Logo weiterlesen.de
Die unbekannte Macht - Sammelband 1

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Phantom-Express
  4. Ich – Gefangener der ›Domäne‹
  5. Wir jagten Dr. Ewigkeit
  6. Im Fadenkreuz der Domäne
  7. Die Rückkehr des Dr. Ewigkeit
  8. Mein Feind ohne Gesicht

Phantom-Express

Lewis Cronister war schlechter Laune.

Er hasste es, wenn seine alten Knochen zu schmerzen anfingen – denn das taten sie immer dann, wenn es Regen gab. Und der Regen bedeutete, dass er nass werden würde.

Verdammt nass …

Der Obdachlose hob seine Hände zum Mund und pustete warme Luft hinein, bewegte seine klammen Finger, während er unter dem alten Eisenbahnwaggon kauerte, der ihm nur spärlichen Schutz bieten würde, wenn sich die Schleusen des Himmels öffneten.

Die Nacht war empfindlich kalt, aber Lewis wagte nicht, ein Feuer zu machen. Der alte Rangierbahnhof war ein guter Tipp, weil es hier immer ein Plätzchen gab, wo man Unterschlupf finden konnte. Aber es gab hier auch eine Menge zwielichtiger Gestalten, die bei Einbruch der Dunkelheit aus ihren Löchern krochen …

Cronister war kein Idiot. Er war lange genug auf der Straße, um zu wissen, wie man überlebte. An diesem Abend allerdings vergaß er es für einen tödlichen Augenblick …

Das erste, was der Mann, der in seinem zerlumpten Mantel unter den rostigen Überresten des alten Güterwagens hockte, gewahrte, war ein dunkles, tiefes Rumpeln.

Trotz des billigen Fusels, von dem er eine ganze Flasche in sich hineingekippt hatte, drang das Geräusch durch die benebelten Windungen seines Gehirns sofort an sein Bewusstsein. Es war ein langsames, metallisches Rattern, begleitet vom leichten Beben der Gleise.

Lewis wusste, dass der alte Rangierbahnhof seit Jahren stillgelegt war, und trotzdem hörten sich die Geräusche an, als würde ein Zug einfahren …

Verblüfft lauschte er.

Das Rattern verstärkte sich, jedoch war kein Motorengeräusch zu hören. Cronister bekam eine Gänsehaut. Was ging da draußen vor sich?

Bäuchlings robbte er ein Stück unter dem Waggon hervor, schob sich über das Schotterbett des alten Gleises. Draußen war es stockdunkel, und er konnte so gut wie nichts erkennen – abgesehen von den alten Waggons, die wie Geisterburgen im Dunkel aufragten, beschienen von fahlem, spärlichen Mondlicht. Dahinter die gedrungenen Gebäude des alten Rangierbahnhofs, die uralten Wassertürme und die rostigen Masten der Hochspannungsleitungen.

Seit Ewigkeiten war hier kein Zug mehr verkehrt. Doch Cronister konnte sich erinnern, als Junge den Zügen beim Rangieren zugesehen zu haben. In den letzten vierzig Jahren war das Gelände am Rand von Pasadena mehr und mehr verwaist. Grundstücksspekulanten und Baulöwen hatten sich dafür interessiert, hatten geplant, den Bahnhof abzureißen und eine Ferienanlage mit Golfplätzen zu errichten, um den reichen Säcken, die in den Pasadena Hills wohnten, das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Aber zum Glück für die vielen Obdachlosen, die hier hausten, hatte sich bislang keiner der Konkurrenten durchsetzen können. Und nun hatte es fast den Anschein, als habe der Bahnhof seine alte Funktion wieder aufgenommen …

Cronister verengte die Augen zu schmalen Schlitzen, um in der Dunkelheit besser sehen zu können. Das Geräusch hatte sich verstärkt, schien sich ihm auch zu nähern.

Seiner Schätzung nach musste es kurz nach Mitternacht sein. Er hatte diesmal ungewöhnlich lange gebraucht, um sich sein Abendessen aus den Mülltonnen der Vorstadt zusammenzusuchen. Danach waren noch irgendwelche dämlichen Jugendlichen gekommen, die den Einkaufswagen, in dem er seine Habe mit sich herum transportierte, umgestürzt hatten, so dass er alles wieder hatte einsammeln müssen. Und schließlich hatten auch noch seine Knochen zu schmerzen begonnen.

Ein mieser Tag …

Lewis Cronister sog scharf die Luft ein, als er plötzlich etwas auszumachen glaubte – einen dunklen Schemen, der sich langsam aus der Schwärze der Nacht löste.

Das Ding war riesig, schien geradewegs aus der Finsternis zu kommen. Es war ein Zug. Außer dem Rattern, dass seine Räder auf den Gleisen erzeugten, verursachte er kaum Geräusche. Immer deutlicher schälten sich seine Umrisse aus der wabernden Schwärze.

Lewis hielt den Atem an.

Es war ein Eisenbahnzug, daran bestand kein Zweifel. Aber keiner von der Sorte, wie er sie kannte.

Das Ding war schwarz. So schwarz wie die Nacht.

Der Triebwagen war stromlinienförmig gebaut und sah aus wie ein verdammtes Flugzeug, dahinter hingen einige Waggons. Der Zug besaß keine Fenster, kein Licht drang von den Waggons nach draußen. Im Gegenteil schien das Ding irgendwie gepanzert zu sein, sah aus wie einer der verdammten Tanks, die Cronister in Vietnam gefahren hatte.

Fasziniert beobachtete der Obdachlose, wie der Zug in den Bahnhof einfuhr und nur wenige Meter von ihm entfernt eines der eigentlich stillgelegten Gleise passierte. Das Ding sah weniger aus wie ein Zug, sondern mehr wie eine riesige, gepanzerte Raupe, die sich mit lautloser Langsamkeit über die Schienen schleppte.

Ein Geisterzug, schoss es Cronister durch den Kopf.

Der Zug verlangsamte seine Fahrt.

Bremsen pfiffen schrill, und mit metallischem Knirschen kam der Zug zum Stillstand.

Cronister zuckte zurück, hielt den Atem an.

Was wollten die hier? Ausgerechnet hier?

Er lag keine zehn Yards von den Schienen entfernt, konnte alles genau sehen: Den aerodynamischen Triebwagen, die bulligen Waggons mit der glatten Außenhülle. Die dunkle Farbe des Zuges schien das ohnehin spärliche Mondlicht förmlich zu verschlucken.

Cronister wusste nicht wieso, aber der Anblick dieses Zuges ließ ihn schaudern. Vielleicht lag es nur an der Wirkung des Alkohols, den er in sich hineingeschüttet hatte, um sich vor der Kälte der Nacht zu schützen. Aber er hatte das Gefühl, dass etwas Unheimliches, Bedrohliches von dem gepanzerten Gefährt ausging. Etwas, das er besser nicht kennen lernen wollte.

Gerade wollte sich der Wermutbruder über die kalten Schottersteine zurückschieben in den Schutz seines Verstecks, als sich mit metallischem Klang eine der Waggontüren öffnete. Zischend entwich weißer Dampf, und eines der stählernen Schotts schwang auf.

Lewis blickte auf – und einen gefährlichen Augenblick lang gewann die Neugier in ihm Oberhand. Er wollte nur einen kurzen Blick riskieren, wollte nur sehen, wer die Herren dieses eigentümlichen Gefährts waren, nichts weiter. Dann würde er sofort verschwinden und …

Er unterbrach seinen Gedankengang, als eine dunkle Gestalt in der Öffnung erschien, die ebenso pechschwarz war wie der Zug selbst. Mit einem Satz sprang sie heraus auf den knirschenden Schotter, blickte sich wachsam um.

Lewis wurde auf einen Schlag stocknüchtern.

Der Fremde trug eine Art Kampfanzug, dazu schwere Stiefel und Splitterschutz. Auf seinem Kopf thronte ein unförmiges Gebilde von einem Helm, dessen Visier geschlossen war. Am erschreckendsten aber war die Waffe, die der Kerl in Händen hielt, eine Maschinenpistole vom Typ 400 mit Schalldämpfer.

Lewis spuckte aus.

Er kannte sich mit Waffen von seiner Militärzeit her aus. Und er wusste, dass schallgedämpfte Maschinenpistolen nicht zur Standardausrüstung von Bahnbediensteten gehörten. Wer immer dieser Kerl war, er führte übles im Schilde.

Der Kerl blickte sich um, spähte hinaus in die Finsternis. Lewis verharrte reglos, unfähig, sich zu bewegen. Furcht lähmte seine Glieder, von der Kälte, die seinen Knochen zusetzte, ganz zu schweigen.

Der bewaffnete Kerl blieb nicht lange allein.

Ein zweiter und ein dritter folgten ihm. Sie trugen ebenfalls Helme und hatten Maschinenpistolen.

Sie verständigten sich mit Handzeichen. Dann machten sie sich daran, den Zug abzuschreiten, ihre Waffen dabei schussbereit in den Fäusten.

»Verdammt«, hauchte Cronister halb laut, als er sah, dass sich einer der Kerle genau auf ihn zu bewegte. »Verdammt, verdammt, verdammt …«

Zurück in sein Versteck konnte er nicht mehr. Die Gefahr, dass der Schotter dabei klackernde Geräusche verursachte und ihn verriet, war zu groß.

Alles, was Lewis tun konnte, war, die Luft anzuhalten und reglos zu verharren, nicht den geringsten Laut von sich zu geben und darauf zu hoffen, dass ihn der Kerl mit der MPi nicht entdeckte. So hatten sie damals auch in den Büschen gehockt, wenn Vietcong-Patrouillen den Dschungel durchkämmt hatten …

Cronister merkte, wie seine Hände leicht zitterten, während er bäuchlings auf dem Schotter lag. Sein Pulsschlag beschleunigte sich, und trotz der Kälte traten ihm Schweißperlen auf die Stirn, während er hinaus ins Halbdunkel starrte und darauf hoffte, dass ihn die Kerle nicht entdecken würden.

Ein seltsames Gefühl erfüllte ihn, das er lange Zeit nicht mehr gehabt hatte – und plötzlich war er nicht mehr Lewis Cronister, der Penner, der auf dem alten Rangierbahnhof von Pasadena ein trauriges Dasein fristete, sondern P.F.C. Cronister, der kleine Schütze Arsch, der in einem Sumpfloch kauerte und betete, dass die verfluchten Vietcong ihn nicht entdeckten.

Blutegel waren unter seine durchnässte Uniform gekrochen und hatten sich an seiner Haut fest gesogen. Sein Atem ging stoßweise, und er zitterte am ganzen Körper, wollte nur nach Hause, zurück nach Pasadena.

Plötzlich ein Rascheln, unmittelbar neben ihm im Gebüsch. Er sog scharf die Luft ein, seine Muskeln verkrampften sich – und im nächsten Moment spürte er etwas Feuchtes, Warmes zwischen seinen Oberschenkeln.

Verdammter Mist …

Die plötzliche Nässe in seiner Hose und der beißende Geruch von Urin rissen ihn aus seinen Gedanken und machten Lewis Cronister klar, dass er sich nicht mehr im Dschungel von Vietnam befand, sondern auf dem Bahnhof von Pasadena. Die Situation war allerdings die gleiche. Und auch die Angst, die er empfand.

Die schwarzen Kerle! Wo waren sie?

Vorsichtig, den Gestank und seine durchnässten Hosen ignorierend, schob sich Cronister ein wenig nach vorn, spähte hinaus auf die Gleise.

Der schwarze Zug war noch da, aber von den drei Bewaffneten fehlte jede Spur.

Wohin waren sie so plötzlich verschwunden?

Waren sie überhaupt wirklich da gewesen, oder hatte er sich alles nur eingebildet?

Die Erinnerung an den verdammten Krieg verfolgte ihn manchmal. Vor allem dann, wenn er zuviel getrunken hatte. Gut möglich, dass er mit offenen Augen geträumt hatte. Es wäre nicht das erste Mal …

Ein verräterisches Klackern des Schotters neben ihm. Nein, er hatte sich nicht geirrt. Die drei vermummten Gestalten waren mehr gewesen als bloße Einbildung. Aus dem Augenwinkel heraus sah er, dass jemand neben ihm stand, und jähes Entsetzen packte ihn.

»Nein«, sagte er leise und schüttelte dabei den Kopf. »Bitte nicht …«

Langsam blickte er an der dunklen Gestalt empor, und durch das Visier seines Helmes starrte der andere auf ihn herab, und Cronister begriff: ein Nachtsichtgerät!

In einer jähen Reaktion warf sich Lewis herum, wollte rasch zurück unter den Waggon fliehen – doch der Vermummte war schneller.

Blitzschnell wie ein Raubvogel stach seine behandschuhte Linke herab und packte den Obdachlosen am Kragen, zog ihn mit unwiderstehlicher Kraft empor.

Cronister wand sich im Griff seines Gegners, setzte sich nach Kräften zur Wehr. Doch seine Schläge waren matt und unpräzise, die schwache Ausbeute eines ausgemergelten, vom Alkohol gezeichneten Körpers.

Plötzlich waren auch die anderen beiden Schwarzgekleideten zur Stelle. Wortlos packten sie Cronister und zerrten ihn auf die Beine, dann warfen sie ihn auf die Knie.

»Scheiße!«, schrie der Obdachlos mit jammernder Stimme. »Was wollt ihr Kerle von mir? Ich hab euch nichts getan, okay?«

Die drei Männer antworteten nicht, verständigten sich nur mit lautlosen Blicken. Dann hoben sie ihre Waffen, legten schweigend auf Cronister an.

»Hey!« Lewis riss erschreckt die Augen auf. »Was soll das? Das könnt ihr nicht machen!«

Die Killer gaben keine Antwort, luden statt dessen ihre MPis ratschend durch.

»Nein!«, schrie Cronister entsetzt. Dann noch einmal, flehend: »Nein! Bitte nicht …!«

Doch die drei vermummten Schützen kannten keine Gnade. Im nächsten Moment spuckten ihre Waffen lautlos Blei.

Cronister kippte nach vorn, blieb reglos auf den Gleisen liegen. Der Schotter unter ihm wurde von seinem Blut gefärbt …

***

Will Cotton war schlechter Laune.

Er hasste es, wenn ein Tag in Los Angeles mit Regen begann. Die Wolken hingen dann tief über der Stadt, verbanden sich mit der Dunstglocke, die über Downtown hing, zu einem tristen, nebligen Mantel, der von der Küste bis hinüber zu den San Gabriel Mountains reichte.

Kein guter Anfang für einen neuen Tag, dachte der junge FBI-Agent missmutig, während er seine schwere Harley Davidson auf den Parkplatz des FBI Field Office am Wilshire Boulevard steuerte. Von wegen it never rains in southern California …

Cotton stellte seine Harley inmitten all der gediegenen Westcoast-Limousinen ab, die hier parken. Sein eigener fahrbarer Untersatz war selbst für kalifornische Verhältnisse ziemlich exotisch. Jedenfalls für einen FBI-Beamten. Aber da Will Cotton auch ein sehr ungewöhnlicher G-man war, passte die Maschine zu ihm wie der Deckel auf den Topf.

Trotz des Regens trug Will seine Sonnebrille, und er nahm sie auch nicht ab, als er die Eingangskontrolle des FBI-Büros passierte. Im Laufe der Zeit war sie ebenso zu seinem Markenzeichen geworden wie die Cowboystiefel und die abgewetzte Lederjacke, die er trug. Wäre Will nicht so ein verdammt guter G-man gewesen, hätte man ihn wahrscheinlich längst nach Alaska versetzt oder ganz aus dem FBI geworfen. So aber hatte SAC Steel, sein leitender Vorgesetzter, noch immer eine Möglichkeit gefunden, Cottons unmögliches Äußeres gegenüber den gestrengen Kommissaren der FBI-Aufsicht zu verteidigen. »Mein Mann macht eben viele Undercover-Jobs«, behauptete Steel dann. »In diesem Aufzug fällt er in der Szene, in der er ermitteln muss, nicht auf …«

»Hallo, Cotton. Auch schon da?«

Seine Partnerin Donna Sullivan kam ihm auf dem Gang entgegen, perfekt gestylt wie immer. Unter anderen Umständen hätte Will das Girl mit dem hübschen Gesicht, dem langen Haar und der sportlichen Figur sicher anziehend gefunden. In Donnas Fall war das jedoch etwas anderes.

Sie war eine zuverlässige Partnerin, aber auch eine schreckliche Nervensäge. Und das Ritual verlangte, dass sich beide ständig stichelten.

»Klar bin ich schon da, Sullivan«, gab Will grinsend zurück. »Obwohl ich die sexy Blonde eigentlich noch gar nicht nach Hause schicken wollte.«

Donna machte ein Gesicht, als wäre der probiotische Drink, den sie am Morgen zu sich genommen hatten, sauer gewesen. Sie mochte es nicht, wenn Will von seinen nächtlichen Eroberungen berichtete – ob sie nun wahr waren oder erfunden –, und das wusste er nur zu genau.

»SAC Steel erwartet uns in seinem Büro«, wechselte sie sofort das Thema und wurde dienstlich.

»Alles klar. Werde mir nur schnell einen Becher Kaffee besorgen und dann …«

»Sofort, Cotton.«

»Na schön.« Will zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Werd ich meinen Kaffee eben später trinken.«

Er folgte seiner Partnerin den Flur entlang zum Aufzug. Wenig später betraten sie das Büro ihres Vorgesetzten.

SAC Steel war ein energisch wirkender Mann Mitte vierzig, in dessen dunkle Haut sich immer dann tiefe Sorgenfalten gruben, wenn ihm ein neuer Fall besonders zu schaffen machte.

So wie an diesem Morgen …

»Setzen Sie sich«, forderte Steel Cotton und Donna auf, ohne auch nur ein Wort über Wills Zuspätkommen oder seinen wieder mal unmöglichen Aufzug zu verlieren. Das konnte Wills Erfahrung nach nur bedeuten, dass etwas wirklich Ernstes vorgefallen war.

»Am frühen Morgen«, kam SAC Steel ohne Umschweife auf den Punkt, »wurde am alten Rangierbahnhof von Pasadena die Leiche eines Obdachlosen aufgefunden. Der Mann wurde durch mehrere Kopfschüsse getötet.«

Steel griff nach einer Aktenmappe, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag, öffnete sie und händigte Will und Donna die Fotos aus, die darin gewesen waren. Sie zeigten einen etwa fünfzigjährigen Mann in zerlumpter Kleidung, der in grotesker Verrenkung auf dem Schotter eines Eisenbahngleises lag.

»Diese Aufnahmen«, erläuterte Steel, »wurden heute Morgen von der Spurensicherung des zuständigen Homicide Squad gemacht. Ein anderer Obdachloser hat die Polizei alarmiert, nachdem er die Leiche am frühen Morgen entdeckt hatte.«

»Aha.« Will hob die Brauen. »Und was hat der FBI mit dieser Sache zu tun? Ich meine, bei allem Respekt, Sir – aber für Fälle wie diesen sind die Mordkommissionen der City Police zuständig, oder nicht?«

»Normalerweise würde ich Ihnen Recht geben, Cotton. In diesem besonderen Fall werden wir jedoch eine Ausnahme machen. Es ist nämlich leider so, dass es beim LAPD offenbar eine undichte Stelle gibt. Die Presse war noch vor den Cops am Tatort. Die Reporter haben gleich eine Story gewittert und zu recherchieren begonnen – und sie haben einen Volltreffer gelandet.«

»Tatsächlich?« Donna sandte ihrem Vorgesetzten einen fragenden Blick. »Inwiefern?«

»Der Name des Ermordeten ist Lewis Cronister. Ein Veteran des Vietnam-Kriegs, der seinerzeit das Purple Heart erhalten hat.«

»Shit«, sagte Donna entgegen ihrer guten Erziehung. »Das ist schlecht.«

»Was?« Cotton begriff nicht. »Wieso ist das schlecht?«

»Ehrlich, Cotton – lebst du hinterm Mond? Demnächst stehen die Gouverneurswahlen an. Und es macht keinen sehr guten Eindruck, wenn einstige Nationalhelden ermordet auf Rangierbahnhöfen aufgefunden werden. Noch dazu obdachlose Nationalhelden. Wie steht man denn da, wenn die Helden im eigenen Land nicht mal mehr eine Wohnung kriegen und dann auch noch abgeknallt werden.«

»Sie treffen den Nagel wie immer auf den Kopf, Agent Sullivan«, lobte SAC Steel.

»Moment mal!« Will schaute von einem zum anderen. »Ist das euer Ernst? Ich meine, lassen wir mal die Tatsache beiseite, dass die Jungs, die in Vietnam ihren Arsch riskiert haben, von der Regierung nach Strich und Faden beschissen wurden …«

»Cotton, zügeln Sie Ihre Ausdrucksweise!«, mahnte SAC Steel.

Doch unbeirrt fuhr Will Cotton fort: »Vater Staat hat sich ganz offenbar nicht um diesen Cronister gekümmert, als er noch am Leben war. Aber jetzt, wo er tot ist, ist man plötzlich um Aufklärung bemüht?«

»Eine politische Entscheidung«, sagte Steel nur – und machte damit deutlich, dass auch ihm die Vorgehensweise in dieser Angelegenheit keineswegs gefiel. »Tatsache ist, wir haben keine Wahl …«

»Wir haben keine Wahl, weil demnächst Wahlen sind«, spottete Will. »Das ist zu piepen!«

»Der FBI wurde gebeten, die Ermittlungen in diesem Fall zu übernehmen, um der Bevölkerung klarzumachen, dass alles getan wird, um Lewis Cronisters Mörder zu finden und zur Verantwortung zu ziehen. Amerika vergisst seine Helden nicht.«

»Ein Hoch auf Uncle Sam!« Will besah sich wieder die Fotos. »Ich fürchte nur, der alte Lewis wird nicht mehr allzu viel davon haben …«

***

Fünf Stunden später standen Will und Donna bei Dr. Kiatu in der gerichtsmedizinischen Abteilung. Der kleinwüchsige Chefpathologe hatte die Obduktion von Cronisters Leichnam abgeschlossen und die beiden zu sich gerufen, um seinen Bericht vorzulegen.

»Also, Doc?« Will ließ sich lässig in den speckigen Besuchersessel fallen, der in Kiatus winzigem Büro stand. »Was gibt’s? Haben Sie was herausgefunden?«

»Das übliche«, erwiderte der Pathologe ungerührt und blätterte in dem Bericht, den seine Sekretärin vom Band getippt hatte. »Todesursache waren drei Schüsse in den Kopf, die allem Anschein nach von mehreren Tatwaffen ausgeführt wurden.«

»Von mehreren Tatwaffen?« Donna hob die Brauen.

»Ja, sehen Sie hier!« Kiatu legte eines jener Fotos vor, die frisch von der Akademie kommende G-men regelmäßig zum Gang auf die Toilette nötigen. »Eine der Kugeln ist im Hinterkopf des Mannes wieder ausgetreten«, erklärte Kiatu in kaltblütigem Plauderton. »Das erklärt das fast faustgroße Loch, das Sie hier auf dem Bild sehen. Der größte Teil der Hirnmasse wurde durch die ausgetretene Kugel weggesprengt und …«

»Reizend«, sagte Donna tonlos. In ihrer hübschen Miene zuckte es.

»Unsere Forensiker haben diese Kugel am Tatort leider nicht gefunden, aber die anderen beiden steckten zum Glück noch im Schädel des Opfers.«

»Ja, zum Glück«, spottete Will.

Kiatu warf einen kleinen Plastikbeutel auf den Tisch, der zwei verformte Metallkörper enthielt.

»Kugel Nummer zwei endete in der Innenseite der Schädeldecke, Kugel Nummer drei hatte sich im Hypothalamus-Lappen festgesetzt.«

»Wo?«, fragte Will stirnrunzelnd.

»Im Hirnstamm, Cotton«, erklärte Donna. »Dort, wo deine niederen Instinkte liegen.«

»Das ist richtig«, bestätigte Kiatu grinsend. »Vielleicht sollten wir Will bei Gelegenheit auch eine Kugel verpassen. Das würde seine Libido ein wenig bremsen.«

Will sandte dem Pathologen einen vernichtenden Blick. »Das ist nicht witzig, Doc«, sagte er. »Meine Libido habe ich gut im Griff!«

»’tschuldigung.« Kiatu räusperte sich, dann fuhr er mit seinen Erläuterungen fort. »Die mikroskopische Untersuchung der Projektile hat ergeben, dass es sich um mindestens zwei, wenn nicht sogar drei verschiedene Tatwaffen gehandelt hat. Die Kugeln haben zwar alle dasselbe Kaliber, wurden jedoch aus unterschiedlichen Läufen abgefeuert. Zumindest diese zwei. Alles deutet also auf eine äußerst kaltblütige Tat hin – eine Exekution, wenn Sie so wollen.«

»Hm«, machte Will. »Nach einem gewöhnlichen Streit unter Wermutbrüdern sieht das nicht aus.«

»Wohl kaum. Eher nach professionellen Killern.«

»Aber wer exekutiert einen Obdachlosen?«, rätselte Donna. »Vielleicht ein Drogensyndikat?«

»Das wäre natürlich denkbar«, räumte Kiatu ein, »wenngleich ich keinen Hinweis auf Drogenkonsum im Blut des Opfers gefunden habe. Nur Alkohol, aber davon eine ganze Menge.«

»Wer sagt’s denn?«, meinte Will mit freudlosem Grinsen. »Ein echter Penner von altem Schrot und Korn. Vor allem Korn.«

»Lass die unangebrachten Witze, Cotton!«, versetzte Donna bitter. »Die Tatwaffen, Doktor – können Sie etwas darüber sagen?«

»Nun – die Projektile, die ich gefunden haben, sind vom Kaliber 9,2. Offenbar wurden sie aus nächster Nähe abgefeuert. Auch vermute ich, dass Schalldämpfer verwendet wurden, woraus ich ableite, dass..«

»Moment mal!«

»Was ist, Cotton?« Donna sah ihren Partner an. »Musst du für kleine Jungs? Du brauchst nicht zu fragen.«

»Quatsch.« Will sprang aus dem Sessel, in dem er gesessen hatte. »Sagten Sie eben Kaliber 9,2, Doc?«

Kiatu warf sicherheitshalber einen Blick in seinen Bericht. »Ja, das sagte ich«, bestätigte er nickend. »Und?«

»Irgendwie kommt mir das bekannt vor«, meinte Will. »Ein wehrloses Opfer, das von Killern hingerichtet wird, und die Waffen sind vom Kaliber 9,2 Millimeter …«

»Du hast Recht!«, rief Donna. »Das hatten wir schon mal, und zwar noch vor nicht allzu langer Zeit.«

»Es war diese La-Brea-Sache«, sagte Will aufgeregt. »In einer der Teergruben war ein Leichnam aufgetaucht – ein anonymer Leichnam, dem sämtliche Identifikationsmerkmale entfernt worden waren.1)

»Warten Sie!« Kiatu erhob sich und trat an einen Schrank, zog eine Schublade heraus und suchte in den dort befindlichen Hängeordnern. Er fand die Mappe, die er gesucht hatte, fischte sie heraus und brachte sie zum Schreibtisch, wo er ihr einige Papiere entnahm. »Akte 065-B2-00. Die Obduktion im La-Brea-Mordfall.«

Der Pathologe überflog den Obduktionsbericht – und plötzlich hellten sich seine Züge auf.

»Sie haben Recht, Will«, sagte er. »Die Mordwaffe im La-Brea-Fall war tatsächlich eine 9,2-Millimeter-Waffe.«

»Schön und gut«, meinte Donna, »aber das bringt uns auch nicht weiter, oder doch?«

»Naja«, meinte Will, »das Kaliber 9,2 ist in unseren Breiten nicht sehr gebräuchlich. Es wurde und wird nur von einer begrenzten Anzahl Schusswaffen verwendet, die hauptsächlich auf dem osteuropäischen und vorderasiatischen Markt zu erhalten sind. Da wären die russische Makarow, die tschechische Skorpion und ein paar weitere Modelle ehemaliger Warschauer-Pakt-Staaten.«

»Alle Achtung«, sagte Dr. Kiatu anerkennend. »Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht.«

»Und was heißt das?«, fragte Donna skeptisch.

»Das heißt, dass wir es möglicherweise mit demselben Killer zu tun haben wie im La-Brea-Mordfall.«

»Nur weil eine ähnliche Tatwaffe verwendet wurde?«

»Nicht nur deshalb. Doc, wären Sie so freundlich, Agent Sullivan vorzulesen, was Sie damals in der Lunge des Opfers entdeckt haben?«

»Natürlich.« Der Pathologe überflog den Bericht, suchte nach der verlangten Stelle, fand sie auch und begann laut vorzutragen. »Aufgrund der Tatsache, dass der Leichnam in Teer konserviert wurde, erscheint eine Untersuchung des Lungeninhalts sinnvoll … wird vorgenommen, blabla … Ah! Hier steht es: Die Kohlestaubpartikel, die in ungewöhnlicher Konzentration in den Lungen nachgewiesen werden konnten, lassen vermuten, dass sich das Opfer zum Zeitpunkt seines Todes in einem Bergwerk, einem Hüttenwerk oder auf einem Verladebahnhof aufgehalten hat.«

»Danke, das genügt, Doc.« Will hob die Hand. »Was sagst du jetzt, Sullivan? Ein Rangierbahnhof! Dort gibt es Wagen, in denen Kohle transportiert wird. Na? Fällt der Groschen?«

»Cronister wurde auf dem alten Rangierbahnhof von Pasadena umgebracht«, sagte Donna leise.

»Genau. Dort liegt in den alten Schütten noch genug Kohle, um ganz East-L.A. einen Winter lang beheizen zu können.«

»Das ist noch kein Beweis«, meinte Donna. »Können Sie nicht auch Cronisters Lungeninhalt untersuchen, Doc?«

»Es hätte keinen Sinn. Seine Lunge ist nicht mit Teer versiegelt, so dass wir hier keine eindeutige Aussage treffen können.«

»Aber es wäre möglich«, beharrte Will. »Es wäre möglich, dass unser anonymes Opfer ebenso draußen in Pasadena umgelegt wurde wie Cronister.«

»Nicht sehr wahrscheinlich«, wehrte Donna ab.

»Aber möglich. Das würde bedeuten, dass es dieselben Täter waren. Und dass sie diesmal einen Fehler gemacht haben. Diesmal haben sie Spuren hinterlassen. Es gibt einen Leichnam.«

»Das ist doch Unsinn!«, wandte Donna ein. »Wieso sollten sich diese Killer zuerst so viel Mühe geben, ein Mordopfer derart zu verstümmeln, dass eine Identität nicht mehr möglich ist, wenn sie ein paar Wochen später einen plumpen Gewaltmord begehen?«

»Vielleicht war der Mord an Opfer Nummer eins geplant«, überlegte Will, »während Cronister lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort war und ausgeschaltet werden musste.«

»Ich weiß nicht …«

»Aber ich.« Will nickte grimmig. »Die Sache gefällt mir nicht, Partner. Ich habe das Gefühl, dass diese Kerle durchaus wissen, was sie tun – und dass sie größere Pläne verfolgen. Wir werden uns Hilfe holen.«

»Hilfe? Von wem?«

»Cotton«, sagte Will nur, während er sich bereits zum Gehen wandte.

»Cotton?« Donna schnaubte. »Also das ist mal wieder typisch! Dieser Kerl ist so überzeugt von sich selbst, dass er sich nun schon selbst um Hilfe bittet.«

»Ich meine nicht mich. Den anderen Cotton«, erklärte Will grinsend. »Ich werde ihn anrufen. Soweit ich weiß, hat er etwa zur selben Zeit, als wir im La-Brea-Fall ermittelten, an einem ähnlichen Fall gearbeitet. Mitten in Manhattan sind fünf unbekannte Leichen aufgetaucht, aber soviel ich weiß, wurde der Fall inzwischen zu den Akten gelegt, weil es keine Spuren gab, die sich weiterverfolgen ließen – genau wie in unserem Fall. Aber vielleicht ist Cronister der Schlüssel, mit dessen Hilfe wir das Geheimnis endlich lüften können …«

***

Das Telefon meldete sich wie immer im denkbar ungünstigsten Augenblick.

Gerade hatte ich es mir mit Linda McCain auf dem Sofa in meinem Apartment bequem gemacht. Die sexy Blondine, vom Beruf Chefredakteurin des Lifestyle- und Frauenmagazins ›Female‹, und ich waren seit einiger Zeit ein Paar – mehr oder weniger.

Denn unser beider Jobs sorgten dafür, dass wir nur sehr wenig Freizeit hatten und damit leider auch sehr wenig Zeit füreinander. Mal wurde ich tagelang von ihr vertröstet, weil das monatlich erscheinende Magazin ›Female‹ kurz vor der Schlussredaktion stand, mal arbeitete ich über mehrere Tage hinweg an einem heißen Fall. Das war der Grund, weshalb es hin und wieder in unserer Beziehung kriselte.

Aber nach dem letzten Streit hatten wir uns wieder zusammengerauft, und jetzt genoss ich Lindas prickelnde Nähe.

Das atemberaubende Girl mit der blonden Mähne drängte ihren verführerischen Körper gerade voller Verlangen an mich – als das verwünschte Telefon laut losdudelte.

Linda im Arm, die meinen Hals mit heißen Küssen liebkoste, griff ich nach dem Hörer.

»Ja?«, meldete ich mich.

»Hallo, Onkel Jeremias. Hier ist Will!«

Ich stöhnte laut auf. Mein ›heißgeliebter‹ Neffe Will Cotton hatte ein ganz besonderes Talent dafür, in den unmöglichsten Situationen zu stören.

»Will!«, schnauzte ich in den Hörer, während Linda an meinem Ohrläppchen knabberte. »Junge, hast du eine Ahnung, wie spät es ist?«

»Natürlich, gerade mal kurz vor acht – äh, zumindest hier in Kalifornien. Ich habe dich doch nicht etwa geweckt?«

»Nein«, erwidere ich unwirsch, während Linda begann, mit spitzen Fingern die Knöpfe meines Hemdes zu öffnen. Dabei entfuhr ihr ein leiser, spitzer Schrei.

»Was war das?«, fragte Will.

»Nichts.«

»Was soll das heißen, nichts? Ich kenne dieses Geräusch, Jeremias – vielleicht besser als jeder andere. Du hast doch nicht etwa Damenbesuch?«

»Doch«, erwiderte ich seufzend, hoffend, dass ich die blutsverwandte Nervensäge damit loswerden würde. Doch weit gefehlt.

»Jeremias, du alter Schwerenöter!«, schrie Will so laut in den Hörer, dass Linda es zwangsläufig hören musste. Ein Grinsen glitt über ihr hübsches, sonnengebräuntes Gesicht, und sie kicherte leise.

»Halt die Klappe, Will, okay?«, knurrte ich entnervt. »Rufst du nur an, um mir den letzten Nerv zu töten?«

»Nein, ist nur ’n kleiner Nebenverdienst. Eigentlich rufe ich dienstlich an.«

»Ach ja?«

»Ja, es gibt da einen Fall, an dem Donna und ich gerade arbeiten. Ich dachte, der würde dich vielleicht interessieren.«

»Oh, natürlich interessieren mich die Fälle, die mein kleiner Neffe bearbeitet«, sagte ich sarkastisch. »Warum schreibst du keine Romane darüber?«

»Hör mir doch mal zu, Jeremias!«

»Morgen, Will! Morgen!«, sagte ich, während Lindas offenbar recht erfahrene Hände über meinen Oberkörper wanderten.

»Schön, wie du willst. Ich dachte nur, das hier würde dich wirklich interessieren. Es geht um die fünf unbekannten Leichen, die in Manhattan aufgetaucht sind und …«

Auf einen Schlag hatte Will all meine Aufmerksamkeit.

Wie von der Tarantel gestochen fuhr ich vom Sofa hoch. Linda schreckte zurück.

»Was weißt du darüber?«, wollte ich von meinem Neffen wissen.

»Naja – soweit ich hier mitbekommen habe, hattet ihr im Big Apple ein kleines Problem. Fünf namenlose Leichen, offenbar Mordopfer, denen sämtliche Identifikationsmerkmale entfernt worden sind.«

»Das ist richtig«, bestätigte ich. »Auch in Seattle sind solche Leichen aufgefunden worden.«

»Und in L.A.«, sagte Will. »Wie du weißt, wurde hier bei uns ein unbekannter Toter aus den Teerpfützen des La-Brea-Parks gefischt. Donna und ich hatten das zweifelhafte Vergnügen, uns um den Fall kümmern zu dürfen. Wie du weißt, fanden wir nichts heraus. Nicht das Geringste. Nada. Der Fall wurde zu den Akten gelegt.«

»Genau wie bei uns.«

Es hatte mir ganz und gar nicht gefallen wollen, den Fall der ermordeten »John Does« – so nennen wir im Fachjargon Menschen, deren Identität nicht festgestellt werden kann – zu den Akten zu legen. Da war dieses hässliche Gefühl, dass noch viel mehr hinter der Sache steckte, als wir bislang auch nur erahnen konnten.

»Also, es sieht so aus, als gäbe es in diesem Fall was Neues«, berichtete Will.

»Tatsächlich?«

»Naja, ist nur eine Vermutung, aber immerhin.«

»Schieß los«, forderte ich.

»Donna und ich ermitteln in einem Mordfall. Das Opfer ist ein Obdachloser, ein Vietnamveteran namens Lewis Cronister.«

»Und?«

»Er wurde auf dem alten Rangierbahnhof von Pasadena umgelegt, Jerry. Mit drei Schüssen in den Kopf hat man den armen Kerl regelrecht hingerichtet. Und die Tatwaffen hatten das Kaliber 9,2.«

Rangierbahnhof. Hingerichtet. Kaliber 9,2 …

Gleich mehrere Glocken gleichzeitig begannen in meinem Kopf zu bimmeln.

»Schick mir die Details, Will«, verlangte ich. »Ich will alles haben, auch den kleinsten Schnipsel. Alles, was du in die finger kriegen kannst.«

»Geht in Ordnung, Jerry. Ich dachte mir schon, dass dich das interessieren würde. Ich werde dir die betreffenden Daten überspielen.«

»Sehr gut. Danke, Kleiner.«

»Schon klar.«

Ein Klicken in der Leitung – Will hatte aufgelegt. Lange Verabschiedungen waren noch nie sein Ding gewesen.

Ein wenig verblüfft legte ich den Hörer auf, musste erst einmal verdauen, was ich da gehört hatte. Linda hingegen schien der Ansicht zu sein, dass ich sie lange genug vernachlässigt hatte.

»Hey, Jerry«, hauchte sie, »ich bin auch noch da.«

Mit verführerischem Lächeln griff sie sich in den Nacken und löste die Verschnürung ihres tief dekolletierten Abendkleides. Der glitzernde Stoff klappte herab – und enthüllte den wohlgeformten Beweis dafür, dass Linda nichts als nackte Haut darunter trug.

»Du brauchst etwas Ablenkung«, meinte sie, während sie wie eine Raubkatze über das Sofa auf mich zu kroch.

Ich muss zugeben, Linda gab sich alle Mühe, doch Wills Anruf ließ mich nicht mehr los. Sie merkte es und schnauzte mich an.

»Verdammt, Jerry!«, schimpfte sie los. »Immer kommt uns dein Job dazwischen! Seit wir uns kennen, ist das so! Entweder hast du keine Zeit, oder du grübelst über einen Fall nach, wenn wir zusammen sind.«

»Es tut mir leid, Baby«, sagte ich entschuldigend. »Dieser Anruf war sehr wichtig.«

Linda war schon dabei, sich wieder anzuziehen. »Alles scheint wichtiger zu sein als ich!« Sie schnappte sich ihren Mantel. »Ruf mich an, Jerry Cotton, wenn du mal wieder Zeit für mich hast!«

Sie sagte kein weiteres Wort mehr, sondern verschwand. Laut knallte sie die Tür meines Apartments hinter sich zu.

Verdammt – ich hätte Will in den Hintern getreten, wäre er jetzt in erreichbarer Nähe gewesen!

***

Wie Will gesagt hatte, waren im Herzen von Manhattan fünf unbekannte Leichen aufgetaucht. Die Arbeiter einer Nachtbaustelle waren aus purem Zufall darüber gestolpert.

Zunächst hatte man geglaubt, einem neuen Serienkiller auf der Spur zu sein, und der Fall war dem FBI übergeben worden. Je mehr wir jedoch in der Sache ermittelt hatten, desto klarer war uns geworden, dass dies nicht das Werk eines mordenden Psychopathen war.

Die fünf Männer waren durch gezielte Kopfschüsse regelrecht hingerichtet worden, den Leichen hatte man ihre Hände, Gesichter und Zähne chirurgisch entfernt – also alles, woran sie hätten identifiziert werden können.

Dieses planmäßige und äußerst kaltblütige Vorgehen brachte uns zu dem Schluss, dass wir es mit Profis zu tun hatten – eiskalten Killern, die offenbar einem neuen Syndikat angehörten. Oder war diese Vermutung falsch? Tobte ein Agentenkrieg in unserer Stadt?

Die verwendete Tatwaffe, die zur Standardbewaffnung verschiedener östlicher Geheimdienste gehörte, ließ auch diesen Verdacht zu.

Dann waren auch in Seattle derartig verstümmelte Leichen aufgetaucht, und wir hatten die Theorie vom Serienkiller schon endgültig zu Grabe tragen wollen, als sich die Ereignisse überstürzt hatten. Ein Zeuge namens Burton Leary war aufgetaucht, der den Mord an den fünf Männern beobachtet haben wollte – doch kurz bevor Leary auspacken konnte, starb er auf mysteriöse Weise an Herzversagen.

Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fanden wir Hinweise darauf, dass kein anderer als er selbst der Mörder gewesen war, der sowohl in Manhattan als auch in Seattle zugeschlagen hatte. Der Fall war damit als gelöst betrachtet worden und zu den Akten gewandert. Mein Partner Phil Decker und ich hatten jedoch kein sehr gutes Gefühl dabei gehabt …

Ich war ganz in Gedanken, als ich wie jeden Morgen den Jaguar an unserer Ecke hielt, um Phil einzuladen.

Mein Partner stand schon da und wartete, kaute auf einem Donut herum, den er sich bei ›Starbuck’s‹ besorgt hatte. Ich setzte den Blinker und fuhr rechts ran, ließ meinen Partner einsteigen.

»’n Morgen, Jerry«, grüßte Phil kauend. »Na, wie geht’s?«

»Es geht, Alter«, erwiderte ich lakonisch. »Es geht …«

»Nanu?« Phil hob überrascht die Brauen. »Was ist denn mir dir los? Ich dachte, du hattest gestern Abend Besuch.«

»Hatte ich auch.«

»Na und? Hattet ihr keinen Spaß?«

»Nein«, antwortete ich tonlos, während ich in den Spiegel blickte und dann den Jaguar wieder in den Verkehr einfädelte. »Linda ist früher nach Hause gegangen.«

»Sie ist …?« Phil betrachtete mich von der Seite. »Warum kommt mir das bekannt vor?«

»Was weiß ich?« Ich schnaubte. »Ehrlich, Alter, ich weiß nicht, wieso dir das bekannt vorkommt.«

»Zuerst Phyllis, dann Alexa. Jetzt Linda«, resümierte mein Partner gnadenlos. »Ich würde sagen, du hast ein Problem, Jerry.«

»Ich habe kein Problem«, gab ich zurück, während ich den Jaguar mit leicht überhöhter Geschwindigkeit den Broadway entlang trieb. »Ich bin G-man. Ich beschränke mich eben auf das Wesentliche.«

»Falsch«, versetzte Phil grinsend. »Du hast keine Zeit fürs Wesentliche.«

Ich bedachte meinen Partner mit einem vernichtenden Blick. Obwohl mit klar war, dass er im Grunde recht hatte. In den letzten Wochen hatte uns die Arbeit für den FBI derart vereinnahmt, dass für ein Privatleben so gut wie keine Zeit geblieben war. Die Damenwelt – und die bestand zur Zeit für mich aus Linda McCain – hatte darauf bedauerlicherweise mit Unverständnis reagiert. Bis jetzt war meine Hoffnung gewesen, dass sich demnächst wieder alles bessern würde, doch nach dem Anruf von vergangener Nacht war ich mir da nicht mehr sicher.

»Will hat gestern angerufen«, wechselte ich abrupt das Thema.

»Sieh an, der kleine Cotton. Was wollte er?«

»Donna und er arbeiten gerade an einem Fall.«

»Die beiden sind G-men. Da kommst das schon mal vor.«

»Auf einem alten Rangierbahnhof drüben in L.A. wurde vorletzte Nacht ein Obdachloser ermordet. Ein Vietnamveteran namens Lewis Cronister.«

»Und was hat das mit uns zu tun?«

»Erinnerst du dich an die fünf Leichen, deren Identität wir nicht feststellen konnten?«

»Oh, allerdings!« Phil vergaß glatt, von seinem Donut abzubeißen. »Fünf namenlose Leichen mitten in der Upper Eastside hat man nicht alle Tage. Selbst wir nicht.«

»Dazu zwei Opfer in Seattle und eines in Los Angeles, alle nach dem gleichen Tatmuster ermordet«, fuhr ich fort. »Und der Täter soll ein heruntergekommener Junkie namens Bert Leary gewesen sein.«

»Das wollte mir nie in den Kopf«, gestand Phil. »Die Sache stank irgendwie.«

»Allerdings. Das war auch der Grund, warum ich nach Riker’s Island gefahren bin und mit Jon Bent gesprochen habe. Die Art und Weise, wie wir in diesem Fall manipuliert wurden, sah mehr nach ihm aus als nach einem drogensüchtigen Kleinganoven. Und Bent schien auch etwas zu wissen, er wollte mir nur nichts sagen. Alles, was ich zu hören bekam, waren dunkle Andeutungen – dass wir es mit einem neuen, gefährlichen Gegner zu tun hätten und dergleichen mehr.«

»Bent ist nicht zu trauen«, wandte Phil ein. »Das hat er wiederholte Male bewiesen. Er ist ein raffiniertes Verbrechergenie. Aber er ist auch eindeutig geisteskrank. Wir oft hat er uns schon in die Irre geführt, bis wir ihn endlich schnappen und einbuchten konnten.«

»Ich weiß, aber trotzdem lässt mir die Sache keine Ruhe. Und vergangene Nacht dann dieser Anruf von Will.«

»Was hat denn der Mord an dem Obdachlosen mit den Toten von der Eastside zu tun?«

»Will denkt, dass die Killer erneut zugeschlagen haben.«

»Im Fall dieses Vietnam-Veteranen?«

»Genau, Partner.«

»Und woher nimmt der Junge seine Weisheit? Ich meine, diesmal scheint man die Identität des Opfers ja zu kennen.«

»Allerdings. Die Täter haben sich diesmal nicht die Mühe gegeben, ihr Opfer unkenntlich zu machen.«

»Woher will unser junger Hotshot dann wissen, dass es sich um dieselben Täter handelt?«

»Er weiß es nicht.« Ich musste grinsen. »Er vermutet. Familieninstinkt sozusagen.«

»Oh, verdammt«, murmelte Phil halblaut. »Die Cotton-Connection ist wieder am Werk. Nein, im Ernst, Jerry – was bringt Will dazu anzunehmen, dass es ich um dieselben Täter handeln könnte wie in den Anonymus-Fällen?«

»Erstens die verwendeten Tatwaffen, die alle das Kaliber 9,2 haben«, gab ich zurück. »Zweitens fand der Mord auf einem Bahnhof statt – läuten da bei dir nicht die Glocken?«

»Bahnhof?« Phil schaute mich an. »Du meinst Learys Gefasel, dass er den Mord auf dem alten Rangierbahnhof drüben in Queens beobachtet hätte?«

»Genau, Alter.« Wir erreichten die Federal Plaza, nahmen die Zufahrt in die Tiefgarage des FBI-Gebäudes. »Leary faselte etwas von einem Geisterzug, den er gesehen hatte. Wir haben ihm damals nicht glauben wollen. Aber was, wenn er doch die Wahrheit sagte? Was, wenn der alte Cronister in L.A. den Zug ebenfalls gesehen hat und dabei erwischt wurde?«

»Ich weiß nicht.« Phil schnitt eine Grimasse. »Das sind doch nur Spekulationen, Jerry.«

»Ich weiß. Aber denk daran, was Bent gesagt hat. Und denk an Learys Aussage.«

»Ein geisteskranker Terrorist und ein Junkie«, schnaubte Phil.

»Die Beweise, die wir in Learys Wohnung gefunden haben, sind anfechtbar«, meinte ich, während ich den XKR durch die Tiefgarage steuerte. »Möglich, dass uns jemand diese angeblichen Beweise untergejubelt hat. Der Fall wurde nicht deshalb für abgeschlossen erklärt, weil die Beweislast so erdrückend war, sondern weil Washington auf ein möglichst rasches Ergebnis drängte.«

»Und weil sich auf unseren Schreibtischen Dutzende anderer Fälle türmten«, fügte Phil hinzu. »Fälle, die alle sehr dringend sind.«

»Ich weiß.« Ich lenkte den Jaguar in die Parklücke und stellte den Motor ab. Mit einem letzten, markigen Knurren erstarb die mächtige Maschine.

»Phil?«, fragte ich in die entstandene Stille. »Mal angenommen, es wäre etwas dran an dieser Sache …«

»Jerry!«

»Nur mal angenommen«, beharrte ich. »Wir haben einen Diensteid geleistet, das Recht in diesem Land zu schützen. Das Recht, Phil. Es ist nicht richtig, wenn jemand für ein Verbrechen beschuldigt wird, das er nicht begangen hat. Bert Leary war kein Mörder. Du weißt das, und ich weiß das. Und mit den neuen Hinweisen von Will könnten wir der Sache weiter nachgehen. Ich fühle, dass da noch etwas ist.«

»Deine Gefühle in allen Ehren, Jerry – aber das können wir nicht. Der Fall wurde offiziell zu den Akten gelegt. Selbst Mr. High hat die Ermittlungen für beendet erklärt. Ohne stichhaltige Beweise kann er sie nicht ohne weiteres wieder aufnehmen.«

»Ich weiß«, entgegnete ich. »Solange sich die Fälle auf unseren Tischen stapeln, ist es so gut wie unmöglich, die Neuaufnahme von Ermittlungen zu rechtfertigen, die bereits für abgeschlossen erklärt wurden.«

»Mal ganz abgesehen davon, dass man in Washington solche Kapriolen ganz und gar nicht gerne sieht«, sagte Phil. »Abgeschlossene Ermittlungen wieder aufzunehmen, bedeutet indirekt, einen Fehler einzugestehen. Das steht einer Bundesbehörde schlecht zu Gesicht.«

»Alles richtig«, stimmte ich zu, »und doch habe ich das Gefühl, dass wir an der Sache dran bleiben sollten. Da steckt noch mehr dahinter, Phil, glaub mir.«

Mein Partner schüttelte den Kopf. »Wie willst du das anstellen, Jerry? Mr. High hat schon so oft für uns den Kopf hingehalten. Er trägt eine Menge Verantwortung und hat im Augenblick verdammt viel um die Ohren. Wenn wir ihm jetzt mit dieser Geschichte kommen …«

»Das habe ich nicht vor«, sagte ich.

»Nicht? Was …?« Phil unterbrach sich, als er meinen Blick bemerkte. »Du willst es ihm nicht sagen?«

»Ich habe nicht vor, Mr. High in diese Sache reinzuziehen«, gab ich zurück. »Einen offiziell abgeschlossenen Fall wieder aufzunehmen, ist eine heikle Sache, die einen Kopf und Kragen kosten kann. Wenn John High nichts von der Sache weiß, kann man ihn auch nicht dafür belangen. Es ist nur zu seinem Schutz.«

»Verstehe«, meinte Phil.

»Ich werde keine Dienstzeit dafür einsetzen, sondern in meiner Freizeit ermitteln.«

»Was denn für ’ne Freizeit?«, feixte Phil.

Ich ging nicht darauf ein. »Ich werde so lange in der Sache herumstochern, bis ich weiß, was dahinter steckt.« Ich unterbrach mich, sah Phil fragend an. »Was ist, Partner? Bist du dabei?«

Phil dachte einen Augenblick lang nach, ließ sich alles durch den Kopf gehen.

Auch er war alles andere als erfreut gewesen, als der Fall zu den Akten gewandert und Leary posthum zum Serienkiller gestempelt worden war. Aber natürlich bedeutete das nicht, dass er auch bereit war, seine Karriere aufs Spiel zu setzen, um etwas Licht in das Dunkel dieses rätselhaften Falles zu bringen. Wenn Phil ablehnte, hatte er mein vollstes Verständnis.

»Weißt du, Jerry«, sagte mein Partner nach einer Weile, »wenn ich in unserer gemeinsamen Dienstzeit eins gelernt habe, dann dass wir nur zu zweit unschlagbar sind. Ich bin dabei.«

Ein Lächeln glitt über seine Züge, und ich atmete auf.

»Was soll’s auch?«, meinte Phil grinsend. »Ich bin G-man. In meiner Freizeit ist mir ohnehin immer langweilig …«

***

An einem fremden, unbekannten Ort saßen fünf Männer in einem fensterlosen Raum.

Sie saßen an einem langen, blankpoliertem Tisch aus rötlichem Holz, das im Licht der grellen Scheinwerferbeleuchtung schimmerte. Für denjenigen, der durch die Tür des Raumes eintrat, waren gegen das blendende Licht nur die Silhouetten der fünf Männer zu sehen.

Eine Vorsichtsmaßnahme …

»Epsilon 4«, drang es schnarrend aus einem Lautsprecher, der irgendwo an der nackten, gekalkten Decke des Raumes hing, und eine der fünf Gestalten betätigte den Öffner der Tür.

Summend glitt das schwere stählerne Schott beiseite, und ein hochgewachsener, schlanker Mann erschien, der schwarze Kampfhosen und -Stiefel trug, dazu einen ebenso schwarzen Militärpullover mit Schultereinsätzen. Das Gesicht des Besuchers war nicht zu erkennen, denn er hatte eine eng anliegende Haube über den Kopf gestülpt, die nur schmale Schlitze für Augen und Mund frei ließ.

Der Mann nahm Haltung an, aber er salutierte nicht, blieb statt dessen reglos stehen.

»Berichten Sie, Epsilon 4«, forderte ihn einer der fünf Männer auf.

»Wir sind startbereit, Sir«, sagte der schwarz Vermummte. Sein Stimme hatte etwas Kaltes, Automatenhaftes. »Wir warten auf neue Instruktionen.«

»Werden erteilt, Epsilon 4«, sagte ein anderer Angehöriger des Gremiums, dessen Gesicht ebenso unsichtbar bleib wie das seiner Kollegen. Er nahm den Umschlag zur Hand, der vor ihm auf dem Tisch lag, warf ihn dem Besucher zu. »In diesem Umschlag finden Sie alles, was Sie über die bevorstehende Mission wissen müssen. Die Übernahme der Ladung ist bereits erfolgt.«

»Verstanden, Sir«, gab der Vermummte tonlos zurück und nahm den Umschlag auf. »Wurden die Probleme mit dem FBI inzwischen geklärt?«

»Probleme mit dem FBI? Es gab nie irgendwelche Probleme mit dem FBI, Epsilon 4.«

»Aber ich …«

»Sollten Sie je etwas anderes gehört haben, so handelte es sich um Fehlinformationen. Melden Sie uns die betreffende Person, die diese Behauptung aufstellte, und wir werden dafür sorgen, dass Sie umgehend aus Ihrem Kader entfernt werden.«

»Jawohl, Sir. Ich will nur sagen … bei allem Respekt, Sir … die Leichen sollten verbrannt werden. So wie früher. Das Risiko ist zu groß.«

»Alpha hatte Gründe dafür, so zu handeln, Epsilon 4. Es steht Ihnen nicht zu, Entscheidungen in Frage zu stellen.«

»Nein, Sir. Natürlich nicht.« Unter der dünnen schwarzen Maske zuckte es.

»Den FBI einzuschalten, gehörte zum Plan, Epsilon 4. Wir hatten die Situation zu jedem Zeitpunkt unter Kontrolle – dafür sorgt der Verbindungsmann, den wir beim FBI haben. Er ist uns gegenüber absolut loyal und überaus zuverlässig.«

»Ja, Sir.«

»Gehen Sie jetzt, Epsilon 4. Machen Sie sich keine Sorgen. Konzentrieren Sie sich ganz auf Ihre bevorstehende Mission. Sie wissen, dass jeder von uns seinen Teil zum Gelingen des Großen Plans beitragen muss.«

»Natürlich, Sir.«

»Sieg der Domäne!«

»Sieg der Domäne!«, echote der Vermummte.

Dann machte er kehrt und verließ den Raum.

***

Den ganzen Tag über hatten wir Papierkrieg geführt. Auch das gehört zum Alltag eines G-man. Ich gebe zu, ich schlage mich lieber mit schwer bewaffneten Gangstern herum als mit diesen endlosen Formularen. Aber bei unseren letzten drei, vier Fällen war eine Menge zu Bruch gegangen, und wir hatten ziemlich viel Munition verbraucht. Als Polizist müssen Sie für jede Kugel angeben können, wann und warum Sie sie abgefeuert haben. Wenn Sie in eine längere Schießerei geraten wie Phil und ich bei unserem letzten Fall, dann haben Sie anschließend viel Denksport zu bewältigen.

Als es endlich sechs Uhr war, atmeten wir auf – doch anders als die meisten unserer Kollegen, die sich in ihren verdienten Feierabend verabschiedeten, blieben Phil und ich im FBI-Quartier.

Für uns gab es noch mehr zu tun …

»Okay«, meinte ich, nachdem wir es uns in unserem Büro ein wenig bequemer gemacht hatten. Wir waren die Krawatten los geworden und hatten die Ärmel unserer Hemden aufgerollt. Dann hatten wir uns bei einem Fastfood-Service was bestellt, um unsere Mägen, die den ganzen Tag über keine Arbeit bekommen hatten, ein wenig zu besänftigen.

»Also?«, meinte Phil, während er gierig seine Pizza verschlang. »Was wollen wir jetzt tun?«

»Wir rollen den Fall wieder auf«, antwortete ich entschlossen. »Angenommen, Will hat Recht und es handelt sich bei dem Mord an Lewis Cronister tatsächlich um dieselben Täter wie in den Anonymus-Fällen. Das würde bedeuten, dass diese Kerle noch immer dort draußen sind. Und dass sie weitermorden werden. Wir müssen ihnen das Handwerk legen.«

»Schön und gut«, meinte Phil kauend. »Und weiter?«

»Will hat uns alle Informationen überspielt, die Donna und er in den letzten 36 Stunden gesammelt haben. Wenn wir sie mit unseren eigenen Ermittlungsergebnissen vergleichen, stoßen wir vielleicht auf den einen oder anderen Hinweis. Es wird eine ziemliche Geduldsarbeit werden, aber …«

»Schlimmer als dieser Papierkram, den wir hinter uns haben, kann’s auch nicht werden.«

»Stimmt auch wieder. Wir haben also fünf unidentifizierbare Leichen in Manhattan …«

»… und zwei Leichen in der Kanalisation von Seattle und eine in den Teergruben von La Brea.«

»Dazu ein ermordeter Obdachloser in Pasadena …«

»… der aber zweifelsfrei identifiziert werden konnte«, resümierte Phil. »Tut mir leid – das passt einfach nicht zusammen. Ich kann keine Gemeinsamkeit sehen.«

»Langsam, Alter. Immerhin haben wir eine Verbindung zwischen den länger zurückliegenden Morden. In allen acht Fällen waren die Opfer zur Unkenntlichkeit verstümmelt und konnten nicht identifiziert werden.«

»Das ist auch so etwas, was ich mich oft gefragt habe«, wandte Phil ein. »Wenn es den Killern wirklich darum ging, ihre Opfer auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen – wieso haben sie sie dann nicht einfach verbrannt? Es gäbe allein in dieser Stadt ein halbes Dutzend Möglichkeiten, eine Leiche so verschwinden zu lassen, dass so gut wie nichts davon übrig bleibt.«

»Darüber habe ich auch schon nachgedacht«, gestand ich ein. »Die Wahrheit ist, dass ich die Antwort auf diese Frage nicht kenne. Ich nehme an, die Killer hatten ihre Gründe dafür. Denn so, wie die Sache steht, können wir davon ausgehen, dass es sich nicht nur um ein paar einzelne Täter handelt, sondern um eine ganze Organisation. Ein neues Syndikat, das offensichtlich nicht nur in dieser Stadt arbeitet, sondern landesweit agiert. Die Kerle wissen genau, was sie tun.«

»Autsch«, sagte Phil, dem meine Spekulationen allmählich ein wenig abenteuerlich wurden.

»Okay«, schränkte ich ein, »halten wir uns an die Fakten. Tatsache ist, dass es auch zwischen den Anonymus-Morden und Lewis Cronister eine Verbindung gibt: Immer wieder finden sich Hinweis auf Bahnhöfe oder Rangierstationen. Da ist zum einen Burton Learys Aussage, der angab, den Mord an den fünf Männern auf dem alten Rangierbahnhof in Queens beobachtet zu haben.«

»Das war eine Falle, Jerry. Der Kerl wollte uns reinlegen.«

»Trotzdem könnte ein Körnchen Wahrheit hinter dem stecken, was er gesagt hat.« Ich ließ mich nicht beirren. »Zweitens die Kohlestaubpartikel in der Lunge des La-Brea-Opfers. Drittens der Tatort des Mordes an Lewis Cronister. Immer wieder taucht die Eisenbahn auf, Phil – das kann kein Zufall sein.«

»O doch, es kann!«, widersprach mein Partner. »Deine Anhaltspunkte sind ziemlich dürftig, Jerry. Auf der Akademie würde man dir so etwas um die Ohren hauen.«

»Wir sind hier aber nicht auf der Akademie«, erinnerte ich, »und wir haben Fälle schon anhand weit geringerer Anhaltspunkte gelöst.«

Phil nickte, hob abwehrend die Hände – was ich zuletzt gesagt hatte, ließ sich nun wirklich nicht bestreiten.

»Die Frage, die sich uns stellt«, fuhr ich fort, »ist nicht die nach den Gemeinsamkeiten, sondern die nach dem Tatmotiv.«

»Naja …« Phil zuckte mit den Schultern. »In Cronisters Fall würde ich sagen, er hat einfach nur Pech gehabt, war zur falschen Zeit am falschen Ort.«

»Genau, Alter«, stimmte ich zu. »Es wäre leicht vorstellbar, dass Cronister etwas beobachtet hat, was er nicht beobachten sollte.«

»Zum Beispiel einen weiteren Mord«, mutmaßte Phil.

»Exakt, Partner. Oder diesen Geisterzug, von dem uns Leary erzählt hat.«

»O komm schon, Jerry.« Phil verzog das Gesicht. »Leary war ein Junkie. Er hat alles mögliche gesehen, wahrscheinlich sogar rosa Elefanten. Willst du nach denen etwa auch noch fahnden?«

»Wenn sie unter Mordverdacht stehen, ja«, gab ich trocken zurück. Ich trat an das kleine Fernsehgerät mit integriertem Videorekorder, das wir uns aus dem Archivraum geholt hatten, und schob eine Kassette ein.

Es war die Aufzeichnung des Verhörs, das wir mit Burton Leary geführt hatten, kurz bevor der kleine Ganove so überraschend von uns gegangen war.

Der Bildschirm flammte auf, und man sah Leary auf seinem Stuhl in Vernehmungsraum 4 sitzen. Phil, ich und Sid Lomax von der Fahndungsabteilung umkreisten ihn wie Raubvögel.

Ich hatte bereits zur betreffenden Stelle vorgespult. Nachdem wir ihn nicht gerade sanft angepackt hatten, hatte Leary zu plaudern begonnen – zögernd, aber immerhin …

»… hört euch an, was weiter geschah«, tönte seine Stimme aus dem Lautsprecher des kleinen Fernsehers. »Als ich niemanden fand, dem ich meinen Stoff verkaufen konnte, hab’ ich mir ein stilles Plätzchen unter einem der alten Waggons gesucht und mir selbst eine bisschen Crack gegönnt.«

»Na wunderbar«, hörte man Phil knurren.

»Was geschah dann?«, erkundigte ich mich auf dem Video.

»Naja, ich sitze also da und lasse mir’s gut gehen, als die Gleise plötzlich anfangen zu beben.«

»Zu beben

»Ja, ich denke, ein verdammtes Erdbeben kommt, so wie drüben in L.A ….«

Rasch griff ich zur Fernbedienung und drückte die Pausetaste. Das Bild fror ein.

»Da!«, sagte ich. »Hast du das gehört? Warum hat Leary L.A. erwähnt?«

»Was weiß ich?« Phil hob die Schultern. »Vielleicht fand er es besonders witzig.«

»Die nächste Leiche wurde in Los Angeles gefunden. Komischer Zufall, oder nicht?«

»Worauf willst du hinaus?«

»Ich denke, Leary wollte es uns sagen. Indirekt, meine ich. Vielleicht wollte er uns damit zu verstehen geben, dass es noch mehr Morde geben würde.«

»Oje.« Phil rieb sich die Schläfen. »Noch mehr Spekulationen. Allmählich wird mir davon schwindlig.«

»Schon gut.« Ich drückte erneut die Pausetaste, und die Aufzeichnung lief weiter.

»… aber es war kein Erdbeben«, erzählte Leary aufgeregt weiter. »Es war ein Zug!«

»Ein Zug? Nachts? Auf dem alten Rangierbahnhof?«

»Ja«, bestätigte der Junkie, »aber es war kein gewöhnlicher Zug. Von dem Platz aus, an dem ich mich versteckt hatte, konnte ich alles genau beobachten.«

»Und was sahen Sie?«

»Das Ding war schwarz. Schwarz wie die Nacht. Wie ein Dämon kam es aus der Dunkelheit. Ich höre noch seinen zischenden Atem …«

Der Phil Decker in der Videoaufzeichnung seufzte hörbar – und gab damit zu verstehen, dass er damals nicht mehr von der Sache gehalten hatte als heute. Ich hatte mich dennoch nicht davon abbringen lassen, mich näher nach diesem Zug zu erkundigen.

»Es war dunkel, und ich konnte nicht viel sehen«, fuhr Leary fort. »Alles, was ich weiß, ist, dass er keine Fenster hatte. Ich sage euch, dieser Zug stammt nicht von dieser Welt! Es ist ein Phantom, ein verdammter Geisterzug!«

Mit einem erneuten Druck auf die Fernbedienung stellte ich den Rekorder ab.

»Das war’s«, meinte ich. »Kurze Zeit später war Leary tot. Herzversagen.«

»Ich weiß nicht, Jerry.« Phil schüttelte den Kopf. »Klingt für mich nicht überzeugender, wenn man es das zweite Mal hört. Ich meine, ich habe ja auch meine Zweifel, dass Leary der Mörder all dieser Menschen gewesen sein soll. Aber diese Geschichte vom Geisterzug – ganz ehrlich …«

»Ich weiß, dass es unglaubwürdig klingt«, gab ich zu. »Aber wie oft hat sich schon das Unglaubwürdige als zutreffend erwiesen? Der Zug könnte der Schlüssel sein, Phil. Der Schlüssel zur Lösung dieses Falles. Die anonymen Opfer, die Bahnhöfe, der Mord an Lewis Cronister – dieser Phantomzug wäre die Verbindung, nach der wir suchen. Versuch nur mal, dir für einen kurzen Moment vorzustellen, dass es ihn gibt, Phil. Nur für einen kurzen Moment …«

***

Leise, fast lautlos glitt er über die Schienen – ein stromlinienförmiger, aerodynamischer Koloss, der wie ein Phantom durch die Nacht schnitt.

Er war so schwarz, dass er das fahle Licht des Mondes zu schlucken schien. Seine glatte, fensterlose Außenhaut war gepanzert und von Kugeln nicht zu durchdringen. Die Beschichtung des Stahls stammte aus geheimen militärischen Forschungslabors und war der des Tarnkappenbombers nicht unähnlich. Für Radaranlagen war der pechschwarze Zug daher unsichtbar.

Epsilon 4 war zufrieden.

Der schlanke, fast hagere Mann stand mit verschränkten Armen im Führerstand des Zuges, sah dem ›Piloten‹ dabei zu, wie er die Steueranlage bediente. Der ›Panzerzug‹, wie Epsilon 4 ihn aufgrund seines Aussehens nannten, brachte es bis zu einer Geschwindigkeit von 250 Meilen.

Der Zug war eine rollende Festung, die ihrer Besatzung Schutz und Sicherheit bot und die besser als jedes Schiff oder irgendein Flugzeug dafür geeignet war, die Mission zu erfüllen.

Aufmerksam beobachtete Epsilon 4 den Piloten, der wie er selbst schwarze Kleidung und einen Helm trug, der seine Züge vollständig verhüllte.

Keine Gesichter, keine Identitäten.

Nur Funktionen.

Die oberste Regel der Domäne.

Im Unterschied zu seinem eigenen Helm war der des Piloten mit einem virtuellen Display ausgestattet, das auf die Innenseite des Visiers projiziert wurde und ihn über sämtliche Funktionen des Zuges auf dem Laufenden hielt. Der Pilot saß in einem anatomisch geformten Schalensitz in der spitz zulaufenden Nase des Triebwagens, unmittelbar vor den mächtig wummernden Elektromotoren, die in einer Nacht mehr Strom verbrauchten als Kansas City. Seine Hände lagen auf den Steuerelementen, regulierten die Geschwindigkeit des Zuges, die jetzt merkbar zunahm.

Epsilon 4 fühlte, wie der Zug beschleunigte, musste einen festeren Stand einnehmen, um nicht zu stürzen.

»Geschätzte Ankunftszeit?«, erkundigte er sich schnarrend.

»Minus acht Stunden, Sir«, kam die Antwort ebenso kalt und automatenhaft zurück.

»Danke, Sigma 82«, gab Epsilon 4 zurück und nickte zufrieden.

Das bedeutete, dass sie noch vor Morgengrauen ihren Bestimmungsort erreichen würden.

Bis dahin würde die ›Ladung‹ vorbereitet sein …

***

Nach unserer Besprechung im Büro hatten Phil und dich unseren Arbeitsplatz in den Archivraum des FBI-Gebäudes verlegt. Die Computerterminals dort haben den Vorteil, dass der Datenzugriff nicht namentlich autorisiert zu werden braucht, was in unserem Fall von großem Vorteil war. Wenn man vorhatt, eine bereits geschlossene Akte unautorisiert zu öffnen, hinterläßt man besser nicht allzu viele Spuren.

Phil und ich setzten uns an zwei verschiedene Terminals und loggten uns ins OCIS-System ein. Unser Ziel war es, die Verdachtsmomente zu erhärten, die wir hatten, und nach weiteren Hinweisen zu suchen, die die Anonymus-Morde und den geheimnisvollen Geisterzug betrafen, den Phil lapidar ›Phantom-Express‹ getauft hatte.

Ich merkte meinem Partner an, dass er noch immer nicht recht an die Existenz dieses ominösen Zuges glaubte. Aber er versuchte auch nicht, mir die Sache auszureden, schlug sich im Gegenteil selbst die Nacht um die Ohren, um nach Hinweisen zu suchen, was ich ihm hoch anrechnete. Im Laufe unserer langen gemeinsamen Dienstzeit hatten Phil und ich gelernt, einander bedingungslos zu vertrauen, und dieser Fall bildete da keine Ausnahme.

Stunden verstrichen, während wir das unüberschaubare Datenlabyrinth des OCIS nach Hinweisen durchforsteten. Gegen drei Uhr morgens hatte ich das Gefühl, auf etwas gestoßen zu sein, das uns weiterhelfen könnte.

In Pittsburgh, Pennsylvania hatte es vor zwei Monaten einen Doppelmord an einem Güterbahnhof gegeben.

»Mal sehen«, murmelte ich zwischen zwei Schlucken Kaffee, mit denen ich mich mühsam wach hielt, »das hier könnte etwas sein. Die Opfer waren zwei Junkies aus Pittsburghs übelster Ecke. Vielleicht waren sie ebenso zur falschen Zeit am falschen Ort wie Cronister. Mal sehen, was die Kollegen aus Philadelphia über die Tatwaffe schreiben.«

Ich ließ die Schriftsätze des Berichts am Bildschirm vorüberscrollen, suchte nach entsprechenden Vermerken.

Fehlanzeige.

Die Tatwaffe war keine Makarow gewesen, sondern eine 44er Magnum. Der gesamte Tathergang, soweit er rekonstruiert werden konnte, deutete mehr auf eine plumpe Schießerei hin, wie sie in den Slums vieler Großstädte traurige Regel sind. Hier konnte nicht einmal ich Parallelen zu unseren fünf unbekannten Toten entdecken.

»Sorry, Partner«, meinte ich, »falscher Alarm. Hast du inzwischen was gefunden?«

Ich wartete, bekam aber keine Antwort.

»Phil?«

Keine Antwort.

Ich erhob mich von meinem Stuhl, lugte über den Rand des klobigen Bildschirms hinüber zu dem Tisch, an dem Phil saß – und musste trotz meiner Müdigkeit lächeln.

Mein Partner war eingeschlafen, mitten in der Arbeit.

Der Becher mit Kaffee, den er sich vorhin noch aus dem Automaten geholt hatte, stand unberührt vor ihm auf dem Tisch. Sein Oberkörper war nach vorn gesunken, mit der Stirn lehnte er am flimmernden Bildschirm.

»Klarer Fall von Überarbeitung«, murmelte ich grinsend. Dann stand ich auf und ging zu meinem Partner, packte ihn und zog ihn auf die Beine.

Der Gute war völlig fertig. Die zahllosen Überstunden der letzten Wochen waren auch an ihm nicht spurlos vorüber gegangen. Nur für einen kurzen Moment schlug er die Augen auf.

»Was’n los?«, fragte er schlaftrunken.

»Gar nichts, Alter«, sagte ich, während ich seinen rechten Arm um meine Schulter legte und ihn ins Bereitschaftszimmer bugsierte, wo ein Sofa für übermüdete Beamte steht. Dort lud ich Phil ab, der sich schmatzend wie ein Säugling zusammenrollte und weiterschlief.

»Keine Ursache, G-man«, meinte ich. »Schlaf gut.«

Auf leisen Sohlen kehrte ich in den Archivraum zurück, bemühte erneut meine grauen Zellen. Die Spur in Pittsburgh hatte sich als Fehlschlag erwiesen, aber ich spürte deutlich, dass der Hinweis, nach dem ich suchte, irgendwo dort in der Datenbank war, in den verschlungenen Gedärmen dieses unüberschaubaren Chaos an Informationen.

Der Gedanke, einen wichtigen Hinweis zu übersehen, obwohl er vielleicht direkt vor mir lag, machte mich halb wahnsinnig. Ich beschloss, meine Strategie zu ändern.

Bislang hatte ich stets nach Mordfällen mit Opfern gesucht, deren Identität nicht hatte festgestellt werden können. Aber vielleicht – und davon war auszugehen – waren ja noch längst nicht alle Opfer der Anonymus-Killer gefunden worden. Es nützte also nichts, wenn ich das OCIS nach anonymen Mordopfern fahnden ließ. Ich musste zunächst nach Vermissten suchen und diese dann in Relation zur Zahl der Mordopfer setzen.

Die Grundbegriffe von Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung geisterten mir durch den Kopf, die mir irgendwann auf einem Fortbildungskurs in Quantico eingetrichtert worden waren. Obwohl sich die Kriminalistik stets mit Einzelfällen befasst, kann auch hier ein wenig Stochastik manchmal ganz nützlich sein.

Ich gab eine entsprechende Suchanfrage aus – und der Arbeitsspeicher des Computers stieß von einem Augenblick zum anderen an seine Grenzen. Wie ich erwartet hatte, erweiterte sich der Kreis der Fälle, die in Frage kamen, gleich um mehrere Tausend Einträge.

In amerikanischen Großstädten vergeht kein Tag, an dem nicht mehr als ein Dutzend Menschen als vermisst gemeldet werden. Manche von ihnen kehren nach ein paar Tagen wieder nach Hause zurück, und alles stellt sich als Missverständnis heraus. In anderen Fällen jedoch muss die Polizei aktiv werden  – nach den in diesen Fällen vorgeschriebenen 48 Stunden –, und in einigen davon tauchen die Verschwundenen nie wieder auf.

Ich schauderte bei dem Gedanken, dass einige dieser Menschen vielleicht Opfer des neuen, unbekannten Feindes geworden waren, mit dem wir es offenbar zu tun hatten. Dieser neuen, mächtigen Organisation, vor der selbst der ruchlose Jon Bent Respekt zu haben schien.

Was, wenn diese Organisation schon seit Jahren in unserem Land aktiv war, ohne dass wir bisher davon gewusst hatten?

Betroffen stellte ich fest, dass die Anzahl der in den letzten Jahren als vermisst gemeldeten Personen sprunghaft in die Höhe geschossen war. Dem gegenüber stand jedoch eine gleichbleibende Anzahl von ungelösten Fällen spurlosen Verschwindens.

Das bedeutete, dass in immer mehr Fällen, in denen Menschen als vermisst gemeldet wurden, diese schon wenige Tage später wieder auftauchten, oft unter den fadenscheinigsten Erklärungen.

Aber hatte das überhaupt etwas mit unserem Fall zu tun?

Um Klarheit zu gewinnen, rief ich das Programm zur geographischen Auswertung auf. Eine stilisierte Landkarte erschien, die das gesamte Gebiet der Vereinigten Staaten zeigte. Jeder Bundesstaat war mit einer Zahl versehen – die Anzahl jener Personen, die in diesem Staat als vermisst gemeldet worden und schon nach wenigen Tagen wieder aufgetaucht waren.

Die mit Abstand meisten Fälle waren im Osten der USA registriert, und hier vor allem in Großstädten wie Chicago, Philadelphia, Washington, Atlanta, Miami – und natürlich in New York City. Der überwiegende Rest der Registrierungen war auf die Großräume Los Angeles und San Francisco verteilt.

Wie sollte ich diese Ergebnisse deuten?

Ich kam zu dem Schluss, dass Zahlen allein mich nicht weiterbrachten. Ich musste wissen, wer die verschwundenen Personen waren, welchen Gesellschaftsschichten sie angehörten und welchem sozialen Umfeld.

Auch dafür hatten die Programmierer, die in einer eigens dafür eingerichtete Abteilung in Washingtons Anapolis Street arbeiteten, sich ein Unterprogramm einfallen lassen, und so konnte ich schon Augenblicke später die Auswertung meiner Anfrage auf dem Bildschirm sehen.

Ich überflog die Aufstellung – und stellte verblüfft fest, dass weit mehr als die Hälfte aller Menschen, die unter rätselhaften Umständen verschwunden und ein paar Tage später unter nicht weniger rätselhaften Umständen wieder aufgetaucht waren, der gesellschaftlichen Oberschicht angehörten. Waren noch 1995 ›nur‹ 28 Fälle spurlosen Verschwindens unter Amerikas Großverdienern gemeldet worden, waren es zwei Jahre später schon 58 gewesen. Im Jahr 2000 bereits 178!

178 Menschen aus der sozialen Oberschicht, die mehrere Tage lang verschwunden waren, um kurz darauf wieder aufzutauchen. Generalmanager, Ärzte, hochbezahlte Anwälte, Aufsichtsratsvorsitzende … Die Gründe für ihr Verschwinden, die sie nach ihrer Rückkehr angegeben hatten, lasen sich wie Drehbücher zum TV-Movie der Woche: Flucht vor Problemen, vor Verantwortung, von Konflikten in der Familie und so weiter …

Aber war das wirklich alles?

Sollte dieser extreme Anstieg von Vermisstenmeldungen, der dem FBI bislang verborgen geblieben war, wirklich nur purer Zufall sein? Oder steckte mehr dahinter?

Stand das alles vielleicht sogar mit unserem Fall in Verbindung? Oder jagte ich nur einem Phantom hinterher, weil ich den Fall der Anonymus-Morde unbedingt lösen wollte?

Was, so fragte ich mich immer wieder, hatten fünf anonyme Leichen in Manhattan mit Geschäftsleuten zu tun, die verschwanden und dann wieder auftauchten?

Im Grunde gar nichts – und doch spürte ich, dass da etwas war …

Ein Geräusch, das von Korridor hereindrang, ließ mich plötzlich aufschrecken. Ich lauschte, konnte jedoch nichts mehr hören. Wahrscheinlich hatten mir meine übermüdeten Sinne einen Streich gespielt.

Ein Schluck Kaffee, um die Müdigkeit nochmals zu vertreiben  – ich wollte dieser Sache unbedingt weiter auf den Grund gehen …

Erneut ließ ich mir die Landkarte auf den Schirm geben und ließ diesmal alle Städte, in denen es während der letzten sechs Jahre zu einem Anstieg der Vermisstenfälle gekommen war, rot markieren. Siehe da – neben den Großstädten an der West- und Ostküste waren auch Metropolen wie St. Louis, Minneapolis, Dallas, New Orleans und Denver markiert. Anschließend forderte ich das Programm auf, die Städte untereinander durch Linien zu verbinden. Auf diese Weise entstand eine Art Netz, das das gesamte Gebiet der Vereinigten Staaten bedeckte.

Wie das Netz einer gewaltigen Spinne, die ihr Nest irgendwo im Mittelwesten hatte.

Grübelnd saß ich vor dem Bildschirm, starrte immerzu auf die Grafik, die etwas in mir zum Klingen brachte. Ich war mir sicher, ein ähnliches Bild schon mal irgendwo gesehen zu haben – aber wo und wann?

Es lag noch nicht allzu lange zurück, da war ich mir sicher, aber wie …?

Ich unterbrach meinen Gedankengang, als ich erneut ein Geräusch vom Gang her hörte. Abrupt fuhr ich hoch und blickte mich um.

Es war dunkel im Archivraum, nur über meinem Terminal brannte noch Licht. Gegen den hellen Schein der Flurbeleuchtung glaubte ich einen Schatten zu sehen, der an der Milchglastür des Archivraums vorüber wischte.

»Phil?«

Ich erhielt keine Antwort. Dafür hörte ich erneut das Geräusch. Kurze, hastige Schritte auf dem Linoleum des Korridors.

»Phil, bist du das?«

Als ich erneut keine Antwort erhielt, erwachte die dienstliche Vorsicht in mir. Unwillkürlich fuhr meine Rechte zur SIG Sauer, die im Gürtelholster steckte, fasste den klobigen Griff der Waffe.

Auf leisen Sohlen setzte ich mich in Richtung Tür in Bewegung, während ich erneut leise Schritte vernahm. Irgendjemand schien dort draußen herum zu schleichen.

Ich erreichte die Tür.

Langsam legte ich meine linke Hand auf den Türknauf, während die Rechte die schwere Dienstwaffe zog. Durch das Milchglas spähte ich hinaus auf den Gang, glaubte wieder, einen dunklen Schatten zu sehen, der sich draußen bewegte.

Jetzt!

Abrupt riss ich die Tür auf, stürmte nach draußen, und die SIG flog fast wie von selbst in Anschlag.

»Keine Bewegung!«, brüllte ich laut – und der Mann, der in gebückter Haltung vor dem Kaffeeautomaten stand, fuhr herum.

»Schieß ruhig, Jerry«, forderte er mich auf. »Ist sowieso ’ne beschissene Schicht …«

Es war mein Kollege Sidney Lomax von der Fahndungsabteilung, den ich da vor mir hatte.

Sid stand vor dem Heißgetränkeautomaten, hielt ein paar Quarters in Händen, die er der störrischem Maschine einzuflößen versuchte, damit sie einen Becher Kaffee ausspuckte, doch es war eine vergebliche Mühe.

»Wenn du schon dabei bist, kannst du diesen verdammten Kasten hier gleich mit erschießen«, fügte mein Kollege zornig hinzu.

Schamröte stieg mir ins Gesicht. Seufzend ließ ich die SIG sinken, steckte sie weg und murmelte ein paar zusammenhanglose Worte der Entschuldigung. Natürlich – erst heute Morgen hatte ich einen Blick auf den Dienstplan geworfen. Ich hatte gewusst, das Sid Bereitschaft hatte und ebenfalls die Nacht über im Gebäude sein würde. Aber als ich das Geräusch gehört hatte, hatten meine übermüdeten Sinne Alarm gegeben.

»Ist mit dir alles in Ordnung, Jerry?«, fragte Sid, der mit Anzug und Krawatte auch um diese unchristliche Zeit wie aus dem Ei gepellt wirkte.

»Geht so«, gab ich zurück und massierte mir die Schläfen. Endlich zeigte der Automat ein Einsehen und vergab einen Becher des bitteren, dampfenden Gesöffs, das er in seinen Eingeweiden auf Temperatur hielt.

»Du siehst müde aus«, stellte Sid fest. »Arbeitest du an einem neuen Fall?«

»Ja«, erwiderte ich, noch immer ein wenig beschämt. »Das heißt, nein. Eigentlich ist es ein alter Fall. Aber die Sache lässt mir keine Ruhe.«

»Tja, so ist das manchmal.« Sid nahm einen Schluck aus dem dampfenden Becher. »Das ist es, was diese Zivilisten da draußen nie begreifen werden. G-man zu sein bedeutet mehr, als seinen Job von neun bis sechs runterzureißen. Es ist kein Beruf. Es ist eine Lebensaufgabe.«

»Wem sagst du das.« Ich verdrehte die Augen und wandte mich zum Gehen.

Sid war kein durch und durch unsympathischer Kerl, aber eine Konversation mit ihm war ungefähr so, als würde man mit der Dienstvorschrift diskutieren. Er war das Fleisch gewordene Regelwerk. Sein Anzug saß immer korrekt. Er rauchte nicht, trank nicht, und er war immer hundertprozentig bei der Sache. Sein Ehrgeiz kannte keine Grenzen, er war ein G-men par excellence – und doch war da etwas, das ihn von uns anderen unterschied.

Es war das Menschliche, das ihm fehlte. Er arbeitete so hart, weil er auf Teufel komm raus Karriere beim FBI machen wollte. Wir anderen G-men hingegen ermittelten teils rund um die Uhr, um Verbrechen zu verhindern. Weil wir den Menschen dort draußen helfen wollten. Denjenigen, die sich nicht selbst helfen und verteidigen können.

»Wenn du mich brauchst – du weißt ja, wo du mich findest!«, rief Sid mir nach.

Ich nickte nur und verschwand wieder im Archivraum. Die Sache war mir mehr als peinlich. Sid hatte über meine Bruce-Willis-Einlage kein Wort verloren, was fast noch schlimmer war, als wenn er mich laut ausgelacht hätte.

Ein schaler Nachgeschmack blieb zurück.

Nicht nur, weil ich mich vor einem Kollegen bis auf die Knochen blamiert hatte. Für einen Moment hatte ich tatsächlich geglaubt, im FBI-Gebäude beobachtet zu werden.

Ein mieses Gefühl …

***

Noch einen Augenblick stand Sid Lomax auf dem Flur, blickte auf die Tür, hinter der Jerry Cotton verschwunden war.

Er nahm einen Schluck von dem bitteren, heißen Gesöff, das der Automat schließlich ausgespuckt hatte. Dann ging er den Korridor entlang zurück zu seinem Büro. Obwohl er nach außen hin ruhig und gelassen wirkte, tobte in seinem Inneren ein Sturm von Gefühlen.

Er hatte es geahnt, die ganze Zeit über.

Er hatte gewusst, dass ein sturer Mistkerl wie Jerry Cotton die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen würde.

Sid Lomax kannte Jerry Cotton. Vielleicht kannte er ihn sogar besser als jeder andere Mensch, Phil Decker eingeschlossen.

In seiner Zeit an der FBI-Akademie von Quantico war Cotton für Sid ein leuchtendes Vorbild gewesen, das er stets bewundert und dem er nach Kräften nachgeeifert hatte. Als er später die Gelegenheit erhalten hatte, nach New York zu gehen und Jerry Cottons neuer Partner zu werden, war für ihn ein Traum in Erfüllung gegangen – doch schon allzu bald hatte sich gezeigt, dass Cotton nicht der Übermensch war, für den Sid ihn stets gehalten hatte. Dass er die Bewunderung nicht verdiente, die man ihm von allen Seiten entgegen brachte.2)

Nach Phil Deckers Rückkehr hatte Cotton seinen alten Partner zurück erhalten, und Sid war in die Wüste geschickt worden – versetzt zur Fahndungsabteilung, wo er den Bürohengst abgeben musste und Cotton und seinen dämlichen Freunden nicht gefährlich werden konnte.

Aber er, Sid Lomax, war nicht der Typ, der sich so einfach kaltstellen ließ!

Er hatte Vorsorge getroffen, hatte sich mit einer Macht verbündet, die die eines Jerry Cotton um Längen übertraf – und die ihm versprochen hatte, ihn einst an Cottons Stelle zu setzen. Alles, was er zu tun brauchte, war abzuwarten. Und seine neuen Freunde mit Informationen zu versorgen.

Missmutig ließ sich der G-man auf seinen Bürostuhl fallen und loggte sich erneut in das System ein. Mit Hilfe der neuen Zusatzprogramme war es ein Leichtes, den Archivrechner, auf dem Cotton arbeitete, zu überwachen und die Datenein- und -ausgänge zu sichten. Bestürzt hatte Sid erkennen müssen, dass Cotton noch immer im Anonymus-Fall ermittelte.

Obwohl der Fall schon längst zu den Akten gelegt worden war, hatte sich Cotton offenbar entschlossen, auf eigene Faust weiter zu forschen. Sid war sicher, dass dies seinen Freunden von der Domäne nicht gefallen würde.

In aller Eile rief er das E-Mail-Programm auf, das durch mehrfache Codierung gesichert war. Rasch hackte er eine Nachricht in die Tastatur, eine kurze Warnung, dass Cotton noch immer an dem Fall arbeitete. Wie viel er bereits herausgefunden hatte, konnte Sid zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht wissen, aber er würde es schon noch herausfinden.

Nachdem er die Nachricht eingetippt hatte, ließ er sie mehrfach codieren. Der Algorithmus, dem die Codierung folgte, war so ausgefeilt, dass sie so gut wie nicht zu entschlüsseln war. Selbst die Spezialistenteams aus Langley würden sich daran die Zähne ausbeißen. Anschließend drückte Sid auf ›Senden‹. Mit dem nächstbesten Datentransfer, der das FBI-System verließ, würde die E-Mail sozusagen huckepack verschickt werden.

Keine Spuren. Es war nicht mal mehr nachzuweisen, dass diese E-Mail überhaupt abgeschickt worden war …

***

Die Bremsen des Zuges quietschten leise, als das gewaltige, dunkle Gefährt seine Fahrt verlangsamte.

Die Schienen, über die der Geisterzug rollte, lagen wie ein Gerippe auf dem dunklen Schotter. Die gedrungenen, heruntergekommenen Gebäude der alten Verladestation waren im verblassenden Mondlicht zu erkennen.

Träge kam das massige Gefährt zum Stillstand.

»Destination erreicht«, meldete der Pilot schnarrend.

Epsilon 4 nickte. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. »Zero«, sagte er leise in das Helmmikrofon, »es geht los!«

Auf einem der Monitore, die in die Seitenwände des Führerstandes integriert waren, sah der Epsilon, wie sich eines der Außenschotts öffnete. Bewaffnete in schwarzen Kampfanzügen setzten hinaus, um die Gegend zu prüfen und zu sichern. Die Domäne konnte keine neugierigen Beobachter gebrauchen. In dieser Phase der Mission war es wichtig, dass alles genau nach Plan verlief.

Der Spürtrupp meldete per Funk, dass die Gegend sauber sei.

Ein Lächeln umspielte die Züge des Epsilon. Gut so. Je früher sie ihre Ladung ablieferten, desto früher würden sie auch wieder verschwinden können.

Drüben, am Rand der Schienenstränge, wo die Ruinen eines alten Abfertigungsgebäudes aufragten, flammten plötzlich grelle Scheinwerfer auf.

Ein Lieferwagen näherte sich.

Das Gefährt war schwarz lackiert und trug keinerlei Kennung. Die Fenster waren verspiegelt, so dass man unmöglich sehen konnte, wer am Steuer saß. Ein Phantomfahrzeug, wie der Zug selbst eines war …

Der Van ließ die Ruinen des Abfertigungsgebäudes hinter sich, kam in raschem Tempo heran. Über Funk erhielt der Waffenleitstand des Zuges die Codemeldung. Hätten die Insassen des Vans einen falschen oder unvollständigen Code gesendet, die Zwillingsgeschütze, die auf den Dächern der Waggons montiert waren, hätten den Lieferwagen ohne Zögern in Schrott zerballert.

Das Risiko war groß. Vorsicht war oberstes Gebot.

Der Pilot bestätigte, dass die Codeübermittlung korrekt erfolgt war. Der Van verlangsamte seine Fahrt, kam unmittelbar neben dem Zug zum Stehen.

Perfektes Timing.

»Achtung, Zero-Team«, sagte der Epsilon-Kommandant ins Mikro seines Helmes, während er auf seine Armbanduhr blickte. »Noch drei Sekunden bis Einsatz. Noch zwei … eins … jetzt

Der Trupp schwarz vermummter Gestalten, die in dem schmalen Korridor des Waggons gewartet hatten, setzte sich in Bewegung.

Auch die Türen des Vans öffneten sich, und weitere Bewaffnete stiegen aus, die ebenso gekleidet waren wie die Männer aus dem Zug. Auch sie trugen Splitterschutzwesten und Helme mit Nachtvisier, so dass ihre Gesichter nicht zu erkennen waren.

Das Zero-Team verließ den Zug und führte die ›Ware‹ mit sich. In einem länglichen Kasten, in Größe und Form einem Sarg nicht unähnlich.

Die Aktion lief ganz nach Plan.

Von ihren Kameraden gesichert, brachten die Träger ihre Ladung im Laufschritt zu dem wartenden Van. Der längliche Kasten wurde von der Hecköffnung des Fahrzeugs verschlungen, und im nächsten Augenblick war die Aktion beendet.

Epsilon 4 atmete auf. Er gab seinen Leuten Befehl zum Rückzug, und innerhalb von Sekunden verwandelte sich der alte Güterbahnhof wieder in jene menschenleere Ruinenlandschaft, die er noch vor wenigen Minuten gewesen war. Der Van verschwand im Dunkel der Nacht, und auch der Zug nahm wieder Fahrt auf, verschmolz mit der finsteren Schwärze.

Epsilon 4 nickte zufrieden.

Dann wählte er die Verbindung zur Zentrale.

»Transfer war erfolgreich«, meldete er leise. »Ich wiederhole: Transfer war erfolgreich …«

***

Am nächsten Morgen saßen wir in den weichen Sitzen des alten Dodge, den wir uns aus dem FBI-Fuhrpark geliehen hatten.

Erst gegen Morgen hatte ich mir zwei Stunden Schlaf gegönnt, die ich mit dem Kopf auf der Tischplatte meines Schreibtisches absolviert hatte. Entsprechend müde und abgekämpft sah ich aus. Und ich fühlte mich auch so.

Phil erging es nicht besser, obwohl er ein paar Stunden mehr geschlafen hatte. Doch mein Partner machte den Eindruck, als hätte er unter einer der zugigen Brücken des nördlichen Distrikts gepennt. Seine Haare standen wirr von seinem Kopf, unter seinen Augen hatten sich tiefe Ränder gegraben.

»Verdammt«, stöhnte Phil und rieb sich die Schläfen. »Eine Observierung. Ausgerechnet. Konnte sich Big Daddy nicht was Besseres für uns einfallen lassen?«

»Weiß nicht, Alter«, gab ich zurück. »Hab ihn nicht gefragt. Alles, was ich weiß, ist, dass wir diese Miss Stevens überwachen sollen.«

»Stella Stevens«, überflog Phil das Datenblatt, das uns die Fahndungsabteilung zusammengestellt hatte. »Sekretärin bei Darcy and Sons …«

»Und nicht nur das«, fügte ich hinzu, während ich das große Bürohaus im Auge behielt, das auf der anderen Straßenseite wie ein gewaltiger marmorner Turm aufragte. »Den Informationen der Fahndung zufolge soll sie ein Verhältnis mit Luigi Strazzo haben.«

»Luigi Strazzo?« Phil hob die Brauen. »Dem Luigi Strazzo?«

»Wie viele davon gibt’s denn wohl?«, fragte ich zurück. »Unsere Aufgabe ist es herauszufinden, ob Stella tatsächlich was mit Strazzo hat. Wenn ja, könnte sie vielleicht eine wertvolle Zeugin sein, wenn unsere Leute Strazzo hochnehmen.«

»Eine mutmaßliche Mafia-Gangsterbraut«, stöhnte Phil. »Das hat mir an diesem Morgen noch gefehlt.«

»Ganz ehrlich, Partner«, sagte ich. »Du siehst beschissen aus.«

»Danke für die Blumen«, versetzte Phil. »Aber es war schließlich nicht meine Idee, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen auf der Suche nach einem geheimnisvollen Geisterzug.«

»Schon gut.« Ich winkte seufzend ab. »Vielleicht hast du Recht. Vielleicht habe ich mich da in etwas verrannt und wir jagen wirklich nur einem Phantom hinterher. Trotzdem – was ich da letzte Nacht herausgefunden habe, lässt mir keine Ruhe. Wieso dieser plötzliche Anstieg von Vermisstenmeldungen? Und wieso diese Konzentration auf die soziale Oberschicht?«

»Was weiß ich?« Phil zuckte mit den Schultern. »Vielleicht sind Amerikas obere Zehntausend einfach ein bisschen exzentrisch geworden. Vielleicht verspüren diese Leute ab und zu den zwanghaften Drang, ihre Familien sitzen zu lassen und ein paar Tage auf Dolce Vita zu machen. Wer weiß, wie viele verwöhnte College-Girls in deiner Statistik aufgetaucht sind, die für ein paar Tage mit Freunden nach Palm Springs gefahren sind, ohne vorher Bescheid zu sagen. In jedem Fall sehe ich nicht, was diese Sache mit den Anonymus-Morden zu tun haben soll. Oder mit deinem Geisterzug.«

»Ich auch nicht, Alter«, gab ich zu. »Es ist nur so, dass mir das alles ziemlich merkwürdig vorkommt. Mein Instinkt sagt mir, dass mehr dahinter steckt und dass das alles kein Zufall ist. Was, wenn …?«

Ich setzte zu einer neuen Spekulation an, die ich den Morgen über in meinem übermüdeten Hirn ausgebrütet hatte, doch mein Partner hob die Hand und brachte mich damit zum Schweigen.

»Schhhh«, machte Phil. »Heb dir das für heute Abend auf, Jerry – wir kriegen Besuch.«

Ich wandte mich um, blickte zur anderen Straßenseite hinüber  – und sah eine junge Frau von vielleicht 25 Jahren durch das gläserne Portal des Bürogebäudes treten. Sie war schlank und hatte langes rotblondes Haar, das sie hochgesteckt hatte. Eine Brille mit großen Gläsern thronte in ihrem hübschen Gesicht, und eine beachtliche Oberweite wogte sichtlich ungehemmt unter ihrer weißen Bluse.

»Das ist sie«, stellte Phil mit Blick auf die Fotos fest, die wir von der Fahndung hatten. »Stella Stevens. Mensch, Jerry – sieh dir das Mädel an! Ich bin dafür, dass wir für unser Büro auch eine Schreibkraft beantragen!«

»Schwerenöter«, knurrte ich und ließ den Motor an. »Wollen doch mal sehen, wo die gute Stelle ihre Mittagspause verbringt …«

Die junge Frau trat an den Straßenrand und hob den rechten Arm. Bei ihrer Figur musste sie nicht lange warten, bis ein Taxi anhielt. Rasch stieg sie in das Cab, das mit dem fließenden Verkehr davonrollte. Ich setzte den Blinker und heftete mich ans Heck des gelben Gefährts.

»Mittagszeit«, kommentierte Phil missbilligend den dichten Verkehr. »Ich hoffe, die gute Stella macht das nicht mit Absicht.«

»Keine Sorge«, versicherte ich. »Sie wird uns nicht entwischen. Wenn unsere Informationen stimmen, wird sie versuchen, sich mit Strazzo oder einem seiner Mittelsmänner zu treffen. Die Fahndung vermutet, dass Miss Stevens Informationen aus der Anwaltskanzlei an Strazzos Syndikat verscherbelt.«

»Tz-tz-tz«, meinte Phil enttäuscht. »Und ich hatte geglaubt, aus der Kleinen und mir könnte was werden.«

»Sie wollen ihr Straffreiheit zusichern für den Fall, dass sie gegen Strazzo aussagt. Aber dazu brauchen wir erst mal stichhaltige Beweise, mit denen wir die Lady unter Druck setzen können.«

»Also dann«, meinte Phil und bemühte sich, Stellas Taxi inmitten des wogenden Verkehrs der Third Avenue auszumachen – was alles andere als einfach war.

Natürlich war Stellas Cab nicht das einzige, das um diese Zeit in Downtown unterwegs war. An buchstäblich jeder Kreuzung gesellten sich weitere Taxis hinzu, die wie ein Ei dem anderen glichen. Andere hingegen bogen ab und verschwanden. Dennoch behielt ich das Fahrzeug, in das die Sekretärin mit der prächtigen Oberweite und den kriminellen Ambitionen gestiegen war, unbeirrt im Auge, folgte ihm über mehrere Kreuzungen.

Dann kam das, wovor sich alle New Yorker fürchten.

Traffic Jam.

Wir steckten fest, irgendwo zwischen der 66. und der 57. Straße. Es war einer jener Infarkte, die die Straßen der Innenstadt von Zeit zu Zeit ereilen und in denen es kein Vorwärtskommen mehr gibt.

»Wunderbar«, kommentierte Phil. »Dann mach ich solange die Augen zu und hole was an Schlaf nach.«

»Nichts da!«, widersprach ich. »Du passt gefälligst mit auf!«

Unser einziger Trost war, dass Stellas Cab ebenso festsaß wie wir.

Uns blieb nichts anderes, als die Hände aufs Armaturenbrett zu legen und zu warten. Endlose, bohrende Minuten – in denen ich nicht verhindern konnte, dass meine Gedanken erneut auf Wanderschaft gingen.

Sie gingen zurück zum Mord an Lewis Cronister, kreisten dann um den Phantom-Express, den es vielleicht gar nicht gab. Und um die Vermisstenmeldungen, die keine gewesen waren. Viele Dinge, die auf den ersten Blick scheinbar keinen Sinn ergaben – und das war auch schon die einzige Gemeinsamkeit.

Ich blickte aus dem Seitenfenster, schaute mich inmitten der gewaltigen Blechlawine um, die die Third Avenue verstopfte. Fahrradkuriere und Cops der berittenen Polizei waren die einzigen, für die es noch ein Vorankommen gab. Geschickt schlängelten sie sich zwischen den stehenden Fahrzeugen hindurch, von denen eine stinkende, wabernde Abgaswolke aufstieg.

Ich schaute an den Fassaden der Häuser empor zum bewölkten Himmel, der sich langsam grau einzufärben begann – und sog scharf die Luft ein, weil ich plötzlich etwas erblickte!

»Mein Gott!«, entfuhr es mir.

Phil fuhr herum. »Was ist?«, fragte er.

»Da«, sagte ich nur und deutete aus dem Fenster.

»Was meinst du? Die Reklametafel?« Mein Partner sandte mir einen verwirrten Blick, konnte meine Faszination offenbar nicht teilen.

»Allerdings«, bestätigte ich, während ich noch immer wie verzaubert auf das große Billboard blickte, das an einem der Geschäftshäuser aufragte.

Eine große Werbeanzeige der Continental Pacific Railways war darauf zu sehen, einer privaten Eisenbahngesellschaft, die ein ausgedehntes Coast-to-Coast-Streckennetz unterhielt. Auf einer Grafik, die eine Skizze der Vereinigten Staaten darstellte, war das Schienennetz der CPR verzeichnet.

Und der Anblick erinnerte mich spontan an die Computergrafik von letzter Nacht.

»Das ist es, Phil«, murmelte ich, während auf seltsame Art und Weise manches Sinn zu ergeben begann. »Das ist die Verbindung, nach der wir gesucht haben.«

»Verbindung?«, fragte Phil verwirrt. »Was für eine Verbindung? Eine Zugverbindung, oder was?«

»Zwischen den Mordfällen und dem Phantomexpress«, gab ich zurück. »Das ist die Lösung. Die Mörder benutzen die Eisenbahn.«

»Die Eisenbahn?« Mein Partner schaute mich an, als hätte ich den Verstand verloren.

»Das Schienennetz, um genau zu sein«, erläuterte ich. »Sie benutzen es für ihre Zwecke.«

Ich konnte sehen, wie sich etwas in Phils Gesicht verkrampfte, während er wie gebannt durch die Windschutzscheibe starrte.

»Okay«, knurrte er. »Hör mal, Jerry – ich weiß nicht, was für ein Geistesblitz dir da grade gekommen ist. Aber jetzt sollten wir uns lieber um Stella Stevens kümmern. Denn der Kerl, der da gerade aussteigt, hat keine so langen Beine, und von einer Oberweite kann auch keine Rede sein.«

»Was?«

Ich blickte in die Richtung, die Phil mir bedeutete, sah das Taxi, das wenige Wagen vor uns stand und das wir für das von Stella Stevens gehalten hatten. Doch der hagere, rothaarige Mann im Anzug, der entnervt ausstieg, um seinen Weg zu Fuß fortzusetzen, war definitiv nicht Stella Stevens.

»Mist!«, stieß Phil hervor. »Wir sind dem falschen Taxi gefolgt!«

Mein Partner löste seinen Gurt und stieg aus dem Wagen. Ich tat es ihm gleich. Dass sich der Stau in den nächsten Minuten auflöste, war ohnehin sehr unwahrscheinlich. Wir blickten uns um und versuchten, irgendwo inmitten des Chaos aus buntem Blech und blitzendem Chrom das Cab auszumachen, das Stella Stevens benutzt hatte.

Fehlanzeige.

Nachdem wir uns mehrere Minuten lang vergeblich umgeblickt und sogar die Reihen der Fahrzeuge abgeschritten hatten, mussten wir uns resigniert eingestehen, dass uns die Zielperson entkommen war.

Offenbar waren wir einfach zu unaufmerksam gewesen, und Stellas Cab war uns in der Hektik des mittäglichen Verkehrs entwischt. Oder aber – und diese Möglichkeit behagte mir noch weit weniger – die junge Frau hatte bemerkt, dass wir ihr folgten und uns eiskalt abgehängt.

So oder so – es war niederschmetternd …

»Kaltgestellt«, schnaubte Phil und ließ sich wütend auf den Beifahrersitz fallen. »Wie blutige Anfänger! Dieses Mädel hat uns abserviert, als wären wir G-men im ersten Jahr!«

»Das wissen wir nicht«, gab ich zu bedenken. »Vielleicht war es auch nur Zufall, dass sie uns entwischt ist.«

»So, meinst du?« Phil blickte mich herausfordernd an. »So oder so, Jerry – mir gefällt keine dieser beiden Möglichkeiten. Ich sag’s nicht gern, aber wir haben schon mal bessere Arbeit geleistet.«

»Zweifellos«, gab ich seufzend zu.

»Ich wette, das wäre nicht passiert, wenn wir mit unseren Gedanken bei der Sache gewesen wären. Wenn wir nicht versuchen würden, in zwei Fällen gleichzeitig zu ermitteln.«

»Was willst du damit sagen?«

»Ganz einfach – wer mit zu vielen Bällen jongliert, kann sie irgendwann vom Boden auflesen. Das lernt man in Quantico im ersten Jahr!«

Ich holte tief Luft, um meinem Partner eine geharnischte Erwiderung an den Kopf zu werfen – aber ich ließ es bleiben. Denn trotz meines Ärgers darüber, dass uns Stella entwischt war, drang in mir die Erkenntnis durch, dass Phil Recht hatte.

Ich hatte mich ablenken lassen und war unaufmerksam gewesen. Eine Todsünde für einen G-man.

»Ich weiß, Alter«, murmelte ich zerknirscht. »Es tut mir leid.«

»Schon gut«, brummte Phil. »Du solltest nur aufpassen, dass dieser Phantom-Fall nicht zur fixen Idee für dich wird. Zu viel persönliches Engagement ist nicht gut, das weißt du. So etwas hat schon anderen G-men das Genick gebrochen.«

»Ich weiß«, sagte ich wieder.

»Schön.« Phil nickte, deutete mit dem Kinn hinaus auf die Straße, wo sich der Stau langsam wieder aufzulösen begann. »Dann lass uns zurück ins Office fahren. Schätze, Big Daddy wird nicht gerade begeistert sein, wenn er das hier erfährt …«

***

Ein breites, fieses Lächeln glitt über Sid Lomax’ sonst so beherrschte Züge.

Der G-man, der allein im Büro der Fahndungsabteilung saß, hatte alles mitbekommen, hatte jedes einzelne Wort des Gesprächs zwischen Jerry Cotton und Phil Decker mit angehört.

Lomax war zufrieden, gratulierte sich selbst.

Es war eine brillante Idee gewesen, den Dienstwagen mit einer Abhöranlage auszustatten. Welcher G-man kommt schon auf die Idee, in einem FBI-Fahrzeug nach Wanzen zu suchen?

Als das Telefon auf seinem Schreibtisch anschlug, zuckte Lomax leicht zusammen. Vorsichtig schielte er nach der Tür des Büros, stellte erleichtert fest, dass sie geschlossen war. Dann griff er rasch nach dem Hörer.

»Hallo?«, meldetet er sich.

»Mr. Lomax«, sagte eine elektronisch verzerrte Stimme. »Haben Sie Neuigkeiten für uns?«

»Und ob«, versicherte Sid halblaut. Er wusste, dass der Anruf nicht über die FBI-Zentrale zurückverfolgt werden konnte, aber ein wenig Vorsicht konnte dennoch nicht schaden.

»Das Manöver war also erfolgreich?«

»Allerdings. Cotton und Decker haben den Köder geschluckt und keinen Verdacht geschöpft. Vor wenigen Minuten haben sie die Zielperson verloren.«

»Gut so. Wir können nicht dulden, dass die beiden weiter in der Anonymus-Sache herumstochern. Also werden wir versuchen, sie auf diese Weise bei ihren Vorgesetzten in Misskredit zu bringen. Ein toter G-man verursacht überall Aufsehen. Ein inkompetenter G-man hingegen verschwindet in der Versenkung.«

»Ein guter Plan«, lobt Sid. »Cotton versinkt in der Bedeutungslosigkeit, und ich werde seinen Platz einnehmen.«

»So ist es gedacht, Mr. Lomax. Wenn Sie sich auch weiterhin so kooperativ zeigen, haben wir mit Ihnen noch viel vor.«

»Sie können sich auf mich verlassen«, versicherte Sid. »Was soll ich als Nächstes tun?«

»Cottons wichtigste Stütze beim FBI ist John D. High, der SAC des New Yorker Büros. Diese muss ihm um jeden Preis genommen werden.«

»Wie soll ich das anstellen?«, fragte Sid. »High ist praktisch Cottons Ziehvater. Die beiden halten zusammen wie Pech und Schwefel.«

»Steter Tropfen höhlt den Stein«, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. »Bringen Sie Cotton bei High in Misskredit. Schwärzen Sie ihn an. Machen Sie ihn unglaubwürdig. Und dann, ganz langsam, treten sie an seine Stelle.«

»Verstanden«, bestätigte Sid – während sich ein ganzes Panoptikum neuer Möglichkeiten vor seinem geistigen Auge auszubreiten begann. »Ich werde mein Bestes geben«, versicherte er grinsend.

»Das weiß ich – und Sie werden jetzt damit anfangen!«

Am Ende der Leitung klickte es. Der Anrufer hatte aufgelegt.

Sid machte sich keine Sorgen mehr darüber, dass der Anruf entdeckt werden könnte. Er hatte keine Ahnung, wie die Domäne es anstellte, aber offensichtlich verfügte sie über die Möglichkeiten, selbst das Computersystem des FBI zu manipulieren.

Einen Augenblick lang saß der G-man unbewegt, überlegte, was er als Nächstes tun sollte.

Dann griff er zum Telefon, wählte eine Nummer.

»Büro von John D. High«, meldete sich die helle Stimme von Helen, Highs Sekretärin.

»Hallo, Kollegin«, grüßte Sid ölig. »Hättest du die Freundlichkeit, mich zu Mr. High durchzustellen? Danke …«

***

Als wir das Vorzimmer zu Mr. Highs Office betraten, konnten wir förmlich spüren, dass dicke Luft herrschte. Ein Gefühl, dass wir so noch nie empfunden hatten, wenn wir auf dem Weg zu unserem Vorgesetzten waren. Helen sandte uns einen fast warnenden Blick.

»Heute gibt’s wohl keinen köstlichen Kaffee, was?«, fragte Phil, um die Situation zu überspielen.

»Er würde dir nicht schmecken, Phil«, sagte Helen. »Ich glaube, diesmal habt ihr Mist gebaut.«

»Ja, das haben wir«, brummte ich.

»Der Chef erwartet euch bereits.«

Phil und ich holten tief Luft – und traten ein.

Ins Büro des Chefs zu schleichen und ein Versagen zu beichten, war ein niederschmetternder Akt. Mr. High brachte für vieles Verständnis auf, das wusste ich, trotzdem fühlte ich mich diesmal ziemlich unwohl in meiner Haut, und ich wusste, dass es Phil ebenso ging. Vor allem war es das miese Gefühl, Mr. High zu enttäuschen, der doch immer so große Stücke auf uns hielt und uns in schwierigen Zeiten auch mal den Rücken freihielt, weil er wusste, dass er sich immer voll und ganz auf uns verlassen konnte.

Immer? Nein, diesmal nicht. Diesmal hatten wir daneben gegriffen.

»Ah, Jerry und Phil, da sind Sie ja«, grüßte uns John D. High.

Zu meiner Überraschung war er nicht allein.

Sid Lomax war bei ihm – und an der Art, wie Sid uns ansah, erkannte ich, dass er mit High über uns gesprochen hatten.

»Sir. Sid.« Ich nickte den beiden zu.

»Danke, Agent Lomax«, wandte sich Mr. High an Sid. »Ihre Informationen waren für mich sehr … aufschlussreich.«

»Ich habe nur meine Pflicht getan, Sir. Wenn ich helfen kann …« Er nickte uns allen zum Abschied zu und wandte sich dann zum Gehen. Der Blick, den er Phil und mir dabei zuwarf, war undeutbar. Oder lag tatsächlich etwas Abweisendes, Feindseliges darin?

»Setzen Sie sich, meine Herren«, forderte uns Mr. High auf, nachdem Sid das Büro verlassen hatte.

Phil und ich nahmen auf den Besucherstühlen Platz.

»Berichten Sie, Jerry«, bat Mr. High mit ruhiger Stimme – und ich lieferte einen knappen Bericht der unrühmlichen Ereignisse. Ich erzählte von Stella Stevens, vom Traffic Jam, der uns überrascht hatte, und vom plötzlichen Verschwinden der potentiellen Zeugin.

»Nun ja«, meinte Mr. High, nachdem ich meinen Bericht beendet hatte. »Wir wollen hoffen, dass Miss Stevens keinen Verdacht geschöpft hat. Unsere Fahndungsabteilung hat viel Zeit und Mühe in diesen Fall investiert. Wenn Stella Stevens als Zeugin ausfällt, sehen wir keine Chance, Luigi Strazzo vor Gericht zu bringen.«

»Das ist mir klar, Sir«, erwiderte ich. »Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie das passieren konnte. Die Zielperson war auf einmal verschwunden. Spurlos.«

»Jerry«, sagte Mr. High, »ich kenne Sie und Phil zu lange, um nicht zu wissen, dass Sie beide ausgezeichnete G-men sind. Ein Versagen wie dieses passt nicht zu Ihnen, da muss ich ehrlich sein. Was mir zudem Kopfzerbrechen bereitet, ist Ihr beider Zustand.«

»Unser Zustand?« Ich tauschte mit Phil einen verblüfften Blick. »Wie darf ich das verstehen, Sir?«

»Nun, Jerry – Agent Lomax hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Sie beide sehr abgespannt wirken und vielleicht überarbeitet sind.«

»Sid hat das gesagt?«, fragte ich nach. »Deswegen war er also hier!«

»Besten Dank auch, Herr Kollege«, kommentierte Phil.

»Sie sollten das nicht falsch verstehen, Jerry und Phil. Agent Lomax war lediglich um Ihr Wohlergehen besorgt.«

»Um unser Wohlergehen?«, fragte Phil spitz. »Es geht ihm doch nur darum, seinen verdammten Fall schnell zu lösen, damit ihm irgendwer ’nen Orden an die Brust heftet, den miesen Streber!«

»Phil, es ist ihm kaum zu verübeln, dass er den Strazzo-Fall unbedingt lösen will. Wie ich schon sagte, hat seine Abteilung viel Zeit und Mühe darin investiert, und es ist seine Chance, sich in diesem Büro durch einen echten Erfolg zu bewähren.«

»Ich verstehe«, sagte ich. »Man wirf uns vor, dass wir die Ermittlungen einer anderen Abteilung zunichte machen, weil wir nicht aufgepasst haben.«

Mr. High musterte mich. »Wäre dieser Vorwurf denn falsch, Jerry?«

»Wie meinen Sie das, Sir?«

»Sie sehen tatsächlich überarbeitet aus, Jerry. Und Sie auch, Phil. Agent Lomax sagt auch, dass Sie die vergangene Nacht im FBI-Gebäude verbracht hätten. Wie er sagte, seien Sie mit dringenden Ermittlungen beschäftigt gewesen.«

»Das ist richtig, Sir«, bestätigte ich.

»Was sind das für Ermittlungen, Jerry? Mir liegt nichts über einen akuten Fall vor, den Sie gerade bearbeiten. Was haben Sie letzte Nacht im Archivraum getan?«

»Sir, ich …«

Mr. High hob die Hand und zeigte ein mildes Lächeln. »Sie brauchen sich nicht dafür zu rechtfertigen, Jerry. Und ich möchte Sie auch nicht in Verlegenheit oder in Erklärungsnotstand bringen, deshalb lege ich die Karten offen auf den Tisch. Agent Lomax glaubt, dass Sie den Anonymus-Fall neu aufgerollt haben.«

»So«, schnaubte ich, »tut er das?«

»Ja«, bestätigte Mr. High. »Offenbar haben Sie ihm gegenüber eine Andeutung gemacht.«

»Ja, Sir«, sagte ich.

»Mh«, machte Mr. High, dann sagte er sehr ernst: »Jerry, einen zu den Akten gelegten Fall ohne konkreten Grund neu aufzurollen, kann Ihnen großen Ärger mit der Dienstaufsicht einbringen bis hin zu einem Verfahren wegen Insubordination. Das wissen Sie.«

»Ja, ich weiß, Sir«, gab ich zurück.

»Warum haben Sie mich nicht wenigstens darüber in Kenntnis gesetzt, Jerry?«

»Wir hatten gute Gründe, Sie nicht über unser Vorgehen zu informieren«, antwortete Phil für mich.

Mr. High hob die Brauen. »Ich bin gespannt, Gentlemen.«

»Ich bekam einen Hinweis, der es in meinen Augen rechtfertigte, den Anonymus-Fall noch einmal neu zu betrachten«, erklärte ich. »Vor einem Untersuchungsausschuss hätten diese neuen Anhaltspunkte jedoch niemals bestehen können.«

»Ich bin kein Untersuchungsausschuss«, sagte Mr. High, »und auch nicht nur Ihr Vorgesetzter.«

… sondern auch Ihr Freund – das wollte Mr. High sagen, und er brauchte es nicht auszusprechen, denn wir wussten es.

»Eben deshalb, Sir«, sagte Phil. »Wir wollten nicht, dass Sie sich verantworten müssen, falls wir uns irren.«

Mr. High holte tief Luft, musterte uns beide eingehend. Verdammt – die Situation war völlig verfahren.

Hätten wir eine konkrete Spur vorzuweisen gehabt, es hätte alles anders ausgesehen. So aber standen wir mit leeren Händen da. Was hätte ich Mr. High erzählen sollen? Dass wir einem Phantomzug nachjagten, den es vielleicht nicht mal gab? Dass eine Reklametafel unser aktuellster Hinweis war?

Es war niederschmetternd – und auf einen Schlag ging mir die Sinnlosigkeit meines Handelns auf.

Was hatte ich geglaubt zu erreichen?

»Ich weiß, dass Sie mich nicht hintergehen wollten, Jerry und Phil«, sagte Mr. High mit ungewohnt harter Stimme. »Aber ich kann auch nicht durchgehen lassen, dass Sie auf eigene Faust Ermittlungen aufnehmen und dadurch offizielle FBI-Missionen ins Hintertreffen geraten. Sie sind für den Rest der Woche beurlaubt, alle beide!«

»Aber Sir, wir …«

Mr. Highs gestrenger Blick brachte Phil zum Schweigen.

»Montag Morgen erwarte ich Sie beide wieder zum Dienst – in alter Form und Frische!«, befahl Mr. High. Und dann fügte er mit ruhiger Stimme hinzu: »Was Sie mit dem Rest der Woche anfangen, ist Ihre Sache. Machen Sie Urlaub. Fahren Sie in die Berge. Nehmen Sie sich ein paar alte Fälle mit nach Hause und gehen Sie die noch mal durch, wenn das Sie entspannt.« Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. »Sie beide sind zwei erstklassige Agenten, und Sie beide haben auch einen guten Instinkt. Ich hoffe, dass Sie sich bis Montag Gewissheit darüber verschafft haben, was den Anoymus-Fall betrifft, und Sie sich dann wieder voll und ganz auf aktuelle Ermittlungen konzentrieren können.«

Phil und ich müssen wohl beide übers ganze Gesicht gegrinst haben. Es ehrte uns sehr, das große Vertrauen, dass uns Mr. High entgegenbrachte.

»Danke, Sir«,

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Jerry Cotton Special - Sammelband 1" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen