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Jerry Cotton - Folge 2246

Der Mann, der Decker tötete

Jon Bent triumphierte.

Dieses Mal war sein Plan aufgegangen, war seine Rache erfolgreich gewesen. Seine Rache an Jerry Cotton.

Was als Kriminalfall begonnen hatte, hatte sich zum schrecklichsten Albtraum entwickelt für den besten G-Man des New Yorker FBI, denn am Ende hatte er seinen Partner zu Grabe getragen, den besten Freund, den er je gehabt hatte.

Phil Decker 

»Das war verdammt clever von dir, Boss«, sagte Lizard, der Anführer der mörderischen Jugendgang, die Bent als seine Handlanger angeworben hatte. »Cotton ist fertig. Du hast es geschafft, Boss. Du hast es endlich geschafft!«

»Das habe ich«, bestätigte Bent, ohne eine Miene zu verziehen. »Aber noch bin ich mit meiner Rache nicht am Ende. Es geht weiter. Ich werde erst Ruhe geben, wenn Jerry Cotton vollständig und endgültig erledigt ist …!«

»Ja, Boss! Erst dann wird es vorbei sein«, versicherte Lizard mit seiner singenden Stimme, die dem Zischen einer Schlange nicht unähnlich war. »Und wir werden dich dabei unterstützen, so gut wir können.«

Bent schaute dem jungen Mann, dessen Gesichtszüge mit weißer und schwarzer Farbe geschminkt waren, unverwandt ins Gesicht.

Er hatte nie verstanden, warum sich Lizard und seine drogensüchtigen Freaks dieses Zeug ins Gesicht kleisterten, und er hatte auch nie danach gefragt. Für seine Pläne war es ohne Belang gewesen. Lizard und seine Gang waren ein praktisches Werkzeug gewesen. Ein Werkzeug, dessen er sich bedient hatte, denn sie waren ihm nützlich erschienen.

Das war nun vorbei.

»Tut mir Leid, Lizard«, meinte Bent kopfschüttelnd. »Aber für die Zukunft werdet ihr euch jemand anderen suchen müssen, der euch Stoff besorgt. Ich brauche eure Dienste nicht mehr.«

»Aber … aber Boss!« Das weiß bemalte Gesicht schien noch ein paar Nuancen blasser zu werden. »Das … das können Sie nicht tun! Sie sind unser Herr und Meister! Wir würden alles für Sie tun.«

»Euer Problem.«

»Aber … sagten Sie nicht, wir würden gemeinsam gegen diese reichen Säcke kämpfen, Seite an Seite? Dass wir zusammen etwas bewegen würden? Diese schreckliche Welt verändern?«

»Sagte ich das?« Bent zuckte mit den Schultern. »Mag sein. Aber damit ist es nun vorbei. Wie ich schon sagte, Lizard. Ich brauche dich und deine …« – er streifte die Mitglieder von Lizards Gang, die reglos und mit vom Drogenrausch verklärten Mienen im Hintergrund des Raumes standen, mit einem verächtlichen Seitenblick – »… deine Freunde nicht mehr.«

»Aber Sir, wir … wir …«

»Das geschminkte Gesicht des Bandenführers nahm einen flehenden Ausdruck an, was ihn in Bents Augen nur noch verachtenswerter machte. Der Terrorist konnte Drogensüchtige nicht leiden. Nicht, weil sie etwas Verbotenes oder Schädliches taten, sondern weil sie sich abhängig machten, weil sie ihre Freiheit aufgaben und sich zu willenlosen Sklaven ihrer Drogen machten.

Eine Weile lang waren Lizard und seine Leute nützliche Helfer gewesen, aber nun war Schluss damit. Er brauchte sie nicht mehr …«

»Boss!« Der junge Gangleader sandte Bent einen verzweifelten Blick. »Bitte! Lass uns nicht allein! Wir haben alles für dich getan! Wir haben für dich gemordet und …«

»Wie ich schon sagte, Lizzy – euer Problem. Aber keine Angst, die Bullen werden euch nichts anhaben können.«

»Wieso nicht?«

»Weil ihr tot sein werdet«, entgegnete Bent kaltherzig.

»Tot?« Ein entsetzter Ausdruck legte sich auf Lizards fahle Züge.

»Glaubt ihr im Ernst, ich bin so dämlich, euch laufen zu lassen?«, fragte Bent mit regloser Miene. »Ihr habt mein Gesicht gesehen, kennt mein wahres Aussehen. Ich werde kein Risiko eingehen.«

»Aber Boss …«, entfuhr es dem Gangleader panisch – zu spät erkannte er, dass er und seine Leute einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatten.

»Lizards!«, schrie er seine Kumpane zu Hilfe. »Das Schwein versucht uns aufs Kreuz zu legen! Der will uns fertig machen!«

»Erraten, Lizzy«, bestätigte Bent ungerührt und beobachtete amüsiert, wie die Gangmitglieder auf ihn zutraten und ihre Klingen zückten. Sie bewegten sich langsam, wie in Trance, standen noch unter dem Einfluss der Droge, die er ihnen verabreicht hatte – sie waren keine ernst zu nehmenden Gegner.

»Holt ihn euch, Leute!«, zischte Lizard seinen Kumpanen zu. »Der Mistkerl hat uns verraten! Er verdient es nicht besser! Los, schlitzt ihn auf!«

Einer von Lizards Handlangern sprang vor, hob seine Klinge zum tödlichen Streich.

Doch im selben Moment, in dem er zustoßen wollte, fiel plötzlich eine Wand aus dickem Glas herab, stellte sich unerwartet zwischen Bent und die Gang.

Der Junkie stieß trotzdem zu, um in wütendes Geheul zu verfallen, als seine Klinge wirkungslos am Panzerglas abprallte.

Lizard und seine Leute stimmten zorniges Gebrüll an, stürmten vor, um sich auf Bent zu stürzen, doch die Glasbarriere, die sich unvermittelt aus der Decke herabgesenkt hatte, erstreckte sich von Wand zu Wand, teilte den Raum in zwei Hälften.

Ungerührt stand Jon Bent auf seiner Seite des Glases, ein kaltes Lächeln umspielte seine Züge.

Entsetzt stellten die Gangmitglieder fest, dass sie eingeschlossen waren. Ringsum waren sie von Beton und Panzerglas umgeben. Es gab kein Entkommen …

»Lass uns raus!«, schrie Lizard aus Leibeskräften und trommelte mit seinen Fäusten gegen das Glas. »Du verdammter, dreckiger Bastard! Lass uns sofort raus!«

Bent zuckte mit den Schultern, legte eine Hand an sein Ohr und schüttelte den Kopf, um zu bedeuten, dass er kein Wort verstand.

Die Gangmitglieder kreischten, gebärdeten sich wie wild. Unter Drogeneinfluss stehend, sprangen sie in heilloser Panik umher, liefen gegen die Wände, warfen sich immer wieder gegen das Glas, wie Tiere, die nicht begreifen konnten, dass sie gefangen waren.

Bent sah ihrem Treiben eine Weile lang zu, verfolgte belustigt, wie Lizard und seine Leute in wilde Raserei verfielen. Sie schrien und gebärdeten sich wie Berserker, begannen schließlich, sich gegenseitig an die Kehle zu fahren.

Irgendwann hatte der Erzverbrecher genug, wandte sich gelangweilt ab. Er hatte Besseres zu tun, als ein paar Junkies dabei zuzusehen, wie sie den Verstand verloren.

Mit gleichgültiger Miene trat er an einen Schaltkasten an der Wand, betätigte einen kleinen Knopf.

Daraufhin erfüllte ein durchdringendes Zischen den Kellerraum, und Bent sah, wie durch verborgene Düsen gelber Nebel in das Gefängnis von Lizard und seinen Kumpanen strömte.

Senfgas, dachte der Terrorist zufrieden. Von der Genfer Konvention verboten, aber sehr wirkungsvoll.

Langsam senkte sich der gelbe Dunst auf Lizard und seine Gang herab – und die Junkies begannen noch lauter zu schreien. Ihre Körper zuckten krampfhaft, röchelnd brachen sie zusammen.

Lizard hielt sich am längsten auf den Beinen. Wankend stakste er durch den gelben Nebel, hämmerte in hilfloser Wut auf die Glasscheibe ein – vergeblich.

Durch das dicke Panzerglas sandte er Bent einen letzten verzweifelten Blick – dann sank er an der Scheibe herab und blieb reglos liegen.

Ungerührt stellte Bent die Absauganlage an, empfand weder Reue noch Mitleid.

Lizard und seine Kumpane waren schon tot gewesen, als er sie von der Straße aufgelesen hatte. Er hatte ihre verplemperten Leben nur verlängert und ihnen einen Sinn gegeben.

Beim nächsten Schritt seines Plans konnte er sie nicht gebrauchen …

***

Der Leser mag mir verzeihen – denn ich bin nicht Jerry Cotton.

Mein Name ist June Clark, und ich arbeite als Spezial-Agentin des FBI im gleichen Field Office wie Jerry.

Unter dem Eindruck der Ereignisse, die zum tragischen Tod seines langjährigen Freundes und Partners Phil Decker führten, war Jerry nicht in der Lage zu schildern, wie es ihm in den Tagen nach diesem schrecklichen Verlust erging.

Ich, June Clark, habe daher diese schwierige Aufgabe übernommen …

Der Tod von Phil hatte uns alle tief erschüttert.

Phil Decker war stets so voller Elan, so voller Tatendrang und Lebenslust gewesen, dass es uns allen schwer fiel zu glauben, dass er das FBI-Quartier nie mehr betreten, nie mehr durch die Korridore hasten, nie mehr an seinem Schreibtisch in Jerrys Büro sitzen würde.

Uns allen fehlte sein aufgeweckter Geist, sein übermütiges Lachen, seine Hilfsbereitschaft und seine Freundschaft. Eine Woche lang trugen wir alle Trauer, stand die Fahne auf dem Dach des FBI-Quartiers auf Halbmast.

Nach der Beerdigung hatte sich Mr. High nicht mehr ein einziges Mal über Phils Tod geäußert – und das war schlimmer, als wenn er seinen Schmerz laut hinausgeschrien hätte. Es war die Art des SAC, mit schweren Verlusten umzugehen – so wie damals, als seine Familie ermordet worden war.

Auch Steve Dillaggio und Zeerookah, Les Bedell und Joe Brandenburg, meine Dienstpartnerin Annie Geraldo und ich – wir alle waren bestürzt und traurig über den Tod unseres Kollegen, der scheinbar so sinnlos bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Doch keinen von uns traf der Verlust so hart wie Jerry Cotton, der nicht nur Phils Partner gewesen war – sondern auch sein bester Freund.1)

In der ersten Woche nach Phils Tod war Jerry kaum ansprechbar gewesen. Mr. High hatte ihn für einige Tage vom Dienst freigestellt, und Jerry war nur erschienen, um ein paar persönliche Sachen abzuholen, die Phils Familie zugeschickt werden sollten.

Dann, nach einer Woche, hatte er sich zurück zum Dienst gemeldet – doch der G-man Jerry Cotton existierte nicht mehr. Was war aus Jerry geworden!

Er sah krank und mitgenommen aus, war hager und aschfahl im Gesicht. Er schien die Woche über weder Schlaf gefunden noch etwas gegessen zu haben, konnte sich selbst nicht verzeihen, dass er den Tod seines Freundes nicht verhindert hatte.

Es kostete uns alle viel Geduld und Überzeugungskraft, Jerry zu der Einsicht zu bringen, dass er nichts hatte tun können. Phils Tod hatte niemand voraussehen können.

Es war ein Unfall gewesen.

Ein tragischer, unbegreiflicher Unfall.

Doch kaum war Jerry zu der Überzeugung gelangt, dass ihn selbst keine Schuld an Phils Tod traf, begann er, bei anderen danach zu suchen.

Fieberhaft fing er an, nach Jessica Cunnings zu fahnden, der jungen und ebenso schönen wie reichen Witwe aus Bayville, in die sich Phil Hals über Kopf verliebt hatte. Kurz vor Phils Tod war sie spurlos verschwunden, hatte ihm einen Brief hinterlassen, in dem sie ihre kurze aber stürmische Beziehung für beendet erklärte.

Wenig später hatte sich der schreckliche Unfall ereignet. Phils Wagen war von der Küstenstraße abgekommen und auf die Klippen geprallt, hatte sich überschlagen und war explodiert. Phil war dabei ums Leben gekommen.

Natürlich hatte auch der FBI zunächst überprüft, ob Fremdverschulden vorlag, doch alle Untersuchungen, die angestellt worden waren, hatten bewiesen, dass es nichts weiter als ein Unfall gewesen war. Uns allen fiel es schwer zu glauben, dass jemand, der so tapfer gegen das Verbrechen gekämpft und so oft dabei sein Leben riskiert hatte, auf so sinnlose Weise den Tod fand, aber wir fanden uns damit ab.

Jerry nicht.

Wie besessen wühlte er sich durch die Datenbanken des OCIS-Systems, bemüht, mehr über Jessica Cunnings herauszufinden – aber da war nichts.

Ich nehme an, dass es Jerrys schlechtes Gewissen war, das ihn dazu trieb, Jessica zur Mörderin seines besten Freundes zu stempeln – denn da die junge Frau eine wichtige Zeugin und Schutzbefohlene des FBI gewesen war, war es zwischen Jerry und Phil zu einem fürchterlichen Streit gekommen, als Phil mit ihr ein Verhältnis begonnen hatte.

Wenn es Jerry nun gelang, im Nachhinein zu beweisen, dass er Recht gehabt und Jessica Cunnings ein falsches Spiel getrieben hatte, hätte ihn das vor sich selber rehabilitiert – seinen Freund würde es ihm allerdings nicht zurückbringen.

Mr. High ließ Jerry gewähren. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, Jerry auf einen anderen Fall anzusetzen, solange er diese Sache nicht hinter sich gelassen hatte. Also ließ er Jerry eine Woche lang in den Akten wühlen und die Datenbanken durchstöbern.

Das Ergebnis war gleich null.

Nach einer Woche intensiver Recherche musste auch Jerry Cotton einsehen, dass es nichts als widriges Schicksal gewesen war, das seinen Freund und Partner das Leben gekostet hatte – und dass er in diesem Leben keine Möglichkeit mehr bekommen würde, sich mit Phil auszusöhnen.

Es war eine Hypothek, mit der er leben musste.

Eine schwere Hypothek.

In der ersten Zeit setzte Mr. High Jerry nur im Team mit anderen Agenten ein. Jerry gab sich alle Mühe, eine wertvolle Hilfe und ein zuverlässiger Kollege zu sein, aber er war weit davon entfernt, wieder jener glänzende G-man zu sein, als der er überall geschätzt worden war.

Vorbei waren die Zeiten, in denen er mit Phil in Mr. Highs Büro saß und Helens guten Kaffee trank, in denen die beiden mit dem Jaguar durch Manhattan pflügten und an einem einzigen Tag gleich ein Dutzend schwere Jungs hinter Gitter brachten.

Es war traurig mitanzusehen. Nicht mehr lange, und der Ruhm vergangener Tage wäre vergessen, und es gab nichts, was wir dagegen tun konnten. Jerry Cotton war nur mehr ein Schatten seiner selbst. Es schien, als wäre mit Phil auch ein Teil von ihm gestorben.

Eines Abends – es war ein Freitag – bestellte Mr. High Jerry zu sich ins Büro.

Er teilte ihm mit, dass es nun Zeit wäre, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und nach vorn zu blicken. Am Montag, so Mr. High, würde Jerry ein neuer Partner zugeteilt.

Jerry fiel aus allen Wolken.

Natürlich, er hatte gewusst, dass er irgendwann einen neuen Partner bekommen würde – aber nun, als es soweit war, traf es ihn wie ein Schock.

Denn es bedeutete, dass die Ära Phil Decker unwiderruflich zu Ende war.

Mr. High zeigte viel Verständnis. Mit seiner ruhigen, väterlichen Art überzeugte er Jerry davon, dass er sich nicht an der Vergangenheit festklammern durfte – so wenig, wie er selbst es damals getan hatte, als ihm alles genommen worden war, was ihm lieb und teuer gewesen war.

Im Dienst für den FBI und im Kampf gegen Unrecht und Verbrechen hatte Mr. High eine neue Lebensaufgabe gefunden, und genau das erwartete er nun auch von Jerry. Phil war tot, aber er hätte sicher gewollt, dass Jerry weitergemacht und ihre gemeinsame Arbeit fortgesetzt hätte.

Das überzeugte Jerry schließlich, und er willigte ein, mit dem neuen Partner zusammenzuarbeiten. Müde verabschiedete er sich von Mr. High, schlich aus dem Büro des SAC hinaus auf den Gang.

Das war der Augenblick, in dem wir uns trafen …

***

»Hallo June«, sagte Jerry tonlos und wollte gesenkten Hauptes an mir vorbei – doch ich fasste ihn am Oberarm, blickte ihm prüfend ins Gesicht.

»Hey, G-man«, fragte ich, »alles in Ordnung?«

»Na klar.« Jerry zeigte ein so gezwungenes Lächeln, dass es offensichtlich war, dass er log.

»Ganz sicher?«, hakte ich deshalb nach.

»Nein.« Jerry schüttelte den Kopf, fuhr sich durch sein kurzes, dunkles Haar. »Ganz und gar nicht, June. Ich fühle mich beschissen. Wie ausgekotzt.

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