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Jene Jahre voller Träume

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Danksagung
  7. Prolog
  8. Teil 1
  9. Kapitel 1
  10. Kapitel 2
  11. Kapitel 3
  12. Kapitel 4
  13. Kapitel 5
  14. Kapitel 6
  15. Kapitel 7
  16. Teil 2
  17. Kapitel 8
  18. Kapitel 9
  19. Kapitel 10
  20. Kapitel 11
  21. Teil 3
  22. Kapitel 12
  23. Kapitel 13
  24. Kapitel 14
  25. Kapitel 15
  26. Kapitel 16
  27. Kapitel 17
  28. Kapitel 18
  29. Teil 4
  30. Kapitel 19
  31. Kapitel 20
  32. Kapitel 21
  33. Kapitel 22
  34. Kapitel 23
  35. Kapitel 24
  36. Kapitel 25
  37. Kapitel 26
  38. Kapitel 27
  39. Kapitel 28
  40. Kapitel 29

Über die Autorin

Marcia Willett, in Somerset geboren, studierte und unterrichtete klassischen Tanz, bevor sie ihr Talent für das Schreiben entdeckte und sich zu einer außergewöhnlichen Erzählerin entwickelte, die THE TIMES als »eine authentische Stimme ihrer Zeit« feierte. Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann in Südengland, dem Schauplatz vieler ihrer Romane.

Mein Dank gilt Cate Paterson, meiner Lektorin,
die sich bei der Geburt dieses Buches als Hebamme
verdient gemacht und mir durch die Wehen
geholfen hat.

PROLOG

1981

Cassandra Wivenhoe stand vor dem offenen Grab und sah zu, wie der Sarg ihrer Tochter in die Erde von Devon hinabgelassen wurde. Sie schob die Hände in die Taschen ihres dunkelgrauen Wollkostüms und schluckte mehrmals. Sie durfte einfach nicht an Charlotte denken, die dort allein und schutzlos lag: Schon bald würden sie sie auf dem windigen Moorfriedhof zurücklassen müssen.

»Du, Herr, kennst die Geheimnisse unserer Herzen …«

Die Geheimnisse unserer Herzen! Cass hob den Kopf und sah Kate Webster in die Augen, ihrer ältesten und engsten Freundin, deren mitfühlender Blick Cass stärkte und ihr ein klein wenig Halt gab. Sie blinzelte gegen die Tränen an und rief sich Kates Worte ins Gedächtnis: »Wenn du weiter russisches Roulette spielst, wirst du eines Tages die Kugel abbekommen.«

Aber ich wollte nicht, dass ein anderer leidet, rief Cass lautlos. Nicht meine Kinder! Nicht Charlotte! Sie war doch erst fünfzehn!

»Dass Er die Seele unserer lieben Tochter annehmen möge …«

Ohne dass Cass es wollte, überlagerten andere Bilder die Friedhofsszene. Charlotte als Baby, als kleines Kind, wie sie mit Kates Zwillingen spielte, als größeres Mädchen, wie sie in einer viel zu weiten Schürze kochen lernte – das Gesicht ernst und aufmerksam –, Charlotte auf ihrem Pony und dann als schüchterner, unbeholfener Teenager …

Nein!, schrie die Stimme in Cass’ Kopf. Ich kann es nicht ertragen! Es ist einfach unerträglich!

»… Erde zu Erde …«

Feuchte, schwarze Moorlanderde landete mit einem leisen, dumpfen Aufprall auf dem hölzernen Deckel.

Sie riss den Kopf hoch und sah Kate abermals in die Augen. Dann bemerkte sie, dass Kate die Hände zu Fäusten geballt hatte, und sie wusste, ihre Freundin versuchte, ihr etwas von ihrer eigenen Kraft zu senden.

Cass schluckte, ihr Gesicht zuckte mitleiderregend, und sie nickte Kate kaum merklich zu.

»… in der festen und gewissen Hoffnung auf die Wiederauferstehung …«

Ungebeten überschlugen sich in Kates Gedächtnis die Erinnerungen: so viele Szenen und Gespräche, ein ganzes Leben, das sie schließlich an einem stürmischen Herbstnachmittag auf diesen Friedhof gebracht hatte. Durch ungeweinte Tränen und eine lange geteilte Vergangenheit blickte Kate zurück.

TEIL 1

KAPITEL 1

1964–1968

Die Isle of Wight schien geisterhaft auf einem Meer aus flüssigem Glas zu treiben. Eine schwache, bleistiftfeine, silberne Linie deutete den Horizont an, wo er mit einem einförmig grauweißen Himmel verschmolz. Der spätherbstliche Nachmittag hatte etwas Helles, einen sanften Schimmer, ein Versprechen auf Sonnenschein, das noch der Erfüllung harrte. Kate, die langsam über den Strand von Stoke’s Bay schlenderte, passte sich nach und nach an die neue Umgebung an. Diese flachen, kiesigen Ufer und die breiten Promenaden mit den dahinterliegenden weiten Grasflächen schienen Kate zu zähmen, die an die sandigen Strände, die Felsvorsprünge und die hoch aufragenden Klippen der Westküste gewöhnt war. Hier betrug sich sogar das Meer zivilisierter. Es lag still da, zog sich gelassen zurück und kam bescheiden wieder näher, ganz anders als im Norden der kornischen Küste, wo es sich wild und lärmend gebärdete.

Kate blickte in die Schutzhütten, die entlang der Promenade standen. Sie erkannte allmählich die ältlichen Stammgäste; sie saßen da wie Spinnen, die darauf warteten, das unschuldige Opfer mit einem freundlichen kleinen Nicken und einem auf tapfere Weise mitleiderregenden Lächeln in die Falle zu locken. Sie waren natürlich einsam, genau wie Kate, aber sie wusste, wenn sie sich zu nahe heranwagte, würde sie von einem beiläufigen Gruß in einem Netz banaler Gespräche gefangen werden, das der Wind unausweichlich um ihre Unabhängigkeit schlingen würde, um die Freiheit ihres Weges zu beschneiden. Beinahe war es eine Versuchung. Es würde ihr ein gewisses Gefühl von Kameradschaft schenken, müßig und halb betäubt von dem sanften Summen der Erinnerungen anderer Menschen dazusitzen, wohl wissend, dass jeder halbherzige Fluchtversuch durch den klebrigen Strom der Worte um sie herum erstickt werden würde.

Kate verhärtete ihr Herz und wandte den Kopf ab. Ihr Mann, Mark, war für sieben Wochen auf See, und sie stand noch in der ersten dieser Wochen. Bei der Erinnerung an all die Ratschläge und Warnungen, die sie vor fast zwei Monaten an ihrem Hochzeitstag von wohlmeinenden Freunden erhalten hatte, reckte Kate das Kinn vor und schob die Fäuste noch tiefer in die Taschen ihres Dufflecoats. Sie hatte nicht die Absicht, beim ersten Mal, da das U-Boot in See stach, ihre Niederlage einzugestehen und nach Hause zu eilen, obwohl es ihr geholfen hätte, wenn sie vor Marks Abfahrt einige andere Leute in Alverstoke kennengelernt hätte. Er kannte aber auch niemanden. Wie hätte es auch anders sein können, da er direkt vom Britannia Royal Naval College und den Kursen des vierten Studienjahrs zur HMS Dolphin gekommen war, der U-Boot-Basis in Gosport?

Während sie zusah, wie die Fähre zur Isle of Wight sich hinter der Seemauer, einem Steinwall zum Schutz gegen das Meer, durch die Wellen pflügte, wehrte Kate sich nicht länger gegen die Erkenntnis, dass sie ihre beste Freundin schrecklich vermisste. Als Zwölfjährige waren sich Cassandra und sie das erste Mal begegnet; es war im Internat an der Nordküste von Somerset am Rand der Quantock Hills gewesen. Sofort und ohne Umwege hatten sie Freundschaft geschlossen. Kate kam aus einem Zuhause, das schier überquoll von Brüdern, einer Schwester und mehreren Hunden; ihre großzügigen Eltern standen der Familie auf liebevolle Weise vor. Sie hatte mit großen Augen zugehört, wenn Cass, ein Einzelkind, über Kinderfrauen, Armeequartiere und ihren Vater – inzwischen ein General – gesprochen hatte, der nach dem Tod ihrer Mutter bei einem Autounfall mit seiner Weisheit am Ende war.

»Gerüchten zufolge«, offenbarte Cass Kate, während sie in einen verbotenen Doughnut biss, »wollte sie mit ihrem Geliebten durchbrennen.«

Kates Augen wurden noch runder. »Meine Güte!«, flüsterte sie. »Aber kann man denn durchbrennen, wenn man bereits verheiratet ist?«

Cass zuckte die Schultern; die Einzelheiten waren unwichtig. Sie leckte etwas Marmelade auf. »Na schön, dann sind sie eben weggelaufen. Wie dem auch sei, den Wagen konnten wir abschreiben. Ich kann mich im Grunde nicht an sie erinnern. Ich war erst zwei.«

»Dein armer Vater.«

»Er war am Boden zerstört, der arme alte Schatz. Und er weiß einfach nicht, was er mit mir machen soll, jetzt, da ich erwachsen werde. Deshalb hat er mich für die nächsten fünf Jahre hierhergeschickt, mitten ins Nirgendwo. Er denkt, hier sei ich sicher vor Versuchungen.«

Die Art, wie sie das Wort aussprach, gab ihm den Ruch von Aufregung und Verheißung. Etwas, das man erstreben sollte, statt es zu meiden.

Die fünf Jahre waren verstrichen; zuerst waren sie geprägt gewesen von Schwärmereien für Cliff Richard und Adam Faith, dann von quälender Verliebtheit in Brüder anderer Mädchen. Sie hatten Lacrosse und Tennis gespielt und waren reiten und schwimmen gegangen. Sie hatten ihre Prüfungen, so knapp es ging, bestanden, sich über Babyspeck und Pickel gegrämt, und eines Tages waren sie dann aufgewacht, und alles war vorüber gewesen. Die Schultage, die sich so endlos vor ihnen dahingestreckt hatten, gehörten jetzt der Vergangenheit an.

»Aber wir werden in Verbindung bleiben.«

Sie standen gemeinsam in dem Arbeitszimmer, das sie sich das letzte Jahr geteilt hatten. Ihre Sachen waren gepackt, die Regale und Schreibtische ausgeräumt. Sie sahen einander an. Cassandra, blauäugig, hochgewachsen und mit vollen Brüsten, trug das lange blonde Haar zu einem französischen Zopf geflochten und wirkte mit einem Twinset aus Kaschmir, einem dunkelblauen Faltenrock und einer Perlenkette sehr elegant.

Kate grinste. »Erinnerst du dich, wie wir uns aus der Schule geschlichen haben, um Expresso Bongo zu sehen?«

»Und weißt du noch, dieses Jahr, in dem ich zwölf rote Rosen und eine Valentinskarte von Moiras Bruder bekommen habe und sie beschlagnahmt wurden?«

Sie brüllten vor Lachen.

Kate mit ihrem Mopp ungebärdiger, brauner Locken und den grauen Augen war kleiner und untersetzter als ihre Freundin und versuchte gar nicht erst, elegant zu wirken. Sie trug ein honigfarbenes Tweedkostüm, Heimreisekleider.

Sie umarmten einander und mochten gar nicht mehr loslassen.

»Du musst zu Besuch kommen. Wir werden Unmengen Spaß haben.«

Schließlich lösten sie sich voneinander. Cass fuhr zur Wohnung ihres Vaters nach London, um sich ein Jahr lang zu entspannen und – sehr vage – darüber nachzudenken, sich irgendeine Art von Job zu suchen. Kate reiste heim nach Cornwall, um – sehr widerstrebend – dem Gedanken an die Teilnahme an einem Hauswirtschafts- oder Stenografie- und Maschineschreibkurs näherzukommen. Beide dachten allerdings sehr ernsthaft darüber nach, sich zu verlieben und zu heiraten.

Auf einer Party kaum ein Jahr später lernte Cass Tom Wivenhoe kennen, einen Seekadetten in seinem letzten Jahr am Britannia Royal Naval College, und kurz darauf erhielt Kate einen Anruf.

»Ich bins. Wie läuft es im Schreibmaschinenkurs?«

»Grässlich. Schrecklich. Wie geht es dir?«

»Ging mir noch nie besser. Hör mal, ich habe einen umwerfenden Typen kennengelernt. Also! Wie wärs, wenn du zu dem Sommerball in Dartmouth kommen würdest? Du weißt schon, das Marine-College.«

»Ist das dein Ernst? Die Eintrittskarten sind wie Goldstaub!«

»Aha! Vertrau deiner Feenpatentante. Du kommst zum Ball, Cinderella.«

»Aber wen soll ich …?«

»Tom hat einen Freund namens Mark Webster. Seine Partnerin hat sich das Bein gebrochen oder so etwas, und er hat niemand anderen. Er ist nett. Ehrlich. Ein bisschen still, aber groß und gut aussehend. Wie wärs damit? Wir nehmen uns ein Doppelzimmer im ›Royal Castle‹. Es wird genauso sein wie in der Schule. Was sagst du dazu?«

»Oh, Cass …«

Ein Jahr später, nach den Abschlusskursen des vierten Jahrs und einer ungebrochenen Abfolge von Bällen, Damenabenden und Partys waren sie beide verheiratet. Cass und Tom heirateten im August mit Kate als Brautjungfer. Zwei Wochen später waren dann Kate und Mark an der Reihe mit Cass als Ehrendame. In einer Woge aus weißer Seide, das Donnern der Orgel in den Ohren und eine Vision ehelicher Wonnen in den verzückten Augen, schritten sie unter den Bögen von Marineschwertern hinaus in den Sonnenschein eines Lebens, in dem sie glücklich sein würden bis ans Ende ihrer Tage.

Nach ihrer Rückkehr aus den Flitterwochen waren Kate und Mark in eine möblierte Erdgeschosswohnung in einem entzückenden georgianischen Reihenhaus in dem Dorf Alverstoke gezogen, eine Straße vom Strand entfernt. Kate hatte viele glückliche Stunden darauf verwandt, die Wohnung so behaglich und heimelig zu gestalten, wie sie es mit ihren wenigen Besitztümern nur vermochte, während Mark jeden Tag auf die Dolphin ging, um seine Zusatzausbildung für die U-Boot-Flotte zu vollenden. Er war inzwischen gerade so lange Leutnant zur See, dass der einzelne Goldstreifen um beide Manschetten seine offenkundige Neuheit verloren hatte.

Cass und Tom wohnten ebenfalls in Alverstoke. Tom war der einzige andere verheiratete Mann in dem Kursus, und er und Mark fühlten sich zueinander hingezogen – allerdings mehr aufgrund ihres Status als Frischverheiratete und der langen Freundschaft zwischen ihren Frauen als aufgrund irgendwelcher Ähnlichkeiten in ihrem Charakter oder ihrer Lebenseinstellung. Sie wirkten ernsthafter und verantwortungsbewusster als die übrigen Mitglieder des Kurses, die in der Offiziersmesse lebten und deren Hauptgesprächsthemen noch immer Partys, Mädchen und Verabredungen für abendliche Trinkgelage im Pub waren. Die vier jungen Leute kamen oft zu zwanglosen Abendessen in Kates und Marks Wohnung oder in Cass’ und Toms Cottage zusammen, und manchmal trafen sie sich sonntags morgens auf ein Bier im »Anglesea Arms«. Tom und Cass hatten oft auch andere Mitglieder des Kurses zu Besuch und bewirteten sie mit Currygerichten, aber als Kate zaghaft vorschlug, sie könnten die anderen auch in ihre Wohnung einladen, sagte Mark, er habe schon tagsüber wahrhaftig genug von seinen Kollegen, vielen Dank. Und obwohl Cass und Tom eine Menge Spaß zu haben schienen, freute Kate sich darüber, dass Mark mit ihrer Gesellschaft zufrieden war.

Für Kate hatte das Leben als Ehefrau eines Marineoffiziers weitaus mehr Glanz und Verantwortung, als es beispielsweise das an der Seite eines Arztes oder Pfarrers gehabt hätte. Ihre Mutter – und andere Frauen – hatten sie vor der Einsamkeit gewarnt, die ihr bevorstand, vor den Schwierigkeiten, die in Notfällen auf sie zukamen. Auch würde es nicht leicht sein, von einem Stützpunkt zum nächsten zu ziehen, und das häufig allein. Sie war stolz darauf, dass sie »ihren Beitrag leisten« und Opfer bringen würde, damit Mark eine anspruchsvolle Arbeit tun konnte, bei der es sich um Fragen der nationalen Sicherheit handelte, während er gleichzeitig die Annehmlichkeiten und die Unterstützung einer Familie im Hintergrund hatte, zu der er zurückkehren konnte.

Trotzdem dämmerte Kate inzwischen, wie überaus lang ein Tag sein konnte. Es war so schwierig, sich zu beschäftigen. Sie war immer eine Frühaufsteherin gewesen, und es war ihr unmöglich, die Vormittage im Bett zu vertrödeln. Sie entfachte im Kohleherd ein Feuer und verbrachte so viel Zeit wie möglich mit ihrem Bad und dem Frühstück. Wenn es bereits halb neun war, bevor sie alles erledigt hatte, war sie zufrieden mit sich, aber es galt noch immer zwölf lange, leere Stunden zu füllen, bevor sie sich wieder fürs Bett zurechtmachen konnte. Es war so wenig Aufwand, für sich selbst zu sorgen, dass sie die Neigung entwickelte, vieles aufzuschieben, bis so viel liegen geblieben war, dass es sich endlich lohnte, überhaupt mit der Arbeit anzufangen. Die Zubereitung des Essens dauerte nur Minuten – kunstvolle Mahlzeiten für sich allein benötigte sie nicht –, und das Essen selbst ging noch schneller, und während sie aß, las sie stets in einem Buch. Als das Boot in See gegangen war, hatte sie die Möglichkeit erwähnt, sich einen Teilzeitjob zu suchen, aber Mark hatte sich sofort dagegen ausgesprochen: Er wollte, dass seine Frau zu Hause war, wenn das Boot im Hafen lag, nicht irgendwo bei der Arbeit.

»Du kommst doch gewiss für einige Wochen allein zurecht, oder?«, hatte er gesagt. »Schließlich sehen wir einander auch so schon selten genug.«

Kate war eifrig darauf bedacht, das Ihrige zu tun – außerdem war sie zu diesem Zeitpunkt in ihrem ganzen Leben noch nie allein gewesen. Also hatte sie ihm beigepflichtet. »Ich werde wunderbar klarkommen, Schatz«, hatte sie versichert und den Gedanken an einen Job unverzüglich über Bord geworfen.

Am Ende seines Kurses wurde Mark als Fünfter Wachoffizier auf eins der älteren, konventionellen Boote versetzt, wo er für die Aufgaben eines Deckoffiziers und den Bürodienst des Kommandanten verantwortlich sein würde. Es war ein stolzer, feierlicher Augenblick – der Ernst des Lebens hatte endlich begonnen. Wenige Wochen später war das Boot nach Norwegen ausgelaufen, um dort »Flagge zu zeigen«. Toms Karriere war bis zu diesem Zeitpunkt nach gleichem Muster verlaufen, und als sein Boot nach Middlesborough auslief, war Cass nach Devon geeilt, um ihrem inzwischen pensionierten Vater zu helfen, sich in seinem neuen Haus am Rand des Dartmoors einzurichten.

Kate machte weiter wie bisher. Marks Briefe kamen in unregelmäßigen Abständen, und sie erfuhr, dass es schwierig war, von einem U-Boot aus Briefe abzusenden, sofern es nicht im Hafen lag. Gelegentlich traf ein Hubschrauber das Boot, um Post abzuholen und auszuliefern, und dann kam ein Brief von Mark, in dem er ihr erzählte, dass er sie schrecklich vermisse und sich auf seine Heimkehr freue. Er schrieb nur sehr wenig über sein Leben an Bord, aber das störte Kate nicht. Es war so schön, von ihm zu hören, den Umschlag mit der vertrauten Handschrift auf dem Boden im Flur liegen zu sehen. Wenn sie das Haus verließ, trug sie ihn bei sich, um ihn in einer der Schutzhütten an der Promenade oder in dem kleinen Café im Dorf wieder und wieder zu lesen. Sie fühlte sich dann weniger einsam, wenn sie die anderen Frauen beim Kaffee mit ihren Freundinnen schwatzen sah.

Als Kate nun in die Gegenwart zurückkehrte, stellte sie fest, dass sie Hunger hatte, und sie wandte sich vom Meer ab und ging zurück zu der Straße, die in weitem Bogen am Meer entlang und dann wieder ins Dorf führte. Während sie in den Crescent einbog, fuhr ein kleiner Wagen an ihr vorbei und hielt vor ihrem Tor. Kate beschleunigte ihren Schritt. Die Fahrerin des Wagens stieg aus, öffnete das Tor und trat hindurch. Es konnte eine Besucherin sein, die zu einer der Wohnungen im oberen Stock oder im Keller wollte, aber Kate betete, dass sie zu ihr wollte. Es würde die reinste Wonne sein, einmal anderswo als an einer Ladentheke oder im Bus mit jemandem reden zu können. Sie beeilte sich, das Haus zu erreichen. Als die fremde Frau hörte, wie das Tor geöffnet wurde, drehte sie sich zu Kate um. Sie war klein und zart, mit sandfarbenem, federweichem Haar und Sommersprossen auf dem blassen, schmalen Gesicht, und sie trug Segeltuchhosen und Pullover. In den Augen der neunzehnjährigen Kate wirkte sie sehr reif, mindestens wie achtundzwanzig.

»Hallo!« Die Unbekannte kam lächelnd auf Kate zu. »Sind Sie vielleicht Kate Webster? Bitte sagen Sie, dass Sie es sind. Oh, gut!«, fügte sie hinzu, als Kate atemlos nickte. »Meine Aufgabe besteht darin, Sie aufzuspüren und zum Tee mit nach Hause zu nehmen. Ich habe gerade erst von Ihnen erfahren.« Aus ihrem Munde klangen die Worte so, als wäre Kate eine eben erst neu entdeckte Spezies. »Ich habe heute Morgen einen Brief von Simon bekommen; er schreibt, niemand wisse, dass Sie hier sind. Es war wirklich nicht richtig von Mark, einfach abzuziehen, ohne Sie hier mit den anderen Offiziersfamilien bekannt zu machen. Doch er ist noch unerfahren, daher werden wir ihm verzeihen müssen. Ich bin Mary Armitage.«

Kates Hand wurde energisch und ausgiebig geschüttelt. Marys Lächeln schien eher von der grimmigen Sorte zu sein und nichts Fragendes oder Abschätzendes zu haben, dachte Kate. Aber gleichzeitig erfüllte das Erscheinen dieser Frau sie mit einiger Furcht. Simon Armitage war Erster Wachoffizier auf Marks Boot, und eines wusste sie ziemlich sicher: Wenn ein U-Boot-Kommandant in den Augen seiner untergebenen Offiziere Gott war, so war der Erste Wachoffizier der Erzengel Gabriel. Sie betete, dass Mary nicht mit hineinkommen wollte. Jetzt, da Mark auf See war, war der Haushalt ihr nicht mehr wichtig, und sie konnte sich vorstellen, dass Mary Simon von den Spinnweben berichten würde, von dem Stapel nicht gebügelter Kleidung und dem Mangel an Kuchen oder Keksen. Mary ging jedoch bereits wieder den Pfad hinunter.

»Darf ich Sie vielleicht entführen? Ich muss zuerst meinen Sohn von der Schule abholen, und ich wage es nicht, mich zu verspäten. Das erste Trimester und all das … Danach können wir zu mir nach Hause fahren und Tee trinken. Ich kann Sie später wieder herbringen, obwohl Sie, um ehrlich zu sein, den Weg zu Fuß in zehn Minuten schaffen könnten.«

Kurz darauf fand Kate sich in Marys Wagen auf dem Weg zur Schule wieder.

»Das ist sehr nett von Ihnen«, begann sie schüchtern. »Ich habe mich schon darauf gefreut, einige der Ehefrauen von Marks Kameraden kennenzulernen. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob irgendjemand in der Nähe des Stützpunkts wohnt.«

»Sie armes Kind. Sie werden sich schon an Bord zurechtfinden.« Mary klang wie eine sehr erfahrene Pfadfinderin, als sie Kate nun den Arm tätschelte. »Es gibt jede Menge Ehefrauen kennenzulernen, und deren Männer sind alle genau wie Ihrer auf See. Sie brauchen hier nicht einsam zu sein.«

»Aber ehrlich, Cass, genau das hat sie gesagt: ›sich an Bord zurechtfinden‹. Als Nächstes wird sie vorschlagen, dass ich einen Knotenkurs belege, habe ich gedacht. Aber so reden sie eben.«

Kates Erleichterung über den Anblick ihrer alten Gefährtin war überwältigend gewesen. Cass und Tom wohnten, wie gesagt, ebenfalls im Dorf Alverstoke, in einem winzigen Cottage nahe der Kirche, und gleich nach Cass’ Rückkehr aus Devon war Kate zu ihr geeilt. Ihre neuen Freundinnen waren nur allzu gern bereit, sie in ihre Gemeinschaft aufzunehmen, doch Kate erkannte schon jetzt, dass ein hohes Maß an Anpassung erwartet wurde, und das fand sie ziemlich beängstigend. Umso wohltuender war es jetzt, Cass zuzusehen, wie sie zum Tee höchst unpassende Dinge auf den alten Kiefernholztisch in der Ecke des Wohnzimmers häufte – Kartoffelchips, Wurstbrötchen und gekauften Schokoladenkuchen. Kate dachte an Mary Armitages selbst gebackene Scones und Kuchen und ihre selbst gemachten Marmeladen, und ein gewaltiger Druck fiel von ihr ab. Wenn sie mit Cass zusammen war, hatte sie das Gefühl, endlich aus einem engen Korsett zu schlüpfen oder einen drückenden Schuh vom Fuß zu schleudern.

»Ich weiß genau, was du meinst.« Cass stopfte sich einige Chips in den Mund. »Tom sagt, es sei ein Wunder, dass einige von ihnen nicht Streifen auf ihren Handtaschen haben. Du weißt schon, diejenigen, die ein Gespräch beginnen mit: ›Und was ist Ihr Mann?‹ Nicht ›wer‹, sondern ›was‹. Na schön. Wir werden wahrscheinlich genauso werden, wenn wir alt sind.«

»Das hoffe ich nicht!« Kate blickte entsetzt drein. »Was für ein schrecklicher Gedanke. Ich wünschte nur, es gäbe mehr Ehefrauen in unserem Alter.«

»Tom und Mark haben sehr jung geheiratet. Das ist ganz und gar nicht üblich. Wie dem auch sei, so macht es viel mehr Spaß. Denk doch nur an all die Männer, die noch nicht vergeben sind! Welch ein Segen, wenn Tom auf See ist!« Cass verschwand in der winzigen Küche, um Tee zu kochen.

»Du bist gerade mal fünf Minuten verheiratet.« Kate lehnte sich gegen den Türknauf, um sie zu beobachten.

»Das weiß ich, aber du musst an den Grundsatz der Marine denken. Allzeit bereit!«

»Das sind die Pfadfinder.« Kate schlenderte zurück, setzte sich an den Tisch und griff nach einem Wurstbrötchen.

»Oh, hm. Ist dasselbe.«

»Du bist ein hoffnungsloser Fall. Und du hast alle Chips aufgegessen, du Biest.«

»Hab ich nicht.« Cass stellte die Teekanne auf den Tisch. »Hier sind sie. Hör zu. Heute Abend ist Happy Hour auf der U-Boot-Basis. Wie wärs, wenn wir hingehen würden?«

»Was? Ohne unsere Männer?«

»Mit ihnen können wir ja wohl kaum hingehen, oder, Schätzchen? Sie sind Hunderte von Meilen entfernt.«

»Aber wir können nicht einfach allein hingehen.«

»Natürlich können wir das. Als wir mit den Männern da waren, waren viele Ehefrauen allein da. Warum auch nicht? All ihre Freunde sind dort. Das ist einer der Vorteile, wenn man die Dolphin gleich um die Ecke hat. Dort kann man hingehen, wenn unsere Männer auf See sind. Wie zu den Curryessen am Sonntag nach der Kirche. Alle verstehen es, wenn man allein auftaucht. Darum geht es ja gerade. Es ist, als gehörte man zu einer großen Familie. Ich werde nicht anfangen, mich wie eine Nonne zu benehmen, nur weil Tom auf See ist.«

»Aber wird jetzt, nachdem der Spezialisierungskursus vorbei ist, überhaupt noch jemand dort sein, den wir kennen? Alle Männer, die an dem Kursus teilgenommen haben, sind inzwischen auf ihre Boote versetzt worden, und keiner von ihnen war verheiratet. Alle werden viel älter sein als wir.« Kate war sich sehr sicher, dass Mark ein solches Tun zutiefst missbilligen würde.

»George Lampeter wird zum Beispiel dort sein. Ich habe ihn im Dorf gesehen. Sein Boot ist anscheinend für einige Wochen im Hafen. Er meinte, es ginge in Ordnung. Er wird später kommen, um uns abzuholen.«

»Oh, hm.« Kate zögerte. George war mit Tom und Mark auf dem British Royal Naval College gewesen, und sie waren alle gute Freunde. Dagegen würde Mark doch gewiss nichts einzuwenden haben? Die Abende waren so lang und leer, und es würde wirklich Spaß machen.

»Also?« Cass zog die Augenbrauen hoch. »Du hast es beruhigt, ja?«

»Was soll ich beruhigt haben?«

»Dein schreckliches Gewissen. Es muss die Hölle sein, sich ständig über irgendetwas Sorgen zu machen. Gott sei Dank habe ich kein Gewissen!«

Mary Armitage bestand darauf, dass Kate sie zu dem Boot begleitete, als es schließlich auf der U-Boot-Basis anlegte. Mittlerweile hatte Kate auf die harte Tour erfahren, dass eine geschätzte Ankunftszeit tatsächlich genau das war – eine grobe Schätzung – und dass man sich auf keinen Fall darauf verlassen konnte. Zu ihrer großen Überraschung und Freude hatte sie herausgefunden, dass das U-Boot an Marks Geburtstag zurückerwartet wurde, und sie hatte beschlossen, seine Heimkehr zu etwas wahrhaft Besonderem zu machen. An dem Tag, bevor sie ihn erwartete, ging sie mit einer Einkaufsliste für das Geburtstagsessen ins Dorf: Es sollte Steak und Pilze geben und dazu eine Flasche von Marks Lieblingswein. Sie ging in die Metzgerei.

»Ich hätte gern Filetsteaks, bitte. Genug für zwei Personen.«

»Jetzt wollen Sie es aber wissen, was?« Der Metzger strahlte sie an; er war es gewohnt, dass sie ein halbes Pfund Hackfleisch bestellte, ein einziges Lammkotelett oder einige Scheiben Schinken. Er war ein väterlicher Typ und hatte immer Mitleid mit den jungen Marinefrauen, die sich hier ohne echtes Zuhause und ohne ihre Familien mühten, allein zurechtzukommen. Jetzt beugte er sich über die Theke und stützte sich auf Hände, die fast so rot waren wie das Fleisch in seinem Schaufenster. »Sie haben wohl etwas zu feiern, wie? Ihr Mann kommt nach Hause?«

»Ja. Morgen.« Sie strahlte zurück.

»War er lange weg?« Er warf das Fleisch auf die Arbeitsfläche, schnitt zwei dicke Scheiben ab und legte sie auf die Waage.

»Zwei Monate.« Sie versuchte erfolglos, ihren Stolz darüber zu verbergen, dass sie so lange Zeit allein zurechtgekommen war.

Augenzwinkernd gab er ihr das Päckchen und ihr Wechselgeld. »Dass Sie es mir ja nicht zu lange braten«, sagte er.

Wieder daheim, verstaute Kate ihre Einkäufe und putzte gründlich die Wohnung. Sie bezog das Bett frisch und bereitete das Feuer in dem Kamin im Wohnzimmer vor. Wie Cass hatte sie nur den einen großen, eleganten Raum, aber zumindest bot ihre Küche genug Platz, um darin zu essen. Zu diesem Anlass polierte Kate jedoch den großen Mahagonitisch im Wohnzimmer und holte ihre Kerzenständer hervor. Als alles fertig war, nahm sie ein Bad, wusch sich das Haar und schlenderte dann von Zimmer zu Zimmer, vollauf beschäftigt mit der Frage, ob sie irgendetwas vergessen hatte.

Sie ging früh zu Bett und lag lange wach; ihr war beinah übel vor Aufregung. Bei dem Gedanken, Mark wiederzusehen, befiel sie eine furchtbare Schüchternheit. Es war, als wäre er ein Fremder für sie geworden, und sie konnte sich kaum an sein Gesicht erinnern. Dafür erinnerte sie sich nur allzu gut an ihre erste Begegnung in der Bar im »Royal Castle« in Dartmouth, als er und Tom gekommen waren, um sie zu dem Ball im College abzuholen. Sie hatten so festlich und glanzvoll ausgesehen in ihren Gala-Uniformen. Mark war zur Theke gegangen, um ihnen etwas zu trinken zu holen, und Tom und Cass hatten miteinander geplaudert wie alte Freunde. Kate fand Mark mit seinem hohen Wuchs, dem dunklen Haar und dem guten Aussehen viel interessanter als den kleinen, untersetzten Tom mit dem braunen, dichten und leicht gewellten Haar. Mark war eindeutig der ruhigere und ernstere der beiden, und Kate fühlte sich ziemlich geschmeichelt von seinem Interesse. Nach drei Jahren militärischer Ausbildung wirkten beide jungen Männer deutlich reifer als ihre Altersgenossen im zivilen Leben.

Ihre späteren Begegnungen hatten diesen Eindruck unterstrichen, obwohl Kate in dem Jahr vor ihrer Hochzeit niemals lange genug mit Mark zusammen gewesen war, um herausfinden zu können, was unter der Tünche lag, die die Marine ihm beschert hatte. Sie und Cass waren zu Bällen und Partys gegangen, und dem allen hatte eine Aura von Glanz, Aufopferungsbereitschaft und sogar Gefahr angehaftet. Sie waren so stolz darauf gewesen, ihre beiden jungen Männer zu begleiten, die bereit waren, ihr Leben für ihr Land hinzugeben.

Kate erinnerte sich auch an ihre ersten unbeholfenen Versuche, sich zu lieben. Mark hatte einmal mit seinen verschiedenen sexuellen Erfahrungen in Schweden geprahlt, was das Ganze nicht eben vereinfacht hatte; Kate war daraufhin nur umso scheuer gewesen und erfüllt von der Angst vor ungünstigen Vergleichen, die er anstellen könnte. Erst hinterher wurde ihr klar, dass all die Prahlerei auch Mark nichts genutzt hatte, da er ebenso ungeschickt und nervös gewirkt hatte wie sie. Während sie nun in die Dunkelheit starrte, versuchte sie, ihn sich an ihrer Seite vorzustellen, aber es gelang ihr nicht. Sie würden wieder ganz von vorn anfangen müssen. »Es wird so sein, als erlebtet ihr jedes Mal neue Flitterwochen, wenn Mark nach Hause kommt«, hatte ein Gast auf der Hochzeit gesagt, und damals hatte das sehr aufregend geklungen. Jetzt ängstigte es sie nur.

Sie schlief unruhig und wachte immer wieder plötzlich auf, weil sie träumte, sie habe verschlafen. Schließlich hüllte sie sich in ihren Morgenmantel und ging in die Küche, um sich eine Tasse Tee aufzubrühen und den Kampf mit dem Herd aufzunehmen. Es war gerade erst sechs Uhr.

Um acht Uhr hatte sie das gesamte Gemüse vorbereitet, einen Pudding gekocht und sogar den Tisch fürs Abendessen gedeckt, falls sie dafür später keine Zeit finden sollte. Sie zog sich sorgfältig an und zwang sich, etwas Toast zu essen, während sie sich fragte, wie früh sie wohl beim Stützpunkt anrufen konnte. Das Datum der Rückkehr des U-Boots lag zwar fest, wie Mark ihr erzählt hatte, aber der genaue Zeitpunkt der Ankunft würde erst im letzten Augenblick feststehen. Sie sollte, so hatte er ihr erklärt, den Portier der Dolphin anrufen, ihm mitteilen, wer sie war, und ihm den Namen von Marks U-Boot nennen. Er würde ihr die aktuelle Ankunftszeit nennen, zu der sie eine Stunde hinzurechnen musste, die Mark benötigen würde, um das Boot zu verlassen und nach Hause zu kommen. Er hatte nicht vorgeschlagen, dass sie ihn abholen sollte.

Um neun Uhr konnte sie ihre Ungeduld nicht länger bezähmen. Sie zog ihren alten Dufflecoat an und ging zur Telefonzelle am Ende der Straße. Die Stimme des Portiers war energisch und geschäftsmäßig, als er ihren Anruf entgegennahm.

»Das ist richtig, Ma’am«, sagte er. »Das U-Boot wird jeden Augenblick erwartet. Bleiben Sie in der Leitung.« Sie konnte das Rascheln von Papieren hören. »So, da haben wir es. Ach herrje. Es tut mir leid, aber der Einsatzplan des Bootes ist geändert worden, es wird auf dem Weg hierher noch achtundvierzig Stunden in Middlesborough liegen. Es wird erst in zwei Tagen hier sein.«

Kate versuchte, mit dieser vollkommen unvorhergesehenen Situation fertig zu werden.

»Hallo? Sind Sie noch dran?« Der Portier klang besorgt. »Es ist sehr enttäuschend, doch Sie werden sich daran gewöhnen, Ma’am. Hat Ihr Mann Sie nicht gewarnt, dass die Ankunftszeiten kaum je einmal eingehalten werden?«

»Nein. Nein, das hat er nicht erwähnt.« Sie erkannte ihre eigene Stimme kaum wieder. »Herzlichen Dank. Ich werde dann am Donnerstag noch einmal anrufen.«

Sie ging zurück nach Hause, ohne von ihrer Umgebung noch viel wahrzunehmen. Um diesen einen Augenblick hatte während der letzten Wochen ihre ganze Existenz gekreist, und der Schock der Enttäuschung war so gewaltig, dass sie sich fühlte, als wäre sie mit einem einzigen Schritt ins Leere getreten und hätte ihr Ziel verloren. Im Flur stand sie vollkommen reglos da und lauschte auf die Stille.

Wie sollte sie noch zwei weitere Tage durchstehen? Und warum erschienen ihr zwei Tage so viel länger und unerträglicher als die beiden Monate, die sie bereits hinter sich gebracht hatte? Sie ging ins Wohnzimmer, räumte die Platzdeckchen und das Geschirr vom Tisch, dann tauschte sie ihre elegante Kleidung gegen einen alten Tweedrock und eine Strickjacke. Schließlich verließ sie die Wohnung und ging langsam in Richtung Meer.

»Sie werden sich daran gewöhnen«, meinte Mary fast eine Woche später, als sie nach etlichen weiteren Verzögerungen und Enttäuschungen am Deich entlang zum Haupttor der Dolphin fuhren. »Ich könnte mich dafür treten, dass ich Sie nicht gewarnt habe. Machen Sie sich nichts daraus.«

Der Wachposten kam aus seiner kleinen Hütte hervor, und Mary zeigte ihm ihren Pass. Auch im Wagen gab es einen Pass, der dauerhaft an der Windschutzscheibe angeklebt war. Der junge Seemann beugte sich vor, um zu Kate hineinzuspähen.

»Eine neue Ehefrau«, sagte Mary energisch und mit ihrem grimmigen Lächeln, das einem Stirnrunzeln glich. »Sie hatte noch keine Zeit, alles zu organisieren. Ich kümmere mich um sie.«

Der Wachposten nickte, salutierte und hob die Schranke.

»Ich hoffe, es wird Mark nichts ausmachen, dass ich mitkomme.« Kate war nervös.

»Warum um alles in der Welt sollte es ihm etwas ausmachen?« Mary fuhr an dem Museum und der kleinen Kirche vorbei, und Kate betrachtete voller Interesse das Miniatur-U-Boot, das dem Museum gegenüber aufgestellt worden war. Wie immer fragte sie sich, wie irgendjemand es hatte wagen können, sich darin auf See zu begeben. »Es ist sehr gut für die Ehefrauen, hier auf das Boot zu warten. Gut für die Moral. Mark wird schon bald lernen, wie alles funktioniert. Sehr junge Offiziere haben häufig Angst, irgendwie aus der Reihe zu tanzen.« Sie stellte den Wagen geschickt auf dem Parkplatz vor den Fenstern der Offiziersmesse ab.

Sie stiegen über Bahnschienen und wichen Kränen aus, bis sie sich langsam dem Rand des Docks näherten, wo die U-Boote festgemacht waren und sich in der Abenddämmerung sanft im Wasser wiegten. Eine kleine Gruppe, zu der der Kommandeur der U-Boot-Flotte mit einigen seiner ranghöheren Offiziere gehörte, hatte sich bereits versammelt. Mary trat selbstbewusst auf sie zu, und im nächsten Augenblick schüttelte Kate dem Kommandeur der U-Boot-Flotte die Hand. Der Mann schien ehrlich erfreut zu sein, dass sie hergekommen war. Kate stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Wenn jemand von solch unglaublicher Wichtigkeit ihre Anwesenheit begrüßte, wie konnte Mark dann daran Anstoß nehmen? Sie war sich der allgemeinen Anspannung bewusst, während die versammelten Männer und Frauen wiederholt auf ihre Armbanduhren blickten und sich leise unterhielten. Inzwischen wurde es immer dunkler.

»Da kommt es!« Es war eine Art jubilierendes und überaus lautstarkes Flüstern.

Der zigarrenförmige Rumpf glitt lautlos und dunkel über die glatte, leuchtende Fläche des Meeres. Langsam kam es aus dem Zufahrtskanal und nahm Kurs auf die Liegeplätze. Man sah die Decksmannschaft in ihren weißen Pullovern, wie sie sich im letzten Tageslicht sicher auf dem Boot bewegten. Oben auf dem Turm stand der Kommandant mit seinem Ersten Wachoffizier, der die Befehle an Decksmannschaft und Maschinenraum weitergab.

Langsam kam das Boot näher, bis schließlich einige Leute von der Decksmannschaft an Land springen und die Leinen des Bootes dort belegen konnten. Das Summen des Motors brach ab, und Kate wurde bewusst, dass sie den Atem angehalten hatte. Das U-Boot hatte ungeheuer bedrohlich gewirkt, als es fast lautlos durch das Wasser geglitten war. Zum ersten Mal dachte sie wirklich darüber nach, wie es sein musste, Hunderte von Fuß unter der Meeresoberfläche zu sein, vollkommen von der Welt abgeschnitten, Teil der engen Gemeinschaft von Männern, die sich dieser Art zu leben verschrieben hatten. Es erfüllte sie mit großem Stolz, dass Mark einer von den Männern war, die jetzt an Land kamen, und dass sie hier war, um ihn abzuholen. Kurz darauf erschien der Kommandant des Bootes auf der Laufplanke und kam an Land, um den ranghöheren Offizieren die Hand zu schütteln. Er begrüßte seine Frau mit einem Lächeln und einem ziemlich förmlichen Kuss auf die Wange, und Kate wurde klar, dass in dieser Situation Zurückhaltung galt. Sie nahm sich vor, bei Marks Erscheinen keinerlei Gefühle zu zeigen. Als er endlich kam, gab er vor, sie nicht zu sehen, und Mary musste sie hinter sich herziehen und erklären, dass sie sie mitgebracht habe. Kate hatte das Gefühl, vor Scham und Enttäuschung zu ersticken; sie hatte recht gehabt: Mark wollte nicht, dass sie ihn abholte.

Sobald Mary sich abwandte, sah er sie an, und sein Gesichtsausdruck war in der Dunkelheit nicht zu deuten. »So, und wie kommen wir nach Hause?«

»Ich nehme an, mit Mary und Simon.« Sie spürte, dass es ihr irgendwie gelungen war, alles zu verderben. Aber wie?

»Das wird sicher lustig!«

Seine Stimme troff von Sarkasmus, und sie wandte sich ab und blickte über das Wasser zu den Lichtern von Portsmouth hinüber, um das Zittern ihrer Lippen zu verbergen.

KAPITEL 2

Cass saß mit untergeschlagenen Beinen in der Ecke des Sofas und sah ihrem Vater dabei zu, wie er mit einem altertümlichen Blasebalg dem Feuer Leben einhauchte. Sie war ungeheuer erleichtert darüber, dass er so gut aussah und sich in seinem neuen Heim offenkundig bestens einlebte. Die Zugfahrt von Hampshire nach Devon war ziemlich ermüdend, und sie kam nicht so oft her, wie sie es gern getan hätte.

»Das gefällt mir, mein Liebling. Ganz wie in alten Zeiten. Wann wird dein Mann ein in Devonport stationiertes U-Boot bekommen? Dann könntest du deinen alten Pa gelegentlich besuchen.«

General Mackworth legte noch einige Holzscheite auf das Feuer in dem großen steinernen Kamin und ließ sich dann wieder in seinen behaglichen alten Sessel sinken. Sein Arbeitszimmer war ein entzückender Raum und gefüllt mit den geliebten Besitztümern, die der General während seiner militärischen Laufbahn angesammelt hatte. Der Schein des Feuers glänzte auf dem blank polierten Holz und den ledernen Rücken viel gelesener Bücher und ließ das geschliffene Glas und das Porzellan funkeln. Schwere Brokatvorhänge sperrten den feuchten Februarabend aus. In diesem Raum fühlte Cass sich wieder wie ein Kind, und sie seufzte vor Behagen.

»Das wäre schön, Daddy, nicht wahr?« Sie lächelte ihren Vater an und fragte sich zum tausendsten Mal, warum ihre Mutter ihn verlassen hatte. Sie liebte ihren hochgewachsenen blonden, gut aussehenden Vater abgöttisch; es war so schön, mit ihm zusammen zu sein, und er war ungeheuer beliebt bei den Damen. Vielleicht zu beliebt? Es wäre doch ziemlich übel, mit einem Mann verheiratet zu sein, der alles Rampenlicht auf sich zog, dachte Cass, und ihr Gewissen regte sich. Sie neigte dazu, selbst dasselbe zu tun. Es war so amüsant, und sie genoss die bewundernden Blicke, die Aufmerksamkeit und die Flirts ungemein. Sie war sich ziemlich sicher, dass das alles Tom nicht im Mindesten störte, sondern sogar seinem Ego schmeichelte, weshalb er ihre Eroberungen auch wie köstliche Witze betrachtete.

»Wie gefällt dir denn so das Leben als Marinefrau? Es ist manchmal ein wenig einsam, oder?« Der General beugte sich vor, um seine Pfeife auf den Steinen des Kamins auszuklopfen. Dann füllte er den Kopf mit aromatischem Tabak, ohne den Blick seiner durchdringenden blauen Augen von seiner Tochter abzuwenden.

»Das ist nur natürlich.« Cass tat das Problem mit einem Schulterzucken ab. »Aber wenn das Boot ausläuft, sind da immer noch all die anderen Ehefrauen, die ebenfalls allein sind. Eigentlich ist es gar nicht so schlimm, und wenn das Boot wieder da ist, hat man jede Menge Spaß. Partys und Damenabende – du kennst das ja alles. Ich gewöhne mich langsam daran.« Sie grinste ihn an. »Schließlich sind die Männer in meinem Leben immer auf und davon gegangen und haben mich verlassen! Wie gefällt dir das dörfliche Leben? Bist du glücklich mit deinem Cottage?«

»Ich liebe es. Ich habe hier reichlich Platz für all meine Sachen. Und da ist eine wunderbare Frau, die herkommt und sich um mich kümmert.«

Cass zog die Augenbrauen hoch. »Du hast nicht viel Zeit verschwendet.«

»Es ist nichts in der Art. Es ist eine nette kleine Frau, die in der Nähe der Kirche lebt, Mrs. Hampton. Ihr Mann arbeitet oben im großen Haus. Man muss ihre Küche gekostet haben, um so etwas überhaupt für möglich zu halten. Tatsächlich hat sie uns zum Abendessen einen ihrer Eintöpfe vorbereitet. Als sie hörte, dass du mich besuchst, meinte sie, du müsstest etwas Vernünftiges zu essen bekommen. Ihr Mann hilft mir im Garten. Ich habe das Gefühl, dass ich wirklich auf den Füßen gelandet bin.«

»Das ist wunderbar, Daddy. Vielleicht werde ich die beiden kennenlernen, während ich hier bin. Allerdings kann ich nicht allzu lange bleiben. Tom kommt nächste Woche zurück.«

»Nun, dann muss ich das Beste aus unserer gemeinsamen Zeit machen. Und wie geht es der lieben Kate?«

»Sie ist mir wie immer ein großer Trost. Im Augenblick bin ich schrecklich eifersüchtig auf sie.«

»Warum das?«

»Sie ist schwanger. Oh, Daddy, ich hätte so gern auch ein Baby.«

»Ein natürliches Gefühl, möchte ich meinen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Tom dagegen etwas einzuwenden hätte. Was sagt er denn zu dieser Angelegenheit in Vietnam?«

»Welche Angelegenheit?«

»Unwichtig. Lass uns einen Drink vor dem Abendessen nehmen.«

Später am Abend, bevor sie zu Bett ging, öffnete Cass das Schlafzimmerfenster, beugte sich hinaus und sog die kühle, feuchte Luft in ihre Lungen. Die Nacht war neblig und still, und sie konnte oben aus dem Wald hinter dem Herrenhaus eine Eule hören. Ihr Fenster im hinteren Teil des Cottages bot einen Blick über den Garten und das Ackerland dahinter, aber abgesehen von dem wabernden Nebel war nur wenig zu sehen.

Sie zitterte leicht, hüllte sich fester in ihren Morgenmantel und dachte daran, wie überraschend neidisch sie gewesen war, als Kate ihr von ihrer Schwangerschaft erzählt hatte. Es war eine stillschweigende Übereinkunft gewesen, dass sie beide noch eine Weile mit der Mutterschaft warten wollten: Sie waren noch sehr jung, und die Männer standen ganz am Anfang ihrer Karriere. Jetzt hatte sie das Gefühl, als hätte Kate ihr auf rätselhafte Weise den Rang abgelaufen. Schließlich war es immer Cass gewesen, die vorangegangen war, während Kate ihr gefolgt war – sei es in Bezug auf Mode, Popstars oder sogar Ehemänner.

Für Cass bedeutete das Leben als Marinefrau Veränderung, Vielfalt und Freiheit. Nur weil der Ehemann fort war, brauchte man nicht auf Vergnügen zu verzichten. Cass war noch nie der Gedanke gekommen, dass ihr Mann das Alpha und das Omega ihrer Existenz sein könne – sie hätte das nicht gewollt. Ihr Selbstbild war zu klar definiert, zu vollständig, um sich vorzustellen, sie sei die Hälfte oder ein Teil einer anderen Person. Sie wollte einen Ehemann, der den äußeren Rahmen lieferte, den Schutzraum, von dem aus sie agieren konnte, und der im Gegenzug gewisse Rechte und Privilegien für sie bedeutete. Sie war hochzufrieden damit, Teil eines Lebens zu sein, das so viele Möglichkeiten bot. Es war unwahrscheinlich, das wusste sie, dass Kate von diesen Möglichkeiten Gebrauch machen würde, und wahrscheinlich war die Gründung einer Familie das Vernünftigste, was sie tun konnte. Kinder würden ihr zumindest eine Beschäftigung geben und die langen Tage füllen, wenn Mark auf See war. Für Cass selbst war eine Familie nicht von gar so großer Wichtigkeit: Trotzdem verspürte sie jetzt eine unerklärliche Entschlossenheit, Kates Beispiel zu folgen.

Tom würde sich wahrscheinlich als Stolperstein erweisen. Er hatte angesichts von Kates Neuigkeit lediglich Überraschung gezeigt und seine Meinung kundgetan, dass er es für töricht halte, sich so früh schon derart zu binden. Da dies auch Cass’ Ansicht gewesen war, war ihr nichts anderes übrig geblieben, als ihm zuzustimmen. Jetzt lief ihr Gehirn auf Hochtouren bei dem Versuch, sich zu überlegen, wie sie ihn umstimmen konnte. Tom war als verheirateter Mann nicht weniger fröhlich denn als Offiziersanwärter, und er amüsierte sich noch immer genauso gern wie früher. Freunde um sich zu haben war ihm immer recht, und ein hübsches Gesicht wusste er eindeutig zu schätzen. Das gefiel Cass. Sie war sich ihrer eigenen Schönheit und Beliebtheit zu sicher, als dass sie in anderen Frauen eine Bedrohung gesehen hätte. Stattdessen betrachtete sie sie als Mitstreiterinnen, die ein gemeinsames Wild verfolgten – den Mann!

Außerdem hatte sie ein bestimmtes Prinzip durchaus begriffen: Wenn sie vorhatte, die Regeln zu brechen, war es nur ein Vorteil für sie, wenn Tom dasselbe tat. Keine Vorwürfe oder Anschuldigungen, wenn irgendetwas ans Licht kam: Sie saßen beide im selben Boot, und so sollte es bleiben. Aber wie konnte sie ihm die Idee eines Babys in einem neuen und interessanten Licht präsentieren?

Der Schrei des Hasen, als die Eule sich aus der Dunkelheit auf ihn stürzte, unterbrach ihren Gedankengang. Sie kehrte der Nacht den Rücken zu, ließ ihren Morgenrock zu Boden sinken und stieg ins Bett.

»Komm schon!« Mark griff nach Kates Arm und zog sie im Laufschritt hinter sich her über die Straße. »Ich kann ihn über der Hecke schon sehen.«

»Es geht nicht schneller.« Kate stolperte atemlos neben ihm her. »Ich habe Seitenstechen.«

»Ein letzter Spurt.« Er legte den Arm um sie, um sie weiterzutreiben. Sie erreichten die Bushaltestelle gleichzeitig mit dem Bus, und Kate stieg ein und ließ sich dankbar auf einen Sitz fallen. Ihre Schwangerschaft war noch nicht weit fortgeschritten und verlief bisher ohne Komplikationen, aber sie hatte wohl nicht gerade ihren besten Tag. Allmählich beruhigte sich ihre Atmung, obwohl der Schmerz in ihrer Seite nicht weichen wollte.

»Gut gemacht!« Mark schwang sich neben sie auf den Sitz. »Ich finde es einfach grässlich, den Anfang eines Films zu verpassen.« Kate nickte, noch immer zu atemlos, um zu sprechen, und sie verbrachten die kurze Fahrt schweigend, bis der Bus gegenüber dem Kino in Gosport hielt.

Während des gesamten Films, eines Kriegsepos, war Kate sich des Schmerzes in ihrer Seite bewusst. Sie konnte sich nicht auf die Leinwand konzentrieren, auf der Männer in Khakikleidung schrien und fielen, schossen und erschossen wurden, während Panzer und Laster schlingerten, Gewehre donnerten und rauchten. Sie verweilte bei dem Gedanken an ihr Baby; sie konnte noch immer kaum an das Wunder seiner Entstehung glauben. Schließlich gab es bisher noch keine sichtbaren Beweise dafür, obwohl Kate aus Aufregung und purem Stolz seit neuestem ein loses Schürzenkleid trug und ihren Bauch vorreckte.

Sie rutschte ein wenig auf ihrem Sitz herum, um das Unbehagen etwas zu mildern, und sah Mark an, der ganz in den Film versunken war. Der Ausdruck auf seinem Gesicht spiegelte die jeweiligen Gefühle wider, die vor ihnen ausgelebt wurden: Seine Augenbrauen gingen in die Höhe, ein Lächeln spielte um seine Lippen, eine Grimasse, er zuckte die Schultern. Er war absolut gebannt von dem Geschehen, obwohl Szenen, die die grauenhaftesten Gewalttaten zeigten, ihn anscheinend kalt ließen. »Der Mann wurde geschaffen für den Krieg«, zitierte er gern, »die Frau für die Wiedererschaffung des Kriegers.« Sie versuchte, diese beiden Seiten an ihm, die sich langsam herausbildeten, in Einklang zu bringen – den verletzbaren, seiner selbst unsicheren Mann und den gefühllosen, manchmal grausamen. Diese Zwiespältigkeit bereitete ihr Schwierigkeiten. Einerseits reagierte er selbst sehr stark auf Kritik, während es ihm gleichzeitig Vergnügen bereitete, andere Menschen zu quälen. Sie ertappte sich dabei, dass sie ihn anstarrte, in dem Bemühen, aus seinem Gesicht etwas über seinen Charakter zu erfahren. Hastig wandte sie den Blick ab, weil sie das Gefühl hatte, ihn auszuspionieren.

Marks Bereitschaft, eine Familie zu gründen, hatte sie überrascht; sie hatte sich insgeheim auf Widerspruch und sogar eine kategorische Weigerung vorbereitet. Es war ihr nur fair erschienen, ihn darauf hinzuweisen, dass ein Kind sie vielleicht daran hindern würde, gemeinsam andere Dinge zu unternehmen, aber er hatte sich einsichtig gezeigt. »Da ich während der nächsten zwölf Jahre größtenteils auf See sein werde«, hatte er erklärt, »ist es eigentlich nur vernünftig, eine Familie zu gründen. Zunächst wirst du auf diese Weise nicht einsam sein, Kate. Außerdem werden wir, wenn die Kinder erwachsen sind, noch jung genug sein, um das Leben zu genießen.«

Kate war überglücklich über seine Reaktion und noch glücklicher, als sie feststellte, dass sie bei der ersten Gelegenheit tatsächlich schwanger geworden war. Auch Mark freute sich darüber. Es schien, als hätte er damit seine Männlichkeit ein für alle Mal unter Beweis gestellt, und seine Kameraden waren beeindruckt und sogar neidisch. Als er Kate in die Dolphin brachte, machten sie einen großen Wirbel um sie. Wenn sie jedoch auf irgendeine Art besondere Rücksichtnahme gehofft hatte, so wurde sie enttäuscht. Mark fand, eine Schwangerschaft sei kein Grund für eine Sonderbehandlung: Überall auf der Welt bekamen Frauen Kinder, und er erzählte ihr sogar von den Bäuerinnen, die ihre Babys in einer Hecke gebaren und noch am selben Nachmittag ihre Arbeit auf dem Feld wieder aufnahmen.

»Ich bin keine Bäuerin«, erwiderte Kate, aber als Mark verärgert wirkte, hielt sie es für besser, das Thema fallen zu lassen.

Als das Programm endete, ging Kate zur Damentoilette. Sie zog ihren Schlüpfer herunter, und einem Augenblick des Entsetzens folgte helle Panik. Mit angehaltenem Atem starrte sie auf das Blut. Ohne sich die Zeit zu nehmen, ihre Blase zu entleeren, riss sie den Schlüpfer wieder hoch und eilte in das überfüllte Foyer hinaus.

»Mark.« Sie prallte fast mit ihm zusammen, als sie sich an seinen Arm klammerte. »Ich blute! Ich werde das Baby verlieren!«

»Um Himmels willen!« Er sah sich unwillkürlich um, um festzustellen, ob jemand sie gehört hatte. »Mach keine Szene. Komm mit nach draußen.«

Sie gingen die Treppe hinunter, und Kate rang schluchzend nach Luft. Er führte sie zur Bushaltestelle und drückte sie auf die Bank hinunter.

»Was soll ich tun?«, fragte sie und versuchte, ihrer Panik Herr zu werden.

»Der Bus fährt direkt an der Praxis vorbei.« Er gab sich alle Mühe, seine instinktive Abscheu gegen jedwedes echte menschliche Gefühl zu unterdrücken. »Wir sollten hinfahren und den Arzt aufsuchen. Glücklicherweise sind wir in der Frühvorstellung gewesen. Versuch bitte, dich zusammenzureißen.«

Kate kauerte in der Ecke, und die Tränen liefen ihr die Wangen hinunter. Entsetzt über diesen Mangel an Selbstbeherrschung, zündete Mark sich eine Zigarette an und stellte sich an den Straßenrand. Er nahm es ihr übel, dass sie ihn zum Gegenstand des Interesses machte. Einige Passanten musterten sie neugierig. Kate hatte den Punkt überschritten, an dem sie dergleichen Dinge noch interessiert hätten. Für sie zählte nur die Möglichkeit, dass sie ihr geliebtes Baby verlieren konnte. Sie saß zitternd im kalten Wind, und ihre Beine und Bauchmuskeln verkrampften sich unwillkürlich, als wollte sie das Baby mit Gewalt in ihrem Körper festhalten.

Beim Arzt wurde sie sofort ins Sprechzimmer geführt und untersucht. Wegen ihrer Anspannung und ihrer Angst fand sie die Untersuchung noch schmerzhafter als sonst, aber der Arzt arbeitete ziemlich schnell, und als er fertig war, wandte er sich ab, um seine Gummihandschuhe auszuziehen. Dann bedeutete er ihr, sich anzukleiden.

»Werde ich das Baby verlieren?« Sie ließ sich von der Liege gleiten und zog ihre Kleider zurecht.

»Nein, das glaube ich nicht.« Er setzte sich an seinen Schreibtisch und stellte ein Rezept aus, und sie fragte sich, was er wohl tun würde, wenn sie ihm die Arme um den Hals schlang und ihm vor lauter Dankbarkeit und Erleichterung einen Kuss auf seinen erkahlenden Kopf drückte.

»Diese Tabletten sollten helfen. Aber Sie müssen ins Bett gehen und dort bleiben. Ich werde morgen nach Ihnen sehen. Sie sagen, Sie seien gerannt, um einen Bus zu bekommen? Hm. Sie haben es nicht vielleicht auch im Bett ein wenig übertrieben, oder? Das ist in diesem Stadium nicht angebracht, wissen Sie.«

Kate schwieg. Mark war nach seiner Rückkehr gewiss sehr leidenschaftlich gewesen. Der Arzt beobachtete sie einen Moment lang und musterte sie über den Rand seiner Lesebrille hinweg.

»Nun, das sollten Sie für ein Weilchen lassen, fürchte ich. Ich werde Ihren Mann in die Nachtapotheke hinunterschicken, um dieses Medikament herstellen zu lassen, dann müssen Sie mit einem Taxi nach Hause fahren und sich sofort ins Bett legen. Ich werde morgen Früh vorbeikommen.«

Nachdem sie eine der kostbaren Tabletten geschluckt hatte, konnte Kate sich endlich zwischen die Laken sinken lassen. Mark stand mit besorgter Miene am Fußende des Bettes. Sie lächelte ihn an.

»Keine Bange. Mir geht es jetzt wieder gut und dem Baby auch, Gott sei Dank. Haben wir nicht ungeheures Glück?«

»Ja, natürlich.« Er lächelte schwach, aber der ängstliche Ausdruck in seinen Zügen kehrte schnell zurück. »Das ist es nicht. Ich frage mich nur, wie ich zurechtkommen werde, wenn du im Bett bleiben musst.«

Kate sah ihn überrascht an. »So schwierig wird das doch nicht sein, oder? Du musst schließlich nicht sofort wieder auf See gehen oder etwas in der Art. Du hast noch eine Woche Urlaub. Bis dahin sollte ich wieder auf dem Damm sein. Wir werden schon zurechtkommen.« Sie lächelte ihn aufmunternd an.

»Ja.« Er erwiderte ihr Lächeln nicht. »Möchtest du etwas essen?«

»Nein. Mach dir keine Mühe. Aber eine Tasse Tee wäre schön.«

Sie lauschte eine Weile auf seine Schritte in der Küche, und als ihr langsam bewusst wurde, dass das Baby wirklich in Sicherheit war, entspannte sie sich. Schließlich döste sie ein und wurde vom Klicken der Haustür, die ins Schloss fiel, wieder geweckt.

»Mark?«, rief sie. »Bist du das?«

»Keine Sorge.« Er streckte den Kopf durch die Tür. »Ich bins nur. Du bist eingenickt, daher dachte ich, ich brühe den Tee auf, wenn du wieder aufwachst. Es hat dir wahrscheinlich gut getan, etwas zu schlafen.«

Er wirkte deutlich aufgeräumter, und Kate war erleichtert.

»Wo bist du gewesen? Hattest du keine Zigaretten mehr?«

»Nein. Ich habe Mutter angerufen. Vater wird sie morgen herbringen, damit sie sich um dich kümmern kann.«

»Was?«

»Du weißt, dass ich mich auf so was nicht verstehe. Ich habe dich nicht geheiratet, um Krankenschwester zu spielen«, reagierte er prompt und abwehrend auf ihren entsetzten Ausruf. »Mutter kann dich so versorgen, wie es notwendig ist. Ich kann ja nicht einmal kochen.«

Du könntest es lernen!, dachte Kate voller Groll. Ich musste es auch lernen.

»Du wirst etwas aufräumen und sauber machen müssen.«

Ihre Stimme klang schärfer als gewöhnlich; es enttäuschte sie, dass er beim ersten häuslichen Problem zu seiner Mutter gelaufen war, statt ihnen beiden die Chance zu geben, es allein in den Griff zu bekommen. »Das Badezimmer ist in einem schrecklichen Zustand, und du wirst das Gästebett beziehen müssen.«

»Wozu denn das?« Mark sah sie überrascht an. »Genau deshalb kommt Mutter schließlich her.«

Kate richtete sich erschrocken auf. »Sie darf die Wohnung so auf keinen Fall sehen. Bitte. Sie wird mich für eine Schlampe halten.«

»Wen interessiert das schon?« Er lachte unbefangen. »Sie würde einen Anfall bekommen, wenn sie glaubte, ich würde wie ein Verrückter durch die Wohnung rennen. Sie wird liebend gern alles in die Hand nehmen. So, und jetzt brühe ich dir deinen Tee auf.« Voller Begeisterung darüber, die häuslichen Schwierigkeiten gelöst zu haben, ging er pfeifend den Flur hinunter, während Kate von einer Woge der Scham überwältigt wurde.

Sie fühlte sich unendlich hilflos, und in einem kurzen Augenblick der Erkenntnis wusste sie, dass Mark niemals auch nur die geringsten Anstrengungen unternehmen würde, um sie ein wenig glücklicher zu machen – nicht einmal in einer Zeit wie dieser. Gekränkt und enttäuscht, begann sie zu weinen, aber als sie ein Echo des Schmerzes vom Nachmittag wahrnahm, hörte sie voller Angst abrupt auf.

Ich muss mich einfach entspannen, dachte sie. Dem Baby geht es gut. Ich darf es nicht noch einmal in Gefahr bringen. Sie zwang sich, tief durchzuatmen, und wartete darauf, dass der Schmerz verebbte. Schließlich schlief sie ein.

»Tom?«

»Hmmm?« Er antwortete, ohne von der Sunday Times aufzublicken.

»Habe ich dir erzählt, dass Kate um ein Haar das Baby verloren hätte?«

Das Gespräch fand an einem Sonntagvormittag Anfang März in Cass’ und Toms Schlafzimmer statt. Das zerwühlte Bett war übersät von Zeitungen, und auf den Nachttischen und dem Boden standen leere Becher und Teller voller Krümel.

»Nein!« Tom tauchte unverzüglich und mit erschrockener Miene aus seiner Zeitung auf. »Geht es ihr gut? Wie ist es dazu gekommen?«

»Sie ist gerannt, um einen Bus zu bekommen.«

»Weshalb denn das?«

»Sie wollten ins Kino. Ich nehme an, Mark hatte Angst, die Cartoons zu verpassen.«

»Also ehrlich, Liebling!« Tom musste kichern.

»Das ist absolut wahr. Die arme Kate war fast von Sinnen vor Angst. Es ist passiert, als ich für ein paar Tage unten in Devon war, und sie hat mir alles erzählt, als ich wieder zurück war. Der Dampf quoll ihr noch immer aus den Ohren. Sie musste im Bett bleiben, und Mark hat seine Eltern überredet, herzukommen und sich um sie zu kümmern. Sie war schrecklich wütend.«

»Aber das war doch sicher ganz vernünftig? Wäre sie denn allein zurechtgekommen?«

»Sie wäre nicht allein gewesen. Mark hatte ja Urlaub. Aber er war damit überfordert, einige Mahlzeiten zuzubereiten und gelegentlich eine Tasse Kaffee zu kochen, also hat er nach Mami geschrien! Kate meinte, die Wohnung sei in einem schrecklichen Zustand gewesen und Mark habe sich geweigert, irgendetwas aufzuräumen oder ein Bett für seine Eltern zu beziehen. Es war furchtbar demütigend für Kate. Sie hat erzählt, die alte Fledermaus sei durch die Wohnung gegangen und habe Bemerkungen über die Spinnweben, den Ring um den Abfluss der Badewanne und dergleichen gemacht, während Mark mit Jammermiene danebenstand und hinter ihrem Gesicht Grimassen schnitt. Das arme Ding! Für ihre Verhältnisse war Kate außerordentlich ärgerlich.«

»Aber jetzt ist alles wieder in Ordnung? Was ist mit dem Kleinen?«

»Beide sind völlig okay. Tom?«, fügte sie hinzu, als er Anstalten machte, sich wieder seiner Zeitung zuzuwenden.

»Hmhm? Besteht vielleicht die Chance auf eine weitere Tasse Kaffee, Liebling?«

»Na schön.« Cass, die nur mit einem von Toms Hemden bekleidet war, schwang die langen Beine aus dem Bett, sammelte die Becher ein und tappte in die Küche.

Tom reckte sich und griff nach einer Zigarette. Dies war viel besser als die Enge in einer kleinen Koje, wo er zwischen zwei Wachen mit Mühe und Not vier Stunden Schlaf bekam. Es bestand kein Zweifel, dass das Eheleben eine Menge Vorteile hatte. Und Cass war wunderbar! Es machte ungeheuren Spaß, mit ihr zusammen zu sein. Sie jammerte nicht und nörgelte niemals über die langen Trennungen, und was den Sex betraf … Tom nahm einen tiefen Zug und grinste vor sich hin. All seine Kammeraden waren grün vor Neid. Einige von ihnen machten ihr allerdings Avancen. Tom runzelte die Stirn. Er war sich ganz sicher, dass Cass’ Flirts niemals mehr als das waren – Flirts. Trotzdem … Er schnippte etwas Asche in die grobe Richtung eines überquellenden Aschenbechers. Eine noch nicht lange zurückliegende Party fiel ihm ein, bei der sie mit Tony Whelan getanzt hatte; er wusste, dass er den Bastarden vielleicht nicht wirklich trauen konnte, während er auf See war. Nachdem er abermals an der Zigarette gezogen hatte, dachte er an Mark, der so gern mit seiner bevorstehenden Vaterschaft prahlte. Ein anständiger Kerl, wenn auch ein wenig zu ernst und ungesellig für Toms Geschmack, doch auf seine Art war er ganz in Ordnung. Vielleicht war er selbst ein wenig zu voreilig gewesen, als er den Gedanken, eine Familie zu gründen, schulterzuckend abgetan hatte. Kinder würden Cass gewiss an ihn binden, und es würde möglicherweise Spaß machen, Vater zu sein …

Als Cass zurückkam, betrachtete er sie anerkennend. Das lange blonde Haar fiel ihr über die Schultern, und sein Hemd gab den Blick auf ihre großartigen Brüste frei. Nachdem sie seinen Kaffeebecher auf den Nachttisch gestellt hatte, streckte er die Hand nach ihr aus und strich über ihre schmale, glatte Hüfte.

»Vorsicht«, kicherte sie. »Pass auf den Kaffee auf!« Sie warf sich auf ihn und schaffte es nur mit knapper Not, ihren Becher vorher an einen sicheren Platz zu stellen. »Tom?« Ihr Mund lag auf seinem.

»Hmmm?« Er erkundete mit den Händen ihre inzwischen vertrauten, aufregenden Kurven und rollte sich herum, sodass sie unter ihm lag.

»Ich habe nachgedacht. Ich weiß, wir haben gesagt, dass wir noch keine Familie haben wollten, aber meinst du nicht auch, es wäre schön, ein Baby zu haben, Liebling?« Sie strich ihm mit den Fingern über den Rücken, dann zog sie die Knie an und schlang die Beine um ihn. »Es würde so viel Spaß machen.«

»Ein Baby? Hmmm.« (Ich darf nicht zu begeistert klingen. Sie könnte Verdacht schöpfen.) »Aber ich dachte, wir hätten vereinbart … oh, Cass. Oh, das ist schön.«

»Hmhm.« (Wenn ich ihm genug einheize, wird er sich mit allem einverstanden erklären, und anschließend wird es zu spät sein.) »Ja, ein süßes kleines Baby. Oh, lass es uns tun, Liebling.«

»Ein Baby … Oh, Schatz. Nun, wenn es das ist, was du wirklich willst … Himmel, Cass! Hör nicht auf!«

»Ja, das will ich, Tom. Ist das schön …?«

»Oh, ja. Ja, das ist es. Also gut, wenn du möchtest. Warum nicht? Oh, Cass …«

»Mary hat vorgeschlagen, dass ich mit nach Newcastle kommen könnte, wenn das Boot dorthin fährt. Du weißt doch, dass sie rauffährt? Ihre Eltern leben draußen in der Nähe des Moors, in Haxham oder irgendwo dort. Das ist doch eine ziemlich gute Idee, nicht wahr?«

»Hmhm?«

Das Gespräch fand an einem Sonntagmorgen im Juni in Kates und Marks Schlafzimmer statt. Kate hatte den Morgentee zubereitet und ihnen ans Bett gestellt. Ein Weilchen später hatte sie Marks Leidenschaft befriedigt, so gut sie das in ihrem gegenwärtigen Zustand konnte. Sobald es vorüber gewesen war, hatte er sich in die Zeitung vertieft. Kate unterdrückte ein Seufzen. Sie wusste inzwischen, dass Mark mit seinen »Hmhms« nur Zeit zu schinden versuchte, aber sie wollte ihn nicht verärgern, indem sie blaffte: »Du hast mir nicht zugehört!« Der Gedanke an einen Ausflug nach Newcastle nach all den Monaten des Alleinseins war zu aufregend, um ihn in Worte kleiden zu können.

Widerstrebend ließ er die Zeitung sinken und sah sie an.

»Ich habe gesagt …« Plötzlich war sie nervös, und es kam ihr lächerlich vor, das Ganze zu wiederholen. »Ich habe gesagt, dass Mary Armitage nach Newcastle fährt, wenn das Boot dort den Hafen anläuft, und sie hat mich gefragt, ob ich mitfahren will. Wie findest du die Idee?«

»Ich finde sie schrecklich töricht«, antwortete Mark mit abschätzigem Tonfall.

»Aber warum?«

Mark stieß einen Seufzer aus, als betete er um Geduld, und schüttelte seine Zeitung. »Was willst du denn eine ganze Woche lang allein in Newcastle anfangen – noch dazu jetzt, da du im sechsten Monat schwanger bist? Bei Mary liegen die Dinge anders. Sie hat ihre Familie dort. Und ich garantiere dir, ich werde zu viel zu tun haben, um meine Zeit mit dir zu verbringen. Es handelt sich nämlich nicht um eine wunderbare Party, weißt du? Diese Besuche, um ›Flagge zu zeigen‹, bedeuten eine Menge Arbeit.«

»Das weiß ich.« Kate war enttäuscht, fand sich jedoch damit ab. »Ich wäre dir bestimmt nicht im Weg. Mary hat uns eingeladen, bei ihrer Familie zu wohnen, daher hätte ich tagsüber Gesellschaft, und du könntest abends mit Simon dazukommen.«

»Oh, herzlichen Dank!« Marks Ungehaltenheit verwandelte sich schnell in Verärgerung.

»Was ist an der Idee auszusetzen?« Kate schob die Bettdecke beiseite und stand auf. Sie hatte das Gefühl, dass sie ihre Sache im Stehen besser verteidigen konnte.

»Wenn du glaubst, dass ich bei unserem Ersten Wachoffizier wohnen und mich bei seiner Familie einschmeicheln werde, bist du auf dem Holzweg. Ich habe nämlich auch meinen Stolz.«

»Aber sie haben alle eingeladen«, erklärte Kate. »Anscheinend haben sie ein riesiges Haus und …«

»Vergiss es! Andy und Paul können bei den Armitages wohnen, wenn sie wollen. Die beiden sind nicht verheiratet, deshalb ist es etwas anderes.«

»Warum ist es etwas anderes?«, fragte sie in dem Bemühen, ihn zu verstehen.

»Es ist einfach so. Außerdem ist es verrückt, in deinem Zustand im Land herumzugondeln. Hat der Arzt dir nicht gesagt, dass du aufpassen sollst? Vor allem jetzt, da er glaubt, dass es Zwillinge werden?«

»Nun ja, das hat er wirklich gesagt. Aber ich habe nicht die Absicht, zu Fuß nach Newcastle zu gehen«, rief Kate aufgebracht.

»Und wie wirst du zurückkommen?« Mark zog die Augenbrauen hoch und lächelte auf provozierend überlegene Art. »Das Boot fährt nach Rosyth weiter. Das weißt du doch, oder? Soweit ich gehört habe, wird Mary oben im Norden bleiben, bis das Boot wieder nach Gosport zurückkehrt. Bist du dir sicher, dass sie dich für drei Wochen dort werden haben wollen?«

»Nun, sie hat nicht genau gesagt, wie lange …«

»Ganz recht. Ich vermute, dass sie Gesellschaft für die Fahrt und ein Kindermädchen für ihre Bälger braucht. Sobald du dort bist, wirst du auf dich allein gestellt sein, und am Ende musst du dich mit dem Zug zurück nach Hause durchschlagen. Wahrscheinlich findet sie sonst niemanden, der bereit ist, sie zu begleiten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Frau des Kapitäns sich in Newcastle mit den anderen gemein machen will.«

»Nein«, erwiderte Kate widerstrebend. »Angela fährt nicht hin. Sie hat anscheinend irgendwelche Termine.«

»Das möchte ich wetten.« Mark schnaubte. »Sie ist keine Närrin. Sie weiß, wie diese Ausflüge sind.«

»So wie Mary es dargestellt hat, klang es nach einer Menge Spaß«, meinte Kate sehnsüchtig. »Sie sagte, es würde Partys geben und dergleichen mehr …«

»Natürlich hat sie das gesagt! Sie braucht deine Hilfe. Es ist eine lange Fahrt. Sobald ihr dort seid, wird sie dich wie einen alten Stiefel beiseite werfen. Verlass dich darauf.«

»Nun, es wird jetzt ein wenig peinlich sein.« Aber Kate wusste, dass sie die Schlacht verloren hatte. »Ich habe die Einladung mehr oder weniger angenommen.«

»Dann sag ihr, du müsstest nach Hause fahren. Du müsstest deine Mutter besuchen oder irgendetwas in der Art«, erwiderte Mark ungeduldig und wandte sich wieder seiner Zeitung zu.

»Aber nach St. Just ist es fast so weit wie nach New Castle, und um dort hinzukommen, müsste ich mich ebenfalls mit dem Zug durchschlagen.«

»Du wirst ja nicht wirklich hinfahren, nicht wahr?« Mark klang mit seinem übertrieben duldsamen Tonfall wie ein Schulmeister, der versuchte, einem besonders begriffsstutzigen Schüler eine Information einzutrichtern. »Du wirst lediglich Mary erzählen, dass du hinfährst. Dann kannst du hierbleiben. Wir sind nur für drei Wochen weg. Also«, er strich seine Zeitung glatt und deutete damit an, dass das Thema erledigt war, »gibt es heute Morgen Frühstück oder nicht?«

KAPITEL 3

Cass werkelte in ihrem kleinen Cottage herum und war erleichtert darüber, dass Tom wieder auf See war. Jetzt, da ihre Schwangerschaft voranschritt, war es so viel einfacher, wenn sie nur für sich allein sorgen musste. In weniger als drei Monaten würde das Baby kommen, und beim Sex war ihr inzwischen ein wenig unbehaglich. Außerdem fühlte sie sich der Anstrengung, Toms voluminöse Marinehemden aus weißer Baumwolle zu waschen und zu bügeln, nicht gewachsen, ebenso wenig wie der Zubereitung der abendlichen Mahlzeiten. Es war viel schöner, die Zeit zu vertrödeln und zu essen und zu schlafen, wann ihr danach zumute war.

Sie schenkte sich ein Glas Milch ein und streckte sich auf dem Sofa aus. Tom war vollkommen aus dem Häuschen gewesen über das Baby. Er hatte sie umsorgt wie eine alte Glucke: Sie durfte dies nicht tun und jenes nicht, und sie musste die Füße nach dem Abendessen hochlegen, während er ihr eine Tasse Kaffee brachte. Sie wusste, wie glücklich sie sich schätzen konnte. Cass nahm einen Schluck Milch und verzog das Gesicht, als ihr die arme Kate in den Sinn kam, die mit ihren Schwiegereltern in dieser Wohnung festsaß. Marks Boot war gerade zu einem Besuch in Neuschottland ausgelaufen, und er hatte seine Eltern gebeten, bei Kate zu bleiben, deren Niederkunft in zwei Wochen erwartet wurde.

»Der Arzt meint, es sei fast sicher, dass es Zwillinge sind«, hatte Kate erzählt. »Aber Mark erlaubt mir nicht, alles doppelt zu kaufen, für den Fall, dass der Arzt sich irrt. Seine Eltern kommen für die letzten Wochen her, sodass sie, falls es doch zwei Babys sind, alles Notwendige besorgen können, während ich noch im Krankenhaus bin.«

Cass nippte abermals an ihrer Milch und schüttelte den Kopf. Sie hätte gern erlebt, was passiert wäre, wenn Tom ihr seinen Vater auf den Hals geschickt hätte, Zwillinge hin, Zwillinge her. Kates Problem bestand darin, dass sie immer versuchte, es allen um sie herum recht zu machen. Die Gesellschaft von Kates Schwiegervater, eines mürrischen alten Mannes, war genug, um eine Fehlgeburt auszulösen, und das hatte Cass ihrer Freundin auch gesagt. Ganz zu schweigen von seiner aufdringlichen Ehefrau. Bei diesen Eltern war es kein Wunder, dass Mark zu einer solchen Flasche geworden war. Auch das hätte Cass um ein Haar ausgesprochen, aber sie hatte sich gerade rechtzeitig noch zügeln können. Manchmal hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie diejenige gewesen war, die Kate und Mark miteinander bekannt gemacht hatte. Langsam gewann sie den Eindruck, dass sie Mark nicht mochte, und es lag nicht nur daran, dass er nicht mit ihr flirtete und ihr schmeichelte, wie all die anderen es taten. Zu Anfang hatte sie ihre Gefühle ihm gegenüber auf die Tatsache geschoben, dass er einfach einer von diesen stillen, klugen Typen war, doch mit der Zeit hatte sie begriffen, dass es sich nicht so verhielt. Er hatte während der Ausbildung schlechtere Zensuren bekommen als Tom, und seine Bemerkungen hatten nichts Intellektuelles, wenn er sich überhaupt einmal genug für ein Thema interessierte, um sich an dem Gespräch zu beteiligen.

Cass versuchte, ihre Gefühle für ihn zu analysieren. Er hatte einfach kein Leben in sich, befand sie schließlich, er hatte nichts Besonderes an sich, und doch fühlte man sich in seiner Gegenwart niemals wohl. Er war kein umgänglicher, freundlicher Mensch wie Tom – der niemals glücklicher war als in der Gesellschaft anderer –, und er war auch kein hingebungsvoller Familienmensch. Er tat niemals einen Handschlag in der Wohnung, um es Kate dort behaglicher zu machen, und er vermittelte auch nicht den Eindruck, als wäre er ein liebevoller Ehemann. In der Öffentlichkeit war er oft ziemlich grob zu Kate, und das auf eine sehr unangenehme, sarkastische Art und Weise. Kate versuchte stets, diese Kränkungen mit einem Lachen abzutun, aber Cass schäumte vor Wut, wann immer sie etwas Derartiges miterlebte.

Sie trank den letzten Rest ihrer Milch und seufzte. Vielleicht würde die Vaterschaft ihn ändern. In der Zwischenzeit war es ein Gebot der Freundschaft, dass sie zu Kate fuhr und ihr half, ihre Schwiegereltern zu ertragen. Sie griff nach einer Zeitschrift. Aber nicht heute. Die beiden waren gerade erst angekommen, und schließlich würden sie noch für mindestens zwei Wochen dort sein. Cass räkelte sich behaglich. Nein, nicht heute.

Die Zwillinge kamen zwei Wochen zu früh, und die Websters waren erst achtundvierzig Stunden in der Wohnung, als bei Kate die Wehen einsetzten. Es war ein heißer Septembertag gewesen, und sie hatten einen Ausflug nach Bournemouth unternommen. Als Kate in der Nacht mit Rückenschmerzen aufgewacht war, hatte sie vermutet, dass sie sich einfach übernommen hatte; sie war auf der Promenade spazieren gegangen, hatte unendlich lange für das Mittagessen angestanden und die weite, unbequeme Autofahrt hinter sich gebracht. Nach einer Weile stand sie schließlich auf und ging in das stickige Wohnzimmer. Es war so heiß. Sie hatte versucht, Mark davon zu überzeugen, dass es vernünftig wäre umzuziehen, jetzt, da Kinder unterwegs waren. So entzückend die Wohnung im Sommer auch war – im Winter bedeutete sie harte Arbeit. Die Wände waren feucht, es gab nur einen altmodischen, launischen Holzofen, und nirgendwo konnte man Kleider trocknen. All diese Dinge hatten Kate im vergangenen Winter das Leben schwer gemacht.

Sie war dankbar, dass ihre Schwangerschaft auf den Sommer gefallen war, sodass sie sich nicht mit Kohleeimern und Asche hatte abquälen müssen. Mark schaffte es, alle häuslichen Arbeiten zu vermeiden.

»Du musst das alles auch tun, während ich fort bin«, lautete sein Argument. »Da kannst du dich genauso gut gleich daran gewöhnen. Ich bitte dich ja auch nicht, meine Arbeit auf dem Boot zu erledigen.«

Das war unleugbar. Was den Umzug betraf, war seine Antwort einfach. »Irgendwann nächstes Jahr werde ich das Boot verlassen, denn dann habe ich meine zwei Jahre abgeleistet. Ich könnte überall hin versetzt werden: nach Devonport, Faslane oder sonst wohin. Es macht keinen Sinn, zwei Mal umzuziehen.

Kate ließ sich in der Dunkelheit auf das Sofa fallen, lehnte den Kopf an die Kissen und schloss die Augen. Ihr Rücken tat so furchtbar weh! Die Schwangerschaft hätte vielleicht Spaß gemacht, wenn irgendjemand da gewesen wäre, mit dem sie ihre Aufregung hätte teilen können, irgendjemand, der sie umsorgte und ihr etwas zu essen brachte, wenn sie gelegentlich eigenartige Gelüste befielen. Einen kurzen, treulosen Augenblick lang beneidete sie die wenigen Ehefrauen von Zivilisten, die sie in der Klinik kennengelernt hatte und deren Ehemänner jeden Abend nach Hause kamen und die sich – offenbar – für die ganze Prozedur sehr interessierten. Plötzlich spürte sie, dass ihr Wasser über die Oberschenkel lief, und sie riss die Augen auf. Sie hob den Kopf, starrte in das langsam heller werdende Licht des frühen Morgens und spannte die Bauchmuskeln an. Das Wasser tröpfelte weiter.

»Verflixt!«, murmelte sie leise.

Cass, die ein Kittelkleid aus geblümter Baumwolle trug und einen Leinenschlapphut, schlenderte über die Strandpromenade in Stoke’s Bay und beobachtete die Feriengäste. Ihr besonderes Augenmerk galt den ganz kleinen Kindern, und sie freute sich über ihre konzentrierte Versunkenheit in ihre Spiele und die Art, wie sie herumtollten.

Sie sind wie kleine Aufziehspielzeuge, dachte sie. Wie schön es sein wird, ein eigenes Kind zu haben! Und wie schön, dass Kate und ich zur selben Zeit Kinder bekommen. Wenn wir Mädchen haben, können sie zusammen nach St. Audrey’s gehen. Bei dem Gedanken lächelte sie in sich hinein, dann stutzte sie. Kannte sie die junge Frau, die auf einem riesigen, gestreiften Handtuch saß und sich die dünnen braunen Arme mit Sonnenschutzcreme einrieb? Das war doch diejenige, die Mark Mainwaring geheiratet hatte. Kate und Tom waren auch zu der Hochzeit eingeladen gewesen, und George Lampeter hatte als Trauzeuge fungiert. Cass zermarterte sich einen Moment lang das Hirn, bevor ihr der Name der jungen Frau wieder einfiel. Felicity. Außerdem erinnerte sie sich daran, dass Felicity anscheinend keinen Funken Humor oder Charme besessen hatte, und wenn sie schon an ihrem Hochzeitstag so gewesen war, würde sie sich wohl kaum als angenehme Gefährtin erweisen. Nichtsdestotrotz, sie war eine Marinefrau, und wenn Mark vielleicht gerade auf See war, könnte seine Frau sich einsam fühlen. Cass ging die Stufen hinunter und über den kiesigen Sand.

»Hallo!«, sagte sie. »Felicity, nicht wahr? Ich bin Cass Wivenhoe. Wir haben uns bei deiner Hochzeit kennengelernt. Wobei ich nicht von dir erwarte, dass du dich an mich erinnerst. Tom ist ein sehr guter Freund von deinem Mark. Wie geht es dir? Mir war nicht klar, dass du schon hier warst.«

Felicity Mainwaring beschirmte die Augen vor der Sonne und sah zu Cass auf. »Ja, ich erinnere mich.« Unter anderem erinnerte sie sich daran, dass Mark und George Lampeter in Bezug auf Cass ein äußerst törichtes Verhalten an den Tag gelegt hatten. Sie hatten sie geküsst und unverschämt mit ihr geflirtet, und Felicity hatte dagestanden wie ein begossener Pudel. Nicht das, was eine Braut auf ihrer eigenen Hochzeit erwartet. »Ich erinnere mich«, wiederholte sie ziemlich energisch und betrachtete Cass’ gewölbten Leib. »Wie geht es dir?« Sie lud Cass nicht ein, sich zu ihr auf ihr Handtuch zu setzen.

Cass ließ sich dennoch zu Boden sinken und zwang Felicity, die dünnen Beine einzuziehen.

»Mir geht es gut. Meine Güte, es ist furchtbar heiß, nicht wahr?« Sie nahm ihren Leinenhut ab und fächelte sich damit Luft zu. »Die arme alte Kate bekommt das bestimmt auch zu spüren. Sie ist noch dicker als ich. Es müsste bei ihr jetzt jeden Tag so weit sein, denke ich. Erinnerst du dich an Kate? Sie ist mit einem anderen Mark verheiratet, und sie ist mit uns gekommen. Mark Webster. Er ist ebenfalls mit deinem Mark befreundet.« Sie kicherte. »Sie werden sie Mark den Ersten und Mark den Zweiten nennen. Wo wohnt ihr?«

»Wir konnten ein Marinequartier in der Privett Road bekommen. Es ist ganz hübsch. Eine Doppelhaushälfte aus den Dreißigerjahren mit einem schönen Garten.«

»Oh, ich weiß. Das nennt man in Alverstoke ›eins von einem Paar‹. Ich werde euch mal besuchen. Ist Mark auf See?«

»Ja«, antwortete Felicity hastig. »Er ist gestern gefahren.«

»Nun, du brauchst nicht einsam zu sein. Ich bin auch hier im Dorf. Möchtest du zum Mittagessen mit zu mir kommen?«

»Nein«, sagte Felicity nach einer winzigen Pause. »Nein, danke. Nicht heute. Ich habe mir etwas zu essen mitgenommen, und ich möchte die Sonne ausnutzen.« Sie ließ den Blick über Cass’ perlmuttbleiche Haut wandern. »Es muss sehr lästig sein, wenn man kein Sonnenbad nehmen kann.« Sie musterte selbstgefällig ihre eigenen gebräunten Glieder.

»Überhaupt nicht«, erwiderte Cass munter und erhob sich. »Meine Nanny hat mich in dem Glauben erzogen, es sei schrecklich gewöhnlich. Man möchte doch am Ende nicht aussehen wie ein alter Ledersattel. Blass und interessant – das bin ich! Den Männern gefällt es. Man sieht sich. Bis dahin.«

Sie setzte ihren Hut auf, winkte kurz und machte sich dann auf den Rückweg über den Strand. Felicity betrachtete ihren stolzen, anmutigen Gang und bemerkte auch die verstohlenen, bewundernden Blicke, die die Männer Cass zuwarfen – trotz des dicken Bauchs. Sie knirschte mit den Zähnen, dachte an all die Dinge, die sie hätte sagen können, und bohrte die Finger frustriert in den Sand.

Cass ging mit heiterem Lächeln ihres Weges.

»Sie fühlen sich ziemlich schrecklich, wie?« Die hochgewachsene, dunkelhaarige junge Frau blieb am Fußende von Kates Bett stehen. Ihr Akzent war eindeutig australisch. Kate versuchte zu lächeln.

»Ich habe furchtbare Rückenschmerzen«, gestand sie. »Sie haben mich rasiert und mir einen Einlauf gemacht, aber sie glauben nicht, dass ich wirklich schon Wehen habe.«

»Was wissen die denn schon?« Die Australierin beugte sich über das Bett. »Lassen Sie sich einen guten Rat geben, Schätzchen, machen Sie schnell und sorgen Sie dafür, dass Sie hier rauskommen. Wenn Sie es vor Mittag hinter sich bringen, können Sie einen Tag früher nach Hause gehen. Ich bin schon seit achtundvierzig Stunden hier. Zu Hause würden sie mir etwas geben, aber hier nicht! Die Oberschwester ist eine richtige Kuh!«

»Sind Sie im Austausch hier?« Das Entbindungsheim war fast zur Gänze für Marinefrauen reserviert, und Kate war ziemlich sicher, dass diese Australierin eine von ihnen war.

»Ja. Mein Mann ist auf der Dolphin. Wo ist Ihrer?«

»Auf See.« Kate keuchte vor Schmerz.

»Natürlich ist er das! Sie sind nie da, wenn man sie braucht. Und wenn sie doch mal da sind, sind sie nutzlos. Gestern ist so ein armes Mädchen mit ihrem Mann hier aufgetaucht. Als es zum interessanten Teil kommt, wird er ohnmächtig und stürzt ausgerechnet auf sie drauf. Die Hebamme zerrt ihn runter und schiebt ihn unter den Entbindungstisch. Als er wieder zu sich kommt, richtet er sich plötzlich auf und schlägt sich selbst k. o.! Machen nichts als Ärger, diese Männer.«

»Bitte nicht«, rief Kate schwach. »Es tut weh, wenn ich lache.«

Die Australierin musterte sie abschätzend. »Die Schmerzen sind wirklich schlimm, wie? Sie kommen und gehen? Dann haben Sie Wehen. Ich würde sagen, daran gibt es keinen Zweifel.«

Kate musste warten, bis sich die Woge des Schmerzes legte, bevor sie wieder sprechen konnte. »Aber verstehen Sie denn etwas davon?«

»Und ob ich das tue, Schätzchen. Zu Hause arbeite ich als Hebamme. Halten Sie durch, ich hole die Schwester.«

Kate schloss die Augen und versuchte, tief durchzuatmen, als der Schmerz sie von neuem überwältigte.

»Hölle und Teufel, Schwester. Sie müssen sich um die Frau kümmern.«

Kate öffnete die Augen. Die Schwester und die Australierin beugten sich über sie.

»Sie hat nicht gesagt, dass sie Wehen hat«, bemerkte die Schwester missmutig. »Nur Rückenschmerzen. Ich hole einen fahrbaren Untersatz.«

Als Kate aus dem Raum geschoben wurde, war die Australierin wieder an ihrer Seite.

»Es ist erst kurz vor elf. Sie könnten es immer noch schaffen, Sie Glückspilz!«

KAPITEL 4

Das U-Boot wurde über die gewohnten Marinekanäle von der Geburt der Zwillinge – beides Jungen – verständigt, aber alles, was Kate bekam, war ein kurzes Telegramm von Mark, das sie zur gleichen Zeit erreichte wie ein riesiger Blumenstrauß aus der Offiziersmesse der Dolphin. Letzteres rührte sie sehr – dahinter steckte natürlich die Ehefrau von Marks Bootskommandanten –, und es machte ihr das Gefühl der Kameradschaft bewusst, das in der zu einer starken Gemeinschaft verwachsenen Marine herrschte. Gleichzeitig verletzte es sie, dass Mark über das Telegramm hinaus nicht versucht hatte, sich mit ihr in Verbindung zu setzen. Sie hatte die Blumen und Telegramme betrachtet, die andere Frauen bekommen hatten; ihre Ehemänner besuchten sie selbstverständlich am Wochenbett. Aber dann hatte Kate sich gesagt, dass Mark nicht viel tun konnte, da er fast dreitausend Meilen entfernt war. Aber im Hintergrund blieben dennoch Zweifel wach. Wenn die Offiziersmesse ihr Blumen schicken konnte, dann wäre es Mark ebenfalls möglich gewesen. Oder er hätte mit seiner Mutter verabreden können, dass sie ihr einen Strauß kaufte, und er hätte ihr einen Brief dalassen können, damit sie ihn Kate nach der Geburt gab.

In ihrer Enttäuschung deutete Kate Mrs. Webster gegenüber etwas Derartiges an. Die Unaufmerksamkeit ihres Sohnes war der älteren Frau offenkundig peinlich, obwohl sie sofort Argumente zu Marks Verteidigung anführte. Glücklicherweise gab es noch einige andere Ehefrauen in der gleichen Situation, sodass Kate sich weniger einsam fühlte. Ihre Eltern waren aus Cornwall angereist, um sie zu besuchen, aber sie waren nur für kurze Zeit geblieben, obwohl Mrs. Webster sie gedrängt hatte, die Nacht in der Wohnung zu verbringen.

»Ich konnte ihn einfach nicht ertragen«, gestand Kates Mutter, nachdem sie Kate geküsst, die Zwillinge bewundert und sich an ihr Bett gesetzt hatte, um zu plaudern. »Sie ist gar nicht so schlimm, aber er bringt es fertig, mir das Gefühl zu geben, absolut überflüssig zu sein. Ich werde dich besuchen kommen, wenn du wieder zu Hause bist – falls du das möchtest.«

»Oh, Mami! Du weißt, dass ich das möchte! Es tut mir leid, dass sie hier sind. Es ist Marks Schuld. Ich hätte dich viel lieber an meiner Seite gehabt, das weißt du doch, oder?«

»Natürlich weiß ich das.« Elizabeth Beauchamp drückte die Hand ihrer Tochter. »Aber wir müssen es ihnen zugestehen. Schließlich ist Mark ihr einziges Kind, und jetzt ist der erste Enkel da. Oder besser: die ersten Enkel. Ich dagegen habe das alles schon öfter mitgemacht – obwohl auch wir bisher noch keine Zwillinge als Enkelkinder hatten. Mr. Webster hatte anscheinend selbst einen Zwillingsbruder. Stell dir nur vor, zwei von seiner Sorte! Seine arme Mum!« Sie kicherten schuldbewusst. »Nun, ich schätze, wir werden bald aufbrechen müssen.«

Kates Vater hatte die Station bereits verlassen, da er schlicht außerstande war, mehr als dreißig Minuten ohne eine Zigarette zu überleben. Der Anblick dieser vielen stillenden Frauen und schreienden Babys hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht, und er hatte fünf Minuten vor Ablauf der Zeitspanne, die er für gewöhnlich ohne eine Zigarette aushielt, das Weite gesucht.

»Oh, Mami.« Ganz plötzlich hatte Kate das Gefühl, es einfach nicht mehr zu schaffen, weiter tapfer zu sein, wenn ihre Mutter fortging. Die Einsamkeit der langen Monate der Schwangerschaft und das pure Entsetzen bei dem Gedanken, allein mit zwei Säuglingen fertig werden zu müssen, waren unerträglich. Sie blickte in das geliebte, abgehetzte und müde Gesicht ihrer Mutter, und eine furchtbare Angst bemächtigte sich ihrer. Elizabeth Beauchamp hatte ein schwaches Herz, und in diesem Augenblick wurde Kate bewusst, was es bedeuten würde, ohne die Hilfe ihrer starken, trostspendenden Liebe leben zu müssen. Die Tränen, die sie bei anderen Gelegenheiten und besonders während der vergangenen Woche zurückgehalten hatte, traten ihr in die Augen, und ihr Kinn zitterte. »Oh, Mami!«

Elizabeth zog sie fest an sich, ohne auf die Seitenblicke der anderen Frau im Zimmer zu achten. »Kopf hoch, mein Liebling. Du schaffst das schon. Und Mark wird bald zurück sein.« Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, warum ihre warmherzige, impulsive, sensible Tochter sich ausgerechnet in einen so kalten, reservierten und egoistischen jungen Mann verliebt hatte. Hätte sie ihre Vorbehalte deutlicher zum Ausdruck bringen sollen? Die romantische Welt der Bälle, der Partys und der attraktiven jungen Männer in prächtigen Uniformen hatte Kate einfach mitgerissen. »Er ist der starke, stille Typ«, hatte sie beharrt, als ihre Mutter ihre Sorgen zaghaft zum Ausdruck gebracht hatte, doch die Begegnung mit Marks Vater hatte Elizabeth’ Befürchtungen nur noch verstärkt. Sie zog Kate ein wenig fester an sich und sandte ein kleines Gebet zum Himmel. Schließlich war Mark noch sehr jung und kämpfte mit einer neuen, aufregenden Karriere. Sie seufzte.

Kate, die den Seufzer missverstand, richtete sich auf und versuchte, ihre Mutter anzulächeln. »Tut mir leid«, meinte sie, »mir geht es im Grunde sehr gut, und du darfst dir keine Sorgen um mich machen. Komm mich besuchen, wenn ich wieder in der Wohnung bin.«

Sie sagte nicht: »Zu Hause«, wie ihre Mutter bemerkte. »Wir werden es uns wunderschön machen. Richte Daddy aus, dass er vorsichtig fahren soll.«

»Mach ich. Und wir werden ganz sicher kommen. Falls es dir lieber ist, können wir auch, wenn Mark wieder fortgeht, mit dem Wagen herkommen und dich und die Zwillinge mit nach Cornwall nehmen.«

»Oh, ja, bitte!« Kates Augen leuchteten auf. »Es wäre so schön, wieder zu Hause zu sein. Nur für ein oder zwei Wochen.«

Diesmal hatte sie das Wort »zu Hause« benutzt, wie Elizabeth auffiel. Sie küsste ihre Tochter auf die Wange und erhob sich. »Das wäre also geregelt. Du brauchst nur Bescheid zu geben, wann du kommen willst. Und jetzt sieh dir an, was wir dir mitgebracht haben.«

Sie deutete mit dem Kopf auf das Fenster neben Kates Bett. Draußen auf dem Kiesweg stand Cass, die mit Kates Vater flirtete und ihn zum Lachen brachte.

Kate blickte erstaunt zwischen Cass und ihrer Mutter hin und her. »Das ist ja wunderbar! Ich habe mir so gewünscht, sie zu sehen, aber in ihrem Zustand wäre die Busfahrt einfach zu viel für sie gewesen. Wie wird sie zurückkommen?«

»Mach dir keine Sorgen. Wir haben sie heute Morgen abgeholt und hierher mitgenommen. Sie hat auf einer Bank in der Sonne gesessen. Daddy hat ihr für den Rückweg ein Taxi bestellt, und er hat es auch schon bezahlt. Wir wollten dich nicht ganz allein hier zurücklassen. Ihr beide habt sicher eine Menge zu besprechen. Sie hat anscheinend vorgeschlagen, dass die Websters sie einmal mitnehmen sollten, doch bisher haben sie es geschafft, das zu vermeiden.«

Kate lächelte durch die Tränen, die sie nicht unterdrücken konnte. »Sie hassen einander«, erzählte sie. »Sie war sehr unartig zu ihnen.«

»Ich kann nicht behaupten, dass ich ihr einen Vorwurf daraus machen könnte! Und jetzt muss ich wirklich gehen, bevor sie meinen Mann endgültig in ihren Bann schlägt. Ich traue ihr nicht über den Weg, auch wenn sie im siebten Monat schwanger ist.«

Bis Mark aus Kanada zurückerwartet wurde, war Kate mit ihren Zwillingen – Guy und Giles – bereits wieder zu Hause und gewöhnte sich langsam an eine vollkommen andere Art zu leben. Um gerecht zu sein (obwohl sie später zu Cass bemerkte: »Wer will schon gerecht sein?«), musste Kate einräumen, dass Major und Mrs. Webster sich in den zwei Wochen nach der Geburt der Zwillinge als sehr hilfreich erwiesen hatten. Sie hatten im Gästezimmer zwei Kinderbetten aufgestellt und all die Dinge nachgekauft, die für das Wohlergehen der Babys vonnöten waren. Sie hatten sogar einen riesigen Kinderwagen gefunden, der den Flur versperrte, und die Zwillinge jeden Nachmittag voller Stolz zum Meer hinuntergeschoben und darauf beharrt, dass Kate die Füße hochlegte. Außerdem waren sie in Kates Schlafzimmer gezogen, und sie hatte bei den Zwillingen geschlafen, voller Dankbarkeit darüber, dass Mrs. Webster in Rufweite war, sollte es zu einem Notfall kommen. Es passierte jedoch nichts in der Art, und schon kurze Zeit später wünschte Kate sich sehnlichst, dass die beiden abreisten, damit sie ihr Zuhause – und ihre Kinder – für sich allein haben konnte. Sie war immer sehr nervös, wenn sie die Säuglinge unter den kritischen Blicken der älteren Frau versorgte.

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