Logo weiterlesen.de
Mein letzter Fall - Sammelband 2

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Der Todesbringer
  4. Game over – Das Spiel ist aus!
  5. Mein letzter Fall
  6. Cottons Rückkehr
  7. Mir blieben nur noch Stunden
  8. Der Rattenfänger von Brooklyn

Der Todesbringer

Vor dem Spielzeugladen tanzte der Bär. Der aus dem Dschungelbuch. Balu. Mit ihm tanzten Ernie und Bert, Kermit und Miss Piggy, Micky Maus und Donald Duck, Godzilla und King Kong, Goofy und Garfield. King Kong hatte ein portables Empire State Building dabei, das er von Zeit zu Zeit abstellte, um darauf herumzuturnen.

Phil stoppte unseren Chrysler an der Ecke Fifth Avenue und East 58th Street, von wo wir den Platz vor dem Laden überblicken konnten. Die schwarze Lang-Limousine, die wir beschatteten, hatte vor uns angehalten. Ihre Bremslichter glühten direkt am Rand des Platzes. Im Halteverbot.

Ein kleiner Junge sprang aus dem Luxusschlitten. Der Junge hieß Roberto und war acht Jahre alt.

King Kong kippte sein Empire State Building um – in dem Moment, in dem Roberto voller Übermut loslief.

»Verdammt!« brüllte ich. Und katapulierte mich vom Beifahrersitz.

Als ich die beiden Speedboote mit Höchstgeschwindigkeit auf Liberty Island zurasen sah, dachte ich mir nichts dabei. Im Sommer ist der Hafen voll von reichen jungen Kerlen, die ihre teuren Spielzeuge ausführen, und gerade am Unabhängigkeitstag nutzen viele die gute Laune der Polizisten dazu, über die Stränge zu schlagen.

Ich blickte also wieder an der massigen Stahlfigur von Miss Liberty empor und lauschte den Ausführungen des Rangers, die ich schon Dutzend Mal gehört hatte.

»Oh, Jerry.« Sheena an meiner Seite drückte sich noch enger an mich und schenkte mir einen ihrer unwiderstehlichen Blicke. »Es war eine wundervolle Idee von dir, am Unabhängigkeitstag hierher zu kommen.«

Ich zuckte mit den Schultern und grinste ein wenig hilflos. Ich hatte Sheena während eines Falles kennen gelernt, den ich in Los Angeles bearbeitet hatte. Sie war ein echtes California-Girl – ihre blonde Mähne fiel wallend auf ihre schmalen Schultern herab und ihr wunderbares Lächeln wurde von einem hübschen Gesicht umrahmt.

Während sie sich so an mich schmiegte, konnte ich mir eigentlich nur dazu gratulieren, sie für dieses Wochenende nach New York eingeladen zu haben.

Von den Erläuterungen des Park Rangers mehr als gelangweilt, betrachtete ich die Touristen, die wie Sheena und ich in einer großen Traube vor Miss Liberty standen und ehrfurchtsvoll an ihr hinaufblickten. Da war ein Pulk Japaner, von denen jeder mit einer Videokamera bewaffnet war, eine alte Lady, die in der schwüle Sommerhitze schwitzte, ein paar junge Leute mit Rucksäcken, Familien mit quengelnden Kindern, die das Eis in ihrer Hand wesentlich interessanter fanden als die Geschichten der eisernen Dame über ihnen.

In diesem Augenblick nahm ich einen Schatten wahr, der nur wenige Meter hinter mir vorbeihuschte.

Meine Dienstreflexe erwachten, meine Muskeln strafften sich.

Sheena bemerkte es.

»Was ist los, Jerry«, meinte sie und legte Ihre kleine Stirn in Falten, »warum bist du so …«

Das laute Rattern einer MPI, das die Stille über der Insel zersägte, erstickte ihre Worte.

Schreckensschreie gingen durch die Reihen der Touristen. Die alte Dame, die mir am nächsten gestanden hatte, zuckte zusammen wie vom Donner gerührt. Tränen des Entsetzens schossen ihr in die Augen. Die Japaner, die vor uns gestanden hatten, ließen zum ersten Mal ihre Kameras sinken und reckten ihre Hälse, um zu sehen, was geschehen war.

Erneut erfüllte das Stakkato eines Feuerstoßes die Luft. Sheena zuckte zusammen und drängte sich an mich. Ich legte meinen linken Arm um sie, während meine Rechte bereits unter das Jackett gezuckt war, um den 38er zu ziehen.

Jetzt erschien ein Trupp Bewaffneter, die mit schnellen Schritten von der Anlegestelle heraufeilten – und in diesem Augenblick wusste ich, dass sie nur von den beiden Motorbooten stammen konnten, die ich auf die Insel hatte zurasen sehen.

Die Kerle bewegten sich mit militärischer Präzision. Sie besetzten den gesamten Vorplatz, ihre Uzis schussbereit im Anschlag. Alle trugen schwarze Overalls und Sturmhauben, die nur schmale Sehschlitze offen ließen. Wer immer diese Typen waren – sie zogen es vor, ihre Visagen nicht zu zeigen.

Und das verhieß nichts Gutes.

Laut schreiend und mit den kurzen Läufen ihrer Waffen gestikulierend, trieben sie uns zusammen.

Die alte Dame keuchte, kleine Kinder schrieen angstvoll auf, als sie von den Vermummten angeherrscht wurden. Sheena wimmerte leise an meiner Schulter. Ich spürte, wie ihr Körper zitterte.

Ich zählte ungefähr zwanzig schwarze Vermummte. Ziemlich viele.

Zu viele für mich.

Ein sehnsüchtiger Gedanke an den Smith & Wesson, der in meinem Hols-ter steckte, überkam mich, aber ich verwarf ihn sofort wieder. Den Revolverhelden zu spielen, würde wenig Sinn haben – ich riskierte damit nur unnötig das Leben der Touristen. Auch wenn es mir widerstrebte – ich musste abwarten.

In der Nähe einer Imbissstube wurden wir zusammengedrängt. Der Geruch von Hot Dogs und Hamburgern mischte sich mit dem Angstschweiß der armen Leute. Niemand hatte wirklich begriffen, was geschehen war. Keiner wusste, was die schwarzen Kerle von uns wollten.

Und doch fühlte jeder, dass Todesgefahr in der Luft lag.

***

Larry Freud war mit seinen Leuten mehr als zufrieden. Als der Wind den Glockenschlag der Trinity Church von Manhattan herübertrug, war Liberty Island in Freuds Hand.

»Bat, Gerry«, wies er zwei seiner vermummten Handlanger an. »Ich will, dass ihr Miss Liberty auf den Kopf steigt. Sagt Bescheid, sobald sich drüben was tut.«

»Ja, Sir.«

Die beiden machten sich im Laufschritt davon.

»Fake?«

»Ja, Boss?«

Freud nickte dem Mann mit der schweren Kiste zu. »Mach dich an die Arbeit.«

»Geht klar, Boss.«

Der Hüne verschwand, die Kiste und die Kabelrollen mit sich schleppend.

Ein erneuter Blick auf die Uhr. Fünf nach zwölf. Alles verlief nach Plan.

Genüsslich zog Freud sich die Sturmhaube vom Kopf, unter der er bereits zu schwitzen begonnen hatte. Er genoss die frische Seeluft, die um sein bärtiges Gesicht strich. Langsam öffnete er die Beintasche seines Overalls, zog eine Zigarre daraus hervor und zündete sie an.

Er paffte gemächlich darauf herum, wohl wissend, dass hundert Augenpaare auf ihn gerichtet waren. Er konnte die Angst dieser dummen Touristen förmlich fühlen. Und er genoss dieses Gefühl.

Schließlich bewegte er sich gemessenen Schrittes auf die zusammengetriebenen Menschen zu, die in die schussbereiten Mündungen der Uzis starrten.

Freud setzte sein Feiertagslächeln auf, als er die Touristen freundlich begrüßte.

»Nun, meine Herrschaften? Ist das nicht wieder ein wundervoller Sommertag? Wie geschaffen, um die Gründung unserer Nation zu begehen.«

»Wer sind Sie? Und was wollen Sie von uns?«

Freud fuhr herum – und musste wieder grinsen. Er hätte es sich denken können. Es war der Park Ranger, der eine mächtig große Lippe riskierte. Wahrscheinlich hielt er diese Insel für sein Eigentum …

Freud trat ein paar Schritte auf den untersetzten Mann in der hellgrünen Uniform zu, dessen Nase aufgeregt zu

zucken begann, als der Gangster auf ihn zukam.

»Du kommst dir wohl sehr schlau vor, was?«, erkundigte Freud sich lauernd. »Aber das wird dir schon noch vergehen, Freundchen.«

So plötzlich, dass niemand es hatte erahnen können, lag ein Schlagstock in Freuds Faust, und mit vernichtender Wucht fuhr das Ding in die Magengrube des Rangers. Der Mann stöhnte auf und sank in sich zusammen.

Freud brauchte nicht erst nachzusehen. Er wusste, dass diese Demonstration Wirkung zeigen würde – wenigstens vorübergehend.

»Mein Name ist Freud«, stellte er sich daher mit überschwänglicher Heiterkeit vor, »genauso wie der gute Sigmund.«

»Was wollen Sie von uns, Mister Freud?«

Die Frage kam von einer alten Lady, der bereits Tränen an ihren faltigen Wangen herabrannen.

»Nun«, erklärte Freud bereitwillig, »das ist eigentlich ganz einfach. Meine Jungs sind gerade dabei, einen Sprengsatz im Sockel dieser Metalllady« – und dabei zeigte er auf die Freiheitsstatue – »zu installieren. Sobald sie damit fertig sind, werdet ihr alle euch ins Innere der Statue begeben.«

»Und wozu?«

»Könnt ihr euch das nicht selbst denken? Die Sache ist im Grunde ganz einfach: Die Stadt hat bis Sonnenuntergang Zeit, 30 Millionen Dollar in kleinen Scheinchen zu beschaffen. Tut sie es nicht, wird es hier auf der Insel das größte Feuerwerk geben, das New York jemals zum vierten Juli gesehen hat. Und ihr werdet mittendrin sein.«

Freud starrte die Geiseln aus seinen stahlblauen Augen an.

Und er sah die Furcht in ihren Blicken.

***

Als das Telefon klingelte, lag Phil Decker in der Badewanne. Er war erst am Morgen aus Seattle zurückgekehrt und in die Wanne gestiegen, um die Geister der Benommenheit loszuwerden, die sich seiner wegen der Zeitverschiebung bemächtigt hatten.

Phil schlang sich ein Handtuch um und angelte sich den Hörer.

Am Apparat war John D. High.

Als Phil die Stimme des Chefs hörte, war er sofort hellwach.

Der dort sprach, war nicht der John High, den Phil kannte. Diese Stimme gehörte einem alten Mann, der müde und matt war von der Last der Verantwortung, die er täglich zu tragen hatte.

»Kommen Sie in mein Büro«, sagte Mr. High gepresst. »Sofort.«

Phil hielt den Atem an. »Ärger?«

»So kann man es auch nennen. Ich würde eher von einer drohenden Katastrophe sprechen.«

Phil nickte ohne Zögern. »Alles klar, Chef. Bin in fünf Minuten da.«

Und er übertrieb nicht. Hastig schlüpfte er in den Anzug, dem er erst vor wenigen Minuten entstiegen war, nahm seine Dienstwaffe mit und stand schon im nächsten Moment im Fahrstuhl, der ihn von seinem Apartment in die Lobby hinabtrug.

Phil platzte durch die Drehtür auf die belebte Straße hinaus, winkte das erstbeste Taxi heran, das er erblickte.

»Federal Plaza«, wies er den jungen Fahrer an, während er ihm eine 50-Dollar-Note zusteckte, »und drücken Sie auf die Tube, mein Freund.«

Der gelbe Wagen schoss die Straße hinunter, bog mit quietschenden Reifen in den Broadway ein. Heute, am vierten Juli, war auf New Yorks Prachtstraße die Hölle los. Bunt uniformierte Yankee-Doodler liefen überall umher, flankiert von Veteranen vergangener Kriege. Marschmusik und Gesang drang aus allen Richtungen, Cheer-Girls tanzten kokett auf der Straße herum, gingen im bunten Meer der Luftballons unter, die von zahllosen Kindern herumgeschleppt wurden.

Phil biss sich auf die Lippen. Er hatte diesen unheilvollen Tonfall bei Mr. High bisher nur zweimal gehört – und jedes Mal hätte es beinahe mit einer Katastrophe geendet. Was immer der Chef auf dem Herzen hatte – es musste verdammt wichtig sein.

Trotz des dichten Verkehrs erreichte der junge Fahrer das FBI-Hauptquartier an der Federal Plaza in Rekordzeit.

Phil sprang aus dem Wagen, stürmte die Treppen zum Eingangsportal hinauf. Den Sicherheitscheck ließ er mit stoischer Ruhe über sich ergehen. Dann aber hielt ihn nichts mehr.

Wenige Augenblicke später stand er in Mr. Highs Büro.

»Wissen Sie wo Cotton ist?«, empfing der Chef ihn barsch und ohne Begrüßung.

Phil dachte kurz nach. »Nun, er … er hat heute seinen freien Tag. Damenbesuch, denke ich.«

»Auch das noch.« John D. High gab ein tonloses Ächzen von sich.

»Was ist passiert?«

»Vor einer halben Stunde ging beim Bürgermeister dieser Anruf ein.« Mr. High betätigte einen Schalter an dem Tonbandgerät, das auf seinem mächtigen Schreibtisch stand, und lehnte sich in seinen ledernen Sessel zurück.

Was Phil da zu hören bekam, gefiel ihm ganz und gar nicht. Eine Horde Terroristen hatte Liberty Island überfallen und hielt hundert Geiseln in ihrer Gewalt. Wenn die Kerle nicht bis Sonnenuntergang 30 Millionen bekamen, würden sie die Geiseln töten und Miss Liberty im Meer versenken.

So viel zum Thema Feiertag.

Was Phil beinahe noch weniger gefiel: der Tonfall des Mannes, der am Telefon gesprochen hatte. Es war die eiskalte Stimme eines Fanatikers mit einem Hauch von Wahnsinn darin.

Phil zweifelte nicht daran, dass Larry Freud – so hatte der Kerl sich vorgestellt – seine Drohung wahr machen würde.

»Das gibt Arbeit«, meinte Phil leichthin, aber High schien diese gespielte Heiterkeit nur noch mehr zu beunruhigen.

»Versuchen Sie Jerry zu finden«, wies der Chef ihn an. »Ich möchte Sie beide an dem Fall haben. Danach fahren Sie zum Battery Park und machen sich ein Bild von der Lage. Der Park wird bereits evakuiert. Ich wette, dort ist der Teufel los.«

»Verstanden, Sir.«

»Vermeiden Sie vorerst alles, was Freud provozieren könnte. Dieser Mann ist unberechenbar – und extrem gefährlich.«

»Ich weiß«, sagte Phil tonlos.

***

Als der Signalgeber piepste, war ich froh, das verdammte Ding in einem unbeobachteten Augenblick losgeworden zu sein. So, wie es jetzt im Gebüsch lag, bemerkten die Gangster das kleine Gerät nicht einmal.

Ich hatte damit gerechnet, dass der FBI mit mir Verbindung aufnehmen würde und ich hätte wahrlich nicht gewusst, wie ich das Freud und seinen Kumpanen hätte erklären sollen.

Larry Freud war ein international gesuchter Terrorist, den ich von Fahndungsfotos kannte. Freud hatte schon so ziemlich überall auf der Welt sein schmutziges Handwerk verrichtet. Attentate, Sprengstoffanschläge, Geiselnahmen – er beherrschte die gesamte Palette. Diesmal also hatte er sich New York als Ziel ausgesucht – und anstatt ihm zusammen mit Phil das Handwerk zu legen, steckte ich mittendrin.

Wir standen seit einer Stunde in der Mittagssonne, die von der reflektierenden Wasserfläche noch verstärkt, unbarmherzig auf uns niederbrannte.

Die Japaner aus der Reisegruppe fielen um wie die Fliegen. Ein paar Leute hatten sich Taschentücher über den Kopf gelegt, was zwar reichlich albern aussah, aber seinen Zweck wenigstens einigermaßen erfüllte.

Sheenas Haar fiel in klebrigen Strähnen herab. Die Züge der jungen Frau wirkten angespannt und ausgemergelt und ich wünschte mir von Herzen, ihr das alles ersparen zu können.

»Wie lange wollen Sie uns hier stehen lassen?«, fragte ich deshalb den Gangster, der mir am nächsten stand.

Der Kerl musterte mich durch die Sehschlitze seiner Haube. »Wie der Boss sagte: bis Miss Liberty fertig ist zur großen Party. Und jetzt halt's Maul.«

Das Sprengkommando hatte die Sprengsätze also noch nicht installieren können. Hatten sie irgendwelche Schwierigkeiten?

Ich wünschte, dem Knäuel zusammengedrängter Touristen entkommen zu können. Vielleicht gab es ja doch etwas, das ich tun konnte – sicher hatte Freud seinen Erpresseranruf bereits abgesetzt …

Die Gelegenheit, auf die ich wartete, sollte sich bald ergeben – allerdings ganz anders, als ich erhofft hatte.

***

Mr. High hatte nicht übertrieben. Als Phil am Battery Park eintraf, war dort tatsächlich der Teufel los.

Ein Heer von Polizisten des NYPD hatte bereits damit begonnen, die Südspitze der Insel systematisch zu räumen, um Platz für die Einsatzfahrzeuge zu schaffen.

Verständnislose Urlauber fuchtelten mit den Prospekten ihrer Reisebüros herum, Souvenirverkäufer protestierten, als sie ihre Buden schließen mussten, eine Horde Späthippies weigerte sich, ihr Plätzchen an der Sonne zu verlassen.

Phil bahnte sich einen Weg durch das Chaos, lustlos auf einem Streichholz herumkauend, das er sich zwischen die Zähne geschoben hatte.

Dass er seinen Freund und Partner nicht hatte finden können, wurmte ihn. Jerry hatte weder auf seinen Signalgeber geantwortet, noch war er sonstwo zu finden gewesen. Wahrscheinlich räkelte er sich irgendwo auf Long Island in der Sonne, eine hübsche Blondine in den Armen …

»Halt, Sir, hier geht's für Sie nicht weiter.«

Ein junger Polizist, wahrscheinlich noch im ersten Dienstjahr, stellte sich Phil in den Weg. Die unförmige Mütze war dem Jungen viel zu groß.

»Wetten, dass doch?«, knurrte Phil und ließ seine Marke sehen.

Während der Grünschnabel ehrfurchtsvoll zurücktrat, marschierte Phil weiter auf den Wagen zu, den er als Hauptquartier der Einsatztruppe ausgemacht hatte.

»Sind Sie Phil Decker?«, empfing ihn ein junger Lieutenant mit kurz geschorenem Haar.

»Bin ich«, bestätigte Phil und ließ seine Marke noch einmal in der Sonne blitzen.

»Freut mich, Sir. Ich bin Lieutenant McKenzie. Ist Mr. Cotton auch bei Ihnen?«

»Nein«, Phil seufzte. »Leider nicht. Aber wehe, wenn …«

»Lieutenant!«

Der Ruf eines Sergeants, der mit einem riesigen Fernglas Liberty Island beobachtet hatte, gellte herüber.

»Was gibt es, Sarge?«, gab McKenzie zurück.

»Da drüben tut sich was.«

Phil und der Lieutenant eilten zur Reling, die den Park zum Wasser hin abgrenzt und griffen nach den Ferngläsern, die der Sergeant ihnen reichte.

Phil sah es sofort. Da war die Insel mit der Statue darauf, die Motorboote der Gangster, die am Landesteg vertäut waren – und ein Patrouillenboot der Küstenwache, das geradewegs auf die Insel zuhielt.

»Verdammt«, brach es aus Phil hervor. »Diese Idioten. Was haben die vor? Wissen die denn nicht, was hier los ist?«

McKenzie schaltete blitzschnell. Mit wenigen Schritten war er beim Funkwagen.

»Zentrale!«, herrschte er den Dienst habenden Polizisten an. »Schnell!«

Der Funker bediente die Tasten, reichte seinem Vorgesetzten das Funkgerät.

»Zentrale? Hier McKenzie! Schafft mir sofort dieses verdammte Patrouillenboot vor der Insel weg, verstanden?« Der Polizeioffizier keuchte. »Nein, verdammt, es hat keine Zeit, ich …«

»Hier Phil Decker, FBI«, sprach Phil in das Gerät, nachdem er es dem jungen Lieutenant aus der Hand genommen hatte. »Nehmen Sie Kontakt zur Küstenwache auf. Das Boot mit der Kennung 1103-I muss unbedingt verschwinden. Verstehen Sie …« Der Knall, der der blendend hellen Explosion folgte, beendete Phils Gespräch. Das Patrouillenboot war in einem grellen Feuerball explodiert. Brennende Wrackteile flogen durch die Luft, tauchten zischend in das kalte Wasser.

»Zentrale?«, sagte Phil leise. »Vergessen Sie's.«

***

Mit markerschütterndem Fauchen war die Rakete aus der Panzerfaust gezischt und hatte das kleine Boot der Küstenwache förmlich zerrissen. Ich schloss die Augen. Wahrscheinlich hatten die Jungs auf dem Boot gar nicht gewusst, wie ihnen geschah. Sie hatten die Speedboote entdeckt, hatten der Sache nachgehen wollen – und waren einen schnellen, sinnlosen Tod gestorben.

Dort, nur wenige Meter vor mir, stand der Mann, der mit kaltem Lächeln den Feuerbefehl erteilt hatte: Larry Freud.

Ich fühlte, wie der junge Kerl an meiner Seite die Fäuste ballte. Eine Alarmglocke dröhnte in meinem Kopf.

»Was immer Sie vorhaben, lassen Sie's bleiben«, zischte ich dem Knaben zu.

Der Junge war vielleicht zwanzig, trug abgeschnittene Jeans als Shorts und ein enges T-Shirt, unter dem sich seine Muskelmassen abzeichneten.

Und eben diese Muskeln schienen den Jungen davon zu überzeugen, dass er es mit Freud aufnehmen konnte.

Meine Worte erreichten den Jüngling schon nicht mehr. Ich sah den Schweiß auf seiner Stirn, das Glühen in seinen Augen.

Und noch ehe ich ihn halten konnte, sprang er mit einem gewaltigen Satz nach vorn.

Alles ging blitzschnell.

Freud wusste gar nicht, wie ihm geschah, als der Junge auf ihn zusprang.

Ich riss mich von Sheena los und setzte dem Jungen nach, wollte ihn daran hindern, eine tödliche Dummheit zu begehen.

Der Gangsterboss schrie auf, als er an der Kehle gepackt wurde. Der Schlagstock lag plötzlich wieder in seiner Rechten und schlug unbarmherzig zu.

Der junge Mann taumelte getroffen zurück.

In diesem Augenblick knatterten zwei Uzis los.

Ich warf mich bäuchlings auf den Boden, schrie Sheena etwas wie »Deckung« zu.

Dann war die Luft von tödlichem Blei erfüllt.

Der Junge wankte wie ein Betrunkener im Kugelhagel.

Und ich fühlte, wie eine Garbe über mich hinweg in die Reihen der Geiseln fegte …

***

»Was geht da drüben vor?«

Phil ballte hilflos die Fäuste, als er das dumpfe Klopfen vernahm, das von Liberty Island herüberdrang. Er hatte dieses Geräusch schon zu oft gehört und wusste, dass es meist Todesopfer forderte – es war das charakteristische Knattern von Maschinenpistolen.

Phil hatte einen Fluch auf den Lippen. Er durchlebte gerade den Albtraum eines jeden Polizisten – tatenlos dabeistehen zu müssen, wenn ein Verbrechen geschah.

Abwarten, hatte Mr. High gesagt.

Phil versuchte, sich in die Geiseln hineinzudenken, die Freud genommen hatte – harmlose Touristen, alte Ladys, Mütter mit ihren Kindern. Sein Magen krampfte sich zusammen. Er zwang sich zur Ruhe, um seinen persönlichen Zorn nicht seine Urteilsfähigkeit beeinträchtigen zu lassen.

Um sich etwas abzulenken, steckte er sich eine Zigarette an und nuckelte lustlos daran herum.

Obwohl dutzendweise Beamte des NYPD aufgescheucht wie ein Hühnerschwarm umherliefen, hatte er sich selten so verlassen gefühlt.

Einmal mehr wünschte er sich, sein Freund und Partner stünde neben ihm.

***

Als der Kugelhagel aussetzte, blickte ich auf. Ich sah die noch rauchenden Mündungen der Uzis, dahinter die ausdruckslosen Augen hinter den Sehschlitzen der Killer.

Ich kam irgendwie auf die Beine, stellte fest, dass ich unverletzt war.

»Sheena?«

Das Mädchen lag neben mir und hatte beide Hände auf ihre Ohren gepresst. Erst jetzt schien sie zu bemerken, dass nicht mehr geschossen wurde. Ich war froh, dass auch ihr nichts geschehen war, und half Sheena auf die Beine. Zitternd presste sie sich an mich. Ich küsste sie sanft auf die Stirn, als ich den verzweifelten Ausdruck in ihren Augen sah.

Der junge Mann in seinen abgeschnittenen Jeans war tot. Freuds Killer hatten ihn förmlich durchsiebt. Warmes, klebriges Blut rann aus den unzähligen Wunden, die seinen Körper übersäten.

Ich hörte das Stöhnen der Verwundeten hinter mir und wandte mich um.

Mir bot sich ein Bild des Elends. Freuds Killer hatten skrupellos in die Menge gefeuert. Viele Geiseln waren verletzt, hatten Streif- oder Steckschüsse abbekommen, lagen am Boden und wanden sich in ihrem Schmerz. Blut war überall, hatte alle bespritzt und erschwerte es festzustellen, wer tatsächlich verwundet war und wer nicht …

Nach und nach erhoben sich die Glücklichen, die nichts abbekommen hatten. Schweigend und vom Schock gezeichnet, machten sie sich daran, den Verwundeten zu helfen. Ein junger Mann gab sich als Medizinstudent zu erkennen und gab sein Bestes, die Wunden zu versorgen. Wie durch ein Wunder hatte es keine weiteren Toten gegeben. Die meisten waren nur leicht verletzt. Ich sah die alte Lady, die mir schon vorher aufgefallen war.

Blut rann aus einem kleinen Loch in ihrem rechten Bein.

Sheena und ich knieten bei ihr nieder, legten einen Druckverband an und kümmerten uns um die alte Dame.

»Es wird alles gut werden«, sagte ich leise. »Haben Sie keine Angst.«

Die Lady blickte mich dankbar an.

In diesem Augenblick gewahrte ich einen Schatten über mir.

Freud.

Meine Wut und meine Frustration nur mühsam unter Kontrolle haltend, schoss ich in die Höhe.

»Diese Menschen brauchen dringend ärztliche Behandlung«, forderte ich und sah dem Kopf der Terroristenbande in seine kalten, blauen Augen.

Freud spuckte aus. »Was Sie nicht sagen. Soweit ich das sehe, hatten diese dummen Touristen ihre Chance, unverletzt zubleiben. Sie wollten nicht hören – nun müssen sie eben fühlen.«

»Ihre Männer haben blindlings in die Menge gefeuert. Nennen Sie das eine Chance?«

»Nein«, gab Freud mit undeutbarem Lächeln zu. »Wohl eher ein Bauernopfer.«

Ich musste mich in diesem Augenblick mit aller Macht zusammennehmen, um dem Boss der Terroristenbande nicht ebenso an die Kehle zu springen, wie der unbeherrschte Jüngling es getan hatte. Aber ich hätte damit nur ein weiteres Massaker provoziert. Es war so schon schlimm genug …

»Werden Sie die Verwundeten abholen lassen?«, fragte ich nochmals, mich zur Ruhe zwingend.

»Nein«, sagte Freud ebenso ruhig und mit einer Endgültigkeit, die mir kalte Schauer über den Rücken jagte.

»Sie sind ein elender Feigling, Freud«, hörte ich mich selbst sagen, »wenn Ihre Männer Sie vor alten Frauen und halbwüchsigen Jungen schützen müssen.«

Das Gesicht des Gangsters blieb einen Augenblick lang unbewegt.

»Pierre, Sal«, wies er dann zwei seiner Handlanger tonlos an. »Greift ihn euch.«

Ein Aufschrei des Entsetzens ging durch die Reihen der Geiseln, als zwei der schwarz Vermummten mit schussbereiten Waffen vortraten. Aber diesmal war die Furcht unbegründet: Freuds Handlanger hatten es nur auf mich abgesehen.

»Jerry!«

Sheena stieß einen spitzen Schrei aus, als die beiden mich mit eisernem Griff packten, davonzerrten und mit Wucht zu Boden stießen …

»So«, sagte Freud, als er mit gebieterisch verschränkten Armen über mir stand, »haben Sie jetzt immer noch ein so großes Maul, Mister?«

Ich antwortete nicht, sondern keuchte, als mich der harte Metallkolben einer Uzi in den Rücken traf.

»Das wird Sie lehren, mich nicht mehr zu beschimpfen«, fuhr Freud fort und nickte seinen Männern zu, mich noch mehr zu traktieren.

Ich bekam Schläge in die Seite, in den Nacken, an die Schläfen. Jedes Mal schien die getroffene Stelle vor Schmerz zerbersten zu wollen.

»Seht ihn euch gut an, Leute«, hörte ich Freud von Ferne sagen, während das Blut durch meinen Kopf rauschte, »so ergeht es jedem, der eine große Lippe riskiert und …«

Der Gangsterboss unterbrach sich plötzlich. Seine stahlblauen Augen weiteten sich.

Unter meinem Jackett hatte er etwas entdeckt. Vertraute, gefährliche Formen, die er nicht vermutet hatte.

»Durchsuchen!«, schrie Freud plötzlich. »Durchsucht den Kerl nach Waffen!«

Rüde Hände klopften meinen Körper ab, fuhren unter mein Jackett und beförderten meinen 38er zutage.

»Sieh an, sieh an.« Freud schnalzte mit der Zunge, als er den Revolver betrachtete. »Welcher Fisch ist uns denn da ins Netz gegangen?« Er kippte die Trommel aus, tat so, als würde er die Patronen zählen.

»Wer sind Sie, Mann?«, fragte er schließlich und ein drohender Unterton mischte sich in seine Stimme.

,,Jeremy Riffkin«, log ich munter drauflos und setzte das beste Pokergesicht auf, das ich trotz der starken Schmerzen finden konnte. »Bin Privatdetektiv.«

Freud musterte mich einen Augenblick lang wortlos.

»Durchsuchen«, sagte er dann nochmals – und ich wusste, dass ich die Pokerrunde verloren hatte.

Freuds Handlanger griffen in mein Jackett und zogen meine Dienstmarke hervor.

»Hier.« Der Vermummte warf Freud das Etui zu.

Der Gangster pflückte es aus der Luft, las, was darin geschrieben stand und lächelte teuflisch.

»Leute«, rief er dann laut aus, »wir haben heute einen besonderen Gast! Darf ich vorstellen? Das hier ist Jerry Cotton G-man des FBI.«

***

»Aber Sir …«

John D. High hatte einen noch besorgteren Ausdruck angenommen, seit das Telefon in seinem Büro geklingelt hatte. Der Bürgermeister war am Apparat gewesen …

»Ich weiß, dass auf Ihre Männer stets Verlass ist, John«, drang die angespannt klingende Stimme des Bürgermeisters aus dem Hörer, »aber ich kann mir in dieser Hinsicht keine Experimente leisten.«

»Experimente?« High glaubte nicht richtig gehört zu haben. »Sir, wir wissen im Augenblick noch gar nichts. Außer der Tatsache, dass Larry Freud einer der meistgesuchten und skrupellosesten Verbrecher der Welt ist. Und dass er hundert unschuldige Geiseln in seiner Gewalt hat. Jetzt schon einzugreifen, wäre …«

»Aber wir haben keine Zeit für lange Nachforschungen, John. Wenn wir Freud ausschalten wollen, müssen wir es gleich tun.«

John D. High stöhnte. Er war mit Leib und Seele Polizist und die krummen Wege der Politik lagen ihm so fern wie die Wall Street einem eingefleischten Kommunisten. Im sonst so ruhigen und ausgeglichenen Inneren des Chefs begann es zu gären. Er hasste es, wenn man ihn daran hinderte, saubere Polizeiarbeit zu leisten »Sir«, begann er noch einmal, »ich versichere Ihnen, dass ich meine besten Männer« – wo zum Teufel, war Cotton? – »auf den Fall angesetzt habe. Wir werden alles daransetzen, Freuds Plan zu vereiteln, und den Mann ein für allemal hinter Gitter zu bringen. Aber die Sicherheit der Geiseln hat für mich absolute Priorität.«

Es dauerte eine Weile, bis der Bürgermeister sich wieder meldete.

»Tut mir Leid, dass Sie mich nicht verstehen, John. Aber hier geht es um mehr. Larry Freud hat mit seinen Leuten das Freiheitssymbol Amerikas besetzt. Und das an unserem Nationalfeiertag. Wir können diese Art von Provokation nicht dulden.«

»Auch nicht, wenn es den Tod der Geiseln bedeutet?«

»Ich bedaure, John. Mein Entschluss steht fest.«

»Aber wir sollten doch ...«

»Vor zwanzig Minuten habe ich mit dem Präsidenten telefoniert. Er teilt meine Ansicht. In diesem Augenblick ist ein Spezialkommando von Green Berets in Fort Bragg dabei, sich auf seinen Einsatz vorzubereiten. Colonel Sands und seine Männer werden gegen achtzehn Uhr hier eintreffen und Liberty Island stürmen.«

John D. High verstummte.

Was hätte er noch sagen sollen? Die Würfel waren gefallen.

Die Politik hatte gesiegt.

Der Chef des FBI New York schloss für einen Augenblick die Augen. Eine Schreckensvision durchzuckte sein Bewusstsein, in der die Statue of Liberty in einem glühenden Feuerball in der Bay versank. Die Schreie der sterbenden Geiseln klangen in seinen Ohren …

John D. High nahm nur verschwommen wahr, wie der Bürgermeister ihm noch einen schönen Tag wünschte und auflegte.

***

Die Nachricht, dass ich ein Agent des FBI war, hatte wie eine Granate eingeschlagen. Während die Geiseln begonnen hatten, aufgeregt miteinander zu tuscheln, warfen Freuds Männer sich aus den Sehschlitzen ihrer schwarzen Sturmhauben verwirrte Blicke zu.

Sie hatten sich ihren Plan zurechtgelegt und erwartet, dass alles mit der Präzision eines Uhrwerks ablaufen würde.

Nun war etwas Sand ins Getriebe geraten.

Auch Freud schien sich noch nicht ganz gefangen zu haben. In seinen Mundwinkeln zuckte es, unruhig trat er von einem Bein auf das andere.

Ich beschloss, aus der Situation bestmöglich Kapital zu schlagen …

»Nun gut, Freud«, meinte ich ungerührt, »jetzt wissen Sie's. Und wahrscheinlich wissen Sie auch, was ich als Geisel wert bin.«

»Ein G-man des FBI«, nickte der Gangsterboss bedächtig. »Ich könnte mir vorstellen, dass Ihre Vorgesetzten Sie liebend gerne zurück hätten.«

»Ich mir auch«, nickte ich. »Ich schlage Ihnen deshalb einen Handel vor, Freud. Lassen Sie die anderen Geiseln gehen – und behalten Sie mich. Eine gewichtige Geisel ist für Sie mehr von Nutzen als ein Haufen panischer Zivilisten.«

Ein Raunen ging durch die Reihen der Männer und Frauen, als sie leise Hoffnung schöpften.

Der Boss der Terroristenbande stand ungerührt, während seine Männer, die ihre Waffen unbewegt auf mich und die anderen Geiseln gerichtet hielten, ihm verstohlene Blicke zuwarfen.

»Sie bringen mich in eine Zwickmühle, Mister Cotton«, erwiderte Freud schließlich mit kaltem Lächeln, jetzt wieder ganz der undurchschaubare Spieler, als der er die Insel betreten hatte. »Denn wenn ich die Geiseln ziehen lasse und Sie hier behalte, werden Sie mir vermutlich nichts als Ärger bringen. Wenn ich die Geiseln aber behalte und Sie am Leben lasse, werden Sie zweifellos auch Unruhe stiften. Ich kann Ihr reizvolles Angebot also nicht annehmen, sondern muss im Gegenteil in Betracht ziehen …« – der Terrorist legte eine Kunstpause ein – »Sie exekutieren zu lassen.«

»Was, Boss?«

Der schwarz vermummte Kerl, den Freud als »Bat« angesprochen hatte, ließ entnervt seine Waffe sinken. »Wir können den verdammten G-man nicht töten! Der ganze FBI ist uns auf den Fersen, wenn wir …«

Ein stechender Blick seines Bosses brachte Bat zum Schweigen.

»Es ist der einzige Weg, den ich sehe«, verkündete Freud düster. »Wenn Cotton am Leben bleibt, wird er nichts unversucht lassen, uns Schwierigkeiten zu machen. Wir können uns Sicherheitsrisiken gleich welcher Art nicht leisten.«

»Überlegen Sie sich das gut«, meinte ich, wobei ich mir Mühe gab, möglichst gleichgültig zu klingen. »Wenn Sie mich töten, werden meine Vorgesetzten nicht eher ruhen, bis sie Sie haben. Und Sie wissen ja, was auf kaltblütigen Polizistenmord steht.«

Freud zuckte mit den Achseln. »Ich bin nicht sehr beeindruckt, Mr. Cotton. Ich hatte schon mit Gegnern zu tun, die weitaus gefährlicher waren als der FBI. Sie sollten Ihren altertümlichen Polizeiverein nicht zu sehr überschätzen.«

Dann, mit einer unglaublich arroganten Geste, nickte er seinen beiden Handlangern Pierre und Sal zu. Die beiden packten mich, drehten mir meine Arme auf den Rücken. Instinktiv wehrte ich mich, wand mich im Griff meiner Hascher – ein schmerzhaftes Knacken in meinem Schultergelenk war alles, was ich erreichte.

Freud machte eine wegwerfende Handbewegung – und schon wurde ich von den beiden Schwarzen davon gezerrt. Ich hörte, wie Sheena meinen Namen rief …

***

»Nein, Sie können hier nicht filmen!«

Phils Stimme war lauter geworden, als er beabsichtigt hatte. Lisa Neris, die junge Reporterin vom Channel 4, sah ihn fassungslos an.

»Aber wieso nicht, Sir? Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Aufklärung. Oder würden Sie es vielleicht nicht gerne wissen, wenn Terroristen unser Nationaldenkmal besetzt halten?«

»Das habe ich nicht bestätigt«, wehrte Phil ab. Er hasste es, mit diesen Pressefritzen zu verhandeln. Schon mehr als einmal war saubere Ermittlungsarbeit den Bach hinuntergegangen, weil irgendein Reporter die Story seines Lebens gewittert und alles ausposaunt hatte.

»Gehen Sie nach Hause, Miss. Der Pulitzerpreis geht dieses Jahr nicht an Sie.«

Neris – eine elegant wirkende Frau mit kurz geschnittenem Haar – rümpfte die Nase, ehe sie ihrem Kameramann zuzwinkerte.

»Komm, Vince – wir gehen. Die Polizei ist heute nicht zur Kooperation bereit.«

»Sieht nicht so aus«, bestätigte Phil.

Die beiden Fernsehleute bedachten ihn mit schiefen Blicken, dann machten sie auf dem Absatz kehrt und trollten sich.

Phil sah ihnen nach, bis sie wieder hinter die Absperrung zurückgekehrt waren, die das NYPD am Nordrand des Battery Park errichtet hatte – und stutzte plötzlich.

Ein Mann war gerade dabei, sich einen Weg durch den Pulk der Schaulustigen zu bahnen, zeigte einem der Ordnungshüter seinen Ausweis und wurde durch die Absperrung gelassen.

Es war John D. High.

Ein Kloß bildete sich in Phils Magen. Er konnte sich kaum daran erinnern, wann sein Chef das letzte Mal sein Büro verlassen hatte, um sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen.

Wenn John D. High seinen Schreibtisch zurückließ, musste schon etwas Gravierendes vorgefallen sein.

Phil ging seinem Chef entgegen. Mr. Highs angespannte Miene ließ keinen Zweifel daran, dass die Sache ernst war.

»Die verkaufen uns, Phil«, begann er grußlos, ohne seinen Schritt zu verlangsamen. Sein Ziel war die Reling am Landungssteg, von wo er selbst einen Blick nach Liberty Island werfen wollte.

»Was meinen Sie?«, erkundigte Phil sich.

»Der Bürgermeister. Wir haben vor einer halben Stunde miteinander telefoniert. Es wird kein Lösegeld geben.«

»Was? Aber wie …« Phil unterbrach sich. Wäre es nicht John D. High gewesen, der das gesagt hatte, hätte er seinen Gesprächspartner glatt für verrückt erklärt.

»Ich sagte, es wird kein Lösegeld geben, Phil«, wiederholte Mr. High bereitwillig. Seine Stimme klang barsch und teilnahmslos – aber wer den Chef kannte, wusste, dass es die Verantwortung seines Amtes war, die ihn in Krisensituationen so sachlich werden lies. »Der Bürgermeister hatte seine Entscheidung bereits gefällt, als er mich informierte. Und er ist nicht gewillt, auch nur einen Cent für Freud lockerzumachen.«

»Aber … wie sollen wir den Kerl denn dann schnappen?«

John D. Highs Antwort klang dumpf und düster. »In ziemlich genau dreieinhalb Stunden wird eine Einheit von Green Berets in New York eintreffen. Sie werden Liberty Island stürmen und die Geiseln zu befreien versuchen.«

»Aber das ist doch Wahnsinn!«, platzte es aus Phil heraus. »Freud wird keine Sekunde zögern und Miss Liberty mit allen Geiseln in die Luft jagen. Dieser Mann macht keine leeren Drohungen, Chef – der meint es ernst.«

»Mir brauchen Sie das nicht zu sagen, Phil. Aber in diesem Fall sind mir die Hände gebunden. Der Präsident persönlich hat sein Einverständnis gegeben.«

»Verstehe«, nickte Phil. »Am Unabhängigkeitstag können wir uns keine Blöße leisten, was? Heute muss Stärke demonstriert werden – selbst wenn dabei hundert Unschuldige ins Gras beißen müssen.«

John D. High schwieg. Normalerweise hätte er Phil zur Ordnung rufen müssen, aber er ließ ihn gewähren – zu sehr gärte es in seinem eigenen Magen …

Sie hatten die Reling erreicht. Phil reichte Mr. High das Fernglas, das er bei sich trug.

Der Chef des FBI New York setzte es an seine Augen und blickte zur Insel hinüber. Das Wasser glitzerte im Sonnenlicht und erschwerte die Sicht. Vereinzelt waren winzige Schatten am Fuß der Statue auszumachen, aber keine Einzelheiten.

»Wir wissen noch nicht einmal, mit wie vielen Terroristen wir es zu tun haben«, erklärte Phil. »Sobald sich ein Boot oder ein Hubschrauber nähert, eröffnen Freuds Männer das Feuer. Ein Patrouillenboot der Küstenwache haben sie schon versenkt.«

Mr. High nickte. »Ich weiß. Ich habe deshalb meinen alten Freund Sergej Alexewitsch um Hilfe gebeten.«

»Den Chef der sowjetischen Antiterror-Polizei?«

Mr. High nickte. »Seit dem Ende der Sowjetunion ist er in den Ruhestand getreten, aber er hat immer noch ausgezeichnete Verbindungen.«

»Und?«

Mr. High setzte das Fernglas ab und lächelte listig. »Unsere russischen Freunde haben noch immer ein Dutzend Spionagesatelliten dort oben. Ich habe Sergej um ein paar Aufnahmen von Liberty Island gebeten.«

Phil musste grinsen.

»Bis die Bilder eintreffen, möchte ich, dass Sie die Insel weiter im Auge behalten, Phil. Informieren Sie mich, sobald sich irgendetwas tut. Wenn Freud anruft, halten Sie ihn hin. Versprechen Sie ihm alles Mögliche, wenn es sein muss. Wenn diese Spezialeinheit schon anrückt, sollten wir wenigstens alles versuchen, um die Katastrophe zu vermeiden.«

»Verstanden«, sagte Phil leise.

Es ging diesmal nicht darum, Polizeiarbeit zu leisten, sondern für eine Handvoll Cowboys das große Rodeo vorzubereiten. Phil schüttelte deprimiert den Kopf.

Der FBI, die oberste polizeiliche Bundesbehörde, war gerade dabei, zum Handlanger der Politik zu werden.

***

Wir umrundeten die halbe Insel. An einer kleinen Bucht, in die gischtend das Wasser der Bay sprudelte, hielten wir an.

»Zeit für ein Bad, G-man«, zischte Pierre gehässig. Der hünenhafte Vermummte mit dem französischen Akzent rammte mir den Kolben seiner MPi in die Kniekehlen.

Stöhnend brach ich ein. Ich stürzte auf die Knie, hörte, wie die beiden Kerle ihre Maschinenpistolen durchluden.

In diesem Augenblick wusste ich, dass die Gesichter unter den schwarzen Sturmhauben fies grinsten.

Einen Sekundenbruchteil lang schien die Zeit stillzustehen. Die Sonne stach vom Himmel herab, das blaue Wasser der Bucht glitzerte, warf rauschende Wellen gegen die Uferböschung.

Jetzt!

Eben noch ein sichtlicher Haufen Elend, explodierte ich förmlich in einer blitzschnellen Bewegung. Mit einer Geschwindigkeit, die keiner der beiden Ganoven meinem geschundenen Körper mehr zugetraut hätte, warf ich mich nach vorn, vollzog eine Rolle und stieß einen halben Herzschlag später mit den Fußen nach den Waffen der Killer.

Pierres Uzi erwischte ich mit Wucht – sie flog ihrem Besitzer aus der Hand, schlitterte scheppernd über den nackten Fels. Sal war auf meinen Angriff besser vorbereitet. Er sprang zurück, stieß einen wilden Schrei aus und feuerte.

Röhrend fegten die Projektile aus dem schmalen Lauf der Waffe. Gerade auf die Beine gekommen, warf ich mich mit einem Hechtsprung zur Seite. Heiß pflügten die Geschosse an mir vorbei.

Sal stieß einen Fluch aus, riss die MPi herum und wollte erneut feuern. Ich erreichte ihn vorher.

Mit einem schnellen Griff packte ich die Waffe, wollte sie dem eisernen Griff des Killers entwinden. Aber Sal hatte damit gerechnet. Eisern umklammerten unsere Hände die Waffe, drehten den Lauf hin und her. Abwechselnd blickten wir in die tödliche Mündung …

Irgendwie erreichten Sals Finger den Abzug.

Eine Garbe ratterte heraus. Instinktiv sprang ich zurück.

Sal stand vor mir, starrte mich aus blöden Augen an, während Blut durch seinen schwarzen Overall sickerte. Der Gangster torkelte zwei Schritte nach vorn, brach dann röchelnd zusammen.

Er hatte sich selbst den Rest gegeben.

Ich hörte Schritte hinter mir, ahnte in diesem Augenblick, dass Pierre sich seine Waffe zurückholen wollte. Mit einem Satz sprang ich zum leblosen Körper seines Kumpans. Es war nur die Frage, wer von uns beiden zuerst eine Waffe erreicht haben würde …

Ich griff nach der Uzi, riss sie in Anschlag, fuhr herum … und feuerte.

Pierre hatte auf mich angelegt und abdrücken wollen. Meine Kugeln holten ihn von den Beinen. Noch im Fallen betätigte er den Abzug seiner Waffe. Eine Fontäne von Mündungsfeuer spritzte in den blauen Himmel.

Der leblose Körper des Terroristen rollte über den Fels, stürzte in die gischtende Brandung.

Die Uzi noch immer im Anschlag, fuhr ich herum, prüfte, ob uns jemand gefolgt war.

Aber da war niemand. Ich war vorerst in Sicherheit.

Ich wusste nicht, ob die Schüsse am anderen Ende der Insel zu hören gewesen waren – der Wind wehte schließlich zum Festland hin. Wenn doch, würde Freud wahrscheinlich glauben, ich hätte mein verdientes Ende gefunden …

Ich warf einen Blick zu Miss Liberty hinauf, deren vertraut stählerne Formen sich über mir zum Himmel türmten. Auf der Balustrade, die die Freiheitsfackel umgab, hatte Freud einen Posten platziert. Aber der Kerl schien mich nicht zu bemerken. Wahrscheinlich pfiff der Wind dort oben so laut, dass er die Schüsse nicht einmal gehört hatte.

Soweit ich es beurteilen konnte, waren die Geiseln noch nicht ins Innere des Sockels getrieben worden. Das bedeutete, dass die Sprengstoff-Crew noch immer damit beschäftigt war, die Ladungen anzubringen.

Ich musste unbedingt hinein …

***

Als Larry Freud die Schüsse in der Ferne hörte, versuchte er sich vorzustellen, wie der Körper des dämlichen G-man im Feuer von Sals und Pierres Dauerfeuer zuckte.

Dieser FBI-Beamte würde ihm kein Kopfzerbrechen mehr bereiten.

Genüsslich nahm er das Handy aus der Beintasche seines Overalls und tippte die Nummer des Bürgermeisters. Es war an der Zeit, sich nach dem Verbleib des Lösegeldes zu erkundigen.

Wie erwartet, war der Anschluss längst von der Polizei angezapft worden.

»Ja?«, meldete sich eine junge Stimme, der die Aufregung ihres Besitzers deutlich anzumerken war.

»Hier Larry Freud«, meinte der Geiselnehmer gelassen.«Geben Sie mir den Bürgermeister dieser schönen Stadt.«

Es entstand eine kurze Pause.

»Der ist gerade … verhindert«, meldete die junge Stimme sich schließlich zurück. »Wollen Sie nicht auch mit mir sprechen?«

»Und wer sind Sie?«, fragte Freud spöttisch, obwohl er die Antwort wusste. Er hasste Polizeipsychologen und ihre tumbe Art, anderen Leuten in die Psyche blicken zu wollen.

»Sagen wir … ein Freund«, gab der Junge mit unglaublicher Naivität zurück. »Sie halten einhundert Menschen in Ihrer Gewalt, Mr. Freud. Wollen Sie mir nicht erzählen, was Sie zu dieser Tat bewogen hat?«

»Natürlich«, schnaubte Freud boshaft, »das mach ich doch gern. Ich hatte eine wirklich böse Kindheit, wissen Sie. Mein Vater schlug mich andauernd.«

»Das ist schlimm.«

»Und ob«, bestätigte der Terroristenboss bissig. »Und seitdem sehe ich jedes Mal ins Klo, bevor ich runterspüle.«

Ein Schnauben in der Leitung. Allmählich schien dem anderen zu dämmern, dass er nur verkohlt wurde.

»Genug gespielt, Sie alberner Psychofritze«, meinte Freud schließlich, »geben Sie mir jetzt endlich jemand an den Apparat, der etwas zu sagen hat. Ich brauche keinen Sozialarbeiter, sondern einen …«

»Schluss mit den Spielchen! Wo ist das Problem, Mr. Freud?«, kam plötzlich eine andere Stimme schneidend aus dem Hörer.

Der Gangster horchte auf. Diese Stimme klang anders – selbstbewusst und ruhig, aber doch autoritär … Wer immer diese Stimme besaß, gab einen völlig anderen Gesprächspartner ab als der junge Psychologe.

»Mit wem habe ich denn jetzt die Ehre?«, erkundigte Freud sich daher lauernd.

»Phil Decker, FBI«, kam die Antwort aus dem Hörer.

***

Phil stand im Freien neben dem Kommunikationswagen des NYPD, hatte den Telefonhörer in der Hand und kam sich vor wie ein Idiot.

Da stand er nun, hatte Larry Freud an der Strippe – den Mann, der hundert Geiseln auf Liberty Island in seiner Gewalt hatte – und konnte nichts dagegen tun.

Freud pfiff durch die Zähne, dass es im Hörer knackte. »FBI – sieh an, sieh an. Das ist nun wirklich zu viel der Ehre.«

Phil hatte Mühe, sich unter Kontrolle zu halten, als er die arrogante Stimme des Terroristen vernahm und sich Freuds miese Visage dazu vorstellte.

»Wir haben Schüsse gehört, Freud. Was ist passiert?«

»Oh« – der Terrorist klang, als würde das alles ihn nicht das Geringste angehen – »wir hatten einen unseligen Zwischenfall mit einem unglücklichen jungen Mann, der …«

»Haben Sie ihn getötet?«

»Es war leider nötig, ja. Und bei der Gelegenheit wurden noch ein paar weitere meiner – äh – Gäste verletzt.«

Phil fühlte sich plötzlich unwohl in seiner Haut. »Sie haben Verletzte da drüben?«

»Geringfügig, ja.«

»Dann erlauben Sie, dass ein Arzt auf die Insel kommt.«

»O nein.« Der Gangsterboss feixte. »Das könnte Ihnen so passen, was? Ihr Arzt bleibt, wo er ist. Jedes Objekt, das sich Liberty Island auf weniger als eine Viertelstunde nähert, wird von mir als feindlich eingestuft. Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, was das heißt, oder?«

»Hören Sie doch auf mit dem Unsinn, Freud. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass Sie damit durchkommen, oder? Lassen Sie Ihre Geiseln frei und geben Sie auf – noch ist Zeit dazu.«

Der Boss der Terroristen lachte auf. »Versuchen Sie mir etwa zu drohen, Decker? So wie ich das sehe, sind meine Karten sehr viel besser als Ihre – also halten Sie gefälligst die Klappe und hören Sie mir zu. Solange Sie dafür sorgen, dass die 30 Millionen zur verabredeten Zeit am vereinbarten Ort deponiert werden, haben Sie keine Probleme. Aber seien Sie pünktlich. Ich habe nicht vor, Ihnen eine Extrafrist einzuräumen.«

Phils Nackenhärchen stellten sich auf. Mr. Highs Worte brannten noch in seinem Gedächtnis: Es würde kein Geld geben. Hinhalten, hatte Mr. High gesagt. Hinhalten und Zeit gewinnen …

»Wie stellen Sie sich das vor, Mann?«, erkundigte Phil sich schnell. »Glauben Sie, der Bürgermeister hat so viel Geld unter seinem Kopfkissen? Die nötigen Schritte sind eingeleitet, natürlich. Aber es wird seine Zeit dauern, bis das Geld verfügbar ist. Es handelt sich schließlich um eine beträchtliche Summe. Dazu ist heute Feiertag. Die Banken sind geschlossen und …«

»Sie rühren mich wirklich zutiefst mit Ihrer Geschichte, Mr. Decker – aber Tatsache ist, dass die eiserne Lady bei Sonnenuntergang in die Luft fliegt, wenn der Zaster nicht da ist. Und mit ihr die hundert Geiseln. An Ihrer Stelle würde ich mich also beeilen.«

»Wir tun, was wir können.«

Es dauerte eine Weile, ehe eine Antwort kam.

»Tun Sie mehr als das.«

***

Lautlos schlich ich die Anhöhe hinauf, bedacht, kein unnötiges Geräusch zu verursachen. Das sternförmige Fundament der Statue lag vor mir, von dem zwei massive Terrassen zum Sockel von Miss Liberty anstiegen. Von oben drangen gedämpft die Stimmen von Freuds Wachposten herab, die sich über die Geiseln und den Stand der Dinge unterhielten.

Ich schnappte ein paar Wortfetzen auf, denen ich nur wenig entnehmen konnte. Anscheinend sollte das Lösegeld über der Bay abgeworfen werden. Wahrscheinlich hatte Freud Taucher dabei, die es dann herausholten, unsichtbar vor aller Augen. Hier war wahrlich ein genialer Geist am Werk.

Ich prägte mir die Informationen ein – vielleicht konnten sie mir später noch von Nutzen sein. Zunächst musste ich allerdings von hier verschwinden – denn wenn man mich hier entdeckte, wurde mein Spiel vorüber sein, noch ehe es richtig begonnen hatte.

Die letzten Meter bis zur grauen Wand des Fundaments waren völlig ungeschützt. Es gab keine Mauer, keinen Baum, keine Deckung. Ich musste auf gut Glück versuchen …

Noch ehe ich den Gedanken zu Ende geführt hatte, spurtete ich los, die Uzi schussbereit im Anschlag.

Dann plötzlich hatte ich den kühlen Schatten der Wand erreicht, presste mich keuchend in ihren Schutz.

Nichts regte sich – offenbar hatte keine der Wachen mich entdeckt. Wie sollte es nun weitergehen? Mich an der Außenmauer bis zum Sockel vorzuarbeiten, war blanker Unsinn – man würde mich entdecken und kalt lächelnd umlegen. Etwas mehr Gewitztheit musste ich schon an den Tag legen, wenn ich Freud und seinen Spießgesellen beikommen wollte …

Ich dachte an meine früheren Besuche auf Liberty Island zurück. Plötzlich glaubte ich mich zu erinnern, dass in regelmäßigen Abständen Türen in die Mauern des Fundaments eingelassen waren – Türen, die vom Wartungspersonal und von den Park Rangers benutzt wurden und die zur Museumshalle hinaufführten, die das Innere des Sockels einnahm …

Ich packte meine Waffe fester und setzte mich in Bewegung. Eng gepresst an das graue Mauerwerk, das die sengende Hitze der Sonne abstrahlte, eilte ich weiter, in jedem Augenblick darauf gefasst, dass jemand mich anrief und ich mich verteidigen musste.

Aber nichts dergleichen geschah.

Ich legte fünfzig, vielleicht sechzig Meter zurück, als ich vor mir einen Schatten in der Mauer sah. Es war der Zugang zu einer der Versorgungstüren – ich hatte es geschafft!

Schon wollte ich aufatmen, als sich unmittelbar vor mir eine Gestalt aus der Türnische löste. Eine schwarz vermummte Gestalt mit blitzenden Augen, die eine Maschinenpistole in den Händen hielt …

Ein Wachposten!

***

Der fette Kerl, den Freud mit »Fake« angesprochen hatte und der als Sprengmeister des Terrortrupps fungierte, kam die Treppen des Fundaments herabgerannt.

»Boss!«, schrie er schon von weitem. »Wir sind soweit.«

Freuds angespannte Miene entkrampfte sich etwas. »Na endlich.«

»Es hat einige Zeit gedauert, die Sprengsätze so anzubringen, wie wir es geplant hatten – aber jetzt ist alles klar.«

Fake griff in seine Brusttasche und zog ein kleines, schwarzes Kästchen daraus hervor, das er Freud aushändigte – ein Kästchen, das nur einen einzigen Knopf besaß, der in seiner Mitte angebracht war und in grellem Rot leuchtete. Der Boss der Terrorbande nahm das kleine Gerät in Empfang und streichelte vorsichtig den roten Knopf.

»Wenn die Jungs dort drüben nicht zahlen, geht die Lady heute Abend in einem riesigen Feuerwerk baden«, kommentierte Fake.

»Gute Arbeit, Fake.« Freud nickte, dann wandte er sich wieder seinen Geiseln zu, die eingeschüchtert und verängstigt aneinander kauerten und sich um die wimmernden Verletzten kümmerten.

»Ladies and Gentlemen«, meinte der Oberterrorist mit gespielter Freundlichkeit, »der kleine Kasten, den Sie hier in meinen Händen sehen, ist der Auslöser für die Bombe. Ein Knopfdruck von mir und Miss Liberty reicht ihren Abschied ein. Wenn Sie sich jetzt also bitte in den Sockel der alten Dame begeben möchten …«

Geweitete Augen starrten Freud voller Entsetzen an, Lippen bewegten sich lautlos, ohne Worte zu formen …

»Also, was ist?«, herrschte der Anführer der Bande sie an. »Wollt ihr wohl? Oder müssen meine Leute euch erst Beine machen?«

Wie auf ein verabredetes Kommando traten die zehn Männer vor, die die Geiseln bis jetzt als stumme Wächter umstanden hatten. Die Kerle in den schwarzen Kampfanzügen luden ihre Uzis durch und feuerten wild in die Luft.

»Na los doch! Ihr habt gehört, was der Boss gesagt hat! Bewegt euch!«

Panik ergriff die Menschen. Torkelnd, stolpernd kamen sie auf die Beine, liefen willenlos wie eine Herde Schafe in die Richtung, in die Freuds Männer sie trieben.

Feuerstoß um Feuerstoß jagte in den stahlblauen Nachmittagshimmel hinauf, ließ die Luft erzittern.

Kinder begannen zu schreien, Frauen weinten, unter manchen Hosenbeinen begannen sich kleine Lachen zu bilden. Hatte sich bisher noch eine leise Hoffnung gehalten, Freud werde mit seinem Vorhaben nicht Ernst machen, zerschlug diese sich jetzt endgültig.

Die Japaner, die noch vor wenigen Stunden alles fotografiert hatten, was ihnen vor die Linse gekommen war, achteten nicht einmal mehr auf die dollarschweren Gerätschaften, die um ihre Hälse baumelten. Sie wollten nur ungesehen bleiben, in der Menge untergehen, überleben – wie alle anderen.

Die Geiseln nahmen die Verwundeten mit sich fort, stützten die, die noch laufen konnten, schleppten die, die an den Beinen verwundet worden waren.

Leise Gebete wurden gesprochen, verzweifelte Flüche zum Himmel geschickt. Beides diente dem gleichen Ziel. Niemand wollte sterben.

Die schwarz uniformierten Schergen lachten böswillig, als sie ihre wehrlosen Opfer die Treppen zum Eingangsportal hinauftrieben.

Der junge Park Ranger hatte seinen Widerstand aufgegeben. Er hatte den Kopf eingezogen und lief wie alle anderen in der Menge mit.

Auch Sheena rannte die Stufen hinauf, zuckte zusammen, als der Schwarzvermummte neben ihr sie anherrschte und ihr einen Stoß mit dem Kolben seiner Waffe versetzte. Ihr langes, blondes Haar hing in Strähnen. Tränen rannen ihre hohen Wangen hinab.

Der einzige Mann, der ihr hätte helfen können, war von Freuds Killern erschossen worden.

Jerry war tot! Sie konnte, wollte es nicht glauben. Und doch musste sie einsehen, dass es geschehen war. Sie hatte selbst die Schüsse gehört.

Die junge Frau aus Malibu starrte auf die Kinder, die neben ihr die Treppen zum Eingangsportal hinaufstürzten.

Jerry mochte nicht mehr am Leben sein – aber diese Kinder verdienten weiterzuleben. Jerry war für diese Menschen eingetreten. Auch er hätte es so gewollt.

Sheena beschloss, sich zusammenzunehmen und keine Träne mehr zu vergießen – hier gab es Menschen, die ihre Hilfe brauchten.

Und sie betete, dass die zuständigen Behörden alles unternehmen würden, um die 30 Millionen vor Sonnenuntergang zu besorgen.

***

Als der Hüne in der schwarzen Uniform mir entgegentrat, wusste ich, dass das Gesicht unter der Maske lächelte. Der Kerl riss seine MPi hoch und wollte mich kurzerhand über den Haufen schießen.

Ich kam ihm zuvor. Mit einem Satz sprang ich nach vorn, direkt auf die Mündung der Waffe zu.

Der Schwarze, der damit nicht gerechnet hatte, machte einen Schritt zurück. In diesem Moment schnellte mein rechtes Bein hoch und hieb dem Mann die Waffe aus den Pranken. Klappernd fiel die Uzi zu Boden.

Ich wirbelte herum, versetzte dem Kerl einen Fußtritt in die Magengegend und schickte ein paar Karateschläge nach.

Röchelnd ging der Vermummte nieder, blieb zu meinen Füßen liegen.

Schnell blickte ich mich um, schwer atmend, während das Adrenalin durch meine Adern flutete. Kein anderer Gegner war in Sicht …

Ich nahm die Waffe des Gangsters an mich, löste den Gürtel, den er um die Hüfte trug und fesselte ihn damit. Dann zog ich dem Bewusstlosen die Sturmhaube vom Kopf. Es war Pepe Jiraz, ein chilenischer Terrorist, dessen Visage mir nicht weniger bekannt war als die seines Anführers.

Larry Freud hatte für diesen Coup wirklich die Crème de la Crème um sich versammelt – den Bodensatz des internationalen Verbrechens. Männer, die keine Ideale hatten und für Geld alles und jeden töteten.

Ich stopfte Jiraz seine Sturmhaube in den Mund und knebelte ihn. Dann zog ich den schlaffen Körper mit mir ins Dunkel des Versorgungsganges, wo ich ihn in einer Nische verschwinden ließ.

Im Gang war es feucht. Der Geruch von Fisch und Salz stieg mir in die Nase. Von irgendwo hörte ich das Stampfen einer Pumpe. Wasser plätscherte. Nur wenige Deckenleuchten waren in das Gewölbe eingelassen. Die Decke war so niedrig, dass ich nicht einmal aufrecht gehen konnte. Eine Maschinenpistole auf dem Rücken, die andere schussbereit im Anschlag, schlich ich los.

Ich hatte noch keine fünfzig Meter zurückgelegt, als ein Scharren vor mir aus dem Halbdunkel drang.

Ich blieb stehen, verharrte bewegungslos, während ich in den dunklen Gang hineinlauschte. Endlose Sekunden verstrichen.

Dann hörte ich ein Piepsen, ein eigenartiges Flöten – und eine Ratte kroch vor mir aus dem Schatten, um mich mit leuchtend gelben Augen anzustarren.

Halb verärgert, halb erleichtert stieß ich eine leise Verwünschung aus und setzte meinen Weg fort. Quiekend schoss das Tier davon.

Nach weiteren fünf Minuten, in denen ich durch die feuchte Ungewissheit marschierte, wurde die Beleuchtung im Gang intensiver. Der Weg begann anzusteigen und endete schließlich vor einer schmalen Steintreppe, die steil nach oben führte.

Ich hatte meinen Fuß noch nicht auf die erste Stufe gesetzt, als ich von oben Stimmen hörte.

***

Der gewaltige Sockel, auf dem Miss Liberty seit über hundert Jahren thront, ist in seinem Inneren hohl und bietet einem kleinen Museum Platz, das über den Bau der Statue und ihre bewegte Geschichte informiert.

Aber noch nie war den Bildern, Modellen und Schautafeln so wenig Beachtung geschenkt worden wie in dem Augenblick, als Larry Freuds Männer ihre Geiseln durch die Eingangshalle ins Innere des Sockels trieben.

»So, da wären wir«, tönte der Anführer der Terroristen, dass seine unangenehme Stimme von den hohen Steinwänden zurückhallte. »Machen sie es sich ruhig bequem, Herrschaften. Wenn die Regierung dieser Stadt bezahlt, sollen sie es bei mir gemütlich gehabt haben. Wenn nicht, gönne ich ihnen wenigstens ein komfortables Ende.«

Ein Raunen ging durch die Reihen der Geiseln, die sich zwischen den Vitrinen, Bildern und Schautafeln niederließen. Sheena warf Freud hasserfüllte Blicke zu. Das kleine Mädchen, das ihr auf der Treppe aufgefallen war, drängte sich an sie. Die Mutter der Kleinen war bei der Schießerei verletzt worden. Irgendjemand musste sich um das Mädchen kümmern. Sanft strich Sheena dem Kind über sein rotblondes Haar.

Noch nie in ihrem Leben war Sheena sich so erniedrigt vorgekommen. Sie sah sich um, entdeckte die gleichen Gefühle in den Gesichtern ihrer Mitgefangenen. Der beißende Geruch von Angstschweiß und Urin lag in der Luft und verursachte ihr Übelkeit.

Die Leute sprachen nur wenig miteinander – aus fröhlichen Individuen war eine willenlose Masse geworden, die sich lethargisch den Befehlen ihrer Sklavenhalter fügte.

Angst hatte mit kalten Klauen nach den Herzen der Menschen gegriffen. Jeder wollte nach Hause, wollte diesem Albtraum so schnell wie möglich entkommen.

Niemand wollte sterben …

Sheena hätte in diesem Augenblick viel für einen kurzen Blick in die Zukunft gegeben. Denn das Schlimmste war nicht die Angst, die sie empfand. Furchtbar war die Ungewissheit, ob man den nächsten Tag noch erleben würde.

Vielleicht war der Sonnenaufgang dieses vierten Juli der letzte gewesen, den Sheena in ihrem jungen Leben sehen sollte.

***

Als ich die Stimmen gehört hatte, hatte ich für einen Sekundenbruchteil geglaubt, entdeckt worden zu sein. Ich riss die Uzi hoch, zielte den steilen Treppenschacht hinauf und war in diesem Moment bereit, mein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen.

Dann erkannte ich, dass die Stimmen leiser wurden und die Schritte sich von mir weg bewegten. Ich atmete tief durch, schmeckte das Salz auf meinen Lippen und konnte meinen Pulsschlag hören.

Lautlos stieg ich die Stufen empor, hielt mich so gut es ging im Schatten der Deckenleuchten.

Die Treppe mündete in einen Raum, der mit Wartungs- und Putzgeräten voll gestopft war und von dem mehrere vergitterte Lüftungsschächte nach außen führten. Eine Pumpanlage nahm die Mitte des Raumes ein, die mit hektischem Stampfen und Dröhnen arbeitete.

Ich schlich mich um das unförmige Gerät herum, drückte die Klinke des schweren Stahlschotts und drückte es einen Spalt weit nach draußen.

Die Tür führte auf die Balustrade, die den Innenraum des Sockels in etwa fünf Metern Höhe umlief. Schwarz uniformierte Kerle patrouillierten auf ihr entlang, spähten mit Argusaugen auf die Geiseln herab, die inzwischen im Sockel zusammengetrieben worden waren. Ich reckte den Hals, um Sheena zu suchen, konnte sie aber nirgendwo in der Menge entdecken.

Mein Blick glitt zum Deckengewölbe empor – und da waren sie.

Meine Hoffnungen, das Anbringen der Sprengsätze noch verhindern zu können, zerschlugen sich im Augenblick. Der Kerl, den Freud »Fake« genannt hatte, hatte ganze Arbeit geleistet.

Kleine Pakete von Plastiksprengstoff übersäten das Deckengewölbe. Obwohl ich von meinem Versteck aus nur einen Teil der Sockelhalle einsehen konnte, zählte ich einunddreißig. Manche von ihnen waren mit Bohrern in die Decke versenkt, andere an statisch kritischen Punkten befestigt worden.

Ich zweifelte keinen Augenblick daran, dass Freuds Drohung wahr werden würde, wenn diese Ladungen detonierten: Miss Liberty würde in einem glühenden Feuerball ins Wasser sinken und nie wieder auftauchen.

Die einzelnen Sprengsätze waren mit Zündern verbunden, von denen verschiedenfarbige Kabel wegführten, die sich zu einem verwirrenden Geflecht verbanden. Auf die Gefahr hin entdeckt zu werden, öffnete ich das Schott einen winzigen Spalt weiter.

Das Ganze sah ein wenig wie das Netz einer gigantischen Spinne aus. Alle Sprengsätze waren untereinander verkabelt. Machte jemand sich an einem der Zünder zu schaffen, würde das automatisch die Explosion der anderen zur Folge haben. Eine wahre Höllenmaschinerie.

Die Frage war nur, wie Freud die Sätze selbst zünden wollte. Es war unwahrscheinlich, dass jeder Zünder über einen eigenen Empfänger verfügte. Im Ernstfall hätte es viel zu lange gedauert, jede Ladung einzeln zu zünden.

Es musste eine zentrale Empfangseinheit geben, von der aus alle Zünder gesteuert wurden.

Und wenn ich Freuds Sprengmeister gewesen wäre, hätte ich dieses Ding so gut wie möglich versteckt – an einem Ort, wo keiner es vermutete oder man es gut bewachen konnte …

Fürs Erste hatte ich genug gesehen. Ich zog mich langsam zurück, ließ das schwere Schott lautlos zurück ins Schloss gleiten.

Als ich die schlurfenden Schritte hinter mir hörte, wirbelte ich herum. Ich gewahrte einen Schatten im Augenwinkel und riss abwehrend die Waffe hoch.

Ein gewaltiger Vorschlaghammer sauste auf meinen Kopf herab.

***

Larry Freud war mit der Arbeit seiner Leute sichtlich zufrieden. Er hatte die Sprengladungen inspiziert, die Fake an der Decke des Gewölbes angebracht hatte, und war bester Laune von seiner Inspektion zurückgekehrt.

»Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, dass wir unseren Freunden dort draußen eine kleine Entscheidungshilfe geben«, meinte der Terrorist mit leuchtenden Augen. »Wir wollen doch nicht, dass der Bürgermeister und die anderen unsere Aktion für einen Bluff halten, nicht wahr? Vielleicht wird ihnen das helfen, die 30 Millionen lockerzumachen …«

Freud zog das Handy aus seiner Beintasche und tippte die Nummer. Vielleicht würde wieder Agent Decker am anderen Ende sein. Der Terrorist hatte das Gespräch mit ihm als äußerst stimulierend empfunden – und war gespannt, was Decker sagen würde, wenn er ihn aufforderte, ein Fernsehteam auf die Insel zu schicken

***

Das schwere Ende des Hammers ging mit vernichtender Wucht nieder. Ich parierte den Schlag, so gut ich konnte, mit der MPi. Kraftvoll wurde die Waffe mir aus den Händen gerissen, schlitterte über den Boden.

Erst jetzt hatte ich Zeit mir den Typen anzusehen, der das Ende des Hammers bediente.

Es war einer von Freuds Kumpanen, natürlich – aber ein äußerst kräftiges Exemplar. Der Mann hatte seine Kapuze abgezogen und starrte mich mit gefletschten Zähnen an. Wahre Muskelberge zeichneten sich unter seinem eng anliegenden Overall ab. Der Kerl trug keine Waffe – wozu auch, er war eine! In seinen fleischigen Pranken wurde alles zum Mordinstrument …

Wieder sauste das schwere Werkzeug herab und durchpflügte die Luft. Diesmal reagierte ich schneller. Ich wich dem Hieb aus, tauchte unter dem Riesen weg und war hinter ihm, noch ehe er sich umdrehen konnte. Die Maschinenpistole, die ich auf dem Rücken trug, wollte ich nur im Notfall einsetzen – ihr Krachen hätte mir im nu Freuds Schergen auf den Hals gehetzt.

So griff ich mir einen Spaten, der irgendwo herumlag und parierte die wütenden Hiebe des Riesen, der wankend auf mich zukam.

Jetzt ließ er den Hammer wie einen Rotor über seinem kahlen Haupt kreisen, schlug die Luft um sich herum zu Brei. Leichtfüßig tauchte ich unter den schwerfälligen Attacken weg, versetzte dem Kerl einige kräftige Stöße in die Magengrube. Ich wich einem weiteren wütenden Hieb aus, dann setzte ich meinen Spaten als Hebel ein. Ich schob dem Riesen den Schaft des Werkzeugs zwischen die Beine und zerrte mit aller Kraft daran.

Der Kerl geriet ins Wanken. Mit aller Kraft warf ich mich gegen ihn. Der Mann verlor das Gleichgewicht, torkelte ein paar Schritte zurück, direkt auf den Treppengang zu, der in steilen Stufen in die Tiefe führte

Noch einmal holte der Hüne zum Angriff aus – und noch einmal stieß ich zu. Der halb erhobene Hammer wurde zum tödlichen Ballast. Mein Gegner tat noch einen Schritt nach hinten, als seine Stiefel ins Leere traten.

Ein Japsen entrang sich der Brust des Riesen, als er nach hinten kippte. Für einen Sekundenbruchteil schien er in der Luft stehen bleiben zu wollen, dann zogen sein Körpergewicht und das seiner gewaltigen Waffe ihn mit aller Macht in die Tiefe. Mit einem heiseren Schrei stürzte der Killer die Treppen hinab. Noch bevor er den ersten Absatz erreicht hatte, war sein Genick gebrochen.

Ich stürmte hinterher. Der Fleischkloß hatte eine Munitionstasche um den Hals getragen, die ich unbedingt haben wollte.

Am Fuß der schier endlos in die Tiefe führenden Treppe blieb der Leichnam des Schwarzen in grotesker Verrenkung liegen.

Mit wenigen Schritten war ich bei ihm und zerrte ihm in aller Eile den Beutel herab. Vielleicht hatte jemand das Poltern gehört. Jeden Moment konnte einer von Freuds Killern auftauchen …

Kaum hielt ich die Tasche in den Händen, zog ich mich vorsichtig wieder in den Versorgungstunnel zurück, durch den ich gekommen war.

Unter einer der Deckenleuchten legte ich eine Pause ein. Ich kippte den Inhalt der Tasche vor mir auf den Boden, überprüfte, was ich da erbeutet hatte.

Da waren drei volle Magazine für meine MPi, ein paar Streifen Kaugummi – und ein Funkgerät.

Ein Funkgerät!

Trotz meiner Angespanntheit huschte ein Lächeln über meine Züge.

Das Spiel ging weiter – und ich war nicht mehr allein.

***

Erzürnt drückte Phil Decker die Unterbrechungstaste und reichte das Handy an den Police Officer zurück.

Was, zum Henker, bildete dieser Freud sich ein?

»Schlechte Nachrichten, Sir?«, erkundigte sich Lieutenant McKenzie mit hoch gezogenen Augenbrauen.

»Das ist gar kein Ausdruck«, erwiderte Phil. »Freud will, dass wir ihm ein verdammtes Fernsehteam auf die Insel schicken.«

»Ein Fernsehteam, Sir?«

»Ja. Will uns wohl zeigen, wie viel Sprengstoff er in die Innereien von Miss Liberty gepackt hat. Ich nehme an, das soll dem Bürgermeister helfen, seinen Geldbeutel zu öffnen.«

»Sir?« Der Lieutenant machte ein verständnisloses Gesicht.

»Schon gut«, meinte Phil – Jerry hätte ihn verstanden. »Sehen Sie zu, dass Sie eine dieser Quasseltanten an die Strippe kriegen. Wenn ich nicht irre, ist ein Ü-Wagen von Kanal Fünf in der Nähe.«

»Vier«, verbesserte McKenzie.

»Wie auch immer. Diese Reporterin wird ganz heiß auf die Story sein. Vielleicht kriegt sie jetzt ja doch noch ihren Pulitzerpreis. Aber bläuen Sie diesen sensationslüsternen Wichtigtuern ein, dass sie sich genau an Freuds Anweisungen halten und keinen Blödsinn machen sollen. Der ist dazu imstande und …«

Vom Kommunikationswagen scholl wieder das schrille Organ des jungen Funkoffiziers herüber.

»Was ist?«

»Ich empfange einen anonymen Funkspruch. Der Mann will unbedingt mit Ihnen reden.«

»Kippen Sie den Spinner aus der Leitung«, meinte Phil. »Im Hauptquartier werden täglich solche Funksprüche abgesetzt. In New York wimmelt es von selbsternannten Cops, die uns bei unserer Arbeit zur Hand gehen wollen.«

»Sir …« Der Funker zögerte. »Ich glaube, das hier ist etwas anderes. Der Spruch kam über 09.«

»Was?« Phil schoss wie ein geölter Blitz auf den Funkwagen zu und nahm das Sprechgerät, das der junge Offizier ihm entgegenhielt. 09 war eine Geheimfrequenz, die nur im äußersten Notfall benutzt werden durfte und nur ausgesuchten Leuten bekannt war …

»Decker hier«, sagte Phil heiser.

»Hallo, Alter – ich hoffe, du kannst dich noch an mich erinnern.«

***

»Mensch, Jerry!«

Phils Stimme hallte aus dem kleinen Lautsprecher, dass es weithin zu hören war. Ich hatte den Tunnel verlassen, um besser senden zu können. Es war nicht einfach gewesen, die Null-Neun-Frequenz auf diesem Gerät einzustellen.

»Verdammt noch mal, wo steckst du?«, schepperte die Stimme meines Freundes mir entgegen. »Ich habe dich schon überall gesucht. Du musst sofort kommen, Jerry. Hier ist echt der Teufel los.«

»Ich weiß, Kumpel«, sagte ich ruhig, »und es wäre schön, wenn du etwas leiser sprechen könntest.«

»Wieso?«, trötete es. »Wieso?«, kam es flüsternd noch einmal.

»Weil ich nämlich knietief in der Scheiße stehe, deswegen.«

»Was ist los?«

»Hör zu, Phil, ich habe nicht viel Zeit. Ich kann jeden Moment entdeckt werden. Ich bin auf Liberty Island.«

»Du bist … Mann, Jerry!«

»Ich war hier, um Sheena die Freiheitsstatue zu zeigen, als Freud und seine Gorillas anrückten. Diese Kerle verstehen keinen Spaß.«

»Brauchst du mir nicht zu sagen. Mann, Jerry – ist das ein Zufall!«

Ich nickte. »Manchmal hält das Leben ganz hübsche Überraschungen für uns bereit.«

»Bist du in Sicherheit?«

»Im Augenblick ja. Ich konnte mich befreien und halte mich vorerst versteckt. Hab vier von den Kerlen erledigt.«

»Halt durch, Kumpel«, versuchte Phil mir zuzureden, »die Kavallerie rückt bald an.«

»Auf keinen Fall«, wehrte ich ab. »Freud hat das gesamte Fundament der Statue vermint. Eine Dummheit und hier fliegt alles in die Luft.«

Phil fluchte los wie ein Seemann auf Landgang.

»Ich habe die Sprengsätze gesehen«, sagte ich, »und es sind verdammt viele. Schätze, dass es so etwas wie einen Hauptzünder gibt, der das Zündsignal im Ernstfall weiterleitet. Ich werde versuchen, da dran zu kommen. Wie's dann weitergehen soll, weiß ich auch noch nicht.«

»Ich lass jemanden von der Sprengstoffabteilung kommen«, erriet Phil meine Gedanken.

»Tu das. Wenn ich den Empfänger wirklich finde, werdet ihr mir über Funk sagen müssen, wie ich das verdammte Ding entschärfen soll.«

»Über Funk … das wird verdammt schwierig.«

»Weiß ich. Es wäre gut, wenn ich euch ein paar Bilder schicken könnte, nicht wahr? Alles zu beschreiben, wird zu viel Zeit kosten.«

»Stimmt.« Phil schwieg einen Augenblick lang. Dann meldete er sich plötzlich wieder. »Aber – Moment mal! Wir haben doch jemanden, der Bilder machen kann! Sogar mit Freuds persönlicher Erlaubnis …«

***

Obwohl sie von Natur aus mit mehr Mut ausgestattet war als die meisten ihrer männlichen Kollegen, hatte Lisa Neris doch ein flaues Gefühl im Magen, als Vince den kleinen Außenborder anwarf und das winzige Schlauchboot zur Insel hinübersteuerte.

Die Reporterin vom Kanal 4 konnte sich mühelos hundert Orte vorstellen, an denen sie lieber gewesen wäre als ausgerechnet an diesem. Aber eine Chance wie diese bot sich ihr im Leben nur einmal!

Dieser Agent Decker hatte ihnen angeboten, exklusiv und als einziges Fernsehteam von New York City Larry Freuds Einladung zu folgen und nach Liberty Island überzusetzen, um der Nation ein Bild von der Lage zu vermitteln. Dafür hatten sie sich bereiterklären müssen, ihre Aufnahmen zunächst der Auswertung durch die Polizei zur Verfügung zu stellen. Der Geier wusste, was die Bullen damit anfangen wollten …

Wichtig war nur, dass Lisa und Vince unterwegs zum spektakulärsten Interview ihrer Karriere waren. Ein Bericht wie dieser bedeutete den Durchbruch, war das Sprungbrett zu einer der großen Fernsehanstalten

Die Insel kam in Sicht. Immer höher ragte die metallene Lady in den blauen Nachmittagshimmel. Auf der kleinen Balustrade, die die Fackel der Statue umgab, entdeckte Lisa einen schwarz vermummten Mann. Er war bewaffnet.

Das Ziehen in ihrem Magen verstärkte sich.

Vince hielt auf den schmalen Landungssteg zu, an dem das Ausflugsboot vertäut war, das die ahnungslosen Touristen zur Insel gebracht hatte. Daneben lagen die beiden Speedboote der Terroristen.

Zwei Kerle erschienen, die schwarze Overalls und Masken trugen und Maschinenpistolen umhängen hatten. Einer von ihnen warf Lisa eine Leine zu.

Die junge Reporterin fing sie auf und verknotete sie mit der Öse. Der Motor des Schlauchboots stotterte und erstarb schließlich ganz, als Vince das kleine Gefährt über die schaukelnden Wellen zum Pier steuerte.

Sie waren am Ziel.

»Aussteigen«, befahl einer der Vermummten barsch, »der Boss will euch sehen.«

Die beiden Reporter vom Channel 4 entstiegen dem kleinen Boot und wurden gründlich nach Waffen durchsucht. Lisa entging nicht, dass der schwarz gekleidete Bursche sich bei ihr besonders viel Zeit mit der Durchsuchung ließ. Unter anderen Umständen, an einem anderen Ort, hätte sie dem Schwein eine geklebt. Mit Blick auf die schussbereite Maschinenpistole, die der Kumpan des Kerls auf sie gerichtet hielt, fiel es ihr nicht schwer, der Versuchung zu widerstehen.

Vince nahm seine Kamera aus dem Transportkoffer, packte sich das klobige Gerät auf die Schulter und führte einen kurzen Check durch. Lisa ordnete ihre Haare. Beim besten Interview ihrer Karriere wollte sie nicht wie eine Vogelscheuche aussehen.

Die Schwarzen bedeuteten ihnen, den Weg zur Statue voranzugehen. Mit zitternden Knien machten sie sich auf den Weg.

***

Ich konnte sie sehen, alle beide.

Den Kameramann, einen sonnengebräunten jungen Mann, schätzte ich auf Mitte zwanzig, die Reporterin mit ihren kurz geschnittenen Haaren mochte an die dreißig sein.

Wahrscheinlich witterten die beiden in dem Bericht von der Geiselnahme die Story ihres Lebens. Ich zweifelte nicht daran, dass sie eine packende Reportage zustande bringen würden.

Die Frage war vielmehr, ob Phil mit den Aufnahmen hinterher auch etwas anfangen konnte …

Ich war nach meinem Gespräch mit Phil wieder durch den Tunnel gekrochen und hatte wieder mein Guckloch in der Pumpstation besetzt. Alle paar Minuten musste ich das Metallschott schließen, weil einer der Wachtposten draußen an der Balustrade vorüberpatrouillierte …

Jetzt wurden die Fernsehleute zu Freud vorgelassen. Die rot glühende Lampe am Aufnahmegerät signalisierte, dass der Kameramann bereits filmte.

Freud legte sich mächtig ins Zeug und setzte sein Sonntagslächeln auf. Er hielt eine überschwängliche Rede, während der er immer wieder das kleine Kästchen mit dem roten Knopf vors Objektiv hielt. Wenn das Geld nicht bis Sonnenuntergang da war, würde er abdrücken.

Er wiederholte es immer wieder.

Es fiel mir auf, wie der junge Kameramann immer wieder am Objektiv drehte. Wahrscheinlich veränderte er die Brennweite, um möglichst viel von der Sockelhalle aufs Bild zu bekommen. In Gedanken dankte ich ihm dafür. Phil würde die Bilder auswerten können …

Nun musste der junge Reporter die Geiseln filmen, während seine Kollegin den Gefangenen ein paar Fragen stellen durfte. Freud wollte, dass alle Welt sah, dass sie keine Gnade zu erwarten hatten.

Die armen Touristen reagierten entsprechend. Sie schwiegen oder antworteten nur einsilbig auf die Fragen der Reporterin, eingeschüchtert und immer wieder auf die Mündungen der sie umgebenden Maschinenpistolen starrend. Nackte Angst lag greifbar in der Luft.

Eine junge Frau löste sich plötzlich aus der Menge, schien auf die Fragen der Fernsehleute mehr Antworten zu wissen als die anderen.

Es war Sheena – und irgendwie war sie es nicht.

Die Person, die dort unten stand und mit der Reporterin sprach, war nicht mehr das naive California-Girl, das mich in NYC besucht hatte, sondern eine junge, verantwortungsbewusste Frau. Die Erfahrungen der letzten Stunden hatten Sheena reifen lassen.

Ich konnte sehen, wie die anderen Geiseln hoffnungsvoll zu ihr aufblickten.

Tapferes Mädchen, dachte ich.

Und im selben Moment hörte ich die Stiefeltritte, die plötzlich den Tunnel heraufkamen.

Adrenalin schoss in meine Adern. Wer immer sich dort näherte, würde jeden Augenblick auf die Leiche des dicken Killers stoßen – und dann würde hier der Teufel los sein.

Ich musste verschwinden!

Mein Blick flog in dem Pumpenraum hin und her. Da waren der Durchgang zum Treppentunnel, die monströse Pumpanlage, die vergitterten Lüftungsschächte … nichts, wo man sich hätte verbergen können. Hinaus auf die Balustrade konnte ich auch nicht – Freuds Wachposten hätten mich sofort entdeckt.

Ich packte den Griff meiner Waffe fester. Mich so teuer wie möglich zu verkaufen, mochte zwar heldenhaft sein, aber unter diesen Umständen ziemlich idiotisch.

Irgendwie musste ich mich verdrücken …

Die Schritte wurden lauter, kamen die Treppe herauf – und plötzlich hatte ich eine Idee. Ich sah nach oben und entdeckte den Wirrwarr ineinander verflochtener Rohrleitungen über mir …

***

John D. High ächzte entnervt. Die Knöchel seiner rechten Hand traten weiß hervor, während er den Telefonhörer eisern umschlossen hielt.

»Aber so hören Sie doch, Mister Giuliani! Einer meiner Männer ist auf der Insel. Er arbeitet an dem Problem! Wenn uns der Zufall schon so einen Trumpf in die Hände spielt, können wir ihn doch unmöglich ungenutzt …«

»Ich sagte Ihnen bereits, dass es in dieser Sache keine Optionen gibt, John«, tönte die Stimme des Bürgermeisters ungerührt aus dem Hörer. »Ich bin gezwungen, in dieser Sache Stärke zu zeigen. Unnachgiebige Härte gegenüber diesen kriminellen Subjekten – das ist es, was meine Wähler von mir erwarten.«

»Aber es widerspricht doch allen Gesetzen der Vernunft …«

»Ich kann und werde nicht darauf hoffen, dass einer Ihrer Männer, der zufällig auf der Insel weilt, die Bombe ebenso zufällig entschärft.«

John D. Highs Züge verkrampften sich. »Ich rede nicht von irgendeinem meiner Männer, Bürgermeister. Ich spreche vom besten Mann, der je in meiner Abteilung gearbeitet hat. Wenn er es nicht schafft, Freud unschädlich zu machen, schaffen Ihre Green Berets es auch nicht.«

»Nun – wir werden ja sehen. Die Maschine von Colonel Sands ist vor einer Stunde gestartet. Sie wird noch vor achtzehn Uhr hier erwartet.«

Ein leeres Tuten in der Leitung zeugte davon, dass Guiliani aufgelegt hatte. John D. High tat es ihm gleich – und hoffte nur, dass Jerry etwas einfiel …

***

Sekunden bevor der Mann aus der Öffnung des Tunnelschachtes auftauchte, spannte ich meine Muskeln und zog mich zu den Rohren hinauf, die den Raum ein gutes Stück unterhalb des Deckengewölbes durchkreuzten. Das heiße Wasser, das darin floss, verbrannte meine Handflächen, aber darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen.

Das verrostete Eisen protestierte quietschend, als ich mich auf einem Röhrenbündel niederließ. Meine Hoffnung war, dass der Kerl nicht als erstes nach oben sehen würde …

Da war er!

Er trug einen schwarzen Overall und eine Maschinenpistole wie alle anderen von Freuds Bande. Aber trotz der Maske, die er vor dem Gesicht trug, konnte ich sehen, wie nervös der Bursche war. Kein Wunder – schließlich hatte er am Fuß der Treppe gerade den Körper seines toten Kumpans entdeckt. Und höchstwahrscheinlich auch den Posten, der den Eingang des Tunnels bewacht hatte …

Der Schwarze, der in Größe und Statur etwa meine Maße hatte, stürmte in großen Schritten durch den Raum, wollte durch das schwere Metallschott nach draußen stürzen, um Freud von seiner Entdeckung zu berichten.

Dazu durfte es nicht kommen!

Ich war entschlossen, das Überraschungsmoment so lange wie möglich für mich arbeiten zu lassen – und das war nur möglich, wenn Freud vorerst nichts von meiner Anwesenheit erfuhr.

Als der Killer direkt unter mir war, ließ ich mich fallen.

Der Mann stieß ein überraschtes Keuchen aus, als ich ihn von den Beinen riss. Er kam hoch und wollte nach seiner Uzi greifen. Ich holte aus und schlug zu. Der Kolben meiner eigenen Waffe setzte seinen Bemühungen ein jähes Ende.

Schlaff sank der Körper des Terroristen zusammen.

Ich nahm ihm die Waffe ab und machte mich daran, dem Kerl seinen Overall auszuziehen. Dann öffnete ich die kreisrunde Luke des großen Ausgleichszylinders, der seitlich an der monströsen Pumpanlage angebracht war. Der Behälter war völlig leer und dazu groß genug, einen erwachsenen Mann aufzunehmen. Ich hob den Bewusstlosen auf und packte ihn ins Innere des Zylinders.

Jetzt, da er verschwunden war, konnte das Kostümfest beginnen …

***

Phil Decker saß im Halbdunkel des Funkwagens angespannt vor dem kleinen Bildschirm. Vor einer halben Stunde waren die Fernsehleute von Liberty Island zurückgekehrt und hatten ihm ihr Material sofort vorbeigebracht.

Vince, der Kameramann, hatte Phil eine Kopie seiner Aufnahmen überlassen und eine Endlosschleife daraus geschnitten. Immer wieder sah Phil die Geiseln und die Sockelhalle der Statue über die Mattscheibe flimmern, sah die Sprengsätze, die Freud hatte anbringen lassen und wusste, dass sein bester Freund Recht gehabt hatte.

»Es muss eine zentrale Empfangseinheit geben«, kam eine Stimme aus dem hinteren Teil des kleinen Fahrzeugs. Es war Klemm, der Spezialist vom Sprengstoff Department, den Phil herbeordert hatte. »Freud ist kein Dummkopf. Er weiß, dass er im Fall eines Falles nicht so viele Einzelsprengungen vornehmen könnte, ohne vorher ausgeschaltet zu werden. Und er weiß auch, dass weniger Explosionen nicht reichen würden, die Statue vollständig vom Sockel zu reißen. Die alte Dame ist verdammt zäh.«

Phil wirbelte auf seinem Drehstuhl zu Klemm herum. »Sie glauben also, dass es funktionieren würde?«

»Mit diesen Sprengsätzen?« Klemm verzog das Gesicht und betätigte die Fernbedienung des Recorders. Das Bild auf dem Schirm, das eine Totale der Sockelhalle zeigte, fror ein.

»Sogar ganz sicher.« Klemm erhob sich und deutete auf verschiedene Stellen des Bildschirms. »Sehen Sie, Phil? Hier, hier und hier. Freud hat sich ganz genau informiert, wo die statischen Schwachpunkte des Sockels liegen. Manche Sprengsätze sind aufgesetzt, andere versenkt, aber jeder an einer strategisch wirkungsvollen Stelle platziert. Wenn dieses Feuerwerk hochgeht, wird das die letzte Party für Miss Liberty – garantiert.«

Phil seufzte und rieb sich die Stirn. Seine schwache Hoffnung, dass Freud nicht die Kompetenz besaß, einen derartigen Coup durchzuziehen, hatte sich zerschlagen.

Aber sie hatten ja noch ein As im Ärmel – eines, das das Schicksal ihnen unverhofft zugespielt hatte.

Normalerweise wäre mit den wenigen Aufnahmen, die der Kameramann von den Sprengsätzen gemacht hatte, nichts anzufangen gewesen. Wenn man aber einen Agenten auf der Insel hatte, sah die Sache plötzlich ganz anders aus.

»Also wird Jerry ranmüssen«, sagte Phil seufzend.

»Und zwar je eher, desto besser.«

Klemm deutete auf den Digitalchronometer, der in den Recorder eingearbeitet war. Das verdammte Ding zeigte bereits zehn nach vier …

***

Larry Freud hatte das kleine Fernsehgerät aus dem Büro des Rangers holen lassen und es in der Sockelhalle aufgestellt.

Genüsslich an einer Zigarre paffend, lehnte er sich in seinen Sessel zurück, während die Geiseln ihn angsterfüllt anstarrten. Freuds Männer umstanden sie wie eine Mauer. Keiner wagte sich zu rühren – vielleicht mal abgesehen von der Blonden, die den Fernsehtypen ein ganzes Interview gegeben hatte.

Diese Frau – ihr Dialekt hatte sie als Kalifornierin verraten – hatte Freuds Aufmerksamkeit erregt. Nicht nur, weil sie Mut bewiesen hatte, als alle anderen sich in die Hosen gemacht hatten, sondern auch, weil sie verdammt gut aussah.

Vielleicht würde er sich zu gegebener Zeit mit ihr beschäftigen. Die Zeit arbeitete schließlich für ihn.

Grinsend konzentrierte Freud sich wieder auf das, was sich auf der Mattscheibe abspielte. Ein aufrechter Sheriff nietete gerade einen bösen Jungen mit schwarzem Hut über den Haufen – nur gut, dass das echte Leben nicht so verlief.

»Achtung!«, platzte jetzt ein Sprecher mitten in den Western. »Wir unterbrechen unser Programm für einen aktuellen Bericht. Um 12.00 pm Ostküstenzeit hat eine Gruppe von Terroristen Liberty Island gestürmt und eine Anzahl Touristen als Geiseln genommen. Die Geiselnehmer drohen die Geiseln zu töten und Miss Liberty in der Upper Bay zu versenken, wenn sie bis Sonnenuntergang nicht das geforderte Lösegeld erhalten. Unsere Reporterin Lisa Neris war auf der Insel und sprach vor Ort mit Geiselnehmern und Betroffenen. Sehen Sie in wenigen Sekunden auf Channel 4 den erschütterndsten Bericht aller Zeiten …«

Der Sprecher verstummte und eine dümmliche Werbemelodie erklang, zu der leicht bekleidete Mädchen über den Bildschirm hüpften. Freud fluchte. Zwei Schokoriegel und ein Vollwaschmittel später meldete sich der Sprecher zurück. Dann plötzlich war Lisa Neris zu sehen, im Hintergrund die Freiheitsstatue …

»Guten Tag, Ladies und Gentlemen. Ich bin Lisa Neris und melde mich von Liberty Island, wo schockierende Dinge vor sich gehen …«

Freud ließ sie reden. Er kannte die Geschichte – auch wenn er sie weniger schockierend fand.

»Das sind wir!«, rief Freud begeistert aus und rieb sich die Hände, als er sich und seine Mannen auf dem Bildschirm erblickte.

Es machte ihm Spaß, sich im Fernsehen zu sehen.

***

Von dem Augenblick, in dem ich das Metallschott öffnete und vom Pumpenraum auf die Balustrade hinaustrat, hing alles ab.

Würden die Wächter mich als einen der ihren anerkennen, oder würden sie – woran auch immer – erkennen, dass ich nicht der war, der in diese Klamotten gehörte und dessen Name auf dem kleinen Schildchen stand?

Der Overall des Terroristen passte mir leidlich, seine Stiefel waren für meinen Geschmack zu eng. Ich hielt den Atem an, als ich den Pumpenraum verließ.

Die Patrouille kam auf mich zu und ich widerstand dem reflexhaften Verlangen, nach der Uzi zu greifen.

»Hallo, Bend«, sagte einer der beiden Vermummten, »schon wieder zurück? War wohl falscher Alarm, was?«

»Ja«, brummte ich mürrisch, »immer das Gleiche. Bin froh, wenn der ganze Mist vorüber ist …«

Ich unterbrach mich. Hatte ich schon zu viel gesagt? Hatte meine Stimme mich verraten?

Der Umstand, dass durch den Stoff der Sturmhauben jede Stimme seltsam klang, kam mir zugute. Die beiden schöpften keinen Verdacht.

Der Kleinere der beiden ermahnte mich, Freud nicht meine Meinung mitzuteilen (was ich ohnehin nicht vorhatte), dann ließen sie mich stehen.

Ich schritt bis zum Ende der Balustrade, stieg dann die Stufen der stählernen Wendeltreppe hinab, die in engen Windungen nach unten führte.

Das Metall tönte unter dem Tritt meiner Stiefel. Einige der Geiseln, die in einer Ecke des riesigen Sockelgewölbes kauerten, sahen zu mir auf. Furcht lag in ihren Blicken.

Wie man es von einem vermummten Armleuchter, wie ich einen darzustellen versuchte, erwartete, würdigte ich die Gefangenen keines Blickes – gleichwohl suchte ich Sheena aus dem Augenwinkel heraus und stellte fest, dass es ihr anscheinend soweit ganz gut ging. Sie hatte eine Gruppe Kinder um sich geschart und war dabei, ihnen Märchen zu erzählen.

Ich passierte die Reihen der Wachposten, die die Geiseln mit schussbereiten Waffen in Schach hielten.

Freud saß am anderen Ende der Halle und starrte in einen kleinen Fernseher – wahrscheinlich lief gerade der Bericht über ihn und die Geiselnahme. Wie viele kriminelle Naturen schien auch Larry Freud zum Narzissmus zu neigen …

Nachdem meine Tarnung zu funktionieren schien, wollte ich zunächst mit Phil Kontakt aufnehmen. Dazu musste ich versuchen, den Sockelraum zu verlassen – und zwar so unauffällig wie möglich.

Es erinnerte mich ein wenig an meine Zeit in Quantico. Auf das Tempo kam es an. Man durfte nicht zu schnell gehen, um nicht den Eindruck zu erwecken, etwas ausgefressen zu haben. Wenn man dagegen zu langsam ging, konnte das aufmerksame Vorgesetzte zu dem Schluss verleiten, dass man nicht genug zu tun hatte …

Obwohl ich ständig erwartete, dass irgendwer meinen Namen – oder zumindest den meiner Uniform – rief, geschah nichts.

Ich kam zu dem Schluss, dass Bend innerhalb der Bandenhierarchie einen höheren Posten bekleidete und deshalb nicht einfach angesprochen wurde.

Es erschien mir fast wie ein Wunder, als ich mitten unter den Gangstern hindurch die Sockelhalle verließ und nach draußen marschierte.

Nach der langen Zeit im Halbdunkel der Pumpstation blendete mich das grelle Licht der Nachmittagssonne, obwohl es gegenüber Mittag schon an Intensität abgenommen hatte.

Der glutgelbe Ball machte sich schon daran, dem Festland entgegenzusinken. Bis Sonnenuntergang blieben vielleicht noch zweieinhalb Stunden.

Nicht viel Zeit, wenn man bedachte, welches große Stück Arbeit noch vor uns lag.

Ich griff in die Beintasche und holte das Funkgerät heraus.

***

»Du hast was getan?« Phils Stimme klang ungläubig. »Mann, Jerry, du bist ein Genie! Jetzt kannst du unter diesen Kerlen rumspazieren und …«

»Langsam, langsam«, dämpfte ich den Überschwang meines besten Freundes. »Zuerst muss ich diese Empfangseinheit finden, dann sehen wir weiter.«

»Bestätigt. Klemm ist hier. Er wird versuchen, dich über Funk zu beraten.«

»In Ordnung«, nickte ich. »Sonst noch was?«

»Äh, Jerry …« Ich erkannte schon an Phils Stimme, dass etwas an der Sache faul war.

»Was ist?«

»Du solltest wissen, dass die Kavallerie schon im Anmarsch ist.«

»Was?«

»War nicht zu ändern, Kumpel. Mr. High hat alles versucht.«

»Verstehe«, erwiderte ich. Es blieb keine Zeit für lange Erklärungen. Wenn ein Einsatzteam unterwegs war, blieb vielleicht noch viel weniger Zeit als bis Sonnenuntergang …

»Ich melde mich wieder.«

»Verstanden«, erwiderte Phil. »Und Jerry?«

»Ja?«

»Viel Glück.«

»Danke. Cotton Ende.«

Ich schob das kleine Gerät wieder in die Tasche zurück und gab mir Mühe, die Unruhe niederzukämpfen, die in mir aufstieg. Welcher verdammte Idiot hatte in dieser Situation befohlen, die Insel stürmen zu lassen?

Ich konnte es mir lebhaft vorstellen. Es war vierter Juli, Nationalfeiertag. Das Ansehen des ganzen Landes und so weiter … Ich stieß halblaute Verwünschungen aus.

Dann machte ich mich auf den Weg zurück zur Sockelhalle.

Irgendwo dort drin war die Empfangsanlage für die Zünder versteckt.

Ich musste sie finden.

***

Um 16.25 pm setzte die tarnfarbene Militärmaschine auf der Landebahn der Midway Airforce Base in New Jersey auf. Die Reifen rauchten als sie Kontakt zum Boden bekamen. In rasender Fahrt rollte das Flugzeug die Landebahn entlang, verlangsamte dann allmählich. Schließlich brachte der Pilot es vor einem der Hangars zum Stillstand.

Die Laderampe am Heck der Maschine begann sich kreischend zu senken. Kaum hatte sie den Boden berührt, tauchte ein Mann in der Luke auf, der ein grünes Barett auf dem Kopf trug und dessen Rangabzeichen ihn als Offizier auswiesen.

Colonel Jasper Sands war ein Kämpfer, wie er im Buche stand. Seine harten, charismatischen Züge machten ihn zur Führernatur. Der gefleckte Kampfanzug, in dem sein athletischer Körper steckte, passte wie angegossen.

Sands fischte eine Zigarre aus seiner Brusttasche, steckte sie sich an und ließ seinen Adlerblick über das Gelände des Luftwaffenstützpunkts schweifen.

Drei Jeeps sausten heran, denen zwei Offiziere und ein Adjutant entstiegen, dazu eine ganze Schar von Zivilisten.

Sands verzog das Gesicht. Leute ohne Uniform waren ihm suspekt. Man wusste bei ihnen nie, woran man war …

»Colonel Sands – willkommen an der Ostküste.«

Die Hand des Captain, der die Gruppe anführte, schnellte zur Kopfbedeckung empor.

Sands erwiderte den Gruß zackig.

»Es gibt Arbeit für uns?«, fragte er knapp.

Der Captain nickte. »Ich nehme an, Sie wissen, was auf Sie wartet?«

Sands zuckte mit den Schultern. »Nur das, was man uns in Fort Bragg mitgeteilt hat. Und das war nicht gerade viel.«

»Verstehe, Sir. Wir haben hier zwei Mitarbeiter vom State Department, die Sie einweisen werden. Außerdem werden zwei persönliche Berater vom Bürgermeister zu Ihrer Verfügung stehen.«

Sands spuckte den Stummel seiner Zigarre aus. »Dann an die Arbeit. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Meine Jungs brennen schon darauf, diesem Freud das Fell über die Ohren zu ziehen.«

***

Ich war in die Sockelhalle zurückgekehrt. Noch immer herrschte dort jene deprimierend angstvolle Atmosphäre. Freud saß noch immer vor der Glotze und schien sich köstlich über die Kommentare zu amüsieren, die so genannte Fachleute zur Situation abgaben. Schon wieder sprach man vom »Geiseldrama« – wie ich das hasste. Wer das Elend einer Geiselnahme einmal mitgemacht hatte, nahm so einen Schwachsinn nie wieder in den Mund.

Meine Scheu hatte ich inzwischen abgelegt. Ich bewegte mich völlig ungeniert zwischen meinen »Kollegen«, musterte die Geiseln mit den gleichen scharfen Blicken wie sie – und nahm völlig unbemerkt das Innere der Halle in Augenschein.

Wo mochte Freud den Empfänger versteckt haben? Sicher an einem Ort, an dem man ihn nicht vermutete. Die Kabelstränge, die von den einzelnen Ladungen ausgingen, verbanden sich in der Mitte des gewaltigen Gewölbes zu einem dicken Bündel, das in einem etwa armdicken Loch im Mauerwerk verschwand.

Wo, zum Henker, war das andere Ende der Strippe?

In einem der Versorgungstunnels? In einer der Pumpstationen? Irgendwo an der Außenmauer?

Die Möglichkeiten waren endlos. Alle zu überprüfen, war unmöglich. Liberty Island war eine winzige Insel – aber wenn man nach einem Kästchen suchte, das nicht größer als eine Zigarrenschachtel war, war sie eben doch ziemlich riesig.

Der Kerl, den Freud »Fake« genannt hatte, fiel mir plötzlich ein. Fake war für die Anbringung der Sprengsätze verantwortlich gewesen. Wenn einer mit Sicherheit wusste, wo der Empfänger sich verbarg, dann war es Fake.

Meine Blicke schweiften suchend in der Halle umher, bis sie den untersetzten Sprengmeister in seiner schwarzen Vermummung drüben bei der Treppe entdeckten. Wenn es mir irgendwie gelang, Fake dazu zu bringen, mich zum Empfänger zu führen …

Zielstrebig ging ich auf den Mann im schwarzen Overall zu. Fake besaß keine Waffe und sah seiner Körperhaltung nach ziemlich gelangweilt aus. Soweit es ihn betraf, hatte er seinen Beitrag zu Freuds Coup geleistet. Alles Übrige würden andere besorgen.

»Hey, Fake«, sagte ich, als ich so nahe war, dass nur er mich noch hören konnte.

»Was gibt's, Bend?«

Die Zeit drängte. Ich musste die Information haben. Ich holte tief Luft und setzte alles auf eine Karte.

»Befehl von Freud. Du sollst den Empfänger noch mal überprüfen.«

Ich hielt den Atem an und lauerte, ob eine plötzliche Bewegung, eine Verkrampfung in der Haltung meines gesichtslosen Gegenübers darauf hindeutete, dass Fake Verdacht schöpfte. Aber meine Sorge war unbegründet.

»Verdammt.« Der Terrorist spuckte aus. »Ich hab ihn doch schon ein Dutzend Mal überprüft. Wie oft denn noch?«

»Der Boss will eben ganz sichergehen.«

Fake beugte sich vor, um einen Blick auf Freud zu erheischen, der im Eingangsbereich der Halle vor der Glotze saß und mit bizarrem Grinsen hineinstarrte. Der kleine Impulsgeber zeichnete sich deutlich in der Tasche seines Overalls ab.

»Na schön«, meinte der Sprengmeister achselzuckend, »wenn er's denn unbedingt so haben will …«

Er machte auf dem Absatz kehrt und stieg die stählernen Stufen empor, die zu Miss Libertys Innereien hinaufführten.

Mit unauffälligen Blicken vergewisserte ich mich, dass niemand uns beobachtete. Dann folgte ich Fake in das Halbdunkel, das im Inneren der Statue herrschte.

***

Der Mann im schwarzen Overall, der mit entsicherter Maschinenpistole den hinteren Rand der Insel überprüfte, hieß Dave Warner und arbeitete schon lange mit Larry Freud zusammen.

Warner war seinem Boss treu ergeben und hatte schon so manches Ding mit ihm gedreht. Politiker und Wirtschaftsbosse der verschiedensten Couleur hatten dran glauben müssen – aber mit diesem Coup hatte Freud sich selbst übertroffen. Damit, dass jemand so respektlos sein und am helllichten Tag des vierten Juli die Freiheitsstatue besetzen würde, hatte niemand gerechnet – nicht einmal der FBI.

Larry Freud und seine Bande waren dabei, der mächtigen amerikanischen Nation auf der Nase herumzutanzen. Soweit es Warner betraf, war dieser Coup für ihn eine späte Rache. Er hatte in Illinois zehn Jahre wegen versuchten Mordes verbüßt. Zehn Jahre seines Lebens, die man ihm einfach genommen hatte. Nun würde Amerika dafür bezahlen mit dem Kostbars-ten, das es zu bieten hatte.

Warner beschloss, Freud zuzureden, die verdammte Statue auch dann in die Luft zu sprengen, wenn sie das Lösegeld bekommen hatten. Danach ging es ab nach Hause …

Im nahen Osten fanden sich zahllose Mäzene, die bereit waren, vor der US-Justiz Flüchtigen Asyl zu gewähren. Mit den 30 Millionen würden sie leben wie die Maden im Speck.

Warner träumte schon davon, sich seinen ganz persönlichen Harem anzulegen …

Der Leichnam, über den der schwarz vermummte Terrorist beinahe fiel, riss ihn aus seinen Träumen und brachte ihn brutal in die Realität zurück.

»Pierre! Verdammt, was …« Warner unterbrach sich. Pierre würde ihn nicht mehr hören können. Das große, rote Loch, das in seiner Brust klaffte, sprach Bände.

Warners Pulsschlag beschleunigte sich. Der Lauf seiner Waffe taxierte die Umgebung, sein rechter Zeigefinger krümmte sich schussbereit am Abzug.

Aber da war nichts. Nur der Wind, der die Wellen von Staaten Island he-rübertrieb.

Eine blutige Hand, die aus der Gischt wie ein einsames Mahnmal aufragte, ließ Warner ein zweites Mal nach Luft schnappen.

Der Terrorist hängte sich seine Waffe über den Rücken und machte sich daran, den Leichnam aus der Brandung zu bergen.

Die Wellen hatten den Toten erfasst und mehrmals gegen die Uferfelsen geschmettert. Trotzdem erkannte Warner, dass er Sal vor sich hatte. Ein Feuerstoß aus der Mündung einer Uzi hatte ihn aus nächster Nähe getroffen und seinen Brustkorb zerrissen. Fast sah es so aus, als hätte Sal selbst abgedrückt.

Warner wusste, dass die beiden den Auftrag gehabt hatten, den G-man zu erledigen. Wenn sie jetzt tot waren, konnte das nur bedeuten, dass dieser verdammte Bulle noch lebte.

Die Mundpartie seiner Maske hob und senkte sich, als Warner nach Luft schnappte. Mit vor Zorn zitternden Händen griff er nach seinem Funkgerät.

***

Phil Decker stand am Südrand des Battery Park und empfand wieder jenes Gefühl von Hilflosigkeit, das ihn so rasend machte. Zwar hatte sein Kollege und bester Freund sich inzwischen gemeldet. Aber die Tatsache, dass Jerry auf der Insel allein auf sich gestellt war und es alleine mit diesem Freud aufnehmen musste, während ihm selbst die Hände gebunden waren, stimmte ihn auch nicht gerade fröhlich.

Seit Lisa Neris' Bericht auf Sendung gegangen war, hatte eine Unzahl von Demonstranten sich entlang der Absperrungsmarken versammelt. Das NYPD hatte Verstärkung anfordern müssen, um dem Zorn der Menge Einhalt zu gebieten.

Die Paraden in den Straßen hatten sich aufgelöst. Veteranen, Cheer Girls und Musikanten standen nun Seite an Seite, um gegen Freud und seine Kerle zu demonstrieren. Parolen wurden skandiert, geballte Fäuste hochgereckt. Manche entfalteten Spruchbänder, die sie in aller Ruhe gepinselt hatten und auf denen Sachen wie »Freiheit für die Geiseln« und »2000 Volt für Larry Freud« geschrieben standen.

Phil konnte die Leute ja verstehen – welches Land ließ sich am Gründungstag schon gerne von einem Psychopathen vorführen?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Jerry Cotton Special - Sammelband 2" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen