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Geheimbund der Grausamen - Sammelband 3

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Geheimbund der Grausamen
  4. Als der Teufel Rache nahm
  5. »Du wirst nie wieder G-man sein!«
  6. Phil Deckers Höllenjob
  7. Operation ›Atlantis‹
  8. Ich – und er falsche Mr. High

Geheimbund der Grausamen

Es war Nacht. Das Mondlicht, das durch die hohen Fenster des Nordtraktes der Columbia University fiel, erhellte die Gänge der altehrwürdigen Universität mit fahlem Schein.

Jason Dumfries spürte den Schlag seines eigenen Pulses, als er den Korridor hinabschlich, bis zu der Treppe, die in das Souterrain des Gebäudes führte.

Dort blieb er stehen, schaute sich vorsichtig im Halbdunkel um. Sein Pulsschlag raste jetzt, kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Am liebsten wäre er auf der Stelle umgekehrt, doch etwas drängte ihn dazu zu bleiben.

Er musste es wissen, brauchte Klarheit.

Er musste herausfinden, ob an den schrecklichen Gerüchten, die man sich erzählte, etwas dran war oder nicht. Den Gerüchten, denen zufolge der Tod auf dem Campus lauerte …

Jason wusste nicht, wo genau er zu suchen hatte. Alles, was er wusste, war, dass es einen Ort gab, an dem sie sich versammelten. Einen geheimen Ort, der irgendwo auf dem Universitätsgelände lag.

Anfangs hatte sich der junge Student, der im achten Semester Medizin belegte, geweigert zu glauben, dass es so etwas geben sollte. Doch nach den Vorfällen der vergangenen Woche und dem, was man sich in der Mensa und in den Wohnheimen hinter vorgehaltener Hand erzählte, schien wohl doch etwas dran zu sein an den Gerüchten.

Trotzdem – überzeugt war Jason nicht, und vielleicht hatte er sich nur deshalb absichtlich einschließen lassen, trieb er sich nur deshalb zu nachtschlafender Zeit auf diesen dunklen Korridoren herum, weil er Gewissheit haben wollte, dass es nicht so war.

Wenn aber doch?

Es war diese bange Frage, die den Studenten quälte, während er langsam die Stufen der Treppe hinunterschlich.

Es war völlig still im Treppenhaus, er hörte den leisen Tritt seiner eigenen Sohlen.

Wahrscheinlich irrte er sich. Wahrscheinlich war alles nichts weiter als ein dummes Gerücht, das irgendwer in die Welt gesetzt hatte.

Doch etwas trieb Jason dazu, weiterzugehen, und schließlich erreichte er das unterste Stockwerk, blickte sich argwöhnisch um. Er befand sich hier zwei Etagen unter der Erde, also hätte es völlig dunkel sein müssen.

Aber es war nicht dunkel.

Matter Lichtschein drang vom Ende des Korridors her. Er fiel durch eine Türritze. Und Jason hörte plötzlich leises Flüstern. Er konnte kein Wort verstehen, aber er hörte deutlich, dass jemand sprach. Eine einzelne Stimme …

Sich eng an der gekalkten Wand haltend, schlich Jason weiter den Gang hinab, auf den fahlen Lichtschein zu. Das Flüstern verstärkte sich und wurde lauter, verstehen konnte er jedoch noch immer nichts.

Endlich erreichte er die Tür.

Seine Hand zitterte, als sie sich der Klinke näherte. Von drinnen drang jetzt dumpfes Gemurmel, das er noch immer nicht näher definieren konnte, an sein Ohr.

Vorsichtig drückte er die Klinke, stellte fest, dass die Tür nicht abgeschlossen war. Mit leisem Knarzen schwang sie auf, und schon fürchtete Jason, er wäre entdeckt worden.

Doch der Gang, der sich jenseits der Tür erstreckte und von einigen nackten Glühbirnen beleuchtet wurde, die von der Decke baumelten, war menschenleer.

Der junge Student schluckte die Angst und die Sorge herunter, die mehr und mehr in ihm zu keimen begannen, schlich auf leisen Sohlen auch diesen Korridor hinab. Zu beiden Seiten gab es Türen aus schwerem Stahl. Hier und dort probierte Jason eine Klinke, doch diese Türen waren alle abgeschlossen.

Unvermittelt endete der Gang vor einer Wand aus Beton – das dumpfe Gemurmel, das in der Luft lag, blieb jedoch.

Verwundert blieb Jason stehen, blickte sich im Schein der Glühbirnen um.

Wie war das möglich?

Er war sicher, dass die Stimme aus keinem der Nebenräume kam. Am Ende des Korridors jedoch gab es keine Tür …

Verwirrt drehte sich der Student um seine Achse, nahm die Türen genau in Augenschein. Doch hinter keiner von ihnen schien sich der Urheber des geheimnisvollen Gemurmels zu befinden.

Was sollte er tun?

Die Polizei rufen?

Blödsinn – was sollte er den Cops erzählen? Dass er einen wilden Verdacht hatte? Und dass er von irgendwo Stimmen hörte, deren Ursprung er nicht ergründen konnte?

Es bestand die Möglichkeit, Dekan Wilkins oder die Universitätsverwaltung zu kontaktieren. Doch auch hier würde er keinen Stich machen, wenn er seine wilden Behauptungen nicht irgendwie beweisen konnte.

Es hatte keinen Zweck – ohne Beweis würde ihm niemand glauben.

Der Student stieß eine leise Verwünschung aus.

Er war so nahe dran, das Geheimnis zu lüften – und nun kam er nicht weiter. Alles sprach dafür, dass zumindest einige der Gerüchte wahr waren, die man sich erzählte. Doch obwohl er so dicht davor war, Licht in die Sache zu bringen, wusste er nicht mehr weiter.

Noch einmal schaute er sich aufmerksam um, konnte an den Wänden jedoch nichts Auffälliges entdecken.

Schließlich wandte er sich zum Gehen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als unverrichteter Dinge abzuziehen – aber er würde zurückkehren. Am besten würde es sein, er legte sich in den kommenden Nächten auf die Lauer und versuchte, ihnen zu folgen. Das war die einzige Chance, die er hatte. Die einzige Chance, der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Er machte auf dem Absatz kehrt und ging den Gang hinab. Dabei war er so in Gedanken versunken, dass er nicht merkte, wie sich die massive Wand am Ende des Korridors lautlos öffnete.

Mit leisem, fast unhörbarem Summen glitt die Wand zur Seite  – dahinter traten mehrere Gestalten in roten Roben hervor, die mit raschen Schritten den Gang hinunterstachen.

Jason bemerkte sie erst, als sie ihn fast eingeholt hatten.

»Was …?«

Alarmiert fuhr der Student herum – um einen entsetzten Schrei auszustoßen. Sein erster Blick galt den scharlachroten Roben, die die fünf Gestalten trugen. Erst dann blickte er in ihre Gesichter – und erschrak noch mehr.

»D-du?«

Das war alles, was er hervorbrachte.

»Hallo, Jason«, sagte der Anführer des Trupps. »Unklug von dir, dich nachts hier herumzutreiben.«

»Ich … ich bin nur zufällig hier …«

»Zufällig, soso … Warum nur glaube ich dir nicht? Für mich sieht es eher so aus, als hättest du hier herumgeschnüffelt.«

»Nein«, versicherte der Student schnell und blickte gehetzt von einem zum anderen. »Bitte glaubt mir, ich habe nicht …«

»Zu spät, mein Freund.« Der Anführer des Trupps schüttelte den Kopf. »Du hast bereits zu viel gesehen, und wir können nicht dulden, dass ein Verräter durch die Korridore schleicht. Packt ihn!«

Die Aufforderung hatte seinen Begleitern gegolten, deren Hände blitzschnell vorschossen, um Jason zu packen.

Der Student fuhr herum und unternahm einen halbherzigen Fluchtversuch – die Kerle in den roten Roben jedoch waren schneller und packten ihn.

»Spritze!«, befahl der Anführer, und mit entsetzt geweiteten Augen sah Jason, wie einer der Kerle eine Kanüle unter seiner roten Robe hervorzog.

»Nein!«, rief Jason entsetzt. »Was ist das? Was habt ihr mit mir vor?«

»Nur keine Sorge«, versicherte der andere kalt. »Gleich ist es vorbei …«

Verzweifelt wand sich der Student in den Griffen seiner Peiniger, vermochte gegen ihre Übermacht jedoch nichts auszurichten. Jemand packte seinen Arm, und im nächsten Moment spürte er den schmerzhaften Einstich der Nadel.

Ein leiser Schrei kam über seine Lippen, gefolgt von einem Stöhnen, als er die Injektion heiß wie Lava durch seine Adern strömen spürte.

»Das reicht«, sagte der Anführer des Trupps. »Wartet, bis das Zeug wirkt. Dann bringt ihn nach oben und tut, was ich gesagt habe.«

»Verstanden«, bestätigten die anderen ohne Zögern, während ihr Gefangener langsam das Bewusstsein zu verlieren begann.

Das Letzte, das Jason Dumfries wahrnahm, war das Rot ihrer Roben.

Dann war es vorbei.

***

Es war ihr erster Tag in New York.

Zu behaupten, dass Kimberley Johnson aufgeregt war, wäre die Untertreibung des Jahres gewesen. Sie war die Aufregung selbst.

Seit ihrer Kindheit hatte sie davon geträumt, nach New York zu kommen und hier zu arbeiten. Dass dieser Traum nun endlich wahr geworden war, konnte sie noch immer kaum fassen.

Den Brief, den sie von der Verwaltung der Columbia-Universität erhalten hatte, hatte sie an die zwei Dutzend Mal lesen müssen, ehe ihr endlich klar geworden war, dass sie das große Los gezogen hatte. Aus über zweihundert Konkurrentinnen und Konkurrenten, die sich um die Assistentenstelle bei Professor Parker beworben hatten, war ausgerechnet sie ausgewählt worden. Das kam einem Sechser im Lotto gleich.

Bei einem der größten Mediziner dieser Zeit als Assistent tätig zu sein und seine Doktorarbeit schreiben zu dürfen, war ein ganz besonderes Privileg. Eine Chance, die ihr sämtliche Türen öffnen konnte. Und Kimberley hatte nicht vor, diese Chance ungenutzt verstreichen zu lassen.

Ein Jahr lang hatte sie Zeit, um es hier in New York allen zu zeigen. Um zu beweisen, wie gut sie war und was in ihr steckte. Es lag an ihr, was sie aus diesem Jahr machte.

Staunend blickte die junge Frau aus dem Fenster des Taxis, das sie von der Central Station zum Gelände der Columbia bringen sollte. Sie sah das geschäftige Treiben in den Straßen, blickte an gewaltigen Hochhaustürmen und Wolkenkratzern empor, während das Cab sie nach Morningside Heights brachte.

Schließlich hielt das gelbe Fahrzeug vor einem beeindruckenden Gebäudekomplex, den Kimberley sofort als den Haupttrakt der Universität erkannte. Davor lag ein kleiner Park mit Bibliothek, umgeben von zahlreichen Nebengebäuden, die alle zum Universitätskomplex gehörten.

Der Campus der Columbia-Universität.

Kimberley bezahlte, was der Taxameter anzeigte, gab noch ein paar Cent Trinkgeld dazu. Dann stieg sie aus, und der Fahrer händigte ihr ihren Koffer aus. Im nächsten Moment war das Cab wieder im Verkehrsgetümmel der 116. Straße verschwunden, und Kim stand vor den ehrwürdigen Gebäuden, die in den nächsten zwölf Monaten ihr Arbeitsplatz sein würden.

Ein Wunsch war in Erfüllung gegangen.

Die junge Frau brauchte ein wenig, bis sie sich von dem Anblick losreißen konnte. Sie packte ihren Koffer und nahm den Weg über die grüne Wiese, auf der überall Studenten saßen und miteinander diskutierten oder ihre Nasen in Bücher steckten. Die Aura von Wissen und Gelehrtheit, die dieses Gelände umwehte, versetzte Kimberley in Euphorie, und sie brannte schon darauf, ihre Bücher auszupacken und sich den anderen Studenten anzuschließen.

Vorher jedoch musste sie erst mal ihr Quartier beziehen.

In dem Brief von der Verwaltung hatte gestanden, dass sie unmittelbar auf dem Campus wohnte, in einem der Wohnheime, die eigens für die Studenten eingerichtet worden waren. Bei einem jungen Kommilitonen, der höchstens im zweiten Semester war, erkundigte sich Kimberley nach dem Weg, und schon wenig später stand sie vor dem Gebäude, das das Wohnheim beherbergte.

Ihr erster Weg führte sie zur Anmeldung, wo man ihr die Zimmernummer nannte und ihr den Schlüssel aushändigte. Durch das steile Treppenhaus gelangte Kimberley nach oben und suchte die Zimmertür mit der Nummer 38b.

»Gefunden«, seufzte sie erleichtert und klopfte an.

»Ja?«, drang eine freundliche Frauenstimme von drinnen, und Kimberley trat ein.

Der Raum war nicht sehr groß, aber hell und gemütlich eingerichtet. Auf jeder Seite des Zimmers stand ein Bett, daneben ein großer Schreibtisch und ein Schrank. Während die eine Hälfte des Raumes unbewohnt zu sein schien, wirkte die andere dafür umso bewohnter: Poster hingen an den Wänden, und leere Pizzaschachteln lagen auf dem Boden, das Bett war mit Büchern übersät.

Inmitten der Unordnung thronte eine junge Frau mit dunkler Haut, die im Schneidersitz auf dem Bett saß und vor lauter Büchern nicht ein noch aus zu wissen schien.

»Ja?«, fragte sie und lüftete den Kopfhörer ihres Discman, als Kimberly plötzlich vor ihr stand.

»Äh – hallo«, grüßte Kimberley freundlich. »Ich bin Kimberley Johnson, deine neue Mitbewohnerin.«

»Ist das wahr?« Die Züge der Studentin, die ihr schwarzes Haar zu unzähligen kleinen Zöpfen geflochten hatte, hellten sich auf.

»Ich denke schon. Jedenfalls ist das die Zimmernummer, die man mir gegeben hat.«

»Na, das wird aber auch Zeit!« Spontan riss sich die Studentin den Kopfhörer herab und sprang auf, umarmte Kimberley voller Überschwang. »Das ist ja großartig! Ich dachte schon, ich müsste hier oben allein versauern. Ich bin Jessica Stevens, aber nenn mich ruhig Jessy.«

»Kim«, nannte auch Kimberley ihren Spitznamen und musste über den warmherzigen Empfang lächeln. »Dann werd ich mal meine Sachen in den Schrank räumen …«

»Ja klar, richte dich häuslich ein. Ehrlich, Schwester, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass endlich wieder jemand hier ist. Wurde auf die Dauer ziemlich öde so allein. Außerdem kann ich ehrlich gesagt ganz gut jemanden brauchen, der mir mit all dem Zeug hier helfen kann.« Mit einer Geste, die ein wenig hilflos wirkte, deutete sie auf die Bücher auf dem Bett.

»Welches Semester?«, fragte Kimberley.

»Drittes.«

»Dann sollte ich keine Probleme haben, dir ein wenig unter die Arme zu greifen«, sagte Kim lächelnd.

»Sag mal – stimmt es, dass du eine Assistentenstelle bei Professor Parker bekommen hast?«

»Das ist richtig.«

»Wow! Dann musst du ziemlich gut sein.«

»Es geht«, meinte Kim bescheiden. »Es gehört immer auch ein bisschen Glück dazu.«

»Stimmt«, sagte Jessy strahlend. »Und dieses Glück hatte ich, denn jetzt hab ich ein Genie als Zimmergenossin.«

»Schön wär’s ja«, lachte Kim, während sie damit begann, ihren Koffer auszupacken und ihre Sachen in den Schrank zu räumen. »Aber ich fürchte, ich muss dich enttäuschen. Ich bin eine ganz normale Studentin im vorletzten Semester. Ich hatte lediglich das Glück, dieses Stipendium zu bekommen – und jetzt darf ich bei einem der besten Chirurgen dieses Landes meine Doktorarbeit schreiben.«

»Dieses Landes?« Jessy verdrehte die Augen. »Du meinst wohl der Welt! Parker ist eine internationale Kapazität, das weiß sogar ich. Wer bei ihm studiert hat, dem öffnen sich ganz von allein sämtliche Türen. Du bist ein echtes Glückskind, weißt du das?«

»Ja«, erwiderte Kim leise, »ich weiß …«

***

Es war gegen elf Uhr vormittags, als uns Mr. High zu sich ins Büro bestellte.

Mein Partner Phil Decker und ich zögerten nicht, alles stehen und liegen zu lassen. Der Fall, an dem wir gerade arbeiteten, war langweilige Routine, und wir waren dankbar für jede Abwechslung.

»Guten Morgen, Gentlemen«, begrüßte uns unser Chef, als wir sein Büro betraten.

»Guten Morgen, Sir«, erwiderte ich den Gruß, während wir beide in den Besuchersesseln Platz nahmen.

»Gibt es was Neues?«, fragte mein Partner hoffnungsvoll.

»Vielleicht, Phil.« Mr. High schürtzte die Lippen, und einige Falten erschienen auf seiner hohen Stirn, wie sie es gewöhnlich dann tun, wenn etwas unserem SAC Sorgen bereitet. Ein neuer Fall lag in der Luft, ich konnte es beinahe spüren.

»Haben Sie vom jüngsten Vorfall an der Columbia gehört?«, erkundigte sich unser Chef rundheraus. Lange um den heißen Brei herumzureden, das war nicht Mr. Highs Art.

»Ein weiterer Vorfall, Sir?«, fragte ich verblüfft.

»Allerdings, Jerry. Gestern Morgen wurde ein Student namens Jason Dumfries tot in der Aula des Hauptgebäudes aufgefunden. Offensichtlich hat er sich beim Sturz von einer Balustrade das Genick gebrochen.«

»Weiß man, wie es passiert ist?«, fragte Phil.

»Allem Anschein nach war es ein Unfall. Der Vorfall ereignete sich nachts im abgesperrten Universitätsgebäude. Das Opfer war allein.«

»Das wäre der dritte Unfall mit Todesfolge, der sich innerhalb von vier Wochen an der Columbia ereignet«, stellte ich fest, mich an eine Zeitungsmeldung erinnernd.

»So ist es, Jerry«, stimmte Mr. High zu. »Jahrelang war die Columbia eine vorbildliche Universität, die allenfalls in wissenschaftlicher Hinsicht von sich reden machte. Dann ereignen sich in einem Monat gleich drei rätselhafte und tödliche Unfälle. Der erste Fall ist Tamara McCain, eine Medizinstudentin, die unter ungeklärten Umständen im Bassin des Universitätsparks ertrinkt. Dann stürzt ein Student namens Joss Leary vor einen Autobus. Und vergangene Nacht stürzt ein Student von einer Balustrade und bricht sich dabei das Genick.«

»Seltsam«, meinte Phil. »Natürlich könnte das alles nur Zufall sein, aber …«

»Genau um dieses Aber geht es, Gentlemen«, sagte Mr. High. »Die Angehörigen aller drei Todesopfer sind sich sicher, dass es sich unmöglich um Unfälle gehandelt haben kann.«

»Mag sein, Sir«, erwiderte Phil. »Aber Sie wissen ja, wie das ist bei Eltern.«

»Richtig, Phil. Dennoch sollte uns der dritte vermeintliche Unfall mit Todesfolge innerhalb eines Monats zu denken geben. Dazu kommt, dass die Columbia eine renommierte wissenschaftliche Anstalt ist, die einen Ruf zu verlieren hat, und der Bürgermeister hat mich persönlich gebeten, ein Auge auf die Sache zu werfen.«

»Verstehe«, meinte ich.

»Da es vorerst keine Indizien gibt, die auf etwas anderes als Unfälle schließen lassen, kann ich keine offizielle FBI-Ermittlung anordnen«, fuhr unser Chef fort. »Aber ich möchte, dass Sie beide zur Universität fahren und sich vor Ort ein wenig umsehen. Sprechen Sie mit dem Dekanat und mit einigen Studenten, versuchen Sie, sich ein Bild von der Lage zu machen.«

»Verstanden, Sir«, sagte ich. »Nur verstehe ich offen gestanden nicht ganz, wonach wir die Augen offen halten sollen.«

»Dann werde ich Ihnen einen Hinweis geben, Jerry. Seit die Gelder für Wissenschaft und Forschung gekürzt wurden, tobt zwischen den wissenschaftlichen Anstalten dieses Landes ein gnadenloser Kampf um Forschungsgelder und die Gunst der Sponsoren. Vor diesem Hintergrund wäre es durchaus möglich, dass jemand versucht, den Ruf eines Konkurrenten zu untergraben.«

»Indem er tödliche Unfälle inszeniert?«, fragte ich skeptisch.

»Ich weiß, dass es abenteuerlich klingt«, sagte Mr. High, »aber im Bürgermeisteramt hegt man offenbar diese Befürchtung. Bedenken Sie: Jahrelang macht die Columbia allenfalls in den Wissenschaftsblättern Schlagzeilen, und nun findet sie sich plötzlich auf den Titelblättern der Boulevardpresse.«

»Stimmt«, meinte Phil und schnitt eine Grimasse. »So etwas ist dem Ruf als renommierte Forschungseinrichtung nicht sehr zuträglich.«

»Allerdings nicht«, pflichtete Mr. High ihm bei. »Allein schon deshalb sollten wir uns der Sache annehmen.«

»Wurde der Leichnam von Jason Dumfries schon untersucht?«, wollte ich wissen.

»Die Untersuchung ergab keine Hinweise auf Gewalteinwirkung. Auf eine Obduktion wurde verzichtet, da die Todesursache eindeutig festgestellt wurde. Es steht Ihnen jedoch frei, sie anzuordnen, sollten Sie dies für nötig halten. Der Leichnam des jungen Mannes befindet sich noch in der Obhut der Gerichtsmedizin.«

»Na schön.« Ich nickte. »Dann werden wir uns mal vor Ort umsehen. Wir geben Bescheid, sobald wir etwas wissen.«

»Tun Sie das, Gentlemen. Ob ich Ihnen Glück wünschen soll, weiß ich nicht. Ehrlich gesagt hoffe ich, dass Sie nichts finden werden, was unseren Verdacht bestätigt.«

»Das hoffen wir auch, Sir …«

***

Bislang hatte Kim Johnson keinen Grund, sich über diesen Tag zu beschweren.

Der Empfang im Wohnheim war überaus warmherzig und nett gewesen. Kim war sicher, dass sie mit Jessy Stevens gut zurechtkommen würde.

Nun aber stand ihr die eigentlich wichtige Begegnung dieses Tages bevor – ihr erstes Treffen mit Professor Winston Parker, als dessen wissenschaftliche Assistentin sie die nächsten beiden Semester arbeiten würde.

Professor Parker war das, was man eine lebende Legende nannte. Eine Spitzenkraft auf dem Gebiet der plastischen Chirurgie, ein wahrer Magier seines Fachs, dessen Kapazität weltweit unumstritten war.

Das halbe Jahr war Parker auf Vortragsreisen rund um den Erdball unterwegs, und Mediziner aus aller Welt prügelten sich darum, bei ihm arbeiten zu dürfen. Ein einziges Mal hatte Kim ihn bislang gesehen, als er in Chicago einen Vortrag über Gewebetransplantation gehalten hatte. Vergeblich hatte sie damals versucht, mit Parker zu sprechen – die Sicherheitsleute, die den Professor bewacht hatten, hatten sie abgewiesen wie einen Teenager, der ein Autogramm von seinem Popstar haben wollte.

Eine Assistentenstelle bei ihm war tatsächlich wie ein Lotteriegewinn, und noch immer konnte Kim nicht glauben, dass sie das große Los gezogen hatte. Doch mit dem Schreiben der Universitätsverwaltung in der Hand öffneten sich für sie Türen, die anderen verschlossen blieben, und ein paar Minuten später stand die Studentin im Büro des Mannes, der ihr erklärtes Idol und Vorbild war.

»Professor Parker?«, fragte die Sekretärin, die Kim hereingeführt hatte, vorsichtig.

»Ja?« Der Gelehrte, ein Mann Ende fünfzig, der einen weißen Kittel trug und dünnes blondes Haar hatte, blickte nicht einmal von den Unterlagen auf seinem Schreibtisch auf.

»Herr Professor, die neue Assistentin möchte sich vorstellen.«

»Ach ja?« Parker blickte auf und musterte Kim, die vor dem riesigen Schreibtisch stand, von Kopf bis Fuß. »Sie sind also Miss …«

»Johnson«, half Kim aus. Ihre Stimme bebte dabei vor Ehrfurcht. »Kimberley Johnson, Sir.«

»Woher kommen Sie, Kimberley?«

»Aus Chicago, Sir. Und ich darf Ihnen versichern, dass es mir eine große Ehre ist, hier bei Ihnen arbeiten zu dürfen. Ich schätze mich sehr glücklich, von Ihnen ausgewählt worden zu sein, und ich werde mein Bestes geben, um Ihren Erwartungen in vollem Umfang …«

»Natürlich werden Sie das«, fiel der Professor ihr ins Wort. Kimberley verstummte. »Sehen Sie, mein Kind – jeder Student, der durch diese Tür kommt, sagt mir das Gleiche. Wie sehr er sich darüber freut, für diese Stelle ausgewählt worden zu sein, und wie sehr er sich bemühen wird. Schön und gut. Doch was in dieser Branche zählt, sind nicht Worte, sondern Taten. Dass nur die Besten der Besten hierher kommen, versteht sich von selbst. Dass Ihre Noten erstklassig sind, das weiß ich. Aber das wird Ihnen nichts nützen, wenn Sie nicht bereit sind, hier vollen Einsatz zu bringen.«

»I-ich verstehe, Sir.«

»Ich erwarte von meinen Assistenten, dass sie stets auf dem neuesten Stand der Forschung sind. Die Entwicklung der Medizin schläft nicht, also dürfen auch wir nicht schlafen. Und das meine ich buchstäblich, Miss Johnson. Haben Sie ein Problem damit?«

»Nein. Sicher nicht, Sir.«

»Gut. Denn andernfalls hätten Sie gleich wieder Ihre Sachen packen und dem Nächsten auf der Warteliste Platz machen können.«

»Dazu besteht kein Grund, Sir. Wie ich schon sagte – ich bin bereit, alles zu geben. Ich fühle mich der Aufgabe gewachsen.«

»Sieh an.« Über die Züge des Arztes huschte ein flüchtiges Lächeln. »Nun, Miss Johnson, wir werden sehen. Melden Sie sich bei Dr. Fieldsen und lassen Sie sich in Ihre Arbeit einweisen. Sie wurden der Abteilung für Transplantationstechnik zugeteilt. Wie man mir sagte, soll das Ihr Spezialgebiet sein.«

»Das ist richtig, Sir. Ich habe vor, meine Doktorarbeit darüber zu schreiben.«

»Sehr gut. Dann strengen Sie sich an, Miss Johnson. Sie werden im ganzen Land keine besseren Forschungsbedingungen vorfinden als hier. Erweisen Sie sich dieses Privilegs als würdig.«

Kim wollte etwas erwidern, wollte nochmals beteuern, dass sie alles geben würde, und wie sehr sie sich freute, hier tätig sein zu dürfen. Sie ließ es aber bleiben. Ein Gefühl sagte ihr, dass es dem Professor lieber war, wenn sie seine Zeit nicht noch länger in Anspruch nahm.

»Danke, Sir«, sagte sie nur und wandte sich zum Gehen, ein wenig enttäuscht darüber, dass die erste Begegnung mit ihrem Idol so ganz anders verlaufen war, als sie es sich vorgestellt hatte.

Auf der Schwelle des Büros jedoch rief Parker sie noch einmal zurück.

»Miss Johnson?«

Kim wandte sich um. »Ja, Sir?«

»Willkommen in meinem Team«, sagte der Professor, und ein Lächeln umspielte dabei seine Züge, das die junge Frau für alles entschädigte.

»Danke, Sir«, sagte sie – und die Welt war wieder im Lot.

***

Da es noch keinen offiziellen Fall gab, in dem der FBI an der Columbia ermittelte, hatten Phil und ich uns telefonisch angemeldet. Dekan Wilkins war der Vorsteher der medizinisch-naturwissenschaftlichen Abteilung. In seinen Verantwortungsbereich fiel alles, was auf dem Gelände der Fakultät geschah, also war er für uns der erste Ansprechpartner.

Mir dem Jaguar fuhren Phil und ich vor dem Hauptgebäude der Fakultät vor und betraten das ehrwürdige Gebäude. Eine ältlich aussehende Lady mit Hornbrille nahm uns ziemlich barsch in Empfang. Erst nachdem wir ihr unsere Ausweise und Dienstmarken gezeigt hatten, schien sich ihre Laune etwas zu bessern.

Durch Korridore und Treppenhäuser führte sie uns durch die verschlungenen Innereien des weitläufigen Gebäudes. Endlich gelangten wir in ein Vorzimmer, von wo uns eine blonde Sekretärin in ein großes, klassisch eingerichtetes Büro führte, das aus jeder Pore seiner hölzernen Täfelung akademische Gelehrtheit zu atmen schien.

Der Mann, der hinter dem Schreibtisch saß, wirkte ziemlich klein und unscheinbar hinter dem riesigen Möbelstück. Er trug einen korrekten Anzug, sein schütteres Haar war exakt gescheitelt. Dekan Wilkins …

»Die Gentlemen vom FBI, Sir«, meldete die Sekretärin uns an, worauf Wilkins aussah, als hätte er in eine Zitrone gebissen.

»Es ist gut, Esther, Sie können dann gehen«, sagte er, ehe er sich uns zuwandte. »Sie sind also die Special Agents vom FBI, die mich unbedingt sprechen wollten«, sagte er, ohne sich von seinem Stuhl zu erheben.

»So ist es, Sir«, bejahte ich. »Ich bin Special Agent Jerry Cotton, das hier ist mein Partner Special Agent Phil Decker.«

»Sehr schön, Gentlemen.« Wilkins nickte. »Und was, wenn ich fragen darf, führt Sie zu mir?«

Phil und ich wechselten einen vielsagenden Blick. Sehr willkommen schienen wir gerade nicht zu sein …

»Wie ich Ihnen am Telefon schon sagte, Sir«, erwiderte ich, »geht es um den Vorfall, der sich vorletzte Nacht ereignet hat.«

»Der Tod von Jason Dumfries. Ein tragischer Unfall, wirklich«, sagte Wilkins. »Nur sehe ich nicht, was der FBI damit zu tun haben sollte.«

»Dies ist bereits der dritte tödliche Unfall in Folge, der sich an Ihrer Fakultät ereignet …«

»Und? Wollen Sie mir etwa die Schuld dafür geben?«

»Natürlich nicht, Sir«, sagte ich. »Aber es muss gestattet sein, ein paar Fragen zu stellen. Zum Beispiel die, ob es sich wirklich um Unfälle gehandelt hat.«

»Ich bitte Sie, Agent Cotton!«

»Bei allem Respekt, Sir«, wandte ich ein, »aber der Fall wurde bislang nicht näher untersucht. Ebenso wenig wie der Tod von Tamara McCain oder Joss Leary.«

»Miss McCain ertrank im Bassin des Parks«, erklärte Wilkins unwirsch. »Und Mr. Leary kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Eine unglückliche Häufung tragischer Fälle zweifellos, aber doch sicher kein Anlass für den FBI, Ermittlungen aufzunehmen. Sie haben doch sicher dringendere Fälle zu erledigen.«

»Unglücklich ist wohl nicht ganz das richtige Wort, Sir. Immerhin sind drei junge Menschen tot. Und alle drei waren Studenten Ihrer Fakultät, richtig?«

»Das stimmt, und natürlich bedaure ich sehr, was geschehen ist. Aber was passiert ist, ist passiert. Ich kann es nicht mehr ändern, ebenso wenig wie Sie. Es tut mir Leid, dass Sie den Weg hierher umsonst machen mussten.«

»Nicht so schnell, Sir«, wandte ich ein. »Wenn Sie gestatten, hätten wir uns an Ihrer Fakultät gerne ein wenig umgehört und mit ein paar Studenten gesprochen …«

»Ich gestatte es nicht«, verkündete Wilkins scharf und blitzte uns an. »Denn zum einen besteht dazu kein Anlass, und zum anderen sehe ich nicht, welchen Vorteil Sie oder ich daraus gewinnen könnten.«

»Hier geht es nicht um einen Vorteil für irgendjemanden, Sir«, widersprach ich. »Hier geht es darum, herauszufinden, ob diese drei jungen Menschen wirklich nur verunglückt sind oder ob jemand nachgeholfen hat. In diesem Fall, Sir, hätten wir es möglicherweise mit Serienmord zu tun – und der fällt, wie Sie wissen werden, sehr wohl in die Zuständigkeit des FBI.«

»Das ist ja lächerlich.« Wilkins schüttelte den Kopf, dass sein schütteres Haar nur so flog. »Ich bin kein Kriminologe, Agent Cotton, aber selbst ich weiß, dass ohne einen triftigen Grund keine Untersuchung begonnen werden kann. Und zu Ihrer abenteuerlichen Mordtheorie fehlt Ihnen jegliches Motiv.«

»Ich denke, danach müssten wir nicht lange suchen«, hielt ich dagegen. »Schließlich ist die Universität, der Ihre Fakultät angehört, eine der führenden Lehr- und Forschungsanstalten dieses Landes.«

»Und?«

»Es ist also durchaus möglich, dass es Neider gibt, die Ihnen Ihren Erfolg missgönnen. Zumal der Kampf um die Bewilligung von Forschungsgeldern hart geworden ist.«

»Zugegeben.« Wilkins nickte. »Aber wollen Sie ernsthaft behaupten, dass es jemanden gibt, der meine Studenten ermordet, um diese Anstalt in Misskredit zu bringen?«

»Es wäre möglich.«

»Behauptungen! Nichts als Behauptungen! Als Wissenschaftler, Mr. Cotton, wären Sie bereits von meiner Fakultät geflogen. Denn wer in der Wissenschaft mit solch abenteuerlichen Theorien auftaucht, ohne auch nur den geringsten Beweis dafür bieten zu können, der hat keine Chance.«

»Mag sein, Sir«, sagte ich und musste mich zur Ruhe zwingen. Die besserwisserische Art des Dekans ging mir auf die Nerven. »Aber ich bin nun mal kein Wissenschaftler, sondern Polizist. Und als solcher …«

»Außerdem sind Sie einem klassischen Fehlschluss erlegen«, fiel mir der Gelehrte ins Wort. »Denn wenn Sie Recht hätten, Gentlemen, könnte ich Ihnen erst recht nicht gestatten, an meiner Fakultät Nachforschungen anzustellen. Denn sobald der Verdacht aufkäme, dass die Studenten unserer Universität nicht mehr sicher sind, würden die Hörsäle leer bleiben. Und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was das heißen würde.«

»Offen gestanden schert mich das einen Dreck, Sir«, konterte ich undiplomatisch. »Obwohl ich mir alle Mühe gebe, Ihre Bedenken zu verstehen, kann ich nicht zulassen, dass Sie Ihre wirtschaftlichen Interessen über das Wohl Ihrer Studenten stellen. Ob es Ihnen gefällt oder nicht – Agent Decker und ich werden der Sache auf den Grund gehen. Und sollten wir auch nur den geringsten Anlass zu dem Verdacht finden, dass mehr hinter diesen angeblichen Unfällen steckt, werden wir mit einer Spezialabteilung unseres Büros hier anrücken und den ganzen Laden hier dicht machen.«

»Was?« Wilkins sprang auf. »Wollen Sie mich ruinieren? Sie haben doch überhaupt nichts in der Hand!«

»Jetzt mal halblang«, sagte Phil bissig. »Sie werden zugeben müssen, dass drei tödliche Unfälle in vier Wochen ein wenig viel sind.«

»Ich habe dreißig Jahre meines Lebens in den Aufbau dieser Fakultät gesteckt, und ich lasse sie mir von niemandem zerstören. Weder von Ihnen noch von sonst irgendjemandem. Haben Sie mich verstanden?«

»Wir verstehen durchaus, Sir«, versicherte ich. »Aber Sie sollten auch das verstehen: Wenn Sie uns jetzt von Ihrem Gelände werfen, wozu Sie natürlich das Recht haben, und es ereignet sich auch nur noch ein weiterer Todesfall, dann sind Sie dran. Dann ist nicht nur Ihre Fakultät am Ende, sondern Sie ebenfalls!«

Einige Sekunden lang starrte der Dekan uns an, schien uns mit Blicken durchbohren zu wollen. Dann winkte er resignierend ab.

»Also gut«, murmelte er. »Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie werden davon absehen, meine Abteilung auf den Kopf zu stellen, und ich werde Ihnen dafür gestatten, sich mit Mr. Malusic zu unterhalten, dem Sprecher der studentischen Vertretung. Er kannte alle drei Todesopfer. Sollten Sie aus diesem Gespräch eine Erkenntnis gewinnen, die Ihre wilden Vermutungen bestätigt, dann werde ich bei der nächsten Fakultätsversammlung die Sache zur Sprache bringen. Aber wenn nicht, Gentlemen, dann verlange ich, dass Sie unverzüglich das Universitätsgelände verlassen und nicht mehr wiederkommen.«

Ich holte Luft zu einer geharnischten Erwiderung, doch Phils Blick sagte mir, dass ich es besser bleiben lassen sollte. Mr. High hatte ausdrücklich verlangt, dass wir diskret vorgehen sollten, und Ermittlungen an einer Einrichtung wie der Columbia-Universität waren immer auch ein Politikum.

»Also gut, Sir«, erklärte ich mich also einverstanden. »Wo finden wir diesen Mr. Malusic?«

»Meine Sekretärin wird Ihnen sagen, wo Sie ihn finden können. Und nun entschuldigen Sie mich, Gentlemen – ich habe noch zu tun.«

Wir verzichteten darauf, uns lange zu verabschieden, sondern verließen das Büro des Dekans, der mehr um das Ansehen seiner Fakultät besorgt zu sein schien als um seine Studenten.

Eine Anfrage bei der blonden Sekretärin verwies uns an das Nachbargebäude, wo wir uns nach Malcolm Malusic erkundigten. Der Portier schickte uns in den ersten Stock, wo uns ein junger Mann mit kurz geschnittenem blonden Haar und blassen Zügen erwartete. Sein hagerer Körper steckte in einem teuren Maßanzug, sein Blick und seine Haltung hatten etwas Aristokratisches.

»Die FBI Special Agents Cotton und Decker?«, fragte der Blondschopf, den ich auf Mitte zwanzig schätzte.

»So ist es«, bestätigten wir und zückten unsere Marken. »Sind Sie Malcolm Malusic?«

»Zu Ihren Diensten«, erklärte der junge Mann beflissen. »Man informierte mich gerade darüber, dass Sie kommen würden.«

»Wer hat Sie darüber informiert?«, fragte Phil.

»Dekan Wilkins.«

»Na wunderbar.« Mein Partner verdrehte die Augen. »Hat er Ihnen auch gleich Anweisungen gegeben, was Sie sagen sollen und was nicht?«

»Natürlich nicht, wo denken Sie hin? Das hier ist eine Universität und kein Polizeistaat. Ich befinde mich in der ehrenvollen Situation, das volle Vertrauen des Dekans zu genießen.«

»Schon gut«, meinte ich und winkte ab. »Mein Partner und ich hätten einige Fragen an Sie, Mr. Malusic. Gibt es einen Ort, wo wir ungestört reden können?«

»Am besten da drin«, meinte der Studentensprecher und deutete auf die nächste Tür. »Das ist der Versammlungsraum der Studentenvertretung, aber heute ist kein Treffen geplant.«

Er ging uns voraus und öffnete die Tür, bat uns höflich einzutreten. Der Raum war ziemlich karg möbliert, mit Stühlen, die in einem weiten Kreis aufgestellt waren.

»Nett.« Phil konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Werden hier die Jute-Workshops abgehalten? Und gibt es lauwarmen Fencheltee?«

»Das mit der Jute überlassen wir lieber den Kommilitonen von der sozialpädagogischen Fakultät«, konterte Malusic schlagfertig. »Eine Tasse Tee könnte ich Ihnen allerdings anbieten – Sie auch, Mr. Cotton?«

»Nein danke. Ehrlich gesagt wäre es mir lieber, wenn wir gleich zur Sache kämen.«

»Natürlich. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Sie wissen von dem tödlichen Unfall von Jason Dumfries?«

Malusic nickte.

»Sie haben Mr. Dumfries gekannt?«

»Natürlich. Er war Mitglied der Studentenvertretung. Wir haben uns jede Woche in diesem Raum getroffen.«

»Was können Sie uns über ihn sagen?«

»Nicht viel. Ich meine, er erschien zu jeder Versammlung, aber er hat sich nicht wirklich daran beteiligt. Er war eher ein stiller Typ. Ein Eigenbrötler, wenn Sie so wollen.«

»Ein Eigenbrötler, der sich der Studentenvertretung anschließt?« Phil hob skeptisch die Brauen.

»Die Mitgliedschaft in einer studentischen Vereinigung öffnet einem an der Universität manche Tür, die sonst verschlossen bliebe«, erklärte Malusic lächelnd. »Nicht alle Studenten, die unserer Vereinigung beitreten, haben auch vor, sich darin zu engagieren.«

»Ich verstehe.« Ich nickte. »Würden Sie sagen, dass Mr. Dumfries selbstmordgefährdet war?«

»Tut mir Leid, Mr. Cotton, aber da-rüber traue ich mir kein Urteil zu. Ich meine, ich habe Jason gekannt, habe ihn einmal in der Woche gesehen. Aber ich würde mir niemals anmaßen, Ihnen sagen zu wollen, wie es um sein Seelenleben bestellt war.«

»Gibt es jemanden, der uns darüber Auskunft geben könnte? Vielleicht einen Freund? Oder eine Freundin?«

Der Studentenvertreter schüttelte den Kopf. »Wie ich schon sagte – Jason war eher ein Eigenbrötler. Er hatte keine Freunde.«

»Wie sieht es mit den anderen beiden Studenten aus, die in letzter Zeit ums Leben kamen? Mit Tamara McCain und Joss Leary?«

»Tamara hatte Probleme, das wusste hier jeder. Ein paar Tage, bevor die Sache im Bassin passierte, hatte ihr Freund mit ihr Schluss gemacht.«

»Hat sie Ihnen das selbst erzählt?«

»Nein, ich habe es über eine Freundin erfahren. Tamara ist zwei Tage lang nicht zu ihren Vorlesungen und Seminaren erschienen.«

»Und Mr. Leary?«

»Joss war ein Sonderfall. Einer jener Studenten, die vor allem wegen des wilden Nachtlebens nach New York gekommen sind. Er war Mitglied in der Football-Mannschaft und hatte mehr Interesse für weibliche Reize als für die Rätsel der Wissenschaft. Außerdem hatte er ein Alkoholproblem, wenn Sie mich fragen. Als er vor diesen Autobus rannte, war er sturzbetrunken.«

»Hm«, machte ich nur, und Phil und ich tauschten einen langen Blick. Wenn man es sich so anhörte, konnte man tatsächlich glauben, dass nichts weiter hinter der Sache steckte als heiße Luft. Drei junge Menschen waren auf jeweils tragische Weise ums Leben gekommen, das war schlimm genug. Aber die einzelnen Fälle schienen tatsächlich nichts miteinander zu tun zu haben.

»Hören Sie, Gentlemen«, sagte Malcolm, »ich weiß, weshalb Sie hier sind, und ich darf Ihnen versichern, dass ich dafür sehr dankbar bin. Schließlich geht die Sicherheit hier auf dem Campus uns Studenten ganz besonders an. Aber ich darf Ihnen auch sagen, dass hier alles in Ordnung ist. Die Universitätsleitung – und ganz besonders Dekan Wilkins – geben sich wirklich alle Mühe, dass wir uns hier sicher fühlen dürfen und die denkbar besten Ausbildungsbedingungen vorfinden. Sie können hier fragen, wen Sie wollen  – jeder wird Ihnen versichern, dass es großartig ist, an der Columbia zu studieren. Und ich bitte Sie, Gentlemen, machen Sie das nicht kaputt. Sie würden uns allen nur damit schaden, und ich weiß, dass Sie das nicht wollen.«

Ich seufzte, und erneut schauten Phil und ich uns an.

Auch Phil schien fürs Erste genug zu haben. Wir hatten unseren Auftrag erfüllt und uns umgehört. So, wie es aussah, gab es tatsächlich keinen Grund, weitere Nachforschungen anzustellen.

»Also gut, Mr. Malusic«, sagte ich, »vorerst haben wir keine weiteren Fragen an Sie. Ich möchte Sie aber bitten, sich verfügbar zu halten. Nur für den Fall, dass wir noch einmal auf Sie zurückkommen müssen.«

»Sie können mich jederzeit gerne anrufen. Sie erreichen mich über das Sekretariat des Dekans.«

Ich nickte und wir verabschiedeten uns, verließen das Universitätsgelände, auf dem wir so willkommen gewesen waren wie weiße Tenöre im Harlem Gospel Chor.

Wir bemerkten nicht, dass man uns dabei beobachtete …

***

Es war Kims zweiter Tag an der Columbia, und die frischgebackene Assistentin am Lehrstuhl von Professor Parker hatte bereits das Gefühl, als hätte sie nie etwas anderes getan als hier zu arbeiten.

Sie hatte nicht lange gebraucht, sich in den Labors der Fakultät zurechtzufinden. Alles, was sich eine Studentin, die mit den Forschungen zu ihrer Doktorarbeit beginnen wollte, nur erträumen konnte, war vorhanden, dazu ein leistungsfähiges Computersystem, das auch die Simulation komplexer Vorgänge ermöglichte. Komplexe Verbindungen zu testen hätte auf dem Stammsystem ihrer Chicagoer Universität ein paar Wochen gedauert – der Rechner von Professor Parkers Abteilung schaffte solche Berechnungen in ein paar Stunden.

Rasch hatte sich Kim eingearbeitet. Da ihr Dr. Fieldsen, der Leiter der Abteilung für Transplantationstechnik, weitgehend freie Hand ließ, konnte sie dort mit ihren Forschungen weitermachen, wo sie in Chicago aufgehört hatte. Mit dem Unterschied, dass diesmal alles sehr viel schneller ging …

In fieberhafter Eile huschten ihre schlanken Finger über die Tastatur des Terminals, um immer wieder neue molekulare Verbindungen zu testen. Das Ergebnis war meist das Gleiche – ein roter Balken, der quer über dem Bildschirm erschien und auf dem »negativ« stand. Doch hin und wieder hatte Kim auch einen Erfolg zu verbuchen, und so arbeitete sie sich langsam auf die Lösung des Problems zu.

»Na, kommen Sie voran?«

Kim schreckte zusammen, als sie plötzlich die Stimme von Professor Parker hinter sich hörte. Sie war so in ihre Arbeit vertieft gewesen, dass Sie ihn nicht bemerkt hatte.

»B-bitte entschuldigen Sie, Professor«, stammelte sie und lief purpurrot an. »Ich habe nicht bemerkt, dass Sie …«

»Entschuldigen Sie sich niemals, weil Sie auf Ihre Arbeit konzentriert waren, mein Kind«, unterbrach Parker gönnerhaft, während er interessiert auf ihren Bildschirm blickte. »Sie testen molekulare Verbindungen?«

»Ja, Sir.« Kimberley nickte. »Wie Sie meinen Bewerbungsunterlagen entnehmen können, arbeite ich daran, eine stabile molekulare Verbindung für Transplantationsgewebe zu erstellen.«

»Interessant.«

»Das Problem bei Transplantationen – egal, ob es sich um Gewebe- oder um Organtransplantationen handelt – ist, dass das transplantierte Objekt häufig vom Wirtskörper abgestoßen wird. Besonders gilt dies natürlich bei Transplantationen von fremden Spendern. Bei Gewebetransplantationen, wie sie in der plastischen Chirurgie Anwendung finden, hat dies zur Folge, dass transplantiertes Gewebe vorschnell altert und einem beschleunigten Zerfall unterworfen ist. Außerdem kommt es zu keinem vollständigen Verwachsen der synaptischen Stränge.«

»Sehr schön, Miss Johnson«, sagte Parker wohlwollend, »ich selbst hätte es nicht treffender zusammenfassen können. Und was gedenken Sie gegen dieses Phänomen zu unternehmen?«

»Ich arbeite an einer Methode, wie sich zu transplantierendes Gewebe auf molekularer Ebene umbauen lässt, sodass es vom Wirtskörper als eigenes Gewebe erkannt und akzeptiert wird.«

»Ein Gedanke, den allerdings auch schon andere Wissenschaftler vor Ihnen hatten.«

»Ich weiß, Sir. Aber bei den Versuchen von Bennet in Deutschland und von Halvarson in Schweden wurde stets versucht, dem Problem molekulartechnisch beizukommen. Halvarson experimentiert mit chemischen Verbindungen, Bennet setzt seine Hoffnungen auf Nanotechnologie.«

»Und Sie?«

»Ich verfolge einen völlig neuen Ansatz, Sir. Wie wir wissen, kann Strahlung verschiedener Art Veränderungen auf molekularer Ebene hervorrufen. Meiner Theorie zufolge gibt es eine bestimmte Wellenlänge Alpha, die in der Lage ist, Gewebe so zu manipulieren, dass es vom Abwehrsystem des Empfängers nicht mehr als Fremdkörper eingestuft wird.«

»Eine revolutionäre Idee, in der Tat«, meinte Parker anerkennend. »Nur denke ich nicht, dass Sie damit Erfolg haben werden. Die Feldstudie von Warner und Lowe besagt, dass …«

»Verzeihen Sie, wenn ich widerspreche, Sir«, wandte Kimberley ein, »aber es ist mir gelungen, eine Simulation zu programmieren, die die Umstände eines Transplantationsvorganges unter Laborbedingungen nachahmt. Und ich denke, ich bin auf einem guten Weg.«

Verblüfft schaute der Professor sie an, beugte sich dann vor, um die Anzeigen auf dem Monitor abzulesen. »Kaum zu glauben«, murmelte er vor sich hin. »Sie haben Recht. Die Rate der Abwehrreaktionen verringert sich, je stärker die Strahlungswerte werden.«

»Es ist noch kein Durchbruch«, schränkte Kim ein, »aber ich habe ein gutes Gefühl bei dieser Sache. Ihre Erlaubnis vorausgesetzt, würde ich meine Technik nach dem Abschluss der simulierten Versuchsreihe gerne weiter testen.«

»Tun Sie das«, sagte Parker. »Ich werde dafür sorgen, dass Ihnen die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt werden, um Versuche an Mäusen durchzuführen. Im Gegenzug verlange ich, über jeden Ihrer Fortschritte umgehend informiert zu werden.«

»Natürlich, Sir. Es gibt da auch noch ein paar Fragen, die ich an Sie habe. In Ihrem Aufsatz über Hauttransplantationen schreiben Sie, dass …«

»Sie werden von mir jede Unterstützung erhalten, die Sie brauchen, mein Kind«, versicherte Parker ihr, noch immer wie gebannt auf den Bildschirm starrend. »Was Sie da herausgefunden haben, ist ganz erstaunlich, auch wenn ich nach wie vor nicht restlos überzeugt bin. Aber Sie sind ein Talent, daran besteht kein Zweifel.«

»Danke, Sir.« Kim lächelte geschmeichelt, strich sich eine Strähne ihres glatten blonden Haars aus dem Gesicht. »Das aus Ihrem Mund zu hören, bedeutet mir sehr viel.«

»Machen Sie weiter so, Miss Johnson. Sie können es hier bei mir weit bringen …«

***

Die große Aula des Hauptgebäudes lag in Dunkelheit. Die Gestalten, die sich schattenhaft den Gang hinabbewegten, waren kaum auszumachen.

Zielstrebig folgten sie dem Korridor bis zum Treppenhaus, huschten lautlos die Stufen hinab bis zu dem Korridor, der im Keller verlief. Im Licht der Kellerbeleuchtung konnte man sehen, dass die Roben der Vermummten von scharlachroter Farbe waren.

Vor der glatten Betonwand, die das Ende des Ganges bildete, blieben die Gestalten stehen, schlugen die weiten Kapuzen ihrer Gewänder zurück. Das winzige Objektiv der Videokamera, das in die Wand eingelassen war, übertrug ihre Gesichter in einen abgedunkelten Raum, in dem zwei Männer vor einem Monitor standen.

Der eine der beiden Männer war schlank und trug einen karierten Anzug. Der andere hatte eine der roten Roben an, deren Kapuze er sich tief ins Gesicht gezogen hatte. Reglos starrte er auf den Monitor und musterte die Gesichter der Besucher. Dann betätigte er einen verborgenen Schalter, und die Betonwand schob sich zur Seite, gab den Zugang zu dem geheimen Versammlungsort frei.

»Da ist noch etwas, das ich Ihnen sagen wollte«, sagte der Mann im Anzug, dessen Stimme seltsam gepresst klang in der Enge der Kammer. »Der FBI war heute hier.«

Der andere blickte nicht vom Monitor auf, der jetzt das Innere eines kreisförmigen Raumes zeigte. Die Wände des Raumes wurden von mehreren Sitzreihen umlaufen, die sich langsam mit Gestalten in roten Roben füllten.

»Und?«, fragte er nur.

»Es waren zwei Schnüffler vom FBI, die wegen des Vorfalls mit Dumfries kamen. Sie haben beim Dekan vorgesprochen, aber der Alte hat sie abblitzen lassen. Ich sagte Ihnen ja, auf seine Fakultät lässt er nichts kommen.«

»Sehr gut«, sagte der Mann mit der Kapuze. »Dennoch sollten wir sehen, dass dieser Vorfall nicht zu viel Staub aufwirbelt.«

»Das ist auch meine Meinung, Sir. Zumal Malusic sagte, dass es sich bei den beiden G-men keinesfalls um Dummköpfe gehandelt hätte.«

»Wer waren die beiden? Kennen wir ihre Namen?«

»Special Agent Jerry Cotton und Special Agent Phil Decker.«

Der Mann mit der Kapuze erwiderte nichts, starrte nach wie vor auf den Monitor. Doch seine schlanke Gestalt erbebte unter der langen Robe.

»Sie kennen die beiden, Sir?«

»Flüchtig«, sagte der Kapuzenmann nur. »Was gibt es noch zu berichten?«

»Einen Neuzugang. Eine Studentin im letzten Semester, die sich im Rahmen eines Stipendiums von Chicago an die Columbia versetzen ließ. Sie könnte eine Kandidatin sein …«

»Inwiefern?«

»Sie ist dabei, ein Verfahren zu entwickeln, bei dem Bestrahlungstechniken genutzt werden, um die Abwehrreaktionen auf transplantiertes Gewebe auszuschalten oder zumindest zu verringern.«

»Klingt interessant.«

»Allerdings, Sir. Die Grundlagenforschung, die dieses Mädchen bereits betrieben hat, ist ganz erstaunlich. Ich habe ihr nicht gesagt, wie beeindruckt ich tatsächlich bin, aber ich bin der Ansicht, dass sie ein hervorragendes Mitglied unseres … Kreises wäre.«

»Dann sollten Sie nicht lange zögern, Professor. Dort oben sind die Talente dieser jungen Frau verschwendet. Wir brauchen sie hier bei uns.«

»Noch nicht«, widersprach der Mann im Anzug zögernd. »Es wäre noch zu früh. Noch kennen wir sie nicht, wissen nicht, wie wir sie einzuschätzen haben, und wir können nicht noch einmal riskieren, dass …«

Zum ersten Mal wandte sich der Vermummte vom Monitor ab und blickte seinen Gesprächspartner an. Die Kapuze hatte er so weit über den Kopf herabgezogen, dass kein Gesicht darunter zu erkennen war.

»Wir haben keine Zeit, Professor«, sagte er drängend. »Das hier ist kein staatliches Forschungsprojekt, für das wir uns die nächsten fünf Jahre Zeit lassen können. Sagten Sie nicht gerade, dass uns der FBI auf der Spur ist? Wir müssen handeln, Professor, und zwar rasch, und wir können es uns nicht leisten, dass dort oben ein Talent herumläuft, dessen Fähigkeiten wir nicht für uns nutzen.«

»Also gut.« Der andere nickte. »Ich werde sehen, was ich tun kann.«

»Nur zu, Professor.« Der Kapuzenmann nickte. Dann wandte er sich wieder dem Bildschirm zu und sah, dass sich die Sitzreihen im Saal gefüllt hatten. »Wir sind vollzählig. Lassen Sie uns also beginnen …«

***

Am nächsten Morgen erstatteten Phil und ich Mr. High Bericht. Den Abend und einen Teil der Nacht hatten wir damit zugebracht, die Angaben zu überprüfen, die Malcolm Malusic uns gemacht hatte. Und wir hatten tatsächlich feststellen müssen, dass der Sprecher der Studentenvertretung die Wahrheit gesagt hatte …

»Um es gleich vorwegzunehmen, Sir«, sagte ich, nachdem wir in den Besuchersesseln im Büro unseres Chefs Platz genommen hatten. »Allem Anschein nach handelt es sich bei den drei Todesfällen tatsächlich um Unfälle.«

»Ganz sicher gilt das für Joss Leary«, fügte Phil hinzu. »Malcolm Malusic, der Sprecher der Studentenvertretung an der Columbia, sagte uns, dass Leary ein ziemlich trinkfreudiger Student gewesen wäre, und nach allem, was wir gestern noch herausgefunden haben, entspricht das den Tatsachen. Nach Auskunft des Arztes, der Learys Leichnam untersucht hat, soll Leary zum Zeitpunkt des Unfalls sturzbetrunken gewesen sein. Hatte sich wohl auf ’ner ziemlich wilden Party herumgetrieben und ist auf dem Heimweg vor diesen Bus getorkelt.«

»Hm«, machte Mr. High nur.

»Dann ist da der Fall Tamara McCain«, erstattete ich weiter Bericht. »Miss McCain schien von schwerwiegenden persönlichen Problemen geplagt worden zu sein, auch wenn ihre Eltern wohl nichts davon wussten. Eine Freundin, mit der ich telefonierte, äußerte sogar den Verdacht, dass die junge Frau schwanger gewesen sei. Da ist es sogar möglich, dass sie aus lauter Verzweiflung darüber, dass ihr Freund sie hat sitzen lassen, keinen anderen Ausweg sah, als sich im Bassin des Universitätsparks das Leben zu nehmen.«

»Hm«, machte Mr. High wieder. »Und was ist mit Jason Dumfries?«

»Laut Malusic war er ein Eigenbrötler«, antwortete ich. »Jemand, der so gut wie keine Freunde hatte und sehr zurückgezogen lebte, auch wenn er formhalber der Studentenvertretung beigetreten ist. Jemand, den keiner richtig kennt und für den sich auch niemand interessiert – bis er eines Tages von einer Balustrade stürzt und sich das Genick bricht. Die Gerichtsmedizin hat herausgefunden, dass Dumfries unter Drogen stand. Wir haben darauf verzichtet, eine vollständige Obduktion durchführen zu lassen, aber eine Blutanalyse hat ergeben, dass der Junge in dieser Nacht völlig stoned war. Vielleicht hat er sich irgendwo auf einer Toilette etwas genehmigt und ist daraufhin weggetreten. Als er wieder zu sich kam, war das Universitätsgebäude bereits abgeschlossen. Was danach geschehen ist, können wir nur vermuten – vielleicht eine Verzweiflungstat, vielleicht auch nur ein tragischer Unfall.«

»Ich verstehe«, sagte Mr. High. »Es ist also kein Zusammenhang zwischen den drei Fällen herzustellen?«

»Nein, Sir.« Ich schüttelte den Kopf. »Jeder der drei Fälle hat seinen eigenen Hintergrund, und wir konnten keine Verbindungen feststellen  – mit Ausnahme der Tatsache, dass alle drei Studenten Mitglieder der medizinisch-naturwissenschaftlichen Fakultät von Dekan Wilkins waren.«

»Haben Sie mit dem Dekan gesprochen?«

»Allerdings, Sir. Und ich kann Ihnen sagen, dass er nicht gerade erfreut war über unseren Besuch.«

»Das ist noch untertrieben«, feixte Phil. »Am liebsten hätte uns dieser miesepetrige kleine Kerl gleich wieder rausgeworfen.«

»Sehen Sie es ihm nach, Phil«, bat Mr. High. »Als Vorsteher seiner Fakultät ist Wilkins vielen Anfeindungen ausgesetzt, dazu dem Druck der Öffentlichkeit und der Presse. Wir sollten Verständnis dafür zeigen, dass er nichts für eine offizielle FBI-Ermittlung übrig hat. Zumal auch nichts darauf hinzudeuten scheint, dass sie notwendig wäre.«

»Das ist auch unser Eindruck, Sir.« Ich nickte.

»Nun gut, Gentlemen.« Unser SAC atmete tief durch, Erleichterung war in seinen Zügen zu lesen. »Ich kann nicht sagen, dass mir gefällt, was ich von Ihnen höre. Drei junge Menschen sind tot, und das ist tragisch, nur leider nicht zu ändern. Ich werde dem Bürgermeister also berichten, dass die Untersuchung eingestellt wird.«

»Gut«, meinte auch Phil ziemlich erleichtert.

»Für Sie beide, Gentlemen, bedeutet das, dass sie wieder in Ihrem alten Fall arbeiten werden – die Ermittlungen gegen Wayne Carlizzo.«

»O nein«, stöhnte Phil. »Hat den Fall kein anderes Team übernommen?«

»Nein, Phil«, erklärte Mr. High schmunzelnd. »Ihre Kollegen waren wohl der Ansicht, dass nur Sie beide in der Lage sind, diesen Fall zu lösen.«

»Wie schmeichelhaft«, knurrte Phil und setzte ein freudloses Grinsen auf. »Erinnere mich bei Gelegenheit, dass ich mich bei den Kollegen dafür bedanke, Jerry.«

»Mach ich, Alter«, erwiderte ich und konnte mir dabei ein Grinsen nicht verkneifen.

Auch ich freute mich nicht gerade da-rauf, den Papierkrieg gegen einen mutmaßlichen Geldwäscher und Mittelsmann der Mafia wieder aufzunehmen, aber so war nun mal unser Job, egal, ob es uns gefiel oder nicht.

»Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, Gentlemen«, sagte Mr. High, und alle drei dachten wir in diesem Moment, dass der Fall Columbia-Universität erledigt sei.

Wir irrten uns …

***

»Sie haben Fortschritte gemacht.«

Bewundernd blickte Winston Parker auf den Monitor. Dieser zeigte die schematische Darstellung der molekularen Verbindung, die Kimberley Johnson zuletzt getestet hatte – eine Anordnung von verschiedenfarbigen Kugeln, die auf den ungeschulten Betrachter wirken mussten wie abstrakte Kunst.

»Ich bin die halbe Nacht aufgeblieben, um an dieser einen Verbindung zu arbeiten«, sagte Kim und deutete mit ihrem Kugelschreiber auf zwei der farbigen Kugeln. »Ich denke, ich habe es fast geschafft. Nur noch ein wenig Feinabstimmung an der Alpha-Variablen, und der Stabilitätsfaktor wird sich um nahezu drei Prozentpunkte erhöhen.«

»Das ist erstaunlich, ganz erstaunlich.« Der Professor nickte. »Mein letzter Besuch bei Ihnen liegt gerade vierzehn Stunden zurück, und schon haben Sie neue Ergebnisse vorzuweisen.«

»Theoretisch, ja«, schränkte Kimberley ein. »Aber bis ich die Strahlungswerte so abgestimmt habe, dass ein hundertprozentiges Stabilitätskriterium erreicht wird, wird noch einige Zeit vergehen. Und ob das alles in der Praxis funktionieren wird, ist eine ganz andere Frage.«

»Dennoch – ich habe in den letzten zehn Jahren keinen Studenten gehabt, dessen Arbeit mir so vielversprechend erschienen ist.«

»Wirklich, Sir?« Kim blickte zu ihm auf. »Aber gestern sagten Sie doch noch, dass …«

»… dass ich noch nicht vollständig überzeugt wäre«, fiel ihr Parker ins Wort, »und das entspricht auch der Wahrheit. Als Wissenschaftler kann ich nur von Dingen überzeugt sein, die zweifelsfrei bewiesen sind. Dennoch sehe ich Potenzial in Ihrem Ansatz, Kim – ich darf Sie doch Kim nennen?«

»Natürlich, Sir.«

»Gut. Wissen Sie, wodurch sich ein Genie definiert, Kim?«

»Wodurch, Sir?«

»Durch die Fähigkeit, von A nach C zu gelangen, ohne dabei den Umweg über B in Kauf zu nehmen. Es gibt eine Menge Forscher, die am gleichen Problem arbeiten wie Sie – doch Sie sind die Einzige, die sich dem Phänomen nicht von molekularer Ebene zu nähern versucht. Sie versuchen, von der Problemstellung direkt ans Ziel zu gelangen – und das, meine Liebe, ist echtes Genie.«

»Danke, Sir.« Kimberley wandte ihren Blick und wurde erneut rot im Gesicht. »Aber ich denke nicht, dass …«

»Ich will ganz offen mit Ihnen sein, Kim. Als Sie neulich in mein Büro kamen, da waren Sie für mich nichts als eine Studentin unter vielen. Jemand, der ein Stipendium erhalten hat und sich ein Jahr lang ein wenig im Glanz meiner Abteilung sonnen will. Aber Sie haben keine zwei Tage gebraucht, um mich vom Gegenteil zu überzeugen. Und das«, fügte er lächelnd hinzu, »ist wahrscheinlich noch die größere Leistung, die Sie vollbracht haben.«

Kimberley kam sich vor, als würde ein Traum für sie in Erfüllung gehen. Sie war nach New York gekommen mit dem festen Vorsatz, es hier zu etwas zu bringen und es allen zu zeigen. Dass es so schnell gehen würde, damit hatte sie nicht gerechnet …

»Miss Johnson … Kim! Nachdem Sie hier so erstaunliche Leistungen gezeigt haben, möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen. Ein Angebot, das ich nur sehr wenigen Studenten unterbreite und das Sie schon deshalb schätzen sollten.«

»Ja, Sir?«, fragte Kim – und mit einem Mal glaubte sie zu begreifen.

Natürlich!

Wie hatte sie nur so naiv, so blöd sein können?

Wie wahrscheinlich war es wohl, dass eine Assistentin mit ihrer Arbeit begann und sich schon am zweiten Tag vor Lob und Komplimenten kaum mehr retten konnte?

Die Psychologen hatten Recht. Der Mensch glaubte immer das, was er glauben wollte. Kim hatte sich so sehr gewünscht, dass sie mit ihren Forschungen Parkers Aufmerksamkeit erregen würde, dass sie darüber alle Vernunft vergessen hatte.

Sie war tatsächlich so naiv gewesen, anzunehmen, ihre Arbeit würde den Professor interessieren – dabei galt sein Interesse ganz offensichtlich mehr der Tatsache, dass sie eine Frau war, hübsch, blond und gut gebaut obendrein …

»Nun, Kim, ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll – aber Sie könnten es an dieser Universität noch viel weiter bringen, wenn Sie bereit wären …«

»Nein danke, Sir«, sagte Kim bestimmt und blickte Parker energisch an. »Es stimmt, dass ich ehrgeizig bin und dass ich so ziemlich alles tun würde für meine wissenschaftliche Karriere. Es macht mir nichts aus, ein paar Nächte im Labor durchzuarbeiten und mein Privatleben zugunsten meiner Forschungen zu streichen. Aber es gibt auch Grenzen, die ich niemals überschreiten würde, Professor, das sollten Sie wissen!«

Eine kurze Pause trat ein, in der Parker sie verblüfft anstarrte. Dann, plötzlich, hellten sich seine Züge auf. »Aber Sie denken doch nicht, dass …?«

»Was sonst?«, fragte Kim dagegen. »Ich bin erst den zweiten Tag hier, und Sie loben meine Arbeit in den siebten Himmel. Dabei bin ich nichts als eine kleine Assistentin, habe noch nicht einmal meine Doktorarbeit geschrieben und …«

»Aber nein!«, unterbrach der Professor sie kopfschüttelnd. »Sie missverstehen mich völlig, Kimberley! Wenn ich den Eindruck erweckt habe, dass ich unser Verhältnis auf unsittliche Art auszunutzen gedenke, dann bedaure ich das wirklich sehr, denn nichts liegt mir ferner.«

»W-wirklich?«

»Wirklich. Was ich vorhin sagte, meinte ich tatsächlich so, Kim. Sie verfügen tatsächlich über Anlagen, wie ich sie lange bei keinem Studenten mehr erlebt habe. Sie haben das Zeug dazu, es weit zu bringen, aber Sie brauchen Hilfe. Hilfe bei Ihren Forschungen, Hilfe bei den Versuchsreihen, die sich anschließen werden. Und ich werde alles tun, um Ihnen diese Hilfe zukommen zu lassen, das versichere ich Ihnen.«

Wieder errötete sie, diesmal aus Scham. »O Sir«, hauchte sie, »es tut mir so Leid. Wie konnte ich nur annehmen, dass Sie etwas anderes wollen als mein Bestes? Das ist so peinlich! Bitte verzeihen Sie mir!«

»Aber nein, mein Kind. Ich bin es, der sich entschuldigen muss. Wir kennen uns erst seit ein paar Tagen, und natürlich muss eine junge Frau vorsichtig sein. Aber ich darf Ihnen nochmals versichern, dass es mir lediglich darum geht, Ihr wissenschaftliches Talent zu fördern – und in dieser Eigenschaft habe ich Ihnen einen Vorschlag zu machen.«

»Was für einen Vorschlag, Sir?«, fragte Kim beflissen – schließlich hatte sie einiges gutzumachen.

»Nun – im Augenblick laufen Ihre Forschungen gut. Sie haben hier optimale Bedingungen, ein Computersystem, das Ihren Ansprüchen genügt und an dem Sie Ihre Berechnungen durchführen können. Aber Sie wissen, dass das nicht so bleiben wird. Schon bald werden Sie das sichere Terrain der Theorie verlassen und sich auf das gewagte Feld praktischer Versuche begeben. Dann werde die Schwierigkeiten beginnen.«

»Schwierigkeiten, Sir? Ich dachte, Sie wollten mich unterstützen?«

»Natürlich werde ich das, so gut ich es vermag, Kim. Aber Sie sollten wissen, dass meinen Möglichkeiten enge Grenzen gesetzt sind, vor allem, was den finanziellen Spielraum Ihrer Forschungen betrifft. Seit die Regierung die Gelder lieber in neue Rüstungsprojekte steckt, anstatt Wissenschaft und Forschung zu finanzieren, werden unsere Mittel immer knapper, und auch die Sponsoren aus Industrie und Wirtschaft halten sich mehr und mehr bedeckt. Sie werden mühsam jedem Cent aus den Forschungsfonds nachjagen müssen, und das wird sich auf Ihre Arbeit auswirken. Sie werden weniger Zeit für Ihre Forschungen aufwenden können und langsamer vorankommen. Und Sie wissen, wie das mit der Forschung ist, Kim – vielleicht arbeitet just in diesem Augenblick irgendwo auf der Welt ein junger, begabter Wissenschaftler an dem gleichen Verfahren. Die Zeit arbeitet gegen Sie, mein Kind, und das sage ich Ihnen nicht, um Sie unter Druck zu setzen, sondern weil ich es gut mit Ihnen meine.«

»Das glaube ich Ihnen«, versicherte Kimberley. »Aber was heißt das konkret, Sir? Was wollen Sie mir damit sagen?«

»Ich will Ihnen eine Frage stellen, Kim: Wie wäre es, wenn Sie all diese Probleme, von denen ich gerade gesprochen habe, nicht hätten? Wenn Sie bei Ihren Forschungen aus dem Vollen schöpfen könnten, ungeachtet der Kosten, die dafür aufgewendet werden müssen?«

»Das … das wäre natürlich großartig, Sir, aber …«

Parker nickte, senkte seine Stimme. »Wir beide sind uns darüber im Klaren, dass es eine solche Möglichkeit nur – wie soll ich es benennen? – außerhalb der gewohnten Forschungsroutine geben kann.«

»Außerhalb? Wie meinen Sie das?«

Der Professor blickte sich um, vergewisserte sich, dass sich außer Kimberley und ihm niemand im Raum aufhielt.

»Es gibt hier an der Universität einen Kreis, Kimberley, der Ihnen bei Ihren Forschungen helfen kann, besser, als ich es je tun könnte. Man verfügt dort über nahezu unerschöpfliche finanzielle Ressourcen und wäre bereit, Ihre Forschungen weiter zu finanzieren.«

»Ein Forscherkreis?« Kim machte große Augen. »Aber …«

»Hören Sie sich zuerst an, was ich Ihnen zu sagen habe. Diese Leute haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Forschung in unserem Land zu fördern, und dabei gehen sie sehr wählerisch vor. Ihr Projekt, mein Kind, könnte diese Leute interessieren, und ich denke, dass Sie gute Chancen hätten, in den Zirkel aufgenommen zu werden.«

»Wer gehört noch zu diesem … Zirkel, Sir? Sind Sie auch dabei?«

»Ich und noch ein paar andere Mitglieder des Dozentenkollegiums. Außerdem einige ausgewählte Kommilitoninnen und Kommilitonen, die über ähnlich vielversprechende Anlagen verfügen wie Sie, Kimberley. Aber niemand davon hat ein auch nur annähernd so heißes Eisen im Feuer wie Sie.«

Kim legte ihre Stirn in Falten, dachte kurz nach.

Das Angebot, das der Professor ihr unterbreitete, klang verlockend. Mit seiner Arbeit fortfahren zu können, ohne von Geldsorgen geplagt zu werden, bei seinen Forschungen aus dem Vollen schöpfen zu können – davon träumt jeder Wissenschaftler.

Doch instinktiv spürte die junge Frau auch, dass die Sache einen Haken hatte. So ohne weiteres machte ihr Parker dieses Angebot nicht …

»Ihrer Miene kann ich entnehmen, dass Sie skeptisch sind«, sagte der Professor. »Ich kann es Ihnen nicht verdenken, Kimberley. Natürlich muss Ihnen dieses Angebot seltsam erscheinen. Aber ich versichere Ihnen, dass es dabei völlig legal zugeht. Nur zwei Dinge verlangen die Gründer des Zirkels von Ihnen.«

»Und das wäre?«

»Erstens: Ihre Forschungen stehen in den Diensten des Zirkels. Das sollte Sie nicht weiter stören, denn als meine Assistentin stehen Sie in meinen Diensten. Es ändert sich also nichts für Sie.«

»Und zweitens?«

»Äußerste Verschwiegenheit«, sagte Parker. »Der Zirkel ist ein äußerst elitärer Kreis, der sich nur dann nach außen öffnet, wenn wie in Ihrem Fall ein neues Mitglied aufgenommen werden soll. Alle anderen dürfen von seiner Existenz nichts erfahren.«

»Das heißt, dass auch die Universitätsleitung nichts von diesem Zirkel weiß?«

»Das ist richtig.« Der Professor nickte. »Nehmen Sie es als ein Zeichen meines Vertrauens, dass ich Ihnen davon erzähle, Kim. Wenn bekannt würde, dass ich Mitglied dieses Kreises bin, würde man mir meinen Lehrstuhl entziehen. Dabei ist nichts anderes unser Ziel, als die Forschung voranzutreiben, anstatt unsere Kräfte in endlosen Kämpfen um Etats und Sponsorengelder aufzuzehren. Ist das etwa Unrecht?«

»Ganz sicher nicht. Ich frage mich nur, weshalb alles so geheim bleiben muss.«

»Da fragen Sie noch? Weil wir uns vor Neidern nicht mehr retten könnten, deshalb! Wenn bekannt würde, wer wir sind und was wir tun, würden wir von Bittstellern überrannt werden, die uns ersuchen würden, ihre belanglosen Nichtigkeiten zu finanzieren.«

»Belanglose Nichtigkeiten? Aber in der Forschung gibt es doch keine Nichtigkeiten! Jede Information, die wir gewinnen, und sei sie noch so klein, hilft uns, das große Ganze besser zu verstehen.«

»Das ist wahr«, räumte Parker ein. »Aber Wissenschaftler wie Sie oder ich, Kim, sind nicht dazu geboren, uns mit Kleinigkeiten abzugeben. Uns sind die großen Würfe vorbehalten, und dabei werden wir uns nicht von kleinkarierter Politik aufhalten lassen. Was wir tun, sind wir der Menschheit schuldig. Bedenken Sie, wie vielen Menschen geholfen werden könnte, sollten Sie bei Ihrem Projekt einen Durchbruch erzielen!«

»Das ist wahr.«

»Sehen Sie, Kim. Und deshalb haben Sie gar keine andere Wahl, als meiner Einladung zu folgen – schon um Ihrer Forschungen willen. Wenn Sie weiter den offiziellen Weg beschreiten, werden Ihre großartigen Ideen vermutlich schon bald in irgendeiner Kartei enden. Wenn Sie hingegen mir folgen, könnte Ihnen schon bald der Nobelpreis winken.«

»Wirklich?«

»Wenn ich es Ihnen sage. Werden Sie Mitglied in unserem Kreis, Kim – Sie werden es nicht bereuen. Ich lade Sie ein, an einer unserer Sitzungen teilzunehmen. Wenn es Ihnen nicht gefällt, können Sie immer noch aussteigen.«

»Also schön«, erklärte sich Kim bereit. »Ich werde kommen. Sagen Sie mir nur, wo und wann.«

»Schon heute Abend, Kim«, erwiderte Parker mit rätselhaftem Lächeln. »Näheres werden Sie noch von mir erfahren. Es freut mich, dass Sie dabei sind, mein Kind …«

***

Es war so gekommen, wie wir es befürchtet hatten – gegen Mittag saßen Phil und ich in einem unserer unauffälligen Observierungswagen und behielten ein Geschäftshaus in der 38. Straße im Auge, in dem vor zwei Stunden Wayne Carlizzo verschwunden war – jener Mann, der im Verdacht stand, für das Syndikat zu arbeiten und den wir im Auge behalten sollten.

»Verdammt«, knurrte Phil und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Fast zwei Stunden. Was, in aller Welt, treibt dieser Typ da drin?«

»Wer weiß?« Ich zuckte mit den Achseln. »Vielleicht hat er ein Date mit einer rassigen Mafiabraut.«

»Schwerenöter«, murrte Phil. »Am liebsten würde ich reingehen und dem Spitzbuben meine Dienstwaffe unter die Nase halten, dann würde er schon anfangen zu singen. Aber dieses heimliche Getue …«

»Das Beweismaterial, das gegen Carlizzo gesammelt wurde, reicht noch nicht aus, um ihn festzunageln«, erinnerte ich. »Unsere Anweisungen sind klar. Wir sollen Carlizzo beobachten und alle Indizien sammeln, die darauf hindeuten, dass er für das Syndikat arbeitet. Und wenn wir genügend beisammen haben, sollen wir ihn auffliegen lassen und ihm einen Zeugenbonus anbieten.«

»Immer der gleiche Mist«, wetterte Phil, dessen Laune wirklich auf dem Nullpunkt war. »Immer kriegt man nur die kleinen Fische. Die wahren Drahtzieher bleiben im Hintergrund.«

»Nicht unbedingt. Wenn wir Carlizzo schnappen und er zu singen anfängt, könnte das ein paar ziemlich finstere Burschen hinter Gitter bringen.«

»Optimist«, versetzte Phil und griff nach der Thermoskanne, um sich ein paar Schlucke von Helens gutem Kaffee zu genehmigen, den sie uns mit auf den Weg gegeben hatte.

»Hey, Alter«, sagte ich, »was ist denn los mit dir? Du hast eine Laune …«

»Ist doch wahr«, lamentierte mein Partner zwischen zwei Schlucken Kaffee.

Dann starrten wir wieder durch das getönte Seitenfenster des Van und auf den Eingang des Geschäftshauses, warteten darauf, dass sich Wayne Carlizzo wieder zeigte.

Es wurde ein langer Nachmittag …

***

Für Kimberley Johnson hatte die Welt selten besser ausgesehen.

Schon wenige Tage nach ihrer Ankunft in New York hatte die junge Frau aus Chicago es geschafft, mit ihrer Arbeit das Interesse ihres Professors zu wecken. Und als wenn dies noch nicht genug gewesen wäre, hatte Winston Parker sie auch noch zu einem Geheimtreffen eines finanzstarken Forschungskreises eingeladen.

Die Bedenken, die Kim anfangs gehabt hatte, hatte sie inzwischen alle beiseite gewischt. Natürlich war es seltsam, dass sich diese Leute im Geheimen trafen. Andererseits hatte Professor Parker ihr die Gründe dafür einleuchtend erklärt.

Den Gedanken, dass der geheime Forscherkreis eventuell etwas Verbotenes, Illegales tun könnte, hatte die Assistentin schnell wieder verdrängt. Eine Kapazität vom Schlage eines Winston Parker würde sicher nicht an den Versammlungen teilnehmen, wenn dort etwas Illegales vorgehen würde.

So war Kim bester Laune, als sie aus dem Labor auf ihr Zimmer zurückkehrte, das sie sich mit Jessica Stevens teilte. Fröhlich vor sich hin summend, betrat sie den kleinen Raum, dessen eine Hälfte säuberlich aufgeräumt war, während Jessys Hälfte in Unordnung zu versinken drohte.

»Donnerwetter«, strahlte die dunkelhäutige Studentin ihr entgegen, die mal wieder inmitten einer Unmenge aufgeschlagener Bücher auf dem Bett saß und einigermaßen ratlos wirkte. »Du bist aber gut gelaunt.«

Kimberley lächelte. »Glaub mir, ich habe auch allen Grund dazu.«

»Ist das wahr?«, fragte Jessy und sprang vom Bett auf, dankbar für die Ablenkung. »Was ist passiert?«

»Das darf ich dir nicht sagen«, sagte Kim, während sie sich auszog, weil sie eine Dusche nehmen wollte.

»Du darfst es mir nicht sagen?«, fragte ihre Zimmergenossin mit großen Augen. »Dann geht es bestimmt um Liebe …«

»Bestimmt nicht«, wehrte Kim ab. »Ganz ehrlich, das fehlte mir noch. Meine Aufmerksamkeit gehört einzig und allein der Forschung.«

»O komm schon! Gib’s zu!«, bettelte Jessy. »Ich weiß, dass sich unter Professor Parkers Assistenten auch ein paar verdammt hübsche Jungs rumtreiben. Ich meine nicht Malusic, diesen Schleimer. Aber Terrence Quincy oder …«

»Wer?«, fragte Kim so indigniert, dass ihre Mitbewohnerin eine ziemlich enttäuschte Miene machte.

»Es geht wirklich nicht um Jungs?«

»Wirklich nicht.«

»Schade. Und worum geht es dann?«

»Sag mal, hat man dir eigentlich noch nie gesagt, dass du neugierig bist?«

»Doch, pausenlos.« Jessy winkte ab. »Und? Wirst du es mir sagen?«

»Es geht nicht«, erwiderte Kimberley. »Es ist etwas Berufliches.«

»Etwas Beruf …?« Ihre Mitbewohnerin unterbrach sich. Das Lächeln verschwand aus ihren Zügen, und sie blickte Kim mit einer Mischung aus Furcht und Erstaunen an. »Es geht doch nicht etwa um ein Angebot, das Parker dir gemacht hat, oder?«

»Nein, Jessy.« Kimberley lächelte amüsiert. »Jedenfalls nicht um ein Angebot, wie du es dir vorstellst.«

»Lass die Finger davon«, sagte Jessica ernst. Ihre Heiterkeit war plötzlich wie weggewischt.

»Was meinst du?«

»Du weißt, was ich meine. Parker hat irgendetwas zu dir gesagt, stimmt’s? Dass du dich mit irgendwelchen Leuten treffen sollst.«

»Wo-woher …?«, stammelte Kimberley verblüfft, um sich sofort zu verbessern. »Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.«

»Doch, du weißt, wovon ich spreche. Ich habe keine Ahnung, worum es bei der Sache wirklich geht, Kim. Ich weiß nur, dass es gefährlich ist, sich mit diesen Leuten zu treffen, hörst du? Die haben ihre Augen und Ohren überall, und man erzählt sich einige Dinge, die …«

»Ich bin an Klatsch nicht interessiert«, unterbrach sie Kimberley.

»Das ist kein Klatsch, das ist die Wahrheit!«

»Die Wahrheit, meine Liebe, ist etwas, das man am besten selbst herausfindet«, belehrte Kim sie leichthin. »Das hast du schon im ersten Semester gelernt.«

»Aber …«

»Ich will nicht mehr darüber sprechen«, sagte Kimberley entschieden. Mit einer energischen Geste zog sie den Gürtel ihres Bademantels fest und verschwand in den Duschräumen.

Ratlos blickte Jessy ihr nach.

Angst um ihre neue Freundin plagte sie.

***

»Wird sie kommen?«

Zwei Männer standen sich im Halbdunkel des Überwachungsraums gegenüber. Der eine trug einen weißen Laborkittel, der andere eine rote Robe.

»Sie wird kommen«, versicherte der Mann im Kittel. »Verlassen Sie sich da-rauf.«

»Nun gut«, murmelte der andere unter seiner Kapuze hervor. »Wie ich weiß, sind Sie ja nicht nur ein medizinisches Genie, sondern auch ein guter Psychologe, der Menschen zu beeinflussen und zu manipulieren weiß, Professor Parker …«

***

Kim war aufgeregt.

Das war ganz natürlich, denn immerhin war sie zum Treffen eines geheimen Wissenschaftszirkels eingeladen worden.

Sie hatte schon früher von solchen Zirkeln gehört. Es gab sie an zahlreichen Universitäten, und gemeinhin dienten sie dazu, ein Netzwerk von Beziehungen aufzubauen, die den Mitgliedern von Nutzen sein konnten. Meist waren diese Zirkel jedoch nur den gelehrtesten Häuptern vorbehalten, und oft genug waren es Macho-Vereine, die Frauen nicht in ihren Reihen duldeten.

Dass Kimberley eingeladen war, obwohl sie eine Frau war und – noch – nicht einmal ihren Doktortitel hatte, schmeichelte ihr ungemein. Und machte sie taub gegenüber den Warnungen, die Jessica geäußert hatte.

Wahrscheinlich, so redete sie sich ein, war ihre Zimmergenossin nur neidisch. Immerhin schien Jessica das Lernen nicht gerade leicht zu fallen, und Kim hatte das Gefühl, dass sie zu jener Sorte Studenten gehörte, die von ihrem Elternhaus dazu genötigt wurden, einen Universitätsabschluss zu machen. Kimberley konnte es ihr noch nicht einmal verdenken, wenn Jessy sie beneidete, doch sie würde sich von ihrem Entschluss nicht abbringen lassen.

Sie würde am Treffen des Geheimzirkels teilnehmen.

Professor Parker hatte sie auf ihrem Handy angerufen und ihr mitgeteilt, dass sie sich um 23 Uhr an der hinteren Pforte des Hauptgebäudes der Universität einfinden sollte. Alles andere, so Parker, würde sich von selbst ergeben.

Jetzt war es fünf Minuten nach elf, und weit und breit war keine Menschenseele zu sehen.

Fröstelnd stand Kimberley vor der Tür und starrte hinaus in die Dunkelheit, zitternd nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Aufregung.

Parkers Stimme hatte sich am Telefon seltsam reserviert angehört. So, als wäre dem Professor klar gewesen, dass er im Begriff war, etwas Verbotenes zu tun. Was hatte das zu bedeuten?

Kimberley stammte aus Chicago, und sie war gewiss kein furchtsamer Mensch. Aber als sie jetzt allein auf dem nächtlichen Campus stand, war ihr doch ein wenig unheimlich zumute.

Die Wolken am Himmel waren an einigen Stellen aufgerissen, und blasses Mondlicht sickerte hindurch, das das Universitätsgebäude fahl beleuchtete. Kühler Wind strich über das Gelände und ließ die Büsche und Bäume des Parks rascheln.

Mehrmals glaubte Kimberley, im Halbdunkel eine Bewegung auszumachen, doch immer war es nur der Wind, der an Ästen und Zweigen rüttelte. Dennoch wurde die junge Frau das Gefühl nicht los, dass sie beobachtet wurde – und dieses Gefühl verursachte ihr eine Gänsehaut.

Viertel nach elf.

Nichts.

Allmählich begann sich Kimberley zu fragen, ob Parkers Vorschlag ernst gemeint gewesen war, oder ob sie einem Schwindel aufgesessen war. Einem jener Streiche, die man Erstsemestern gewöhnlich spielte. Vielleicht war es in New York ja Sitte, auch die frischgebackenen Assistenten auf die Rolle zu nehmen …

Sie schüttelte den Kopf, beschloss, der Sache noch zehn Minuten zu geben und dann ins Wohnheim zurückzukehren.

Um sich vor dem kalten Wind zu schützen, zog sie sich in die Nische des Hintereingangs zurück. Aus einer Laune heraus berührte sie den Knauf der mächtigen Eichenholztür – und gab einen verblüfften Laut von sich, als die Tür aufschwang.

Mit leisem Klicken sprang das Schloss auf. Es war nicht abgesperrt gewesen!

Seltsam, dachte Kimberley.

Knarzend schwang der Türflügel nach innen, gab den Blick auf den Korridor frei, der dahinter lag.

Kim überlegte nicht lange – sie trat ein. Wenn sie schon warten musste, konnte sie das ebenso gut drinnen tun, wo es weniger kalt und unheimlich war.

Kaum hatte sie den Gang betreten, gewahrte sie an seinem Ende ein Licht. Das schwache Glimmen einer Taschenlampe, die hin und her geschwenkt wurde.

Jemand schien ihr Zeichen zu geben!

Kim spürte, wie sich ihr Pulsschlag beschleunigte. Sie wollte den Gang hinabrufen, aber eine innere Stimme sagte ihr, dass sie das besser bleiben ließ. Im nächsten Moment verschwand die schemenhafte Gestalt, die die Lampe geschwenkt hatte. Kimberley war sich sicher, dass sie ihr folgen sollte.

Die junge Frau setzte sich in Bewegung, huschte den Gang hinab, durch dessen Fenster nur spärlich das Mondlicht fiel.

Der Korridor mündete in ein Treppenhaus, von dessen Grund schwaches Licht heraufdrang. Zögernd stieg Kim die Stufen hinab, blickte sich dabei vorsichtig um.

Endlich erreichte sie den Fuß der Treppe. Vor ihr lag ein weiterer Gang, an dessen Ende sie erneut die seltsame Gestalt gewahrte, die ihr mit der Lampe winkte. Erneut folgte Kimberley ihr und durchschritt eine Tür – die im nächsten Moment geräuschvoll hinter ihr ins Schloss fiel.

Der Lichtschein, dem sie gefolgt war, war plötzlich verschwunden, Kimberley stand in völliger Dunkelheit.

Die junge Frau blieb stehen.

Panik keimte in ihr empor, die sie jedoch mit rationalen Argumenten niederkämpfte. Wer immer sie hierher gelockt hatte, musste noch hier sein.

»Hallo?«, fragte sie leise in das Dunkel, das sie umgab – und zu ihrer Überraschung erhielt sie Antwort.

»Du hast die Prüfung bestanden«, sagte die Stimme eines jungen Mannes mit bedeutungsschwangerem Unterton. »Du hast den ersten Schritt selbst getan.«

»Wer spricht da?«, fragte Kimberley in das Dunkel. Die Stimme schien von irgendwo vor ihr gekommen zu sein. »Wer sind Sie …?«

Plötzlich wich die Dunkelheit sanftem Licht – und Kimberley sah, dass sie keineswegs allein war.

An die zehn Gestalten, die alle weite Kapuzengewänder aus scharlachroter Seide trugen, umstanden sie und starrten sie an. Eine Szene wie aus einem schlechten Horrorfilm.

»Was soll das?«, fragte sie, während sie unwillkürlich zurückwich. »Was soll die Maskerade?«

»Dies ist das Gewand der Gelehrten«, sagte dieselbe Stimme wie vorhin. Sie gehörte einem jungen Mann, dessen blasses Gesicht unter einer der Kapuzen zu sehen war. Kimberley glaubte, ihn schon einmal in Professor Parkers Labor gesehen zu haben, war sich aber nicht sicher.

»Willkommen in unserem Kreis«, fuhr der junge Mann fort. »Ich hoffe, du wirst dich seiner als würdig erweisen.«

»Das hoffe ich auch«, erwiderte Kimberley höflich und blickte in die Runde. Einige der Gesichter, die sie unter den Kapuzen gewahrte, kamen ihr bekannt vor, andere nicht. »Hallo«, sagte sie ein wenig unbeholfen. »Mein Name ist …«

»Keine Namen!«, gebot der junge Mann mit scharfem Tonfall. »Wir wissen, wer du bist, und das genügt. Hier unten lassen wir unsere Identitäten hinter uns, sind nur Diener des Wissens, Mitglieder des geheimen Zirkels der Wissenschaft.«

»O-okay.« Kimberley nickte.

»Wer diesem Zirkel beitritt«, fuhr der Sprecher fort, »muss einen feierlichen Eid leisten, dass er die Regeln und Gesetze unseres Kreises respektiert. Bist du dazu bereit?«

»Ich denke schon …«

»Dann sprich mir nach: Ich schwöre, das ich mich der Suche nach Wahrheit und Wissen unterwerfe.«

»Ich schwöre, das ich mich der Suche nach Wahrheit und Wissen unterwerfe«, wiederholte Kimberley leise.

»Dass ich der Wissenschaft alles andere unterordne«, sprach der andere weiter vor, und erneut wiederholte sie die Worte.

»Und dass ich mich weder von ethischen …«

»Und dass ich mich weder von ethischen«, wiederholte Kimberley.

»… noch von moralischen Bedenken von meinem Ziel abbringen lasse. Das schwöre ich bei meinem Leben.«

Kim stutzte.

Sich weder von ethischen noch von moralischen Bedenken vom Ziel abbringen lassen? Was bedeutete das? Waren Ethik und Moral nicht die Eckpfeiler der freien Wissenschaft? War ihnen nicht jede verantwortungsbewusste Forschung verpflichtet?

»Sprich mir nach!«, verlangte der junge Mann energisch.

Kimberley zögerte, blickte ihn zweifelnd an.

War das ein Test? Versuchte man, sie auf die Probe zu stellen, um zu sehen, ob sie sich auf eine solche Sache einließ?

Doch in den Blicken des jungen Mannes konnte sie erkennen, dass er es absolut ernst mit diesem Schwur meinte, und bei den anderen schien es ebenso zu sein.

Auf einen Wink ihres Anführers hin traten sie alle einen Schritt vor – und Kim fühlte die Bedrohung. Jäh dämmerte ihr, dass sie keine andere Wahl hatte, als diesen Schwur zu leisten.

»Ich schwöre, dass ich mich weder von ethischen noch von moralischen Bedenken von meinem Ziel abbringen lasse«, sagte sie schnell.

»Schwörst du es bei deinem Leben?«

»J-ja«, sagte Kim eingeschüchtert, getrieben von Furcht auf der einen und immer größer werdender Neugier auf der anderen Seite.

Sie wollte unbedingt wissen, wer und was sich hinter diesem geheimen Kreis verbarg. Welchem Zweck diente er? Und hatte er tatsächlich die Macht und die Mittel, sie ihre Forschungen fortsetzen zu lassen? Kimberley musste es wissen – auch wenn ihr das alles jetzt unheimlich geworden war.

»Nachdem du den feierlichen Eid unseres Zirkels geleistet hast«, sagte der junge Mann, »freuen wir uns, dich in unseren Kreis aufnehmen zu dürfen.«

Auf einen Fingerzeig von ihm hin traten zwei der Gestalten heran. Bei sich trugen sie eine rote Robe, die sie Kimberley überzogen.

»Jetzt bist du eine von uns. Erweise dich dieser Ehre als würdig und trage diese Robe mit Stolz. Denn es ist ein Privileg, in diesen Kreis aufgenommen zu sein.«

»Das hat auch Professor Parker gesagt«, flüsterte Kim. »Wo ist er? Werde ich ihn sehen?«

»Der Professor wird schon bald zu uns stoßen. Folge uns jetzt in den Mittelpunkt unseres Kreises …«

Damit setzte sich der Anführer des Trupps in Bewegung, und seine Leute folgten ihm. Kim nahmen sie in ihre Mitte und führten sie mit sich, den Raum hinab, der sich als langer Gang erwies.

An seinem Ende schien sich eine Wand aus massivem Beton zu befinden, die sich jedoch wie von Geisterhand zur Seite schob.

Ein Geheimgang!, erkannte Kimberley.

Nacheinander traten die rot gewandeten Gestalten ein, nachdem sie jeweils kurz vor der Wand stehen geblieben waren und etwas leise gemurmelt hatten.

»Das Losungswort«, raunte der junge Mann Kim zu.

»Welches Losungswort?«, fragte sie.

»Du kennst es«, gab der andere zurück. »Der Professor hat es dir gesagt.«

»Nein, ich kenne es nicht. Ich meine, er hat mir nichts gesagt …«

»Du kennst es«, beharrte er – und trat im nächsten Moment selbst vor die Wand, in der ein kleines Kameraobjektiv eingelassen war. Der blonde Student murmelte etwas, worauf sich die Geheimtür öffnete und ihn einließ, um sich sogleich wieder zu schließen.

Als Nächstes stand Kimberley vor der Wand – und wusste nicht, was sie sagen sollte.

Das Losungswort! Welches Losungswort?

Plötzlich kam ihr eine Idee.

Was hatte Professor Parker doch gesagt? Wenn jemand den direkten Weg von A nach C fand, ohne den Umweg über B zu nehmen, dann war er ein …

»Genie«, sagte die junge Frau leise – und die glatte Wand vor ihr schob sich zur Seite, sodass sie passieren konnte.

Mit pochendem Herzen trat Kimberley durch die entstandene Öffnung in das Dunkel, das dahinter lag. Kaum hatte sich die Geheimtür hinter ihr geschlossen, erkannte Kimberley, dass sie sich in einem weiteren Korridor befand, von dessen Ende matter Lichtschein heraufdrang. Sie folgte dem Gang bis ans Ende, und durch mehrere schwere Vorhänge, die von der hohen Decke fielen, erreichte sie einen weiteren Raum, der kreisrund war.

Entlang der Wände waren Reihen von Stühlen aufgestellt worden, auf denen bereits einige der rot gewandeten Gestalten Platz genommen hatten – Studenten wie sie, die in diesen geheimnisvollen Kreis aufgenommen worden waren.

In der Mitte des Kreises gab es ein Rednerpult und einen Operationstisch, und Kim begriff, wo sie sich befand – in einem Vorlesungssaal, wie es ihn an jeder Fakultät gab. Mit dem Unterschied, dass dieser hier zugleich ein streng gehütetes Geheimnis war.

Nüchterner Lichtschein beleuchtete den Kreis, ließ die Gestalten in ihren roten Gewändern seltsam unwirklich wirken. Kimberley kam sich vor wie in einem Traum.

»Gefällt es dir?«, hörte sie eine Stimme neben sich flüstern und fuhr herum.

Es war der junge Mann, der unbemerkt neben sie getreten war. »Glaub mir«, raunte er ihr zu, »viele dieser Ignoranten dort oben würden alles geben, um einmal hierher kommen zu dürfen. Aber nur uns, der absoluten Elite, ist dieses Privileg vorbehalten.«

Kim wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie hatte sich bislang weder als besonders privilegiert noch als Genie betrachtet. Sie interessierte sich für ihre Arbeit und war bereit, einige Mühe darin zu investieren. In ihren Augen war das auch schon alles …

Der junge Mann bedeutete ihr, auf einem der freien Stühle in der vordersten Reihe Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich neben sie.

Unruhe befiel Kim dabei – jene Unruhe, die sie auch vorhin schon empfunden hatte. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als zu warten. Dabei wusste sie noch nicht einmal, worauf …

Verstohlen schaute sie sich um, sah ihre vermummten Kommilitonen, die sich leise tuschelnd miteinander unterhielten. Dann, plötzlich, verstummten ihre Gespräche. Ein Ruck ging durch die Reihen der Kuttenträger, und sie alle sprangen von ihren Sitzen auf.

Kimberley tat es ihnen gleich. Als sie sich umwandte, sah sie, dass sich die Tür in der gegenüberliegenden Seite des Raumes geöffnet hatte.

Zwei Gestalten traten daraus hervor, die beide ebenfalls rote Roben trugen. An der Postur und der Art, wie sich eine der beiden Gestalten bewegte, erkannte Kim, dass es sich um Professor Parker handeln musste.

Der andere hatte sich seine Kapuze so tief ins Gesicht gezogen, dass davon nichts zu sehen war. Er war groß und hager, überragte Parker um fast einen Kopf. Und die Art, wie er sich bewegte, hatte etwas Einschüchterndes. Dieser Mann war es gewohnt, Befehle zu erteilen, daran bestand kein Zweifel.

Vor dem Rednerpult blieben die beiden stehen, und auf einen Befehl des Hageren hin schlug sein Begleiter seine Kapuze zurück. Parkers Züge kamen darunter zum Vorschein, und auch die anderen Mitglieder des Zirkels schlugen nun die Kapuzen nach hinten.

Auch Kimberley tat es, blickte sich dabei nach den anderen um. Keiner der anwesenden jungen Männer und Frauen erwiderte ihren Blick. Sie alle starrten stur geradeaus.

»Seid gegrüßt, meine Schüler«, sagte der Hagere, der seine Kapuze weiterhin auf dem Kopf und tief ins Gesicht gezogen trug.

»Sei gegrüßt, Magister!«, erscholl die Erwiderung aus aller Munde. Der junge Mann neben Kimberley, der bisher zu ihr gesprochen hatte – er hatte blondes Haar, wie sie nun sah –, schrie so laut und zackig, als wäre er auf einem Kasernenhof.

»Bevor wir mit unserer Sitzung beginnen, lasst uns zuerst den feierlichen Eid erneuern, den wir uns geschworen haben«, sagte der Vermummte. »Wir schwören, dass wir uns der Suche nach Wahrheit und Wissen unterwerfen.«

»Das schwören wir«, scholl es aus der Menge.

»Dass wir der Wissenschaft alles andere unterordnen.«

»Das schwören wir!«

»Und dass wir uns weder von ethischen noch von moralischen Bedenken von unserem Ziel abbringen lassen«, wiederholte der Kapuzenmann die Worte, die Kimberley schon vorhin an der Lauterkeit dieses Kreises hatten zweifeln lassen.

»Das schwören wir bei unserem Leben!«, blökten die Anwesenden ohne Zögern. Daraufhin wies ihr Anführer sie an, sich zu setzen.

»Wie ihr seht, meine Schüler, haben wir heute ein neues Mitglied in unseren Reihen«, sagte der Vermummte, und die Öffnung seiner Kapuze blickte in Kimberleys Richtung. »Ich hoffe, dass Sie sich in unserem Kreis wohl fühlen werden. Und dass Sie das Wissen und die Erkenntnis erlangen werden, nach der Sie suchen.«

»D-danke«, sagte Kimberley.

Sollte sie sich doch geirrt haben? Verbargen sich unter diesen bizarren Gewändern doch ganz normale Wissenschaftler?

Es hatte den Anschein.

Denn nun trat der Kapuzenmann an das Rednerpult, befleißigte sich dabei der gleichen Floskeln, wie die Dozenten in den Hörsälen es taten, ehe er mit einer Vorlesung begann. Die Studenten zogen Schreibblöcke unter ihren Roben hervor, einige hatten auch Laptops bei sich, mit deren Hilfe sie zu notieren begannen, was ihr unheimlicher Lehrer von sich gab.

Einmal mehr war Kimberley überrascht, denn was der Vermummte von sich gab, war eine ganz normale Lektion in plastischer Chirurgie, die nach einer kurzen Einführung die wichtigsten theoretischen Grundlagen einer Hauttransplantation erörterte.

Schon begann Kim, das alles für einen schlechten Scherz zu halten. Der blonde junge Mann, der neben ihr saß, schien es ihr anzumerken.

»Was hältst du davon?«, fragte er flüsternd.

»Ich weiß nicht.« Kim zuckte mit den Schultern. »Bis jetzt habe ich nichts gehört, das es lohnen würde, sich dafür die Nacht um die Ohren zu schlagen.«

»Wart’s ab.« Ein flüchtiges Grinsen huschte über die Züge des Blonden. »Du wirst schon sehen.«

Kim seufzte, gab sich alle Mühe, ernst und interessiert zu wirken. Sie hatte keine Mühe, den Ausführungen des Kapuzenmannes zu folgen, fühlte sich eher unterfordert. Dann jedoch kam der Moment, in der der Vermummte befahl, den Raum abzudunkeln. Eine Leinwand wurde aus der niederen Decke herabgelassen, und mittels eines Projektors, der in die gegenüberliegende Wand eingelassen war, wurden Bilder auf die Leinwand projiziert.

Bilder, die Kimberley jäh aus ihrem Dämmerzustand rissen und die ihr mit absoluter Unmissverständlichkeit klar machten, dass dieser Forscherkreis anders war als alle anderen an dieser Universität.

Das Erste, was sie sah, war Rot.

Schreiendes Rot.

Auf den Bildern war Blut.

Blut überall …

»Was Sie hier sehen«, führte der Mann in der roten Robe aus, »sind Bilder eines chirurgischen Eingriffs, der in meinem Beisein vorgenommen wurde. Bei diesem Experiment ging es darum, eine Theorie zu beweisen, der zufolge menschliche Gesichtszüge so transplantierbar sind, dass eine hundertprozentige synaptische Verschmelzung mit dem Empfänger eintritt. Mit anderen Worten: Es ging darum, das komplette Gesicht eines Menschen auf einen anderen zu übertragen. Sie werden verstehen, dass wir das nicht an Versuchstieren testen konnten. Wer möchte schon ein Rattengesicht gegen ein anderes vertauschen?«

Die Studenten lachten – während es Kimberley speiübel wurde beim Anblick der Bilder.

Sie war schon oft im Operationssaal dabei gewesen, zumal plastische Chi-rurgie ihr Hauptfach war. Doch noch niemals hatte sie gesehen, wie einem Menschen das komplette Gesicht entfernt worden war – und das nur zu Experimentierzwecken!

»Was habe ich dir gesagt?«, raunte der Blonde ihr zu, der seine Blicke nicht von der Leinwand lösen konnte. »Habe ich zu viel versprochen?«

Krampfhaft schüttelte Kimberley den Kopf – doch der Horror war noch nicht zu Ende.

»Wie Sie auf diesem Bild sehen«, fuhr der Kapuzenmann mit schrecklicher Selbstverständlichkeit fort, »hat der Spender zum Zeitpunkt der Gewebeentnahme noch gelebt. Natürlich haben wir ihm entsprechende Narkotika verabreicht. Nach meinen Erfahrungen ist es jedoch wichtig, den Spender am Leben zu lassen, da das zu transplantierende Gewebe auf diese Weise besser durchblutet und daher dem Zerfallsprozess weniger rasch unterworfen ist.«

Kimberly schlug eine Hand vor den Mund, konnte nicht glauben, was sie da sah und hörte.

Dieser Kapuzenmann stand nicht nur dort vorn und berichtete freimütig, wie er ein illegales Experiment durchgeführt hatte. Er rühmte sich auch noch der menschenverachtenden Methoden, derer er sich dabei bedient hatte, stellte die Bilder seines scheußlichen Tuns wie Trophäen zur Schau.

»Ich gebe gerne zu, dass diese Bilder keinen sehr schönen Anblick bieten«, führte er dazu aus, »doch sie zeigen sehr deutlich die Chancen und Grenzen der plastischen Chirurgie. Eine Chirurgie, die sich an die engen Grenzen dessen hält, was uns der Gesetzgeber in seiner Biederkeit erlaubt, ist zu spärlichen Ergebnissen verurteilt. Sie muss sich damit begnügen, krumme Nasen zu reparieren oder dekadenten Stars das Fett abzusaugen.«

Gelächter bei den Zuhörern.

»Uns jedoch geht es um wirkliche Wissenschaft. Um die Suche nach der Wahrheit. Die Frage ist, wie weit wir mit unseren Möglichkeiten gehen können, und ich sehe keinen Grund, dass wir uns dabei von überflüssigen gesetzlichen Beschränkungen aufhalten lassen sollten. Transplantationstechnologie, Genforschung, Cloning – all das sind Techniken, die die Medizin und die Wissenschaft der Zukunft bestimmen werden. Wir können es tun, also sollten wir es auch tun. Niemand wird uns dabei aufhalten.«

Das Auditorium applaudierte – bis auf Kimberley, die sich vor Entsetzen geschüttelt umblickte.

Wohin war sie hier nur geraten?

»Sie können sich denken, dass es nicht bei jenem einen Versuch geblieben ist«, fuhr der Kapuzenmann mit seiner Vorlesung fort. »Nachdem ich einige Gesichtstransplantationen durchgeführt hatte, trat man mit einem noch größeren, umfassenderen Plan an mich heran …«

Das Bild auf der Leinwand wechselte und zeigte eine weitere Aufnahme, die an Scheußlichkeit nicht zu überbieten war.

»… die Erschaffung eines perfekten Doppelgängers mit Hilfe von lebenden Transplantaten«, fuhr der Vermummte triumphierend fort, und Kimberley hatte das Gefühl, als würde die Decke des niederen Raumes über ihr zusammenstürzen.

Übelkeit stieg in ihr hoch, schlagartig wurde ihr heiß und kalt zugleich.

»Bis die Cloning-Technik so weit sein wird, dass wir mit ihrer Hilfe perfekte Doppelgänger erschaffen können, wird noch eine gewisse Zeit vergehen«, hörte sie den Vermummten wie aus weiter Ferne sagen, »doch die Transplantation gibt uns bereits heute die dafür nötigen Werkzeuge an die Hand.«

Kimberley hielt es nicht mehr aus.

Wie von der Tarantel gestochen schoss sie von ihrem Stuhl hoch, sodass ihr Schatten auf die Leinwand fiel und die grausigen Bilder zum Teil verdeckte.

»Hey!«, beschwerten sich lautstark einige Studenten, doch Kim dachte nicht daran, sich wieder zu setzen.

Während sie den bitteren Geschmack von Erbrochenem schon in ihrer Kehle fühlte, stürzte sie aus dem Hörsaal, hinaus auf den Gang.

Der Kapuzenmann unterbrach seinen Vortrag, blickte ihr verblüfft nach.

»Die Neue«, sagte der blonde Student nur.

»Geht ihr nach«, wies Professor Parker ihn an. »Ihr wisst, was ihr zu tun habt.«

»Verstanden, Professor«, erwiderte der Blonde. Mit einer herrischen Geste winkte er einige seiner Kumpane heran und stürzte dann ebenfalls aus dem Hörsaal, Kimberley hinterher …

***

Kim kam nicht weit.

Hals über Kopf setzte sie hinaus in den halbdunklen Korridor. Dann wurden ihre Knie weich, und sie brach ein, übergab sich auf den kalten Beton.

Tränen traten ihr in die Augen, und sie schüttelte krampfhaft den Kopf, versuchte, die Erinnerung an jene schrecklichen Bilder aus ihrem Bewusstsein zu verdrängen, während sie an Resten des Erbrochenem würgte.

Plötzlich hörte sie hektische Schritte, die sich ihr rasch näherten. Ein jäher Instinkt riet ihr, die Flucht zu ergreifen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht. Im nächsten Moment merkte sie, wie grobe Hände sie packten und in die Höhe rissen, sie brutal gegen die Wand des Korridors warfen.

»Was soll das?«, herrschte jemand sie an, und in der spärlichen Korridorbeleuchtung erkannte sie das Gesicht des Blonden, das drohend und mit fanatisch lodernden Augen vor ihr schwebte.

»Ich … kann das nicht sehen«, würgte Kimberley hervor. »Es ist so schrecklich …«

»Unsinn!«, knurrte der Blonde und schüttelte den Kopf. »Das alles geschieht zum Wohl der Wissenschaft.«

»A-aber diese armen Menschen«, stammelte Kim unter Tränen. »So etwas darf nicht geschehen! Niemals!«

»Blödsinn! Es geschieht ohnehin jeden Tag. So ist das Leben, Schwester. Fressen und gefressen werden. Warum sollen wir nicht unseren Nutzen daraus ziehen?«

»Weil es Unrecht ist. Es darf nicht sein …«

»Weißt du noch, was du geschworen hast? Dass du dich der Wissenschaft unterwerfen wirst. Ohne Rücksicht auf Moral oder Ethik.«

»Das … das kann ich nicht!«

»Du hast es geschworen, Schwester! Bei deinem Leben!«

»Aber ich wusste nicht, dass …«

Kimberley verstummte, als die Rechte ihres Kommilitonen vorschnellte und wie eine giftige Schlange auf ihren Hals zuschoss, ihn so fest zudrückte, dass sie kaum noch Luft bekam.

»Hör zu, Schwester«, raunte er ihr heiser zu, »spiel hier nicht die Unschuldige, okay? Dir musste klar sein, worauf du dich einlässt, als du unserem Kreis beigetreten bist. Du hast einen Eid geschworen, und dabei bleibt es. Aus unserem Zirkel kann man nicht austreten wie aus irgendeinem beschissenen Club. Einmal dabei, immer dabei. Wenn du das nicht kapierst, dann bist du die Nächste, an der wir unsere Techniken testen. Hast du das kapiert?«

»J-ja«, sagte Kimberley leise – was blieb ihr auch anderes übrig?

Angst und Entsetzen schüttelten sie, verhinderten, dass sie auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte. Alles, was sie wollte, war, dass es vorbei war, möglichst schnell …

»Sehr schön.« Die Aggression wich schlagartig aus den Zügen des Blonden, machte einem öligen Lächeln Platz. »Dann lass uns jetzt zurückkehren in den Hörsaal. Es gibt noch viel, was wir heute Nacht zu lernen haben …«

***

Um exakt 7 Uhr 48 morgens schnappte die Falle zu.

Von der kurzen Unterbrechung wegen der Ermittlung an der Universität abgesehen, hatten wir gut zwei Wochen damit zugebracht, Wayne Carlizzo auf Schritt und Tritt zu überwachen.

Wir wussten, wo er gewöhnlich frühstückte, wer sein Friseur war und wo er seine Morgenzeitung kaufte, kannten seine Zahnpastamarke und wussten, dass er zweimal wöchentlich eine Lady in Spanish Harlem aufsuchte, die sich für ihre Liebesdienste bezahlen ließ.

Bislang jedoch hatten wir nichts herausfinden können, was auch nur annähernd bewiesen hätte, dass Carlizzo für das Syndikat arbeitete – bis zu diesem Morgen.

Den größten Teil der Nacht hatten Phil und ich im Observierungswagen vor dem Haus verbracht, in dem Carlizzo wohnte.

Dann, gegen 6 Uhr morgens, hatte der Geschäftsmann sein Haus verlassen und hatte ein Taxi Richtung Midtown genommen.

Dass er das Cab zweimal gewechselt hatte, ehe er sein Ziel erreichte, war bereits verdächtig gewesen. So richtig interessant jedoch war es geworden, als Carlizzo ein Pfandleihbüro in Little Italy betreten hatte, das als Treffpunkt einschlägig bekannt war.

Mit Hilfe der Richtmikrofone, die zur Ausstattung unseres Van gehörte, war es uns gelungen, einige Fetzen des Gesprächs aufzuschnappen, das Carlizzo mit dem Besitzer des Ladens geführt hatte.

Demnach war Carlizzo nervös.

Offenbar ahnte der Mittelsmann, dass wir ihm auf den Fersen waren, und plante, die Stadt zu verlassen. Der Ladenbesitzer, der ziemlich aufgebracht reagierte, wandte ein, dass sich noch jede Menge Unterlagen im Keller seines Hauses befänden, die vorher verschwinden müssten – und spielte uns damit das letzte Argument in die Hände, das wir noch brauchten, um Carlizzo auffliegen zu lassen.

Ich kann nicht sagen, wie erleichtert ich war, als ich das kleine Wörtchen »Zugriff!« in das Funkgerät flüsterte.

Im nächsten Moment war in der Pfandleihe der Teufel los.

Zusammen mit einem Trupp G-men von der Bereitschaft, die wir rasch angefordert hatten, stürmten Phil und ich den Laden, während ein lautes Klirren von der Rückseite des Hauses her verkündete, dass auch der zweite Trupp zugeschlagen hatte.

»Hände hoch, FBI!«, brüllte ich, während wir mit schussbereiten Waffen in den Laden stürmten, wo Carlizzo und der Ladenbesitzer noch immer heftig miteinander debattierten.

Während Carlizzo so schlau war, die Hände Richtung ...

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