Logo weiterlesen.de
Jene Tage in Lissabon

EILEEN RAMSAY

Jene Tage
in Lissabon

ROMAN

Aus dem Englischen
von Katharina Förs und Sonja Schuhmacher

BASTEI ENTERTAINMENT

Kapitel 1

Sosehr der Wind auch um das alte Steinhaus tobte, in ihrem Apartment im ersten Stock war es warm. Alexandrina Frobisher schaute sich in ihrem gemütlichen Wohnzimmer um und bedauerte einen Moment, dass sie sich keinen Weihnachtsbaum besorgt hatte. Am Vormittag hatte sie auf der Market Street ein paar Stechpalmenzweige mit roten Beeren gekauft, die sie schlicht und elegant mit roten Kerzen arrangieren wollte. Diesmal wollte sie keine ausufernde Dekoration mit gläsernen Schneemännern nebst Hirten aus Ton, Nussknackern aus Holz und Weihnachtsmännern aus allen denkbaren Materialien. Auch das Weihnachtsfest sollte Ausdruck der neuen Alexandrina Frobisher sein – schlicht, elegant und vollkommen autark.

Beim Gedanken an den Weihnachtsprunk der Vergangenheit seufzte Alex und tröstete sich damit, dass sie erst vor ein paar Tagen beobachtet hatte, wie Professor Andrews von nebenan einen mindestens zweieinhalb Meter hohen Christbaum über seinen schmalen, verschneiten Gartenweg schleppte. Der Baum bot jede Menge Platz für Engel, Sterne, Zinnsoldaten und dergleichen mehr, an denen sie sich morgen Abend beim Dinner sattsehen konnte. Es war wirklich nett, dass die Nachbarn sie eingeladen hatten, obwohl sie mit der Familie bisher nur ein paar typisch britische Floskeln ausgetauscht hatte wie »Scheußliches Wetter heute« oder »Was für ein herrlicher Tag!«. Alexandrina hatte sich schon auf ein einsames Weihnachtsessen mit Hühnerbrust und Rosenkohl eingestellt. Seit ihre Eltern bei diesem schrecklichen Unfall ums Leben gekommen waren, hatte sie nur allzu viele Festtage allein verbracht, denn Geoffrey feierte natürlich stets mit seiner Frau.

»Nächstes Jahr, Liebling. Nächstes Jahr kann ich sie verlassen.«

Elender Lügner! Aber es geschah ihr recht, denn schließlich hatte sie dummerweise geglaubt, was sie glauben wollte, statt sich an die unwiderlegbaren Tatsachen zu halten.

Alexandrina saß auf dem Teppich vor dem offenen Kamin – würde die Wohnung ihr gehören, würde sie den Teppich rauswerfen, aber dazu hätte sie so verrückt sein müssen, die Wohnung zu kaufen. Nun stand sie auf und ging durch die Verbindungstür ins Esszimmer, um die Geschenke für ihre Nachbarn einzupacken. Aber zuerst würde sie sich ein Glas Wein genehmigen. Sie nahm eine Flasche chilenischen Roten aus dem kleinen Gestell auf dem Sideboard – es hatte Vorteile, wenn man einige Jahre lang in der Londoner City unverschämt gut verdient hatte; so konnte sie sich die hervorragenden Weine leisten, die sie in der Zeit mit Geoffrey zu schätzen gelernt hatte. Dieser war ein Pinot Noir Reserve Las Brisas aus dem Jahr 2004 – eigentlich zu edel, um ihn allein zu trinken, aber schließlich war heute Heiligabend. Sie entkorkte die Flasche gekonnt und warf dabei einen Blick in den Spiegel über dem Sideboard. Nicht schlecht für Anfang dreißig. Der türkisblaue Pullover betonte ihr glänzendes braunes Haar. Alex schenkte sich ein Glas ein und prostete ihrem Spiegelbild zu. »Fröhliche Weihnachten, Alex! Du feierst Heiligabend allein, weil du es so gewollt hast!«

Dann machte sie sich an die Arbeit. Ein schöner, langer Abend lag vor ihr. Sie würde Geschenke einpacken, kochen und essen. Sie überlegte kurz – ein Omelette, ja, und sich dazu noch ein Glas von diesem feinen Wein gönnen. Anschließend wollte sie lesen oder Musik hören oder vielleicht auch in einer der schönen alten Kirchen die Mitternachtsmette besuchen. Wie viele Metten hatte sie in den letzten Jahren versäumt, weil ja die Möglichkeit bestanden hatte, dass Geoffrey sich für eine Stunde freimachen konnte oder wenigstens anrief, um ihr frohe Weihnachten zu wünschen?

Heute Abend würde er nicht anrufen. Aber selbst wenn er es beabsichtigte, sie hatte London bereits verlassen, noch bevor er begriffen hatte, dass es ihr diesmal ernst war. Ihre neue Adresse und Telefonnummer kannte er nicht, und die wenigen guten Freunde, die ihr über die zehn langen Jahre ihrer Affäre treu geblieben waren, würden eher über glühende Kohlen gehen, als sie ihm zu verraten. Sie entschied sich für die Messe.

Alex stellte ihr Glas ab. Um ihr langes, glattes Haar zu einem Knoten zu schlingen, brauchte sie nicht einmal in den Spiegel zu blicken. Sie tat es gedankenlos, ohne zu ahnen, wie schön ihre Nackenpartie war.

Trag dein Haar nicht so, sonst siehst du aus wie eine Bibliothekarin!

Ich mag Bibliothekarinnen, Geoffrey; ich habe überhaupt nichts gegen ihr Aussehen.

Schon sechs volle Monate! Ich sollte wirklich nicht mehr an ihn denken, dachte Alex. Ich glaube, ich mache Skiurlaub in Norwegen, lerne einen tollen Skilehrer kennen, den ich in einer Blockhütte mit allem Komfort bei einem loderndem Feuer und vielen Flaschen von diesem Wein verführe.

Lachend widmete sie sich wieder ihren Geschenken. Gegen elf, als sie bereit zum Aufbruch war, zog sie ihren langen weißen Wollmantel über ihre alte Freizeithose und den hübschen Pullover. Da sie gern die oberen Knöpfe offen ließ und der blaue Polokragen hervorlugte, entschied sie sich für eine bunte Wollmütze aus Peru mit dunkelblauem Grundton und passenden Fäustlingen, ein folkloristisches Ensemble – perfekt für Heiligabend. Sie nahm nur ihren Schlüssel und Geld für die Kollekte mit. Fertig.

Sie trat hinaus auf die offene, außen angebaute Treppe, ein Zeichen dafür, dass dieses wunderschöne Gebäude aus der Zeit König Edwards in Einzelwohnungen aufgeteilt worden war, und schaute sich um. Der Wind hatte sich gelegt, und wie es sich für Weihnachten gehörte, leuchteten Mond und Sterne vom klaren Himmel, als wollten sie sich von ihrer besten Seite zeigen. Neuschnee gab es nicht, aber der Schnee, der bereits lag, war hart gefroren und funkelte im Mondlicht. Als Alex sich umdrehte und die Tür schloss, damit die Wärme der teuren modernen Heizung nicht entwich, sah sie den Lichterschmuck der großen Tanne im Garten der Andrews’, aber deren Haus war weitgehend dunkel, was ihr ungewöhnlich vorkam. Vielleicht gingen die Nachbarn ja früh zu Bett. Schließlich kannte Alex die Familie erst seit wenigen Monaten, und sie waren bisher eher Bekannte als Freunde. Umso mehr wusste sie die Einladung zum Weihnachtsessen zu schätzen, auch wenn sie, von Natur aus schüchtern, zuerst versucht hatte, sie auszuschlagen. Alex eilte die Treppe und die halbkreisförmige Einfahrt hinunter und warf auf ihrem Weg zur Kirche hin und wieder einen Blick über die Zäune in die Fenster; sie zählte Christbäume, eine aus Kindertagen herübergerettete Angewohnheit, und sah, wie die Familien feierten. Schließlich erreichte sie die alte Steinkirche.

Sie war bereits so voll, dass Alex nur ziemlich weit vorn einen Platz fand. Mit geschlossenen Augen saß sie da und staunte, wie vertraut ihr alles war: das leise Orgelspiel, der Duft von Kerzen und Weihrauch, das Gefühl der Vorfreude. Sie war wieder zehn Jahre alt, zum ersten Mal in der Mitternachtsmette und platzte fast vor Glück.

Der Organist riss sie mit einem kraftvollen Präludium aus den Träumen, das ihr Gänsehaut bereitete. Kommet ihr Hirten dröhnte die Orgel, und Alex erhob sich wie alle anderen. Die Messe begann, und sie nahm aufmerksam teil, aber in ruhigen Augenblicken betrachtete sie den Altar und die Wände: überall Blumen, Stechpalmenzweige, Adventssterne und Kerzen. Der Christbaum am Altar war geschmückt mit Bastelarbeiten von Kindern, zu denen niemand gesagt hatte: »Ach, nein, deine ist nicht so gelungen.« Alex bewunderte jeden schlappen Engel und jeden noch so schäbigen Hirten und wünschte, sie könnte ein paar davon mit nach Hause nehmen in ihre minimalistisch dekorierte Wohnung.

Auf dem Heimweg wünschten ihr fremde Passanten »Frohe Weihnachten«, und sie erwiderte den Gruß. Die Leute aus der anderen Wohnung in ihrem Haus verbrachten den Winter auf den Bahamas; abgesehen von dem Licht, das sie in Wohnzimmer und Flur angelassen hatte, war das Gebäude dunkel. Durch das Tor in der Gartenmauer sah sie, dass auch nebenan nur noch ein Licht brannte; die Weihnachtsbaumbeleuchtung im Garten war abgeschaltet.

Ein Gedanke ließ sich nicht unterdrücken: Ich sollte einen Menschen haben, der die Feiertage mit mir verbringt, jemanden, den ich liebe und der mich liebt.

Alex öffnete die Tür zu ihrer leeren Wohnung, und weil niemand da war, den es gestört hätte, legte sie Händels Messias auf, Musik, von der sie noch am Nachmittag gedacht hatte, sie habe sie schon öfter als nötig hören müssen, und drehte die Lautstärke voll auf, während sie sich auskleidete. Mit den Weihnachtswünschen der Fremden im Ohr schlief sie ein.

Kapitel 2

Lucy hörte das Telefon klingeln, als sie, mit mehreren Päckchen beladen, vorsichtig den Weg heraufkam. Die Pflastersteine waren selbst bei schönem Wetter nicht ungefährlich, und jetzt taten sich zwischen zwei gefrorenen Schneeschichten Furchen auf, in denen man leicht mit dem Absatz hängen bleiben konnte. Trotzdem beeilte sie sich nun ein wenig, denn sie war sicher, dass Sam endlich zurückrief. Wie hatte sie nur an ihm zweifeln können? Was für eine absurde Vorstellung zu glauben, er wolle sie dafür bestrafen, dass sie in letzter Minute den Skiurlaub mit ihm abgesagt hatte! Das Telefonklingeln riss ab. Bestimmt war Mum rangegangen, und Lucy hoffte, ihre Mutter würde für alle Fälle aus dem Fenster schauen, ehe sie Sam bat, es später noch einmal zu versuchen.

Der Achtzentimeterabsatz ihrer Überkniestiefel blieb nicht in einer Eisfurche hängen. Nein, es war eine Fuge zwischen zwei Pflastersteinen, die Lucy zum Verhängnis wurde. Sie wurde abrupt abgebremst, schlug der Länge nach hin und verstreute ihre Päckchen auf dem Rasen und unter den Rosenbüschen im Winterschlaf.

»Naninanu.« Das war ihr neuester Lieblingsspruch. Ihre Mutter hatte sich nämlich über die Kraftausdrücke beklagt, die sie sich an der Universität angeeignet hatte, während sie sich auf ihren inzwischen mit Bravour abgelegten Bachelor-Abschluss vorbereitete; deshalb wählte sie inzwischen harmlosere Formulierungen, um sich bei Stress Luft zu machen. Mühsam rappelte sie sich auf und stellte dann fest, dass ihr Absatz sich nicht befreien ließ.

»Verdammt noch mal!« Sie fiel in alte Gewohnheiten zurück. Wenn sie es mit Gewalt versuchte, würde das Leder kaputtgehen, und diese Stiefel hatten weit mehr gekostet, als sie sich guten Gewissens leisten konnte, aber unterdessen plauderte Sam womöglich mit Mum, statt seiner Freundin Lucy zu versichern, wie sehr sie ihm fehlte. Ohne auf den Schaden zu achten, den sie womöglich anrichtete, befreite Lucy sich, schnappte sich die Päckchen, die in Reichweite lagen, und rannte zur Haustür.

Suzanne, ihre Mutter, stand im Flur und sprach noch, besser gesagt, sie hörte zu.

»Mum?« Merkte Suzanne denn nicht, dass ihr einziges Kind hinter ihr stand und darauf brannte, mit Sam zu sprechen? Doch jetzt bemerkte Lucy, dass Suzannes Haltung irgendwie seltsam war: Sie umklammerte den Hörer mit beiden Händen, und ihre Schultern waren gebeugt, als ducke sie sich unter einem Schlag. »Mum, wer ist dran? Was ist los?«

Suzanne beachtete ihre Tochter nicht, sondern lauschte konzentriert. Sie ließ aber zu, dass Lucy ihr die Hand auf den Arm legte. Nach ein paar Minuten seufzte sie, sagte »Also gut« und reichte Lucy den Hörer. »Es ist dein Vater«, erklärte sie und entfernte sich rasch. Ihre Absätze klapperten auf den alten Steinfliesen.

Lucy schaute ihr hinterher. Offenbar stimmte etwas nicht. »Dad?«

»Es tut mir leid, Lucy. Deine Mutter wird es dir erklären. Ich habe nicht gewollt, dass es so weit kommt, aber ich werde fair sein, das verspreche ich.«

Lucy hatte seit dem Telefonklingeln verschiedene Gefühlsregungen durchgemacht: freudige Erwartung, Enttäuschung, Aufregung, Angst. Sie war gekränkt, weil Sam sich noch nicht gemeldet hatte, aber nun empfand sie Wut, Wut auf Sam und aus einem unbekannten Grund auch auf ihren Vater. »Wovon redest du? Warum bist du nicht hier? Warum ist Mum so durcheinander?«

Auf diese Fragen ging er gar nicht erst ein. »Ich muss los, Lucy. Ich hab dich lieb. Frohe Weihnachten!« Sein Tonfall war gereizt, offenbar wollte er möglichst schnell auflegen.

»Frohe Weihnachten!«, antwortete sie automatisch, aber wahrscheinlich bekam er es gar nicht mehr mit, denn es herrschte bereits Funkstille. Sie legte den Hörer behutsam auf, sah auf die Uhr, als wolle sie sichergehen, dass ihr Dad eigentlich schon vor Stunden hätte zu Hause sein sollen, und folgte ihrer Mutter in die Küche. Suzanne saß gebeugt da wie eine alte Frau, die sich am Herd wärmen möchte, und Lucy eilte zu ihr. »Mum, was ist los? Was ist passiert?«

Suzanne antwortete nicht, sondern wiegte sich vor und zurück. Lucy fühlte sich vollkommen hilflos. Was sollte sie tun? So hatte sie ihre Mutter noch nie erlebt. Sie ging in die Knie und tätschelte Suzannes verkrampfte Hand, während ihr unablässig die Worte ihres Vaters durch den Kopf gingen. Ich werde fair sein. Ich habe nicht gewollt, dass es so weit kommt. Frohe Weihnachten!

Frohe Weihnachten!

Sie stand auf und lief ins Esszimmer. Brandy. Das war es doch, was man in ballonförmigen Gläsern reichte, wenn jemand einen Schock erlitten hatte? Solche Gläser fand sie nicht, deshalb füllte sie Brandy in zwei Sherrygläser und kehrte damit in die Küche zurück. Vielleicht hatte Suzanne in der Zwischenzeit wieder zu sich gefunden und stand wie sonst an Heiligabend an dem blank geschrubbten Holztisch und putzte und würfelte bergeweise Gemüse.

Aber Lucy fand Suzanne genauso vor, wie sie sie zurückgelassen hatte. Sie stellte ein Glas auf den Tisch und bot das andere ihrer Mutter an. Suzanne rührte sich nicht; Lucy hielt ihr das Glas an die Lippen. Suzanne prustete beim ersten Schluck, nahm ihrer Tochter das Glas aus der Hand und trank es aus.

»Geht’s jetzt besser? Du hast mir einen schönen Schreck eingejagt. Was ist denn bloß los?« Sie freute sich, dass Suzannes fahles Gesicht wieder ein bisschen Farbe bekam.

»Hat er es dir nicht gesagt?«

Lucy erkannte die Stimme ihrer Mutter kaum wieder. »Er hat gesagt, er hätte es nicht gewollt oder so ähnlich, und hat mir frohe Weihnachten gewünscht.«

Suzanne lachte, aber es klang unnatürlich, beinahe hysterisch. »Frohe Weihnachten!« Sie stand auf und nahm das zweite Glas vom Tisch. »Frohe Weihnachten!«, wiederholte sie, prostete ihrer Tochter zu und stürzte den Brandy in einem Zug herunter.

Lucy war besorgt. »Langsam, Mum! Ich habe dich noch nie auf ex trinken sehen.«

Suzanne schaute sich um, als suche sie nach der Flasche. »Ich bin auch noch nie verlassen worden. Dein Vater, der hoch geschätzte Herr Professor Peter Andrews, hat angerufen und mitgeteilt, dass er nach Boston fliegt – in Massachusetts, nicht Lincolnshire«, fügte sie sarkastisch hinzu, »und dass er nicht mehr zurückkommt. Er hat dort bereits eine Stelle an der Universität, und die Krönung ist: Sally Burnett geht mit ihm. Die beiden treiben es seit zwölf Jahren miteinander.« Schockiert registrierte Lucy die erstaunlich unverblümte Ausdrucksweise ihrer Mutter. Aber deren alkoholinduzierte Tapferkeit hielt nicht lange an, und sie fragte mit geradezu kindlicher Stimme: »Wie konnte er mich bloß so lange betrügen, ohne dass ich etwas geahnt habe?«

Lucy, der inzwischen auch danach zumute war, Brandy auf ex zu trinken, nahm ihrer Mutter das leere Glas aus der Hand. »Das muss ein Irrtum sein. Weißt du was, ich hab meine Einkäufe in den Schnee fallen lassen. Ein paar Päckchen liegen noch draußen. Ich gehe rasch raus und sammle sie ein, bevor alles hin ist. Zum Glück war nicht viel Zerbrechliches dabei.« Suzanne starrte immer noch ins Leere. Noch einen Brandy? Tee? Lucy füllte den Wasserkocher und schaltete ihn an. »Du hättest mich sehen sollen, Mum«, sagte sie in der Hoffnung auf ein Lächeln. »Mein rechter Fuß wollte vorwärts, aber der linke hat gestreikt«, quasselte sie drauflos, um die Mauer zu durchdringen, die ihre Mutter um sich errichtet hatte. Normalerweise hätte Suzanne nun Mitgefühl gezeigt. »Meine neuen Stiefel sind ruiniert, ganz zu schweigen von meinen Händen«, plapperte sie weiter. »Bin gleich wieder da.«

Der Gesichtsausdruck ihrer Mutter versetzte Lucy einen Stich – stumme Trauer, ja, das war es, stumme Trauer, aber Lucy musste ihre Einkäufe retten. Es war zwar unwahrscheinlich, dass jemand die Sachen klaute, nicht hier, aber man wusste ja nie, und heute war schließlich Weihnachten. Verzweifelte Menschen begehen Verzweiflungstaten, und einer von Lucys Dozenten hatte behauptet, dass an Heiligabend mehr Verzweifelte unterwegs seien als an jedem anderen Tag des Jahres. Lucy glaubte das gern; sie war ja selbst ziemlich verzweifelt.

Das Weihnachtskartenpanorama, das sich ihr bot, als sie die Haustür öffnete, munterte sie aus irgendeinem magischen Grund auf. Der Himmel war so tiefblau wie die Samtvorhänge im Wohnzimmer ihrer Mutter; Sterne, von denen ein jeder zum Stern von Bethlehem getaugt hätte, glitzerten und funkelten, als könne man ihnen ein zauberhaftes Geheimnis entlocken. Lucy hätte beinahe laut gelacht. Der große volle Mond schien vor Vergnügen zu strahlen und ließ im verharschten Schnee unzählige Diamanten aufblitzen. Lucy suchte ihre Siebensachen zusammen. Die Päckchen fühlten sich kalt, aber nicht feucht an; bei den Temperaturen taute der Schnee nicht. In diesem Moment schalteten sich die Lichter der Tanne in der Ecke an, und Lucy musste den Impuls unterdrücken, die Geschenke – ein Glas Mango-Chutney, offensichtlich nicht zerbrochen; Meersalz; eine Rolle rotes Geschenkband; Shortbread und duftenden Bio-Earl-Grey-Tee – unter die geschmückten Zweige zu legen. Ein perfektes Bild. Es fehlten nur noch die Wiener Sängerknaben oder ein guter Tenor, der Stille Nacht, heilige Nacht sang.

Mit den Päckchen in der Hand kehrte sie ins Haus zurück. Die Vorhänge waren nicht zugezogen, sodass aus dem Wohnzimmer Licht auf den verharschten Schnee fiel. Sie sah den Weihnachtsbaum, so schön wie ein Christbaum nur sein konnte, und das Feuer, echte Scheite in einem echten Kamin. Alles war echt, nur die Familie war nicht mehr vollständig. »Aber wir lassen uns nicht unterkriegen, Mum!«, flüsterte sie beschwörend an der Tür.

Sie eilte in die Küche und verstaute ihre Einkäufe. Das Mango-Chutney – die Lieblingssorte ihres Vaters – versteckte sie hinter anderen Gläsern in der Speisekammer. Suzanne hatte sich wieder gesetzt, die Arme schützend vor der Brust verschränkt, und starrte ins Leere.

In Lucys Kopf ging es drunter und drüber. Sie verdrängte die Gedanken an ihren Freund, der nicht anrief, bemüht, sich ganz auf ihre Mutter zu konzentrieren. Sie verzieh es ihrem Vater nicht, dass er seiner Tochter seine Pläne verschwiegen hatte, als er sie überredete, auf den Skiurlaub mit Sam zu verzichten und stattdessen daheim zu bleiben – wie sie geglaubt hatte, damit sie Weihnachten mit der Familie feiern konnte. Wenigstens hatte er sich Gedanken darüber gemacht, dass seine Frau das Fest besser nicht ganz allein verbringen sollte. Schmerzte es umso mehr, weil er ihr ausgerechnet an Heiligabend mitgeteilt hatte, dass er sie wegen einer Jüngeren verließ? Warum war er nicht damit herausgerückt, als er mit Lucy sprach? Wie hatte er es fertiggebracht, die letzte Nacht mit seiner Frau in einem Bett zu schlafen und das Frühstück zu essen, das sie ihm am Morgen gemacht hatte, obwohl er wusste, dass er am selben Abend mit dem Zwanzig-Uhr-dreißig-Flug für immer aus ihrem Leben verschwinden würde? Wollte er die Hotelkosten sparen? War es besser, ihn für einen Feigling zu halten als für einen erbärmlichen Schuft? Verdammt! Zum Teufel mit ihm!

Lucy holte das Chutney wieder aus der Kammer, öffnete das Glas und leerte den Inhalt wütend in den Abfalleimer. Dann spülte sie das Glas aus und warf es in den Recyclingsack. Seit dem Salat am Mittag hatte sie nichts mehr gegessen. Suzanne hatte die Zeit wahrscheinlich mit ein paar Tassen Kaffee und den beiden Gläsern Brandy überbrückt. Vielleicht war das gefühllos, aber auch verlassene Ehefrauen und Kinder müssen essen. Sie schaute ihre Mutter prüfend an. Normalerweise hätten um diese Uhrzeit köstliche Düfte die Küche erfüllt.

Lucy öffnete den Kühlschrank in der Hoffnung auf Zutaten für ein einfaches Gericht und fand eine abgedeckte Auflaufform. Es war ein Lieblingsgericht der Familie, Heilbutt San Joaquin, ein amerikanisches Rezept, mexikanisch gewürzt, das Suzanne aus der gemeinsamen Zeit in Südkalifornien mitgebracht hatte. Lucy wusste nicht, was Suzanne als Beilage geplant hatte, aber frisches Brot zu der Sauerrahm-Käsesauce tat es auch.

Suzanne, die sich wie ein Roboter bewegte, setzte sich an den Tisch, als das Essen fertig war. Lucy hätte sie gern umarmt, aber genauso gern hätte sie geschrien: »Verlassen werden ist nicht das Ende der Welt!« Oder doch? Sie tat keins von beiden, sondern servierte das Essen. Der Heilbutt erwies sich als Seeteufel, schmeckte aber köstlich, und Lucy griff zu, während ihre Mutter das schöne Fischbesteck mit dem Elfenbeingriff, ein Vermächtnis ihrer Großmutter, nur dazu benutzte, um auf dem Teller herumzustochern.

Eine Mahlzeit auszulassen bedeutet auch nicht das Ende der Welt.

Das Essen war eine freudlose Angelegenheit angesichts einer Tischgenossin, die aussah, als hätte ihr jemand so geschickt den Todesstoß versetzt, dass äußerlich keine Verletzungen erkennbar waren. Lucy räumte den Tisch ab und warf den Großteil des köstlichen Fischauflaufs in den Abfalleimer, in den schon das Chutney gewandert war. Dann kochte sie Kaffee und beobachte erneut hilflos, wie Suzanne teilnahmslos an ihrer Tasse nippte und den Muntermacher schließlich stehen ließ. »Möchtest du lieber Tee, Mum? Ich kann dir einen schönen heißen Tee machen oder vielleicht heiße Schokolade? Kakao ist gut zum Einschlafen.«

»Frohe Weihnachten!«, zitierte Suzanne mit Bitterkeit in der Stimme.

Schließlich konnte Lucy ihre Mutter überreden, ins Bett zu gehen, aber statt sich ebenfalls hinzulegen, ging sie wieder nach unten. Der Baum mit seiner Botschaft der Hoffnung und Freude war noch genauso schön wie vor dem Anruf. Das Feuer brannte nicht mehr, und die Heizung hatte sich schon vor einiger Zeit ausgeschaltet. Lucy fröstelte, doch sie wusste nicht, ob vor Kälte oder vor Müdigkeit. Sie setzte sich aufs Sofa und betrachtete den Baum. Liebevoll eingewickelte Päckchen waren darunter aufgebaut. Da lagen ihre Geschenke für den Vater, und zweifellos seine für sie. Was hatte er sich dabei gedacht, als er sie kaufte und einpackte, oder hatte das seine niederträchtige Sekretärin für ihn erledigt? Lucy stand auf und kniete sich vor den Baum. Die Gaben ihres Vaters waren wie eh und je in traditionelles Papier mit dunkelgrünem Stechpalmen- und Rotkehlchendekor eingewickelt, man konnte sie leicht von den anderen unterscheiden. Es waren wie immer drei für sie, und an jedem hing ein Kärtchen mit der Aufschrift »Für Lucy, in Liebe, Dad«.

In Liebe, Dad. Liebte er sie noch? Natürlich. Nur mit der Liebe zu seiner Frau war es vorbei; stattdessen hatte er sich in seine Sekretärin verliebt. Es tat weh, das wusste sie, weil sie schreckliche Angst hatte, dass es auch mit Sams Liebe zu ihr vorbei war, aber sie würde es verwinden – genau wie ihre Mutter. Es ging nicht anders. Sie würde einfach lernen müssen, wie sie Suzanne helfen konnte, sich damit abzufinden. Sie packte die Geschenke aus: das Buch, das sie sich gewünscht, aber nicht gekauft oder ausgeliehen hatte, weil sie damit gerechnet hatte, es zu Weihnachten zu bekommen; ein Pullover in der richtigen Farbe und Größe von Jigsaw und Ohrringe. Die Schmuckstücke waren aus Gold und mit einem ansehnlichen Rubin besetzt, sodass es Lucy den Atem verschlug. Sie waren viel wertvoller als seine üblichen Gaben, was zweifelsfrei belegte, dass sein Verrat von langer Hand geplant gewesen war. Sie legte das zerknüllte Papier in den offenen Kamin und hielt ein Streichholz daran, bevor sie die Geschenke für ihre Mutter an sich nahm – »Für Suzanne, in Liebe, Peter« – und sie im Einbauschrank unter der Treppe versteckte. Sollte Suzanne danach fragen, würde sie ihr sagen, wo sie waren, aber wie sie ihre Mutter kannte, ließe das noch lange auf sich warten. Was sie mit den Geschenken für ihren Vater machen sollte, war schon problematischer. Sie konnte diese hinter den Schuhkartons im Kleiderschrank verstecken, damit Suzanne sie nicht ständig vor Augen hatte, und sobald er seine neue Adresse schickte – was er bestimmt tun würde –, würde sie ihm die Päckchen nach Boston nachsenden. Vielleicht sollte sie vorher die Kärtchen abmachen. »In Liebe von Lucy« hatte er nicht verdient – obwohl: Vielleicht brauchte er ihre Liebe jetzt umso mehr?

Sie bestaunte die wunderschönen Ohrringe, legte sie an und setzte sich eine Weile damit vor den Baum. Eine Zeitlang würden sie noch in der kleinen roten Samtschachtel bleiben müssen. Bevor Lucy ins Bett ging, nahm sie die Ohrringe ab und steckte sie mitsamt Kärtchen in einen Schuh, den sie vor dem Sommer nicht mehr tragen würde. Nicht dass sie befürchtete, Suzanne könne den Schmuck sehen; sie selbst ertrug den Anblick nicht.

Am nächsten Morgen stand Suzanne erst spät auf. Als sie in einem flauschigen, schwarz-weiß gestreiften Bademantel herunterkam, saß Lucy bereits angezogen in der Küche, obwohl sie viel später als ihre Mutter zu Bett gegangen war. Lucy stellte fest, dass Suzanne schrecklich aussah mit ihren rot geränderten Augen und dem blassen Gesicht; außerdem wirkte sie irgendwie kleiner als am Vortag, an dem sie noch vergnügt Weihnachtsvorbereitungen getroffen hatte.

»Kaffee, Mum?«

»Natürlich, mein Schatz«, antwortete Suzanne heiter. »Ich fühle mich so benommen von den Schlaftabletten, dass ich wahrscheinlich zwei Tassen brauche.« Sie küsste ihre Tochter. »Frohe Weihnachten, Lucy! Wir werden uns einen wunderschönen Tag machen. Es gibt viel zu tun. Die andere Geschichte können wir für eine Weile beiseiteschieben.« Sie nahm die Tasse, die Lucy ihr reichte, aber statt sich zu setzen, ging sie wieder hinaus.

Lucy fand sie im Wohnzimmer, wo sie den Baum und das verbliebene Häuflein Geschenke anstarrte. Ihr Gesichtsausdruck brach Lucy das Herz. Wie konntest du nur, Dad? »Ein heruntergebranntes Feuer ist fast so traurig wie welke Blumen, findest du nicht?«, fragte sie und schaltete die Baumbeleuchtung an. Dann stellte sie den bestickten tibetischen Kaminschirm vor die Feuerstelle. »So sieht’s besser aus, oder?«

Suzanne antwortete nicht.

Lucy war ratlos. Die richtigen Worte zu finden fiel ihr heute ebenso schwer wie gestern. Was sah ihre Mutter in dem Weihnachtsbaum? Die Feste der vergangenen Jahre? Sollte sie Suzanne lieber trösten oder aufmuntern? »Mach das mal auf, Mum! Es wird dir gefallen.«

Setzte Suzanne eine betont fröhliche Miene auf, als sie sich zusammenriss und das hübsch eingewickelte Geschenk auspackte? Im Augenblick spielte das keine Rolle, und der Rest des Vormittags verlief so passabel, wie man es sich für den Tag nach dem Tag, an dem man vom Ehemann verlassen wurde, nur wünschen kann. Arglose Verwandte und Freunde riefen an und wurden mit einer Heiterkeit in der Stimme begrüßt, die nicht einmal Lucy als geheuchelt erkannte; es hatte keinen Sinn, anderen die Weihnachtsstimmung zu verderben. Sie würden es alle noch früh genug erfahren und ihre Anteilnahme zeigen. Fragen nach Peter waren leicht abzuwimmeln: »Ach, der ist gerade joggen gegangen. Er lässt dich schön grüßen.«

Seine Mutter meldete sich allerdings nicht. Offenbar war sie eingeweiht und wusste nicht, was sie ihrer Schwiegertochter sagen sollte.

Schlechte Nachrichten konnten warten. Erst als Lucy wieder im festlich geschmückten Wohnzimmer stand, fiel ihr Alex Frobisher ein. Suzanne hatte den Tisch schon vor ein paar Tagen hergerichtet, und zwar mit vier, nicht mit drei Gedecken.

»Ach, Scheiße!« Kein schönes Wort für den ersten Feiertag. Was nun? Ob es ihrer Mutter guttun, sie vielleicht sogar aufmuntern würde, wenn sie jemanden zu bewirten hatte? Sie war eine ausgezeichnete Gastgeberin und hatte normalerweise Freude an dieser Rolle. Oder würde sie dann völlig zusammenbrechen? »Mum, wir haben Miss Frobisher zum Weihnachtsdinner eingeladen. Sie kommt in einer knappen Stunde.«

Suzanne, immer noch im Morgenmantel, schaute ihre Tochter entsetzt an. »Ruf sie an und sag ihr ab; erklär ihr, dass ich die Grippe habe oder so!«

Lucy atmete tief durch. »Nein«, entgegnete sie resolut.

»Nein?«

»Das geht nicht, Mum, dafür ist es viel zu spät. Du bist nicht krank, und wir haben sie eingeladen. Was ist, wenn ihr Kühlschrank leer ist?«

»Sei nicht albern!«, sagte Suzanne und stand seufzend auf. »Ihr Apartment kostet mit Sicherheit ein Vermögen, und hast du ihre Garderobe und ihren Wagen gesehen? Ich schaffe das nicht, Lucy. Was soll ich sagen? Kommen Sie rein, mein Mann lässt sich entschuldigen – er ist mal eben Zigaretten holen gegangen?«

»Du bist eine phantastische Gastgeberin, Mum, und Alex hat niemanden. Kann sein, dass sie sich ein teures Restaurant leisten kann, aber an Weihnachten?«

»Was ist, wenn ich in Tränen ausbreche?«

»Das tust du schon nicht. Dazu bist du zu tough«, meinte Lucy, selbst den Tränen nahe. »Denk dran, du hast mir immer erzählt, dass dir ein Ausspruch deiner Mutter besonders in Erinnerung geblieben ist: ›Was du angefangen hast, musst du auch zu Ende bringen.‹ Jetzt nimmst du ein schönes Schaumbad, und ich bereite das Essen vor.«

Suzanne lachte, beinahe wieder die Alte. »Die arme Miss Frobisher! Na gut, aber ich schlage vor, dass du in die Badewanne gehst, während ich mich ums Essen kümmere.«

»Prima.« Lucy fegte den Kamin aus und schichtete neue Scheite auf. Nach dem Bad brauchte sie das Feuer nur anzuzünden, und wenn ihr Gast eintraf, würde es schon wunderbar brennen.

Alles lief wie am Schnürchen. Suzanne, die sich am liebsten wieder unter die Bettdecke verkrochen hätte, hatte schon als Kind gelernt, ihre Empfindungen zu verbergen. Miss Frobisher würde nicht erkennen, wie elend ihr zumute war. Sie fühlte sich zwar als komplette Versagerin, aber ihr Weihnachtsessen würde wie immer eine Glanzleistung sein. Sie stellte zwei Flaschen Champagner kalt und war froh über ihre Entscheidung, als ihr Gast mit zwei Flaschen Barossa vom Keyneton Estate in Südaustralien vor der Tür stand. Sie hatte doch richtig vermutet, dass Miss Frobisher einen guten Tropfen zu schätzen wusste.

Alex war pünktlich erschienen. Unter dem weißen Mantel trug sie ein dunkelgrünes Seidenkostüm, das Lucy einen Aufschrei entlockte. »Das ist ja traumhaft, bestimmt italienisch.«

»Freut mich, dass es Ihnen gefällt, Lucy«, sagte Alex, als sie Lucy den Mantel reichte, »aber es kommt aus Spanien, dort gibt es auch erstklassige Designer.«

»Tut mir leid, ich rede daher wie eine Achtjährige.«

Alex lächelte. »Eher wie eine junge Frau, die eine Schwäche für Mode hat. Da geht es Ihnen wie mir«, erklärte sie ernst. »Was die Ärmel betrifft, bin ich etwas unsicher. Finden Sie nicht, die sollten auch aus Seide sein?«

»Nein, Seide mit Wolle ist eine Superidee.«

Suzanne lachte. »Schön, ihr Mädels habt ja reichlich Gesprächsstoff, da kann ich uns inzwischen etwas zu trinken holen.«

Während die beiden jungen Frauen die Vorzüge von gemusterter Seide im Vergleich zu schlichter Schurwolle erörterten, holte sie eine Flasche Champagner, und damit entstand die erste Peinlichkeit. Weder Suzanne noch Lucy hatten je zuvor Champagner entkorkt. Sie standen da und musterten die Flasche skeptisch.

Alex stand auf. »Darf ich …?«

»O ja, bitte«, erwiderte Lucy. »Mum, ich habe Alex erzählt, was mit Dad ist.«

Suzanne zuckte zusammen. »Vielleicht hätte ich das lieber selbst tun sollen.«

»Es tut mir so leid, Mrs Andrews. Ein Gast ist wohl das Letzte, was Sie in so einem Moment gebrauchen können«, sagte Alex. »Ich werde wieder gehen.«

Suzanne hatte nur verschwommene Erinnerungen an ihre Mutter, aber jetzt fielen ihr deren Worte ein: »Was du angefangen hast, musst du auch zu Ende bringen.«

»Vorher müssen Sie uns den Champagner aufmachen, meine Liebe, und wenn er schon mal auf ist, können Sie ebenso gut ein Gläschen mit uns trinken.«

Die Spannung verflog, und als sie Alex’ Geschick mit der Flasche bewundert und Trinksprüche aufeinander, den Weihnachtsmann, die Queen und alle anderen dieser Ehre würdigen Personen ausgebracht hatten, waren sie beim Du. Suzanne servierte einfache Horsd’œuvres, Baguettescheiben mit Räucherlachs und Rehbraten, und Lucy stellte erleichtert fest, dass ihre Mutter offenbar den Appetit wiedergefunden hatte. Außerdem legte sie nach ein, zwei Gläschen Champagner ihre gewohnte Zurückhaltung ab.

»Warum ist eine so schöne junge Frau an Weihnachten allein, Alex? Es gibt doch bestimmt jede Menge tolle Männer, die sich um dich reißen?«

Lucy wurde knallrot. »Mutter!«, flüsterte sie besorgt.

Alex tätschelte Lucy das Knie. »Leider habe ich zu viel Zeit damit vertan, auf einen zu warten, der nicht frei ist, und inzwischen sind alle anderen tollen Typen vergeben.«

Der Schock stand Mutter und Tochter ins Gesicht geschrieben, und Alex stöhnte innerlich. Wie taktlos! Sie hatte die arme Frau daran erinnert, dass ihr Ehemann gegangen war. »Oh, mein Gott. Das hat sich bestimmt total kaltschnäuzig angehört.« Sie stand auf. »Ich mache dir keinen Vorwurf, wenn du heute nicht ›die Andere‹ zu Besuch haben möchtest, Suzanne.«

Suzanne hatte es die Sprache verschlagen, also sprang Lucy in die Bresche. »Du brauchst uns nichts zu erzählen, Alex, es geht uns nichts an. Ich sehe mal nach der Gans, es duftet, als wäre sie bereits gar. Komm doch mit«, sagte sie zu Alex, die vor dem Kamin stand und mit unglücklicher Miene beobachtete, wie Suzanne den Rest der Flasche gleichmäßig auf die drei Gläser verteilte.

»Trinken wir erst den Champagner aus!«, schlug Suzanne tapfer lächelnd vor. »Auf uns, Mädels! Auf den Club der unglücklich Liebenden.«

»Oh, nein, du doch sicher nicht, Lucy. Der Idiot weiß nicht, was er versäumt.«

»Mein Freund ist zum Skifahren in Österreich«, erklärte Lucy mit einem wütenden Blick auf ihre Mutter.

Nun gingen alle drei in die Küche, wo Alex bewies, dass sie mehr konnte als Flaschen entkorken. Als das Essen fertig war, setzten sie sich in Festtagsstimmung an den Tisch. Alex verstand sich gut darauf, ein Gespräch zu lenken; wenn das Thema treulose Männer in der Luft lag, versetzte sie der Unterhaltung geschickt eine andere Richtung, und obwohl es ein paar knifflige Minuten gab und hin und wieder Schweigen herrschte, wurde das problematische Sujet glücklich umschifft.

Lucy trat allerdings ins Fettnäpfchen, als sie die Reste der Gans abräumte. »Gott sei Dank hatten wir Gans. Was, wenn es Schinken gewesen wäre? Das ist nämlich einer von Mums Lieblingsscherzen an Weihnachten: Was ist die beste Definition von Ewigkeit?«, fragte sie Alex und antwortete für sie: »Zwei Menschen und ein Schinken.«

Auch der weltgewandten Alex fiel dazu nichts ein, und Suzanne sah ihre Tochter traurig an, die zu spät merkte, was sie angerichtet hatte. »Ich hole die Nachspeise«, murmelte sie.

Für den Rest der Mahlzeit drehte sich das Gespräch um Unverfängliches.

Sam ließ nichts von sich hören, und Lucy versuchte nicht, ihn anzurufen, denn sie redete sich ein, dass sie ihn ohnehin nicht erreichen würde, da er sicher gerade eine schwarz markierte Piste hinunterbretterte. Bestimmt würde er sich morgen melden – oder an Silvester, ein idealer Zeitpunkt. Als der Geschirrspüler in Gang gesetzt und die Reste weggepackt waren, lag wenig einladend ein langer Weihnachtsabend vor den drei Frauen. Alex wollte sich nun verabschieden, aber Lucy mochte nichts davon hören.

»Nein, wirklich, Mum, ist es nicht höchste Zeit, Freddie the Fox zu spielen? Das gehört einfach zu Weihnachten. Kennst du das, Alex? Es macht unheimlich Spaß.«

Sie faltete das Tischtuch zusammen, legte es über eine Stuhllehne und lief, ohne auf Zustimmung zu warten, die Treppe hinauf zu dem großen Bücherregal im oberen Flur. Alle Kinderspiele waren dort fein säuberlich gestapelt. Sie fand die entsprechende Schachtel, die von zwei Gummibändern zusammengehalten wurde.

»Es fällt schon auseinander«, stellte Suzanne traurig fest, als Lucy das Spiel auf den Tisch vor dem Kamin legte. »Wir müssen ein neues kaufen.«

»Nein, das wäre nicht das Gleiche.«

Das Spiel, bei dem Tiere eines Bauernhofs gesammelt und die Karte mit dem durchtriebenen Gesicht von Mr Fox einem Mitspieler zugeschoben werden müssen, machte Spaß, stellte aber nur eine minimale intellektuelle Herausforderung dar. Die drei spielten mit mäßiger Begeisterung, bis jede mindestens einmal den schlauen Fuchs abbekommen hatte. Es war nicht gerade ein glänzender Einfall gewesen. An den Karten hingen zu viele Erinnerungen. »Ich räume es weg bis nächstes Jahr«, verkündete Lucy, entschlossen, Weihnachtsstimmung zu verbreiten. »War das nicht ein wunderbarer Tag? Ein lieber Gast, die Queen, die Gans, Weihnachtspudding und Freddie the Fox. Die reinste Freude!« Sie betrachtete die verblichene Schachtel. »Das Spiel ist älter als ich, Mum.«

»Ja, Liebes. Es hat mir gehört.« Suzanne senkte den Blick. »Ich habe nie darüber nachgedacht, aber meine Mutter muss es für mich gekauft haben.« An Alex gewandt, fügte sie hinzu: »Meine Mutter starb, als ich fünf Jahre alt war, und ich bin bei ihrer Schwester, meiner Tante Honoria, aufgewachsen. Sie hat Kinder nicht sehr gemocht«, sagte sie traurig.

»Schlimm«, bemerkte Alex. »Ich kann mir vorstellen, wie dir zumute war, denn meine Eltern sind bei einem Unfall ums Leben gekommen, als ich noch zur Schule ging. Ich bin bei einem Vormund aufgewachsen. Er ist letztes Jahr gestorben, der Gute. Ich fürchte, ich habe ihn ziemlich enttäuscht. Vermutlich dachte er, ich hätte mein Leben vertan. Um das Andenken meines Vaters in Ehren zu halten, habe ich erst Wirtschaft studiert statt Alte Geschichte, die mich eigentlich interessiert hätte, und dann meine Beziehung …«

Es entstand eine unbehagliche Pause, und Lucy warf hastig ein: »Mum spricht selten von ihrer Mutter, sie hat sie nicht besonders gut gekannt, aber es ist schön, dass sie ihr das Spiel gekauft hat.« Sie wandte sich an Suzanne. »Erinnerst du dich noch, wie sie es dir geschenkt oder mit dir gespielt hat?« Das war doch ein ausgezeichnetes Ablenkungsmanöver.

»Gespielt?«, antwortete Suzanne matt. »Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich es bei Tante Honoria nie gespielt habe.«

»Zu zweit macht es auch keinen Spaß, Mum«, stellte Lucy fest und hätte sich gleich darauf auf die Zunge beißen können.

Sie verstaute das Spiel wieder und eilte zurück ins Wohnzimmer, weil sie meinte, sie hätte die Haustür gehört. Ihre Mutter war allein in die Betrachtung des Baums versunken. »Wo ist Alex, Mum?«

Suzanne trat an den offenen Kamin, wo die Flammen an einem kleinen Scheit leckten. »Ich glaube, das ist Apfelholz, ein angenehmes Aroma.«

Lucy versuchte, sich in ihre Stimmung einzufühlen. »Gegen den Christbaum kommt es nicht an«, bemerkte sie leichthin und wiederholte ihre Frage: »Wo ist Alex?«

»Sie meinte, sie hätte einen langen Tag hinter sich. Vergangene Nacht war sie in der Mitternachtsmette, und früh am Morgen hat eine alte Freundin angerufen.«

Suzanne kehrte zum Sofa zurück, die goldene Seide ihres langen Rocks leuchtete mit dem Kaminfeuer und den Kerzen um die Wette, und Lucy fragte sich bekümmert, wieso die Liebe ihres Vaters zu dieser schönen, eleganten Frau gestorben war. Sie setzte sich neben ihre Mutter und wünschte, sie hätte sich auch für einen Rock entschieden statt für die dunkelrote Samthose. Fließende Stoffe hatten etwas. Außer »Schade, dass sie nicht noch kurz geblieben ist, um Tschüs zu sagen« fiel ihr nichts zu sagen ein, sosehr sie auch überlegte. Sie ging ans Klavier, das näher an die Wand gerückt worden war, um Platz für den Baum zu schaffen. »Mum«, sagte sie schließlich, »mir ist gerade aufgefallen, dass es im ganzen Haus kein einziges Foto von deiner Mutter gibt.«

Suzanne warf einen Blick auf das Klavier, als wolle sie sich vergewissern. »Ich glaube nicht, dass meine Familie eine Kamera hatte. Damals herrschte Krieg, Lucy. Nach unserer Rückkehr aus Portugal hat sie nicht mehr lange gelebt.« Sie verstummte und schaute eine Weile ins Feuer, während Lucy, ans Klavier gelehnt, sie beobachtete. »Ich weiß noch, wie sie gesungen hat«, sagte Suzanne dann. »Wirklich traurig. Ich erinnere mich nur an ihre liebevolle Nähe und an ihren Gesang.«

»Auf Französisch?«, fragte Lucy leise. Der Mädchenname ihrer Mutter lautete Suzanne Bonneville – zweifellos französisch. Oder portugiesisch. Oder englisch. Es ging nur darum, ihre Mutter zum Erzählen zu bringen.

Suzanne blickte auf. »Weißt du was, ich habe nicht die leiseste Ahnung. Ich war fünf, als sie starb, und bei Tante Honoria wurde ganz gewiss nicht gesungen.« In ihrem Gesicht zeigte sich eine tiefe Verzweiflung, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Heute Abend kann ich einfach nicht mehr, Lucy. Bist du böse, wenn ich mich schon ins Bett lege? Ich möchte noch ein bisschen lesen«, setzte sie mit bemüht fröhlicher Stimme hinzu. »Wenn ich jetzt nicht mit meinen Weihnachtsbüchern anfange, bin ich im Januar zu sehr hintendran, wenn sich mein Lesezirkel trifft.«

Lucy begleitete sie bis zur Treppe. »Noch eine Tasse Tee, Mum, oder lieber heiße Schokolade?«

»Nein, danke, Liebes. Mach dir keine Sorgen, Lucy! Alles in Ordnung.« Auf das Geländer gestützt, stieg sie langsam die Stufen empor. Lucy lauschte dem Rascheln ihres Rocks und dachte an andere Weihnachtsfeste, bei denen Stimmen und Lachen das Haus erfüllt hatten.

»Miserables Timing, Dad!«, flüsterte sie, während sie ins Wohnzimmer zurückkehrte.

Kapitel 3

Der Anwalt der Familie meldete sich am neunundzwanzigsten Dezember bei Suzanne. Als Lucy sie zu der Kanzlei in Dundee fuhr, zeigte ihre Mutter sich erstaunt, dass Anwälte zwischen Weihnachten und Neujahr arbeiteten.

Lucy war mit ihrer Geduld am Ende, aber sie versuchte, Ruhe zu bewahren, denn sie ahnte, dass ihre Mutter sich auf Nebensächliches konzentrierte, weil sie sich dem, was geschehen war und noch geschehen würde, nicht stellen konnte. »Anwälte müssen auch leben, Mum, und eigentlich ist es doch besser, wenn wir wissen, woran wir sind.«

Alles war leichter zu ertragen, wenn es mit wohlmodulierter, emotionsloser Stimme vorgebracht wurde: Professor Andrews wolle die Scheidung und habe den Scheidungsanwalt der Kanzlei beauftragt, ihn zu vertreten. Mrs Andrews müsse sich daher an eine andere Kanzlei wenden. Ihre Frage vorwegnehmend, versicherte der Jurist ihr, er sei gern bereit, Empfehlungen auszusprechen. Professor Andrews habe – an dieser Stelle wirkte der Anwalt verlegen, als sei er persönlich dafür verantwortlich – die Hälfte der Guthaben von allen Bankkonten abgehoben. Er räusperte sich vernehmlich und sah Suzanne direkt in die Augen. »Mir wäre es lieber gewesen, er hätte das nicht getan, aber Ihr Anwalt wird die Unterhaltsfragen dann mit Ihnen besprechen, Mrs Andrews, und Professor Andrews wird sich fair verhalten.« Er zupfte an seinen Manschetten, als wolle er betonen, dass er persönlich dafür geradestehen werde. Ferner führte er aus, sein Mandant werde Lucy weiterhin unterstützen, bis sie ihr Studium ganz abgeschlossen habe. »Im Übrigen will er nichts aus dem Familienhaushalt, keine Gemälde, kein Silber und so weiter.« Der nicht mehr ganz junge Anwalt räusperte sich erneut. »Wie Sie wissen, ist das Haus schuldenfrei, Mrs Andrews, seit Sie nach dem Tod Ihrer Tante die Hypothek getilgt haben.«

Suzanne wurde leichenblass und sackte auf ihrem Stuhl zusammen. »O nein«, sagte sie matt. »Er hat das doch nicht etwa geplant – damals schon? Das kann doch nicht der Grund gewesen sein, warum er wollte, dass ich die Hypothek bezahle?«

Lucy war aufgesprungen und schloss ihre zitternde Mutter in die Arme. »Nein, Mummy, so etwas würde er nicht tun, ganz bestimmt nicht.«

Mr Palgrave von Palgrave, McWhirter & Palgrave bestellte Kaffee. Er wusste einfach nicht, was er sonst hätte tun sollen.

»Ich schlage vor, dass Sie sich erst einen Anwalt nehmen, bevor wir weiter miteinander reden, aber seien Sie versichert, dass das Haus nicht ohne Ihre Zustimmung verkauft werden kann und dass der Betrag, den Sie allein beigesteuert haben, berücksichtigt werden muss, sollte es zum Verkauf kommen.«

Er ging hinaus, um eine Liste empfehlenswerter Anwälte auszudrucken, weil er sich anscheinend lieber einer profanen Tätigkeit widmete, als einer Klientin Gesellschaft zu leisten, die er seit fast dreißig Jahren kannte, aber nicht vertreten durfte.

Als er zurückkam, hatte Lucy ihre Mutter überredet, ein wenig von dem Kaffee zu trinken. »Wenigstens hast du jetzt Klarheit, Mum.« Lucy wollte ihrer Mutter Mut machen. »Und schau, auf der Liste steht auch eine Anwältin; die ist bestimmt super. Gleich anschließend gehen wir zur Bank, damit du dir ein Bild von der finanziellen Lage machen kannst.« Sie wandte sich an Mr Palgrave, der ein Gesicht zog, als befürchte er, Suzanne könne ohnmächtig werden. »Wir sollten neue Konten eröffnen, was meinen Sie?«

Mr Palgrave verzog den Mund, als hätte er in eine Zitrone gebissen, und selbst seine distinguierte lange Nase wirkte, als habe man sie gezwickt. »Anstrengend, das alles«, erklärte er mit einem Nicken. »Aber ein Neuanfang, ein Neuanfang.«

»Genau. Ein Neuanfang, Mummy. Zuerst gehen wir zur Bank, dann schauen wir bei Dino’s vorbei. Ich lade dich zu einem schönen Chardonnay ein, und du kannst dir einen Anwalt aussuchen. Vielen Dank, Mr Palgrave.«

Sie verließen die Kanzlei, aber Lucy kehrte noch einmal um und nahm einige Immobilienprospekte mit, die dort auslagen, während ihre Mutter draußen wartete.

»Ich glaube, jetzt ist erst einmal der Chardonnay an der Reihe, Lucy. Die Bank verschiebe ich lieber. Das ist alles ein bisschen viel auf einmal. Und wie soll ich mich für einen Anwalt entscheiden? Die Radcliffes sind schon immer bei den Humphrys gewesen und die Familie deines Vaters bei Palgrave.«

Weil Lucy fahren musste, entschieden sie, dass zu dem Glas Wein ein Sandwich hermusste. Der Schnee war längst verschwunden, aber es war eisig kalt und der Himmel beinahe schwarz. Schon jetzt, um kurz nach vier, verströmte der silbrige Mond sein blasses Licht.

»Starlight, star bright, first star I see tonight«, sagte Lucy, und wie aufs Stichwort zeigte sich ein Stern. »Du hast einen Wunsch frei, Mum.«

Suzanne schwieg, und Lucy überlegte, was sie sich wünschen sollte. »Ich hab’s.« Sie hätte sich am liebsten gewünscht, dass Sam anrief oder dass sich ihr Vater meldete und erklärte, er sei aufgewacht und habe erkannt, was für einen schrecklichen Fehler er begangen hatte. Mum soll nicht mehr so deprimiert sein, wünschte sie sich schließlich, sprach es aber nicht aus.

Zu Hause fanden sie keine Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, aber Mrs Baxter, die Putzfrau, war da gewesen und hatte im Wohnzimmer den Kamin gesäubert und das Holz für ein neues Feuer perfekt aufgeschichtet. »Ich mag offenes Feuer«, bemerkte Suzanne, »aber ich hasse es, die Asche wegzuräumen. Die gute Mrs Baxter!« Sie riss ein Zündholz an und beobachtete, wie sich der Rauch um die Kanten des zerknüllten Papiers zwischen den Scheiten kringelte. Hier und da tanzten kleine Flammen, die sich plötzlich vereinigten, sodass Funken in den Rauchabzug stoben. »Ich hänge an diesem Haus«, sagte sie.

Lucy antwortete nicht, sondern beschäftigte sich damit, die Vorhänge zuzuziehen.

Suzanne nahm den Messingschürhaken zur Hand und legte ihn wieder weg. »Mir fällt etwas ein. Am ersten Feiertag hast du dich doch beklagt, dass es hier gar keine Fotos von meiner Mutter gibt, da habe ich mich erinnert. Achte doch mal aufs Feuer, ich bin gleich wieder da!«

Ein paar Minuten später kam sie mit einem alten Notenkoffer aus Leder zurück, den sie schwungvoll präsentierte. »Der hat meiner Mutter gehört. Meine Tante Honoria hat ihn mir vor ein paar Jahren gegeben, aber ich hatte nie so recht Zeit, den Inhalt zu sichten.« Sie öffnete die Lederschlaufe mit dem Metallverschluss und klappte den abgegriffenen Koffer auf. »Hier sind Briefe von meiner Mutter an ihre Mutter und Zeichnungen – manche sind nicht schlecht, finde ich, aber ich verstehe nichts von Kunst. Außerdem alte Zeitungsartikel, was ein wenig merkwürdig ist. Aber wenn du alles studierst, sagen sie dir vielleicht etwas. Ich vermute, meine Mutter hat sie gesammelt, aber ein paar stammen auch aus der Zeit nach ihrem Tod.«

Die Historikerin in Lucy war sofort hellwach. Zeitungsartikel, Briefe, Gebrauchsgegenstände. »Mum, das ist ja phantastisch! Alte Briefe sind sogar für Junghistoriker wie mich Gold wert. Ich möchte sie mir gern ansehen. Wenn darunter auch welche aus dem Krieg sind, würde mir das sogar bei meiner Doktorarbeit helfen.«

»Ich wüsste nicht, wie. Da war zwar etwas über Gemälde aus jüdischem Besitz, die von den Nazis gestohlen wurden, und über einen Franzosen, der posthum einen Orden erhalten hat … Aber es war niemand, den wir kennen, kein Bonneville.«

Lucy hörte nur mit halbem Ohr hin. Mit dem Notenkoffer in der Hand stand sie da und spürte, dass sie ganz aufgeregt war. Warum bloß? Sie hatte schon öfter alte Dokumente vor sich gehabt, allerdings nie solche, die ihre Familie betrafen. Sie schob die Ärmel ihres viel zu großen pinkfarbenen Pullovers hoch, um sich an die Arbeit zu machen. Sie betrachtete den Inhalt des Koffers und sog den verheißungsvollen Geruch nach uraltem Papier und hochwertigem Leder ein. Historiker achten stets darauf, Quellenmaterialien Schicht für Schicht zu entnehmen und sie in der Reihenfolge zurückzulegen, wie sie sie vorgefunden hatten, aber hier hatte sich entweder niemand die Mühe gemacht, den Inhalt zu ordnen, oder der Koffer war schon mehrfach durchwühlt worden. »Wann hast du dir das zuletzt angesehen, Mum?« Sie nahm den obenauf liegenden vergilbten Zeitungsausschnitt heraus.

Suzanne wirkte ein wenig verlegen. »Ich hatte vor, alles durchzulesen, aber es war nie der richtige Zeitpunkt dazu, und offen gestanden hatte ich auch keine Lust.« Ihre Stimme war so leise geworden, dass Lucy sie kaum verstand. »Ich habe aufgehört, etwas zu fühlen, als ich fünf Jahre alt war, und erst wieder damit angefangen, als ich deinem Vater begegnet bin, und was habe ich nun davon?« Mit sichtlicher Anstrengung riss sie sich zusammen und sprach weiter: »Ich habe die Briefe meiner Mutter gelesen, aber sie sind nicht chronologisch, das fand ich verwirrend, außerdem fehlen Seiten. Irgendwie schienen sie nichts mit mir zu tun zu haben, mit dem Menschen, der ich war, als ich sie erhielt … Vielleicht hätte ich jünger sein müssen.« Sie seufzte, zweifellos dachte sie an versäumte Gelegenheiten. »Schau dir ruhig alles an! Ich mach uns inzwischen etwas zu essen. Und lass das Feuer nicht ausgehen.«

Lucy nickte zustimmend, obwohl sie die Ermahnung ihrer Mutter kaum mitbekommen hatte. Sie hielt einen Artikel aus dem Jahr 1953 in der Hand, einige Jahre nach dem Tod ihrer Großmutter, ergänzt durch eine ziemlich grobkörnige Schwarz-Weiß-Aufnahme. Darauf war eine höchst attraktive und – für die damalige Zeit – vermutlich elegante junge Frau neben einer älteren Dame und drei recht aufgeblasen wirkenden Männern zu sehen, die es wohl nicht gewohnt waren, fotografiert zu werden, oder nicht gestört werden wollten. Die Gruppe stand vor einem imposanten Gebäude. Die junge Frau hielt einen Orden in der Hand, und obwohl die Qualität des Fotos im Lauf der Jahre gelitten hatte, fiel Lucy auf, dass die junge Frau im Unterschied zu den Männern unendlich stolz und glücklich aussah.

»Ich vermute, Ihre Kleider sind le dernier cri, Madame«, versicherte sie ihr, »aber diesen Hut würde ich nie im Leben aufsetzen, und für die toten Tiere, die Sie um die Schultern tragen, sollten Sie sich schämen.« Sie überflog den Artikel, den auch ihre Mutter gelesen hatte. Die französische Regierung hatte Monsieur le Baron de Ville-France posthum die Croix de Guerre verliehen und die Auszeichnung seiner Tochter Madame Hervé-Dauvergne überreicht. Offenbar hatte der Herr Baron im Zweiten Weltkrieg Menschen bei der Flucht aus Lissabon geholfen.

Ob meine Großmutter ihn wohl gekannt hat, überlegte Lucy, oder hat sie einfach nur zur selben Zeit in Lissabon gelebt wie er?

Faszinierend. Bestimmt fand sich in dem Notenkoffer noch mehr darüber.

An diesem Abend hatte sie keine Gelegenheit mehr, es herauszufinden, weil Suzanne ins Wohnzimmer zurückkehrte und sich mit dem Feuer und den Kissen zu schaffen machte.

Der ruhelose Blick, den sie an Weihnachten gehabt hatte, war wieder da, und Lucy legte den Zeitungsausschnitt an seinen Platz zurück. Er hatte lange dort gelegen, fast fünfzig Jahre lang – auf ein paar Stunden mehr oder weniger kam es nicht an. »Ich dachte, du wolltest kochen, Mum.«

»Ich habe einen Auflauf in die Röhre geschoben, der wird von selbst gar.« Suzanne ließ sich wie ein Schmetterling bald auf dieser, bald auf jener Sessellehne nieder, entschied sich aber schließlich für das Sofa. »Lucy, wir müssen reden. Anscheinend werde ich nicht damit fertig. Es ist alles so schnell gegangen. Es ist noch keine Woche her, da habe ich wie immer Weihnachten vorbereitet, und jetzt steht das neue Jahr vor der Tür und ich bin eine verlassene Ehefrau.« Sie sah Lucy an. »Ich kann nicht fassen, dass er das Zuhause verkaufen will, das ich geschaffen habe.« Man hörte ihr an, wie verletzt sie war. »Es war mein Zufluchtsort, Lucy, mein sicherer Hafen.«

»Zufluchtsort? Wovor, Mum?« Hier brodelte so viel unter der Oberfläche. Lucy schaute erst ihre Mutter an, dann den Notenkoffer und erkannte, wie wenig sie über ihre Mutter und die Familie Radcliffe wusste. »Mummy?«

Suzanne schrak auf. Sie schlug die Hände vors Gesicht und versuchte dann zu lachen. »Hört sich melodramatisch an, nicht? Ich war nur vor einem auf der Flucht: vor lähmender Langeweile. Meine Tante ist nie von zu Hause weggekommen, weil sie ihre Mutter gepflegt hat, und dann hat sie auch noch mich, eine Fünfjährige, in ihre Obhut genommen. Als ich dann später den Wünsch äußerte, zur Universität zu gehen, erfuhr ich, dass von mir erwartet wurde, dass ich mich nun im Gegenzug um meine Tante kümmerte. Ich war deinem Vater unendlich dankbar, weil er mich aus diesem Haus herausgeholt hat, und dann kamst du.« Ihre Augen waren tränennass und zugleich stolz. »Von da an war mein Leben perfekt.«

Lucy schloss sie in die Arme. »Du brauchst doch nicht zu verkaufen, Mum. Ruf die Anwältin an!«

Aber Suzanne zog es vor zu warten.

Es hatte keinen Sinn zu streiten. Unauffällig näherte sich Lucy wieder dem Notenkoffer, merkte aber, dass ihre Mutter noch unruhig zwischen dem Kamin und dem Fenster hin- und hertigerte und immer wieder im Feuer herumstocherte. »Was ist das für ein Duft?«, fragte sie. »Ziemlich aufdringlich; wie die scheußlichen Lilien, die Honoria so geliebt hat.«

War es besser, sich um den Duft überzüchteter Treibhausblumen Gedanken zu machen als über Scheidungsprobleme? Lucy seufzte. »Das sind die Hyazinthen, die Mrs Baxter dir zu Weihnachten geschenkt hat. Dieser Raum ist zu klein dafür, ich stelle sie in den Flur.« Sie nahm den Topf mit den gerade aufgeblühten weißen Blüten und schnupperte daran. »Mir gefallen sie, Mum. Sie sind viel zarter als Lilien.« Da fiel ihr etwas auf. »Schau, sie sind auch auf dem Gemälde, oder?«

Mutter und Tochter blickten zu dem Bild, das über dem Kamin hing, seit Lucy denken konnte. Es zeigte ein Mädchen in einem Zimmer voller dunkler, schwerer, wahrscheinlich antiker Möbel. Sie trug ein schlichtes weißes Kleid im Stil der Vorkriegszeit und hielt einen kleinen lebenden Vogel in den Händen. Die ebenfalls weißen Blumen standen in hübschen Töpfen auf einem Tisch hinter dem Mädchen. Das Gemälde trug den Titel Henriquetas Schatz und stammte von Suzannes Mutter.

»Weißt du, ob es etwas wert ist, Mum? Die Haltung des Mädchens erinnert mich an einen Picasso, den ich irgendwo gesehen habe.«

»Meine Mutter war kein Picasso.«

»Nein«, räumte Lucy widerwillig ein, »aber es könnte etwas Geld bringen für den Fall, dass wir dieses Haus verkaufen und uns nach etwas Kleinerem umsehen müssen.«

Suzanne nahm einen von Lucys Prospekten vom Tisch und warf ihn ärgerlich wieder hin. »Das Bild ist das Letzte, wovon ich mich trennen würde. Meine Mutter hat mir sehr wenig hinterlassen.«

Lucy legte die Arme um ihre Mutter. »Mum, Mum, reg dich nicht auf! Tut mir leid. Bestimmt hast du noch mehr als das Gemälde. Sie hat lange mit Honoria zusammengelebt, oder?«

»Ich habe bei Honoria gewohnt. Nach dem Tod meiner Mutter. An die Zeit davor erinnere ich mich kaum, aber es steht fest, dass ich in Portugal geboren wurde. Du weißt doch, dass sie vor dem Krieg nach Lissabon gegangen war, um an einer elitären Mädchenschule Kunst zu unterrichten. Offenbar hat sie dort geheiratet, und sie ist entweder bis zum Tod ihres Mannes geblieben oder konnte wegen des Krieges nicht zurückkehren. Keine Ahnung.«

»Hast du sie denn nie danach gefragt?«

»Ich war fünf Jahre alt, als Claire starb«, entgegnete Suzanne gereizt. »Falls ich vorher Fragen gestellt habe, habe ich die Antwort vergessen.« Sie blickte sich um, als suche sie etwas, was sie gerade weggelegt hatte. »Ich habe dir ihre Briefe und die Zeitungsartikel gegeben. Kann sein, dass ich einige weggeworfen habe, weil sie anscheinend nichts mit der Familie zu tun hatten, aber allmählich wünschte ich, ich hätte alles so gelassen, wie es war.« Sie holte tief Luft, wie um sich zu beruhigen, und strich sich mit zitternder Hand eine Haarsträhne aus den Augen. Dabei bemerkte Lucy, dass sie ihre Ringe abgelegt hatte.

Lucy stand auf. »Dein Auflauf ist bestimmt fertig, er duftet schon richtig lecker. Komm, wir essen in der Küche, und dann verordne ich dir ein schönes Schaumbad und eine Bettlektüre.«

Alex hatte ihre Nachbarinnen am zweiten Weihnachtsfeiertag angerufen und sich für das Festessen bedankt. Bei dem Gespräch hatte sie angekündigt, dass sie vielleicht ein paar Tage Skiurlaub machen wolle. Nun stellte sie fest, dass ihre neuen Freundinnen ihr nicht mehr aus dem Sinn gingen. Zum ersten Mal dachte Alex darüber nach, wie Geoffreys Frau während seiner Beziehung zu einer anderen gelitten haben mochte. Ihr war bewusst, dass er abgesehen von der Lüge, er habe vor, seine Frau zu verlassen, immer ziemlich aufrichtig gewesen war, wenn es darum gegangen war, wann er Alex treffen konnte. Und Geoffrey hätte an Weihnachten niemals solch eine Bombe hochgehen lassen, dachte Alex. Außerdem hat dieser Mistkerl von Professor auch noch dafür gesorgt, dass seine einzige Tochter Schwierigkeiten mit ihrem Freund kriegt, indem er ihr den Skiurlaub ausgeredet hat, damit sie hierbleibt, um die Scherben aufzusammeln.

Alex war froh, dass sie gerade ein langes Telefonat mit einem alten Kommilitonen geführt hatte – einem glücklichen, treuen Ehemann, dem Vater von Alex’ Patenkind –, denn sonst hätte sie vielleicht vergessen, dass nicht alle Männer im Grunde Schweine waren. Das konnte man wirklich nicht behaupten, aber sie, Alex, war womöglich selbst ein Schwein, weil sie sich auf eine Affäre mit einem verheirateten Mann eingelassen hatte … Allerdings hatte sie von Geoffreys Ehe nichts gewusst, als sie sich so rettungslos in ihn verliebte. Alex kam zu dem Schluss, dass ihr kein moralisches Urteil zustehe, Suzanne und die arme Lucy ihr jedoch leidtaten. Gerade in Lucys Alter sollte das Leben einfach nur Spaß machen.

Sie entschied sich, ihre Nachbarinnen erneut anzurufen, und aus der Beflissenheit, mit der Lucy sich meldete, schloss sie, dass Sam sich noch immer nicht gemeldet hatte. »Hi, Lucy, ich wollte ja eigentlich für ein paar Tage wegfahren, aber da ich erst seit wenigen Monaten in St Andrews bin, dachte ich mir, hierzubleiben wäre auch nett. Habt ihr, deine Mutter und du, für Silvester schon etwas vor?«

»Nein. Ich hatte gehofft, dass sie mit mir auf Hausbesichtigungstour geht.«

»Witzig, das tue ich auch gerade. Wir könnten unsere Unterlagen vergleichen. Wollt ihr beide nicht an Silvester zu einem späten Abendessen zu mir kommen?«, erklärte sie spontan. Dann können wir gemeinsam das neue Jahr begrüßen. Mobiltelefone dürfen natürlich eingeschaltet bleiben.«

Lucy erklärte, sie müsse erst mit ihrer Mutter sprechen, dankte Alex für die Einladung und versprach zurückzurufen. Alex ging in die Küche und holte die aktuelle Tageszeitung, die schon beim Altpapier lag, um sich die Immobilienseite anzusehen. Bis zum Tod ihrer Eltern hatte sie in einem großen Haus mit einem riesigen Landschaftsgarten gewohnt; danach hatte ihr Vormund ihr zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag großzügigerweise ein Apartment gekauft.

»Das Gleiche hätten deine lieben Eltern auch getan«, erklärte er, also hatte Alex dort gelebt und die Bequemlichkeiten genossen. Nach ihrer Entscheidung, alle Brücken nach London und zu Geoffrey abzubrechen, war sie nach St Andrews gezogen – an der hiesigen Universität hatte sie immer studieren wollen – und hatte diese Wohnung gemietet, weil sie noch nicht wusste, was sie mit ihrem Leben weiter anfangen wollte. Jedes Mal, wenn sie an den Universitätsgebäuden vorbeiging, fühlte sie sich davon wie magisch angezogen. Sie war nicht gezwungen zu arbeiten, denn sie besaß immer noch das Londoner Apartment; sie hatte also Mieteinnahmen und dazu das beträchtliche Erbe, das ihre Eltern und der Vormund ihr hinterlassen hatten. Sie konnte also durchaus ihren Magister machen, Akademikerin werden und in dieser schönen alten Stadt bleiben. Ach, es machte wirklich Spaß, das Leben selbst in die Hand zu nehmen! Sie konnte sich nach einem Cottage oder einem kleinen Stadthaus mit Garten umsehen. Sie würde Gartenfeste veranstalten, bei denen alle einen Hut tragen mussten. Im Geist ging sie die Sammlung teurer Hüte durch, die sie sich hin und wieder geleistet hatte und die jetzt in ebenso teuren Schachteln auf den beiden Schränken dieser Wohnung und in einem freien Schrank im Haus ihres Freundes Giles verstaubten; zumindest wusste dessen Frau, dass sie sich jederzeit einen davon ausleihen durfte.

Alex bereitete die geplante Einladung gründlich vor. Zu einer Silvesterparty sollten doch mehr als zwei Gäste kommen. Was sie zum Abendessen servieren würde, wusste sie schon – Hühnerbrust gefüllt mit scharfer Avocado-Salsa und als Nachtisch dieses himmlische Haselnuss-Schokoladen-Himbeer-Soufflé, das sie in den Crown-Derby-Schälchen ihrer Großmutter anrichten würde. Sie besaßen genau die richtige Größe für diese gehaltvolle Süßspeise. Schokolade und Himbeeren ergänzten sich hervorragend. Ob es in St Andrews wohl mitten im Winter frische Himbeeren gab? Wollte sie wirklich eine Party schmeißen? Ja, mit den richtigen Leuten. Das Problem war nur, dass all ihre guten Freunde in London lebten und die Ferien mit ihren Familien verbrachten, und zwar entweder in London oder irgendwo zwischen Davos und Barbados. Alex hatte sich bisher keine Mühe gegeben, in St Andrews Freundschaften zu schließen. Ihre Nachbarinnen kannte sie ja inzwischen, aber wer kam sonst noch in Frage?

Verdammt, das sah nach Arbeit aus. Everard Halley fiel ihr ein. Meine Güte, wie konnte man in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts bloß auf die Idee kommen, sein Kind »Everard« zu nennen? Sie hatte ihn in der Universitätsbibliothek kennengelernt, als sie sich einen Leseausweis besorgte. Ein reizender älterer Herr, der höchstens ein paar Jahre jünger war als Suzanne und somit einen guten Tischherrn für sie abgeben würde – sofern er, was äußerst unwahrscheinlich war, an Silvester noch nichts vorhatte. Alex rief ihn an, und er war zwar überrascht, nahm die Einladung jedoch erfreut an.

Oje, wenn Suzanne nicht kommt, dann wird er denken, ich hätte es auf ihn abgesehen. Wer noch?

Da fiel ihr die respekteinflößende Anwältin ein, die ihr die Wohnung besorgt hatte, und sie rief in der Kanzlei an, bevor sie es sich anders überlegen konnte. Miss Scrymgeour war erstaunt, von Alex zu hören.

»Gibt es ein Problem mit der Wohnung, Miss Frobisher?«, fragte sie mit ihrem ziemlich ausgeprägten, schmucklosen schottischen Akzent.

Alex versicherte ihr hastig das Gegenteil. »Nein, wirklich nicht, ich habe sogar schon mit dem Gedanken gespielt, sie zu kaufen. Es geht nur darum, dass ich mich allmählich hier einlebe und dachte, eine Silvesterparty wäre eine feine Sache. Deshalb wollte ich Sie fragen, ob Sie vielleicht Zeit haben.«

Es folgte ein kurzes, bedeutungsvolles Schweigen.

»Ich habe Zeit«, antwortete die Juristin, und Alex fragte sich, wie diese Stimme wohl bei einer Auseinandersetzung klingen mochte. »Aber ohne meine bessere Hälfte gehe ich nirgendwohin.«

Gleich zwei Personen mehr – phantastisch!

»Natürlich nicht. Das wäre wunderbar.« Insgeheim hatte sie Probleme, sich diese eiserne Lady mit einer »besseren Hälfte« vorzustellen. »Sagen wir, so gegen neun.«

»Drücken Sie sich bitte klar aus, Miss Forbisher – Sie meinen also neun Uhr abends?«

Kleinlaut gab Alex zu, dass sie genau das gemeint hatte.

»Schön. Ciao«, verabschiedete sich Miss Scrymgeour, und Alex hätte schwören können, dass sie ein Lachen in ihrer Stimme gehört hatte.

Nein, unmöglich. Sie ist eine vertrocknete alte Flunder. Ich kann es kaum erwarten, ihren Mann zu sehen – wahrscheinlich ein Weichei von einem Zahnarzt, sagte sie sich, was ziemlich unfreundlich war, aber zugegebenermaßen litt sie unter einer krankhaften Angst vor Zahnärzten.

Lucy meldete sich und nahm die Einladung an. Alex, die ahnte, dass sie sich schwer ins Zeug gelegt hatte, um ihre Mutter zu überreden, hatte nun zwei Frauen, eine mittleren Alters, eine jung, einen Professor mittleren Alters, eine Anwältin plus Partner, beide undefinierbaren Alters, und sich selbst, weiblich, zweiunddreißig, nicht mehr taufrisch, aber finanziell unabhängig, was auch etwas zählte, und geistig unabhängig, was wahrscheinlich einer ausgelassenen Silvesterparty eher abträglich war. Was für ein scheußlicher Haufen!, dachte sie. Keine Menschenseele darunter, die eine junge Frau wie Lucy auch nur ansatzweise interessieren könnte. Aber abgesehen von einem Streifzug durch die Straßen mit einer Handglocke wusste Alex beim besten Willen nicht, wie sie noch einen Gast auftreiben sollte. Warum hatte sie sich noch keinen Hausarzt zugelegt? Es gab doch bestimmt einen traumhaft attraktiven Arzt in St Andrews, der noch zu haben war. Da meldete sich in ihrem Kopf die Stimme eines Freundes zu Wort. »Alexandrina, mon ange, ich bin Arzt. Mit Anfang zwanzig gehen wir weg wie warme Semmeln. Die Ladenhüter, die danach noch übrig bleiben, sind nicht der Rede wert.«

Wahrscheinlich hatte er Recht, aber sogar ein Arzt, der nicht der Rede wert war, hätte auf einer Silvesterparty etwas hergemacht. Unglücklicherweise war sie, Alex, kerngesund und hatte praktisch nie mit Ärzten zu tun. Ob sie nun weiterphantasierte oder nicht, sie konnte beim besten Willen keinen weiteren Gast für ihre erste Party herbeizaubern. Sie beschloss, sich damit abzufinden, dass nur zwei Männer unter den Frauen für Auflockerung sorgen würden. Miss Scrymgeour war hochintelligent, und auch wenn ihr Ton streng war, so wusste sie doch Interessantes zu berichten. Lucy war jung, klug und hübsch, und sie hoffte, dass sie, Alex, eine gute Gastgeberin abgab. Speisen und Wein würden vom Feinsten sein, womit die Männer in der Regel schon zufrieden waren. Alex nahm sich vor, ihre Karriere als Expertin für internationale Finanzmärkte für sich zu behalten und ihre Weiblichkeit mit einem himmlischen handgeklöppelten Spitzenschal zu betonen, den sie in Spanien gekauft hatte; in Schottland hatte sich bisher noch keine Gelegenheit geboten, ihn zu tragen. Sie hoffte nur, Miss Scrymgeour würde sich nicht auf Zahlungsbilanzen als geeignetes Gesprächsthema versteifen. Das wäre ihr zuzutrauen, dachte Alex, die sich an den Anflug von Heiterkeit in ihrer Stimme erinnerte. Wieder überlegte sie, was es mit dem Ehemann oder Lebensgefährten auf sich haben mochte. Vielleicht war er ja ebenfalls Jurist in der großen Kanzlei? Was für ein Typ von Mann hatte sich in diese Frau mit dem beeindruckenden Intellekt und dem vernichtenden Blick verliebt? Vielleicht ein Richter oder jemand wie Doktor Halley. Halley war möglicherweise genau der Richtige, um Suzanne von ihrem treulosen Ehemann abzulenken. Du lieber Himmel, ich sollte allmählich aufhören mit meinen Phantastereien!

An Silvester ging Alex in die Stadt, um Goldkerzen zu kaufen. Im Schlussverkauf entdeckte sie einen hübschen silbernen Engel, der sich mit einigen Silberkerzen wunderbar als Tafelaufsatz eignen würde. Sie beschloss, trotzdem bei den Goldkerzen für den Kamin im Wohnzimmer zu bleiben. »Kerzen und Schuhe kann man nie genug haben«, erklärte sie der Verkäuferin, die nicht wusste, ob sie zustimmen oder kichern sollte.

Warst du nun herablassend oder einfach nur freundlich, Alexandrina?, fragte sie sich. Geoffrey hätte zweifellos gesagt, herablassend, und sie hätte sich schrecklich gefühlt, aber jetzt war ihr nur nach Lachen zumute. Sie dachte an die Dinnerpartys in London, an geistreiche, mächtige Männer, schöne und gelegentlich noch mächtigere Frauen und seufzte angesichts ihrer merkwürdigen kleinen Silvesterfeier.

Dr. Halley erschien als Erster. Alex hörte, wie er die Treppe herauflief. Offensichtlich war er noch recht fit, ein gutes Zeichen. Weil Alex alles bestens vorbereitet hatte, konnte sie in Ruhe einen Aperitif mit ihm genießen. Die Lampen und Kerzen verströmten gedämpftes Licht, aus der Küche drangen köstliche Düfte, und als es erneut an der Tür läutete, hatte sie bereits den Entschluss gefasst, sich an der Uni einzuschreiben, falls Everard Halley als typisches Mitglied des Lehrkörpers für Alte Geschichte gelten konnte. Dann traten Suzanne und Lucy ein und mit ihnen die erste Überraschung des Abends.

»Doktor Halley, was machen Sie … Ich meine, oh, du meine Güte, Mum, Alex …«

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Mrs Andrews«, sagte der Dozent und reichte Suzanne die Hand, als Alex sie miteinander bekannt machte. »Ich bin Everard Halley, Lucys Tutor. Wirklich nett, Ihre Bekanntschaft zu machen«, wiederholte er, als sei es ihm ernst.

Er sah Suzanne mit so unverhohlener Bewunderung an, dass Alex Lucy beiseitenahm. »Lucy, hilf mir bitte mit den Getränken. Everard, warum begleiten Sie Suzanne nicht ins Wohnzimmer. Suzanne, bitte sieh dir meine Kerzen an, und verrat mir, ob ich die schlichte Eleganz getroffen habe.« Sie lächelte beide an und entführte Lucy in die Küche.

»Du siehst fabelhaft aus, Alex«, sagte Lucy. »Dein kleines Schwarzes ist eine Sensation.«

»Es ist von Jean Muir, und glaub mir, es hat mindestens fünf Jahre auf dem Buckel. Großartiger Schnitt, schöner Stoff, und es wird in fünf Jahren noch genauso modisch sein wie damals und heute – es sei denn, bis dahin hüllen sich alle in Raumanzüge. Du siehst selbst toll aus, und deine Hochsteckfrisur gefällt mir – sehr raffiniert.«

Lucy betrachtete ihr Outfit. Sie trug einen weißen Kaschmirpullover mit Poloausschnitt und dazu einen langen, kaffeebraunen Lederrock, darüber aber eine ärmellose knielange Weste mit braun-goldenen geometrischen Mustern. »Ist die Weste nicht zu viel?«

»Die ist top, genau wie deine Frisur – sie betont diesen wunderbaren Ausschnitt. Ich hatte keine Ahnung, dass Everard dein Tutor ist.« Sie kicherte, und Lucy ließ sich anstecken.

»Ich wette, er hat schreckliche Angst, dass ich allen seinen Vornamen verrate. Der Ärmste, was er in der Schule durchgemacht haben muss!«

»Stimmt.«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Jene Tage in Lissabon" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen