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Jerry Cotton - Folge 2985

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Die italienische Methode
  4. Jerry Cotton aktuell
  5. Vorschau

Die italienische Methode

Luigi Pernone wusste, dass sie ihn töten würden. Erst recht, als einer der drei Männer ihm einen stinkenden Jutesack über den Kopf zog.

»Ich habe nichts verraten!« Seine Stimme zitterte. »Ich schwöre es bei der Heiligen Jungfrau Maria! Bitte, ihr müsst mir glauben!«

Die Killer schwiegen. Stattdessen luden sie ihre Waffen durch. Breitbeinig standen sie vor dem Gefangenen, die Läufe der großkalibrigen Revolver auf ihn gerichtet. »Arrivederci, Bastardo!«, hörte der Gefesselte einen von ihnen sagen. Dann drückten die Killer ab.

Kate Thornton zog den dicken Wollschal fester um ihren Hals. Es war eiskalt, minus fünf Grad. Wie jeden Morgen ging sie die wenigen Blocks zu Fuß von ihrem Zweizimmerapartment die Mulberry Street entlang. Diese verlief direkt durch das alte Zentrum von Little Italy in Downtown Manhattan. Die noble Boutique, in der sie als Verkäuferin arbeitete, lag unten an der Kreuzung Hester Street.

Jedes Mal, wenn sie an dem Seitengässchen vorbeikam, das im Volksmund Bandit’s Roost genannt wurde, beschleunigte sie unwillkürlich ihre Schritte. Geradeso als erwarte sie, überfallen zu werden. Natürlich war dies ausgemachter Unsinn, aber dennoch kam sie gegen ihr Unbehagen nicht an.

Kate warf auch heute einen scheuen Blick in die Gasse – und blieb schlagartig stehen! Sie kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Tatsächlich! Da hing jemand über einem Holzfass. Leblos und mit ausgebreiteten Armen.

Kate wusste im ersten Moment nicht, wie sie sich verhalten sollte. Schließlich überwand sie ihre Furcht und ging entschlossen in die Gasse hinein. Vielleicht war die Person verletzt und brauchte ihre Hilfe.

Je näher sie dem Fass kam, umso mehr beschleunigte sich ihr Herzschlag. Jetzt erkannte sie, dass es sich nicht um einen Menschen handelte, der auf der alten Tonne lag, sondern lediglich um einen grauen Herrenwintermantel.

Die Ärmel hingen links und rechts am Fass herunter. Erleichtert atmete die Verkäuferin auf. Doch dann entdeckte sie am Kragen des Mantels getrocknete rote Flecken. Genauso an der Knopfleiste.

Blut!

Vorsichtig hob die Frau den Wintermantel an, um genauer nachzusehen. Das Grauen schnürte ihr die Kehle zu! Mit schreckgeweiteten Augen starrte sie auf steif gefrorene menschliche Gliedmaßen, die aus dem Fass herausragten: einen schwarz beschuhten Fuß und eine Hand mit seltsam verkrümmten Fingern!

***

Als Phil an der üblichen Ecke in meinen Jaguar stieg, begrüßte ich ihn müde. Vergangene Nacht hatte ich nicht besonders gut geschlafen, weiß der Henker, warum. Das büßte ich nun.

Mein Partner blickte mich schräg von der Seite an. »Du hast Ringe unter den Augen wie ein tausendjähriger Baum.«

Statt einer Antwort räusperte ich mich lediglich, während ich den Jaguar in den dichten Verkehr einreihte. Es gab bessere Morgen als diesen, so viel stand fest. Auch Phil bemerkte das schnell und verzichtete darauf, mich weiter aufzuziehen.

»Wohin fahren wir?«, fragte er stattdessen.

»Little Italy. Dort wurde eine Leiche gefunden. In einer Tonne.«

»In einer Tonne?«

»Eigentlich in einem Olivenölfass.«

»Little Italy, Fass – Mafia?«, folgerte Phil erstaunlich schnell für diese Zeit.

Ich zuckte die Schultern. Phil schwieg, bis wir in die Mulberry Street einbogen, die im Süden von Chinatown begrenzt wurde. Auf der Höhe von Bandit’s Roost sahen wir die weißblauen Streifenwagen der Kollegen des New York Police Department.

Den wenig schmeichelhaften Namen verdankte die Seitengasse den zahlreichen Polizeiaktionen, die hier in den 1880er- und 1890er-Jahren stattgefunden hatten.

Ich parkte den Jaguar in der zweiten Reihe und wir stiegen aus. Meine dick gefütterte Winterjacke schützte mich zwar vor dem eisigen Wind. Aber zu allem Übel hatte ich die Handschuhe vergessen, sodass sich meine Finger schon nach kurzer Zeit anfühlten, als würden sie in einem Eisfach liegen.

Die Cops hatten die Gasse weiträumig abgesperrt. Detective Dan Pryer winkte uns heran. Wir kannten uns, nickten ihm zur Begrüßung wortlos zu und stellten uns neben ihn. Pryer war ein schlaksiger Mann mittleren Alters. Er bedeutete den Spezialisten von der Spurensicherung auf die Seite zu treten, damit wir einen freien Blick auf das Fass werfen konnten. Und wirklich – so etwas hatten wir noch nie gesehen.

Die Männerleiche war regelrecht in die Tonne hineingestopft worden! Der Körper lag unnatürlich zusammengekrümmt im Innern des Fasses. Der Kopf, über den ein blutgetränkter Jutesack gezogen war, klemmte zwischen den Knien.

Der rechte Fuß und die linke Hand ragten ein paar Zentimeter aus der Öffnung heraus. Auf dem Boden lag ein grauer Herrenwintermantel.

»Die Jungs werden immer einfallsreicher«, beendete Detective Pryer seine Ausführungen.

»Sieht aus wie eine Abrechnung in Mafiakreisen«, sagte ich. Das war mehr eine Feststellung als eine Frage.

»Davon gehen auch wir aus, Jerry. Damit fällt der Mord in eure Zuständigkeit.«

Der Tote aus der Tonne hieß Luigi Pernone. Vor acht Tagen war er aus Palermo in die Staaten eingereist. Das stellten wir bei einer Identitätsprüfung durch die Einwanderungsbehörde fest.

Die gerichtsmedizinische Untersuchung der Kollegen der Scientific Research Division ergab, dass Pernone von zwölf Kugeln aus drei verschiedenen Waffen getötet wurde. Sie steckten in seinem Kopf und in seinem Oberkörper. Bei den Projektilen handelte sich um das Kaliber 9 Millimeter Luger sowie um 357er und 44er-Magnum.

Damit stand fest, dass der Sizilianer von drei Schützen erschossen worden war. Den Zeitpunkt seines Todes kreiste der Coroner auf die Nacht von vorgestern ein.

***

Bei der morgendlichen Dienstbesprechung klang Mr High in Bezug auf den Tonnenmord, wie wir ihn intern bezeichneten, ziemlich besorgt. Zu dritt saßen wir in seinem Büro: Phil, Steve Dillaggio und ich. In den Tassen vor uns auf dem Besprechungstisch dampfte Kaffee, den Helen frisch gekocht hatte.

»Wir müssen verhindern, dass zwischen den Mafiaclans in Little Italy wieder ein Krieg ausbricht!« Mr High sah jeden von uns fest an. »In letzter Zeit ist im Viertel Ruhe eingekehrt. Und das soll auch so bleiben!« Der Assistant Director ging mit auf dem Rücken verschränkten Armen unruhig in seinem Büro auf und ab.

»Tatsächlich sieht der Mord an Pernone wie eine Vergeltung aus diesen Kreisen aus. Wie ein Auftragsmord! Finden Sie also schnell heraus, was und vor allem wer dahintersteckt. Nur so können wir entsprechend reagieren, um weitere Gewalt zu verhindern, bevor sie vollends eskaliert!«

Wir nickten. Fast zeitgleich griffen wir nach unseren Tassen und tranken Helens köstlichen Kaffee. Ich spürte, wie die Müdigkeit langsam von mir wich.

Mr High fixierte mich. »Ich stelle Ihnen und Phil Steve zur Seite. Aufgrund seiner Abstammung besitzt er gute Kontakte zur italoamerikanischen Gemeinde in New York, die wir jetzt nutzen müssen. Der Fall ist ernst. Ich befürchte, dass sich in Little Italy etwas zusammenbraut. Ein neuer Mafiakrieg ist das Letzte, was uns noch gefehlt hat!«

»Wir kennen die Familien, die sich in den einzelnen Boroughs breitgemacht haben, Sir«, sagte Steve. »Wir fangen in Little Italy an. Die beiden bedeutendsten Clans dort sind die Corsisis und die Gentilis. Sie teilen sich die Geschäfte und damit auch die Macht.«

»Einverstanden, Steve.« Der Assistant Director warf mir einen fragenden Blick zu, weil ich bisher stumm geblieben war. Allerdings hatte ich Steves Ausführungen nichts hinzuzufügen. »Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Seien Sie vorsichtig!« Mit diesen Worten entließ uns Mr High.

Anschließend setzten Phil, Steve und ich uns zusammen, um unser weiteres Vorgehen zu besprechen. Phil beschäftigte sich mit dem Tatort und dem Fass, das weitere Erkenntnisse versprach. Steve und ich wollten herausfinden, wo sich Pernone vor seiner Ermordung als Letztes aufgehalten hatte.

Während Steve seine italienischen Informanten abtelefonierte, ging ich den Obduktionsbericht noch einmal durch.

»Der Sizilianer ist vorgestern Abend im La Rustica Sicilia aufgetaucht, einem Lokal in Little Italy«, sagte Steve schließlich zu mir. »Der Besitzer heißt Silvio Mantina. Das Restaurant gilt gemeinhin auch als Treffpunkt des Corsisi-Clans.«

»Den Laden sollten wir uns mal ansehen. Vielleicht kann uns dort einer sagen, ob sich Pernone vor seinem Tod mit jemandem getroffen hat.«

Kurz darauf saßen wir in meinem Jaguar. Von der Federal Plaza fuhren wir den Broadway hoch, bogen in die Walker Street ein, dann in die Lafayette bis fast runter nach Downtown und schließlich in die Grand Street nach Little Italy.

Für New Yorker Verhältnisse eigentlich ein Katzensprung. Aber dichtes Schneetreiben behinderte den Verkehr, sodass wir nur im Schritttempo vorankamen.

***

Das La Rustica Sicilia lag etwas abseits in einer Nebenstraße. Ich parkte meinen Jaguar direkt vor der Tür. Als wir ausstiegen, wirbelte ein schneidender Wind Schneeflocken in unsere Gesichter, zerrte an den Wintermänteln. Wir beeilten uns, in das Restaurant zu kommen, das rund um die Uhr geöffnet hatte.

Das La Rustica war ein gemütliches Lokal, mit einer langen Theke und Barhockern auf der einen und sauber eingedeckten Esstischen auf der anderen Seite. Neben der Bar war der Durchgang zur Küche. Außer uns war niemand anwesend.

Als wir uns den Schnee von den Mänteln klopften, tauchte ein untersetzter, magerer Kellner mit Bistroschürze und Fliege auf. »Wünschen die Herren ein verspätetes Frühstück oder einfach nur einen Latte Macchiato an der Bar?«, fragte er galant.

»Weder noch«, erwiderte ich. »Wir möchten mit dem Besitzer, Mister Mantina, sprechen.«

Der Kellner sah uns abwechselnd an. »In welcher Angelegenheit?«

»Das sagen wir ihm besser persönlich«, antwortete Steve und hielt ihm den Dienstausweis unter die Nase.

Der Angestellte bedeutete uns an der Bar Platz zu nehmen und verschwand in der Küche. Kurz darauf erschien Silvio Mantina mit Gefolge. Er war ein mittelgroßer sehniger Mann mit einem spitzen Vogelgesicht und Halbglatze. Seine tief in den Höhlen liegenden Augen musterten uns misstrauisch.

Neben ihm bauten sich zwei grobschlächtige Typen auf. Sie sahen uns an, als würden wir ihnen gleich zum Fraß vorgeworfen. Der Kellner hatte sich verdrückt.

»Was kann ich als gesetzestreuer Bürger für das FBI tun, Agents?« Mantinas Worte klangen nicht nur aalglatt, sondern auch eine Spur zu freundlich.

Steve und ich erhoben uns von den Barhockern, um auf Augenhöhe mit ihm zu sein. Neben den beiden Bodyguards wirkten wir jedoch wie Spargel.

Ich zog ein Foto aus der Manteltasche, das aus den Überwachungskameras der Einwanderungsbehörde stammte. Es zeigte Luigi Pernone bei seiner Einreise in die Staaten. »Kennen Sie diesen Mann, Mister Mantina?«

Der Restaurantchef nahm mir das Bild aus der Hand und tat so, als sehe er es sich interessiert an. Gleich darauf gab er es mir wieder zurück. »Nein«, sagte er. Mehr nicht. Für ihn schien damit die Unterhaltung beendet zu sein.

»Bei dem Mann handelt es sich um Luigi Pernone«, erklärte Steve. »Er hat vorgestern hier gegessen. Dafür gibt es Zeugen. Können Sie sich jetzt vielleicht an ihn erinnern?«

Mantina ließ sich nicht aus der Reserve locken. Seine beiden Gorillas tänzelten auf den Schuhsohlen herum, als könnten sie es kaum erwarten, endlich von der Leine gelassen zu werden. »Das besagt gar nichts, Agents«, antwortete der Restaurantbesitzer gereizt. »Glauben Sie, ich kann mir das Gesicht jedes Gastes merken?«

»So groß ist der Laden hier nicht. Ich denke schon, dass Sie das können!« Ich warf einen schnellen Seitenblick auf die beiden Bodyguards. »Pernone ist kurz nach seinem Besuch in Ihrem Restaurant ermordet worden!«

Mantina senkte den Kopf, schloss für einen Moment die Augen. »Das ist ja schrecklich.« Seine Stimme klang so salbungsvoll wie die eines Priesters bei einer Beerdigung. »Aber was hat das mit mir zu tun?«

Langsam platzte mir der Kragen. Der Typ verschaukelte uns. »Hören Sie mir genau zu, Mister Mantina! Wir ermitteln in einem Mordfall! Ihr Lokal gilt als Treffpunkt der Corsisi-Familie, und deshalb hätten wir gerne gewusst, ob und, wenn ja, mit wem sich Pernone hier getroffen hat!«

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, wie Steve seine Hand an die SIG Sauer legte, als erwarte er das Schlimmste. Auch ich spannte meine Muskeln an, denn die Blicke der beiden Hünen neben Mantina sprachen Bände. Die Spannung lag fast greifbar in der Luft. Ein falsches Wort, ein Funke genügte und die aufgestaute Atmosphäre würde explodieren.

Der Restaurantbesitzer versuchte, seinen Ärger hinunterzuschlucken. »Nun gut, es kann sein, dass dieser Mister Pernone oder wie er hieß zum Essen hier war. Ich erinnere mich jedoch nicht daran, ob er sich mit jemandem getroffen hat.«

»Dann aß er alleine an einem Tisch?«, hakte ich nach.

»Du hast doch gehört, was Mister Mantina gesagt hat!« Der links von mir stehende Bodyguard hatte kaum sein letztes Wort ausgespuckt, als mir Steve mit einer Entgegnung zuvorkam. »Hör zu, Freundchen, wir sind keine Pizzalieferanten, sondern FBI-Agents! Also einen anderen Ton gefälligst!«

»Sonst?« Die Bizepse des Hünen spielten unter den Ärmeln seines schwarzen Sakkos. Und auch sein Kollege gab nun ein Lebenszeichen von sich, indem er seine Handknöchel knacken ließ.

Wir starrten uns alle an. Das war der Moment, in dem die Situation außer Kontrolle zu geraten schien. Doch Mantina war klug genug, dies nicht zuzulassen.

Mit einer Handbewegung scheuchte er seine beiden Männer fort. Mit einem dümmlichen Grinsen zogen sie sich an einen der Tische zurück.

»Entschuldigen Sie, Agents, aber meine Mitarbeiter lassen ab und zu etwas an Höflichkeit vermissen«, schlug Mantina einen versöhnlicheren Ton an. »Jetzt kann ich mich auch wieder an Mister Pernone erinnern. Er saß tatsächlich alleine am Tisch und hat gespeist. Nach dem Essen ist er gegangen. Ebenfalls alleine.«

»Wie lange hielt sich Pernone hier auf?«, hakte ich nach.

»Ungefähr zwei Stunden. Er kam um 19 Uhr und verließ das La Rustica gegen 21 Uhr.«

»Unglaublich, wie Ihr Gedächtnis plötzlich wieder funktioniert«, bemerkte Steve spitz und warf einen Blick auf die beiden Gorillas, die uns nicht aus den Augen ließen.

Mantina lächelte selbstgefällig und zuckte mit den Schultern.

»Sie sind also ganz sicher, dass Pernone an diesem Abend niemanden in Ihrem Lokal getroffen hat? Vielleicht ein Mitglied der Corsisi-Familie?«, versuchte ich es ein letztes Mal.

»Ganz sicher, Agents. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Mein Koch wartet auf meine Anweisungen für das heutige Tagesmenü. Gerne können Sie noch etwas trinken. Geht aufs Haus.« Mantina sah uns nachsichtig an. Seine verschlagenen Augen erinnerten an die einer Hyäne.

Ich atmete tief durch. »Wenn wir weitere Fragen haben, kommen wir wieder!«, kündigte ich ihm an. Dann verließen Steve und ich das Restaurant. Auch er unterdrückte nur ...

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