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Der Tag, an dem Phil Decker starb - Sammelband 5

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Ich fuhr mit beim Todesrennen
  4. Ich – der Ankläger
  5. Der Tag, an dem Phil Decker starb
  6. Der Mann, der Decker tötete
  7. Der Feind, der sich Phil Decker nannte
  8. Die unbekannte Macht

Ich fuhr mit beim Todesrennen

Die hagere Gestalt, die mit schleppenden Schritten auf den Eingang der Notaufnahme des New York Mesorial Hospital zuwankte, war gräßlich entstellt.

Blut troff aus unzähligen Wunden, verbrannte, geschwärzte Haut überdeckte den Körper des jungen Mannes, der sich keuchend auf die Glastür zuschleppte, durch die grelles Licht auf die nächtliche Straße fiel.

Nur mehr wenige Schritte …

Die Wunden verursachten schrecklichen Schmerz – doch der Junge spürte ihn nicht. Die bunten Flecke, die vor seinen Augen tanzten, lenkten ihn ab, gaukelten ihm vor, sich im Nirgendwo zu befinden, während sich sein geschundener Körper aufzulösen begann.

Endlich erreichte er die Glastür, fiel dagegen. Taumelnd stürzte er ins Innere der Notaufnahme …

»Doktor!«

Henrik Larsen, diensthabender Arzt der Nachtschicht, fuhr herum, als er den Schwerverletzten an der Eingangstür niedersinken sah.

Eine Krankenschwester und ein Pfleger stürzten heran, kümmerten sich um den jungen Mann, dessen großflächige Brandwunden ihn furchtbar entstellten. Blut pulsierte aus zahlreichen Wunden, die Kleidung des Jungen war an vielen Stellen mit der Haut zu einer geschwärzten Kruste verschmolzen.

»Verdammt!«

Larsen ließ die Kladde fallen, die er in Händen gehalten hatte, stürmte auf den Verletzten zu, während er seinen Pieper aus der Hosentasche riß und Alarm gab.

Mit raschen Handgriffen untersuchte er den Schwerverletzten, der wimmernde Laute von sich gab. Larsen unterdrückte die unzähligen Fragen, die ihm durch den Kopf schossen, konzentrierte sich darauf, dem Jungen zu helfen und sein Leben zu retten.

Hier.

Jetzt.

Die Türhälften des nahen Aufzugs öffneten sich, zwei Pfleger schossen mit einer Trage heran, auf die sie den Verletzten betteten.

»In den OP – sofort!« befahl Larsen.

»Ja, Sir«, bestätigten die Pfleger und wollten den Verletzten zum Aufzug schieben – als dieser einen durchdringenden Schrei von sich gab.

Der Junge bäumte sich auf, gebärdete sich wie von Sinnen. Aus weit aufgerissenen Augen, die wie Leuchtfeuer aus seinem blutigen, rußgeschwärzten Gesicht stachen, starrte er den Doktor an. Schließlich öffnete sich sein Mund, um lautlos Worte zu formen.

»Was?« fragte der Arzt und beugte sich weit hinab, um verstehen zu können, was der Verletzte sagte.

Es waren nur wenige Worte.

Eine Adresse.

»Park … Avenue … 228 …«

Dann fiel der Kopf des Verletzten zurück. Sein Körper entkrampfte sich, das Lodern in seinen Augen verlosch von einem Augenblick zum anderen.

Rasch untersuchte der Arzt den Patienten, konnte jedoch nur noch seinen Tod feststellen.

»Exitus«, sagte er leise.

Die Pfleger tauschten betroffene Blicke, versuchten zu begreifen, was geschehen war. Niemand fragte, ob Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet werden sollten.

Der junge Mann war bereits tot gewesen, als er die Schwelle der Notaufnahme passiert hatte.

***

Ich war müde und unausgeschlafen.

Ob es daran lag, daß wir bis spät in die Nacht hinein den Abschluß unseres letzten Falls in Sandys Bar gefeiert hatten, oder daran, daß ich Sandys gutem Bourbon ein wenig zu sehr zugesprochen hatte, vermochte ich nicht zu sagen. Tatsache war, daß ich ein häßliches Dröhnen in meinem Schädel verspürte, als Phil und ich am Morgen in Mr. Highs Büro saßen.

Eigentlich hätten wir beide unseren freien Tag haben sollen – doch ganz offenbar hatte sich in der Nacht etwas ereignet, das unseren Chef dazu bewogen hatte, unseren Urlaub zu streichen. Phil und ich waren an derartige Dinge längst gewöhnt – sie gehörten gewissermaßen zum Beruf eines G-man.

Dankbar nahm ich die Kaffeetasse entgegen, die Helen mir reichte. Ich nahm das würzige Getränk in mich auf, das der Welt beste Kaffeeköchin gebraut hatte, und hoffte darauf, daß es den Kampf gegen meine Kopfschmerzen gewinnen würde.

»Gentlemen«, meinte Mr. High mit gewinnendem Lächeln, »ich bedaure, daß ich Ihren freien Tag streichen mußte. Sie hätten ihn sicherlich verdient, nachdem Sie die Geldwäscher-Organisation von Amos Tafurian zerschlagen und seine verbrecherische Broker-Agentur ›Upgrade‹ dichtgemacht haben. Sie haben hervorragende Arbeit geleistet, und gerade Sie, Jerry, haben mal wieder Unmögliches möglich gemacht und Kopf und Kragen riskiert bei Ihrem Undercover-Job.«1)

»Leider ist uns Amos Tafurian durch die Lappen gegangen«, sagte ich.

»Trotzdem«, meinte Mr. High. »Hervorragende Arbeit. Und deshalb tut es mir sehr leid, Ihren freien Tag streichen zu müssen.«

»Aber nicht doch, Sir.« Phil schnitt eine Grimasse. »Ein G-man ist fünfundzwanzig Stunden am Tag im Dienst, acht Tage in der Woche, fünf Wochen im Monat …«

»Ich sehe, Sie haben das Prinzip begriffen, Phil«, lobte Mr. High ironisch, obgleich ich sehen konnte, daß unserem Chef und Mentor ganz und gar nicht zum Scherzen zumute war. Ich konnte förmlich spüren, daß ein neuer Fall in der Luft lag. Meine dienstliche Neugier erwachte, die gegen das Hämmern in meinem Schädel noch viel besser wirkte als das Koffein.

»Worum geht es, Sir?« erkundigte ich mich, als Helen den Raum wieder verlassen hatte.

»Vergangene Nacht«, kam der SAC des New Yorker FBI ohne weitere Umschweife auf den Punkt, »kam ein junger Mann in die Notaufnahme des New York Memorial Hospital. Er hatte schwere Brandwunden sowie innere wie äußere Verletzungen, an deren Folgen er noch in der Notaufnahme verstarb.«

Mr. High reichte Phil und mir Bilder, die im Untersuchungsraum der Pathologie gemacht worden waren. Ich mußte hart schlucken. Der arme Teufel war entsetzlich zugerichtet gewesen. Schwarz verbrannte Haut bedeckte seinen gesamten Körper.

»Zunächst«, fuhr Mr. High fort, »konnte niemand sagen, woher der junge Mann stammte und wobei er sich diese schrecklichen Verletzungen zugezogen hat. Dann fanden Beamte der City Police das ausgebrannte Wrack eines Sportwagens, der mit großer Geschwindigkeit gegen einen Pfeiler des Roosevelt Drive geprallt war. Die pathologische Untersuchung bestätigte den Verdacht …«

»… daß das Opfer der Besitzer des Sportwagens war«, mutmaßte Phil.

»Nein«, widersprach Mr. High wider Erwarten, »das wohl nicht. Anhand der Zähne konnten wir die Identität des Unfallopfers feststellen. Sein Name ist Ben Watson, wohnhaft in der South Bronx.«

»Der South Bronx«, echote Phil ein wenig ungläubig. »Was sagten Sie gleich, war das für ein Wagen?«

»Ein Sportwagen – ein Porsche, um genau zu sein. Das neueste Modell, gerade einen Monat zugelassen.«

Phil und ich tauschten einen vielsagenden Blick. Wenn ein junger Kerl aus einem der übelsten Bezirke der Stadt nachts mit einer Luxuskarre in der Eastside unterwegs war, konnte das eigentlich nur eines bedeuten – Watson hatte den Wagen geklaut.

»Es kommt noch besser, meine Herren«, kündigte Mr. High an. »Der Arzt, der in der Notaufnahme Dienst hatte, als Watson dort eintraf – ein gewisser Dr. Larsen –, wunderte sich darüber, daß der Junge in Anbetracht der Schwere seiner Verletzungen überhaupt noch laufen konnte. Immerhin mußte er vom Unfallort bis zum Krankenhaus fast eine halbe Meile zurücklegen.«

»Und?« fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits ahnte.

»Die Obduktion ergab, daß Watson zum Zeitpunkt des Unfalls unter Drogen stand. Nicht irgendwelche Designerdrogen, sondern harter Stoff.«

»Schön«, meinte Phil und legte seine Stirn in Falten. »Wir haben also einen Jungen aus der Bronx, der unter Dope einen Wagen knackt und ihn an die nächste Mauer setzt. Eine tragische Geschichte, Sir – aber doch eigentlich kein Fall für den FBI, oder?«

»Geduld, Phil«, ermahnte Mr. High meinen Partner nachsichtig. »Einem Bericht der City Police nach, der mich vor ein paar Tagen erreicht hat, mehren sich derartige Unfälle in letzter Zeit dramatisch. Vor zwei Wochen ist eine junge Frau auf die gleiche Art und Weise in Brooklyn verunglückt, zwei Tage später ein Puertoricaner in Queens. Letzte Woche ereignete sich ein ähnlicher Unfall auf Long Island.«

»Sie meinen, die Unfallopfer waren jedesmal Junkies?« hakte ich nach.

»So ist es, Jerry – und die Fahrzeuge, mit denen sie verunglückten, waren sündhaft teure Sportwagen, die in Manhattan und Brooklyn Heights gestohlen wurden. Dazu kommt, daß sich Berichte über gestohlene Sportwagen im Stadtgebiet häufen – nicht alarmierend, aber immerhin.«

»Hm«, machte ich. »Zufall?«

»Ich denke nicht, Jerry«, meinte Mr. High. »Bevor Ben Watson starb, sprach er ein paar Worte. Es war eine Adresse: Park Avenue 228.«

»Park Avenue 228?« wiederholte Phil. »Sollte uns diese Adresse etwas sagen?«

»Nicht unbedingt«, antwortete Mr. High. »Es ist ein Geschäftshaus an der Ecke Park und Zweiundsiebzigste, in dem eine Firma namens Trust Incorporated untergebracht ist. Trust wird vom Drogendezernat seit längerem verdächtigt, in Sachen Geldwäsche tätig zu sein.«

»Aha«, sagte ich, »und da wir gerade einen Geldwäscher-Fall abgeschlossen haben, dachten Sie, mit unseren neugewonnenen Erfahrungen wären Phil und ich genau die richtigen Leute für diese Angelegenheit.«

Mr. High lächelte fein. »Den Gedanken hatte ich tatsächlich, Jerry.«

»Und wie hängt das alles zusammen, Sir?«

»Die Frage ist natürlich, ob es überhaupt zusammenhängt«, meinte Mr. High. »Wenn ich mit meinem Verdacht jedoch richtig liege, müssen wir umgehend handeln.«

»Und wie sieht Ihr Verdacht aus, Sir?« wollte Phil wissen.

»Nun – seit einigen Wochen erhält der FBI regelmäßig Berichte des DEA, in denen von einem alarmierenden Anstieg des Drogenhandels in den Staaten New York und New Jersey berichtet wird. Offenbar ist irgendwer dabei, sich ein Netzwerk aufzubauen.«

»Hm«, machte ich. Nach dem Wegfall der Caprese-Familie2) war unter den Drogensyndikaten der Stadt ein gefährliches Machtvakuum entstanden. Gut möglich, daß jemand diese Situation nutzte, um … »Und Sie vermuten, daß dieser jemand in Zusammenhang mit den Autodiebstählen steht, Sir?« fragte ich.

»Richtig, Jerry. Die Verbindung zur Park Avenue könnte der Schlüssel sein. Nehmen wir einmal an, es gäbe jemanden, der mit gestohlenen Luxuswagen handelt – und sich ein Netzwerk aus jungen Drogensüchtigen aufgebaut hat, die diese Wagen für ihn stehlen …«

»Das wäre was!« entfuhr es Phil in Erinnerung an den dramatischen Fall, in dem wir uns mit Jack Caprese und seiner Familie angelegt hatten. »Eine neue Connection zwischen Drogendealern und Autohehlern!«

»Allerdings, Phil«, stimmte Mr. High zu. »Das letzte, was wir in dieser Stadt gebrauchen können, ist ein neues Drogensyndikat. Vier Todesfälle in Folge – das kann kein Zufall sein. Wer immer dafür Verantwortung trägt, schert sich nicht um Menschenleben. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was das bedeutet.«

»Verstanden, Sir.« Phil und ich nickten entschlossen. Mr. Highs Theorie klang ein wenig abenteuerlich, aber wir kannten unseren Chef lange genug, um zu wissen, daß er sich nicht auf Hirngespinste einließ.

Die Bedrohung, von der Mr. High sprach, war ohne Zweifel real – vier grauenhaft entstellte Leichen legten dafür stummes Zeugnis ab. Außerdem war mir die Erinnerung an den Caprese-Fall noch zu gegenwärtig.

»Ich werde June Clark und Annie Geraldo mit der Überprüfung von Trust Incorporated betrauen«, meinte Mr. High. »Sie beide, Gentlemen, werden unterdessen die Unfälle untersuchen und herauszufinden versuchen, was es damit auf sich hat. Und glauben Sie mir – ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie feststellen würden, daß ich mich irre.«

»In Ordnung, Sir«, bestätigte ich und nahm die Mappe mit den Unterlagen entgegen, die mir Mr. High über den Tisch reichte.

Es war ein ungewöhnlicher Fall, den uns unser Chef da anvertraut hatte – doch noch ahnten wir nicht, wie ungewöhnlich er noch werden würde …

***

Es war eine rasende Fahrt, ein Ritt auf züngelnden Flammen, ein Sturz in einen abgrundtiefen Schlund, dessen Wände mit bunten Farben gepflastert waren.

Es war der Himmel und die Hölle, das Leben und der Tod, Erlösung und Verdammnis.

Und so schnell, wie es begonnen hatte, war es vorbei. Die Farben verblaßten, ebenso wie die Ruhe und der Frieden, die noch vor Augenblicken geherrscht hatten.

Johnny Malone schlug die Augen auf, benötigte Minuten, um sich zu orientieren.

Allmählich schälten sich die grauen Konturen seiner Umgebung aus dem Halbdunkel, drang der beißende Geruch von Alkohol und Fäulnis in seine Nase.

Johnny schoß in die Höhe – und spürte, wie ihn schreckliche Übelkeit befiel. Wankend stolperte er zu der vergilbten, von Sprüngen durchzogenen Toilettenschüssel und übergab sich.

Anschließend trat er ans Waschbecken, benetzte sein Gesicht mit dem braunen Naß, das aus dem rostigen Hahn sickerte, blickte in den fleckigen Spiegel.

Im Licht der Mittagssonne, die in fahlen Streifen durch die Ritzen der Jalousie fiel, betrachtete er sich – das magere, beschissene Häufchen Elend, das von ihm übrig geblieben war.

Johnny sah die blasse Haut mit den roten Flecken, seine eingefallenen Wangen, sein wirr abstehendes Haar, die blutunterlaufenen Augen. Er hatte das Gefühl, einen Fremden zu sehen, und doch wußte er, daß er selbst es war, der ihn aus dem Spiegel anstarrte.

Vorwurfsvoll schien ihn sein Gegenüber zu mustern, der klamme Blick voll stummer Anklage.

Betroffen senkte Johnny den Blick, schämte sich vor sich selbst.

Er wußte, was er getan hatte, erinnerte sich an jede Einzelheit. Auch die Wirkung der Droge hatte nicht verhindern können, daß sich die Ereignisse der vergangenen Nacht unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt hatten.

Verschwommene Bilder tauchten vor ihm auf, verzerrt durch die Wirkung der Droge, aber deutlich genug, um ihm kalte Schauer über den Rücken zu jagen.

Er sah sich im Wagen sitzen, die Hände am Lenkrad.

Alles in ihm sehnte sich danach, Gas zu geben und loszufahren. Er wollte gewinnen, wer auch immer sein Gegner war. Er kannte die Folgen, kannte die Regeln – doch sie waren ihm gleichgültig.

Gequält blickte Johnny in den Spiegel. Die Regeln waren ihm immer gleichgültig gewesen – bis zu dieser Nacht …

Wieder sah er sich am Steuer sitzen, sah den Wagen des Gegners heranrollen – und erkannte den Mann, der am Lenkrad des roten Porsche saß.

Es war Ben Watson.

Ben.

Benny.

Sein bester Freund.

»Neeein!« hörte sich Johnny rufen – doch er wußte, daß es zu spät war. Er hatte eingewilligt, hatte den Pakt mit dem Teufel geschlossen. Es gab für ihn kein Zurück – ebensowenig wie für Benny.

Sie mußten tun, was man von ihnen verlangte, mußten kämpfen, um zu überleben. Ihre gepeinigten Körper zwangen sie dazu.

Eine dunkle Gestalt trat auf und trug ihnen die Regeln vor, die denkbar einfach waren.

Zwei Mann stiegen ein – nur einer stieg wieder aus.

Es war Gesetz, und sie wußten es.

Es war der Preis.

Alles in Johnny hatte sich dagegen gesträubt, es zu tun, doch als die Macht der Droge heiß und mächtig durch seine Adern pulsierte, hatte ihn das alte Gefühl von Kraft und Zuversicht erfüllt.

Er war ruhig geworden, hatte sich cool und überlegen gefühlt. Er war wild entschlossen gewesen, zu tun, was immer nötig war, um dieses wunderbare Gefühl zu verlängern, es nie wieder enden zu lassen.

Alles, was dazu nötig war …

Er sah, wie die Flagge geschwenkt wurde, und gab Gas.

Das Röhren der Motoren erfüllte sein Bewußtsein – auch jetzt noch, als er wieder in der Stille seines Apartments war, eines schäbigen Drecklochs, das außer ihm nur von Ratten und Kakerlaken bevölkert wurde.

Er hatte immer geglaubt, daß sein Leben nicht noch trostloser werden könnte.

Er hatte sich geirrt.

Johnny zuckte zusammen, als er die Explosion vor seinen Augen sah. Er hörte den gewaltigen Knall, nachdem sich Bennys Wagen mit Wucht in den Brückenpfeiler gebohrt hatte.

Johnny blickte in den Rückspiegel, sah, wie das kleiner werdende Wrack des Porsche in seine Bestandteile zerfetzt wurde. Rauchende Trümmer regneten nach allen Seiten – und inmitten des flammenden Infernos sah er eine menschliche Gestalt, die lichterloh brannte und panisch um Hilfe schrie.

Benny.

Johnny fühlte, wie Verzweiflung nach seinem Herzen griff. Tränen schossen ihm in die Augen.

Er hatte nicht gewollt, daß es so kam. Vor Jahren war Benny sein Freund gewesen, sein bester Freund. Bevor alles so trostlos und beschissen geworden war …

Er, Johnny Malone, war es gewesen, der Bens Wagen abgedrängt und gegen den Pfeiler geschickt hatte! Er war der Mörder seines besten Freundes!

Solange die Droge gewirkt hatte, war Johnny sein Handeln gut und richtig erschienen. Doch nun, da die Wirkung des Dope verflogen war, meldete sich etwas in ihm, das viel zu lange geschwiegen hatte.

Sein Gewissen.

Weinend sank Johnny in sich zusammen, wälzte sich über die morschen Bohlen des Fußbodens. Schmerz und Reue erfüllten ihn. Er hätte alles gegeben, um ungeschehen zu machen, was in der vergangenen Nacht passiert war.

Er hatte seinen besten Freund getötet, hatte ihn absichtlich in den Tod gehetzt. Er war schuldig, ohne jeden Zweifel.

Und er mußte büßen.

Er mußte aussteigen, solange noch Zeit dazu war, mußte sich den Bullen stellen und ihnen erzählen, was auf den nächtlichen Straßen der Stadt vor sich ging. Wenn sie erst merkten, was er vorhatte, würden sie ihn nicht gehen lassen.

In einem Anflug von Nüchternheit – dem ersten seit Wochen – nickte Johnny Malone entschieden.

Er würde aussteigen.

Das war er Benny schuldig.

***

June Clark und Annie Geraldo waren das schlagkräftigste G-women-Duo, das der New Yorker FBI je gesehen hatte. Diesmal jedoch hatte Mr. High die beiden dazu verdonnert, Recherchearbeit am Computer zu erledigen – ein Auftrag, der der resoluten Puertoricanerin Annie Geraldo nicht recht schmecken wollte.

»Mann«, stöhnte sie, während sie auf den Bildschirm des Computerterminals starrte und sich die Schläfen massierte. »Davon kriegt man ja Kopfschmerzen.«

»Reg dich ab, Schätzchen«, erwiderte June, die sich ihrerseits in den Fahndungscomputer eingeloggt hatte und auf den Datenbahnen des OCIS nach Informationen über eine Firma namens ›Trust Incorporated‹ suchte.

»Ich soll mich abregen?« rief Annie und verzog schmollend ihr hübsches Gesicht. »Jerry und Phil sind da draußen und dürfen böse Buben jagen, während wir hier mit Computerspielen beschäftigt sind.«

»Die beiden sind nicht zu beneiden«, meinte June und sandte ihrer Partnerin einen belehrenden Blick. »Die South Bronx ist alles andere als ein Spielplatz. Und außerdem …«

»Ich hab’ was!« meldete Annie plötzlich – und ihre Langeweile war von einem Augenblick zum anderen wie weggeblasen.

»Laß sehen«, sagte June und gesellte sich zu ihrer Kollegin, die wie gebannt auf den Monitor ihres Terminals starrte.

»Hier«, trug Annie vor, »Trust Incorporated. Das muß der Bericht des DEA sein, von dem Mr. High gesprochen hat. Die Firma existiert seit 1975 und ist in der Anlageberatung tätig. Die Kollegen von der Drug Enforcement vermuten allerdings, daß die Konten der Trust Inc. benutzt werden, um Drogengelder zu waschen.«

»Anlageberatung«, meinte June und schnaubte. »Mr. High hat recht. Die Parallelen zum ›Upgrade‹-Fall sind unverkennbar. Auch Tafurian trat als Anlageberater auf.«

»Trust steht seit vierzehn Monaten auf der roten Liste, allerdings konnte der Firma bislang nie etwas nachgewiesen werden. Keine Verbindungen zu ›Upgrade‹ oder Tafurian. Auch sonst scheinen alle Angestellten, die Trust beschäftigt, eine blütenweiße Weste zu haben. Keine schweren Jungs, keine Verdächtigen.«

»Ob Tafurian trotzdem dahintersteckt?« überlegte June laut.

Amos Tafurian war Jerry und Phil durch die Lappen gegangen. Nach ihm wurde noch gefahndet. Seine Organisation war zwar zerschlagen, aber der FBI suchte den Kopf der Bande in den gesamten Vereinigten Staaten.

Tafurian hatte vorgesorgt und sich absetzen können. Doch nicht nur die Polizei war hinter Tafurian her. Drei Wochen sollte die Fahndung nach ihm auf Hochtouren laufen, dann fand man seine Leiche. Die Mafia war schneller gewesen. Fünfhundert Millionen hatte das organisierte Verbrechen verloren, als Tafurians finstere Geschäfte aufgeflogen waren, und diesen Verlust hatten die Mafia-Häupter dem Geldwäscher nicht verziehen.3)

Doch davon konnten Annie und June zu diesem Zeitpunkt noch nichts wissen.

»Hier gibt es einige Verbindungen zu Firmen, die der Überwachung durch die Bundesbehörden und durch das DEA unterliegen«, berichtete Annie Geraldo. »Deswegen wohl auch der Verdacht der Geldwäsche gegen Trust Incorporated. Außerdem …«

»Was?« fragte June, als Annie plötzlich verstummte und eine weitere Suchanfrage auf den Weg durch das Datennetz schickte.

»Das ist interessant«, sagte die junge Agentin. »Laut Auskunft der Wirtschaftsbehörde gibt es einen stillen Teilhaber, der knapp die Hälfte der Firmenanteile an Trust Incorporated hält.«

»Tatsächlich? Und wer ist das?«

»Das wissen wir nicht. Alle Transaktionen werden über eine Schweizer Bank abgewickelt, die sich auf überseeische Investmentgeschäfte spezialisiert hat. An der Frage, wer dahintersteckt, haben sich die Kollegen von der Drogenfahndung bislang die Zähne ausgebissen.«

»Tja«, meinte June mit freudlosem Lächeln. »Das Schweizer Bankgeheimnis. Verläßlich wie eh und je.«

»Ja«, erwiderte Annie grinsend. »Erinnere mich daran, wenn ich mein nächstes Gehalt auf die hohe Kante lege.«

»Dieser stille Teilhaber«, überlegte June. »Amos Tafurian? Wäre es möglich, daß er die gleiche Masche gleich zweimal aufgezogen hat?«

Annie schüttelte den Kopf. »Kann ich mir nicht vorstellen. Anlagegeschäfte, die zur Geldwäsche genutzt werden – das kommt häufiger vor und ist gar keine so grandiose Idee, wie es zunächst erscheint.«

»Hast du auch wieder recht«, meinte June. »Wir sollten versuchen herauszubekommen, wer dieser stille Teilhaber ist. Vielleicht können wir Jerry und Phil damit weiterhelfen.«

»Wenn’s weiter nichts ist«, entgegnete Annie schulterzuckend und bedachte ihre Kollegin mit einem zweifelnden Blick. »Es waren ja auch nur die hochkarätigen Computerspezialisten des DEA, die sich daran die Zähne ausgebissen haben.«

»Das waren Männer, Schätzchen«, gab June mir breitem Grinsen zurück. »Wir hingegen werden die Sache mit weiblicher Intuition angehen …«

***

»Das war June«, erstattete mir Phil Bericht, während er sein Handy wieder zusammenklappte und zurück an den Gürtel steckte. »Offenbar haben sie und Annie etwas herausgefunden. Diese Firma, von der Big Daddy sprach …«

»Trust Incorporated«, erinnerte ich mich, während ich den Dienstwagen über die Amsterdam Avenue nach Norden steuerte.

»… hat offenbar einen stillen Teilhaber, über dessen Identität so gut wie nichts bekannt ist«, fuhr Phil fort. »Alle Transaktionen werden von einer Schweizer Bank getätigt.«

Ich streifte meinen Partner mit einem vielsagenden Blick. Je mehr wir uns mit diesem seltsamen Fall beschäftigten, desto überzeugter wurde ich, daß Mr. Highs Verdachtsmomente keine Hirngespinste waren – so sehr es sich unser SAC auch wünschen mochte.

»Au Mann«, stöhnte ich. »Nach dem ›Upgrade‹-Fall und der Sache jetzt können wir beide vermutlich den Job wechseln und uns selbst als Anlageberater ’ne goldne Nase verdienen.«

»Die beiden werden versuchen, etwas über diesen Mister X herauszufinden«, schloß Phil seinen Bericht.

»Na viel Glück«, meinte ich und rang mir ein Grinsen ab. »Annie am Computer, das ist wie Rambo in der Sonntagsschule.«

»Stimmt«, bestätigte Phil feixend. »Wenn das OCIS nicht die gewünschten Informationen ausspuckt, wird sie wahrscheinlich den Computer zusammenschlagen!«

»Ohne Zweifel«, sagte ich und amüsierte mich einen Augenblick lang mit der Vorstellung, wie unsere heißblütige Kollegin mit vernichtenden Karatehieben auf das Terminal eindrosch.

Im nächsten Moment verschwand das Lächeln aus meinem Gesicht.

Wir fuhren über die Interstate 87, die in einem weiten Bogen Manhattan und die Vorstädte verbindet und die Grenze zu einem ganz anderen New York bildet – einem New York, das durch seinen Verfall und seine hohe Kriminalitätsrate in der ganzen Welt zum Sinnbild für Gesetzlosigkeit und Verbrechen geworden ist: die Bronx.

Dank der konsequenten Kriminalitätsbekämpfung, die unter der Ägide von Bürgermeister Giuliani zu einem der Eckpfeiler der Politik der City Hall geworden war, war die Verbrechensrate in der Bronx zurückgegangen und manche Gebiete – wie zum Beispiel die Gegend um den Bronx-Zoo – sogar dabei, ihren alten Staus als Naherholungsgebiet für die New Yorker Bürger zurückzugewinnen.

All das konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Bronx allenfalls teilbefriedetes Gebiet war. In den schmutzigen Gassen und Straßenschluchten zwischen den verfallenen Mietskasernen fanden noch immer Bandenkriege statt. Schäbige Backsteinruinen wurden von Junkies bewohnt, zwielichtiges Gesindel hing Tag und Nacht an dunklen Ecken herum, Obdachlose versammelten sich um lodernde Feuer, die sie auf offener Straße entfachten.

Die Bronx war das Symbol für städtischen Verfall schlechthin – daran hatten auch die Bemühungen unserer Stadtregierung bislang nicht allzuviel ändern können.

Als ich unseren Dodge – wir hatten uns mit Bedacht ein älteres Modell aus dem Fuhrpark des FBI ausgesucht, um nicht allzusehr aufzufallen – ins Herz des südlichen Distrikts steuerte, ergriff mich jene eigenartige Trauer, die mich jedesmal überkommt, wenn ich meinen Fuß in jene dunklen Viertel unserer Stadt setze.

Hier, inmitten jener schmutzigen, von brüchigen Fassaden und geplünderten Autowracks gesäumten Straßen, hat der amerikanische Traum einen herben Rückschlag erlitten. Wer tagsüber hierher kommt, ist ziemlich tollkühn. Wer nachts seinen Fuß in diese Straßen setzt, ist lebensmüde.

»Dewster 1128«, sagte Phil gepreßt, dem es ebenso erging wie mir. »Dort ist es.«

Mein Partner zeigte auf das verbeulte Straßenschild, das von Rost überzogen und von Kugeln durchlöchert war. Ich setzte den Blinker und bog ab.

Die Straße, die sich vor uns erstreckte, unterschied sich in nichts von den anderen des Viertels. Verfallene Fassaden mit zerbrochenen Fenstern, verbeulte Wagen an den mit Unrat übersäten Gehsteigen. In Hauseingängen und Nischen standen Männer und Frauen, die die Krägen ihrer schäbigen Mäntel hochgeschlagen hatten oder speckige Kapuzen-Sweater trugen.

Einige von ihnen bedachten uns mit argwöhnischen Blicken, während wir langsam vorüberfuhren. Andere, die auf den Stufen der Hauseingänge kauerten und ihr Elend mit einer Flasche billigen Fusels zu vergessen suchten, schienen uns nicht mal zu bemerken. Wir sahen Obdachlose, die unter Wellblechmatten und Pappkartons hausten und ihre gesamte Habe in rostigen Einkaufswagen vor sich herschoben, Junkies, die mit sinnentleertem Blick auf dem Bordstein kauerten, junge Frauen, die ihren Körper feilboten für ein bißchen Stoff.

Es war deprimierend.

Gut, daß wir nicht in meinen neuen Jaguar gestiegen waren für diese Fahrt. Mit dem Wagen wären Phil und ich in dieser Umgebung aufgefallen wie bunte Hunde.

»Hier hat Watson gewohnt«, stellte Phil betont sachlich fest und deutete auf ein schäbiges Mietshaus, das zu unserer Rechten auftauchte. »Hausnummer 1128.«

Ich nickte und lenkte den Dodge an den Straßenrand, stellte den Motor ab. Wir stiegen aus, blickten uns um.

Ein paar verwahrloste Jugendliche standen vor dem Wohnblock beisammen und tuschelten miteinander. Langsam traten wir auf die Jungs zu, die ihr Gespräch sofort unterbrachen, als sie uns kommen sahen. Sie sandten uns unschuldige Blicke aus Augen, die nur zu deutlich verrieten, daß ihr junges Leben bereits am Ende war.

»Hallo, Jungs«, sagte Phil.

»Hey, Mann, wer sind Sie?« ließ sich einer der Jungen vernehmen, augenscheinlich der Anführer der Bande. »Lassen Sie uns in Ruhe, okay?«

»Okay«, antwortete Phil ungerührt. Dann griff er in seine Tasche und ließ seine Marke sehen. »Alles klar?« fragte er dann.

»FBI?« fragte der Wortführer der Gruppe mit schwerer Zunge. »Scheiße, Mann, was soll das? Wir haben nichts verbrochen.«

»Natürlich nicht«, entgegnete Phil. »Und ihr seid alle so clean wie der Fußboden im Weißen Haus.«

»Du hast’s erfaßt«, erwiderte der hagere Jüngling und entblößte seine gelben Zähne.

»In Ordnung, Jungs«, sagte ich, »wir sind nicht euretwegen hier, okay? Es geht um einen Kumpel von euch – einen gewissen Ben Watson …«

»Nie gehört«, behauptete der Wortführer prompt und wirkte plötzlich ein wenig nüchterner.

»Bist du sicher?« fragte ich.

»Vollkommen«, bestätigte der Junkie.

»Und ihr anderen?«

Ich erntete Kopfschütteln, Achselzucken und beharrliches Schweigen.

»Hat der Typ was ausgefressen?« fragte der Anführer.

»Nein«, gab ich zurück, »ich denke nicht. Die Sache ist nur – er ist tot.«

»Tot?« Für einen Augenblick huschte blankes Entsetzen über das Gesicht des Wortführers, ehe ihn die Wirkung der Droge wieder in die alte Gleichgültigkeit verfallen ließ. »Kann passieren«, meinte er schulterzuckend. »Ist ’ne rauhe Gegend hier.«

»Ja«, erwiderte ich bitter, »ist nicht zu übersehen.«

Einen Augenblick lang erwog ich, massiver zu werden und den Jungen in die Mangel zu nehmen, entschied mich aber dagegen. Es war nur zu deutlich zu erkennen, was die Jungs davon abhielt, den Mund aufzumachen.

Sie hatten Angst.

»Danke für eure Hilfe«, knurrte ich, dann drückten wir uns an den Jungs vorbei ins Innere des baufälligen Mietblocks.

Miefiger Gestank schlug uns aus der Dunkelheit entgegen. Eine Katze kreischte irgendwo aufgeschreckt, unzählige leise trippelnde Beine flohen vor uns in die Dunkelheit. Ratten. Oder Mäuse. Oder sonst was.

Über eine altersschwache Treppe gelangten Phil und ich in den zweiten Stock des Gebäudes, auf dessen Gang die Türen mehrerer Apartments mündeten. Die Bewohner hatten ihre Initialen in das morsche Holz der Türen geritzt, so daß wir keine Schwierigkeit hatten, die Bude zu finden, in der Ben Watson gewohnt hatte.

Wir tauschten einen düsteren Blick, dann trat Phil mit Wucht gegen die Tür.

Knarzend brach das Holz aus den Angeln, und das Türblatt kippte nach innen, landete mit dumpfem Schlag auf dem Boden.

Staub wirbelte auf, der im fahlen Sonnenlicht flirrte, das durch die von Sprüngen durchzogene Fensterscheibe des Wohnraums fiel.

Das Zimmer, in dem der verunglückte Junkie gehaust hatte, war ein wahres Loch – die Behausung eines Menschen, dem alles gleichgültig geworden war, der im Grunde bereits zu Lebzeiten tot gewesen war.

Frustriert stiegen wir in den Trümmern von Watsons verpfuschtem Leben herum, versuchten Hinweise zu finden, die Mr. Highs Verdacht widerlegen oder erhärten konnten.

Wir durchsuchten den einzigen Schrank der Wohnung, durchwühlten die Schubladen der Kommode.

Alles, was wir fanden, waren ein paar Pornohefte, ein zerknüllter Dollarschein – dazu Kerzen, verbogene Löffel und unzählige leere Spritzen, die überall in der Wohnung verstreut lagen.

»Verdammter Mist!« rief Phil und trat mit Wucht auf eine der Kanülen, so daß sie mit leisem Knacken zerbrach. »Ich hasse dieses verdammte Teufelszeug!«

»Ich auch, Alter«, sagte ich bitter, und namenloser Zorn erfüllte mich. Zorn auf diejenigen, die den jungen Leuten des Viertels den Dope verkauften, die Leben zerstörten, um sich selbst zu bereichern.

Kleine Dealer, die an jeder Straßenecke herumlungerten, größere Dealer, die das Viertel belieferten, Mittelsmänner, die den Stoff beschafften – und schließlich die großen Hintermänner, an die man so selten herankommt. Leute, die in der Park Avenue verkehren und deren Reichtum mit unschuldigen Leben erkauft ist.

»Scheiße, Alter«, knurrte ich, mich frustriert in all dem Elend umblickend, das uns umgab. »Dieser Junge hatte nichts von seinem Leben … überhaupt nichts. Und es endete, weil es immer wieder Typen gibt, die den Hals nicht voll genug kriegen können. Wenn Mr. High recht hat und eine Organisation hinter all dem steht, müssen wir diesen Kerlen unbedingt das Handwerk legen.«

»Das werden wir, Jerry«, knurrte Phil und ballte in hilfloser Wut die Fäuste. »Das werden wir …«

***

Keine Rennen mehr … nie mehr …

Johnny fröstelte, und sein hagerer Körper zitterte heftig.

Der Entzug begann sich bemerkbar zu machen – der Entzug von der Droge, die dafür gesorgt hatte, daß er sich stark und zufrieden fühlte … daß alles um ihn herum nicht so beschissen aussah, wie es nun mal war …

Er brauchte einen Trip, nur noch einen … Dann würde er stark genug sein, um sein Versprechen einzulösen und sich der Polizei zu stellen. Er mußte aussteigen, war es Benny schuldig …

Ein neuerliches Frösteln durchlief Johns Körper. Übelkeit befiel ihn, die Kraft schwand immer mehr aus seinen Muskeln.

Er brauchte seinen Dope, so wie die Luft zum Atmen. Er würde ersticken, wenn er keinen neuen Stoff bekam. Das Zeug war alles für ihn. Er brauchte es, um zu leben!

Die Schmerzen kamen.

Die Schmerzen, die Johnny so sehr fürchtete, die ihn lähmten und peinigten, vom Kopf bis hinab in seine Beine – und die sofort verschwanden, wenn der heiße Stoff durch seine Adern floß.

Er fühlte sich alt, verbraucht und elend, und je länger dieser Zustand andauerte, desto mehr war er bereit, alles zu tun, was nötig sein würde, um neuen Stoff zu kriegen.

Alles …

Als das Handy klingelte, zuckte Johnny zusammen.

Bäuchlings schleppte er sich auf den kleinen Apparat zu, der dort auf dem Boden lag, wo er ihn hatte fallen lassen.

»J-ja?«

»Ich bin es, Johnny«, meldete sich eine samtweiche Stimme, die Johnny gleichermaßen liebte wie fürchtete.

»H-hallo.«

»Wie geht es Dir, Johnny-Boy? Fühlst du dich gut?«

»N-nein, Sir.«

»Ah«, sagte die Stimme, »das hatte ich mir fast gedacht. Hast keinen Stoff mehr, was? Fühlst dich krank und elend …«

»J-ja …«

»Nun, Johnny-Boy – wie du weißt, kann ich dir helfen. Ich kann dafür sorgen, daß der Schmerz ganz schnell verschwindet. Du weißt, was du dafür zu tun hast …«

»Nein«, antwortete der Junge automatenhaft, »ich mache nicht mehr mit. Ich steige aus.«

Der Mann am anderen Ende der Verbindung lachte. »Das ist doch nicht dein Ernst, Johnny-Boy! Du wirst dich von diesem kleinen Zwischenfall letzte Nacht doch nicht abschrecken lassen! Watson kannte das Risiko, genau wie du. Es sind die Regeln, die schuld sind an seinem Tod, nicht du, Johnny! Und Ben kannte die Regeln. Er war einverstanden, oder nicht?«

»J-ja«, konnte John nur zustimmen.

»Na siehst du? Also was ist, Johnny? Ich biete dir das Paradies auf Erden – willst du es oder nicht?«

Johnny atmete tief durch. In seiner Lunge rasselte es. Er wollte nicht, doch er mußte. Alles in ihm sehnte sich danach, sein gepeinigter Körper zwang ihn dazu.

»J-ja«, bestätigte er – und der andere lachte.

»Ich dachte mir, daß du dabeisein würdest, Johnny-Boy. Also sperr die Ohren auf und hör gut zu, was ich dir zu sagen habe …«

***

»Weibliche Intuition!«

Frustriert hieb Annie Geraldo mit ihren kleinen, aber schlagkräftigen Fäusten auf das Lenkrad des Dienstwagens, den sie in einer Querstraße der Park Avenue abgestellt hatte. »Wenn das alles ist, wozu uns unsere Intuition befähigt, dann gute Nacht.«

»Nun reg dich schon ab«, munterte June sie auf, die neben Annie auf dem Beifahrersitz hockte und den Eingang des großen Geschäftshauses, das auf der anderen Seite der Straße lag, im Auge behielt. »Vorhin hast du dich noch beschwert, in unserem Büro versauern zu müssen, und nun …«

»Ganz bestimmt hatte ich nicht daran gedacht, eine Observierung durchzuführen«, stöhnte Annie. »Das ist ja noch schlimmer, als am Computer zu sitzen.«

»Aber es ist die einzige Möglichkeit, mehr über diese eigenartige Firma herauszubekommen. Wie du weißt, war unsere Suche im OCIS nicht gerade erfolgreich – also müssen die guten alten …«

»… todlangweiligen …«, fügte Annie hinzu.

»… dennoch bewährten Methoden herhalten«, beendete June augenzwinkernd ihren Satz.

Die Agentin wußte nur zu gut, daß ihre Kollegin es nicht wirklich ernst meinte. Sobald es darauf ankam, war auf Annie Verlaß – und nur das zählte.

Über das DEA und einige andere Dienststellen hatten sich die beiden Agentinnen eine Liste aller Angestellten besorgt, die für ›Trust Incorporated‹ arbeiteten – im ganzen zweiundvierzig Personen, von der Putzkolonne bis hinauf zum General Manager. Über die Sozialversicherungskartei hatten sie sich Bilder all dieser Angestellten besorgt – nun kam es darauf an, diese zu identifizieren.

Wenn ›Trust‹ wirklich für die Drogensyndikate tätig war, wie der DEA vermutete, mußten sich dafür Beweise finden lassen. Angestellte, die nur auf dem Papier existierten, Mittelsmänner, die sich als Personal tarnten und am hellichten Tag in der Firma aus- und eingingen. Es war eine verdammt mühsame Angelegenheit, aber es war der einzige Weg herauszufinden, was dort auf der anderen Straßenseite tatsächlich vor sich ging.

»Da kommt wieder einer«, sagte June.

Die beiden Agentinnen nahmen die Ferngläser zur Hand, die sie bei sich hatten, versuchten, den in einen dunklen Anzug gekleideten Mittdreißiger zu identifizieren, der eben den Eingang des Geschäftsgebäudes passierte.

»Art Lesley«, stellte Annie mit einem Blick auf die Referenzliste fest. »Stellvertretender Chefakquisitor. Geschätztes Jahreseinkommen 300.000 Dollar.«

»Wow!« rief June. »Vielleicht sollte ich den Jungen nach Dienst mal treffen.«

»Ja«, versetzte Annie bissig, »dann hättest du diesen Mistjob hier nicht mehr nötig.«

Die junge Agentin schnaubte, griff nach der Cola Light, die sie auf der Mittelkonsole des Chevy abgestellt hatte.

Sie würde eine Menge davon benötigen, bis sie alle zweiundvierzig Angestellten überprüft hatten …

***

Es war wie immer.

Alles, was die Stimme am Telefon gesagt hatte, traf zu.

Als Johnny aus dem Aufzug der Tiefgarage am Union Square trat, waren die Schmerzen verschwunden. Er verspürte noch immer jenes eigenartige innere Beben, das ihn jedesmal überkam, wenn sein Körper nach einem neuen Trip verlangte – doch seit er sich den Stoff verabreicht hatte, den ihm der Kerl in der Subway gegeben hatte, fühlte er sich schon bedeutend besser.

Es lief jedesmal nach dem gleichen Muster ab. Sobald Johnny zugesagt hatte, bekam er eine erste Lieferung, die ihm half, die erste Hälfte des Jobs gut hinter sich zu bringen. Ehe es dann richtig zur Sache ging, gab es eine zweite Spritze – und wenn er schließlich gewann, wartete die große Belohnung auf ihn.

Er hatte die Green Line nach Manhattan genommen und war am Union Square ausgestiegen. Über den Dienstboteneingang war er ins Innere des Gebäudekomplexes gelangt, in dem zahllose Bars und Restaurants untergebracht waren. Alles Lokalitäten, die in den Kreisen der Oberen Zehntausend zur Zeit mächtig angesagt waren.

Entsprechend war die Tiefgarage vollgestopft mit sündhaft teuren Schlitten, und während sich die reichen Säcke dort oben amüsierten, würde Johnny ungestört tun können, was man ihm aufgetragen hatte.

Leise schlich er sich an den Reihen geparkter Wagen entlang, sich vorsichtig vergewissernd, daß ihn niemand beobachtete. Sein Pulsschlag beschleunigte sich und dämpfte die Wirkung der Droge, so daß Johnny einigermaßen klar denken konnte.

488 – das war die Zahl, die man ihm genannt hatte.

Im Laufschritt klapperte Johnny die Parkbuchten ab, prüfte die Nummern, die mit gelber Farbe auf den nackten Beton gemalt waren.

Endlich stieß er auf die Parkbucht mit der bezeichneten Nummer und war nicht überrascht, dort tatsächlich einen schwarzen Ferrari des Typs 456M vorzufinden.

Es war ein europäisches Importmodell, das weder über eine Leistungsbremse verfügte, noch eine Wegfahrsperre besaß.

Geradezu ideal …

Rasch legte Johnny die Sporttasche ab, die er bei sich getragen hatte, entnahm ihr das Werkzeug, das er benötigte. Mit routinierten Griffen knackte der junge Junkie das Schloß der Fahrertür, ließ sich auf den karg gepolsterten Fahrersitz fallen.

Langsam zählte er in Gedanken einen Countdown. Bei neun hatte er die Verblendung der Lenkradsäule entfernt, bei fünf die Kabel freigelegt, und bei null begann der Motor des italienischen Wagens zu schnurren wie ein Kätzchen.

Rasch warf Johnny die Tasche mit dem Werkzeug auf den Beifahrersitz, legte den Gang ein und setzte zurück.

Er schaltete die Scheinwerfer des Sportwagens nicht ein, folgte den Pfeilen, die zur Ausfahrt der Tiefgarage führten.

Wem auch immer dieser Flitzer gehörte – er war so freundlich gewesen, das Parkbillet über dem Armaturenbrett liegenzulassen. Johnny mußte sich ein ausgelassenes Lachen verkneifen, als er das Ticket in den Automaten schob und sich die Schranke der Ausfahrt hob.

Übermütig, sich wie der König der Stadt fühlend, trat er das Gaspedal durch und ließ die Kupplung hart kommen.

Mit quietschenden Reifen schoß das Gefährt hinaus in die um diese nächtliche Stunde menschenleere Straße. Johnny stellte Radio und Casettendeck an, schob die Kassette ein, die er aus der Brusttasche seiner Jeansjacke gefingert hatte, und gab ein ausgelassenes Johlen von sich, als hektische Techno-Beats aus den Boxen des Sportwagens hämmerten.

In den Rhythmus der Musik versunken, der sein Bewußtsein erfüllte und ihn auf einer Welle der Euphorie davontrug, steuerte er den 456 durch die nächtliche Stadt zum Treffpunkt.

Er vermochte nicht zu sagen, wieviel Zeit vergangen war, als er endlich an der alten Lagerhalle an den Westdocks anlangte, die ihm als Treffpunkt genannt worden war.

Die Kerle mit den Anzügen und den dunklen Sonnenbrillen erwarteten ihn bereits, und auch sein Gegner schien schon da zu sein. Er fuhr einen schneeweißen Lamborghini Diablo. Ein angemessener Gegner, dachte Johnny, während er den pulsierenden Rhythmus in seinen Adern fühlte.

Einer der Männer in den Anzügen winkte ihn heran, bedeutete ihm, seinen Wagen neben dem Lamborghini an die Startlinie zu stellen.

Johnny kam der Aufforderung nach, ließ dann die Scheibe der Fahrertür herab.

»Den Krach abstellen!« forderte der Mann, der mit unbewegter Miene herantrat. »Das ist Musik, kein Krach. Das ist Kunst, Mann.«

»Abstellen, hab’ ich gesagt!«

Johnny gehorchte. Er wußte, daß er seine Belohnung nicht bekommen würde, wenn er sich nicht kooperativ verhielt.

Mit hektischen Griffen begann er, den linken Ärmel des Hemdes hochzukrempeln, dann hielt er seinen nackten Arm aus dem Fenster.

Der Mann mit der Brille brummte etwas Unverständliches, griff dann in die Tasche seines Jacketts und brachte eine Spritze zum Vorschein. Johnny genoß das Gefühl, wie sich die Nadel in seine Armbeuge bohrte.

Im nächsten Moment erfüllte ihn wieder die alte Zuversicht, und er war bereit, alles zu tun, um dieses Wohlgefühl zu erhalten. Es durfte niemals enden – und wenn er dafür morden mußte …

»Du kennst die Regeln«, sagte der Mann.

»Klar«, bestätigte Johnny gleichgültig. »Zwei steigen ein, nur einer steigt aus.«

»Merk es dir, Johnny«, knurrte der andere, »oder es geht euch beiden an den Kragen.«

»Verstanden.«

»Also dann los.«

Johnny bediente wieder den elektrischen Wagenheber, spielte mit dem Gaspedal, während er provokant zu dem weißen Lamborghini hinüberblickte.

Die Fenster des Sportwagens waren abgedunkelt. Johnny konnte nicht sehen, wer hinter dem Steuer saß.

Es war besser so.

Eine schlimme Erinnerung überkam Johnny, die von irgendwo aus seinem Unterbewußtsein kam.

Benny …

Für einen Sekundenbruchteil zuckte eine Folge von Bildern durch seinen Kopf, sah er eine menschliche Fackel und ein explodierendes Autowrack.

Im nächsten Moment war es schon wieder vorbei. Die Wolke, die sein Gemüt verfinstert hatte, zog weiter.

Johnny stellte das Cassettendeck wieder an, konzentrierte sich, während der hämmernde Techno erneut auf ihn einprasselte.

Einer der Kerle mit den Sonnenbrillen trat zwischen die beiden Wagen und schwenkte eine Flagge.

John trat die Kupplung durch, legte den Gang ein. Das Motorengeräusch des Ferrari schwoll an wie das Knurren eines hungrigen Raubtiers.

Wie in Zeitlupe sah der Junge die Flagge durch die Luft wirbeln. Dann war sie unten.

Jetzt!

Ruckartig ließ Johnny die Kupplung kommen – und wie vom Katapult geschleudert schoß der Ferrari davon, jagte mit atemberaubender Geschwindigkeit die einsame, von alten Lagerhäusern gesäumte Straße hinab.

Der Lamborghini hatte keinen so guten Start – doch schon auf den ersten Yards holte er auf. Der Fahrer schien nicht gewillt zu sein, Johnny den Preis ohne weiteres zu überlassen. Schließlich wußte auch er, worum es ging.

»Hey!« rief Johnny, als ihn das andere Gefährt von hinten rammte und ein harter Stoß den Ferrari durchlief. »Du willst Ärger, was?« schrie er über das Dröhnen des Techno-Beats hinweg. »Kannst du haben!«

Mit einem Ruck riß Johnny am Steuer, ließ seinen schwarzen Flitzer zur Seite ausbrechen.

Der Fahrer des Diablo witterte Morgenluft, hielt die Zeit für ein rasches Überholmanöver für gekommen.

Johnny ließ den Lamborghini bis auf halbe Höhe seines eigenen Fahrzeugs herankommen, dann machte er den Sack wieder zu. Blitzschnell riß er am Steuer, und der Ferrari pendelte wieder zurück, versetzte dem linken Kotflügel des Diablo einen heftigen Stoß.

Funken stoben, es krachte fürchterlich.

Der weiße Wagen wurde ein Stück zur Seite geworfen, verbeultes Blech blieb auf der Strecke.

»Yeah, so macht man das!« Johnny lachte ausgelassen, schaltete einen Gang zurück und trat das Gaspedal durch – mit Höllentempo raste der Ferrari davon.

Mit verzücktem Grinsen schaute der Junge auf den Tacho, der nach dem europäischen System beschriftet war.

150 Stundenkilometer … 180 … 200 …

Mit brüllendem Motor jagte der Ferrari die schmale Straße hinab, die sich zwischen den Lagerhäusern erstreckte, legte immer noch mehr an Tempo zu.

Johnny lachte ausgelassen, berauschte sich am Tempo.

230 … 250 … 270 …

Plötzlich gab es einen entsetzlichen Stoß.

Der Ferrari machte einen Sprung nach vorn, warf Johnny in die Gurte.

Ein Blick in den Spiegel verriet ihm, daß der Fahrer des Lamborghini noch nicht aufgesteckt hatte – das Rennen ging weiter!

Wut überkam Johnny plötzlich. Seinen Gegner im Rückspiegel im Auge behaltend, ließ er den Ferrari hin und her pendeln, suchte die Straße abzuriegeln, um den anderen am Überholen zu hindern.

Immer wieder setzte der Fahrer des Lamborghini zu neuen Überholversuchen an, doch Johnny war auf Zack, schaffte es, die Manöver seines Gegners vorauszuahnen und zu vereiteln.

Während sie mit knapp 300 Stundenkilometern die Straße hinabschossen, lieferten sich die beiden Wagen einen erbitterten Kampf. Immer wieder traf Metall auf Metall, flogen Funken, blieb beschädigtes Blech zurück.

Endlich tauchte die Wendemarke im Lichtkegel der Scheinwerfer auf.

Johnnys Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, während er den Turm aus alten Reifen heranrasen sah.

Die Wende war der gefährlichste Teil des Rennens. Nirgendwo war die Gefahr, von der Fahrbahn abzukommen und gegen eine Mauer zu prallen, so groß, nirgendwo hatte der Gegner so gute Chancen zum Überholen.

Er mußte die Kurve eng nehmen, ganz eng …

Die Wendemarke flog heran, Johnny hielt den Atem an.

Sein Herzschlag wollte aussetzen, alles in ihm verkrampfte sich. Er wartete bis zum letzten Augenblick ab, ließ den Diablo nicht aus den Augen.

Dann, in einem reaktionsschnellen Manöver, riß er das Lenkrad herum und zog gleichzeitig die Handbremse.

Die breiten Reifen des Ferrari protestierten energisch gegen die Gewalt, die ihnen angetan wurde, als das Heck des mächtigen Fahrzeugs auf rauchendem Gummi um die Wendemarke schlitterte.

Im nächsten Moment war der Ferrari um das Hindernis herum, und Johnny wollte Gas geben – als ihm bewußt wurde, daß der Lamborghini nicht länger im Rückspiegel zu sehen war.

Der Junge gab einen überraschten Laut von sich, warf den Kopf herum, ging dabei unwillkürlich vom Gas – und mußte mit ansehen, wie plötzlich ein weißer Blitz aus dem Nirgendwo heranschoß und an ihm vorbeizuckte.

»Verdammter Mist, was …?«

Ehe Johnny begriff, was geschah, starrte er in die schmalen Rücklichter des Lamborghini. Der gegnerische Fahrer war an ihm vorbeigezogen – und zum erstenmal, seit er diese Art von Rennen fuhr, war Johnny im Hintertreffen!

***

Luther Cochrane hatte nie viel davon gehalten, das Geld zu sparen, das er als Arbeiter an den Docks verdiente. Er zog es vor, seinen Lohn in eine der zahllosen Kneipen zu tragen, die es im Hafenviertel gab, und sich dafür gründlich vollaufen zu lassen.

Als Cochrane das »Ancors Aweigh« durch die Hintertür verließ und die Gasse entlangtorkelte, war er davon überzeugt, seine mühsam verdienten Kröten verdammt sinnvoll angelegt zu haben. Ein fröhliches Liedchen auf den Lippen machte er sich auf den Nachhauseweg, dabei die Gasse in ihrer gesamten Breite nutzend.

»Ssstrangers in ssse night, lalalalala – Jjjunge, bin ich breit – lalalalala la … was denn?«

Cochrane unterbrach sich plötzlich, als der dröhnende Lärm von Motoren an seine Ohren drang. Es war nicht das Geräusch von Autos, die irgendwo vorbeifuhren, sondern es klang, als würde gleich nebenan die Daytona 500 abgehalten.

Verblüfft blieb der Betrunkene stehen, warf einen vorsichtigen Blick die Gasse hinab – und zuckte zusammen, als ihn plötzlich grelles Scheinwerferlicht erfaßte.

Im nächsten Moment flog wie ein weißes Phantom ein Sportwagen heran, gefolgt von einem zweiten, der ihn erbarmungslos zu jagen schien.

»Verdammter Mist!«

Mit einem Sprung brachte sich Cochrane hinter einem Müllcontainer in Deckung, während die beiden Fahrzeuge mit brüllenden Motoren an ihm vorbeirasten. Er spürte einen kalten Luftzug, während er in seinem Versteck kauerte und sich fast übergeben mußte, denn der Schreck würgte ihm die vielen Whiskeys wieder hoch.

Im nächsten Augenblick war der Spuk vorbei.

Zögernd richtete sich Cochrane auf, warf einen Blick die Gasse hinab – doch von den beiden Sportwagen war nichts mehr zu sehen. Wie geisterhafte Erscheinungen waren sie aus dem Dunkel aufgetaucht und sofort wieder darin verschwunden – fast hätte man meinen können, sie wären nur ein Trugbild gewesen, das der Alkohol ihm vorgegaukelt hatte.

Durch den Schock war Cochrane nüchtern geworden.

Entsetzt starrte er die Gasse hinab, am ganzen Körper zitternd, und er schwor sich, mit der verdammten Sauferei aufzuhören …

***

Johnny hatte sein Entsetzen überwunden und trat das Gaspedal durch.

Er wurde in den harten Ledersitz gepreßt, als die Maschine des Ferrari den Wagen nach vorne katapultierte, die schmale Gasse entlang, die zu beiden Seiten von Backsteinmauern und Müllcontainern gesäumt wurde. Hier zu überholen, war ein riskantes Manöver, aber Johnny dachte nicht daran, so einfach aufzugeben. Er hatte nichts zu verlieren.

Wie ein Geschoß jagte der Ferrari durch die Gasse, ungeachtet der vielen Schlaglöcher, die die Fahrbahn übersäten. Mehrmals mußte Johnny Unrat ausweichen, der auf der Straße lag, zweimal rammte er Mülltonnen, die wie Raketen in den Himmel stiegen, als der flache Kühler des Sportwagens sie auf die Schippe nahm.

Unnachgiebig blieb Johnny seinem Gegner auf den Fersen, holte wieder auf. Der Abstand zwischen den beiden Sportwagens schmolz beständig. Nicht mehr lange, und Johnny würde ein Überholmanöver wagen können – aber hatte er hierzu überhaupt noch eine Chance?

Sein Gegner kannte die Regeln. Er würde alles daran setzen, ihn aussteigen zu lassen – und inmitten dieser engen Mauern hatte er alle Vorteile auf seiner Seite.

Ein Blick auf den Tacho: 230.

Die Federung des Ferrari fing die Unebenheiten ab – die Frage war, wie lange sich die Stoßdämpfer diese Gewalttour noch gefallen ließen.

Fieberhaft überlegte Johnny, was er unternehmen konnte. Sein Gegner würde keine Gnade walten lassen. Zwei stiegen ein, nur einer stieg aus – so lauteten die Regeln.

Verzweifelt holte er das letzte aus seiner Maschine heraus, fuhr auf den Lamborghini auf. Der weiße Sportwagen bekam einen satten Stoß, geriet ins Schleudern. Mit häßlichem Kreischen schrammte die Karosserie über die nackte Mauer, dann hatte der fremde Fahrer sein Gefährt wieder unter Kontrolle.

Johnny schluckte hart, sein Pulsschlag beschleunigte sich. Was sollte er tun? Zwei Drittel der Strecke hatten sie bereits hinter sich, die Zeit lief ihm davon!

Der Zufall kam ihm zu Hilfe.

Die Mauer auf der rechten Seite der Gasse wurde plötzlich von einer Einfahrt durchbrochen, die ins Innere einer großen Lagerhalle führte.

Reaktionsschnell riß Johnny am Steuer, schaffte es, seinen Ferrari trotz des hohen Tempos durch das enge Tor zu zwängen. Den unzähligen Betonpfeilern ausweichend, die das Dach der gewaltigen Halle stützten, warf Johnny immer wieder gehetzte Blicke in den Rückspiegel – und verfiel in grelles Triumphgeschrei, als er die Scheinwerfer des Lamborghini hinter sich erblickte.

Zwei stiegen ein, nur einer stieg aus.

So lauteten die Regeln.

Der Fahrer des Diablo konnte es sich nicht leisten, ins Ziel zu kommen, ohne daß er seinen Gegner erledigt hatte. Diesen Umstand hatte Johnny genutzt, um seinen Kontrahenten anzulocken. Es war nicht im Sinn der Regeln, sprach aber auch nicht dagegen. Es war mehr … ein Akt der Verzweiflung.

Hektisch riß Johnny am Steuer, steuerte seinen Ferrari durch die Wirrnis aus Betonpfeilern und umherstehenden Transportkisten, die unvermittelt aus der Dunkelheit herankamen.

Es war ein mörderischer Slalomkurs, den er vollführte. Die hämmernden Techno-Beats dröhnten in seinem Schädel, die Droge enthemmte ihn, ließ ihn halsbrecherische Manöver vollführen.

Der Fahrer des Lamborghini blieb ihm dennoch auf den Fersen. Mit geradezu unglaublicher Eleganz schlängelte sich der weiße Wagen zwischen den Hindernissen hindurch, schaffte es sogar, zum Ferrari aufzuschließen.

Dann tauchte das Haupttor der Halle vor ihnen auf – es war verschlossen.

Johnny holte tief Luft, wußte, daß er nicht mehr bremsen konnte. Es gab nur eine Möglichkeit …

Der junge Junkie biß die Zähne zusammen, schaltete einen Gang zurück und trat aufs Gaspedal.

Der Ferrari flog dem Holztor entgegen, das die Ausfahrt verschloß, bereit, sich mit seiner flachen Schnauze einen Weg ins Freie zu bohren.

Johnnys Herz begann zu rasen. Um sich selbst Mut zu machen, begann er lauthals zu brüllen.

Seine Augen weiteten sich, während das Hindernis immer näher kam – im nächsten Augenblick hatte er es erreicht.

Ein gewaltiger Schlag durchlief den Wagen, während ringsum infernalisches Ächzen und Bersten erklang.

Holzsplitter stoben nach allen Seiten, aber im nächsten Moment war es vorbei.

Plötzlich konnte Johnny wieder den klaren Sternenhimmel sehen, der sich im Wasser des Hudson River spiegelte, und brach in lautes Freudengeheul aus – das jedoch nicht lange währte.

Wie ein Raubtier sprang der Lamborghini durch die entstandene Öffnung, schoß auf rauchenden Reifen heran.

Wieder riß Johnny am Steuer, schaffte es, den Wagen seines Gegners am Überholen zu hindern. Im nächsten Moment waren die beiden Fahrzeuge in ein halsbrecherisches Kopf-an-Kopf-Rennen verstrickt, das parallel zur ursprünglichen Rennstrecke entlang der Piers verlief.

Die Betondecke, die sich zwischen den Dockanlagen und der Kaimauer erstreckte, war gerade breit genug für beide Fahrzeuge. Auf der Viertelmeile, die vor ihnen lag, würde sich das Rennen entscheiden, so oder so.

Johnny fluchte, als ihn der Lamborghini rammte und gegen die Backsteinmauer drängte.

Der linke Außenspiegel verabschiedete sich, mit ohrenbetäubendem Kreischen schrammte der Wagen an der Mauer entlang.

Johnny versuchte, sich aus der mißlichen Lage zu befreien. Mit fahrigen Bewegungen riß er am Steuer, holte das letzte aus seiner Maschine heraus und versuchte, sich von seinem Gegner abzusetzen – vergeblich.

Mit unnachgiebiger Gewalt preßte ihn der Lamborghini gegen die Mauer, an deren rauhen Ziegeln sich der Ferrari allmählich aufzureiben begann.

Mit häßlichem Klirren ging die Seitenscheibe zu Bruch, Johnny konnte die Wärme spüren, die durch die Reibung entstand.

Nicht mehr lange, und seine Reifen würden platzen – was dann geschah, war ihm nur allzu klar.

Er warf einen gehetzten Blick hinüber zum anderen Fahrzeug, glaubte einen Moment lang, eine hämisch grinsende Visage hinter den getönten Scheiben zu erkennen.

Plötzlich durchzuckte ihn der rettende Gedanke. Anstatt weiter Gas zu geben, stieg er in die Bremsen.

Der Fahrer des Lamborghini war auf dieses Manöver nicht gefaßt. Sein Fahrzeug schnellte davon, während Johnnys Ferrari – oder das, was noch davon übrig war – schlagartig zurückfiel.

Johnny atmete auf – er war frei!

Entschlossen rammte er einen niedrigeren Gang ins Getriebe und gab wieder Gas – und diesmal war er es, der seinen überraschten Gegner aufs Korn nahm.

Mit aufgeblendeten Scheinwerfern holte er auf und setzte bald hier, bald dort zum Überholen an. Der Lamborghini suchte seine Attacken abzuwehren, pendelte hektisch hin und her – und geriet plötzlich ins Schleudern.

Jetzt! hörte John eine Stimme in seinem Kopf rufen – und er zog am Lamborghini vorbei.

Sein Gegner setzte zu einer letzten, verzweifelten Attacke an, die ihm zum Verhängnis wurde. Im selben Moment, in dem der weiße Sportwagen heranschoß, um den Ferrari zu rammen, holte Johnny bereits wieder zum Schlag aus.

Das wuchtige Heck des Ferrari traf den Diablo mit voller Wucht. Der weiße Wagen brach zur Seite aus, schlingerte.

Bemüht, das Gefährt wieder unter Kontrolle zu bringen, riß der Fahrer am Steuer – und besiegelte damit sein Schicksal.

Bremsen quietschten, ein Reifen zerplatzte mit lautem Knall – und der Lamborghini überschlug sich spektakulär.

Zwei komplette Drehungen vollführte der Wagen um seine Längsachse, ehe er mit entsetzlicher Wucht auf dem Boden aufschlug.

Funken stoben, als er über den Beton schlitterte, der Kaimauer entgegen.

Im nächsten Moment stürzte das verbeulte Fahrzeug über den Rand des Kais, bohrte sich wie ein Torpedo ins dunkle Wasser des Flusses, der es in seinen gischtenden Fluten verschlang.

»Jaaa! Jaaaa!« Johnny ballte triumphierend die Fäuste, stimmte grelles Jubelgeheul an, während er seinen Ferrari die Siegerstraße hinabsteuerte.

Er hatte es geschafft, hatte das Rennen gewonnen. Nun wartete seine Belohnung auf ihn.

Er empfand weder Reue noch Mitleid für seinen verunglückten Gegner. Alles, was er wollte, war der Preis, das Gefühl, daß sein Glück niemals endete.

Der junge Junkie begann zu lachen, laut und hektisch, und sein Lachen war so laut, daß es das Hämmern des Techno-Beats übertönte.

Sein Triumph war vollkommen – für dieses Mal.

***

Die beiden Gestalten, die auf dem Dach des Lagerhauses standen, trugen teure Maßanzüge. Beide standen unbewegt, starrten auf die Gasse hinab, die soeben Schauplatz eines mörderischen Rennens gewesen war.

»Nun«, sagte der eine mit unverbindlichem Lächeln, »es ist vorbei. Ich hoffe, ich habe Ihnen nicht zuviel versprochen?«

»Es war ein außergewöhnliches Rennen«, erwiderte der andere, ein hagerer Typ mit angegrauten Schläfen und einer goldumrandeten Brille. »Auch wenn ich nicht sagen kann, daß ich mit dem Ausgang zufrieden bin.«

»Tragen Sie’s mit Fassung, Sir. Man kann nicht immer gewinnen. Spielschulden sind Ehrenschulden, nicht wahr?«

»Da haben Sie recht«, gab der andere zurück, griff in die Innentasche seines Jacketts und händigte dem anderen ein Kuvert aus. »Fünfzigtausend.«

»Die Bank bedankt sich«, sagte sein Gegenüber. »Es würde mich sehr freuen, Sie bald wieder begrüßen zu dürfen.«

»Mich auch«, versicherte der Mann mit der Goldbrille. »Informieren Sie mich, sobald sich wieder etwas tut. Ihre Rennen sind – wie soll ich sagen? – ziemlich außergewöhnlich.«

»Das will ich meinen«, gab der andere zurück. »Was ich Ihnen biete, ist nicht dieser Mist, den Sie im Fernsehen zu sehen kriegen. Das hier ist echt, jeder Augenblick davon – auch der Tod!«

***

Am nächsten Morgen wurden Phil und ich von Mr. High sehr früh aus den Federn geklingelt – die Hafenpolizei hatte das Wrack eines Fahrzeugs im Hudson entdeckt, und es sprach einiges dafür, daß dieser Fund mit unserem Fall zusammenhing.

Wir standen am Pier, als der Kran, den die Kollegen von der Harbour Police an der Kaimauer aufgefahren hatten, mit heiserem Summen anlief.

Mein Partner und ich tauschten einen vielsagenden Blick, während die Winde des Krans rotierte und Fuß um Fuß des fingerdicken Stahlseils aus der Tiefe zog. Neugierig traten wir an den Rand des Kais und starrten ins Wasser, auf dem ein schillernder Ölfilm schwamm.

Die schemenhaften Umrisse eines Autowracks wurden in der Tiefe erkennbar.

Schließlich kam ein italienischer Sportwagen zum Vorschein. Langsam schwenkte der Kran herum, setzte seine Last am Kai ab.

Das erste, was Phil und ich durch die zerbrochenen Scheiben des Wagens sahen, war eine Leiche – der leblose Körper eines Mannes, der gerade mal Mitte Zwanzig gewesen sein mochte.

Das Gesicht des armen Teufels war bleich und aufgedunsen. Mit weit aufgerissenen Augen saß er am Steuer – so als durchlebe er wieder und wieder den schrecklichen Moment, in dem das Fahrzeug über die Kaimauer gestürzt war.

Ich schauderte, als ich mit vorzustellen versuchte, wie die letzten Sekunden im Leben dieses Jungen abgelaufen waren. Angst, Panik, ein aussichtsloser Überlebenskampf.

Wir nahmen den Wagen und die Leiche in Augenschein, verschafften uns einen kurzen Überblick, ehe wir die Kollegen von der Spurensicherung heranwinkten.

Die Jungs von der Forensik nahmen sich das verbeulte Gefährt vor. Es war ein schneeweißer Lamborghini Diablo. Nach einer Weile gesellte sich Hank Goodey, der Leiter des Teams, zu uns und zog ein erstes Resümee.

»Okay«, meinte er, »sieht so aus, als hätten wir es mit einem ziemlich üblen Fall von Fahrerflucht zu tun.«

»Fahrerflucht?« Ich hob die Brauen.

»Ja, Jerry – wir fanden Spuren von schwarzem Lack an dem Fahrzeug, die zweifellos von einer Kollision stammen.«

»In Ordnung«, sagte ich. »Versucht, mehr darüber herauszubekommen. Ich will wissen, wie sich dieser Unfall ereignet hat.«

»Geht klar, Jerry.«

»Und ich brauche eine Blutanalyse der Leiche. Wir müssen wissen, ob der Fahrer zum Zeitpunkt des Unfalls unter Drogen stand.«

»Kein Problem«, bestätigte Hank, nahm einige Anmerkungen in seinem Notizbuch vor und ging dann zurück zu seinen Leuten.

Die Stelle, an der der Wagen über die Kaimauer hinausgeschossen war, war nicht schwer zu finden. Spuren von Lack und Trümmerteile ließen darauf schließen, daß sich der Wagen mehrmals überschlagen hatte, ehe er in den Fluß gestürzt war.

»Und jetzt?« fragte Phil ein wenig ratlos.

»Wir werden uns gedulden müssen, bis die Untersuchungsergebnisse vorliegen. Dann werden wir ja sehen, ob Mr. High recht hat oder ob …«

»Agent Cotton! Agent Cotton …!«

Ich wandte mich um, sah einen Officer der Hafenpolizei heraneilen, im Schlepp einen etwas verwahrlost wirkenden Mann mittleren Alters.

»Ja?«

»Dieser Mann hier«, erklärte der Polizist ein wenig atemlos, »behauptet, gesehen zu haben, wie sich der Unfall ereignet hat.«

»Tatsächlich?« Phil bedachte den Mittvierziger, der einfache Arbeitskleidung trug und uns aus großen Augen anstarrte, mit einem fragenden Blick.

»Sie beide arbeiten für den FBI?« wollte der Mann wissen.

»Ja.« Ich zückte meine Marke. »Special Agent Jerry Cotton. Das hier ist mein Partner, Special Agent Decker.«

»Freut mich, Sir.« Der Fremde machte Männchen, als wolle er vor uns salutieren, beschränkte sich dann aber darauf, uns die Hände zu schütteln. »Luther Cochrane«, stellte er sich vor, und dabei blies er mir seine Alkoholfahne ins Gesicht. »Ich arbeite drüben bei den Docks.«

»Sie sagten, Sie hätten etwas gesehen …«

»Das habe ich, Sir, ja. Es war dort drüben. Ich kam gerade aus der Kneipe, war mit ’n paar Kumpels dort und hatte ein oder zwei Whisky getrunken …«

Phil schnitt eine Grimasse, die deutlich zeigte, daß er den Mengenangaben des Zeugen nicht so ganz traute.

»Und was haben Sie gesehen, Mr. Cochrane?«

»Es war ein Rennen, Sir, ich schwör’s.«

»Ein Rennen?«

»Ja, Sir. Der weiße Wagen dort und der schwarze. Sie fuhren wie die Teufel, sage ich Ihnen. Hätten mich beinahe überfahren.«

»Und Sie sind sicher, es war ein Wettrennen?« fragte ich.

»Ja, genau.«

Phil und ich tauschten einen Blick.

»Bitte, G-men!« flehte uns der Dockarbeiter fast an, der unsere Gedanken zu erraten schien. »Sie müssen mir glauben. Ich gebe zu, daß ich vergangene Nacht mächtig einen sitzen hatte. Aber ich hab’ mir das bestimmt nicht eingebildet, okay? Dieses Rennen hat wirklich stattgefunden!«

Ich überlegte, betrachtete mir Cochrane mit prüfendem Blick. Immerhin – Hank hatte von einer Kollision mit einem schwarzen Wagen gesprochen …

»Der schwarze Wagen«, hakte ich deshalb nach. »Was für ein Fabrikat war er?«

»Ein Ferrari«, antwortete Cochrane mit fester Stimme. »Bei allem, was mir heilig ist, Sir – es war ein Ferrari. Er hat den Lamborghini gerammt und von der Straße gepustet. Hat sich ein paarmal überschlagen, der Lamborghini, ehe er in den Fluß gestürzt ist.«

»Hm«, machte ich. Cochranes Aussage deckte sich mit dem, was Hank bislang herausgefunden hatte. Es sprach also einiges dafür, daß der Dockarbeiter die Wahrheit sprach. Aber womit hatten wir es hier zu tun?

War Cochrane Zeuge einer Verfolgungsjagd geworden, eines Kampfes zwischen rivalisierenden Gangs? Oder hatten sich tatsächlich irgendwelche Verrückten ein Rennen mit gestohlenen Autos geliefert?

Der Lamborghini war als gestohlen gemeldet worden. Eine kurze Nachfrage bei der City Police würde darüber Aufschluß geben, ob in der vergangenen Nacht auch ein Ferrari gestohlen worden war.

Ich holte mein Handy hervor, tätigte einen kurzen Anruf und erhielt von den Kollegen der City Police die Bestätigung.

»Es stimmt«, informierte ich Phil. »Vergangene Nacht wurde aus einer Tiefgarage am Union Square ein Ferrari gestohlen.«

»Na wunderbar«, stöhnte mein Freund und Partner. »Und jetzt?«

»Werden wir alles daran setzen, den Wagen zu finden«, erklärte ich. »Finden wir ihn, finden wir vielleicht auch den Fahrer – und erhalten Antworten auf ein paar Fragen, die mir jetzt unter den Nägeln brennen …«

***

Der Mann, der in der Abgeschiedenheit seines Penthouse saß und auf das Terminal seines Computers blickte, grinste verzückt.

Gerade hatte er den Kontostand seiner Schweizer Anlage abgerufen – und zufrieden festgestellt, daß das Konto gut bestückt war.

Die Aktion begann sich auszuzahlen. Die Geschäfte entwickelten sich gut. Die Kontakte waren geknüpft, die Idee geradezu genial.

Seine Kunden standen Schlange, rissen sich geradezu darum, ihr borniertes Leben mit ein wenig Aufregung aufzupeppen.

Ihm konnte das nur recht sein.

Bei diesem Spiel konnte er nur gewinnen …

***

Der Bericht aus der Pathologie bestätigte unseren Verdacht: Der Fahrer des weißen Lamborghini hatte zum Zeitpunkt des Unfalls tatsächlich unter Drogen gestanden. Damit schien er das fünfte Opfer in einer ganzen Serie zu sein.

Das aber war leider auch schon der einzige »Erfolg«, den wir zu verbuchen hatten. Die Fahndung nach dem zweiten Fahrzeug gestaltete sich wie die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen.

Anhand von Trümmerstücken und der Lackspuren, die am Wrack des Lamborghini sowie am Mauerwerk gefunden worden waren, konnten Hank und sein Team den Wagentyp ermitteln, der an dem Rennen beteiligt gewesen war: ein schwarzer Ferrari 456M, ein sündhaft teures Importmodell, von dem es in New York ganze vier Stück gab.

Mr. Highs Theorie, es könnte sich bei der Diebstahlserie um ein neues Bündnis zwischen Autohehlern und den Drogensyndikaten handeln, geriet dadurch ins Wanken, denn normalerweise sind Profis nicht so dumm, sich an einem Wagen zu vergreifen, dessen Herkunft so leicht zurückverfolgt werden kann.

Was aber steckte dahinter? Was hatte es mit dem geheimnisvollen Rennen auf sich, das Luther Cochrane gesehen haben wollte? War es zu den übrigen Unfällen, bei denen junge Männer ihr Leben verloren hatten, ebenfalls auf diese Weise gekommen?

Die Untersuchungsergebnisse, die uns Hank schon bald vorlegte, bestätigten Cochranes Aussage – offenbar hatte es einen regelrechten Parcours gegeben, den die beiden Sportwagen befahren hatten.

Organisierte jemand diese Rennen?

Aber zu welchem Zweck?

Mit rauchenden Köpfen saßen Phil und ich in unserem Büro, von wo aus wir die Suche nach dem Ferrari koordinierten, warteten darauf, daß das Telefon klingelte und ein Beamter der City Police einen Erfolg vermeldete.

Das Telefon blieb stumm, der schwarze Ferrari unauffindbar.

Wir tappten im dunkeln. Weder wußten wir, was es mit diesen Rennen auf sich hatte, noch hatten wir eine Ahnung, wer dahintersteckte. Auch von June und Annie, die die Observierung des ›Trust‹-Gebäudes am Morgen wiederaufgenommen hatten, erhielten wir keine brauchbare Hinweise.

Gegen Nachmittag erreichte uns ein Anruf der Gerichtsmedizin. Das Opfer war identifiziert worden. Es handelte sich um Lewis Ferson, einen vorbestraften Junkie, der wie Ben Watson aus der Bronx stammte.

Phil und ich machten uns darauf noch einmal auf in die Bronx, um im Umfeld des Opfers nach Hinweisen zu suchen, aber wie zuvor stießen wir auf eine Mauer des Schweigens. Niemand wollte Ferson gekannt haben, keiner hatte etwas zu seinem Tod zu sagen.

War es tatsächlich Angst, die die Zungen der Menschen lähmte? Oder waren sie einfach nur gleichgültig geworden gegenüber ihrem Schicksal?

Ich wußte es nicht mehr zu sagen.

Existierte überhaupt eine Verbindung zwischen all diesen Todesfällen? Oder gehörten sie zum ganz normalen Alltag in unserer Stadt?

Keine der beiden Möglichkeiten gefiel mir …

***

Es war wie ein dunkles, abgrundtiefes Loch, in das Johnny stürzte. Ein Tunnel, durch den er jedesmal stürzte, wenn die Wirkung der Droge nachließ und der bunte Schein rings um ihn verblaßte.

Dann gab es für einen Moment einen Funken der Erkenntnis, einen Augenblick der Ernüchterung, der jedoch immer kürzer und seltener wurde. Johnny war dabei, einem ständigen Dämmerzustand zu verfallen, und er wußte es.

Es wurde ihm in dem Augenblick wieder einmal klar, als er die Augen aufschlug und aus seiner Trance erwachte, schwer und müde.

Stöhnend erhob er sich vom schmutzigen Boden seines Apartments, vollführte das tägliche Ritual, indem er zum Waschbecken ging und sich das Gesicht wusch.

Wieder blickte er in den Spiegel – und wieder kam er sich vor wie ein Fremder.

Konkrete Erinnerungen an die vergangene Nacht hatte er nicht, aber er wußte, daß er gewonnen haben mußte, sonst wäre er nicht hier … Johnny schauderte. Der Gedanke, daß sein Leben irgendwann enden konnte, ohne daß er es merkte, beunruhigte ihn.

Stöhnend rieb er sich die Augen, und mehr denn je überkam ihn der Wunsch aufzuhören, sich aus dem verfluchten Teufelskreis zu lösen, der ihn zwang, Nacht für Nacht auf Beutezug zu gehen, rastlos wie ein Vampir auf der Suche nach Blut.

Nicht mehr lange, und er würde tatsächlich zu einer Kreatur der Nacht geworden sein. Eine Kreatur, die man irgendwann tot auffand und in einen grauen Plastiksack steckte …

Der Junkie schüttelte sich vor Abscheu, während ihm Tränen in die Augen schossen.

Er wollte nicht so enden, war zu jung zum Sterben. Er mußte aufhören mit den Rennen, ehe es zu spät war.

Johnny faßte den jähen Entschluß, nicht länger zu warten. Seine Beine begannen bereits wieder zu schmerzen, ihm blieb nicht viel Zeit, ehe er wieder zum Sklaven der Sucht wurde.

Schwerfällig griff er nach dem Handy, das herrenlos auf dem Boden gelegen hatte. Sie hatten es ihm gegeben, damit er für sie jederzeit erreichbar war.

Er wollte, daß Schluß damit war, endgültig …

Müde wählte Johnny die Nummer.

»NYPD – wie können wir Ihnen helfen?«

»Vergangene Nacht wurde am Union Square ein Wagen gestohlen«, verkündete Johnny, ohne sich vorher vorzustellen und seinen Namen zu nennen. »Ein schwarzer Ferrari vom Typ 456M. Ich kann Ihnen sagen, wo Sie ihn finden.«

»Wer spricht dort? Bitte nennen Sie uns Ihren Namen und Ihre Anschrift.«

»Der Schrottplatz an der Weston Street«, sagte Johnny. »Dort sollten Sie mal nachsehen.«

»Wer spricht dort? Bitte, Sir, Ihren Namen …«

Johnny öffnete den Mund, war einen Augenblick lang versucht zu antworten – als es plötzlich energisch an die Tür seines Apartments klopfte.

»Sir …?«

In einem jähen Reflex drückte Johnny die Unterbrechungstaste, als die Tür seines Apartments auch schon geöffnet wurde und mehrere Männer eintraten, die alle dunkle Anzüge und dunkle Sonnenbrillen trugen.

Johnny erkannte sie.

Es waren die Kerle, die die Rennen veranstalteten, die die Regeln vortrugen und das Startzeichen gaben. Was, zum Henker, hatten sie in seiner Bude zu suchen?

Einen der Männer hatte Johnny noch nie gesehen. Er war kleinwüchsig und leicht untersetzt, hatte angegrautes Haar. Seine Züge waren zu einer eisernen Maske erstarrt, während er den Junkie durch die dunklen Gläser seiner Brille taxierte.

»Hast du gerade telefoniert, Johnny?« erkundigte er sich, auf das Handy deutend.

Johnny wußte nicht, worüber er mehr entsetzt sein sollte – darüber, daß ihn die Kerle beinahe auf frischer Tat ertappt hatten, oder darüber, daß er die Stimme dieses Typen erkannte!

Es war die Stimme, die ihn anrief, wenn ein neues Rennen bevorstand. Die Stimme, die ihm ein Ende seiner Qualen versprach. Die Stimme, die er zugleich liebte und fürchtete …

»Hast du telefoniert, Johnny?« wiederholte der Mann lauernd seine Frage.

»N-nein, Sir«, log Johnny hilflos, obwohl er ahnte, daß es wenig Zweck hatte.

»Armseliger kleiner Idiot.« Die Mundwinkel des Mannes verzerrten sich vor Abscheu. »Glaubst du im Ernst, wir sind so dämlich, dir ein Telefon zu schenken, das wir nicht abhören können?«

Die Erkenntnis traf Johnny wie ein Hammerschlag, drang in sein benebeltes Bewußtsein. Daran hatte er überhaupt nicht gedacht …

»Eigentlich bin ich gekommen, um dir persönlich zu deinem Sieg zu gratulieren, Johnny«, sagte der Besucher mit undeutbarem Lächeln, »aber nun muß ich feststellen, daß du mir gegenüber illoyal bist, du undankbarer kleiner Bastard.«

»N-nein, Sir«, beeilte sich Johnny zu erklären, während ihm die Knie weich wurden und ihn entsetzliche Übelkeit befiel. »Ich habe nichts verraten, das müssen Sie mir glauben …«

»Du bist ein guter Fahrer, Johnny-Boy – aber ein entsetzlich schlechter Lügner.«

Damit nickte der Mann zweien seiner Schergen zu, die vortraten und Johnny packten.

Der Junge wollte schreien, doch noch ehe sich auch nur ein einziger Laut seiner Kehle entringen konnte, bohrte sich die Mörderfaust eines der Schläger in seine Magengrube.

Ein hohles Pfeifen war alles, was Johnny zustande brachte, während er zu Boden sank.

»Was hast du dir dabei gedacht, die Bullen anzurufen?« zischte der Anführer der Schläger bedrohlich. »Du mieser kleiner Aasfresser, ist dir nicht klar, daß ich dich mit einer Hand zerquetschen kann?«

Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, nickte er seinen Schergen noch einmal zu, und eine Kanonade mörderischer Schläge prasselte auf Johnny nieder.

Der junge Junkie zuckte zusammen, als ihn die wütenden Hiebe trafen. Hilflos schirmte er seinen Kopf mit den Armen, flehte wimmernd um Gnade, bis die Schläger schließlich von ihm abließen.

»Du kannst deinem Schöpfer danken, daß du den Bullen nicht noch mehr erzählt hast, du kleine Ratte«, knurrte der Mann mit der dunklen Stimme. »Das mit dem Schrottplatz werden Gleason uns seine Jungs wieder in Ordnung bringen. Aber gibst du noch einmal so eine Vorstellung wie diese, wird es dein verkommener Körper sein, den die Polizei aus dem Hafenbecken zieht. Kapiert, Johnny?«

»Kapiert«, bestätigte der Junge, zu verängstigt, um noch mehr entgegnen zu können. Er zitterte am ganzen Leib, sein Magen wollte sich nach außen stülpen.

»Ich lasse dich leben – aus einem einzigen Grund: Du wirst weiter für mich Rennen fahren. Mach weiter so wie bisher und halt die Klappe, dann wird es dein Schaden nicht sein. Haben wir uns verstanden?«

»J-ja, Sir«, preßte Johnny hervor, sich vor Schmerz auf dem schmutzigen Boden windend.

»Hm«, machte der andere, griff in seine Tasche und angelte ein kleines Plastikröhrchen hervor, das er vor Johnny auf den Boden warf.

Der Junkie stürzte sich darauf wie ein ausgehungertes Tier auf den Knochen, geifernd, keuchend, von seinen Instinkten geleitet.

Voller Abscheu blickte der Mann mit der Sonnenbrille auf ihn herab.

»Ich werde dich anrufen, Johnny«, kündigte er an.

Dann verließen seine Männer und er das Apartment.

Zurück blieb ein verängstigter junger Mann, der am ganzen Körper zitterte und unter Entzugserscheinungen litt.

Rasch suchte er nach einer Spritze, füllte den Inhalt des Plastikröhrchens in die Kanüle und verabreichte sich den Schuß, genoß es, die Ruhe zu fühlen, die ihn von einem Augenblick zum anderen durchströmte. Die Wirklichkeit verschwand hinter einem dichten Vorhang, und schon einen Augenblick später hätte er nicht mehr zu sagen gewußt, ob der Besuch der Gangster Wirklichkeit gewesen war oder nur ein schrecklicher Alptraum …

***

Der Tip mit dem Schrottplatz war ein Volltreffer.

Zwar wußten wir nicht, wem wir den Hinweis zu verdanken hatten – der anonyme Anruf war zu kurz gewesen, um seinen Ursprung anpeilen zu können –, doch hatten wir jetzt den greifbaren Beweis dafür, daß sich Luther Cochrane die Sache mit dem Wagenrennen nicht nur eingebildet hatte.

Wenngleich dieser Beweis auf ein handliches Maß von einem Kubikmeter zusammengepreßt worden war.

»Eine Affenschande«, meinte Phil kopfschüttelnd, während wir auf das zu einem Würfel zusammengepreßte Stück Schrott starrten, das noch vor vierundzwanzig Stunden ein italienischer Sportflitzer gewesen war.

Nach einigem Suchen hatten wir das gute Stück in der Schrottpresse entdeckt. Offenbar hatte der Dieb besonderen Wert darauf gelegt, den gestohlenen Wagen möglichst rasch verschwinden zu lassen.

Anhand der Fahrgestellnummer war es uns dennoch möglich gewesen, den Schrotthaufen als die kümmerlichen Überreste des Wagens zu identifizieren, der vergangene Nacht in Manhattan gestohlen worden war und der an einem mörderischen Autorennen durch die Docks teilgenommen hatte.

»Ich verstehe das nicht«, rätselte Phil. »Wer stiehlt schon eine 150.000-Dollar-Karosse und verschrottet sie dann?«

»Jemand, der Angst hat, erwischt zu werden, Alter«, brummte ich.

Aber tatsächlich hatte auch ich keine Ahnung, was wirklich hinter dieser mysteriösen Sache steckte.

»Und Sie können sich wirklich nicht denken, wie dieses Fahrzeug auf Ihr Gelände gelangt sein könnte?« erkundigte ich mich bei Spencer Cooper, dem Besitzer des Schrottplatzes.

»Nee«, antwortete der in breitestem Brooklyn-Slang, während er auf seiner fetten Zigarre herumkaute. »Hab’ keine Ahnung, G-man. Hier liegt so viel Schrott rum, daß ich mich unmöglich an die Herkunft jedes Teils erinnern kann.«

»Nun ja«, sagte Phil, »aber ein fast nagelneuer Ferrari ist doch was anderes.« Cooper hob daraufhin nur die Schultern, wußte darauf nichts zu sagen.

»Okay«, murrte ich resignierend. »Haben Sie was dagegen, wenn wir uns hier ein wenig umschauen?«

»Nein, schauen Sie nur«, sagte der Schrotthändler und machte eine ausholende Geste, die das gesamte, von Bergen von Altmetall übersäte Areal einschloß. »Nehmen Sie mit, was Sie brauchen können. Ich mache Ihnen einen günstigen Preis.«

»Danke«, schnaubte Phil und sandte mir einen mißmutigen Blick. Cooper schien tatsächlich nichts zu wissen. Oder er war ein ziemlich talentierter Schauspieler.

Wir ließen den kauzigen Schrotthändler stehen, gingen dann die schmalen Gassen ab, die sich zwischen den Bergen von Schott erstreckten.

Ich zückte mein Handy, forderte bei der Zentrale Verstärkung an. Hank und seine Jungs sollten kommen und den Schrottplatz genau unter die Lupe nehmen. Zum einen fanden sie vielleicht den einen oder anderen Hinweis, zum anderen würde ein ganzes Rudel G-men Cooper vielleicht ein wenig unter Druck setzen, wenn er doch was wußte.

»Und, Alter?« erkundigte ich mich bei Phil. »Was denkst du?«

»Ich denke«, gab Phil zurück, »daß dieser Cooper mehr weiß, als er sagt. Allen scheint bei diesem Fall irgendwie der Mund zuzukleben. Allmählich komme ich mir ziemlich verschaukelt vor.«

»Ich auch, Alter«, bestätigte ich. »Irgendwie habe ich das Gefühl, daß wir der Lösung ganz nah sind, aber …«

Ich verstummte, als der Schrott um uns plötzlich lebendig zu werden begann.

***

»Jetzt!« hörte ich eine heisere Stimme rufen – und aus leeren Ölfässern und verbeulten Autowracks stiegen fünf grobschlächtige Gestalten, in ihren Händen so sympathische Gegenstände wie Ketten, Eisenstangen und Baseballschläger.

»Hey«, knurrte Phil. »Was wird denn das …?«

Die Kleiderschränke bauten sich rings um uns auf, entblößten ihre gelben Zähne. Die Muskelberge, die sich unter ihren schmutzigen Shirts abzeichneten, waren ziemlich beeindruckend. Die Typen schienen nur auf uns gewartet zu haben.

»Und, Gentlemen?« fragte ich trocken. »Was können wir für Sie tun?«

»Von hier verschwinden«, erklärte einer der Kerle, ein hünenhafter Glatzkopf mit stierem Blick. »Und zwar am besten mit gebrochenen Beinen.«

»Was soll das?« erkundigte sich Phil. »Seid ihr Jungs auf der Suche nach Ärger?«

»Nein«, widersprach der andere, »der Ärger ist auf der Suche nach euch …«

Damit sprang er vor, schwang den Baseballschläger, den er in Händen hielt, wie ein Steinzeitmensch seine Keule – und schlug zu.

Leichtfüßig sprang ich zurück, wich dem Hieb, der meinem Kopf gegolten hatte, blitzschnell aus.

Der Hüne grunzte verärgert, als sein Schlag ins Leere ging. Dann knurrte er einen knappen Befehl – und mit wildem Kampfgeschrei drangen seine hohlköpfigen Kumpane auf uns ein.

Ich sprang in die Luft, als einer der Kerle mit der Kette nach meinen Beinen schlug. Kaum war ich wieder auf dem Boden, schnellte mein rechtes Bein hoch, erwischte den Schläger am Kopf, und der Typ wurde zu Boden geschleudert.

Ein Kung-Fu-Tritt, den mir Annie Geraldo beigebracht hatte.

Sein Kamerad war schon aufgeweckter. Schnell wirbelte er herum und versetzte mir einen harten Stoß mit dem Ende der Eisenstange, die er in Händen hielt.

Ich ächzte und schnappte nach Luft, stürzte rücklings zu Boden und fand mich inmitten rostigen Altmetalls wieder.

Der Hüne setzte mit riesigen Schritten auf mich zu, holte aus und wollte mir den Rest geben.

Ich sah die Mordlust in seinen Augen blitzen und rollte mich zur Seite. Nur wenige Handbreit neben mir ging das mörderische Eisen nieder.

Rasch raffte ich mich auf, griff nach dem nächsten Stück Schrott, das ich in die Finger bekam – es war ein verbeulter Benzinkanister – und schlug damit zu.

Es donnerte hohl, als der Kanister auf den Quadratschädel des Hünen traf. Benommen torkelte der Kerl zurück. Ich wirbelte um meine Achse und versetzte ihm einen Kung-Fu-Tritt, der ihn geradewegs auf den nächsten Schrotthaufen beförderte.

»Da gehörst du hin, Kumpel«, knurrte ich. »Zum alten Eisen …«

Rasch wandte ich mich um und kam Phil zu Hilfe, der von drei Gegnern gleichzeitig attackiert wurde. Schießen konnte ich nicht – die Gefahr, Phil inmitten des Handgemenges zu treffen, war zu groß. Also ballte ich die Fäuste und stürzte mich in den Kampf.

Einer der Kerle – es war der Anführer – hatte sich von hinten an Phil herangeschlichen und schlug zu.

Meine Rechte zuckte vor, und der Benzinkanister lenkte den vernichtenden Schlag ab, den der Hüne hatte anbringen wollen.

»Verdammt«, grunzte er – und holte zu einem neuerlichen Hieb mit seiner Keule aus.

Mit vernichtender Wucht pfiff das Ding durch die Luft, wischte heran. Ich reagierte und wich zur Seite aus, konnte dennoch nicht verhindern, daß mich der Hieb an der Schulter traf.

Es knackte verdächtig in meinen Knochen, die Wucht des Schlages drohte mich auf die Bretter zu schicken. Mühsam hielt ich mich auf den Beinen, wollte zu einer Gegenattacke ansetzen – als das Schlagholz schon wieder herabzuckte.

Mit einem Hechtsprung warf ich mich nach vorn, unterlief den Schlag meines verblüfften Gegners und stürzte mich auf ihn. Mit dem Gewicht meines Körpers riß ich ihn von den Beinen, ließ dabei den Kanister fallen.

Der Hüne ächzte, als wir stürzten, schlug hart auf den Boden.

Mein Karatehieb traf sein Handgelenk. Der Kerl schrie schmerzvoll auf, ließ die Keule los.

Er fluchte lauthals, startete einen halbherzigen Versuch, mich abzuschütteln, den ich mit einer hammerharten Rechten quittierte.

Der Haken traf sein Kinn, reichte jedoch nicht aus, um ihn ins Reich der Träume zu schicken.

Ich wollte zu einem zweiten Schlag ansetzen, als ich plötzlich Phils Stimme hörte.

»Jerry …!«

Fast im selben Augenblick gewahrte ich den dunklen Schatten, der über mich fiel. Ich blickte hoch, erkannte die Silhouette eines Mannes, der eine Eisenstange hoch erhoben hatte, und warf mich blitzschnell zur Seite.

Mit vernichtender Wucht zuckte die Waffe herab, landete irrtümlich auf dem Kahlkopf des Anführers und knockte ihn aus.

»Verdammt!« rief der Typ, der blindlings zugeschlagen hatte – und holte aus, um seinen Fehler zu korrigieren.

Ich ließ ihn kein zweites Mal zuschlagen.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schoß meine Rechte vor und bohrte sich in die Magengrube des Schlägers.

Der Hüne stockte, erstarrte zur Salzsäule.

Ich schickte einen zweiten Schlag nach, der mitten im Gesicht des Kerls landete. Es gab ein häßliches Geräusch, als seine Nase wie eine überreife Frucht zerplatzte.

Blut spritzte und besudelte mich, meine rechte Hand schmerzte von dem harten Schlag – doch mein Gegner hatte genug.

Winselnd zog er sich zurück, stürzte Hals über Kopf davon.

Seine beiden angeschlagenen Kumpane rafften sich auf die Beine, zogen es ebenfalls vor, Fersengeld zu geben.

Auch Phils Gegner war bedient.

Als die Hammerrechte meines Partners durch seine Deckung drang und mit vernichtender Wucht an seinen Unterkiefer krachte, taumelte der Kerl zurück und fiel hin. Sofort raffte er sich jedoch wieder auf und rannte seinen fliehenden Kumpanen hinterher.

Schnaubend vor Wut wollte Phil ihm nach, doch ich hielt meinen Partner zurück.

»Was?« herrschte der mich voller Kampfeslust an. »Sollen wir diese Typen etwa entkommen lassen?«

»Durchaus nicht, Alter«, entgegnete ich, meine schmerzende Schulter reibend. »Sie waren so freundlich, ihren Anführer für uns zurückzulassen – da!«

Ich deutete auf den Schrotthaufen, auf dem der bewußtlose Anführer der Schlägerbande lag. Die Eisenstange seines Kumpanen hatte ihn ganz schön zugerichtet. Blut sickerte aus einer Platzwunde am Kopf. Soeben kam der Kerl wieder zu sich, machte Anstalten, sich aufzurichten.

»Schön dageblieben, Bürschchen!« preßte Phil aus blutenden Mundwinkeln hervor, während er vortrat und dem Kerl Handschellen anlegte. »Du hast das Recht, die Aussage zu verweigern, okay? Wenn du auf dieses Recht verzichtest, kann und wird dir alles, was du von jetzt an abläßt, vor Gericht um die Ohren gehauen werden …«

***

Es gab ein häßliches Geräusch, als das Handy auf den Boden traf und in seine Bestandteile zerbrach.

Der Mann, der das kleine Telefon geworfen hatte, stand am Fenster seines Penthouses, starrte wutentbrannt in die Straßenschluchten Manhattans hinab, durch die sich gleichgültig der Verkehr der abendlichen Rush-hour schleppte.

Es war ein Alptraum, konnte einfach nicht wahr sein!

Er hatte Gleason und seinen Leuten ausdrücklich gesagt, was sie zu tun hatten, falls irgendwelche Bullen auf dem Schrottplatz aufkreuzten. Er wollte keine Zeugen – und nun das!

Nicht genug damit, daß sich der dämliche Bandenchef und seine Leute mit zwei G-men des FBI angelegt hatten, sie hatten bei dem Fight auch noch den kürzeren gezogen!

Nun befand sich Gleason in der Gewalt der Feds, und alles war noch schlimmer als zuvor.

»Verdammt«, knurrte der Geschäftsmann, während sich seine Fäuste ballten, daß seine Knöchel weiß hervortraten.

Gleason würde auspacken, daran bestand kein Zweifel. Früher oder später würden ihn die Vernehmungsspezialisten des FBI dazu bringen, den Mund aufzumachen – und was dann?

Der Mann am Fenster bezweifelte, daß der Schläger aus der Bronx genug wußte, um ihm schaden zu können, doch er zog es vor, vorerst keine Rennen mehr abzuhalten. Die Aufmerksamkeit des FBI war geweckt, und sie noch weiter auf sich zu ziehen, wäre äußerst unklug gewesen.

Er mußte abwarten – und sich nötigenfalls absetzen …

***

Die Luft im Vernehmungsraum war warm und stickig.

Der Anführer des Schlägertrupps, den wir als Jack Gleason identifiziert hatten, einen einschlägig Vorbestraften, saß auf einem Stuhl in der Mitte des Raums, während Phil und ich ihn wie Geier das Aas umkreisten.

Bislang hatte es Gleason vorgezogen, beharrlich zu schweigen, doch am Zucken in seinem Gesicht konnte ich erkennen, daß seine Nerven allmählich dünner wurden …

»Also – was ist, Gleason?« fragte ich noch einmal. »Sie haben die Wahl. Auf tätlichen Angriff auf Bundesbeamte steht lebenslange Haft. Haben Sie Lust, den Rest Ihres Lebens auf Riker’s Island zu verbringen?«

Gleason schwieg zunächst, sandte mir aber einen haßerfüllten Blick unter dem Kopfverband hervor, dem wir ihm hatten anlegen lassen.

»Du kannst mich mal, G-man!« knurrte er dann, die Zähne gefletscht wie ein Hund, der um den letzten Knochen stritt.

Doch auch Schweiß perlte auf seinem Gesicht. Kalter Schweiß war es. Und seine muskulösen Glieder begannen auch zu zittern.

Es war mehr als deutlich, daß Gleason auf Entzug war, und es war nur eine Frage der Zeit, wie lange er da der nervlichen Belastung standhalten würde.

»Wer war euer Auftraggeber?« stellte ich noch mal die entscheidende Frage. »Wer hat euch gesagt, daß ihr uns auf dem Schrottplatz auflauern sollt?«

»Ich sage nichts«, beharrte Gleason.

»Meinetwegen«, sagte Phil achselzuckend. »Dann verschwindest du eben für den Rest deines jämmerlichen Lebens im Loch. Ich bin sicher, daß deine Kameraden es dir danken werden.«

»Was meinst du damit?«

»Was wohl?« Phil lachte freudlos. »Glaubst du im Ernst, die würden ebenso dichthalten wie du? Ich sage dir, Gleason, deine Jungs sitzen irgendwo, zugedröhnt wie die Papptüten, und lassen die Sau fliegen, während du hier bei uns sitzt!«

»Das ist nicht wahr!«

»O doch«, bohrte mein Partner weiter. »Das weißt du doch ganz genau. Warum haben sie dich nicht mitgenommen, als sie abgehauen sind? Diese Scheißkerle haben dich verraten, Gleason. Sie haben dich feige im Stich gelassen!«

»Nein«, widersprach der Schläger, und es klang fast flehend, »das haben sie nicht!«

»Doch, haben sie. Ich weiß es, und du weißt es auch. Deine Jungs haben nur daran gedacht, ihren eigenen Arsch zu retten, und du wirst für sie in den Knast wandern!«

»Ich will nicht in den Knast«, meinte der Hüne einfältig, während seine mächtigen Pranken zu beben begannen.

Es war erschütternd zu sehen, wie sich dieser Kleiderschrank von einem Mann vor unseren Augen immer mehr in ein Wrack verwandelte. Die Entzugserscheinungen wurden immer stärker. Nicht mehr lange, und Gleasons Widerstand würde zusammenbrechen.

»Sie sehen beschissen aus, Gleason«, stellte ich fest.

»Mir geht’s auch beschissen«, knurrte der Schläger. »Ich brauche dringend Dope.«

»Na klar«, meinte Phil und setzte das Lächeln eines Kellners auf. »Kommt sofort, der Herr. Wofür hältst du das hier, Gleason? Für ’n Heroincafé?«

Gleason sandte ihm einen unsicheren Blick, und mein Partner erkannte daran, daß es Zeit war, den Sack zuzumachen.

Einen Ausbruch von Wut vortäuschend, sprang er vor, packte den Hünen am Kragen und riß ihn trotz seines Körpergewichts zu sich hoch.

»Hör zu!« blaffte er ihn an. »Entweder du packst jetzt aus, wer deine Auftraggeber sind, oder ich schwöre dir, Gleason, du kommst hier nie wieder raus!«

»Aber«, jammerte der Hüne verzweifelt, »ich muß hier raus! Ich werde wahnsinnig hier drin! Ich brauche Dope!«

»Einen Scheiß kriegst du!« antwortete Phil hart.

Ich wußte, daß er tief in seinem Herzen Mitleid empfand für den kahlköpfigen Schläger, der im Grunde ein Opfer von vielen war. Die tragische Verkettung aus Kriminalität, Gewalt und Drogen, die in der Bronx noch immer herrschte, brachte Menschen wie ihn hervor. Aber wenn wir nicht irgendwo den Hebel ansetzten, hatten wir keine Hoffnung, jemals erfolgreich zu sein im Kampf gegen das Verbrechen.

Und Gleason war im Augenblick das schwächste Glied der Kette.

Verzweifelt versuchte er, sich herauszureden, versuchte es mit Fluchen, Flehen und Bitten. Verschwunden war der großmäulige Kerl, der seine Gang auf uns gehetzt hatte. Statt seiner kauerte nun ein Haufen menschlichen Elends vor uns, dessen Widerstand schmolz wie Eis in der Sonne.

Und schließlich brach die Kette.

»Okay«, wimmerte Gleason kleinlaut. »Ich werde euch erzählen, was ich weiß.«

»Meine Hochachtung«, sagte Phil bissig. »Also – wer hat die Sache angezettelt? In wessen Auftrag wart ihr unterwegs?«

»Ich … ich kenne den Kerl nicht, ehrlich«, versicherte Gleason mit zitternder Stimme. »Alles, was ich weiß, ist, daß er so ein reicher Pinkel aus Manhattan ist – und daß er uns guten Stoff besorgt.«

»Verstehe«, knurrte Phil, »und das war für dich Grund genug, zwei Polizisten anzugreifen.«

»Was sollten wir tun?« fragte Gleason. »Wir brauchten den Stoff!«

Phil erwiderte nichts darauf. Er wußte so gut wie ich, wie sinnlos es war, mit einem Junkie über seine Sucht zu debattieren. Ebensogut konnte man versuchen, einem Fisch das Schwimmen auszureden.

»Was wissen Sie über die Wagen?« fragte ich.

»Sie … werden gestohlen«, antwortete Gleason mit zitternder Stimme. »Wann immer sie gebraucht werden.«

»Gebraucht? Wofür?«

»Na, für die Rennen …« Gleason blickte auf, sandte mir einen verwunderten Blick aus seinen glasigen Augen. »Ihr Bullen habt keine Ahnung, worum es hier geht, oder?«

»Noch nicht«, gestand ich. »Aber Sie werden es uns sagen.«

»Kriege ich dafür Dope?«

»Dope!« Phil spuckte das Wort aus wie einen Brocken faules Fleisch, »Du hast größere Sorgen als deinen nächsten Trip, Gleason! Wenn du hübsch weitersingst, legen wir beim Staatsanwalt ein gutes Wort für dich ein. Andernfalls wird dir der Rest deines Lebens vorkommen wie eine lange, dunkle Nacht!«

»Die Rennen«, sagte der Junkie schnell. »Es geht um die Rennen!«

»Was soll das heißen?« fragte ich, mich an Luther Cochranes Aussage erinnernd.

»Sie veranstalten diese Rennen mit den gestohlenen Wagen« antwortete Gleason. Es fiel ihm immer schwerer, zusammenhängende Sätze zu formen. Wir mußten diese Vernehmung allmählich zu Ende bringen.

»Wer?« wollte ich wissen.

»Na, dieser Kerl aus Manhattan … der reiche Sack! Ich kenne seinen Namen nicht, ehrlich!«

»Was hat es mit diesen Rennen auf sich? Wo ist der Zusammenhang?«

»Sie verpflichten junge Fahrer dafür … Jungs aus der Bronx … Leute wie mich …«

»Junkies«, nannte Phil die Sache beim Namen.

»Ja, genau … Die Jungs fahren diese Rennen für ihn, und er gibt ihnen dafür, was sie brauchen.«

»Stoff«, stellte ich fest. Das erklärte, warum die »Unfallopfer«, die in den Wracks der Sportwagen gefunden worden waren, alle unter Drogen gestanden hatten.

»Moment mal«, hakte Phil nach. »Was soll das heißen, Gleason? Willst du uns erzählen, daß jemand diese illegalen Rennen organisiert? So wie die Daytona 500?«

»Wie die verdammten Daytona 500«, bestätigte der Junkie, der immer blasser wurde. Seine Züge fielen ein, er hatte zunehmend Mühe, sich auf dem Stuhl zu halten.

»Warum sollte jemand so etwas Verrücktes tun?«

»Scheiße, G-man, kapierst du denn nicht? Die Rennen … die sind der letzte Schrei unter den reichen Säcken … Die … verwetten ihre Kohle drauf … nichts ist so … so aufregend wie das richtige Leben … und der richtige Tod … versteht ihr …?«

Wir verstanden – und was wir hörten, gefiel uns überhaupt nicht. In seinem Zustand konnte Gleason schwerlich lügen. Uns blieb also nichts anderes, als seiner Aussage Glauben zu schenken.

Demnach hatten wir es bei diesem Fall mit äußerst skrupellosen Geschäftemachern zu tun, die die Drogenabhängigkeit junger Menschen dazu nutzten, sie für ihre menschenverachtenden Rennen zu mißbrauchen – und sie dabei nur noch weiter in die Abhängigkeit trieben.

Die vier Todesfälle hatten gezeigt, wie gefährlich diese Rennen waren. Und das alles nur, damit ein paar Typen aus der Upper Class einen aufregenden Abend hatten!

Nun endlich fügte sich alles zusammen, sahen wir klar.

Endlich wußten wir, worin die Verbindung zwischen den Autodiebstählen und den Drogenlieferungen bestand. Zwar sah sie ganz anders aus, als Mr. High vermutet hatte, aber ich bezweifelte, daß die Wahrheit unserem Chef viel besser gefallen würde als seine anfängliche Theorie.

»Sie sagten, der Veranstalter dieser Rennen käme aus Manhattan?«

»Ja«, bestätigte Gleason und machte fahrige Bewegungen mit seinen Armen. »Irgendein … ein reiches Arschloch … aus der … der Park Avenue …«

Park Avenue – Phil und ich tauschten einen Blick.

Dort residierte auch die Trust Incorporated, die verdächtige Anlagefirma, die June und Annie observierten. Zufall?

»Namen, Gleason! Wir brauchen Namen!«

»Ich kenne keinen Namen, G-man!« heiserte der Junkie panisch. Speichel troff aus seinen Mundwinkeln, seine Glieder verkrampften sich.

Ich wandte mich ab und zückte mein Handy, alarmierte Doc Reiser, während Phil weiter versuchte, etwas aus Gleason herauszubekommen.

»Nur … einen … Namen …«, erklärte der Junkie schließlich mit letzter Kraft.

»Welchen?«

»Es ist einer der Fahrer … ein Junge aus meinem Viertel …«

»Sein Name, Gleason. Wir brauchen seinen Namen.«

»Johnny«, keuchte der Junkie. »Johnny … Malone …«

Damit verlor er das Gleichgewicht und kippte vom Stuhl. Ich sprang vor und fing ihn auf, verhinderte, daß er auf das harte Linoleum schlug.

Im gleichen Moment flog die Tür des Vernehmungsraums auf, und Doc Reiser stürmte herein, seinen ...

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