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Jerry Cotton - Folge 2168

Mir blieben nur noch Stunden

Es war spät geworden.

Leise drehte ich den Schlüssel herum und öffnete die Tür zu meinem Apartment.

Die Dunkelheit, die mich jenseits der Tür erwartete, wich dem flackernden Licht der kaputten Lampe, als ich den Schalter betätigte – ich hätte die Glühbirne längst auswechseln sollen …

Ich entledigte mich meines Jacketts und der Fliege, die mir den ganzen Abend über den Hals zugeschnürt hatte, krempelte die Ärmel meines Smokinghemds hoch und ging ins Wohnzimmer, um noch einen letzten Drink zu nehmen – als plötzlich das Telefon anschlug.

Ich nahm den Hörer ab und meldete mich.

»Hallo, Cotton«, sagte eine seltsam verzerrte Stimme, »beginnt das Gift schon zu wirken …?«

Einen Augenblick lang war ich völlig perplex, wußte nicht, was ich entgegnen sollte.

»Wer ist da?« fragte ich schließlich.

Die Stimme am anderen Ende lachte keuchend, sagte aber nichts.

»Verdammt, was soll das?«

»Ich bin Ihr Ende, Cotton«, kündigte die Stimme an. Sie wurde durch einen elektronischen Verzerrer verfremdet und klang seltsam singend. »In weniger als 48 Stunden werden Sie tot sein – und Ihr Partner auch.«

Dann klickte es in der Leitung. Der Anrufer hatte aufgelegt.

Verblüfft stand ich da, lauschte dem hohlen Tuten, das aus dem Hörer drang, ehe ich ihn endlich zurück auf den Apparat legte.

Was sollte das gewesen sein?

Ein schlechter Scherz?

Ich konnte darüber beim besten Willen nicht lachen – zumal mir meine geschärften Instinkte Alarmstufe rot signalisierten …

Rasch nahm ich wieder den Hörer zur Hand und wählte die Nummer meines Freundes und Partners Phil Decker. Ich hatte Phil vor zwanzig Minuten an unserer Ecke abgesetzt – er mußte bereits zu Hause sein …

»Ja?« hörte ich die vertraute Stimme meines Partners, die wohltuend menschlich klang im Vergleich zum verfremdeten Organ des anonymen Anrufers.

»Hallo, Kumpel«, meldete ich mich. »Ich bin’s, Jerry. Ich habe gerade einen ziemlich seltsamen Anruf erhalten.«

»Du auch?« Phil schnappte nach Luft. »Bei mir hat grade irgend so ein Idiot angerufen und behauptet, daß ich nur noch kurze Zeit zu leben hätte.«

»So wie bei mir«, bestätigte ich.

»Das ist allerdings seltsam«, meinte Phil. »Woher kennt der Kerl unsere Nummern? Und überhaupt – was soll das alles?«

»Ich weiß es nicht, Partner«, gab ich zurück, »aber ich würde es gerne herausfinden – schließlich ist es nicht alltäglich, daß jemand um drei Uhr nachts Telefonate tätigt und darin baldiges Ableben prophezeit.«

»Da muß ich dir recht geben«, meinte Phil. »Also, was sollen wir tun?«

»Dieser Typ faselte irgendwas von einem Gift …«

»Wie bei mir«, sagte Phil. »Ganz schön bescheuert, was?«

»Allerdings.« Ich nickte. »Trotzdem finde ich, wir sollten uns von Doc Reiser durchchecken lassen – für alle Fälle.«

»Na klar.« Phil gähnte. »Wir können ja morgen früh vor Dienstbeginn kurz im Labor vorbeischauen und …«

»Nicht erst morgen früh«, widersprach ich. »Jetzt gleich. Soviel ich weiß, hat der Doc Bereitschaftsdienst.«

»Mann, Jerry – glaubst du wirklich, daß das notwendig ist? Ich bin hundemüde. Ich meine, New York ist voll von Spinnern, die sich ans Telefon hängen und die haarsträubendsten Sachen erzählen.«

»Ich weiß«, erwiderte ich, »aber hier liegt der Fall anders. Warum hat der Kerl einen Stimmverzerrer benutzt? Wohl weil er fürchtete, daß wir ihn erkennen könnten.«

»Das ist genau, was ich meine«, bestätigte Phil. »Vielleicht war es Steve oder irgendeiner von den Jungs. Die lachen sich einen Ast, wenn wir jetzt im FBI-Quartier auftauchen.«

»Ich bin bereit, dieses Risiko einzugehen«, sagte ich, denn die Unruhe in mir wurde immer drängender. »Bist du dabei?«

Phil überlegte kurz. »Na schön«, entschied er schließlich. »Schätze, meinen Schlaf werd’ ich ohnehin nicht mehr kriegen.«

»In Ordnung, Alter. Dann in fünfzehn Minuten an unserer Ecke.«

»Okay«, bestätigte Phil und legte auf.

Ich ging ins Schlafzimmer, um mir etwas Bequemeres anzuziehen; der Smoking, den ich auf dem offiziellen Empfang an der Columbia University getragen hatte – Phil und ich waren als Ehrengäste eingeladen gewesen –, war nicht gerade das, was ich mir unter legerer Kleidung vorstellte.

Dann verließ ich mein Apartment und nahm den Lift zur Tiefgarage, wo ich meinen Jaguar abgestellt hatte. Nirgendwo im Treppenhaus oder in der Garage war auch nur eine Menschenseele zu sehen – kein Wunder. Normale Menschen schliefen zu dieser Zeit …

Ich ließ mich auf den ledernen Fahrersitz des roten Jaguar fallen und ließ den Motor an, steuerte das flache Gefährt hinaus auf die nächtliche Straße.

Es hatte geregnet.

Die Fassaden der Häuser wirkten düsterer als sonst, der Asphalt der Straße schimmerte matt im Schein der Straßenbeleuchtung.

Noch immer wußte ich nicht, was ich von dem mysteriösen Anruf halten sollte.

Hatte Phil recht gehabt, und jemand erlaubte sich einen schlechten Scherz? Oder steckte mehr dahinter?

Der Anrufer hatte von Gift gesprochen – Gift, das wir zu uns genommen hatten? Gift, das er uns verabreicht hatte?

Ein Gedankenfetzen wirbelte durch meinen Kopf, eine Erinnerung, die nur wenige Stunden zurücklag. Ich sah mich selbst ein Glas mit Champagner von einem Tablett nehmen, das ein livrierter Ober mir hinhielt.

Das Getränk hatte seltsam bitter geschmeckt – oder spielten meine angespannten Nerven mir jetzt einen Streich?

»Komm schon, alter Junge«, murmelte ich, mahnte mich selbst zur Ruhe und stellte das Autoradio an, um mich ein wenig abzulenken.

Musik säuselte aus dem Lautsprecher. Glen Miller. Moonlight Serenade.

Und während sich die Klänge der Big Band in mein Ohr wanden und ich den Jaguar durch die nächtlichen Straßen von Manhattan steuerte, mußte ich an die Ereignisse denken, die zu dieser seltsamen Nacht geführt hatten …

***

»Oh, Scheiße!«

Phils Ausruf kam aus tiefstem Herzen, als wir durch die Schwingtür des Toilettenraumes traten und den leblosen Körper des jungen Mannes erblickten, der auf den nackten Kacheln unter den Waschbecken lag.

Einige Kollegen von der Spurensicherung waren bereits zugegen, sichteten den Tatort, obwohl es für sie kaum Arbeit gab – es war offensichtlich, daß der junge Mann, dessen leblose, weit aufgerissene Augen anklagend zur Decke starrten, nicht ermordet worden war.

In gewisser Hinsicht war er selbst sein Henker gewesen …

»Dieses verdammte Zeug«, wetterte Phil drauflos. »Diese verfluchten Drogen!«

Der Tote mochte Anfang Zwanzig sein. Er war schlank, sportlich und seiner Jacke nach Mitglied des Basketball-Teams der CU. Seine Haut war bleich, sein Gesicht ausgemergelt, gezeichnet von den Höllenqualen, die er in den letzten Augenblicken seines Lebens durchlitten hatte.

Trotz der vielen Dienstjahre und der unzähligen Leichen, die Phil und ich im Lauf unserer Zeit als G-men zu sehen bekommen hatten, ging es uns noch immer nahe, wenn ein so junger Mensch sterben mußte – noch dazu auf so sinnlose Art und Weise.

»Der Name des Jungen?« erkundigte ich mich bei Kent Beller, einem der Beamten, die die Spurensicherung vorbeigeschickt hatte.

»Ben Freeley«, gab Kent mit Blick auf seinen Notizblock zurück. »Er war Student hier an der Universität – Dekan Chandler weiß sicher mehr über ihn.«

Ich wandte mich dem Dekan zu, einem untersetzten Mann Mitte Sechzig, von dessen Haar nur ein schmaler weißer Kranz geblieben war.

»Sie kannten diesen Studenten, Sir?« fragte ich.

Chandler nickte, während er sich aus der Ecke löste und langsam auf uns zutrat. Der Gelehrte war aschfahl im Gesicht – offenbar hatte er sich übergeben.

»Ich kannte ihn, Mr. Cotton«, bestätigte Chandler mit bebender Stimme. »Sein Name ist Ben Freeley. Er war einer unserer besten Schüler.«

»Welches Fach?« erkundigte sich Phil.

»Freeley besuchte die juristische Fakultät. Er hatte ein Sportstipendium und spielte in unserer Basketball-Mannschaft. Ein äußerst guter Student, nicht nur sportlich, sondern auch wissenschaftlich begabt.«

»Mag sein«, versetzte Phil bitter, »aber jetzt ist er tot. Und er ist nicht der einzige …«

In den Zügen von Dekan Chandler zuckte es. »Der vierte Tote in Folge«, sagte er leise. »Die Angelegenheit beginnt Kreise zu ziehen, was unserer Institution nicht zuträglich ist, meine Herren.«

»Für Ben Freeley war die Sache gewiß auch nicht zuträglich«, versetzte ich. »Der vierte Drogentote. Und wir wissen weder, um was für eine Droge es sich handelt, noch woher diese Jungs den Stoff beziehen.«

»Alle vier Opfer waren an der Columbia University immatrikuliert«, faßte Phil zusammen, »jedoch an unterschiedlichen Fakultäten mit unterschiedlichen Fachkombinationen. Vermutlich kannten sie sich nicht mal.«

»Das ist anzunehmen«, stimmte ich zu. »Gehen wir also davon aus, daß der Stoff hier auf dem Universitätsgelände verkauft wird …«

»Hier auf dem Campus?« Dekan Chandler wurde blaß. »Mr. Cotton, wenn das publik wird! Niemand schickt seinen Sohn oder seine Tochter auf eine Universität, die ein Umschlagplatz für Designerdrogen ist.«

»Ist das Ihre einzige Sorge?« erkundigte sich Phil. »Vier junge Menschen starben einen grausamen, sinnlosen Tod, und alles, woran Sie denken, ist der Ruf, den Sie zu verlieren haben?«

»Bitte, Mr. Decker«, verteidigte sich der Gelehrte, dem der gesamte wissenschaftliche Betrieb an der CU unterstand, »verstehen Sie mich nicht falsch – aber ich trage Verantwortung für viele Menschen. Zwanzigtausend Studenten sind an dieser Universität immatrikuliert, dazu kommt das wissenschaftliche und das Lehrpersonal, obendrein Gastdozenten aus aller Welt. Wenn sich herumspricht, daß wir hier ein Drogenproblem haben …«

»Schon gut, Mr. Chandler«, sagte ich. »Sie haben Ihren Standpunkt klargemacht. Ich darf Ihnen versichern, daß der FBI alles unternehmen wird, diesen Fall möglichst zügig aufzuklären.« Ich seufzte. »Wer immer dieses Giftzeug mischt, wird damit nicht aufhören. Es sei denn, wir ziehen ihn aus dem Verkehr …«

***

Im gerichtsmedizinischen Labor roch es gräuslich wie immer – eine ekelerregende Mischung aus Formalingestank und dem beißenden Aroma von Desinfektionsmitteln.

»Schon was Neues, Doc?«

Doc Reiser, FBI-Arzt und Chefpathologe, wandte sich um, als Phil und ich sein von grellem Neonlicht erhelltes Reich betraten.

»Ah – Jerry, Phil. Da sind Sie ja!«

Der Doc wandte sich ab von dem leblosen Körper, der auf dem Untersuchungstisch lag, nickte uns zu und trat dann an seinen Computer. Er deutete auf den Bildschirm.

»Sehen Sie sich das an, meine Herren«, sagte Reiser.

Der große Monitorbildschirm zeigte die Aufnahme eines Elektronenmikroskops. Jedenfalls nahm ich das mal an. Was ich darauf erkannte, sah aus wie eine Anhäufung großer rosa Schwämme. Ein Diagramm leuchtete in einem Rahmen in der unteren Ecke des Bildschirms. Wahrscheinlich die chemische oder molekulare Zusammensetzung dieser »Schwämme«.

»Äh … Doc, was ist das?« wollte Phil wissen und sprach damit die Frage aus, die auch mir auf der Zunge gelegen hatte.

»Warten Sie, Phil«, sagte Doc Reiser und bearbeitete die Tastatur des Computers.

Die Mikroskopaufnahme veränderte sich, wurde zu einer elektronischen 3D-Darstellung, die durchsichtig war und durch die sich mehrere leuchtende Linien zogen. Von der Form her war das einer der »Schwämme«, und er drehte sich um die Längsachse, damit man ihn von allen Seiten betrachten konnte.

Das Bild veränderte sich erneut, und nun sahen Phil und ich ein kompliziertes Muster aus leuchtenden Linien und Kugeln, blaue und rote, die die Linien miteinander verbanden.

»Was Sie hier sehen«, erklärte Doc Reiser, »ist eine schematische Darstellung der molekularen Struktur der Droge.«

»Demnach konnten Sie den Wirkstoff diesmal isolieren?« erkundigte ich mich hoffnungsvoll.

»Ja, Jerry. Ben Freeley wurde früher gefunden als die anderen Opfer. Der Zersetzungsprozeß hatte noch nicht eingesetzt. Es ist mir gelungen, die Droge aus seinem Blut zu filtern und zu analysieren.«

»Und?« fragte Phil. »Womit haben wir es zu tun?«

»Mit einer äußerst teuflischen Substanz«, erwiderte der Doc. »Es ist eine synthetische Droge, die sogar einem Elefanten süße Träume bereiten würde. Sie wird wahrscheinlich in Pillenform eingenommen, denn ich fand Rückstände von Stärke im Magen des Opfers.«

»Aha«, sagte ich. »Und das Zeug wirkt tödlich?«

»Nicht sofort«, gab Reiser zurück. »Die ersten paar Trips kann der menschliche Körper noch überstehen. Dann allerdings gibt es keine Rettung mehr. Die Droge wirkt sich verheerend auf den Organismus aus. Das Nervensystem wird angegriffen, und die Synapsen kollabieren. Die Folge ist ein Kreislaufzusammenbruch und schließlich Herzstillstand.«

»Wie bei allen vier Opfern«, sagte Phil düster.

»Wenn nicht bald etwas geschieht, wird es nicht bei vier Opfern bleiben«, prophezeite der Doc. »Diese Droge ist offenbar leicht zu erhalten und auch leicht zu konsumieren, weil man sie ja nur schlucken muß. Aber sie führt binnen kürzester Zeit zur Abhängigkeit und schließlich zum sicheren Tod. Wenn wir also davon ausgehen, daß es noch mehr Studenten an der CU gibt, die das Zeug zu sich nehmen …«

Er brauchte nicht weiterzusprechen, Phil und ich wußten auch so Bescheid. Gut möglich, daß wir bald Dutzende von Toten zu beklagen hatten, wenn wir den Nachschub dieser teuflischen Droge nicht unterbanden.

»Wir müssen den Schweinehund unbedingt finden, der das Zeug in Umlauf bringt«, sagte Phil wild entschlossen. »Danach können wir uns darüber Gedanken machen, wer diesen Mist herstellt.«

»Richtig, Alter«, stimmte ich zu, »obwohl ich so das Gefühl habe, daß wir mit dem einen auch den anderen finden werden.«

»Wieso?«

»Doc«, ich wandte mich wieder an den Arzt, »was für Kenntnisse braucht jemand, um eine Droge wie diese herzustellen?«

»Hm.« Reiser schürzte die Lippen. »Ich würde sagen, er muß nicht unbedingt ein Spezialist sein. Einem mittelmäßig begabten Chemiker oder einem Pharmazeuten könnte ich so etwas schon zutrauen.«

Ich nickte. »Genau wie ich dachte – die CU verfügt über eine pharmazeutische Fakultät.«

»Aber Jerry«, meinte Phil, »willst du damit sagen, daß der Hersteller dieser Drogen ein Student ist?«

»Warum nicht? Alle bisherigen Drogenopfer waren schließlich auch Studenten. Und uns liegen keine Berichte aus anderen Stadtteilen oder Städten über eine ähnliche Droge vor. Ich denke, derjenige, der diese Droge vertreibt, ist auf der Universität zu finden, und ich glaube zudem, daß er das Teufelszeug auch selbst herstellt.«

»Nun«, knurrte Phil, »wenn ich den Kerl erwische, kann er sich auf was gefaßt machen …«

***

Am anderen Morgen begaben wir uns sofort wieder zur Universität.

Bereits nachdem der zweite Drogentote aufgefunden worden war, hatte Dekan Chandler den FBI informiert und um schnelle Aufklärung gebeten. Da Mr. High befürchtet hatte, daß eine neue Drogenflut New York überschwemmen könnte, hatte er Phil und mich auf die Sache angesetzt – und wir waren entschlossen, den Fall möglichst rasch aufzuklären, ehe noch mehr junge Menschen an dem Teufelszeug draufgingen.

Die CU liegt im Norden Manhattans, zwischen Broadway und Amsterdam Avenue. Sie ist die älteste Bildungsstätte des Landes mit einer Tradition, die fast 250 Jahre zurückreicht. Nobelpreisträger sind aus ihr hervorgegangen. Eigentlich kein Ort, an dem man Drogen vermuten sollte.

Dekan Chandlers Sorge um die Integrität seines Betriebes war nur zu verständlich …

Ich steuerte unseren Dienstwagen auf das große Haupttor zu. Die alten Gebäude der ehrwürdigen Universität umgaben den Campus im Rund.

»Guten Morgen, Sirs«,

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