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Jenseits der Magie

Stefanie Markstoller

Jenseits der Magie

Band 2 - Fantasy Roman


Für all die treuen Leser, die mit Talita so eifrig mitfiebern


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Tag 447

„Ganz ruhig, entspann dich. Wenn du versuchst, es zu erzwingen, dann wird das nichts.“

Zur Antwort bekam ich von der blaugrauen Wölfin ein unwilliges Knurren, ganz nach dem Motto: Steck dir deine blöden Ratschläge sonst wo hin!

Seufz. „Das kannst du dir sparen, du weißt, dass ich Recht habe.“

Noch ein Knurren, dieses Mal nur nicht ganz so nachdrücklich. Eher so: Ja ja, ich weiß – aber ich will es trotzdem nicht hören.

Das war nicht das erste Mal diese Woche, dass Kanin und ich diese doch eher einseitige Konversation führten. Sie war eine von den gestohlenen Lykanern aus dem Rudel der Höhlenwölfe, die der nun tote Magier Erion vor über einem Jahr entführt und versklavt hatte. Mit Hilfe von Magie hatte er nicht nur Kanin, sondern auch fast sechzig andere Werwölfe zu willenlosen Knechten gemacht, die nur noch seinen Befehlen folgten und dabei ihre menschliche Seite völlig verloren hatten.

Den Kampf bei den Drachenfelsen hatten nur knapp dreißig Lykaner überlebt – ganz genau siebenunddreißig – und vierundzwanzig davon hatten sowohl ihre Menschlichkeit, als auch ihre Intelligenz eingebüßt. Sie waren nun nichts weiter als einfache Wölfe – zwar sehr große Wölfe, aber eben nicht außergewöhnlich. Außerdem war ein Teil von ihnen nach Erions Tod ziemlich aggressiv geworden und konnte nicht in die Rudel zurück, da sie in diesem Zustand eine Gefahr für sich und andere darstellten.

Direkt nach dem Kampf war es kurz im Gespräch gewesen, die Verlorenen Wölfe – wie ich sie nannte – einfach zu töten, um sie von ihrem Elend zu erlösen. Und bei den Einzelläufern, die den größten Teil von Erions Wölfen ausgemacht hatten, hätte wohl auch niemand Einspruch erhoben – keiner außer mir. Zum Glück war ein kleiner Teil dieser Lykaner Rudelwölfe und deren Angehörigen waren von der Idee, ihre Kinder, Gefährten und Geschwister einfach abzumurksen, verständlicherweise nicht sonderlich angetan gewesen.

Die Lösung für das Problem hatte ich geliefert und deswegen – und, weil ich mich nicht hatte beherrschen können – trug ich nun auch die Konsequenzen. Die Verlorenen Wölfe waren in ein abgeriegeltes Gebiet gebracht worden, in der Hoffnung, dass die Zeit dort sie genesen lassen würde und sie wieder zu sich selber fanden. Ich hatte mich zu einer Trotzreaktion hinreißen lassen und war deswegen jetzt sozusagen die Hüterin der Verlorenen Wölfe. Ein echter Fulltimejob.

Das war der Grund, warum ich nun hier mitten im Dschungel saß – nun ja, eigentlich war es ja ein sehr eigentümlicher Park mitten in Sternheim, der durch eine magische Barriere vom Rest der Stadt abgeschnitten war, damit kein Unbefugter das Gebiet von ein paar revierfixierten, ziemlich großen und durchaus aggressiven Wölfen betreten konnte – und versuchte Kanin durch ihre erste Wandlung zu helfen, seit Erion ihre naturgegebene Magie durcheinandergebracht hatte.

In den vergangenen Monaten hatten sechs Lykaner zu sich selber zurückgefunden und konnten wieder dorthin zurückkehren, woher sie gekommen waren – damit waren wir nur noch achtzehn. Das war doch gar kein schlechter Schnitt, oder?

Neben mir stöhnte Kanin in den Qualen ihrer Verwandlung.

Seit nun schon fast zwei Wochen versuchte sie immer und immer wieder in ihre menschliche Gestalt zurück zu finden. Ihr Zustand hatte sich schon einige Zeit vorher gebessert. Sie konnte wieder denken und begann, sich normal zu verhalten. Nur sprechen war ihr weiterhin verwehrt – ja, Lykaner konnten sich in ihrer Wolfsgestalt ganz normal mit mir unterhalten – und auch die Verwandlung wollte ihr noch nicht so recht gelingen. Aber das würde schon noch funktionieren, da war ich ganz zuversichtlich.

Es war nicht das erste Mal, dass ich dieses Spielchen mitmachte. Sechs Mal hatte ich bereits diese Erfahrung sammeln können und auch hier würde es mit ein bisschen Geduld gelingen. Nur leider hatte Kanin nicht viel Ausdauer. Sie wollte, dass es auf der Stelle funktionierte, wollte zurück in ihr Rudel und das nach Möglichkeit schon gestern. Deswegen war sie auch jetzt wieder mit ihren Kräften am Ende. Sie hechelte wild und krampfte sich unter ihren Anstrengungen zusammen, weil sie die Metamorphose erzwingen wollte – nur leider funktionierte das so nicht.

„Kanin, hör auf damit. Lass dir Zeit.“

Wieder knurrte sie mich an.

Oh Mann. „Saphir, willst du nicht auch mal etwas sagen?“

Ein Stück weiter, im Schatten der Farne, hob eine weiße Wölfin ihren wunderschönen Kopf. Sie war einer der Einzelläufer gewesen, die Erion unter seiner Fuchtel gehabt hatte, aber im Gegensatz zu den Verlorenen Wölfen, hatte die Magie sie mit Erions Tod freigegeben und sie war wieder sie selber geworden. Nicht so ihre Tochter Junina – eines meiner zwei größten Problemkinder.

„Was soll ich denn tun?“, wollte sie wissen.

„Ich weiß nicht, ihr vielleicht etwas über den Schädel ziehen, damit sie mit diesem Blödsinn aufhört.“

Mit dem folgenden Knurren von Kanin hatte ich gerechnet.

Saphir lachte leise. Sie hatte nicht nur strahlend weißes Fell, sondern auch blaue Augen, von der Farbe des Ozeans, was für Lykaner außergewöhnlich war. Normalerweise hatten sie alle gelbe Wolfsaugen. „Das würde ihr sicher nicht helfen, Talita. Wir können nur abwarten. Die Zeit ist die einzige Macht, die ihr und auch den anderen, helfen kann.“

Das hatte ich nicht hören wollen. „Das heißt, ich soll sie einfach sich selbst überlassen?“

„Was willst du sonst tun?“ Saphir neigte ihren schmalen Kopf auf eine sehr hündische Art zur Seite. „Ihre Magie muss sich von allein regenerieren. Weder wir, noch sie, können da irgendetwas beschleunigen.“

„Hmpf“, machte ich und ließ mich auf meinen Hintern plumpsen. Natürlich wusste ich all das bereits selber, aber es war für mich halt genauso eine Qual bei ihrem Leid zuzusehen, ohne etwas machen zu können, wie für Kanin, es zu durchleben.

Um mich ein wenig abzulenken, ließ ich meinen Blick über die kleine, moosbedeckte Lichtung mit der tiefen Steinhöhle der Wölfe schweifen. Eine Würgefeige erstreckte ihr Haupt darüber und krallte ihr wirres Wurzelwerk in den Fels. Epiphyten überwucherten sie und auch jeden anderen Baum in diesem Park. Mangroven, Zypressen, Scheinbuchen und riesige Lebensbäume besetzten jeden Fleck um die kleine Lichtung, wo keine Monstera, Orchideen, Hibiskus, Kannenpflanzen, Hanf, Farne, Bromeliengewächse, Alocasia oder Elfenblumen wuchsen. Trichterwinden, Lianen, Efeu und Peilwinden hingen von jedem Ast, den sie erreichen konnten.

Dieser Ort war ein Dschungel. Pflanzenbärte, die von den Ästen hingen, Farne und kleine Pflanzen, die aus jeder Ritze sprossen und überall dazwischen Brettwurzeln und moosbewachsene Steine. Ich hatte hier sogar schon Venusfliegenfallen entdeckt und am Teich hinter den Höhlen wucherte Zuckerrohr wie Unkraut. Der Boden dieses Urwalds war mit Wurzeln, Laub, Ästen und Zweigen übersät, zwischen denen es immer wieder einen bunten Farbtupfer zu entdecken gab. Wie das hier allerdings alles so gut gedeihen konnte, obwohl der strahlende Sonnenschein und der wolkenlose Himmel seit Wochen für Temperaturen um die dreißig Grad sorgten, war mir schleierhaft.

Dieser Ort war ein Platz voller Leben, der nicht nur von den Verlorenen Wölfen als Zuhause bezeichnet wurde. In dem Unterholz und den Bäumen lebte allerlei Getier. Von kleinen Nagern, über exotische Vögel und Echsen, bis hin zu seltsamen Affen, war hier eine große Brandbreite dieser Lebewesen zu finden.

Kanin keuchte vor mir, aber ich zwang mich, sie zu ignorieren. Wenn sie nicht hören wollte, konnte ich doch auch nichts tun, das hatte Saphir gesagt. Trotzdem fiel es mir schwer.

Ich versuchte, meine Aufmerksamkeit auf den nackten Mann neben der großen Monstera zu richten – ja, nackt. Für mich kein ungewohnter Anblick mehr. Lykaner hatten einen sehr bescheidenen Kleidungsstil. Er lag im Schatten und kuschelte sich an einen grauen Wolf. Bei unserem ersten Aufeinandertreffen hatte ich ihn auf den Namen Simyo getauft, weil niemand wusste, wer dieser Einzelgänger war. Bereits kurz nach seiner Ankunft hier, hatte er sich zurück in einen Menschen verwandelt – oder wie man hierzulande sagte, Mortatia –, war aber ansonsten ein Wolf geblieben. Er sprach nicht und verhielt sich genau wie seine pelzigen Kollegen – und ja, er biss auch um sich, wenn er es für nötig hielt. Das hatte am Anfang zu reichlichen Problemen geführt. Er war der einzige Wolf, den ich keinen Maulkorb hatte anlegen können und ihn zu knebeln, erschien mir dann doch ein wenig zu hart.

Zum Glück war er einer der ruhigeren Wölfe. Im Gegensatz zu meinem Sorgenkind Nummer eins – Grey –, gab es mit Simyo nie Probleme.

Ein Stück weiter, neben der Höhle, lag eine weiße Wölfin – Junina, Sorgenkind Nummer zwei –, die sich gerade von einem braunen Rüden eine Katzenwäsche verpassen ließ. Die beiden bereiteten mir zurzeit am meisten Kopfzerbrechen. Das zwischen Junina und Lokos war Liebe auf dem ersten Blick gewesen und leider hatten sie auch das getan, was Liebende halt so taten, wenn sie sich ungestört fühlten: sie hatten sich geliebt. Das war nicht weiter verwerflich, nur leider hatte ich den beiden nicht erklären können, wie das mit der Verhütung funktionierte und nun war Nachwuchs unterwegs. Das Problem dabei war, dass niemand wusste, was dabei herauskam. Lykaner brachten ihre Welpen in einer menschlichen Gestalt zur Welt. Würde das hier auch so sein, oder würde es ein Wolfswelpe werden? Würde das Kleine zu einem normaler Lykaner heranwachsen, oder wie seine Eltern zurzeit ein einfacher Wolf werden? Aber andererseits gab es in dieser Welt keine richtigen Wölfe, die Verlorenen waren im Moment das, was diesem Wort am nächsten kam, alle anderen konnten sich in Menschen … äh, ich meinte natürlich Mortatia, verwandeln. Nur die Zeit würde diese Fragen beantworten können.

Junina war auch der Grund dafür, warum Saphir hier sowas wie meine Helferin spielte, obwohl sie völlig gesund war und als Einzelgänger die Gesellschaft anderer nicht sonderlich schätzte. Junina war ihre Tochter und Saphir würde nicht gehen, ehe sie wieder genesen war. Auch wenn es verwerflich erscheinen mochte, war ich über diesen Zustand ganz glücklich, weil ich so nicht auf mich allein gestellt war. Die Rudel nämlich … wie sollte ich das jetzt ausdrücken, ohne das es beleidigend klang? Hm … oh, ganz einfach: Die Rudel waren selbstsüchtige Kleinhirne! Okay, das hatte sich jetzt wohl doch nicht so nett angehört.

Was ich damit meinte, sie halfen nur ihren eigenen Angehörigen. Einen Lykaner aus einem fremden Rudel würden sie höchstens den Kopf abreißen, aber da die Verlorenen Wölfe zum Teil aus verschiedenen Rudeln stammten und sie nicht nach Hause durften, ehe es ihnen wieder gut ging, musste jemand gefunden werden, der sich um sie alle kümmerte und das war die Stelle, an der ich ins Spiel kam. Ich konnte mir heute noch in den Hintern treten, wenn ich daran dachte, wie ich an diesen Job gekommen war.

„Hörst du das?“, fragte Saphir plötzlich und spitzte die Ohren. Ihr Blick ging in Richtung Norden

„Was?“

Ein lauter Schrei schallte durch den Dschungelpark und ließ die Natur und all seine Bewohner für einen kurzen Moment verstummen.

Okay, das hatte ich gehört. Auf meinen Armen stellten sich die einzelnen Härchen auf. „Bleib bei Kanin!“, wies ich Saphir an, während ich schon halb über die Lichtung schoss.

Die Wölfe erhoben sich unruhig und leises Knurren begleitete meinen Weg durch Farne, Bäume und Pflanzenbürsten, die von den Ästen hingen. Drei der Verlorenen Wölfe schlossen sich meinem Lauf an. Ich beachtete sie gar nicht.

Als ein weiterer, panischer Schrei durch den Dschungel schallte, gab ich noch mal alles. Verdammt, was war da los? Hier hatte noch nie jemand geschrien, das konnte nichts Gutes bedeuten.

Ein Monsterawedel peitschte mir ins Gesicht, als ich zwischen den Bäumen hervorschoss und raubte mir so einen Moment die Sicht, sodass ich abbremsen musste. Doch dieser Zustand hielt nicht an – leider. Das, was ich da sah, konnte nicht real sein. Meine Fantasie musste mir einen üblen Streich Richtung Ich-werde-verrückt, spielen. Wie sonst sollte ich mir erklären, dass da ein schreiender Mann auf dem Boden lag, der unter dem gefährlichsten meiner Wölfe begraben war. Ohne mich konnte niemand das Schutzschild, das den ganzen Park begrenzte, durchdringen. Das war einfach nicht möglich und bisher auch noch nie geschehen!

Mit Händen und Füßen versuchte der junge Mann, Grey von sich runter zu stoßen und gleichzeitig die scharfen Zähne von seinem Hals fernzuhalten. Dabei schrie er um sein Leben, aber er war nicht stark genug. Der rauchgraue Wolf schnappte nach der Kehle des Mannes, um den Eindringling in seinem Revier zu töten und nur der Stahlmaulkorb verhinderte das Schlimmste.

Dieser Anblick war so surreal, dass mir mein Hirn einen bitterbösen Streich spielen musste. Niemand – wirklich niemand – konnte ohne mich den Schild durchtreten. Gerade dafür war er ja da, um Unbefugte fernzuhalten.

Das alles nahm ich in Bruchteilen von Sekunden wahr und konnte mich trotzdem nicht bewegen, weil eine Erinnerung mit aller Kraft nach oben drängte. Ich sah mich selber dort auf dem Boden liegen, sah Wulf, den Vater von Isla, wie er versuchte, mir die Kehle rauszureißen, weil er glaubte, dass ich seine Tochter entführt hatte und durchlebte die Angst ein weiteres Mal.

Ein Rempler in die Beine ließ mich aus meiner Erstarrung erwachen. Saphir stürzte an mir vorbei, direkt auf den Rücken von Grey und riss ihn von dem jungen Mann herunter. Sie landeten in einem beißenden, knurrenden und geifernden Knäuel auf dem Boden, rammten das Schutzschild, das kurz aufflimmerte und prallten daran ab.

Der junge Mann kroch rückwärts wimmernd aus der Reichweite der Beiden, ließ sie aber nicht einen Moment aus dem Blick. Seine Augen waren in Panik geweitet, sein Brustkorb hob und senkte sich hektisch und seine Hautfarbe war ungewöhnlich käsig.

Grey war gut eine Handbreit größer als Saphir und doppelt so schwer – nicht dick, reine Muskelmasse – weswegen die Wölfin nicht versuchte, den Rüden zu unterwerfen, sondern nur aus seiner Reichweite zu kommen. Als das nicht gelang, tat sie das Einzige, was ein dominanteres Tier besänftigen konnte, sie unterwarf sich ihm und erkannte damit seiner Überlegenheit an. Grey versuchte nach Saphirs Kehle zu schnappen, um ihr seine Dominanz zu demonstrieren und knurrte verärgert durch den Maulkorb. Er mochte dieses Teil nicht sonderlich.

Saphir fiepte ergeben und dass riss mich endlich aus meiner Starre. „Grey!“, rief ich nach dem hitzigen Wolf und lief entschlossen auf ihn zu. Dabei war ich nicht so dumm, ihn in die Augen zu gucken. Er akzeptierte mich, aber nur, solange ich seine Vorherrschaft anerkannte. „Komm schon, Grey.“ Langsam streckte ich meine Pfote nach ihm aus und zuckte auch nicht zurück, als er mich warnend anknurrte, auch wenn ich am liebsten schreiend in die andere Richtung gelaufen wäre. Nur keine Angst zeigen. Ja, das war einfacher gesagt, als getan. „Ganz ruhig, Großer. Komm schon, geh von ihr runter.“ Vorsichtig übte ich Druck auf seine Schulter aus, um ihn dazu zu bewegen, sich einen anderen Zeitvertreib zu suchen und redete dabei ruhig und leise auf ihn ein.

Er war nicht sehr kooperativ und schnappte sogar einmal nach mir. Davon ließ ich mich nicht mehr beeindrucken, dafür hatte er es einfach schon zu oft getan und außerdem trug er ja immer noch den Maulkorb. Damit konnte er einen zwar rammen und ordentliche  Blutergüsse verursachen – wie ich bereits mehr als einmal am eigenen Leib erfahren hatte –, aber  ernsthafte Verletzungen blieben zum Glück aus.

Vom Rand der Bäume aus beobachteten uns die Verlorenen Wölfe. Ein paar von ihnen streiften unruhig hin und her und ließen den Eindringling nicht aus den Augen. Andere fiepten nervös, die neue Situation verunsicherte sie.

Ich beachtete keinen von ihnen, war nur darauf konzentriert, Grey von Saphir runter und in den Wald reinzubekommen, bevor ich mich dem eigentlichen Problem zuwenden konnte. Wie hatte der Kerl es nur in den Dschungel geschafft? Das wollte mir einfach nicht in den Kopf. Mal von der Frage abgesehen, was er hier überhaupt zu suchen hatte. Das hier war schließlich ein gesperrtes Gebiet und kein Freizeitpark, in dem man seine Zeit totschlagen konnte.

Es bedurfte einer Menge Geduld und noch mehr Überredungskunst, um Grey davon zu überzeugen, sich zu verziehen. Leider nur bis zum Waldrand, wo er sich neben einem Strauch Alocasia niederlegte, um die ganze Situation mit Argusaugen weiter zu verfolgen. Dabei hielt er sich von den anderen Wölfen fern. Grey war Einzelgänger aus Überzeugung und auch, wenn er mittlerweile mehr oder weniger akzeptierte, dass da noch andere Wölfe in seinem Territorium hausten, so musste er sich noch lange nicht mit ihnen abgeben.

„Alles okay?“, fragte ich Saphir, die sich auf die Beine rappelte und das tote Laub aus dem weißen Fell schüttelte.

„Mir geht es gut.“ Sie fixierte einen Punkt hinter mir und das war mein Stichwort, dem Eindringling einmal die Leviten zu lesen.

„Bist du total bescheuert?!“, brauste ich auf und ging wütend auf den Kerl zu. Meine Wölfe brauchten Ruhe, um sich zu erholen und so eine Störung, die sie in Verwirrung versetzte, konnte ich gar nicht leiden. Davon mal abgesehen, dass mir der Schrecken noch immer in den Gliedern saß. Wäre der Maulkorb nicht dazwischen gewesen, hätte ich hier jetzt eine Leiche! „Was hast du hier zu suchen? Wie bist du durch den Schild gekommen?!“

„Ich …“ Er schluckte. Sein Blick ging hektisch zwischen mir, Grey und den Verlorenen Wölfen hin und her. Er war jünger, als ich vermutet hatte, ein elfischer Teenager. Schmal gebaut, spitze Ohren, scharfes Kinn, blonde Haare und immer noch vor Angst geweitete Augen.

„Was ich?“ Ich baute mich vor ihm auf und schaute drohend auf ihn herunter. „Das hier ist doch kein Streichelzoo!“, donnerte ich. „Wie bist du hier reingekommen?“

„Der Schild … ich … meine Freunde … er hat einfach nachgegeben.“

Freunde? Waren hier etwa noch mehr von diesen Idioten? Fix ließ ich meinen Blick über das kleine Areal gleiten, das ich von hier aus überschauen konnte, aber da war alles wie es sein sollte, oder?

„Vor dem Schild“, sagte Saphir und trat an meine Seite.

Tatsächlich. Da draußen standen zwei weitere Elfenjünglinge und drückten sich an dem durchsichtigen Schild was die Nasen platt. Ich fauchte die beiden an, die sofort einen erschrockenen Satz zurück machten. Wir waren hier doch nicht bei Big Brother, wo jeder mal einen Blick riskieren durfte.

„Was meinst du mit einfach nachgegeben?“, fragte Saphir in meine Gedanken hinein.

Ja, das würde mich aber auch mal ganz stark interessieren. Klar gab es immer mal wieder Schaulustige, die es witzig fanden, die Verlorenen Wölfe, denen so viel Leid angetan worden war, zu beobachten, besonders in den ersten Wochen hatte ich diese Leute regelmäßig vom Schild verscheuchen müssen – teilweise unter Androhung die Wächter zu rufen, wenn ich sie hier noch einmal antreffen würde –, aber das war schon Monate her und nie hatte es einer geschafft durch den Schutzschild zu kommen, nicht ohne mich.

Der Elf zuckte zusammen, als vom Waldrand ein leises Knurren zu uns rüber drang. Nervös leckte er sich über die Lippen und rutschte weiter Richtung Schild.

„Also?“ Langsam wurde ich ungeduldig und wenn er nicht endlich den Mund aufmachte, müsste ich handgreiflich werden.

„Wir sind … es … also bei … ich …“ Sein Gesicht wurde flammenrot und er drückte die Lippen aufeinander.

„Okay“, sagte ich und hockte mich vor ihn. Auf dieses Gezaudere hatte ich gerade mal gar keinen Bock und das würde ich ihm jetzt klar machen. „Du hast jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder, du erzählst mir, was ich wissen will, holst dir eine Standpauke ab und kannst dich mit deinen Freunden verziehen, oder ich werde die Wächter rufen. Dann werden sie dich vor deinen Freunden wegen Hausfriedensbruch und Grenzüberschreitung abführen und mit aufs Revier nehmen, wo sie dich befragen und deine Eltern über deine Freizeitaktivitäten informieren werden, damit du doch noch zu einem anständigen Bürger heranwachsen kannst. So oder so, ich werde erfahren, was hier los ist, es ist nun deine Entscheidung, wie wir die Sache handhaben. Also?“

Aus dem Hintergrund hörte ich Grey knurren, als wollte er mir zustimmen, aber ich glaube eher, dass er auf meinen aggressiven Ton reagierte.

Bei der Erwähnung seiner Eltern, war der Junge noch eine Spur bleicher geworden, soweit das überhaupt möglich war. Tja, Elfeneltern waren sehr streng und mochten es überhaupt nicht, wenn der Nachwuchs aus der Reihe tanzte und sie vor anderen blamierte – jup, ich hatte im letzten Jahr seit meiner unfreiwilligen Ankunft hier so einiges über diese magische Welt, jenseits meiner Heimat, gelernt.

Auf die Stirn des Kleinen trat ein feiner Schweißfilm. Sein Blick huschte kurz zu seinen Freunden, bevor er ergeben seufzte. „Es ist ein Spiel“, sagte er leise.

„Ein Spiel?“ Ich runzelte die Stirn. „Was für ein Spiel?“

Wieder ein Zungenschlag über die trocknenden Lippen, aber dann sah er wohl ein, dass weiteres Rumdrucksen nichts brachte. „Bei uns in der Schule haben wir dieses Spiel, wer die … wer …“

So viel zum Thema Rumdrucksen. Langsam wurde ich echt ungeduldig. „Wer was?“

„Wer trifft die meisten Wölfe.“

Das verstand ich nicht, aber es gefiel mir nicht, in welche Richtung sich das Gespräch entwickelte. „Treffen? Womit?“

„Steinen“, gab er kleinlaut von sich. „Wir kommen nicht durch den Schild, aber … Steine schon.“

„Bitte was?!“ Das war doch wohl nicht sein ernst. „Ihr kommt hier her und werft Steine nach meinen Wölfen? Seit ihr völlig bescheuert?!“

Unter meinen Ton schrumpfte der Elf merklich zusammen. „Es ist nur … ein Spiel.“

„Das ist Tierquälerei!“ Er gab ein überraschtes Quieken von sich, als ich ihn am Kragen packte und ganz nahe vor mein Gesicht zog. Meine Krallen waren von allein ausgefahren, so wütend war ich und bohrten sich in sein Hemd. Ich konnte einfach nicht glauben, was ich hier hörte. „Sollte ich dich oder einen deiner kleinen Freunde noch einmal dabei erwischen, wie ihr meine Wölfe belästigt, werden euch nicht einmal die Wächter vor mir beschützen können“, drohte ich und meinte jedes Wort todernst. Ich war hier die Hüterin und es war meine Aufgabe, die Wölfe zu beschützen, da würde ich mir doch nicht von so einem kleinen Hosenscheißer ins Handwerk pfuschen lassen.

Ich wollte den Kleinen schon durch den Schild befördern, als Saphirs Stimme mich noch einmal innehalten ließ.

„Wie bist du durch den Schild gekommen?“

Ach ja, da war ja noch was.

„Ich … ich …“, stotterte der Kleine merklich nervös.

„Was ich?“, fauchte ich. Der Typ ging mir von Sekunde von Sekunde mehr auf die Nerven und wenn er nicht langsam die Zähne auseinander bekam, sollte ich Grey vielleicht doch noch einmal eine Runde mit ihm spielen lassen. Verdient hätte er es. Kam hierher, um Steine nach den Wölfen zu werfen, ich konnte es immer noch nicht fassen!

„Ich bin durchgefallen“, schaffte der Kleine endlich mal einen ganzen Satz zustande zu bringe. „Ich habe mich dagegen gelehnt und bin einfach … durchgefallen und dann war dieses  … dieses …“

„Durchgefallen?“ Ich runzelte die Stirn. Das war nicht möglich. Man fiel nicht durch den Schild, prallte höchstens bei dem Versuch ab, hindurch zukommen. „Einfach so?“

„Ja. Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, ich sage die Wahrheit!“, erzählte er panisch, als hätte er Angst, dass ich ihm gleich den Kopf abriss – so sauer wie ich gerade war, lag das auch durchaus im Bereich des Möglichen, obwohl ich ja eigentlich eher ein friedliebender Mensch war. „Fragen Sie doch meine Freunde!“, fügte er noch eilig hinzu, „die können es bestätigen.“

Ich sah zu den anderen beiden Taugenichtsen, die bei meinem Blick vorsichtig einen weiteren Schritt Abstand zu mir nahmen. Dann zog ich den Kleinen noch einmal ganz nahe vor mein Gesicht. „Ich hoffe für dich, dass du die Wahrheit sagst und sollte ich dich noch einmal hier erwischen, werde ich dir so den Hintern versämmeln, dass du darauf die nächsten Jahre nicht mehr sitzen kannst. Haben wir uns verstanden?“

Keine Ahnung, was er gerade in meiner Mimik las, aber es brachte ihn dazu, ganz eilig mit dem Kopf zu nicken.

„Gut.“ Ich packte ihm am Handgelenk und zerrte ihn mit mir durch den Schild. Ich musste Hautkontakt mit den Leuten haben, die ich hindurchführte. Ein Gefühl wie kaltes Wasser durchdrang mich, als ich die Barriere durchtrat. Dann gab ich dem Kleinen einen kräftigen Stoß, der ihn in die Arme seine Freunde warf. „Und lass dich hier nie wieder blicken!“, knurrte ich ihm noch hinterher, als er und seine Freunde schon eilig die Beine in die Hand nahmen und hastig davon stolperten. Ich fauchte noch einmal in ihre Richtung – einfach nur zur Sicherheit – und ging dann zurück an Saphirs Seite. Auch sie konnte den Schild nur mit meiner Hilfe durchschreiten. Wie also war es möglich, dass dieser Hosenscheißer hier reingekommen war? Genau das fragte ich auch die weiße Wölfin.

„Das kann ich dir leider nicht beantworten, ich bin kein Magier.“

Verdammt. „Glaubst du, dass Anwar den Schild manipuliert hat?“ Anwar war nicht nur der Magier, der den Schild erschaffen hatte, er war außerdem der Vater von Erion, dem Kerl, der uns das alles hier eingebrockt hatte. Der Hohe Rat hatte ihn dazu verdonnert, uns einen Platz zur Verfügung zu stellen, an dem die Verlorenen Wölfe heilen konnten und für deren Sicherheit zu sorgen.

„Ich weiß nicht“, sagte Saphir nachdenklich. „Warum sollte er das tun? Damit würde er sich doch nur noch mehr Ärger einhandeln und seine Anstellung als Wesensmeister dieser Stadt steht sowieso schon auf Messers Schneide, genau wie sein Platz als Parlamentär des Hohen Rates. Das würde er doch nicht riskieren.“

Da hatte sie wahrscheinlich recht, denn auch wenn er einen unbändigen Hass auf die Lykaner hatte, weil er sich allein bei ihrem Anblick fast in die Hose schiss, war ihm sein Ansehen doch so wichtig, dass er es niemals riskieren würde.

Nicht mal um Rache an den Lykanern für seinem toten Sohn Erion zu nehmen, oder?

Oh Mann, diese Gedanken waren müßig und brachten mich kein Stück weiter. Ich rieb mir über die Schläfen und dachte über meine nächsten Schritte nach. „Am besten gehe ich morgen zum Hohen Rat und lasse sie das Schild überprüfen, nicht dass da wirklich noch etwas passiert.“

Saphir neigte zustimmend den Kopf. „Das wäre vermutlich das Beste.“

Aber zuerst musste ich zurück zu Kanin, um zu sehen, wie es ihr ging.

Saphir trappte voran und die Verlorenen Wölfe folgten ihr zurück zur Lichtung. Sie waren immer noch leicht unruhig und dafür könnte ich diesen drei kleinen … ahrrr!, gleich nochmal in den Hintern treten.

Ich blieb noch einem Moment am Schild stehen und sah zu Grey hinüber, der meinen Blick ganz ruhig erwiderte. Das hier hätte ganz schön in die Hose gehen können und ich war wieder einmal froh, dass ich mich dazu entschieden hatte, dem Rüden als einzigem der Wölfe den Maulkorb umzulassen. Doch die Sache mit dem Schild ließ mir keine Ruhe. Nicht einmal hatte es einen Zwischenfall mit ihm gegeben, warum also jetzt? „Ich werde mich morgen mit dem Hohen Rat in Verbindung setzten, die sollen den Schild überprüfen“, wiederholte ich leise für mich. Wenn Anwar daran herumgepfuscht hatte, dann würden die das schon merken.

°°°

Es war schon Nachmittag, als ich völlig geschafft die Tür zu meiner Wohnung – nur drei Blocks vom Park entfernt lag – aufschloss. Kanin hatte ihre Verwandlung natürlich nicht mehr zu Ende gebracht. Ganz im Gegenteil, sie war irgendwann einfach vor Erschöpfung weggepennt und hatte immer noch geschlafen, als ich gegangen war. Den Rest der Zeit bei den Wölfen hatte ich dazu gebraucht, um sie zu beruhigen. Das Eindringen von diesem kleinen Elfenscheißer hatte sie doch mehr aufgewühlt, als ich zu Anfang geglaubt hatte.

Ich hängte meinen Beutel in die Garderobe neben der Tür und ging dann ins angrenzende, lichtdurchflutete Wohnzimmer, mit der integrierten Küchenzeile, die nur durch einen Tresen vom Rest des Raumes abgetrennt war. Am ihm saß Kaj, meine Mitbewohnerin. Schlank, straßenköterblondes Haar und gelbe Augen zeichneten sie aus. Sie war nicht schön im eigentlichen Sinne, dafür war ihr Gesicht zu lang und dennoch war sie durchaus nicht zu verachten. Sie war eine Lykanerin und obwohl sie vor einem Jahr noch Erion geholfen hatte, die ganzen Werwölfe einzufangen, damit die dann für ihn Jagd auf einen Drachen machten, war sie heute meine beste Freundin. Ja, ich wusste, wie sich das anhörte. Unsere ganze Beziehung war eben ein wenig kompliziert, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Als ich den Raum betrat, sah sie von ihrem Teller auf. Der ganze Raum war erfüllt mit dem Geruch nach Spagetti Bolognese, aber der Tag lag mir immer noch schwer im Magen, sodass ich das Essen auf dem Herd ignorierte und stattdessen den magiebetriebenen Kühlschrank ansteuerte, um mir eine Flasche Wasser zu genehmigen.

„Du siehst echt scheiße aus“, kommentierte Kaj meinen Auftritt und wickelte ein paar lange Nudeln auf ihre Gabel.

Ihre blöde Anspielung überhörte ich einfach. „Wo ist Raissa?“

„Noch bei einer Schulfreundin, aber ich hole sie gleich ab.“ Sie steckte sich ihre Gabel in den Mund und musterte mich dann auffällig. Als ich sie kennengelernt hatte, war sie wie alle anderen Lykaner gekleidet, was bedeutete, dass außer einem Lendenschurz kein Stück Stoff ihren Körper berührte. In der Zwischenzeit hatte ich sie aber von den Vorteilen eines Oberteils überzeugt. Naja, eigentlich hatte ich sie eher davon überzeugt, dass ich mich wohler fühlen würde, wenn sie eines trug. Nicht, dass ihre Oberweite nicht ganz nett wäre, aber ich hatte wirklich kein Interesse daran, dass sie mir damit die ganze Zeit vor der Nase rumwackelte.

Seufzend ließ ich mich ihr gegenüber auf einem der Hocker am Tresen nieder.

„Ist was passiert?“

„So könnte man es auch sagen, aber ich habe gerade keine Lust, darüber zu quatschen.“ Ich schraubte den Deckel von meiner Flasche und ließ ihn auf den Tresen fallen. „Und, was gibt’s bei dir Neues?“

„Dein Onkel Doktor hat angerufen. Die wollen noch eine Blutprobe von dir haben.“

Na toll, das hatte mir gerade noch gefehlt. „Ich versteh nicht, was Gaare sich davon verspricht.“

Sie zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Sowas wie dich hat er eben noch nie gesehen. Du bist ein interessantes Forschungsobjekt, einmalig eben.“

„Juhu, was ich doch für ein Glück habe.“ Sarkasmus ließ grüßen.

Gaare war ein guter Bekannter von mir, der seit meinem Erwachen in dieser Welt versuchte, für mich einen Weg nach Hause zu finden. Da meine eigene Magie aber so anders war als alles, was er kannte, war ich wie Kaj es so nett ausgedrückt hatte, ein überaus interessantes Anschauungsobjekt für ihn.

„Und heute war schon wieder jemand im Haus, sich die freie Wohnung über uns anzusehen.“ Sie verzog das Gesicht. „Ein junges Paar, Minotaurus. Ich hoffe sie nehmen die Wohnung nicht.“

„Warum?“

„Hast du eine Ahnung, wie die Hufe donnern, wenn sie sich über uns bewegen? Da bekommt man ja Angst, dass sie gleich durch die Decke krachen.“

Als ich mir das bildlich vorstellte, musste ich schmunzeln. „Na dann können wir wohl nur noch hoffen.“ Mit einem kräftigen Schluck, befeuchtete ich meine Kehle. Ah, das tat gut.

Kaj grinste breit. „Das müssen wir nicht, ich denke ich habe ihnen die Wohnung schon vermiest.“

Das ließ mich aufhorchen. „Warum, was hast du gesagt?“

„Ich habe …“

Es klingelte an der Tür. Na toll, jetzt wo es gerade spannend wurde. „Merk dir was du sagen wolltest, ich bin gleich wieder da.“ Ich rutschte vom Hocker und eilte in den Flur. Da ich niemanden erwartete, rechnete ich schon halb damit, irgendein Werbefutzi ins Haus zu lassen, als ich den Summer drücke – ja, diese lästigen Zeitgenossen gab es hier auch – und war etwas überrascht, als ich Schritte hörte, die zu mir hinauf in die zweite Etage kamen. Was – oder besser wen – ich dann sah, hätte ich niemals erwartet. Zwei gelbe Augen unter einem roten Schopf. Der Kerl war riesig, fast zwei Meter. Er überragte mich bestimmt um einen ganzen Kopf, was bei meiner Größe gar kein so leichtes Unterfangen war. Ein waschechter Lykaner. Früher war sein Gesicht mal makellos gewesen, fein geschnitten und immer ein kleines Lächeln auf den Lippen, doch seit den Ereignissen mit Erion am Drachengebirge, war seine linke Gesichtshälfte von einer hässlichen Brandnarbe entstellt, die er der feuerspeienden Echse zu verdanken hatte. Die Haut dort sah aus wie geschmolzen, der Mundwinkel war verzerrt und auf dem linken Auge konnte seine Sehkraft nicht erhalten werden, dafür war es einfach zu sehr geschädigt gewesen.

Noch heute fragte ich mich, wie er mit mir, direkt nach dem Erhalten dieser Wunde, hatte schäkern können, die Schmerzen mussten doch höllisch gewesen sein.

Vor mir, mit seinem typischen, halben Lächeln, stand mein bester Freund Pal und strahlte mich an.

„Woher weißt du, wo ich wohne?“, war das Erste, was bei seinem Anblick aus meinem Mund kam. Nicht „was machst du hier“, oder „hey, wie geht es dir“, nein, ich knallte ihm ein „Woher weißt du, wo ich wohne“ vor den Latz. Das war doch wahre Freundschaft.

„Viel wichtiger ist doch, seit wann wohnst du nicht mehr bei Gaare?“

Seit einem guten Jahr, aber das würde ich ihm jetzt nicht unter die Nase reiben. Seit den Geschehnissen damals, hatte ich Pal zwar regelmäßig getroffen, aber immer außerhalb meiner Räumlichkeiten und das hatte seinen Grund.

Pal steckte die Nase in die Luft und witterte. „Hey, gehst du mir fremd? Hier riecht es überall nach … Wolf.“

Und genau das war der Grund.

Da ich jetzt wohl nicht länger Drumherum kam, bat ich ihn mit einer Handbewegung an mir vorbei in die Wohnung. Ihm die Tür schnell vor der Nase zuzuschlagen, um mein kleines Geheimnis zu bewahren, wäre dann wohl doch ein klein wenig auffällig gewesen – aber nur ein ganz klein wenig.

„Ich mag Wölfe eben“, antwortete ich ausweichend und führte ihn in die Wohnung. Wir hatten den Wohnraum mit der offenen Küche kaum erreicht, da entdeckte Pal natürlich als erstes die Wölfin, die an meine Tresen saß und selenruhig ihre Spagetti mit Fleischklößchen aß. Nicht etwa die tollen neuen Vorhänge, die ich mir geleistet hatte, oder das nette Blumenarrangement mit meinem Seidenband als Hauptattraktion an den bodenlangen Fenstern, nein, das Einzige, was er sah, war die Wölfin – die angebliche und berüchtigte Welpenfresserin Kaj.

„Was macht die denn hier?“ Seine Stimme war gefährlich tief geworden, sein Körper bis zum Zerreißen gespannt.

Die kann dich hören“, sagte Kaj gelangweilt, „und sie isst gerade. Welpenhirn und Kinderinnereien. Möchtest du auch etwas?“, bot sie freundlich an. Nur das Lächeln auf ihren Lippen war zum Fürchten.

„Nicht hilfreich, Kaj“, teilte ich ihr mit.

„Keine Sorge“, sprach sie einfach weiter, als hätte ich nichts gesagt. „Er hat nur Angst, dass ich von kleinen Kindern auf junge Frauen umsteige und du demnächst auf meiner Speisekarte landest. Aber mal ganz unter uns, ich knabbere lieber an jungen Kerlen herum. Nichts gegen dich, Talita, aber Frauen sind einfach nicht mein Ding.“

„Immer noch nicht sehr hilfreich.“

Sie grinste nur.

Oh bitte, konnte sich nicht einfach der Boden auftun und mich verschlucken? Für Werwolfspielchen hatte ich jetzt einfach keinen Nerv. Warum hatte Pal nur hier auftauchen müssen? Ein freundschaftlicher Anruf hätte es doch auch getan.

„Ich frage noch einmal: Was macht sie hier?“

Sie kann …“

Hastig schloss ich die Tür zum Wohnraum, ganz nach dem Motto, aus den Augen, aus dem Sinn. Kaj im Wohnraum, wir im Flur, das sollte fürs Erste doch wohl reichen.

Ich lächelte Pal an, er erwiderte es nicht. Na gut, reichte wohl doch nicht aus. Seufzend lehnte ich mich gegen die Wand. Ich hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde,  nur hatte ich gehofft, dass mir bis dahin noch ein bisschen Zeit blieb – so ungefähr zehn bis fünfzehn Jahre, vielleicht auch zwanzig. Leider war meine Hoffnung vergebens.

Okay, spuck es schon aus, dann hast du es hinter dir. Juhu, welch Freude – Ironie lässt grüßen. „Sie wohnt hier.“

„Sie tut WAS?!“

Uh, vielleicht sollte ich noch schnell einen Knochen besorgen. Mit dem könnte ich ihn ablenken, während ich die Flucht ergriff. „Sie wohnt hier“, wiederholte ich. „Sie ist meine Mitbewohnerin und du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Sie wohnt hier schon über ein Jahr und sie hat nicht mal angefangen zu sabbern, als ich mich das eine Mal mit Soße vollgekleckert hatte. Schon irgendwie enttäuschend, so unappetitlich sehe ich doch gar nicht aus, oder?“ Der Witz fruchtete nicht. Schade eigentlich, dabei zog ich sein Lächeln dieser bedrohlichen Mine allemal vor.

„Sie wohnt seit einem Jahr hier?“

Oh verdammt, ich und meine große Klappe.

„Und du hast es bei deinen vielen Besuchen nie für nötig gehalten, es auch nur mit einem Wort zu erwähnen?“

„Ich … äh … nein.“ Hatte ich nicht, weil ich eine solche Situation vermeiden wollte.

Kein Wort, keine Regung. Er starrte mich einfach solange an, bis ich zappelig wurde und mich gezwungen sah, mich zu verteidigen.

„Hör zu, du kennst sie nicht, du hast keine Ahnung, wie sie so ist, also sei nicht sauer, okay?“

„Aber du kennst sie?“, fragte er ungläubig.

„Ja, das tue ich.“ Mehr brauchte er nicht zu wissen. Was zwischen mir und Kaj war, ging ihn einfach mal nichts an und da konnten wir noch so gute Freunde sein. „Genau das ist der Grund, warum ich nichts gesagt habe“, verteidigte ich mich, „ich wusste, du würdest es nicht verstehen und an die Decke gehen.“

„So, wusstest du das?“

Von seiner bedrohlichen Haltung ließ ich mich nicht einschüchtern. Naja, äußerlich nicht. „Kaj tut mir nichts, sie ist meine Freundin.“

Pal packte mich am Arm und sah mir eindringlich in die Augen. „Sie ist gefährlich, Talita. Vielleicht ist bis jetzt noch nichts passiert, aber früher oder später wird es das. Sie hat schon ein paar Mal die Kontrolle verloren und es wird wieder geschehen. Hast du vergessen, was sie getan hat? Das sie Erion geholfen hat? Das sie dich in seine Zelle gesperrt hat?“

„Natürlich nicht, aber das wird nicht mehr vorkommen.“

„Und was macht dich da bitte so sicher? Sie ist unberechenbar!“

„Ich kenne die Wahrheit. Ich weiß Dinge von ihr, von denen du – und auch keine anderer – nur den Hauch einer Ahnung habt. Sie wird mir nichts tun und auch niemand anderen, diese Zeiten sind vorbei.“ Meine Stimme war so nachdrücklich, dass ich nur hoffen konnte, er verstand. Wie die anderen, kannte er nur die Gerüchte über Kaj, dass die eine Mörderin war, die die Welpen der Lykaner fraß. Niemand hatte sich je die Mühe gemacht, hinter die Fassade zu gucken, keiner aus mir und Kovu – wenn auch nicht ganz freiwillig.

„Schön“, sagte er dann, ließ mich los und trat einen Schritt zurück. „Wenn du unbedingt dein Leben aufs Spiel setzen willst, bitte, aber ohne mich. Ich werde da sicher nicht zusehen.“ Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verließ meine Wohnung mit knallender Tür. Nur war die Wucht so groß, dass die Tür einfach wieder aufsprang.

Es dauerte keine fünf Sekunden, da stand Kaj völlig entspannt mit einem Saftglas in der Hand neben mir. „Das nenne ich mal einen gekonnten Abgang, sogar mit Knall.“

„Pssst“, machte ich und zählte im Geist von zwanzig rückwärts. Ich war bei drei, als Pal wieder in meine Wohnung stürmte. Das ging ja schneller, als gedacht.

„Okay, erkläre es mir, ich verstehe es nämlich nicht.“

„Ich bin dann mal weg.“ Kaj schnappte sich ihren Beutel und drückte dem überraschten Pal das halbvolle Glas in die Hand. „Ich will noch zum Spielplatz um die Ecke, das neuste Angebot ausspähen. Zum Abendbrot habe ich Lust auf etwas Rothaariges. Wie steht es mit dir, Talita?“

Pal knurrte, als Kaj sich lachend an ihm vorbei aus der Wohnung schob. Warum musste ihr das auch solchen Spaß machen? Gott, ich war sowas von am Arsch.

„Ich hoffe wirklich, dass deine Erklärung gut ist“, grollte Pal.

„Ist sie, aber du musst mir eines versprechen, erzähl es nicht Veith.“

„Warum? Glaubst du er ist so rücksichtsvoll wie ich?“

„Pal, bitte.“ Ich hatte nämlich keine Lust auf einen tollwütigen, großen, bösen Wolf, der in meine Wohnung stürmte und bei dem Versuch, die Welpenfresserin zu erlegen, die mich bedrohen könnte, meine ganze Einrichtung in Schutt und Asche legte.

Er musterte mich lange Sekunden und seufzte dann ergeben. Ich konnte richtig sehen, wie seine erste Wut verflog und einen geschlagenen Wolf zurück ließ. „Erzähl es mir erst mal, ich verspreche noch nichts.“

„Danke.“ Ich wusste, dass ich damit schon einen halben Sieg errungen hatte.

°°°

„Möchtest du etwas trinken?“

„Ich möchte, dass du es mir endlich erklärst.“

Man war der verärgert, das konnte ja nur noch besser werden.

Ich deutet Pal sich an den Tresen zu setzen und nahm dann ihm gegenüber Platz. Wo sollte ich nur anfangen? Am besten am Anfang. Das war doch schon mal ein Plan. „Kaj hatte Familie, wusstest du das?“ Ich drehte meine Flasche in den Händen hin und her und fixierte Pal, wollte seine Reaktion mitkriegen, aber außer, dass er leicht die Stirn runzelte, passierte gar nichts. Er starrte weiter seine verschränkten Hände auf dem Tresen an und murmelte nur ein „Nein.“  

„Sie redet nicht gerne darüber, aber bevor das Ganze passiert ist, da hatte sie einen Gefährten und ein Baby.“ Ein kleiner Junge, wie ich heute wusste.

Pal schwieg sich aus.

Seufzend ließ ich meine Flasche los und legte die Hände in den Schoss. „Ihr Gefährte ist kurz nach der Geburt ihres Babys gestorben, ein Zusammenstoß mit einem Einzelgänger.“ Wieder keine Reaktion. Ob ich ihm irgendwie ein wenig Mitgefühl für Kaj entlocken konnte, damit er aufhörte sie als das teuflische Wesen zu sehen, als dass sie immer dargestellt wurde? Schwer, musste ich mir eingestehen. „Es war nicht leicht für Kaj, aber sie lernte damit zu leben. Damals war sie kaum älter als ich heute.“ Zweiundzwanzig Jahre. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie schlimm das für sie gewesen war, doch leider hörte die Tragödie damit nicht auf. „Sie hatte zwar noch ihre Eltern und ihre große Schwester, doch Kaj war schon immer eher ein Außenseiter gewesen.“

„Böses Blut“, murmelte Pal.

„Nein, anders, abseits, aber deswegen noch lange nicht böse.“ Kaj war einfach nur leichtgläubig und naiv gewesen. „Wie dem auch sei. Etwa zwei Jahre nach diesem Unglück, war sie im Wald jagen und da kamen …“ Die folgenden Worte wollten mir nicht so einfach über die Lippen kommen. Zum einen wusste ich nicht, ob ich das überhaupt erzählen durfte und zum anderen war es schwer in Worte zu fassen.

„Wer kam?“, fragte Pal, als ich einfach nicht weiter redete.

„Das ist … ich … es steht mir eigentlich nicht zu, darüber zu sprechen.“ Ich selber würde auch nicht wollen, dass Kaj diese Sache aus meiner Vergangenheit erzählte, etwas an das ich mich eigentlich nicht erinnerte, aber es dennoch fühlen konnte. „Verdammt. Pal, es tut mir leid, aber ich kann es dir nicht erzählen, nicht diese Sache, aber eines kann ich dir sagen. Diese Welpen die sie getötet hat, hatten schon so gut wie die Mannesreife erreicht und … und sie hatten verdient, was sie bekommen haben.“

„Verdient? Verflucht noch mal Talita, sie hat Welpen gefressen!“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, hat sie nicht, sie hat sie nur getötet.“

„Nur!“, höhnte er. „Nur! Hör dich doch mal an. Kaj tötet und für dich ist das völlig okay!“

„Ja, nachdem, was sie getan haben, ist es für mich sogar mehr als nur okay“, erwiderte ich mit ernster Stimme und sah ihm fest in die Augen. „Was Kaj getan hat, war richtig.“

Pal machte den Mund auf, nur um ihn bei meinem Blick gleich wieder zu verschließen. Letztendlich konnte er es sich aber doch nicht verkneifen, etwas zu erwidern. „Gut, in Ordnung, ich weiß zwar nicht, was dich dazu bringt, die Taten dieser Welpenfresserin gutzuheißen, aber es war ja wohl nicht das Einzige, was sie sich hat zuschulden kommen lassen, oder?“

„Nein.“

„Und das andere ist für dich auch okay, oder was?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, natürlich nicht, aber bitte lass mich zu Ende erzählen, dann wirst du es wenigstens verstehen.“

Zwar schnaubte er auf diese Aussage hin, aber er blieb still.

„Als … nachdem sie diese Kerle umgebracht hat, wurde sie von ihrem Rudel verstoßen. Sie haben ihr ihren Sohn weggenommen und sie von ihrem Territorium gejagt und überall das Gerücht verbreitet, sie wäre eine Welpenfresserin, damit auch kein anderes Rudel sie aufnimmt. Aber Kaj ist keine Einzelgängerin, sie braucht die Gemeinschaft für ihr Seelenheil. So jedoch ging sie – um es mal deutlich zu sagen – langsam vor die Hunde.“

Bei dieser Redewendung runzelte Pal leicht die Stirn. Die kannte er nicht.

„Irgendwann hat Erion sie dann aufgegabelt und er war der Einzige, der sie nicht nur aufgenommen hat, sondern ihr auch hat die Zuneigung zukommen lassen, die sie brauchte. Ja, er war ein Magier, aber wen hatte Kaj den sonst?“ Ich sah Pal eindringlich in die Augen. „Er war der Einzige, der sie nicht davonjagte und ihr das gab, was sie brauchte, ein Rudel.“

„Erion war ein Magier“, knurrte Pal. „Und ein Verbrecher noch dazu.“

„Ja“, sagte ich schlicht, weil wir beide das wussten. Bestreiten wäre völlig widersinnig. „Doch als Kaj zu ihm kam, wusste sie davon noch nichts.“

„Und du glaubst, dass, wenn sie es gewusst hätte, sie nicht bei ihm geblieben wäre?“

Darauf konnte ich nur die Schultern zucken, denn davon hatte ich mal gar keine Ahnung. „Gewundert hätte es mich jedenfalls nicht, so wie ihr Lykaner sie behandelt habt.“

Dafür bekam ich einen bösen Blick.

Ich ignorierte es einfach. „Wie dem auch sei. Etwa vier Jahre später begann Erion seinen Plan zu schmieden, um an das Drachenherz zu gelangen. Er wollte die Macht, wollte etwas, dass ihn mächtiger als die Hexen machte und zwang Kaj ihm dabei zu helfen.“

„Zwang?“

„Ja zwang, Kaj hat das nicht freiwillig gemacht und das, obwohl sie von den Lykanern so abscheulich behandelt wurde.“

„Ach und das glaubst du ihr?“

„Das hat nicht sie, sondern Erion mir erzählt, damals, als ich mit Kovu in dieser Zelle saß. Du kannst ihn gerne fragen, er war dabei.“ Hätte Kaj mir das erzählt, hätte ich es wahrscheinlich auch nicht so ohne weiteres geglaubt, aber als Erion mir von seinem perfiden Plan erzählt hatte, war sie nicht mal zugegen gewesen.

Darauf sagte Pal gar nicht, deutete mir nur, weiter zu sprechen.

„Isla war der erste Rudelwolf, den die beiden sich geholt hatten.“

Bei der Erwähnung seiner Cousine, kräuselten sich Pals Lippen und ein Knurren vibrierte in seiner Kehle. Kein Wunder, war sie doch bis heute nicht wieder in Ordnung und zählte dank Erion noch immer zu einer meiner Verlorenen Wölfe.

„Kaj hat die Wölfe aufgespürt, manchmal auch mit einen Zauber, den Erion ihr auf die Haut gelegt hatte, gelähmt, damit sie nicht fort konnten und Erion hat sie dann in seine Scheune gebracht, wo er sie … zu Sklaven gemacht hat.“

„Zu hirntoten Marionetten meinst du wohl.“ Seine Worte klangen schroff, aber nicht weil er die Verlorenen Wölfe abstoßend fand, sondern weil er kurze Zeit selber zu ihnen gehört hatte.

Ich griff über den Tresen und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Fäuste. Auch wenn er es mir gegenüber noch nie zugegeben hatte, so wusste ich, dass ihn die Sache belastete. Wie auch nicht? „Wahrscheinlich hätten Erion und Kaj ewig so weiter gemacht, aber dann tauchte ich auf.“

Das ließ seinen Mundwinkel zucken. „Aus dem Nichts.“

„Aus einem Spiegel“, korrigierte ich.

„Aus einem Spiegel von meinem Onkel, auf seinem Dachboden, den du hinterher auch noch kaputt gemacht hast.“

Oh ja, das war eine Aktion gewesen. Ich war heute einundzwanzig Jahre alt, aber mein Leben hatte erst vor vierhundertsiebenundvierzig Tagen begonnen und das auf dem Dachboden von Pals Onkel Fang. Dort war ich aufgewacht, mit mörderischen Kopfschmerzen, ohne Erinnerung und den Hauch einer Ahnung, wer ich war, wie ich dorthin kam, oder woher ich eigentlich stammte. Bis heute wusste ich nur wenig mehr. Das Einzige, was ich in Erfahrung hatte bringen können, war mein Name – der stand nämlich in meinem Ausweis – und eine vage Ahnung, woher ich kam, nämlich aus einer anderen Welt. Für mich war es heute noch schwer zu akzeptieren, dass ich eine Reise durch einen Spiegel in eine magische Welt gemacht hatte, wo Werwölfe, Vampire und Drachen keine Sagengestalten waren, sondern die Realität, die auf der Straße herumlief. Genau wie hundert andere Fabelwesen, von denen ich nur aus Legenden, Büchern und Fernsehen gehört hatte. Hier waren sie so real, wie die Kleidung, die ich am Leib trug.

Mit der Hilfe von dem Magier Gaare, wusste ich in der Zwischenzeit auch, wie ich wieder in die Welt der Menschen zurückkehren konnte, nur gestaltete sich dieser Weg schwieriger, als zu Anfang angenommen, weswegen ich immer noch hier war – deswegen und wegen den Verlorenen Wölfen.

Du hast Veith vergessen.

Ich kniff die Lippen zusammen. Ja, Veith war da auch noch, obwohl er genauso gut nicht existent sein könnte, so wie er mich in den letzten Monaten links liegen gelassen hatte.

Mit den Worten „Boa trauert dem Ding noch immer hinterher“, riss Pal mich aus meinen düsteren Gedanken. „Aber was hat deine Ankunft hier mit Kaj und der Tatsache, dass die hier wohnt, zu tun?“

„Ganz einfach, ich war ein Faktor, den Erion bei seinem Plan nicht hatte mit einkalkulieren können.“ Als er mich nur fragend ansah, ging ich genauer darauf ein. „Als ihr mich damals zu Erions Papá Anwar gebracht habt, weil ihr nicht wusstet, was ihr mit mir anfangen solltet, glaubte Erion sich noch in Sicherheit, aber nachdem das Steinbachrudel zu Besuch war, ich euch erzählt habe, dass auch in den anderen Rudeln Lykaner verschwunden waren und ich euch dann auch noch in sein Haus gebracht habe, musste er vorsichtiger vorgehen. Zwar haben wir damals noch geglaubt, dass Anwar hinter diesen Taten steckt, weil er so einen Hass auf die Werwölfe hat und nichts lieber täte, als sie alle abzuknallen, aber er wusste auch, dass ihr nicht da wart, um – wie wir ihm erzählt haben – ein paar Sachen in der Stadt zu erledigen.“ In Wirklichkeit hatten wir Anwar hinterher spioniert, waren sogar in sein Büro eingebrochen, um Hinweise auf seine Taten zu finden, doch das Einzige, was wir entdeckt hatten, war eine magisch verschlossene Tür, von der ich bis heute nicht wusste, was dahinter lag.

Ich atmete einmal tief ein und strich gedankenverloren über Pals Fäuste, die sich unter meiner Hand ein wenig gelockert hatten. Wie dumm ich damals doch gewesen war. Hätte ich die Hinweise nur von Anfang an richtig gedeutet, würden heute noch ein junger Drache und eine Menge Wölfe mehr leben. „Dadurch, dass wir in sein Haus gekommen waren, wusste Erion, dass ihm nicht mehr viel Zeit bliebe und hat sich beeilen müssen. Von Kaj weiß ich, dass er ursprünglich geplant hatte, nicht nur dich, sondern auch Tyge, Veith, Kovu und Julica zu seinen Wölfen zu machen, aber die Rudelversammlung ist dazwischen gekommen und die Zeit wurde immer knapper. Und dann bin ich auch noch Kaj gefolgt. Das war der Auslöser dafür, dass Erion sich entschlossen hat, sofort zu handeln und keinen Tag länger zu warten. Ihm war klar gewesen, dass so sehr viele von den Lykanern sterben würden, aber das war ihm egal, Hauptsache, er würde das Drachenherz in Händen halten.“

„Zum Glück ist ihm das nicht gelungen.“

 Aber das war nicht mein Verdienst gewesen. Ich hatte mich gefangen nehmen lassen und nur durch Zufall, weil Kaj unvorsichtig gewesen war, hatte Veith herausgefunden, wo ich steckte und mich befreit, damit wir uns auf den Weg machen konnten, Erions Plan zu vereiteln. „Er hat Kaj erpresst. Er hat ihr gesagt, entweder sie hilft ihm, oder er würde sie davonjagen, wie ihr Rudel es einst gemacht hat.“

„Und sie hat sich entschieden“, sagte Pal unnachgiebig, der einfach nicht einsehen wollte, dass Kaj zwar Fehler gemacht hatte – natürlich hatte sie das –, aber das ganze Bild dabei außen vor ließ.

„Er war ihr Alpha!“, fauchte ich ein wenig zu aggressiv. „Er hat ihre Zuneigung gegen sie verwendet. Sag doch selber, wenn Prisca dich vor die Wahl stellen würde …“

„Ich würde es nicht tun.“

„Natürlich würdest du das. Sie ist dein Alpha, du folgst ihr, so tickt ihr Lykaner eben.“

„Nein, würde ich nicht. Natürlich ist Prisca mein Alpha und ich folge ihrem Wort, aber nicht in so einer Angelegenheit, weil ich weiß, dass es falsch wäre.“

„Das kannst du auch nur sagen, weil du niemals in so einer prekären Situation gewesen bist. Du musstest dich nie zwischen deiner Loyalität und dem Richtigen entscheiden.“

„Verdammt, Talita, warum nimmst du sie eigentlich so in Schutz?! Kaj hat nicht nur ein paar kleine Fehler begangen, sie ist eine richtige Verbrecherin, eine Mörderin! Hast du vielleicht vergessen, was sie mir angetan hat? Soll ich deinem Gedächtnis vielleicht ein bisschen auf die Sprünge helfen? Sie hat  mich entführt! Sie hat mich in der Küche einfach mit diesem komischen Zauber von Erion gelähmt und dann in ihren Kofferraum geschmissen, damit Erion aus mir dieses Ding machen konnte!“ Pal wurde mit jedem Wort lauter, bis er mich beinahe anbrüllte. Ich kannte die Geschichte schon, er hatte sie mir bereits erzählte, aber ich traute mich nicht, ihn zu unterbrechen, wenn er so wütend war. „Weißt du, was das für ein Gefühl ist, wenn man in seine tierische Gestalt gegen seinen Willen gezwungen wird? Kannst du dir vorstellen, was für Schmerzen das sind? Welche Angst man empfindet, wenn dein Geist einfach erlischt und in der Dunkelheit umherwandert, aus der es kein Entrinnen gibt?!“

Ich schluckte. So genau hatte er es mir damals nicht erzählt und ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie das sein musste.

„Natürlich weißt du nicht, wie das ist, aber ich weiß es.“ Ein schwerer Seufzer stieg in ihm auf, als er sich mit beiden Händen durch das Gesicht rieb. „Und ich weiß auch, dass Kaj daran schuld ist.“

Ich öffnete den Mund, nur um ihn gleich wieder zu schließen. Was sollte ich auch sagen? Er würde mir nicht zuhören, würde es nicht verstehen. Ja, Kaj hatte viele Fehler gemacht, sie hatte Dinge getan, die einfach nicht zu verzeihen waren und doch war sie nicht böse. Sie war gerade mal neunundzwanzig Jahre alt und hatte in ihrem Leben schon viel zu viel mitgemacht und schlussendlich war sie an den Falschen geraten. „Denk einfach noch mal darüber nach. Wahrscheinlich wirst du ihr nie verzeihen können, aber vielleicht wirst du dann verstehen, warum ich in ihr etwas sehe, dass dir verborgen bleibt.“ Denn im Grunde war Kaj ein lustiger, herzensguter Mensch … äh, Lykaner meinte ich natürlich.

„Das kann nicht dein Ernst sein.“

„Pal, was erwartest du jetzt eigentlich von mir?“, fragte ich ihn ganz direkt. „Soll ich sie vor die Tür setzen, nur weil dir ihre Nase nicht passt? Soll ich sie davonjagen, so wie ihr Rudel es getan hat, obwohl sie nichts gemacht hat?“

„Ihr Rudel hat sie nicht ohne Grund davongejagt und das weißt du genau.“

Ich kniff die Lippen so fest zusammen, dass sie nichts weiter als ein dünner weißer Strich waren. Natürlich dachte er das, weil er genau wie all die anderen den Gerüchten glaubte. „Frag dich mal, was eine gutherzige Frau dazu bringen könnte, aus heiterem Himmel drei Kerle umzubringen. Wenn du auf diese Frage eine Antwort gefunden hast, dann können wir uns weiter über dieses Thema unterhalten. Bis dahin möchte ich dazu nichts mehr von dir hören, Kaj bleibt hier und da kannst du dich kopfstellen.“ Damit rutschte ich von meinem Hocker und marschierte mit erhobenem Kopf aus dem Wohnzimmer.

Ich konnte Pal ja verstehen und auch, wenn meine Entscheidungen mich mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht hatten, sollte er mir doch so viel gesunden Menschenverstand zutrauen, dass ich wusste, was ich tat. Glaubte er wirklich, dass ich so selbstzerstörerisch war, dass ich  offenen Auges in mein Verderben lief, nur um eine gute Tat zu vollbringen? Er sollte  mich in der Zwischenzeit wirklich besser kennen.

Kopfschüttelnd trat ich ins Bad – oder wie es hierzulande genannt wurde, Feuchtraum – und kippte mir am Waschbecken klares Wasser ins Gesicht. Kaj in mein Leben zu lassen, war zwar aus einem Impuls heraus geschehen, aber trotzdem hatte ich vorher darüber nachgedacht. Wie Pal schon gesagt hatte, sie war eine Verbrecherin und ihre Taten waren unter den Lykanern aufgeflogen. Ich hatte rechtlichen Beistand gebraucht, um Kaj zu mir zu holen. Das war die Stelle, an der Gaare ins Spiel gekommen war. Er war nicht nur der älteste Magier, den ich kannte – älter als die Pyramiden in Ägypten und weitaus vertrockneter –, er war auch der intelligenteste Magier, nein Mortatia, den ich kannte. Bis heute wusste ich nicht genau, wie er es gedreht hatte, aber Kaj wurde nur zu etwas verdonnert, dass man mit Sozialstunden vergleichen konnte, aber auch diese hatte sie bereits fast abgeleistet.

Trotz ihrer Vergangenheit war Kaj heute das, was man unter einem anständigen Bürger verstand. Also sollte Pal aufhören sich so aufzupumpen und lieber anfangen mir zu vertrauen.

Als ich hinter mir Schritte hörte, richtete ich meinen Blick auf den Spiegel vor mir. Weißblondes Haar, das zu einer modernen Kurzhaarfrisur geschnitten war, helle Haut, ein herzförmiges Gesicht mit großen grünen Augen, die leicht schräg standen, schauten zurück. Das war ich. Schmal, kaum Oberweite und einen flachen Hintern. Rundungen suchte man vergeblich.

Durch den Spiegel sah ich Pal, der mit verschränkten Armen am Türrahmen lehnte und mich beobachtete. Irgendwie erinnerte mich diese Situation an das erste Mal, als ich ihm begegnet war, auch das hatte in einem Badezimmer stattgefunden. Nur war er es da gewesen, der mit einer Zahnbürste und nichts als einem Handtuch um die Hüfte, vor dem Spiegel gestanden hatte. An den überraschten Gesichtsausdruck von ihm, als ich einfach ohne anzuklopfen ins Bad marschiert war, erinnerte ich mich heute noch. Nur der Anblick im Spiegel hatte sich geändert. Das hübsche, symmetrische Gesicht wurde nun von dieser hässlichen Brandnarbe verzerrt und nicht einmal sein halbes Lächeln wirkte noch so wie damals. Es war nur noch ein kläglicher Abklatsch von dem, was einmal gewesen war.

So viel war seit dem passiert, so viel, was ich nicht rückgängig machen konnte, auch Pals Verletzungen nicht. „Sei nicht böse, ich weiß schon was ich tue.“

Pal ließ die Arme sinken und seufzte schwer. „Ich bin nicht böse, ich mache mir einfach nur Sorgen um dich. Kaj ist nicht ungefährlich.“

„Vertrau mir doch einfach“, bat ich.

„Ich vertraue dir.“ Er löste sich vom Türrahmen und zog mich in eine Umarmung, in die ich mich nur zu gerne schmiegte. Pal war ein rothaariger Riese – trotzdem war er gegen meinen Freund und Mentor Djenan fast ein Zwerg –, bei dem ich mir leicht zerbrechlich vorkommen konnte. Und er war das erste Wesen in dieser verrückten Welt gewesen, das mich nicht für meine Existenz verdammt hatte. Er war der beste Freund, denn ich mir nur vorstellen konnte.

„Dir vertraue ich“, wiederholte er und drückte mich noch ein wenig fester an sich. „Aber ihr nicht.“

°°°

„Aber sei nicht enttäuscht, okay?“

„Schlimmer wird es kaum geworden sein“, erwiderte Pal schlicht und lehnte sich auf meinen beigen Polstern zurück.

„Das nicht, aber viel besser leider auch nicht.“ Ich ließ mich neben Pal aufs Sofa fallen und nahm die Azalee vom Tisch. Das war ein etwa handgroßes, schwarzes Holzstück in einer ovalen Form, mit einem Muster aus silbernem Metall an der Kuppe, auf die man seine Finger legen musste. Damit konnte man die Bilder in seinen Gedanken direkt auf die schwarze Glasscheibe an der Wand, auf der anderen Seite des Raumes projizieren – auf das Flimmerglas. Das war in dieser Welt das, was man in meiner Heimat Fernsehen nannte – naja, sowas in der Art zumindest.

Pal legte den Arm um mich und zog mich an seine Schulter. So an ihn gekuschelt, platzierte ich die Azalee auf meinem angezogenen Bein und wollte gerade meine Finger an dem Muster drapieren, als Pal fragte: „Was machst du eigentlich morgen?“

„Das Gleiche wie jeden Tag, ich gehe zu meinen Schützlingen. Wir haben eine Wölfin, Kanin, die kurz vor ihrer kompletten Wandlung steht. Da will ich dabei sein. Die Wölfe sind nach ihrer ersten kompletten Verwandlung meist ein wenig desorientiert und da will ich sie nicht allein lassen. Außerdem bin ich morgen früh zu einer weiteren Hypnosesitzung mit Gaare verabredet.“ Ich legte den Kopf in den Nacken, um ihm ins Gesicht zu schauen, „Warum fragst du?“

„Weil ich eigentlich hergekommen bin, um dich morgen Abend auf ein Fest zu entführen.“

„Bei den Lykanern?“

Er schmunzelte. „Bei wem den sonst? Und bevor du jetzt irgendwelche Einwände erheben kannst, dass ganze ist mit Prisca abgesprochen und auch sie würde sich freuen, wenn du erscheinen würdest.“

Was? Hatte ich irgendwas an den Ohren? Ich glaubte doch wirklich verstanden zu haben, dass mir der Alpha des Wolfsbaumrudels eine Einladung zu einem der ihren Feste ausgesprochen hatte. Einer jener Lykaner, der mich am liebsten zum Teufel gewünscht hätte, weil ich so viel Unruhe in ihr Rudel gebracht hatte. „Und du verdrehst hier nicht wieder Tatsachen, weil du mich dabei haben möchtest?“

Bestimmte Feiern waren für die Lykaner etwas sehr Privates, eigentlich war ihr ganzes Leben für sie etwas sehr Privates und sie hassten Eindringlinge. Klar, sie kannten mich, aber das hieß noch lange nicht, dass ich auch bei ihnen willkommen war – jedenfalls nicht mehr, als die Pest.

„Ich habe noch nie etwas verdreht.“ Er schwieg einen Moment und neigte den Kopf zur Seite. „Veith möchte auch, dass du kommst.“

Bei diesen Worten richtete ich mich auf und schaute ihn ungläubig an. Veith wollte, dass ich an diesem Fest teilnahm und … Moment. „Ist er auch da?“

Sein Mundwinkel zuckte in die Höhe, zu dem vertrauten, halben Lächeln, mit dem ich ihn kennengelernt hatte, nur war es heute durch die große Brandnarbe leicht verzerrt und auch das Funkeln in seinen Augen erschien nur im Rechten. Das Linke zeigte schon sehr lange nicht mehr, als dieses trübe Weiß, von dem nicht einmal die Magie ihn befreien konnte. „Natürlich ist er auch da. Genaugenommen dreht sich das ganze Fest um ihn.“

„Warum, hat er Geburtstag?“ In dem gleichen Moment, in dem ich diese Frage stellte, hätte ich mir am liebsten selber gegen die Stirn geklatscht. Veith hatte vor drei Monaten Geburtstag gehabt. Er war fünfundzwanzig geworden und hatte mich nicht eingeladen. Ohne Pal wüsste ich wahrscheinlich noch immer nicht, dass er jetzt ein weiteres Jahr auf dem Kasten hatte. Auf meine Party vor fünf Monaten war er allerdings erschienen, hatte mir mein Geschenk – ein Lederarmband mit bunten Holzperlen, dass ich seit diesem Tag nicht mehr abgelegt hatte – gegeben und sich für seine Verhältnisse auch ziemlich offen benommen. Hin und wieder hatten zwei Worte seinen Mund verlassen und das, obwohl wir in Gesellschaft waren. Nur leider war seit diesem Tag mehr oder weniger Funkstille zwischen uns beiden. Seufz.

„Streich das“, sagte ich, bevor Pal etwas darauf erwidern konnte. „Sag mir einfach, warum sich das Fest um Veith dreht.“ Und warum er möchte, dass ich daran teilnahm, obwohl er mich nicht mal zu seinem Geburtstag eingeladen hatte.

„Nein.“

„Nein?“

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Wenn du wissen willst, worum es geht, dann musst du es dir schon selber ansehen.“

Gerissen, dass musste ich schon sagen. Wenn er so ein Geheimnis daraus machte, war doch klar, dass ich neugierig wurde. „Du hinterhältiger Fuchs.“ Ich boxte ihm gegen die Schulter.

„Wolf, nicht Fuchs und … warte, da war doch noch was.“ Er überlegte übertrieben gespielt, sagte dann: „Ach ja, au!“ und rieb sich überzogen die Stelle an der Schulter, die ich getroffen hatte.

„Nun tu mal nicht so, das hat doch kaum gekitzelt.“

Er zuckte nur mit den Schultern und zog mich wieder an sich. „Und, kommst du nun?“

„Ich weiß nicht so recht.“ Ich kuschelte mich wieder an ihn und kaute nachdenklich auf meiner Unterlippe herum. „Kanin steht kurz vor der Wandlung, eigentlich sollte ich bei ihr bleiben.“

„Und du weißt, dass es morgen soweit ist?“

So wie sie sich heute gegeben hatte? „Nein.“

„Na dann kannst du dir doch auch mal einen Tag frei nehmen, meinst du nicht?“

Im Prinzip sprach nichts dagegen, auch wenn es mir nicht ganz geheuer war, die Wölfe allein zu lassen. Andererseits war das ein Fest, bei dem es um Veith ging und er wollte mich dabei haben. „Aber ich muss morgen trotzdem kurz zu den Verlorenen Wölfen und mit Gaare bin ich auch verabredet.“

„Das Fest ist abends auf der Sonnenlichtung. Wenn du dich also nicht mit in dem Tempo einer Schnecke bewegst, sollten wir es schaffen können.“

Kleiner – naja, eigentlich großer – Klugscheißer. „Pass lieber auf, was du sagst, du wirst nichts weiter als eine Staubwolke von  mir sehen.“ Ich besann mich auf das, was wir eigentlich geplant hatten und legte meine Hand auf die Azalee. Konzentriert dachte ich an die Momente, die ich in der letzten Zeit mit der cremefarbenen, schlanken Wölfin verbracht hatte. Die schwarze Oberfläche des Flimmerglases begann zu schimmern. Farben stiegen aus dem Innersten auf, verbanden sich zu einem Bild und dann erschien ein Bild, von Isla, Pals Cousine, wie sie in der Mittagsonne, auf einem Felsen lag und sich das Fell wärmte. Zu den Rändern hin wurde das Bild leicht verschwommen, nur der Kern blieb scharf.

Das war eine Erinnerung an die Wölfin, wie ich sie vor zwei Tagen gesehen hatte. Im Hintergrund waren Junina und Lokos und balgten sich spielerisch miteinander. Isla hob den Kopf, um ihnen bei ihrem Schauspiel zuzusehen und dann tat sie etwas, dass für einen Wolf kein normales Verhalten war. Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie sagen: „Diese Kindsköpfe“, wandte sich ab und trottete davon.

Pal neben mir versteifte sich leicht. „Sie hat reagiert.“

Ich nickte. „Das macht sie in der letzten Zeit immer mal wieder, in allen möglichen Situationen, aber es sind leider nur Sekunden.“

„Als tauchte sie für kurze Zeit ans Licht, nur um wieder in die Dunkelheit zu versinken.“

„Aber sie ist ruhig dabei, das ist das Seltsame. Die Anderen sind bei ihren kurzen Rückläufen immer verwirrt und hektisch, sie nicht.“ Ich ließ eine neue Erinnerung anlaufen, einen Moment, in dem ich sie nur zufällig am Teich entdeckt hatte. Im ersten Moment konnte man glauben, dass sie einfach nur dasaß und mit der Pfote in Erdreich rumwühlte, aber die leicht gerunzelte Stirn und der konzentrierte Ausdruck in ihren Augen passte nicht dazu.

Als sie mich kommen hörte, hob sie den Kopf und blinzelte in meine Richtung, als wüsste sie nichts mit mir anzufangen.

„Na Süße, was machst du da?“, hörte ich mich selber aus dem Flimmerglas fragen.

Isla gähnte, stand auf und ging einfach weg. Zurück ließ sie eine Reihe aus kleinen Kieselsteinen, die exakt angeordnet in einer Linie lagen.

„Siehst du?“ Ich ließ meine Hand von der Azalee gleiten und sah zu Pal. Das Bild mit den Steinen blieb auf dem Glas hängen. „So etwas haben die anderen nie getan.“

Pal runzelte die Stirn und sah nachdenklich auf die Steine. „Isla hat früher gerne gebastelt. Sie war schon immer ein sehr kreativer Lykaner gewesen und hat aus Steinen, Stöcken und Sand, ja aus so ziemlich allem, dessen sie habhaft werden konnte, ganze Gemälde gefertigt.“ Er senkte den Blick auf  mich. „Sowas wie da hat sie schon gemacht, als sie noch ein kleiner Welpe war.“

Dann sollte ich ihr Verhalten wohl als positiv werten.

„Was meinst du? Könnte das ein Zeichen sein, dass sie bald wieder gesund ist?“

Der flehende Ausdruck in seinen Augen entging mir nicht, aber eine feste Zusage zu machen, kam mir gar nicht erst in den Sinn. Der Zustand der Verlorenen Wölfe war so unstet, dass ich nie etwas mit Bestimmtheit sagen konnte. Zum Beispiel Kanin: klar, im Moment sah es alles bestens für sie aus, also auf in eine rosige Zukunft, oder? Falsch. Ihr Befinden konnte sich von heute auf morgen wieder verschlechtern und Isla war noch schlechter dran als sie. Bei ihr waren es immer nur kleine Momente, in denen sie wieder klar denken konnte – zumindest schien es so. Daher gab es auf diese Frage nur eine Antwort: „Ich weiß es nicht.“ Ich konnte nicht mal sagen, ob Islas Zustand sich irgendwann wieder normalisieren würde, oder ob sie für immer eine Gefangene dieser Ebne sein würde. 

Pal wollte etwas erwidern, doch gerade als er den Mund öffnete, ging die Wohnungstür geräuschvoll auf und ein kleines Mädchen von acht Jahren mit schneeweißen Haaren, stürmte in die Wohnung. „Tante Talita, guck mal was ich …“ Als sie Pal neben mir auf der Couch entdeckte, stoppte sie abrupt, nur um gleich wieder loszustürzen und direkt vor Pal zum Stehen zu kommen. Mit großen, gelben Augen sah sie ihn an. „Dich hab ich schon Mal gesehen.“

„Äh …“, machte Pal, sah von dem kleinen Mädchen zu mir, dann wieder zu ihr und weiter zu Kaj, die gerade die Wohnungstür schloss und zu uns ins Wohnzimmer kam.

Mit den Worten: „Tut mir leid, habe leider nichts Rothaariges auftreiben können, jetzt müssen wir etwas weißes in die Pfanne hauen“, begrüßte sie uns und wandte sich dann an ihre Ziehtochter. „Raissa, geh schon mal und reib dich ordentlich mit Bratfett ein, ich stelle in der Zeit den Ofen an.“ Sie wuselte in die Küche und entzündete mit übertriebener Gestik den Herd. Dabei wurde Pals Knurren von ihr völlig ignoriert.

Raissa runzelte die Stirn. „Ich soll mich mit Bratfett einschmieren? Aber eben hast du noch gesagt, dass ich mir die Hände waschen soll.“

Zeit einzuschreiten, bevor Kaj meinen Pal weiter auf die Palme bringen konnte. „Deine Mamá hat einen Witz gemacht. Geh jetzt in den Feuchtraum und wenn du fertig bist, kannst du mir erzählen, was du bei deiner Freundin gemacht hast.“

„Darf ich es auf dem Flimmerglas zeigen?“ Sie schielte zu dem Bild, dass noch immer die Linie aus Steinen von Isla zeihte.

„Aber nicht so lange, du musst vor dem Abendessen noch in die Wanne“, kam es von Kaj.

„O-kaaay!“ Auf dem Absatz machte sie kehrt und stürmte sehr laut ins Bad. Als die Tür gegen die Wand knallte, zuckte ich zusammen. Irgendwann würden wir dank Raissa ein Guckloch in der Wand haben.

„Das ist das Mädchen aus dem Wald, die Kleine, deren Großpapá du umgebracht hast!“, grollte Pal der blonden Wölfin zu, kaum dass Raissa den Raum verlassen hatte.

Kaj blieb ganz ruhig, stellte den Herd ab und stützte sich dann mit den Unterarmen auf den Tresen. „Ja, das ist sie.“ Ganz ruhig und direkt sah sie ihm dabei in die Augen.

„Das ist … wie … Talita!“, fuhr er mich an. „Wie kannst du … was macht die Kleine verdammt noch mal hier?!“

„Keine Schimpfworte, wenn Raissa in der Nähe ist“, kam es prompt von Kaj.

Pal beachtete sie nicht mal mit dem Arsch. In diesem Augenblick schien er mich für all die Fehler verantwortlich zu machen, die existierten. Sein Blick … so hatte er mich noch nie angesehen, so voller Enttäuschung. Das tat echt weh. Und auch wenn ich versuchte, mir das nicht anmerken zu lassen, setzte mir dieser Blick doch arg zu.

„Kaj hat sie aufgenommen. Du erinnerst dich daran, dass Kovu und Julica sie damals hatten mit zum Rudel nehmen wollen? Nun ja, Erion hatte ihnen dazwischengefunkt und Kaj hatte sie in Sicherheit gebracht, bevor er auf die Idee kommen konnte, sich auch an ihr zu vergreifen.“

„In Sicherheit? Sie ist eine verdammte Welpenfresserin!“

„Sie ist Raissas Mamá, ihr gesetzlicher Vormund. Sie ist …“

„Verdammt noch mal, was ist hier eigentlich los?!“ Pal sprang von der Couch und wusste scheinbar nicht so genau, ob er auf etwas einschlagen sollte, oder es besser wäre, dem Ganzen einfach den Rücken zu kehren, weswegen er einfach stehen blieb. „Gibt es sonst noch etwas, dass du mir verheimlicht hast? Sag es mir besser gleich, weil ich keine Lust auf weitere Überraschungen habe!“

„Wir dürfen nicht schreien“, kam es da sehr ernst von der Tür. Raissa hatte die Arme in die Hüften gestemmt und sah tadelnd zu Pal. „Wenn wir etwas miteinander zu klären haben, müssen wir das in einem angemessenen Ton tun. Man kann über alles reden.“

Von einer Achtjährigen eine Standpauke zu bekommen, ließ Pal für den Moment verstummen.

Raissa unterdessen, hüpfte zur Couch, schnappte sich die Azalee und pflanzte sich neben mich. „Komm schon, Mamá, du musst auch sehen, was ich bei Ginger gemacht habe.“

Kaj seufzte und blickte wieder zu Pal. „Was auch immer du von mir halten magst, ich bitte dich nur darum, es nicht vor ihr auszutragen.“

Pal kniff die Augen zusammen. „Weiß sie es? Weiß sie was du getan hast?“

„Nein.“

Seine Lippen drückten sich fest aufeinander, als Raissa ihren Blick neugierig zwischen ihrer Mamá und dem Fremden hin und her gleiten ließ. Dann beugte sie sich zu mir und murmelte in einem perfekten Bühnenflüstern: „Ich glaube, die beiden mögen sich nicht.“ 

Ähm … ja. Was sagte man in einer solchen Situation? „Die beiden kennen sich nicht gut genug, um sich zu mögen.“ Da, das war doch der perfekte Mittelweg. Er verriet im Grunde gar nichts und doch alles.

Raissa nickte verstehend, nahm Pal bei der Hand und zog ihn neben sich auf das Sofa. „Dann muss er bleiben und mit uns Erinnerungen gucken, dann wird er sie schon mögen.“ Sie richtete ihre großen, unschuldigen Augen auf den roten Riesen. „Mamá ist eine ganz Liebe, weißt du? Sie passt jetzt auf mich auf.“

Wieder schnellte Pals Blick zu Kaj, nur um anschließend auf mir hängen zu bleiben. Der Ausdruck in seinen Augen sagte mehr als deutlich, dass das Thema damit noch nicht abgeschlossen war.

°°°

„Komm, Raissa, Zeit ins Bett zu verschwinden.“

„Aber ich bin noch gar nicht müde!“, protestierte die Kleine und wie um ihre Worte Lügen zu strafen, gähnte sie gleich darauf.

„Das sehe ich“, schmunzelte Kaj, nahm die Kleine an die Hand und brachte sie ins Bett. Zurück blieb ich mit Pal, der in den letzten Stunden ungewöhnlich schweigsam gewesen war. Er hatte kaum einen Ton von sich gegeben. Weder beim Erinnerungen gucken, noch beim Abendessen, oder dem Spiel, dass wir hinterher noch gespielt hatten.

„Pal, ich …“

„Du bist zu naiv, Talita“, sagte er gerade heraus. „Das warst du schon immer. Viel zu gutgläubig.“ Er schüttelte den Kopf, als könnte er es immer noch nicht glauben. Dann richtete er seine Augen eindringlich auf mich. „Wie hattest du mir das verheimlichen können? Nicht nur die Tatsache, dass Kaj bei dir wohnt, nein, auch noch, dass sie das vermisste Mädchen bei sich hat. Ich habe dich einmal gefragt, wo die Kleine ist und du hast gesagt, dass du es nicht wüstest.“ Er kniff kurz die Lippen zusammen. „Ich dachte, wir wären Freunde, aber da habe ich mich wohl getäuscht, denn Freunde belügen sich nicht.“

Jup, das zu hören tat so richtig weh. „Ich habe nicht gelogen.“ Ich griff nach seiner Hand und war erleichtert, als er sie nicht wegzog. Er erwiderte die Berührung zwar nicht, aber er stieß mich auch nicht von sich. Das war doch für den Anfang schon mal ganz gut, oder? „Ja, ich habe dir verheimlicht, dass Kaj und ich zusammenwohnen, das bestreite ich nicht, aber, als du mich damals nach Raissa gefragt hast, da wusste ich noch nicht, was mit ihr geschehen war, das habe ich erst später erfahren.“

„Und dann hast du auch das vor mir verheimlicht“, warf er mir vor.

„Pal, bitte, ich weiß, dass es nicht einfach zu verstehen ist, aber du musst mir glauben, wenn ich dir sage, dass alles anders ist, als es scheint. Kaj ist nicht so, wie ihr alle glaubt.“

Diese Worte überzeugten ihn nicht. „Und was macht dich da so sicher?“

„Weil sie die Wahrheit kennt“, sagte Kaj, als sie den Raum betrat. „Weil Talita weiß, dass diese Welpen sich an mir vergangen haben und damit ihr eigenes Todesurteil unterschrieben hatten. Weil sie weiß, dass der Tod von Raissas Großpapá ein Unfall war. Und weil sie weiß, dass dies meine letzte Chance ist, eine Chance auf ein neues Leben, dass ich mir nicht nehmen lassen will.“ Sie schritt durch den Raum und stellte sich genau vor Pal. Nur der flache Tisch trennte die beiden noch. „Mir ist egal was du von mir denkst. Ich will kein Mitgefühl, oder Verständnis, weil ich so ein schweres Leben hatte, aber eines möchte ich, dass du dir merkst: Ich lasse mir Raissa nicht wegnehmen. Also egal, was du da in deinem hübschen Köpfchen zusammenspinnst, merke dir bei alledem gut, dass ich bereits ein Kind verloren habe. Ein zweites Mal wird mir das nicht passieren. Ich werde um sie kämpfen, wenn es sein muss auch mit Zähnen und Krallen.“ Nach einem letzten, abschätzenden Blick auf ihn, wandte sie sich an mich. „Raissa möchte, dass ihre Tante ihr noch gute Nacht sagt.“ Sie spießte Pal noch einmal mit einem Blick auf und verschwand dann aus dem Raum.

Oh Backe, ob das jetzt der richtige Weg gewesen war, Pal auf ihre Seite zu ziehen? Bei der Gewittermine die er zog, war ich mir nicht so sicher. „Vielleicht solltest du die ganze Angelegenheit einmal überschlafen?“

Er sagte nichts, als ich ihm noch einmal die Hand drückte und dann aufstand, sah nur in seinen Schoss und was er dabei dachte, konnte ich beim besten Willen nicht sagen. Zum ersten Mal in meinem Leben war Pal für mich wie ein Buch mit sieben Siegeln.

Das ging mir voll gegen den Strich.  

°°°°°

Tag 448

Schwerelos schwebte ich im schwarzen Nichts und konzentrierte mich auf den stecknadelgroßen Punkt aus Licht in der Ferne. Nicht mal einen Wimpernschlag später glitt ich ihm bereits entgegen – oder er mir? Bei meinen vielen Besuchen hier hatte ich es nie herausgefunden. Das Licht wuchs heran, wurde größer und einen weiteren Wimpernschlag später war in dem unendlichen Nichts aus dem Lichtpunkt ein Türrahmen geworden, so gleißend hell im Inneren, dass es mich im ersten Moment blendete.

Erst, als sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, trat ich durch den Rahmen in einen einfachen weißen Raum, in dem es nichts gab, außer einer verschlossenen Tür, ohne sichtbaren Öffnungsmechanismus. Es war nicht das erste Mal, dass ich zwischen diesen kahlen Wänden stand. Im letzten Jahr hatte ich das so oft getan, dass ich es gar nicht mehr zählen konnte, denn hinter dieser Tür lag mein größtes Geheimnis: Meine Erinnerung.

Keiner wusste warum, aber als ich damals in dieser Welt aufgetaucht war, hatten sich alle meine Erinnerungen auf  Nimmerwiedersehen verabschiedet. Hin und wieder kamen kleine Bruchstücke davon an die Oberfläche, aber meistens ergaben sie für mich keinen Sinn. Manchmal kam ich in der realen Welt auch an Gebäuden vorbei, bei denen ich das starke Gefühl hatte, sie kennen zu müssen. Sie waren mir auf eine Art vertraut, die ich mir nicht erklären konnte und doch hatte ich bis heute noch nicht herausgefunden, was es bedeutete. Diese Orte waren mir fremd, genau wie diese Welt. Ja ich wusste, dass das alles ziemlich widersprüchlich klang, aber so war es nun mal.

„Bist du schon im Korridor?“

Die kratzige Stimme schien von überall und nirgendwo zu kommen. Sie war mir genauso vertraut, wie dieser Ort. Gaare hieß ihr Besitzer und er war auf dieser Reise, die ich immer wieder antrat, um den Geheimnissen meiner Vergangenheit auf die Spur zu kommen, mein ständiger Begleiter.

Gaare war Magier und ich befand mich gerade durch seine Hypnose auf einer Bewusstseinsreise, die mich in die entlegensten Winkel meines Verstandes führte. Auch, wenn dies hier viel mehr einem Traum glich, war ich mir dessen wohl bewusst. Es war real und gleichzeitig nur eine Illusion, die ich mir in meinem Kopf erfand, um meinem früheren Ich auf die Schliche zu kommen.

„Talita?“

„Bin gleich da.“ Warum ich nie direkt in diesem Raum landete, oder gar im Korridor meiner Erinnerungen, verstand ich nicht, konnte es aber auch nicht durch bewusstes Handeln ändern. Ich musste immer erst durchs schwarze Nichts um in diesen Raum zu gelangen, anders erreichte ich nie  mein Ziel.

Die schlichte Tür, die mich von meinem Ziel trennte, war so in die Wand eingelassen, dass sie nur bei genauer Betrachtung auffiel. Keine Klinke, kein Schloss, kein sichtbarer Öffnungsmechanismus, welcher Art auch immer. Aber ich wusste, wie ich sie aufbekam. Nicht durch Zauberparolen, wie Sesam öffne dich, das hatte ich bei meinem ersten Besuch hier bereits probiert und war mir damals dabei ziemlich dumm vorgekommen. Es war viel einfacher. Ich legte meine Hand an die Stelle, an der eigentlich die Klinke sitzen müsste und drückte. Die Oberfläche gab an dieser Stelle nach, ließ sich eindrücken, wie ein Ballon. Ein leises Klicken folgte und dann schwang die Tür nach innen auf und ich stand vor einer weiteren, undurchdringlichen Finsternis. Alles schwarz.

Ich wusste, dass ich nur einen Fuß durch den Rahmen setzten müsste, um unter einem Sternenmeer zustehen, aber jedes Mal aufs Neue, zögerte ich an dieser Stelle. Egal wie oft ich es tat, jedes Mal packte mich eine irrationale Angst, dass ich auf der anderen Seite in einen dunklen Abgrund stürzen würde. Es war einfach unheimlich.

Nun hab dich mal nicht so. Du hast das schon hundert Mal gemacht, sei keine Memme!

Ich war keine Memme. Trotzdem hielt ich mich links am Türrahmen fest, als ich vorsichtig einen Schritt in die Dunkelheit tat. Mein Fuß berührte den inzwischen vertrauten Teppich, der jedes Geräusch wie ein Schwamm schluckte. Hier war es immer unheimlich ruhig, doch gleichzeitig auch irgendwie beruhigend – ja, ich wusste, dass das irgendwie paradox klang. Vorsichtig stellte ich den zweiten Fuß dazu, verrenkte mich dabei halb, um den Türrahmen nicht loslassen zu müssen und war wie immer froh, dass mich keiner sehen konnte – das wäre echt mal peinlich.

Erst, als ich mein Gewicht weiter nach vorn verlagerte, verschwand die Schwärze und wurde von einem Meer aus leuchtenden Sternen abgelöst. Die ganze gewölbte Decke war damit bedeckt und schickte ihr sanftes Licht auf einen Korridor, der kein erkennbares Ende hatte. Ich war ihn bereits stundenlang abgelaufen, aber er schien einfach immer weiter zu gehen. Schwarzer Teppich und dunkel vertäfelte Wand. Alles war voll mit Bildern, von der Decke bis zum Boden. Es gab keinen freien Platz mehr. Kein Rahmen glich dem anderen. Manche Bilder waren groß, andere klein, doch eines hatten fast alle gemeinsam: Sie waren leer. Nur schwarzer Untergrund, der meine Erinnerung verbarg, die ich hier suchte. Nur die wenigsten von ihnen zeigten mir eine Bild, oder gar einen Film. Aus manchen konnte ich Stimmen hören, Bruchstücke aus meiner Vergangenheit, die mir nichts sagten. Nur die jüngsten Erinnerungen, jene, welche ich aus dieser Welt hatte, waren glasklar, alles aus meinen früheren Leben war bestenfalls verschwommen und doch zog es mich immer wieder hier her.

Ich atmete noch einmal tief durch, ließ von dem Türstock ab und machte dann den ersten Schritt, in der Hoffnung, heute dem Vergessen auf die Schliche zu kommen. „Ich bin jetzt unterwegs“, teilte ich Gaare mit.

„Gut. Sag mir Bescheid, wenn du auf etwas Neues triffst.“

Das hieß dann wohl so viel, dass ich ihn eine ganze Weile anschweigen würde.

Das erste Bild an der Wand, war zu meiner Überraschung nicht schwarz, ein Abbild von Pal, wie er gestern geguckt hatte, als er Kaj an meinem Tresen entdeckt hatte. Das war seltsam, denn obwohl man glauben sollte, dass die jüngsten Erinnerungen vorn am Eingang lagen, war dem nicht so. Hier gab es kein logisches System -  und wenn doch, war ich noch nicht dahinter gestiegen –, alles hing kreuz und quer, so hatte ich schon Bilder aus meiner frühsten Kindheit ganz vorn gefunden und Dinge, die gerade erst geschehen waren, blieben in den Tiefen verschwunden.

„Was macht die denn hier?“

Die kann dich hören und sie isst gerade. Welpenhirn und Kinderinnereien. Möchtest du auch etwas?“, wehten mir Pals und Kajs Stimmen aus dem Bilderrahmen entgegen. Ich musste schmunzeln. Kajs Humor war schon ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber ich konnte sie auch verstehen. Wenn nicht mit Sarkasmus, wie sollte sie ihre Situation dann nehmen?

Meine Hand wollte sich heben und über das Bild streichen, doch bevor es so weit kommen konnte, zog ich sie zurück. In der Vergangenheit hatte ich Bilder durch eine einzige zarte Berührung beschädigt und das würde ich kein weiteres Mal riskieren.

Ich ließ meine Hand zurück an die Seite sinken und machte mich entschlossenen Schrittes dazu auf, tiefer in meine Erinnerungen vorzudringen. Dabei glitten meine Augen unablässig über die Bilder zu beiden Seiten, damit mir auch nichts entgehen konnte. Schlichte und verschnörkelte Rahmen kreuzten meinen Weg, kleine, große, Gold, Holz, Glas, mit Makkaroni verzierte. Alles was ich mir nur vorstellen konnte, war dabei und auch ein paar Wenige, die so gar nicht existieren konnten. Ein Rahmen zum Beispiel, der aus Wasser zu bestehen schien und unablässig tropfte, nur erreichte keiner dieser Tropfen den Boden, sie lösten sich auf den Weg nach unten ins Nichts auf. Oder der Rahmen ein Stück weiter, der aus einer Art schimmernden Energie zu bestehen schien. Ich hatte ihn bereits ein paar Mal gesehen, ihn aber nie berührt, da ich Angst vor einem Stromschlag hatte. Ich wollte in meinem Kopf schließlich keinen Kurzschluss fabrizieren.

Ein Farbklecks in dieser Eintönigkeit aus schwarzen Leinwänden, erregte meine Aufmerksamkeit – das erste Bild des Tages. Einen Moment glaubte ich, dass es gesplittert war wie Glas, verzerrt durch all die Risse in der Oberfläche, doch als ich näher trat, erkannte ich, dass etwas völlig anderes diese optische Täuschung zustande brachte. Ich stand vor einem Bild eines Spiegelkabinetts. Tausendfach spiegelte sich mein kindliches Antlitz darin wieder. Es kam mir vor, als wäre mehr als eine Person in darin, so oft gab es mich darauf. Einfach die Position der Spiegelungen brachte mich darauf.

„Ich bin hier!“, rief mein kindliches Ich aus dem Bild und lief lachend in die Tiefen dieser optischen Verwirrung.

Es war nicht das erste Mal, dass ich mich hier als Kind auf dem Jahrmarkt fand.

„Tal, nicht so schnell!“

Diese männliche Stimme, versetzte mir einen Stich ins Herz. Er war auf dem Bild nicht zu sehen, doch in der Zwischenzeit vertraut genug, dass ich sie auf Anhieb er kannte. „Taylor“, flüsterte ich. Im nächsten Moment setzte mein Herz vor Schreck beinahe aus. Plötzlich tauchten aus den Tiefen der schwarzen Leinwände um mich herum tausende von Farben auf, wie etwas, das tief unter Wasser lag und langsam an die Oberfläche stieg und aus allen Bildern drang Taylors Stimme. In hundertfacher Ausführung bestürmte sie meine Ohren.

„Worüber denkst du schon wieder nach, Tal? Zieh deinen Kopf aus den Wolken und komm endlich.“

„Schau, da ist ein Schmetterling.“

„Aufstehen, Schlafmütze, sonst isst Tia dir wieder deine Cornflakes weg.“

 „Talita, Tiara, kommt, das müsst ihr euch ansehen!“

„Wenn du jetzt nicht artig bist, dann kommt das Kitzelmonster und kitzelt dich solange, bis du lachen musst!“

„Mann, Tal, raus hier, ich bin beschäftigt.“

„Ich bin zu alt, um mir von dir etwas verbieten zu lassen!“

„Komm schon, Tal, oder bist du neuerdings etwa wasserscheu?“

„Schwesterchen, Tal! Tal.“

Von überall drangen diese Worte auf mich ein und ich konnte nichts tun, als mit schreckensweiten Augen da zustehen. So etwas war hier noch nie passiert. So viele Erinnerungen auf einmal. Ich wusste gar nicht, wohin ich meine Augen zuerst wenden sollte.

„Ach, Tal, nicht weinen, ich komme doch wieder. Und dann gehen wir schwimmen, okay? Ich verspreche es dir.“

„Drunter, drüber, rein und raus, fertig ist die Schleifchenmaus!“

„Heute darf Tal aussuchen, welche Geschichte ich euch Zwergen vorlese.“

„Was ist los, hast du schlecht geschlafen?“

Dem Bild, dem diese letzten Worte entsprangen, näherte ich mich. Es war eine kurze Szene, die sich wie in einer Schleife immer wiederholte. Ein Bett, in einem dunklen Raum, ein junger Kerl saß halb aufgerichtet darin und obwohl es Nacht war und kein Licht leuchtete, wusste ich, wie der Junge darin aussah. Schwarze Haare, grüne Augen und jede Menge Sommerspossen auf der Nase. Ich wusste um sein schüchternes Lächeln, kannte es wie mein eigenes Gesicht, weil ich davon ein Foto besaß, das ich Zuhause in einer kleinen Schatulle aufbewahrte, wo ich es fast täglich hervorholte, um ihn nicht zu vergessen, den Tylor, mein großer Bruder, war tot.

 „Was ist los, hast du schlecht geschlafen?“

„Ja“, antwortete ein dünnes Stimmchen.

Taylor hob einladend die Decke, sodass ich zu ihm ins Bett klettern und mich an ihn kuscheln konnte, damit die bösen Träume mich nicht mehr heimsuchen konnten. Er schlang die Decke um uns beide und drückte mich fest an sich.

Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, was für ein Verhältnis ich zu meinem Bruder gehabt hatte.

Die Szene startete von neuem.

„Was ist los, hast du schlecht geschlafen?“

„Ja.“

„Talita, meine Liebe, ist alles in Ordnung bei dir?“

Die krächzende Stimme von Gaare riss mich aus meiner Grübelei. Hatte er bemerkt, was hier in meinem Kopf vor sich ging? „Ja, es ist nur …“ Ein weiteres Bild erweckte meine Aufmerksamkeit. Ein Weihnachtsbaum in einem festlich geschmückten Raum.

„Talita?“

„Ja, alles bestens.“ Ich trat näher an das Bild mit dem schmucklosen Rahmen, aus dem unbefangenes Kinderlachen wie Nebel strömte und dem Bild etwas Mystisches gab. Ein Tisch mit fünf Gedecken, ein großer, prächtig geschmückter Baum mit vielen Geschenken verteilte sein sanftes Licht auf den Weihnachtsmann, der eifrig in seinem Jutesack nach Geschenken grub. Er zog ein großes heraus und …

„Weihnachtsmann, dein Bart rutscht!“, hörte ich Taylor lachen.

„Das ist Papa!“ Anklagend zeigte mein kindliches Ich auf den dickbäuchigen Mann – das sah aus, als hätte er ein Kissen unter seinem Mantel versteckt – dem langsam aber sicher der falsche Bart aus dem Gesicht rutschte. Auch schnelles zupacken half da nicht mehr. Der Bart machte einen Abgang und der Weihnachtsmann brauchte in nächster Zeit nicht mehr über eine Rasur nachdenken.

Als die Szene von vorn begann, trat ich näher an das Bild heran. Meine Mutter hatte ich ihm Korridor der Erinnerungen bereits mehr als einmal gesehen, genau wie meinen Bruder, oder auch ein paar meiner Freunde aus meiner Heimat, aber mein Vater war bisher nur ein Schatten gewesen. Doch jetzt hatte ich sein Gesicht vor mir und es war meinem so ähnlich, dass ich einen Moment glaubte, eine männliche Version von mir zu sehen. Weißblondes, kurzes Haar, das ihm leicht in die großen, grünen, leicht schräg stehenden Augen fiel. Helle Haut, ein schmaler, eleganter Körper, der deutlich attraktiv war.

„Weihnachtsmann, dein Bart rutscht!“

„Das ist Papa!“

Die vorwurfsvolle Stimme meiner kindlichen Seite ließ mich schmunzeln. Herauszufinden, dass ein Mythos, an den man bis dahin geglaubt hatte, nur ein nett gemeinter Schwindel war, konnte in diesem Alter nicht leicht zu verkraften sein. 

Plötzlich, von einer Sekunde zur anderen, war es um mich herum so still, dass ich vor Schreck zusammenzuckte. Taylors Stimme war verschwunden und an ihrer Stelle nur noch Stille, die durch Mark und Bein ging.  Auch die Bilder waren alle wieder schwarz und einen Moment fragte ich mich, ob ich mir das alles nur eingebildet hatte, weil ich mich so nach der Vergangenheit sehnte, die bei mir nur aus vergessen bestand.

„Es ist nicht egal, es ist wichtig.“

Diese Stimme ließ mich erneut aufhorchen.

Veith.

Ich brauchte mich nur um hundertachtzig Grad zu drehen, um sein Bild vor mir zu haben. Hellbraunes Haar, das ihm in die gelben Augen fiel. Groß, einen ganzen Kopf größer als ich, muskulös, durchtrainiert. Markantes, hartes Gesicht, kantiges Kinn und an der Hüfte hatte er eine lange Narbe. Ich konnte sie auf der leicht gebräunten Haut genau sehen, weil er im Adamskostüm abgebildet war. Völlig nackt! Ich konnte wirklich alles sehen.

„Aber wenn sie euch nur etwas vorspielt, dann erreicht sie damit genau das was sie will.“

Ich erinnerte mich nur zur deutlich an diesem Moment, als ich ihn zum ersten Mal erblickt hatte. Mann, als er sich damals so völlig schamlos vor mir präsentiert hatte, war mir ganz schön heiß unter der Haut geworden, damals, als ich noch nicht wusste, wer er war und wo ich mich befand. Ich hatte geglaubt, dass ich in einer Art Sekte gelandet war, weil sich die Leutchen um mich herum so seltsam benommen hatten. Erst später, als ein Drache über mich hinweg geflogen war, hatte ich kapiert, dass ich mich in einer völlig anderen Welt befand, in einer Welt voller Magie. Na gut, zuerst hatte ich geglaubt im Koma zu liegen und mir das alles nur einzubilden, doch mittlerweile wusste ich, dass es real war.

Eine Sache jedoch ließ mich stutzen, der erste Satz, den ich gehört hatte, passte nicht zu dem Bild, er war in einer völlig anderen Situation entstanden.

„Es ist nicht egal, es ist wichtig.“

Ich drehte mich um die eigene Achse und entdeckte das gesuchte Bild dann neben dem ersten, doppelt so groß. Hä? Das war aber eben noch nicht da gewesen, das wäre mir aufgefallen.

„Es ist nicht egal, es ist wichtig.“

Das hatte Veith damals zu mir gesagt, als mich eine meiner Erinnerungen heimsuchte und sein Onkel Fang diese mit einer Handbewegung als trivial abtun wollte.

Plötzlich geschah das Gleiche wie zuvor mit Taylor. Die Bilder um mich herum erwachten alle zum Leben und überschütteten mich mit Erinnerungen von Veith. Seine Stimme drang hundertfach an meine Ohren und ließen mein Herz schneller schlagen.

„Du gehörst nicht hier her. Durch dich gibt es nur Unruhe im Lager.“

„Sieh mich an. Ich bin es, Veith. Sieh mich an. Talita, hörst du? Talita, hab keine Angst.“

„Du verstehst nicht. Ich habe gesagt, ihr sollt da bleiben. Ich wusste, dass da etwas im Wald war und habe euch trotzdem zurück gelassen. Und dann hörte ich dich schreien und da wusste ich, dass was passiert ist. Und ich wusste, es war meine Schuld, weil ich gesagt habe, ihr sollt warten. Du hast geschrien und ich hatte Angst. Es war meine Schuld, das mit Kovu und das …“

„Es ist unstimmig. Du sagst, dass Anwar sie jagen will und vielleicht tut er das auch, aber was ist mit den toten Einzelläufern? Die beiden, die du gefunden hast, wurden nicht erschossen. Sie haben sich eindeutig gegenseitig getötet.“

„Nein, das hier ist kein Friedhof. Auf einem Friedhof gibt es kein Leben.“

„Zeig ein wenig mehr Respekt. Ohne Talita würde keiner von uns hier stehen. Wir würden immer noch im Dunkeln tappen. Du solltest ihr dankbar sein und sie nicht verhöhnen!“

„Wie kommst du darauf, dass ich deswegen bockig bin?“

„Verdammt, sag mir was mit Kovu ist!“

„Du wolltest ja beim Rudel schlafen.“

„Von dem Zeichen der Hexen, dass deinen Körper ziert, davon spreche ich!“

„Wusstest du, dass dein linkes Auge zuckt, wenn du lügst?“

„Schhh, nicht weinen.“

„Wir haben doch noch unsere Erinnerungen. In unseren Erinnerungen können wir uns sehen.“

„Ich werde mich weder entschuldigen, noch verstellen, nur damit du deine rosarote Brille nicht abnehmen musst. Wir sind Tiere, Talita, begreif das endlich. Du bist nicht anders.“

„Ich versteh dich nicht. In dem einen Moment fällst du fast wie eine aggressive Wölfin über mich her und im nächsten verwandelst du dich in ein kleines, schüchternes Kätzchen.“

„Ich lüge nicht.“

„Es ist das Richtige. Der Testiculus ist mein Weg und daran wird sich auch nichts ändern.“

„Ich mag dich, wirklich, aber nicht so wie …“

„Willst du denn noch nach Hause?“

So viele Erinnerungen von ihm strömten auf mich ein und ließen mein Herz in einen viel zu schnellen Rhythmus schlagen. Aus der anfänglichen Angst vor ihm, hatten sich bei mir sehr schnell andere Gefühle entwickelt und ich war mir fast zu hundert Prozent sicher, dass es ihm nicht anders ging – auch wenn er es bestritt.

Das Bild von unserm ersten und auch einzigen Kuss erregte meine Aufmerksamkeit. Sein verklärter Blick, diese Lippen …

An das Gefühl seiner Lippen auf meiner Haut konnte ich mich nur zu gut erinnern und auch, wenn wir uns seit diesem Tag nicht mehr so nahe gewesen waren, reichte allein die Erinnerung daran aus, mir noch immer ein mehr als angenehmes Kribbeln über die Haut zu jagen.

„Wir haben doch noch unsere Erinnerungen. In unseren Erinnerungen können wir uns sehen.“

Und das war auch der einzige Ort, an dem wir uns so nahe sein konnten. Seit diesem letzten Tag an den Drachenfelsen hatte er alle meine Annäherungsversuche ignoriert und ich hatte das Gefühl, dass er sich mit jedem Treffen weiter von mir entfernte.

Seufzend betrachtete ich das Bild, während Veith Stimme weiter um mich herum erscholl.

„Was, dass du durch einen Spiegel gefallen bist? Cool.“

Diese Stimme gehörte nicht Veith, sondern seinem kleinen Bruder Kovu.

„Ich bin Prisca, die Alphahündin vom Wolfsbaumrudel. Du bist in mein Territorium eingedrungen.“

Verwundert drehte ich mich auf der Suche nach dem Ursprung herum, nur um zu entdecken, dass der Korridor um mich herum sich von einer Minute auf die andere gänzlich veränderte.

„Ich bin hier die Heilerin. Du willst, dass ich ihr helfe, also lass mich meine Arbeit so tun, wie ich es für richtig halte. Ich rede dir in deine auch nicht drein.“

„Nein, das sagt mir genauso wenig wie dieser Batman, oder das seltsame Wort, das du vorhin benutzt hast. Amne … äh.“

Die Sternenlichter über mir wurden so gleißend hell, dass sie mich blendeten.

„Schick sie einfach fort, jag sie aus dem Wald. Es ist nicht an uns, ihre Probleme zu lösen.“

Die Erinnerungen von Veith wurden ersetzt durch alles, was ich in den letzten hundertachtundvierzig Tagen erlebt hatte, immer wieder mit einer Prise von dem Vergangenem, nach dem ich mich so lange gesehnt hatte.

„Du hast sie, Katze, du hast sie geholt und nun bist du zurückgekommen und jetzt sagst du mir, wo sie ist, sonst reiße ich dir die Kehle raus!“

Leider wurde mir nur das gezeigt, was ich bereits kannte.

„Ja, ein Löwin. Ich komme eigentlich aus dem Sommerland, aber … ich bin als Kind hergekommen und aufgewachsen. Ich gehöre jetzt in dieses Rudel, das hier ist mein Zuhause.“

Immer schneller wechselten die Bilder.

Wulf, der Vater von Isla, der mich bei unserer ersten Begegnung fressen wollte.

„Ich frage nur noch einmal, was hast du mit Isla gemacht, wo hast du sie hingebracht?“

Fang, der Vater von meinem besten Freund Pal.

„Freunde dich nicht zu sehr mit Pal an. Du weißt, dass du gehen musst und er nimmt sowas immer sehr schwer.“

Tyge, der Vater von Kovu und Veith.

„Du schnurrst.“

Prisca, die Alphahündin vom Wolfsbaumrudel.

„Ob es nun ein Zeichen des Bösen ist, wie sie es gesagt hat, oder nur eine Hautverzierung, vielleicht sogar wirklich das Zeichen einer Hexe, derer sie hörig ist, es ist egal. Ich glaube ihr, dass sie ihre Erinnerung verloren hat. Es spricht sehr viel dafür. Nicht nur ihre Worte und Beteuerungen, auch ihr Verhalten.“

Die Drillinge Banu, Febe und Naara, bei denen ich immer Kopfschmerzen bekam, wenn sie sich mit mir unterhielten.

„Was nein?“

„Damit meint sie, dass das nicht ihr Name ist.“

„Aber wie heißt sie denn dann?“

„Das hat sie immer noch nicht gesagt. Also Mädchen, sag es uns, wir werden auch nicht jünger.“

Mein Mentor Djenan und seine beiden Angestellten Catlin und Feriin.

„Nicht wenn du mir in der Sonne stehst, also kusch.“

„Ich bin nicht hier, um dir das Köpfchen zu tätscheln, oder dir dein Leben so angenehm wie möglich zu machen, sondern um dich zu lehren, was es heißt, einer von uns zu sein.“

Ich sah so viele. Saphir, Grey, Raissa, Kaj, Anwar, Erion, Rem, Boa, Jago, Gaare, Julica, Isla, Recep, der Gefährte von Djenans Nichte Obaja, Pal, Veith und dazwischen immer wieder Gesichter aus einer Vergangenheit, an die ich mich kaum erinnern konnte. Ich wurde von Erinnerungen geradezu überschüttet.

Verdammt, was war hier eigentlich los?

 

°°°

 

„Du hast also keine Erklärung dafür“, fasste ich Gaares verwirrende Ausführungen zusammen.

Der Magier, der so knochig war, dass es den Anschein hatte, dass sein Skelett einfach nur mit einer Schicht aus Haut überzogen war, damit die Knochen nicht auseinander fielen, beugte sich leicht vor. Dabei rutschte die dicke Brille auf seiner Nase ein Stück herunter. „Das habe ich nicht gesagt, ich habe nur gesagt, dass es ungewöhnlich und unklar ist. Du musst immer daran denken, dass ich mich noch nie mit einem Fall wie deinem befasst habe. Ich kann mir deine Erzählungen nicht erklären.“

„Vielleicht war es einfach an der Zeit“, schaltete sich Pal ein. Er saß neben mir und beobachtete den grauhaarigen Magier mit der schäbigen, grünen Robe leicht angeekelt. Nicht, dass er etwas gegen den Mann an sich hatte, er mochte keine Magier. Lykaner und Magielenker hatten eine lange Geschichte hinter sich und keiner der beiden Seiten war der anderen sonderlich zugetan. Außerdem wusste er in der Zwischenzeit von mir, dass Gaare es gewesen war, der mir geholfen hatte, Kaj vor dem Kittchen zu bewahren und sie wieder zu einem angesehenen Mitglied der Gesellschaft zu machen – naja, so mehr oder weniger. Erst musste Kaj noch ihre Bewährungsstrafe abarbeiten.

Interessiert neigte Gaare den Kopf zur Seite. „Was meinst du damit?“

„Na ja, ist doch ganz klar.“

So klar fand ich das gar nicht. Ich hatte sicher das gleiche Fragezeichen im Gesicht, wie Gaare.

„Talita lebt nun schon so lange bei uns. Vielleicht ist es wie bei den Verlorenen Wölfen und sie – beziehungsweise ihr Kopf – brauchte einfach nur Zeit, um sich zu erholen, regenerieren, wieder zu sich selbst zu finden.“

„Du meinst, dass meine Erinnerungen jetzt nach und nach zurückkehren werden?“, fragte ich hoffnungsvoll.

Er zuckte nur mit den Schultern. „Wer weiß? Alles ist möglich.“

Beide wandten wir uns Gaare zu, dem Fachmann unter uns, den Guru des Wissens, die Antwort auf jede meiner Fragen – na gut, fast jede.

„Natürlich ist das eine Möglichkeit um dein Erlebnis heute im Korridor der Erinnerungen zu erklären. Eine Art Eruption, die diese Flut ausgelöst hat, aber genauso gut könnte es ein einmaliges Erlebnis gewesen sein. Ich will dir deine Hoffnungen nicht nehmen, meine Liebe, aber du solltest dich nicht zu sehr an das Geschehene klammern, es könnte sein, dass es sich nicht wiederholen wird.“

Und da flog er hin, mein Hoffungsschimmer. „Du solltest auf keinen Fall Motivationstrainer werden, darin bist du nämlich ´ne Niete.“ Seufzend lehnte ich mich zurück und rieb mir übers Gesicht.

„Ich sage dir nur die Wahrheit, weil schönreden in diesem Fall nichts bringen würde.“

„Trotzdem hätte man das ein wenig anders formulieren können“, grummelte Pal und legte mir eine Hand aufs Knie.

„Ist schon gut.“ Es war das erste Mal, dass außer Gaare noch jemand anwesend war, als ich hypnotisiert wurde und wahrscheinlich auch das letzte Mal. Als die Erinnerungen für mich zu viel wurden, hatte Gaare die Sitzung abbrechen müssen und mich aus dem Schlaf gerissen. Einen Moment war ich so verwirrt gewesen, dass ich fast nach dem Magier geschlagen hätte. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich ausgesehen hatte, oder was Gaare dazu veranlasste, mich zurück in die reale Welt zu holen, doch Pals Gesicht hatte Bände gesprochen. Egal, was mit mir losgewesen war, es hatte ich beunruhigt.

Ich ließ die Hände auf das Polster der Couch sinken. „Nun gut, so kommen wir nicht weiter. Ich denke, es ist Zeit zum Gehen.“

„Genau“, stimmte Pal mir zu und erhob sich bereits auf die Beine. „Wir sind nämlich noch zu einer Party eingeladen.“

Und auf der wollte ich unter keinen Umständen fehlen, schließlich drehte es sich dabei um Veith.

„Tut das. Wir sehen uns dann … nein, warte, dass hätte ich ja fast vergessen. Ich habe mich an einen weiteren Hexenzirkel gewandt und unsere Chancen stehen recht gut, dass sie dich ihr Portal benutzen lassen.“

Ihr Portal, das mich zurück in meine Welt bringen würde. Nur leider hatte Gaare mir diesen Satz im vergangenen Jahr bereits so oft gesagt, dass ich an seine Worte nicht mehr recht glauben konnte. „Das hört sich gut an“, sagte ich dennoch. „Ich hoffe, du hältst mich auf dem Laufenden.“

„Aber natürlich, meine Liebe, so wie immer.“

Die Verabschiedung die folgte, war kurz und Pal konnte es scheinbar nicht schnell genug gehen, aus der kleinen Wohnung zu entkommen, die so vollgestopft mit Büchern war, dass man sich darin kaum bewegen konnte. Ich wusste wovon ich redete, ich hatte schließlich eine Zeitlang bei dem Magier gewohnt.

„Puh“, machte Pal, als wir draußen auf der Straße standen. „Ich dachte schon, wir kommen da nie mehr raus.“

„Angst eine heiße Sause zu verpassen?“

Pal runzelte verwirrt die Stirn, wie immer, wenn ich etwas sagte, was er nicht verstand. „Sause?“

„Party, Feier, Fest, Fete, gesellschaftliche Zusammenkunft, auf der man richtig die Sau rauslassen kann.“ Ich grinste ihn frech an. „Such dir etwas aus.“

„Sause gefällt mir ganz gut.“

In der magischen Welt gab es nur eine Sprache und auch wenn diese meiner Heimatsprache sehr ähnlich war, gab es Begriffe und Ausdrücke, die hier unbekannt waren. Natürlich auch anders herum. Ich war mir bis heute nicht ganz sicher, ob ich hier wirklich meine Muttersprache sprach, oder ob ich mich irgendwie auf einem magischen Weg angeglichen hatte – also sprachlich meine ich –, ohne es zu bemerken, denn mal ehrlich, das wäre doch wirklich zu viel des Zufalls, wenn die hier ausgerechnet meine Sprache sprechen würden. „Na dann lass uns mal los, damit wir die Sause nicht verpassen.“

Kutschen, die von Glatisants gezogen wurden, fuhren zusammen mit berittenden Greifen an uns vorbei, während wir die Straße herunterliefen. Überall dazwischen glitten riesige, seitlich gelegene Regentropfen an uns vorbei. Nun gut, eigentlich waren das keine Tropfen, es waren Moobs. Das hiesige Moob war das Analog zum Auto. Es sah aus wie … naja, wie ein riesiger Tropfen eben. Es hatte keine Räder, sondern glitt mit Hilfe der Magie über das Glas. Nein, ich war nicht besoffen, ich meinte es genauso, wie ich es sagte. Die ganze Stadt, jedes einzelne Bauwerk bestand hier aus Glas, auch die Straße, über die die Regentropfen flogen.

Gott, ich hörte mich wirklich wie eine Irre an. Höchste Zeit für einen Themawechsel. „Sag mal, verrätst du mir jetzt endlich, was heute gefeiert wird?“ Ich starb hier schließlich mittlerweile vor Neugierde, da wäre eine kleine Information, um dem entgegenzuwirken, doch wohl das Mindeste, aber er blieb eisern und schüttelte nur lächelnd den Kopf.

„Lass dich einfach überraschen.“

„Ich mag keine Überraschungen.“

„Ich muss dir gestehen, dass mich das nicht wirklich stört.“

Ich steuerte ein silbernes Moob am Straßenrand an, öffnete die Tür durch eine einfache Berührung – ja, in der Zwischenzeit war ich stolze Besitzerin eines eigenen Moobs und ich besaß auch den dazu passenden Schein, der bestätigte, dass ich damit fahren durfte – und schwang mich hinters Steuer, was bei diesem Fahrzeug ein Joystick war. „Wenn ich vor Neugierde umkomme, dann bist du daran schuld, das ist dir hoffentlich klar.“

„Ich werde es mir merken.“

Seufz.

Sobald Pal seinen Hintern auf dem Sitz neben mir geparkt hatte, lenkte ich das Moob auf die Straßen und fuhr – oder besser glitt, weil ein Moob ja keine Räder hatte, sondern mithilfe von Magie fuhr – zum Park meiner Schützlinge.

 

°°°

 

Der Besuch bei den Verlorenen Wölfen war nur kurz, um nach dem Rechten zu sehen und Saphir darüber zu informieren, dass ich erst morgen Abend wieder in der Stadt sein würde. Kanin war mit ihrer Verwandlung noch nicht vorangeschritten, nahm sich meinen Ratschlag aber wohl endlich zu Herzen und versuchte, das weitere nicht zu erzwingen – fragte sich nur, wie lange dieser Zustand anhielt.

Nachdem ich Grey noch schnell in den Zwinger gesperrt hatte, um ihn mit seiner täglichen Futterration zu versorgen, war ich auch schon wieder zurück im Wagen und fuhr mit Pal so nahe an den Wolfsbaumwald heran, wie es mir möglich war.

Als wir ausstiegen, war es bereits früher Nachmittag. Die knallende Sonne heizte zwar noch heiß vom strahlendblauen Himmel, aber wenn wir noch vor der Dunkelheit auf dem Festplatz sein wollten, mussten wir uns ein wenig ranhalten. Pal machte das natürlich kurz und bündig, indem er einfach völlig ungeniert seinen Lendenschurz fallen ließ und der Mann zu einem Wolf wurde. Wieder mal schaffte ich es nicht, mich rechtzeitig wegzudrehen und konnte innerlich nur seufzen. Diese Werwölfe besaßen wirklich nicht den Hauch von Schamgefühl – das war echt zum Haareraufen.

Auch ich verwandelte mich. Nein, ich war kein Lykaner, ich war sogar zu einem Großteil ein Mensch und doch hatte ich in dieser Welt die Fähigkeit erlangt, mich in ein anderes Wesen zu wandeln. Genau gesagt, war ich ein halber Therianer, eine Werkatze. Schneeleopard, um ganz genau zu sein.

Wie mein Mentor, Freund und irgendwie Papa es mich gelehrt hatte, schloss ich meine Augen und suchte nach diesem kleinen Punkt tief in mir, der meine eigene Magie beherbergte. Allein durch meinen Willen öffnete ich diese kleine Kapsel, die direkt unter meinem Herzchen saß und konnte spüren, wie der Zauber durch jede Zelle meines Körpers drang und mich wie Wasser überlief. Ich spürte ein angenehmes Kribbeln, fühlte wie meine Hände, meine Füße und mein Gesicht sich leicht verformten.

Als ich die Augen wieder aufschlug, war ich eine perfekte Mischung aus Mensch und Schneeleopard auf zwei Beinen. Ich hatte am ganzen Körper weißes Fell, mit dunklen Rosetten, die nur an den Stellen verdeckt wurden, wo ich meinen grünen Lendenschurz, mit dem passenden Oberteil trug. Eigentlich waren mir Klamotten, die den ganzen Körper bedeckten lieber, aber mit dem Fell juckte das immer unangenehm, weswegen ich mich dem örtlichen Kleidungsstiel angepasst hatte. Dies beinhaltete auch, dass ich keine Schuhe trug – oder nur sehr selten. Und um auch jede weitere Unstimmigkeit auszuschließen, ja, ich besaß auch einen langen Schwanz, der für mein Gleichgewicht sorgte, wenn ich über die Äste der Bäume bilanzierte.

Das Einzige, was meine Kleidung von jedem anderen Bewohner dieser Orts unterschied, war die Schlaufe, die ich über der linken Schulter trug, um das Tattoo eines Pentagramms darunter vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen. Es war das Zeichen der Hexen, ein machtvolles Emblem, auf das viele mit Vorsicht und Misstrauen reagierten.

„Bist du soweit?“, fragte der große, rote Wolf mit Pals Stimme neben mir. Auch in seiner Wolfsgestalt sah man die Brandnarbe in seinem Gesicht, die verzerrte Haut, auf der kein Haar mehr wuchs. Es sah, gelinde gesagt, grotesk aus, aber keineswegs eklig, nur irgendwie … unvollendet.

Ich streckte die Pfote aus und strich dem roten Riesen durchs Fell hinter den Ohren. Pal war der größte Lykaner, der mir je unter die Augen gekommen war, sowohl in seiner Wolfsgestalt, als auch als Mensch … äh, ich meinte natürlich Mortatia. „Ich warte nur noch auf dich, wie immer.“

Pal schnaubte.

„Mal sehen ob du mich einholen kannst.“ Ohne ein Startzeichen zu geben, rannte ich in den Wald vor uns hinein.

 

°°°

 

Die Nacht war bereits über uns hereingebrochen, als ich aus der Ferne die ersten Stimmen wahrnahm. In den letzten Stunden war mir nichts anderes als die Geräusche des Waldes und Pals Stimme ans Ohr gedrungen und so nahm ich diese Veränderung sofort wahr.

Ich drehte meine Ohren und konnte sogar leise Musik hören. Sie mussten noch ein Stück entfernt sein, doch mit einem kurzen Spurt müsste sich diese Distanz leicht überwinden lassen. Am liebsten würde ich einfach losrennen, hauptsächlich um Veith nach Wochen wieder mal zu sehen, aber ich riss mich zusammen und tat so, als hätte ich es nicht sehr eilig.

Pal lachte leise an einer Seite. Vor kurzem hatte er sich wieder in einen Menschen verwandelt und sogar sein bescheidenes Stück Kleidung übergestreift, damit das Nötigste bedeckt war. „Du kannst es wohl kaum erwarten.“

„Wie kommst du darauf?“

„Deine Körpersprache verrät dich. Deine Pfoten zucken, genau wie dein Schwanz.“

Verräterische Gliedmaßen! Aber so schnell würde ich mir keine Blöße geben. „Ich bin halt neugierig, das ist alles.“

„Aber natürlich.“

Dieser Kommentar wurde schlicht überhört. 

Die Nacht war warm und als ich den Schein von verteilen Feuern durch die Bäume flackern sah, ließ ich meine Magie von mir abfließen, um den Rudel als der Mensch entgegenzutreten, der ich war: Talita Kleiber, eine einundzwanzigjährige Figur, die bis heute nicht so recht wusste, wer genau sie war. Aber was ich wusste, war, dass die Lykaner sehr eigen auf Außenstehende reagierten. Deswegen näherte ich mich dem Festplatz nur langsam, obwohl es mich in den Füßen juckte, einfach die letzten Bäume, die mich noch von den Wölfen trennten, hinter mich zu bringen. Nicht, dass ich Angst hatte, sie würde über mich herfallen, wenn ich mich ihnen nicht wachsam näherte, sie mochten Fremde nur einfach nicht sonderlich und ich hatte keine Lust, von ihnen angeknurrt zu werden.

Lachen, singen, Stimmengewirr. Von irgendwo erklang das heisere Bellen eines Wolfes.

„Na nun komm schon, du bist doch sonst nicht so zögerlich.“ Pal ergriff meine Hand und zog mich auf dem Festplatz …

„Talita!“

Ich konnte gar nicht so schnell schauen, wie Kovu gegen mich donnerte. Es war vergleichbar mit einem Brett, das einem vor dem Kopf geschlagen wurde und nur die Tatsache, dass Pal mich festhielt, verhinderte wohl, dass ich einfach auf meinem Hintern landete – und natürlich Kovus Arme, die sich um mich schlangen.

„Ist das Fest nicht der Wahnsinn? Und ich bin endlich alt genug, um daran teilzuhaben!“, schrie Kovu mir begeistert ins Ohr.

Tja, ob das Fest der Wahnsinn war, konnte ich nicht sagen, da ich ja nicht mal einen kurzen Blick hatte riskieren können, bevor er einfach so über mich hergefallen war.

Ich schob ihn ein Stück von mir, um wieder Luft zu bekommen und erwiderte das Lausbubengrinsen, dass er mir zukommen ließ. Sein hellbraunes Haar, das ihm weit auf den Rücken reichte, hatte er wieder zu dem allzu vertrauten Flechtezopf zusammengebunden und mit bunten Perlen und Schnüren verziert, wie bei jeder Feierlichkeit. Er war schmaler als sein großer Bruder, kleiner und überall dort wo Veith Kanten besaß, war Kovu einfach nur weich. Der Kleine war drahtig gebaut, Veith eher muskulös. Kovu konnte allein mit einem Blick einen unwiderstehlichen Charme versprühen und Veith … naja, der hatte auch seine Vorzüge aber Charme hatte ich an ihm bisher noch nie entdeckt. Die beiden unterschieden sich wie Tag und Nacht. Nur die Farbe der Haare und der Augen hatten sie gemeinsam.

„Seit wann bist du hier?“, wollte Kovu dann wissen und zog mich mit sich auf den Festplatz. Überall standen, saßen und tanzten Lykaner. Mehrere riesige Feuer waren aufgetürmt worden und schlugen ihre Flammen Richtung Himmel. Ich konnte kein Buffet entdecken, aber irgendwo hier musste es so etwas geben. Davon abgesehen, dass hier lauter Werwölfe mit Essen in den Händen rumrannten, war es auch ein Ding der Unmöglichkeit, dass diese Leutchen hier eine Fete veranstalteten, auf der sie sich nicht den Wanst vollhauen konnten. Werwölfe aßen für ihr Leben gerne, auch wenn man ihnen das nicht ansah.

„Talita, hörst du mir überhaupt zu?“ Kovu stieß mir seinen Ellenbogen in die Seite, um meine Aufmerksamkeit zu erlangen.

„Was hast du gefragt?“

„Seit wann du hier bist.“ Er grinste frech. „Suchst du etwas bestimmtes, oder warum guckst du dich so genau um?“

Da er nur auf seinen Bruder anspielen konnte – womit er leider auch noch recht hatte – wurde diese Frage schlichtweg überhört. „Ich bin gerade erst gekommen. Pal hat mich abgeholt.“

„Von dir Zuhause?“, fragte er leicht verunsichert und warf dem roten Riesen einen schnellen Blick zu.

„Na von wo denn sonst? Glaubst du, ich habe ihm die Tür wieder vor den Nase zugeschlagen, oder ihn die Nacht auf einer Parkbank schlafen lassen?“

„Und was ist mit …“ – wieder ein schneller Blick – „… du weißt schon.“

Pal zog eine Augenbraue nach oben. „Meinst du Kaj und Raissa?“

„Äh …“

Pal kniff die Augen zusammen und musterte den Jüngeren auffallend. „Soll das heißen, dass du von den beiden gewusst hast?“

„Naja, dass heißt … oh, habt ihr das gehört? Da hat mich jemand gerufen. Wir sehen uns dann später.“ Und schwupp, schon war der Kleine davon geflitzt – okay, er war eigentlich nicht klein, sogar ein Stück größer als ich, aber er war eben Kovu und Kovu war mein Kleiner.

„Da hat niemand gerufen“, stellte ich fest. Kleiner Feigling.

„Kovu hat von Kaj gewusst“, richtete Pal nun die Anklage direkt an mich.

„Oh, schon so spät.“ Ich sah auf mein Handgelenk, wo natürlich keine Uhr war. „Zeit für mich zu gehen.“ Einen Schritt weit kam ich, bevor seine Hand mich am Arm packte und ich mich resigniert von ihm zurückziehen ließ. Mir blieb heute aber auch gar nichts erspart, seufz. „Ja, Kovu hat es gewusst“, gab ich mich letztendlich geschlagen. Ich drehte mich zu Pal um und konnte leichte Enttäuschung in seinen Augen lesen. Dass ich mich dem Kleinen anvertraut hatte und ihm nicht, traf ihn wohl. „Ich hab es ihm nicht gesagt, er ist … irgendwie ist er da reingerutscht. Er war damals dabei, als Kaj uns in ihrem kleinen Wutausbruch, all ihre dunklen Geheimnisse um die Ohren gehauen hat und naja, ich musste doch dafür sorgen, dass Kovu sie nicht weiter verrät. Nur deswegen weiß er Bescheid.“

„Aber mir hast du nichts gesagt.“

Meine Verschwiegenheit kränkte ihn wohl mehr, als ich angenommen hatte. „Ja aber auch nur, weil ich nicht wollte, dass du dich aufregst. Du hattest genug mit dir selber zu tun.“ Ich legte ihm eine Hand auf den Arm, fühlte die straffe Haut und seine Wärme. Das war mir so vertraut, dass es mich selber immer wunderte, wenn es mir von neuem auffiel. „Komm schon Pal, wir sind doch hier um zu feiern.“ Ich sah ihn flehentlich an und hoffte, dass er das Thema endlich ruhen lassen würde.

Er seufzte schwer, strich sich mit der freien Hand durchs rote Haar und setzte dann sein halbes Lächeln auf. Auch wenn es nicht wirklich echt wirkte, war ich froh es zu sehen. Es sagte mir, dass er es versuchen wollte. „Du hast Recht. Los, komm, schmeißen wir uns ins Getümmel.“

Seinen Worten folgten Taten. Ich begrüßte noch ein paar andere Bekannte, ließ mich von Kovus Vater Tyge in eine feste Umarmung ziehen, die mir die Luft aus den Lungen trieb und gesellte mich sogar einen Moment zu den Drillingen, den Großmüttern von Veith, Pal, Kovu und Isla. Aber lange hielt ich es bei ihnen nicht aus. Es war gar nicht so einfach, ihnen zuzuhören. Sie redeten immer gleichzeitig auf einen ein und aus jedem Gespräch mit ihnen, ging ich mit Kopfschmerzen hervor.

Ich begrüßte Domina und winkte von weitem sogar Wulf, dem Vater von Isla, der bei unserer ersten Begegnung versucht hatte, mich zu fressen. Das Verhältnis zwischen uns war seit dem ersten Treffen etwas entspannter geworden – was wohl damit zusammenhing, dass ich auf seine Tochter aufpasste – aber wirklich herzlich würden wir beide wohl nie miteinander werden.

Pal zog mich um riesige Lagerfeuer herum, an einem Platz mit lauter Schalen vorbei, in denen bunte Farben waren, zu einen kleinen Teil abseits, an dem das Essen versteckt war, nur nicht gut genug für Werwolfsnasen. Mit diesen Riechkolben fanden die wirklich alles. Zwei Dinge fielen mir bei unserer Wanderung auf – naja, eigentlich drei, aber dass ich Veith nicht entdecken konnte, gehörte hier wohl nicht hier her. Erstens: viele Frauen trugen um ihren linken Oberarm, ein rotes Seidenband. Schon bei meinem ersten Blick darauf, kamen mir Pal Worte von meinem ersten Tag auf der magischen Ebene wieder ins Gedächtnis. Die Frauen befestigen es an ihrem Oberarm. Für die Männer. Damit wird uns Männern signalisiert, dass ihr Frauen willig seid. Also wenn du es tragen möchtest, nur zu. Das hatte er zu mir gesagt, als ich ein solches Band in einer Kiste fand. Natürlich hatte ich es nicht angezogen – das wäre ja noch schöner gewesen. Hier allerding trugen drei von vier Frauen dieses Band und langsam bekam ich ein komisches Gefühl. Was war das nur für eine Party?

Das Zweite, das mir auffiel, war, das hier nicht nur Lykaner aus dem Wolfsbaumrudel waren. Ich erkannte Sinssi und Crypos mit ihrem Alpharüden Najat aus dem Steinbachrudel. Genau wie die Alphawölfin Cui aus dem Rudel der Höhlenwölfe. An ihrer Seite, immer in ihrer Nähe entdeckte ich Karan, einen der überlebenden Wölfe von Erion, der zwar nie in meiner Obhut gewesen war, aber seinem Bruder Van wie aus dem Gesicht geschnitten war und an Van konnte ich mich sehr gut erinnern. Van war gestorben und hatte mich dabei – ob nun mit Absicht oder nicht –gerettet, sonst würde ich bereits seit sehr langer Zeit bei den Fischen schlafen.

Langsam aber sicher wurde diese Party immer merkwürdiger. Was hatten zwei andere Rudel hier zu suchen, wo die Lykaner doch sonst alles anknurrten, was nicht zum inneren Kreis gehörte? Und wie passte Veith da ins Bild? „Sag mal Pal, was wird hier denn nun gefeiert?“

Pal stockte kurz, warf mir dann seinen seltsamen Blick zu und schob sich das Piru – das garantiert seine Tante Boa gebacken hatte – in den Mund. „Das wirst du schon noch sehen“, kaute er sehr unappetitlich.

„Mach den Mund doch noch ein bisschen voller, dann kannst du beim Sprechen auch noch ein wenig spucken.“

Pal grinste und lehnte sich mit dem Rücken an den Tisch. „Ein wenig kratzbürstig, wie?“

Ich verkniff es mir, darauf etwas zu erwidern, sondern drehte mich einfach mit den Worten „Ich seh mich mal ein wenig um“ von ihm weg und verschwand in der wogenden Menge. Natürlich sah ich mich nicht einfach nur so um, ich war auf der Suche nach einem ganz bestimmten Wolf. Hier irgendwo musste er doch sein. Laut Pal war das schließlich seine Party und außerdem hatte er mich eingeladen, da war es doch das Mindeste, dass ich wenigsten Hallo-sagen ging. Schade nur, dass hier so viele Wölfe waren. Es war gar nicht so einfach, das Objekt meiner Begierde ausfindig zu machen. Ich drehte bereits die dritte Runde über den Platz und war kurz davor aufzugeben und es später noch einmal zu versuchen, als ich Veith mit Kovu bei den Drillingen entdeckte.

Ein erleichtertes „na endlich“ konnte ich nicht unterdrücken. Genauso wenig wie das Herzrasen, das mit jedem Schritt in seiner Richtung schneller zu werden schien.

Naara, Febe und Banu hatten sich in einem Meer aus Kissen, zwischen ein paar Bäumen, ein wenig abseits von den anderen, ein Plätzchen gesucht. Kovu lag mit dem Kopf in Banus Schoß und ließ sich den Kopf streicheln. Der Kleine war so verschmust, dass er ohne seine tägliche Portion Streicheleinheiten wahrscheinlich eingehen würde. Aber meine eigentliche Aufmerksamkeit galt allein Veith. So lange hatte ich ihn nicht mehr gesehen – naja, eigentlich nur ein paar Wochen, aber für mich war das eindeutig zu lange.

Er saß im Profil zu mir. Sein hellbraunes Haar war seit unserer letzten Begegnung ein wenig länger geworden. Das Gesicht mir den harten Kanten wirkte ruhig, so wie immer, doch irgendwas schien unter der Oberfläche zu lauern – wahrscheinlich seine Gefühle, die er immer und überall versteckte. Seufz.

Genau wie jeder andere auf diesem Fest trug er nur einen Lendenschurz – ja, auch die Weiber waren in dieser Aussage mit eingeschlossen – aber etwas unterschied ihn von den andern. Um beide Arme, vom Handgeleng bis zur Ellenbeuge, trug er Ärmel aus schwarzem Leder, die mit goldenen Symbolen bestickt waren. War dies das Zeichen, dass es hier heute um ihn ging? Und was bedeuteten diese Zeichen? Ich hatte sie noch nie gesehen.

Als ich nur noch wenige Schritte von Veith entfernt war, schien er meine Anwesenheit zu spüren – vielleicht war es auch mein eindringlicher Blick, der auf ihm lag, oder die Tatsache, dass Kovu lautstark auf mich zeigte, so genau ließ sich das nicht ermitteln. Jedenfalls richtete sich Veiths Blick auf mich. Wie immer war er unergründlich, distanziert.

Lächelnd hob ich die Hand. „Hi, du.“

Er brummte etwas, das mit sehr viel Fantasie als ein „Hallo“ interpretiert werden konnte und wandte sich dann wieder Naara zu, die gerade damit beschäftigt war, ihm einen Stuhl an die Backe zu quatschen.

„… natürlich nicht. Es waren die falschen Kräuter, weil sie wie immer nicht zugehört hat. Und dann war sie auch noch beleidigt, als ich sie aufforderte, erneut in den Wald zu gehen.“

„Sie wollte sich doch noch mit Quinn treffen“, warf Banu ein.

„Junge Liebe muss schön sein“, fügte Febe hinzu. „Ich erinnere mich noch genau an meine erste Liebe.“

„Pah!“, machte Naara, mit einer herablassenden Handbewegung. „Dieser Wolf war zu nichts zu gebrauchen gewesen.“

Febe plusterte sich auf. „Untersteh dich, so von meinem Gefährten zu sprechen!“

Ich setzte mich zu den Wölfen, so nah an Veith heran wie es ging, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Schade nur, dass er das anders zu sehen schien, denn er versuchte, unbemerkt von mir wegzurutschen. Das tat echt weh. Zwar versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen, aber der Stich saß.

„Dein Gefährte war ein Nichtsnutz“, erwiderte Naara herablassend.

„Ach und deiner war so viel besser gewesen?“

„Das habe ich nicht behauptet. Auch Maron war ein Taugenichts. Die Einzige von uns dreien, die es richtig gemacht hat, war Banu. Die hat sich nicht gleich den Erstbesten gegriffen, sondern auf den Richtigen gewartet.“

Banu lächelte selig, strich Kovu dabei sanft über den Kopf, was der Kleine nur zu gerne über sich ergehen ließ. „Seid nicht so streng. Auch eure Gefährten waren gute Männer.“

Naara schnaubte nur.

Die drei glichen sich wie ein Ei dem anderen und ließen sich nur an einer Sache auseinanderhalten, an ihren Frisuren. Naara hatte ihre Haare zu vielen, langen Zöpfen geflochten, Febe trug ihre lang und offen, sodass sie ihr über die Schultern und Brust fielen und Banu hatte ihr silbergraues Haar zu einen komplizieren Zopf an den Kopf geflochten. Nur vorn waren zwei Strähnen, die mit bunten Holzperlen geschmückt waren.

Banu streckte ihre Hand aus und tätschelte Veit den Arm. „Mach dir keine Sorgen, auch du wirst dein Glück finden. Du wirst schon sehen.“

„Bei mir ist alles in Ordnung, Großmamá Banu.“

„Natürlich ist es das“, sagte Naara brüsk.

„Wir sind so stolz auf dich“, fügte Febe hinzu, „weißt du das eigentlich?“

„Stell nicht immer so dumme Fragen, Febe, das verunsichert den Jungen nur. Natürlich weiß er, wie stolz wir auf ihn sind. Das ganze Rudel ist stolz auf ihn.“

Banu horchte bei den Worten ihrer Schwester auf. „Bist du verunsichert, Veith? Möchtest du darüber reden?“

„Jetzt setz dem Jungen doch nicht solchen Unsinn in den Kopf“, tadelte Naara. „Veith geht es gut, nicht wahr, Junge?“

„Bei mir ist alles in Ordnung.“

Zufrieden mit dieser Aussage, nickten die drei sich zu. Keiner von ihnen schien aufzufallen, dass er seine Worte von vorhin einfach wiederholt hatte und irgendwie konnte ich sie ihm nicht glauben. Aber wegen was sollte Veith verunsichert sein? Warum war das ganze Rudel stolz auf ihn? Was war hier nur los? Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass mir hier etwas Entscheidendes entging und langsam verfluchte ich Pal dafür, dass er mir nicht sagen wollte, was hier eigentlich los war.

„Siehst du, hab ich dir doch gesagt“, kam es triumphierend von Naara. Auch sie streckte die Hand aus und tätschelte Veiths Arm – aber nur ganz kurz. „Heute geht es um dich und wir alle freuen uns für dich. Es wird wirklich Zeit. Ein so junger, gutaussehender Mann.“ Sie lächelte ihn an. „Wir sind wirklich verdammt stolz auf dich, Veith.“

Verflucht noch mal, warum war alle Welt stolz auf Veith? Ich wollte das auch wissen, also konnte ich genauso gut an der Quelle nachforschen. Ich berührte Veith leicht am Arm, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen, doch er entzog sich der Berührung so schnell, als hätte ich ihn verbrannt. Die Kränkung in meinen Augen konnte ich nicht so schnell verbergen, wie er mich ansah und als er sich dann einfach wieder von mir abwandte, schien mein Herz in der Brust zu splittern. Langsam bekam ich das Gefühl, dass ich hier nicht erwünscht war.

Ich wandte den Blick ab, der dann auf Kovu fiel. Erst jetzt bemerkte ich, dass der Kleine, völlig untypisch für ihn, ganz ruhig war. Die ganze Zeit war kein Wort von ihm gekommen. Er wirkte irgendwie abwesend und niedergeschlagen. Nachdenklich lag er im Schoss von Banu und wirkte dabei völlig abwesend.

„Ich geh besser Prisca suchen, es ist bald so weit“, ließ Veith dann verlauten und ich konnte mich nicht dem Gefühl erwehren, dass ich ihn verscheucht hatte.

„Tu das, Junge“, kam es von Naara.

„Aber vergiss nicht, noch mal mit deinem Papá zu sprechen“, fügte Febe hinzu.

Banu lächelte mütterlich. „Wir sind wirklich stolz auf dich.“

„Ich weiß“, sagte er leise und erhob sich. Er wollte gehen, zögerte dann aber noch einen Moment und sah zu dem Kleinen herüber. „Kovu?“

„Was? Oh … ja, viel Glück.“ Die Muskeln in seinem Gesicht vollbrachten etwas, das nach einem sehr verkrampften Lächeln aussah.

„Was ist hier eigentlich los?“, entschlüpfte es mir. Ich sah von Kovu zu den Drillingen und blieb am Ende an Veith hängen. So, wie der Kleine sich hier gab, bekam ich ein ganz übles Gefühl, das ich mir nicht erklären konnte. „Veith?“

„Ich gehe meinen Weg“, sagte er völlig unbestimmt und wandte sich ab, um in der Menge zu verschwinden, aber so einfach würde ich ihn nicht entkommen lassen. Ich sprang auf die Beine und eilte ihm hinterher und bevor er mir entwischen konnte, hielt ich ihn am Arm fest. Bei der Berührung, spannte er die Schultern an, als sei es ihm plötzlich unangenehm, von mir angefasst zu werden. Das schmerzte und zwar richtig, weswegen ich meine Hand sofort wieder wegnahm und nur hoffen konnte, dass er nicht einfach wieder abhaute. „Veith?“

„Ich hab jetzt keine Zeit, Talita.“ Er drehte sich nicht mal um, um mir das zu sagen. Sein Rücken blieb vor meiner Nase und auch wenn der genauso wie der Rest von ihm nett anzusehen war, wollte ich ihm ins Gesicht sehen können. „Es ist … ist alles in Ordnung mit dir?“ Denn auch, wenn du das gesagt hast, so kann ich dir nicht glauben, fügte ich im Geheimen hinzu.

„Mir geht es gut.“

Und warum schaust du mich dann nicht an und bist so seltsam zu mir?! „Ähm … Pal hat mich eingeladen, er hat gesagt, dass du wolltest, dass ich bei deinem großen Tag dabei bin.“

„Kovu wollte dich sehen, ich hab nur mit Prisca gesprochen, damit sie es erlaubt.“ Nun wandte er sich mir doch zu und ich wünschte mir, dass er es nicht getan hätte. Seine Augen waren abweisend, kalt. Der Anblick fröstelte mich.

„Oh“, war alles, was ich herausbringen konnte. Warum war er mir gegenüber heute nur so reserviert? So kannte ich ihn gar nicht, jedenfalls nicht mehr, seit unserer Anfangszeit. „Hab ich etwas falsch gemacht?“

Veith seufzte schwer, als hätte ich eine unsagbar dämlich Frage gestellt. „Hör zu, Talita, ich habe den Kopf im Augenblick mit anderen Dingen voll.“

Geistesabwesend spielte ich mit dem Armband, dass er mir zu meinem Geburtstag geschenkt hatte. Die kleinen bunten Perlen klickten leise aneinander. „Dein Fest, ich versteh schon.“

Beim Anblick des Armbandes, wurde sein Gesicht ungewöhnlich hart. „Nein, tust du nicht, aber du wirst es bald verstehen.“

„Ich …“

„Ich hab jetzt wirklich keine Zeit für dich. Geh zurück zu Kovu, wir haben uns nichts mehr zu sagen.“ Damit drehte er sich um und ließ mich einfach stehen.

 

°°°

 

„Ach hier steckst du. Kovu meinte …“ Pal stockte und beugte sich ein wenig zu mir herunter. „Stimmt etwas nicht?“

„Nein, alles bestens“, gab ich etwas bitter von mir und ließ das Blatt, an dem ich meinen Frust ausgelassen hatte, zu Boden fallen. Naja, Blatt konnte man das nun nicht mehr nennen, eher Konfetti. Kleine, grüne Konfettischnipsel. Biologisch abbaubar.

„Und warum guckst du dann, als sei deine Katze unter einen Zentauren geraten?“

Weil ich versuchte, mir darüber klar zu werden, ob Veith nur etwas Falsches zum Frühstück gegessen hatte, das seine abweisende Haltung erklären würde – denn mal ehrlich, Verdauungsprobleme konnten einem echt auf den Magen schlagen –, oder warum er mir sonst die kalte Schulter zeigte. Ich verstand es wirklich nicht. Klar, in den letzten Monaten hatte er sich immer weiter von mir zurückgezogen, aber dabei war er nie so … gemein gewesen. Sein Verhalten ergab einfach kein Sinn.

„Talita?“

„Mit mir ist alles okay.“

Pal seufzte schwer und setzte sich neben mich auf den Baumstamm, am Rande des Festplatzes. Ich konnte die Lykaner feiern sehen. Dort hinten, halb in den Schatten des Waldes, hatte sich ein knutschendes Pärchen verschanzt. Ein Stück weiter blödelten ein paar junge Männer herum und sahen den Frauen mit den roten Bändern am Arm hinterher. Pals Eltern, der stämmige Fang und seine Gefährtin Rem, von der Pal seine Größe und seine Haarfarbe geerbt hatte, tanzten wild durch die Menge. Lachen drang an mein Ohr.

Ich sah so vieles, nur Veith, den sah ich nicht. Und auch keine Kinder. Das fand ich schon seltsam, da die Kleinen bei Feierlichkeiten meist wie die Wilden zwischen den ganzen Erwachsenen herum flitzten. Aber heute war keines von ihnen zu finden.

Pals warme Hand legte sich auf mein Knie und drückte es tröstend. Lykaner spürten es instinktiv, wenn etwas nicht stimmte und Berührungen waren ihre Art die Dinge zu heilen. Am Anfang war das für mich schwer zu ertragen gewesen. Ich hatte geglaubt, Werwölfe seinen Monster und wer wollte sich schon gerne von einem Monster anfassen lassen? Ich jedenfalls nicht. Aber Lykaner berührten sich unentwegt, bei sich jeder nur bietenden Gelegenheit. Das war einfach eine Art ihrer Kommunikation.

„Weißt du, Talita, manchmal …“

„Es geht los!“ Die sehnige Gestalt der blonden Werlöwin Domina eilte an uns vorbei. Mit einem Wink gab sie Pal und mir das Zeichen, ihr zu folgen und dann war sie auch schon in der Menge verschwunden.

„Was geht los?“

Pal machte den Mund auf und verschloss ihn beinahe in der gleichen Sekunde wieder. Dann nahm er meine Hand und zog mich mit sich auf die Beine. „Das wirst du gleich sehen.“

Ich kniff die Augen zusammen, war doch mehr als deutlich, dass er im ersten Moment hatte etwas anderes sagen wollen, ließ mich aber dennoch von ihm mitziehen.

Der Strom der Menge trieb uns auf die Mitte der Lichtung zu, wo ich die drei Alphawölfe Prisca, Najat und Cui entdeckte. Bis ganz nach vorn zog Pal mich. Die drei Oberhäupter der Rudel standen mit fünf Männern in der Mitte der Lichtung. Prisca, der Rudelalpha der Wolfsbaumwölfe, war eine schlanke, durchtrainierte Frau in den Vierzigern. Um ihre Augen und die Mundpartie zeigten sich die ersten Fältchen. Sie hatte tiefschwarzes Haar, das von ein paar weißen Strähnen durchzogen war. Seit dem Tod ihrer Tochter Julica vor einem knappen Jahr, waren es deutlich mehr geworden – als wenn dieser Verlust sie vorzeitig altern ließ. Auch ihre gelben Augen hatten nur noch einen trüben Glanz und diese Aura von Macht, die jeder Alpha ein eigen nennen konnte, schien heute nur noch dumpf vorhanden.

Vor Jahren bereits hatte sie ihren Gefährten an eine Seuche im Lager verloren und nun ihre Tochter an einen geisteskranken Magier. Manchmal fragte ich mich wirklich, wie die Frau es schaffte, nicht zugrunde zu gehen,  trotzdem weiterzumachen. Es konnte nicht einfach sein, soviel stand fest.

Der zweite Alpha in der Truppe, ein kleiner, schmaler Mann, mit olivfarbener Haut und einen Touch vom Thailändischen, war Najat, der erste Wolf vom Steinbachrudel. Er ging mir gerade mal bis zur Schulter und war eher athletisch als kräftig und auch wenn seine Statur nicht gerade einschüchtern wirkte, so sollte man diesen Mann nicht unterschätzen. Er war nicht umsonst Alpha eines der größten Rudel hier in der Gegend.

Cui, die Alphawölfin der Höhlenwölfe besaß ebenso tiefschwarzes Haar wie Prisca, nur war ihres kurz geschnitten und leicht wellig. Sie war schlank, durchtrainiert, von durchschnittlicher Größe. Ihre gelben Augen, genau wie der rote Lendenschurz, den jeder aus ihrem Rudel trug, stachen wie Mahnmale an ihr hervor. Sie sagten nur zu deutlich: „Leg dich besser nicht mit mir an, wenn du alle deine Zähne behalten willst.“

Unter den fünf Männern, die bei ihnen standen, war auch Veith. Sie trugen alle diese Lederärmel, mit den goldenen Schriftzeichen und sahen damit aus, wie ein paar … nun ja, das Wort Sonderangebote kam mir in den Sinn – obwohl Sonderangebot hier wohl der falsche Ausdruck war. Sie waren eher sowas wie teure Luxusartikel, die man nur mit einem sehr großen Geldbeutel erwerben konnte – eine exklusive, limitierte Auflage eben. Aufgereiht standen sie da, zur Schau gestellt, als warteten sie nur darauf, dass man sie einsackte.

Neben Veith war mir noch Jago aus dem Wolfsbaumrudel bekannt. Am roten Lendenschurz erkannte ich, dass der Schwarzhaarige ein Lykaner der Höhlenwölfe sein musste und die thailändischen Züge der anderen beiden, wiesen sie als Wölfe des Steinbachrudels aus.

„Zehn Jahre ist es her“, erhob Cui die Stimme und zog damit aller Aufmerksamkeit auf sich. Gespräche verstummten, Ohren wurden aufgestellt, alles war gespannt auf die folgenden Worte – inklusive mir. Jetzt würde ich vielleicht endlich herausbekommen, was hier eigentlich ablief. „Vor zehn Jahren sind wir das letzte Mal zusammengekommen und nun ist es wieder soweit, das Blut zu teilen, um fortzubestehen.“

Blut? BLUT? Was meinte sie mit Blut? Verdammt, war ich hier in einem satanistischen Ritual gelandet?

„Fünf Lykaner haben sich bereit erklärt zu gehen, damit wir leben können.“

Fünf Lykaner haben sich bereit erklärt zu gehen, damit wir leben können.

Zu gehen, damit wir leben können.

Zu gehen …

Während ich plötzlich bis ins Mark fror, brach um mich herum beifallender Jubel aus, der durch den ganzen Wald schallte. Sollte das hier ´ne Opferzeremonie werden, oder was? Und … und … die Opfer … mein Blick huschte zu Veith und den anderen vier Männern. Drei von ihnen lächelten, einer war auffällig nervös und Veith zeigte sich wie immer unergründlich, als würde ihn nichts berühren. Nur eines hatten die fünf gemeinsam – abgesehen davon, dass sie alle Männer waren und sich hin und wieder einen Pelz wachsen ließen, gegen den keiner Laserbehandlung ankam – eine innere Unruhe, die ich bis hier her spüren konnte.

Das Lächeln in den Gesichtern wirkte falsch und hinter der eisernen Fassade von Veith lag etwas verborgen, dass er niemanden sehen lassen wollte. Unwohlsein? Beklemmung? Angst?

„Sie werden gehen und damit die nächste Generation sichern!“

Ein paar Lykaner warfen ihre Köpfe in den Nacken und jaulten ihre Freude in die Nach hinaus, während vor meinem inneren Auge plötzlich spitze Athamen und Opfertische wie bei den alten Mayas auftauchen sah, die, getränkt vom Blut der Opfer, rot waren. Plötzliche Angst schnürte mir die Kehle zu und erst als Pal mir besorgt die Hand auf den Arm legte, merkte ich, wie ich zitterte. „Hey, was ist denn los? Verdammt, du bist eiskalt und total blass.“

Meine Hand verschwand zwischen seinen, in dem Versuch, sie wieder warm zu reiben, nur war die Kälte in mir nicht so einfach zu verbannen.

Mit einer Geste brachte Cui die Lykaner wieder zum Verstummen.

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