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Jenseits des Spiegels

Stefanie Markstoller

Jenseits des Spiegels

Band 1 - Fantasy Roman


Für all die eifrigen Leser


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Prolog

Nachdem die Schreie seiner Mamá verstummt waren, war sein Schluchzen das einzige Geräusch in dieser Nacht.

Sie waren im Schutz der Dunkelheit gekommen, lautlos wie Schatten und hatten sich das zurückgeholt, was ihnen gehörte. Sie wollten was ihnen durch eine List genommen worden war, doch seine Eltern hatten es nicht freiwillig geben wollen. Sie gaben nie das zurück, was sie sich genommen hatten. Sie glaubten ein Recht auf all diese Dinge zu besitzen, doch dieses Mal war es anders gekommen.

Tief in der Nacht war seine Mamá in sein Zimmer gestürmt und hatte ihn nicht nur aus dem Schlaf, sondern auch aus dem Bett gerissen. Die ganze Luft hatte nach Blumen gerochen, so als wenn sie die Luft verzaubert hätte, um alle anderen Gerüche zu überdecken.

Im Flur gab es unter dem Teppich eine geheime Luke, die seine Eltern direkt nach ihrem Einzug dort eingebaut hatten. Seine Mamá hatte sie hastig geöffnet und ihn hineingesetzt. „Du musst ganz leise sein“, hatte sie gesagt und ihm liebevoll über die Wange gestrichen. „Gib keinen Mucks von dir.“

Warum? Was war los? Er hatte es nicht verstanden. „Mamá, ich …“

„Hier.“ Wie aus dem Nichts zauberte sie seine Kuscheldecke hervor, die, die er schon besaß, seit er ein kleines Baby war und eigentlich gar nicht mehr brauchte, weil er schon groß war. Und doch hatte er sie lieb und kuschelte noch immer gerne mit ihr. „Und nun sei still.“

Mit einem letzten Blick auf ihn, hatte seine Mamá die Luke geschlossen. Durch die Ritzen war noch ein wenig Licht gefallen, aber nur, bis sie den Teppich wieder darüber gelegt hatte. Dann saß er in Dunkelheit und Stille.

Warum nur musste er hier drinnen sein? Was war denn los? Ängstlich hatte er die Decke an sich gedrückt und gewartet. Wo war nur sein Papá? Was hatte seine Mamá? So sonderbar hatte sie sich noch nie verhalten.

Eine ganze Weile war es ruhig gewesen, dann war jemand durch die Tür gekommen, viele Jemande. Er hatte es an ihren Schritten gehört, hatte sie gezählt. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Er konnte schon zählen, war ein in-ti-li-genter kleiner Junge, das sagte seine Mamá immer. In-ti-li-gent. Ja, das war er.

Sechs Leute waren gekommen. Dann hatte sein Papá gesprochen. Er hatte die ruhige, tiefe Stimme gehört, die ihm abends immer eine Geschichte vorlas, damit er gut schlafen konnte.

Aber jetzt hörte er diese Stimme nicht mehr. Sie war verstummt, genauso wie die seiner Mamá. Warum? Warum hörte er sie nicht mehr?

Nachdem sein Papá gesprochen hatte, war es laut geworden. Jemand hatte wütend geantwortet, dann gab es einen Knall, einen Ruf und dann hatte seine Mamá angefangen zu schreien. Sie hatte so laut geschrien, dass er sich die Ohren zuhalten musste und diesen Laut doch nicht aussperren konnte.

Er hatte das Kratzen auf dem Holzboden gehört, das Knurren und die Schreie. Von seinem Papá war nichts mehr an seine Ohren gedrungen. Und dann hatte alles abrupt geendet. Kein Geräusch mehr, kein Schreien, nur noch Schritte. Er hatte sie gezählt. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Sie waren zur Tür gegangen, sechs Leute. Sechs Leute waren gekommen und sechs wieder gegangen. Danach war alles ruhig gewesen.

Jetzt wartete er darauf, dass seine Mamá ihn aus dem kleinen Loch holte, aber sie kam nicht. Warum kam sie denn nicht? Er konnte nicht ahnen, dass sie tot auf dem Teppich lag, direkt neben seinem Papá, der ihm nie wieder etwas vorlesen würde. Er wusste nicht, dass ihre leblosen Augen starr auf die Wand gerichtet waren und ihr Blut langsam aber sicher durch den Teppich sickerte und drohte auf den kleinen in-ti-li-genten Jungen zu tropfen.

°°°°°

Tag 1

„Geh weg“ nuschelte ich und versteckte mein Gesicht unter meinem Arm. Aber natürlich ging, wer auch immer mich da gerade belästigte, nicht weg, sondern rüttelte mich noch nachdrücklicher an der Schulter. Jetzt, nachdem er die ersten Lebenszeichen von mir erhalten hatte, wollte er/sie wohl nicht so schnell nachgeben.

Mein Schädel brummte, wie nach einer ausgiebigen Sauftour und mein Rücken schmerzte protestierend auf, als ich versuchte, es mir bequemer zu machen. Wo war ich hier eigentlich? Mein Bett jedenfalls war viel weicher … glaubte ich zumindest. Wo kamen nur diese höllischen Kopfschmerzen her? Ich konnte mich nicht erinnern. Kein klarer Gedanke reichte durch diesen Dunstnebel unter meiner Schädeldecke.

Wieder ein Rütteln an der Schulter, nun schon ungeduldiger.

„Oh krass, du nervst!“

Jemand grummelte und ich hörte ein Kind kichern. Ein Kind? Ich konnte mich nicht erinnern … nun schlug ich die Augen doch auf, ganz langsam, um mich an das schummrige Licht, das durch die kleinen Fenster fiel, zu gewöhnen und meinem Kopf keinen weiteren Grund zu geben, mich mit einer neuerlichen Schmerzattacke zu malträtieren.

Das Erste, was ich wahrnahm, war der Holzboden. Genauer gesagt ein staubiger Holzboden, den ich scheinbar zu meinem Nachtlager auserkoren hatte. Die Frage war nun warum? Und noch wichtiger, wo befand sich dieser Holzboden?

Das Zweite, was mein benommenes Hirn versuchte zu erfassen, war die Gestalt die vor mir hockte. Ich musste ein paar Mal blinzeln, um meine Sicht klar zu stellen und registrierte, dass sich vor mir ein breitschultriger Typ mit grimmigen Gesicht und buschigen Augenbrauen befand. Er hatte seine Stirn so tief in Falten gezogen, dass es den Anschein erweckte, ihm säße eine Raupe über den Augen. Mitte dreißig schätzte ich ihn, schwarzes Haar, braune Augen und mir völlig unbekannt.

Das erschreckte mich nicht, etwas anderes aber schon.

Es war nicht so, dass ich oft auf einem fremden Fußboden, mit einem fremden Mann in einer mir fremden Umgebung aufwachte – jedenfalls fiel mir kein ähnliches Szenario ein. Was mich erschreckte war seine Aufmachung. Er trug nichts als einen Lendenschurz. Einen Lendenschurz! Fremder Fußboden, okay, kam ich mit klar. Fremde Umgebung, konnte ich auch noch mit leben. Aber ein fremder, fast nackter, alter Kerl war dann doch zu viel. Ich fuhr so schnell hoch, dass der Typ einen Satz rückwärts machte. Mein Kopf ruckte nach hinten und schien von innen her zu explodieren. Ich hatte etwas getroffen, sehr hart sogar. Schützend riss ich die Arme über den Kopf. Glassplitter rieselten auf mich herunter, klirrten auf dem Boden und ritzen mir leicht die Haut an den Armen auf. Der Krach verklang und es folgte eine gänsehautbringende Stille.

Langsam und sehr vorsichtig öffnete ich erst das eine Auge, dann das andere.

Der Typ mit den buschigen Augenbrauen stand aufrecht, blickte finster auf mich herunter und mahlte mit den Zähnen, als versuchte er, eine lederne Schuhsohle kleinzukriegen. Erst jetzt merkte ich, dass sich noch weitere Leute hier aufhielten. Ein Junge und ein Mädchen, die nicht älter als zehn sein konnten und eine junge Frau, die mich mit unverhüllter Neugierde musterte. All diese Leute waren mir unbekannt. Und wie der Mann trugen auch sie nichts weiter als diesen Fetzen um die Hüfte.

Die Frau lachte unvermittelt auf, so dass ich zusammenzuckte. „Na, jetzt kann Boa sich nicht mehr beschweren, wenn ich diesen hässlichen, alten Spiegel entsorge.“

Und mir wurde klar, dass ich mit meinem Dickschädel einen mannshohen Spiegel zerdeppert hatte. Ein Licht blitzte vor meinem inneren Auge auf, wie eine Erinnerung. Der Schmerz in meinem Kopf explodierte, dann wurde alles schwarz.

 

°°°

 

Als ich das nächste Mal zu  mir kam, lag ich ausgestreckt auf einer Couch in einem Arbeitszimmer, das mir entfernt bekannt vorkam. Sehr entfernt, denn die Möbelstücke waren mir völlig fremd. Weder mit dem großen Schreibtisch, noch mit den Regalen an den Wänden oder der Couch mit dem Glastisch, auf der ich lag, konnte ich etwas anfangen. Auch der Teppich, die Wände und die Vorhänge waren mir nicht geläufig. Im Grunde kannte ich nur die Form des Zimmers und das Gefühl von Vertrautheit, welches dieser Anblick bei mit auslöste.

Ich drehte meinen Kopf ein Stück und … BAM! Der Schmerz kehrte mit einem Schlag in meinen Kopf zurück. Ich stöhnte, wodurch die drei Anwesenden im Raum auf mich aufmerksam wurden. Der Mann mit der Raupe über den Augen und die Frau, der der Begriff Schamgefühl völlig fremd war. Außer ihr war noch eine weitere Frau anwesend, die sich der Kleiderordnung der Blonden angepasst hatte.

„Aber wenn es draußen frisch wird, zieht ihr euch eine Jacke über, oder?“ Gehörte diese raue, lallende Stimme wirklich zu mir? Was hatte ich nur getrunken? Gott mein Schädel!

Die neue Frau hatte tiefschwarzes Haar, mit ein paar weißen Strähnen, das ihr glatt bis auf den Po fiel. Sie war schlank und durchtrainiert – was ich bei ihrer Kleiderwahl mehr als deutlich feststellen konnte. Erste Falten zeigten sich um ihre Augen und den Mund. Ich schätzte sie auf Mitte vierzig. Sie hatte einen harten Zug im Gesicht, aber nichts davon beunruhigte mich so sehr wie ihre gelben, stechenden Augen, die sich bei meinem Aufstöhnen auf mich gerichtet hatten. Nicht nur, dass ich noch nie im Leben von jemand mit gelben Augen gehört hatte, in ihnen lag auch etwas Herrisches und Unbarmherziges, das mir die Nackenhaare zu Berge stehen ließ. Ihr Blick ließ sich ganz leicht mit einem Wort beschreiben: Wild.

„Ich bin Prisca, die Alphahündin vom Wolfsbaumrudel. Du bist in mein Territorium eingedrungen.“

Hä? Redete die mit mir? So wie die mich fixierte, war die Antwort wohl ein ganz klares Ja. Aber viel wichtiger: Alpha, Rudel und Territorium? Okay, egal, wo ich hier war, die Frau hatte mächtig ein an der Waffel und ich sollte zusehen, dass ich hier schleunigst verschwand.

Prisca setzte sich in Bewegung, auf eine Art, die ich nur als geschmeidig bezeichnen konnte, etwas, das sie irgendwie furchterregend wirken ließ. Sie setzte sich vor mir auf die Tischkante, die Augen unablässig auf mich gerichtet. „Ich habe drei Fragen und es wäre besser für dich, wenn du sie zu meiner Befriedigung beantwortest.“

War das eine Drohung? Also, ich war mir ganz sicher, dass das eine war. Langsam bekam ich leichte Beklemmungen. Wo war ich hier nur gelandet? Ach ja, dem Territorium des Wolfsbaumrudels. Oder besser gesagt, inmitten des Nestes der Spinner.

Ich blinzelte ein paar Mal um meine Augen klar zu kriegen. Gott, diese Kopfschmerzen verbesserten  meine Situation nicht im Mindesten. „Okay, frag.“ Was hätte ich sonst sagen sollen?

Prisca nickte. „Wer bist du, warum bist du hier und wie ist es dir gelungen in unser Lager einzudringen?“

„Und in mein Haus“, fügte der Mann mit einer Raupenaugenbrauen hinzu.

„Genauer auf seinen Dachboden.“ Die Blonde schien nicht ärgerlich zu sein wie die beiden anderen, sondern einfach nur neugierig.

Prisca hob die Hand als Zeichen zum Schweigen. „Domina, Fang, seid ruhig.“ Dann hatte ich wieder ihre ungeteilte Aufmerksamkeit – ich Glückspilz! Diese Frau strahlte etwas aus, das mich wünschen ließ, ganz weit weg zu sein. Sie strahlte Macht aus, unbändige Macht. Wenn man ihren Worten glauben konnte, dann stand Alphahündin wohl für Anführer. Super, ich hatte den Anführer der Spinner vor mir.

Ich drückte mich tiefer ins Polster, in der Hoffnung, dass sie mich übersah. Fehlanzeige, sie hob lediglich ihre Augenbraue.

„Nun?“

„Ähm …“ Ja, was nun? „Wie war noch mal die Frage nochmal?“

„Wer, wie und warum“, half mir die Blonde – Domina – hilfreich.

„Ich …“ Ich runzelte die Stirn. Ja, wie war ich eigentlich hier hergekommen? Ich wusste es nicht. Es war irgendwie weg, ein totaler Black Out. Ich hatte keine Ahnung, wie ich hier hergekommen war, noch warum. Ich wusste ja nicht mal, wo ich war. Scheiße, ich wusste nicht mal, wo ihr herkam, ich … diese verfluchten Kopfschmerzen! „Ich weiß nicht“, gab ich verunsichert zu. „Ich weiß nicht warum ich hier bin.“

Diese Domina machte einen Schritt zur Seite, um einen besseren Blick auf mich zu erhaschen. „Vielleicht verrätst du uns erst mal deinen Namen.“

„Ich bin …“ Verdammt, wer war ich denn? Wie lautete mein Name? Mein Name, wie war der? Ich suchte in meinem Gedächtnis, aber da war nichts, ich wusste ihn nicht. Ich konnte doch nicht meinen Namen vergessen haben. Scheiße, das ging doch nicht, ich hatte keine Ahnung wer ich war.

Panisch sah ich von einem zum anderen, als mir klar wurde, dass ich ihn nicht wusste. Mein Atem ging schneller, mein Herz schlug wie wild. Es war weg, alles war weg! Da, wo meine Erinnerung sein sollte, war nur ein großes, dunkles Loch! „Fuck, ich … ah!“ Als ich hochfuhr explodierte der Schmerz hinter meinen Schläfen. Mir schossen die Tränen in die Augen und ich fiel mit einem Rums von der Couch.

Prisca sprang überrascht zur Seite.

Mein Gott, wer war ich? „Mein Name, mein Name, ich weiß nicht … wie ist mein Name? Ich weiß nicht wer ich bin“, murmelte ich in den Teppich. Vorsichtig, ganz vorsichtig richtete ich meinen Oberkörper auf und sah die drei nacheinander an. Was war hier los, warum wusste ich nicht mehr, wer ich war? „Wer bin ich? Ich kann mich nicht erinnern, ich weiß nicht, wer ich bin. Was habt ihr mit mir gemacht?“

„Was wir mit dir gemacht haben?“ Prisca hockte sich vor mich. Ihre langen, schwarzen Haare fielen ihr dabei wie ein Schleier um den Körper. Ich lehnte mich so weit zurück, wie es die Couch in meinem Rücken zuließ. Diese eindringlichen Augen jagten mir einen kalten Schauer über den Rücken, ich wollte sie nicht so nahe bei mir haben. Ja, ich gab es zu, diese Frau jagte mir echt Angst ein und dazu stand ich auch.

„Wir haben dich gefunden“, sagte sie, „und dann hier hergebracht.“

Das konnte nicht alles sein, da war ich mir sicher. Sie log, garantiert. „Aber warum weiß ich dann nicht mehr wie ich heiße?“, fragte ich herausfordernd.

Prisca forschte in meinen Augen, suchte nach der Lüge in ihnen, danach, dass ich hier eine Show abzog, doch das, was sie sah, veranlasste sie zu seufzen. „Ich weiß es nicht. Domina, geh bitte und hol Rem.“

„Bin schon weg.“

Dann musterte Prisca mich erneut. Was sie wohl sah? Verdammt, ich wusste nicht mal mehr wie ich aussah! Was zum Teufel war hier los? „Katze, sag mir was das Letzte ist, an das du dich erinnerst.“

Katze?

„Sag es!“

Schluck. „Ich … ich weiß nicht.  Ich bin … ich war … oh Gott, ich kann mich an nichts erinnern.“ Wer war ich, warum war ich hier? „Das gibt’s nicht. Ihr habt irgendwas mit mir gemacht!“ Und das war der Moment, in dem ich in Panik geriet. Ich wusste nicht mehr was da aus meinem Mund kam, nur das es wirres Zeug war, kurz bevor ich Prisca umstieß und versuchte abzuhauen. Diese Aktion endete damit, dass ich wieder mit tränenden Augen auf dem Boden landete. Diesmal war jedoch nicht der Schmerz in meinem Kopf dafür verantwortlich – obwohl ich die Bewegung nicht gut verkraftete – sondern der Typ mit der Raupe – Fang –, der mich mit der Nase voran in den Teppich drückte.

„Lass mich los!“, schrie ich. „Loslassen, Hilfe, HIIIIILFE!“

„Hey, ganz ruhig …“

„Nein, nein, nein. Nimm deine Finger von mir. Hilfe, ist da jemand? Hilfe … lasst mich los!“ Ich kämpfte gegen ihn, merkte aber schon bald, dass ich keine Chance hatte. Er war nicht nur stark, er drückte mich auch mit seinem ganzen Gewicht auf den Boden. „Bitte, lass mich los“, bettelte ich. „Lass mich los, lass mich gehen.“ Oh Gott, in was hatte ich mich hier reingeritten?

„Lass von ihr ab“, hörte ich Prisca.

Fang zögerte einen Moment, gab mich dann frei und postierte sich so, dass mir der Fluchtweg zur Tür abgeschnitten war. Also trat ich den Rückzug an, solange, bis ich die Wand in meinem Rücken spürte, an der ich mich zu einem kleinen Häufchen schützend zusammenkauerte. „Was passiert mit mir, was wollt ihr von mir?“ Ich wollte hier weg. Was hatten diese Leute mit mir angestellt? Es war doch nicht normal, dass ich mich nicht an meinen Namen erinnern konnte.

Ohne klopfen trat Domina zurück in den Raum. Ihr auf dem Fuß folgte eine Frau in den mittleren Jahren. Auch sie trug nichts weiter als den Lendenschurz. Sie war riesig und damit meinte ich wirklich riesig, aber das besondere an ihr war die Haarfarbe. Sie waren feuerrot. Es schien, als ständen sie in Flammen.

„Domina sagte, du brauchst mich für einen Notfall?“

„Die Katze, Rem, sag mir, was mit ihr ist.“

Rem warf mir nur einen kurzen Blick zu, sah mich verwirrt und verängstigt an der Wand kauern, bevor sich ihre Gesichtszüge verhärteten. „Was habt ihr mit ihr gemacht?“

„Sie hat Prisca angegriffen“, sagte Fang. „Ich habe dafür gesorgt, dass sie es kein zweites Mal tut.“

„Sie hat mich nicht angegriffen“, erwiderte Prisca gereizt. „Und jetzt, Rem, bitte.“

Die Frau mit dem Feuerhaar kam auf mich zu. Ich rutschte solange vor ihr zurück, bis ich nicht mehr weiter kam, in eine Ecke zwischen Wand und Regal, ließ sie keinen Moment aus den Augen. „Keine Angst, ich tu dir nichts.“ Sie kniete sich vor mir, behielt dabei aber Abstand. „Ich will dir nur helfen. Sag mir einfach was dir wehtut.“

„Es geht nicht um ihr körperliches Befinden, sondern warum …“

„Ich bin hier die Heilerin“, unterbrach Rem sie unwirsch. „Du willst, dass ich ihr helfe, also lass mich meine Arbeit so tun wie ich es für richtig halte. Ich rede dir in deine auch nicht rein.“ Der Blick mit dem sie Prisca bedachte war hart und ließ die selbsternannte Alphahündin verstummen. Dann wandte sie sich wieder mir zu, viel sanfter, weicher. „Also, wie kann ich dir helfen?“

Ja, als wenn ich auf diesen Hilfequatsch eingehen würde. Ich wusste nicht, was hier los war, aber eins wusste ich mit Sicherheit, diesen Leuten war nicht zu trauen.

„Geht bitte raus, damit ich mit ihr allein sprechen kann“, bat Rem. Was waren das eigentlich für seltsame Namen?

Keiner zögerte, keiner erhob Widerworte. Selbst Prisca machte sich daran Rems Aufforderung sofort nachzukommen. Die Tür schloss sich mit einem leisen Klicken, dann war ich mit der Rothaarigen allein. „Okay, jetzt sind sie weg.“ Sie setzte sich in den Schneidersitz, stützte den Kopf in eine Hand und wartete. Eine ganze Weile, tat nichts weiter als mich still zu beobachten, doch mein Herz wollte einfach nicht langsamer schlagen. Mir war heiß und kalt zugleich, ich spürte wie mir der Schweiß ausbrach und das Blut in meinen Ohren rauschte. Was war nur mit mir geschehen? Was wollten diese Leute von mir?

„Wenn du Schmerzen hast wäre es vielleicht ganz gut, wenn du sie mir mitteilst“, durchbrach sie irgendwann die Stille, nahm dabei sehr genau wahr, wie ich bei ihrer Stimme zusammenzuckte. „Ich bin die Heilerin des Rudels und würde dir gerne helfen.“

Noch eine von denen. Was war das hier, eine Sekte? Heilerin. So was gab es nur in schlechten Filmen.

„Vielleicht fangen wir mit etwas Einfachem an. Magst du mir nicht deinen Namen sagen?“

„Ich kann nicht.“ Gehörte diese dünne Stimme etwa mir?

„Warum kannst du nicht?“

„Weil ich mich nicht an ihn erinnere.“ Warum sagte ich ihr das eigentlich?

Sie schwieg einen Moment. „Du erinnerst dich nicht an deinen Namen? Kannst du mir sagen wie alt du bist?“

Nein, das konnte ich nicht, wie mir klar wurde. Ich konnte gar nichts über mich sagen und schüttelte daher ganz leicht den Kopf.

„Weißt du, wo du herkommst?“

Noch ein Schütteln, nur ganz vorsichtig, um meinen Kopfschmerzen keinen Grund zu geben, wieder voll aufzudrehen.

„Wie alt bist du?“

Ich zuckte die Schultern.

„Hm.“ Sie musterte mich mit einem prüfenden Blick. „Du kannst dich also an gar nichts erinnern?“

Ein weiteres Schütteln.

„Ist dir sonst noch etwas Ungewöhnliches an dir aufgefallen?“

„Mein Kopf.“ Ich fuhr mit der Hand langsam an die Schläfe. „Er tut furchtbar weh. Als hätte mich ein LKW gerammt. Oder vielleicht auch zwei.“ Ich versuchte ein vorsichtiges Grinsen, was eher in einer Grimasse endete. Gott, was war nur mit mir los?

„Darf ich mir deine Augen genauer ansehen?“

Durfte sie? Ich war mir nicht sicher. Eigentlich wollte ich mich von ihr nicht berühren lassen, von keinem. Zwar schien sie mir hier als die bisher zugänglichste Person, aber Eindrücke konnten täuschen. Andererseits war da etwas in ihren Augen, etwas Sanftes, das jeden meiner Schutzwälle mit einem einzigen Luftzug niederriss. Ich nickte wie in Trance. Viel schlimmer konnte es kaum noch werden und sie schien mir wirklich helfen zu wollen.

Rem zog eine kleine Taschenlampe aus einem Gürtel, den sie um die Hüfte trug, schaltete sie ein und beugte sich leicht vor. Wow, diese Leute kannten also doch noch andere Kleidungstücke.

„Wie bei Batman“, hörte ich mich sagen.

„Wie bitte?“ Sie zog mir ein Augenlid hoch und leuchtete mir mit einem schwachen, bläulichen Licht hinein. Es war so sanft, das meine Kopfschmerzen nicht schlimmer wurden. Zwar besserten sie sich auch nicht, aber von weiteren Schmerzattacken blieb ich verschont.

„Der Gürtel. Batman hat auch so einen. Aus dem zieht er auch immer das, was er gerade braucht.“

„Ich kenne keinen Batman.“ Das Licht wanderte zu meinem zweiten Auge.

„Du kennst Batman nicht? Den Superheld mit Robin an seiner Seite und seinem Erzfeind, dem Clown? Den kennt doch jeder.“

„Nein, ist mir nicht geläufig.“ Sie steckte die Lampe zurück in den Gürtel und band einen kleinen Beutel davon los. Mit den Fingerspitzen tupfte sie hinein, so dass etwas Staub an ihnen haften blieb. Damit strich sie mir sanft am Kopf entlang. Meine Schläfen erwärmten sich angenehm. Langsam breitete sich die Wärme über meinen ganzen Kopf aus und vertrieb überall, wo sie langkroch, die Schmerzen.

Ich seufzte erleichtert.

„Besser?“

„Ja.“ Viel besser. „Danke.“

„Nichts zu danken, ich tu das gerne.“ Rem wischte sich die Finger an den Beinen ab und band das Säckchen zurück an ihren Gürtel. Dann untersuchte sie mit meiner Erlaubnis meinen Kopf. Nach ein paar Minuten war sie fertig und ließ sich zurück in den Schneidersitz fallen. „Ich kann dir nicht genau sagen, was mit dir los ist. Deine Kopfschmerzen und die fehlende Erinnerung deuten auf eine Kopfverletzung hin, aber er sieht völlig in Ordnung aus.“

„Ich habe meine Erinnerung verloren?“

„Wie würdest du es sonst nennen?“

Gute Frage. Aber, wie hatte das passieren können? „Eine Amnesie.“

Fragend legte Rem den Kopf zur Seite, sagte aber nichts, bis sie aufstand. „Ich muss mich kurz entschuldigen, um mit Prisca zu reden. Warte hier, wir sind gleich wieder zurück.“

Sie ging hinaus, ließ aber die Tür offen, so dass sie mich sehen konnte, während sie den anderen ihre Diagnose mitteilte. Keine Chance durchs Fenster abzuhauen. Sie würden es sofort merken. Ich schlang die Arme um mich. Plötzlich war mir mehr als kalt. Ich hatte keine Ahnung, was mit mir passiert war, oder warum ich an diesem Erinnerungsverlust litt. Ich drücke meine Arme enger um mich und spürte dabei etwas in meiner Jackentasche. Etwas Dickes. Ein Portemonnaie! Und in einem Portemonnaie bewahrte man üblich jede Menge Kleinkram auf. Vielleicht …

Hastig zog ich es aus der Tasche. Es war klein und so dick, das der Drückknopf fast von allein aufsprang. Vorsichtig, als hätte ich Angst vor seinem Inhalt, öffnete ich es. Das Erste, was ich in die Finger bekam, waren ein Haufen Visitenkarten, die ich achtlos auf den Boden fallen ließ. Ein Gutschein über eine Kugel Eis in irgendeinem Eiscafé. Ein paar Quittungen, fünfunddreißig Euro in Scheinen und dann fand ich ein Fach aus dem ich eine EC-Karte zog. Kontonummer, Bankleitzahl und ein Name. War das mein Name? Ich fand noch einen Führerschein und einen Ausweis. Beide waren auf denselben Namen ausgestellt, doch mit dem Foto konnte ich nichts anfangen. Ich konnte mich nicht mal daran erinnern, wie ich aussah. Was war nur mit mir geschehen?

„Was hast du da?“

Ich zuckte vor Schreck so hastig zusammen, dass mir der Führerschein aus der Hand fiel, direkt vor Dominas Füße. Sie hob ihn auf, schaute ihn sich von allen Seiten an und dann zu mir. „Was ist das?“

Wollte die mich verarschen? Oder lebte diese Sekte wirklich so abseits von allem, dass sie nicht mal einen Führerschein kannte? Gab es hier dann auch keine Autos? Wie war ich dann hierher gekommen, verflucht noch mal? Das ergab doch keinen Sinn!

Ich antwortete nicht auf ihre Frage, stattdessen stellte ich eine eigene. „Habt ihr hier …“ Ich musste mich räuspern, so rau war meine Stimme. „Hab ihr einen Spiegel? Kannst du mir einen Spiegel geben?“

Sie konnte. Im Regal lag ein kleiner Handspiegel den sie mir reichte. Ohne sie zu berühren, nahm ich ihn ihr ab. Das Gesicht, das mich daraus ansah, kannte ich nicht, aber es war das Gleiche wie auf dem Foto. Weißblondes Haar, das zu einer modernen Kurzhaarfrisur geschnitten war, große grüne Augen, die leicht schräg standen. Helle Haut, herzförmiges Gesicht. Ich sah an mir herunter und stellte fest, dass ich einen schmalen Körper besaß. Nicht schlank, sondern richtig schmal, kaum Oberweite und einen flachen Hintern. Rundungen suchte man vergeblich.

Die Fingernägel waren kurz geschnitten und ein weiterer Blick in den Spiegel verriet mir, dass ich kein Make-up trug. Ich sah wieder in den Ausweis und zurück auf mein Spiegelbild. „Mein Name ist Talita Kleiber.“

 

°°°

 

Talita Kleiber, zwanzig Jahre, ein Meter achtundsiebzig, Wohnort München. Meine Krankenkasse war die Technikerkasse, bei der ich unter der Nummer 983634653536 geführt wurde. Meine Bank war die Sparkasse. Das und noch ein paar andere Dinge fand ich heraus, als ich das Portemonnaie praktisch auseinandernahm.

Ich hatte mir bei einem Supermarkt eine Packung Kaugummis und eine Flasche Selters gekauft. Die Ware auf dem zweiten Kassenbon lief unter Geschenkartikel, daher hatte ich keine Ahnung, für was ich dort mein Geld gelassen hatte. Ich besaß Visitenkarten von verschiedenen Ärzten, darunter auch ein Tierarzt. Besaß ich ein Tier? Und wenn ja, welches? Ein Videothekenausweis, ein Sozialversicherungsausweis und ein Mitgliedsausweis für einen Sportverein. Visitenkarten für einen Friseur und einen Fitnessclub hatte ich auch. Fahrscheine und ein Studentenausweis steckten in einem Seitenfach. An Geld besaß ich genau Achtunddreißig Euro und zweiundsiebzig Cent.

All diese Sachen machten mich aus, ergaben mein Leben, aber ich kannte nichts davon. Selbst die Menschen auf den vier Fotos, die ich unter dem Klarsichtfach fand, waren mir völlig unbekannt. Inklusive meines eigenen Gesichts, das mich von drei der Fotos anlächelte.

Auf dem ersten Foto musste ich jünger gewesen sein, noch ein halbes Kind. Eine Frau hatte von hinten ihre Arme um meine Schultern geschlungen und lächelte in die Kamera. Sie besaß braune Haare, hatte ähnliche Gesichtszüge wie ich. War das meine Mutter? Eine Tante? Oder einfach nur jemand, den ich kannte?

Auf dem zweiten und dem dritten Foto war ich mit einem Mädchen zu sehen, das in meinem Alter sein musste. Sie war hübsch, hatte lange, braune Haare und ein freundliches Gesicht. Sie war das, was man einen Traum der Männer nannte. Auf dem einen Bild hielt sie mir Hasenohren an den Kopf, auf dem anderen standen wir Arm in Arm vor einem Café.

Das letzte Foto zeigte einen schwarzhaarigen Kerl mit grünen Augen und jeder Menge Sommersprossen im Gesicht. Er lächelte schüchtern. Ein echt süßer Typ, aber wer er war und was er für mich bedeute, wusste ich nicht.

Ich drehte alle Fotos hin und her, in der Hoffnung weitere Informationen zu bekommen, die eine Erinnerung in mir wachrufen würden, doch da war nichts. Kein Datum, kein handgeschriebener Kommentar, nichts. Ich hatte einen Haufen Kram und konnte im Grunde nichts damit anfangen. Aufgereiht lagen diese Bruchstücke meines Lebens vor mir. Sie konnten mir weder sagen, wer ich war, noch mir meine Erinnerung zurückgeben.

„Einen solchen Ausweis habe ich noch nie gesehen“, sagte Prisca. Nachdem Domina ihnen meinen Führerschein gezeigt hatte, war sie mit den anderen wieder reingekommen, um sich mein Leben auf diesen Überbleibseln anzusehen.

Ich saß jetzt wieder auf die Couch und die wenigen Dinge, die ich besaß, waren über den Tisch verteilt, wo jeder der Anwesenden sie gründlich – und in Dominas Fall sogar fasziniert – unter die Lupe nahm.

„Das ist ein Führerschein.“ Das einzig Positive an der ganzen Sache war, dass dank Rem meine Kopfschmerzen verschwunden waren. Ein wirklich schwacher Trost. Was war hier nur los? Man verlor doch nicht so einfach seine Erinnerung.

„Wofür?“

Was? Ach ja, Führerschein. „Der bezeugt, dass ich ein Auto steuern darf.“

„Was ist ein Auto?“, fragte Rem, die sich gerade eines der Fotos ansah.

Ungläubig schielte ich zu ihr rüber. Wollte die mich veräppeln? „Du weißt nicht was ein Auto ist?“

„Nein, das sagt mir genauso wenig wie dieser Batman, oder das seltsame Wort, das du vorhin benutzt hast. Amne … äh …“

„Amnesie?“

„Genau das. Es ist, als sprichst du eine andere Sprache. Wirklich seltsam.“

„Nicht nur ihre Sprache ist seltsam“, mischte Fang sich an. „Seht euch nur ihre Kleidung an. Nicht mal in der Stadt habe ich so etwas gesehen. Oder die Dinge, die sie bei sich trägt. Wie sind diese Bilder zustande gekommen.“ Er deutete auf meine Fotos. „Oder das da, Videothekenausweis. Was ist das, eine Videothek?“

Ja und das war es, was noch merkwürdiger war, als die Tatsache, dass alles aus meinen Erinnerungen gestrichen war, was auch nur annähernd mich betraf. Diese paar Leutchen wussten wirklich nichts über den ganz normalen Alltag. Sie konnten nicht einmal mit dem Wort Arzt etwas anfangen. Es war, als lebten sie in einer ganz anderen Welt. Ich meine, wer wusste den bitte nicht, was ein Auto war? Hier war doch echt etwas oberfaul.

Meine einzige Erklärung für diese Situation war, dass ich mich in einem Traum befand. Ja, genau, ich träumte und sobald ich aufwachte würde der ganze Spuck ein Ende haben. Ich würde wieder wissen, wer die Personen auf den Fotos war, oder die junge Frau, die aus dem Spiegel zurück schaute. Ich würde meinen Namen wissen, ohne auf einen Ausweis zu gucken und darüber lachen, was für verrückte Sachen ich mir in meinem Kopf zusammenspinnen konnte.

Doch ich wachte einfach nicht auf. Ich blieb eine Gefangene in meiner Phantasie.

Prisca seufzte, legte den Führerschein zurück auf den Tisch und sah mich einfach nur an. Unter diesem Blick fing ich an mich zu winden. Das war unheimlich, als überlegte sie, wie sie mich schnellstmöglich auf besonders grausame Weise wieder loswurde, weil ich ihren Frieden gestört hatte. „Was soll ich nur mit dir machen?“

Hatte sie die Frage an mich gestellt oder einfach nur laut gedacht? Da ich es nicht wusste, bevorzugte ich es an dieser Stelle einfach zu schweigen. Davon mal abgesehen hätte ich sowieso nicht gewusst, was jetzt passieren sollte. Hallo? Gedächtnisverlust, ich war noch ratloser als sie.

„Schick sie einfach fort“, brummte Fang. „Jag sie aus dem Wald. Es ist nicht an uns, ihre Probleme zu lösen.“

„Aber wenn sie euch nur etwas vorspielt, dann erreicht sie damit genau das was sie will.“

Alle, eingeschlossen mir, wandten sich der Stimme an der Tür zu.

Oh. Mein. Gott!

Da stand ein Traum von einem Mann, der fleischgewordene Traum meiner schmutzigen Phantasien, ein richtiger Adonis. Hellbraunes Haar, das ihm in die gelben Augen fiel. Groß, einen ganzen Kopf größer als ich, muskulös, durchtrainiert. Markantes, hartes Gesicht, kantiges Kinn und an der Hüfte hatte er eine lange Narbe. Ich konnte sie auf der leicht gebräunten Haut genau sehen, weil er – schluck – im Adamskostüm vor uns stand. Völlig nackt! Ich konnte wirklich alles sehen und daran schien er sich nicht im Geringsten zu stören – keiner im Raum schien sich daran zu stören.

Ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht schoss und mir ziemlich heiß wurde. Jetzt fang nur nicht an zu sabbern, das wäre echt peinlich. Hastig senkte ich den Blick, sah mir den plüschigen Teppich an, die Struktur der grauen Couch, mein Hosenbein, alles nur nicht ihn.

Verdammt, was war nur mit den Leuten hier los, besaßen die gar keinen Anstand?

„Wie meinst du das?“, wollte Prisca wissen.

„Sie tut nur so, als besäße sie keine Erinnerung. Sie will, dass du sie fortschickst.“

Ich spürte plötzlich alle Blicke auf mir.

„Das stimmt nicht“, sagte ich sehr leise, aber das schien niemanden zu interessieren. Die Verschwörungstheorien von diesem Typ waren wohl einfach interessanter.

Der nackte Kerl neigte leicht den Kopf. Ich spürte seinen Blick auf mir, der mir praktisch Löcher in die Haut brannte. „Wer weiß schon warum sie hier ist. Aber wenn sie die Informationen hat, die sie braucht, dann liegt es nur nahe, dass die wieder weg möchte.“

Hallo? War der als Baby mal auf den Kopf gefallen? Ich war doch keine Spionin!

„In einem Stück, versteht sich“, fügte er noch hinzu.

Okay, das hätte er jetzt einfach mal stecken lassen können.

„Wenn das so wäre, dann hätte sie sich aber reichlich dumm angestellt“, ließ Domina verlauten. „Einfach auf dem Dachboden einzuschlafen und sich erwischen zu lassen. Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich glaube ihr.“

„Doch nur, weil sie eine Katze ist“, erwiderte der Adonis kalt.

„Pass auf, was du sagst, Veith.“ Domina funkelte ihn gefährlich an. Ihr ganzer Körper hatte sich angespannt, als wollte sie ihm gleich den Hintern versohlen.

Verwirrt sah ich zwischen den Leuten herum – dabei versuchte ich untere Regionen NICHT zu streifen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass mir hier etwas entging, etwas Entschiedenes. „Warum nennt ihr mich Katze?“ Das war jetzt schon das dritte Mal.

Als keiner bereit war sich meiner zu erbarmen, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt waren, sich gegenseitig mit Blicken zu erdolchen, gab Rem sich einen Ruck. „Weil du eine bist.“

„Weil ich eine …“ Verwirrt sah ich auf meine Arme. Helle, glatte Haut, zwei Hände mit je fünf Fingern. Kein Fell, keine Krallen, keine ledernen Ballen, alles in Butter. „Ihr Leutchen seid echt seltsam“, murmelte ich sehr leise, doch alle schienen es gehört zu haben.

„Nicht wir sind seltsam, du bist es, Katze“, ereiferte sich Fang.

„Ich bin keine Katze, ich bin ein Mensch, oder habe ich neuerdings Schnurrhaare, von denen ich nichts weiß?“ Zur Sicherheit tastete ich mein Gesicht mit den Händen ab, weil ich plötzlich wirklich befürchtete, dass da etwas war, was dort absolut nichts zu suchen hatte. Aber nein, nur glatte Haut. „Seht ihr, ich bin ein Mensch, keine Katze.“

Wieder gingen Stirnrunzeln und verwirrte Blicke durch die Menge.

„Was ist ein Mensch?“, fragte Domina neugierig.

„Was ein …“ Das konnte doch nicht ihr ernst sein. „Ich, ich bin ein Mensch, ihr seid Menschen, die ganze verfluchte Bevölkerung der …“

Als aus dem Flur plötzlich ein wütendes Brüllen und Poltern erklang, verstummte ich. Eine Frau fluchte und dann stürmte ein breitschultriger Mann im Lendenschurz mit Glatze herein. Er sah mich und dann … knurrte er. Ein echtes, richtiges Knurren. „Wo ist Isla?“, grollte er. Seine hasserfüllten Augen ließen mich kaum merklich zittern.

Meinte der mich? Verständnislos sah ich zu den anderen, aber auch denen schien plötzlich jede Freundlichkeit abhanden gekommen zu sein – falls da überhaupt mal welche gewesen war. „Ähm … wer?“

„Isla, meine Tochter, wo ist sie?!“, brüllte er mich an, machte einen wütenden Schritt auf mich zu, der mich umgehend dazu veranlasste, mich zu erheben, um mich notfalls aus dem Staub machen zu können. Keine Ahnung was jetzt schon wieder los war, aber der Typ war so wütend, dass ich ganz schnell aus seiner Gegenwart raus wollte. „Du hast sie, Katze, du hast sie geholt, und nun bist du zurückgekommen und jetzt sagst du mir, wo sie ist, sonst reiße ich dir die Kehle raus!“

Mir entglitt jeglicher Gesichtsmuskel. Das konnte doch nicht sein Ernst sein. Ich hatte doch nichts getan – zumindest glaubte ich das, sicher sein konnte ich mir gerade nicht.

„Wo ist sie?!“

Woher verdammt noch mal sollte ich das wissen. Hektisch schüttelte ich den Kopf, sah die anderen hilfesuchend an, aber die warteten einfach nur ab, was jetzt passierte. Verdammt, wo zum Teufel war ich hier gelandet? „Ich weiß nicht, wo ihre Tochter ist, ich kenne keine Isla …“ Oder kannte ich sie vielleicht doch und konnte mich nur nicht an sie erinnern? Scheiße! „Der Name sagt mir nichts.“

„Lüge“, knurrte der Mann und kam einen weiteren bedrohlichen Schritt auf mich zu.

Mich hielt nichts mehr. Mit einem Satz war ich über die Couch und drängte mich an die Wand. Wo sollte ich auch sonst hin? Die würden mich hier nicht raus lassen, jedenfalls nicht in einem Stück. Die sahen mich alle so feindselig an, dass ich langsam richtig Panik schob. „Bitte, ich weiß wirklich nichts über Isla, ich weiß nicht wer das ist, ich weiß nicht …“ Mein Augen wurden groß, als dem Mann plötzlich Haare aus dem Kopf sprossen, blondes Haar. Sein Gesicht verformte sich, wurde länger, die Augen schräger, stechender, so voller Hass und Verachtung. Die Lippen verzogen sich zu Lefzen, scharfe Zähne im Maul, der Körper streckte und bog sich, die Hände wurden erst zu Klauen, dann zu riesigen Pfoten. Eine Rute, lange, spitze Ohren, muskulöser Körper. Er fiel nach vorn, die ganze Haut überzog sich mit blondem Fell und dann stand vor mir ein geifernder, zähnebleckender Wolf – mit Lendenschurz.

Mir entrang sich ein Wimmern. Das konnte nicht wahr sein, meine Augen mussten mir einen bösen Streich spielen, oder ich hatte Halluzinationen, aber sowas gab es nicht. Männer konnten sich nicht einfach in Wölfe verwandeln, das war unmöglich!

„Ich frage nur noch einmal“, sagte der Wolf/Mann mit tiefer grollender Stimme. „Was hast du mit Isla gemacht? Wo hast du sie hingebracht?“

Ich konnte nicht antworten, nur wimmern. Das konnte nicht real sein. Ein Wolf, ein sprechender Wolf, der vor einer Minute noch ein Mensch gewesen war. Sowas gab es einfach nicht. Und doch stand mir jetzt einer gegenüber.

„Wulf“, kam es da von Veith. „Ich glaube nicht …“

Und da sprang der Wolf los, riss den Tisch um und setzte über die Couch weg. Ich schrie, als ich ihn auf mich zukommen sah, spürte schon fast, wie sich seine Zähne in meinen Hals versenken wollten und war zu nichts anderem mehr fähig, als zu schreien und die Arme vors Gesicht zu schlagen. Ein einfacher Reflex, auch wenn er nichts nutzen würde. Er würde mich fressen, er würde mich töten!

Er prallte gegen mich, riss mich zu Boden und schnappte nach meiner Kehle, während ich nichts anderes tun konnte, als um mein Leben zu schreien, zu treten, aber das half nichts. Er war zu stark, er war einfach überall. Der wilde Blick, seine Zähne. Der Geifer tropfte mir ins Gesicht, als ich versuchte, seinen Schädel von mir wegzuhalten. Ich spürte den Luftzug nah an meinem Hals, als ich mich im letzten Moment den Kopf zur Seite riss, hörte sein Knurren, wie die Zähne neben meinem Ohr aufeinander krachten und dann war das Gewicht plötzlich von mir verschwunden.

Hecktisch robbte ich sofort rückwärts, bis ich die Wand im Rücken spürte und sah, wie dieser Veith den Wolf von mir wegzog. Er hatte Schwierigkeiten, der Wolf drohte sich seinem Griff im Nacken zu entreißen und Fang musste ihm helfen. Aber erst als sich auch Prisca einmischte, sich vor ihn hocke und leise auf ihn einredete, hörte er auf sich gegen die anderen zu wehren. Er warf mir noch einen letzten, hasserfüllten Blick zu und wurde dann von Fang aus dem Raum eskortiert.

Ich konnte nichts weiter tun, als an dieser Wand zu kauern und alles mit großen Augen zu verfolgen. Der wollte mich töten. Der hätte mich getötet, wenn Veith ihn nicht von mir runtergeholt hätte. Tränen liefen mir über die Wangen und mein ganzer Körper zitterte vor Angst. Wenn Veith nicht eingegriffen hätte, würde ich Gevatter Tod jetzt die Hand reichen. Und wieder waren alle Augen im Raum auf mich gerichtet, diese gelben Augen, die auch der Mann/Wolf hatte.

Keiner sagte ein Wort, alles blieb still, bis eine schlanke, schwarze Wölfin in den Raum getrottet kam. Sie hatte nur einen kurzen, abschätzenden Blick für mich übrig, bevor sie sich an Prisca wandte. „Die Drillinge sind bei dir im Haus. Sie wollen wissen …“

Mit einer unwirschen Handbewegung schnitt Prisca der Wölfin das Wort ab. „Ich komme gleich. Sie sollen sich einen Moment gedulden.“

Die Wölfin verdrehte die Augen, „Als wenn sie das je gekonnt hätten.“ Sie wandte sich wieder um und verschwand aus dem Raum.

Prisca strich sich das lange Haar aus dem Gesicht und drehte sich dann zu mir um, nur um mich wieder mit diesem Blick zu malträtieren, als versuchte sie meine Seele selber zu ergründen. Dann schien sie eine Entscheidung getroffen zu haben. „Veith, du hast recht, ich kann sie nicht einfach so gehen lassen. Bis ich genaueres über sie weiß, wird sie unserer Gast sein.“

Was? Die wollten … Gast? Die wollten mich gefangen halten? Das durften sie doch nicht! Die konnten doch nicht einfach so über mich bestimmen! „Aber das könnt ihr nicht machen“, kam es schwach von mir. „Ihr könnt doch nicht einfach …“

„Ich kann und ich werde“, unterbrach Prisca mich grob. „Domina? Ich möchte, dass du ein Auge auf sie hast. Sie darf sich im Lager bewegen, aber nicht allein.“

„Verstanden.“

„Gut. Kümmere dich bitte auch darum, wo sie für die Nacht untergebracht wird. Und für dich, Talita, hoffe ich wirklich, dass du mir die Wahrheit gesagt hast. Ich lasse mich nämlich nicht gerne zum Narren halten.“

Ich drückte mich noch enger an die Wand, versuchte förmlich mit ihr zu verschmelzen, in der Hoffnung, dass sie mich dann einfach vergessen würden. „Aber ich sage die Wahrheit“, beteuerte ich. Warum sollte ich auch lügen? Das ergab doch keinen Sinn.                                          

„Wollen wir es hoffen.“ Und dann zog sie sich völlig ungeniert den Lendenschurz herunter und wurde zu einem schwarzen Wolf mit weißen Stichelhärchen, der aus dem Raum trappte.

Ich konnte wieder nur wimmern. Ein Mann der sich in einen Wolf verwandelte, eine Frau, die sich in einen Wolf verwandelte, Menschen die sich in Wölfe verwandelten, als wären sie … so als … wie Werwölfe. Ich war umgeben von Monstern, eine Gefangene in ihrer Hand.

Ich merkte kaum, wie alle bis auf Domina aus dem Raum gingen, wie Veith mir noch einen kurzen Blick zuwarf. Er hatte mich gerettet, aber er hatte nichts als Verachtung für mich übrig.

Warum passierte mir das? Ich hatte doch nichts getan. Ich wusste nicht, wer diese Isla war, wer diese Menschen waren, oder was das für ein Ort war. Ich wusste gar nichts, bis auf die Tatsache, dass ich nicht hier sein wollte.

Ich revidierte meine vorherige Aussage, das war kein Traum, das war ein Alptraum, aus dem ich einfach nicht erwachte.

 

°°°

 

Eine ganze Weile ließ mich Domina einfach in Ruhe. Ich durfte an der Wand hocken, bis meine Tränen getrocknet waren. Sie ließ mir Zeit, damit ich meine Gedanken ordnen konnte, doch das wollte mir einfach nicht gelingen. Werwölfe? Wurde ich jetzt verrückt? Vielleicht war ich das ja schon und wusste es nur nicht. Vielleicht war ich ja auch schizophren. Das würde so einiges erklären. Einiges, aber nicht die Werwölfe.

„Hier rumzusitzen ist ganz schön langweilig“, warf sie irgendwann in die Stille hinein.

Bei ihrer Stimme zuckte ich zusammen, als hätte sie mir eins mit der Peitsche übergebraten.

„Willst du nicht mal langsam aufstehen? Wir könnten ein bisschen rumlaufen, in den Wald oder runter zum Fluss.“

Vorsichtig riskierte ich einen Blick zur Seite. Domina hatte sich auf die Couch auf den Rücken gefläzt und warf immer und immer wieder einen kleinen Ball in die Luft, der gekonnt zurück in ihre offenen Hände fiel. Hoch, runter, hoch, runter.

„Unterhältst du dich dann wenigstens mit mir?“ Als ich wieder nicht antwortete seufzte sie, fing den Ball auf und drehte sich so, dass sie mich im Auge hatte. „Wulf hat dich wirklich erschreckt, was?“

Das würde ich mit keiner Antwort würdigen. Der böse Blick den sie bekam, musste ihr reichen.

„Du darfst es ihm nicht übel nehmen.“

Doch, das durfte ich und wie ich das durfte. Und ich tat es auch. Naja, zumindest solange ich nicht vor Furcht zitterte. Ich konnte immer noch seinen heißen Atem im Gesicht spüren. Diese Zähne. Gott, diese Zähne würde ich wahrscheinlich nie wieder vergessen können.

„Eigentlich ist Wulf ein echt netter Kerl, aber seit Isla vor fast sechs Wochen verschwunden ist, ist er nicht mehr ganz er selbst.“ Sie schwieg einen Moment und seufzte dann schwer. „Isla ist alles was er noch hat, seit seine Frau vor vier Jahren gestorben ist. Er liebt sie abgöttisch und dass er nicht weiß, was mit ihr passiert ist, macht ihn halb wahnsinnig. Uns alle, aber ihn hat es am schlimmsten getroffen.“

Das Wort Wahnsinnig war wirklich wie für ihn geschrieben. Diese Augen, niemals würde ich den Blick darin vergessen. So voller Hass.

„Er vermisst sie einfach nur, er ist verzweifelt. Seit Isla verschwunden ist, ist er einfach nicht mehr derselbe.“

„Wie ist sie denn verschwunden“, hörte ich mich fragen. War ich denn noch zu retten? Hallo? Talita an Hirn, ist da oben jemand Zuhause? Das da war ein verfluchter Werwolf! Ich sollte vor Angst bibbern und mich nicht auf ein Kaffeekränzchen mit ihm einlassen. Wer wusste schon, wie Domina meine Frage interpretierte. „Tut mir leid“, beeilte ich mich hinterher zu sagen. „Ich wollte nicht neugierig sein.“

„Ist schon in Ordnung.“ Sie rollte sich auf die Seite und ließ den Arm mit dem Ball runter baumeln. „So genau wissen wir auch nicht, was passiert ist. Sie wollte eigentlich nur in den Wald ein bisschen spazieren gehen, die Reviergrenzen ablaufen, aber als sie am Abend noch immer nicht zurück war, haben sich ein paar von uns auf die Suche nach ihr gemacht. Ihre Spur verlor sich aber schon ein paar hundert Meter hinter dem Lager. Es war, als hätte sie sich einfach in Luft aufgelöst. Eben war da noch ihre Spur und dann Puff, einfach weg. Wir haben alles abgesucht, tagelang, aber bis auf ein bisschen Blut nichts von ihr gefunden. Und überall hatte es nach Katze gerochen.“ Bei den letzten Worten behielt sie mich genau im Blick. „Der Geruch nach Katze hing in der Luft, an den Bäumen, auf dem Boden und auch da, wo wir Islas Spur verloren haben. Deswegen hat Wulf auch so auf dich reagiert. Erst verschwindet seine Tochter in der Nähe des Lagers und die einzige Spur, die wir haben ist ein Geruch, der dort nicht sein durfte und ein paar Wochen später tauchst du hier auf. Eine Katze im Lager. Hätte mir eigentlich gleich klar sein müssen, was passiert.“

Und da war es wieder, Katze. Vielleicht hatte ich ja so ein Samtpfötchen als Haustier, das würde jedenfalls erklären, warum ich nach einer roch und auch, warum ich die Visitenkarte eines Tierarztes mit mir herumtrug. „Und weil ich nach Katze rieche, geht er davon aus, dass ich es gewesen bin.“

„Es liegt zumindest nahe, das musst du einsehen.“

„Nein, tut es nicht, diese Anschuldigung ist völlig an den Haaren herbeigezogen“, zischte ich. „Nur weil mir der Geruch einer Katze anhaftet, muss ich nicht gleich für das Verschwinden …“

„Anhaftet?“ Sie lachte spöttisch auf. „Die haftet nichts an, du strömst diesen Geruch aus. Du bist eine Katze, darum hat er es gemacht.“

„Ich bin ein Mensch, keine Katze, das habe ich bereits gesagt!“, fuhr ich sie an, hatte völlig vergessen, dass ich es hier mit einem Wesen zu tun hatte, das mir den Kopf abreißen konnte, wenn ich ihm auf den Sack ging. „Ich hab nicht die kleinste Ähnlichkeit mit einer Katze, oder bist du blind, dass du das nicht siehst?!“

Mein kleiner Ausbruch ließ sie schmunzeln. „Ich sehe grade auch nicht aus wie eine Katze, aber dennoch bin ich eine. Kannst du das denn nicht riechen?“

Sie war eine Katze? Ich klappte den Mund auf, aber irgendwie wollte da kein Ton rauskommen, deswegen schüttelte ich einfach nur den Kopf.

„Du kannst es nicht riechen?“

Hallo? War ich ein Hund oder was, dass ich einfach nur die Nase in den Wind halten musste, um eine Fährte aufzunehmen? „Nein“, sagte ich schlicht. Halleluja, ich hatte meine Stimme wiedergefunden.

Wie sie es schon so oft an diesem Tag gemacht hatte, musterte Domina mich ein weiteres Mal, als hoffte sie, irgendwann auf das Geheimnis zu stoßen, welches ich war. Ich wünschte ihr viel Glück und dass sie ihre Erkenntnisse bei Gelegenheit mit mir teilte. „Du bist wirklich seltsam.“

Wer von uns beiden hier seltsam war, würde ich jetzt sicher nicht mit ihr diskutieren. „Du bist also kein … ich meine … du …“

„Ich bin eine Löwin, wenn es das ist, was du wissen möchtest“, lächelte sie.

„Löwin“, wiederholte ich nicht sehr geistreich. Also hatten wir jetzt Menschen die sich in Wölfe verwandeln konnten und eine Frau, die die Gestalt einer Löwin annahm, wenn ihr danach war. Was bitte kam als nächstes? Ein Bär? Verdammt, ich sollte den Teufel nicht an die Wand malen, nachher bekam das Schicksal noch weitere merkwürdige Ideen.

„Ja, ein Löwin. Ich komme eigentlich aus dem Sommerland, aber …“ Sie verstummte kurz und nahm Einblick in eine Vergangenheit, die nur ihr allein zustand. „Ich bin als Kind hergekommen und aufgewachsen. Ich gehöre jetzt in dieses Rudel, das hier ist mein Zuhause.“

Ihr Zuhause. Sie wusste, wo es war, sie wusste, wer sie war, hatte alles was mir fehlte. „Und wo ist mein Zuhause? Wo komm ich her?“, fragte ich schwach. Es waren nur Kleinigkeiten, aber sie waren weg, einfach so, nichts war mehr da.

„Ich weiß es nicht“, sagte sie schlicht.

Natürlich wusste sie es nicht, woher auch? Niemand hier wusste es, mich eingeschlossen und dass war eine ziemlich bittere Pille.

Als ich den Kopf wieder hob, fiel mein Blick in den Flur. Direkt gegenüber der Tür hing ein Bild von einer Frau mit langem weißem Haar. Falsch, sagte irgendetwas in mir. Das Bild dort war nicht richtig, es durfte da nicht hängen. Und auch die Tapete kam mir verkehrt vor. Nur weiß, dabei müsste sie eigentlich mit hellblauen Schnörkeln durchzogen sein.

Verwirrt runzelte ich die Stirn. Wo kamen den diese Gedanken plötzlich her?

„Was ist?“, fragte Domina. „Warum guckst du so?“

„Das Bild, es ist … es darf da nicht hängen.“

„Warum?“

Das war eine wirklich ausgezeichnete Frage, aber da ich selber keine Ahnung hatte, hielt ich einfach den Mund.

Domina erhob sich und spähte durch die Tür. „Das ist, oder besser war, Merima, die Mutter von Prisca. Als ich noch klein war, war sie unsere Heilerin, aber das ist schon lange her.“

Merima, also. Der Name sagte mir gar nichts, auch nicht das Gesicht. Das war nur dieses Gefühl, dass es nicht richtig war, dass dort dieses Bild hing – das dort überhaupt ein Bild hing. Diese Stelle müsste leer sein, aber warum das so war, wusste ich auch nicht zu sagen.

„Möchtest du es dir ansehen?“

Hm, wollte ich das? Eigentlich nicht. Diese Ecke war doch recht bequem und dort draußen waren die Monster. Hier drinnen kam es mir wesentlich sicherer vor.

„Nun komm schon, Talita, steh auf. Prisca hat erlaubt, dass du dich hier bewegen darfst. Du bist keine Gefangene.“

Na, das sah ich aber definitiv anders. Ich durfte nicht abhauen und wurde überwacht. Wenn das keine Gefangenschaft war, dann sollte sie mir mal erklären, was das Wort für sie bedeutete.

„Na los, komm schon. Du brauchst keine Angst haben, Prisca hat Wulf verboten, noch mal in deine Nähe zu kommen.“

Das musste wohl passiert sein, als sie so eindringlich auf den wütenden Wolf eingeredet hat. Bei der Erinnerung daran spannte sich mein Körper ganz automatisch an. Diesem Kerl wollte ich kein zweites Mal begegnen.

Domina streckte mir ihre Hand entgegen. „Wir anderen sind ganz harmlos, das verspreche ich dir. Ich werde schon aufpassen, dass dir nichts passiert.“

Super. Eine Werkatze wollte mich vor den Werwölfen beschützen. Und was sollte ich bitte machen, wenn sie plötzlich Lust auf einen kleinen Snack verspürte?

Unsicher sah ich von ihr zum Flur. Einfach hier sitzen zu bleiben wäre wohl das Gescheiteste und trotzdem erhob ich mich langsam – ohne ihre Hand zu nehmen. Ganz ehrlich, von diesen Leuten wollte ich nicht berührt werden.  Aber ich war neugierig. Ich wollte wissen warum ich dieses komische Gefühl hatte. Das war schon aufgetaucht, als ich aus meiner Ohnmacht erwacht war. Dieses Zimmer war mir so bekannt vorgekommen, obwohl alles irgendwie verdreht wirkte.

Vorsichtig schob ich mich Richtung Tür, spähte kurz um die Ecke, weil ich Domina nicht zu lange aus den Augen lassen wollte. Dass ich da praktisch einen Löwen im Rücken hatte, wollte mir so gar nicht gefallen. Wer konnte mir das schon verdenken?

Der Flur war leer, weit und breit keine Seele zu sehen – besaßen diese Wesen überhaupt Seelen? Der Korridor war nicht sehr lang, hatte an beiden Enden Türen, die hinaus ins Freie führten – woher wusste ich das nun schon wieder? War ich vielleicht doch eine Spionin, die über die Gegebenheiten dieses Haus Bescheid wusste? Quatsch, das war doch Blödsinn, das musste einen anderen Grund haben.

Als alles ruhig blieb schob ich mich hinaus in den Korridor, direkt vor das Bild, aber es kam mir immer noch nicht richtig vor. Ich sah mich um. Hier gab es noch zwei Räume. Eine Küche und ein kleines Zimmer, dessen ganzer Boden mit Matratzen, Kissen, Decken und Laken so voll war, dass der eigentliche Untergrund nur noch zu erahnen war. Keine Möbel, nur dieses Chaos, das an ein sehr großes Bett erinnerte.

Domina hielt mich nicht auf, als ich mich langsam durch den Flur bewegte, die Umgebung in mich aufnahm und auf die Treppe in die erste Etage zuhielt – sie folgte mir still. Es kam mir vor, als sei ich diesen Weg schon tausendmal gegangen und doch konnte es nicht so gewesen sein. Diese Leute kannten mich nicht, also konnte ich folglich noch nie hier gewesen sein. Oder?

Dennoch, alles war so vertraut und völlig fremd zugleich. Ich kannte die Treppe, wusste, dass die dritte Stufe knarrte, noch bevor ich einen Fuß daraufgesetzt hatte. Aber es war falsch. Alles hier war irgendwie falsch. Die Bilder an den Wänden, der Teppich auf den Stufen, die Topfpflanze auf dem Treppenabsatz. Ich wusste nicht genau was es war, einfach nur ein Gefühl, aber nichts hier schien richtig.

Als ich die erste Etage betrat, verstärkte sich dieses Gefühl nur noch. Gleich die erste Tür. Sie sollte rosa lackiert sein, mit unzählbar vielen Aufklebern versehen, aber es war nur eine schlichte Holztür. Warum sah ich sie anders, als sie war?

Meine Finger glitten über das glatte Holz und wieder kam mir nur eine Gedanke: Falsch.

Wurde ich verrückt? War ich es vielleicht schon gewesen, bevor sich meine Erinnerung verabschiedet hatte? Es würde zumindest so einiges erklären.

Domina war nichts als ein stiller Beobachter, der jede meiner Regungen genauestens unter die Lupe nahm.

Ich ließ meinen Blick durch den Flur gleiten und blieb zwei Türen weiter hängen. Das Badezimmer. Ich wusste nicht, woher ich dieses Wissen hatte, aber so sicher wie ich wusste, dass ich nichts wusste, wusste ich, das hinter dieser Tür, das Bad lag. Ganz schön kompliziert, was? Aber wirklich sicher konnte ich mir erst sein, nachdem ich nachgeschaut hatte. So schritt ich entschloss auf die Tür zu, um mir zu beweisen, dass ich recht hatte und nicht gerade dabei war meinen Verstand zu verlieren. Mein lautloser Schatten blieb mir neugierig auf den Fersen, unternahm aber nichts.

Ich riss die Tür auf und … blieb abrupt stehen. Zwei gelbe Augen unter einem roten Schopf  blickten mich durch den Spiegel überrascht an. Der Kerl stand mit dem Rücken zu mir, war riesig, fast zwei Meter. Er überragte mich bestimmt weit über einen Kopf, was bei meiner Größe gar keine so leichte Aufgabe war. Eine Zahnbürste im Mund, ein Handtuch um die Hüfte gewickelt, wartete er neugierig, dass ich etwas tat oder sagte. Hm, ich hätte vorher vielleicht klopfen sollen. Wenigstens stand er vor dem Spiegel und saß nicht auf dem Klo. Das wäre wirklich peinlich geworden.

Irgendwie war es seltsam, das Handtuch reichte ihm bis über die Knie, aber trotzdem kam  er mir nackter vor als all die Leute hier mit ihren Lendenschurz – die ja mehr freiließen, als sie verdeckten. Oder Veiths schamlose Art.

Nervös schaute ich von ihm zu Domina und wieder zurück. Was sollte ich jetzt tun? Eine Entschuldigung mit anschließendem Rückzug wäre wohl die richtige Lösung gewesen, aber mein Kopf war von all den Eindrücken so voll, dass ich gar nicht erst auf diese Idee kam.

Er nahm die Zahnbürste aus dem Mund, drehte sich um und neigte den Kopf zur Seite, als bekäme er so einen besseren Blick. „Kann ich vielleicht irgendwie helfen?“, fragte er mit einer sanften, melodischen Stimme, doch ich hörte ihn kaum. Meine Augen wanderten über die Einrichtung. Über die Toilette, die Badewanne, das Waschbecken, den Handtuchhalter und wieder schrie alles in mir: das ist nicht richtig!

„Domina?“, fragte der Kerl. Sie bedeutete ihm ruhig zu sein und beobachtete mich weiter. Naja, wahrscheinlich passte sie eher auf, dass ich nicht gleich durchdrehte.

„Sie müssten grau sein.“ Da war ich mir sicher. Genau wie mit der rosa Tür oder der Topfpflanze auf dem Treppenabsatz.

„Was?“

„Die Fliesen“, antwortete ich ihm. „Die Farbe ist falsch. Sie müssten grau marmoriert sein und nicht weiß.“

„Warum?“

Eine einfache Frage. Und sie brachte mich völlig aus dem Konzept. Mehr als verwirrt dreinschauen war bei mir gerade nicht drin. „Wie warum?“

„Warum müssten sie grau sein? Nicht, das ich etwas gegen den Vorschlag hätte, aber bevor wir hier anfangen, ohne Fangs Erlaubnis die Wände einzureißen, sollten wir doch erst mal diese Frage klären.“

Aha, ein Klugscheißer. Und trotzdem. „Da stimme ich dir zu.“

Sein Mundwinkel verzog sich zu einem halben Lächeln. „Das freut mich. Also, warum grau?“

Ja, gute Frage. „Ich weiß nicht.“

„Oh.“ Der Typ schüttelte bedauernd den Kopf. „Ich glaube nicht, dass dies eine Antwort ist, mit der Fang sich zufriedengeben wird.“

Nein, das würde er mit Sicherheit nicht. Erst recht nicht, nachdem er mich hatte einfach davonjagen wollte. Meine Anwesenheit störte ihn und ich konnte nicht mal sagen warum. Okay, vielleicht doch. Ich war eine Fremde und hatte auf seinem Dachboden ein Nickerchen gehalten. Wäre es andersherum gewesen, würde seine Anwesenheit bei mir auch nicht gerade für Begeisterungsstürme sorgen.

„So nachdenklich?“ Der Klang seiner Stimme hatte eine beruhigende Wirkung auf mich, sie war … schön, tröstend.

„Ich, nein, ich … tut mir leid.“ Für was entschuldigte ich mich hier eigentlich? Ich hatte nichts falsch gemacht. Naja, wenn man mal von der Tatsache absah, dass ich unangemeldet einfach ins Bad geplatzt war. Ich rieb mir mit den Händen übers Gesicht. Langsam wurde das ganze echt lächerlich.

„Schlimmer Tag, hm?“

Er hatte ja keine Ahnung. Obwohl, vielleicht ja doch. Über meine Ankunft schienen hier verdammt viele Leute Bescheid zu wissen.

„Ich bin übrigens Pal.“ Er lehnte am Waschtisch, völlig entspannt und hielt mir die Hand hin, als würde er täglich von fremden Weibern im Bad überrascht werden.

Ich starrte ihn an, starrte seine Hand an und wusste nicht so recht was ich damit anfangen sollte. Es widerstrebte mir, sie zu nehmen, gleichzeitig war es aber auch unhöflich, sie einfach zu ignorieren. Rede einfach, na los, dann kommt schon alles in Ordnung. „Ich bin …“ Was stand noch gleich in meinem Ausweis? Ach ja: „Talita. Mein Name ist Talita Kleiber. Ich bin zwanzig Jahre und einen Meter und achtundsiebzig. Und ich wohne in … ich wohne in … verdammt!“ Ich konnte mich nicht erinnern. So wenig Informationen und ich vergaß jetzt schon die Hälfte.

„München“, half mir Domina. „Du wohnst in München.“

Ach ja, stimmt ja, wie konnte ich das nur vergessen? „Ja, ich wohne in München. Ich komme aus einer Stadt namens München. München, da komme ich her.“ Wenn ich es nur oft genug wiederholte, konnte ich es nicht wieder vergessen, oder?

„München?“ Pal blickte nachdenklich. „Sollte ich das …“

„Braucht ihr noch lange für euer Plauderstündchen? Andere wollen nämlich auch mal den Feuchtraum benutzen.“

Da war er wieder, Veith, mein Retter und er hatte noch immer keine Klamotten gefunden.

Ich trat so schnell zur Seite, dass ich über meine eigenen Füße stolperte und mit einem ordentlichen Rums im Flur auf den Hintern knallte. A-ua, das tut weh!

Domina schmunzelte, Veith hatte nur einen abschätzenden Blick für mich übrig und Pals roter Schopf schaute zur Tür heraus. „Alles okay mit dir?“

„Ich … es … tut mir leid.“ Hastig rappelte ich mich wieder auf die Füße und streifte dabei wieder Veiths nackten Körper. Verdammt, konnte der sich keine Klamotten leisten? Oder wenigstens hässlich aussehen? Da kam man dann wenigstens nicht in Versuchung ihn anzustarren. „Ich wollte nicht stören“, sagte ich eilig und sah dann zu, dass ich das Weite suchte.

Gott, das war echt peinlich gewesen.

 

°°°

 

 

Als ich angestoßen wurde, zuckte ich so heftig zusammen, dass ich mit dem Knie gegen den Tisch knallte.

„Oh, das hat bestimmt wehgetan.“

Das halbe Lächeln von dem Typ, der sich neben mich auf die Bank gequetscht hatte, kam mir bekannt vor. Ich braucht einen Moment, um ihn unter all den neuen Gesichtern, die ich heute gesehen hatte, als den auszumachen, den ich im Bad überrascht hatte. Wie hieß der noch mal? Wulf? Nein. Wulf war der Kerl, der versucht hatte, mich zu fressen. „Oh Gott!“ Ich vergrub das Gesicht in den Händen. Wie war es geschehen, dass ich mit Fabelwesen zu Mittag aß? Wobei ich noch froh sein konnte, dass ich mit ihnen essen durfte und nicht selber das Tagesmenü war.

Nach meinem überaus eleganten Abgang auf dem Flur, hatte ich mich wieder nach unten in das Büro an meine Wand verkrümelt und da einfach nur die nächsten Stunden gesessen und nachgedacht. Zusammenfassung meiner Gedanken: Ich war voll am Arsch. Ich wusste nicht, wer ich war, wo ich war und saß jetzt mit einem Haufen Werwölfen in einem großen Speisesaal beim Mittagessen.

Domina hatte mir meinen Teller mit etwas vollgehauen, das mich entfernt an Hühnerfrikassee erinnerte, doch davon abgesehen, dass ich nicht glaubte, dass mein Magen im Moment Essen vertrug, vertraute ich der ganzen Sache auch nicht wirklich. Außerdem wurde mir von dem Geruch schlecht. Nein, essen war im Augenblick wirklich keine gute Idee. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich es lange bei mir behalten würde, so wie mein Magen sich ständig zusammenkrampfte.

Die restlichen knapp zwanzig Teilnehmer an dieser Mahlzeit hatten nicht mit solchen Problemen wie ich zu kämpfen. Es wurde geredet, gelacht und verputzt was das Zeug hielt.

Ich fühlte mich völlig fehl am Platz.

Der rothaarige Typ – wie war noch mal sein Name? Scheiße, was war nur mit meiner Erinnerung los? – musterte mich sehr intensiv. „Schwerer Tag, hm?“

Ich schaffte es nicht mal, ihm ein höfliches Lächeln für seine Aufmerksamkeit zu schenken, nachdem ich die Hände zurück in den Schoß hatte fallen lassen. Nachher glaubte er noch, ich fletschte die Zähne und nahm es als Entschuldigung die Speisekarte doch noch etwas abzuändern. Oh mein Gott, mit was für Gedanken ich mich rumschlagen musste!

„Du scheinst ein wenig angespannt zu sein.“

Ich starrte ihn an. „Natürlich bin ich angespannt. Ich sitze mit einem Haufen Werwölfen an einem Tisch, die nicht besonders erfreut über meine Anwesenheit scheinen. Verdammt, hör doch nur mal, was ich hier rede: Werwölfe! So was gibt es nur im Märchen!“

Domina, mir gegenüber, verfolgte unser Gespräch interessiert, ließ sich davon aber nicht beim Essen stören. Sie hatte sich bereits ihre dritte Portion genommen, während meine erste schon etwas angetrocknet aussah.

Der Typ mit Namen –  irgendwas mit P, oder? – runzelte die Stirn. „Was sind Werwölfe.“

Ich brauchte einen Moment um zu verstehen, dass er nicht gerade versuchte, mich zu verarschen, sondern die Frage ernst meinte. „Du, die anderen, alle hier.“ Naja, bis auf Domina. Die war eindeutig kein Werwolf. Zumindest wenn es stimmte, was sie behauptete. Oh Gott, ich war definitiv im falschen Film gelandet.

„Wir sind Lykaner, keine Werwölfe.“ Er schob seinen noch leeren Teller ein Stück zurück. Ich war wohl gerade interessanter als das Essen.

„Andere Bezeichnung, gleiche Bedeutung“, erwiderte ich nur. „Da, wo ich herkomme, nennt man solche Wesen wie euch Werwölfe, oder auch Lykanthropen.“

„Du kannst dich also wieder erinnern?“

Ich zuckte erneut zusammen, als am Ende des Tisches eine Frau laut auflachte. „Nein, das nicht. Es ist komisch. Irgendwie kann ich mich an Sachen erinnern, die … ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Dinge, die mich nicht betreffen weiß ich, alltägliche Dinge, Allgemeinwissen. Ich weiß, was eine Straße ist, wie eine Rose riecht, oder wie unser aktueller Bundeskanzler heißt, aber alles, was mit mir selbst zu tun hat, ist wie weggeblasen. Einfach verschwunden.“ Ich warf ihm einen kurzen Blick zu. „Doch was ich ganz sicher weiß ist, dass es Wesen wie euch nicht gibt, dass meine Fantasiemir einen üblen Streich spielt.“ Warum war ich nur plötzlich so redselig? Das musste mit dem Kerl zu tun haben. Vielleicht, weil er hier der Erste war, der mir ein wenig freundlich entgegengekommen war. Gut, Domina war auch nicht gerade die Grausamkeit in Person, aber sie guckte mich immer so seltsam an, das mochte ich nicht. Wenn ich etwas von dem Essen zu mir genommen hätte würde ich fast vermuten, dass sie mir etwas darunter gemischt hatten, aber dem war ja nicht so. „Und außerdem ist hier alles irgendwie verdreht. Ich kenne dieses Haus, das weiß ich, aber es ist unstimmig, nicht richtig, verstehst du?“

Langsam schüttelte er den Kopf. „Nein, nicht wirklich.“

„Natürlich nicht.“ Pal, so hieß der Kerl. Na wenigstens schien meine Erinnerung jetzt ein wenig in die Gänge zu kommen. Die Frage war nur wie lange sich dieser Zustand anhielt. „Vielleicht träume ich ja auch nur. Wenn ich aufwache ist alles vorbei.“ Hoffentlich. Oh bitte, wach doch auf, bitte.

Auf der anderen Seite des Tisches knurrte ein Mann, mit einer üblen Narbe an der Augenbraue, einen kleinen Wolf an, der versuchte, ihm sein Fleisch vom Teller zu stibitzen. Ich versteifte mich. Gruselig traf es nicht mal annähernd. Eine menschliche Kehle war nicht dazu gedacht, solche Geräusche von sich zu geben, das sollte allein den Tieren vorbehalten bleiben. Andererseits saß ich hier ja mit Tieren, mit einem Haufen Wölfen und einer Löwin.

Der Mann bemerkte, dass ich ihn beobachtete und zeigte mir seine Zähne. „Was guckst du so? Kümmere dich um deinen Kram!“

„Ich …“ Mein Blick senkten sich hastig auf meinen Teller. Gib ihm keinen Grund dich zu fressen, tu einfach was er sagt. „Entschuldigung.“

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Pal unter dem Tisch nach dem Mann trat. Der guckte ihn zwar böse an, kümmerte sich aber nicht weiter darum. „Du darfst ihnen nicht zeigen, dass du Angst hast“, versuchte es der Rotschopf in meine Richtung.

„Ich habe aber Angst“, flüsterte ich und war selber überrascht, dass ich ihm dieses Einverständnis gab.

„Warum?“

Ich biss mir auf die Lippen, um meinen Mund ihm Zaun zu halten. Sonst hätte ich ihn vielleicht angeschrien, oder wäre hysterisch geworden. Warum fragte er? Es war doch offensichtlich! Die hatten Zähne und Krallen. Ich hatte gerade mal Beine, mit denen ich mich aus dem Staub machen konnte. Das waren Tiere in Menschengestalt und ich saß mitten unter ihnen und wusste nicht, was sie mit mir vorhatten.

„Komm mal mit, ich will dir was zeigen.“ Pal rutschte von der Bank und hielt mir die Hand hin. Dabei hatte er seinen Kopf zur Seite gelegt, als versuchte er, kleiner und unschuldiger zu wirken. Es half nicht wirklich, ich sah den Wolf in seinen Augen. Der war allgegenwärtig. „Keine Angst, ich beiße nicht.“ Er grinste. „Kleiner Scherz.“

Den ich in dieser Situation überhaupt nicht witzig fand.

Unsicher sah ich zu Domina. „Ich soll aber bei ihr bleiben, das hat Prisca gesagt.“ Und mit der wollte ich mich ganz sicher nicht anlegen. Mich schauderte es immer noch, wenn ich an diese seltsame Aura dachte, die sie umgab.

„Das geht schon in Ordnung, oder?“

Domina zuckte nur mit den Schultern. „Wenn du sie verlierst werde ich dir den Hintern zerkratzen und Prisca anschließend mit einem freundlichen Lächeln in deine Richtung verweisen.“

„Ich hab dich auch lieb, mein Schatz.“

Domina grinste ihn auf eine Art an, die mich eher an ein wildes Zähnefletschen erinnerte. Ich zögerte noch, sollte ich wirklich gehen?

Als der Mann mit der Narbe an der Augenbraue über den Tisch setzte, weil der kleine Wolf nun von der anderen Seite versuchte, an sein Essen zu kommen, sprang ich vor Schreck von der Bank. Dabei riss der Kerl einen Großteil von dem Geschirr um. Ein paar knurrten, andere beschwerten sich, was den Mann nicht interessierte. Er hatte den kleinen Wolf im Nacken gepackt und hielt ihn nun eine Standpauke auf Wolfsart: Er schüttelte ihn ordentlich durch.

Ich war … entsetzt war wohl der falsche Ausdruck. Eher überrascht, verängstig. Eben unsicher, was ich davon halten sollte.

„Kinder müssen gemaßregelt werden, sonst würde sich das hier sehr bald in ein Tollhaus entwickeln“, sagte Pal mit noch immer erhobener Hand. Ich ergriff sie nicht, ließ mich aber von ihm nach draußen bringen. Hier wollte ich nicht länger bleiben.

 

°°°

 

Das Lager war so ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Nun ja, eigentlich hatte ich mir gar nichts vorgestellt, ich war einfach zu sehr mit mir selbst beschäftigt gewesen.

Das hier war ein kleines Dorf. Inmitten des Waldes stand es und verschmolz perfekt mit der Natur. Also, es stand nicht auf einer Lichtung oder so, nein, die Häuser standen zwischen den Bäumen. Es gab ein paar Trampelpfade und in der Mitte des Lagers war eine größere, freie Fläche für Feste – das hatte Pal mir erklärt – aber ansonsten standen hier überall Bäume. Riesige Bäume mit einem sehr dichten Blätterdach, das nur spärlich die Sonne durchließ.

Die Häuser sahen im Großen und Ganzen so aus wie kleine Blockhütten, die aus dem zusammengezimmert waren, was der Wald so her gab. Es gab nur drei Gebäude, die sich von den anderen unterschieden. Das eine war das Haus von Fang, in dem ich erwacht war – zwei Mal schon und das am selben Tag. Es war sehr groß. Nicht wie eine Villa, aber da kamen schon ein paar Zimmer zusammen. Laut Pal wohnten dort ja auch zwölf Personen und die brauchten halt ´ne Menge Platz. Neben Fang gehörten er und Veith auch zu den Bewohnern. Veith und Pal waren Cousins und Fang Pals Vater. Er nannte ihn Papá, irgendwie fremd ausgesprochen. Wer die anderen neun waren, hatte ich noch nicht ermittelt und ganz ehrlich, für den Anfang reichten mir die drei Namen erst mal.

Das zweite Haus, das aus dem Rahmen fiel, war das sogenannte Rudelhaus. So wie ich ihn verstanden hatte, war das nichts anderes als ein Gemeinschaftshaus, in dem man sich treffen konnte, um sich die freie Zeit zu vertrödeln. Dort hatte ich auch gegessen, oder, naja, meinen Teller angestarrt, bis das Essen altbacken und kalt war.

Das dritte und letzte Haus, das sich von den anderen unterschied, war das von Prisca. Ich hatte es nur kurz von außen gesehen und dass hatte mir gereicht. Priscas machtvolle Aura war mir noch sehr gut in Erinnerung und wenn ich ihr erst in einer Woche wieder begegnen würde, wäre das immer noch zu früh. Je weiter diese Frau von mir entfernt war, desto wohler fühlte ich mich. Oder eben einfach nur etwas besser.

Pal streckte den Arm aus und zeigte an einem Baum vorbei zu einer kleinen Hütte, auf deren Dach gerade fleißig ein Männlein hämmerte. „Vor vier Tagen ist ein richtig übler Sturm über uns hinweggefegt. Ein paar Häuser hat er abgedeckt, aber ansonsten ist nichts weiter geschehen.“

Ich sah zum Himmel hinauf, oder versuchte es zumindest, denn durch die Bäume war nicht viel zu erkennen. Etwas blau hier, ein paar Tupfer dort. Sah für mich nach Sonne aus. „Passiert das …“

Ein Scheppern ließ mich erschrocken herumfahren, aber da war nur eine Frau die scheinbar versuchte, Reste aus einer Schüssel zu bekommen, indem sie die gegen ihre Hauswand schlug. Sie schaute einmal misstrauisch in meine Richtung und dann verschwand sie wieder in ihrer Hütte. Mein Herz allerdings ließ sich nicht in so kurzer Zeit beruhigen. Es trommelte wild in meiner Brust, als wollte es einen neuen Weltrekord aufstellen.

„Warum zuckst du bei jedem Geräusch zusammen“, fragte Pal verwundert. „Wir tun dir doch gar nichts.“

„Werwölfe sind Monster“, rutschte es mir raus, ohne dass ich vorher über meine Worte nachdachte.

Er blieb stehen und sah mich überrascht an.

Na ganz große Klasse, da konnte ich mir ja auch gleich auf die Stirn tätowieren: saudummer Snack, bitte nicht alle auf einmal abbeißen, ist genug für alle da. „Ist doch so“, murmelte ich, nicht bereit nachzugeben. Er konnte ruhig wissen, dass ich wusste, womit ich es hier zu tun hatte.

Eine Horde Kinder rannte an uns vorbei. Menschliche, aber auch welche in Wolfsgestalt. Mit einer raschen Bewegung griff Pal sich den kleinsten Welpen von ihnen, einen Schwarzweißen und drückte ihn mir einfach so in die Arme. Ich musste zupacken, sonst wäre er einfach auf den Boden geknallt. „Das ist Tess. Sieht sie für dich wie ein Monster aus?“

Ich hielt den kleinen Wolf auf Armeslänge von mir fern, unsicher was ich machen sollte. Klein, pelzig, eigentlich ganz süß. „Nein.“

Sein Mundwinkel zuckte. „Du kannst sie ruhig richtig auf den Arm nehmen. Ich bezweifle, dass ihr der Sinn danach steht, dich aufzufressen. Damit wäre sie ja mindestens eine Woche beschäftigt. Soviel Zeit hat sie gar nicht, da käme sie ja gar nicht mehr zum Spielen.“

Ich warf Pal einen bösen Blick zu – das war nämlich nicht mal annähernd so witzig, wie er glaubte – und überlegte dann, was ich mit dem kleinen Wolf machen sollte, der neugierig zwischen Pal und mir hin und her schaute. Mit Kindern hatte ich keine Erfahrung – davon ging ich einfach mal aus – und mit Wölfen erst recht nicht – davon war ich felsenfest überzeugt. Vorsichtig bettete ich die Kleine in meiner Armbeuge. Zum Dank wusch sie mir mit ihrer Zunge das Gesicht, stupste mich mit der Nase an und schnüffelte neugierig an mir. „Katze“, sagte sie dann mit einem Quietschestimmchen und zappelte, um in eine bessere Position zum Schnüffeln zu bekommen. Als sie mir dann die Nase ins Ohr steckte, fing ich an zu kichern. Nein, ich stand nicht kurz vor einem hysterischen Anfall, auch wenn meine Nerven blank lagen und dieser gerechtfertigt gewesen wäre. Es kitzelte einfach.

„Katze!“, sagte sie erfreut und knurrte spielerisch.

„Das hast du richtig erkannt.“ Pal lächelte und wuschelte ihr über den Kopf, woraufhin sie verspielt nach ihm schnappte. Dann zappelte sie wieder.

Ich ließ sie runter und sie flitzte auf allen Vieren den andern Kindern hinterher, fiel dabei über ihre großen Pfoten und pflügte mit der Nase voran im Dreck. Das tat ihrer Laune aber keinen Abbruch. Bevor ich auch nur einen Fuß heben konnte, um ihr zu helfen, hatte sie sich schon wieder aufgerappelt und war um die nächste Hausecke verschwunden.

„Wir sind vielleicht anders als du, aber das macht uns noch lange nicht zu Monstern“, sagte Pal dann ernst, den Blick auf mich gerichtet. „Auch wir haben Freunde und Familie. Wir lieben und wir trauern, lachen und weinen. Wir können mutig sein und uns fürchten und …“

„Wovor fürchtet sich den ein Werwolf?“

Pal grinste. „Lykaner.“ Er führte mich weiter durch das Lager. Langsam, im gemächlichen Schritt schlenderten wir um Hauser und Bäume herum.

Überall gingen die Menschen hier geschäftig ihrem Treiben nach. Auch Wölfe sah ich immer wieder. Es war friedlich, ruhig, idyllisch. Irgendwie unwirklich. Ein Dorf voller friedlicher Monster, aber ich hatte sie schon von der anderen Seite kennengelernt. Der Schreck saß mir immer noch in den Knochen.

„Und natürlich haben wir Ängste wie jeder andere auch. Kinder, die sich vor einem Gewitter fürchten zum Beispiel. Wir haben hier auch eine Frau, Febe heißt sie, meine Großmamá und sie hat fürchterliche Angst vor Spinnen. Wenn sie eine sieht, fängt sie immer an zu kreischen und hört erst wieder auf, wenn sie einer wegmacht.“

„Aber sie lebt in einem Wald, der ist voll von Krabbelkäfern“, musste ich einfach anmerken.

„Ja, das ist ja der Witz an dieser Sache. Und jetzt sag mir, würde ein Monster wie du es dir vorstellst, sich vor einer Spinne fürchten?“

Nicht wenn sie genauso aussahen wie die Spinnen die ich kannte. Klein, mit acht Beinen und leicht haarig. Aber mal ehrlich, ich wurde hier von einem Werwolf durch sein Lager geführt. Woher sollte ich also wissen, dass wir hier nicht von Riesenspinnen sprachen, die sich auch gerne mal einem Menschen ins Netz gehen ließen? – Wortspiel beabsichtigt. Ich antwortete ihn nicht, sondern stellte ihm meinerseits eine Frage. „Und was macht dir Angst?“

Er zog eine Augenbraue hoch und schmunzelte. „Du versuchst doch nicht etwas meine Schwächen herauszufinden, oder?“

„Nein, ich … entschuldige. Es geht mich wirklich nichts an.“

Er lächelte wieder dieses halbe Lächeln und wollte gerade etwas sagen, als ein lautes Brüllen durchs Lager fegte. Nein nicht durchs, über dem Lager erscholl es. Über den Kronen der Bäume. Es schallte zwischen den Bäumen und brachte Zweige zum Zittern. Erschrocken sah ich mich um. „Was war das?“

Einige andere Wölfe, die draußen geschäftig ihrem Alltag nachgingen, hielten kurz inne, sahen zu dem bisschen Himmel, das zwischen dem Blätterdach durchschimmerte und machten dann in aller Seelenruhe weiter.

Da ertönte es ein weiteres Mal und ich drückte mich mit dem Rücken an den nächsten Baum. Mein ängstlicher Blick ging nach oben, aber außer Blättern war nichts zu sehen.  

„Keine Sorge, das war nur ein Drache auf der Jagd.“ Er sagte das so leicht hin, als spräche er davon, sich vor dem Mittagessen noch ein paar Kekse in den Mund zu werfen.

Ich schnappe wie ein Fisch an Land, öffnete den Mund, aber es kam kein Ton raus. Erst bei dem vierten Versuch hatte ich meine Stimme wiedergefunden. „ Ein … ein Drache?“ Huch, kam dieses schrille Quieken wirklich von mir?

„Natürlich.“ Pal legte den Kopf schief und musterte mich neugierig. „Wenn ich dein ungläubiges Gesicht richtig entziffere, dann gibt es da, wo du herkommst, genauso wenig Drachen wie Lykaner?“

„Nein, nein, Drachen sind ein Mythos, die gibt es nur im …“ Ich schloss den Mund.

„Märchen?“, fragte er und benutze damit das gleiche Wort, dass ich schon auf die Werwölfe angewandt habe.

„Ja. Ja, genau. Drachen sind Märchengestalten, nur Legenden, die erfunden wurden um die Leute zu unterhalten. Sie können nicht … wie kannst du da nur stehen und von Drachen auf der Jagd sprechen und dabei so völlig unbeteiligt wirken?“, fuhr ich ihn an. Wie konnte er es wagen so ruhig zu sein, während ich hier fast einen Herzinfarkt bekam? Das war nicht gerecht!

„Weil wir keine Beute der Drachen sind.“

„Aber sie sind …“

„Du brauchst keine Angst vor ihnen haben, nicht hier.“ Er hob seine Hand, als wollte er mir damit beruhigend über den Arm streichen. Eigentlich eine nette Geste, aber ich sah nur, wie dieser Wulf seine Arme nach mir ausgestreckte hatte, sah in dem Kerl vor mir nur den Wolf, der unter der Oberfläche lauerte und wich ihm so hastig aus, dass ich über eine Wurzel stolperte und schon wieder auf dem Hintern landete.

Pal wirkte über meine Reaktion eher erschrocken als gekränkt, zögerte kurz, als überlegte er mir wieder aufzuhelfen, trat dann aber zurück und versuchte kein zweites Mal sich mir zu nähern. Er schwieg einen Moment, beobachtete mich nachdenklich und nahm dann einfach wieder den Faden auf, als würde ich nicht gerade total lächerlich zu seinen Füßen auf dem Boden hocken. „Wir kennen die Drachen ganz gut, da sie hinter den Wolfsbäumen im Drachengebirge leben …“ Also besonders einfallsreich waren die hier mit den Namen ja nicht gerade. „… und wir sie deswegen öfters sehen. Sie greifen aber nicht an, weil sie genau wissen, töten sie einen von uns, macht das ganze Rudel Jagd auf ihn, bis wir ihn zur Strecke gebracht haben. Ein Rudel voller Lykaner ist vielleicht das Einzige, was ein Drache fürchtet. Wir respektieren sie und sie respektieren uns. Aus dem Grund brauchst du keine Angst vor ihnen zu haben.“

Das ganze Gerede von Jagd und Töten wirkte nicht wirklich beruhigend auf meine Nerven und das ging Pal wohl auf. Daher ließ er das Thema fallen und schwenkte um. „Ich würde dir gerne noch etwas anderes zeigen. Natürlich nur wenn du Lust hast.“

Ob ich Lust hatte? Lust? Verdammt, das Einzige, was ich wollte war möglichst schnell möglichst weit weg zu kommen, einfach nur aus diesem Alptraum aufzuwachen und nicht mir … was auch immer anzusehen.

„Vertrau mir, es wird dir gefallen.“ Dieses halbe Lächeln zupfte wieder an seinem Mundwinkel und er strahlte eine Ruhe aus, die sich auf mich übertrug. Vielleicht war es, weil er bisher der Einzige war, der nett zu mir gewesen war und mir die Dinge erklärt hatte, aber ich … naja, ich vertraute ihm nicht, er war schließlich immer noch ein Werwolf, aber bei ihm fühlte ich mich sicher. Irgendwie. Ein bisschen. Zumindest sicherer als unter all den anderen Wölfen.

Nervös nahm ich die Hand, die er mir hinhielt, um mir wieder auf die Beine zu helfen. Aber sobald ich stand, ließ ich hastig wieder los und wich zurück. „Na gut, dann zeig mir … was auch immer.“

„Dann komm.“ Er führte mich weiter vom Lager weg. Den ganzen Weg über wirbelten die Gedanken in  meinem Kopf. Drachen, hier gab es Drachen!

 

°°°

 

„Erzähl doch mal, an was du dich erinnern kannst, vielleicht helfen wir deinem Gedächtnis so auf die Sprünge.“

Ich wich einer Pflanze aus, bei der ich das Gefühl hatte, dass sie mich beobachtete – war das zu fassen? Pflanzen hatten keine Augen! – und beäugte sie misstrauisch. Die sah aber auch seltsam aus, irgendwie wie ein Korkenzieher, mit einer grünen Blüte, die mich an eine Mondsichel erinnerte. „Ich weiß nur das, was ich heute gesehen und gehört habe und dann, naja, Dinge eben, die nichts mit mir zu tun haben.“ Hatte ich ihm das nicht bereits erzählt? „Alles andere ist einfach weg.“

„Dann ist das hier sozusagen dein erster Tag.“ Ohne Anlauf sprang er über eine Ansammlung von Dornensträuchern und landete grinsend auf der anderen Seite.

Wolf, musste ich mir wieder ein Erinnerung rufen. Er war ein Wolf in Menschengestalt. Die konnten sowas wohl.

Ich nahm lieber den Umweg außen rum. Ich hatte nämlich keine Lust wie ein verfluchtes Nadelkissen auszusehen. „Ja, könnte man wohl sagen.“ Ein Tag, ich war ein Tag alt. Ich schnaubte, wenn das nicht traurig war, was dann? „Zumindest ist meine Erinnerung einen Tag alt.“

„Ach, das wird sich schon geben. Du wirst sehen, alles kommt wieder in Ordnung.“ Er streckte die Hand aus, als wollte er mir die Schulter freundschaftlich tätscheln, doch ich wich ihm aus und tat so, als hätte ich es nicht bemerkt. Auch sein Stirnrunzeln ignorierte ich. Ich wollte mich nicht von ihm anfassen lassen, das war irgendwie, naja, es war schon weil er eine Bestie war, aber da war auch noch etwas anderes, dass ich nicht benennen konnte.

„Ist es noch weit?“, fragte ich, einfach um irgendwas zu sagen. Mir war es eigentlich egal.

„Nein, es ist gleich da vorn.“ Er hielt mir einen Ast zur Seite, damit ich daran vorbeihuschen konnte. „Mit deinem Auftauchen hier hast du ganz schön für Chaos gesorgt.“

„Glaub mir, es wäre mir auch lieber, wenn ich nicht hier wäre.“ Sondern Zuhause, wo auch immer das sein mochte.

Pal winkte ab. „Ach was, ein bisschen Trubel kann nicht schaden und hier mal ein neues Gesicht zu sehen ist auch ganz … ah, Moment, da ist es, gleich hinter den Sträuchern.“

Ich hoffte nur er führte mich nicht geradewegs in ein Drachennest – bauten Drachen überhaupt Nester, oder schliefen die in Höhlen? Vielleicht bauten die ja Nester in Höhlen.

„Es ist einer der schönsten Orte im ganzen Wolfsbaumwald.“ Er deutete mir vorzugehen und nach kurzem Zögern tat ich das dann auch. Kämpfte mich durch das Dickicht von Blättern, Ästen und Zweigen und fluchte einmal energisch, als meine kurzen Haare sich in dem Gestrüpp verhedderten. Pal befreite mich schmunzelnd, knickte ein paar Zweige ab und zum Schluss sah ich bestimmt so aus, als würde da ein Vogel auf meinem Kopf nisten. Blödes Grünzeug.

Ohne weitere Zwischenfälle schob ich mich auf die andere Seite ins Freie und fand  mich dann vor einem schmalen Bach wieder, der fröhlich vor sich hinplätscherte. Eine kleine, moosige Lichtung, die von den Strahlen der Sonne in Licht getaucht wurde und die dem ganzen etwas mystisches gab. Wunderschön. Doch als ich den Blick etwas gleiten ließ stieg mir die Schamesröte mit einem Schwall heißen Blutes ins Gesicht. Auf der anderen Seite, nur ein paar Meter entfernt, lag ein Pärchen im Gras und machte heftig miteinander herum. Besser gesagt, er lag im Gras, die Hände an pikanten Stellen auf dem Frauenkörper und sie saß auf ihm. Was die da machten war eindeutig und die Geräusche, die sie von sich gaben, erzählten den Rest. Die trieben es frisch fröhlich mitten im Wald und ich wurde widerwillig Zeuge dieser Tat.

Pal kam hinter mir aus dem Gebüsch und stieß mich dabei versehentlich an, weil ich noch im Weg stand. Ich rutschte auf dem feuchten Untergrund weg und ruderte noch mit den Armen, um mein Gleichgewicht wiederzufinden. Vergeblich. Mit der Nase voran landete ich im Bach und stieß einen spitzen Schrei aus, als das eiskalte Wasser um mich aufspritzte. „Verflucht noch mal!“, schimpfte ich. Das konnte doch einfach nicht wahr sein. War ich so ein Tollpatsch, oder warum fiel und stolperte ich ständig?

„Atzaklee von unter den Wolfsbäumen! Würdest du mir mal bitte erzählen, was du da treibst?!“, forderte Pal mit strenger Stimme.

„Na das ist doch wohl offensichtlich“, murmelte ich, sah Pals Mundwinkel zucken und kroch rückwärts aus dem Bach. Meine Hose war dreckig, mein Top war nass und die Lederjacke im Eimer. „Na ganz große Klasse.“ Ich ließ mich auf den Hintern fallen – die Hose war jetzt eh hin, zumindest solange, bis ich eine Waschmaschine fand – und wagte es einen kurzen Blick auf das Pärchen zu werfen. Die beiden konnten kaum älter als fünfzehn sein – rechnete man bei Werwölfen das Alter nach den gleichen Maßstäben, wie bei den Menschen? – und wirkten mehr als nur ertappt.

„Ich warte“, sagte Pal streng und verschränkte die Arme. Er wirkte ganz so wie der verärgerte Vati, der um die Keuschheit seiner Tochter bangte. Naja, um die war es auf jeden Fall geschehen. War nichts mehr mit jungfräulich in die Ehe.

„Ich …“ Atzaklee wandte sich sichtlich unter Pals Blick, straffte dann aber die Schultern und sah ihm gradewegs in die Augen. „Er ist mein Freund.“

Pal mahlte sichtlich mit den Zähnen. „Geh zurück ins Lager und zwar ganz schnell, bevor ich auf die Idee komme, deine kleine Liaison deiner Mamá zu berichten.“

„Aber …“ begann der Junge, wurde durch Pals Blick aber belehrt, dass es im Augenblick besser für ihn wäre, einfach zu schweigen.

„Und du solltest ganz schnell zu deinem Rudel zurückkehren, bevor ich das Bedürfnis bekomme, dich aus unserem Territorium zu jagen, Felswolf.“

Der Kleine war so schnell ausgesprungen, dass er das Mädel praktisch von sich runter warf. Dann gab er Fersengeld und war von der Lichtung verschwunden. Eine Staubwolke war alles was von ihm übrig blieb. Bildlich gesprochen natürlich. Hier war es viel zu feucht um staubig sein zu können. Ich musste es wissen, meine Hose war bereits durchgeweicht.

Atzaklee guckte ihm erst etwas betröppelt hinterher und dann wurde sie richtig wütend. „Ja, renn nur, Haitis, lauf nur zu deiner Mamá, du Feigling!“ Sie rappelte sich auf die Beine, warf Pal noch einen echt finsteren Blick zu und verschwand dann in die andere Richtung des Waldes.

Tja, war wohl nichts mit große Liebe und so.

„Ich glaube wir haben die ganze Stimmung versaut“, überlegte ich laut.

„Besser wir als ein anderer. So konnte der Kleine wenigstens in einem ganzen Stück verschwinden.“ Pal ließ die Arme wieder sinken und scharte auf dem Moos herum. In seinem Kopf arbeitete es.

„Warum im ganzen Stück? Ich meine, klar, die beiden sind noch ziemlich jung, aber da probiert man halt ein wenig rum.“ Den Kleinen deswegen gleich in Stücke zu zerreißen, fand ich dann doch ein wenig hart.

„Es geht hier nicht um das Alter, sondern darum, dass der Junge aus einem anderen Rudel ist. Er hat hier nichts zu suchen, das hier ist unser Territorium.“

Aha. Die Leutchen hier schienen mir ein wenig revierfixiert zu sein. Über meinen Besuch waren sie ja ähnlich erfreut. So wurde das aber nichts mit der guten Nachbarschaft.

„Allein dafür, dass er es betreten hat, hätte ich ihm an die Kehle gehen dürfen.“

Okay, dieses Thema wollte ich nicht weiter vertiefen. Das ging mir schon wieder viel zu sehr in die Blut und Klauen Kategorie, deswegen zog ich es vor, mir meinen Teil einfach zu denken und zu schweigen.

„Ich frag mich, wie er überhaupt so weit eindringen konnte, ohne entdeckt zu werden.“ Nachdenklich sah er zu mir runter. „Genau wie bei Isla.“ Es schien ihm Sorge zu bereiten, dass ihre Sicherheitsmaßnamen so einfach überwunden werden konnte, ohne, dass es jemand mitbekam. „Und bei dir.“

Na ich fiel ja wohl mal völlig aus dem Konzept. Der junge Typ wusste schließlich noch wohin er rennen konnte. „Ich schätze Atzaklee hat ihm geholfen.“ Ich schlang die Arme um mich, weil es mich mittlerweile ganz schön fröstelte. Die Klamotten waren nass und kalt, meine Haut klamm. Ich hatte schon eine richtige Gänsehaut. „So jedenfalls hätte ich es an ihrer Stelle gemacht.“ Schön auf meinem eigenen Territorium bleiben und den Kerl zu mir locken, dass würde für mich am wenigsten Ärger bedeuten.

„Du zitterst ja“, ging Pal plötzlich auf. „Ist dir kalt?“

„Ne, ich versuche mich als Schüttelshake.“

Pal verzog verwirrt das Gesicht. „Was ist ein Schüttelshake?“

Ich glaube, ich sah ihn wie ein Pferd an, bevor ich einfach nur ungläubig den Kopf schüttelte. Gott, wo war ich hier nur gelandet, wenn man hier nicht mal Shakes kannte? Ich überging diese Frage einfach und hielt mich an die vorige. „Ich habe gerade ein Bad im Bach genommen, meine Klamotten sich klitschnass und ein besonders warmes Lüftchen vermisst man hier auch, also ja, mir ist kalt.“

„Na dann zieh die nassen Sachen doch einfach aus.“

„Ich soll … du tickst doch wohl nicht mehr ganz korrekt! Ich zieh mich hier doch nicht vor dir aus! Da frier ich lieber.“ Der hatte doch echt nicht mehr alle Kerben im Holz. Als wenn ich mich hier vor ihm nackig machen würde. Nur weil ihm und den ganzen anderen Leuten hier jeglicher Anstand verloren gegangen war, musste das nicht auch zwangsläufig auf mich zutreffen.   

„Aber warum denn? Das ist doch albern.“

Wie bitte? Meine Ohren mussten an einer Funktionsstörung leiden, anders konnte ich mir diese saudämliche Frage nämlich nicht erklären. „Das ist nicht albern, das nennt man Schamgefühl, etwas, das euch allen hier anscheinend abhanden gekommen ist.“

„Aber du kannst doch so nicht hier sitzen bleiben. Nachher wirst du noch krank.“

„Ich werde bestimmt keinen Lendenschurz anziehen.“ Soweit kam es noch. „Bei mir bleibt alles schön verpackt, wie bei jeder züchtigen Frau. Ende der Diskussion.

Pal runzelte die Stirn und kaute nachdenklich auf seiner Lippe herum. In seinen Augen musste ich mich wirklich albern benehmen, er kannte es ja schließlich nicht anders. Andere Menschen, andere Sitten, obwohl man hier ja nicht wirklich von Menschen sprechen konnte. Aber auch wenn ich vorerst hier bleiben musste, ich würde nicht anfangen, so wie die rumzulaufen.  Und abhauen kam im Moment gar nicht in Frage, ich wusste ja nicht wohin mit mir und Werwölfe zu verärgern kam mir nicht sehr weise vor. Die hätten mich wahrscheinlich in null Komma nichts wieder eingefangen. Und was dann kommen würde wollte ich gar nicht erst wissen. Nein danke, das konnte ich mir wirklich sparen.

„Na gut, das ist vielleicht ein wenig seltsam und überflüssig …“ Er bedachte mich mit einem bedeutenden Blick. „… aber ich kann dich nicht in den nassen Klamotten lassen.“ Das halbe Lächeln erschien wieder in seinem Gesicht und ließ mich sofort misstrauisch werden. „Guck nicht so, ich will dir nichts Böses. Also, Boa hat auf dem Dachboden noch eine Kiste mit alten Kostümen. Das Rudel wird dich vielleicht ein wenig komisch angucken, wenn du damit rumläufst …“

Als wenn sich das von den bisherigen Blicken groß unterscheiden würde.

„… aber die Kleidung hat wesentlich mehr Stoff, als das hier.“ Er zeigte auf seinen Lendenschurz, bei dem die sehnigen, muskulösen Beine sehr gut zur Geltung kamen.

Hach, was dachte ich da denn schon wieder? Ich war wirklich nicht mehr ganz dicht.

„Das wäre doch in Ordnung, oder?“

Hm, irgendwie wollte mein Misstrauen nicht weichen. Wenn sie diesen Lappen schon als Kleidung bezeichneten, war ich mir nicht wirklich sicher, ob ich wissen wollte, was in ihren Augen Kostüme waren. Nachher lief ich hier noch rum wie ein Paradiesvogel mit Federboa in giftgrün herum. Obwohl die Farbe ja gerade zweitrangig war.

„Nun komm schon, du kannst es dir doch wenigstens angucken, oder?“

Ja, das konnte ich. Ablehnen war dann immer noch drinnen. „Na gut“, willigte ich ein, ignorierte die helfende Hand, die er mir hinhielt und stand allein auf. Meine Ablehnung schien seiner Stimmung keinen Abbruch zu tun. Er lächelte einfach weiter und unterhielt mich den ganzen Weg durch den Wald mit Smalltalk. Erst als wir zurück in das Werwolfslager traten, merkte ich, wie sehr ich mich in Pals Gegenwart entspannt hatte. Ich hatte beinahe vergessen, was für ein Wesen er war, aber als ich jetzt wieder von ihnen umzingelt war, konnte ich nicht mehr so tun, als wäre alles in Ordnung. Ich war hier inmitten von Monstern, die mir teils neugierige und teils feindliche Blicke zuwarfen. Nicht einer war dabei, den ich als freundlich interpretieren konnte.

Pal schien meine wachsende Unsicherheit zu spüren und dirigierte mich in das große Haus von Fang, nach oben auf den Dachboden – und zwar ohne mich zu berühren.

Der Dachboden war groß, ordentlich und staubig. Zwar war ich hier aufgewacht, aber so wirklich konnte ich mich nicht erinnern. Durch ein paar Deckenfenster drang nur spärlich Licht herein und tauchte alles in ein unheimliches Licht voller dunkler Ecken und Schatten, in denen Schreckensgestalten lauern konnten. Obwohl, was machte ich mir eigentlich für Sorgen? Das Monster stand bereits neben mir und steckte seinen roten Schopf in einen Stapel Holzkisten.

„Ich weiß, dass sie hier irgendwo sein müssen. Boa kann einfach nichts wegschmeißen. Wir würden hier wahrscheinlich schon untergehen, wenn Tyge nicht  hin und wieder ein Machtwort sprechen würde, aber selbst er kann nicht immer verhindern, dass sie ihrer Sammelleidenschaft frönt.“

Wer auch immer dieser Tyge sein mochte.

„Die müssen doch … ah, da sind sie ja.“ Pal schob ein paar grobgezimmerte Holzkisten zur Seite um an die Truhe dahinter ranzukommen. An einem eisernen Griff zog er sie auf die Freifläche und ich konnte ganz in Ruhe bewundern, wie seine Muskeln unter der straffen Haut arbeiteten. So sehnig, so straff …

Boah ey, was war denn jetzt los? Pal sah zwar schon ganz niedlich aus, aber das war doch noch lange kein Grund hier zu einem sabbernden Pfützchen zusammenzuschmelzen. Andere Mütter hatten auch hübsche Söhne und bei denen verhielt ich mich doch auch nicht so. Glaubte ich zumindest. Mist.

Pal neigte den Kopf leicht zur Seite. Wie bei einem Hund, schoss es mir durch den Kopf. Oh Mann.

„Warum guckst du mich so an?“

Super und noch mal Mist. Jetzt hatte er auch noch bemerkt, wie ich ihn angestarrt hatte. „Ich wollte nicht …“ Hastig senkte ich den Blick und nahm meine Finger unter Augenschein. Die schienen auf einmal sehr interessant. „Tut mir leid.“

„Muss es nicht.“ Sein Mund zuckte zu diesem allgegenwärtigen, halben Lächeln. „Ich hab bestimmt kein Problem damit, wenn ich von hübschen Mädchen beobachtet werde.“

Das war ein Kompliment, oder? Flirtete er etwa mit mir? Irgendwie wollte mir das gerade nicht wirklich gefallen und machte sicherheitshalber einen Schritt von ihm weg. Der sollte ja nicht erst auf komische Gedanken kommen.

Sein Lächeln verrutschte etwas. „Ich mache dir immer noch Angst.“ Keine Frage, eine Feststellung und da er damit ja recht hatte, gab es für mich keinen Grund, etwas zu erwidern.

Er seufzte schwer. „Ich würde dir gerne zeigen, dass wir nicht die grausamen Monster sind, für die du uns hältst.“

„Dieser Wulf wollte mich töten und das nur weil er der Meinung ist, dass ich nach Katze rieche.“ So ganz glauben konnte ich das nämlich noch immer nicht. Ich denke schon, dass ich ein ziemlich sauberer Mensch war. Allein von meinem Besuch im Wald fühlte ich mich mittlerweile so dreckig, dass ich am liebsten sofort unter die nächste Dusche gesprungen wäre. Da war es doch reichlich unglaubwürdig, dass mir irgendein Geruch so extrem anhaftete, das jegliches Duschgel versagte. Also auch wenn ich eine Katze mein eigen nannte, konnte ich nicht so schlimm danach stinken, wie hier alle behaupteten.

„Du kannst uns nicht an Wulf messen, er ist montan nicht ganz er selbst.“

„Ich weiß, das wurde mir bereits gesagt und doch rechtfertig es nicht das, was er tun wollte.“

Einen Moment sah Pal so aus, als wollte er noch etwas sagen, ließ es dann aber und hockte sich vor die Truhe, um den schweren Eisenbeschlag zu öffnen. „Boa hat hier die Kostüme aus den ganzen letzten Jahren gesammelt. Da hinten steht noch eine, falls wir hier nichts finden. Bei so vielen Leuten kommt halt ganz schön was zusammen. Auch von mir müssen noch ein paar dabei sein. “ Er lächelte schief, als versuchte er, die Stimmung wieder etwas aufzulockern. Es misslang gründlich. „Komm und sieh es dir an.“

Hm, okay, warum nicht. Bisher war er ja auch freundlich gewesen. So von jetzt auf gleich würde er sicher nicht auf den Gedanken kommen, ein wenig an mir rum zu knabbern. Naja, das hieß, solange ich ihm keinen Grund dazu gab und das hatte ich nicht vor. Auch wenn ich gerade nicht so recht wusste, was da mit mir falsch lief, ich hing doch an meinem Leben.

Ich näherte mich der Truhe, hielt aber weiter Abstand zu ihm. Hier oben allein mit ihm auf dem Dachboden, war es doch etwas ganz anderes als dort draußen im Wald. Weniger Fluchtmöglichkeiten. Ich fühlte mich eingeengt und unsicher. Trotzdem griff ich nach einem gelben Stoff, der sich als Rock entpuppte. Oder wenigstens etwas in der Art. Auf beiden Seiten war er bis zur Hüfte geschlitzt. Das waren eigentlich nur zwei Stofftücher, die durch einen goldverzieren Gürtel zusammengehalten wurden.

„Den hat meine Mutter vor ein paar Jahren getragen. Warte, dazu fehlt noch ein Teil.“ Er kramte ein wenig in der Kiste rum und förderte dann einen breiten Halsschmuck zutage, der auf den Schultern auflag.

Ich zog eine Augenbraue hoch. „Kein Oberteil?“

„Ähm … nein.“

Damit fiel das Teil nun schon mal aus dem Rennen. Ich wiederholte mich nur sehr ungern, aber ich würde hier sicher nicht oben ohne rumrennen. Das nächste Teil, das ich rauszog, war nichts weiter als ein paar Stricke, die an strategisch günstigen Stellen miteinander verwoben waren. Okay, das fiel definitiv aus dem Rennen.

„Das würde dir aber wirklich gut stehen“, kommentierte Pal und zog einen bläulich schimmernden Stoff heraus. Eine Hose wie aus Tausend und eine Nacht. Schade nur, dass sie durchsichtig war.

„Kleidet ihr euch eigentlich auch mal in irgendetwas, das mehr als den Bauchnabel verdeckt?“

„Nein, warum auch. So sind wir auf die Welt gekommen. Wir zeigen uns, wie wir sind, zeigen, wer wir sind, ganz natürlich. Wir haben keinen Grund, etwas zu verbergen. Wenn man sich versteckt und sei es nur hinter Kleidung, trägt man ein Geheimnis mit sich.“ Er grinste mich frech an. „Und Geheimnisse gilt es immer zu ergründen.“

Ja, aber sicher doch. „So siehst du es. Da, wo ich  herkomme, gibt es eine Kleiderordnung. Es gibt halt Menschen, die sich daran stören, andere nackt zu sehen. Das ist etwas heiliges, etwas intimes, dass man nicht mit jedem teilt.“

„Ihr seht den Körper als etwas Heiliges an?“

Hm, das war wohl irgendwie falsch rübergekommen. Aber ich hatte jetzt auch keine Lust, ihm das zu erklären, also zuckte ich einfach nichtssagend mit den Schultern. „Gibt es hier denn niemanden, der sich daran stört?“

„Nein.“ Ganz einfach.

Etwas rotes erweckte meine Aufmerksamkeit. Ich zog es aus der Truhe und bekam etwas in die Hand, das mich an seidene Armstulpen mit merkwürdigen, metallenen Häkchen erinnerte. Als ich sie es jedoch überzog, fing Pal an zu lachen. „Was ist, warum lachst du?“

„Weil man das so nicht trägt. Pass auf.“ Er beugte sich vor und zog es mir wieder vom Arm. Ich spannte mich deutlich an. Als er dann auch noch meinen Arm streifte, war das fast zu viel für mich und ich musste an mich halten, ihn nicht einfach von mir zu stoßen. Werwolf angreifen, keine gute Idee.

Pal merkte meine Anspannung natürlich, aber bis auf einen leicht traurigen Blick kam nichts von ihm. Er ließ sich auf den Fußballen zurücksinken, drehte das Stück Stoff ineinander und fummelte kurz an diesen Hakendingern herum. Dann präsentierte er mir sein Werk. Er hatte die Enden miteinander verbunden, so dass es einen Kreis ergab, aber wirklich etwas anfangen, konnte ich damit nicht.

„Was ist das?“

„Die Frauen befestigen es an ihrem Oberarm. Für die Männer.“

„Für die Männer?“

„Ja, dieses hier gehörte meiner Mutter und mein Vater war es, der es ihr wieder abnahm. Kurz drauf war ich dann unterwegs.“

Oh ha. „Du … du meinst …?“

„Ja.“ Er grinste breit. „Damit wird uns Männern signalisiert, dass ihr Frauen willig seid. Also, wenn du es tragen möchtest, nur zu.“

Keine Ahnung, was ich in dem Moment für ein Gesicht gemacht hatte, aber Pal prustete aus vollem Hals los und damit war die Stimmung wieder gehoben.

Den Rest der Zeit alberten wir miteinander rum. Er hielt immer vorsichtig Abstand, als wollte er mich nicht bedrängen. Es machte Spaß mit ihm und er zog sogar ein paar den Klamotten an, einfach um mich zum Lachen zu bringen. In einem sah er aus wie Xena, die Kriegerprinzessin. Ein anderes erinnerte mich an die Tänzerinnen aus Rio, mit Federn und Kopfschmuck.

Wir zogen dann auch noch die zweite Kiste hervor und schlussendlich entschied ich mich für einen Rock – ich denke, dass man dieses Teil so bezeichnen konnte. Es war grün, reichte bis auf den Boden und war bis zu den Knien geschlitzt. Links und rechts war ein Streifen milchig durchsichtig, aber damit konnte ich leben. Dazu zog ich eine Art Poncho an, der mit unzähligen Fransen übersät war. Es war weiß, mit goldenen Fäden durchzogen und der Ausschnitt war so groß, dass er mir immer über die Schulten rutschte. Aber mit meiner Unterwäsche darunter ging das schon in Ordnung. Schuhe hatte ich ja noch meine eigenen.

Als ich Pal erlaubte, mich zu begutachten, fing er wieder an zu lachen und ich konnte nur mit einstimmen. Ich sah aus wie ein Clown, doch besser wie die klammen und verdrecken Sachen war es allemal.

Wir brachten meine Wäsche nach unten zu einem Bottich, in den ich sie warf. Er versprach, dass sie bis morgen sauber sein würde und auch wenn es mir gar nicht gefiel, meine wenigen Habseligkeiten aus den Augen zu lassen, musste ich doch ein wenig Vertrauen in seine Worte haben.

Danach gingen wir für ein kleines Abendessen in die Küche. Naja, mein Abendessen war klein, nur eine Frucht, die lila schimmerte und sich Glusglu nannte. Beim ersten Blick war ich noch ziemlich misstrauisch, aber sie war so lecker, dass ich zwar langsam, aber alles aufaß. Pal dagegen haute sich seinen Teller mit allem, was der Kühlschrank hergab, so voll, dass davon eine Fußballmannschaft satt geworden wäre. Dieser Kühlschrank unterschied sich auch von denen, die ich kannte. Er war aus Holz gefertigt, es gab keine sichtbare Kühlung, die die Kälte darin erklären würde. Aber das Essen war kalt.

Die ganze Küche strahlte diese Andersartigkeit aus. Nirgends schien es Strom zu geben, keine Technik und trotzdem funktionierte alles. Nur wie? Genau das fragte ich dann auch.

„Na mit Magie, womit den sonst?“

Ja, womit den sonst. „Magie gibt es nicht.“

Das seltsame Sandwich, das auf halbem Wege zu seinem Mund war, stoppte in der Luft. „Ist das dein Ernst? Willst du damit sagen, da wo du herkommst, gibt es keine Magie?“

„Natürlich nicht. Magie ist ein Märchen, genau wie …“ Ich verstummte, als mir plötzlich wieder klar wurde, wen, oder besser gesagt, was ich da vor mir hatte.

„Genau wie ich?“ Sein linker Mundwinkel zog sich langsam nach oben.

Okay, sollte das heißen … konnte das … Magie? Ich … das … okay, jetzt mal ganz langsam. Sollte das heißen, ich befand mich an einem magischen Ort? Das war … naja, nicht viel unrealistischer als der Werwolf vor mir, der sich grade die Reste seines Essens in den Mund schob. „Komm, wir müssen los, sonst bekommen wir keine Plätze mehr.“ Kurz hatte es den Anschein, als wollte er meine Hand greifen und mich aus dem Raum ziehen, aber dann überlegte er es sich wohl noch mal und winkte mich einfach nur mit sich.

Ich stieß mich von der Anrichte ab. „Plätze? Wofür?“

„Du wirst schon sehen.“

Irgendwie war das nicht die Erklärung, die ich mir erhofft hatte.

 

°°°

 

Der Raum, in den er mich führte, war rappelvoll. Männer und Frauen jeglichen Alters drängten sich dicht an dicht vor einer Wand, die komplett aus schwarzem Glas zu bestehen schien. Wie ein riesiges Fenster, nur konnte man halt nicht durchsehen. Auch eine Handvoll Kinder lungerte zwischen den Erwachsenen herum, darunter sogar ein neugeborenes Baby. Ein paar hatten sich Plätze auf der Couchgarnitur ergattern können, davon auch einige auf den Lehnen, aber die meisten hatten sich auf dem Boden breitgemacht und sahen erwartungsvoll zu der schwarzen Glaswand auf.

Mein Outfit bekam zwei drei schnelle Blicke, wurde dann aber nicht weiter beachtet, genau wie ich. Es war das erste Mal an diesem Tag, dass ich nicht feindlich oder unverhohlen neugierig angestarrt wurde. Die Stimmung war ausgelassen. Leute lachten und quatschten und schienen auf irgendwas zu warten.

Nachdem ich einen ersten Eindruck von dem Raum bekommen hatte, dirigierte Pal mich zwischen den Anwesenden durch, verscheuchte ein paar Teenys von ihren Plätzen ganz vorn und verfrachtete mich dort auf den Boden. Es gab einiges Gemurmel und Stirnrunzeln, aber niemand schien sich wirklich an meiner Anwesenheit zu stören. Trotzdem wäre es mir lieber gewesen weit hinten im Raum zu sitzen und nicht hier vorn wie auf dem Präsentierteller. Ich fühlte mich einfach nicht wohl mit all den Blicken in meinem Rücken. Blicken von Werwölfen.

Krass, ich konnte es immer noch nicht glauben: Werwölfe! Das war doch einfach … nun ja, unglaublich eben, auf eine sehr schräge Art. Und dann noch Magie. das Ganze wurde wirklich immer besser.

Pal schien dieses Problem nicht zu haben. Lächelnd setzte er sich neben mich und stupste mich mit der Schulter an, weswegen ich mich sofort wieder versteifte. Mann, morgen würde ich einen ordentlichen Muskelkater haben. „Entspann dich, die meisten von uns haben bereits zu Abend gegessen.“

„Wenn du nur halb so witzig wärst, wie du denkst, wärst du doppelt so witzig, wie du bist!“

Pal halbes Lächeln entfaltete sich zu einem Ganzen. „Hast du mich etwa gerade beleidigt?“

„Ich …“ Oh nein. Talita an Hirn, Werwolf beleidigen nicht gut. Überhaupt nicht gut.

„Ganz ruhig, ich werde dich schon nicht gleich fressen.“

„Ja, drück nur immer weiter mit dem Finger in die Wunde.“ Verdammt, könnte mir mal jemand eine Maulschelle verpassen, damit ich wieder Vernunft annahm?

„Wow, wenn du nicht vor Angst bibberst, gefällst du mir gleich viel besser.“

Bevor ich darauf antworten konnte, legte er mir einen Finger auf die Lippen. Ich riss erschrocken die Augen auf und brauchte all meine Willensstärke, um davor nicht zurückzuschrecken. Und Pal wusste das genau. „Pass auf, es geht gleich los.“

Nun zog er seine Hand von allein fort. Ich wollte fragen was losginge, da flackerte die schwarze Glasscheibe und ein Bild erschien.

„Ein überdimensionaler Fernseher“, rief ich aus und bekam dafür von allen Seiten komische Blicke zugeworfen.

Auf dem Bildschirm war eine junge Frau erschienen, die der Kleidung nach zu urteilen, oder besser gesagt, deren weitläufigem Fehlen, wohl eine Werwölfin sein musste. Sie lief völlig entspannt im Wald herum. Aber sie war nicht allein, jemand verfolgte sie. Sie wurde nur von hinten, aus dem Blickwinkel des Verfolgers gezeigt.

Es war schon seltsam, die Szene war weder mit Musik unterlegt, noch wurde das Mädchen mal aus einem anderen Winkel gezeigt. Außerdem war das Bild zu den Rändern hin verschwommen.

Vor dem Mädchen breitete sich eine große schlammige Pfütze aus. In dem Moment, in dem sie darüber hinwegsetzten wollte, schoss ihr Verfolger aus dem Gebüsch und stieß sie mit dem Gesicht voran hinein. Sie stieß noch einen überraschten Schrei aus, dann landete sie auch schon mit der Nase im Dreck. Das dreckverschmierte Gesicht wandte sich den Zuschauern zu, dann …

„DU!“

Über den Ausruf fuhr ich mal wieder vor Schreck zusammen. Ein junges Mädchen, vielleicht neunzehn, war aufgesprungen. Ohne den ganzen Matsch im Gesicht war sie nicht ganz leicht zu erkennen, aber es war ganz eindeutig das Weib aus dem Film.

Du warst das!“

„Oh Mist, du bist ja auch hier.“ Das kam von einem Jungen, der sein hellbraunes Haar im Nacken zu einem Flechtzopf zusammengefasst hatte. Der Zopf reichte ihm bis weit auf den Rücken. Er war jünger als sie und ziemlich erschrocken über ihre Anwesenheit. Hastig sprang er auf, als das Mädchen sich durch die Leute auf ihn zu bewegte.

„Kovu, bleib stehen!“

Aber Kovu dachte nicht im Traum daran. Er floh eilig aus dem Raum, gefolgt von einer stinkwütenden Wölfin. Alle im Raum lachten und amüsierten sich köstlich. Außer mir, ich verstand nur Bahnhof.

„Jetzt ich“, rief ein Mann in den mittleren Jahren. Etwas Kleines, Schwarzes wurde an ihn weitergereicht. Er legte die Finger darauf, nahm einen konzentrierten Ausdruck an und die schwarze Glasleinwand, die bei dem überraschten und matschverzierten Gesicht hängen geblieben war, erwachte erneut zum Leben.

Ein Platz umringt von Häusern, hier in diesem Lager. Ich kannte diesen Platz, Pal hatte ihn mir heute gezeigt. Und da, der Sichtwinkel verschob sich und ich war im Bild. Von hinten, neben Pal. Wir liefen nebeneinander und verschwanden zwischen den Bäumen. Kurz darauf kam ein Haufen tollender Welpen ins Bild gewetzt und lief in eben diese Richtung, in der wir kurz zuvor verschwunden waren, Tess als letzte hintendran. Die Kamera setzte sich in Bewegung.

Ich wandte mich zu Pal. „Ihr habt mich gefilmt?“ Nur warum und … nein, das war kein Film, das war … nun ja, ich hatte keine Ahnung was das war, aber ich war mir sicher, dass hier niemand mit einer Kamera rumgelaufen war. So oft, wie ich mir über die Schulter gesehen hatte, wäre mir das sicher aufgefallen.

Pal verzog angestrengt das Gesicht und versuchte einen Sinn in meine Worte zu bekommen. Er scheiterte kläglich. „Ich verstehe deine Frage nicht.“

Ein paar Leute lachten. Ein kurzer Blick auf die Leinwand bestätigte mir, dass nicht ich dafür verantwortlich war. „Das da“, sagte ich und deutete auf die Frau auf dem Bildschirm, die gerade versuchte, einen Welpen zu baden, der damit gar nicht einverstanden war. Er kaute auf ihrer Hand herum und spritze mehr Wasser auf den Boden, als ihn selbst erwischte. „Da war ich gerade drauf.“

Sein Gesicht glättete sich. „Das Flimmerglas. Wir sehen uns Erinnerungen an.“

„Erinnerungen?“

„Ja, aus unserem Kopf.“ Er tippte sich gegen die Schläfe. „Kennst du das auch nicht?“

Auch nicht. Wie sich das anhörte, als wäre ich hier diejenige welche, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte. Dabei waren doch die Leute um mich herum jene, die an Magie und den ganzen Schwachsinn glaubten. Andererseits saß ich hier zwischen ihnen und war mehr als nur gewillt einzusehen, dass es diesen ganzen Hokuspokus gab. Was mich daran erinnerte, dass ich vielleicht auch ein paar Schrauben locker hatte. Werwölfe. Gott nein, was kam als nächstes, Vampire? Okay, Schluss damit. Mit solchen Gedanken brachte man das Schicksal nur auf dumme Gedanken.

Da Pal noch auf eine Antwort wartete, tat ich genau das. „Nein, da, wo ich herkomme, gibt es so etwas nicht.“ ich runzelte die Stirn. „Jedenfalls erinnere ich mich nicht daran.“

„Und was macht ihr, um euch die Zeit zu vertreiben?“

„Fernsehen.“ Das war zumindest das, was dem hier als nächstes kam. „Das sind Schauspieler, die auf ganz viele kleine Bilder gebannt und zu einen ganz langen Band zusammenfügt werden. Spielt man die in der richtigen Reihenfolge schnell ab, entsteht dabei ein Film, den …“ Ich unterbracht mich. „Du verstehst kein Wort von dem was ich sage, oder?“

„Die meisten Worte verstehe ich schon, bloß der Zusammenhang ergibt keinen Sinn.“

Es gab ein allgemeinstes „Oh!“ im Raum. Ein Blick auf das Flimmerglas – wie Pal es nannte – zeigte ein knautschiges rosa Etwas, mit einem braunen Haarschopf kurz nach seiner Geburt. Der Schrei, den das Ding ausstieß, bestätigte es mir. Das war ein frisch geborenes Baby, dass der Welt aus Leibeskräften mitteilte, was es von seiner eigenen Geburt hielt. Nämlich gar nichts!

„Süß, nicht?“

Ich zuckte nur mit den Schultern. Mit Babys konnte ich nichts anfangen, das … ich glaubte das zumindest. Verdammt, es war wirklich frustrierend, nicht mal die kleinste Kleinigkeit über sich selbst zu wissen.

„Ich hab eine Idee“, sagte Pal, mehr zu sich selber als zu mir und dann klaute er sich das kleine schwarze Teil, das ich anfangs fälschlicherweise für eine Fernbedienung gehalten hatte. Die Frau die gerade ihre süße Nichte auf dem Flimmerglas vorführte, gab ein empörtes „Hey!“ von sich, verstummte aber sofort, als Pal das kleine Teil an mich weiterreichte.

Im Raum machte sich neugierige Spannung breit. Alle hier hatten  meine Geschichte gehört und fragten sich wohl, was an ihr dran war.

„Okay.“ Pal beugte sich weiter zu mir und erklärte: „Das hier ist eine Azalee …“

„Ein Azalee?“ Eine Azalee war, soweit ich mich erinnern konnte, doch einer Pflanze, oder? Aber gut, um mein Erinnerungsvermögen war es im Moment sowieso nicht sonderlich gut bestellt.

„Ja, benannt nach seinem Erfinder Blind Azalee …“

„Es gibt einen Typen der Blind Azalee heißt?“ Oder war das ein Frauenname?

„Gab und ja, aber darum geht es jetzt nicht. Also pass auf, ich zeige es dir einmal.“ Er legte die Azalee auf seinen Schoss, die Hand obendrauf und dann verschwand das Bild von dem Baby. Auf dem schwarzen Glas vor uns erschien eine große Feier in vollem Gange. Überall waren Menschen, äh Werwölfe, Lykaner, was auch immer. Riesige Lagerfeuer türmten sich über den ganzen Platz. Ich entdeckte Prisca, die zwischen all den anderen Frauen in der Festmitte tanzte. Auch Domina war bei ihr und ein paar andere Frauen, die ich im Lager gesehen hatte, aber die meisten waren mir unbekannt. Durch die Musik, das Feuer und den Rauch verhüllt, bekam das Ganze eine mystische Note. Ich sah eine Handvoll Frauen, die sich von dem Rest trennten, zu einigen Schalen liefen, die am Rand aufgebaut waren und sich damit unter die Männer mischten. Die Schalen enthielten verschiedene Farben. Sie benutzen sie um sich und die Männer mit kunstvollen Zeichnungen zu bemalen. Linien, Schnörkel und Ranken …

„Und jetzt du. Du legst deine Hand einfach hier rauf, so.“ Er legte ein etwa handgroßes, schwarzes Holzstück in einer ovalen Form auf mein Bein und zeigte mir wie ich die Finger richtig auf das aus Metall eingelassene Muster legten musste. „Jetzt musst du dir einfach vorstellen, was du uns zeigen willst und es erscheint auf dem Flimmerglas.“

„Du meinst … alles, also nicht nur meine Erinnerung?“

„Natürlich. Du kannst dir auch Dinge ausdenken. Es gibt Wesen, die sich ganze Geschichten ausdenken und damit jede Menge Geld machen.“

Aha, märchenhafte Drehbuchautoren, Produzenten und Schauspieler in einem. Interessant.

„Aber am besten fängst du erst mal mit etwas an, das du bereits kennst, das ist einfacher.“

„Okay.“ Ich dachte darüber nach, was ich ihnen zeigen sollte und das Erste was mir auf der Wand erschien war ein übergroßes Bild von Veith, genauso wie ich ihn das erste Mal gesehen hatte. In voller Pracht, nackt im Türrahmen. Ich zog meine Hand so hastig weg, dass die Azalee auf den Boden fiel. Doch das Bild verschwand nicht, sondern blieb einfach stehen. Mir war das so peinlich, dass mir ganz heiß wurde und als dann auch noch ein paar kicherten, wurde ich auch noch rot.

„Keine Sorge“, beschwichtigte Pal mich. „Wenn ich eine Frau wäre, würde ich wahrscheinlich abends mit seinem Bild unter meinem Kissen einschlafen. Natürlich erst, nachdem ich es abgeknutscht hätte.“ Er verzog die Nase. „Und ich nicht mit ihm verwandt wäre.“

Eine Frau neben Pal, mit blondem Haar, das sie zu zwei langen Zöpfen geflochten hatte, nickte eifrig. „Oh ja, wie recht du hast. Bei Veith kann das weibliche Geschlecht schon mal auf unanständige Gedanken kommen.“ Ein träumerischer Ausdruck trat in ihr Gesicht.

„Siehst du, also kein Grund sich zu schämen. Hier …“, er legte mir die Azalee zurück aufs Knie, „…versuch es einfach noch mal.“

Okay. Ich hatte mich bereits bis auf die Knochen blamiert, schlimmer hätte es nur kommen können, wenn Veith selber anwesend wäre. Ich ließ meinen Blick vorsichtig durch den Raum schweifen, nicht dass er sich doch in irgendeiner Ecke versteckt hatte.

„Er ist nicht hier“, sagte Pal, als er meine Gedanken erriet.

Also gut, auf zu einem neuen Versuch. Doch dieses Mal legte ich meine Hand erst auf die Azalee, als ich mir überlegt hatte, was ich zeigen wollte. Auf dem Bildschirm erschien Pal, so wie ich ihn das erste Mal gesehen hatte, im Bad, mit nichts als einem Handtuch um die Hüfte. Er drehte sich langsam zu mir – und zu allen anderen im Raum – um. „Kann ich dir vielleicht irgendwie helfen?“

Von hinten kamen ein paar Pfiffe, als die prächtige Männerbrust auf dem Flimmerglas zu Schau gestellt wurde.

„Domina?“

„Sie müssten grau sein“, hörte ich dann meine eigene Stimme, völlig abgerückt von der Welt. Ich ließ die Erinnerung laufen, bis sich Veith zu uns gesellte. Dann dachte ich ganz schnell an etwas anderes. Wieder erschien Pal.

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