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Jerry Cotton - Folge 2800

Eine Falle für den Tod

Inspector Alan Duncan wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und drückte es dann vor seine Nase. Um ihn herum taten die Spezialisten der Crime Scene Unit der Metropolitan Police Sydney ihr Bestes, um die Spuren zu sichern. Die Plastikoveralls der Männer und Frauen raschelten leise bei jeder Bewegung.

Die vier Leichen in dem Zimmer zeigten schon deutliche Verwesungsspuren und der Gestank war fast unerträglich. Mit jedem Atemzug bewegte sich Duncans Magen ein Stück nach oben. Er hatte genug gesehen. Mit einer knappen Handbewegung winkte er einen der Police-Sergeants nach draußen.

Nachdem er vor dem weitläufigen Haus in Rockdale am Rande von Sydney ein paar Mal tief Luft geholt hatte, fragte er den Sergeant: »Was haben wir?«

Der Sergeant zuckte mit den Schultern. »Nichts.«

Phil und ich saßen an unseren Schreibtischen und warteten auf einen Anruf von Helen, dass wir zum Chef kommen könnten. Auf unserem Computer hatten wir einen Termin für eine dringende Besprechung an diesem nasskalten Januarmorgen gefunden. Er sollte um neun Uhr stattfinden, aber Helen hatte uns informiert, dass der Chef noch nicht da wäre und dass sie uns Bescheid geben würde, wenn Mr High einträfe.

»Hast du eine Ahnung, um was es geht?«, fragte ich Phil, der damit beschäftigt war, seine E-Mails durchzusehen.

»Keine Ahnung«, gab er zurück und klickte sich weiter durch die elektronische Post.

»Helen scheint auch nichts zu wissen«, versuchte ich das Gespräch in Gang zu halten.

»Wenn ich richtig informiert bin, dann ist Mister High gestern nach Washington geflogen, so erzählt man sich zumindest.«

»Dann kommt bestimmt Edward G. Homer ins Spiel«, mutmaßte ich.

»Ja, das verheißt nichts Gutes«, räumte Phil ein.

In diesem Moment klingelte das Telefon. Im Display sah ich, dass Helen anrief.

»Ja, Helen. Ist er jetzt da?«

»Ja, er ist eben eingetroffen. Seine Maschine aus Washington hatte wegen des Schneetreibens auf dem Dulles Airport Verspätung. Er will euch in einer halben Stunde in seinem Büro sprechen.«

»Wir werden auf der Matte stehen«, gab ich zurück.

Genau fünfundzwanzig Minuten später winkte uns Helen an ihrem Schreibtisch vorbei ins Büro von Mr High. Er sah übernächtigt aus und die Anspannung war ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Wortlos deutete er auf den Besprechungstisch, an dem wir nach einem kurzen Gruß, den er mit einem Nicken und einem Murmeln erwiderte, Platz nahmen. Helen kam mit einem Tablett, auf dem sich eine Warmhaltekanne mit Kaffee und Tassen befanden, herein, stellte es auf den Tisch und verschwand wortlos wieder. Man konnte die Anspannung förmlich spüren. Mr High kam hinter seinem Schreibtisch hervor, unter dem Arm einen Stapel Akten, und setzte sich an die Stirnseite des Besprechungstisches. Dann konzentrierte er sich kurz.

»Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie habe warten lassen, aber wie Sie sicher schon von Helen erfahren haben, war es ein Fall von höherer Gewalt.« Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, das sofort wieder ernst wurde.

Phil und ich nickten.

»Wie Sie sicher auch wissen, war ich in Washington bei Assistant Director Homer, dem Leiter der Field Operation Section East.«

Wir nickten wieder.

Mr. High fächerte den Aktenstapel auf. Nacheinander nahm er die einzelnen Schnellhefter in die Hand. »Jack Demsy«, sagte er und hielt den ersten Schnellhefter in die Höhe. »Ermordet aufgefunden in Kuala Lumpur.« Er nahm den nächsten. »Pietro Fargas, getötet bei einem Straßenkampf in Rio de Janeiro. Antonio Sastrada, tot angeschwemmt an einer kleinen Insel der Philippinen.«

Er nannte noch zwei weitere Namen, die uns nichts sagten, und hob die entsprechenden Ordner kurz an. Dann kam er zu dem letzten. »Paul Gescon, Mary Gescon, John Pricklett und Peter Sheckley, vor sechs Wochen ermordet aufgefunden in einem Haus in Sydney, Australien.«

Phil und ich nickten automatisch, ohne dass wir den blassesten Schimmer hatten, um was es eigentlich ging. Aber es war noch nicht an der Zeit, Fragen zu stellen.

»Ich denke, die Namen sagen Ihnen nichts«, fuhr der Chef fort und quittierte unser Kopfschütteln nun seinerseits mit einem kurzen Nicken. »Nun, Assistant Director Homer hat mit seiner Abteilung auch lange gebraucht, bis er eine Verbindung zwischen den Fällen gefunden hat, und um ehrlich zu sein, diese Verbindung steht auf wackligen Füßen. Es sind größtenteils nur Vermutungen, aber wenn diese zutreffen …«

»Entschuldigen Sie, Sir«, nutzte ich die kurze Pause. »Könnten Sie etwas konkreter werden?«

»Ja, natürlich, Jerry. Auslöser dieser ganzen Geschichte waren die Morde in Australien. Vor drei Wochen bekam die FBI-Zentrale eine Anfrage von der Metropolitan Police in Sydney. Man hatte dort in einem Haus drei männliche und eine weibliche Leiche gefunden. Zum Zeitpunkt des Fundes waren die Personen schon zwischen zehn und vierzehn Tagen tot und die Verwesung hatte bei den dort im November herrschenden Temperaturen schon deutliche Spuren hinterlassen. Die Identifizierung war schwer bis unmöglich. Die Fingerabdrücke ergaben nichts. Die Gebissanalyse führte auch nicht weiter, obwohl zwei der Opfer sehr außergewöhnliche Zahnbehandlungen hatten. Und aufgrund der stark fortgeschrittenen Verwesung konnte man auch keine brauchbaren Fahndungsfotos mehr machen. Aber sehen Sie selbst.«

Mr. High schob uns einen Stapel mit Tatortfotos zu, die alle zu der unappetitlichsten Sorte gehörten. Wir warfen nur einen kurzen Blick darauf.

»Ich brauche nicht zu erwähnen, dass keine der Personen irgendetwas bei sich trug, was der Identifizierung dienlich gewesen wäre. Wie Sie gesehen haben, waren alle Leichen nackt. Nirgendwo in dem Haus fand man ein Kleidungsstück oder einen Fingerabdruck. Es war in diesem Sinne klinisch rein, wenn man so sagen kann. DNA-Spuren nur solche, die den Opfern zugeordnet werden konnten. Das legt die Vermutung nahe, dass der Tatort sorgfältig präpariert worden ist. Die australischen Kollegen versuchten es mit einem DNA-Abgleich, aber auch der verlief negativ. Ja, und dann bescherte ihnen der Zufall einen Strohhalm, an den sie sich klammerten. Eines der Opfer hatte eine Tätowierung.« Mr High zog einen weiteren Fotoausdruck aus dem Schnellhefter und schob ihn über den Tisch. »Nun, diese Tätowierung befindet sich, wie Sie sehen, auch an einer Stelle, wo man nicht unbedingt danach suchen würde.«

Ich nahm den Ausdruck und sah ihn mir an. Phil beugte sich zu mir herüber, um auch einen Blick darauf zu werfen. Es zeigte im Ausschnitt den Schambereich eines Mannes, wo sich kurz über der Schambehaarung ein tätowierter Totenkopf mit einem Kranz von Rosen befand und die Buchstaben J G 1995. Ich zuckte mit den Schultern und auch Phils Miene zeigte Ratlosigkeit.

Mr High lächelte. »Die Australier hatten Glück, dass sich in ihrer Einheit ein ausgewiesener Deadhead befand, der das Tattoo sofort erkannte.«

»Deadhead?«, fragte ich nach.

»So nennen sich die Fans der Rockgruppe Grateful Dead, und das Tattoo ist ein typisches Emblem dieser Gruppe. J G steht für Jerry Garcia, den Gitarristen, Bandleader und Frontman der Gruppe, die Zahlen sind sein Todesjahr«, klärte uns Mr High auf, und es klang etwas merkwürdig, als unser Chef so kompetent über die Rockszene referierte.

»Nicht, dass ich das alles gewusst hätte, Jerry«, lenkte er auch gleich ein, »aber zumindest haben die Kollegen in Australien den Versuch gestartet und das FBI kontaktiert, da zumindest ja die Möglichkeit bestand, dass einer der Ermordeten amerikanischer Staatsbürger war. Sie schickten der Zentrale die DNA-Analyse der vier Opfer, die Bilder, die Sie hier vorliegen haben, und die Fingerabdrücke, und in Washington wurde man fündig. Es handelt sich um die genannten Personen und alle waren im Zeugenschutzprogramm.«

Phil und ich waren sprachlos. »In unserem Zeugenschutzprogramm?«, fragte ich nicht besonders intelligent.

Mr High nickte.

»Und wie kommen sie nach Australien und warum waren sie im Zeugenschutzprogramm?«, hakte Phil nach.

»Im Rahmen der Zerschlagung der ENA«, erklärte Mr. High. »Es waren zwei Consultants, die Frau des einen und ein ehemaliger Detective aus San Francisco, der mit der ENA zusammengearbeitet hatte. Sie hatten sich seinerzeit der Staatsanwaltschaft zur Verfügung gestellt, und durch ihre Aussagen konnte die gesamte Westküste von der ENA gesäubert werden.«

»Und warum wissen wir nichts davon?«

»Jerry, Sie wissen doch genauso gut wie ich, wie das im Zeugenschutzprogramm läuft. Geheimhaltung ist das A und O bei dieser Sache. Wir waren damals nicht involviert. Das lag ganz in der Verantwortung der Field Operation Section West.«

»Aber wie kamen die vier Personen nach Australien?«, fragte ich nochmals nach.

»Soweit Assistant Director Homer das bis jetzt recherchiert hat, sind sie auf eigenen Wunsch mit ihrer neuen Identität nach Down Under ausgewandert. Die USA waren ihnen einfach nicht sicher genug und auch Kanada war keine Option für sie.«

»Was ist mit den anderen, die Sie uns genannt haben?«, wollte Phil wissen.

»Im Prinzip liegen alle Fälle ähnlich. Jede dieser Personen war im Zeugenschutzprogramm im Zusammenhang mit der ENA, nur haben die zuständigen Behörden bei diesen Todesfällen, wie im Fall Demsy und Fargas, es als tragisches Unglück angesehen, und bei Sastrada ging man von einem Unfall aus.«

»Und warum denkt man bei den Toten in Sydney anders?«, hakte ich nach.

»Diese Morde wurden professionell ausgeführt. Das Haus, in dem sie gefunden wurden, stand seit mehreren Wochen leer, die Tat war perfekt vorbereitet und ausgeführt. Jeweils ein Schuss in den Hinterkopf. Es war eindeutig eine Hinrichtung.«

»Sie glauben an einen Racheakt?«, fragte mein Partner.

»Ja, wenn man so will«, räumte Mr High ein.

»Dann kommt dafür doch nur die ENA in Frage«, stellte ich zweifelnd fest.

»Genau das ist der Punkt, aber denken Sie einen Schritt weiter, Jerry.«

Ich schaute unseren Chef verständnislos an. Auf sein müdes Gesicht stahl sich das milde Lächeln eines Vaters, der seinem Sohn noch etwas Zeit gibt, nachzudenken und die Lösung des Problems zu finden. Bevor ich diese gefunden hatte, war Phil mir eine Nasenlänge voraus.

»Sie meinen«, er machte, was man im Theater eine dramatische Pause nennen würde, »das ›Phantom‹.«

»Ja«, bestätigte Mr High. »Kedro Hollander. Alles deutet darauf hin.«

»Das ›Phantom‹? Sie meinen, es ist nach der Sache in North Dakota wieder aktiv geworden?«, fragte ich ungläubig.

Mr High nickte. »Zumindest die perfekte Ausführung der Morde in Australien deutet darauf hin. Dieser Meinung ist auch Assistent Director Homer. Bei den anderen sind wir uns nicht so sicher, ob Kedro Hollander«, er gebrauchte den bürgerlichen Namen des unheimlichen Killers, der beim FBI allgemein nur das ›Phantom‹ genannt wurde, »auch da seine Hände im Spiel gehabt hat. Zumindest bei den beiden Morden in Brasilien und Kuala Lumpur. Das heißt aber auch, dass wir es wieder mit der ENA zu tun haben.«

»Ich dachte, die ENA wäre zerschlagen worden«, sagte ich.

»Ja, hier in den Vereinigten Staaten wohl, aber im asiatischen Raum …« Mr High ließ den Satz unvollendet, sodass wir uns den Rest denken konnten. Niemand wusste, was wirklich mit der ENA passiert war.

»Nun, Assistant Director Homer«, Mr Highs Stimme nahm einen offiziellen Klang an, »ist der Meinung, dass Sie beide sich um die Sache kümmern sollten. Besonders wegen der Möglichkeit, dass Hollander dahintersteckt. Die australischen Kollegen sind damit einverstanden, dass Beamte des FBI sie bei den Ermittlungen vor Ort unterstützen. Und diese beiden Beamten sind Sie.« Mr High deutete mit einer übertrieben wirkenden Geste auf Phil und mich. »Auf besonderen Wunsch des Assistant Director«, fügte er dann noch hinzu.

Phil und ich schauten uns an. Ein Lächeln huschte über das Gesicht meines Partners. Ein Trip nach Down Under bedeutete, dem Winter in New York zu entfliehen. Ein paar Tage, vielleicht auch mehr, Urlaub in der Sonne und Baden im Meer, während unsere Kollegen hier in New York sich einen Körperteil abfroren, den wir in Australien hauptsächlich zum Sitzen in der Sonne benutzen würden.

Mr High schien unsere Gedanken erahnt zu haben, allzu schwer war das sicher auch nicht gewesen. »Jerry, Phil, nehmen Sie die Sache nicht zu leicht. Besonders Sie nicht, Jerry. Hollander hat damals einen großen Aufwand betrieben, um Sie in North Dakota zu entführen, und Sie standen schon mit einem Bein im Grab, wie ein paar andere Agents auch. Denken Sie an Agent Beagle, die es mit ihrem Leben bezahlt hat. Vielleicht ist das Ganze nur eine Finte, um Sie nach Australien zu locken. Denken Sie immer daran, wie perfekt die Morde in Sydney vorbereitet waren.«

Nach diesen Worten waren Phil und mir sämtliche Urlaubsgefühle vergangen. Unser Chef hatte recht. Wir begaben uns vielleicht in einen Hinterhalt, der in einem Sarg mit den Stars and Strips darauf endete. Mit betroffenen Gesichtern nickten wir stumm.

»Helen hat Ihre Tickets. Sie fliegen morgen um 16:45 Uhr mit der Qantas über Los Angeles nach Sydney und werden dort am Montagmorgen ankommen. Ihr Flug ist angemeldet. Ihre Dienstwaffen kommen in eine versiegelte Transportkiste. Geben Sie sie bitte gleich in der Waffenkammer ab. In Sydney können Sie sie dann in Empfang nehmen. In der Kiste befindet sich auch das Beschussprotokoll …«

»Das Beschussprotokoll?«, fragte ich erstaunt.

»Ja, das war eine der Voraussetzungen, dass Sie in Australien Waffen tragen dürfen.«

Ich schaute den Chef verständnislos an.

»Nun, die australischen Kollegen wollen etwas in der Hand haben, sollte eine Kugel aus Ihren Waffen in einem Körper gefunden werden und die Waffe selbst verschwunden sein, dann kann man anhand des Beschussprotokolls die Kugel der Waffe zuordnen. Anscheinend haben die Jungs Down Under zu viele Cowboy-Filme gesehen«, meinte Mr High mit einem Anflug von Humor. »Nun, das ist der Deal, damit Sie dort nicht nackt herumlaufen müssen. Und noch etwas, es muss immer ein australischer Kollege bei Ihnen sein, wenn Sie Waffen tragen. Wenn Sie sich also auf eigene Faust irgendwohin begeben, tragen Sie keine Waffe. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie sich nirgendwohin begeben, wo Sie möglicherweise eine Waffe brauchen, ohne in Begleitung eines australischen Kollegen zu sein.«

Mr High schaute uns eindringlich an. »Wir haben uns doch verstanden, Agents?«

»Selbstverständlich, Sir«, antworteten Phil und ich wie aus einem Mund.

***

Die Sonne brannte schon in den frühen Morgenstunden erbarmungslos auf Sydney herab. Auf dem Flugfeld herrschte gleißende Helligkeit, die durch die getönten Scheiben des Raumes etwas gedämpft wurde. Die Klimaanlage surrte vernehmlich. Im stummgeschalteten Fernsehapparat lief die Übertragung der Australian Open, wo sich gerade zwei Spielerinnen in der Rod Laver Arena darum bemühten, eine Runde weiterzukommen.

Inspector Duncan nahm einen Schluck Kaffee und schaute auf die Uhr und dann auf das Arrival Display auf dem Bildschirm an der Wand. Zusammen mit ihm befanden sich noch Detective Sergeant Linda Masters und Lieutenant Patrik Gray im Raum.

»Immer noch pünktlich. Ich hoffe, daran ändert sich auch nichts«, stellte Alan Duncan fest.

»Musste das wirklich sein?«, fragte Patrik Gray, ohne eine Antwort zu erwarten, die ihm der Inspector aber trotzdem gab.

»Alleine wären wir nicht weitergekommen. Wir sind auf die Hilfe des FBI angewiesen.«

Gray zuckte mit den Schultern.

»Hören Sie, Patrik. Wir haben hier vier Tote und hatten keinen blassen Schimmer, wer sie waren und warum man sie umgebracht hat. Meinst du, das macht sich gut in unserem Department?«

»Es waren Yanks«, gab Gray lapidar zurück. »Wen kümmert das?«

»Mich«, fauchte Duncan den Lieutenant an. »Weil ich für jeden Toten in meinem Bezirk zuständig bin. Und ich hasse es, einen Mörder und dazu noch einen vierfachen frei herumlaufen zu lassen. Das macht keinen guten Eindruck bei denen da oben.« Er richtete seinen Blick theatralisch in Richtung seiner Vorgesetzten, die irgendwo in einem Bereich zwischen gleißendem Flugfeld und strahlend blauem Himmel zu residieren schienen. »Und auch wegen der Presse mussten wir etwas tun.«

»Vielleicht sind die beiden Agents ja gar nicht so übel«, warf Linda Masters ein, »und können uns wirklich helfen. Irgendetwas scheint mit den vier Toten nicht zu stimmen, aber das werden wir ja bald von den Yanks erfahren.«

Inspector Duncan schaute sie strafend an. »Noch mal, und zum Mitschreiben: Niemand nennt die beiden Agents Yanks. Ist das klar?«

Gray und Masters nickten.

»Natürlich nicht, Boss«, sagte Gray in gespielt unterwürfigem Ton. »Niemand nennt die Yanks Yanks, wenn sie dabei sind. Wir würden ja auch niemals Pomps Pomps nennen, oder?«

Inspector Duncan schüttelte den Kopf und meinte: »Lassen wir es dabei. Ich denke, ihr habt verstanden!«

Die drei Police Officers widmeten sich wieder dem stummen Spiel im Fernsehen. Wirklich interessieren tat sie das Spiel allerdings nicht.

Schließlich zeigte das Arrival Board auf dem Display an, dass der Flug QF12 aus Los Angeles gelandet war. Inspector Duncan schraubte sich aus dem Sessel hoch.

»Los, Leute, unser großer Auftritt ist gekommen. Holen wir die Kollegen aus Yankee-Land ab.«

Sergeant Masters und Lieutenant Gray konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen.

***

Nach fünfundzwanzig Stunden Flug fühlte ich mich richtig gerädert. Selbst die bequemen Sitze und der gute Service der Business-Class hatten den langen Flug nicht wirklich angenehm gemacht. Zuerst hatten Phil und ich noch die Akten auf unseren Laptops studiert, doch schnell waren unsere Augen in der trockenen Flugzeugluft müde geworden. Jetzt waren wir endlich da und wollten nur noch festen Boden unter den Füßen haben. Die Kabinen-Crew verabschiedete uns mit einem herzlichen »Goodbye«, und kaum hatten wir die Maschine verlassen, traf uns die Hitze im Extender wie eine Keule.

Als wir New York verlassen hatten, war es dort einige Grad unter Null gewesen, in Los Angeles hatten wir im Transit von der Außentemperatur nichts mitbekommen, und hier in Sydney waren es um neun Uhr morgens schon knapp dreißig Grad.

Die Passkontrolle brachten wir problemlos hinter uns, denn für den Trip nach Australien waren wir von der Zentrale in Washington mit Diplomatenpässen ausgestattet worden. Nun standen wir am Gepäckband und warteten auf unsere Koffer und noch wichtiger auf die Transportkiste mit unseren SIG-Sauer P226. Die Koffer kamen als Priority-Gepäck, kaum dass wir am Band angekommen waren, doch die Alukiste mit den Waffen ließ auf sich warten.

»Assistant Special Agent in Charge Jerry Cotton und Special Agent Phil Decker.«

Es klang mehr wie eine Feststellung denn eine Frage. Phil und ich drehten uns um. Vor uns stand ein ziemlich großer blondhaariger Mann. Er trug ein grünes Poloshirt und hellgelbe Hosen, darüber ein beiges Jackett. Er musste so Mitte vierzig sein, war aber schlecht zu schätzen. Flankiert wurde er von einem Mann in T-Shirt und Jeans und einer Frau im ärmellosem Top und einem weit schwingenden, knöchellangen Rock.

»Ja?«, sagte ich und trat einen halben Schritt vor.

»Inspector Alan Duncan von der Sydney Metropolitan Police«, stellte er sich vor und streckte mir seine Hand entgegen. »Herzlich willkommen in Down Under, Agents.«

Ich ergriff seine Hand. »Vielen Dank, Inspector.«

Danach schüttelte er auch Phil die Hand und stellte seine beiden Begleiter vor.

»Das sind Detective Sergeant Linda Masters und Lieutenant Patrik Gray.«

Wir wiederholten das Begrüßungszeremoniell.

»Können wir?«, fragte Duncan und deutete auf die beiden Koffer, die neben uns standen.

»Noch nicht«, gab Phil zurück. »Wir warten noch auf die Kiste mit unseren Waffen.«

Inspector Duncan lachte und auch seine beiden Begleiter grinsten. »Sie glauben doch nicht, dass Ihre Waffen auf diesem Band hier kommen. Die sind längst aussortiert worden. Wir holen den Koffer beim Immigration Officer ab.« Er drehte sich um und wir folgten ihm.

Eine halbe Stunde später hatten wir endlich alle Formalitäten erledigt und konnten das Airportgebäude verlassen. Die Jacken, die uns vor den Minustemperaturen in New York geschützt hatten, hatten wir schon lange in unseren Koffern verstaut und die Hemdärmel hochgekrempelt, trotzdem traf uns die Hitze vor dem Gebäude wie ein Hammerschlag. Phil und mir quoll nach ein paar Schritten der Schweiß aus allen Poren.

»Der Wagen steht gleich da drüben«, sagte Duncan und deutete nach links. »Ein kleines Privileg, wenn man bei der Polizei ist.«

Er ging auf einen weißen Toyota Landcruiser zu.

»Schrecklich heiß hier«, meinte Phil, um die etwas hölzerne Unterhaltung mit den australischen Kollegen aufzulockern.

»Nicht wirklich, Special Agent Decker«, gab Linda Masters einsilbig zurück. »Ist noch früh am Morgen.«

»Wie spät ist es überhaupt?«, fragte ich nach.

»Halb elf.«

»Morgens oder abends?«, versuchte Phil einen Scherz zu machen, der aber nicht ankam.

Wir hatten den Off-Roader erreicht und zwängten uns in das brütend heiße Gefährt. Duncan stellte sofort die Klimaanlage auf Maximum und fädelte sich in den Verkehr ein. Phil und ich hielten den Atem an, denn an den Linksverkehr mussten wir uns erst noch gewöhnen.

Eine gute halbe Stunde später hielt Inspector Duncan vor dem Bayside Hotel. Phil und ich hatten anfänglich noch versucht, ein Gespräch mit den drei Australiern aufrechtzuerhalten, dann waren uns aber bald die Lider schwer geworden und wir hatten vor uns hingedöst.

»Hier haben wir Ihnen Zimmer reserviert. Das Police Department liegt zwei Blocks weiter. Ruhen Sie sich erst einmal von dem langen Flug aus und versuchen Sie den Jetlag zu ignorieren«, empfahl uns Inspector Duncan, als er uns aus dem Kofferraum unser Gepäck reichte. Als ich nach der Alu-Box mit unseren Waffen greifen wollte, kam er mir zuvor.

»Nein, Assistant Special Agent in Charge Cotton, die nehme ich mit aufs Revier. Die kommt in die Waffenkammer. Sie dürfen Ihre Waffen ja sowieso nur tragen, wenn wir dabei sind. Dann bekommen Sie sie ausgehändigt.«

»Hören Sie …«, erhob mein Partner die Stimme. Bevor er weitersprechen konnte, hatte ich ihm die Hand auf den Arm gelegt.

»Schon gut, Phil, der Inspector hat vollkommen recht.«

Phil schaute mich erstaunt an. »Aber Jerry …«

»Mister High hat uns die Bedingungen genannt.«

Duncan kam mit uns ins Hotel und erledigte die Formalitäten, während der Sergeant und der Lieutenant am Wagen warteten.

»Ich denke, Sie wollen sich erst einmal frisch machen und sich akklimatisieren, soweit es geht …«, meinte Alan Duncan, als wir die Türkarten in Empfang genommen hatten und ein Page mit unserem Gepäck schon auf dem Weg zu unseren Zimmern war.

Phil und ich nickten.

»Was halten Sie davon, wenn ich Sie morgen früh um neun Uhr abhole und wir dann mit der Arbeit beginnen?«

»Guter Vorschlag«, stimmte ich für Phil und mich zu.

***

In einem unscheinbaren Haus in Bankstown, einem etwas heruntergekommenen Vorort von Sydney, klingelte das Telefon. Ted Selby, übergewichtig und nur mit einem zu eng sitzenden T-Shirt der Brisbane Bulldogs und Shorts bekleidet, wuchtete sich aus dem Sessel hoch und griff nach dem Headset, das neben ihm auf einem kleinen Tisch lag.

»Ja?«, meldete er sich.

»Ich bin’s, Rick. Sie sind angekommen.«

»Und weiter?«

»Der Inspector hat sie ins Hotel gebracht. Ich glaube nicht, dass heute noch etwas passieren wird.«

»Denke ich auch nicht. Sollen die Agents sich erst einmal erholen. Sie müssen fit sein für das, was in den nächsten Tagen auf sie zukommt.« Bei diesen Worten zog sich ein breites Grinsen über Selbys Gesicht.

Aus der Leitung war vom anderen Ende her ein Krächzen zu hören, das man vielleicht als Lachen interpretieren konnte. Selby wischte sich mit der Hand über die schweißnasse Stirn und die kurzgeschnittenen Haare.

»Wir treffen uns heute Abend hier und sprechen noch einmal alles durch. Sorg dafür, dass das Hotel immer unter Beobachtung steht. Ich will über jeden Schritt der beiden Yanks informiert sein. Sobald etwas Ungewöhnliches passiert, rufst du an.«

»Geht klar«, bestätigte Rick und unterbrach die Verbindung.

Nachdenklich blickte Selby von der Veranda auf die in der mittäglichen Hitze flimmernde Straße. Dann wählte er eine Nummer. Als sich der Teilnehmer meldete, sagte er: »Es ist so weit.«

***

Am nächsten Morgen um neun standen Phil und ich in der gut klimatisierten Hotelhalle. Wir trugen leichte Sommerkleidung und versuchten den Klimawechsel so gut wie möglich zu verdauen. Wir waren schon seit sechs Uhr auf, denn mit dem Schlafen hatte es doch nicht so richtig geklappt. Unsere innere Uhr bestand darauf, dass es jetzt sechs Uhr abends sei – und zwar gestern. So hatten wir genügend Zeit gehabt, ein paar Runden im Swimmingpool zu drehen und danach ausgiebig zu frühstücken.

Touristengruppen versammelten sich in der Halle, um auf Sightseeing-Tour zu gehen, Busse fuhren vor und wieder weg, und die ersten Neuankömmlinge von den Flügen aus Europa und Asien belagerten den Counter, um einzuchecken.

Inspector Duncan schob sich durch die Drehtür und kam mit schnellen Schritten auf uns zu.

»Und, wie war Ihre erste Nacht hier in Down Under?«, begrüßte er uns.

»Kurz«, gab ich zurück.

»So richtig schlafen konnten wir nicht«, ergänzte Phil. »Für unser Zeitempfinden war es schließlich Tag.«

»Nun, das gibt sich in ein paar Tagen. Jetzt wollen wir aber erst einmal loslegen.« Duncan drehte sich um und steuerte den Ausgang an. Phil und ich folgten ihm.

Wenig später saßen wir in einem Besprechungsraum des Departments. Mit anwesend war außer Inspector Duncan und den beiden Kollegen von gestern noch ein Spezialist von der zuständigen CSI, der die Tatortuntersuchung durchgeführt hatte.

Alan Duncan fasste noch einmal die Erkenntnisse zusammen, die wir aber im Wesentlichen schon aus den ...

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