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Jerry Cotton - Folge 3100

Im Netz der Intrigen

»Hallo!«

Der Schrei verhallte ungehört. Die junge Frau ließ den Kopf sinken und schluchzte. Plötzlich sprang sie auf, umklammerte die Gitterstäbe und schrie erneut. »Hallo, hört mich denn keiner? Hallo!« Dann brach sie auf der Pritsche, die an die Wand geschraubt war, zusammen.

»Hallo, Jenny«, ertönte eine sanfte männliche Stimme aus einem nicht sichtbaren Lautsprecher. »Beruhige dich doch. Es hat keinen Sinn, wenn du schreist. Damit änderst du nichts.«

Die junge Frau hob den Kopf in die Richtung, aus der sie die Stimme zu hören glaubte. Tränen flossen über ihr Gesicht. »Du Schwein, du elendes Schwein …«

»Nicht doch, kleine Jenny. Nichts ist so schlimm, als dass es nicht noch schlimmer werden könnte.« Und jetzt schwang Häme in der Stimme mit.

Urlaub, was für ein wunderbares Wort. Phil und ich hatten es tatsächlich geschafft, zwei Wochen von unserem Job in Washington wegzukommen: er auf Hawaii und ich in Oregon. Er lag jetzt wahrscheinlich am Strand, gönnte sich einen Cocktail und wartete auf den Sonnenuntergang. Ich hatte es nicht ganz so gemütlich, aber beschweren konnte ich mich auch nicht.

Seit vier Tagen befand ich mich auf einer Hiking-Tour im Bereich des Upper Klamath Lake in den Rocky Mountains. Wir waren eine Gruppe von zehn Leuten und zwei Führern, die durch die einsame Bergwelt wanderte und in einfachen Hütten übernachtete.

Handys waren zwar nicht verboten, aber nutzlos, denn es gab schon nach wenigen Stunden unseres ersten Tages keinen Empfang mehr. Natürlich verfügten unsere Begleiter über ein Satellitentelefon, aber nur im äußersten Notfall, wie sie bei der Einweisung mit Bestimmtheit erklärt hatten. Keiner der Gruppe hatte widersprochen. Genau aus diesem Grund waren wir ja hier: um die Natur zu genießen und zehn Tage lang mal nichts mit der Welt zu tun zu haben.

Für heute hatten wir unser Tagespensum von knapp zwanzig Meilen erfüllt und saßen jetzt vor der Blockhütte, in der wir übernachten würden. Gerald, unser Guide, war dabei, in der Feuerstelle das Campfire in Gang zu bringen, während Bill, so etwas wie das »Mädchen für alles«, damit beschäftigt war, das Abendessen zuzubereiten.

Unsere Gruppe hatte sich zerstreut, um ein bisschen Privatsphäre zu haben. Ich war zum Bach hinuntergegangen, hatte mich ans Ufer auf einen Baumstamm gesetzt und genoss die Abendsonne. Über dem Wasser tanzten die Mücken. Sie waren die einzige Plage, die den Trip manchmal etwas unangenehm werden ließ, aber auch dagegen gab es Mittel.

Nach dem Abendessen saßen wir bei Kaffee noch um das Campfire herum, betrachteten die flackernden Flammen, und die Pausen im Gespräch wurden immer länger, bis sich die Ersten zum Schlafen verabschiedeten. Zurück blieben Linda und ich.

»Trinkst du auch noch einen Kaffee, Jerry?«

Ich dachte kurz nach und reichte ihr dann meinen Becher. Sie ging mit den beiden Bechern hinüber zum Tisch, füllte Kaffeepulver hinein, nahm den Wasserkessel vom Rost über der Glut und goss kochendes Wasser über das Pulver.

Linda war eine Computertechnikerin aus New Orleans mit kreolischem Einschlag und einem leichten Südstaaten-Singsang in der Stimme. Es hatte sich irgendwie ergeben, dass wir zusammengefunden hatten. Nicht unwahrscheinlich, wenn man den Rest der Gruppe betrachtete: vier Paare, von denen sich zwei kannten und schon einige Hiking-Treks zusammen unternommen hatten.

Ich hatte auf dem Anmeldeformular angegeben, beim Innenministerium in Washington in der Vermögensverwaltung angestellt zu sein. Es schien mir nicht angeraten, als FBI-Agent oder gar Inspektor aufzutreten, obwohl die meisten wohl gar nicht wussten, dass es so etwas gab.

Linda reichte mir meine Tasse und setzte sich neben mich auf den grob behauenen Baumstamm am Lagerfeuer. Ich spürte deutlich ihre Körperwärme in der jetzt schon kühlen Septembernacht, und das Lagerfeuer war inzwischen so weit heruntergebrannt, dass es kaum noch Wärme abgab.

»Das ist aber meine letzte Tasse«, sagte ich, »sonst kann ich die ganze Nacht kein Auge zutun.« Ich blies auf die heiße Flüssigkeit und nippte daran. Linda hatte nicht mit Kaffeepulver gespart.

»Meinst du nicht, dass es vielleicht etwas gibt, für das wachzubleiben sich lohnen würde?«, flüsterte Linda dicht an meinem Ohr. Ihre Augen in dem hellbraunen Gesicht glänzten.

Ich war nicht überrascht, als sich ihr Arm unter den meinen schob.

»Ganz bestimmt«, gab ich ebenso leise zurück und stellte meinen Kaffeebecher neben mich auf den Boden. »Und ich glaube nicht, dass du dabei an die nächtlichen Aktivitäten der Waschbären denkst.«

Sie legte den anderen Arm um meinen Nacken und drehte sich zu mir. »Nein.«

***

Wir saßen am anderen Morgen an dem roh gezimmerten Tisch vor der Hütte beim Frühstück, hatten unsere Rucksäcke schon wieder gepackt und waren in bester Aufbruchsstimmung. Linda und ich hatten entschieden, die anderen so gut wie irgend möglich aus dem, was uns betraf, herauszuhalten. Aber vielleicht waren dadurch die offensichtlichen Gesten zwischen uns auch nur noch deutlicher.

Eigentlich konnte es uns ja egal sein. Wir waren erwachsen, ungebunden und konnten machen, was wir wollten, aber wir wollten es nicht übertreiben.

Als das Frühstück beendet war, kam Gerald mit einem schwer zu deutenden Gesichtsausdruck, der aber nichts Gutes verhieß, auf mich zu.

»Jerry, kann ich dich mal kurz sprechen?«

»Ja, natürlich. Was ist denn?«

»Gehen wir erst ein paar Schritte«, wobei er sich umdrehte und von der Gruppe entfernte. Als wir außer Hörweite waren, hielt er an.

Ich blieb ebenfalls stehen und schaute ihm fragend ins Gesicht.

»Wer bist du?«

»Wie? Wer bin ich?«, fragte ich zurück und ahnte nichts Gutes. Hatte er von der letzten Nacht etwas mitbekommen? Stand er in irgendeiner Beziehung zu Linda, die sie mir verschwiegen hatte?

»Ich habe gerade eben mit dem Basiscamp telefoniert. Du weißt, der tägliche Bericht und die Vorratsbestellung für die Hütte heute Abend. Da bekam ich die Anweisung, hierzubleiben. Einer von uns, und zwar du, Jerry, würde von einem Hubschrauber der State Troopers in etwa einer Stunde abgeholt werden …«

Im ersten Moment war ich sprachlos und dann rasten meine Gedanken. Natürlich wusste man im Hauptquartier in Washington, wo ich war und wie ich erreicht werden konnte, aber ich hatte natürlich gehofft, dass man nie davon Gebrauch machen würde. Besser, Gebrauch machen müsste.

»Also, wer bist du?« Gerald schaute mich auffordernd an.

»Gerald …«, begann ich. »Tut mir leid, dass ich dir, Bill und den anderen diesen schönen Hiking-Trek vermassele.« Ich holte tief Luft. »Ich bin FBI-Agent, und das hier hat hoffentlich nichts mit euch zu tun. Ich habe einfach Urlaub machen wollen. Nun, scheint nicht geklappt zu haben«, entschuldigte ich mich mit einem Schulterzucken.

»Du weißt also nichts über diese Aktion?«

»Nein, keine Ahnung, um was es sich hier handelt. Ich bin mir nur ziemlich sicher, dass es entweder verdammt dringend oder verdammt ernst sein muss«, gab ich zurück. »Komm, gehen wir wieder zu den anderen.«

Als Gerald die anderen über die Verzögerung und meine »Abreise« informierte, behielt ich Linda genau im Auge. Sie schaute mich erstaunt, ja vielleicht sogar entgeistert an. In der nach der Ankündigung entstandenen Unruhe zog ich sie zur Seite, legte den Arm um sie und wir gingen zum Bach hinunter.

Sie war nicht wütend, sondern nur enttäuscht. Dass ich meinen Job verschwiegen hatte, konnte sie sogar verstehen. Wir tauschten noch unsere Telefonnummern aus und versprachen, uns anzurufen. Dann war schon das Knattern der Rotorblätter eines Helikopters zu hören.

***

Zwei Stunden später landeten wir auf dem Flughafen in Portland, Oregon. Während des Fluges hatte mich ein Captain der Troopers darüber informiert, dass der Leiter des Field Office in Portland Anweisung gegeben hatte, mich unverzüglich – und dabei huschte ein Grinsen über sein Gesicht – ins Field Office zu bringen. Das war gestern Abend gewesen. Man hatte erst warten müssen, bis sich der Trek-Guide heute Morgen gemeldet hatte, aber dann war alles unverzüglich gegangen.

Auf dem Flughafen wurde ich von zwei Agents empfangen und in einen Konferenzraum des Airport gebracht. Dort erwartete mich Special Agent in Charge Hollister.

»Inspektor Cotton, schön, dass Sie endlich hier sind. Ich bin Jerome Hollister, Leiter des hiesigen Field Office.«

»Guten Tag, Agent Hollister …«, erwiderte ich und schaute ihn fragend an.

»Kaffee?« Er reichte mir eine Tasse und deutete auf eine Thermoskanne, die auf dem Tisch stand.

»Danke. Sie werden verstehen, dass ich neugierig bin, was das alles zu bedeuten hat.«

»Das frage ich mich auch«, gab er mit einem Anflug von Lächeln zurück. »Hier ist alles, was ich weiß: Gestern Nachmittag kam die Anweisung von Assistant Director Gardner, Sie und Inspektor Decker, der sich zurzeit auf Hawaii befindet, wie Sie sicher wissen, aufzuspüren und sofort nach Washington in Marsch zu setzen …«

Hollister hatte sofort meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Gardner war der Leiter der für diesen Bereich zuständigen Field Operation Section Pacific.

»Bei Inspektor Decker war es recht einfach. Wir haben ihn in seinem Hotel erreicht und er«, Hollister warf einen Blick auf seine Armbanduhr, »wird in etwa zwei Stunden hier landen. Er befindet sich in einem FBI-Jet auf dem Weg von Honolulu hierher.«

Langsam wurde mir ungemütlich in meiner Haut. Vier Tage war ich von sämtlichen Nachrichten abgeschnitten gewesen, was konnte da passiert sein? Ich kratzte mich am Kinn, an dem ein Dreitagebart wuchs. Rasieren war ein Luxus, den man sich auf einem Hiking-Trek nicht gönnte.

»Können Sie mir irgendetwas über den Hintergrund dieser Aktion sagen? Ist der Präsident entführt worden?«, wollte ich von Hollister wissen.

Der zuckte die Schultern. »Nicht die geringste Ahnung, Inspektor Cotton. Ich weiß nicht mehr, als ich Ihnen gesagt habe, und dass ich Sie zu Inspektor Decker in den FBI-Jet setzen soll, der Sie beide sofort nach Washington bringt.«

»Entschuldigen Sie, Agent Hollister, haben Sie nicht mal eine Vermutung, eine Andeutung, irgendetwas?«

Nur ein stummes Schulterzucken war die Antwort.

Ich zog mein Handy aus der Tasche und wählte Mr Highs Nummer. Es war die direkte Durchwahl, doch statt des Assistant Director meldete sich Dorothy Taylor. Ich fragte nach Mr High.

»In einer Besprechung mit Director Fuller«, kam die knappe Antwort.

»Und warum holt man Phil und mich so aufwendig aus dem Urlaub zurück?«

»Dazu kann ich nichts sagen, Jerry: Nachrichtensperre. Sie werden informiert, wenn Sie in Washington sind.«

»Danke, Dorothy«, sagte ich und trennte die Verbindung.

Ich schaute Hollister ratlos an. Drei Stunden später saß ich neben Phil im Flugzeug, der genauso wenig wusste wie ich.

***

Auf Capitol Hill trafen sich zwei Männer im Büro des Senators von West Virginia. Der eine war Senator Morland Holden, der andere war der Governor des gleichen Staates, Fletcher Betgrove. Ihre Mienen waren ernst und ihre Stimmen gedämpft.

»Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll, Morland«, erklärte der Governor mit einem mehr als verzweifelten Gesichtsausdruck. »Margie ist völlig mit den Nerven fertig.«

Der Senator lehnte sich in seinem Sessel zurück und versuchte dem Blick seines Gegenübers auszuweichen.

»Du hast mir gesagt, ich solle mich ruhig verhalten.« Es klang deutlich wie ein Vorwurf. »Und jetzt haben wir schon zwei Wochen keine Nachricht von Jenny.«

Holden räusperte sich und nahm einen Schluck aus dem Wasserglas, das vor ihm auf seinem Schreibtisch stand. »Nun, zuerst solltest du vielleicht Margie beruhigen. Vielleicht wäre es am besten, du bringst sie für die Zeit, die die Sache noch dauert, in eine Klinik …«

»Du meinst, eine psychiatrische Anstalt …«

»Nein, Fletcher, eine wunderschöne Klinik in ruhiger Umgebung, wo sie sich mal richtig entspannen kann«, widersprach der Senator, und fast hätte man es ihm glauben können. »Sag ihr, sie soll sich keine Sorgen machen, wir Männer regeln die Sache schon.«

»Wie das aussieht, weiß ich schon. Jetzt sind drei Wochen vergangen und meine Tochter ist immer noch in der Gewalt der Entführer. Ich hätte gleich das FBI informieren sollen.«

»Jenny geht es bestimmt gut, und was wir getan haben, war richtig und der einzige Weg, den wir hatten.«

Governor Betgrove sprang auf. »Das sagst du. Es ist ja nicht dein Kind, das in den Klauen der Kidnapper ist.«

Der Senator hob beschwichtigend die Hände und versuchte den Governor zu beruhigen. »Ganz langsam, Fletcher. Wenn du die Forderung erfüllst, dann muss das still und leise geschehen. Sollte etwas davon an die Öffentlichkeit gelangen, dann bist nicht nur du erledigt, sondern auch unser gesamtes politisches System. Ist dir das klar?«

»Na und?«, entgegnete Betgrove wütend. »Es geht hier schließlich um ein Menschenleben, und zufällig um das meiner Tochter!«

Darauf wusste Holden keine Antwort. Er hob den Telefonhörer ab, und als sich seine Sekretärin meldete, fragte er: »Ist Ben Nacimo in der Nähe?« Er wartete auf die Antwort. »Gut, dann schicken Sie ihn zu uns herein.«

»Was soll dein sogenannter Sicherheitsberater jetzt hier?«, fuhr Betgrove auf.

»Nun, vielleicht hat er inzwischen etwas herausgefunden, was uns weiterhilft.«

»Der hat doch seit der Entführung nichts herausgefunden, außer Beweise für seine eigene Unfähigkeit.«

Ein deutliches Klopfen kündigte den Sicherheitsberater an. Er trat ein, nickte erst dem Senator, dann dem Governor zu, der es mit einem abfälligen Blick beantwortete. Ben Nacimo, ein mittelgroßer, muskulöser Lateinamerikaner, blieb in der Mitte des Raumes stehen und wartete ab.

»Der Governor«, begann Holden und forderte Nacimo mit einer kurzen Bewegung auf, Platz zu nehmen, »ist in der speziellen Angelegenheit sehr besorgt – was ich ihm nicht verdenken kann. Gibt es etwas Neues in der Sache?«

Nacimo produzierte ein paar deutliche Sorgenfalten auf seiner Stirn. »Nada. Wir haben nichts gefunden, sind aber noch an der Sache mit Hochdruck dran …«

»Habe nichts anderes erwartet.« Trotz der angespannten Situation triefte die Stimme des Governor vor Sarkasmus.

Nacimo wandte sich zu Betgrove und die Sorgenfalten verwandelten sich in ein Lächeln. »Tut mir leid, Governor, dass ich keine besseren Nachrichten habe, aber unsere Ermittlungen müssen ja im Geheimen stattfinden. Das ist nicht besonders hilfreich und macht es ganz bestimmt nicht einfacher.«

Fletcher Betgrove zog es vor, nicht darauf zu antworten, und verließ mit einem knappen Abschiedsgruß das Büro.

***

Zeit hatte wirklich niemand verloren. Wir waren um 19 Uhr auf dem Dulles International Airport direkt am Flieger abgeholt und mit unserem Gepäck in einen wartenden Tahoe verfrachtet worden. Der Agent am Steuer hatte unsere Fragen abwechselnd mit einem Kopfschütteln und einem Schulterzucken beantwortet, während er den Wagen mit Sirenengeheul und Warnlicht durch die Straßen von Washington zum J. Edgar Hoover Building lenkte.

Als wir im Vorzimmer von Mr High aufkreuzten, Phil im Hawaii-Hemd und ich in Trekking-Klamotten, unrasiert und ungeduscht, stahl sich selbst auf Dorothys Gesicht ein Lächeln.

»Ah, die beiden Inspektoren im Freizeit-Look. Da merkt man doch den Unterschied zwischen den Charakteren«, begrüßte sie uns.

»Und was liegt mehr auf Ihrer Wellenlänge, der Sonnyboy oder der Trapper?«, fragte Phil mit einem Grinsen zurück.

»Mister Big, wenn ich ehrlich sein soll«, räumte Dorothy ein und wurde wieder ernst. »Bitte gehen Sie sofort in den Konferenzraum vier, dort sind die Herren versammelt.«

»So?«, gab ich zurück und schaute demonstrativ auf Phil und dann an mir herunter.

»Ich glaube, das spielt keine Rolle«, antwortete Dorothy und es klang nicht gut.

Als Phil und ich den Konferenzraum betraten, schauten wir uns erstaunt um. Es glich mehr der Vollversammlung der UNO. Sämtliche Plätze an dem großen Tisch waren bis auf zwei am oberen Ende besetzt. Alle Leiter der vier Field Operation Sections waren anwesend und eine ganze Menge anderer Leute, die wir nicht oder höchstens vom Sehen kannten.

Assistant Director High, der offensichtlich den Vorsitz dieser Konferenz hatte, blickte uns nur kurz erstaunt an, dann wurde ihm wohl wieder klar, dass er uns aus dem Urlaub geholt hatte.

»Jerry, Phil, gut, dass Sie endlich da sind. Nehmen Sie bitte Platz!« Er deutete auf die zwei freien Stühle. Auf unserem Weg dorthin bemerkten wir einige irritierte Blicke, die ohne Zweifel mit unserer bestenfalls als leger zu bezeichnenden Kleidung zusammenhingen.

»Stören Sie sich bitte nicht an dem etwas außergewöhnlichen Erscheinungsbild von Inspektor Cotton und Inspektor Decker«, erklärte Mr High, »sie sind direkt aus ihrem Urlaub hier eingetroffen. Wie Sie unschwer sehen können, haben sie nicht die gleiche Vorstellung von Erholung.«

In einigen Gesichtern zeigte sich kurz ein Grinsen. Als wir uns gesetzt hatten, blickten Phil und ich etwas ratlos in die Runde.

Mr High ergriff wieder das Wort. »Assistant Special Agent in Charge Derek Bowler, Leiter des FBI-Büros in Charleston, West Virginia, wird Sie jetzt ins Bild setzen und unsere Diskussion der Situation zusammenfassen.«

Mit einem Nicken in Richtung eines groß gewachsenen Weißen mit vollem schwarzem Haar und einem ebensolchen Vollbart erteilte er dem ASAC das Wort.

»Leider, so möchte ich sagen«, begann Bowler und beugte sich etwas vor, »kann ich es ziemlich kurz machen. Gestern, am späten Nachmittag, kam Mrs Margie Betgrove zu uns ins FBI-Büro und wollte mich unter vier Augen sprechen. Sie erweckte den Anschein, kurz vor einem Nervenzusammenbruch …«

»Bitte, wer ist Margie Betgrove?«, unterbrach Phil den ASAC.

»Entschuldigung, Inspektor, mein Fehler«, gab Bowler zurück. »Margie Betgrove ist die Gattin von Fletcher Betgrove, dem Governor von West Virginia.«

Phil und ich nickten.

»Also, Mrs Betgrove war ziemlich aufgelöst, ja verzweifelt. Es stellte sich heraus, dass ihre zwanzigjährige Tochter Jenny vor drei Wochen entführt worden ist. Kurz nach der Entführung haben sie ein Lebenszeichen von ihrer Tochter erhalten, aber seit zwei Wochen nichts mehr von den Entführern gehört. Ihr Mann, der Governor, hat sich kategorisch geweigert, das FBI einzuschalten, und sie sei ohne sein Wissen zu mir gekommen.«

»Hat es Lösegeldforderungen gegeben?«, fragte ich nach.

»Nun, so einfach ist das nicht zu beantworten, Inspektor Cotton.«

Ich beugte mich interessiert nach vorne. »Wie ist das zu verstehen?«

»Es gibt definitiv keine Geldforderung«, erklärte Bowler, »aber Mrs Betgrove hat angedeutet, dass da vielleicht etwas anderes ist. Sie glaubt, dass ihr Mann von etwas weiß, das die Entführer von ihm im Austausch gegen Jenny wollen.«

»Staatsgeheimnisse, Waffen, Gefangenenaustausch …«, warf Phil seine Vermutungen in den Raum. Ein allgemeines Schulterzucken war die Antwort.

»Wir wissen es nicht, denn unsere einzige Quelle weiß es auch nicht. Am Anfang hat Mrs Betgrove ihrem Mann vertraut und war auch damit einverstanden, dass niemand von der Sache etwas erfährt. Freunden und Bekannten haben sie erzählt, ihre Tochter würde Urlaub in Europa machen. Er hat ihr immer gesagt, dass alles in bester Ordnung sei und Jenny bald nach Hause kommen würde. Sie hat ihm vertraut, aber nachdem zwei Wochen lang nichts passiert ist, hat sie sich an uns gewandt.«

»Hat schon jemand mit dem Governor Kontakt aufgenommen?«, wollte ich wissen.

»Nein, Jerry«, antwortete Mr High. »Das ist vermintes Gebiet. Offiziell wissen wir von nichts, denn die Frau des Governor will das Gespräch als streng vertraulich behandelt wissen, da sie ja auch nicht weiß, was ihr Mann möglicherweise unternommen hat, und auf keinen Fall will sie ihre Tochter gefährden.«

»Haben wir denn außer der Aussage der Lady irgendetwas Greifbares?«, fragte Phil. »Wer sagt uns, dass sie sich das alles nicht nur ausgedacht hat und die Tochter wirklich in Europa ist?«

»Auch diese Möglichkeit haben wir schon in Erwägung gezogen«, entgegnete Bowler. »Wir halten sie aber für höchst unwahrscheinlich. Wir haben ein mögliches Beweisstück …«

Bowler drückte auf eine Taste seines Laptops und auf das Whiteboard hinter Mr High wurde ein Bild projiziert. Man sah deutlich, dass es eine Aufnahme von einem Foto war. Das Bild zeigte in Großaufnahme Oberkörper und Gesicht einer jungen Frau mit langen blonden Haaren. Das Gesicht war geschwollen, wahrscheinlich hatte die Frau ausgiebig geweint und auch den einen oder anderen Schlag abbekommen. Sie erweckte nicht den Eindruck, in einem guten Zustand zu sein. Über das Originalbild war mit einem Filzstift geschrieben: Gone but not forgotten.

***

»Du hast was gemacht?«, stöhnte Fletcher Betgrove in sein Handy, auf dem er den Anruf seiner Frau entgegengenommen hatte. Er hatte zwar das Büro von Morland Holden schon verlassen, befand sich aber immer noch im Senatsgebäude auf Capitol Hill. Am anderen Ende blieb es stumm. Der Governor holte tief Luft.

»Margie, ich hatte dir doch gesagt, dass ich die Sache regeln würde …«

»Regeln nennst du das?« Ihre Stimme klang so laut aus dem Handy, dass einige der Vorbeigehenden die Köpfe reckten. »Nichts hast du getan, absolut nichts. Jenny ist jetzt schon drei Wochen verschwunden, und seit zwei Wochen haben wir kein Lebenszeichen von ihr. Wenn du dieses schreckliche Bild überhaupt als Lebenszeichen werten willst. Was ist da los, Fletcher? Was machst du da in Washington, statt hier zu sein?«

»Ich tue, was ich kann, während du nichts Besseres zu tun hast, als meine Bemühungen zu torpedieren. Das FBI war eine ganz schlechte Idee, eine wirklich schlechte.«

Aus dem Handy kam ein erstickter Schrei, dann ein herzzerreißendes Schluchzen, danach wurde die Verbindung unterbrochen. Betgrove starrte noch einen Moment das Telefon in seiner Hand an, dann unterbrach auch er die Verbindung. Unschlüssig stand er einen Moment auf dem Gang, dann drehte er sich um und ging zum Büro des Senators zurück.

Er gab sich keine Mühe, höflich zu sein, sondern stürmte durch das Vorzimmer und stieß die Tür zu Holdens Büro auf. Der Senator saß hinter seinem Schreibtisch, Ben Nacimo hatte in einem der Besuchersessel davor Platz genommen. Die Köpfe der beiden ruckten hoch, als Betgrove den Raum betrat.

»Jetzt haben wir den Salat«, platzte Betgrove heraus. »Wie stehe ich jetzt als Governor da?«

»Was ist passiert?«, fragte Nacimo, während der Senator eine beschwichtigende Geste in Richtung des Governor machte.

»Margie hat das FBI informiert!«

»Nicht gut«, stellte Nacimo fest.

»Nicht gut«, wiederholte Betgrove und blickte Holden dabei wütend an. »Ich würde sagen, zu dem, was mich jetzt erwartet, könnte man den Untergang der Titanic als nicht gut bezeichnen.«

»Was genau hat sie dem FBI gesagt?«, fragte Holden nach.

»Woher soll ich das wissen? Sie hat mich eben angerufen, um mir das mitzuteilen, und bevor ich nachfragen konnte, hatte sie einen Nervenzusammenbruch und die Verbindung unterbrochen. Was kann sie schon gesagt haben – nicht viel. Aber natürlich hat sie dem FBI das Bild gezeigt. Was sollen wir jetzt tun?«

»Wir?«, gab Holden zurück. »Es ist zuerst mal deine Angelegenheit. Wir«, er deutete auf sich und seinen Sicherheitsberater, »bleiben auf jeden Fall besser im Hintergrund. Das würde die Sache sonst noch mehr verkomplizieren.«

»Bravo, so ist das also«, meinte Betgrove mit Sarkasmus und Hass in der Stimme.

»Nun mal langsam, Fletcher. Du bist zu mir gekommen, und ich habe versucht zu helfen. Dass weder die Polizei noch das FBI eingeschaltet werden, entsprach den Forderungen der Entführer. Ich meine, was ist denn bis jetzt passiert?«

»Seit zwei Wochen haben wir kein Lebenszeichen von meiner Tochter«, warf der Governor ein.

»Richtig, aber die Sitzung ist erst in drei Tagen. Dann erst kannst du handeln und die Bedingungen der Entführer erfüllen. Solange musst du, müsst ihr noch Ruhe bewahren.«

»Wie soll ich das Margie nur klarmachen? Ich muss es ihr sagen …«

»Dann kannst du gleich an die Presse oder zum FBI gehen.«

»Zum FBI muss ich gar nicht gehen, die werden binnen Kürze bei mir sein«, erklärte Betgrove resignierend.

»Deshalb heißt es umso mehr, ruhig Blut zu bewahren, und du musst deine Haltung gegenüber dem FBI genau planen. Also entwerfen wir einen Plan.«

***

»Gone but not forgotten klingt nicht sehr hoffnungsvoll«, sagte ich leise, mehr zu mir selbst.

»Ist eher was für einen Grabstein oder eine Trauerkarte«,

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