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Jenseits der Vernunft

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1. KAPITEL

Steinchen knirschten unter seinen Schuhsohlen, als Ryder Fitzgerald die Tür seines Wagens zuschlug.

Mit zusammengekniffenen Augen besah er sich die Gegend, oder was er davon in der Dunkelheit erkennen konnte – den mit Schlaglöchern gepflasterten Bürgersteig, die vernagelten Schaufenster der leer stehenden Geschäfte, die Eingangstüren, die dringend einen neuen Anstrich bräuchten, die abgeschlagene Ziegelsteinfront hinauf zu den dunklen Fenstern im ersten Stock. Das goldene Licht in den hohen Bogenfenstern im zweiten Stock war das einzige Zeichen von Leben in der ansonsten völlig verlassenen Straße.

Der Lack seines gepflegten Oldtimers schimmerte im Nieselregen, der Motor tickte leise, während er abkühlte. Da die einzige Straßenlaterne in der Nähe nicht funktionierte – die Glasscherben am Fuße des Pfahls bewiesen wohl, dass die Stadtwerke keine Schuld traf –, war der Mond die einzige Lichtquelle, die sich auf dem schwarzen Lack widerspiegelte.

In Gedanken verfluchte Ryder seine Schwester.

Lieber überprüfte er noch einmal, ob der Wagen auch wirklich verschlossen und der Alarm eingeschaltet war, dann starrte er auf den Notizzettel, auf dem Sam mit ihrer schwungvollen Handschrift die Adresse notiert hatte. Vielleicht hatte er sich ja verlesen … Nein.

Dieses verfallene Gebäude in einer von Richmonds Seitenstraßen beherbergte also tatsächlich die Amelia Brandt Dance Academy, und dort im Haus würde er wohl die Frau finden, die seine Schwester, Sam, angeheuert hatte, um den Hochzeitsgästen das Tanzen beizubringen. Da er seine Schwester in zwei Monaten vor dem Altar an den Bräutigam übergeben sollte, gehörte er offensichtlich mit zu den Auserwählten.

Eine Hochzeit. Das Konzept als solches stieß ihm sauer auf. Als er Sam an die peinliche Anzahl von Hochzeiten ihres Vaters erinnert hatte, auf denen sie als pflichtschuldige Tochter Gast gewesen war, hatte sie nur geschnaubt und ihm die Adresse in die Hand gedrückt.

„Die Lehrerin ist fantastisch!“, hatte sie geschwärmt. „Du wirst sie lieben. Wenn jemand es schafft, dass du wie Patrick Swayze tanzt, dann sie!“

Das sollte sie besser auch, bei den Preisen pro Stunde – auch wenn er keine Ahnung hatte, wer dieser Swayze sein sollte. „So lebenswichtig das auch sein mag … ich kann nicht garantieren, dass ich jeden Donnerstagabend um sieben Zeit für Tanzstunden habe. Also wirst du die Stunden wohl auch ohne mich nehmen müssen.“

Kein Problem, so hatte Sam ihm begeistert mitgeteilt, denn die Tanzlehrerin hatte sich zu privaten Tanzstunden bereit erklärt. Jederzeit, wann es ihm passte. Natürlich hatte sie das. Sam hatte der Frau wahrscheinlich ein kleines Vermögen geboten, genug, um sich für sechs Monate auf Weltreise abzusetzen.

„Selbst schuld. Du hast sie so verwöhnt“, brummte er in sich hinein, zerknüllte den pinken Notizzettel und warf ihn in einen überquellenden Abfalleimer.

Dann nahm er widerwillig die ersten Stufen der ausgetretenen Steintreppe, die zum Eingang führte. Es war eine drückend schwüle Nacht, wie Melbourne es nur selten erlebte. Er konnte es kaum abwarten, endlich aus seinem Anzug herauszukommen. Der Tag war lang gewesen, und er hatte jetzt überhaupt keine Lust, mit irgendeiner übertrieben geschminkten Grand Dame mit strengem Knoten und Crème de Menthe-Atem den Cha-Cha zu tanzen.

Aber er kannte Sams Dickkopfs. Er hatte Jahre damit verbracht, gegen ihre Sturheit anzugehen. Erfolglos. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann war es so. Es war einfacher, einmal klein beizugeben, als einen von Sams völlig hysterischen Anrufen ertragen zu müssen.

„Eine Stunde“, sagte er sich und drückte die schwere Eisentür auf.

Der Lift war außer Betrieb, wie das schief hängende Schild warnte. Zwischen den altmodischen Gittern wehten die Spinnweben in einem Luftzug, der eigentlich gar nicht existieren dürfte. Ryder war alles andere als beeindruckt, als er die Treppe hinaufstieg, die sich um den Liftschacht wand. Die Flurbeleuchtung bestand aus einer Kette von Glühbirnen, so verschmutzt, dass sie kaum Licht boten. Und je höher er kam, desto wärmer wurde es. Der erste Stock schien unbewohnt, im zweiten hingen alten Poster von Veranstaltungen, deren Daten jahrelang zurücklagen. Unter einer massiven schwarzen Tür schien Licht durch, ein Schild verkündete, dass sich hier die Amelia Brandt Dance Academy befand.

Er drehte den Türknauf. Stickige Hitze schlug ihm entgegen, als er eintrat. Sofort lockerte er seine Krawatte und öffnete die oberen beiden Hemdsknöpfe. Wenn er Sam das nächste Mal sah, würde sie etwas von ihm zu hören bekommen, soviel stand fest.

Keine Menschenseele war zu sehen, aber von irgendwoher kam der hämmernde Rhythmus eines bekannten R&B-Songs, einschließlich der eindeutigen Seufzer.

Sein Blick glitt durch den großen Saal. Aus reiner Gewohnheit kalkulierte er Raumhöhe, Kubikmeter, Kosten für Glasarbeiten. Die Wand mit den Bogenfenstern, in relativ gutem Zustand, schien noch das Original zu sein. An der Decke hingen große Fabrikventilatoren, die sich nicht drehten, des Weiteren eine ganze Reihe von alten Glaslüstern, die goldenes Licht auf das zerkratzte Parkett warfen.

Die Wand neben ihm war komplett verspiegelt, allerdings waren die Spiegel alle angelaufen, an der gegenüberliegenden Wand standen Spinde, die ihre beste Zeit lange hinter sich hatten, und ein Flügel. Ein bodenlanger Vorhang sollte wohl einen Nebenraum abtrennen, doch der Staub stieg Ryder bis hierher in die Nase. In einer Ecke lagen Hula-Hoop-Reifen, hohe Regale waren so mit Schallplatten und Partituren vollgestellt, dass es wirkte, als könnten sie jederzeit unter dem Gewicht zusammenbrechen. Und dann gab es auch noch ein riesiges altes Samtsofa, in dunklem Violett, die Art, auf dem sich eine Frau rekeln würde, um von einem auserkorenen Künstler gemalt zu werden.

Ryders nächster Schritt vorwärts ließ die alten Holzdielen knarren. Die Musik setzte aus, im gleichen Moment wurde der Vorhang zurückgeschlagen, und eine Frauenstimme ertönte. „Mr Fitzgerald?“

Er drehte sich zu der Stimme, und alle Bilder von einer Grand Dame, die ihre Blütezeit überschritten hatte, verpufften. Scheherazade kam auf ihn zugeschlendert.

Lange dunkle Locken, noch dunklere Augen, betont durch Kajal, Haut so hell, dass sie das Mondlicht zu absorbieren schien. Ein braunes Tanktop, auf Taillenhöhe verknotet, gab den Blick auf einen flachen Bauch frei. Ein knöchellanger Rock in Millionen von Erdtönen schwang bei jedem Schritt, den sie mit ihren bloßen Füßen auf ihn zukam, um ihre Beine.

Ryder reckte die Schultern. „Ich nehme an, Sie sind die Frau, die mich in Patrick Swayze verwandeln soll.“

Sie blinzelte, es zuckte kurz um ihre vollen Lippen, so flüchtig, als hätte es diese Andeutung eines Lächelns nie gegeben. „Nadia Kent“, stellte sie sich vor und streckte die Hand aus.

Er ergriff die dargebotene Hand und registrierte ihre Finger als weich, warm und unerwartet kräftig. Unter der porzellanenen Haut konnte er die blauen Adern sehen. Wärme lief seinen Arm hinauf, wie ein elektrischer Stoß, ausgehend von dem Punkt, wo ihre Haut sich berührte. Dann zog sie ihre Finger zurück, und die Empfindung schwand.

„Sie kommen zu früh.“ Der Hauch eines Vorwurfs lag in ihrer Stimme, und wenn er sich nicht täuschte, auch ein unmerklicher amerikanischer Akzent.

„Man sollte denken, dass das um diese späte Zeit doch eher gut ist.“ Er nahm ihren würzigen Duft wahr, als sie an ihm vorbeiging.

„Und wer hat diese späte Zeit gewählt?“

Touché.

Leicht wie ein Vogel setzte sie sich auf die Kante des Sofas, die dunklen Locken flossen ihr wild über die Schultern, der Rock wehte sacht um sie herum. Und Ryder fragte sich, wie eine Frau, die aussah, als hätte Mutter Erde selbst sie geboren, ausgerechnet in einer so düsteren Gegend wie dieser hier gelandet war.

Mit einer geschmeidigen Geste zog sie den Rock bis auf die Knie hoch, gab damit den Blick auf schlanke muskulöse Waden frei. Unter dem Sofa angelte sie nach einem Paar heller Schuhe mit flachem Tanzabsatz und schlüpfte hinein. „Sie sehen heiß aus“, sagte sie, ohne aufzuschauen.

„Danke.“ Seine automatische Antwort hallte in dem großen Saal wider. Das einzige Anzeichen, dass sie ihn gehört hatte, war in dem kurzen Innehalten ihrer Finger zu erkennen, als sie das letzte Riemchen schloss. Dann schob sie ihren Rock wieder über ihre Beine.

Flirtete er etwa? Ja, natürlich. Denn diese Frau war einfach … Sie fesselte ihn.

Auch als sie aufstand, schenkte sie ihm keinen Blick, befestigte stattdessen eine kleine Fernbedienung an den Bund ihres Rockes. „An Ihrer Stelle würde ich das Jackett ausziehen, Mr Fitzgerald. Es wird ziemlich warm hier drinnen, wenn wir anfangen, und ich möchte nicht, dass Sie mir ohnmächtig werden und ich Sie auffangen muss.“

Eine lächerliche Vorstellung, und für einen Moment glaubte er, so etwas wie Triumph in ihren Augen aufflackern zu sehen, doch das Glühen wurde sofort von den dunklen Tiefen verschluckt.

Nun, er würde ihr den Gefallen tun. Er schüttelte sich das Jackett von den Schultern und legte es, da es keinen anderen Platz gab, über die Armlehne des Sofas. Die voller Mottenlöcher war. Na großartig. Er zerrte sich die Krawatte vom Hals und warf sie zu seiner Jacke, öffnete die Manschettenknöpfe und rollte die Hemdsärmel auf. Es waren Bewegungen, die eher in ein Schlafzimmer passten als in einen Tanzsaal. Und so interessiert, wie sie ihn dabei beobachtete, wurde der Eindruck nur noch verstärkt.

Dann wandte sie den Kopf ab, ließ ihm damit die Möglichkeit, tief ein- und auszuatmen. Mit einem Gummi band sie ihr Haar zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammen, hob das Kinn an, klickte die Fersen aneinander – und Scheherazade war verschwunden. An ihre Stelle war die Tanzlehrerin getreten.

Was Ryder an den eigentlichen Grund seines Hierseins erinnerte. Jetzt begann er erst richtig zu schwitzen.

„Können wir das hier schnell abhandeln?“ Er sah die Rollen mit den Architektenplänen vor sich, die bei ihm zu Hause auf dem Zeichentisch warteten. Noch mehr davon lagen in seinem hypermodernen Büro in der Stadt. Seine eigenen Projekte und die, an denen sein Team arbeitete. Nicht, dass er die Unart seines Vaters geerbt hätte, sich zu verzetteln, er arbeitete einfach nur gerne. Lieber würde er die ganze Nacht am Zeichentisch stehen, als eine Stunde hier dieser Extravaganz zu frönen.

Nadia Kent schob sich den Rock einen Zentimeter tiefer auf die schlanken Hüften. „Müssen Sie an einem Dienstagabend nach zehn Uhr abends noch irgendwo anders hin, Mr Fitzgerald?“

„Es gibt wichtigere Dinge, die ich erledigen könnte, ja.“

„Es liegt also nicht daran, dass es Ihnen einfach nur peinlich ist, Tanzunterricht zu nehmen?“

Er kniff die Augen zusammen, trotzdem ließ sich das Lächeln nicht zurückhalten. „Was soll ich sagen? Ich bin eben ein begehrter Mann.“

„Da werde ich mich auf Ihr Wort verlassen müssen. Aber jetzt …“ Sie klatschte in die Hände, und der Laut hallte im Saal wider. „Wo haben Sie Ihre Gymnastikhose?“

„Wie bitte?“

„Ihre Gymnastikhose. Ich hoffe doch, dass Sam Sie entsprechend informiert hat. Sie brauchen die Bewegungsfreiheit, die Gymnastikhosen bieten, wenn wir einen Eindruck von Ihrer Gelenkigkeit und Lernfähigkeit bekommen wollen.“

Er war sicher, dass sie ihn auf den Arm nahm. Nun, zu neunzig Prozent. Was seine Nackenhärchen nicht davon abhielt, sich aufzurichten. „Miss Kent, sehe ich aus wie ein Mann, der auch nur in die Nähe eines Ortes käme, an dem Gymnastikhosen Voraussetzung sind?“

Er selbst hatte die Tür aufgestoßen, das war ihm klar, dennoch … Als diese exotischen dunklen Augen ihn von Kopf bis Fuß musterten, spürte er das Ziehen in seinen Lenden. Und als die Frau dann auch noch diesen vollen Mund, der genauso sinnlich war wie alles an ihr, zu einem breiten Lächeln verzog, verkrampfte sich sein Magen zu einem harten Stein. Ryder senkte die Stimme. „Miss Kent, wenn Sie so mit Ihren Kunden umgehen, die zu früh kommen, dann möchte ich sehen, was Sie mit denen machen, die zu spät auftauchen.“

„Nein“, erwiderte sie schlicht, „das möchten Sie nicht.“ Sie zog die kleine Fernbedienung von ihrem Rock und hielt sie über die Schulter, drückte auf Start. Pianomusik erklang aus verborgenen Lautsprechern, begleitete eine rauchige Frauenstimme. „Aber jetzt … Sie bezahlen eine Menge Geld, Mr Fitzgerald, da Sie mich so spät noch gebucht haben. Sehen wir zu, dass Sie für Ihr Geld auch etwas bekommen.“

Als sie ihn mit dem Zeigefinger lockte, zu ihr zu kommen, wurde ihm leicht flau. Er hob beide Hände vor sich hoch. „Es gibt noch eine andere Möglichkeit.“

Aha, dachte er, als er das kurze Aufflackern in ihren Augen sah. Er war also nicht der Einzige, der … diese Anziehungskraft? Dieses Bewusstsein? … verspürte. Irgendetwas war es auf jeden Fall.

„Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen den vollen Stundensatz zahle und wir es einfach vergessen? Sam muss es ja nicht erfahren.“

„Gut, einverstanden. Aber wenn Sie auf Sams Hochzeitsfeier beim Tanzen über die eigenen Füßen stolpern und vor aller Augen auf dem Boden landen … wie erklären wir ihr das?“

Für einen verrückten Sekundenbruchteil fragte er sich tatsächlich, ob er hier eine Hexe vor sich hatte. Fünf Minuten, und schon hatte sie seine Achillesferse ausgespäht.

„Wenn Sie jetzt endlich so weit sind, Mr Fitzgerald … Also wirklich, ich unterrichte Zweijährige, die weniger Aufstand machen. Und Sie sind doch schon ein großer Junge, oder?“

Graziös hob sie die Arme, stellte sich in Position, erwartete offenbar von ihm, dass er es ihr nachtat. Als sich nicht mehr an ihm regte als ein Muskel in seiner Wange, stapfte sie die letzten beiden Schritte schimpfend auf ihn zu, zog seine Arme mit erstaunlicher Kraft in einen offenen Halbkreis, in den sie sich dann stellte.

Aus der Nähe erkannte er mahagonifarbene Strähnen in ihrem Haar, und über ihre Nase liefen tatsächlich winzige Sommersprossen …

Dann verflüchtigte sich auch der letzte Gedanke, als sie seine Hand an ihre Hüfte legte und er Haut fühlte. Seidige Haut. Warme Haut. Ihre Haut.

Sie gab ihre rechte Hand in seine linke, und die Hitze der Nacht wurden zwischen ihnen gefangen.

„Nadia.“

„Ja, Ryder?“ Sie ahmte seinen ernsten Ton nach.

„Es ist eine Weile her, seit ich …“

Die Reihe weißer Zähne, die bei ihrem Lächeln aufblitzte, zog seinen Magen noch härter zusammen.

„Ich werde behutsam sein, Ehrenwort. Aber Sie müssen mir vertrauen. Sie vertrauen mir doch, Ryder, oder?“

„Nicht die Spur.“

Nadias Lächeln wurde zu einem Grinsen. Mit der Zungenspitze fuhr sie sich über die Zähne, zog die Zunge wieder zurück in den Mund.

Vielleicht keine Hexe, aber sicher eine Sadistin, so, wie sie das hier genoss. „Nadia …“

„Oh, Herrgott! Eine allerletzte Frage. Und dann halten Sie den Mund und tanzen.“

Faszinierend, sadistisch und herrisch dazu. Eine gewagte Kombination, aber sündhaft sexy. Er achtete darauf, dass sie ihm in die Augen schaute, bevor er fragte: „Wer ist Patrick Swayze?“

Sie lachte schallend los. Ließ den Kopf in den Nacken fallen, beugte den Oberkörper zurück – und schob dadurch ihre Hüften vor und geradezu schamlos eng an seinen Schoß. Eine heiße Welle der Lust schwappte über ihn. Großer Gott!

Ihre Hand landete auf seiner Brust. „Legen wir die Latte nicht gar so hoch, einverstanden, Leichtfuß? Setzen wir uns zum Ziel, dass Sie die ersten drei Minuten auf dem Parkett überleben, ohne die Braut in Verlegenheit zu bringen.“

Ihre Nähe, ihr Duft, ihre Hand auf seiner Brust und ihr Schoß an seinem brachten sein Blut dazu, donnernd durch seine Adern zu rauschen, und seine Stimme klang rau wie Sandpapier, als er die schicksalhaften Worte aussprach: „Womit fangen wir an?“

„Mit dem alle erfolgreichen Tanzpartner anfangen – mit dem Anfang.“ Und während die Musik durch den Raum schwebte, erklärte sie ihm, dass er sich vom Rhythmus treiben lassen sollte. Mitschwingen sollte. Sich von seinen Hüften führen lassen sollte.

Ryder biss die Zähne zusammen. Er wünschte, Sam wäre nie geboren worden. Ein Gedanke, der für ungefähr drei Sekunden anhielt, dann riss er sich zusammen. Das Mädel mochte vielleicht der eine Störfaktor in seinem ansonsten geordneten Leben sein, aber sie war auch das Beste, was ihm je passiert war.

Er war elf gewesen, als seine Mutter starb. Kurz darauf hatte sein Vater wieder geheiratet, das Baby war schon unterwegs gewesen. Selbst als Kind hatte Ryder verstanden, was das bedeutete: Sein alter Herr war seiner Mutter untreu gewesen, einer Frau von solch enormer Stärke, mit einem so großen Herzen. Und das Schlimmste: Sie musste es gewusst haben, so sterbenskrank sie auch gewesen war.

Prompt stieg bittere Galle in seinen Mund. Hastig drängte er die Erinnerung zurück in das dunkle Verlies in seinem Innern, aus dem sie sich befreit hatte. Stattdessen dachte er an den Tag von Sams Geburt. Als er das erste Mal in die großen grauen Augen geblickt hatte, da hatte er sich geschworen, sie niemals im Stich zu lassen, denn ihr Vater – sein Vater – würde sie enttäuschen und sie zur Seite stoßen, um seine Ziele durchzusetzen.

Und obwohl sie das schlechte Beispiel ihres Vaters vor Augen hatte, ging die Kleine jetzt völlig in den eigenen Hochzeitsvorbereitungen auf. Trotz allem wollte sie heiraten …!

„Konzentration!“

Der erstaunlich kräftige Kniff in seine Hand holte ihn in die Gegenwart zurück. Grimmig funkelte er Nadia an, und sie starrte genauso verärgert zurück. „Ich kann das hier wirklich nicht gebrauchen, Nadia. Bringen Sie mir einfach bei, wie ich einen Überwurf mache, ohne mir den Rücken zu verrenken, und dann sind wir fertig hier.“

„Erstens: Es heißt Miss Nadia. Das verlangt das Protokoll. Und zweitens: Je eher Sie aufhören zu nörgeln und mitmachen, desto schneller ist die Stunde vorbei.“

Es war die pure Folter. Nicht nur waren ihre Hände überall, auf seinen Armen, seinen Schultern, seiner Brust, es war auch schwierig für einen Mann, der das Sagen über sein eigenes Multi-Millionen-Dollar-Architektenbüro hatte, sich plötzlich Anordnungen zu fügen. Zusätzlich musste er auch noch mit dem Duft ihrer Lockenmähne fertig werden, mit der Versuchung der seidigen nackten Haut, und da waren auch noch die schimmernden dunklen Augen, die lockten und verführten.

Mit einem wissenden Lächeln stellte sie endlich die Musik ab.

„Sind wir fertig?“, fragte er.

„Für heute.“ Damit ließ sie ihn stehen und ging – nachdem sie sich eine Stunde lang so nah gewesen waren, wie ein Mann und eine Frau sich nur sein konnten, ohne sich niederen Instinkten zu ergeben.

Sie löste den Pferdeschwanz und lockerte ihre Mähne mit den Fingern auf, sah über die Schulter zu ihm zurück, während sie sich einen Schal um den Hals wickelte. „Kommen Sie das nächste Mal in lockerer Hose und T-Shirt. Und bringen Sie einen Pullover mit. Auch wenn es draußen heiß ist … nach einem solchen Training kühlt man immer schnell aus.“

Auskühlen … das war jetzt sogar dringend nötig. „Ich begleite Sie nach unten.“

Ihre Augenbrauen verschwanden unter einer lockigen Strähne. „Danke, aber das ist nicht nötig. Ich kann auf mich selbst aufpassen. Ich bin an düstere Gegenden gewöhnt.“

Richmond war alles andere als düster, aber da er mit einer kleinen Schwester aufgewachsen war, die den Hang gehabt hatte, nachts aus dem Fenster zu steigen, war sein Beschützerinstinkt stark entwickelt. „Es ist elf Uhr nachts. Ich begleite Sie.“

Erst musterte sie ihn mit ihren glühenden Augen, dann zuckte sie lächelnd die Schultern. „Tun Sie, was Sie nicht lassen können.“

Er nahm Jackett und Krawatte, während sie das Licht an einer uralten Schaltzentrale abschaltete. Der Mond fiel durch die Fenster auf die Lüster, die hässlichen Fabrikventilatoren und die schweren Balken, die über die hohe Decke liefen. Für die Reproduktion einer solchen Decke zahlten die Leute heute Rekordpreise.

Mit einem Räuspern forderte Nadia ihn auf, das Studio zu verlassen, dann zog sie die Tür hinter ihm zu, gab der Schwelle noch einen Tritt und schloss ab.

Ryder folgte ihr die steile Wendeltreppe hinunter. Das fahle Treppenhauslicht warf einen unheimlichen Schein auf die schäbigen Wände. Aber wenn man von hier oben nach unten sah, war der Treppenverlauf um den Aufzugschacht eigentlich ein großartiges Design. Würde der Aufzug funktionieren …

Völlig unwichtig, dachte er irritiert. Dieses Gebäude sollte abgerissen werden. Und man brauchte kein Psychologe zu sein, um zu wissen, warum die baufällige Struktur einen solchen Charme auf ihn ausübte. Seine kreative Mutter hätte sich sofort in dieses Haus verliebt. Ihr Nachlass an die Welt waren die wunderbaren Skulpturen, die sie aus gefundenen, vergessenen, verlorenen, weggeworfenen Dingen geschaffen hatte. Das Erbe an ihren Sohn war das Wissen, dass einem das Herz gebrochen wurde, wenn man seinem Ruf folgte.

Er verdrängte die schwermütigen Gedanken und richtete den Blick auf den Ausgang.

„Sehe ich Sie nächste Woche?“, fragte Nadia, als sie die Tür öffnete und gemeinsam mit ihm in die schwüle Nacht hinaustrat.

„Ich fürchte, ja.“

„Sam hat Sie komplett um den kleinen Finger gewickelt, nicht wahr? Sie war mir schon vorher sympathisch, aber jetzt habe ich echten Respekt vor der Frau.“

Ryder schnaubte leise und schob die Hände in die Hosentaschen, um sich davon abzuhalten, etwas Dummes zu tun, wie zum Beispiel, das nackte Stückchen Haut zwischen Rockbund und Top zu finden und sie an sich zu ziehen. Oder die Finger in ihre wirre Lockenmähne zu schieben und den Mund auf ihre vollen Lippen zu pressen, bis ihr das überlegene Grinsen verging.

Doch er hielt sich eisern zurück. So reizvoll sie auch war, die nächsten Wochen bis zur Hochzeit musste er ohne Komplikationen überstehen. Sich mit der schlanken und geschmeidigen Tanzlehrerin einzulassen, die, wie er schnell begriffen hatte, seiner Schwester eine Freundin geworden war, wäre das genaue Gegenteil.

Und deshalb sah er an dem verfallenen Gebäude hoch, anstatt sich in ihren Augen und all der Sinnlichkeit, die sie ausstrahlte, zu verlieren. „Wissen Sie, wem dieses Haus gehört?“ Als er sich wieder umdrehte, sah er Nadia schon halbwegs die Straße hinunter.

„Mich brauchen Sie nicht zu fragen“, antwortete sie über die Schulter. „Ich arbeite nur hier.“

Und so blieb er allein in der Nacht zurück und spürte genau, wie schnell sein Körper auskühlte.

Kurz nach Mitternacht fiel Nadia ins Bett – wortwörtlich. Komplett angezogen, stand sie am Fußende und ließ sich mit dem Gesicht voraus auf die zerwühlten Laken fallen.

Und die Dunkelheit hinter ihren geschlossenen Lidern wurde zur Leinwand, auf der der Film ihrer Erinnerungen ablief …

Das Geräusch von Schritten war durch den Song gedrungen, zu dem sie frei tanzte. Sie hatte sich ertappt gefühlt, benommen, atemlos. Als der Schwindel sich gelegt hatte, hatte sie sich das Schimmern von der Haut getupft – Männer schwitzen, Frauen transpirieren, Ladies schimmern, hatte ihre gestrenge Großmutter immer gesagt – und lugte durch den Vorhang.

Sie hatte eine männliche Version von Sam erwartet – groß, fröhliches Grinsen, zwei linke Füße, attraktiv auf eine heitere, unbeschwerte Art … und sie hatte sich grundlegend geirrt.

Ryder Fitzgerald war groß, ja, aber da hörten die Ähnlichkeiten auch schon auf. Attraktiv reichte bei Weitem nicht, um den Mann zu beschreiben. Er war einfach umwerfend. Elegant, dunkel, faszinierend, das Ganze umhüllt von einer Aura ursprünglichen Sexappeals, als hätte er in Testosteron gebadet.

Hastig hatte sie sich hinter den Vorhang zurückgezogen und voller Entsetzen festgestellt, dass ihre Hände zitterten. Das Blut war wild durch ihre Adern gerauscht. Und mehr als „Oh nein!“ hatte sie nicht denken können.

Eigentlich konnte sie sich keine Vorwürfe machen. Die Trennung von ihrem Ex war jetzt über ein Jahr her. Ehrlich gesagt, es war noch viel länger her, seit sie eine auch nur annähernd so spontane, herrlich sündige körperliche Reaktion auf einen Mann verspürt hatte. Als Frau, die ihr ganzes Leben darauf verwandt hatte, ihren Körper kennenzulernen und ihn zu trainieren, war es ein unnatürlicher Zustand, dass ihr Körper zu einer gefühlsneutralen ...

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