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Jerry Cotton - Folge 2245

Der Tag, an dem Phil Decker starb

Wir waren im Einsatz.

Durch die halbe Stadt hatten wir die Gang der Drogendealer verfolgt, bis es uns schließlich gelungen war, sie in dieser Tiefgarage in Lower Midtown zu stellen. Doch die Ganoven dachten nicht daran, so einfach aufzugeben …

»In Deckung, Phil!«, rief ich, als einer der Kerle plötzlich eine Maschinenpistole unter seinem Trenchcoat hervorzauberte und damit das Feuer auf uns eröffnete.

Das ohrenbetäubende Rattern der Waffe dröhnte von der niederen Betondecke wider, gleißendes Mündungsfeuer erhellte flackernd das Halbdunkel, das in der Garage herrschte.

Mein Partner stieß eine Verwünschung aus, starrte auf den zerfetzten Ärmel seines Mantels, der sich mit dunklem Blut tränkte.

»Jerry …«

Er sandte mir einen entsetzten Blick, wankte auf seinen Beinen – und der MPi-Schütze legte an, um ihm den Rest zu geben.

»Neeeein!«, hörte ich meinen eigenen Schrei gellen, setzte mit riesigen Schritten auf Phil zu, um meinen Freund aus der Schusslinie zu stoßen und …

Ich kam zu spät!

Die Maschinenpistole ratterte, spuckte mörderisches Blei – und Phil wurde in die Brust getroffen!

Entsetzt sah ich, wie die Garbe meinen Freund erfasste, wie ein Rudel von Projektilen seinen Brustkorb zerfetzte. Grellrotes Blut spritzte nach allen Seiten. Von der Wucht der Treffer wurde Phil zurückgerissen, zu Boden geschleudert wie eine Puppe.

»Phiiiill!!!«

Sofort war ich bei ihm, sandte eine Folge wilder Schüsse aus dem Lauf meiner SIG, um die üblen Killer auf Distanz zu halten. Rasch packte ich Phil am unverletzten Arm, zog ihn hinter einen abgestellten Wagen in Deckung.

Phil sah entsetzlich aus.

Sein Mantel und sein Hemd waren von Blut durchtränkt, in pulsierenden Stößen wich das Leben aus ihm, ohne dass ich etwas dagegen unternehmen konnte.

Mein Partner war zwar bei Bewusstsein, doch seine Blicke hatten bereits jenen entrückten Ausdruck, den ich schon viel zu oft in den Gesichtern guter Freunde gesehen hatte.

Ich wusste, dass jede Hilfe zu spät kommen würde – und Phil wusste es auch …

»Durchhalten, Partner«, raunte ich ihm trotzdem zu, während mich pure Verzweiflung packen wollte. Blitzschnell tauchte ich aus meiner Deckung empor, gab eine rasche Folge von Schüssen auf die Dealer ab, erwischte einen von ihnen.

Die Verbrecher quittierten meinen Treffer mit wütendem Geschrei und holten zum Gegenschlag aus.

Ich hörte, wie ihre Schritte durch die Garage hallten, bekam mit, wie sie Phil und mich einkreisten, und konnte doch nichts dagegen tun. Im Schutz der geparkten Wagen schlichen sich die Kerle heran, hatten uns im nächsten Moment umzingelt.

Dann begannen ihre Maschinenpistolen erneut zu rattern, und die Luft um uns wurde bleihaltig.

Ich beugte mich tief über Phil, schützte meinen verletzten Partner mit meinem eigenen Körper, während ein mörderischer Hagel über uns niederging.

Die Fenster der ringsum stehenden Wagen wurden zertrümmert. Ein Regen aus Glassplittern prasselte auf uns herab, es pochte dumpf, als Projektile die Karosserien der Autos durchschlugen.

Ich fühlte ein Brennen in meinem Nacken, als mich dort eine Kugel streifte.

Aber so seltsam es klingen mag: Ich wusste, dass dies nicht das Ende war. Jedenfalls nicht für mich.

Und ich behielt Recht.

Urplötzlich, als die Ganoven kurz davor standen, uns den Rest zu geben, setzte ihr Beschuss plötzlich aus.

»FBI! Keine Bewegung!«, hörte ich eine vertraute Stimme rufen.

Doch die Verbrecher dachten nicht daran, der Aufforderung nachzukommen. Da entbrannte eine wilde Schießerei, und ich hörte das vertraute Gebell mehrerer SIG-Sauer-Modelle – und einer 357er Magnum.

Das Hämmern der Schüsse wurde von entsetztem Geschrei grausig untermalt, als die Kugeln meiner Kollegen ihre Ziele fanden.

Hals über Kopf kamen sie herangeeilt, um nach Phil und mir zu sehen – Steve Dillaggio und Zeerookah, June Clark und Annie Geraldo, Les Bedell und Joe Brandenburg, der seine rauchende Magnum noch in Händen hielt.

»Mann, Jerry«, meinte Steve grinsend, als er Phil und mich zwischen den geparkten Wagen gewahrte, »da sind wir ja gerade noch mal rechtzei …«

Der stellvertretende SAC des New Yorker FBI-Büros unterbrach sich, als er Phil erblickte.

Ausgestreckt lag mein Partner auf dem schmutzigen Boden. Rings um ihn hatte sich ein See aus Blut gebildet, der beständig größer wurde.

Alle Farbe war aus Phils Gesicht gewichen. Seine Züge, in denen sonst stets ein jungenhaftes Lächeln lag, waren fahl und eingefallen. Sein Atem rasselte.

»Ich ruf eine Ambulanz«, sagte Annie Geraldo.

Sie griff nach ihrem Handy, doch Steve, der erfahrene G-Man, hielt sie zurück. Er wusste, dass Phil Decker keinen Arzt mehr brauchte – sondern einen guten Freund.

Betroffen standen unsere Kollegen da, starrten auf Phil und mich herab, während ich hilflos erkennen musste, wie mir das Leben meines Freundes unter den Händen zerrann.

»Jerry …«, brachte Phil gurgelnd hervor, Blut lief dabei aus seinen Mundwinkeln.

»Ja, Partner?«

»T-tut mir Leid, Jerry …«

»Hey.« Ich zwinkerte ihm zu, gab mir alle Mühe sorglos zu wirken, obwohl mein Innerstes zu bersten drohte vor Trauer und Entsetzen. »Es ist okay, Phil. Wir haben die Burschen erwischt.«

»Du wirst … ohne mich weitermachen müssen …«

»Sag so was nicht, Partner«, sagte ich leise. »Du kommst wieder in Ordnung.«

»Lügner.« Phil versuchte zu lachen, doch es klang, als würde eine Dose mit rostigen Nägeln geschüttelt. »Es … war eine … tolle Zeit mit dir, Partner …«

»Ja, Alter …«

»Es ist schön … dich zum Freund … zu … haben …«

Phils Züge verkrampften sich, als eine Welle von Schmerz seinen gepeinigten Körper durchzuckte.

»Leb … wohl …«, brachte er noch hervor.

Dann fiel sein Kopf zur Seite, und es war vorbei.

Das Unvorstellbare war geschehen.

Phil Decker war tot!

***

»Nein!«

Schweißgebadet schreckte ich aus dem Schlaf und fuhr hoch.

Mein Atem ging stoßweise, kalter Schweiß stand mir auf der Stirn.

Gehetzt blickte ich mich um und …

Ich stellte mit einiger Verwirrung fest, dass ich mich im Schlafzimmer meines Apartments befand.

Benommen tastete ich nach der Nachttischlampe und knipste sie an.

Ein Blick auf den Wecker.

Halb vier.

Ich war noch immer ziemlich verwirrt, aber allmählich dämmerte es mir. Ich hatte alles nur geträumt!

Aufseufzend fiel ich in mein Bett zurück, atmete tief durch. Noch immer standen mir die schrecklichen Bilder vor Augen, so real, als wäre alles Wirklichkeit gewesen: die Schießerei in der Tiefgarage, das Eintreffen unserer Kollegen, der Tod von Phil …

Es ist nur ein Traum gewesen, sagte ich mir immer wieder. Nur ein verdammter Traum – allerdings ein sehr intensiver Traum …

Minutenlang lag ich da, starrte an die Decke, versuchte erfolglos, die Bilder des Traums aus meinem Gedächtnis zu streichen. Immer wieder sah ich Phil vor mir, wie er blutüberströmt am Boden lag, wie das Leben aus ihm wich und er schließlich starb.

Ich hielt es im Bett nicht mehr aus.

Ich ging ins Badezimmer, trat ans Waschbecken und klatschte mir mehrere Ladungen kalten Wassers ins Gesicht. Betroffen starrte ich dem Mann in die Augen, der mir aus dem Spiegel entgegenblickte und mir in diesen Momenten seltsam fremd erschien.

Es war nur ein Traum gewesen, nur ein Hirngespinst, das mir mein Unterbewusstsein vorgegaukelt hatte. Aber als ich so vor dem Spiegel stand, aufgelöst und noch immer starr vor Schreck, da schwor ich mir, alles daran zu setzen, dass er niemals Wirklichkeit würde …

***

Zur selben Zeit auf Long Island …

Das prunkvolle Haupthaus von Mergrove Estate lag im fahlen Schein des Mondes, der rund am Himmel stand. Das Grundstück lag ansonsten in Dunkelheit, und so bemerkte niemand die in schwarze Kleidung gehüllten Gestalten, die die Mauer des Anwesens überwanden und in gebückter Haltung auf das Haupthaus zu huschten.

Die Alarmanlage hatten sie ausgeschaltet, so dass die Bewegungsmelder nicht ansprachen. Weder die Flutlichter noch die Alarmsirenen sprangen an, ungehindert erreichten die Eindringlinge das Haus, machten sich an der Verglasung der ausladenden Terrasse zu schaffen …

***

Plötzlich schreckte Esther Mergrove aus dem Schlaf.

Sie hatte wirres Zeug geträumt und dabei ein schreckliches Rumpeln gehört – und unvermittelt war ihr klar geworden, dass dieses Rumpeln nicht Teil ihres Traums gewesen war.

Es war Realität.

Die Herrin des Mergrove-Anwesens, die im vergangenen Monat ihren zweiundvierzigsten Geburtstag gefeiert hatte, hielt den Atem an.

Sekundenlang lauschte sie, glaubte zunächst, dass sie sich geirrt und ihre schläfrigen Sinne ihr einen Streich gespielt hatten.

Doch sie wurde bitter enttäuscht.

Wieder ein Geräusch, diesmal unverkennbar das Splittern von Glas. Und es kam aus dem Erdgeschoss.

Einbrecher!

Esthers Pulsschlag beschleunigte sich.

Vorsichtig schlug sie die Decke zurück, stieg aus dem Bett. Sie griff nach dem Hörer des Telefons, das auf dem Nachtkästchen stand, hob ihn ab, tippte die Notrufnummer der Polizei.

Nichts.

Die Leitung war tot – und Esther war Realistin genug, um zu begreifen, dass dies kein Zufall war.

Pures Entsetzen packte sie – und nackte Angst. Sie legte sich wieder ins Bett zurück, zog die Decke über sich wie ein Kind, das Angst vor Gespenstern hat.

Sie verhielt sich ganz still, rührte sich nicht.

Wartete ab.

Das Rumpeln wiederholte sich, und auch das Klirren. Die Geräusche wurden lauter, heftiger. Möbel schienen umgestürzt zu werden, Geschirr zerschlagen, Einrichtungsgegenstände zertrümmert – und bei jedem Geräusch, das aus dem Erdgeschoss herauf drang, zuckte Esther wie unter einem Peitschenhieb zusammen.

Die Frau begann leise zu wimmern.

Als Anwältin hatte sie oft genug mit den Opfern von Gewaltverbrechen zu tun, um zu wissen, wozu kriminelle Subjekte fähig sind. Wenn man sie hier oben fand, hatte sie keine Chance.

Aber sie wollte noch nicht sterben! Sie wollte am Leben bleiben, wollte diese Nacht überstehen und die Morgensonne sehen …

Zitternd kauerte sie unter der Bettdecke, wartete.

Und wartete.

Sie wusste nicht zu sagen, wie viel Zeit vergangen war, als das Rumpeln und Brechen und Klirren plötzlich endete.

Esther verharrte, ließ weitere zehn Minuten verstreichen.

Erst als sich auch dann nichts mehr regte und sie einigermaßen sicher sein konnte, dass die Einbrecher das Haus verlassen hatten, wagte sie sich aus dem Bett.

Rasch warf sie ihren Morgenmantel über, ging auf leisen Sohlen zur Tür.

Ihr war klar, dass sie im Erdgeschoss ein Bild der Verwüstung erwartete. Aber was immer die Kerle mitgenommen hatten – Esther hatte alle Kunstgegenstände, die sich in ihrem Besitz befanden, gegen Diebstahl versichern lassen, so dass kein großer materieller Schaden zu befürchten war, denn die Versicherung würde ihr alles ersetzen.

Vorsichtig schlich Esther die Stufen der breiten Marmortreppe hinab. Die Kälte des Steins kroch über ihre nackten Füße in ihren Körper. Endlich erreichte sie den Fuß der Treppe, wandte sich in Richtung Wohnzimmer.

Sie erreichte den großen Raum, tastete nach dem Lichtschalter, fand ihn und betätigte ihn – und sog scharf die Luft ein, als sie die Verwüstungen sah.

Ihr Wohnzimmer lag in Trümmern!

Die Möbel waren umgestürzt, die Vitrinen eingeschlagen, die teure Polstergarnitur aufgeschlitzt. Die Skulpturen, die sie in Greenwich Village gekauft hatte, lagen zertrümmert am Boden, die Gemälde von Jefferson und Williams waren zerschnitten worden.

Die Einbrecher hatten nichts mitgenommen, sie hatten nur zerstört. Und was noch schlimmer war – sie waren noch immer hier!

»Hallo, Esther!«, sagte eine eigenartig hohe Stimme.

Die Anwältin fuhr herum, stieß einen Laut des Entsetzens aus, als sie einen schlanken jungen Mann von etwa zwanzig Jahren erblickte, der hautenge schwarze Kleidung trug. Sein Gesicht war weiß geschminkt, nur Mund und Augen waren mit dickem Schwarz umrandet, was ihn wie das groteske, bösartige Zerrbild eines Clowns aussehen ließ.

»Was ist?«, höhnte er mit seltsam singender Stimme. »Bist du überrascht?«

»E-ein wenig«, stotterte Esther, während sie angstvoll vor dem unheimlichen jungen Mann zurückwich.

Sie kam nicht weit – denn sie lief den Kumpanen des Clowns, die sich inmitten der Trümmer des Wohnzimmers versteckt hatten, genau in die Arme.

Die Frau im Morgenmantel stieß einen Schrei aus, als schlanke Arme nach ihr ausgestreckt wurden, behandschuhte Finger sie berührten.

Entsetzt blickte sie sich um, sah, dass die Kumpane des Clowns alle die gleiche Maskerade trugen wie ihr grotesker Anführer. Esther war sich nicht sicher, ob es junge Männer oder Frauen waren. Sie alle hatten langes schwarzes Haar und waren von schlankem Wuchs, wirkten androgyn, unnahbar – und böse. Sie zischten wie Schlangen, umkreisten sie, während sie die Anwältin aus weit aufgerissenen Augen anblitzten.

»Was … was wollt ihr von mir?«, keuchte Esther verzweifelt. »Bitte – nehmt euch, was ihr wollt, aber lasst mich leben!«

»Das tut mir Leid, Esther«, meinte der Anführer der Bande in schlecht gespieltem Mitleid. »Wir haben schon alles, was wir brauchen – bis auf eines.«

»U-und das wäre?«

»Dich, meine Teure!«, gab der Geschminkte zurück und nickte seinen Leuten zu.

Im nächsten Moment griffen flinke Hände nach Esther Mergroves Mantel und Nachthemd, rissen ihr beides vom Leib.

Für eine Frau mittleren Alters hatte sie eine Topfigur, war schlank und hatte feste Brüste. Gierig glotzten die Eindringlinge sie an, und sie zitterte vor Furcht und Scham.

»Was … was wollt ihr?«, brachte sie stammelnd hervor, während sie ihre Blöße mit den Händen zu bedecken suchte. »Was wollt ihr nur von mir …?«

»Der Mond scheint, meine Teure«, sagte der Clown mit von Irrsinn verzerrtem Lächeln. »Diese Nacht ist wie geschaffen für ein kleines Tête-à-tête …«

»Nein, bitte …« Esther wich vor ihm zurück – doch seine Kumpane packten sie, hielten sie mit harten Griffen fest.

»So, meine Liebe«, zischte der Clown, während er sich ihr langsam näherte, »nun werde ich dir zeigen, was wir von dir wollen …«

***

Der Mann, der im hinteren Teil des dunklen Vans saß, bekam alles mit, was in der Mergrove-Villa vor sich ging – und er amüsierte sich köstlich dabei.

Gebannt starrte er auf einen der Monitore über dem Kontrollpult und verschlang mit gierigen Blicken die Bilder, die die kleine Videokamera übertrug.

Er beobachtete, wie Lizard und seine Gang Esther Mergrove brutal vergewaltigten und anschließend ihre Messer zückten.

Und er lachte.

Es war das Lachen eines Wahnsinnigen. Das Lachen einer Bestie, die alle Skrupel und Menschlichkeit vor langer Zeit abgelegt und sich selbst zum Maß aller Dinge erklärt hatte.

Der Mann im Dunkel war hochzufrieden.

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