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Jerry Cotton - Folge 2885

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Flammen tilgen alle Spuren
  4. Jerry Cotton aktuell
  5. Vorschau

Flammen tilgen alle Spuren

Sie nannten sich Killer, Hurricane, Devil, Munster und Spongebob, und sie waren im Moment ziemlich high.

»Scheiße«, krächzte Spongebob, »mir geht es nicht gut.«

Killer sah ihn an. In seinem Gürtel steckte eine riesige Kanone. »Du hast doch nicht etwa die Hosen voll.«

»Blödsinn«, knurrte Spongebob. »Ich fühle mich bloß nicht richtig wohl. Das ist alles.«

Hurricane drückte Spongebob eine Pille in die Hand. »Hier. Aber das muss jetzt reichen. Zu viel Dope ist ungesund.«

Killer zog seine Pistole. Er stand mit seinen Komplizen auf dem teppichweichen Rasen eines gepflegten Grundstücks, das von einer nicht besonders hohen Natursteinmauer umgeben war. Der Atlantik war so nahe, dass man die Wellen rauschen hörte, und das Haus, das die jungen Kriminellen besuchen wollten, zeugte davon, dass seine Besitzer nicht gerade in ärmlichen Verhältnissen lebten. Das kunstvoll gegliederte Dach war nach allen Seiten hin mehrfach abgesetzt. Im gesamten Erdgeschoss brannte Licht. Auch in den beiden ausladenden Erkern, die eine breite Veranda flankierten.

Killer versammelte seine Komplizen um sich. »Wir erledigen die Sache genau so, wie wir es besprochen haben.«

Munster zeigte auf das Haus. »Da drinnen gibt’s bestimmt sehr viel zu holen.«

Killer bleckte die kräftigen Zähne. »Okay, Amigos. An die Arbeit. Machen wir Schlagzeilen.«

***

Sie näherten sich dem Haus. Spongebob stolperte und rempelte Devil an. Dieser stieß ihn ärgerlich zurück. »Pass auf, wo du hintrittst, Mann.«

»’tschuldigung.«

»Maul halten!«, befahl Killer.

Im Haus schlenderte ein Mann mit einem Glas Milch gemächlich durchs Wohnzimmer. Mittelgroß, wohlgenährt, dunkelhaarig, mandelförmige Augen – ein Chinese. Er trug einen rostroten Pullover und schwarze Leinenhosen. Hurricane und Munster duckten sich unwillkürlich. Killer hob seine Pistole und zielte auf den Mann. »Peng!«, sagte er grinsend. »So schnell kann man tot sein.«

Hurricane rümpfte die Nase. »Ich mag keine Chinesen.«

Killer lachte leise. »Du magst keine Chinks, keine Japse, keine Latinos, keine Schwarzen. Du bist ein gottverdammter Rassist.«

Der Hausbesitzer verschwand aus ihrem Blickfeld. Sie schlichen die Verandastufen hinauf.

»Sieh dir diesen Luxus an«, flüsterte Spongebob, während er seinen Blick durch das Wohnzimmer wandern ließ.

Killer trat an die halb offen stehende Verandatür. Bevor er sie mit dem Ellenbogen etwas weiter aufdrückte, entsicherte er seine Pistole.

Dann trat er rasch ein und sagte laut: »Guten Abend, Leute.«

Katara Tseng sprang schreiend auf. Sie trug einen Kimono aus gelber Seide. Ihr breites Gesicht wurde aschfahl. Sie starrte Killer und seine Freunde entsetzt an. Er richtete seine Pistole auf sie.

»Hinsetzen!«

Sie zitterte. »Nicht schießen.«

»Hinsetzen!«

Sie schluchzte. »Bitte tun Sie uns nichts.«

»Wenn Sie tun, was ich sage, wird Ihnen nichts geschehen«, erklärte Killer.

Katara Tseng setzte sich. »Zuko«, krächzte sie. »Was wollen diese Männer von uns?«

Zuko Tseng stand mit erhobenen Händen neben der HiFi-Anlage, die den Raum noch immer mit Puccini-Klängen beschallte.

»Mach das Gejaule aus!«, verlangte Hurricane. »Ist ja fürchterlich. Davon wird man krank.«

Zuko Tseng beendete die Musik mit einem raschen Knopfdruck. Es war schlagartig still im Haus.

Killer wandte sich an Zuko Tseng. »Würden Sie bitte neben Ihrer Frau Platz nehmen, Mister?«

Der Chinese setzte sich langsam in Bewegung. Schweiß glänzte auf seiner Oberlippe.

»Angst?«, fragte Killer.

Zuko Tseng nickte.

Killer schüttelte den Kopf. »Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Wir tun nur unsere Pflicht. Wir kommen vom Finanzamt. Sind ’ne Sondereinheit. Sollen von Ihnen und Ihresgleichen eine Art Sondersteuer einziehen. Wenn wir die haben, gehen wir wieder, und Sie können weiter mit Ihrer Frau Musik hören. Sie dürfen uns nur nicht verscheißern oder gar belügen. Das würden wir Ihnen nämlich sehr übel nehmen. Haben Sie mich verstanden?«

»Ja.«

»Gut. Dann setzen Sie sich.«

Zuko Tseng ließ sich auf dem Sofa neben seiner Frau nieder. Sie weinte. Er nahm ihre Hand und hielt sie fest. Mach dir keine Sorgen, sollte das heißen. Ich bin bei dir. Es wird alles gut. Ich lasse nicht zu, dass sie dir etwas antun.

»Ist außer Ihnen noch jemand im Haus?«, erkundigte sich Killer.

»Wir sind allein«, antwortete Zuko Tseng.

Killer wandte sich an Hurricane und Devil. Er zeigte mit seiner Pistole auf das Ehepaar und sagte: »Fesseln.«

»Ist das wirklich nötig?«, fragte Zuko Tseng.

»Bloß eine Sicherheitsmaßnahme«, beruhigte Killer den Mann.

»Sie sagten …«

»Ich weiß, was ich gesagt habe«, fiel Killer dem Chinesen barsch ins Wort. Seine Stimme wurde aber gleich wieder weich und freundlich. »Ihnen wird kein Leid geschehen. Vertrauen Sie mir. Lassen Sie sich fesseln, damit wir ungestört unseren Job erledigen können. Je bereitwilliger Sie sich fügen, desto schneller sind Sie uns wieder los.«

Hurricane und Devil fesselten das Ehepaar mit Klebebändern.

Killer ging vor der Frau in die Hocke und sah ihr von unten ins Gesicht. »Besitzen Sie Schmuck, Madam?«

»Bitte.« Sie schluchzte.

»Haben Sie Schmuck?«

»Bitte. Bitte.«

»Hey, was soll das?«, schnauzte Killer die Chinesin an und schnellte ungeduldig hoch. »Ich habe Ihnen eine einfache Frage gestellt und erwarte darauf eine klare Antwort. Mit ›Bitte. Bitte.‹ kann ich nichts anfangen.« Er zielte mit der Pistole auf ihre Stirn. »Also, wo sind die Klunker?«

»Oben«, stieß Zuko Tseng ängstlich hervor. »Sie sind oben. Im Schlafzimmer. In der Schmuckschatulle.«

»Und das Geld?«, fragte Killer.

»Im Safe«, antwortete Zuko Tseng.

»Auch oben?«

»Nein. Hier unten. In meinem Büro.«

»Wie viel ist drin?«, wollte Killer wissen.

»Zwanzigtausend.«

»Nicht mehr?«

Zuko Tseng presste ängstlich die Lippen zusammen und schwieg. Killer schickte Spongebob und Munster ins Obergeschoss.

Sie brachten die Schmuckschatulle herunter, stellten sie auf den Couchtisch und öffnete sie. Es befanden sich Halsketten, Ringe, Armbänder und Uhren darin.

»Wie viel ist das wert?«, wollte Killer wissen.

»Ich weiß es nicht«, gab Zuko Tseng zur Antwort.

Devil fasste sich an die Stirn. »Er weiß es nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Mann, die besitzen so viel Geld, dass es sie überhaupt nicht interessiert, was das Glitzerzeug kostet. Sie sehen es im Schaufenster eines Juweliers. Es gefällt ihnen. Sie gehen hinein und kaufen es. So, wie wir uns ’nen Kaugummi kaufen.«

Killer wollte von Zuko Tseng hören, wie man den Safe aufbekam. Der Chinese verriet es ihm.

Hurricane und Devil plünderten auf Killers Geheiß den Safe und brachten auch noch einen Laptop, einen E-Book-Reader, ein Netbook, zwei Smartphones, eine Digi-Cam und einen Tablet-PC mit. Killer war sehr zufrieden. Der Beutezug hatte sich gelohnt. Er strahlte vor Freude und setzte sich vor Zuko und Katara Tseng auf den Couchtisch.

»Bitte gehen Sie«, flehte die Frau mit zitternder Stimme.

»Wir sind noch nicht fertig«, sagte Killer.

»Sie haben doch, was Sie wollten.«

»Jetzt möchten wir noch ganz schnell auf euer Wohl trinken«, sagte Killer. »Munster, sieh nach, was sie haben.«

Munster ging zur fahrbaren Hausbar, die vor einem riesigen Drachengemälde stand. »Bourbon. Cognac. Scotch. Reisschnaps.«

»Wunderbar«, sagte Killer. »Bring alles her.«

Munster schob die Hausbar durch den Raum.

»Hurricane. Devil.«

»Ja?«, antwortete Hurricane.

»Klebt den Schlitzaugen den Mund zu«, verlangte Killer.

Hurricane riss einen Klebestreifen von der Rolle und tat, was Killer gesagt hatte. Devil machte das Gleiche bei Katara Tseng, die jetzt offenbar das Schlimmste befürchtete.

»Jeder nimmt sich eine Flasche«, sagte Killer. »Flaschen öffnen!«

Seine Komplizen taten es.

»Wir nehmen jetzt alle einen kräftigen Schluck auf das Wohl unserer großzügigen Gastgeber.«

Alle tranken, und was sich danach noch in den Flaschen befand, leerten sie ringsherum aus. Sie gingen mit umgedrehten Pullen durch das Wohnzimmer und verteilten das hochprozentige Zeug überall.

Den wasserklaren Reisschnaps schüttete Killer auf Katara und Zuko Tseng. Der Mann bekam davon etwas mehr ab als die Frau, aber das hatte in Killers Augen seine Richtigkeit, denn Zuko Tseng war auch wesentlich dicker.

»Ist ein bisschen kühl hier drinnen«, bemerkte Killer und tat so, als würde ihn frösteln.

»Finde ich auch«, gab ihm Devil grinsend recht.

»Sollen wir dafür sorgen, dass es ein klein wenig wärmer wird?«, erkundigte sich Munster und holte mit sichtlicher Freude sein Feuerzeug heraus.

Killer nickte. »Ich denke, das kann nicht schaden.«

Munster schnickte sein Feuerzeug an. Augenblicke später brannte ein Vorhang. Hurricane zündete den teuren Seidenteppich an, Spongebob einen gepolsterten Sessel, Devil einen Zeitungsständer und Killer das gefesselte Ehepaar.

***

Das Haus brannte zwar nicht mehr, als Phil und ich eintrafen, aber die Feuerwehrleute schossen noch eine Weile ringsherum armdicke Wasserfontänen hinein, um ein neuerliches Aufflackern des Feuers zu verhindern.

Uniformierte Cops sorgten dafür, dass die Arbeit der Löschmannschaften nicht von Schaulustigen behindert wurde. Phil und ich wiesen uns aus und durften die Absperrung passieren. Die Flammen hatten ganze Arbeit geleistet. Sie hatten das große Gebäude restlos verwüstet.

Es gab kein Dach mehr. Mauern waren umgefallen, Decken herabgestürzt. Das Glas nahezu aller Fenster war geborsten. Beißender Rauch lag fett und schwarz in der Luft. Ohne schwere Atemschutzgeräte hätten die Männer vom Fire Department nicht arbeiten können.

Hank Hogan kam uns entgegen. Der blonde Hüne mit den buschigen Augenbrauen hatte mich vor einer halben Stunde angerufen und gesagt: »Jerry, hier ist Hank.«

»Weißt du, wie spät es ist? Um diese nachtschlafende Zeit ruft man niemanden mehr an«, belehrte ich den Privatdetektiv. »Es sei denn …«

»Es geht um Mord, Jerry«, sagte Hank mit Nachdruck.

»Wer wurde ermordet?«

»Freunde von mir«, antwortete Hank.

»Wo?«

»Auf Staten Island«, sagte Hank. Er nannte die Adresse und sprach von Nachbarn, die mehrere verdächtige Gestalten auf dem Anwesen seiner Freunde gesehen hätten. »Sie haben die Polizei alarmiert, doch als die Cops eintrafen, stand das Haus in Flammen und die Täter waren über alle Berge.«

Als er die Namen seiner Freunde erwähnte, sagte ich: »Wir kommen sofort.«

Anschließend hatte ich Phil angerufen, und jetzt waren wir hier.

»Katara und Zuko Tseng«, sagte Hank Hogan und deutete mit dem Kopf auf die rußschwarze Ruine.

Phil nickte. »Die Tseng-Kette.«

»Top-China-Restaurants in nahezu allen großen amerikanischen Städten«, ergänzte Hank Hogan.

»Speisen auf höchstem Niveau«, fügte mein Partner hinzu. »Das ist der Slogan der Tseng-Kette.«

»Ich habe vor vier, fünf Jahren einen Kerl ins Kittchen gebracht, der die Tsengs erpressen wollte«, sagte Hank.

Daran konnte ich mich dunkel erinnern. »So lange ist das schon wieder her?«

»Tja, so schnell vergeht die Zeit«, sagte Hank, der nicht nur Privatdetektiv war, sondern uns ab und zu ein paar hilfreiche Tipps gab.

Die Tsengs waren dankbare Leute gewesen, deshalb waren sie mit Hank auch in Verbindung geblieben, nachdem es ihm gelungen war, den Erpresser dingfest zu machen, und aus der zunächst beruflichen Bekanntschaft hatte sich im Laufe der Zeit eine private Freundschaft entwickelt.

»Sie waren nette, anständige Menschen«, sagte Hank Hogan ernst. »Prahlten nicht mit ihrem Reichtum, lebten weitgehend zurückgezogen, gaben viel Geld für karitative Zwecke aus, ohne dass sie dafür namentlich genannt werden wollten.«

»Gibt es Erben?«, wollte ich wissen.

»Sie haben zwei Söhne«, antwortete Hank. »Liang Tseng und Jared Watson.«

Ich horchte auf. »Moment mal …«

»Jared Watson wurde von ihnen adoptiert«, klärte Hank mich auf. »Nach einer komplizierten Scheinschwangerschaft, die Katara Tseng beinahe das Leben gekostet hätte, konnte sie keine Kinder mehr bekommen. Da die Tsengs aber nicht wollten, dass Liang allein aufwuchs, holten sie ihm einen gleichaltrigen Bruder aus dem Waisenhaus.«

»Wieso heißt er nicht ebenfalls Tseng?«, erkundigte ich mich.

»So hieß er fünfzehn Jahre lang. Er wurde mit drei Jahren adoptiert. Als er achtzehn war, nahm er den Namen seiner leiblichen Eltern an und verließ die Familie.«

»Warum?«, fragte ich.

Hank zog die breiten Schultern hoch. »Er wollte auf eigenen Füßen stehen.«

»War er mit seinen Adoptiveltern nicht zufrieden?«, fragte ich. »Ging er im Streit?«

Hank Hogan schüttelte den Kopf. »Es gab keinen Streit. Er ging einfach, weil er sein eigenes Leben leben wollte.«

»Wie alt ist Jared Watson heute?«, fragte ich.

»Zweiundzwanzig.«

»Was macht er beruflich?«

»Sein Vater hat für viele Leute, die sich die Finger nicht schmutzig machen wollten, eine Menge Drecksarbeit erledigt«, erzählte Hank. »Er hat Schulden eingetrieben, Leute zur Räson gebracht, Vergeltungsschläge inszeniert und dergleichen mehr.«

»Heißt das, Jared Watsons Daddy war ein Gangster?«, warf Phil ein.

Hank nickte. »Könnte man sagen. Ja. Eines Tages geriet er zwischen zwei extrem gefährliche Fronten. Das haben er und seine Frau nicht überlebt.«

»Was ist passiert?«, wollte mein Partner wissen.

»Jemand hat ihnen eine Bombe unters Auto gepackt.«

»Wo war Jared, als die Bombe hochging?«, fragte ich.

»Im Kindergarten.«

»Und jetzt macht Jared das, was ihm vor zweiundzwanzig Jahren gewissermaßen in die Wiege gelegt wurde«, fasste Phil zusammen.

»Das können die Tsengs wohl kaum gutgeheißen haben«, sagte ich.

»Haben sie auch nicht«, pflichtete Hank mir bei, »aber sie waren machtlos. Jared hätte in ihrem exklusiven Restaurant-Imperium Karriere machen können, doch das wollte er nicht.«

»Kennst du ihn?«, fragte ich.

Hank nickte. »Ich bin ihm ein paar Mal begegnet.« Er rümpfte die Nase. »Er ist nicht mein Fall.«

Phil zeigte auf das Haus. »Könnte er damit etwas zu tun haben?«

»Mit diesem Brand?«, fragte Hank.

Phil zog die Schultern hoch. »Vielleicht um sich nachhaltig abzunabeln.«

»Ausgeschlossen«, sagte Hank Hogan überzeugt. »Man kann von ihm halten, was man will, aber so etwas hätte er seinen Adoptiveltern niemals angetan. Er hat sie geliebt. Auf seine Weise. Hört sich irgendwie seltsam an, aber es ist so. Er bricht jedem sämtliche Knochen im Leib, ohne mit der Wimper zu zucken, ist hart wie Granit. Nur Katara und Zuko Tseng hätte er nie ein Leid zufügen können. Da hatte er so etwas wie eine Beißsperre.«

»Was ist mit Liang Tseng?«, fragte ich.

»Der hatte in letzter Zeit Probleme mit seinen Eltern«, antwortete Hank Hogan. »Deshalb wohnt er auch nicht mehr hier.«

»Probleme welcher Art?«, hakte ich nach.

»Er ist ein Träumer«, sagte Hank. »Ein Spinner. Ein Fantast ohne jeden Realitätsbezug. Er hat zu viele unausgegorene Pläne. Nahezu jede Woche einen neuen. Er möchte die Restaurantkette total umkrempeln, aber damit kam er bei seinen Eltern, vor allem bei seinem Vater, nicht durch.«

»Da schickt er ein paar Typen los, die es gern mal brennen sehen«, sagte Phil, als würde er laut nachdenken.

Doch Hank ließ diese Seifenblase augenblicklich platzen, indem er heftig den Kopf schüttelte und ganz laut »Nein!« sagte. »So etwas würde auch Liang Tseng niemals tun.«

»Und wer hat’s getan?«, wollte Phil wissen.

»Ich würde sagen, es wird eure Aufgabe sein, das herauszufinden«, lautete Hank Hogans Antwort.

»Wieso bist du eigentlich hier?«, erkundigte ich mich.

»Ich hatte in der Nähe zu tun«, sagte Hank.

»Beruflich?«, fragte Phil.

»Privat«, antwortete Hank, ohne näher darauf einzugehen. »Auf der Heimfahrt hatte ich den Polizeifunk laufen und bekam die Meldung mit, dass es hier brennt.«

Ich richtete meinen Blick auf das rauchende Gebäude und seufzte. Die Nacht war noch lange nicht zu Ende, und an Schlaf war nun nicht mehr zu denken.

***

»Sieh mal, wer da kommt, Jerry«, sagte Phil. Gleichzeitig versetzte er mir grinsend mit dem Ellenbogen einen leichten Rippenstoß.

Ich sah in dieselbe Richtung wie er und erblickte Melanie Wagner. »Oje.«

»Dein Augenstern«, meinte mein Partner. »Ich lasse dich mit ihr allein.«

Er entfernte sich und nahm Hank Hogan mit. Die blonde Journalistin kam auf mich zu. Sie trug ein Kostüm, das ihre hübsche Figur hervorragend zur Geltung brachte. Obwohl sie ungemein attraktiv war, freute ich mich nicht, sie zu sehen.

»Jerry.« Sie schenkte mir ein warmes Lächeln.

»Melanie«, gab ich zurück, ohne zu lächeln. Ich hatte keinen Grund dazu.

»Ich habe Sie angerufen«, sagte die schöne Journalistin.

»Ich weiß.«

»Geht das klar mit morgen?«, erkundigte sich Melanie Wagner.

Ich seufzte, als täte es mir leid. »Ich muss Ihnen leider einen Korb geben.«

Sie machte einen Schmollmund. »Ach, kommen Sie.«

»Ich habe wirklich keine Zeit …«

»Auch ein G-man muss ab und zu essen«, sagte Melanie. »Im Twitter gibt es die besten Spareribs von New York«, versuchte sie mich zu ködern.

Sie war hartnäckig. Ich aber auch. Sogar noch einen Tick mehr als sie. Und dadurch erreichte sie auch diesmal nicht, was sie wollte. Also wechselte sie das Thema. Ich war aber sicher, dass sie ihr Ziel auch weiterhin im Auge behalten würde.

»Mit wem haben Sie bereits gesprochen?«, wollte ich wissen.

»Mit dem Captain, der den Polizeieinsatz leitet.«

»Wie ist sein Name?«, fragte ich.

»Ellis. Randall Ellis. Captain Randall Ellis.«

Ich kannte den Mann. Er war ein bulliger, stiernackiger Ire. Laut, kompromisslos und geradlinig. Unbestechlich und ehrgeizig. Melanie Wagner verriet mir, dass sie auch schon mit den Nachbarn gesprochen hatte, mit Sarah und Jeremy Dynarski.

»Sie ist Schmuckdesignerin, er Finanzberater«, fügte sie hinzu.

Ich hörte mir an, was Melanie von dem Ehepaar erfahren hatte, und beschloss, mich nachher selbst mit den Leuten zu unterhalten.

Inzwischen spritzten die Feuerwehrleute kein Löschwasser mehr in die Ruine. Es brannte nirgendwo mehr. Jetzt machten sich mehrere bestens ausgerüstete und geschützte Männer auf die Suche nach eventuellen Glutnestern. Ein gefährlicher Job, denn das Gebäude war extrem einsturzgefährdet. Als Captain Ellis mich entdeckte, kam er zu mir, und Melanie Wagner ließ mich mit ihm allein.

Er sah ihr nach. »Die Lady ist ja ganz nett anzusehen«, sagte er, »und ich würde mich privat liebend gern mal mit ihr verabreden, aber beruflich ist sie eine ziemliche Nervensäge.«

Ich schmunzelte. »Das sind die meisten Journalisten. Sie würden sich sonst nicht für diesen Beruf eignen.«

Er gab mir die Hand. »Haben uns lange nicht gesehen. Geht’s gut?«

»Geht so«, antwortete ich. »Und selbst?«

Er nickte. »Auch. Wenn ich nicht immer zu solchen Tatorten gerufen würde, würde es mir sogar prächtig gehen. Sie kriegen meinen Bericht morgen.« Einer seiner Leute rief ihn. »Entschuldigen Sie«, sagte er und eilte davon.

Ich winkte Phil zu mir und suchte mit ihm das Nachbarhaus auf. Die Dynarskis – beide um die vierzig – standen schwer unter Schock.

Die Frau hatte geweint. Ihre Augen waren stark gerötet. Aber auch der Mann hatte ziemlich arg mit sich zu kämpfen. Sarah Dynarski trug unter dem fliederfarbenen Morgenmantel ein dünnes Spitzennachthemd.

Wir wiesen uns aus und nannten unsere Namen. Der Mann sagte, sie hätten schon mit Captain Ellis und einer Reporterin gesprochen. Er wollte uns damit vermutlich klarmachen, dass er keine Lust hatte, alles noch einmal zu wiederholen.

Ich bat ihn trotzdem, es zu tun. Er seufzte genervt. »Na schön. Also … Sarah und ich … Wir lagen schon im Bett. Ich hatte einen schweren Tag, war müde und dämmerte langsam hinüber. Sarah hat noch ein wenig gelesen. Sarah braucht immer erst ›müde Augen‹, um einschlafen zu können.«

So genau wollen wir es eigentlich nicht wissen, dachte ich, ließ ihn aber weiterreden.

»Meine Frau hatte Durst, stand noch einmal auf, ging in die Küche, und als sie den Kühlschrank öffnen wollte, bemerkte sie Gestalten auf dem Nachbargrundstück. Sie rief mich. Aber ich konnte niemanden sehen.«

»Wieso nicht?«, fragte Phil.

Jeremy Dynarski zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. Weil die Täter vermutlich schon im Haus der Tsengs waren.«

»Wie viele waren es?«, erkundigte sich mein Partner.

Dynarski sah seine Frau etwas unsicher an und sagte: »Fünf.«

»Hatten Sie ein gutes Verhältnis zu Ihren Nachbarn?«, wollte Phil wissen.

Jeremy Dynarski nickte. »Das beste.«

»Ich nehme an, Sie haben die Polizei gerufen«, sagte mein Kollege.

Dynarski nickte wieder.

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