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Jerry Cotton - Folge 2082

Wenn es Nacht wird in Brooklyn

Knarrend fiel die morsche Holztür hinter Elaine Gettys ins Schloss.

Wieder einmal.

Seit sie in Craigs Club als Tänzerin arbeitete, war ihr Leben eine lange Nacht. Aber es wurde gut bezahlt – und nur das zählte …

Der Atem der jungen Frau kräuselte sich in der kalten New Yorker Nachtluft, als sie den Kragen ihrer Pelzjacke hochschlug und die Treppe des Bühneneingangs hinunterstieg.

Leise klapperten die Absätze ihrer Schuhe über den regennassen Asphalt.

Elaine griff in ihre Tasche, kramte eine Zigarette hervor und steckte sie sich an. Sie bemerkte nicht die finstere Gestalt, die sich mit glühenden Augen an sie heranschlich …

»Aaghhh …«

Der Schrei blieb in Elaines Kehle stecken, als zwei grobe Pranken aus der Finsternis heranschossen und sich um ihren Hals legten.

»Na, du Flittchen, hab ich dich endlich«, keuchte es lüstern in der Dunkelheit.

In einem Aufbäumen verzweifelter Kraft riss Elaine sich los, fuhr herum – und starrte in das geifernde Gesicht eines Mannes.

Obwohl der Schattenwurf des Straßenlichts sein Gesicht bedeckte, erkannte Elaine den Kerl. Er hatte den ganzen Abend über vor der Bühne gestanden und ihr eindeutige Angebote gemacht. Als sie abgelehnt hatte, war er zudringlich geworden und Craig hatte ihn rauswerfen lassen …

»Hättest nicht gedacht, mich so bald wiederzusehen, was?«, fragte der Kerl geifernd. »Und diesmal, Baby, gibt es kein Entrinnen für dich. Wenn ich nicht kriege, was ich will, dann hol ich mir’s eben!«

Ihrem Instinkt gehorchend, wollte Elaine fliehen – doch der hünenhafte Mann war schneller. Wieder zuckte seine Pranke vor, packte Elaine am Kragen ihrer Jacke und zog sie brutal zurück.

Die junge Frau schrie und wand sich im Griff ihres Peinigers, der nur höhnisch lachte. Mit vor Wollust zitternden Händen begann, er, nach Elaines Rock zu fassen, befühlte ihre Schenkel …

»Nein, nicht, bitte«, flehte sie, während ihr Tränen in die Augen schossen und sie verzweifelt versuchte, sich mit ihren kleinen Fäusten zu befreien.

Aber der Kerl dachte nicht daran, jetzt aufzugeben, so kurz vor seinem Ziel. Rasch stieß er Elaine zu Boden und warf sich mit widerlichem Grunzen auf sie.

»Kein Wort, Flittchen, oder du bist tot …«

Die junge Frau schloss die Augen.

Angst, Panik, Zorn und Scham – all das brandete zugleich durch ihr Bewusstsein. Sie fühlte, wie der Kerl ihr die Kleider vom Leib riss und wünschte sich an einen anderen Ort. Die schweißige Masse des Hünen, sein nach Alkohol stinkender Atem – es war wie ein schlimmer Alptraum.

Und dann, plötzlich, war er zu Ende.

Elaine wusste nicht zu sagen, wie es dazu kam – aber plötzlich erstarb das widerliche Keuchen des Mannes, seine zudringlichen Hände verschwanden von ihrem Körper.

Sie riss die Augen auf und sah, dass ihr Peiniger aufgesprungen war und ungelenk nach seinem Rücken tastete, während er Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten …

»Ich … chhhh … hilf … mir«

Die junge Frau war viel zu entsetzt um irgend etwas tun zu können. Gebannt starrte sie auf den Hünen, der im schmutzigen Schein der Straßenlampe einen bizarren Tanz vollführte.

Dann, plötzlich, stieß der Kerl einen heiseren Schrei aus, verdrehte die Augen und fiel vornüber wie ein nasser Sack.

In grotesker Verrenkung blieb er auf dem Asphalt liegen. In seinem Rücken steckte der gefiederte Schaft eines Pfeils.

Eines schwarzen Pfeils.

***

Es war gegen acht Uhr morgens, als Mr. High uns zur Federal Plaza zitierte. Eine Leiche war am Morgen in Brooklyn gefunden worden und Mr. Highs Stimme hatte verraten, dass irgendetwas Besonderes an dem Toten sein musste.

Wir stellten den Jaguar am Parkplatz ab und betraten das FBI-Gebäude durch den Haupteingang. Phil Decker, mein Freund und Partner, konnte wieder einmal nicht widerstehen, der Sicherheitsbeamtin, die unsere Marken kontrollierte, schöne Augen zu machen.

»Was du nur an der findest«, frotzelte ich, als wir unterwegs zum Aufzug waren. »Diese Lady trägt eine Waffe. Ist verdammt gefährlich, sich mit ihr einzulassen.«

»Und wenn schon«, Phil schnaubte lässig. »Werd ich eben ’ne kugelsichere Weste besorgen.«

Ich betätigte die Schalttafel des Lifts und wandte mich grinsend zu meinem Partner um. »Für diese Körperteile gibt’s keinen Kugelschutz, Phil. Du solltest das wissen …«

Das sanfte Zischen der Aufzugtüren, die sich vor uns öffneten, beendete unser Gespräch.

»Ah, Gentlemen, gut, dass Sie da sind«, empfing Laura Smith, Mr. Highs Vorzimmerdame und Helens Urlaubsvertretung, uns freundlich. »Der Chef erwartet Sie bereits sehnsüchtig.«

»Ach ja? Dann wollen wir doch mal sehen, wo ihn der Schuh drückt …«

Laura öffnete die dicke, mit Leder beschlagene Tür und einen Augenblick später standen Phil und ich im Büro des Chefs.

»Guten Morgen, Jerry, Phil«, begrüßte der Chef uns von hinter seinem Schreibtisch. »Mrs. Smith – besorgen Sie zwei Tassen starken Kaffee für die Gentlemen – sie werden ihn brauchen.«

»So schlimm?«, fragte Phil, während wir uns setzten. »Worum geht es denn? Jerry sagte etwas von einer Leiche, die …«

Der Chef nickte, wollte seine Ausführungen beginnen und unterbrach sich noch einmal, als die Tür des Büros geöffnet wurde und Laura den Kaffee brachte.

»Sie sind ein Engel«, lobte Phil überschwänglich, obwohl wir kaum erwarten konnten, dass Helen aus dem Urlaub zurückkehrte, weil ihr Kaffee unübertroffen war. »Heißer Kaffee und dazu noch so schnell. Wie machen Sie das nur? Ich meine, heißen Kaffee in wenigen Sekunden zuzubereiten, das ist …«

»Sie sollten ihn trinken, Agent Decker«, meinte Laura unterkühlt, »sonst wird er kalt.« Damit verließ sie den Raum und ließ uns allein und ich konnte nicht widerstehen, dem Schwerenöter Phil einen viel sagenden Blick zuzuwerfen.

»Kommen wir also zur Sache, Jerry, Phil«, wurde Mr. High wieder dienstlich. »Wie ich Ihnen bereits mitteilte, gab es in der vergangenen Nacht in Brooklyn einen Mord. Und die Umstände sind derart, dass die City Police uns den Fall übertragen hat.«

»Worum geht es?«, erkundigte ich mich. Meine berufliche Neugier erwachte.

»Darum«, gab Mr. High zurück und breitete eine Anzahl Fotos vor uns auf dem Schreibtisch aus.

Die Bilder zeigten den Toten – einen großen, grobschlächtigen Mann von etwa dreißig Jahren. Das Seltsamste war jedoch die Art, auf die er ganz offensichtlich zu Tode gekommen war.

»Ein Pfeil im Rücken«, stellte Phil fest und pfiff durch die Zähne. »Diese Art zu sterben durfte in den letzten dreihundert Jahren ein bisschen außer Mode gekommen sein.«

»Allerdings, Phil«, bestätigte Mr. High, »und deswegen habe ich auch ein ziemlich schlechtes Gefühl bei dieser Sache. Es war eindeutig kein Raubmord. Die Brieftasche des Opfers war unberührt. Auch der Pfeil wurde bereits untersucht. Es gibt keine Fingerabdrücke, keine Kennzeichen. Der Täter hat keinerlei Spuren hinterlassen. Wer immer diesen Pfeil abgeschossen hat, wusste offenbar ziemlich genau, was er tat.«

»Sie meinen, es war ein professioneller Mord, Sir?«, fragte Phil skeptisch. »Aber warum, in aller Welt, sollte jemand zu Pfeil und Bogen greifen, wenn er Gewehre mit Laservisier haben kann?«

»Um aufzufallen«, vermutete ich. »Vielleicht ist jemand daran gelegen, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, aus welchem Grund auch immer.«

»Das denke ich auch, Jerry«, bestätigte Mr. High. »Und deswegen habe ich Sie beide rufen lassen.«

»Weiß man schon, wer der Tote ist?«, erkundigte ich mich.

Der Chef nickte. »Allerdings – aber aus dieser Richtung sind keine Hinweise zu erwarten. Der Name des Mannes ist Harry Flendrick. Er war mal Broker in der Wall Street. Dann verlor er seinen ganzen Besitz und begann zu trinken.«

»Vorstrafen?«

»Keine.« Mr. High schüttelte den Kopf. »Laut Polizeicomputer haben wir es mit einem zwar heruntergekommenen, aber völlig unbescholtenen Bürger zu tun.«

»Abwarten«, meinte Phil lakonisch. »Das wurde schon von ganz anderen behauptet. Irgendjemand hat Flendrick einen schwarzen Pfeil in den Rücken geschossen – und das sicher nicht ohne Grund.«

»Wer weiß«, sagte Mr. High. »Das herauszufinden, wird jedenfalls Ihre Aufgabe sein, Gentlemen. Wir müssen wissen, womit wir es hier zu tun haben. Vielleicht ist das alles nur ein dummer Zufall oder vielleicht haben wir auch einen Mörder in der Stadt, der sich für Robin Hood hält. Ich will in jedem Fall, dass sie den Kerl dingfest machen.«

»Verstanden, Sir«, bestätigte ich. »Wo sollen wir anfangen?«

»Vor zwanzig Minuten ging der Anruf einer jungen Frau ein. Sie klang sehr verstört und behauptete, Flendricks Ermordung beobachtet zu haben. Das ist die einzige Spur, die wir bisher haben.«

Mr. High griff nach einem Notizzettel, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag und reichte ihn mir. »Das ist die Adresse der jungen Dame. Fahren Sie hin und hören Sie sich an, was sie zu sagen hat.«

»Geht klar, Sir.«

»Dann mal los, Jerry, Phil – und viel Glück.«

***

Ihr Name war Elaine Gettys und die Adresse, die Mr. High mir gegeben hatte, war die eines heruntergekommenen Mietshauses in East Brooklyn.

»Miss Gettys?«, rief Phil und klopfte an die Apartmenttür, deren dunkelgrüner Lack schon bessere Zeiten gesehen hatte. »Miss Gettys – sind Sie da?«

Wir standen einige Sekunden im trostlosen Hausgang, ehe wir schlurfende Schritte hinter der Tür vernahmen und eine rauchige Frauenstimme erklang.

»Wer ist da?«

»Die Agenten Decker und Cotton vom FBI«, gab ich zurück. »Sie haben bei der Polizei angerufen.«

»Marken«, verlangte die Stimme und die Tür öffnete sich einen Spalt.

Wir zückten unsere Ausweise und ließen die metallenen Abzeichen im Licht der Neonröhre blitzen. Dann wurde die Kette an der Innenseite der Tür zurückgezogen und die Tür geöffnet.

»Entschuldigen Sie bitte«, begrüßte uns die junge Frau im Morgenmantel, »aber nach dem, was mir letzte Nacht passiert ist, bin ich sehr vorsichtig und misstrauisch.«

»Was ist denn passiert?«, fragte Phil und wir folgten Elaine in das kleine Wohnzimmer ihres Apartments. Obwohl die junge Frau nicht gerade im Reichtum schwelgte und der Raum mit seinen unzähligen Möbeln und Accessoires ziemlich überladen wirkte, tröstete es mich ein wenig, dass man auch in einer Bruchbude wie dieser noch ganz gut leben konnte.

Elaine bot uns Platz an und zog die Jalousien hoch. Sonnenlicht flutete in den kleinen Raum und machte die unzähligen Staubpartikel sichtbar, die durch die Luft flirrten. Dann ließ sie sich uns gegenüber in einen Sessel fallen.

Elaine mochte vielleicht dreißig Jahre alt sein und war im Grunde eine hübsche Frau, aber ihr Gesicht und ihre Haut wirkten ältlich und verlebt. Dunkle Ringe lagen um ihre Augen und ihre Hände zitterten, während sie an ihrer Zigarette sog.

»Was ist passiert«, erkundigte Phil sich jetzt noch einmal, sanfter diesmal und ohne den üblichen Befragungston.

»Na ja … es war heute morgen, so gegen halb fünf. Ich arbeite in Craigs Club als Tänzerin, wissen Sie. Ich hatte gerade Schluss und wollte nach Hause gehen …«

Ich schürzte die Lippen. »Craig’s« war in einschlägigen Kreisen stadtbekannt, ein Striplokal der niedersten Sorte. Ganz in der Nähe war Flendricks Leichnam gefunden worden …«

»Was passierte dann?«, fragte Phil weiter.

»Da war dieser Kerl. Er kam aus dem Hinterhalt und fiel mich an wie ein tollwütiger Hund. Ich wollte weglaufen, wollte schreien, mich wehren, aber er warf sich einfach auf mich. Ich hatte nicht die geringste Chance.«

»Sie meinen«, erkundigte ich mich sanft, »er wollte Sie vergewaltigen?«

Elaine nickte. »Er war so groß … und so stark! Ich wollte ihn daran hindern, ihn verletzten, irgendwas aber es war unmöglich. Der Kerl war überall. Es war so … so furchtbar.«

»Schon gut«, sagte ich in beruhigendem Tonfall. »Was geschah weiter?«

»Ich weinte und wand mich. Aber er lachte nur. Und dann, auf einmal, war es vorbei. Ich sah ihn vor mir stehen, er keuchte und wankte hin und her. Dann fiel er um und da steckte dieser Pfeil in seinem Rücken. Das war’s.«

»Haben Sie den Täter gesehen?«, erkundigte sich Phil.

Elaine schüttelte den Kopf. »Ich war geblendet vom Licht der Straßenlaterne und dahinter war es stockdunkel. Ich hörte nur dieses Zischen, als der Pfeil heranflog und dann war es auch schon passiert.«

»Haben Sie eine Ahnung, wer der Täter sein könnte?«

»Aber woher denn? Ich kannte diesen Kerl doch gar nicht. Er hatte den ganzen Abend vor der Bühne gestanden und mich fortwährend angemacht. Da hab ich ihn rauswerfen lassen.«

»Und er hat ihnen draußen aufgelauert?«

Die junge Frau nickte wieder. »Wissen Sie, wenn dieses Schwein sich überall so benommen hat, wundert es mich nicht, dass er erschossen wurde.«

Ich schnitt eine Grimasse und sagte nichts darauf – was hätte ich auch entgegnen sollen? Ich konnte Elaine ja verstehen …

»Was werden Sie jetzt tun, Mister?«, fragte sie mich mit skeptischem Blick. »Etwa den Mörder dieses Mistkerls suchen?«

»Das ist unsere Aufgabe Ma’am«, bestätigte ich.

»Und wozu? Wollen Sie ihn dafür bestrafen, dass er mich gerettet hat? Wissen Sie, was das Erste war, das ich gedacht habe, nachdem dieses Schwein tot war?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ich sagte: danke. Wäre dieser Unbekannte nicht gewesen, hätte dieser Dreckskerl mich brutal vergewaltigt. Ich säße jetzt in irgendeinem Untersuchungsraum der Polizei und müsste mir irgendwelche Scheiße anhören, von wegen Provokation und so. Der Bogenschütze da draußen hat nicht lange gefragt, sondern gehandelt. In meinen Augen ist er kein Verbrecher, sondern ein verdammter Held.«

»Ansichtssache«, entgegnete ich und mir war nicht besonders wohl dabei.

»Ich habe euch Bullen eigentlich nicht gerufen, damit ihr den Bogenschützen sucht, sondern damit ihr wisst, dass dieser Mistkerl nicht grundlos gestorben ist.«

»Danke«, sagte Phil trocken. »jetzt wissen wir’s. Wir möchten Sie trotzdem bitten, sich zu unserer Verfügung zu halten. Es könnte sein, dass wir noch einmal auf Sie zurückgreifen.«

»Wozu?«, fragte Elaine gereizt. »Glauben Sie etwa, ich hätte etwas mit dem Mord zu tun?«

»Das haben Sie gesagt«, erklärte Phil mit breitem Grinsen und wir wandten uns zum Gehen.

Wir waren beide überzeugt davon, dass Elaine Gettys die Wahrheit sagte, dennoch hatte ihre Aussage uns nicht sehr viel weiter gebracht. Vorerst blieb uns nur, abzuwarten und zu hoffen, dass der nächtliche Bogenschütze nicht noch einmal zuschlug.

Diese Hoffnung sollte sich als trügerisch erweisen.

***

Ein einsames Domizil, tief unter der Stadt.

Von fern erklang leises Rattern, als die Subway durch den benachbarten Tunnel schoss. Die Gestalt, die in Trance versunken auf dem kahlen Steinboden des von Kerzenlicht erleuchteten Gewölbes kauerte, kümmerte sich nicht darum.

Sie war im Gleichgewicht mit sich und der Welt. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit.

Dann, mit einem Ruck aus ihrer Konzentration erwachend, schreckte die schattenhafte Gestalt in die Höhe. Sie ging zum Tisch, nahm das Foto, das dort lag und betrachtete es.

Es zeigte einen toten Mann, in dessen Rücken ein schwarzer Pfeil steckte.

Die Gestalt nahm das Bild und heftete es an die kahle Wand. Dann griff sie zu einem Stift und schrieb etwas darunter.

Es war eine Zahl.

Eins.

***

»Sieh dir das an!«

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