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Jerry Cotton - Folge 2172

Der Rattenfänger von Brooklyn

Er war allein. Allein in der Dunkelheit. Allein mit den unheimlichen Geräuschen, die ihn umgaben.

Der Junge sang leise vor sich hin, versuchte sich Mut zu machen mit einem Lied, das er irgendwo aufgeschnappt hatte.

Der Versuch mißlang kläglich.

Tränen traten in die Augen des Jungen, Panik ergriff ihn mit kalter Hand.

Er konnte sie hören.

Sie kamen, um ihn zu holen.

Ja, er hörte sie. Immer mehr, immer lauter.

Er konnte ihr schauriges Quieken hören, das Trippeln ihrer winzigen Pfoten über den feuchten Boden des Kellers.

Und schließlich sah er sie.

Es waren Ratten – Hunderte davon!

Mit einem Aufschrei des Entsetzens wich der Junge zurück, während die Nagetiere durch die Ritze in der Wand in den Kellerraum strömten.

Sie waren schrecklich anzusehen mit ihren leuchtend roten Augen, ihren schmutzigen Leibern und ihren langen, nackten Schwänzen. Quiekend warfen sie sich übereinander wie ein Haufen Maden, drängten von allen Seiten an den Jungen heran.

Er warf gehetzte Blicke im Halbdunkeln umher, während sein Herzschlag zu rasen begann.

Panische Angst ergriff ihn, und er wollte um Hilfe schreien - aber kein Laut entrang sich seiner von Furcht zugeschnürten Kehle.

»Bitte«, flüsterte er leise, »holt mich hier raus …«

Er wich zurück bis zur Wand des Kellers, drückte sich gegen den kalten, feuchten Backstein, während die Ratten immer näherkamen. Ihre spitzen Nagezähne blitzten bedrohlich in den grauen kleinen Gesichtern mit den tückischen Knopfaugen.

»Haut ab!« schrie der Junge. »Laßt mich in Ruhe!«

Doch die Tiere ließen sich nicht verjagen.

Immer näher kamen sie heran, und der Junge konnte den fauligen Gestank riechen, der die Aasfresser überallhin begleitete.

Tränen rollten aus seinen Augen, und er begann zu weinen.

»Laßt mich doch raus!« rief er laut. »Ich will auch ganz artig sein!«

Niemand antwortete ihm.

Die Ratten hatten jetzt seine Füße erreicht, begannen, mit ihren scharfen Zähnen an seinen Beinen zu knabbern.

Der Junge schrie und trat um sich, erwischte eines der fetten Biester so hart, daß es quer durch den dunklen Raum flog, gegen die Wand klatschte und leblos auf dem Boden liegenblieb. Sofort machten sich die Artgenossen über den Kadaver her.

Schon glaubte der Junge, ein wenig aufatmen zu können, als er über sich ein schreckliches Geräusch vernahm.

Er blickte nach oben – und sah, wie weitere Ratten in den Kellerraum drängten, sich wie ein Wasserfall durch das halb geöffnete Kellerfenster ergossen.

Der Junge stieß spitze Schreie aus, während die scheußliche Ladung stinkenden Fells und spitzer kleiner Krallen auf ihn niederging, und er hatte das Gefühl, darin zu ertrinken.

Keuchend rang er nach Luft, während die Tiere auf ihn herabfielen, ruderte mit den Armen, um sie von sich fernzuhalten.

Vergeblich.

»Hilfe!« rief er aus Leibeskräften. »Holt mich hier raus! Bitte! Holt mich hier raus! Ich habe nichts getan! Ich …«

***

»… habe nichts getan! Bitte, holt mich hier raus!«

Der rauhe Klang seiner eigenen Stimme riß Edgar Grimm aus dem Schlaf.

Schweißgebadet schreckte der Mann hoch, blickte sich mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen um – um erleichtert festzustellen, daß er sich in seinem Schlafzimmer befand.

Die Wände waren nicht aus Backstein, sondern mit einer dezent gestreiften Tapete belegt, und jenseits des Fensters waren die hell beleuchteten Häuserzeilen von West Brooklyn zu sehen.

Und nirgendwo waren Ratten.

Es war nur ein Traum gewesen.

Nicht mehr als ein böser, übler Traum.

Erleichtert und erschöpft zugleich fiel Grimm in die Kissen zurück.

Sein Atem ging rasselnd, sein Puls noch immer unruhig.

Es war so real gewesen, so erschreckend real.

Immer wieder suchte dieser schreckliche Traum ihn heim, immer wieder sah er sich selbst als kleinen Jungen, der den Ratten hilflos ausgeliefert war.

Und immer wieder war es dasselbe Ritual, das Grimm unternahm, um sich wieder zu beruhigen.

Er schaltete die kleine Lampe an, die neben seinem Bett auf dem Nachttisch stand, und nahm das Buch, das daneben lag.

Es war ein altes, in Leder gebundenes Märchenbuch, das in einer Sprache verfaßt war, die er nur mehr leidlich beherrschte.

Trotzdem hatte es sich gezeigt, daß der Klang der Worte und der Inhalt der Geschichte eine beruhigende Wirkung auf Edgar Grimm hatte, und so war es zur Gewohnheit geworden, daß er jedesmal dann darin las, wenn der Traum ihn wieder heimgesucht hatte.

Das Buch hatte einen hübschen Titel.

Es hieß ›Der Rattenfänger von Hameln‹ …

***

Als Phil und ich am Morgen das Büro unseres Vorgesetzten John D. High betraten, konnten wir sofort sehen, daß etwas vorgefallen sein mußte.

Das Gesicht unseres Chefs verriet tiefe Sorge, und die Blicke, die er uns schickte, während wir in den Besucherstühlen vor seinem Schreibtisch Platz nahmen, verhießen nichts Gutes.

»Was gibt es, Sir?« fragte ich. »Sie sehen – offen gestanden - nicht sehr heiter aus an diesem Morgen.«

»Dazu habe ich auch keinen Grund, Jerry«, erklärte Mr. High düster. Er schürzte die Lippen und wartete einen endlos scheinenden Moment, ehe er schließlich die Katze aus dem Sack ließ. »Vor einer halben Stunde erreichte mich die Nachricht, daß schon wieder ein Kind entführt wurde.«

»Was? Schon wieder?« Nacktes Entsetzen packte mich. Wieder ein Kind entfuhrt. Ich verabscheue das Verbrechen, aber am allermeisten hasse ich es, wenn hilflose Kinder zu Opfer werden.

»Das ist unglaublich!« sagte Phil. »Die fünfte Kindesentführung in Folge!«

»Wer ist es diesmal?« fragte ich.

»Rebecca Carson, die Tochter eines Chirurgen aus Brooklyn Heights«, gab Mr. High tonlos zurück. »Den Angaben des Police Department nach gingen die Täter diesmal besonders dreist vor – das Mädchen wurde offenbar direkt aus dem Kinderzimmer gekidnappt.«

»Verdammt!« entfuhr es Phil. »Woher haben die Entführer nur diese Informationen? Fünf Fälle von Kidnapping in Folge, und jedesmal schienen die Täter sich bestens in der Umgebung und mit den Gewohnheiten der Opfer auszukennen.«

»Es ist kaum zu fassen«, meinte auch ich und erhob mich aus meinem Sessel, um zu dem großen New Yorker Stadtplan zu gehen, der an der Wand von Mr. Highs Büro angebracht war.

Das letzte Mal, als ich einen Blick darauf geworfen hatte, waren es noch vier Fähnchen gewesen, die in der Karte gesteckt hatten – jetzt waren es schon fünf.

»Die erste Entführung fand hier statt«, resümierte ich und zeigte auf das erste Fähnchen.

»Kathy Grayson«, entsann sich Phil. »Sie verschwand, als ihre Mutter sie bei Bloomingdale’s für einen Moment aus den Augen ließ.«

Ich nickte. Der Fall Grayson war der erste in dieser traurigen Reihe von Kindesentführungen gewesen.

Zunächst hatte alles so ausgesehen, als ob die achtjährige Kathy einfach ausgebüxt war. Als das Mädchen jedoch nach zwei Tagen noch immer nicht aufgetaucht und eine Suchfahndung des NYPD ergebnislos verlaufen war, hatte sich das Department an den FBI gewandt: Verdacht auf Kindesentführung.

Zunächst hatten wir noch Zweifel gehabt, ob das Mädchen wirklich gekidnappt worden war – doch schon wenige Tage später, war es erneut zu einem Zwischenfall gekommen …

»Hier«, sagte ich und deutete auf das zweite Fähnchen, »im Herzen des Financial District. Kevin Linney will seinen Vater in dessen Büro an der Wall Street besuchen, kommt jedoch nie dort an. Der Junge verschwindet spurlos, ebenso wie die kleine Kathy.«

»Fall Nummer drei«, führte Phil das traurige Resümee fort. »Tommy Jenkins spielt im Garten des elterlichen Hauses Fußball. Plötzlich ist er verschwunden, genau wie die anderen Kinder.«

»Drei Tage später wird Sally O’Brian auf dem Nachhauseweg von der Schule gekidnappt«, fuhr ich fort. »Fall Nummer vier.«

»Und jetzt Rebecca Carson«, brachte Mr. High unsere Zusammenfassung auf den neuesten Stand. »Diesmal geht der Täter dreist vor wie nie – er dringt direkt in das Haus der Eltern ein und stiehlt das schlafende Kind geradewegs aus seinem Bett.«

Unser Chef schnaubte. Ich konnte sehen, daß ihm die Sache mit den Kindern an die Nieren ging – vielleicht deshalb, weil sie ihn an sein eigenes Schicksal erinnerte.

Auch ich empfand eine hilflose Wut, die sich wie ein Geschwür in meinem Inneren zusammenkrampfte.

Als G-men des New Yorker FBI haben wir es fast täglich mit erbärmlichen, scheußlichen Verbrechen zu tun.

Aber nichts davon berührt uns so, wie wenn jemand sich an wehrlosen, unschuldigen Kindern vergreift!

»Ist schon sicher, daß es sich wirklich um denselben Täter handelt?« erkundigte sich Phil.

»Nun, wir müssen selbstverständlich noch die endgültigen Ergebnisse der forensischen Abteilung abwarten, aber schon jetzt deutet alles darauf hin«, antwortete Mr. High. »Wieder ist das Opfer ein Einzelkind, das keine Geschwister hat. Wieder hinterließ der Entführer keine nennenswerten Spuren, und wieder schien er sich gut in der Umgebung des Opfers auszukennen. Anders ist so eine dreiste Tat wohl kaum erklärbar.«

»Und wieder«, fügte ich tonlos hinzu, »hat er weder eine Nachricht hinterlassen noch sich bei den Eltern gemeldet, richtig?«

»Das ist zutreffend«, pflichtete Mr. High mir bei. »Es spricht also tatsächlich alles dafür, daß unser Kidnapper zum fünften Mal zugeschlagen hat.«

»So ein Mist!« Phil machte ein verdrießliches Gesicht. »Woher kommt dieser Kerl? Und wieso kennt er sich so verdammt gut aus?«

»Eine gute Frage«, meinte ich.

Unser bisherigen Nachforschungen hatten ergeben, daß sich die Familien der entführten Kinder nicht kannten. Es gab keine Verbindung zwischen ihnen, geschweige denn jemanden, den all diese Familien kennen würden.

Auch zwischen den Kindern selbst bestand keine Verbindung. Sie besuchten verschiedene Schulen, gingen in jeweils andere Sportvereine und hatten unterschiedliche Freunde.

»Das einzige, was allen Kindern gemeinsam ist«, meinte ich nachdenklich, »ist der Umstand, daß sie alle aus begüterten Verhältnissen stammen.«

»Kann man wohl sagen«, stimmte Phil mir zu. »Kathy Graysons Mutter ist eine renommierte Psychiaterin, Kevin Linneys Dad ein bekannter Broker, Tom Jenkins’ Eltern sind erfolgreiche Immobilienmakler, Sally O’Brians Familie gehört die Steak-Paradies-Restaurantkette …«

»… und Rebecca Carsons Vater ist hochdotierter Chirurg im Cornell Medical Center«, fügte Mr. High hinzu. »Soweit stimmt Ihre Theorie, Gentlemen.«

»Demnach geht es dem oder den Tätern doch ganz offenbar darum, ein Lösegeld für ihre Entführungsopfer zu kassieren«, folgerte ich. »Warum sollten sie sich sonst gerade diese Kinder aussuchen?«

»Noch vor ein paar Tagen hätte ich Ihnen sicher zugestimmt, Jerry«, wandte Mr. High ein. »Aber der erste Entführungsfall liegt inzwischen mehr als eine Woche zurück. Wenn es dem Entführer wirklich darum ginge, ein Lösegeld zu erpressen, hätte er sich doch längst gemeldet.«

Phil und ich tauschten einen mißmutigen Blick, und in diesem Moment dachten wir wohl das gleiche wie Mr. High, dem die Sorge um die entführten Kinder an den tiefen Falten anzumerken war, die sich in seine sonst so milden Züge gegraben hatten.

»Wir können nur beten«, sagte er leise, »daß es nur Geld ist, was die Entführer wollen …«

***

Mr. Highs Worte klangen in meinem Kopf nach, während ich unseren Dienstwagen über die Manhattan Bridge nach Brooklyn steuerte.

Was bezweckte der unbekannte Entführer damit, die Kinder reicher Eltern zu entführen, wenn er sich nicht mit Lösegeldforderungen an sie wandte?

Hatten wir es mit einem ruchlosen Verbrecher zu tun, der sich aus irgendeinem Grund an den Eltern der Kinder rächen wollte? Oder mit einem Psychopathen, der sich aus purer Lust und Laune an wehrlosen Geschöpfen vergriff?

Oder – und dieser Gedanke verursachte mir am allermeisten Übelkeit – waren die Kinder das Opfer einer Schlepperbande geworden, die die Kleinen entführte, um sie an perverse Schweine mit abartigen Neigungen zu verscherbeln?

Die grauen Häuserschluchten New Yorks, die zu beiden Enden der mächtigen Brücke aufragten, erschienen mir an diesem Morgen trist und unheilvoll.

Seit Jahren bekämpften Phil und ich das Verbrechen in unserer Stadt. Doch welchen Zweck hatten all unsere Bemühungen, wenn es immer wieder zu so scheußlichen Untaten kam?

»In Gedanken?« fragte Phil, der auf dem Beifahrersitz hockte und nicht weniger düster dreinblickte als ich.

»Mir geht das nicht in den Kopf, Alter«, gestand ich, während ich den Dodge auf die Flatbush Avenue steuerte, um in die Tillary Street abzubiegen. »Wieso gibt es noch immer keine Lösegeldforderungen? Was steckt dahinter?«

»Ich weiß es nicht, Jerry«, bekannte Phil offen. »Ich weiß nur, daß wir diesem Schweinehund schnell das Handwerk legen müssen, ehe er noch mehr dieser kleinen Würmer zu fassen kriegt. Weiß der Teufel, was er mit ihnen anstellt.«

»Ich bin sicher, der Teufel weiß es, Phil«, erwiderte ich düster, während ich den Wagen in die Willow Street lenkte. »Ich bin sicher, der Teufel weiß es …«

Die Willow Street gehört zu den besonders noblen Ecken von Brooklyn Heights. Zu beiden Seiten wurde die Straße von kahlen Baumreihen gesäumt, deren abgefallene Blätter den feuchten Asphalt übersäten. Hinter den Baumreihen erstreckten sich schmale, hohe Reihenhäuser, wie sie typisch sind für Brooklyn Heights.

Wer hier wohnt, hat Macht oder Geld.

Oder beides.

Und doch war auch diese wohlhabende, behütete Welt nicht davor sicher, von Verbrechen heimgesucht zu werden.

Suchend überflog ich im Vorbeifahren die Hausnummern.

Vor dem Haus mit der Nummer 104 standen mehrere Einsatzfahrzeuge des NYPD, sowohl Streifenwagen als auch zivile Fahrzeuge. Auch die Kollegen von der Spurensicherung waren bereits vor Ort.

Das Haus der Familie Carson war ein hübscher Sandsteinbau aus dem vorigen Jahrhundert, mit hohen Fenstern und kleinen Ecktürmchen, die in den wolkenverhangenen Himmel ragten.

Phil und ich stiegen aus dem Wagen und erklommen die Stufen zu der schweren Eichenholztür. Statt einer Klingel gab es einen schweren Eisenring, den Phil gegen die Türe schlug.

Sofort wurde geöffnet.

»Ja?« fragte eine Beamtin des NYPD mit energischem Blick, und wir ließen sie Marken und Ausweise sehen.

»Special Agent Cotton und Special Agent Decker«, stellte ich uns knapp vor, während wir in das geräumige Haus traten.

Wie in den meisten Häusern in Brooklyn Heights gab es keinen Flur. Wir passierten die Eingangstür und standen schon im Wohnzimmer des Hauses, das geschmackvoll und mit teuren Möbeln eingerichtet war. Mr. High hatte nicht übertrieben – die Carsons schienen tatsächlich eine ganz schön wohlhabende Familie zu sein.

»Ah, da sind Sie ja!«

Ein schlanker Mann von etwa vierzig Jahren, dessen Haar sich an den Schläfen bereits grau einzufärben begonnen hatte, erhob sich von der Couch und schoß auf uns zu. Seine Augen waren von Tränen gerötet, seine Bewegungen unsicher und fahrig.

»Die Herren vom FBI, wie ich annehme?«

»Ja, Sir«, bestätigte ich und stellte uns nochmals vor. »Und Sie sind?«

»Bentley Carson«, erwiderte der Mann und gab uns höflich seine nervös zitternde Hand. »Es ist so schrecklich«, sagte er mit heiserer Stimme. »Unsere Becky – wieso ausgerechnet unsere Becky?«

»Wir wissen es noch nicht, Dr. Bentley«, gestand ...

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