberglanz geschliffene Schwerter und Äxte sowie Spieße, Streitkolben, Flegel oder Morgensterne. Hinter Walter »Habenichts« im Sattel seines schwarzen Hengstes zogen kaum weniger als fünftausend Gläubige rheinaufwärts, wie manche Bürger der geplagten Stadt gezählt haben wollten.

Zehn Tage, nachdem sein fünfzehntausendköpfiger Heerhaufen Köln überschwemmt hatte, nach dem Sonntag Domenica in albis, zog auch Peter der Eremit mit den verbliebenen Zehntausend aus der Stadt, auf der Straße, die jedermann befuhr und bewanderte, der rheinaufwärts über Bonn, vorbei an Andernach, Koblenz, Boppard und Bingen nach Mainz und zum Neckar wollte. Aus Köln, das sich binnen Stunden wie ein löchriger Kornsack leerte, und aus den Dörfern und Städtchen der Umgebung folgten weitere fünftausend, die sein Heer wieder auf seine vorherige Stärke brachten.

An der Spitze des gewaltigen Zuges ritt Peter auf dem Esel. Archambaud von Vendeuille, Waffenmeister Gottfried von Bouillons, und seine Ritter folgten im Sattel, dahinter trotteten die Saumtiere, und die Vorräte, selbst die Schatztruhe, wurden in wenigen knarrenden Wagen mitgeführt. Obwohl jeder Pilger zu Fuß wanderte und sein Bündel selbst schleppte, legte der Zug selbst an einem mittelmäßigen Tag zwanzig, fünfundzwanzig Meilen zurück.

Wanderer, Kaufleute, Reisende oder Boten, auch die Besatzungen der Schiffe, die rheinabwärts unterwegs waren, staunten, erschraken oder glaubten, im Norden sei eine neue Seuche ausgebrochen – seit Menschengedenken hatte man einen solchen Menschenwurm nicht gesehen und erlebt.

Eine graue und erdfarbene Schlange mit zahllosen Köpfen und Füßen, die sich zehn Meilen lang und länger durch die Flussaue wand, füllte die alte Straße. Zufällige Gruppen, die es nur einen Tag miteinander aushielten, hatten sich zusammengefunden und beteten laut, während sie rüstig ausschritten. In anderen Abschnitten sangen die gleichen Pilger tagelang vielstimmig fromme Lieder. Noch fehlte es nicht an Wasser, Wein und Essen, und jeder tat, was ihm einfiel, ohne dass er den Weg aus den Augen verlor.

An jeder Stelle des Zuges, in ununterbrochener Folge, blieben einzelne Pilger stehen, gingen rechts und links zur Seite und stellten sich an den Straßenrand, schlugen ihr Wasser ab oder verrichteten hockend ihre Notdurft; bald blieb eine triefende, stinkende Doppelspur entlang des Sandweges der Rheinaue zurück. So ging es vom Morgen bis zur Abenddämmerung, in der sich Tausende Menschen Plätze zum Schlafen suchten. Im Nachtlager, beim Licht von Fackeln und Lagerfeuern, nach der Abendmesse, stachen die Pilger die Blasen ihrer Füße auf und beschmierten die blutenden Stellen mit schwarzer Salbe. Wenn die Wolken aufrissen, sahen die Gläubigen schaudernd die grellen, lautlosen Lichtpfeile der Himmelszeichen des unerforschlichen Gottes; selbst Peter dem Eremiten fiel es schwer, die Zeichen richtig zu deuten.

Die Werkzeuge der Steinmetzen und Dombauer lagen sauber ausgebreitet auf den unfertigen Säulen, Kapitellen und Teilen des Architravs; die Handwerker, die einen Teil des Kreuzgangs erneuerten, machten Mittagspause. Bruder Neidhart setzte sich auf die Brüstung, nickte dem Cellerar Severin zu und deutete ins Ungefähre.

»Der Platz und der Brunnen vor der Kirche – noch nie hab ich sie so leer gesehen. Und so sauber.«

»Sie sind fort.« Severin blieb stehen und betrachtete die kantige Ordnung der Steine. »Gott sei Dank. Und in der Stadt ist es wie nach einer langen Belagerung. Du hast diesem Franzosen Pergament und Tinte mitgegeben, nicht wahr?«

»Ja. Er hat geschworen, unserem Kloster vom Weg nach Jerusalem und den silbergepflasterten Straßen zu schreiben.« Der Vertraute des Erzbischofs faltete die weichen Hände. »Köln war gnädig zu ihnen. Aber … da sind viele Städte und Grafschaften auf dem langen Weg, die ihnen vielleicht nicht so freundlich gesinnt sind. Wer weiß, ob das Heer je das Heilige Land erreichen wird«

»Gratia Dei!«, sagte Severin. »Die Juden Frankreichs und im Rheinland zittern vor Todesangst. Seit der Niederlothringer von Bouillon sich auf den Weg nach Jerusalem vorbereitet, glauben sie, dass er die Kreuzigung unseres Herrn mit ihrem sündigen Blut rächen will.«

Ein Windstoß wirbelte Steinstaub und eine Handvoll Laub vom letzten Jahr über die Steinplatten des Kreuzgangs. Neidhart nickte bedächtig.

»Oberrabbiner Abraham Kalonymos von Mainz hat ein Bittschreiben an Kaiser Heinrich geschickt.«

»Nicht ohne Erfolg. Sie haben den Mainzern und uns jeweils fünfhundert Silberstücke angeboten. Der deutsche Kaiser schrieb uns, und so haben womöglich wir für ihre Sicherheit zu sorgen.«

»Das wird den ›Zimmermann‹ von Melun oder den Grafen von Leiningen nicht daran hindern, ihr Mütchen an den reichen Juden zu kühlen.«

Severin sah einem gurrenden Taubenpärchen zu, das auf einer einzeln stehenden Säule umeinandertrippelte. »Schwerlich«, sagte er. »Wenn wir die Zeichen richtig deuten, dann ist die Zukunft voller Unsicherheit. Die Sterne fallen vom Himmel, Gevatter Tod hält reiche Ernte. Was wird die Heilige Kirche tun?«

Neidhart betrachtete den flügelschlagenden Täuberich, senkte den Kopf und murmelte: »Sie wird sich entrüsten und mahnend das Wort erheben. Cum tacet, consentire videtur. Unser Schweigen bedeutet Zustimmung.«

Kapitel IV

A.D. 1096, 22. TAG DES WEIDEMONDS (MAI)
STRASSE NACH MAINZ BEI ANDERNACH AM RHEIN, FLUSSAUE

»Welche ich lieb habe, die strafe und züchtige ich.
So mache dich auf und tue Buße!«
(Offb 3,19)

An einem der Abende, an denen tiefe, regennasse Wolken über den Rhein trieben, näherte sich Jean-Rutgar, das Haar schulterlang und von der Sonne gebleicht, dem Einsiedel. Er bahnte sich mühsam einen Durchgang in der Pilgergruppe, die sich um den Eremiten drängten, sprang über einige Pfützen und verbeugte sich vor Peter.

»Ihr seid der verehrungswürdige Prediger Petrus von Amiens, Herr?«

»Ich bin Peter der Eremit.« Peter starrte prüfend in Rutgars schmales, bartloses Gesicht und in dessen strahlend grüne Augen. »Und wer seid Ihr?«

Rutgar blickte um sich und schüttelte sich kurz, dann antwortete er: »Jean-Rutgar von Les-Baux, Herr. Aus der Provençe, Teil des Heiligen Römischen Reiches. Einst hatte ich Freunde und eine Liebschaft dort; ich bin ein vergessener Sohn des Herrn Grafen von Les-Baux, ein Bastard von bedeutungslosem Adel. Zwar verwandt mit dem verstorbenen Markgrafen Stephane, aber ohne Titel, Recht und Besitz.«

»Wie so viele in meinem Gottesheer. Was wollt Ihr?«

»Sagt Rutgar zu mir, Ehrwürdiger.« Rutgar hob die Schultern. »Ich will mit Euch ziehen, wohin mich Gott und das Schicksal führen. Ins Heilige Land oder an einen Platz, wo es sich zu leben lohnt. Darf ich mich Euren Pilgern anschließen?«

Peter musterte den jungen Mann, der kaum älter war als zwanzig Jahre. Um seine teuren, wadenhohen Stiefel zu schonen, war Rutgar nicht in die kotigen Pfützen getreten. Seine Kleidung war sauber und kaum geflickt; er trug eine Umhängetasche, einen breiten Ledergurt mit einer kleineren Tasche, auf dem Rücken einen Ledersack und einen Gürteldolch, dessen Griff umwickelt war. Peter erkannte hoffentlich, dachte Rutgar, dass er ein ruhiger, zuverlässiger Mann zu sein schien; er wusste selbst, dass er kräftig und ein wenig schlitzohrig, aber gutmütig aussah.

Der Eremit nickte langsam.

»Ich brauche einen, der meinen Rücken schützt«, sagte er. »Und neben mir reitet. Einen Helfer, der nicht alles kann, aber von allem ein wenig. Einen ehrlichen Mann, der mich vor Gefahren warnt. Und der aufschreibt, was uns auf der Pilgerreise widerfährt.«

»Dann habt Ihr den Richtigen gefunden. Ich kann mehr als meinen Namen schreiben und ein wenig Mönchssprache lesen und reden.« Rutgar wechselte in die Sprache der Franken und legte die Hand auf die linke Brust. »Ich hab länger als ein Jahr Bresthafte und Aussätzige gepflegt. Im Kloster von Köln haben sie mir Pergament geschenkt.«

»Dann bist du in der Demut, die der Herr von uns Pilgern verlangt«, antwortete Peter der Eremit. »Komm mit uns. Der Herr beschützt unseren Weg.«

»Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.« Rutgar lächelte undeutlich.

Peter senkte den Kopf und antwortete: »So sei es. Amen.« Er zeigte auf die Bäume, die einen Weiler umstanden. »Such dir einen trockenen Schlafplatz. Wir wandern im Morgengrauen weiter. Du kannst wirklich schreiben?«

»Ohne große Mühe. Aber ich habe nichts Geschriebenes, das ich Euch zeigen …«

»Das hat Zeit. Gott wird uns mit Tinte und Federkielen beschenken. Du wirst aufschreiben, was uns auf dem Weg begegnet, und wenn ich Briefe senden muss …«

»… werde ich sie für Euch aufsetzen«, versicherte Rutgar.

»Dann also – komm mit. Wir sind auf dem Weg nach Ungarn.« Der Einsiedel deutete zu den Feuern und den Pferden unter den Bäumen. »Bleib bei uns, den Pilgern. Die Herren Ritter sind mitgekommen, um uns zu schützen.«

»Bis nach Ungarn?«

»Bis ins heilige Jerusalem.«

Aus der Richtung des Lagerteils, in dem die Gewappneten an blakenden, von Mückenschwärmen umtanzten Feuern zusammensaßen, ertönte lautes Gelächter.

Während der folgenden Tage, an denen sich der Pilgerzug rheinaufwärts wälzte, lernte Rutgar die Anführer und deren Vasallen kennen. Er beobachtete schweigend, während er an der Seite des Eremiten dahinwanderte, wie sich ungefähr zwanzig Tausende auf der Straße am Rhein und Neckar verteilten und auf das Ufer der Donau zuwanderten, Schritt um Schritt.

Dort teilte sich der Zug. Ein Teil der Pilger beschloss, den Strom in Schiffen abwärtszufahren und sich an der Grenze des Landes Ungarn mit den andern zu vereinigen. Die größere Zahl der Pilgerschaft, von Peter angeführt, benutzte betend, singend und fastend die Straßen entlang der Donau, südlich des Ferto-Sees, auf Ödenburg zu.

An den letzten Tagen des Weidemonds und am Anfang des Johannismonats wanderten die Pilger weiter friedlich durch Ungarn, meist auf den Wegen durch verwüstetes Land, die vor ihnen jene Tausende gezogen waren, die zu Walter Sans-Avoir gehörten. Ununterbrochen knarrten und winselten die Räder der schweren Karren, auf denen die Schatztruhe und die Vorräte der Pilger geladen waren. Steine zerkrachten unter den Felgen. Bei Karlovici vereinigte sich die größere Schar mit jenen Pilgern, die zu Schiff gefahren waren. Am 20. Tag des Johannismonds riss das Mahlen der Räder ab; der Pilgerzug hielt auf freiem Feld weit vor den Mauern Semlins an.

Jean-Rutgar, der auf Peters Bitte hin kaum von der Seite des Predigers wich, hatte sich daran gewöhnt, von den Pilgern »Peters Jünger« genannt zu werden. Selbst die Ritter, die den Zug hoch zu Ross begleiteten, behandelten ihn mit weniger Herablassung als die anderen Pilger.

Rutgar besaß zwar ein Pferd, aber noch musste er zu Fuß gehen. Er hatte für den Preis, den zwei Ziegen kosteten, einen leidlich jungen, verwahrlosten Gaul gekauft, einen mageren Rappen mit Stirnblesse und bis zu den Knien weißen Läufen, den er am langen Halfterseil mit sich führte. Schweif und Mähne waren verfilzt gewesen, das Tier, das wild mit den Augen rollte, trug eiternde Sporenwunden und zwei Dutzend Male von Hieben, Rissen und Brandwunden im Fell. Ein Hufschmied im Heer hatte die Hufe gereinigt, ausgeschnitten und befeilt und das Tier, das vor Angst störrisch auskeilte, frisch beschlagen. Von einer Kräuterfrau kaufte Rutgar gelbe und schwarze Salben, die auf den Wunden des Reittiers furchterregend stanken, und er fütterte den Rappen, wo immer er konnte, mit saftigem Gras, Hafer und Rübenschnitzen. Abends, wenn nichts anderes zu tun war, kämmte er Zecken aus der Mähne, schnitt und bürstete die Haare; zusehends erholte sich der Rappe und gewöhnte sich an Rutgars beruhigendes Murmeln, seine Hände und seinen Geruch. Aber noch duldete das Tier ihn nicht auf seinem Rücken.

Graf Hugo von Tübingen und Graf Heinrich von Schwarzenbeck, zwei ruhige, mittelgroße Männer von mehr als fünfunddreißig Sommern, mit wenig prunkvollen, abgegriffenen Waffen und in durchgesessenen Sätteln, sorgten in ihrem Tross für Ordnung und Ruhe und nahmen an jedem Gottesdienst teil, den Peter oder seine Stellvertreter hielten. Herzog Walter von Teck und Konrad und Adolf, die Söhne des Grafen von Zimmern, weitaus jünger als die beiden Grafen, hielten längst nicht jedes Wort Peters für ein Zeichen des Himmels und tranken zu viel. Oft saßen sie an den Feuern zusammen mit Dirnen und solchen Pilgern, die Peter in seiner schrankenlosen, von Gott verliehenen Güte zu einem besseren Leben führen wollte. Rutgar hielt sich von diesen Gruppen ebenso fern wie von den jungen Habenichtsen.

An der ersten Wasserstelle, einer großen Viehtränke, sammelten sich die Ritter und stiegen aus den Sätteln. Der Karren mit der schweren, eisenbeschlagenen Schatztruhe rasselte heran und wurde angehalten, als der Bote Peters auf die Ritter zugaloppierte und sein Pferd zügelte.

»Der Statthalter hat uns erlaubt, zu lagern und im Basar einzukaufen. Er ist ein Türke. Walter Sinehabere ist mit fünfzehntausend Pilgern durchgezogen, und sie haben geraubt und gestohlen.«

»Was hat der Eremit befohlen?«, rief Ritter von Burel.

»Wir sollen tun, was der Türke Graf Guz will. Friedlich lagern und weiterziehen.«

»Ihr habt es gehört!«, rief der Ritter. »Was weißt du von der Zitadelle?«

»Dort sind siebentausend ungarische Soldaten, sagen die Bauern!«

»Wir werden uns ausruhen«, sagte Rutgar zu den Gewappneten, »und warten, bis uns die aus Semlin etwas schenken. Peter hat genug Silber, um im Basar Essen und Wein zu kaufen.«

Ritter Gottfried von Burel, fahläugig, schwarzhaarig und mit schwarzgrauem Kinnbart, hatte auf Peters Geheiß die Aufsicht über alle Pilger und Ritter des Zugs; es waren angeblich dreißigtausend, aber sie waren niemals genau gezählt worden. Mit ihm teilte Rutgar die Sorge, dass sich niemand vom Zug entfernte oder gar die Bewohner der Gegend beraubte, durch die sich der Zug vorwärtsquälte – und seien Durst und Hunger noch so groß. Tagein, tagaus; unentwegt häuften sich die Zwischenfälle. Peter, der an der Spitze des vieltausendköpfigen Lindwurms ritt, war um das Wohl der Herzen seiner Schäflein besorgt, aber um kaum etwas anderes. Blutende Füße, aufgeplatzte Blasen, eiternde Wunden, Durst und Streit um Wasser, brechende Räder, störrische Ochsen und plötzliche Kämpfe, die ritterlichem Jähzorn entsprangen – Walter von Breteuil, schmal und zäh, mit einer Haut wie gegerbt, der den Topfhelm nicht einmal im Schlaf abzunehmen schien, half und schlichtete. Von ihm lernte Rutgar, sich inmitten einer riesigen Anzahl Menschen so schnell und geschickt zu bewegen, wie er es einst in der Wildnis um Burg Beausoleil vermocht hatte.

Der Statthalter Semlins, angeblich ein ghuzzischer Türke oder ein Graf mit Namen Guzz, schien zu Tode erschrocken zu sein, denn er wagte sich nicht vor das Stadttor. Die Pilger sahen an der Stadtmauer Schilde, Waffen und Rüstungen hängen; Peter von Amiens selbst erkannte, dass sie zur Ausrüstung von Gewappneten gehörten, die mit Walter Sans-Avoir geritten waren. Die letzten Stunden des ersten Tages und die Nacht verliefen ruhig. Gegen Mittag brach in Semlins Basar Lärm aus, der innerhalb kurzer Zeit zunahm und in eine Prügelei mündete. Dann wurden Waffen gezogen; ein Schrei pflanzte sich bis ins Lager der Pilger fort:

»Die Ungarn greifen an! Sie wollen uns alle töten!«

Peter der Eremit war vor einer halben Stunde an der Spitze einiger Tausend Pilger aufgebrochen. Auf der Straße entlang des Dorfbachs sah Rutgar gerade noch die Kreuze, die an langen Stangen angebunden waren. Die letzten Worte eines Gebets aus vielen Kehlen verhallten im Lärmen und Geschrei, die aus dem Basar drangen.

Rutgar hielt einen berittenen Knappen an, griff in den Zügel des Pferdes und rief: »Gib mir deinen Gaul! Und – hast du eine Waffe?«

Der junge Mann erkannte Rutgar, sprang aus dem Sattel und zog einen Morgenstern aus dem Mantelsack. Die Kette klirrte um die Stacheln der Eisenkugel. Aus der Richtung des Basars, des Stadttors und der Zitadelle rannten Bewaffnete, die nach einem Ziel zu suchen schienen. Rutgar schwang sich auf den Rücken des Braunen und sagte scharf: »Renn zu den Pilgern! Sie sollen sich sammeln und Peter hinterherlaufen.«

»Ich versuch’s, Jünger Rutgar.«

Rutgar wusste, was er zu tun hatte. Auf dem langen Weg hatte er es ein Dutzend Mal bewiesen. Er galoppierte an und ritt zwischen dem Lager der Pilger und der Stadtmauer auf der Straße entlang und schrie den Pilgern zu, nach Süden zu gehen und Peter zu folgen. Aber er sah, dass sich die Ritter zum Kampf bereit machten. Die Menge der Petschenegen, die aus der Zitadelle kamen, wurde größer, das aufgeregte Geschrei und das Hundegebell und das Waffenklirren von links und rechts wurden lauter. Drei bewaffnete Pilger galoppierten auf das Stadttor zu. Rutgar schwenkte den Morgenstern über dem Kopf und brüllte Befehle und Warnungen, aber niemand schien auf ihn zu hören.

Eine halbe Stunde später war jeder Versuch, den Kampf aufzuhalten, sinnlos geworden. Vom Rücken seines schäumenden Pferdes, das auf der Stelle tänzelte, rief Gottfried Burel, der sein Schwert gezogen hatte:

»Du hörst es, Jünger vom Prediger! Sie greifen an! Sie haben Walters Ritter erschlagen, und jetzt wollen sie uns aushungern und umbringen. Zu den Waffen!«

»Niemand hat den Sinehabere erschlagen! Es ist nur eine Streiterei zwischen ein paar Hitzköpfen!«, rief Rutgar. Er hob verzweifelt die Arme. Im Lager der Christen breitete sich Aufruhr aus. Rutgar ritt zurück zu seinem mageren Klepper und beruhigte das scheuende Tier, gab den Zügel einem aufgeregten Jungen und sprengte weiter. Schreie und Waffenklirren waren vom Tor zu hören, Pferde wieherten grell. »Mir haben sie gesagt, es geht um ein Paar Stiefel! Hört auf, greift nicht an!«

Der Ritter wies mit der Schwertspitze auf die Stadtmauer und die Rüstungen, deren Rostspuren die Steine fleckten. Rutgar fühlte sich, als reite er weit außerhalb des wirklichen Geschehens mit der Vorhut, die nicht zu diesem Haufen gehörte. Im gleichen Augenblick schlossen sich die schenkeldicken, eisenbeschlagenen Stadttore. Etliche Herzschläge später hörten Rutgar und der von Burel das hohle Poltern.

»Wenn sie nicht nachgeben, holen wir uns das Essen aus der Stadt!«, schrie Gottfried.

Walter von Tecks Hand fuhr zum Schwertgriff, als er neben Rutgar sein Pferd zügelte. »Die Ungarn haben sich mit den Bulgaren zusammengetan! Sie wollen uns ausrauben!«

Gottfried Burel wandelte sich plötzlich zu einem kämpferischen Anführer. Er hatte sich während des Pilgermarsches nicht einen Tag lang unrühmlich hervorgetan. Er riss trotz Rutgars beschwörender Worte sein Pferd herum und galoppierte auf die Ritter zu, deren Pferde von den aufgeregten Knechten gesattelt und herangeführt wurden. Ein Dutzend Gewappnete stiegen auf.

»Es ist nur ein Gerücht! Dummes Gerede von Pilgern, die nichts wissen. Haltet ein!«, rief Rutgar, aber seine Warnungen gingen im Geschrei unter.

Aus dem Lager wälzte sich ein wildes Heer; jeder, der eine Waffe besaß, einen Knüppel oder ein Messer, rannte zur Stadt, auch Frauen und selbst Kinder. Rutgar zerrte am Zügel des Pferdes, schlug ihm die Hacken in die Seiten und trieb das Tier zum Stadttor; er folgte wachsam der Menschenmasse. Er hatte nur sein Messer und den Morgenstern, um die Pilger und sich zu verteidigen.

»Haltet ein!«, schrie er und schwenkte seine Arme. Dann hob er die Waffe wieder über seinen Kopf. Er sah betroffen ein, dass ihm Peters Leute nicht gehorchten; sie hielten die Bewegung für eine Aufforderung zum Kampf. Auf den Mauern der Zitadelle, die Graf Guzz befehligte, erschienen bewaffnete Ungarn, während sich der kleine, streitende Haufen zum Tor zurückzog. Die Deutschen hatten die Söldner halb umringt und trieben sie vor sich her.

Einige Atemzüge später galoppierten Gottfried Burels Männer und das Gefolge Graf Tecks zwischen den löchrigen Zelten und den Strohhütten hervor, drängten sich zwischen die Fußkämpfer und setzten sich an deren Spitze.

Jean-Rutgar ahnte, dass er zu spät kam, um Peters Gefolgschaft aufhalten zu können; der wilde Blick, den ihm Gottfried Burel zuwarf, bewies es. Auf dem langen Weg bis nach Semlin hatten sich selbst die Jähzornigsten bezwungen, aber heute gewannen die Zuchtlosen innerhalb des Heeres die Oberhand.

»Sie werden morden und plündern!«, rief er. Er fürchtete das Schlimmste. Außerdem wussten die Pilger ebenso gut wie die wenigen Ritter, dass die Magazine der Zitadelle gefüllt waren; Waffen und hauptsächlich Vorräte lagerten dort, angeblich für viele Tausend Männer; mehr, als die Stadt Bewohner hatte.

Binnen weniger als einer halben Stunde brannten die Tore und waren die Mauern an den niedrigsten und schwächsten Stellen überwunden. Ohnmächtig musste Rutgar zusehen, dass sein Einfluss auf die Besonnenen im Heer in diesen Stunden völlig dahingeschwunden war; seine inbrünstigen Flüche und Befehle verhallten ungehört.

Die fränkischen Pilger hatten sich mit allem bewaffnet, womit man zuschlagen, stechen oder töten konnte. Die Ungarn, die völlig überrascht waren, wehrten sich verzweifelt, wurden zurückgetrieben und starben zu Dutzenden auf den Mauern und in den Sälen und Waffenkammern. Steine schwirrten durch die Luft, viele kleine Brände brachen aus, die Mauern hallten wider vom Schwertklirren ...

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