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Jerry Cotton - Folge 2164

Der Fuchs wird gejagt

Der regennasse Asphalt glänzte. Wallender Dampf stieg aus den Kanalschächten und an den düsteren Fassaden der Backsteingebäude empor.

Die Scheinwerfer des mächtigen Trucks bohrten sich durch die Dunkelheit, die in wenigen Stunden der Dämmerung weichen würde.

Langsam schob sich die mächtige Maschine durch die Straße, begleitet vom Rumoren ihrer metallenen Gedärme, die in der Nacht verdauten, was der Tag ausgespien hatte.

Die Männer in den Uniformen der städtischen Müllabfuhr gingen neben dem Truck her, nahmen die Mülltonnen vom Straßenrand auf und kippten ihren Inhalt in den unersättlichen Schlund am Heck des Fahrzeugs.

Es war ihr Job, reine Routine.

An diesem Morgen jedoch machten die Männer der NYDA eine schreckliche Entdeckung …

Steve Alonso haßte seinen Job bei der Müllabfuhr.

Er machte ihn, weil er seine Frau und seine beiden Kinder ernähren mußte. Und weil diese Arbeit besser war als keine. Aber er haßte ihn.

Er haßte es, den Müll anderer Leute wegzuräumen, er haßte den Gestank und den Regen, der seinen Overall durchnäßte. Doch die New York Dump Authority zahlte gut, und wenigstens war das Auskommen der Familie gesichert, solange es Müll wegzuräumen gab …

Unermüdlich arbeiteten sich Steve Alonso und seine Kollegen durch die Mercer Street voran, nahmen Tonne für Tonne auf und kippten ihren Inhalt in den Auffangtrichter des mächtigen Trucks.

Gerade wollte Alonso wieder nach einem der verbeulten Müllbehälter greifen, als beißender Gestank in seine Nase stieg.

Es war nicht die Mischung aus Moder und kalter Asche, die gewöhnlich aus den Tonnen drang, sondern ein lähmender, ekelerregender Geruch, den Alonso nie zuvor eingeatmet hatte.

Der Müllmann hielt inne und nahm den Deckel der Mülltonne ab – um mit einem entsetzten Aufschrei zurückzufahren.

»Steve?« rief einer seiner Kollegen herüber. »Was ist los? Bist du dem großen Müllgespenst begegnet?«

Alonso antwortete nicht. Unverwandt starrte er weiter auf die Tonne, seine Augen vor Schreck geweitet.

Aus dem Inneren der Tonne ragte eine Hand.

Die Hand eines Menschen.

***

Das Leuchten des Bildschirms erhellte das Hotelzimmer mit kaltem Licht.

Es war der flache Monitor eines Notebooks, das per Steckkarte mit dem Datenhighway verbunden war.

Die Finger des Mannes vor dem Notebook bewegten sich mit traumwandlerischer Sicherheit über die Tastatur, gaben die Codes ein, die nötig waren, um die Verbindung herzustellen.

Ein kurzer Pfeifton gab an, daß das Gerät online war.

Eine neue Maske erschien – und der Mann im Anzug gab seine Kennung ein.

Darauf öffnete sich ein Dialogfeld auf dem Bildschirm. Es forderte ihn auf, die Höhe der zu überweisenden Summe einzugeben.

Der Mann am Computer zuckte nicht mal mit der Wimper, als er den Betrag von einer Million US-Dollar eingab.

Er drückte die Return-Taste und bestätigte, und der Datensatz ging auf Reisen.

Schon Sekunden später war der Betrag von einem Nummernkonto auf das andere transferiert, ohne daß Spuren zurückblieben, die zu seiner Person oder zum anderen Konto führen konnten.

Der Mann am Computer grinste.

Sein Boß würde zufrieden sein.

Die Arbeit war getan.

***

Die neue Waffe wog schwer in meinen Händen.

Es war eine SIG Sauer, Pistolenmodell P226, Kaliber 9mm Parabellum. Das Magazin, im Griff der Waffe untergebracht, faßte 15 Schuß Munition, dazu kam eine weitere Kugel im Patronenlager.

In geladenem Zustand wog das Ding zwei Pfund und war damit um einiges schwerer als der 38er von Smith & Wesson, den ich lange Jahre als Dienstwaffe getragen hatte.

Die Zeiten hatten sich geändert. Der 38er gehörte der Vergangenheit an. Die SIG Sauer war jetzt die offizielle Standardwaffe des FBI, und auch wir G-men hier in New York mußten uns wohl oder übel umgewöhnen.

Es waren wahre Wunderdinge, die man sich über die Bleispritze schweizerisch-deutscher Herkunft erzählte – hohe Aufhaltekraft, rasche Schußfrequenz, ein schneller erster Schuß ohne umständliches Zurückziehen des Schlittens.

Ich nickte entschlossen.

Es war an der Zeit, herauszufinden, ob die Kanone wirklich hielt, was sie versprach.

Ich nahm die SIG beidhändig in Anschlag – und feuerte.

Die Pistole gebärdete sich wie wild in meinen Händen. Die Feuerzunge spuckte die Kugeln aus dem Lauf, und sie schlugen dem Ziel entgegen, während der Schußlärm an meinem Gehörschutz abprallte.

Phil neben mir leerte ebenfalls das Magazin seiner Waffe – auch ihm war die neue Dienstpistole verordnet worden. Mit seinen Lauscherschonern und der Schutzbrille im Gesicht sah mein Partner aus wie ein Männchen vom anderen Stern.

Auch Phil hielt seine Waffe in beidhändigem Anschlag und schoß auf das 20 Yards entfernte Ziel – einen der Pappkameraden an der Stirnseite der Schießanlage.

Der Abzug der SIG ließ sich butterweich betätigen. Durch den Rückstoß jedes Schusses lud die Waffe sich neu, so daß in kürzester Zeit alle sechzehn Schüsse abgegeben werden konnten. Ich mußte zugeben, daß unser alter 38er da nicht mehr mithalten konnte.

Phil und ich feuerten, bis die Schlitten unserer neuen Dienstwaffen zurückglitten und signalisierten, daß die Magazine leergeschossen waren.

Wir nahmen die Brillen und den Gehörschutz ab, atmeten den beißenden Pulvergeruch.

»Okay«, meinte Phil, »dann wollen wir mal sehen, was das neue Ding taugt.«

»Du sagst es, Alter«, erwiderte ich und drückte den Knopf, um die Zielscheiben zur Überprüfung heranzuholen.

Summend lief die Mechanik der Schießanlage an und zog die Seilzüge ein, an denen die Pappkameraden hingen.

»Sechzehn Schuß, sechzehn Treffer«, prophezeite Phil und sandte mir ein herausforderndes Grinsen.

»Ein Lacher«, gab ich zurück.

»Um eine Pizza bei Mario?«

»Natürlich, Alter«, bestätigte ich. »Was immer du sagst.«

Die Zielscheiben kamen heran.

Die Neonbeleuchtung der Schießanlage ließ Licht durch die Löcher sickern, die wir in die mannsgroßen Pappkameraden gestanzt hatten.

Rasch zählte Phil seine Treffer.

»Na also!« rief er triumphierend aus. »Sechzehn! Und wie sieht’s bei dir aus?«

»Sechzehn«, entgegnete ich grinsend. »Ich fürchte, wir werden es anders entscheiden müssen.«

»Na schön«, knurrte Phil, der offenbar keine Lust hatte, sich sein Abendessen heute selbst zu bezahlen. »Doppelte Distanz – und nur ein Schuß!«

»Aus dem Holster«, fügte ich hinzu. »Und der Schuß muß sitzen.«

»In Ordnung.« Mein Partner setzte eine Pokermiene auf und nickte – wie ein Revolverheld des Wilden Westens, der soeben eine Herausforderung zu einem Duell auf Leben und Tod angenommen hatte.

Ich setzte eine neue Zielscheibe ein und ließ sie am Seilzug zurückgleiten, hinein in die Tiefe des Schießstands in der untersten Etage des FBI-Gebäudes an der Federal Plaza.

Phil steckte seine SIG ins Holster zurück, setzte wieder Brille und Gehörschutz auf und machte ein paar Lockerungsübungen. Dann, als das Ziel an der 40 Yards-Marke angekommen war, explodierte mein Partner in einer plötzlichen Bewegung, riß seine Waffe heraus und feuerte.

Kaum war der Schuß verklungen, nickte Phil mir zu, und ich holte das Ziel heran. Ein kleines Loch klaffte im oberen Drittel des Pappkameraden – dort, wo sich bei einem Menschen das Herz befunden hätte.

»Na?« fragte Phil triumphierend.

»Alle Achtung.« Ich gab mich beeindruckt. Dann tauschten wir die Rollen, und Phil wollte ein neues Ziel einsetzen, doch ich hielt ihn zurück.

»Laß nur, Alter«, meinte ich, während ich ein neues Magazin in den Griff meiner Waffe schob, »das geht schon in Ordnung.«

»Also schön, wie du willst«, erwiderte Phil grinsend. »Ich hätte meine Pizza gerne mit Salami und Oliven.«

»Abwarten, Kumpel«, entgegnete ich, »nicht so voreilig.«

Das Ziel fuhr wieder zurück, und ich wartete, bis es die vereinbarte Entfernung erreicht hatte.

Dann griff ich ans Holster, riß die SIG heraus und brachte sie mit einer fließenden Bewegung in Anschlag.

Mein Zeigefinger drückte den Abzug. Das Projektil hagelte aus dem Lauf, zuckte ins Halbdunkel des Schießstands.

Ich schickte ein ganzes Rudel Kugeln hinterher.

»He!« beschwerte sich Phil lauthals. »Wir hatten nur einen Schuß vereinbart!«

»Sorry«, sagte ich und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, das Ziel einzuholen.

Der Pappkamerad kam wieder heran – und statt Phils einsamem Treffer klaffte jetzt ein Blümchen über der linken Brusthälfte der Schießbudenfigur – Phils Treffer, umgeben von fünf weiteren Löchern.

»Also das ist doch …«, meinte mein Partner staunend und kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf.

»Nimm’s leicht, Alter.« Ich steckte die Waffe ins Holster zurück. »Sagen wir: unentschieden.«

»Okay«, meinte Phil ein wenig verunsichert und starrte auf das Holster an seinem Gürtel, aus dem statt des bulligen Griffs des Chiefs Special jetzt die SIG Sauer ragte. »Den ersten Test haben die Dinger jedenfalls mit Bravour bestanden. Wenn der Praxistest auch so erfolgreich verläuft …«

»Wir werden sehen«, meinte ich. »Was die neuen Waffen taugen, wird sich erst zeigen, wenn wir im Einsatz sind. Hier im Schießstand zu treffen, das ist eine Sache – draußen auf der Straße ist es was anderes.«

»Na fein«, rief plötzlich eine Stimme aus dem Hintergrund, »dann wird es euch beide ja freuen zu hören, daß ihr eure neuen Babys schon bald testen könnt.«

Wir wandten uns um – und erkannten unseren Freund und Kollegen Steve Dillaggio, der auch stellvertretender Special Agent in Charge des FBI-District New York war.

»Hallo, Steve«, grüßte Phil. »Was gibt’s? Willst du auch am Wettschießen teilnehmen?«

»Ein andermal vielleicht«, sagte Steve kopfschüttelnd. »Mr. High verlangt euch umgehend zu sprechen, Jungs. Sieht so aus, als gäbe es Arbeit für euch.«

»Arbeit?«

Phil und ich tauschten einen Blick.

»Klingt vielversprechend«, meinte mein Partner dann. »Hören wir uns an, was Big Daddy zu sagen hat …«

***

Zehn Minuten später saßen wir schon im »Café Helen« und hielten eine Tasse des duftenden Gebräus in Händen, das nur Mr. Highs Sekretärin so toll hinkriegt.

John D. High, der leitende Special Agent des New Yorker FBI-Büros, saß uns an seinem Schreibtisch gegenüber. Die sonst so milden Züge unseres Vorgesetzten wirkten an diesem Morgen sehr angespannt.

»Jerry und Phil«, begann unser Chef ohne Umschweife das Briefing, »ich habe Sie rufen lassen, weil eine dringende Ermittlung Ihre sofortige Anwesenheit erfordert.«

»Eine dringende Ermittlung, Sir?« Phil und ich wurden hellhörig. Unser kindischer Wettstreit von vorhin war vergessen.

»Am frühen Morgen«, erklärte Mr. High, »fanden Angehörige der städtischen Müllabfuhr die Leiche eines unbekannten Mannes in SoHo. Offenbar hat jemand versucht, den Leichnam zu beseitigen, indem er ihn in eine Mülltonne steckte. Einer der Müllmänner entdeckte die Leiche durch Zufall.«

»Aha«, sagte ich. »Und was hat es damit auf sich? Bei allem nötigen Respekt, Sir – Sie wirken ziemlich besorgt.«

»Ich bin besorgt, Jerry«, bestätigte der Chef. »Wenngleich ich Ihnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen darf, wieso. Ich möchte, daß Sie beide nach SoHo fahren, sich ein Bild von der Lage machen und mir dann umgehend Bericht erstatten.«

»Wir?« Phil hob die Brauen. »Sir, ist nicht das Homicide Squad dafür zuständig?«

»Unter normalen Umständen würde ich Ihnen recht geben, Phil«, sagte Mr. High, »aber diesmal liegt der Fall anders. Dringende Umstände, deren Hintergrund ich Ihnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht offenlegen kann, erfordern es, daß der FBI sich mit der Sache befaßt. Und ich habe Sie beide ausgewählt, Gentlemen, weil Sie mein volles Vertrauen genießen.«

Phil und ich tauschten einen Blick.

Es war normalerweise nicht Mr. Highs Art, sich als Geheimniskrämer zu betätigen. Wenn unser Chef uns nicht über alle Details des Falles in Kenntnis setzte, konnte das nur bedeuten, daß man ihn dazu zwang. Und das hieß, daß wirklich äußerst gewichtige Personen im Hintergrund standen und ihn unter Druck setzten, was ansonsten nicht so leicht war.

»In Ordnung, Sir«, bestätigte ich also. »Sie können sich auf uns verlassen.«

»Das weiß ich, Jerry«, versicherte Mr. High. »Die Spurensicherer sind bereits vor Ort in der Mercer Street. Fahren Sie hin und sondieren Sie die Lage. Und kein Wort an die Presse oder sonst jemanden. Dieser Fall ist heikler, als Sie ahnen.«

»In Ordnung, Sir«, bestätigte ich, ohne weitere Fragen zu stellen.

Die jahrelange Zusammenarbeit beim FBI hat uns G-men gelehrt, einander bedingungslos zu vertrauen. Wenn Mr. High zu diesem Zeitpunkt Informationen für sich behielt, hatte er seine Gründe dafür.

Etwas Bedeutsames schien im Busch zu sein – und es hatte irgend etwas mit der Leiche zu tun, die am Morgen in SoHo gefunden worden war …

***

»Komische Sache, was?« grübelte Phil, als wir zehn Minuten später im Dienstwagen saßen.

»Allerdings, Alter«, bestätigte ich, während ich den Blick über die Houston Street steuerte. »Eine namenlose Leiche, die von der Müllabfuhr gefunden wird, dazu der geheimnisvolle Unterton in Mr. Highs Stimme – ich würde sagen, da stimmt was nicht.«

»Das ist noch untertrieben«, meinte Phil mit freudlosem Grinsen. »Es ist sonst gar nicht Mr. Highs Art, es derart geheimnisvoll zu machen.«

»Richtig«, stimmte ich zu, »aber ich nehme an, er hatte keine andere Wahl.«

»Befehl von oben?« erriet mein Partner meine Gedanken.

»Was sonst?« Ich nickte. »Würde mich nicht wundern, wenn es sich bei der Leiche um einem namhaften Politiker oder einen Filmstar handelt. Das würde zumindest diese Geheimniskrämerei erklären.«

»Vielleicht«, erwiderte Phil. »In jedem Fall bekommst du eine neue Chance, dich zu bewähren, Partner.«

Ich warf Phil einen Blick zu und mußte grinsen.

Mein Freund hatte noch immer nicht ganz verwunden, daß ich mich aus persönlichen Gründen für eine Weile vom FBI-Dienst zurückgezogen hatte.

Doch die Zeit, in der ich am Sinn meines Lebens und meiner Arbeit für den FBI gezweifelt hatte, war vorüber.1)

Ich war zurückgekehrt, hatte meinen Dienst als G-man wieder aufgenommen und kämpfte wieder für die Werte, die der FBI wie keine zweite Institution repräsentiert: Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit.

Ich ahnte nicht, wie sehr gerade diese Werte durch den neuen Fall in Frage gestellt werden würden.

Wir erreichten die Kreuzung zur Mercer Street, und ich setzte den Blinker und bog ein. Vorbei an Gußeisenfassaden und dem Guggenheim Museum gelangten wir zu der schmalen Seitenstraße, an deren Mündung die NYDA-Arbeiter den Leichnam gefunden hatten.

Die Straße war abgesperrt. Einige Mitarbeiter unseres Büros hatten ein schwarz-rotes Plastikband mit der Aufschrift »federal evidence« um den Fundort gezogen und waren nun damit beschäftigt, die zahllosen Schaulustigen fernzuhalten, die von allen Seiten herandrängten.

Vom NYPD war weit und breit nichts zu sehen, was ungewöhnlich war, da die Zusammenarbeit zwischen dem Polizei Department und dem FBI gerade in New York sonst reibungslos klappte. Offenbar handelte es sich bei dieser Ermittlung jedoch um eine Angelegenheit, deren Untersuchung allein der Bundesbehörde vorbehalten bleiben sollte …

Phil und ich stiegen aus dem Wagen und bahnten uns mit energischen Ellbogen einen Weg durch die gaffende, tuschelnde und knipsende Menge – da konnten sich wohl einige Touristen kein schöneres Souvenirfoto vorstellen als ein Bild von einer Leiche in SoHo.

Wir passierten die Absperrung. Rings um den Leichenfundort hatte ein umsichtiger Beamter eine Sichtblende errichten lassen, die neugierige Blicke abhielt.

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