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Jerry Cotton - Folge 3016Jerry Cotton - Folge 3016

Tödliche Wahrheiten

Die Blutung ließ sich nicht mehr stoppen.

Der Mann fluchte hinter seiner Chirurgenmaske. Aus dem aufgeschnittenen Körper unter seinen Händen entwich das Leben in Windeseile.

Der Operateur versuchte eine Schadensbegrenzung, aber er machte alles nur noch schlimmer. Das Skalpell wurde in seinen Fingern zu einer Mordwaffe. Er gab auf, als der Tod eingetreten war. Grollend betrachtete er sein verpfuschtes Werk.

Vor ihm auf dem improvisierten OP-Tisch in dem einsam gelegenen Haus lag eine Leiche. Einem Arzt wäre sofort seine Zulassung entzogen worden.

Aber dieser Mann war kein Mediziner. Und das machte ihn zu einem eiskalten Mörder.

Es war ein kühler und windiger Herbstmorgen. Kaum waren Phil und ich im FBI Headquarter Washington angekommen, als Assistant Director High uns auch schon zu sich rufen ließ.

»Ich wette, der Chef hat einen neuen Fall für uns«, meinte Phil, nachdem wir das Vorzimmer von Mr High betreten hatten. Dorothy Taylor blickte von der Computertastatur auf. Die aparte farbige Sekretärin trug an diesem Tag ein anthrazitfarbenes Kostüm. Sie nickte uns freundlich zu.

»Davon können Sie ausgehen, Phil. Ich habe die Reiseabteilung jedenfalls schon angewiesen, Flüge für Sie zu buchen. Der Chef wird Ihnen gleich persönlich sagen, worum es geht.«

Ich verzichtete auf die Nachfrage, wohin die Reise denn gehen sollte. Das würden wir ohnehin gleich erfahren. Phil und ich betraten das Chefbüro. Mr High forderte uns mit einer Handbewegung auf, am Besprechungstisch Platz zu nehmen. Wir hatten uns im Vorbeigehen im Vorzimmer noch schnell mit Espresso aus der Maschine versorgt. Der Chef kam sofort zur Sache.

»Vorgestern wurde drei Meilen südlich von Trenton, New Jersey, eine Frauenleiche im Delaware River gefunden. Ein Angler entdeckte den Körper und verständigte sofort das Police Department.«

»Und weshalb stellt dieser Leichenfund einen FBI-Fall dar, Sir?«, hakte ich nach.

»Eine erste gerichtsmedizinische Untersuchung hat ergeben, dass die Frau an den Folgen einer unsachgemäßen Organentnahme gestorben ist. Ihr fehlt eine Niere. Es gibt aber noch einen zweiten Mordfall, allerdings nicht in Trenton, sondern in Wilmington.«

»Also in Delaware? Wurde die andere Leiche auch im Wasser gefunden?«

»Nein, Phil. Dennoch gibt es Übereinstimmungen zwischen den beiden Toten. Sowohl der Frau in Trenton als auch dem Mann in Wilmington wurde jeweils eine Niere entnommen, und zwar offenbar von demselben Operateur. Darauf deuten gewisse Einzelheiten hin, die bei der Obduktion der Toten aufgefallen sind. Der Mann wurde allerdings erschossen, er starb also nicht unmittelbar an den Operationsfolgen. Wahrscheinlich fand der Eingriff einige Tage vor seinem gewaltsamen Tod statt. Und die weibliche Leiche hat schon länger im Wasser gelegen. Es wäre also möglich, dass sie von New York State aus flussabwärts getrieben ist und erst in Pennsylvania entdeckt wurde.«

Ich nickte. Nun war mir klar, weshalb wir als FBI den Fall bearbeiten sollten. Es waren auf jeden Fall mindestens zwei US-Bundesstaaten in den Fall verwickelt, womöglich sogar drei. Das würden die weiteren Ermittlungen zeigen.

»Steht die Identität der Getöteten schon fest, Sir?«

Der Chef schüttelte den Kopf.

»Nein. Bei der Frau gehen die Pathologen aufgrund der Hautfarbe und der schlechten Zähne davon aus, es mit einer Latina mit ärmlicher Herkunft zu tun zu haben. Und der junge Mann, der ermordet wurde, war ein Schwarzer.«

»Also Menschen, die ihre Organe verkaufen mussten, weil sie sonst nichts anzubieten hatten«, knurrte Phil empört. »Es ist wirklich ekelhaft, mit welchen Methoden manche Kriminelle ihr Geld verdienen.«

»Sie wissen, dass der illegale Handel mit menschlichen Organen äußerst lukrativ ist«, führte Mr High uns vor Augen. »Die Warteliste für legale Organtransplantationen ist lang, und mit einem gefälschten Herkunftsnachweis einer Niere oder Leber lässt sich ein kleines Vermögen verdienen. Ich befürchte, dass es nicht bei diesen beiden Todesopfern bleiben wird. Wenn die Eingriffe wirklich von derselben Person durchgeführt wurden, haben wir es wahrscheinlich mit einer kriminellen Organisation zu tun. Ich möchte Sie bitten, die Ermittlungen vom Field Office Trenton aus zu leiten. Nehmen Sie auch Ihr Scientific Research Team mit dorthin. Es ist sinnvoller, die Leichen zentral an einem Ort zu untersuchen, um die Ergebnisse besser vergleichen zu können. Außerdem müssen wir die Untersuchungen bündeln, sonst kommt es zu unnötiger Mehrarbeit. Und wir wollen ja die Täter so schnell wie möglich ermitteln.«

Das war auch meine Absicht. Der Chef hatte schon veranlasst, dass der Tote aus Wilmington nach Trenton überführt werden sollte. Dann konnte Dr. Willson sofort mit der Leichenschau beginnen.

Phil und ich machten uns sofort an die Arbeit. Wie wir von Dorothy erfuhren, hatte Up and Away noch für denselben Nachmittag Flüge nach Trenton buchen können. Ich rief Dr. Gerold M. Willson an und schilderte dem Forensiker unseren neuen Auftrag. Er antwortete mit seinem üblichen schwarzen Humor, der ihm dabei half, seine manchmal grausige Tätigkeit besser zu verarbeiten.

»Eine Wasserleiche? Da hoffe ich doch nur, dass der Seziertisch groß genug ist, denn die sind ja manchmal ziemlich aufgequollen wie ein Schwamm. Okay, Jerry, ich trommle den Rest der Truppe zusammen. Wir treffen uns dann am Reagan National Airport.«

***

Der Flug nach Trenton war eigentlich nur ein kurzer Hüpfer. An unserem Zielort wurden sowohl Phil und ich als auch die Teammitglieder Dr. Willson, Dr. Mai-Lin Cha, Dr. Fortesque und Concita Mendez in einem Motel untergebracht. Doch dort stellten wir zunächst nur unser Gepäck ab, denn wir wollten uns sofort an die Arbeit machen.

Im Field Office besprachen wir uns zunächst mit dem Special Agent in Charge. Sein Name war Henry Thorpe. Er war ein stämmiger Schwarzer mit Bürstenhaarschnitt und wachen Augen.

»Gibt es außer dem Angler noch weitere Zeugen, Agent Thorpe?«

»Negativ, Inspektor Cotton. Der Leichnam war unbekleidet. Wir haben bereits die Vermisstenanzeigen gecheckt, sowohl aus New Jersey als auch aus den Nachbarstaaten. Es gibt einige verschwundene Frauen, die mit der Toten identisch sein könnten. Aber eine definitive Übereinstimmung haben wir noch nicht. Leider hat der Körper länger im Wasser gelegen. Und was das bedeutet, muss ich Ihnen ja nicht erklären.«

»Unser Forensiker Dr. Willson kann notfalls auch das Unmögliche möglich machen«, warf Phil ein. »Ist Organhandel hier in Trenton ein Thema? Haben Sie Ihre Unterweltkontakte schon angezapft?«

»Selbstverständlich, Inspektor Decker. Allerdings beschäftigt sich keines der bekannten Verbrechersyndikate unserer Stadt mit Organhandel, soweit wir wissen. Unsere Informanten halten die Ohren offen. Aber bisher konnten sie nichts Greifbares liefern.«

»Die Täter müssen ja nicht in Trenton beheimatet sein«, stellte ich fest. »Wenn die Leiche wirklich von der Strömung aus dem Norden hierhergetragen wurde, wird man sie irgendwo in New York State operiert haben.«

»Könnte man nicht aus der Strömungsgeschwindigkeit Rückschlüsse darauf ziehen, wo die Frau in den Fluss geworfen wurde?«, wollte Phil wissen.

»Normalerweise schon«, erwiderte Thorpe. »In diesem Fall aber nicht, weil sich der Körper zwischen einigen Steinen verkeilt hatte. Er hat dort nach Schätzung des Pathologen mehrere Tage festgesteckt. Es wäre also reine Spekulation, wenn wir herausfinden wollten, wo die Leiche ins Wasser geworfen wurde.«

Zu dem zweiten Toten konnte uns der SAC nicht viel sagen, weil das Opfer in Wilmington gefunden worden war. Doch schon am nächsten Morgen präsentierte uns Willson stolz seine Ergebnisse der nächtlichen Obduktion. Wieder einmal war es ihm gelungen, mehr herauszufinden als sein Kollege vor Ort.

»Schreiben Sie die Schnelligkeit diesmal nicht meiner Genialität zu«, sagte der gebürtige Texaner augenzwinkernd, als Phil und ich bei ihm im gerichtsmedizinischen Institut erschienen. »Ich konnte die weibliche Leiche mit Hilfe ihres Zahnstatus identifizieren. Die Frau hieß Maria Aragon.«

»Eine vermisste Person?«

»Exakt, Jerry. Maria Aragon wurde vor vier Wochen beim Trenton Police Department als vermisst gemeldet, komplett mit Foto, Blutgruppe und zahnärztlichen Unterlagen.«

»Das ist ungewöhnlich bei einer Vermisstenanzeige«, bemerkte ich. »Meist wird uns nur ein mehr oder weniger aktuelles Bild der Person zur Verfügung gestellt.«

Der Pathologe nickte.

»Vielleicht liegt es daran, dass die Frau nicht von einem Familienangehörigen als vermisst gemeldet wurde, sondern von einer Ärztin. Die Frau heißt Dr. Jennifer O’Hara. Sie arbeitet bei der Blutbank im Temple University Hospital. Übrigens waren die Zähne der Toten in keinem guten Zustand. Sie wurden notdürftig repariert, aber für eine teure Überkronung hatte Maria Aragon offenbar kein Geld. Heutzutage reicht meist ein Blick in den Mund, um herauszufinden, ob eine Person arm oder reich ist.«

»Wenn sie bei Kasse gewesen wäre, hätte sie wohl nicht ihre Niere verkaufen müssen«, meinte Phil bitter. »Vorausgesetzt, sie hat sich freiwillig unter das Messer gelegt. Denn auch das ist ja keineswegs gesichert.«

Ich beschloss, mit der Ärztin zu reden. Wenn sie Maria Aragon als vermisst gemeldet hatte, musste sie die Frau gekannt haben. Aber zuvor hatte ich noch eine andere Frage.

»Können Sie zu dem zweiten Opfer schon Genaueres sagen, Willson?«

»Wie man es nimmt. Die männliche Leiche hat nicht im Wasser gelegen, deshalb ist sie viel besser erhalten. Todesursache war in dem Fall eine Schusswunde. Irgendein Mistkerl hat dem jungen Schwarzen eine Achtunddreißiger-Kugel in die Brust gejagt, in unmittelbarer Nähe der rechten Herzkammer. Das Opfer hatte also keine Chance. Der Tod muss sofort eingetreten sein. Einige Tage vor dem Mord hat man ihm eine Niere entnommen. Der Eingriff wurde genauso stümperhaft ausgeführt wie bei Maria Aragon. Allerdings mit dem Unterschied, dass der Mann die Operation überlebt hat. Es gab auch keine Komplikationen, vermute ich. Er wird auf seinen eigenen Beinen gestanden haben, bevor er von der Kugel niedergestreckt wurde.«

»Aber seine Identität kennen Sie noch nicht?«

»Nein. Die Cops in Wilmington haben ihn zwar in bekleidetem Zustand gefunden, aber er hatte keine Papiere bei sich, auch kein Handy oder eine Kreditkarte. Allerdings hat Mai-Lin schon damit angefangen, das Internet nach Hinweisen auf das Opfer zu durchpflügen. Sein Alter schätze ich auf achtzehn oder neunzehn Jahre.«

Ich nickte. Unsere Informatikerin war auf ihrem Fachgebiet genauso kompetent wie Willson in seiner Eigenschaft als Pathologe.

Der Texaner versprach, uns über weitere Neuigkeiten auf dem Laufenden zu halten. Phil und ich stiegen in den Ford Interceptor, den die Kollegen uns für den Aufenthalt in Trenton als Dienstwagen überlassen hatten.

***

Dr. Jennifer O’Hara war eine junge und hübsche, aber sehr resolute Ärztin. In der Blutbank des Temple University Hospital war viel los, aber die Medizinerin hatte die Lage im Griff. Sie kommandierte das Pflegepersonal wie ein Drill-Sergeant seine Rekruten.

»Inspektor Cotton und Inspektor Decker vom FBI. Wir müssen Sie dringend sprechen«, sagte ich.

Dr. O’Hara warf nur einen flüchtigen Blick auf unsere FBI-Dienstmarken. Aber als ich den Namen Maria Aragon erwähnte, war sie sofort ganz Ohr.

»Sie haben Maria gefunden? Das ist eine gute Nachricht. Becky, ich nehme jetzt meine Kaffeepause, die mir schon seit vier Stunden zusteht.«

Der letzte Satz war an eine der Krankenschwestern gerichtet. Die Ärztin lotste uns in ihr winziges Büro, nachdem sie für uns drei Automatenkaffee besorgt hatte. Dann schaute sie mich neugierig an.

»Erzählen Sie, Inspektor Cotton. Wo ist Maria? Geht es ihr gut? Oder wurde sie bereits abgeschoben? Ich weiß nämlich, dass sie illegal in den Staaten ist. Aber es war mir egal.«

»Maria Aragon wurde eine Niere entnommen, offenbar von einem Amateur. Sie hat den Eingriff nicht überlebt.«

Die Ärztin presste die Lippen aufeinander. Ihre Mundwinkel zuckten. Ich dachte zuerst, sie würde in Tränen ausbrechen. Aber das geschah nicht. Bestimmt hatte sie in ihrem Beruf oft mit Leid und Tod zu tun. Doch ihre Stimme war brüchig, als sie wieder zu sprechen begann.

»Es klingt brutal, aber das musste ja vielleicht so kommen. Ich hätte es mir sogar denken können. Bei unserer letzten Begegnung erzählte mir Maria, dass ihr Mann in Mexiko ins Gefängnis gekommen wäre. Und sie wollte unbedingt das Geld für die Kaution auftreiben. Das konnte sie mit Putzjobs und Blutspenden unmöglich schaffen. Also blieb nur etwas Illegales übrig.«

»Blutspenden?«, hakte Phil nach. »Man verdient Geld mit Blutspenden?«

Die Ärztin machte eine Handbewegung Richtung Tür.

»Natürlich, Inspektor Decker. Glauben Sie, die vielen armen Leute da draußen lassen sich ihren Lebenssaft nur aus Gutherzigkeit abzapfen? Wir zahlen ihnen ein paar Dollar für jede Spende, weil ein Hospital ständig Blutkonserven benötigt. Und das tat Maria auch. Deshalb ist es mir ja aufgefallen, als sie plötzlich nicht mehr erschien.«

»Und Sie glauben, dass Maria Aragon Geld für die Kaution benötigte?«, fragte ich.

»Ja. Mexikanische Gefängnisse sind offenbar keine Kureinrichtungen. Jedenfalls war sie richtig verzweifelt darüber, dass ihr Mann verhaftet worden war.«

»Sie spielten vorhin auf eine Abschiebung an, Dr. O’Hara. Sie wussten also, dass mit Marias Aufenthaltsstatus etwas nicht stimmt?«

»Das vermutete ich jedenfalls, Inspektor Cotton. Die Blutspender müssen sich ausweisen, wenn sie hierherkommen. Aber der Pennsylvania-Führerschein, den Maria Aragon mir vorlegte, sah mir ziemlich falsch aus. Man muss kein Cop sein, um so etwas zu erkennen. Aber ich arbeite nicht für die Heimatschutzbehörde. Und Maria hatte eine seltene Blutgruppe. Sie kam mir auch nicht besonders verdächtig vor, so jemand wie Maria ist keine Terroristin. Sie machte einen normalen und zuverlässigen Eindruck, kam seit Monaten regelmäßig zur Blutspende. Als sie plötzlich wegblieb, hatte ich ein ganz schlechtes Gefühl. Deshalb bin ich ja zu den Cops gegangen, obwohl ich vermutete, dass die Frau illegal in unserem Land war.«

»Wissen Sie, wo Maria Aragon gewohnt hat?«

»Nein. Darüber haben wir nicht gesprochen. Sie hat hier eine Adresse hinterlegt. Aber ich würde mich nicht darauf verlassen, dass die Angabe stimmt. Es ist auch fraglich, ob ihr richtiger Name Maria Aragon war. Für die Blutspende ist es nur wichtig, dass sie nicht an AIDS oder anderen übertragbaren Krankheiten litt. Aber ich habe sie nie gefragt, ob sie eine Green Card besitzt.«

Das hatte ich mir schon gedacht. Ich versuchte, so viele Informationen wie möglich aus der Ärztin herauszubekommen.

»Woher haben Sie die zahnärztlichen Röntgenbilder? Sie haben uns bei der Identifizierung der Toten sehr geholfen. War Maria Aragon krankenversichert?«

»Es gibt hier in Trenton eine kostenlose medizinische und zahnärztliche Versorgung, die mehrmals im Jahr angeboten wird. Ein Freund von mir ist Zahnarzt, er hat bei der Gelegenheit die schlimmsten Löcher in Marias Zähnen geflickt. Und nein, eine Krankenversicherung hatte sie nicht. Haben Sie denn schon einen Verdacht, wer Maria die Niere entnommen haben könnte?«

»Unser Pathologe sagt, es sei ein Dilettant am Werk gewesen«, erklärte Phil.

Die Ärztin schüttelte grimmig den Kopf. »Es ist so gemein, dass Maria sterben musste, weil sie ihrem Mann helfen wollte. Ich wünschte, ich könnte Ihnen bei der Aufklärung des Falles helfen.«

»Das können Sie, Dr. O’Hara. Gibt es jemanden, dem Sie zutrauen, in den Organhandel verwickelt zu sein? Ich spreche von Personen hier in der Klinik oder in Ihrem beruflichen Umfeld. Der Operateur muss zumindest medizinische Grundkenntnisse gehabt haben.«

Die Ärztin zögerte mit ihrer Antwort auf meine Frage etwas zu lange. Ich redete ihr eindringlich ins Gewissen.

»Sie sollen hier niemanden beschuldigen. Aber wir sind auf Zeugenaussagen angewiesen, wenn wir die Morde aufklären wollen.«

»Morde? Sie benutzen die Mehrzahl?«

»Ja, Maria war nicht das einzige Opfer. Und der Täter wird weitermachen, wenn wir ihn nicht so schnell wie möglich fassen.«

Jennifer O’Hara atmete tief durch, bevor sie antwortete.

»Es gab hier in der Klinik eine Person, die im Verdacht stand, verschreibungspflichtige Medikamente abzuzweigen. Insbesondere Betäubungsmittel. Sie wissen, dass die Kontrollen solcher Substanzen sehr streng sind. Aber der Kerl muss geahnt haben, dass wir hinter ihm her waren. Er hat von sich aus gekündigt. Und da die Diebstähle seitdem aufgehört haben und wir ihm nichts nachweisen konnten, ließ die Klinikleitung die Sache auf sich beruhen. Man wollte keinen Skandal, außerdem sind die Sicherheitsvorkehrungen seitdem verschärft worden.«

»Und wie heißt dieser Mann?«

»Dave Parker. Er arbeitete als Pfleger in der Unfallchirurgie.«

***

Wir bedankten uns bei der Ärztin und ließen uns in der Verwaltung die Adresse des ehemaligen Mitarbeiters geben. Parker wohnte in Ewing, im nördlichen Teil von Trenton. Je näher wir dem Zielort kamen, desto schäbiger wurde die Gegend.

Viele Geschäfte waren geschlossen, die Schaufenster hatte man mit Brettern zugenagelt. Auf den Gehwegen lag überall Müll herum. An den Ecken lungerten Jugendliche in Gang-Kluft. Sie ließen braune Papiertüten kreisen, die gewiss keine Mineralwasserflaschen enthielten. Es war eine triste Nachbarschaft, geprägt von Armut und Hoffnungslosigkeit.

»Wenn Parker wirklich Betäubungsmittel gestohlen hat, dann konnte er sich aber vom Gewinn keine gute Wohnung leisten«, sagte ich.

»Oder er wollte möglichst nahe bei seiner Kundschaft leben«, gab Phil zurück. Ich parkte vor einem dreistöckigen schmucklosen Wohnhaus, das schätzungsweise fünfzig Jahre alt war. Wir stiegen aus. Die Haustür stand offen, eine übergewichtige schwarze Lady kam uns entgegen.

»Wir möchten zu Dave Parker«, sagte ich. Die Frau blinzelte mich furchtsam an.

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