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Jerry Cotton - Folge 2272

Die unbekannte Macht

Nacht in Manhattan.

Die 3rd Avenue wirkte wie ausgestorben. Jene seltenen Stunden, in denen die Stadt den Atem anzuhalten schien, in denen das pulsierende Leben des Big Apple eine kurze Pause einzulegen pflegte.

Ein schrilles Quietschen durchbrach die Stille, gefolgt vom Brummen eines mächtigen Motors, als erneut die Bagger anliefen. Wieder und wieder senkten sich die gewaltigen Schaufeln der Maschinen in das Erdreich, hebelten gewaltige Mengen aus dem sandigen Boden und verteilten sie auf die Lastwagen, die reihenweise zum Abtransport bereitstanden.

Sam Cooper und seine Bauarbeiter schufteten in einem Teil der Grube, wo ein Bündel Rohrleitungen die Bagger an ihrer Arbeit hinderte. Es war schwül in dieser Nacht, Schweiß troff den Männern von der Stirn. Cooper stieß eine Verwünschung aus, schob seinen Helm in den Nacken. Er konnte Nachtarbeit nicht leiden, aber sie war verdammt gut bezahlt – und das war das Einzige, was zählte …

Der Vorarbeiter erstarrte jäh – denn vor sich, im Erdreich, gewahrte er plötzlich etwas Seltsames im Licht der Scheinwerfer. Etwas, das sich ihm in bizarrer Verrenkung entgegenreckte. Etwas, das aussah wie … wie …

… ein menschlicher Arm!

»Männer!«, rief Cooper laut. Der Zigarrenstummel, auf dem er lustlos herumgekaut hatte, fiel ihm dabei aus dem Mund. »Kommt her und seht euch das an!«

Die Arbeiter ließen sich nicht zweimal bitten.

Dankbar für den Vorwand, ihre Arbeit für einen Augenblick ruhen lassen zu können, ließen sie ihre Schaufeln und Spitzhacken sinken, eilten zu ihrem Vorarbeiter, der kreidebleich und mit weit aufgerissenen Augen vor seiner grausigen Entdeckung stand.

»Was gibt’s, Boss? Was nich in Ordnung?«

»Da!«, sagte Cooper nur und deutete auf den entsetzlichen Fund.

»Verdammte Scheiße!«, rief Jim McKenzie, der zweite Vormann, aus. Einige der Männer nahmen ihre Helme ab. »Das is ’ne Leiche, Boss. ’ne verdammte Leiche …!«

»Sieht ganz so aus, Jimmy«, meinte Cooper schaudernd. »Los, Männer – legt mal mit Hand an!«

Ein wenig zögernd traten die Bauarbeiter vor, begannen, den Erdhaufen abzutragen, aus dem der leblose Arm ragte, dessen fauliges Fleisch bereits in Fetzen hing. Mit jedem Spatenstich kam mehr von der Leiche zum Vorschein – bis die Männer in die grauenhaft verstümmelte Fratze eines halb verwesten Leichnams blickten.

»Verdammte Scheiße!«, beschwerte sich Jim McKenzie. »So eine verdammte Scheiße! Davon stand nichts in meinem Vertrag.«

»In meinem auch nicht, Jimmy«, gab Cooper tonlos zurück. Dann griff der Vormann nach dem Funkgerät, das am breiten Gürtel seines Overalls hing, um der Bauleitung Bescheid zu geben.

Die Polizei musste verständigt werden …

***

Manhattan Piers, 3.40 a.m.

Sidney Lomax hasste es zu warten.

Der FBI-Agent, der von Atlanta nach New York versetzt worden war, als Jerry Cotton einen neuen Partner gebraucht hatte, wusste noch immer nicht recht, was er von seinen neuen Verbündeten halten sollte.

Natürlich – sie schienen auf seiner Seite zu stehen. Und sie hatten ihre Macht bereits eindrucksvoll bewiesen, aber konnte er ihnen auch trauen?

Lomax schätzte ihre Eigenheit nicht besonders, ihn zu den unmöglichsten Zeiten zu streng geheimen Treffen zu beordern. Seine neuen Freunde waren nicht nur mächtig, sie waren auch launisch.

Aber das war Sid Lomax egal. Er brauchte diese Leute. Er brauchte sie als Waffe gegen den Mann, der einmal sein großes Vorbild gewesen war und den er hassen gelernt hatte.

G-man Jerry Cotton!

Damals, als es so ausgesehen hatte, als wäre Phil Decker bei einem Autounfall ums Leben gekommen, hatte Jerry ihn als neuen Partner akzeptiert und sich alle Mühe gegeben, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Sid hatte sich geehrt gefühlt, hatte sich nahe an seinem Ziel gesehen, zum besten FBI-Agenten aller Zeiten aufzusteigen.

Doch dann war Phil Decker zurückgekehrt – und all seine Träume waren wie eine Seifenblase zerplatzt. Cotton hatte seinen alten Partner zurückbekommen, von einer Zusammenarbeit war nicht mehr die Rede gewesen – und das, obwohl Sid und Jerry ein verdammt gutes Team gebildet hatten.1)

Immerhin waren Cotton und seine Leute so anständig gewesen, ihn nicht nach Atlanta zurückzuschicken, wo er dem bitteren Spott seiner Kollegen ausgesetzt gewesen wäre, die ihn immer für einen ehrgeizigen Sonderling gehalten hatten. Sid hatte in New York bleiben dürfen und war nach einiger Zeit der Fahndungsabteilung zugeteilt worden, für die er noch immer arbeitete.

Sid machte sich keine Illusionen.

Die FA war alles andere als ein günstiger Ausgangspunkt für eine beispiellose Karriere beim FBI – doch seine neuen Freunde hatten ihm versichert, dass er sich darüber keine Sorgen zu machen brauchte. Sie hatten versprochen, ihn zur unangefochtenen Nummer eins des New Yorker FBI zu machen.

Skrupel kannte er dabei keine.

Es war nicht fair gewesen, wie der FBI ihn behandelt hatte. Also gab es auch für Sid Lomax keinen Grund mehr, fair zu sein.

Seine neuen Partner waren mächtig.

Verdammt mächtig sogar.

Sie hatten versprochen, ihn an Cottons Stelle zu setzen. Danach würde er stellvertretender SAC des New Yorker FBI werden. Noch etwas später würde er John D. High beerben und die Leitung des New Yorker Feldbüros übernehmen.

Und noch ein wenig später … wer wusste das im Augenblick zu sagen? Allein der Klang des Namens »Washington« sorgte für ein begieriges Glänzen in den Augen des G-man …

Sie hatten versprochen, ihn ganz an die Spitze zu bringen.

Alles, was er dafür zu tun brauchte, war, ihnen ein paar Gefälligkeiten zu erweisen – Freundschaftsdienste, wie sie es nannten. Eine Information hier und dort, eine kleine Manipulation …

Sidney Lomax war es egal, wie er an die Spitze kam. Die Wahl der Mittel war ihm gleichgültig geworden. Über all die Jahre an der FBI-Akademie und in Atlanta hatte er sich nichts sehnlicher gewünscht, als ganz oben mitzumischen, bei den Großen seines Fachs – nun war die Verwirklichung seiner Träume in greifbare Nähe gerückt.

Um es Cotton heimzuzahlen und die Nummer eins beim New Yorker FBI zu werden, war Sidney Lomax kein Opfer zu groß – auch nicht bei Nacht und Nebel mutterseelenallein in der Hafengegend zu stehen und darauf zu warten, dass sich seine anonymen Verbündeten zeigten.

Dankbarerweise war Pünktlichkeit eine ihrer vielen Tugenden.

Punkt 3.42 a.m. stachen die fahlen Lichtkegel zweier Scheinwerfer durch das Dunkel der Nacht, und ein mächtiger, schwarz lackierter Mercedes rollte die Gasse zwischen den Lagerhallen herab.

Die Scheinwerfer erfassten Sid und blendeten ihn, doch er blieb stehen, wartete in aller Ruhe ab. Er wusste, dass sie ihn taxierten und überprüften. Er ahnte, dass Scharfschützen auf den Dächern der umliegenden Häuser postiert waren. Beim geringsten Anzeichen, dass auf seine Loyalität kein Verlass mehr war, würden sie schießen …

Diese Leute konnten sich kein Risiko leisten.

Sie spielten mit hohem Einsatz – wenngleich Lomax nicht zu durchschauen vermochte, worum es ihnen eigentlich ging.

Macht?

Geld?

Vermutlich beides. Ihm konnte es egal sein, solange er nur bekam, was er wollte …

Langsam rollte der Mercedes heran, knirschten die Reifen über den Kies. Schließlich kam das Fahrzeug zum Stillstand, doch das blendende Scheinwerferlicht blieb – Lomax wusste inzwischen, dass seine Freunde Wert darauf legten, unerkannt zu bleiben.

Es überraschte ihn nicht, als eine der Türen des Fahrzeugs geöffnet wurde und eine dunkle Gestalt ausstieg, von der er gegen das grelle Licht nur eine vage Silhouette erkennen konnte.

Der Mann war groß und schlank, trug trotz der Schwüle Hut und Mantel, was ihn irgendwie unheimlich erscheinen ließ. Im von waberndem Dampf erfüllten Licht blieb er stehen, nickte Sid unmerklich zu.

»Guten Abend, Agent Lomax«, grüßte der Fremde mit öliger Stimme. »Es freut uns, dass Sie zu unserem Treffen erschienen sind. Hin und wieder versichern wir uns gerne der Loyalität unserer Freunde.«

»Hier bin ich«, erwiderte Sid und streckte in einer demonstrativen Geste die Arme von sich. »Unbewaffnet, wie Sie es angeordnet haben.«

»Ich weiß«, sagte der andere nur, ohne durchblicken zu lassen, woher er seine Sicherheit nahm. »Gegenseitiges Vertrauen ist in unserem Geschäft von unabdingbarer Wichtigkeit.«

»Weshalb haben Sie mich her bestellt?«, verlangte Sid zu wissen. Angestrengt kniff er die Augen zusammen, versuchte das Gesicht zu erkennen, das sich unter dem Hut befand – vergeblich …

»Weil wir Sie darüber informieren wollten, dass es los geht«, gab der Fremde ungerührt zurück. »Die Zeit ist gekommen, da wir endgültig zuschlagen werden.«

»Verstehe«, erwiderte Lomax ohne Zögern. »Was ist mit unserer Abmachung? Steht sie noch?«

»Natürlich, Agent Lomax – wir stehen immer zu unserem Wort. Wir werden Sie zur Nummer eins des New Yorker FBI machen. Unter der Voraussetzung, dass wir uns auch weiterhin … verbunden bleiben.«

»Keine Sorge, Sie können sich voll und ganz auf mich verlassen.«

»Sehr gut.«

»Wie lauten Ihre Anweisungen?«, erkundigte sich der G-man ungeduldig. »Was soll ich tun?«

»Vorerst nichts«, gab der Fremde zurück. »Halten Sie sich einfach nur bereit und warten Sie auf neue Befehle. Die Zeit ist gekommen, Agent Lomax. Die Domäne schlägt zu.«

***

6th Avenue, 5.14 a.m.

Als Phil und ich am Leichenfundort eintrafen, begann der Morgen bereits heraufzudämmern.

Im Osten zog fahles Licht herauf, das die Skyline von Brooklyn matt beleuchtete. Orangefarbener Schein färbte die Spitzen der Wolkenkratzer.

Phil und ich hatten Bereitschaftsdienst gehabt und uns an der Federal Plaza die Nacht um die Ohren geschlagen. Alles in allem war es eine ruhige Nacht gewesen, wenn man von den Raubüberfällen und Messerstechereien absah, die in manchen Ecken des Big Apple noch immer an der Tagesordnung sind.

Schon hatten mein Partner und ich geglaubt, mit einem blauen Auge davonzukommen – als uns am frühen Morgen der Anruf der NYPD-Zentrale erreicht hatte. Das Homicide-Squad hatte Verstärkung durch den FBI angefordert – aus gutem Grund, wie wir bald feststellen sollten …

Ich parkte den Jaguar XKR am Straßenrand der um diese Zeit noch wenig befahrenen 6th Avenue. Irgendein Baulöwe aus New Jersey hatte sich das Grundstück an der 94. Straße unter den Nagel gerissen in der Absicht, dort ein neues luxuriöses Büro- und Geschäftshaus zu errichten. Um den Tagesverkehr auf der Avenue nicht zu sehr zu beeinträchtigen, hatte die Stadtverwaltung der Baufirma eine Lizenz zur Durchführung von Nachtarbeiten erteilt – nichts Ungewöhnliches in Manhattan.

Ungewöhnlich war allerdings, worauf die Bauarbeiter beim Ausschachten des Kellergeschosses gestoßen waren …

»Agent Cotton?«, fragte mich ein junger Officer, der die dunkelblaue Uniform des Department trug. Der Junge war ziemlich blass im Gesicht – gerade so, als hätte er ein leibhaftiges Gespenst gesehen.

»So ist es«, bejahte ich und zückte meine Marke. »Special Agent Jerry Cotton. Das hier ist mein Partner, Special Agent Decker.«

»Danke, dass Sie so schnell gekommen sind, Gentlemen«, gab der Grünschnabel zurück. »Captain Dennison erwartet Sie bereits. Bitte folgen Sie mir.«

Phil warf mir einen bedeutsamen Blick zu.

Wir kannten Charles Dennison zur Genüge.

Der Captain vom Morddezernat war nicht gerade bekannt dafür, gerne mit dem FBI zu kooperieren. Wenn er freiwillig unsere Unterstützung anforderte, war die Sache ernst.

Der Junge ging uns voraus, passierte den mehrere Meter hohen Bretterzaun, der rings um die große Baustelle errichtet war. Vorsichtig stiegen wir in die gewaltige, von Scheinwerferlicht beleuchtete Baugrube hinab, in der Bagger und anderen Baufahrzeugen standen.

Die Maschinen standen still, die meisten Bauarbeiter waren von der Baustelle abgezogen worden. Ein weiteres Zeichen dafür, dass etwas Bedeutsames vorgefallen sein musste – denn umsonst ließ ein Bauunternehmen die Maschinen nicht stillstehen in einem Geschäft, in dem jeder verlorene Tag den Verlust von Tausenden von Dollars bedeutete …

Ich sah Dennison schon von weitem.

Ein korrekt gekleideter Mann, der in seinem hellen Trenchcoat wie ein Bilderbuch-Kriminaler aussah. Neben ihm stand sein Stellvertreter, Lieutenant Haggerty, der eifrig damit beschäftigt war, Notizen in sein Büchlein zu kritzeln. Eine ganze Horde von Forensikern suchte die Grube nach Spuren und Hinweisen ab.

»Cotton, Decker.« Dennisons Gesicht verriet keine Regung, als er uns zur Begrüßung zunickte.

»Captain.« Ich erwiderte den Gruß mit der gleichen Kälte – Dennison und wir waren nicht gerade Freunde.

»Bevor Ihr Partner einen blöden Spruch ablässt, Cotton, will ich Ihnen gleich sagen, dass es nicht meine Idee war, den FBI zur Hilfe zu holen.«

»Na klar«, murmelte Phil halb laut, »hätte mich auch gewundert …«

»Meine Vorgesetzten waren der Ansicht, dass dieser Fall ein paar Nummern zu groß für uns wäre«, gestand Dennison widerwillig ein. »So weit es mich betrifft …«

»… sind Sie anderer Ansicht«, brachte ich den Satz zu Ende. »Schon klar, Captain. Nachdem wir das jetzt wissen, können Sie uns sagen, worum es geht – die Zentrale sagte etwas von zwei Leichen, die bei den Bauarbeiten gefunden wurden …«

»Zwei?« Dennison lachte freudlos, tauschte mit Haggerty einen betretenen Blick. »Ich wünschte, dabei wäre es geblieben, Cotton. Inzwischen sind es fünf Leichen, die meine Leute ausgebuddelt haben.«

»Fünf?« Phil schnappte nach Luft.

»Ja, sehen Sie sich das an …«

Dennison setzte sich in Bewegung, dicht gefolgt von Haggerty und uns.

»Ein Trupp Bauarbeiter hat bei den Ausschachtungsarbeiten einen Leichnam entdeckt«, erstattete der Lieutenant dabei Bericht. »Die Polizeistreife, die daraufhin alarmiert wurde, hat in unmittelbarer Nähe des Fundorts eine zweite Leiche entdeckt. Seitdem ist hier das große Buddeln im Gange«, fügte der Lieutenant schaudernd hinzu.

»Fünf Leichen«, resümierte ich. »Gibt es irgendeinen Zusammenhang zwischen den Toten?«

»Könnte man so sagen«, gab Haggerty zurück und deutete auf Dennison, der bei einer Reihe jener hässlichen Plastiksäcke stehen geblieben war, deren Anblick Phil und ich so sehr hassten. Fünf Leichensäcke, säuberlich aufgereiht …

Wir schauten uns die Leichen an, und ich merkte, wie sich in meinem Hals ein dicker Kloß bildete. Der Anblick, der sich uns bot, drehte mir fast den Magen um.

Die fünf Leichen befanden sich bereits im Zustand fortgeschrittenen Verfalls. Beißender Geruch ging von ihnen aus, der uns dazu nötigte, unsere Taschentücher zu zücken und sie uns auf Mund und Nase zu pressen.

Das Schreckliche jedoch war nicht der Zustand der Leichen an sich, sondern die Art und Weise, wie die Toten zugerichtet waren.

Ihnen allen fehlten die Hände – ihre Arme endeten in löchrigen Stümpfen. Dazu hatten sie keine Gesichter mehr – wir blickten in schreckliche, formlose Fratzen aus verfaultem Fleisch.

»Verdammte Schweinerei«, stieß Phil hervor – und ich konnte ihm nur aus tiefstem Herzen beipflichten. Mein übernächtigter Magen rebellierte, und betroffen fragte ich mich, wer so etwas Schreckliches getan haben mochte.

»W

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