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Jenseits des leuchtenden Horizonts

Über die Autorin

Elizabeth Haran wurde in Simbabwe geboren. Schließlich zog ihre Familie nach England und wanderte von dort nach Australien aus. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in einem Küstenvorort von Adelaide in Südaustralien.

Ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckte sie mit Anfang dreißig, zuvor arbeitete sie als Model, besaß eine Gärtnerei und betreute lernbehinderte Kinder.

ELIZABETH HARAN

JENSEITS
DES
LEUCHTENDEN
HORIZONTS

zeichen

Roman

Übersetzung aus dem australischen Englisch
von Isabell Lorenz

BASTEI ENTERTAINMENT

This book is for Nada.

You left us too soon but you will never be forgotten.

Dieses Buch ist für Nada.

Du bist viel zu früh von uns gegangen,

aber wir werden dich nie vergessen.

Karte: Australien

1

Abbildung

London, 1956

Es dauerte einen Moment, bis sich Lauren Bastions Augen an das schummrige Licht in der Bar gewöhnt hatten, dennoch machte sie ihre Beute unter dem halben Dutzend Gäste mühelos aus. Gebeugt hockte er in der Ecke über einem Drink. Er sah verletzlich aus − genau so mochte sie ihre Männer.

Lauren richtete sich auf und überzeugte sich davon, dass ihr Dekolleté gut zur Geltung kam. Dann stolzierte sie hüftschwingend auf ihn zu, im vollen Bewusstsein, dass dem Barkeeper die Kinnlade bis zum Fußboden geklappt war.

»Entschuldigung«, sagte sie in dem Tonfall, der normalerweise jeden Mann aufhorchen ließ, der auch nur etwas heißes Blut in den Adern hatte. »Ich hoffe, Sie halten mich nicht für allzu forsch, aber Sie sind doch Gareth Forsyth, oder?«

Sie sah sein Gesicht nur von der Seite, erkannte jedoch gleich, dass er noch attraktiver war als auf dem Bild in der Zeitung. Sein Teint schien ebenmäßig, sein Haar war dicht und gewellt mit leicht ergrauten Schläfen. Für seinen Anzug hatte er wahrscheinlich so viel bezahlt, wie die anderen Gäste der Bar im Jahr verdienten.

Gareth wurde von einer weniger schmerzhaften Ebene seines Bewusstseins in die Wirklichkeit zurückgezerrt. Zu einem Gespräch in geselligem Beisammensein wollte er jedoch niemanden ermutigen, deshalb löste er den Blick von seinem Whiskey nicht. Londons Schickeria traf sich nicht gerade im Slug and Lettuce, außerdem war der Pub weit genug entfernt von seinem Haus und von seiner Kunstgalerie in Knightsbridge. In den vergangenen Wochen war ihm der schmuddlige Schuppen somit zum Zufluchtsort geworden. Vor allem nachmittags war es ruhig dort und nur spärlich beleuchtet. Am Ende der Bar, wo er immer saß, hatte er sich stets unerkannt gefühlt − bis jetzt.

In Gedanken war Gareth meilenweit fort gewesen, eingehüllt in die weiche Wolldecke glücklicher Erinnerungen. Es ärgerte ihn, dass er wohl kaum umhinkam zu antworten. »Ich will ja nicht unhöflich sein, aber im Augenblick ist es in meiner Gesellschaft eher unangenehm.« Er wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden.

»Das verstehe ich«, kam es voller Mitgefühl von dem Menschen, der ihn da störte. »Das verstehe ich voll und ganz.«

Vergeblich wartete Gareth darauf, Schritte zu hören, die sich entfernten. Vage nahm er einen hypnotisierenden Duft wahr. Als ihm klar wurde, dass man ihn nicht in Ruhe lassen würde, drehte er sich um, wollte sich beschweren – und versank in den Tiefen mittelmeerblauer Augen. Sie gehörten zu einer äußerst attraktiven Frau mit rotblondem Haar, die ihm entfernt bekannt vorkam.

»Kenne ich Sie?«, fragte er zögernd.

Er überlegte, ob sie womöglich eine Kundin der Galerie war. Aber dann glitt sein Blick über ihre kurvenreiche Figur in dem Kleid, das zwei Farbnuancen heller war als ihre Augen und vielleicht eine Größe kleiner, als angemessen gewesen wäre. Der Gedanke war absurd. Eine Frau mit dem Gesicht eines Engels und dem Körper einer Göttin hätte er so leicht nicht vergessen.

»Kennengelernt haben wir uns bisher nicht, leider«, sagte die hübsche Rotblonde und zog einen Schmollmund.

Gareth schätzte sie auf Ende dreißig. Das hieß, sie war wohl gut zehn Jahre jünger als er.

»Ich bin Lauren Bastion«, fuhr sie fort. »In der Zeitung las ich vom Tod Ihrer Frau. Ich möchte Ihnen mein aufrichtiges Beileid aussprechen. Ich weiß, was solch ein Verlust bedeutet. Ich verstehe Ihren Kummer also nur zu gut.«

Gareth nickte. »Danke, Miss … oder muss es Mrs. Bastion heißen?«

»Miss. Im Augenblick befinde ich mich zwischen zwei Ehemännern.« Sie lächelte ohne die Spur eines Bedauerns angesichts solch eines Geständnisses.

Gareth’ Blick fiel auf ihre langen, schlanken Beine, als sie sich neben ihn auf einen Barhocker setzte. Ihm ging durch den Kopf, dass die Formulierung »zwischen zwei Ehemännern« irgendwie nahelegte, es gäbe weitere.

»Haben Sie Jane gekannt?«

»Nicht persönlich, aber in den Häusern zweier meiner Ehemänner hingen ihre Bilder an den Wänden. Und so habe ich irgendwie das Gefühl, als hätte ich sie gekannt.«

Ihr erster und ihr zweiter Ehemann hatten mehrere Gemälde von Jane Forsyth besessen. Beide hatten bei der Scheidung darauf bestanden, die Bilder zu behalten. Damals hatte ihr das nichts ausgemacht, da sie nicht nach ihrem Geschmack waren, jetzt jedoch erwies sich das als großes Unglück. Der Wert der Bilder war mit dem Tod der Künstlerin immens in die Höhe geschossen.

»Sie sind Witwe?«, fragte Gareth und bezog sich auf das, was sie vorhin über ihr Verständnis für seinen Verlust gesagt hatte.

»Das Glück hätte ich gern«, gab Lauren verächtlich zurück. »Ich bin geschieden. Ich weiß, das hört sich herzlos an, aber Barry, mein letzter Mann, hat dem Wort ›herzlos‹ wirklich eine völlig neue Bedeutung gegeben.« Schon beim Gedanken an ihren dritten Mann und ihre erbitterte Scheidung kochte alles in ihr hoch. Ihr fiel auf, dass Gareth ihr einen seltsamen Blick zuwarf, also lieferte sie eine Erklärung. »Einmal hat er mich im Winter, mitten in der Nacht, aus unserem Haus ausgesperrt.«

Gareth riss die Augen auf. »Wieso hat er das getan?«

»Wir hatten einen dummen kleinen Streit«, sagte Lauren, die heftige Auseinandersetzung, bei der Glas zu Bruch gegangen und Beschimpfungen hin und her geflogen waren, verharmlosend. »Ich hatte nur ein hauchdünnes Negligé an«, fügte sie aufgebracht hinzu. »Es hatte stark geschneit, also musste ich bis zum nächsten Morgen Unterschlupf in der Garage suchen, sonst wäre ich womöglich noch erfroren.«

Sie beabsichtigte nicht, Gareth zu erzählen, welch wunderbare Idee ihr gekommen war, um sich warm zu halten. Sie hatte einen Eimer Farbe gefunden und Barrys Rolls-Royce, seinen ganzen Stolz, leuchtend rot angemalt.

Gareth zuckte ob so viel Gefühlskälte eines Ehemanns zusammen, doch vor seinem inneren Auge stand deutlich das Bild von Lauren in einem hauchdünnen Negligé. Ob sie das beabsichtigt hatte?

»Würden Sie mir gern einen Drink spendieren?«, gurrte sie.

Gareth wollte sich nicht unterhalten, nicht einmal mit dieser äußerst attraktiven Frau, doch da ihre Offenheit ihn überrascht hatte, fiel ihm so schnell keine glaubwürdige Ablehnung ein. Sie schien sein Schweigen als Aufforderung aufzufassen und wandte sich an den Barkeeper, dessen Blick anerkennend auf ihren Brüsten ruhte.

»Ich nehme einen Campari Soda auf Eis bitte«, sagte sie.

»Sie wirken irgendwie fehl am Platz hier«, murmelte Gareth, um im selben Augenblick zu registrieren, dass diese Bemerkung unangemessen war. »Tut mir leid, so habe ich das nicht gemeint …«, entschuldigte er sich deshalb gleich darauf.

»Und Sie sehen wie der einzige reinrassige Hund in einem Heim für streunende Katzen aus«, gab Lauren schlagfertig zurück, kein bisschen beleidigt. Missbilligend sah sie sich um. Als der Barkeeper ihren Campari vor sie hinstellte, nahm sie einen großen Schluck.

Beinahe hätte Gareth gelächelt. »Das Lokal ist ein bisschen heruntergekommen, aber es passt zu meiner momentanen Stimmung«, antwortete er leise. Er stellte fest, dass er gern mehr über diese Frau erfahren wollte, die wie aus dem Nichts in dem Pub aufgetaucht war.

»Sie erwähnten, Sie hätten einen Verlust erlitten …«, sagte er deshalb.

»Ich habe kürzlich meinen Vater verloren. Ich weiß, das ist nicht dasselbe, doch Verlust ist Verlust.«

»Das stimmt.« Gareth seufzte.

Lauren behielt für sich, dass sie ihren Vater, der Christ gewesen war, weder gesehen noch gesprochen hatte, seit sie fünfzehn Jahre zuvor ihren ersten Mann geheiratet hatte. Damals war sie zum Judentum übergetreten. Ihre Mutter hatte den Kontakt zu ihr gehalten, doch die Beziehung zu ihrem Vater hatte sich nicht wieder gebessert, auch nicht, als sie sechs Jahre darauf für ihren zweiten Mann Baptistin geworden war. Ihr zweiter Ehemann war Amerikaner und hatte im tiefen Süden der Staaten mit dem Export von Baumwolle ein Vermögen gemacht. Doch als sie entdeckt hatte, dass er spielsüchtig war, hatte sie sich von ihm scheiden lassen. Er hatte nach und nach sein Vermögen verloren und ihr den Lebensstil, an den sie gewöhnt war, nicht mehr bieten können. Lauren hatte so schnell wie möglich ihre Sachen gepackt und sich mit dem, was von seinem Geld noch übrig war, aus dem Staub gemacht.

Barry war ihr dritter Mann, ungeheuer reich, doch er knauserte mit jedem Penny. Er war der Meinung, sie könne sich die Nägel selbst maniküren und sich auch die Haare selbst waschen und schneiden. Und ein neues Kleid sei nur für ganz besondere Gelegenheiten nötig. Und dann wurde von ihr auch noch erwartet, dass sie es öfter als nur einmal trug. Und was Schuhe anging, so konnte er sich nicht vorstellen, wieso eine Frau mehr als zwei oder drei Paar wollen oder brauchen sollte. Er dagegen sammelte Autos, sieben, um genau zu sein. Und das war der Grund für all ihre Streitigkeiten und die Scheidung. Zum Glück musste er ihren Anwalt bezahlen, also kam sie recht gut weg. Doch weil sie nicht gern arbeitete, schwand das Geld rapide.

»Was führt Sie denn in dieses Lokal?«, erkundigte sich Gareth nun.

»Ich wollte nur nach dem Weg fragen«, log sie mühelos. »Dann habe ich Sie bemerkt. Sie wirkten so verloren, dass ich gleich mit Ihnen fühlte.« In den Gesellschaftsnachrichten der Tageszeitung hatte sie einen Artikel über den Tod von Jane Forsyth gelesen und beschlossen, den leidtragenden Witwer kennenzulernen. Um in Erfahrung zu bringen, wie er seine Tage verbrachte, hatte sie jemanden bezahlt − gut investiertes Geld, entschied sie jetzt. »Nun haben wir also festgestellt, dass dieses Lokal weder zu Ihnen noch zu mir passt«, fuhr sie fort. »Wie wäre es dann, wenn Sie mich zum Abendessen einladen würden? Im Landau Dining Room vom Hotel Langham wären wir bestimmt nicht deplatziert. Und der Lachs, den sie da servieren, zergeht einem auf der Zunge, dafür garantiere ich.«

Erst vor Kurzem hatte sie dort zu Abend gegessen, und zwar mit dem sehr attraktiven Howard Duffield, dem Eigentümer des Daily Mirror. Seine immens reiche Frau war einige Monate zuvor bei einem tragischen Unglücksfall ums Leben gekommen. Der Blitz hatte Susan erschlagen, als sie einen Strandspaziergang in Cape Cod mit ihrer besten Freundin Patricia Kennedy Lawford, der amerikanischen Society Lady, gemacht hatte. Der Bruder jener Dame war Senator John F. Kennedy, und verheiratet war sie mit dem Schauspieler Peter Lawford. Susan war Brautjungfer bei Pats Hochzeit gewesen.

Beim Abendessen mit Howard im Hotel Langham hatte Lauren erfahren, dass Susan Duffields Familie rechtliche Schritte eingeleitet hatte, damit Howard nicht in den Genuss von Susans Vermögen kam. Außerdem hatten sie Vorkehrungen bezüglich des Geldes, das er während der Ehe verdient hatte, getroffen – er sollte möglichst wenig davon behalten dürfen. Den ganzen Abend hatte Howard über diese Probleme gejammert, vor allem hatte er sich darüber beklagt, dass er die Zeitung verlieren könnte. Also hatte Lauren beschlossen, dass es zu einer zweiten Verabredung nicht mehr kommen würde.

Ihr Vorschlag verwirrte Gareth. »Das wäre kaum angemessen, Miss Bastion.«

»Sagen Sie Lauren zu mir«, schnurrte sie, fest entschlossen, ein Nein als Antwort nicht gelten zu lassen. »Und wieso nicht?«

»Es ist erst einen Monat her, dass meine Frau gestorben ist. So bald schon mit einer anderen Frau auszugehen würde keinen guten Eindruck machen, vor allem, wenn diese andere Frau so überwältigend attraktiv ist wie Sie.«

Lauren strahlte. Nicht lange, und Gareth würde Wachs in ihren Händen sein. »Wir wären einfach zwei Freunde, die einander Trost spenden«, setzte sie ihre Überredungskunst ein. Sanft legte sie die Hand auf seinen Arm. Eine intime Geste, die die Sache besiegeln sollte.

»Bis vor ein paar Augenblicken waren wir einander noch völlig fremd«, protestierte Gareth, doch es klang eher schwach.

»Ja, und jetzt sind wir Freunde. Übrigens, vielleicht irre ich mich, aber Sie machen mir nicht den Eindruck eines Mannes, der allzu viel auf die Meinung anderer gibt.«

Gareth sah Lauren nachdenklich an.

»Hab ich recht?« Sie beugte sich weiter vor, ihre blauen Augen funkelten nun schelmisch.

Plötzlich dachte er an die vielen Male, die seine Frau ihm vorgeworfen hatte, er kleide sich zu bestimmten Anlässen nicht richtig und verstoße damit gegen die Regeln des Anstands. »Ja, Sie haben recht«, antwortete er. »Normalerweise würde ich darauf nichts geben, aber …« Er dachte an Bradley und Erin, seinen Sohn und seine Tochter.

»Worauf warten wir dann noch?« Lauren trank ihren Campari Soda aus und stand auf.

Gareth zögerte.

»Es ist doch nur ein Abendessen unter Freunden«, drängte Lauren.

Der Not gehorchend stand nun auch Gareth auf. Als die beiden aus dem Lokal schlenderten, schaute der Barkeeper ihnen hinterher. Er hatte so ein Gefühl, dass Gareth nicht ahnte, auf was er sich da einließ.

2

Abbildung

Erin Forsyth stand an ihrem Schlafzimmerfenster auf der zweiten Etage ihres Elternhauses in Knightsbridge. Es war später Nachmittag und ungewöhnlich warm für englische Verhältnisse. Bisher war der Sommer schön gewesen, doch das Wetter war das Letzte, woran sie in diesem Moment dachte.

Erin beobachtete ihren Vater auf dem Bürgersteig unten, wie er Lauren Bastion in ein Taxi am Straßenrand half. Mit ihrer engen cremefarbenen Hose zog sie etliche anerkennende Blicke männlicher Passanten auf sich. Die obersten Knöpfe ihrer hellroten Bluse waren geöffnet und gaben die Sicht auf ihr beeindruckendes Dekolleté frei. Es sah aus, als ob der feine Stoff unter der Last ihrer üppigen Brüste jeden Moment reißen würde.

Erin hatte Lauren immer nur in Kleidung gesehen, die ihre Kurven betonte, und das ärgerte sie. Als sie sah, dass Lauren ihrem Vater über die Wange strich und ihn kokett anlächelte, stöhnte sie und drehte sich zutiefst angewidert weg. Ihr Bruder erschien an der offenen Tür zu ihrem Zimmer. Bradley war zwei Jahre jünger als sie, und sie standen einander sehr nah. Seit sie ihre Mutter verloren hatten, fühlten sie sich noch verbundener.

»Ist sie weg?«, fragte Bradley. Er wollte nicht einmal den Namen der Frau aussprechen, die ihren Vater nicht mehr aus den Augen ließ, geschweige denn sie sehen, also war er in seinem Zimmer geblieben, solange sie im Haus gewesen war.

»Ja, zum Glück. Ich verstehe einfach nicht, was Dad in ihr sieht«, zischte Erin. »Er ist so intelligent, und jetzt benimmt er sich wie ein Idiot.« Sie wusste, sie hörte sich eher wie ein bockiger Teenager an als eine junge Frau von Anfang zwanzig, sie konnte jedoch nichts dagegen tun.

»Ich verstehe ihn auch nicht«, sagte Bradley aufgebracht. »Dad muss doch gemerkt haben, dass wir damit nicht einverstanden sind. Das haben wir doch nun wirklich klargemacht, vor allem heute. Aber ihm scheint das egal zu sein. Was wir denken, spielt offenbar keine Rolle für ihn.«

Ihr Bruder wollte nicht mehr kämpfen, Erin mochte sich allerdings nicht geschlagen geben. Ihr Vater und Lauren hatten sie beide zu einem Picknick-Lunch eingeladen. Lauren hatte einen Korb mit einer guten Flasche Wein und lauter gekauften Delikatessen mitgebracht – sie konnte nicht einmal ein Ei kochen. Erin und Bradley hatten sich herausgeredet – Bradley hatte Kopfschmerzen vorgetäuscht, dabei litt er nur sehr selten unter Kopfschmerzen. Erin hatte behauptet, es sei noch viel Papierkram für die Galerie zu erledigen, der nicht warten könne. Lauren hatte sich trotz zur Schau gestellter Enttäuschung sichtlich gefreut, ihren Vater für sich zu haben. Erin und Bradley hatten sich geärgert, aber es war ihnen darum gegangen, ihren Standpunkt deutlich zu machen.

»Ich rede mit ihm und sage ihm in aller Deutlichkeit, was ich denke«, zischte Erin wütend. »Und diesmal werde ich keine Rücksicht auf seine Gefühle nehmen. Es ist erst ein paar Monate her, dass Mom gestorben ist. Er kann sich doch nicht jetzt schon mit einer Frau treffen, erst recht nicht mit einer angeblichen Lady der Gesellschaft, die eine ganze Sammlung von Exmännern und einen Hang zu viel Geld hat. Ich weiß ja, er liest die Gesellschaftsnachrichten nicht, trotzdem ist mir schleierhaft, dass ihm entgangen sein soll, was für einen Ruf diese Lauren hat. Die ganze Stadt spricht über sie. Die sogenannte ›Freundschaft‹ der beiden hat es schon in die Klatschblätter geschafft. Das ist so peinlich!«

Als Mann verstand Bradley weit besser als seine Schwester, was Männer an Lauren anziehend fanden. Für ihr Alter war sie ausgesprochen attraktiv. Sie hatte etwas von einem Pin-up-Girl − die langen Beine, das rotblonde Haar und dieses üppige Dekolleté, das sie ständig voller Stolz präsentierte. Er konnte sich gut vorstellen, dass sie die meisten Männer mit ihrem Charme um den Finger wickelte. Dass sein Vater sich von diesem verführerischen Getue blenden ließ, machte ihn jedoch ganz krank. Er fand, dass damit das Andenken an seine Mutter in den Schmutz gezogen wurde. Jane war eine Frau voller Eleganz und Anmut gewesen, das genaue Gegenteil von Lauren Bastion.

Erin hörte die Haustür ins Schloss fallen und ging zur Treppe. »Dad«, rief sie ihrem Vater vom Treppenabsatz zu, als er gerade in seinem Arbeitszimmer verschwinden wollte. »Ich muss mit dir reden.«

»Vorsicht, Erin«, warnte Bradley sie. »Dad trauert immer noch, auch wenn er es nicht zeigt.«

Erin achtete nicht auf ihren Bruder. Sie war wild entschlossen, ihren Vater zur Vernunft zu bringen.

»Was gibt es denn, Erin?«, fragte Gareth gut gelaunt.

Er und Lauren hatten in der Nachmittagssonne wunderbar gepicknickt. Es hatte ihn etwas enttäuscht, dass Erin und Bradley sich ihnen nicht angeschlossen hatten, aber Lauren hatte es offenbar nichts ausgemacht, und in ihrer Gesellschaft war es wie immer zauberhaft gewesen.

Erin polterte die Treppe hinunter. Sie konnte sich nicht mal zurückhalten, bis sie unten angekommen war. »Bradley und ich sind alles andere als glücklich darüber, dass du dich mit dieser Frau triffst. Das ist nun wohl kein Geheimnis mehr.«

Gareth schien verblüfft vom Ausmaß der Wut seiner Tochter. Er schaute Erin fragend an, als ob er keine Vorstellung davon hätte, weshalb genau sie so aufgeregt war.

»Ich weiß, es steht mir nicht zu, das zu sagen, doch du solltest noch nicht wieder mit einer Frau ausgehen, dafür ist es zu früh«, erklärte Erin mit Nachdruck. »Damit ziehst du das Andenken an Mom in den Schmutz.«

»Ich gehe nicht mit ihr aus, Erin. Wir sind einfach nur Freunde.« Inzwischen war ihm klar, dass sich Lauren mehr wünschte, aber er war noch nicht bereit für eine neue Beziehung, und Lauren schien Verständnis dafür zu haben.

»Ach, Dad, eure sogenannte Freundschaft wird schon in den Klatschblättern breitgetreten«, sagte Erin gekränkt.

»Das hab ich nicht gewusst … Nun, da kann ich nichts machen. Die Leute glauben, was sie glauben wollen, du hingegen weißt, wie sehr ich eure Mom geliebt habe.«

»Ja, das weiß ich. Und deshalb kann ich auch gar nicht glauben, dass du dich mit einer Frau wie Lauren Bastion triffst. Nach allem, was ich über sie gelesen habe, ist sie ein regelrechter Profi darin, reiche Männer zu heiraten und sich bald danach wieder von ihnen scheiden zu lassen.«

»Mir ist klar, dass das so aussieht, Erin, tatsächlich hat sie mit der Liebe einfach nur Pech gehabt.«

»Bist du sicher, dass das alles ist, Dad? Du kennst nur ihre Seite der Geschichte.«

»Ich weiß, aber hinter der Fassade steckt in Wirklichkeit eine sehr patente, vernünftige Frau. Sie ist nett. Ihre Freundschaft hat meinen Schmerz über den Verlust eurer Mutter ein wenig gelindert. Sei bitte nicht so böse mit mir, Erin.«

»Ich bin enttäuscht, Dad, und ich traue Lauren nicht über den Weg. Ich denke, du willst ihre Fehler einfach nicht sehen. Vielleicht kommt das durch den Kummer über Moms Tod. Oder vielleicht ist Lauren einfach eine Expertin, wenn es darum geht, Männer zu manipulieren. Wie auch immer, du musst endlich deine Augen öffnen, nicht dein Herz.«

»Ich glaube, beides stimmt so nicht, Erin. Lauren ist sehr großzügig, und sie ist rücksichtsvoll und lieb. Wenn du sie nur endlich kennenlernen wolltest …«

Erin konnte nicht länger an sich halten. »Ich will sie aber nicht kennenlernen«, fauchte sie. Dann besann sie sich und versuchte es auf einem anderen Weg. »Du warst in letzter Zeit immer so beschäftigt. Du hast mich die Galerie in Knightsbridge praktisch allein führen lassen. Und Phil hat mir erzählt, dass du dich seit vierzehn Tagen auch nicht mehr in der Galerie in Whitechapel hast sehen lassen. Er ist nur der Geschäftsführer. Er sollte nicht die ganze Verantwortung allein tragen müssen.«

»Phil hat es noch nie gefallen, wenn ich mich in Whitechapel in die Leitung der Galerie eingemischt habe. Deshalb bin ich mir sicher, dass er nur froh über meine Abwesenheit ist. Was die Filiale dort angeht, hat Lauren übrigens einen Vorschlag gemacht, über den ich ernsthaft nachdenke.«

Verblüfft sah Erin ihren Vater an. »Was denn für einen Vorschlag?«

»Sie meinte, es sei eine gute Idee, sie zu verpachten, vielleicht an Phil, und gleichzeitig eine prozentuale Beteiligung am Gewinn zu behalten. So könnten wir uns darauf konzentrieren, das Geschäft in der bedeutend größeren Galerie in Knightsbridge auszuweiten. Wir haben über die Vorteile gesprochen, und ich glaube, es ist eine fabelhafte Idee.«

»Was weiß Lauren denn schon über den Kunsthandel? Und seit wann hat sie ein Mitspracherecht bei dem, was wir tun?«, fauchte Erin.

»Es war ja nur ein Vorschlag. Sie wollte bloß helfen.«

Erin war sprachlos. Sie mochte kaum glauben, dass ihr Vater über die Galerien mit Lauren diskutierte oder dass er gar auf ihren Rat hörte. Ihre Bedenken nahmen schlagartig zu.

»Tut mir leid, dass ich dich in den letzten Wochen mit der Leitung der Galerie in Knightsbridge ganz allein gelassen habe. Ich musste einfach mal Abstand gewinnen«, erklärte Gareth. »Ich verspreche dir, das wird sich ab jetzt ändern.«

Erin sah ihren Vater bekümmert an. Einen Moment zögerte sie noch, dann entschied sie, ihrem Vater eine weitere bittere Wahrheit mitzuteilen. »Vorige Woche habe ich Joyful Afternoon verkauft.«

Gareth verzog das Gesicht.

»Das war eines von Moms Lieblingsbildern«, fuhr Erin fort. Ihre Stimme brach. Es hatte ihr fast das Herz gebrochen, als sie hatte mit ansehen müssen, wie das Bild zur Tür hinausgetragen wurde. »Seitdem fragen die Kunden in der Galerie nach weiteren Gemälden von Mom. Und in Whitechapel ist das offenbar genauso.«

»Das musste doch passieren, Erin. Kunstliebhaber sind, was die Werke eurer Mutter angeht, im Moment sehr empfindsam. In ein paar Wochen werden sie ihr Interesse auf etwas anderes verlagern.«

Erin mochte ihren Ohren kaum trauen. »So wie du dein Interesse auf etwas anderes verlagerst, Dad.«

»Erin!«, empörte sich Gareth. »Wie kannst du so etwas sagen? So redest du mit mir nie wieder, hast du verstanden? Eure Mutter hat mir unendlich viel bedeutet. Ich würde sie auf der Stelle zurückholen, wenn ich nur könnte. Aber wir beide wissen, dass das nicht möglich ist.«

Erin wünschte, sie wäre nicht so aufbrausend gewesen, doch sie war einfach zu verletzt. »Wenn du Mom wirklich geliebt hättest, dann hättest du dich nach so kurzer Zeit nicht mit dieser Frau eingelassen, Dad.« Sie drehte sich auf dem Absatz um und lief weinend die Treppe wieder hoch.

Als Erins Onkel Cornelius seine Wohnungstür aufschließen wollte und seine Nichte auf der Treppe sitzen sah, konnte er deutlich erkennen, dass sie geweint hatte.

Sie war erleichtert, dass sie ihn antraf, denn er war geschäftlich in Thailand gewesen, und sie hatte nicht genau gewusst, wann er wieder zurück sein wollte. Als Erstes fiel ihr seine tiefe Bräune auf. Wie ein Thai sah er aus.

»Hallo, Onkel«, sagte sie. »Seit wann bist du zurück?«

»Seit gestern Abend, Erin. Geht es dir nicht gut?« Cornelius bat sie in die Wohnung.

»Ich bin … einfach nur froh, dich zu sehen«, sagte Erin. Ihr war klar, dass ihr Onkel in den Zeitungen noch nichts über ihren Vater und Lauren gelesen haben konnte, wenn er gerade erst zurück war. »Wie war Thailand?«

»Brüllend heiß, aber die Reise war ein Riesenerfolg. Ich habe ein paar herrliche Saphire gekauft.«

Cornelius wusste, dass Erin ihre Mutter vermisste. Auch er vermisste seine einzige Schwester schrecklich. Zu wissen, dass sie bei seiner Rückkehr nach London nicht da sein würde, war kaum zu ertragen gewesen. Er und Jane hatten einander sehr nahegestanden, vor allem seit er seine Frau Corinna nach deren drei Jahre andauerndem Kampf gegen den Krebs verloren hatte. Der Tumor war entdeckt worden, nachdem sie jahrelang vergeblich versucht hatte, schwanger zu werden, und sich schließlich gründlich hatte untersuchen lassen.

»Möchtest du einen Brandy?« Cornelius fand, dass seine Nichte so aussah, als ob sie eine kleine Stärkung gebrauchen könnte. Sich selbst schenkte er auch ein.

Erin spürte, dass Cornelius darauf wartete, dass sie etwas sagte, nachdem sie angestoßen hatten, aber das fiel ihr schwer. Sie wusste, ihr Onkel wäre wütend auf ihren Vater, er hatte ihr jedoch immer solch wunderbare, hilfreiche Ratschläge gegeben. Und genau das brauchte sie jetzt mehr denn je.

»Du vermisst deine Mom sehr, stimmt’s?«, fragte Cornelius.

Erin nickte unter Tränen. »Ich kann einfach nicht glauben, dass sie für immer fort ist.«

»Ich vermisse sie auch«, gab Cornelius zu. »Ich wünschte, ich könnte sagen, dass die Zeit alle Wunden heilt, aber das trifft auf mich anscheinend nicht zu.« Die Zeit hatte den Schmerz über Corinnas Verlust nicht gelindert. Wenn überhaupt, vermisste er sie mit jedem Jahr nur noch mehr.

Seine Schwester Jane war jünger gewesen als er, ihr Tod war plötzlich gekommen und ein schwerer Schock für alle gewesen. Sie hatte in ihrem Atelier im Dachgeschoss an ihrer Staffelei gesessen und gemalt und war einfach tot umgefallen. Bei der Obduktion hatte sich herausgestellt, dass sie ein Aneurysma im Gehirn gehabt hatte, das gerissen war. Der Tod war sofort eingetreten. Niemand hatte ahnen können, dass so etwas passieren würde, in den Stunden davor hatte sie kaum mehr als leichte Kopfschmerzen verspürt.

»Ja, es ist schrecklich, deswegen bin ich jedoch nicht so aufgeregt, Onkel Cornelius«, sagte Erin.

»Was ist denn dann? Geht es Bradley nicht gut?«

Bradley war ein vollkommen gesundes Kind gewesen, bis er mit sieben Jahren an Kinderlähmung erkrankt war. Die Ärzte hatten Gareth und Jane gesagt, er würde nie wieder gehen können. Gareth hatte beschlossen, diesen Schicksalsschlag zu akzeptieren und mit Würde zu tragen, und seine Traurigkeit nicht gezeigt. Doch Jane hatte sich voller Wut geweigert hinzunehmen, dass ihr Sohn dauerhaft mit einer Behinderung leben sollte. Tag für Tag hatte sie mit Bradley gearbeitet, hatte einen eigens auf ihn zugeschnittenen Therapieplan entworfen. Ihre harte Arbeit und Bradleys starker Wille hatten sich ausgezahlt, als er sich entgegen allen ärztlichen Prognosen auf wundersame Weise erholt hatte. Das einzige Anzeichen dafür, dass er je Kinderlähmung gehabt hatte, war ein leichtes Hinken. Er war wild entschlossen gewesen, nichts auszulassen, und so hatte er begeistert am Schulsport teilgenommen und später solch abenteuerliche Dinge wie Bergsteigen und Wasserskilaufen zu seinem Hobby gemacht – sehr zum Missfallen seiner Mutter. Cornelius bewunderte seinen Neffen unendlich, aber das hielt ihn nicht davon ab, sich um dessen Gesundheit zu sorgen.

»Bradley geht es gut. Wir machen uns beide Sorgen um Dad.«

»Er wird eine ganze Weile nicht mehr der Alte sein«, sagte Cornelius. »Der Trauerprozess ist schwierig, ihr müsst ihn ermutigen, aus dem Haus zu gehen und sich mit Leuten zu treffen. Wenn er sich vergräbt, so wie ich das eine Zeit lang gemacht habe, oder sich in die Arbeit stürzt, wird ihm das auf Dauer nicht guttun.«

»Ich wünschte, er würde genau das machen, aber das ist es leider nicht«, sagte Erin.

»Was meinst du damit?«

»Er hat eine neue Freundin, die seine ganze Zeit in Anspruch nimmt.«

Cornelius war verwirrt. »Eine Freundin?«

»Er trifft sich mit einer geschiedenen Frau namens Lauren Bastion. Dreimal war sie verheiratet. Bradley und ich glauben, sie ist hinter reichen Männern her und hat ein Auge auf Dad geworfen.«

Cornelius verzog bekümmert das Gesicht. »Willst du damit sagen, dein Vater verabredet sich mit dieser Frau und geht mit ihr aus?«, erkundigte er sich verärgert. »Deine Mutter ist gerade mal ein paar Wochen unter der Erde.«

»Dad sagt, sie sind nur Freunde, sie treffen sich allerdings ziemlich oft. Letzte Woche war ich fast die ganze Zeit allein in der Galerie in Knightsbridge, während Dad mit Lauren durch die Gegend gezogen ist.«

Cornelius spürte, wie Zorn in ihm aufkochte, er wollte Erin jedoch nicht noch weiter aufregen. »Du solltest die Verantwortung für die Galerie nicht ganz allein tragen«, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. »Das ist ziemlich rücksichtslos von deinem Vater. Du trauerst schließlich auch.«

»Die Arbeit macht mir nichts aus, Onkel Cornelius. Es hat mir sogar gutgetan, so beschäftigt zu sein. Und allein in der Galerie zu arbeiten ist eine Herausforderung und eine gute Übung für die Zukunft.« Dass sie hoffte, die Galerien eines Tages zu leiten, wenn ihr Vater sich zur Ruhe gesetzt haben würde, war ein offenes Geheimnis. »Nur Lauren Bastions Anwesenheit in Vaters Leben macht mir Kummer. Ich will damit nicht sagen, dass er für den Rest seines Lebens allein bleiben sollte. Eines Tages, so hoffe ich, wird er die Liebe wiederfinden, denn ich glaube, das hätte Mom für ihn gewollt. Nur … Bradley und ich trauen dieser Lauren nicht über den Weg. Und wenn einer von uns etwas Schlechtes über sie sagt, hört Dad einfach nicht hin. Er glaubt, dass sie bisher nur Pech in der Liebe hatte. Dass er ihren schlechten Ruf ignoriert, begreife ich nicht. Es sind schon Bekannte in die Galerie gekommen, die mir von ihr erzählt haben. Und alles, was sie gesagt haben, hat mich beunruhigt. Ich mache mir Sorgen, wenn ich sehe, wie viel Zeit er mit ihr verbringt. Ich bin schon ganz verzweifelt.« Erin sah ihrem Onkel an, dass er sehr aufgewühlt war. »Tut mir leid, ich hätte dir das nicht erzählen sollen. Wie rücksichtslos von mir. Mom war deine Schwester. Ich hatte nur gehofft, du könntest mir einen Rat geben.«

»Sie hat in seinem Leben nichts zu suchen, aber du bist nicht diejenige, die sich darum kümmern muss, dass sie daraus verschwindet, Erin.« Cornelius überlegte, dass er das Gareth in sehr naher Zukunft von Angesicht zu Angesicht sagen musste.

»Ich weiß, nur … er sieht nicht, dass sie die Falsche ist. Das will er einfach nicht sehen.«

»Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich jetzt gern über etwas anderes reden, Erin«, sagte Cornelius freiheraus.

Erin verstand. »Entschuldige, Onkel Cornelius. Ich freue mich für dich, dass deine Reise erfolgreich war. Hast du schon einen Käufer für die Saphire im Sinn?«

»Ja, in der Tat. Ein Goldschmied aus Malaysia sieht sie sich morgen an. Er hat früher schon Edelsteine von mir gekauft. Ich schätze, ich kann einen schönen Gewinn einstreichen. Die Qualität und die Reinheit der Steine ist außergewöhnlich.« Er versuchte, ruhig zu sprechen, tatsächlich brodelte die Wut über Gareth direkt unter der Oberfläche.

»Willst du bald wieder auf Reisen gehen?«

»Etwas hat da mein Interesse geweckt. Auf dem Rückflug von Thailand saß ich neben einem Australier«, erklärte Cornelius. »Er erzählte mir, der größte je auf der Welt gefundene Opal sei gerade auf den Opalfeldern von Coober Pedy in Australien entdeckt worden. Man gab ihm den Namen Olympic Australis, zu Ehren der Stadt Melbourne, die dieses Jahr Gastgeber der Olympischen Spiele ist.«

Erins Interesse erwachte. »Davon habe ich letzte Woche im Enquirer gelesen. Den Artikel habe ich für dich aufgehoben, dann habe ich nicht mehr dran gedacht und vergessen, ihn mitzubringen. Der Stein muss eine Sensation sein.« Edelsteine hatte Erin immer schon faszinierend gefunden.

»Es ist der größte und wertvollste Opal, der je gefunden wurde. Den würde ich wahnsinnig gern mal sehen.«

»Würdest du ihn gern besitzen?«, fragte Erin, die Cornelius’ Aufregung spürte.

»Jeder Edelsteinhändler träumt davon, solch ein wertvolles Stück zu besitzen, aber der muss ein Vermögen kosten«, antwortete Cornelius. »Jedenfalls weit mehr, als ich mir leisten kann.« Er war erfolgreich in seinem Geschäft, solch eine Riesensumme für einen einzigen Edelstein auszugeben war allerdings ein enormes Risiko. »Ich habe beschlossen, in ein paar Wochen nach Australien zu fliegen. Ich bin schon mal in Andamooka gewesen und habe Opale gekauft, dieses Mal will ich nach Coober Pedy. Der Arbeitswille und die Aufregung in der Stadt sind so groß wie noch nie. Alle, die in einer Mine arbeiten, denken, sie fänden den nächsten Opal.«

Erin wurde von der Begeisterung ihres Onkels angesteckt. »Am liebsten würde ich mit dir fliegen«, sagte sie.

»Die Minen sind kein Ort für eine Frau wie dich, Erin«, erwiderte Cornelius ernst.

»Gibt es denn keine Frauen in Städten wie Andamooka und Coober Pedy?«

»Doch, aber das sind keine Stadtmenschen so wie du.« Er wies auf Erins modische Kleidung. »Nach allem, was ich gesehen habe, gibt es in den Minen nur wenige Frauen, die meisten davon Aborigines. Es ist ein hartes Leben dort mit vielen Entbehrungen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du es länger als nur einen Tag aushalten würdest.«

»Ich bin zäher, als du denkst, Onkel Cornelius«, beharrte Erin. »Ich bin schon mal zelten gewesen. Ich habe auf einem Feldbett geschlafen und über offenem Feuer gekocht.«

Beinahe hätte Cornelius gelacht. »Ein Wochenende im Ferienlager von Butlins kannst du nicht vergleichen mit dem primitiven Leben in den Opalminen. Die letzte Reise nach Spanien, während der du in einem Fünfsternehotel gewohnt hast, zählt übrigens auch nicht. Das Leben im Outback von Australien kannst du dir gar nicht vorstellen.«

Erin wusste, dass ihr Onkel recht hatte. Es erschien ihr jedoch gerade jetzt sehr reizvoll, ganz weit weg reisen zu können.

»Wie geht es Andy Stanford? Trefft ihr euch noch?«

»Ja, wir treffen uns noch. Er war vierzehn Tage weg, wird aber morgen Abend wieder zurück sein. Wir sind für Samstag verabredet.« Andy hatte versprochen, es würde ein ganz besonderer Abend werden.

»Er ist ziemlich oft unterwegs, was?«

»Ja, geschäftlich. Er will sein Hotelimperium vergrößern, also prüft er Hotels, die eine rentable Investition sein könnten. Er war diese Woche in Wales und in Schottland.«

»Man sollte meinen, er hätte genug damit zu tun, sich um das Langham mit seinen vierhundert Zimmern und fünfzig Suiten zu kümmern«, bemerkte Cornelius sarkastisch.

»Er ist eben ehrgeizig«, erklärte Erin stolz.

»Und? Wie benimmt er sich? Ich weiß noch, als du anfingst, mit ihm auszugehen, warst du nicht so sicher, ob er treu sein kann, denn er hatte einen ziemlich üblen Ruf, was die Frauen anging.«

»In der Vergangenheit hat er es wohl ganz schön wild getrieben, ich hätte mich allerdings nicht regelmäßig mit ihm getroffen, wenn ich nicht sicher gewesen wäre, dass er zu einer ernsthaften Beziehung fähig ist. Bis jetzt ist er treu gewesen. Jedenfalls habe ich keine Gerüchte gehört, die etwas anderes hätten vermuten lassen. Weißt du, ich bin nicht die Art Frau, die sich hintergehen lassen würde.« Tatsächlich war Erin überzeugt davon, dass Andy vernünftig geworden war.

»Ich weiß. Ich hätte richtig Mitleid mit ihm, wenn du ihn dabei ertappen würdest, dass er irgendwas hinter deinem Rücken anfängt.« Cornelius zwinkerte Erin zu.

»Dazu hättest du auch allen Grund«, feixte sie.

3

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»Musst du mir denn wirklich die Augen zubinden?«, jammerte Erin und betastete den Schal, den Andy ihr umgebunden hatte.

Er führte sie zum Aufzug in der Halle des Hotel Langham, und ihr war es peinlich, von den Hotelgästen so gesehen zu werden. Andy hatte ihr mehr als einmal erzählt, dass sein Hotel als erstes in England einen hydraulischen Aufzug hatte, der von allen bewundert wurde, und darauf war er sehr stolz.

»Ja, das muss sein«, sagte Andy geduldig, als er den Knopf für die gewünschte Etage drückte und beobachtete, wie die Tür sich schloss. »Entspann dich und vertrau mir, Erin. Meine Überraschung wird dir gefallen.«

»Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich nicht sehe, wohin ich gehe«, beklagte sich Erin. Sie drückte Andys Hand, als der Aufzug sich in Bewegung setzte. Sie fand es furchtbar, sich so ausgeliefert zu fühlen.

»In einer Minute sind wir da«, beruhigte Andy sie und lächelte verstohlen. Er fand es schön, dass Erin stark und unabhängig war, aber manchmal wollte er gern das Sagen haben, und das fand sie schwierig.

Der Aufzug hielt, und Erin hörte, wie die Tür sich öffnete. Andy führte sie auf den Korridor hinaus. Sie gingen nach rechts und dann eine Weile geradeaus, so lange, dass es Erin wie eine Ewigkeit vorkam. Sie war nur dankbar, dass sie niemanden vorbeigehen hörte.

»Habe ich dir erzählt, dass Mark Twain mal auf dieser Etage übernachtet hat, und Napoleon III. und Oscar Wilde auch?«

»Sind wir ganz oben?«, fragte Erin, die sich nicht ablenken lassen wollte.

Wieder lächelte Andy. Erin schien nie beeindruckt, wenn er die Namen berühmter Gäste seines Hotels erwähnte. »Hinweise gebe ich keine«, sagte er. Er hatte seinen Spaß daran, es spannend für sie zu machen. »Jetzt heb den Fuß, denn wir müssen ein paar Stufen hoch«, sagte Andy.

»Stufen! Wohin bringst du mich?«

»Entspann dich, es wird dir gefallen«, beruhigte Andy sie, als er Erin die kleine Treppe hochführte. »Jetzt werde ich ganz kurz deine Hand loslassen und eine Tür öffnen, also halt dich am Geländer fest. Und nicht schummeln!«

»Jetzt reicht es aber, Andy! Ich nehme das Tuch ab«, schimpfte Erin.

»Wag das ja nicht!«

Sie hörte ihn eine offenbar schwere Tür öffnen. Dann nahm er wieder ihre Hand und führte sie weiter. Frische Luft schlug ihr entgegen, und sie hörte Straßenlärm.

»Wo sind wir?«, fragte Erin jetzt neugierig. Sie hörte, wie die Tür hinter ihr schwungvoll ins Schloss fiel.

»An einem Ort, der für alle anderen verboten ist, kaum einer ist je hier gewesen«, antwortete Andy geheimnisvoll. Offenbar war er sehr zufrieden mit sich.

Erin war alles andere als beruhigt. Andy nahm ihr jetzt vorsichtig das Tuch ab. Er bedachte sie mit einem strahlenden Lächeln, dann trat er zur Seite.

Erin hielt die Luft an. »Wir sind auf dem Dach!«, rief sie, verblüfft über die Aussicht.

»Stimmt genau«, erklärte Andy stolz.

Erin kannte London gut, schließlich hatte sie ihr ganzes Leben hier verbracht. Die Dächer der Gebäude von so hoch oben zu sehen hatte jedoch etwas Magisches. Die Lichter funkelten wie Sterne in der Dunkelheit. Es war, als sähe sie die Stadt zum ersten Mal.

»Das habe ich lange geplant und gebetet, dass das Wetter heute Abend mitspielt«, erklärte Andy fröhlich. »Und es hätte gar nicht besser kommen können.« Er nahm Erins Hand und führte sie weiter vor bis zum Geländer. Menschen und Fahrzeuge auf dem Portland Place und der nahegelegenen Oxford Street wirkten wie Miniaturen, die Straßen sahen ganz schmal aus. Das Hotel Langham lag im Marylebone District, von hier aus sah man in der Ferne den Regent’s Park.

»Was für ein fantastischer Ausblick, Andy«, sagte Erin aufrichtig. »Wieso hast du mich nicht früher schon mal hierhergebracht?«

»Ich habe auf einen besonderen Abend gewartet«, sagte er.

Im Erdgeschoss des Hotels gab es eine elegante Halle, den berühmten Palm Court Tearoom, das noble Restaurant Landau und eine Bar. Darüber gab es vier Etagen mit Zimmern und Suiten, sodass sie hier auf dem Dach fünf Etagen über dem Erdboden waren.

»Aber dafür musstest du mir doch nicht die Augen verbinden«, schalt Erin sanft. »Ich hatte keine Ahnung, wohin du mich bringst.«

»Genau das war meine Absicht, und es ist erst ein Teil der Überraschung«, sagte Andy.

Er führte sie weg vom Geländer, hin zu einem anderen Teil des Daches, und wieder hielt Erin die Luft an. Bunte Lampions beleuchteten einen mit einem frisch gestärkten weißen Tischtuch belegten Tisch, der mit edlem Porzellan, glänzendem Silber und Kristallgläsern gedeckt und mit einer roten Rose in einer schmalen, hohen Vase sowie Kerzen dekoriert war. Ein Servierwagen stand neben dem Tisch, darauf Teller mit Speiseglocken abgedeckt und eine Flasche Champagner in einem Sektkühler voller Eis.

»Ach du meine Güte, Andy«, entfuhr es Erin. Sie nahm das Aroma von etwas Köstlichem wahr. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Das ist wunderschön«, sagte sie überwältigt. »Was ist denn der Grund für das alles? Geburtstag habe ich heute nicht, und seit einem Jahr gehen wir auch noch nicht miteinander.«

»Ich brauche doch keinen besonderen Grund, um meine wunderschöne Freundin zu überraschen«, sagte er.

»Nein, wohl nicht, das hier ist jedoch wirklich etwas Besonderes«, erwiderte Erin und lachte glücklich.

»So sollte es auch sein«, sagte Andy. Er zog ihren Stuhl vor, damit sie sich setzen konnte, dann nahm er ihr gegenüber Platz. Sehnsuchtsvolle Klänge erfüllten plötzlich die Luft.

»Wo kommt die Musik denn her?« Erin schaute über die Schulter. Am anderen Ende des Daches stand ein Klavier, daran saß ein Mann im Abendanzug und spielte. Wieder lachte sie entzückt auf. »Wie hast du denn ein Klavier hier hoch bekommen?«, fragte sie ungläubig.

»Das war ein bisschen kompliziert«, gab Andy zu, womit das Drama deutlich heruntergespielt war. Zum Glück lebte er auf, wenn er sich einer Herausforderung stellen musste.

»Du hast ja wirklich an alles gedacht«, sagte sie.

Andy stellte einen Teller vor Erin und hob die Cloche. Zum Vorschein kamen Hummer Thermidor, Folienkartoffeln und knackige grüne Bohnen. Erin lief das Wasser im Mund zusammen. Das Essen sah fantastisch aus.

»Mein Lieblingsessen«, freute sie sich.

»Natürlich«, sagte Andy. Dann hob er eine weitere Cloche und enthüllte eine Auswahl aufwendiger hausgebackener kleiner Teekuchen und Miniaturpastetchen, alles aus dem Palm Court. »Lass dir Platz fürs Dessert«, riet er.

Erin fand keine Worte. Schon mehrmals hatte sie im Palm Court beim Tee gesessen, jedes Mal war es ein wirklich überwältigendes Erlebnis gewesen. Der Teesalon war elegant wie ein Palast, und der Chefpâtissier war ein Meister im Erschaffen beeindruckender Kuchenkreationen. Seine Torten waren so imposant, dass sie beinahe zu schade zum Essen waren.

»Hat dir schon mal jemand gesagt, was für ein aufmerksamer Freund du bist?«

»Ein oder zwei meiner letzten Freundinnen haben so was in der Art erwähnt«, sagte Andy und lachte, als sie die Augen aufriss. »Ich mache doch bloß Spaß«, fügte er hinzu. »Du bist die einzige Frau für mich, Erin Forsyth.«

»Na gut«, sagte Erin und verbannte die Gedanken an seine Schürzenjägerzeiten in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins, damit sie den herrlichen Abend genießen konnte. »Als du sagtest, du hättest etwas Besonderes geplant, habe ich mir nicht vorstellen können, dass es so etwas sein würde.«

»Freust du dich?«

»Das wäre untertrieben, Andy. Du hast dir richtig viel Mühe gemacht. Ich kann dir gar nicht sagen, wie beeindruckt ich bin.«

Erin sah in Andys attraktives Gesicht, lächelte und dachte, wie erwachsen er doch geworden war, seit sie sich kennengelernt hatten. Gesehen hatten sie sich das erste Mal ein paar Jahre zuvor, als Erin achtzehn gewesen war. Sie war mit ihren Eltern auf einer Party seiner Eltern im Hotel gewesen. Ihr erster Eindruck von Andy war, dass er unreif und ein ziemlicher Casanova war. Aber der Mann von damals war Lichtjahre entfernt von dem Mann, der er heute war.

»So schön wie heute Abend hast du noch nie ausgesehen«, sagte er. Sie trug ein blassrosafarbenes Kleid, das ihr langes dunkles Haar und ihre dunkelbraunen Augen betonte.

»Das macht die schummrige Beleuchtung, die schmeichelt mir«, erwiderte Erin und lächelte scheu.

»Nein, das ist es nicht«, erwiderte Andy. »Du bist bei jeder Beleuchtung wunderschön.«

Er hatte sie immer schon für eine der attraktivsten Frauen Londons gehalten, und für eine der intelligentesten, doch als sie einander dann vorgestellt wurden, fand er, dass sie nicht die Art Frau war, mit der er normalerweise ausging. Sie studierte Kunstgeschichte und verkehrte mit Künstlern wie Malern und Bildhauern. Andy ging mit den typischen Partymädchen aus und trieb sich bis in die frühen Morgenstunden in Nachtclubs und Bars herum.

Ein Jahr zuvor hatten sie sich dann bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung wiedergetroffen, und da hatte Andy Erin in einem völlig anderen Licht gesehen. Sie hatte Humor, aber auch ihre Intelligenz fand er inzwischen deutlich anziehender − die vielen sinnlosen kurzen Beziehungen und die nächtelangen Partys im Alkoholrausch war er endgültig leid geworden. Er bat sie, mit ihm auszugehen, aber zu seiner großen Überraschung, ja beinahe Bestürzung, lehnte sie rundheraus ab. Das bestärkte ihn nur noch in seinem Entschluss und machte Erin für ihn umso attraktiver.

Also bat er sie Woche für Woche erneut um ein Rendezvous. Davon, dass sie immer wieder ablehnte, ließ er sich nicht abschrecken. Fast täglich schickte er ihr Blumen und Geschenke, bis sie schließlich nachgab und mit einem gemeinsamen Abendessen einverstanden war. Was Andy allerdings nicht wusste, war, dass nicht sein Charme und seine Beharrlichkeit sie mürbe gemacht hatten − Erin war von ihrem Vater überredet worden, ihm eine Chance zu geben.

»Ich bin bloß froh, dass ich es nicht aufgegeben habe mit dir«, sagte Andy, als er ihr nun ein Glas Champagner einschenkte.

»Und ich bin ganz genauso froh darüber«, erwiderte Erin und dachte voller Dankbarkeit an ihren Vater. »Oh, der Hummer ist göttlich«, seufzte sie, nachdem sie genüsslich ein großes Stück davon gegessen hatte. »Ich glaube, ich muss wohl gestorben und im Himmel gelandet sein.« Fröhlich lachte sie.

Plötzlich wurde Andy ernst. »Ich habe über die Zukunft nachgedacht, Erin«, sagte er sichtlich nervös.

»Ach ja?«, erwiderte sie. »Hast du wieder mal ein Hotel entdeckt, das du gern kaufen würdest?« Sie konnte sich gut vorstellen, dass die Übernahme eines weiteren Hotels mit einer immensen Verantwortung verbunden sein würde.

»Das wäre tatsächlich nicht ganz abwegig, aber nein, es geht eher um mein Privatleben. Ich möchte sesshafter werden. Arbeit ist einfach nicht alles. Es hat eine Weile gedauert, bis ich erkannt habe, dass das Wichtigste doch die Familie ist.«

»Das ist dir sicher bewusst geworden, als du deinen Vater so plötzlich verloren hast«, erwiderte Erin, die an ihre Mutter dachte und daran, wie viel die Familie ihr immer bedeutet hatte, mitfühlend.

Zweieinhalb Jahre zuvor war Kevin Stanford gestorben, und Andy hatte das Hotel geerbt. Seine einzige Schwester war nach Rhodesien gezogen, wo ihr Mann einen Posten als Wildhüter in der Hwange Safari Lodge angenommen hatte.

Kevin hatte das Hotel nach der Weltwirtschaftskrise sehr günstig erworben. Das Gebäude sollte der BBC angeboten werden, die dort ihr Büro einrichten wollte, aber sie hatte auf einem Grundstück gegenüber gebaut. Im Zweiten Weltkrieg war das Hotel teilweise vom Militär genutzt und dann durch Bomben beschädigt worden. Es hatte umfangreich saniert, umgestaltet und renoviert werden müssen, was Kevin Stanford innerhalb von fünf Jahren gelungen war. Jetzt war das Langham ohne jeden Zweifel das prächtigste Hotel Londons.

»Ja, da ist sicher was dran, aber ich habe das Gefühl, dass ich inzwischen bereit bin, die Verantwortung für eine eigene Familie zu tragen«, sagte Andy.

Erin war perplex. Andy kümmerte sich intensiv um sein Geschäft, rein privat jedoch, so hatte sie immer gedacht, lebte er für den Augenblick. Wenn er auch nicht mehr jeden Abend mit seinen Freunden in die Nachtclubs ging, wollte er doch trotzdem noch seinen Spaß haben.

»Ich hätte gedacht, so etwas Ernstes würde ich dich erst sehr viel später sagen hören«, bemerkte sie lächelnd.

»Du hast mich verändert, Erin«, sagte Andy und schaute in ihre dunklen Augen. »Ich bin reifer geworden, das Zusammensein mit dir hat einen besseren Menschen aus mir gemacht. Ohne dich kann ich mir das Leben nicht mehr vorstellen.«

»Es ist lieb, dass du so was sagst, Andy.« Erin war ehrlich gerührt.

»Deshalb … will ich dich heiraten«, platzte Andy heraus.

»Du willst … du willst was?« Ungläubig sah Erin, wie Andy aufstand und auf sie zukam. Gebannt hielt sie die Luft an, als er sich auf die Knie fallen ließ. »Was … was machst du da, Andy?«, stammelte sie.

»Erin Forsyth, willst du mir die Ehre erweisen, meine Frau zu werden?«, fragte Andy ernst.

Erin mochte nicht glauben, was sie da hörte. Fassungslos starrte sie den jungen Mann an. Der Augenblick hatte etwas Unwirkliches.

Andy griff in seine Jackentasche und holte ein kleines schwarzes Samtschächtelchen hervor. Er öffnete es, und zu sehen war ein Weißgoldring mit einem funkelnden Diamanten, eingefasst von winzigen Rubinen. Fasziniert betrachtete Erin das Schmuckstück.

»An Hochzeit habe ich noch gar nicht gedacht«, gestand sie aufrichtig. Sie fühlte sich noch so jung, frühestens in ein paar Jahren, so hatte sie immer gedacht, würden sie übers Heiraten reden, wenn sie dann immer noch zusammen waren. Es kam alles so unerwartet.

»Heirate mich, Erin«, bat Andy.

»Wir sind doch erst seit einigen Monaten zusammen«, erwiderte Erin. »Woher willst du wissen, dass ich die Frau bin, mit der du den Rest deines Lebens verbringen möchtest?«

»Ich weiß es ganz sicher, denn ich liebe dich so sehr. Daran ändert sich auch dann nichts, wenn wir noch warten. Ich will jetzt mein Leben als dein Ehemann beginnen. Willst du nun meine Frau werden?«

Erin war zu überrascht, um etwas sagen zu können.

»Liebst du mich?«, fragte Andy. Allmählich machte er sich Sorgen, dass sie ihn abweisen würde.

»Ja, aber … wir müssen das mit der Hochzeit doch nicht übereilen«, antwortete Erin.

»Wieso denn warten, Erin?«, fragte Andy. »Ich verspreche, ich werde dich jeden Tag glücklich machen, wenn wir verheiratet sind. Was ich heute Abend für dich getan habe, ist nur ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird. Also: Willst du mich heiraten, willst du Mrs. Andrew Stanford werden?«

Erin war ganz gefangen von dem Augenblick − der verzauberten Umgebung, den glitzernden Lichtern, dem funkelnden Diamantring. Es war alles so perfekt.

»Bitte sag Ja, bevor mein kaputtes Knie noch ganz gefühllos wird«, sagte Andy und verzog das Gesicht. Bei einem Skiunfall hatte er sich eine Knieverletzung zugezogen, mit der er immer noch Probleme hatte.

Erin lächelte, nickte aber zu ihrer eigenen Verblüffung.

»Soll das ein Ja sein?«, fragte Andy, um ganz sicherzugehen.

»Ja«, sagte Erin. »Ich will deine Frau werden.«

»Oh, Gott sei Dank!« Andy rappelte sich auf und rieb sich das schmerzende Knie. Dann riss er Erin an sich, wirbelte sie herum und lachte überglücklich. Er küsste sie leidenschaftlich und steckte ihr den Ring an den Finger. »Dann sind wir jetzt verlobt«, sagte er fröhlich.

»Ja, verlobt«, erwiderte Erin wie in Trance.

Gareth wollte gerade die Haustür aufschließen, als er sich einer Gestalt bewusst wurde, die im Dunkel der Veranda lauerte.

»Wer ist da?«, fragte er. Sein Herz raste.

»Ich muss mit dir reden«, hörte er die ungehaltene Stimme eines Mannes.

»Cornelius! Du hast mich zu Tode erschreckt.« Es war spät, weshalb es Gareth überraschte, seinen Schwager zu sehen, aber dessen Anspannung entging ihm nicht. »Komm rein und trink einen Brandy mit mir.«

»Ich will nicht hereinkommen, und ich will ganz bestimmt keinen Brandy mit dir trinken«, gab Cornelius bissig zurück.

»Stimmt was nicht?«, fragte Gareth. Sie hatten sich immer gut verstanden, deshalb hatte er keine Ahnung, weshalb Cornelius so offen feindselig war.

»In der Tat. Da stimmt etwas ganz und gar nicht. Der Leichnam meiner Schwester ist noch nicht einmal kalt, und schon hältst du eine andere Frau in den Armen.« Cornelius hatte das Bedürfnis, Gareth zu schlagen, doch aus Respekt vor dem Andenken an seine Schwester hielt er sich zurück.

»Ich weiß nicht, was du gehört hast, aber du musst etwas falsch verstanden haben«, erwiderte Gareth.

»Ganz London spricht darüber«, zischte Cornelius. Er hatte Erkundigungen eingezogen, und was er herausgefunden hatte, machte ihn noch wütender, als er ohnehin schon war. »Wie konntest du das Andenken an Jane so in den Schmutz ziehen?«

»Ich bin nicht verliebt, Cornelius. Ehrenwort.«

»Das glaube ich dir nicht. Wo bist du heute Abend gewesen?«

»Ich habe im Astoria gegessen«, antwortete Gareth, der sich darüber ärgerte, sich rechtfertigen zu müssen. »Essen muss ich schließlich mal was.«

»Allein?«

»Nein«, sagte Gareth ehrlich. »Miss Bastion und ich sind trotzdem nur Freunde. Wir haben nichts miteinander.«

»Nach allem, was ich höre, verspeist sie Männer wie dich zum Frühstück.«

»Du weißt doch, wie Gerüchte aufgebauscht werden. Sie ist in einer schwierigen Phase meines Lebens freundlich zu mir«, erklärte Gareth. »Das ist alles.«

Cornelius schnaubte. »Du entehrst das Andenken an meine Schwester und verspottest ihre tiefe Zuneigung zu dir. Ohne ihre Bilder wäre es mit dem Geschäft vor Jahren schon den Bach runtergegangen. Du wärst ein Niemand. Und Anerkennung hast du ihr nie dafür gezollt.«

Diese rüden Bemerkungen verletzten Gareth, aber er konterte nicht, denn er wusste, dass Cornelius nicht er selbst war. »Es scheint, du glaubst sowieso nur, was du glauben willst. Deshalb ist es wohl sinnlos, das Gespräch heute Abend fortzusetzen. Vielleicht, wenn du wieder etwas klarer denken kannst …«

»Wenn du schon nicht an meine Schwester denkst, dann überleg wenigstens mal, wie schäbig du dich Erin und Bradley gegenüber verhältst«, sagte Cornelius vorwurfsvoll.

Gareth verlor die Geduld. »Ich habe Jane geliebt, und das weißt du ganz genau, Cornelius. Doch was ich jetzt tue, geht dich nichts an.« Er schloss die Haustür auf, ging in den Flur und warf die Tür hinter sich zu, und damit ließ er Cornelius schäumend vor Wut und alles andere als zufriedengestellt zurück.

»Onkel Cornelius! Was machst du denn hier um diese Zeit?«

Als Erin und Andy Cornelius vor dem Forsyth’schen Haus entdeckten, gingen sie verblüfft auf ihn zu.

Cornelius hörte seine Nichte nicht, und wenn doch, gab er das nicht zu erkennen. Er war so wütend auf Gareth, dass er kaum klar denken konnte. Mit gesenktem Kopf stapfte er davon.

Erin stand da und sah seiner sich entfernenden Gestalt hinterher. »Er hat mich gar nicht beachtet«, sagte sie ungläubig zu Andy.

»Ich glaube, er hat dich nicht gehört.«

Andy fand, dass Erins Onkel wie in Trance gewirkt hatte. Cornelius war normalerweise ein sehr höflicher Mensch, er würde seine Nichte nicht einfach so ignorieren, wenn es nicht einen triftigen Grund dafür gäbe.

»Er muss mich doch gehört haben. Da stimmt etwas nicht.« Erin ging die Stufen zum Haus hoch und öffnete die Tür. »Dad«, rief sie.

»Hier bin ich, Erin«, rief Gareth von der Wohnzimmertür her. Er hielt ein großes Glas Whiskey in der Hand und leerte es nun in einem Zug.

Erin sah deutlich, dass auch ihr Vater verstört wirkte. »Ich habe gerade Onkel Cornelius draußen gesehen. Hat er dich besucht? Stimmt irgendwas nicht?«

»Es ist unwichtig.« Gareth machte eine wegwerfende Handbewegung. »Hallo, Andy. Wie geht es Ihnen?«, wandte er sich scheinbar gelassen an den Begleiter seiner Tochter.

»Sehr gut, danke, Sir«, antwortete Andy. Er lächelte Erin an. »Wir haben gute Neuigkeiten, Sir«, sagte er. »Wenigstens hoffen wir, dass Sie das auch so sehen.«

Gareth schaute Andy und seine Tochter fragend an. »Gute Neuigkeiten, sagen Sie. Das kann ich wirklich gebrauchen«, erwiderte er.

»Andy hat mich heute Abend gebeten, seine Frau zu werden«, erklärte Erin aufgeregt. Sie hob die Hand, um ihrem Vater den Verlobungsring zu zeigen.

Gareth riss die Augen auf. »Das ist ja wunderbar«, rief er erfreut. Er nahm Erin in die Arme, dann schüttelte er Andy die Hand und klopfte ihm auf die Schulter. »Herzlichen Glückwunsch. Ich wünschte, Ihr Vater wäre hier und könnte das miterleben.«

»Ich auch, Sir«, sagte Andy. Seine Mutter war nach dem Tod des Vaters nach Schottland gezogen, um in der Nähe seiner Großmutter zu sein.

»Wissen Sie, ein Jahr vor dem Tod Ihres Vaters haben wir oft darüber geredet, dass unsere Kinder mal heiraten würden. Natürlich seid ihr damals noch nicht zusammen gewesen.«

»Ich hatte keine Ahnung, Dad«, sagte Erin.

»Damals war Andy ein ziemlicher Charmeur, aber sein Vater wusste, er würde eines Tages solide, und er dachte, du wärst diejenige, die ihn zähmen könnte. Offenbar hat er richtiggelegen. Das muss begossen werden. Champagner wäre jetzt wohl angebracht. Hol doch Bradley, er soll sich zu uns gesellen.«

»Ich gehe ihn holen, wenn Sie erlauben, Sir«, sagte Andy und lief die Treppe hoch.

»Das kommt ja ziemlich überraschend«, sagte Gareth, während er eine Champagnerflasche entkorkte. »Hast du das geahnt, Erin?«

»Nein, überhaupt nicht. Andy hat auf dem Hoteldachgarten ein wunderbares Abendessen herrichten lassen. Es gab Lampions, Kerzen, Champagner und Hummer. Es war so romantisch, Dad! Aber dass er vor mir auf die Knie gehen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte.«

»Na, zum Glück ist dir ja noch was eingefallen, sonst würdest du jetzt nicht diesen hübschen Ring tragen.« Gareth lächelte, dann runzelte er die Stirn. »Warst du denn sicher?«

»Als verheiratete Frau hätte ich mich frühestens in ein paar Jahren gesehen«, gestand Erin. »Andy will jedoch ziemlich bald heiraten.« Erin senkte ihre Stimme. »Ich hoffe bloß, dass nichts mehr von dem alten Andy übrig ist. Es scheint, er hat sich geändert. Wie du gesagt hast − er war ein Herzensbrecher, und wir gehen ja erst seit ein paar Monaten miteinander aus.«

»Er ist jetzt erwachsen, Erin. Er weiß, was im Leben wirklich wichtig ist.«

»Das hat er heute Abend auch gesagt. Er hat gesagt, das Wichtigste im Leben sei die Familie.«

»Na bitte, da hast du es. Das ist doch eine wirklich erwachsene Haltung. Weißt du, Andy ist wahrscheinlich der begehrteste Junggeselle Londons«, sagte Gareth, der sich aufrichtig für seine Tochter freute. »Seine Zukunftsaussichten sind fabelhaft, und ich bin sicher, dass er meinem kleinen Mädchen ein wunderbares Leben bieten wird.« Er legte Erin einen Arm um die Schulter. »Ich weiß, du bist längst erwachsen, aber du wirst immer mein kleines Mädchen bleiben, Erin.« Er küsste sie auf die Wange.

Andy, der eben mit Bradley die Treppe herunterkam, hatte Gareth’ letzte Worte gehört. »Davon, dass ich Erin ein wunderbares Leben bieten werde, Sir, können Sie unbesorgt ausgehen. Ihr wird es an nichts fehlen.« Er strahlte seine Verlobte an.

»Herzlichen Glückwunsch, Schwesterchen«, rief Bradley und küsste Erin auf die Wange. Er mochte Andy, dennoch fühlte er sich immer auf besondere Art für seine ältere Schwester verantwortlich.

»Danke, Bradley«, gab Erin zurück.

»Wir planen gleich die große Verlobungsfeier«, schlug Gareth vor und schenkte ihnen allen Champagner ein. Auf einmal musste er an Jane denken, und sein Lächeln schwand.

»Du denkst an Mom, oder?«, fragte Erin, der die Tränen kamen. Sie wünschte, ihre Mutter könnte diesen Moment mit ihnen teilen.

»Ja. Sie würde sich voller Begeisterung an die Vorbereitung machen«, sagte Gareth.

»Ich weiß«, erwiderte Erin.

Beinahe hätte Gareth vorgeschlagen, dass Lauren ja helfen könne, aber er überlegte es sich im letzten Moment anders.

Als Andy gegangen war, lief Erin ins Wohnzimmer zurück, um ihrem Vater eine gute Nacht zu wünschen. Sie fand ihn allein im Wohnzimmer beim Licht nur einer einzigen kleinen Lampe. Er trank ein Glas Whiskey.

»Nun sag schon, was wollte Onkel Cornelius, Dad?«, fragte sie.

»Nichts eigentlich«, antwortete Gareth. Er wollte diesem besonderen Abend keinen Dämpfer versetzen.

»Er war wegen Lauren hier, oder?«, fragte Erin unverblümt.

Gareth nickte. »Ich verstehe ja, dass er wütend ist. Jane war seine Schwester, und die beiden standen sich sehr nahe. Ich habe ihm gesagt, da läuft nichts zwischen Lauren und mir, das könnte sich in Zukunft allerdings ändern.«

»Meinst du das im Ernst, Dad?«, fragte Erin besorgt. Das war nicht das, was sie gern gehört hätte.

»Ich mag Lauren wirklich gern, Erin. Ich weiß, ich bin noch nicht so weit, dass ich eine neue Beziehung eingehen könnte, aber das ändert sich womöglich bald.« Sehr bald, dachte er.

Erin hatte Mühe, ihre Wut unter Kontrolle zu halten. »Gute Nacht, Dad«, sagte sie beherrscht, um einem Streit aus dem Weg zu gehen. Dann ging sie nach oben.

Erin lag noch lange wach und dachte nach. Irgendwann fasste sie einen Entschluss. Sie musste ihren Vater vor Lauren Bastion retten.

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»Erin!« Andy war überrascht, als Erin mitten am Vormittag in sein Büro gestürmt kam. »Was machst du denn hier?«

Er steckte wie immer bis über beiden Ohren in Papierkram, aber das war Erin egal. Sie war aufgebracht und brauchte seine Schulter zum Anlehnen.

»Ich musste einfach weg aus der Galerie«, fauchte sie und lief aufgeregt hin und her. »Lauren ist mal wieder da! Ich fand ja schön, dass Vater zur Arbeit zurückgefunden hat, doch diese schreckliche Frau kreuzt jeden Tag bei uns auf und steckt ihre Nase mehr und mehr ins Geschäftliche. Und was noch schlimmer ist − sie beeinflusst meinen Vater. Er hört immer öfter auf das, was sie sagt! Ich weiß, sie will mich rausekeln, ich durchschaue allerdings ihren perfiden Plan.«

Erin war überzeugt, dass ihr Vater und Lauren inzwischen intim miteinander waren, denn sie hatte Veränderungen in der Körpersprache der beiden wahrgenommen. Es machte sie krank.

Andy hatte Lauren auch kennengelernt. Wegen Erin war er entschlossen gewesen, sie nicht zu mögen, das war ihm jedoch schwerer gefallen als erwartet. Sie war nicht nur äußerst attraktiv, sie war ihm auch sehr sympathisch. Als er ihr vorgestellt worden war, war er distanziert gewesen, Minuten später hatte sie ihn schon dazu gebracht, dass er mit ihr lachte und rot wurde wie ein Schuljunge. Erin war nicht erfreut gewesen, aber wenn man ein Mann war, musste man Lauren Bastion einfach mögen. Bradley war da wohl die einzige Ausnahme.

Andy sagte nichts, also blieb Erin stehen, sah ihn an und versuchte einzuschätzen, wie er über das Thema dachte. Wütend schien er jedenfalls nicht zu sein. Wenn überhaupt, wirkte er gleichgültig.

»Ja siehst du denn nicht, wie schrecklich das ist, Andy? Würde es dir gefallen, wenn ein anderer das Hotel übernehmen wollte?«

»Natürlich nicht, Erin. Nur … bald werden wir verheiratet sein, und dann brauchst du dir um die Galerie keine Sorgen mehr zu machen.«

Eine Woche zuvor hatten sie im Hotel Verlobung gefeiert. Erin hätte gern eine bescheidene Feier gehabt, irgendetwas Kleines und Intimes mit dreißig, vierzig Verwandten und engen Freunden. Aber Andys Mutter Sharon war aus dem Anlass eigens aus Schottland gekommen, und aus den dreißig, vierzig waren sehr bald vierhundert Leute geworden, von denen Erin viele nicht einmal kannte. Das Fest war ausgeufert – ein Zirkus einschließlich Pressefotografen. Sie hatte Andy nicht erzählt, dass ihr das überhaupt nicht gefallen hatte.

Erin sah Andy irritiert an. Ein Datum für die Hochzeit hatten sie noch nicht festgelegt. Was meinte er mit »bald«? »Was hat unsere Ehe denn mit meiner Arbeit in der Galerie zu tun?«

»Alles!«

»Ich weiß nicht, was du meinst, Andy.«

»Wenn wir verheiratet sind, brauchst du nicht mehr zu arbeiten«, erklärte Andy.

Erin setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch, holte tief Luft und versuchte, ganz ruhig zu werden. »Ob ich es brauche, ist ja wohl nicht die Frage. Ich würde mich zu Tode langweilen, wenn ich nichts zu tun hätte. Ich liebe meine Arbeit in der Galerie.« Es kam ihr in den Sinn, dass Andy vielleicht von ihr erwartete, in irgendeiner Funktion im Hotel zu arbeiten. »Um dir hier zu helfen, fehlen mir die Kenntnisse, Andy. Die Welt der Kunst ist mein Metier«, sagte sie. »Du weißt, ich bin ehrgeizig und arbeite darauf hin, eines Tages die Galerie in Knightsbridge zu leiten – natürlich erst, wenn Dad sich zur Ruhe gesetzt hat.«

»Nein, nein, jetzt, da du bald Mrs. Andrew Stanford sein wirst, ist das ganz anders«, sagte Andy. »Mit der nächsten Generation der Stanfords wirst du alle Hände voll zu tun haben. Ich kann es kaum abwarten!«

»Mit der nächsten Generation der Stanfords … Meinst du etwa … Babys?«, stieß Erin entgeistert aus. Der mütterliche Typ war sie nie gewesen. Die Vorstellung von kleinen strampelnden Dingern, die spuckten und pupsten, fand sie alles andere als reizvoll.

»Natürlich meine ich Babys«, erwiderte Andy lachend. »Wir begeben uns sofort an die Familiengründung«, fügte er fröhlich hinzu.

Erin schüttelte ungläubig den Kopf. »Sofort? Wir haben ja noch nicht einmal über einen Termin für die Hochzeit gesprochen, geschweige denn davon, dass wir eine Familie gründen wollen.«

»Ich weiß, aber Kinderkriegen ist ja nichts, worüber man groß diskutieren muss«, sagte er mit einem Glitzern in den Augen. »Babys kommen einfach, oder? Ich will mindestens vier Kinder. Und du wirst eine wunderbare Mutter sein, Erin.«

»Vier Kinder!«, Erin schluckte. »Das sehe ich noch nicht, Andy. In ein paar Jahren haben wir vielleicht ein Kind, und dann können wir über ein zweites nachdenken …« Sie nahm sich vor, dass etliche Jahre zwischen den beiden Kindern liegen würden. Dann würde sie einen Hund anschaffen und hoffen, dass Andy sich damit zufriedengab.

»Ich will Erben für mein Hotelimperium«, erklärte Andy, der offenbar alles längst durchdacht hatte.

Erin erschrak. Ein Hund war kein Ersatz für einen Erben. Sogar sie musste das zugeben.

»Die Familie wird für mich ein noch größerer Anreiz sein, hart zu arbeiten«, fuhr Andy aufgeregt fort. »Ich möchte mindestens einen Sohn, mehrere Jungen wären sogar noch besser. Und Töchter, die wie ihre Mutter aussehen, wären der Traum.« Er lächelte voller Vorfreude.

»Ich will mindestens noch ein paar Jahre in der Galerie arbeiten, ehe ich ans Schwangerwerden denke, Andy«, sagte Erin rasch, in der Hoffnung, dass er das begriff. »Ich bin davon ausgegangen, du wärst damit einverstanden.«

Und wenn sie dumm genug wäre, irgendwann in Zukunft ein Kind zu bekommen, würde sie nicht ganz aufhören zu arbeiten, sondern sich eine Haushaltshilfe nehmen. Wozu sollte sie einen reichen Mann heiraten, wenn sie sich dann doch nur um ihn und seinen Nachwuchs kümmern musste?

»Du brauchst dir deinen hübschen Kopf nicht über die Galerie zu zerbrechen, Erin. Wir nehmen uns die schönste und geräumigste Suite im Hotel und engagieren ein paar Kindermädchen. Du wirst ein herrliches Leben haben, das verspreche ich dir.«

Ungläubig riss Erin die Augen auf. Das ist nicht das Leben, das ich haben will, dachte sie unglücklich. Sie hatte sich vorgestellt, sie würden ein eigenes Haus mit Garten haben, vielleicht in einem Vorort von London. Sie sah sich schon mit Chauffeur und Wagen, sodass sie täglich in die Galerie fahren konnte.

»Ich habe mir etwas überlegt, Erin. Wir heiraten dieses Jahr noch«, sagte Andy. »Lass uns den Hochzeitstermin auf das letzte Wochenende im September festsetzen.«

»Aber … aber … das ist ja schon …« Sie rechnete. »Das ist ja schon in sechs Wochen, Andy«, rief Erin entsetzt.

»Ich weiß, die Hochzeitsfeier kann hier stattfinden, im Hotel. Die Verlobungsfeier haben wir in zwei Wochen auf die Beine gestellt und dennoch vierhundert Leute beköstigt und unterhalten. Stell dir doch bloß mal vor, was wir alles fertigbringen, wenn wir sechs Wochen Zeit zum Planen haben.« Die so kurzfristig angesetzte Verlobungsfeier war tatsächlich ohne Probleme über die Bühne gegangen. »Bloomsbury Flowers machen seit Jahren hier im Hotel die Blumendekoration, und die Leute sind richtig gut. Die Küchenchefs können mühelos ein großes Abendessen oder ein Buffet vorbereiten. Du müsstest dich um nichts anderes kümmern als um dein Hochzeitskleid und die Kleider für die Brautjungfern. Reverend Sutcliffe, der Geistliche meiner Familie, wird uns trauen. Ich sehe keinen Grund, weshalb wir warten sollten.«

»Deine Großmutter hatte einen Schlaganfall, als deine Mutter zu unserer Verlobung hier war. Du willst doch sicher warten, bis sie sich so weit erholt hat, dass deine Mutter sie allein lassen und zu unserer Hochzeit kommen kann.«

»Das könnte Monate dauern. Die Genesung schreitet nur langsam voran.«

Und deshalb, so hoffte Erin insgeheim, würde Sharon nicht wieder nach London kommen, und wenn doch, dann wenigstens nur zur Hochzeit.

»Ganz ehrlich, ich glaube, meine Großmutter wird sich nie wieder ganz erholen«, sagte Andy resigniert. »Sie ist über achtzig.«

Erin sah ein, dass Andy fest entschlossen war, sein Vorhaben durchzuziehen. »Ich will auf keinen Fall noch einmal so eine große Feier mit vierhundert Gästen«, erklärte sie strikt. Andys Mutter hatte sie mit der Verlobungsfeier total überrollt. Sie hatte es gut gemeint und gedacht, sie würde helfen, aber so weit wollte Erin es nicht noch einmal kommen lassen. »Ich will nur Verwandte und enge Freunde einladen, etwas Intimes und ganz Besonderes.«

»Ich verstehe ja, dass du keine große Feier haben willst, Schatz, nur … das ist ein bisschen unrealistisch. Schließlich sind wir sehr bekannt in London. Ich verspreche dir, dass es höchstens hundertfünfzig Leute werden.«

»Nein, Andy! Das ist immer noch zu viel. Mit der Hälfte bin ich einverstanden.«

»Hm … Wenn ich mir große Mühe gebe, kann ich die Liste auf hundertzwanzig Leute zusammenstreichen, und da werden sich einige auf die Zehen getreten fühlen.«

»Du hörst mir nicht zu, Andy«, beschwerte sich Erin. Du …«

»Einige werden schrecklich gekränkt sein, wenn sie keine Einladung bekommen«, unterbrach Andy sie.

»Dann sollen sie eben gekränkt sein«, konterte Erin. »Es ist schließlich unsere Hochzeit. Fünfundsiebzig«, sagte sie entschieden. »Das ist mein letztes Wort!«

Andy warf ihr seinen flehendsten Hundebabyblick zu. »Können wir uns auf hundert einigen, Liebes?«

Erin zögerte einen Moment. »Na gut«, erwiderte sie dann. »Hundert Gäste, aber definitiv keine weiteren mehr.«

Es klopfte an der Bürotür, und Andy sprach mit einem seiner Angestellten. Erin hörte kaum ein Wort von dem, was gesagt wurde. In ihrem Kopf drehte sich alles.

»Tut mir leid, Erin«, sagte Andy in ihre Gedanken. »Ich muss jetzt los.« Er küsste sie auf die Wange. »Wir sehen uns heute Abend beim Essen, dann besprechen wir alles Weitere. Es wird fantastisch, du wirst es sehen«, rief er und war schon durch die Tür.

Erin beschloss, an diesem Tag nicht mehr in die Galerie zurückzugehen. Sie war verblüfft, als sie Bradley zu Hause antraf. Er kümmerte sich um die gekauften und verkauften Kunstwerke beider Galerien, passte auf, dass alles sicher verpackt und unversehrt abgegeben wurde. Normalerweise war er an einem Vormittag niemals zu Hause anzutreffen.

»Was machst du denn hier?«, fragte Bradley seine Schwester, als sie durch die Tür kam.

»Ich gehe Lauren Bastion aus dem Weg«, antwortete Erin entnervt. »Sie ist mal wieder in der Galerie. Beinahe jeden Tag kreuzt sie dort auf und übernimmt klammheimlich mehr und mehr meiner Aufgaben. Doch Dad sieht das nicht, Bradley. Das macht mich so wütend. Aber was machst du zu Hause?«

»Ich habe ein paar Bilder nach Whitechapel gebracht. Die nächste Auslieferung ist erst heute Nachmittag.«

»Du meidest die Galerie in Knightsbridge auch wegen Lauren?«, vermutete Erin.

Bradley seufzte. »Ich bin gerade in Dads Arbeitszimmer gewesen. Auf seinem Schreibtisch lagen zwei Flugtickets nach Mailand für kommendes Wochenende.«

Ungläubig starrte Erin ihren Bruder an. »Dad wird doch sicher nicht mit Lauren nach Mailand reisen, oder?«

»Uns zwei hat er jedenfalls nicht eingeladen, also nehme ich schon an, dass er mit ihr fliegen will. Er hat in Mailand im Westin Palace Hotel Zimmer reserviert.«

»Was?« Erin ließ sich aufs Sofa fallen. »Das ist eines der luxuriösesten Hotels Italiens. Und eines der teuersten!«

Bradley runzelte die Stirn. »Trägt sie heute eine wunderschöne Armbanduhr mit Diamanten?«, fragte er.

Die Uhr war Erin aufgefallen, doch sie hatte angenommen, dass einer ihrer reichen Ehemänner sie Lauren geschenkt hatte. »Ja, wieso?«

»Ein Geschenk von Dad«, erklärte Bradley.

Erin hielt die Luft an, in ihren dunklen Augen blitzte die Wut auf. »Woher willst du das wissen?«

»Ich habe die Quittung auf seinem Schreibtisch gesehen. Ich habe nicht geschnüffelt. Die Quittung und die Tickets lagen ganz offen herum. Wie teuer die Uhr war, willst du sicher nicht wissen.«

»Was denkt er sich eigentlich dabei?«, brach es aus Erin heraus. »Begreift er denn nicht, dass sie ihn nur ausnimmt?«

Bestürzt schüttelte Bradley den Kopf. Er wusste, sein Vater dachte nicht, jedenfalls nicht mit dem Kopf. Er betete nur, dass er nichts wirklich Unüberlegtes machte, zum Beispiel um Laurens Hand anhalten.

Erin sank in sich zusammen. »Was soll denn heute noch alles passieren?«, jammerte sie.

»Wieso? Was ist denn los?«, fragte Bradley und setzte sich neben sie.

»Ich hatte gerade ein Gespräch mit meinem Verlobten«, antwortete Erin. »Er meinte, er wolle mindestens vier Kinder.«

»Ist das ein Problem? Du wirst doch bestimmt Kindermädchen engagieren können.«

»Die Kindermädchen werden die kleinen Bälger aber nicht zur Welt bringen und sie auch nicht stillen«, stieß Erin ungehalten aus.

Bradley stutzte. Erin verfiel nie ins Träumen, wenn es um Babys ging, dass sie das Mutterwerden jedoch derart ablehnte, hatte er nicht gewusst.

»Ach, Bradley, ich war nie der mütterliche Typ«, erklärte Erin. »Nicht mal Haustiere mag ich besonders. Sei ehrlich, siehst du mich als Mutter von vier Kindern?«

Bradley konnte sich das Grinsen kaum verkneifen. »Nein«, gab er zu. »Aber ob du schwanger wirst oder nicht, liegt doch bei dir. Es ist dein Körper, und du hast die Macht über gewisse Dinge.«

Nachdenklich musterte Erin ihren Bruder. »Wie kommt es, dass du über gewisse Dinge so genau Bescheid weißt?«

»Ich … ich lese ziemlich viel«, antwortete Bradley feixend.

»Das muss wohl stimmen. Du hast recht. Andy mag mich ja überredet haben, ihn zu heiraten und zur Feier hundert Gäste einzuladen, aber Kinder werde ich erst bekommen, wenn ich dazu bereit bin − wenn überhaupt«, sagte sie schmunzelnd.

»Genau, Schwesterchen«, erwiderte Bradley.

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