Logo weiterlesen.de
Jerry Cotton - Folge 2163

Cottons Rückkehr

Es quietschte leise, als sich das Schott zum Hochsicherheitstrakt öffnete.

Der Wärter und der Mann im schwarzen Anzug traten in den hell erleuchteten Korridor. Ihre Schritte hallten von der hohen Decke und den gekalkten Wänden wider.

Die Miene des Mannes im Anzug war unbewegt – er fühlte sich als Teil des Apparats, er erfüllte nur seine Pflicht.

Sie erreichten eine der Zellen und der Wärter schloss sie auf.

In ihr kauerte ein kräftig gebauter Schwarzer auf einer schmalen Pritsche.

»Evander Mourns?«, fragte der Mann im Anzug.

Der Häftling nickte.

»Mr. Mourns, hiermit teile ich Ihnen mit, dass der Termin für Ihre Hinrichtung angesetzt ist. In fünf Tagen werden Sie sterben, Mr. Mourns. Gott sei Ihrer Seele gnädig …«

Evander Mourns war wie vom Donner gerührt.

Nun war es also so weit.

Der Vollstreckungsbescheid war erlassen.

Das bedeutete, dass alles umsonst gewesen war. Der Verfahrenseinspruch, die Berufung, die Petition beim Gouverneur.

All das war zwecklos gewesen.

Solche feinen Pinkel wie dieser Mann im Anzug hatten sich zusammengesetzt und seinen Tod beschlossen.

Natürlich.

Es war ein Wahljahr – und der Gouverneur musste eine harte Linie gegen die Kriminalität demonstrieren. Was eignete sich dazu besser, als das Todesurteil an einem seit langem inhaftierten Mörder zu vollstrecken?

Evander Mourns lachte freudlos.

Er hatte geahnt, dass es so kommen würde – die ganzen Jahre über.

Politiker taten alles, wenn es ihren Zwecken diente. Und über ihn, den kleinen Mann von der Straße, hatte man das Todesurteil ausgesprochen und sich nun endlich entschlossen, es zu vollstrecken.

Der Häftling schluckte hart.

Acht Jahre hatte er damit leben müssen, dass sein Leben jeden Tag enden konnte.

Acht Jahre hatten die Behörden sich Zeit gelassen, über sein Schicksal endgültig zu entscheiden.

Acht Jahre, in denen er in ständiger Angst gelebt hatte.

Acht Jahre lang war nichts geschehen.

Nun, jetzt war Wahlkampf und da hatten sich die Verantwortlichen endlich zu einem Entschluss durchgerungen. Ihr Urteil war endgültig.

Oder…?

»Mr. Mourns«, ließ sich der Mann im makellosen schwarzen Anzug vernehmen, »haben Sie in der Ihnen verbleibenden Zeit noch einen Wunsch? Wenn Sie priesterlichen Beistand wünschen…«

»Wozu?«, fragte der Schwarze heiser und fühlte, wie ihm kalter Schweiß auf die Stirn trat. »Um ein Verbrechen zu beichten, das ich nicht begangen habe?«

»Ihre Schuld wurde vom Geschworenengericht als erwiesen angesehen«, konterte der Beamte, »damit erübrigt sich jede Diskussion. Aber wenn Sie reden wollen, kann ich Ihnen einen Beistand…«

»Nein danke«, winkte Mourns spöttisch ab. »Von Priestern, Psychofritzen und Soziologen habe ich genug. Denen geht es doch nur darum, mir einzureden, dass es völlig in Ordnung ist, wenn ich auf dem Stuhl gebraten werde.«

»Wie sie wollen.« Der Mann im Anzug rückte seine Brille zurecht, zückte einen silbern glänzenden Kugelschreiber und nahm einige Notizen in der Aktenmappe vor, die er unter dem Arm trug.

Dann nickte er dem Wärter zu, der ruhig im Hintergrund gewartet hatte und die beiden Männer wandten sich zum Gehen.

»Halt«, rief Mourns ihnen nach, »einen Moment noch!«

»Ja?«

»Es gäbe da jemanden, mit dem ich gerne sprechen würde«, erklärte der Häftling schnell.

»So? Und wer ist das?«

»Es ist der Bulle, der mich damals geschnappt hat«, antwortete Mourns. »Der Typ, der mich in den Knast gebracht hat. Er arbeitet für das FBI. Sein Name ist – Jerry Cotton!«

***

Im Büro von John D. High war es still – zu still.

Das Schweigen lastete schwer auf Phil Decker, der in einem der Besucherstühle saß und darauf wartete, was sein Vorgesetzter ihm mitteilen würde.

Der andere Besucherstuhl war leer.

Niemand saß darin und es war, als würde sich diese Leere auch in Phil ausbreiten, ein großes schwarzes Loch, das ihn von innen aufzufressen drohte. Der G-man seufzte.

Es war dasselbe Büro.

Dasselbe Gebäude.

Derselbe Mr. High.

Und doch war es nicht wie früher…

»Phil«, sagte Mr. High langsam und bedachte seinen Agenten mit forschenden Blicken, »so kann es nicht weitergehen. Seit Jerry seinen Dienst beim FBI quittiert hat, sind Sie wie ausgewechselt.«

»So fühle ich mich auch, Sir«, gestand Phil offen. »Es ist, als wäre ein Teil von mir nicht mehr hier. Verstehen Sie, was ich meine?«

»Ich denke ja«, bestätigte Mr. High mit einem sanftem Lächeln. Auch ihn schmerzte es, dass Jerry nicht mehr dazugehörte.

Die Wunde war noch frisch, der Schock saß noch immer tief – obwohl es bereits mehr als einen Monat zurücklag, dass Jerry Cotton, der beste G-man, den das New Yorker FBI je gehabt hatte, seinen Dienst quittiert hatte.

Die Umstände, die Jerry zu dieser Entscheidung veranlasst hatten, waren mehr als dramatisch gewesen. Seine Freundin Pamela Westlake, die er mehr geliebt hatte als jede andere Frau zuvor, war von skrupellosen Banditen ermordet worden. Daraufhin war Jerry durchgedreht und hätte um ein Haar blutige Rache an Pamelas Mörder genommen.

Dass es nicht dazu gekommen war, war allein Phil zu verdanken – und so hatte Jerry die Konsequenzen aus seinem Handeln gezogen und seinen Dienst beim FBI quittiert.1)

Das gesamte Büro hatte auf die Nachricht mit Bestürzung reagiert. Einige Kollegen, darunter natürlich Phil, aber auch Steve Dillaggio, June Clark, Annie Geraldo, Les Bedell und Joe Brandenburg, hatten versucht, Jerry zur Rückkehr zu bewegen – vergeblich.

Jerrys Entschluss war felsenfest gewesen. Seine Laufbahn als G-man des FBI war unwiderruflich zu Ende.

»Phil«, begann Mr. High noch einmal und Sympathie und Verständnis schwangen in seiner Stimme mit, »ich weiß, dass es schwer ist, seinen Partner zu verlieren. Man glaubt, vor dem absoluten Aus zu stehen und noch einmal ganz von vorn beginnen zu müssen. Sie durchleben im Augenblick eine Krise. Aber Sie werden lernen, mit der neuen Situation umzugehen, so wie schon viele Polizeibeamte vor Ihnen.«

»Werde ich das?« Phil schluckte hart und in seinen Augen glänzte es. »Vielleicht wäre es einfacher, wenn Jerry tot wäre. Dann könnte ich mich damit abfinden, dass er nicht mehr wiederkommt. Aber so…« Er schüttelte den Kopf. »Es ist so ungerecht, Sir. Jerry hat so einen Abgang nicht verdient.«

»Ich gebe Ihnen Recht, Phil«, stimmte Mr. High zu, »aber Agent Cotton hat seine Entscheidung getroffen – und wir müssen sie akzeptieren.« Der Chef seufzte. »Was ich Ihnen jetzt mitteile, Phil, wird Ihnen nicht gefallen. Aber es ist nun einmal notwendig, damit Sie wieder auf den Boden finden. Ich habe beschlossen, Ihnen einen neuen Partner zuzuteilen.«

»Aber Sir!« Phils Stimme klang entsetzt.

»Was erwarten Sie von mir, Phil? Ich habe mich um einen ganzen Distrikt zu kümmern und ich kann es mir nicht leisten, dass einer meiner besten Männer nur noch Innendienst schiebt. Ich brauche Sie da draußen, Phil – mit einem neuen Partner.«

»Bitte nicht, Sir.« Phil schüttelte sein gesenktes Haupt. »Noch nicht. Geben Sie Jerry noch ein bisschen Zeit – sagen wir eine Woche. Wenn er sich bis dahin nicht zur Rückkehr entschlossen hat…«

John D. High schüttelte bedächtig den Kopf. »Jerry hatte lange Zeit, darüber nachzudenken.«

»Es war eben noch nicht lange genug. Bitte, Sir…«

Die Blicke der beiden Männer trafen sich und in beider Augen spiegelten sich die Erinnerungen an zurückliegende Zeiten.

Zeiten, in denen sie Seite an Seite und gemeinsam gegen das organisierte Verbrechen gekämpft hatten, ein leuchtendes Dreigestirn, das die Unterwelt das Fürchten gelehrt hatte: John D. High, Phil Decker – und Jerry Cotton.

»Also gut«, erklärte Mr. High schließlich. »Noch eine Woche, Phil, nicht mehr.«

Der G-man nickte. »Danke, Sir.«

»Aber ich werde Sie inzwischen trotzdem zum Außendienst einteilen.«

»Natürlich, Sir.« Phil war alles recht, solange Jerry noch eine Chance erhielt.

»Es gibt da einen Burschen, der im Verdacht steht, als Mittelsmann für die Mafia tätig zu sein«, sagte Mr. High und wurde wieder dienstlich.

Er griff nach einer der braunen Aktenmappen, die sich auf seinem Schreibtisch stapelten und reichte sie Phil.

»Ich will, dass Sie diesen Mann beschatten. Sollte er tatsächlich Kontakte zu uns einschlägig bekannten Personen unterhalten, wünsche ich umgehende Berichterstattung.«

»In Ordnung, Sir«, bestätigte Phil und nahm die Mappe entgegen. »Soll ich den Kerl verhaften, wenn ich ihn inflagranti erwische?«

»Nein.« Mr. High schüttelte den Kopf. »Die Staatsanwaltschaft braucht einen Belastungszeugen für einen bevorstehenden Prozess. Der Verdächtige könnte dabei von großem Nutzen sein.«

»Verstanden.« Damit erhob sich Phil aus seinem Stuhl und wandte sich zum Gehen.

»Phil?«

»Ja, Sir?«

»Wie geht es Jerry?«, erkundigte sich Mr. High und aus seinem Tonfall war herauszuhören, dass er es nicht in seiner Eigenschaft als Special Agent in Charge fragte.

»Nicht sehr gut«, antwortete Phil ehrlich. »Seit Pams Tod hat er sich völlig zurückgezogen. Er schottet sich von der Außenwelt ab, lässt niemanden an sich heran – nicht einmal mich.«

»Hm«, machte Mr. High.

»Wissen Sie, Sir – ich kann ihn verstehen. Und Sie wissen ja, wie man sich fühlt, wenn man alles verloren hat, das einem jemals etwas bedeutet hat.«

»Hm.« John D. High nickte.

Er wusste besser als jeder andere, was es bedeutete, alles zu verlieren.

***

Da war nur Leere.

Und die böse Erinnerung.

Die Leere versuchte ich mit dem Alkohol zu füllen, der in kleinen, zähen Schlucken meinen Hals hinunterrann – aber die Erinnerungen blieben.

Sie verfolgten mich, wohin ich auch ging, unabhängig davon, ob ich wach war oder schlief. Sie waren einfach da, klangen wie Echos durch meinen Kopf, unauslöschlich, stets gegenwärtig.

Wann hatte ich zuletzt geschlafen?

Vor Tagen?

Vor Wochen?

So lange ich zurückdenken konnte, saß ich auf dem Boden, starrte in das Halbdunkel, das mich umgab. Sonnenlicht sickerte zwischen den Lamellen der herabgelassenen Jalousien hindurch, doch es reichte nicht aus, den Raum völlig auszuleuchten.

Ob es Nacht war oder Tag – was scherte es mich?

Sonne bedeutete Leben.

Ich aber war tot – so tot wie Pam, die von meiner Seite gerissen worden war.

Immer wieder durchlebte ich die schrecklichen Augenblicke, sah ihren Körper, wie er im Wasser trieb, ihr starres, blasses Gesicht.

Ich beobachtete mich selbst, wie ich ins Wasser sprang, um ihren leblosen Körper zu bergen, wie ich vergeblich versuchte, das Leben zu ihr zurückzuholen.

Ich war zu spät gekommen, hatte die Zeichen nicht erkannt, hatte sie nicht retten können.

Ich hatte versagt.

Und dabei hatte Pam mir noch wenige Stunden vor ihrem Tod gesagt, wie sicher und geborgen sie sich bei mir fühlte – ich aber hatte sie im Stich gelassen.

Nun war sie tot – und ich musste leben.

Wieder setzte ich die Flasche an den Mund und trank, wissend, dass der Alkohol Pam nicht zurückbringen würde.

Ich blickte in den Spiegel, der an der Wand gegenüber hing, erschrak über mein eigenes Aussehen.

War dieser Zombie, der dort auf dem Boden kauerte, tatsächlich ich?

Das Jeanshemd, das ich offen trug, wies zahllose Flecken auf und roch nach Schweiß und Fusel. Ein Bart wucherte in meinem Gesicht, um meine Augen lagen dunkle Ränder.

Ich war ein Schatten meiner selbst und ich verdiente es nicht besser.

Denn ich war schuld an Pams Tod.

Ich verfluchte den Tag, an dem wir uns kennen gelernt hatten – ich hatte dieser wunderbaren jungen Frau nur Schmerz und Leid gebracht. Und schließlich einen qualvollen Tod.

Die wenigen Wochen, die wir zusammen verlebt hatten, das kurze Glück, das uns gemeinsam beschieden gewesen war, waren kurz und trügerisch gewesen und ich bereute jede einzelne Sekunde davon.

Wie sehr ich sie vermisste!

Jeder Gedanke an sie tat weh, jeder Atemzug schmerzte.

Warum musste ich weiterleben, während sie hatte sterben müssen? Ich hätte alles gegeben, um tauschen zu können, wäre ohne Zögern gestorben, um nur noch einmal das Lächeln auf ihren Zügen zu sehen…

Ein Geräusch drang in mein Ohr, leise, wie aus weiter Ferne. Jemand klopfte an die Tür meines Apartments.

»Jerry«, drang es dumpf herein, »sind Sie zu Hause?«

»Scheiße«, murmelte ich leise und nahm einen weiteren Schluck aus der Pulle.

Wieso konnte man mich nicht einfach in Frieden lassen?

Alles, was ich wollte, war alleingelassen werden – allein mit meinem Schmerz, meiner Trauer und meinen Erinnerungen…

Es klopfte wieder.

»Ja doch«, rief ich unwillig, »kommen Sie rein! Es ist offen!«

Ich hörte, wie die Tür im Flur knirschte und jemand mit leisen Schritten eintrat. Wenn es ein irrer Räuber war, nur zu – mein Leben war ohnehin schon besch… genug.

Die Tür zum Wohnzimmer öffnete sich und ich erkannte meinen Besucher im Halbdunkel.

Es war kein Räuber – eher das Gegenteil.

Ich war überrascht, John D. High in meinen vier Wänden vorzufinden, meinen ehemaligen Chef und Mentor…

»Sir«, entfuhr es mir in einem letzten Rest von Pflichtbewusstsein. Ich wollte aufstehen, um Mr. High zu begrüßen – aber meine Beine brachen ein und ich schlug zu Boden, wo ich in einer stinkenden Alkoholpfütze liegen blieb.

»Mein Gott, Jerry!«, rief Mr. High aus.

»Lassen Sie’s gut sein, Sir«, krächzte ich lallend, während ich mich wieder in meine dunkle Ecke zurückzog, mich dabei windend wie ein Aal. »Das geht schon in Ordnung.«

Mr. High bedachte mich mit erschütterten Blicken, aus denen ehrliches Entsetzen sprach. »Das ist nicht der Jerry Cotton, den ich kenne«, stellte er fest.

»Ach nein?« Ich grinste blöde. »Wissen Sie, Sir – manchmal kenne ich mich selber nicht. Agent Cotton hat abgedankt – was übrig blieb, sehen Sie selbst…«

Im Gesicht meines einstigen Vorgesetzten zuckte es.

»Verdammt noch mal«, entfuhr es ihm dann in einem völlig atypischen Ausbruch von Temperament. Er beugte sich zu mir herab, packte und schüttelte mich. »Reißen Sie sich zusammen, Jerry! Was passiert ist, ist passiert! Sie können es nicht ungeschehen machen, indem Sie sich selbst ruinieren!«

»Ich weiß, Sir.« Ich schüttelte meinen dröhnenden Kopf. »Aber ich kann so nicht weiterleben. Nicht mit dem Wissen, ihren Tod verschuldet zu haben…«

»Was für ein Unsinn!« Mr. High schnappte nach Luft. »Sie können nichts für Pamelas Tod, Jerry, das wissen Sie genau!«

»Ach ja?« Ich bedachte meinen Ex-Chef mit glasigen Blicken. »Ich habe versagt, Sir. Pam vertraute mir. Sie dachte, ich würde sie beschützen – und was habe ich getan? Ich habe es geschehen lassen, Sir, einfach so! Es ist meine verdammte Schuld!«

Die letzten Worte hatte ich geschrien, völlig verzweifelt. Ich hasste es, wenn man mir einreden wollte, dass ich ein Held sei und nichts für das konnte, was geschehen war – ich allein trug die Schuld, alles andere war eine verdammte Lüge!

»Na schön«, schnaubte Mr. High. »Sie möchten sich also die Schuld am Tod Ihrer Freundin geben. Wie Sie wollen, Jerry.« Der Special Agent in Charge schüttelte bedächtig den Kopf. »Aber das ist der größte Unsinn, den ich je gehört habe.«

»Es ist die Wahrheit, Sir«, beharrte ich, mich an meine Flasche klammernd, als wäre sie ein Rettungsanker, der mich aus dem Sumpf der Trauer ziehen könnte. »Ich habe versagt! Ich verdiente es zu sterben, nicht sie! Warum darf ich weiterleben, während Pam sterben musste?«

»Also das ist es, nicht wahr?«, erkundigte sich Mr. High forschend. »Sie fühlen sich schuldig, weil Sie leben und Pamela nicht.«

Ich entgegnete nichts darauf, blickte nur stumm geradeaus – aber Mr. High hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.

»Es ist normal, dass Sie so fühlen«, sagte Mr. High mit der ihm eigenen Ruhe. »Ich kenne das«, fügte er nach kurzem Zögern hinzu. »Man hat das Gefühl, dass das Leben endet, dass es nicht weitergehen kann – aber es geht immer weiter, Jerry. Irgendwie geht es immer weiter.«

»Aber Sir!« Tränen schossen ungehemmt aus meinen Augen. »Sie war alles, was ich hatte! Sie wissen nicht, wie es ist, jemanden auf diese Weise zu verlieren!«

»Ach nein?« Mr. High sandte mir einen viel sagenden Blick und trotz des Alkohols, den ich getrunken hatte, wusste ich, dass ich einen Fehler begangen hatte.

Natürlich wusste John D. High, was es bedeutet, alles zu verlieren – seine ganze Familie war von Verbrechern ermordet worden.

»Anfangs«, sagte Mr. High leise, »dachte ich auch, dass es nicht weitergehen würde. Ich fühlte mich elend und schuldig und am liebsten wäre ich auch gestorben – so wie Sie jetzt, Jerry. Die Trauer und die Erinnerung waren stark und wohin auch immer ich kam, folgten mir die Bilder von meiner Frau und meinen Kindern, wie sie im Kugelhagel starben.«

»Was haben Sie getan, Sir?«, fragte ich.

Mr. High beugte sich wieder zu mir herab. »Ich habe mir eine neue Aufgabe gesucht, Jerry«, flüsterte er, »etwas, wofür es sich zu leben lohnt. Das hat mir meine Familie nicht zurückgeben können, aber es gab mir das Gefühl, das Chaos zu bekämpfen, das uns umgibt.

Zunächst wusste ich nicht, was ich tun sollte, alles erschien mir sinnlos und leer. Aber schließlich erkannte ich, dass es in meiner Macht lag, den Geschehnissen einen Sinn zu geben. Von dem Tag an, da meine Frau und meine Kinder von Verbrecherhand starben, beschloss ich, alles daran zu setzen, dass anderen Menschen so etwas erspart bleibt.

Das ist der Sinn, Jerry. Der Sinn unseres Berufes, der Sinn unseres Lebens.«

Mr. High blickte mich lange und offen an.

Es war der persönlichste Augenblick, den wir je miteinander geteilt hatten und ich fühlte, wie nahe mir dieser Mann stand, der für mich von dem Tag an, da ich als junger, naiver Bursche von Harpers Village nach New York gekommen war, wie ein Vater gewesen war.

»Es geht weiter, Jeremias«, sagte er flüsternd, fast beschwörend, ehe er sich zum Gehen wandte.

Eine Erinnerung flutete in mein Bewusstsein – ich sah mich selbst als jungen Heißsporn, dem die Welt nicht groß genug gewesen war. Mr. High hatte mich damals zum FBI geholt und vorgeschlagen, mich Jerry zu nennen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Jerry Cotton - Folge 2163" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen