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Jon Bent - Sammelband 4

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Wir und der High-Tech-Killer
  4. Fluchtpunkt L.A.
  5. Todesstrafe für Jon Bent
  6. Das Genie, die Geiseln und wir
  7. Wir – gefangen auf der Todesinsel
  8. Ich rechnete mit dem Teufel ab

Wir und der High-Tech-Killer

Es war ein Versuch.

Nicht mehr und nicht weniger.

Davon, wie erfolgreich er verlaufen würde, hing der Preis der Ware ab.

Der Mann, der im Dunkel seines mit Monitoren und Displays vollgestopften Arbeitszimmers saß, lächelte zuversichtlich.

Er war davon überzeugt, daß seine Entwicklung funktionieren würde. Es war nur eine winzig kleine Erfindung – aber waren es nicht stets die kleinen Dinge gewesen, die das Leben der Menschen grundlegend verändert hatten?

Diese Erfindung hingegen würde nicht das Leben der Menschen revolutionieren – sondern den Tod …

Luftraum über Jefferson Air Force Base Wisconsin

Mittwoch 6. Juli

10.48 a.m.

»Jefferson Tower, hier Renegade Fighter. Erbitte Landeerlaubnis.«

»Verstanden, Renegade Fighter«, kam die Stimme des Flugoffiziers über Funk zurück. Dann wurde die Kennung der zugeteilten Landebahn übermittelt.

Captain Willard Stevens checkte die Daten, legte dann den Steuerknüppel um und ließ seine F-16 zur Seite kippen.

Die tarnfarben gestrichene Maschine zog über die hügelige Landschaft hinweg, steuerte das nördliche Areal der Luftwaffenbasis an.

Konzentriert überprüfte Stevens die Kontrollen. Es war nur ein Übungsflug gewesen, aber der Offizier hatte es sich zur Regel gemacht, jeden Auftrag mit der größtmöglichen Sorgfalt durchzuführen. Diese Einstellung hatte ihm bereits des öfteren das Leben gerettet.

Pfeilschnell schnitt der stromlinienförmige Rumpf der F-16 durch die Luft, hielt dem Luftwaffenstützpunkt entgegen. Stevens ging die Landeprozeduren durch, drosselte die Geschwindigkeit, wollte das Fahrgestell des Jets ausfahren – als ihm ein rot blinkendes Alarmsignal verriet, daß etwas nicht in Ordnung war.

Das Fahrwerk ließ sich nicht ausfahren!

»Teufel auch!« knurrte Stevens, zu sehr der kühle Profi, um sich von einer Fehlfunktion wie dieser wirklich aus der Ruhe bringen zu lassen. Er führte eine Reihe von Routinemaßnahmen zur Behebung des Fehlers durch – erfolglos.

Rasch nahm er wieder Kontakt zum Tower auf.

»Tower, hier Renegade Fighter – kommen!«

»Renegade Fighter, hier Tower. Was gibt’s?«

»Wir haben ein Problem, Jungs«, erwiderte Stevens schlicht. »Probleme mit dem Fahrwerk. Es läßt sich nicht ausfahren.«

»In Ordnung, Renegade Fighter«, erwiderte die Stimme des jungen Flugoffiziers ruhig. »Versuchen Sie, das Fahrwerk manuell zu bedienen.«

»Hab’ ich schon versucht«, gab Stevens zurück. »Hat keinen Zweck.«

»Wechseln Sie den Primärschaltkreis und versuchen Sie eine Überbrückung. Wir …«

»Schon längst geschehen«, erwiderte Stevens, während er durch das Kanzelglas des Cockpits bereits die Gebäude der Luftwaffenbasis in der Ferne auftauchen sah. »Hat alles keinen Zweck. Ihr Jungs solltet euch besser etwas überlegen. Ich bin schon gleich bei euch – und mein Sprit ist fast alle.«

»Äh …« Der junge Offizier zögerte, offenbar von dem Problem überfordert.

Plötzlich hatte Stevens eine andere, tiefere Stimme im Kopfhörer. »Renegade Fighter, hier ist Colonel Marks.«

»Gott sei Dank, Sir.« Stevens atmete auf. »Tut gut, Ihre Stimme zu hören.«

»All right, Captain. Ihr Fahrwerk läßt sich nicht ausfahren?«

»Nein, Sir. Ich habe Probleme mit …« Der Captain unterbrach sich, als ein weiteres Alarmsignal aufleuchtete.

»Sir«, meldete er und hatte jetzt Mühe, dabei noch immer ganz ruhig zu bleiben. »Es ist die Seitensteuerung! Sie versagt!«

»Versuchen Sie zu überbrücken«, kam die Anweisung des Colonels rasch und präzise. »Gehen Sie auf Schaltkreis Delta.«

»Bestätige«, gab Stevens zurück, während seine behandschuhte Linke die betreffenden Schalter umlegte – ohne jede Wirkung. Immer wieder riß der Pilot am Steuerknüppel, doch die Maschine zeigte nicht die geringste Reaktion.

»Ich komme vom Kurs ab, Sir«, meldete er.

»Ruhig bleiben«, knurrte der Colonel. »Ganz ruhig. Nehmen Sie Tempo weg. Sie können noch immer gut runterkommen. Wir haben ein Rettungsteam draußen auf der Landebahn, das für Sie einen Teppich aus Schaum ausgerollt hat.«

»O danke, Sir«, gab Stevens zurück und rang sich ein Lächeln ab. »Zuviel der Ehre …« Er wollte der Anweisung des Colonel nachkommen und die Geschwindigkeit der Maschine reduzieren – doch zu seinem Entsetzen mußte er feststellen, daß auch die Triebwerke der F-16 nicht mehr auf die Steuerung reagierten.

Stevens fühlte, wie Panik in ihm aufkommen wollte.

Er mußte sich zusammennehmen, durfte nicht die Nerven verlieren. Wenn er in Panik geriet, gefährdete er nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Kameraden.

Die Gebäude des Militärflugplatzes rasten heran.

Noch einmal riß Stevens am Steuerknüppel, versuchte, die Maschine zur Seite ausbrechen zu lassen.

Es war ein aussichtsloses Unterfangen.

Der Captain schluckte hart.

Er verfügte über genügend Flugerfahrung, um abschätzen zu können, daß die Maschine geradewegs ins Gebäude der Flugplatzsicherung rasen würde, wenn sie den gegenwärtigen Kurs beibehielt. Dort arbeiteten über zweihundert Menschen …

»Sir?« fragte Stevens heiser.

»Das Ding ist gelaufen, Captain«, kam die Stimme des Colonels gefaßt zurück. »Steigen Sie aus!«

»Das kann ich nicht, Sir«, gab der Pilot zurück. »Wenn ich aussteige und die Maschine den gegenwärtigen Kurs beibehält, kracht sie direkt in die Basis.«

»Verdammt, Soldat!« scholl die Stimme des Colonels aus dem Kopfhörer. »Sie tun, was ich sage! Steigen Sie aus, das ist ein Befehl! Verstanden?«

»Aye, Sir«, bestätigte der Captain, »ich habe verstanden – und ich bedaure, daß ich Ihren Befehl nicht ausführen kann. Leben Sie wohl, Sir!«

Damit beendete Stevens die Verbindung.

Gebannt starrte er aus dem Kanzelglas, sah das langgestreckte Gebäude der Sicherungseinheit heranrasen – und zog mit aller Kraft am Steuerknüppel.

Was er vorhatte, war kein Heldenstück, nur ein ganz normaler Tausch.

Ein Leben gegen das von zweihundert …

Die Ruder blockierten, stemmten sich ächzend gegen die Gewalt, die ihnen angetan wurde. Die Maschine, die wie eine programmierte Rakete auf ihr Ziel zuschoß, bäumte sich auf, wurde kräftig durchgeschüttelt – aber irgendwie schaffte es Stevens, sie von ihrem todbringenden Kurs abzuwenden.

Die F-16 gewann ein wenig an Höhe.

Mit atemberaubender Geschwindigkeit schoß sie jedoch noch immer auf das Gebäude zu – und schrammte nur wenige Yards über das flache Dach hinweg.

Stevens gönnte sich den Luxus eines erleichterten Seufzers – dann verlor er endgültig die Kontrolle über die Maschine.

Leuchtdioden flammten im Cockpit auf, die verkündeten, daß so ziemlich jedes technische System im Flugzeug ausgefallen war – etwas, das nach menschlichem Ermessen gar nicht passieren konnte.

»Teufel auch, was ist hier los?«

Gebannt starrte der Captain auf die Anzeigen, die völlig verrückt zu spielen schienen, während das Flugzeug seine Horizontallage verlor und um seine Längsachse zu kreisen begann.

Stevens spürte, wie seine Sinne schwanden. Er sah den Boden heranrasen – und wußte, daß es zu spät war.

Er kam noch dazu, die ersten Worte eines Gebets zu sprechen, das er vor langer Zeit gelernt hatte – im nächsten Moment schlug die Maschine auf dem Boden auf, und die F-16 wurde von einer gewaltigen Explosion zerfetzt.

Ein grellroter Feuerball stieg auf, glühende, lodernde Trümmer wurden nach allen Seiten geschleudert.

Von fern waren die Sirenen von Feuerwehrtrucks zu hören, die über die Landebahn heranrasten, um den Brand zu löschen.

Für Willard Stevens aber, der durch seinen selbstlosen Einsatz Hunderten von Menschen das Leben gerettet hatte, kam jede Hilfe zu spät …

***

Elektrizitätswerk Silver Creek, Montana

Donnerstag, 7. Juli

11.55 p.m.

Malcolm Edwards mochte die Nachtschicht.

Er genoß es, in der Schaltzentrale zu sitzen und dem Wummern der mächtigen Turbinen zu lauschen, die tief unter der Erde ihre Arbeit versahen, während er von blinkenden Schalttafeln umgeben war.

Bisweilen – vor allem dann, wenn er zum großen Fenster des Schaltraums hinausblickte, jenseits dessen der sternklare Nachthimmel von Montana zu sehen war – kam sich Malcolm dann vor wie der Kommandant eines Raumschiffs, das unterwegs war, um in fremde Welten vorzustoßen. So wie die Jungs im Fernsehen, die sich fortwährend durch die Gegend beamten.

Der Techniker mußte lächeln, nahm noch einen tiefen Schluck Kaffee aus seinem Becher und machte sich dann auf den Weg für die stündliche Inspektionstour.

Mutterseelenallein machte er sich daran, den gewaltigen Kontrollraum zu inspizieren, die Werte an jedem einzelnen Display zu überprüfen. Seit der Staudamm am Silver Creek gebaut worden war, war es noch nie zu irgendeinem Störfall gekommen – und zumindest, soweit es Malcolms Schicht betraf, sollte dies auch so bleiben.

Die Kladde mit den Überprüfungsprotokollen in Händen, trat der Techniker auf das erste Display zu, las die Werte von Turbine Alpha ab.

Wie er vermutet hatte, bewegte sich alles im grünen Bereich. Dennoch führte Malcolm sorgfältig seine Bestandsaufnahme durch, trug die Werte in die Liste des Protokolls ein und vermerkte die Uhrzeit.

So ging es weiter.

Okay, es war nicht gerade ein interessanter Job, aber gerade während der Nachtschicht war er verdammt gut bezahlt. Uns Malcolm schätzte es überaus, sein eigener Herr zu sein, keine nervenden Kollegen am Hals zu haben, die ihm fortwährend von ihren Familien erzählten und ihm Bilder ihrer Kinder unter die Nase hielten.

Malcolm fühlte sich ganz wohl so allein, wie er war. Er selbst war sein bester Freund.

Ein fröhliches Liedchen vor sich hin pfeifend, machte der Techniker seine Runde. Sorgfältig nahm er die Routinechecks vor, füllte seine Liste aus – als sich urplötzlich etwas veränderte.

Einen Augenblick lang wußte Malcolm nicht zu sagen, was es war, dann wurde ihm klar, daß das Wummern der Generatoren schwächer geworden war. Im selben Moment sprang eine der Anzeigen auf Rot um, und ein schrill kreischender Ton erfüllte die Schaltzentrale.

Turbine Gamma war ausgefallen!

Malcolm stieß eine Verwünschung aus, ließ seine Kladde fallen und eilte mit riesigen Sprüngen zum Gamma-Display. Rasch überflog er alle Anzeigen, konnte jedoch keinen Mangel feststellen – dennoch zeigte das Sicherheitssystem eine Fehlermeldung an und gab vor, die Turbine als Vorsichtsmaßnahme abgeschaltet zu haben.

»Na schön«, knurrte Malcolm.

Wenn eine Turbine ausfiel, so war das noch kein Beinbruch. Die automatische Überbrückung sorgte dafür, daß die anderen Generatoren den Ausfall bis zu vierundzwanzig Stunden lang ausgleichen konnten. Zeit genug also, das Problem zu beheben.

Gerade wollte sich Malcolm daran machen, das Diagnoseprogramm laufen zu lassen, als erneut ein schriller Alarmton erklang – und die Turbinen Alpha und Beta einen Störfall meldeten!

»Verdammt!« rief der Techniker aus, sprang auf die rot blinkenden Anzeigen zu und rief die Notfallprogramme ab. Ohne jede Wirkung.

Die Sicherungsautomatik versagte, die beiden Generatoren gingen ebenfalls vom Netz.

Malcolm fuhr herum, blickte durch das breite Panoramafenster der Schaltzentrale – um zu sehen, wie die Lichter der Stadt, die sich jenseits des Canyons abzeichneten, schlagartig verloschen.

»Scheiße!« rief der Techniker, rannte mit fliegenden Schritten zum Notfalltelefon und riß den Hörer vom Apparat.

»Hier Edwards!« brüllte er in die Sprechmuschel. »Wir haben einen E-6! Ich wiederhole! Wir haben einen E-6 …«

Die letzten Worte des Technikers wurden fast erstickt, als sich eine weitere Turbine plärrend verabschiedete.

Das gesamte System schien außer Kontrolle, spielte völlig verrückt!

Mit fliegenden Schritten eilte Malcolm an die Schalttafeln zurück, verglich die Meßwerte der ausgefallenen Generatoren. Sie waren weitgehend gleich, ließen nicht auf einen Störfall im Generatorwerk selbst schließen. Offenbar war alles nur auf einen Fehler im Computersystem zurückzuführen.

An der Software konnte es nicht liegen, sonst hätte das Diagnoseprogramm bereits früher Alarm geschlagen. Vielleicht ein Fehler in der Hardware, ein Kurzschluß oder …

Kurz entschlossen machte sich der Techniker an der Deckplatte von Display Alpha zu schaffen, löste die Verschraubung und hob die matt schimmernde Metallplatte ab.

Dahinter kam ein verworrenes System von Kabeln, Drähten, Platinen und Leuchtdioden zum Vorschein, das jedem Außenstehenden nur Kopfschütteln abgerungen hätte – nicht so Malcolm.

Der Techniker kannte jeden einzelnen Draht, hatte sich so intensiv mit ihnen beschäftigt, daß er ihre Schaltpläne auswendig wußte. Rasch vergewisserte er sich, daß kein Strom mehr auf der abgeschalteten Maschine war. Dann unterzog er alles einer eingehenden Überprüfung, nahm dabei seine Hilfsgeräte zur Hand.

Es war detektivische Kleinarbeit, die der Techniker leistete, während er auf das Eintreffen der Bereitschaft wartete. »Verdammt!« murmelte er, während eine weitere Alarmsirene gellte. »Wo bleibt die Kavallerie? Ich komme mir vor wie der verdammte General Custer am Little Big Horn!«

Plötzlich stellte der Techniker eine Anomalie auf seinen Anzeigen fest. Ein Stromimpuls, den es nun, da der Generator abgeschaltet war, nicht mehr geben durfte. Offenbar war die Hauptsteuerung überbrückt worden. Vielleicht durch einen Kurzschluß oder …

Malcolm hielt den Atem an, als er ein paar Messungen vornahm und den Grund für die anomalen Werte ermittelte. Es war die Hauptplatine, die im Zentrum der Steuerungseinheit saß. Offenbar sandte sie falsche Impulse aus. Wenn er sie auswechselte, konnte er vielleicht …

Mit einer Pinzette griff Malcolm nach der Platine, deren Siliciumplättchen das Herz der Steuerungsanlage bildete. Doch kaum hatte er danach gegriffen, als plötzlich ein blau leuchtender Funke übersprang.

Der Techniker kam noch dazu, einen entsetzten Schrei auszustoßen – im nächsten Moment hatte ihn das blaue Leuchten erfaßt, schoß seinen Arm entlang und erfaßte seinen Körper.

Die Stromentladung durchzuckte ihn und tötete ihn auf der Stelle.

Als das Notfallteam einige Sekunden später eintraf, fand es nur mehr einen verkohlten Leichnam vor.

***

Manhattan, New York City

Subway-Haltestelle Green Line, 23. Straße

Freitag, 8. Juli

8.10 a.m.

Es ist jeden Morgen das gleiche Ritual: Tausende von Menschen mit Aktenkoffern und gravitätisch aussehenden Mienen wälzen sich die Stufen der Subway-Stationen hinab, drängen sich an den Bahnsteigen, um sich schließlich von den hoffnungslos überfüllten Waggons der NYCT zu ihrem Arbeitsplatz bringen zu lassen.

Die Green Line ist dabei traditionell eine der am meisten belasteten U-Bahn-Strecken. Sie führt vom Grand Concourse bis hinunter zur Wall Street und hat die Hauptlast des morgendlichen Berufsverkehrs zu tragen.

An diesem Tag war es nicht anders.

Hunderte ungeduldiger Menschen drängten sich am Bahnsteig unter der 23. Straße – Männer in gepflegten Anzügen, Frauen in schlichten, aber stilvollen Kostümen. Akten wurden noch schnell durchgesehen, Terminkalender um Rat befragt.

Die meisten der Männer und Frauen, die am Bahnsteig standen, waren mit dem Kopf schon längst im Büro. Nun mußten sie nur noch darauf warten, bis die beschränkten Kapazitäten der New York City Transit auch den Rest ihres Körpers zum Arbeitsplatz transportierten.

Als die silbernen, mit Graffiti verunzierten Wagen der Green Line in die Haltestelle einfuhren, durchlief ein Ruck die wartenden Fahrgäste. Zischend öffneten sich die Türen der Waggons, und mit ausdruckslosen Mienen drängten die Berufstätigen hinein.

Einige von ihnen hatten das Glück, einen Sitzplatz zu ergattern oder zumindest eine Deckenschlinge, an der sie sich festhalten konnten. Der Rest stand dicht an dicht, wankte, als der Zug anfuhr und in der dunklen Tunnelröhre verschwand.

Die schmutzige Neonbeleuchtung im Inneren der Waggons flackerte, was viele nicht davon abhielt, noch rasch den Börsenteil des ›Wall Street Journal‹ zu lesen. Andere tippten auf ihren Notebooks oder blätterten in Büchern herum, deren aufschlußreiche Titel versprachen, ihre Leser noch wohlhabender und erfolgreicher zu machen.

Es war ein ganz normaler Freitag morgen – bis zu diesem Augenblick!

Es begann mit einem durchdringenden Quietschen, das den Fahrgästen durch Mark und Bein fuhr. Einige von ihnen setzten ihre Lektüre ab, stoppten die Unterhaltung, die sie mit Kollegen geführt hatten, andere verharrten in Gleichgültigkeit.

Das Quietschen jedoch verstummte nicht, sondern steigerte sich, wurde so durchdringend, daß sich einige nun die Ohren zuhielten.

Im nächsten Moment durchlief ein dumpfer Schlag den ganzen Zug, der die Fahrgäste wild durcheinander warf.

Denjenigen, die sich irgendwo festgehalten hatten, gelang es, den Stand zu wahren. Die übrigen Fahrgäste verloren das Gleichgewicht, stürzten, fielen übereinander. Einzelne rutschten von ihren Sitzen, Notebooks fielen zu Boden und gingen zu Bruch.

Noch ehe sich die Fahrgäste von ihrem Schreck erholt hatten, durchlief ein weiterer Schlag die Waggons – und die Bahn begann zu beben, als finde ein Erdbeben der Stärke 8 statt.

Die Passagiere schrien auf, versuchten verzweifelt, sich irgendwo festzuhalten – vergeblich. Der Zug war aus den Gleisen gesprungen, ratterte über die Schwellen. Die Fahrgäste stürzten und stolperten, wurden wild umhergeschleudert.

Knochen brachen, Platzwunden klafften in zahllosen Gesichtern – doch es war noch nicht vorbei.

Wieder erklang das entsetzliche Kreischen. Der entgleiste Subway-Zug raste ungebremst in eine Kurve – und dann kippte er!

Die Männer und Frauen im Zug schrien in Todesangst. Es gab einen harten Aufschlag. Scheiben barsten, Menschen wurden wie Spielzeug durch die Luft geschleudert.

Panik, Schreie, Blut überall.

Dann erlosch das Licht in den Waggons.

Mit fast unvermindertem Tempo rutschte der Zug weiter, schrammte über den Schotter des Gleisbetts, dabei Funken sprühend, die die Tunnelröhre taghell erleuchteten.

Ein letzter, entsetzlicher Stoß, als der Triebwagen gegen die Tunnelwand prallte.

Die Schreie verstummten.

Es herrschte Stille.

Totenstille.

***

Es war Freitag morgen.

Ein schöner Tag.

Die Sonne stand bereits über den Häusern der Stadt, und ich hatte mir vorgenommen, diesen Tag einmal ganz ruhig angehen zu lassen.

Mr. High hatte Phil und mir für ein verlängertes Wochenende frei gegeben, damit wir uns nach dem Abschluß des letzten Falles ein wenig erholen konnten – immerhin hatte wir sein Leben gerettet, denn wir hatten Mr. High vor einer Wahnsinnigen schützen müssen, die sich an ihm hatte rächen wollen.

Doch das war jetzt vorbei, und in aller Seelenruhe duschte ich und kleidete mich an. Dann nahm ich am Eßtisch in der Kochecke meines Apartments Platz und bestrich mir zum Frühstück einen Bagel mit Frischkäse, während ich mich vom morgendlichen Radioprogramm berieseln ließ.

Gerade wollte ich in das Brötchen beißen, als sie die Meldung im Radio brachten.

»… wie wir soeben erfahren, hat sich auf der Subway-Strecke Green Line in Höhe Union Square ein schwerer Unfall ereignet. Bislang noch unbestätigten Meldungen zufolge ist ein Zug der Green Line entgleist und gegen die Wand des U-Bahn-Tunnels geprallt. Wieviele Menschen verletzt oder gar getötet wurden, läßt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen, doch in Anbetracht der Tatsache, daß sich der Unfall zur Stoßzeit des morgendlichen Berufsverkehrs ereignete, muß mit dem Schlimmsten gerechnet werden.«

»Oh, mein Gott«, sagte ich leise.

»Zahllose Helfer und Rettungskräfte sind bereits vor Ort im Einsatz, das NYPD hat die Gegend um den Union Square großflächig abgesperrt. Vor Ort ist jetzt unser Korrespondent Martin Griver, der live vom Ort des Unglücks berichtet. Können Sie mich hören, Martin?«

»Ich höre Sie, Charles«, kam die Stimme des Reporters zurück. »Ich stehe hier am Union Square und bin erschüttert von den Bildern, die ich hier sehe. Unzählige Rettungsmannschaften sind im Einsatz, dazu die Feuerwehr und Angehörige des Katastrophenschutzes. Es scheint die größte Katastrophe in der Geschichte unserer Stadt zu sein – zahllose Tote und Verwundete wurden von den Rettungskräften bereits geborgen.

Überall hier auf dem Platz wurden Bahren aufgestellt, ringen Notärzte um das Leben der Männer und Frauen, die in dem Unglückszug waren. Der Union Square gleicht in diesem Augenblick einem Kriegsschauplatz, überall quillt Staub und Rauch aus den Lüftungsschächten des U-Bahn-Tunnels …«

Ich ließ meinen Bagel sinken, legte ihn auf den Teller zurück. Der Appetit war mir gründlich vergangen. Katastrophen am frühen Morgen schlugen mir auf den Magen.

Betroffen mußte ich an die armen Menschen denken, die noch vor einer Stunde wohlauf und am Leben gewesen waren. Nichtsahnend waren sie in die Subway gestiegen, die sie wie jeden Morgen zur Arbeit hatte bringen sollen – heute jedoch hatte das Schicksal es anders für sie vorgesehen.

Ich schauderte bei dem Gedanken, malte mir aus, was jetzt am Union Square los war. Ich war selbst schon oft bei Katastropheneinsätzen dabei gewesen, wußte nur zu gut, was die Rettungshelfer dort unten in den dunklen U-Bahn-Schächten erwartete.

Grauen.

Tod.

Zerstörung.

Ich nahm einen Schluck Kaffee, der mir plötzlich ziemlich bitter schmeckte, hatte auch nicht mehr das Gefühl, daß es ein besonders schöner Freitag morgen war.

In diesem Moment klingelte das Telefon.

Ich stand vom Tisch auf und ging ran – und als ich die Stimme meines Vorgesetzten John D. High am anderen Ende vernahm, wußte ich, daß die Sache mit dem verlängerten Wochenende gelaufen war.

»Jerry«, meldete sich der SAC des New Yorker FBI, und seine sonst so ruhige Stimme klang dabei seltsam aufgeregt, »haben Sie schon von dem Unglück erfahren?«

»Ich hab’s gerade im Radio gehört, Sir«, bestätigte ich erschüttert. »Ein schrecklicher Unfall.«

»Allerdings, Jerry«, entgegnete Mr. High. »Wenn es ein Unfall war.«

»Wie bitte, Sir?« Ich glaubte, nicht recht zu hören. »Wie meinen Sie das?«

»Alles weitere später, Jerry«, gab der SAC knapp zurück. »Ich erwarte Sie und Phil in zwanzig Minuten bei mir im Büro. Ihr Urlaub ist bis auf weiteres gestrichen – tut mir leid.«

»Schon gut, Sir«, sagte ich. Nach den Andeutungen unseres Chefs hätte ich ohnehin keinen Augenblick mehr Ruhe gefunden.

Ich drückte die Unterbrechertaste, um dann sofort eine andere Nummer zu wählen – die meines Freundes und Partners Phil Decker.

So wie es aussah, hatten wir einen neuen Fall …

***

Knapp neunzehn Minuten später saßen wir in Mr. Highs Büro.

Phil war noch ein wenig anzusehen, daß ihn mein Anruf geradewegs aus den Federn gerissen hatte. Mein Partner war seltsam blaß um die Nase, sein blondes Haar hatte sich erfolgreich jedem Versuch widersetzt, es zu bändigen – und ich hegte den Verdacht, daß Phil die letzte Nacht nicht allein verbracht hatte, sondern in Gesellschaft einer hübschen Rothaarigen, die seine Energien gehörig beansprucht hatte.

»Gentlemen«, meinte Mr. High, der noch einen Arm in der Schlinge trug, denn er war bei unserem letzten Fall verletzt worden, »wie Sie wissen, hat sich heute morgen auf der Strecke der Green Line ein folgenschwerer Subway-Unfall ereignet. Die Rettungskräfte sind noch vor Ort mit Bergungsarbeiten beschäftigt, doch bereits jetzt können wir davon ausgehen, daß bei dem Unfall über zwanzig Menschen den Tod gefunden haben.«

»Mein Gott«, preßte Phil hervor. »So viele. Wie konnte das nur geschehen?«

»Das herauszufinden, wird die Aufgabe einer städtischen Untersuchungskommission sein, die sich mit der technischen Seite des Unfalls befassen wird.«

»Der technischen Seite, Sir?« Ich hob die Brauen. »Wieviel Seiten gibt es denn?«

»Nun«, gab Mr. High zurück, »da gibt es natürlich noch eine menschliche Seite – der Fahrer des Unglückszuges, ein gewisser Tom Hardman, soll Pressegerüchten zufolge Alkoholiker gewesen sein. Es wäre möglich, daß er den Unfall verursacht hat.«

»Kann er vernommen werden?« erkundigte sich Phil.

»Bedauerlicherweise nicht«, entgegnete Mr. High seufzend. »Hardman fand bei dem Unglück den Tod – er war im Führerhaus, als der Triebwagen gegen die Tunnelwand prallte, und starb noch an der Unfallstelle.«

»Und welche anderen Seiten gibt es noch?«

Mr. High schnitt eine Grimasse, zögerte mit der Antwort. »Eine kriminalistische«, antwortete er schließlich. »Offenbar besteht die Möglichkeit, daß es sich bei dem Unglück nicht um einen Unfall handelte, sondern um einen Anschlag.«

»Einen Anschlag, Sir?«

»Jedenfalls hält dies Bürgermeister Giuliani für möglich«, schränkte der SAC ein. »In den letzten Monaten gab es vermehrt Bombendrohungen gegen Einrichtungen des städtischen Transportdienstes.«

»Bombendrohungen«, echote ich. »Aber hier haben wir es nicht mit einer Bombenexplosion zu tun, oder?«

»Nein«, stimmte mir Mr. High zu. »Jedenfalls nicht nach unserem bisherigen Kenntnisstand. Der Bürgermeister wünscht jedoch trotzdem, daß wir den Fall untersuchen – schließlich könnte es sich auch um Sabotage handeln.«

»Sabotage?« Phil machte große Augen. »Aber … wer sollte ein Interesse daran haben, die New Yorker Subway zu sabotieren?«

»Es wird Ihre Aufgabe sein, das herauszufinden, Gentlemen«, entgegnete Mr. High. »Zum einen haben Sie gerade einen Fall abgeschlossen, zum anderen besitzen Sie beide das Fingerspitzengefühl, das für eine Untersuchung dieser Art nötig ist. Finden Sie heraus, ob der Unfall die Folge eines Anschlags war oder nicht. Bürgermeister Giuliani wünscht eine lückenlose Aufklärung.«

»Verstehe«, erwiderte ich. »Es könnte ja ein schlechtes Licht auf die Sicherheitsvorkehrungen in unserer Stadt werfen, wenn …«

»Es besteht kein Zweifel daran, daß der Bürgermeister nur das Beste für die Menschen dieser Stadt will«, unterbrach mich Mr. High. »Wenn auch nur der geringste Verdacht besteht, daß dieses Unglück nicht nur ein Unglück war, müssen wir ermitteln, damit sich so eine Katastrophe nicht morgen oder übermorgen wiederholt.«

»Verstanden, Sir«, sagte ich.

»Fahren Sie zum Unglücksort und schauen Sie sich dort um. Offen gestanden weiß ich nicht, ob ich Ihnen viel Erfolg wünschen soll. Es wäre mir lieber, Sie fänden nichts.«

»Uns auch, Sir«, bestätigte ich, während wir uns aus den Besuchersesseln erhoben und uns zum Gehen wandten. »Uns auch …«

***

Am Union Square war der Teufel los.

Wir hatten Schwierigkeiten, uns mit unserem Dienstwagen durch die Horden von Schaulustigen zu kämpfen. Sie drängten sich jenseits der Absperrungen, die das NYPD rings um den Platz errichtet hatte.

Der Verkehr auf dem Broadway war zum Erliegen gekommen. Hunderte von Wagen verstopften die Straße, nachdem der Union Square als wichtiger Verkehrsknotenpunkt vollständig abgeriegelt worden war.

Indem ich den Dienstwagen auf den breiten Bürgersteig lenkte und heftig von der Hupe Gebrauch machte, schafften Phil und ich es trotzdem, zur Absperrung vorzudringen. Ein bulliger PD-Sergeant baute sich vor uns auf, der uns grimmige Blicke zuwarf.

»Presse hat keinen Zutritt!« informierte er uns knapp.

»Hey, sehen wir etwa aus wie rasende Reporter?« rief Phil und ließ den Goliath seine Marke sehen.

Der grimmige Ausdruck verschwand aus dem Gesicht des Sergeants, und wir konnten passieren.

»Verbindlichen Dank«, sagte ich, dann fanden wir uns inmitten eines alptraumhaften Szenarios wieder.

Der Radioreporter hatte nicht übertrieben. Es sah tatsächlich aus, als wäre mitten in New York ein Krieg ausgebrochen.

Einsatzfahrzeuge der Polizei, der Feuerwehr, des Katastrophenschutzes und der Nationalgarde standen oder rannten umher, überall arbeiteten Teams von Ärzten und Rettungskräften, die sich um Verletzte kümmerten.

Eine gewaltige Staubwolke lag über dem Areal, die aus den Lüftungsschächten des Subway-Tunnels noch immer genährt wurde. Dazu lag hektisches Geschrei in der Luft. Verwundete stöhnten und jammerten laut, Männer und Frauen der Einsatzkräfte riefen einander hektische Befehle zu.

Phil und ich tauschten betroffene Blicke, während wir uns durch das wogende Chaos auf den Wartungsschacht zubewegten, durch den die Opfer über eine Seilwinde geborgen wurden. Dort stand Captain Luther Wyndress von der New Yorker Feuerwehr, den Phil und ich von früheren Einsätzen her kannten.

»So«, hörte ich den Captain – einen energischen Mitfünfziger mit Schnurrbart und angegrauten Haaren – sagen, während eine Bahre mit einem Verwundeten darauf aus der Tiefe gehoben wurde, »das war der letzte. Wir können von Glück sagen, daß nicht noch mehr Menschen in dieser Hölle da unten umgekommen si …« Der Feuerwehrmann unterbrach sich, als er Phil und mich erblickte.

»Also da soll doch«, rief er und lächelte trotz der Erschöpfung, die sein von Staub bedecktes Gesicht zeichnete. »Jerry Cotton und Phil Decker vom FBI! Was führt Sie beide denn hierher?«

»Ermittlungen, Sir«, antwortete ich ausweichend. »Können wir die Unglücksstelle besichtigen?«

Luther bedachte mich mit einem prüfenden Blick, nickte dann. »Natürlich«, meinte er. »Wenn Ihr Jungs vom FBI damit zu tun habt, ist es sicher was Ernstes. Laßt euch von meinen Leuten Schutzkleidung geben, dann fahren wir runter. Aber ich muß euch warnen, Jungs. Es wird euch nicht gefallen, was ihr seht …«

Minuten später schwebten wir auf der Transportplattform des improvisierten Aufzugs in die Tiefe.

Wir trugen die schwarzgelben Jacken des NYFD, dazu riesige Feuerwehrhelme, unter denen wir uns ziemlich albern vorkamen. In Anbetracht des Ortes, den wir besuchen wollten, waren sie jedoch mehr als angemessen.

Durch den dunklen Wartungsschacht sank die Transportplattform hinab. Allmählich wurde es heller, blendendes Scheinwerferlicht stach uns von unten entgegen.

Dann erreichten wir den Tunnelschacht, in dem sich das schreckliche Unglück ereignet hatte.

»Oh, mein Gott«, sagte Phil nur.

Es war ein schrecklicher Anblick.

Der U-Bahn-Zug war seitlich von den Gleisen gekippt, über die Schienen geschrammt und gegen die Tunnelwand geprallt.

Die letzten Wagen des Zuges waren weitgehend heil geblieben, während sich die vorderen in ein verworrenes Knäuel von Aluminium, Stahl und Kunststoff verwandelt hatten. Angehörige der Feuerwehr waren in dem von Flutlicht beleuchteten Tunnel dabei, dem Chaos mit Schneidbrennern zu Leibe zu rücken.

»Gibt es da drin noch Überlebende?« erkundigte ich mich betroffen, während der Aufzug auf dem Boden aufsetzte.

»Kaum.« Luther schüttelte den Kopf. »Bis jetzt haben wir sechsundzwanzig Tote geborgen und über einhundert Verletzte. Dabei können wir noch von Glück sagen. Die Sache hätte noch viel schlimmer ausgehen können.«

»Ich weiß nicht«, meinte Phil tonlos, während wir am Wrack eines Waggons vorübergingen. »Ich finde das alles schon schlimm genug.«

Ich schluckte hart, konnte meinem Partner nur aus tiefster Seele beipflichten. Und ich schwor mir, daß wenn es einen Verantwortlichen für dieses schreckliche Unglück gab, wir ihn finden und zur Rechenschaft ziehen würden.

»Kennt man schon die Ursache des Unglücks?« fragte ich, während wir über verbeulte Metalltrümmer hinwegstiegen.

»Ein Expertenteam ist gerade dabei, den Triebwagen zu untersuchen«, gab der NYFD-Captain zurück, »oder besser das, was noch davon übrig ist. Der Fahrer der Subway ist bei dem Unfall gestorben – armer Teufel.«

»Ich weiß«, sagte ich. »Der Presse zufolge könnte er die Schuld an dem Unglück tragen.«

»Das sieht diesen Pressefritzen ähnlich«, knurrte Luther. »Das Unglück ist kaum passiert, da wissen sie schon alles besser. Keiner dieser Schmierfinken war hier unten und hat sich das alles angesehen, aber natürlich kennen sie schon die Ursache.«

»Die Menschen werden glauben, was die Zeitungen schreiben«, sagte ich.

»Sollen sie doch.« Der Captain schnaubte. »Wer interessiert sich denn heute noch für so etwas Unwesentliches wie die Wahrheit?«

Wir erreichten den Triebwagen, der beim Aufprall gegen die Mauer fast vollständig zerstört worden war. Experten der Feuerwehr und ein Technikerteam waren dabei, Proben von Metall zu sammeln, zu beschriften und in Plastikbeutel zu verpacken. Ihre Untersuchung würde später Aufschluß darüber geben, ob technische Mängel oder Materialfehler zu dem Unglück geführt hatten.

»Das ist Mr. Tangler von der technischen Überwachungsabteilung der NYCT«, stellte uns Luther den Leiter des Expertenteams vor. »Mr. Tangler – die Agenten Cotton und Decker vom FBI.«

»FBI?« Tangler wandte sich um, sandte uns forschende Blicke. »Und was wollen Sie hier, Gentlemen?«

»Wir sind hier, um sicherzustellen, daß die Entgleisung der Green Line ein Unfall war – nur ein Unfall, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Ich verstehe durchaus«, versicherte Tangler und versenkte das Teil, das er gerade geborgen hatte, in einem Plastikbeutel. »Aber ich fürchte, ich muß Sie enttäuschen, meine Herren – bis jetzt haben wir nichts gefunden, was auch nur im Ansatz auf einen Anschlag schließen ließe.«

»Das können Sie jetzt schon mit solcher Bestimmtheit sagen?« fragte Phil, fassungslos auf das deformierte Gebilde starrend, das sich vor uns türmte.

»Ich arbeite seit zehn Jahren als Experte für die NYCT«, gab Tangler zurück, »und habe in dieser Eigenschaft auch schon zahlreiche Unfälle in anderen Städten untersucht. Um eine hundertprozentig sichere Aussage machen zu können, müssen wir natürlich die Ergebnisse der Laboruntersuchung abwarten. Aber Sie können mir glauben, daß auf mein Urteil durchaus Verlaß ist. Wenn ich sage, es war kein Anschlag, dann war es kein Anschlag.«

»Was war es dann?« Ich hob die Brauen. »Technisches Versagen?«

»Wir sind dabei, es herauszufinden«, sagte Tangler. »Bislang haben wir jedoch auch darauf keinen Hinweis gefunden.«

»Was mich nicht weiter wundert«, kommentierte Phil wenig diplomatisch.

»Was soll das heißen, Agent Decker.«

»Mein Partner will damit sagen«, sprang ich Phil bei, »daß es wohl kaum im Interesse der New York City Transit liegen dürfte, technische Mängel bei den U-Bahn-Wagen einzugestehen – noch dazu, wenn sie solch verheerende Unfälle verursachen können.«

»Da stimme ich Ihnen zu«, entgegnete Tangler, »aber es liegt sehr wohl in meinem Interesse. Ich werde meinen Job machen, verlassen Sie sich darauf, und ich werde ihn gut machen. Und wenn es an einem Materialfehler lag, dann werde ich dafür sorgen, daß die Wahrheit ans Licht kommt – ob es meinen Vorgesetzten nun paßt oder nicht!«

»Freut mich, das zu hören«, entgegnete ich, stieg in das geöffnete Wrack und blickte mich darin um.

Alles war zerquetscht, zerrissen, demoliert. Die dunkelroten Flecke, die die Überreste der Steuerungsarmaturen besudelten, ließen darauf schließen, welch schreckliches Ende der Fahrer des Zuges genommen hatte.

»Tom Hardman«, sagte Tangler erschüttert. »Die Feuerwehrleute waren zwei Stunden damit beschäftigt, seine Überreste aus dem Wrack zu schneiden.«

»Kannten Sie ihn?« fragte ich.

»Nur flüchtig.«

»Gut genug, um zu wissen, ob wahr ist, was in der Presse getuschelt wird?«

»Sie meinen, ob Hardman Alkoholiker war?«

Ich nickte.

»Ich weiß es nicht, Agent Cotton«, gab Tangler zurück. »Alles, was ich Ihnen sagen kann, ist folgendes: Bisher haben meine Leute und ich keinen Hinweis darauf gefunden, daß technisches Versagen irgendeiner Art bei diesem Unfall im Spiel war. Alles deutet darauf hin, daß der Zug mit völlig überhöhter Geschwindigkeit fuhr und deswegen entgleiste – und die Bremsklötze, die wir ausgebaut haben, wiesen nicht die Spur einer übermäßigen Beanspruchung auf. Die Schlußfolgerung überlasse ich Ihnen.«

Ich schluckte hart, tauschte mit Phil einen Blick. Ohne daß wir ein Wort sprachen, waren wir uns einig.

Die Schlußfolgerung gefiel uns nicht.

***

FBI Field Office, New York

Freitag, 15. Juli

»Dann ist der Unfall auf das Versagen eines einzelnen Mannes zurückzuführen?« fragte Mr. High und sandte uns über seinen Schreibtisch hinweg einen prüfenden Blick.

»Allem Anschein nach, Sir«, sagte ich. »Die Expertenkommission hat die Untersuchung der Wrackteile abgeschlossen. Es waren keine Mängel festzustellen, die den Unfall hätten verursachen können.«

»Also auch keine Sabotage«, sagte Mr. High nachdenklich.

»Nein, Sir. Und ein Bombenattentat kann ebenfalls völlig ausgeschlossen werden. Wie man es auch dreht und wendet, die Schuld an dem Unfall trifft ganz offensichtlich den Fahrer des Unglückszuges, Mr. Hardman. Offenbar ist die Katastrophe ausschließlich auf menschliches Versagen zurückzuführen. Eine andere Schlußfolgerung ist auf der Basis der vorliegenden Untersuchungsergebnisse nicht möglich.«

»Verstehe.« Mr. High nickte.

Alles wies darauf hin, daß ein grober Fahrfehler Hardmans zu der Katastrophe im U-Bahn-Tunnel geführt hatte, und die Presse hatte es verstanden, sich ihren ganz eigenen Reim auf die Geschichte zu machen.

Unser Chef warf einen mißbilligenden Blick auf die Zeitung, die auf seinem Schreibtisch lag. Die Schlagzeile lautete: »Betrunkener Fahrer steuert 38 Menschen in den Tod!«

»Hat die Untersuchung von Hardmans Blut tatsächlich einen Alkoholgehalt ergeben?« erkundigte sich Mr. High.

»Nein, Sir.« Ich schüttelte den Kopf. »Hardman war so nüchtern wie Sie und ich, als er den Unglückszug steuerte. Wir haben versucht, diese Mitteilung an die Presse weiterzugeben …«

»… aber diesen Schmierfinken war eine reißerische Schlagzeile wichtiger als die Wahrheit!« maulte Phil. »Sie sagten, die Beweise seien nicht eindeutig genug, deshalb hielten sie vorerst an ihrer Version der Dinge fest!«

»Die sich – nebenbei bemerkt – auch besser verkauft«, fügte ich hinzu.

»Verstehe«, sagte unser Chef. An dem Mienenspiel in seinem Gesicht konnte ich erkennen, daß auch er die Verleumdungskampagne, die posthum gegen Tom Hardman geführt wurde, ganz und gar nicht in Ordnung fand. Aber es fiel nicht in den Zuständigkeitsbereich des FBI, etwas dagegen zu unternehmen.

Im Gegenteil schienen alle Beteiligten mit der Entwicklung der Dinge ganz zufrieden zu sein: der FBI, weil die Ursache des Unfalls kein Sabotageakt gewesen war; die NYCT, weil sie die Schuld an dem Unglück einer Einzelperson zuschieben konnte, die noch dazu nicht mehr in der Lage war, sich zu verteidigen; und auch der Bürgermeister konnte gut mit der Vorstellung leben, daß das Versagen eines einzelnen Mannes zu der Katastrophe geführt hatte – wenigstens warf das kein schlechtes Licht auf die Stadt.

Genau eine Woche lag die Katastrophe nun zurück, und der Fall war praktisch abgeschlossen. Alle waren zufrieden – nur ich nicht, denn ich hatte das Gefühl, daß etwas an dieser Sache einfach nicht in Ordnung war.

»Tja, Gentlemen«, sagte Mr. High zögernd, dem es ebenso zu gehen schien wie mir, »dann werden wir diesen Fall wohl zu den Akten legen müssen.«

»Sieht ganz so aus, Sir«, erwiderte ich widerstrebend. Alles in mir sträubte sich dagegen, die Sache als erledigt zu betrachten. Ich verspürte ein nagendes Gefühl in mir. Das Gefühl, daß ich etwas Wichtiges übersehen hatte …

***

Zeit und Ort unbekannt

Der Mann, der inmitten seiner Displays und Monitore saß, deren leuchtende Anzeigen sich auf seinem kahlen Schädel spiegelten, lächelte wieder.

Das Experiment, das er so lange und sorgfältig vorbereitet hatte – es hatte funktioniert. Es war ein voller Erfolg gewesen.

Alle drei Tests waren mit Bravour absolviert worden, das Produkt hatte sich in mehr als nur einer Hinsicht bewährt. Nun war es Zeit, das Ergebnis der jahrelangen Bemühungen einem Kreis von Kunden vorzustellen, die sich alle Finger danach lecken würden.

Lässig tanzten die Finger des Mannes über die Tastatur seines Terminals, schickten die verschlüsselten Emails auf Reisen.

Das Produkt war neu, geradezu bahnbrechend.

Die Kunden würden Schlange stehen, um es zu erwerben.

***

Kingston Cemeter

Montag, 18. Juli

Es regnete.

Graue Gewitterwolken hingen über der Stadt und tauchten New York in trauriges Dunkel. Es verstärkte noch die Stimmung der kleinen Trauergemeinde, die sich am Grab von Tom Hardman versammelt hatte.

Nachdem die Gerichtsmedizin die sterblichen Überreste des U-Bahn-Fahrers freigegeben hatte, hatten sich die Witwe und die übrigen Angehörigen Hardmans dazu entschlossen, ihn im stillen beizusetzen.

Wäre es nach den Heerscharen von Presseleuten gegangen, die draußen vor den Friedhofsmauern campierten und von den Cops des NYPD nur mit Mühe daran gehindert werden konnten, das Gelände zu stürmen, aus Hardmans Begräbnis wäre ein Medienspektakel geworden.

Mrs. Hardman hatte die Aussperrung der Presse verlangt. Nach den verleumderischen Artikeln sollte sie zumindest in aller Ruhe Abschied nehmen dürfen von ihrem Mann.

Ich stand ein Stück abseits, den Kragen meines Trenchcoats hochgeschlagen, sah zu, wie die Leichengräber den Sarg des Verstorbenen in die Erde senkten.

Der Pfarrer sprach dazu tröstende Worte, von denen der Wind einige Fetzen zu mir herübertrug. Von Erlösung war darin die Rede, vom Sieg des Guten und von der Auferstehung. Ich konnte nur hoffen, daß der Reverend recht hatte mit dem, was er sagte. Denn zumindest dieses Leben hatte Tom Hardman nicht gerade verwöhnt.

In stiller Trauer nahmen die Angehörigen Abschied von ihrem Verstorbenen, dann löste sich die Trauergemeinde allmählich auf. Die Abordnung der NYCT, die sich angesichts des Anlasses ziemlich unwohl zu fühlen schien, machte sich ziemlich schnell aus dem Staub, ebenso einige Verwandte.

Am Ende blieb Hardmans Witwe allein am Grab ihres Mannes zurück. Mit von Tränen geröteten Augen starrte sie auf den Sarg, hatte wohl noch immer Mühe zu begreifen, was geschehen war.

Schließlich wandte sie sich ab, kam den schmalen Kiesweg herab, geradewegs auf mich zu.

»Mrs. Hardman«, sprach ich sie an.

Hardmans Witwe – eine Frau von vielleicht fünfzig Jahren, kleinwüchsig und ein wenig untersetzt – blieb stehen und sandte mir einen prüfenden Blick.

»Wer sind Sie?« fragte sie. Die Bitterkeit in ihrer Stimme war unüberhörbar. »Einer von den Presseleuten? Was wollen Sie? Haben Sie es glücklich doch geschafft, sich einzuschleichen? Wollen Sie jetzt ein Interview von mir? Wozu? Ihr Leute von der Zeitung wißt doch ohnehin alles besser.«

»Ich bin nicht von der Zeitung, Ma’am«, widersprach ich und griff in die Innentasche meines Mantels, um meinen Ausweis zu zücken. »Mein Name ist Jerry Cotton«, stellte ich mich vor. »Ich bin vom New Yorker FBI.«

»FBI?« Antonia Hardman hob die Brauen. »Was wollen Sie?«

»Ich … ich wollte Ihnen nur mein Beileid aussprechen, Mrs. Hardman«, sagte ich zögernd. »Es tut mir sehr leid, was Ihrem Mann widerfahren ist. Und ich wünschte, wir hätten Ihnen all das ersparen können.«

»Mein Mann war kein Alkoholiker, Mr. Cotton«, versicherte die Frau traurig und voller Überzeugung. »Er war ein herzensguter Mann, der jeden Tag pünktlich zur Arbeit erschienen ist. Er hat sich niemals etwas zuschulden kommen lassen.«

»Ich weiß, Ma’am«, sagte ich nur.

»Sie wissen es?« Mrs. Hardman schüttelte verständnislos den Kopf. »Und wieso sagen Sie es dann nicht diesen Schmierfinken da draußen, denen eine gute Schlagzeile wichtiger ist als die Wahrheit?«

Sie wandte sich um, warf einen Blick zum Eingang des Friedhofs. Von jenseits des großen Tores drang das aufgeregte Geschrei der Journalisten an unsere Ohren.

»Wir haben es ihnen gesagt, Ma’am«, versicherte ich. »Aber es gibt Zeitungen, die das schreiben, was sich verkauft – und die Leute glauben das, was sie glauben möchten.«

»Es ist eine Schande!« entrüstete sich Antonia Hardman mit zitternder Stimme. »Das hat Tom nicht verdient.«

»Nein, Ma’am«, bestätigte ich, »das hat er ganz sicher nicht. Es tut mir leid.«

Tom Hardmans Witwe musterte mich mit einem durchdringenden Blick. »Ich glaube Ihnen«, erklärte sie schließlich. »Warum sind Sie hier, Mr. Cotton?«

»Ich weiß es nicht, Ma’am«, gestand ich offen. »Es ist nur ein Gefühl, eine Ahnung, mehr nicht … Aber ich bin mir fast sicher, daß Ihren Mann keine Schuld an dem Unglück trifft.«

»Nicht?« Die Witwe machte große Augen. »Aber … alle sind gegen Tom. Die NYCT, das Police Department, der Bürgermeister, die Presse …«

»Ich weiß«, entgegnete ich, »aber nur, weil alle einer Ansicht sind, muß die nicht zwangsläufig richtig sein. Wie ich schon sagte, Ma’am – es ist nur ein Gefühl. Aber wenn auch nur die geringste Chance besteht, die Unschuld Ihres Mannes zu beweisen und seinen guten Namen wiederherzustellen …«

»Sie sind ein guter Mensch, Mr. Cotton«, stellte Antonia fest und rang sich trotz ihrer Trauer ein Lächeln ab. »Ich weiß, Tom hätte Sie gemocht.«

»Ich werde mein Bestes geben, Ma’am«, versicherte ich, »aber dazu ist es nötig, daß Sie mir alles sagen, was ich über Ihren Mann und jenen Tag wissen muß. Jedes kleine Detail kann hilfreich sein.«

»Wenn es eine Möglichkeit gibt, Tom dadurch zu helfen, werde ich Ihnen gern alles sagen, was ich weiß«, versicherte Mrs. Hardman. »Begleiten Sie mich nach Hause. Ich mache uns Tee, und wir können reden …«

***

Es waren Erinnerungen, die mich plötzlich überkamen.

Erinnerungen an eine Kindheit, die ewig zurückzuliegen schien, an einen weit entfernten Ort namens Harpers Village und an meine Tante Henny, die mir stets Malventee und Schokoladenkekse serviert hatte.

Als mir Mrs. Hardman jetzt einen Teller Cookies und eine Tasse Früchtetee hinstellte, zuckten Myriaden gesammelter Eindrücke und Erinnerungen durch meinen Kopf, die ich längst vergessen zu haben glaubte.

Die Hardmans wohnten in einem Mietshaus in Brooklyn, das schon bessere Zeiten gesehen hatte. Dennoch hatten sich der U-Bahn-Fahrer und seine Frau gemütlich eingerichtet, schienen ein beschauliches, ruhiges Leben geführt zu haben.

Bis zu jenem schicksalhaften Freitag …

»Nun, Mr. Cotton?« erkundigte sich Mrs. Hardman, während sie mir gegenüber Platz nahm. Sie trug ein schlichtes, schwarzes Kleid. »Was möchten Sie wissen?«

»Am liebsten alles, Ma’am«, antwortete ich, während ich nicht widerstehen konnte und einen von den Keksen kostete – sie schmeckten sogar wie zu Hause … »Seit wann arbeitete Ihr Mann für die NYCT? Wie waren seine Erfahrungen dort? Hat er Ihnen gegenüber jemals irgendwelche Auffälligkeiten erwähnt?«

Es wurde ein wahres Frage- und Antwortspiel, das über zwei Stunden dauerte. Antonia Hardman antwortete mir bereitwillig auf alle meine Fragen, gab mir geduldig Auskunft.

Schließlich war ich davon überzeugt, daß Tom Hardman nicht wirklich die Schuld an dem tragischen Unfall trug, der achtunddreißig Menschen das Leben gekostet hatte.

Der Eindruck, den ich aus dem Gespräch mit Antonia Hardman gewann – und dieser Eindruck deckte sich mit den Informationen, die ich mir vorab aus Hardmans Personalakte besorgt hatte – war der, daß der U-Bahn-Fahrer ein durch und durch verantwortungsbewußter Mensch gewesen war.

Er hatte kein Problem mit Alkohol gehabt, hatte niemals Drogen oder irgendwelche Narkotika zu sich genommen. Er war morgens zur Arbeit gegangen und abends pünktlich nach Hause gekommen, hatte seine Frau niemals betrogen und ohne Murren seine Steuern bezahlt.

Kurzum: Er hatte zu jenen Menschen gehört, die in manchen Kreisen als Spießer bezeichnet werden – und die Rückgrat, Herz und Hände unseres Landes bilden. Ohne diese Menschen gäbe es Amerika nicht. Sie waren es, die es aufgebaut und groß gemacht haben.

Tom Hardman war einer von ihnen gewesen. Ein unbescholtener, braver Bürger, der seine Aufgaben stets zur Zufriedenheit aller erfüllt hat.

Es war unvorstellbar, daß er diesen schrecklichen Unfall verursacht haben sollte – aber wer oder was war dann dafür verantwortlich?

»Die letzten Tage waren die schrecklichsten meines Lebens«, eröffnete mir Antonia Hardman. »Zuerst habe ich meinen Mann verloren, dann auch noch meine Ehre. Schauen Sie sich hier um, Mr. Cotton – Leute unseres Schlages besitzen nicht sehr viel. Wir haben nichts außer unserer Ehre und unserer Rechtschaffenheit. Lassen Sie nicht zu, daß man uns die auch noch nimmt.«

Sie unterbrach sich, Tränen in den Augen.

»Ich weiß, daß Tom tot ist«, fuhr sie dann leise fort, »und es wird ihn nicht wieder lebendig machen, wenn Sie den wahren Grund für den Unfall herausfinden. Aber ich kann einfach nicht damit leben, daß mein Mann, der im Einsatz für seine Arbeit gestorben ist, so hundsgemein verleumdet wird.«

»Das kann ich gut verstehen, Mrs. Hardman«, versicherte ich und schenkte der Witwe des Subway-Fahrers einen tröstenden Blick. »Seien Sie unbesorgt. Ich werde an der Sache dranbleiben, und wenn sich auch nur die kleinste Ungereimtheit ergibt … Nun, ich werde dafür sorgen, daß die Wahrheit ans Licht kommt.«

Antonia Hardman wischte sich die Tränen aus den Augen, brachte trotz ihrer Trauer ein Lächeln zustande.

»Vielen Dank, Mr. Cotton«, sagte sie leise – und ich wußte, daß ich in diesem Augenblick eine große Verantwortung übernommen hatte.

***

»Und?«

Der Blick, den mir Phil sandte, als ich unser gemeinsames Büro im FBI-Gebäude an der Federal Plaza betrat, verriet nagende Ungeduld.

»Ich habe mit ihr gesprochen«, berichtete ich, während ich mich Phil gegenüber auf meine Seite des großen Schreibtischs setzte.

»Und?« wiederholte Phil drängend.

»Ich glaube noch immer, daß Hardman keine Schuld an dem Unfall trifft. Jetzt noch mehr als je zuvor.«

»Schön und gut«, gab Phil zurück, »aber was sollte es sonst gewesen sein? Technische Mängel scheiden aus, ebenso Materialfehler. Bleibt also nur Hardman übrig.«

»Es muß etwas anderes sein, Alter«, beharrte ich. »Es muß einfach.«

»Wieso?« fragte Phil sachlich. »Weil dir Hardman leid tut? Mir tut der arme Kerl auch leid, Jerry. Es zerreißt mir das Herz, mit ansehen zu müssen, was diese Idioten von der Regenbogenpresse aus dieser Geschichte machen. Aber wenn es nun mal so passiert ist …«

»Wenn es so passiert ist«, unterbrach ich ihn. »Und wenn nicht?«

»Was hast du in der Hand?« fragte mein Partner dagegen.

»Nichts«, gestand ich. »Rein gar nichts. Nur die Aussage einer verzweifelten Frau, die es nicht ertragen kann, daß ihr Mann vor aller Welt für den Tod von achtunddreißig Menschen verantwortlich gemacht wird. Aber versuch dir nur mal für einen Moment vorzustellen, Phil, daß Mrs. Hardman recht hat. Was, wenn der alte Tom wirklich nichts für das Unglück konnte? Wenn wir nur zu bequem waren, allen Hinweisen nachzugehen? Zu blind, einen Hinweis zu erkennen, der die Wahrheit hätte ans Licht bringen können? Was, wenn es doch Sabotage war und wir nur etwas übersehen haben?«

»Ist es das, was du vermutest?«

»Ich fürchte ja, Alter«, bestätigte ich. »Ich habe bei dieser Sache ein verdammt mieses Gefühl. Das alles ging für meinen Geschmack viel zu schnell, viel zu einfach. Irgendwie hat man den Eindruck, daß es allen Beteiligten nur recht ist, daß Hardman die Schuld an dem Unglück zugeschoben werden kann. Aber was, wenn er wirklich unschuldig war – und es jemand anderen gibt, der die Fäden gezogen hat?«

»O Mann«, stöhnte Phil schicksalsergeben. »Schon gut. Du hast mich überzeugt, Partner. Also – wo wollen wir anfangen zu suchen? Wir haben nicht einen konkreten Hinweis, oder?«

»Nein«, stimmte ich zu, »nicht wirklich. Uns bleibt nur, noch einmal von vorn zu beginnen und alle Möglichkeiten durchzugehen. Wie konnte es zu dem Unglück kommen? Welche Faktoren könnten dafür verantwortlich sein? Wir bleiben an der Sache dran, Partner!«

***

Unseren eigentlich freien Abend verbrachten wir damit, die turmhohen Berge von Akten zu wälzen, die die Spezialisten der Untersuchungskommission verfaßt hatten.

Vieles davon war in Fachchinesisch geschrieben, so daß Phil und ich Mühe hatten, den Gedankengängen der Experten zu folgen. Doch je mehr wir uns mit der Materie beschäftigten, desto besseren Einblick bekamen wir in das Unglück und seinen rekonstruierten Hergang.

»Okay«, meinte Phil, dessen Schreibtisch sich unter den vielen Ordnern und Dokumentenmappen fast bog. »Ursache für den Unfall scheint ein Fahrfehler gewesen zu sein. Die Geschwindigkeit des Zuges war viel zu hoch. In einer Kurve sprang er aus den Schienen.«

»Schön«, gab ich zurück, »aber was war das für ein Kreischen, von dem einige der überlebenden Fahrgäste übereinstimmend berichtet haben? Sie sagten, kurz bevor der Zug entgleist sei, habe es ein durchdringendes Geräusch gegeben.«

»Was weiß ich?« Phil zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich hat Hardman verzweifelt versucht, den Zug auf den Schienen zu halten.«

»Hm«, machte ich. »Hardman arbeitete seit dreißig Jahren bei der NYCT. Er war einer der erfahrensten Leute dort. Schwer vorstellbar, daß ihm ein so grober Fehler unterlaufen ist.«

»Stimmt«, meinte Phil, während er den Bericht weiter durchging. »Hier steht, daß die Bahn vor der Entgleisung noch immer weiter beschleunigt hat.«

»Verstehst du, was ich meine, Partner?« sagte ich. »Das ist doch kompletter Unsinn! Für mich paßt das einfach nicht zusammen. Wer gibt denn noch Gas, wenn die Kiste schon im Graben hängt?«

»Ein Betrunkener«, nannte Phil die Erklärung der Presse.

»Schön und gut«, knurrte ich. »Tatsache ist nur, daß Hardman zum Zeitpunkt des Unglücks nicht betrunken war. Er stand weder unter dem Einfluß von Drogen noch von irgendwelchen Medikamenten, und einen Herzanfall hatte er ganz sicher auch nicht. Also?«

»Nun«, sagte Phil, »angenommen, es war tatsächlich nicht Hardman, der für die Beschleunigung verantwortlich war …«

»Ja?« fragte ich und schaute ihn wißbegierig an.

»Oh, komm, Jerry«, jammerte Phil. »Du weißt genau, wie verrückt das ist. Eine U-Bahn beschleunigt nicht von allein.«

»Und was, wenn doch?« fragte ich. »Die Steuerung der Subway-Triebwagen erfolgt computergestützt. Wäre es nicht möglich …«

»Nein«, antwortete Phil entschieden. »Im Bericht der Kommission steht, daß es solch eine Fehlfunktion nicht geben kann. Die Steuerungseinheit der Triebwagen ist nicht in der Lage, von selbst zu beschleunigen.«

»Ich weiß nicht«, meinte ich. »Ich würde mir das trotzdem gern mal ansehen. Wo werden die elektronischen Steueranlagen der Subway hergestellt?«

»Bei einer Firma drüben in Jersey«, antwortete Phil, nachdem er in einem der Ordner nachgeschlagen hatte. »Ihr Name ist Morton Cyber Electronics, kurz MCE …«

***

Firmengelände Morton Cyber Electronics

Dienstag, 19. Juli

9.30 Uhr a.m.

»Wow!« rief Phil, als wir aus dem Dienstwagen stiegen. »Was für ein Schuppen!«

Anerkennend blickte mein Freund und Partner an der gläsernen Fassade des Firmengebäudes von ›Morton Cyber Electronics‹ empor, jener Firma, die die Chipsätze für die Steuerung der Subway-Triebwagen herstellt.

Wir hatten uns den Vormittag freigenommen, um in eigener Sache ein wenig bei MCE herumzustochern. Schließlich war der Fall der U-Bahn-Katastrophe offiziell zu den Akten gelegt worden, und wir hatten keine wirkliche Ermittlungsgewalt – aber das brauchten wir den Betreffenden ja nicht unbedingt auf die Nase zu binden …

Wir waren bei einem Mann namens Martin Snyder gemeldet, dem Chef der Abteilung Herstellung, unter dessen Leitung unter anderem auch die Steuerchips für die Subway gefertigt wurden.

Jenseits der gläsernen Eingangsfront erwartete uns eine geräumige Empfangshalle, deren Stirnseite das riesenhafte Logo der Firma zierte – die ineinander verschlungenen Buchstaben M, C und E. In der Mitte der Halle befand sich ein kreisrunder Informationsschalter, von dem aus uns eine kesse Blondine entgegenlächelte.

»Guten Tag, meine Herren«, grüßte sie freundlich und behielt ihr Lächeln bei, das mit viel Make-up in ihr Gesicht zementiert war. »Wie kann ich Ihnen helfen?«

Phil neben mir kicherte dämlich, was ich in diesem Moment ausgesprochen unpassend fand. Ich versetzte meinem Partner einen Rempler mit dem Ellbogen, dann trat ich auf die Info-Dame zu und zückte meinen Dienstausweis.

»Jerry Cotton und Phil Decker vom FBI, Miss«, stellte ich uns vor. »Wir haben einen Termin bei Mr. Snyder.«

Die Blondine befragte ihr Terminal, sandte uns schließlich ein knappes Nicken. »Ist in Ordnung«, bestätigte sie. »Nehmen Sie den Aufzug, dritter Stock, dann den Gang entlang, Zimmer 313.«

»Dreihundertdreizehn«, bestätigte ich, und wir machten uns auf den Weg.

»Irgendwie«, witzelte Phil, als wir in den Lift traten, »hätte es mich interessiert, was sich hinter ihrer Fassade verbirgt.«

»Schwerenöter«, gab ich zurück.

Dann schlossen sich die Türen des Aufzugs.

Mit leisem Summen wurden wir nach oben getragen, gelangten in den dritten Stock.

Die Tür mit der Aufschrift »313« führte in ein Vorzimmer, hinter dessen Schreibtisch erneut eine junge Frau mit zuviel Schminke im Gesicht saß – offenbar der firmeninterne Einheits-Look.

Phil gab sich diesmal nicht Mühe, hinter die Fassade des schönen Scheins zu blicken – er begnügte sich damit, uns vorzustellen, und endlich wurden wir zu Mr. Snyder vorgelassen.

Das Büro der Mannes, der die Leitung der Abteilung Herstellung innehatte, war nicht gerade groß, aber standardmäßig eingerichtet – ein Computerterminal, das Bild eines riesenhaft vergrößerten Mikrochips an der Wand, ein halbrunder Schreibtisch, auf dem ein Bild von Frau und Kindern stand.

Der Mann, der hinter dem Schreibtisch saß, erhob sich von seinem Stuhl, als wir sein Büro betraten, begrüßte uns mit dem unverbindlichen Handschlag des routinierten Geschäftsmannes.

»Bitte, meine Herren«, sagte er und bot uns Plätze auf den Besuchersesseln an. »Wie kann ich Ihnen helfen? Am Telefon klangen Sie – wie soll ich sagen? – etwas besorgt …«

»Offen gestanden sind wir das auch, Sir«, bestätigte ich. »Deshalb sind wir Ihnen sehr dankbar, daß Sie uns so schnell einen Termin gewähren konnten.«

»Keine Ursache«, erwiderte Snyder. »Ich bin ein loyaler Bürger dieses Landes. Wenn ich der Polizei damit helfen kann, bin ich gern bereit, einen wichtigen Geschäftstermin sausen zu lassen.« Der Abteilungsleiter lächelte – kein sehr ehrliches Lächeln, wie ich fand.

Überhaupt wollte mir Snyder nicht recht gefallen.

Der Geschäftsmann hatte etwas Aalglattes, Unnahbares – so wie die Blondine unten am Info-Desk. Mit dem Unterschied, daß Snyders Fassade nicht aus teurem Make-up, sondern aus einem falschen Lächeln und einem Gebaren bestand, das aus jeder Pore Unverbindlichkeit atmete.

Der Mann war schlank, fast hager, sein Haar glatt und schwarz, seine kleinen Augen, mit denen er uns unablässig taxierte, zuckten unruhig in ihren Höhlen. Nicht gerade der Typ, mit dem man nach Dienstschluß gern ein Bier trinken geht.

»Wie Sie sich denken können, Sir«, kam ich ohne Umschweife zur Sache, »geht es um das U-Bahn-Unglück …«

»Ja«, bestätigte Snyder, »eine wirklich schlimme Sache. Wir haben allen Beteiligten unser tiefstes Beileid ausgesprochen. Es ist schlimm, daß so viele Menschen wegen eines einzelnen sterben mußten.«

»Sie glauben also auch, daß Mr. Hardman an dem Unfall schuld ist?« fragte Phil.

»Natürlich«, gab Snyder zurück, einen Hauch von Verblüffung in der Stimme. »Wer sollte denn sonst dafür verantwortlich sein?«

»Sehen Sie, Mr. Snyder«, sagte ich und beugte mich vor. »Um das herauszufinden, sind wir hier. Uns ist aufgefallen, daß sich im Lauf der vergangenen Tage niemand die Mühe gemacht hat, herauszufinden, wer Tom Hardman wirklich war.«

»Und?« erkundigte sich Snyder mit skeptischem Tonfall. »Wer war er?«

»Ein hart arbeitender Bürger, der sich nie etwas hat zuschulden kommen lassen.«

»Bis zu diesem Tag«, meinte Snyder schulterzuckend. »Er war betrunken – das war sein Fehler.«

»Ihr Informationsstand spricht nicht gerade für die Qualität Ihrer Lektüre«, stichelte Phil. »Wenn Sie eine seriöse Zeitung gelesen hätten, wüßten Sie, daß kein Alkohol in Tom Hardmans Blut gefunden wurde.«

»Tatsächlich nicht?« Der Abteilungsleiter hob die Brauen, wirkte einen Moment verunsichert. »Nun«, meinte er dann mit der alten Routine, »ich bin ein vielbeschäftigter Mann. Ich kann schließlich nicht alles wissen, oder?«

»Nein«, räumte ich ein, »aber gibt Ihnen das nicht zu denken? Hardman war vollkommen nüchtern, als er den Zug steuerte – und trotzdem unterläuft ihm ein so verhängnisvoller Fehler? Wie ist so etwas möglich?«

»Meine Herren«, sagte Snyder, »mir scheint, Sie haben einigen Nachholbedarf, was heutige Verkehrstechnik betrifft. Die Zeiten, in denen ein U-Bahn-Fahrer sein Gefährt einfach nur durch den Tunnel zu steuern brauchte, sind längst vorbei. Heutzutage wird die Steuerung der Triebwagen von hochpräzisen Systemen gestützt …«

»… die Morton Cyber Electronics herstellt«, fiel Phil ihm ins Wort.

»Genauso ist es«, sagte Snyder, »und ich kann Ihnen sagen, daß es bei weitem nicht genügt, einen Fehler zu machen, um einen Zug entgleisen zu lassen. Das System würde Abweichungen sofort bemerken und korrigieren.«

»Ach ja?« Ich hob die Brauen.

»Damit der Zug wirklich aus den Gleisen springt und sich eine Katastrophe wie diese ereignet, müssen die Sicherheitsprotokolle der Steuereinheit ganz bewußt überbrückt werden – und ich glaube, daß es genau das ist, was Hardman getan hat, betrunken oder nicht.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Phil verwundert. »Daß Hardman den Zug absichtlich hat entgleisen lassen?«

»Eine andere Erklärung gibt es für mich nicht«, bestätigte Snyder mit Bestimmtheit. »Wahrscheinlich wollte der arme Kerl Selbstmord begehen – bedauerlich ist nur, daß er achtunddreißig unschuldige Menschen mit in den Tod gerissen hat.«

»Aber das ergibt doch keinen Sinn«, widersprach ich. »Hardman war glücklich und zufrieden, ist nie irgendwie aufgefallen – warum sollte er sich plötzlich umbringen wollen?«

»Was weiß ich, Mr. Cotton.« Snyder hob die Achseln. »Ich weiß nur eines: daß eine technische Fehlfunktion als Ursache des Unfalls völlig ausgeschlossen werden kann.«

»Und was genau macht Sie da so sicher?« wollte ich wissen.

»Die Tatsache, daß die von MCE gebauten Steuerungschips zu derartigen Manipulationen gar nicht in der Lage sind«, entgegnete Snyder, dessen Stimme jetzt ein wenig lauter wurde.

»Und wenn es sich um eine Fehlfunktion handelte?«

»MCE-Produkte haben keine Fehlfunktionen«, erklärte der Geschäftsmann entschieden. »Unsere Produktion ist strengsten Qualitätskriterien unterworfen, unsere Produkte arbeiten stets einwandfrei, das haben unabhängige Tester in zehn unterschiedlichen Versuchslaboratorien …«

»Ach, hören Sie auf, Mann!« fiel ihm Phil barsch ins Wort. »Wir drehen hier keinen Werbespot, sondern versuchen herauszufinden, was an jenem Freitag wirklich geschehen ist!«

»Nein«, widersprach Snyder heftig, »das tun Sie nicht! Sie wollen die Realität doch gar nicht wahrhaben! Daß ein verzweifelter Mann einen Zug absichtlich ins Verderben gesteuert hat – das ist die Wahrheit, Gentlemen, ob es Ihnen nun paßt oder nicht! Da hilft es auch nicht, wenn Sie für Hardman Partei ergreifen.«

»Es geht uns nicht darum, hier für irgendwen Partei zu ergreifen«, bestritt ich, »sondern wir wollen verhindern, daß ein unbescholtener Bürger zum Sündenbock gemacht wird, weil große Firmen etwas zu vertuschen haben!«

»Wir haben nichts zu vertuschen, Mr. Cotton«, versicherte Snyder und funkelte mich zornig an.

»Dann brauchen Sie sich ja keine Sorgen zu machen«, meinte ich.

Der Geschäftsmann starrte mich an, sandte mir vernichtende Blicke. Dann schien er sich eines besseren zu besinnen, atmete tief durch, um sich zur Ruhe zu bringen.

»Mr. Cotton«, sagte er seufzend, »denken Sie nicht, daß mir dieser arme Teufel nicht auch leid tut – aber was geschehen ist, ist nun mal geschehen. Ich verstehe Ihr Anliegen sehr gut, aber bitte verstehen Sie auch meines. Hier geht es um die Interessen der Arbeiter und Ingenieure, die in meiner Abteilung tätig sind. Es geht um Arbeitsplätze – und um sehr viel Geld.«

»Und?« fragte ich.

»Sie sollten das alles nicht leichtfertig gefährden«, mahnte mich Snyder. »Das ist alles, was ich dazu sagen will.«

»Tut mir leid, Sir«, erwiderte ich kopfschüttelnd, »das überzeugt mich nicht. Mein Partner und ich sind auf einige Ungereimtheiten in dieser Sache gestoßen, deshalb werden wir uns weiter umschauen. Und wenn wir entdecken, daß es doch ein technischer Defekt gewesen sein sollte, der zu dem Unglück geführt hat, werden Sie Ihr blaues Wunder erleben!«

»Schön«, schnaubte Snyder, »Sie wollen es auf die harte Tour, was? Die können Sie haben, meine Herren. Nach meinen Informationen dürften Sie gar nicht hier sein – soweit ich weiß, gibt es keine offizielle Ermittlung des FBI in dieser Sache. Ich muß Sie also auffordern, mein Büro unverzüglich zu verlassen!«

Ich nickte, schürzte die Lippen.

Snyder hatte seine Hausaufgaben gemacht – es gab nichts, was wir ihm erwidern konnten. Solange wir uns auf seine Einladung hin in seinem Büro aufhielten, war die Sache in Ordnung. Wenn er uns zum Gehen aufforderte und wir trotzdem blieben, begingen wir Hausfriedensbruch.

»Guten Tag, Gentlemen«, sagte Snyder entschieden – und Phil und ich wandten uns zum Gehen.

Ich fühlte die Blicke des Geschäftsmannes auf mir lasten, bis wir sein Büro verlassen hatten, und ich ahnte, daß wir uns einen neuen Feind gemacht hatten.

***

Kaum war die lederbeschlagene Türe seines Büros ins Schloß gefallen, griff Snyder zum Telefon auf seinem Schreibtisch.

Hastig riß er den Hörer vom Apparat, wählte eine der gespeicherten Nummern.

»Ja?« meldete sich eine rauhe Stimme.

»Hier Snyder«, gab der Abteilungsleiter zurück. »Es gibt da ein Problem, das wir schleunigst verlagern sollten …«

***

»Einfach unglaublich!« Phil schnappte nach Luft, als wir durch das gläserne Portal der Firma nach draußen traten. »Dieser Typ ist einfach unglaublich! Zitiert aus dem Werbeprospekt und wirft uns hochkant aus seinem Büro!«

»Dann glaubst du jetzt auch, daß an der Sache etwas faul ist?« erkundigte ich mich.

»Etwas faul?« Phil stieß die Luft aus. »Jerry, die Sache stinkt! Dieser Snyder stellt nicht nur Computerchips her, der ist selbst ein verdammter Roboter! Ich hasse solche aalglatten Typen!«

»Geht mir nicht anders«, meinte ich, während wir zurück zum Parkplatz gingen, wo wir unseren Dienstwagen abgestellt hatten.

»Snyder hat Dreck am Stecken«, konstatierte Phil, »darauf verwette ich meine Marke. Irgendwas hat es mit diesem Unfall auf sich, sonst hätte es ihn nicht so auf die Palme gebracht.«

»Er hat Angst, daß wir den Fall neu aufrollen könnten«, vermutete ich. »Aber genau das werden wir auch tun.«

»Genau«, stimmte mir Phil zu, »und dann geht diesem aalglatten Wichtigtuer der Arsch mächtig auf Grun …«

Mein Partner unterbrach sich, als plötzlich röhrender Motorenlärm erklang.

Blitzschnell fuhren wir herum – und aus der Einfahrt der Lagerhalle, die wir gerade passiert hatten, schoß uns mit Höllentempo ein Gabelstapler entgegen, dessen Ladegabel gefährlich auf Kopfhöhe schwebte!

»Vorsicht, Phil!«

Ich sah das rostige Eisen mörderisch heranzucken – und meine Reflexe reagierten, noch ehe ich richtig begriff, was geschah.

Blitzschnell warf ich mich zur Seite, fühlte, wie die tödliche Gabel wenige Handbreit neben meinem Kopf die Luft durchpflügte.

Hart kam ich auf dem Asphalt auf, rollte mich ab. Mit antrainierter Routine glitt meine Rechte unter die Jacke, zog die SIG Sauer aus dem Holster, und ich legte auf den Stapler an – der im nächsten Moment um die Ecke des Lagerhauses verschwunden war.

»Verdammt!« hörte ich Phil wettern, der sich ebenfalls blitzschnell zur Seite geworfen hatte und fluchend wieder auf die Beine kam. »Was, zum Henker, war das?«

»Ein Liebesgruß«, gab ich zurück und eilte humpelnd an die Ecke, um die der Gabelstapler verschwunden war – um mich plötzlich einem ganzen Heer von Fahrzeugen gegenüber zu sehen, die zwischen den einzelnen Hallen verkehrten und Kisten und Paletten transportierten.

Die Stapler waren alle vom gleichem Typ, waren alle mit den Firmenfarben von MCE bemalt – unmöglich, die Maschine herauszufinden, die uns soeben fast getötet hätte.

»Hast du den Kerl am Steuer gesehen?« fragte ich Phil.

»Nein«, antwortete mein Partner keuchend. Beim Sprung zur Seite hatte er sich beide Knie aufgeschlagen, Blut sickerte durch seine Hosenbeine. »Ich hab’ nur einen Schatten gesehen – dann war er schon wieder weg.«

»Genau wie ich«, bestätigte ich mißmutig und steckte die SIG wieder weg.

Vorerst blieb uns nichts, als die Sache auf sich beruhen zu lassen. Und froh zu sein, daß wir mit dem Leben davongekommen waren.

Aber wir würden zurückkommen, da war ich mir ganz sicher. Denn eines hatte der »Unfall« deutlich gezeigt – wir waren auf der richtigen Spur …

***

Büro des SAC, FBI Field Office

New York

9.46 Uhr a.m.

»… und deshalb, Sir, möchten wir Sie bitten, die Untersuchung des U-Bahn-Unglücks vom 8. Juli wiederaufzunehmen.«

Mr. High saß ruhig hinter seinem Schreibtisch, sandte Phil und mir prüfende Blicke. Wir hatten unserem Chef dargelegt, was das Gespräch mit Snyder ergeben hatte, hatten von unserer denkwürdigen »Begegnung« auf dem Firmengelände berichtet.

Nachdenklich wog der SAC nun unsere Argumente ab, ließ sich alles noch einmal durch den Kopf gehen.

Einen Fall, der bereits zu den Akten gelegt worden ist, wieder aufzurollen, das macht man in Polizeikreisen ungern, weil die erdrückende Last neuer Fälle, die tagtäglich die Schreibtische überflutet, die Gesetzeshüter ständig unter Druck setzt. So was geschieht in der Regel nur dann, wenn die neue Beweislage entsprechend zwingend ist. Gerade das – darüber waren wir uns klar – war unser wunder Punkt.

Denn Beweise hatten wir keine …

»Tut mir leid, meine Herren«, entschied Mr. High denn auch kopfschüttelnd. »Was Sie haben, reicht nicht, um den Fall erneut auf den Tisch zu bringen. Wir haben nicht genügend konkrete Hinweise, um eine Wiederaufnahme der Ermittlungen zu rechtfertigen. Einige Verdachtsmomente und ein unglücklicher Zufall reichen nicht aus, um …«

»Ein unglücklicher Zufall, Sir?« Phil schnappte nach Luft. »Das war kein Zufall, sondern glatte Absicht! Man wollte Jerry und mich eiskalt um die Ecke bringen – und ich verwette meine Marke darauf, daß es dieser Snyder war, der dahintersteckt!«

»Phil, ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was der Anwalt der Gegenseite machen würde, wenn wir uns bei dieser Beweislage zu weit aufs Glatteis wagen. Ihre Vorstellung von heute morgen war in dieser Hinsicht schon pikant genug.«

»Also keine neuen Ermittlungen, Sir?« erkundigte ich mich.

»Nein, Jerry.« Mr. High schüttelte entschieden den Kopf. »Tut mir leid. Aber … es gibt eine andere Möglichkeit.«

»Und die wäre?« erkundigte sich Phil.

»Meine Herren«, entgegnete Mr. High mit spitzbübischem Lächeln, »ich kenne Sie beide lange genug, um zu wissen, daß Sie keine Hirngespinste verfolgen. Wenn Sie sagen, daß etwas an der Sache faul ist, bin ich gern geneigt, Ihnen zu glauben. Sie können also weiter ermitteln.«

»Sir?«

»Ich gebe Ihnen beiden freie Hand und stelle Sie für achtundvierzig Stunden von allen anderen Aufgaben frei«, sicherte uns Mr. High zu. »Sie haben zwei Tage Zeit, um konkrete Indizien zu sammeln. Genügen diese, um den Hardman-Fall neu aufzurollen, werden wir die Ermittlungen wiederaufnehmen. Wenn nicht, bleibt der Fall bei den Akten, ein- für allemal.«

»Danke, Sir«, sagte ich lächelnd, und Phil und ich erhoben uns aus unseren Sitzen, wandten uns zum Gehen.

So war er eben, unser Mr. High.

***

Den Rest des Tages verbrachten wir mit Computerrecherchen.

Vom Terminal in unserem Büro aus loggten wir uns in die Datenbank des OCIS ein und verschafften uns von dort Zugang in weitere nationale Datensysteme, die an das FBI-Fahndungsnetz angeschlossen sind.

Unser Ziel war es, möglichst viel über MCE und seine Geschäftsverbindungen herauszufinden. Der Vorfall vom Vormittag hatte die Firma im höchsten Maß verdächtig gemacht, und wir wollten wissen, womit genau wir es zu tun hatten.

»Diese Jungs sind schwer beschäftigt«, resümierte Phil, während er die Daten sondierte, die ihm eine Anfrage im Archiv des Wirtschaftsministeriums auf den Schirm gebracht hatte. »Morton Cyber Electronics gilt als führend auf dem Gebiet interaktiver Steuerungssysteme. Die Firma war eine der ersten, die sich mit der Entwicklung von Interface-Modulen für die Kooperation zwischen Mensch und Maschine befaßt hat. Aufgrund dieser jahrelangen Erfahrung werden die Produkte der Firma in Fachkreisen als technisch ausgereift und äußerst zuverlässig beurteilt.«

»Interessant«, meinte ich, die Daten auf meinem eigenen Schirm auswertend. »Zu den Kunden von MCE gehören nicht nur die NYCT, sondern auch viele andere regionale und landesweite Verkehrsunternehmen. MCE-Steuerungssysteme finden sich außerdem in Flugzeugen, Schiffen, Bau- und Fertigungsmaschinen sowie in Kraftwerken.«

»Ja«, pflichtete Phil mir bei, »die Kundenliste ist praktisch endlos – sogar das Militär kauft bei MCE.«

»Tatsächlich?«

»Allerdings«, bestätigte Phil, sorgsam die Bildschirmanzeige studierend. »MCE-Chips finden sich zum Beispiel in den Schützenpanzern der Army, in leichten Kampfhubschraubern sowie in den Torpedobooten der Navy. Auch in U-Booten und auf Flugzeugträgern wird zum Teil auf MCE-Material zurückgegriffen – wie ich schon sagte, die Jungs sind schwer beschäftigt.«

»Sieht ganz so aus«, murmelte ich, während ich vom Datenzentrum des Pentagon eine Liste aller Militärfahrzeuge anforderte, die MCE-Technik verwenden.

Mit einem erleichterten Seufzen registrierte ich, daß die Information nicht als »geheim« eingestuft war. Anstandslos wurden mir die Daten auf den Schirm gegeben.

»Mal sehen«, meinte ich und ging die ellenlange Liste durch.

Phil hatte recht. Die fortschrittliche Technik von MCE fand auch beim Militär vielfältige Anwendung, sei es in Bodenfahrzeugen, Hubschraubern, Schiffen oder Flugzeugen.

Sogar in Kampfjets wurden die Steuerungseinheiten der Firma aus New Jersey eingebaut – unter anderem in die F-16, die F-18 und …

»Moment mal!« sagte ich plötzlich laut.

»Was ist?« fragte Phil und blickte von seinem eigenen Terminal auf.

»Einen Augenblick«, bat ich und suchte eilig das Durcheinander auf meinem Schreibtisch durch, der von Akten und losen Papieren förmlich überschwemmt war.

Endlich fand ich, wonach ich suchte. Es war eine Zeitung von vorletzter Woche, die es in dem Chaos, das auf meinem Schreibtisch herrschte, irgendwie geschafft hatte, dem Papierkorb zu entgehen.

Hastig blätterte ich darin herum, fand den Artikel, an den ich mich plötzlich erinnert hatte.

»Da!« sagte ich, stand auf und legte Phil die Zeitung vor, deutete auf den kleinen Artikel am Fuß der dritten Seite. »Lies, Alter!«

Phil sandte mir einen zweifelnden Blick, überflog dann die Zeilen.

»Und?« fragte er. »In Wisconsin ist ein Militärjet abgestürzt.«

»Nicht irgendein Jet, Partner«, widersprach ich. »Eine F-16.«

»Du meinst …?«

»Die Zeitung stammt vom 7. Juli, Phil. Das Unglück auf dem Luftwaffenstützpunkt Jefferson ereignete sich einen Tag zuvor. Einen Tag später fand der Unfall in der Subway statt – und in beiden Fällen war MCE-Technologie im Spiel.«

»Bemerkenswert«, fand Phil. »Aber auch nicht mehr. Wahrscheinlich ist das nichts als ein dummer Zufall.«

»Wahrscheinlich«, räumte ich ein, »aber für meinen Geschmack gibt es im Zusammenhang mit Morton Cyber Electronics bereits entschieden zu viele Zufälle. Der Pilot der F-16 fand bei dem Absturz den Tod, ebenso wie Tom Hardman bei dem U-Bahn-Unglück. Wir können beide nicht mehr befragen, wie es zu den Unfällen gekommen ist. Zufall?«

»Vielleicht«, entgegnete Phil. »Vielleicht aber auch nicht.«

»Genau das müssen wir herausfinden, Partner«, sagte ich grimmig. »Wir geben eine spezifizierte Suchanfrage an das FBI-Archiv aus. Gesucht wird nach Unglücksfällen im letzten halben Jahr von Fahrzeugen oder anderen Maschinen mit MCE-Technologie. Wie sagte doch der gute Professor Brown in Quantico? ›Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob es sich bei Ihren Hinweisen nur um Zufälle handelt, versuchen Sie, dahinter ein System zu entdecken!‹ Vielleicht steckt hinter all diesen Zufällen ja Methode.«

»Schwer vorstellbar«, meinte Phil, während er bereits eine entsprechende Anfrage verfaßte. »Aber wir können es ja mal versuchen. Was haben wir schon zu verlieren?«

»Die Wahrheit, Partner«, gab ich zurück. »Nicht mehr und nicht weniger.«

***

Oase Tamuri, Naher Osten

22.18 Uhr OZ

Mit leisem Summen meldete sich das Computerterminal.

Die glutäugige Schönheit, die sich auf dem breiten Bett räkelte, gab ein leises Kichern von sich, als ihr Liebhaber hochschreckte und gehetzt nach dem Bildschirm blickte, der im Halbdunkel glomm.

Dann sprang der Mann aus dem Bett, schlüpfte in die Hosen seiner sandfarbenen Uniform, warf sich die Jacke über, die die Rangabzeichen eines Generals trug. Er setzte sich an das Terminal, stellte fest, daß eine verschlüsselte Nachricht für ihn eingetroffen war.

Die Luft in dem kleinen Raum war heiß und stickig. Jenseits der offenen Fenster fuhr der Wüstenwind durch die Wipfel der Palmen, brachte jedoch keine Abkühlung. Auch der Ventilator, der unter der Decke hing, führte einen aussichtslosen Kampf.

Der Mann in der Generalsuniform scherte sich nicht darum. Er war die Hitze der Wüste gewohnt, hatte gelernt, mit ihr zu leben.

Rasch rief er die eingegangene Mitteilung ab, ließ sie durch das Dechiffrierungsprogramm laufen.

Die junge Frau, die nackt auf der kargen Pritsche lag, erhob sich schmollend, durchmaß den Raum mit trippelnden Schritten. Sie schmiegte ihren üppig ausgestatteten Körper eng an den General, hoffte ihn so zur Rückkehr auf das Laken zu bewegen.

Der Offizier knurrte unwirsch, stieß sie zurück – im Augenblick gab es Wichtigeres, das seine Aufmerksamkeit erforderte.

»Geh«, sagte er nur – und die Schöne raffte ihre Kleidung zusammen und verließ das Zimmer, um sich nebenan zur Verfügung zu halten.

Gebannt starrte der General auf den Monitor.

Zeile für Zeile der Nachricht wurde entschlüsselt, und er verschlang jeden Buchstaben.

Endlich war die Nachricht komplett – und triumphierend ballte der General die Faust.

Es war soweit!

Endlich!

Das Produkt, auf das er so lange gewartet hatte, war nun fertig, wurde ihm zum Kauf angeboten wie eine reife Frucht auf dem Basar. Was auch immer es kostete, er mußte dieses Produkt haben. Es war eine mächtige Waffe im Kampf gegen den westlichen Feind.

Dabei machte sich der Uniformierte keine Illusionen darüber, daß diese Information auch anderen Interessenten zugespielt worden war. Sicher gab es viele Mitbewerber, und sie alle wollten das Produkt mindestens ebenso sehr wie er.

Der General warf einen Blick auf das Versendedatum der Nachricht – der 8. Juli.

Angesichts des Zeitraums, den die Meldung benötigt hatte, um sämtliche Sicherheitskontrollen zu durchlaufen und zu ihm zu gelangen, mußte er davon ausgehen, daß sie inzwischen schon eine Vielzahl anderer Interessenten erreicht hatte.

Sie alle würden ihre Mittelsmänner zu dem Treffen schicken, das in der Mitteilung vorgeschlagen wurde – ein Treffen im Herzen des feindlichen Amerika.

In New York City.

***

»Da kommt was rein«, meldete Phil.

Sofort sprang ich von meinem Stuhl und gesellte mich zu meinem Partner.

»Es ist die Antwort auf unsere Anfrage«, informierte mich Phil.

»Na«, meinte ich grimmig, »dann wollen wir doch mal sehen, was wir haben. Auf den Schirm damit, Alter!«

»Schon dabei«, meldete Phil – und im nächsten Moment erhielten wir die verlangte Auflistung aller Unglücke und Störfälle vom vergangenen halben Jahr, an denen Fahrzeuge und Geräte mit MCE-Technologie beteiligt waren.

Es waren verschwindend wenig.

Vor etwa vier Monaten hatte es in Oregon einen Zusammenstoß von zwei Güterzügen gegeben, von denen einer mit MCE-Technik ausgerüstet gewesen war. Das Unglück war jedoch glimpflich abgegangen, niemand war dabei verletzt worden.

Dann jedoch kam es ziemlich dick.

Für Mittwoch, den 6. Juli verzeichnete die Liste den Absturz eines F-16-Bombers in Wisconsin.

Für Donnerstag, den 7. Juli einen schwerwiegenden Störfall in einem Wasserkraftwerk in Montana, bei dem ein Ingenieur der Nachschicht ums Leben gekommen war.

Für Freitag, den 8. Juli schließlich den schrecklichen Unfall in der New Yorker U-Bahn.

»Und da soll noch mal einer sagen, daß aller guten Dinge drei sind«, sagte Phil tonlos.

»Drei Unfälle innerhalb von drei Tagen«, resümierte ich erschüttert. »Das ist das System, von dem ich sprach. Das kann kein Zufall sein.«

»Allerdings nicht«, bestätigte Phil und nickte. »Drei ganz unterschiedliche Unfälle – aber jedesmal ist MCE-Technik im Spiel, und jedesmal finden dabei Menschen den Tod.«

»Nicht nur das«, sagte ich. »In keinem der drei Fälle gibt es Zeugen, die den Hergang des Unfalls genau beschreiben könnten. Dazu sind die drei Schauplätze der Unfälle – New York, Wisconsin und Montana – jeweils an die tausend Meilen voneinander entfernt. Weit genug, um keinen Verdacht zu erregen.«

»Jedenfalls nahm man das an«, entgegnete Phil mit bitterem Grinsen.

Gebannt starrten wir auf den Bildschirm, überprüften noch einmal die aufgeführten Daten.

Es gab keinen Zweifel – wir waren einer ziemlich heißen Sache auf der Spur.

»Aber was soll das alles, Jerry?« fragte Phil leise. »Wenn diese drei Unfälle wirklich in einem Zusammenhang stehen, was, zum Henker, steckt dann dahinter?«

»Ich weiß es nicht, Partner«, gab ich zurück. »Vielleicht eine Vertuschungsaktion von MCE, die Auslieferung fehlerhafter Steuerungschips – was weiß ich? In jedem Fall dürfte es mehr als zweifelhaft sein, daß Tom Hardman Schuld an dem Subway-Unfall trug.«

»Wir überprüfen am besten die Protokolle der anderen beiden Unfälle«, schlug Phil vor und rief die entsprechenden Daten ab, die das FBI-Archiv gleich mitgeschickt hatte.

Gebannt lasen wir, was es mit den beiden anderen Unglücksfällen auf sich hatte.

Bei dem Störfall in Silver Creek, Montana, waren aus ungeklärter Ursache mehrere Generatoren eines Wasserkraftwerks ausgefallen. Beim Versuch, die Störung zu beheben, hatte ein Angestellter einen tödlichen Stromschlag erhalten.

Die F-16 in Wisconsin war abgestürzt, nachdem der Pilot Schwierigkeiten beim Ausklappen des Fahrwerks gemeldet hatte. Daraufhin waren weitere wichtige Systeme ausgefallen und der Jet hatte gedroht, auf den Luftwaffenstützpunkt zu stürzen. Um das Leben seiner Kameraden auf dem Boden zu retten, hatte der Pilot darauf verzichtet, mit dem Schleudersitz auszusteigen, und die Maschine über das Gelände hinweggezogen – ehe sie am Boden zerschellt und explodiert war.

Der Grund für den Störfall wurde in beiden Fällen mit demselben, äußerst unbefriedigenden Wörtchen benannt:

Unbekannt.

Teams von Experten waren sowohl in Montana als auch in Wisconsin damit betraut worden, die Ursache der Unfälle zu ermitteln – in beiden Fällen vergeblich. Sowohl die F-16 als auch die Kontrolleinheiten der Generatoren waren durch Feuer komplett zerstört worden, so daß die verwendete Technik nicht mehr auf Fehler hin hatte untersucht werden können – auch das eine Parallele zum Unglück in der New Yorker Subway.

Damit war jedoch auch unsere Hoffnung, ein wenig Licht in die Sache bringen zu können, zerstört.

Wenn wir überprüfen wollten, ob es wirklich fehlerhafte MCE-Chips gewesen waren, die zu den Unfällen geführt hatten, mußten wir die Chips untersuchen und vergleichen lassen.

Ohne sie gab es keine Spur.

Und ohne Spur keinen Fall, das war uns nur zu klar.

»Scheiße, Jerry«, brummte Phil mißmutig. »Ich fürchte, wir sind in einer Sackgasse gelandet …«

***

Morton Cyber Electronics, Abteilung »Herstellung«

11.58 p.m.

Es klickte leise, als die Leuchtdioden, die in das Sicherheitsschloß eingelassen waren, von Rot auf Grün umsprangen und sich der Sperrmechanismus entriegelte.

Mit leisem Zischen hob die Hydraulik die schwere Panzertüre an, die darauf summend nach innen schwang.

Die dunkle Gestalt, die ungeduldig auf dem Korridor gewartet hatte, schlüpfte auf leisen Sohlen hinein, blickte sich wachsam um.

Der breite Gang, der hinter dem Sicherheitsschott lag, war menschenleer, nirgendwo war ein Mitarbeiter der Firma zu entdecken.

Der Schatten lachte lautlos in sich hinein, huschte an der Wand des von grellem Neon erleuchteten Korridors entlang.

Ohne Schwierigkeit fand er den Weg zur Schleuse, trat durch das automatische Schott. Zischend schloß sich der Zugang hinter ihm, und er befand sich im Umkleideraum.

Rasch trat der Eindringling an einen der Spinde, zog sich einen der sterilweißen Overalls über, dann durchschritt er die Schleuse zur Fertigungshalle.

Aseptischer Geruch empfing ihn, als sich das Schott vor ihm öffnete. Trockene, seltsam warme Luft strömte ihm entgegen.

Der Anblick war gespenstisch.

An Fließbändern und vollautomatisierten Fertigungsanlagen waren lautlose Robotarme damit beschäftigt, Platinen und Mikroschaltkreise zu fertigen, Präzisionsarbeit zu verrichten, zu der Menschen nie fähig gewesen wären.

Die Produktherstellung lief bei MCE vollelektronisch ab.

Fachpersonal wurde nur benötigt, um die Automaten zu warten und zu kontrollieren. Bei ›Morton Cyber Electronics‹ hatte die Zukunft längst Einzug gehalten – eine höchst unsichere Zukunft, wie der Eindringling fand.

An Reihen endloser, durch transparente Glasröhren verlaufender Fertigungsbänder entlang schlich sich der Vermummte durch die Halle. Die Maschinen nahmen von ihm keine Notiz, gingen ungestört weiter ihrer Beschäftigung nach. Mit pneumatischem Zischen hoben und senkten sich Hebearme, summend rotierten Werkzeuge um automatisierte Gelenke.

Die gesamte Mikrochip-Produktion von MCE basierte wiederum auf Mikrochips.

Maschinen, die Maschinen herstellten, sich gewissermaßen selbst reproduzierten.

Eine faszinierende Errungenschaft, die den Menschen fast überflüssig machte – und höchst verletzlich …

Der Eindringling lachte teuflisch.

Endlich erreichte er die Fertigungsanlage des MCE.48-Chips aus der neuesten Produktionsreihe der Firma.

Der 48er war die jüngste Entwicklung der MCE-Labors – ein winziger, aber höchst leistungsfähiger CPU, der nach erfolgter Modifikation und Programmierung in der Lage war, so ziemlich jedes komplexe Steuersystem zu überwachen.

Der Eindringling beobachtete, wie das Fließband Platine um Platine auswarf, die getestet, in Hartschaum verpackt und weitertransportiert wurden.

Eine perfekte, bis ins Detail durchdachte Maschinerie – in die er nun nachhaltig eingreifen würde.

Schon streckte der Vermummte seine Hand nach dem roten Schalter aus, wollte die Stromzufuhr der Anlage unterbrechen – als er hinter sich plötzlich Schritte hörte.

»Keine Bewegung!« drang fast im selben Moment eine schneidende Stimme an seinen Ohren. »Was haben Sie hier zu suchen?«

Der Eindringling schnaubte, verärgert über die unfreundliche Unterbrechung. Langsam wandte er sich um, sah den Uniformierten vor sich stehen, der ihm den kurzen Lauf seines 38ers unter die Nase hielt.

»Wer sind Sie?« schnauzte der Nachtwächter ihn an. »Was haben Sie um dieser Zeit hier zu schaffen?«

»Roger Stevens, Wartungsteam«, gab der Eindringling leichthin zur Antwort und deutete auf das Namensschild an seinem Overall. »Ich soll die MEC.48-Einheit kontrollieren. Scheint Schwierigkeiten zu machen.«

»So?« Der Wachmann, ein Mitvierziger mit graumeliertem Haar, verengte mißtrauisch die Augen. »Davon ist mir nichts bekannt.«

»Sie können ja nachfragen«, regte der andere an.

»Sehr witzig«, meinte der Wachmann und schnitt eine Grimasse. »Sie wissen genau, daß ich mein Funkgerät hier drin nicht benützen darf – wegen der Magnetfelder.«

»Ihr Pech«, erklärte der Eindringling schulterzuckend. »Dann werden Sie mir wohl glauben müssen.«

»Nein«, entgegnete der Wächter, »das muß ich ganz und gar nicht. Das hier ist ein gesicherter Bereich. Wenn Sie keine Aufenthaltsgenehmigung vorzeigen können, werde ich Sie mitnehmen und Ihre Personalien überprüfen.«

»Wenn Sie meinen«, gab der andere achselzuckend zurück. »Aber ich muß Sie warnen – Sie werden eine Menge Ärger bekommen.«

»Meinetwegen«, brummte der Wachmann. »Kommen Sie schon, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit!«

»Nein«, bestätigte der andere, »das haben wir ganz sicher nicht.«

Auf einen Wink des anderen hin nahm er die Hände hoch, setzte sich in Bewegung und tat so, als wolle er keinen Widerstand leisten.

Kaum hatten sie jedoch einige Schritte zurückgelegt, als der Eindringling in einer plötzlichen Bewegung explodierte, die so unvermittelt erfolgte, daß der Wachmann nicht dazu kam, seine Waffe zu benutzen.

Blitzschnell wirbelte der Eindringling herum. Sein rechtes Bein zuckte in die Höhe, schlug dem Wächter den Revolver aus der Hand.

Der Uniformierte keuchte, als sein 38er mit hohlem Klicken auf dem Boden landete. In einem jähen Reflex wollte er sich danach bücken, als der Mörderhammer des anderen in seinem Nacken landete.

Der Wachmann brach zusammen – um von der Faust des Angreifers unbarmherzig verfolgt zu werden. Mit schrecklicher Wucht ging die Rechte des Eindringlings nieder.

Der Uniformierte ächzte, als seine Nase knirschend zerplatzte. Dennoch schaffte er es irgendwie, sich wieder auf die Beine zu raffen und die Fäuste hochzubringen.

»Komm, du Hund!« knurrte er, bereit, die nächste Attacke des Fremden abzuwehren.

Doch sein Gegner war wieder schneller.

Er täuschte den Angriff nur vor, tauchte dann blitzschnell weg und unterlief die Verteidigung seines Kontrahenten.

Der Wachmann stieß einen Schrei aus, als ihn sein Gegner von den Beinen riß, hochhob und mit gewaltiger Kraft über sich hinweg katapultierte.

Der Wächter flog ein, zwei Meter weit – und stürzte in die Schutzverglasung eines der Förderbänder.

Das Glas gab splitternd nach, unsanft landete der Uniformierte auf dem Fertigungsband der X36-Serie, zermalmte Hunderte unfertiger Computerchips unter sich.

Ungeachtet des zusätzlichen Gewichts, das es zu tragen hatte, lief das Förderband weiter, trug seine menschliche Last dem Robotarm entgegen, der mit seinem Laserstrahl feine Bohrungen an den Platinen vornahm.

Der Wachmann stieß einen entsetzten Schrei aus, wollte vom Band springen – doch er war in der gläsernen Röhre eingeschlossen!

Ein letzter Blick nach draußen, von wo ihm der Fremde mit sadistischem Lächeln zuwinkte – dann stieß der mechanische Arm unbarmherzig zu.

Die schwarze Uniform des Wächters explodierte in grellem Rot, als der konisch geformte Kopf des Lasers den Brustkorb des Mannes durchstieß. Der Wachmann war sofort tot, bekam nicht mehr mit, wie sein Inneres von mikroskopisch fein gebündelten Lichtstrahlen zerschnitten wurde.

Dann erst sprach die Sicherheitsautomatik der Anlage an und schaltete sie ab. Rote Lampen begannen hektisch zu blinken.

Der Vermummte wandte sich ab, würdigte das grausige Bild keines weiteren Blickes mehr. Eilig kehrte er an die MCE.48-Maschine zurück und hielt die Fertigung an, suchte sich eine ganz bestimmte Platine aus.

Die MCE.48-Chips waren Spezialanfertigungen, die von der Anlage je nach ihrem späteren Einsatzzweck modifiziert wurden. Dieser hier, dachte der Eindringling, während er einen der CPU-Chips vom Robotarm auswechseln ließ, wird seinen Benutzern viel Freude bereiten …

Der Fremde gönnte sich ein teuflisches Grinsen – und verschwand so schnell und unvermittelt, wie er aufgetaucht war.

***

Manhattan, 3 Uhr nachts

Mr. Highs Anruf riß mich aus dem tiefsten Schlaf.

Als mir unser Chef berichtete, daß es bei ›Morton Cyber Electronics‹ zu einem Zwischenfall gekommen war und daß es einen Toten gegeben hatte, war ich jedoch sofort hellwach.

Rasch rief ich Phil, und obwohl mein Freund und Partner offenbar in reizender Gesellschaft war, erklärte er sich sofort bereit, mich zum Tatort zu begleiten.

Knapp fünfzehn Minuten später holte ich Phil an unserer gewohnten Ecke ab, die um diese Zeit wie ausgestorben wirkte. Stöhnend ließ er sich auf den Beifahrersitz fallen, sandte mir einen mürrischen Blick.

»So was gehört verboten«, beschwerte er sich. »Ich verlange Nachtzulage.«

»Du siehst reichlich zerknittert aus, Partner«, konstatierte ich mit einem Seitenblick.

»Ach ja?« Phil drehte sich den Rückspiegel zurecht, warf einen skeptischen Blick hinein. »Tja«, meinte er dann, »das ist Leidenschaft.«

»Nein«, widersprach ich feixend, »das ist das Alter.«

»Du kannst mich mal«, knurrte Phil und schloß demonstrativ die Augen, um sich während der Fahrt nach Jersey noch ein paar Minuten Schlaf zu gönnen.

Ich ließ ihn gewähren, steuerte meinen Jaguar durch die nächtliche Stadt auf die andere Seite des Hudson, dem Firmengelände von ›Morton Cyber Electronics‹ entgegen.

»Wir sind da!« Ich weckte Phil unsanft, als wir die Zufahrt zu dem ausladenden Komplex erreichten.

»Wasislos?« Phil zwinkerte, rieb sich die Augen. »Oh, Scheiße«, murmelte er, während er sich im Sitz ein wenig aufrichtete. »Kann diese verdammte Firma nicht in Kalifornien sein?«

»Bedaure«, gab ich zurück, während ich auf den Parkplatz des Firmengeländes fuhr, der mit Fahrzeugen des Jersey Police Department vollgestellt war.

Wir stiegen aus, waren noch keine zwei Schritte gegangen, als ein junger Officer auf uns zustach.

»Halt!« ordnete er an. »Keinen Schritt weiter! Zutritt für Presseleute verboten?«

»Presseleute?« Phil seufzte müde. »Siehst du irgendwo Presse, Partner?«

»Nein«, antwortete ich, meine Marke zückend.

Wir ließen den Jüngling unsere Ausweise sehen, der daraufhin ehrfurchtsvoll erbleichte. »FBI?« fragte er mit großen Augen.

»Ganz recht«, bestätigte ich. »Wo finden wir den Beamten, der diese Ermittlung leitet?«

»I-in der Fertigungshalle. Ich bringe Sie hin.«

»Das wäre sehr freundlich«, sagte ich, und gemeinsam setzten wir uns in Richtung eines der Flachbauten in Bewegung, die an den gläsernen Verwaltungskomplex angrenzten.

»Eigenartig«, meinte Phil, der allmählich zu sich kam, »wieso werden wir in letzter Zeit immer für Pressefritzen gehalten …?«

***

Der Fertigungsbereich, in dem MCE Mikrochips und komplette Platinen für seine Steuergeräte herstellte, war ein wahres Wunderwerk der Technik – und entsprechend gut bewacht. Wir passierten ein schweres Stahlschott, das per Zahlencode gesichert war und den einzigen Zugang zur Abteilung »Herstellung« bildete.

Der Korridor, der dahinter lag, wirkte so kalt und steril wie der eines Krankenhauses. Überall waren Beamte der Spurensicherung damit beschäftigt, nach Fingerabdrücken und anderen Spuren zu suchen.

Phil und ich tauschten einen fragenden Blick – was war hier vorgefallen? Mr. High hatte von einem Zwischenfall gesprochen …

Der junge Officer führte uns durch eine Schleuse in eine gewaltige Halle, in der unzählige vollautomatische Fertigungsanlagen untergebracht waren.

Einige der Maschinen liefen noch, die meisten waren jedoch abgestellt worden. Nur an wenigen rotierten noch die mechanischen Robotarme, die Präzisionsarbeit bei der Montage der Platinen verrichteten.

Zwischen den verglasten Fertigungsbahnen hindurch brachte uns der junge Cop zu einem Mann im Trenchcoat, der offenbar die Untersuchung leitete. Der Mann stand vor einer der Maschinen, diskutierte heftig mit seinen Forensikern.

»Verdammt, Männer, es muß doch irgendeinen Hinweise geben … Seht euch das alles genau an, ich will jeden einzelnen Millimeter überprüft haben, verstanden …?«

Als Phil und ich uns der Maschine näherten, bot sich uns ein schrecklicher Anblick: Vor uns, in einer der Glasröhren, durch die die Montagebänder liefen, lag ein Mensch – oder besser das, was noch von ihm übrig war.

Ein Robotarm hatte sein Werkzeug in seinen Brustkorb gebohrt und ihn entsetzlich zugerichtet. Die Innenseite der Glasröhre war mit Blut besudelt, das Glas selbst an einer Stelle eingebrochen und von Rissen überzogen.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?« brüllte der Mann im Trenchcoat und warf unserem jungen Begleiter vorwurfsvolle Blicke zu.

»Agent Cotton und Agent Decker, Sir, FBI.«

»FBI?« Der Mann im Trenchcoat, ein energischer Typ mit Halbglatze, machte große Augen. »Was wollen Sie denn hier?«

»Wir wurden informiert, weil dieser Zwischenfall im Zusammenhang mit einer FBI-Ermittlung stehen könnte.«

»Dann sind Sie also hier, um mir ins Handwerk zu pfuschen?« erkundigte sich der Mann skeptisch.

»Nicht, daß ich wüßte«, gab ich zurück. »Wer sind Sie, wenn ich mal ganz höflich fragen dürfte?«

»Lieutenant Carter, Mordabteilung.«

»Was ist hier passiert?«

»Das wüßten wir auch gerne«, gab Carter zurück, auf den grausig entstellten Leichnam deutend. »Verdammt häßliche Geschichte.«

»Ein Unfall kann wohl ausgeschlossen werden«, meinte Phil.

»Das können Sie laut sagen.« Carter schnaubte. »Es sei denn, sie trauen jemandem zu, mit Absicht durch diese Scheibe zu springen und sich von diesem verdammten Roboter so zurichten zu lassen.«

»Aber was war es dann?« fragte Phil. »Mord?«

»Davon gehe ich aus.« Carter deutete auf die Forensiker, die überall zu Gange waren. »Ich lasse von meinen Leuten jeden Winkel hier absuchen.«

»Und?« fragte ich. »Schon was gefunden?«

»Nicht wirklich«, gab der Lieutenant zurück. »Aber wenn Sie mich fragen, hat hier ein Kampf stattgefunden. Irgend jemand ist hier eingebrochen und wurde dabei von dem Wachmann überrascht. Es kam zum Kampf, in dessen Verlauf der Wächter seine Waffe verlor – wir fanden sie dort drüben auf dem Boden. Schließlich warf ihn sein Gegner durch das Glas aufs Förderband, und der Roboter besorgte den Rest.«

»Ein schreckliches Ende«, meinte ich.

»Das können Sie laut sagen.« Carter nickte. »Ich jedenfalls würde es nicht genießen, wenn meine Eingeweide von einem Laserstrahl zerschnitten würden.«

»Also gab es einen Eindringling«, resümierte ich. »Gibt es Verdächtige?«

»Bislang noch nicht. Wir fanden einen Overall draußen am Zaun, dessen Namensschild auf einen Mann namens Roger Stevens lautet.«

»Und? Haben Sie ihn überprüft?« fragte Phil.

»Allerdings. Der arme Kerl lag zu Hause im Bett und wußte nicht, wie ihm geschah, als ihn meine Jungs kassierten. Allerdings glaube ich nicht, daß er etwas mit der Sache zu tun hat, sonst wäre er wohl kaum so dämlich gewesen, seinen Overall so nahe am Tatort zurückzulassen.«

»Da ist was dran«, pflichtete ich bei.

»Vielleicht ergibt die Untersuchung der Stoffasern einen Hinweis – auch wenn ich da nicht viel Hoffnung habe.« Der Lieutenant schüttelte frustriert den Kopf, deutete auf die Kollegen von der Forensik, die fieberhaft, aber offenbar vergeblich nach Spuren suchten. »Wer immer der Einbrecher war, er war ein verdammt ausgebuffter Hund. Keine Spuren, kein Hinweis, kein Motiv. Aber das ist noch längst nicht das größte Rätsel, das uns dieser Mistkerl aufgibt.«

»Sondern?« fragte Phil.

»Nun – wie Sie vielleicht festgestellt haben, ist das hier ein streng gehüteter Bereich, zu dem nur sehr wenige Mitarbeiter Zutritt haben. Aber der Eindringling ist hier herumspaziert wie auf einer verdammten Promenade.«

»Hm«, machte ich. »Es gibt nur den einen Eingang, nicht wahr?«

»Genauso ist es«, bestätigte Carter, »und das Schloß wies nicht einen Kratzer auf – abgesehen davon, daß sich der Täter daran wahrscheinlich die Zähne ausgebissen hätte. Er muß den Code für das Sicherheitsschott gekannt haben, anders kann ich mir das nicht erklären.«

»Das ist völlig unmöglich«, mischte sich ein untersetzter Mann mit fliehender Stirn ein, der bislang unbeteiligt dabeigestanden und unser Gespräch verfolgt hatte.

»Gentlemen, das ist Mr. Grusin, der Sicherheitschef von Morton Cyber Electronics«, stellte Carter vor. »Er war es, der uns alarmiert hat.«

»Es ist eine Katastrophe«, jammerte Grusin, »eine einzige Katastrophe. Ich kann mir das einfach nicht erklären …« Der Chef der Sicherheitsabteilung war sichtlich von der Rolle. Seine kleinen Äuglein zuckten nervös in ihren Höhlen, seine feiste Miene war kreidebleich.

»Schon gut, Mr. Grusin«, sagte ich. »Ich bin sicher, Sie und Ihre Leute haben ihr Bestes getan.«

»Darauf können Sie wetten, Mr. Cotton«, versicherte der kleine Mann. »Aber ganz offenbar hat es nicht gereicht. Dabei verfügt diese Anlage über das ausgereifteste Sicherheitssystem, das für Geld zu bekommen ist. Die Tür ist durch einen doppelten Zahlencode gesichert, der an eine Stimm-Identifikation gekoppelt ist. Es gibt nur eine Handvoll Menschen in diesem Haus, denen die Kombination bekannt ist.«

»Dennoch hat sie der Täter allem Anschein nach gekannt«, meinte Carter, »sonst hätte er wohl kaum so mir nichts dir nichts hier reinspazieren können.«

»Könnte es jemand aus der Firma gewesen sein?« fragte ich. »Vielleicht ein Angestellter, ein Ingenieur oder …«

»Ausgeschlossen«, fiel mir Grusin ins Wort. »Wie ich bereits sagte, ist die Kombination nur sehr wenigen bekannt. Die Techniker und das Sicherheitspersonal, die hier arbeiten, werden nur zu vorgegebenen Zeiten in die Anlage eingelassen und bleiben bis zum Schichtwechsel.«

»Tatsächlich?« Phil blickte sich suchend um. »Und wenn die Jungs mal austreten müssen?«

»Natürlich gibt es hier drin Toiletten«, erwiderte der Sicherheitschef unwirsch, der zu aufgeregt war, um die Ironie in Phils Worten zu erkennen.

»Nur ein paar Leute kennen also den Zutrittscode«, faßte ich zusammen. »Die logische Schlußfolgerung wäre, daß der Täter einer von ihnen ist – oder daß er sich den Code von einem von ihnen besorgt hat.«

»Das ist unmöglich, völlig unmöglich!« sagte Grusin kategorisch.

»Wer verfügt über ein Zutrittsprivileg zu diesem Komplex? Können Sie mir Namen nennen?«

»Nun, da ist zunächst Mr. Morton, der Inhaber des Unternehmens, dann seine Stellvertreter, Mr. Seymour und Mrs. White.«

»Wir werden sie überprüfen«, versicherte mir Carter. »Auch wenn ich nicht annehme, daß sich dabei eine Spur ergibt. Wer verfügt außerdem noch über eine Zugangsberechtigung, Grusin?«

»Nur ich – und Mr. Snyder, der Abteilungsleiter der Herstellung natürlich.«

»Snyder?« Ich bekam große Ohren. »Martin Snyder?«

»Ja, genau. Kennen Sie Ihn?«

»Flüchtig«, erwiderte ich, und Phil und ich tauschten einen vielsagenden Blick.

»Bingo«, sagte mein Partner leise.

***

Vernehmungsraum, FBI Field Office

Mittwoch

5.57 a.m.

Martin Snyder hatte sich verändert.

Der Mann, der uns jetzt im Vernehmungsraum 4 des FBI-Gebäudes gegenübersaß, schien ein anderer zu sein als der, der uns vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden aus seinem Büro geworfen hatte.

Snyder saß in sich zusammengesunken auf seinem Stuhl, blickte starr geradeaus. Der arrogante Ausdruck war aus seinen Augen verschwunden, sein dunkles Haar stand wirr von seinem Kopf.

Der Geschäftsmann hatte nicht schlecht gestaunt, als wir um fünf Uhr morgens vor der Tür seines Hauses in Jersey City gestanden und ihn aufgefordert hatten, uns ins FBI-Quartier zu begleiten.

Natürlich hatte sich Snyder heftig geweigert und uns mit seinem Anwalt gedroht. Als Carter jedoch die Karten auf den Tisch gelegt und dem Manager eröffnet hatte, daß er Hauptverdächtiger in einem Mordfall war, war Snyders Widerstand jäh geschwunden.

Carter hatte eingewilligt, Snyder in den Räumlichkeiten des FBI zu vernehmen, wo Phil und ich Heimvorteil genossen – und wo wir den abgebrühten Geschäftsmann jetzt gehörig in die Mangel nahmen …

»Also noch mal von vorn«, begann Phil und gab sich keine Mühe, höflich zu sein. »Warum haben Sie sich heute nacht in die Fertigungshalle von Morton Cyber Electronics geschlichen?«

»Ich war nicht in der Fertigungshalle!« wiederholte Snyder zum x-ten Mal. »Verdammt, warum glauben Sie mir nicht?«

»Weil Sie verdammt noch mal kein Alibi haben!« knurrte Phil und beugte sich soweit vor, daß sein Gesicht dicht vor dem des Managers schwebte. »Ihre Frau und Ihre Kinder sind in Orlando und machen dort Ferien!« brachte er in Erinnerung. »Und Sie sitzen verdammt tief in der Scheiße, Snyder!«

»Aber ich war nicht …«

»Warum haben Sie den armen Kerl umgebracht?« fragte Carter, der hinter Snyder an der Wand lehnte und lässig auf einem Streichholz herumkaute.

Snyder fuhr herum, sandte dem Polizisten einen verzweifelten Blick. »Ich habe ihn nicht umgebracht, so glauben Sie mir doch!«

»Der arme Teufel hatte Frau und Kinder, Snyder, genau wie Sie«, fuhr der Lieutenant unbarmherzig fort. »Warum mußte er sterben? Was hat er gesehen, das er nicht sehen durfte?«

»Nichts!« rief der Manager so laut, daß sich seine Stimme dabei fast überschlug. Ich konnte die Panik hören, die in seinen Worten mitschwang, Tränen traten in seine Augen.

Kein Zweifel – Snyders Verzweiflung war echt.

Er hatte Angst, für etwas hinter Gitter zu wandern, das er nicht verbrochen hatte. Und so sehr es mir widerstrebte, ich nahm ihm ab, daß er unschuldig war.

»Okay, Snyder«, sagte ich mit strengem Blick. »Nehmen wir einmal an, das Gejammere, das Sie hier vortragen, wäre echt …«

»Es ist echt!« beteuerte der Geschäftsmann schnell. »So glauben Sie mir doch!«

»Gut«, erwiderte ich. »Nehmen wir also an, Sie sagen die Wahrheit und waren heute nacht nicht am Tatort – wer ist es dann gewesen?«

»Das weiß ich doch nicht!« Snyder blickte von mir zu Phil, dann zu Carter und wieder zu mir. »Bitte glauben Sie mir – ich weiß von nichts.«

»Komisch«, meinte Phil, »warum habe ich damit Probleme? Es könnte vielleicht damit zu tun haben, daß mein Partner und ich gestern um ein Haar ins Gras gebissen hätten – und daß wir das sichere ...

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