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Jerry Cotton - Folge 3000

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Biographie
  4. Trau keiner Spur
  5. Vorschau
  6. Die Erfolgschronik
  7. Danksagung

Gestatten: Jerry Cotton

Im Herbst 1954 erblickte ich das Licht der Welt – als ein gestandener Mann von gut dreißig Jahren. Manche (männlich) bezeichnen mich als gut aussehend, andere (weiblich) schlicht als ihren Schwarm. Mit beidem kann ich leben.

Kaum hatte ich, vom Lande kommend, New York betreten, traf ich auf einen Mann, der sich Phil Decker nannte und mich seinem Chef, Mr High, vorstellte. Von diesem Augenblick an war ich Special Agent des FBI. Wenn ich damals gewusst hätte, was in den nächsten sechzig Jahren auf mich zukommt, hätte ich das großzügige Angebot, mich der Verbrechensbekämpfung zu widmen, abgelehnt – na ja, wahrscheinlich doch nicht.

Als ich in den fünfziger Jahren in New York Gangster jagte, war alles noch viel einfacher, man konnte sich ab und zu einen Whiskey genehmigen und auch mal den Frauen hinterher pfeifen. Stellen Sie sich das heute einmal vor. Phil und ich waren damals keine Kostverächter. Kaum hatte ich ein bisschen Geld gespart, legte ich mir ein Auto zu. Schon damals zeigte sich mein Hang, etwas Besonders darzustellen, denn es war keiner der üblichen amerikanischen Schlitten, sondern einer aus Merry Old England, ein schwarzer Jaguar XK 120 mit roten Lederpolstern. Bevor ich den aber abbezahlt hatte, hatten ihn Gangster schon längst in die Luft gesprengt. Doch ich blieb der Marke treu, kaufte einen Jaguar E und dann schließlich einen XKR, der in der Schrottpresse endete. Heute fahre ich einen Jaguar E Nachbau auf der Basis eines Dodge Viper. Also bin ich endlich doch irgendwie bei einem amerikanischen Auto gelandet.

Wie meinen Fahrzeugen, so erging es auch mir. Ich wurde in den 3000 Fällen, die ich inzwischen für das FBI gelöst habe, ganz schön von den Gangstern gebeutelt, habe ungefähr 1000 Kugeln abbekommen, mir insgesamt wohl alle Knochen zweimal gebrochen und selbst die Jahresproduktion einer mittleren Munitionsfabrik verschossen. Doch das endgültige Schicksal meiner Jaguars ist mir bis jetzt erspart geblieben. Obwohl – ziemlich knapp war es manchmal schon.

Liefen wir uns früher die Schuhsohlen durch, um an Informationen zu kommen, schoben zwielichtigen Gestalten einen 50 Dollarschein zu, damit sie Namen preisgaben, ist das heute alles ein bisschen anders. Wir sitzen an Computern, durchforsten Dateien oder das Internet und die Büroarbeit ist nicht weniger, sondern nur anders geworden.

Die Mode – und damit die Kleidungsvorschriften beim FBI – hat sich natürlich auch geändert. In den fünfziger und sechziger Jahren liefen wir wie eine Volksausgabe der Men in Black herum, und wenn ich an die unsäglichen Nyltest-Hemden denke, bekomme ich schon wieder einen Ausschlag, während man heute beim FBI doch zu einigen modischen Zugeständnissen bereit ist. Ich will Sie nicht neidisch machen, aber ich habe immer noch die gleiche Konfektionsgröße wie bei meinem Eintritt ins FBI und bin fit wie eh und je.

In den sechziger Jahren war ich inzwischen so berühmt geworden, dass mein Leben und meine Fälle verfilmt wurden. Insgesamt acht Beispiele aus der großen Anzahl fanden den Weg auf die Leinwand. Der Herr Nader hat in den Filmen seine Sache recht gut gemacht, auch wenn unser Alltag bei weitem nicht immer so turbulent war, wie es in den Filmen erscheint.

Und heute?

Nun ich fühle mich gut, strotze nur so vor Kraft und Tatendrang, und auch meinem Partner Phil geht es gut. Wir beide stehen natürlich wie immer unter einem enormen Zeitdruck, denn jeder Fall, den wir übernehmen, muss in einer Woche abgeschlossen sein. Nun möchte ich Sie nicht länger mit meiner Person langweilen, alles, was über mich zu sagen ist, können Sie jede Woche neu erfahren. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß mit meinen Abenteuern, die Sie jede Woche in der Bastei-Reihe G-man Jerry Cotton nachlesen können.

Goodbye New York!

»He, Weißbrot, was soll das denn werden?«

Der Mann, der an dem baufälligen Zaun vor einer ebenso heruntergekommenen Holzhütte entlangtorkelte, reagierte nicht.

Sugar Ray schaute Danny und Bloodshot an, die neben ihm auf der Treppe saßen. Dann schraubte er sich in die Höhe. Der Weiße hatte wirklich Nerven, sich hier in die Gegend zu wagen. Langsam gingen die drei farbigen Jugendlichen zum Zaun. Der Mann konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Noch bevor sie ihn erreicht hatten, brach er zusammen. Sugar Ray stieß ihn mit dem Fuß an. Kaum eine Reaktion. Dann filzten sie ihn. Aus der Brusttasche der Jacke zog Bloodshot eine Brieftasche heraus. Ein zufriedenes Grinsen huschte über sein Gesicht, als er die Dollarscheine sah. Dann fand er noch etwas und er stieß einen leisen Pfiff aus.

Es war acht Uhr morgens. Phil und ich hatten gerade unsere Computer hochgefahren und wollten den Tag mit der üblichen Routine beginnen, als das Telefon klingelte. Phil griff nach dem Hörer und meldete sich. Mr Highs Sekretärin Helen war am Apparat.

»Ja. Natürlich, wir kommen sofort.«

Ich hatte den Kopf gehoben, und was ich hörte, klang nicht sehr gut. Phil und Helen hatten auf jegliche ansonsten üblichen Nettigkeiten verzichtet, und das bedeutete, dass etwas ziemlich Ernstes anlag.

»Wir sollen sofort zum Chef kommen«, teilte mir Phil mit, als er aufgelegt hatte, und war schon unterwegs zur Tür.

»Um was geht es?«, wollte ich wissen, während ich ihm folgte.

Er zuckte nur die Schultern. »Helen weiß es nicht oder wollte dem Chef nicht vorgreifen.«

Kurz darauf saßen wir dem Assistant Director gegenüber. Er schien nervös, so als ob er auf etwas wartete. Nach einer kurzen Begrüßung war kein weiteres Wort gefallen. Phil und ich sahen uns verstohlen an. Dann brach Mr High das Schweigen.

»Jerry, Phil, sind Sie mit der Hierarchie des FBI vertraut?«

War das eine Feststellung oder eine Frage, und wenn ja, erwartete unser Chef eine Antwort?

Phil und ich nickten langsam.

»Vielleicht nicht in allen Einzelheiten«, räumte ich ein.

»Gut, dann werde ich Sie über die Feinheiten aufklären. Ich habe gestern Abend spät einen Anruf aus Washington erhalten«, teilte uns Mr High mit. »Vom Director des FBI persönlich.«

Damit hatte Mr High sofort unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und ich verspürte ein Kribbeln, das nichts Gutes verhieß. Instinktiv beugten Phil und ich uns auf unseren Stühlen vor.

»Er hat mich für heute Morgen in die Zentrale bestellt. Ich habe unverzüglich die Leitung der Field Operation Section East zu übernehmen.«

Nun war die Bombe geplatzt. Wir schauten unseren Chef an und versuchten zu begreifen, was das bedeutete.

»Und was ist mit Assistant Director Homer?«, fragte ich mit rauer Stimme.

Mr High zuckte die Schultern – eine Geste, die ich noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte. Sie war Ausdruck von Ratlosigkeit und Unwissen zugleich.

»Ich habe keine Ahnung. Mir wurde nur gesagt, dass ich mich heute in der Zentrale einfinden soll …« Er machte eine kleine Pause, während der wir Schlimmes erahnen konnten. »Und Sie beide soll ich mitbringen.«

Nun war es an Phil und mir, ratlos zu sein. Wir schauten uns an.

»Und Sie haben wirklich keine Ahnung, nicht mal eine Vermutung, um was es sich handelt?«, hakte Phil nach.

»Tut mir leid«, gab der Assistant Director zurück, »ich habe Ihnen alles gesagt, was ich selbst weiß.«

***

Deputy Johnson hasste es, durch die nördlichen Randgebiete von Tupelo zu patrouillieren – besonders wenn sich die Abenddämmerung langsam auf die Stadt herabsenkte. Dann kamen die zweibeinigen Ratten aus ihren Löchern. Hier, direkt am Highway 45 in Richtung der Staatsgrenze zu Tennessee, befand sich die Haupteinflugschneise für jede Art von illegalen Drogen und natürlich auch die Banden, die damit handelten.

Besonders schlimm war es, wenn man auch noch die falsche Hautfarbe hatte – einWeißbrot war, wie die Farbigen verächtlich Leute wie Deputy Johnson nannten. Da half es nicht viel, dass sein Partner die richtige Hautfarbe hatte. Er war den Gangs genauso verhasst, vielleicht sogar noch mehr, weil er als Bruder auf der falschen Seite stand.

Während Johnson den Streifenwagen des Lee County Sheriff Department langsam durch die Straßen mit den verfallenen Häusern lenkte, beobachtete sein Partner, Deputy Walker, die ausschließlich farbigen Jugendlichen und versuchte ihre provokanten Gesten und Schimpfworte zu ignorieren.

»Mach mal langsam«, forderte er Johnson auf.

Mein Gott, dachte Johnson hinter dem Steuer, hoffentlich nicht wieder irgendwelcher Ärger, dem sie nicht aus dem Weg gehen konnten, und verringerte die Geschwindigkeit.

»Da vorne, an dem Lattenzaun, siehst du das Bündel?«, fragte Walker.

Johnson kniff die Augen zusammen und versuchte die Scheinwerfer des Wagens auf das Bündel am Straßenrand zu lenken. »Wahrscheinlich nur Abfall.«

»Nein, halt mal an. Sieht aus wie ein Mensch. Wir müssen nachsehen, was mit ihm ist.«

Johnson stöhnte auf. »Sicher wieder nur ein Junkie oder ein Betrunkener. Der kommt schon zurecht.«

»Halt an!«, ließ sich Walker nicht beirren.

Als der Wagen zum Stehen gekommen war, schraubte sich der Hüne aus dem Beifahrersitz. Seine beeindruckende Gestalt von fast sieben Fuß verschaffte ihm selbst hier auf der North Side von Tupelo einen gewissen Respekt.

Johnson stieg auf der anderen Seite aus und schaute sich aufmerksam um. Es schien auf den ersten Blick nicht bedrohlich zu sein, trotzdem schwebte seine Hand über dem Gürtelholster mit der großkalibrigen Waffe. Er nahm das Mikrofon des Funkgeräts in die Hand und meldete der Zentrale: »Möglicherweise ein 3-16. Officers verlassen das Fahrzeug.«

Inzwischen hatte sich Walker schon neben das Bündel gehockt. Johnson war hinter ihn getreten und schaute ihm über die Schulter. Es war kein Abfall, sondern ein Mann, zudem noch ein Weißer. Und es stand nicht gut um ihn.

»Kaum noch Puls«, stellte Walker fest, als er dem bewusstlos Daliegenden die Fingerspitzen an den Hals legte.

»Drogen?«, fragte Johnson mit einem angewiderten Unterton in der Stimme.

Walker zuckte die Schultern und untersuchte den Mann genauer, während Johnson zum Streifenwagen zurückging, um einen Rettungswagen anzufordern.

Als er wieder zu dem Bewusstlosen kam, hatte Walker den Mann umgedreht und in eine stabile Seitenlage gebracht. Mehr konnten die beiden Deputys im Moment nicht für ihn tun.

»Passt irgendwie nicht hierher«, stellte Walker fest und deutete auf den Mann. »Hat keine Papiere bei sich. Keine offensichtlichen Verletzungen oder Wunden …«

»Wahrscheinlich ist er bis zum Stehkragen mit irgendeinem Teufelszeug voll«, mutmaßte Johnson.

»Aber was hat er hier gewollt? Das hier ist ein absolutes NO GO für ein …«, bevor er es noch aussprechen konnte, korrigierte sich Walker sofort, »… einen Weißen.«

»Er sieht eigentlich auch nicht nach einem Junkie aus. Die Klamotten sind zwar dreckig, aber nicht alt und von nicht schlechter Qualität. Und er hat sich bestimmt heute Morgen noch rasiert«, stellte Johnson fest, als er mit der Taschenlampe den Mann zu ihren Füßen abgeleuchtet hatte.

Ein Rascheln hinter dem Zaun ließ die beiden Deputys zusammenzucken. Johnson trat einen Schritt an den Zaun heran und ließ den Lichtkegel der Taschenlampe durch das gleiten, was vor langer Zeit mal ein Vorgarten gewesen war. Jetzt traf die Bezeichnung Schuttabladeplatz den Sachverhalt wesentlich besser. Zwischen Mülltonnen, jeder Art von Gerümpel und einem alten Autowrack führte ein Trampelpfad zu der Ruine eines ehemals wohl ganz ansehnlichen Holzhauses. Fünf Stufen führten zu einer Veranda hinauf.

»Nichts zu sehen«, berichtete Johnson. »Vielleicht war es eine Ratte.«

»Zweibeinig oder vierbeinig?«, fragte Walker.

»Ich hoffe vierbeinig«, gab Johnson zurück, der sich alles andere als wohl in der Situation fühlte. Die zweibeinigen Ratten hatten die Angewohnheit, wie aus dem Nichts aufzutauchen und wirklich Ärger zu machen, wenn man sich nach Einbruch der Dunkelheit auf ihrem Territorium herumtrieb. Da half weder der Deputy-Stern noch der .45er-Colt etwas. Der Stern war nur ein Stück Blech, und im Zweifelsfall hatten sie auch die größeren Kanonen.

Fast befreiend war es, als die beiden Männer die Sirene des Krankenwagens hörten.

***

Laute Musik dröhnte aus den Boxen; es war weit nach Mitternacht und Sugar Ray, Danny und Bloodshot waren absolut gut drauf. Die 200 Dollar aus der Brieftasche des Weißbrots machten sie zu Hot Shots in dem schäbigen Club, wo der ausgeschenkte Alkohol noch die harmloseste Droge war. Die drei dealten zwar ab und zu mit den harten Sachen, ließen aber bis jetzt selbst die Finger davon.

Sie saßen mit den anderen ihrer Gang, die sich den hochtrabenden Namen Cosmic Kings gegeben hatten, in einer Ecke des Lokals, tranken Bier und ließen die Tequila-Flasche kreisen. Bedrock, der offizielle Anführer der Kings, war nicht begeistert. Irgendwie stahl ihm Sugar Ray an diesem Abend die Show. Er hielt sich aber zurück, denn alle profitierten von Sugar Rays plötzlichem Reichtum, und morgen würde es wieder ganz anders sein. Die Dollars wären Sugar Ray und seinen beiden Kumpels noch in dieser Nacht vollständig durch die Finger geronnen. King für eine Nacht, dachte Bedrock hämisch und ließ seine Bierflasche gegen die von Sugar Ray klingen.

»Und ihr habt das Weißbrot so einfach ausgenommen?«, fragte er, denn Sugar Ray hatte nur mit wenigen Worten erklärt, woher sein plötzlicher Reichtum gekommen war.

»Klar, Mann«, antwortete Bloodshot mit schon schwerer Zunge. »Einfach so.«

»Er hat sich einfach vor uns hingelegt und gesagt: Hier, bedient euch, Jungs«, ergänzte Danny.

Bedrock schüttelte ungläubig mit dem Kopf. »Und, was habt ihr dann gemacht?«

»Liegen gelassen«, sagte Sugar Ray. »Der hat es bestimmt nicht mehr lange gemacht. Der sah schon ziemlich fertig aus.«

»Direkt vor eurem Unterschlupf?«, fragte Bedrock ungläubig.

Bloodshot zuckte die Schultern. »Was soll’s. Irgendjemand wird ihn schon finden und wegschaffen, was kümmert’s uns?« Und meinte dann mit einem Grinsen: »Wir haben doch damit nichts zu tun.«

»Und außer dem Geld hatte er nichts in seinen Taschen?«, wollte Bedrock wissen, und seine Stimme hatte einen lauernden Tonfall angenommen.

Die drei sahen sich kurz an, unauffällig wie sie meinten, aber Bedrock kannte seine Gang-Mitglieder gut genug, um auch in dem schummrigen Licht sofort zu erkennen, dass jetzt eine Lüge folgen würde.


Ich glaube, es war 1963 als ich anfing, Jerry Cotton zu lesen und erinnere mich noch gut an Heft 500, damals schon eine wackere Leistung für einen »Heftchenroman«.
Und jetzt kommt Nummer 3000
(in Worten: dreitausend!).

Ich wünsche allen Jerry-Cotton-Mitarbeitern alles Gute für die Zukunft, dem verehrten Mr. High den verdienten Ruhestand und Jerry und Phil die längst fällige Beförderung – aber: Wer soll dann das Verbrechen im Big Apple bekämpfen?
Also – in diesem Sinne – herzlichen Glückwunsch, Mr. Cotton und »Carry on, G-man«

Herzliche Grüße
Helene Eyer-Hirnschal


»Nein«, antwortete Sugar Ray und schüttelte zur Bestätigung den Kopf. »Keine Kreditkarten, keinen Führerschein – gar nichts.«

»Vielleicht hat ihn vorher schon jemand gefilzt«, warf Bloodshot ein.

»Ja, und der hat gemeint, die 200 Dollar sind viel zu auffällig, um sie mitzunehmen«, erklärte Bedrock hämisch und fügte dann noch hinzu: »Arschloch.«

Sugar Ray war nicht wohl in seiner Haut, irgendwas schien Bedrock zu ahnen, fragte sich nur, wie weit der Boss der Cosmic Kings gehen würde, um es herauszufinden. Ein Ablenkungsmanöver war jetzt angesagt.

»Hey, Danny, besorg mal Nachschub«, forderte Sugar Ray seinen Kumpel auf.

Bedrock schien die Sache auf sich beruhen zu lassen, aber bestimmt nicht lange. Nach kurzer Zeit kam Danny mit einem Tablett voller Bierflaschen und einer weiteren Flasche Tequila zurück.

Zwei Stunden später liefen Sugar Ray, Danny und Bloodshot durch die verlassenen Straßen des heruntergekommenen Viertels. Sie waren froh, endlich von Bedrock und seinem forschenden Blick weg zu sein. Er hatte zwar das Thema nicht mehr angesprochen, doch es war allen dreien klar, dass die Sache noch nicht ausgestanden war.

»Lass uns das Ding loswerden«, schlug Danny vor.

Sugar Ray blieb stehen. »Mann, das ist viel zu wertvoll, um es einfach wegzuwerfen.«

»Dann gib es Bedrock«, meinte Bloodshot.

Sugar Ray dachte nach. »Keine schlechte Idee, aber dafür muss er was springen lassen. Ist vielleicht das Beste, was wir machen können.«

Die beiden anderen nickten beifällig. »Wir können sowieso nichts damit anfangen.«

»Schon klar«, räumte Sugar ein, »aber etwas bringen muss es schon.«

Sie setzten sich wieder in Bewegung und hatten nach einer Viertelstunde die Straße erreicht, in der die baufällige Hütte stand, die ihnen als Unterschlupf diente. Erst als sie das Grundstück fast erreicht hatten, bemerkten sie, dass das Bündel am Zaun fehlte.

»Die Müllabfuhr ist heute aber früh gekommen«, kicherte Danny.

Sugar Ray nahm die Sache nicht so leicht und sah sich aufmerksam um. Von dem Weißbrot fehlte jede Spur. Konnte sich der Mann selbst weitergeschleppt haben? Eher unwahrscheinlich. Er warf einen Blick in den zugemüllten Vorgarten. Auch da war nichts zu sehen.

»Na, auf jeden Fall ist er weg. Hauen wir uns aufs Ohr.« Die anderen beiden folgten Sugar durch den Müll, die fünf Stufen auf die Veranda hinauf und dann ins Haus. Kaum hatten sie die Tür hinter sich geschlossen, überkam Bloodshot ein merkwürdiges Gefühl. Er langte nach dem Lichtschalter. Eine trübe Glühbirne flammte auf und tauchte den Raum bestenfalls in Dämmerlicht. Aber es genügte.

An der gegenüberliegenden Wand, auf dem einzigen Stuhl im Zimmer, saß ein Weißer. Von Schrecksekunde konnte man bei den drei Farbigen nicht sprechen, eher von Unglaube, dass sich ein Weißbrot in ihre Hütte gewagt hatte.

»Hallo, Jungs«, sagte der Mann, als würde er seine Söhne begrüßen, die gerade von einem Baseballspiel nach Hause gekommen sind.

Sugar Ray war der Erste, der seine Sprache wiederfand. »Echt krass, Weißbrot. Ich glaube, du hast einen ziemlich großen Fehler gemacht.«

Der Mann lächelte. »So kann man sich irren. Ihr habt etwas, was mir gehört, und das will ich zurückhaben.«

»Keine Ahnung, wovon du sprichst, Mister«, antwortete Sugar Ray, aber in seine Stimme hatte sich ein leichtes Zittern eingeschlichen.

Der Mann lächelte noch immer, aber es war, als ob ein Krokodil die Zähne fletschte. »Falsche Antwort.«

»Eine andere kriegst du nicht«, gab Sugar Ray zurück, und seine Hand schob sich langsam an seinem Hosenbund nach hinten, wo die kurzläufige Smith & Wesson steckte. Noch bevor er die Bewegung ausgeführt hatte, blitzte es in der Hand des Mannes auf und Sugar Ray brach mit einem kleinen kreisrunden Loch in der Stirn lautlos zusammen. Bevor Danny und Bloodshot überhaupt realisierten, was geschehen war, lagen sie genauso tot neben ihrem Kumpel.

Der Mann stand auf, schraubte den Schalldämpfer von der Glock und steckte beides in den Aktenkoffer, der neben dem Stuhl gestanden hatte. Dann ging er hinüber zu den drei Toten. Er musste nicht lange suchen. Aus der hinteren Jeanstasche von Sugar Ray zog er ein in Plastik eingeschweißtes Ausweispapier: ein FBI-Dienstausweis ausgestellt auf den Namen Edward G. Homer.

***

Kaum waren wir mit dem Learjet des FBI auf dem Dulles Airport in Washington gelandet, lief alles wie am Schnürchen – nur noch schneller. Eine Limousine stand bereit und wurde mit einer Motorrad-Eskorte zum J. Edgar Hoover Building in der Pennsylvania Avenue geleitet. Die Fahrt dauerte noch nicht einmal 30 Minuten.

In Empfang genommen wurden wir von einem recht blass wirkenden Büromenschen, der sich als Mister Miller vorstellte. Unwillkürlich hatte ich Zweifel, dass dies sein richtiger Name war.

»Assistant Director John D. High?«, fragte er in Richtung unseres Chefs, der als Antwort kurz nickte. Dann wendete er sich Phil und mir zu.

»Assistant Special Agent in Charge Cotton und Special Agent Decker?«

Es war nicht ganz klar, wer wer sein sollte. Er wusste es wahrscheinlich auch nicht. Wir nickten beide gleichzeitig.

Aus der Jackentasche zog er drei mit einem Clip versehene, in Plastikhüllen befindliche Pässe hervor, die er uns überreichte. Dabei stellte sich heraus, dass er anscheinend doch genau wusste, wer ihm gegenüberstand. Wir hefteten uns die Pässe ans Jackettrevers.

»Entschuldigung, Mister …«, setzte unser Chef an, kam aber nicht weiter.

»Director Fuller erwartet Sie«, sagte Mister Miller. »Bitte folgen Sie mir.« Und mit diesen Worten hatte er sich schon umgedreht und war auf die Aufzüge im Hintergrund der Empfangshalle losmarschiert. Wir standen noch einen Moment unschlüssig herum, was Miller dazu veranlasste, uns nochmals aufzufordern. »Bitte, es ist dringend.«

Mich beschlich ein sehr ungutes Gefühl. Zuerst die Dringlichkeit, mit der wir nach Washington kommen mussten, dann die hochoffizielle Titulierung, aber vielleicht tickten die Uhren in der Zentrale des FBI auch ganz anders als in unserem durch einen sehr kollegialen Umgangston geprägten Field Office in New York.

Nach einer endlos anmutenden Odyssee durch Korridore, in Liften und dann weiteren Korridoren öffnete Miller eine Tür und signalisierte uns einzutreten. Wir standen in einem Konferenzraum und schauten uns um, während hinter uns die Tür mit einem leisen Geräusch geschlossen wurde.

Den Mann an der Stirnseite des Tisches kannte jeder FBI-Agent, obwohl die wenigsten ihn während ihrer Laufbahn je zu Gesicht bekommen. Es war Director James E. Fuller – unser oberster Chef. Zu seiner Linken saßen drei Herren, die ich nicht kannte. Aber auf dem Weg zum Tisch raunte Mr High Phil und mir zu, dass dies die Chefs der anderen drei Field Operation Sections wären.

»Willkommen, Assistant Director High. Vielen Dank, dass Sie es so schnell möglich machen konnten«, begrüßte Director Fuller unseren Chef. »Special Agents …« Damit waren wohl Phil und ich gemeint.

»Kein Problem, Director Fuller. Selbstverständlich sind wir sofort gekommen.«

Mit einer kurzen Handbewegung forderte der Director uns auf, den drei Herren gegenüber an der Längsseite des Tisches Platz zu nehmen.

»Darf ich vorstellen«, begann Director Fuller, nachdem wir Platz genommen hatten. »Assistant Director Segal, Field Operation Section Midwest, Asssitant Director Sheckley, Field Operation Section Mountain, und Assistant Director Gardner, Field Operation Section Pacific.«

Wir nickten unisono den drei Herren zu und warteten ab. Mr High blickte den Director fragend an.

»Ja, Sie vermissen Assistant Director Homer«, fuhr Fuller fort, »und genau das ist unser Problem, denn wir vermissen ihn auch.«

Jetzt blickten wir drei den Chef des FBI erstaunt an.

Director Fuller griff zu einem dünnen Aktenhefter, in dem sich eine Reihe von Computerausdrucken befand.

»Ich bringe Sie kurz auf den Stand unseres Wissens«, begann Director Fuller. »Vor einer Woche, exakt am 30.6., stellte Assistant Director Homer einen Dienstreiseantrag nach Jackson, Mississippi, um einen Termin in dem dortigen Field Office wahrzunehmen. Er trat diese Reise einen Tag später, am 1.7 an. Er nahm den Linienflug AA601 mit American Airlines vom Dulles-Flughafen. Abflug 11.45, Ankunft in Jackson 16.00 Uhr.« Fuller blickte in die Runde. »Und bevor Sie nachfragen: Er war definitiv an Bord der Maschine.«

Trotzdem schauten Phil und ich uns fragend an. Mr High schien äußerlich völlig ungerührt.

»Nach 16.00 Uhr am 1. Juli gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihm, nur ein Hinweis aus dem Field Office in Little Rock, Arkansas, dass sich Edward G. Homer bei ihnen telefonisch für den 3. Juli angemeldet hätte. Das Field Office hielt daraufhin Rücksprache mit Assistant Director Segal, der ja der zuständige Leiter der Field Operation Section Midwest ist. Eine Kontaktaufnahme mit Assistant Director Homer war bislang nicht möglich. Die üblichen Nachforschungen des Field Office vor Ort haben auch zu keinem Ergebnis geführt …«

»Denken Sie an eine Entführung?«, platzte ich betroffen in die Ausführungen des Director.

Fuller hob eine Augenbraue, kommentierte meine Unverschämtheit aber nicht. Er dachte einen Moment nach und meinte dann: »Bis jetzt haben wir keine Hinweise darauf, aber wir haben auch keine Hinweise auf irgendein Verbrechen, einen Unfall oder …« Der Chef des FBI führte den Satz nicht zu Ende.

»Das glauben Sie nicht wirklich, Director Fuller«, meldete sich Mr High zu Wort.

Ich schaute Phil an und hatte keine Ahnung, was Mr High damit andeuten wollte. Anscheinend wussten alle anderen, was damit gemeint war, nur wir beide standen auf dem Schlauch, wie ich dem Schulterzucken meines Partners unschwer entnehmen konnte.

Sheckley von der Field Operation Section Mountain übernahm es, Mr High zu antworten. »Nun, man kann den Leiter einer Field Operation Section schon als hochkarätigen Geheimnisträger einstufen. Er verfügt über ein Wissen, das in bestimmten Kreisen ein Vermögen wert ist. Diese Kreise sind auch bereit, ein Vermögen zu zahlen, um an diese Informationen heranzukommen, und möglicherweise, ich betone möglicherweise, bewahrheitet sich wieder einmal, dass jeder seinen Preis hat.«

Unser Chef schaute den Kollegen auf der anderen Seite des Tisches entgeistert an. »Das glauben Sie doch nicht wirklich.«

Es erfolgte keine Reaktion.

»Ich kenne Assistant Director Homer nun schon ziemlich lange, und wenn ich für jemanden die Hand ins Feuer legen müsste, dann für ihn. Er ist …«

Director Fuller hob beschwichtigend die Hände. »Natürlich ist es bei uns genauso, aber Sie wissen so gut wie ich, dass wir bei unseren Nachforschungen keine Möglichkeit außer Acht lassen dürfen.«

Betroffen nickten wir drei aus New York etwas unwillig. Er hatte recht, leider hatte das unsere Berufspraxis immer wieder gezeigt. Trotzdem konnte auch ich nicht daran glauben.

»Nun«, fuhr Fuller fort, »wenn der Leiter einer Field Operation Section verschwindet, können wir nicht untätig herumsitzen oder die Sache den Agents vor Ort, vielleicht sogar den dortigen Polizeikräften überlassen. Wir müssen handeln. Assistant Director Homer hat Sie, Assistant Director High, immer in den höchsten Tönen gelobt, und als Leiter des größten Field Office in den USA ist es keine Frage, dass wir Ihnen die Leitung der Field Operation Section East anvertrauen.« Dabei lächelte er Mr High an und erklärte fast wie zur Beruhigung: »Natürlich nur kommissarisch, bis Assistant Director Homer wieder seinen Dienst versehen kann.«

Mr High nickte zur Bestätigung.

»Wir wollen die Sache mit dem Verschwinden eines Leiters einer Field Operation Section solange es nur geht, beziehungsweise bis wir irgendeine Gewissheit haben, unter dem Deckel halten, auch damit uns die Homeland Security nicht auf den Pelz rückt. Bis jetzt ist das eine interne FBI-Angelegenheit, ist das klar, meine Herren?« Dabei schaute er mich und Phil mit einem so kalten Blick an, als ob wir potenzielle Verräter wären.

»Selbstverständlich, Sir«, befleißigten wir uns sofort zu versichern.

»Sie haben einen Stellvertreter, der innerhalb von 24 Stunden die Geschäfte in New York übernehmen kann?« Es klang wie eine Frage, erweckte aber nicht den Anschein, eine zu sein.

»Kein Problem, Sir«, gab Mr High zurück.

»Gut, dann erwarte ich Sie morgen zur gleichen Zeit hier in Ihrem neuen Büro.«

Automatisch schob ich meinen Stuhl nach hinten und wollte aufstehen, da die Sache für mich durchgestanden schien.

»Agents.«

Die schneidende Stimme des Director nagelte mich auf meinem Stuhl fest. Inzwischen war mir klar, warum dieser Mann das FBI leitete und, wie man so sagte, manchmal auch den Justizminister.

»Agents«, sein Ton war von einer Sekunde zur anderen deutlich umgänglicher geworden, »Sie sind nicht hier, weil ich der Meinung bin, dass Assistant Director High eine Eskorte braucht. Auch Sie wurden von Assistant Director Homer in den höchsten Tönen gelobt, ja man könnte fast meinen, dass er ein freundschaftliches Verhältnis mit Ihnen gepflegt hat. Sie haben ja auch einige gemeinsame Einsätze gehabt.«

Ich nickte und musste innerlich grinsen. Das einzige freundschaftliche Verhältnis, das Homer pflegte, war das zu den Dienstvorschriften. Anscheinend war mein Grinsen doch nicht ganz innerlich gewesen.

»Darf ich Ihrer Mimik entnehmen, dass Sie anderer Meinung sind, Agent Cotton?«

»Nun«, begann ich und versuchte mir eine gute Antwort auszudenken. »Nun, der Ausdruck ›freundschaftliches Verhältnis‹ hat eine weite Auslegungsbreite …«

»Schon gut, spielt jetzt keine Rolle, das können Sie gegebenenfalls mit Assistant Director Homer persönlich klären. Sie und Agent Decker werden in dem Fall ermitteln. Sie begeben sich vor Ort und finden heraus, was mit Assistant Director Homer in den letzten fünf Tagen passiert ist. Dazu werden Sie auf Zeit in den Rang von Inspektoren erhoben und sind mir persönlich unterstellt. Ihre Aktionen werden Sie allerdings mit Ihrem bisherigen Vorgesetzten, Assistant Director High, abstimmen, der außer mir als Einziger Ihnen gegenüber weisungsbefugt ist. Alles klar, Agents?«

Phil und ich brachten es tatsächlich fertig zu nicken. Wir beide FBI-Inspektoren! Das war vielleicht ein Karrieresprung. Die Inspektoren waren so etwas wie die letzte Eingreiftruppe des FBI, wenn die Field Offices nicht mehr weiterkamen. Normalerweise waren sie dem Headquarter direkt unterstellt und hatten weitgehende Machtbefugnisse, selbst die Leiter der Field Offices kamen da nicht mit. Genau das bereitete mir ein ungutes Gefühl und zeigte deutlich, dass es hier untergründig heftig brannte.

»Sie fliegen jetzt wieder zurück nach New York, regeln Ihre Angelegenheiten, und morgen erwarte ich Sie um elf Uhr in meinem Büro zu einem letzten Briefing. Vielen Dank.«

***

Schwester Mitler unterdrückte ein Gähnen und öffnete leise die Tür. Die Nachtlampe brannte und warf einen schmalen Lichtschein auf die im Bett liegende Gestalt. Leise trat die Krankenschwester ein und kontrollierte die Geräte, die im beruhigenden Gleichklang summten und ab und zu im regelmäßigen Abstand einen hellen Ton von sich gaben.

Die Lebensfunktionen des Unbekannten, der von Officer Walker und Johnson mehr tot als lebendig vor ein paar Stunden eingeliefert worden war, hatten sich stabilisiert. Sobald er aufwachte, was aber nicht vor dem Ablauf weiterer vier bis fünf Stunden zu erwarten war, würde man darangehen können, seine Identität zu klären.

John Doe, wie sie ihn insgeheim nannte, eigentlich eine Bezeichnung, die nur auf unbekannte Tote angewandt wurde, hatte sich ganz schön abgeschossen. Zuerst hatten die Ärzte geglaubt, es mit einem Junkie mit Überdosis zu tun zu haben, dann hatte es sich aber herausgestellt, dass John Doe einen fast tödlichen Cocktail aus Barbituraten im Blut hatte.

Sue Mitler hat gleich ihre Zweifel gehabt. Der Mann war zu alt – sie schätzte ihn auf Ende vierzig, Anfang fünfzig. Junkies wurden normalerweise nicht so alt, und wenn, dann sahen sie anders aus. Eigentlich machte der Unbekannte einen gepflegten Eindruck, und seine schmutzige und teilweise zerrissene Kleidung war relativ neu und von bester Qualität.

Nachdem die Krankenschwester alles noch einmal gewissenhaft überprüft hatte, huschte sie leise aus dem Zimmer. Durch das Flurfenster fiel das erste trübe Licht des Morgens, was für sie das Ende ihres Arbeitstages ankündigte. Sue Mitler unterdrückte ein weiteres Mal ein Gähnen und schüttelte den Kopf, um den Anflug von Schlaf zu vertreiben.

Im Schwesternzimmer nahm sie sich die Wachpläne vor, überprüfte noch einmal alles und setzte den einen oder anderen Haken in die entsprechende Spalte.

Sie ahnte die Bewegung mehr, als dass sie sie sah. Ihr Kopf ging in Richtung Tür, in der ein Mann in weißem Kittel stand, die Hände lässig in den Taschen.

»Guten Morgen, Doctor «, sagte Sue automatisch und wollte sich schon wieder ihren Papieren zuwenden, als ihr Gehirn erst mit einiger Verzögerung registrierte, dass etwas nicht stimmte. Der Mann im Kittel trug einen Mundschutz und eine OP-Haube.

In diesem Moment war der vermeintliche Arzt auch schon neben ihr, riss ihren Kopf nach hinten und setzte ein Skalpell an ihren Hals. Selbst die fast kaum spürbare Berührung ritzte die Haut und ein paar Blutstropfen drangen hervor.

»Hör zu, Sweetheart«, flüsterte der Mann hinter dem Mundschutz hervor, »du machst, was ich dir sage, wenn nicht, bist du sofort kaltes Fleisch. Verstanden?«

Sue Mitler bekam keinen Laut heraus.

»Verstanden?« Der Druck des Skalpells verstärkte sich.

»Ja … ja«, keuchte Sue und versuchte zu nicken.

»Gut, dann pass gut auf. Ihr habt heute Nacht doch einen Junkie eingeliefert bekommen, der fast hinüber war – wo liegt der?«

»Einen Junkie?«, gab Sue unsicher zurück, obwohl sie natürlich wusste, dass es sich nur um den als Joe Doe Bezeichneten handeln konnte.

»Keine Zicken, Sweetheart.« Die Stimme war noch um eine Nuance bedrohlicher geworden. Der Mann schob die freie Hand unter Sues Arm und riss sie vom Stuhl hoch. Sue stöhnte auf und blickte hilfesuchend zur Tür. Doch dort stand nur ein zweiter Mann, ebenfalls im weißen Kittel und mit Mundschutz vor dem Gesicht und OP-Haube auf dem Kopf, sodass man nur seine Augen sehen konnte.

»Du bringst uns jetzt zu dem Junkie, klar?«

Mit unsicheren Schritten betrat Sue den Flur und ging dann nach rechts in Richtung des Zimmers von John Doe. Das Skalpell klebte immer noch an ihrem Hals. Der zweite Mann blieb hinter ihnen und schob einen Rollstuhl vor sich her. Der Flur lag wie immer verlassen da. Sue Mitler hoffte, dass einer der Patienten klingeln würde und sie damit vielleicht die Chance bekäme, den beiden Männern zu entkommen, aber nichts tat sich, bis sie die Tür zum Krankenzimmer erreicht hatte.

Der Mann nahm das Skalpell von Sues Hals, öffnete die Tür und stieß die Krankenschwester in den Raum. Schnell folgten er und sein Komplize. Dann flammte das Licht auf.

»So, Sweetheart, jetzt mach ihn mal reisefertig.«

»Das geht nicht. Der Mann muss permanent an den Geräten angeschlossen sein, sonst stirbt er möglicherweise«, wandte Sue Mitler entrüstet ein.


Lieber Jerry Cotton,
als »älteres Semester« habe ich schon vor einigen Jahrzehnten spannende (und heimliche!) Leseerfahrungen mit deiner Heftserie gemacht …
In diesem Sinne, lieber Jerry Cotton:
Herzlichen Glückwunsch zum 60. Geburtstag und zum 3000. Heftroman!

Dr. phil. Siegfried Mohm, Riegelsberg


»Wenn du ihn nicht abhängst, dann stirbst du«, zischte der Mann hinter seiner Maske und hob drohend das Skalpell.

Die Krankenschwester stand unschlüssig neben dem Bett. Ihr Peiniger machte einen Schritt auf sie zu, während der andere hinter dem Rollstuhl wie eine Statue verharrte.

»Los jetzt!«, forderte der mit dem Skalpell sie nochmals auf. »Sonst übernehme ich das, dann hat dein Freund noch geringere Chancen.«

Widerwillig folgte Sue Mitler der Aufforderung und begann langsam die Verbindungen von John Doe zu den Geräten zu lösen. Dabei überlegte sie angestrengt, wie sie unauffällig den Rufknopf drücken könnte. Als alle Geräte abgekoppelt waren, schob der Mann sie beiseite und hob John Doe aus dem Bett.

In dem Moment zuckte Sues Hand vor und drückte den Rufknopf neben dem Kopfteil. Ein leises Plopp ertönte und Sue Mitler brach zusammen. Auf ihrer Brust breitete sich ein tiefroter Fleck aus. Der Mann hinter dem Rollstuhl ließ die Pistole mit aufgeschraubtem Schalldämpfer seelenruhig wieder in der Kitteltasche verschwinden.

»Verdammt«, keuchte der andere und wuchtete John Doe in den Rollstuhl. »Konnte dieses dumme Luder nicht einfach stillhalten!«

Die beiden Männer wickelten John Doe in eine Decke ein, sodass kaum mehr als sein Kopf zu erkennen war.

»Raus hier. Gleich wird es hier nur so von Personal wimmeln.«

Die Entführer hetzten über den Flur auf den Lift zu. Doch bevor sie ihn erreichten, bogen zwei Pfleger um die Ecke.

»He, was ist denn hier los?«, riefen sie den beiden Ärzten entgegen, die im Laufschritt einen Rollstuhl mit einem Patienten vor sich herschoben.

Die erste, durch den Schalldämpfer fast unhörbare Kugel schlug neben den beiden Pflegern in der Wand ein, doch bevor sie realisieren konnten, was da passiert war, lagen sie schon von zwei weiteren Schüssen getroffen sterbend auf dem Krankenhausflur.

Die beiden Männer mit dem Rollstuhl hatten den Lift erreicht. Einer von ihnen zog einen Schlüssel aus der Tasche und betätigte damit die Vorrangschaltung des Fahrstuhls. John Doe im Rollstuhl stöhnte auf.

Die beiden »Ärzte« blickten sich kurz über den Mundschutz hinweg an. Dann verkündete ein helles Pling die Ankunft des Lifts. Die Türen glitten auf und die beiden schoben den Rollstuhl in die Kabine. Hinter ihnen auf dem Flur breitete sich eine Blutlache unter den beiden Pflegern aus.

Ohne anzuhalten glitt der Lift die drei Stockwerke nach unten und hielt im Erdgeschoss. Am Empfang des Krankenhauses herrschte Unruhe. Mehrere Personen in weißen Kitteln standen heftig diskutierend vor der Pförtnerloge.

So unauffällig wie möglich schoben die beiden Männer den Rollstuhl aus dem Lift, wandten sich nach rechts und verließen unbemerkt durch einen Seiteneingang das George Fountain General Hospital in Tupelo.

Kaum standen sie draußen, rollte ein dunkler Van mit dem Schriftzug einer örtlichen Großwäscherei heran. Die Hecktüren wurden aufgestoßen, eine Planke herausgeschoben, und binnen weniger Sekunden waren die beiden falschen Ärzte und der Rollstuhl mit John Doe darin verschwunden.

***

Johnson und Walker saßen an ihren Schreibtischen im Lee County Sheriff Department und erledigten den Papierkram der Nacht. Draußen war es schon hell, die Tagschicht schon eingetroffen, und die Kollegen standen mit Kaffeebechern in den Händen auf dem Flur.

Die üblichen morgendlichen Gespräche machten die Runde, Telefone klingelten, und die ersten Teams machten sich in den Streifenwagen auf den Weg zu vermuteten Einbrüchen und Autodiebstählen.

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