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Jerry Cotton - Folge 2280

Todesstrafe für Jon Bent

»Sind die Geschworenen zu einem Urteil gekommen?«

»Das sind wir, Euer Ehren.«

»Wie lautet es?«

Der Sprecher der Geschworenen blickte auf das Blatt, das er in Händen hielt, und holte tief Luft. »Bezüglich des vorsätzlichen Mordes in 245 Fällen befinden wir den Angeklagten Jon Bent für schuldig. Ebenso in allen anderen der insgesamt 17 Anklagepunkte.«

»Ich danke den Geschworenen für ihr Urteil.« Der Richter nickte, und obwohl sich der Mann in der schwarzen Robe um Neutralität bemühte, konnte er nicht verhindern, dass ein Lächeln der Genugtuung über seine fülligen Züge glitt.

»Hiermit«, verkündete er dann mit fester Stimme, »verhänge ich die Todesstrafe über Jon Bent. Die Vollstreckung erfolgt gemäß den Vorgaben dieses Staates durch eine Giftinjektion. Die Verhandlung ist hiermit geschlossen!«

Als der Hammer des Richters mit lautem Pochen niederkrachte, ging ein Ruck durch die Reihen der Journalisten und Schaulustigen, die den großen Sitzungssaal des New Yorker Crime Court bevölkerten.

Es wurde aufgeregt diskutiert, und die Staatsanwälte schüttelten sich gegenseitig die Hände und beglückwünschten sich.

Nur einer beteiligte sich nicht an dem allgemeinen Durcheinander, saß mit unbewegter Miene auf der Anklagebank.

Jon Bent.

Der Erzverbrecher, der unzählige Menschen in Angst und Schrecken versetzt und unsere Stadt über Monate hinweg terrorisiert hatte, zeigte keine Regung auf das Urteil. Widerstandslos ließ er sich von den Gerichtsdienern abführen, zeigte weder Furcht noch Reue.

Nachdenklich blickte ich ihm nach, sah, wie Bent durch die Hintertür des Sitzungssaales verschwand.

Viele Dinge gingen mir dabei durch den Kopf.

Ich musste daran denken, wie wir Bent Monate lang vergeblich gejagt hatten, wie es ihm immer wieder gelungen war, uns zu manipulieren und hinters Licht zu führen.

Er war der Hightech-Terrorist gewesen, der mit seinen »Killerchips« Angst und Schrecken verbreitet hatte.

Er hatte meinen Neffen Will Cotton beim FBI zu diskreditiert, indem er ihm eine fahrlässige Straftat angedichtet hatte. Und bei seinem bislang teuflischsten Anschlag hatte er schließlich versucht, meinen Partner Phil Decker und mich zu zerstören, was ihm um ein Haar auch gelungen wäre.

Am Ende war es uns jedoch gelungen, Bent zu schnappen – seine letzte Bosheit hatte der Schurke mit seinem linken Arm bezahlt, der ihm bei einer Explosion abgerissen worden war.1)

Nun hatte das Gericht sein Urteil über Jon Bent gefällt, und so problematisch die Todesstrafe sein mochte – nie hatte ich das Gefühl gehabt, dass sie mehr gerechtfertigt war als in diesem Fall.

Bent war kein Psychopath, kein abgedrehter Mörder. Er handelte aus genialem Kalkül heraus. Alles, was er tat, war wohl bedacht. An seiner Schuld gab es keine Zweifel.

Bents Ziel hatte darin bestanden, unserem Land zu schaden, die Gesellschaft in ihrer bestehenden Form zu zerstören. Ihn am Leben zu lassen, hieß, das Risiko am Leben zu lassen.

Bent war nicht allein gewesen. Er hatte zahlreiche Helfer gehabt, und obwohl wir in den vergangenen Wochen und Monate einige gezielte Schläge gegen Bents alte Organisation geführt hatten, nahmen wir an, dass er noch immer Sympathisanten hatte, die sich irgendwo dort draußen versteckten.

Wenn Bent am Leben blieb, blieb er ein Risiko. Und er hatte uns selbst oft genug bewiesen, dass wir uns ein Risiko wie ihn nicht leisten konnten.

245 Menschen waren gestorben, weil dieser Mann es so gewollt hatte.

Nun würde er die Strafe dafür erhalten …

»Hey, alles klar?«

Mein Partner Phil Decker, der neben mir im Gerichtssaal saß, legte mir die Hand auf die Schulter. Jäh erwachte ich aus meinen Gedanken, schaute Phil verblüfft an.

»Ja, alles okay«, erwiderte ich dann. »Ich habe nur ein wenig … nachgedacht.«

»Ich weiß«, knurrte Phil. »Geht mir nicht anders. Endlich kriegt dieser Hundesohn, was er verdient.«

»Abwarten«, erwiderte ich. »Schon morgen werden seine Anwälte Berufung einlegen. Dann wird das Tauziehen beginnen. Die werden sich durch sämtliche Instanzen boxen, um das Urteil so lange wie möglich hinauszuzögern.«

»Mag sein«, erwiderte Phil. »Aber am Ende wird dieser Mistkerl seine gerechte Strafe bekommen, Jerry. Das verspreche ich dir …«

***

3 Monate später

»Hast du das gelesen?«

Mein Partner Phil Decker saß mir an diesem Morgen in unserem gemeinsamen Büro gegenüber, die Morgenausgabe der Daily News in Händen.

»Nein«, erwiderte ich und blickte von der Akte auf, die ich gerade studiert hatte. »Was gibt’s denn?«

»Bent«, sagte Phil nur – und das genügte, um mich die Akte sofort vergessen zu lassen. »Sieh dir das an!«

Mein Partner knallte mir die Zeitung auf den Schreibtisch, deren Titelschlagzeile mir förmlich in die Augen sprang.

»Der Termin steht fest«, las ich verblüfft. »Die Hinrichtung von Jon Bent wird morgen vollstreckt.«

»Sämtliche Berufungen wurden im Eilverfahren abgeschmettert«, verkündete Phil mit triumphierendem Grinsen. »Der Vollstreckungstermin ist auf Morgen früh acht Uhr festgesetzt. Diesmal werden dem verdammten Schweinehund seine Tricks nicht helfen.«

»Sieht ganz so aus«, meinte ich und überflog den kurzen Artikel, der die Schlagzeile begleitete.

Obwohl ich nicht verhehlen möchte, dass ich eine gewisse Erleichterung empfand, verspürte ich keinen Triumph darüber, dass das Urteil an Jon Bent nun vollstreckt werden würde. Ein Todesurteil auszusprechen, ist stets eine Bankrotterklärung der Justiz und des Polizeiapparats – doch im Fall Jon Bent gab es keine andere Lösung. Nicht, wenn man die Bürger dieses Landes auf Dauer schützen wollte – und das Leben unschuldiger Bürger hatte Vorrang vor dem eines ruchlosen Massenmörders.

»Sehr glücklich siehst du gerade nicht aus«, stellte Phil fest.

»Bin ich auch nicht. Höchstens ein wenig beruhigter.«

»Geht mir genauso«, pflichtete mein Partner mir bei. »Wenn dieser Mistkerl erst unter der Erde ist, werde ich wieder ruhiger schlafen. Und außerdem …«

Vom Telefon auf meinem Schreibtisch wurde Phil unterbrochen. Ich griff nach dem Hörer.

»Ja, hier Cotton!«

»Jerry«, drang die raue Stimme von Cheftelefonistin Myrna Sanders aus dem Hörer. »Ich habe da einen Anrufer, der dich sprechen möchte – ein gewisser Mr. Dooley von Headmaker, Noble und Fink.«

»Ein Anwalt?«, fragte ich stirnrunzelnd.

»Ja. Er sagte, er hätte dir etwas mitzuteilen.«

»In welcher Sache?«

»Er nannte nur einen Namen – Jon Bent.«

Wieder genügte der bloße Name meines einstigen Erzfeindes, um mich sofort zu alarmieren. Der Kampf gegen Bent war lang und verlustreich gewesen – die Narben waren tief …

»Stell durch, Myrna«, sagte ich nur – und in der Leitung klickte es leise.

»Agent Cotton?«, ließ sich kurz darauf eine näselnde Männerstimme vernehmen. »Special Agent Jerry Cotton?«

»Das bin ich«, bejahte ich lapidar. »Und Sie sind?«

»Winston Dooley von der Kanzlei Headmaker, Noble und Fink.«

»Worum geht es, Mr. Dooley?«

»Nun, wie Sie vielleicht wissen, Agent Cotton, war mein Büro – und speziell meine Person – mit der Verteidigung von Mr. Jon Bent vor dem Crime Court des Staates New York betraut.«

»Ich weiß«, gab ich tonlos zurück. »Offen gestanden hatte ich mich schon gefragt, wie eine seriöse Anwaltskanzlei sich dazu bereit finden kann, einen Mann wie Jon Bent zu verteidigen.«

»Nun, Agent Cotton …« Der Anrufer lachte gönnerhaft. »Sie wissen doch, dass in unserem Rechtssystem ein Angeklagter so lange als unschuldig gilt, bis seine Schuld zweifelsfrei bewiesen ist.«

»Jeder«, gab ich zu, »aber nicht Jon Bent. An seinen Fingern klebte das Blut zu vieler unschuldiger Opfer.«

»Ich kann verstehen, Agent Cotton, dass Sie gegen Mr. Bent gewisse Animositäten pflegen. Schließlich waren Sie der G-man, der gegen ihn ermittelt und ihn schließlich gefasst hat.«

»Verdammt richtig«, erwiderte ich – das salbungsvolle Gerede des Anwalts ging mir auf die Nerven. »Und reden Sie verdammt noch mal nicht so von dem Kerl, als hätte er mich um zehn Dollar betrogen. Ich war dabei, als Jon Bent Frauen und unschuldige Kinder getötet hat! Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wozu er fähig ist!«

»Schon gut, Agent Cotton«, beschwichtigte mich Dooley. Als kluger Taktiker ging er in die Defensive – und ich fühlte mich im Unrecht, weil ich laut geworden war. »Kein Grund, sich aufzuregen – Jon Bent wurde rechtskräftig verurteilt und der Vollstreckungstermin des Urteils bereits angesetzt. Wir sind durch sämtliche Instanzen gegangen und haben verloren – dagegen ist nichts zu sagen.«

»Was wollen Sie dann noch?«, fragte ich. Die kalte, teilnahmslose Rechtsauffassung des Anwalts ärgerte mich.

»Ich bin dabei, die Akte Jon Bent abzuschließen, so weit es unser Büro betrifft, und soll den letzten Willen von Mr. Bent verwalten. Dies ist der Grund, weshalb ich Sie anrufe. Mr. Bent wünscht Sie zu sprechen, Sir.«

»Er wünscht … was?«

»Er sagte, er wolle Sie noch einmal sehen, Agent, Cotton. Er hat mir nicht mitgeteilt, worum es dabei geht, aber er sagte, es gäbe noch ein paar Dinge, die er mit Ihnen zu klären habe. Informationen, die er an Sie weitergeben wolle.«

»Informationen? Was für Informationen?«

»Darüber hat mich Mr. Bent nicht in Kenntnis gesetzt. Er wünscht Sie persönlich zu sprechen, Sir – am besten noch heute. Seine Zeit ist knapp bemessen, wenn Sie verstehen …«

Ich verstand durchaus – und dennoch beschlich mich ein ungutes Gefühl. Fast jedes Mal, wenn ich mit Bent in Kontakt getreten war, hatte er versucht, mich zu hintergehen und zu manipulieren. Und nun, einen Tag vor Vollstreckung seines Todesurteils, verlangte er mich wieder zu sprechen – was sollte das?

Mein innerer Alarm riet mir zur Vorsicht. Was sollte ich tun? Bents letzten Wunsch kaltblütig abschmettern?

Oder sollte ich über meinen Schatten springen und meinem Erzfeind einen letzten Besuch abstatten?

Ich wusste nicht, was Bent von mir wollte – wenn ich an unsere letzten Begegnungen zurückdachte, konnte es kaum etwas Gutes sein. Wahrscheinlich wollte er mich nur beschimpfen, mir mit Racheschwüren drohen, die auch über seinen Tod hinaus Gültigkeit hätten.

Etwas in mir weigerte sich beharrlich zu gehen – und doch war mir klar, dass ich mich Bent ein letztes Mal stellen musste. Der Erzschurke sollte nicht das letzte Wort haben.

Diesmal nicht …

»Also gut, Mr. Dooley«, sagte ich leise in den Hörer. »Teilen Sie Ihrem Mandanten mit, dass ich ihn besuchen werde – noch vor Mittag …«

***

»Und du bist sicher, dass ich nicht mit reinkommen soll?« Phil, der auf dem Beifahrersitz des Jaguar saß, warf mir einen besorgten Blick zu.

»Völlig sicher«, antwortete ich und rang mir ein müdes Lächeln ab. »Bent will mich unbedingt allein sprechen – keine Ahnung, was er mir zu sagen hat.«

»Okay, Jerry«, meinte Phil. »Aber bitte sei vorsichtig. Dieser Scheißkerl ist gefährlich – auch jetzt noch.«

»Er ist ein Häftling«, sagte ich, mehr, um mich selbst zu beruhigen. »Er sitzt hinter mehrere Inches dickem Panzerglas. Und er wird morgen hingerichtet. Wie gefährlich kann er sein?«

Ich nickte Phil zu und stieg aus dem Wagen, den ich auf dem kleinen Parkplatz im Vorhof des Gefängnisses von Riker’s Island abgestellt hatte. Mit festen Schritten ging ich hinüber zum Hauptgebäude und ließ meine Marke sehen. Ein junger Wachmann führte mich in den Trakt, in dem Jon Bent festgehalten wurde.

Bent war der einzige Insasse in diesem Teil des Gebäudes. Man hatte darauf verzichtet, ihn in eine der berüchtigten Todeszellen zu verlegen. Erst bei Tagesanbruch würde er zum Ort der Hinrichtung überstellt werden.

Der Wärter führte mich den langen Korridor entlang, an dessen Ende Bents Zelle lag. Die Vorderseite des kleinen Raumes, dessen Einrichtung lediglich aus einer kargen Pritsche, einem kleinen Regal und einer Toilette bestand, war verglast wie das Gehege eines Raubtiers im Zoo – der Mann, der darin kauerte, ähnelte auch mehr einem Raubtier als einem Menschen.

Jon Bents Züge waren eingefallen uns ausgemergelt. Die monatelange Haft und der Verlust seines linken Arms waren schuld daran. Das hasserfüllte Flackern in seinen Augen jedoch war das gleiche wie früher. Als Bent seinen Kopf hob und mich erblickte, schienen die Flammen des Hasses in ihm sogar noch höher zu schlagen.

»Cotton«, sagte er nur und erhob sich von seiner Pritsche, taxierte mich durch das dicke Panzerglas.

»Hallo, Bent.« Obwohl es mir schwer fiel, hielt ich den bohrenden Blicken des Verbrechers stand. Ich wollte Bent keinen Anlass zum Triumph geben.

»Sie sind gekommen«, stellte der Super-Kriminelle fest, und es klang fast ein wenig überrascht.

»Warum auch nicht?«, fragte ich dagegen.

»Naja …« Bent setzte ein breites Grinsen auf. »Ehrlich gesagt, hatte ich Sie anders eingeschätzt, Cotton. Ich hatte gedacht, dass Sie in Ihrer selbstherrlichen, arroganten Art sicher schon ahnen würden, was ich Ihnen zu sagen habe. Daher glaubte ich, Sie würden meiner Einladung erst gar nicht folgen.«

»So leicht kann man sich irren«, gab ich zurück. »Aber ich weiß tatsächlich, was Sie mir sagen wollen, Bent. Sie wollen mir sagen, wie sehr Sie mich hassen. Wie sehr Sie das verabscheuen, wofür ich stehe und eintrete. Und Sie wollen mir drohen. Dass das Chaos nicht mit Ihnen sterben wird. Dass es immer wieder einen Jon Bent geben wird, der uns das Leben schwer macht. Und dass es Ihnen ein Vergnügen sein wird, von der Hölle aus dabei zuzusehen.«

»Mann, also wirklich …« Bent nickte in gespielter Anerkennung, klatschte höhnisch in die Hände. »Das war wirklich eindrucksvoll, Cotton. Aber leider sind Sie wieder einmal auf dem Holzweg.«

Ich zog die Brauen hoch, konnte meine Überraschung nicht verbergen.

»Ich habe mich also doch nicht geirrt«, sagte Bent geringschätzig.. »Sie sind und bleiben ein arroganter Bastard. Der einzige Grund, warum Sie gekommen sind, ist Ihr verdammter Stolz. Sie müssen dem Mann, den Sie in die Todeszelle schicken, ein letztes Mal in die Augen sehen.«

Ich hielt Bents bohrendem Blick weiterhin stand, antwortete aber nichts. Die analytischen Fähigkeiten des Verbrechers waren schlicht zum Kotzen. Ich fühlte mich unwohl und durchschaut …

»Ich habe Recht, nicht wahr?«, fragte Bent grinsend. »Das ist typisch für Sie, Cotton. Sie und Ihr Partner hätten mich schon viel früher schnappen können, wären Sie nicht so verdammt arrogant und selbstgefällig gewesen. Wenn Sie über Ihren Schatten gesprungen wären und versucht hätten, die Welt mit meinen Augen zu sehen.«

»Nein danke«, gab ich knurrend zurück.

»Warum nicht, Cotton? Bedenken Sie: Hätten Sie mich schon früher geschnappt, hätte vieles verhindert werden können. Vielleicht wäre ich gar nicht dazu gekommen, Ihren Partner zu entführen. Vielleicht wäre die eine oder andere meiner Untaten dadurch vereitelt worden. Vielleicht würde das eine oder andere meiner Opfer noch leben …«

Bent unterbrach sich, setzte ein breites, böses Grinsen auf.

»In Ihrer Haut möchte ich nicht stecken, Cotton. Den Rest Ihres Lebens werden Sie sich fragen, wie viele Menschenleben hätten gerettet werden können, wenn Sie mich nur früher gefasst hätten. Sie werden sich nachts schlaflos herumwälzen und sich fragen, wie hoch die Dunkelziffer ist. Wie viele Morde hat Jon Bent noch begangen, von denen wir nichts wissen? Wie viele Opfer gibt es, deren Namen wir nie erfahren werden …?«

»Was soll das?«

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