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Jeder ist sich selbst der Nächste

Pete Hackett

Jeder ist sich selbst der Nächste

Ein Pete Hackett Western





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Jeder ist sich selbst der Nächste

 

Western von Pete Hackett

 

Brian Latimer kam von Süden. Als er aus einer Seitenstraße in die Main Street von Bozeman einbog, war sein erster Eindruck die riesige Ansammlung von Menschen, und dann sah er unter dem waagerechten, dicken Ast einer alten Burreiche den Reiter, vor dessen Gesicht eine kunstvoll geknüpfte Schlinge baumelte. An den Ast war eine Leiter gelehnt. Auf ihr stand ein Mann, und der griff in diesem Moment nach der Schlinge.

Brian schluckte trocken und ritt näher. Er hörte einen Mann schreien: „Macht endlich Schluss mit dem elenden Goldräuber und Mörder! Wir wollen ihn zappeln sehen!“

Im Gesicht des Delinquenten wühlte die Angst. Der Schweiß rann ihm in Bächen über die Wangen, tropfte von seinem Kinn, lief seinen Hals hinunter.

Brian schaute sich um. Etwa hundert Yards entfernt las er ein Schild mit der Aufschrift ‚Marshal Office‘. Auf dem Vorbau stand ein Mann. An seiner linken Brustseite funkelte der Sechszack.

Als Brian seinen Blick wieder über die Menge schwenkte, sah er, dass die Schlinge jetzt um den Hals des unglücklichen Burschen auf dem Pferd lag. Brian schätzte ihn auf Anfang fünfzig. Der Mister auf der Leiter trug die derbe Arbeitskleidung eines Goldgräbers. Auch jener Bursche, der jetzt den Arm hob, um dem Pferd einen Schlag zu versetzen, war nicht gekleidet wie ein Vollzugsbeamter. Auch er steckte in einem verschmutzten, zerschlissenen Drillich.

Brian war schockiert. Lynchjustiz!, durchfuhr es ihn siedend und er spürte Gänsehaut. Da sind Lyncher am Werk, und der Marshal schaut tatenlos zu.

Einen Augenblick war er überwältigt von dieser Erkenntnis, dann schnappte er ohne lange nachzudenken seinen Colt aus dem Holster und jagte einen Schuss aus dem Lauf. Brian hätte in dieser Sekunde wohl selbst nicht sagen können, was ihn bewog, sich einzumischen.

Die Detonation prallte auseinander, stieß in die Seitenstraßen und Gassen, und ließ den Burschen, der das Pferd unter dem Galgenbaum wegtreiben wollte, innehalten.

Die Augen aller richteten sich auf Brian. Bedrohliches Gemurmel und Geraune wurde laut. Das Tier unter dem Mann, der gehängt werden sollte, tänzelte nervös.

Brian setzte sein Pferd mit einem Schenkeldruck in Bewegung. Er ritt auf die Rotte zu. Jemand brüllte: „Wer ist der Verrückte? Holt ihn von seinem Gaul herunter und erteilt ihm eine Lektion, die er sein Leben lang nicht vergisst!“

Brian hob den Colt und ließ die Mündung über die Front aus Menschenleibern pendeln. Er hatte wieder angehalten, denn niemand machte Anstalten, zur Seite zu treten.

Der Marshal war vom Vorbau gesprungen und näherte sich mit langen Schritten. Der hängelüsterne Mob musterte Brian feindselig und drohend.

Brians Stimme klang heiser, als er rief: „Soviel ich weiß, schreibt das Gesetz vor, dass Todesurteile vom Marshal oder Sheriff zu vollstrecken sind. An den Kerlen, die den Mister dort vom Leben zum Tod befördern wollen, sehe ich aber keinen Stern. Also gehe ich davon aus, dass diese Hinrichtung nichts anderes als Lynchjustiz ist.“

„Das geht dich einen Dreck an, Stranger!“, grölte jemand. „McStevens hat einen Digger beraubt und ermordet, und nach unserem Gesetz muss er dafür hängen.“

„Nach eurem Gesetz!“, tönte Brian. „Was ist das für ein Gesetz?“

„Es ist das ungeschriebene Gesetz des Goldlandes!“, kreischte eine grellgeschminkte Lady. „Und nun wende deinen Gaul und verschwinde, Mister, oder willst du neben McStevens baumeln?“

Der Marshal war heran. Er legte die Hand auf Brians Sattelknauf und sagte laut in das unheilvolle Stimmengebrodel hinein: „Eine Jury aus Goldgräbern hat ihn des Raubmordes für schuldig befunden, Fremder. Das Urteil sprach ein Mann, den die Goldgräber zum Richter ernannt haben. Es gibt nichts daran auszusetzen. So ist eben das Gesetz des Goldlandes. Die Antwort auf Raub und Mord lautet hängen.“

Brian war fassungslos. „Und Sie dulden das, Marshal?“, entrang es sich ihm ungläubig.

„Anders sind in Bozeman Ruhe und Frieden nicht aufrechtzuerhalten“, erwiderte der Marshal ernst. „Gedenken Sie länger zu bleiben?“

„Ja“, sagte Brian rau, und dann noch einmal: „Ja, Marshal.“

„Dann werden Sie lernen müssen, sich an die Spielregeln hier zu halten. Wie ist Ihr Name?“

Die Frage erreichte nur den Rand von Brians Bewusstsein. Benommen von dem, was sich ihm hier bot und was er zu hören bekam, murmelte er: „Brian Latimer.“

Der Marshal kniff die Augen eng. „Sind Sie mit James Latimer verwandt?“

Geistesabwesend nickte Brian. „Er ist mein Vater.“

Der Marshal zuckte zusammen. Sein Gesicht mutete unvermittelt wie versteinert an. „Kommen Sie mit, Latimer“, stieß er hervor, griff nach dem Zaumzeug und zerrte das Pferd an der Front der Schaulustigen entlang hinter sich her.

Ein gequälter Aufschrei erreichte Brians Gehör, ein Pferd wieherte, das Stimmendurcheinander versiegte von einem Moment zum anderen. Wie unter Zwang wandte Brian den Kopf und blickte über die Schulter nach hinten. Der Verurteilte hing schlaff am gestrafften Seil.

Übelkeit stieg in Brian hoch und würgte ihn.

 

*

 

Im Office empfing sie wohlige Wärme. In dem kleinen Kanonenofen bullerte das Feuer. Es war Ende Februar, und obwohl tagsüber immer öfter die Sonne schien, war es draußen noch empfindlich kalt.

Sie öffneten ihre dicken Mackinaw-Jacken und rieben ihre kalten Hände.

Dann saß Brian dem Marshal gegenüber. Der Gesetzeshüter hatte sich ihm zwischenzeitlich vorgestellt. Er hieß Horace Dodson. Der Gesichtsausdruck Dodsons verriet nichts Gutes. Brian spürte, dass ihn eine Hiobsbotschaft erwartete. Die seltsame Veränderung, die mit dem Marshal vor sich gegangen war, als er den Namen Latimer nannte, war ihm nicht entgangen.

„James Latimers Sohn also“, murmelte Dodson versonnen und schien jeden Zug in Brians Gesicht zu studieren. Er zog die Unterlippe zwischen die Zähne und nagte daran.

„Ja“, sagte Brian, und es klang fast ungeduldig. „Sie kennen meinen Vater, Marshal. Von meiner Existenz hingegen scheinen Sie nichts zu wissen. Das habe ich daran erkannt, dass Sie fast aus allen Wolken fielen, als ich Ihnen meine Identität verriet. Was hat Sie so erschreckt?“

Zwingend starrte Brian den Gesetzeshüter an.

„Ihr Vater ist tot, Latimer.“

Die Worte fielen wie Bleitropfen von den Lippen Dodsons. Sie trafen Brian wie Hammerschläge. Ihn erfasste ein Taumel, und nur mühsam brachte er den jähen Aufruhr seiner Empfindungen unter Kontrolle. „Tot ...“, ächzte er, indes die Eröffnung des Marshals durch sein Gehirn echote.

„Ja. Er starb am Spieltisch. Eine Revolverkugel ...“

Ein Schwall verbrauchter Atemluft brach aus Brians Mund. Er wischte sich mit fahriger Geste über die Augen. Es wollte ihm nicht in den Kopf. Zu viel stürmte auf ihn ein, als dass er es sofort verstandesmäßig zu verarbeiten vermochte. Schließlich stammelte er: „Wie - kam - es - dazu?“

Dodson seufzte und lehnte sich zurück. Er verschränkte die Hände über dem Bauch und begann: „Es geschah vor zwei Wochen. Wie jeden Samstag kam Ihr Vater in die Stadt. Wie es schien, hatte er wieder etwas Gold aus seinem Claim herausgeschürft. Er verkaufte es in der Bank und setzte sich mit etwas über tausend Dollar an den Spieltisch. Innerhalb einer Stunde war er blank. Da er auch schon einige Gläser zu viel getrunken hatte, wurde er unvorsichtig und nannte Cold Chuck Warnock einen verdammten Falschspieler. Sekunden später griffen sie nach den Colts.“ Dodson zuckte mit den Achseln. „Ihr Vater bekam die Kugel mitten ins Herz. Wir begruben ihn auf dem Boothill vor der Stadt.“

„Cold Chuck Warnock“, wiederholte Brian und spürte, wie ihn ein fiebriger Schauer durchlief. „Ist es ein Digger?“

Dodson verzog den Mund. „In dieser Stadt und im Umland, bis hinauf in die Big Belt Mountains und hinüber nach Anaconda, gibt es zwei Kategorien von Menschen. Das sind zum einen die Redlichen, die Rechtschaffenen und zumeist Harmlosen, die das Gold hergelockt hat und die die Erde aufwühlen wie Maulwürfe, oder jene, die nach Bozeman gekommen sind, um hier als Handwerker und Geschäftsleute fußzufassen und die von einem städtischen Gemeinwesen und von Gesetzmäßigkeit und Ordnung träumen. Zum anderen sind es die Goldlandhyänen, jene also, die ebenfalls das verdammte Gold hergelockt hat, die aber nicht daran denken, sich die Hände mit Arbeit schmutzig zu machen. Zu ihnen zähle ich die betrügerischen Geschäftemacher und Spieler, die Saloonbesitzer und Abenteurer, die Sattelstrolche und Flittchen, die sich in Bozeman und auf den Goldfeldern ein Stelldichein geben. Und zu dieser Sorte gehört auch Cold Chuck Warnock. Er arbeitet für John Spencer.“

Brian, der sich langsam wieder fasste, fragte: „Wer ist John Spencer?“

Der Marshal lächelte bitter. „Spencer ist auf dem besten Wege, der ungekrönte King in Bozeman zu werden. Er weiß wahrscheinlich selbst schon nicht mehr, wie viele Claims ihm mittlerweile gehören und wie viele Männer für ihn arbeiten. Alleine in der Stadt besitzt er vier Saloons, eine Tanzhalle und zwei Spielhöhlen. Auch diese Etablissements sind Goldgruben. Er verdient so viel, dass er Kredite an die Digger vergeben kann, wenn sie finanziell am Ende sind. Aber denken Sie nur nicht, dass ihn die Nächstenliebe leitet. Er erkauft sich mit seinem Geld sozusagen eine leicht zu gängelnde Anhängerschaft. Spencer ist der Hecht im Karpfenteich. Auf seiner Lohnliste stehen ein ganzes Rudel Schnellschießer und Schläger.“

Brians Interesse erwachte. „Das heißt, dieser John Spencer gehört zur rücksichtslosen Sorte“, bemerkte er. „Wie kommt er zu den Claims? Es dürfte im Land wohl keinen freien Fleck mehr geben, den man sich als Claim eintragen lassen könnte.“

„Ganz einfach. Er erwirbt sie. Im Goldland zählt ein Menschenleben nicht viel. So mancher, der fündig wird und mit den Taschen voller Gold in die Stadt kommt, landet - ausgeraubt bis auf den letzten Nugget - auf dem Friedhof. Andere geben auf, weil sie resignieren, oder weil sie fürchten, tatsächlich fündig zu werden und mit einer Kugel im Rücken zu enden. Wer weiß schon, was diese Burschen oftmals leitet. Wieder andere verschwinden bei Nacht und Nebel.“

„Und all die freiwerdenden Claims übernimmt Spencer.“ Brian beugte sich etwas nach vorn und stemmte seine Arme auf die Oberschenkel. „Kann es nicht sein, dass er hin und wieder nachhilft, um sich den einen oder anderen Claim unter den Nagel zu reißen?“, fragte er scharf. „Was wurde eigentlich aus dem Claim meines Vaters?“

„Vorsicht mit derartigen Äußerungen, Latimer!“, grollte Dodsons Organ. „In dieser Stadt haben die Wände Ohren. Wer sich mit Spencer anlegt, erwirbt sich automatisch einen Freifahrtschein in die Hölle.“

Brian winkte ab. „Was wurde aus dem Claim meines Vaters?“, wiederholte er seine Frage.

„Es ist jetzt auf Spencers Namen ins Claimregister eingetragen.“

„Das habe ich mir fast gedacht“, knirschte Brian. „Hatte mein Vater bei Spencer Schulden?“

„Soviel ich weiß nicht.“

Mit einem Ruck erhob sich Brian. „Dann hat sich der feine Mister Spencer in den Finger geschnitten. Als dem einzigen Erben meines Vaters steht mir der Claim zu. Deshalb werde ich ihn von Spencer zurückfordern.“

Auch die Gestalt des Marshals wuchs in die Höhe. „Wenn Sie meinen Rat hören möchten, Latimer, dann lassen Sie die Finger davon. Als ich von den Männern sprach, die bei Nacht und Nebel spurlos verschwanden, meinte ich nicht unbedingt, dass sie ihr Gold genommen und das Land verlassen haben ...“

Dodson brach vielsagend ab.

Brian verstand. Er sagte: „Wenn Sie mich fragen, dann stinkt hier einiges gewaltig zum Himmel, Marshal. Ich bin zwar erst eine halbe Stunde in Bozeman, aber ich kann mir bereits ein ausgesprochen klares Bild von den Zuständen hier machen. Es gibt hier einen Marshal, der Lynchjustiz duldet, und es gibt einen, der den Hals nicht vollkriegt und wahrscheinlich über Leichen geht. Dieser McStevens, der vorhin gehängt wurde - besitzt er vielleicht auch einen Claim, den es sich rentiert zu übernehmen?“

Scharf stieß der Sheriff die Luft durch die Nase aus. Über seiner Nasenwurzel erschien eine steile Falte. „Sie sollten nicht vorschnell über mich urteilen, Latimer. Ja, McStevens besaß einen Claim. Bisher aber schaufelte er fast nur Dreck heraus. Wie auch Ihr Vater. Ihr Claimnachbar aber, Jeff Brady, schien auf eine richtige Bonanza gestoßen zu sein. Aus Neid und Missgunst hat Kain schon seinen Bruder Abel erschlagen. Jeff Brady fand man mit einer 45er Kugel zwischen den Schulterblättern. Und in McStevens Hütte fand man zwei Taschen voll Gold, Taschen, in die Brady mit einem Messer seine Initialen geschnitten hatte. Hendrik McStevens hatte sie in der Hütte vergraben. Gibt es einen noch eindeutigeren Beweis, Latimer?“

„Wo befindet sich der Claim meines Vaters?“, wollte Brian wissen.

„Am Sixteen Mile Creek“, presste Dodson hervor. Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Ich kann Sie nicht hindern, hinzureiten, Latimer. Es ist Ihre eigene Haut, die Sie zu Markte tragen. Sie werden dort draußen auch auf Jocy McStevens treffen. Sie ist Hendriks Tochter. Sollte sie noch da sein, wenn Sie auftauchen, dann bringen Sie ihr schonend bei, dass ihr Vater in den Himmel der Gehängten eingegangen ist.“

Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit zeigte Brian Betroffenheit. „Da draußen haust eine Frau?“, fragte er bestürzt.

„Eine hübsche noch dazu. Jocy schuftet wie ein Mann. Aber wahrscheinlich wird sie am Tod ihres Vaters zerbrechen.“

„Ist sie nicht in der Stadt? Weiß sie gar nicht, dass ihr Vater heute ...“ Brian zögerte. Er wollte sagen ‚gelyncht wurde‘.

Aber da kam es schon von Dodson. „Der Zeitpunkt der Hinrichtung wurde erst gestern Abend festgelegt. Es war keine Zeit mehr, Jocy zu verständigen.“

„Wieso sollte sie nicht mehr da sein, wenn ich komme?“

„Weil Spencers Gunslinger vielleicht schneller sind als Sie, Latimer.“

Brian blinzelte. Plötzlich schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „By gosh, natürlich. Die Bonanza auf Jeff Bradys Land kann sich ohne weiteres auch auf die benachbarten Claims erstrecken.“ Das Begreifen kam mit aller Schärfe. „Langsam geht mir ein Licht auf, Marshal. Erst mein Vater, dann Brady, und heute McStevens. Alles fügt sich wie ein Mosaikstein zum anderen.“

Brians Blick verkrallte sich an Dodsons Gesicht. Es war, als versuchte er, die geheimsten Gedanken des Marshals zu ergründen und zu analysieren. Seine Lippen sprangen auseinander: „Sagen Sie, Dodson: Zu welcher Kategorie in diesem Landstrich rechnen Sie sich?“

Brian erhielt darauf keine Antwort, außer einem hintergründigen Grinsen, das die Lippen des Marshals umspielte und das er nicht zu deuten wusste.

Abrupt machte er kehrt und verließ das Office. Krachend schlug hinter ihm die Tür zu.

 

*

 

Es hatte leicht zu schneien begonnen. Auf dem Gehsteig knöpfte Brian seine Jacke zu und rückte seinen Revolvergurt zurecht. Die Ansammlung um den Galgenbaum hatte sich aufgelöst. Der Gehängte war gerade abgeschnitten und auf einen flachen, zweirädrigen Karren gelegt worden, den jetzt zwei Männer davonzogen.

Tief zogen am Himmel die Wolken. Es war später Nachmittag. Brian hatte keine Ahnung, wie weit er reiten musste, um den Sixteen Mile Creek zu erreichen. Ihn fröstelte. Nach der Wärme im Marshal Office drang die Kälte hier draußen besonders spürbar auf ihn ein.

Brian schaute die breite, von Pferdehufen und Wagenrädern aufgewühlte und zerfurchte Main Street hinauf und hinunter. Bozeman schien nur aus Saloons, Spielbetrieben, Tanzhallen, Hotels und Geschäften zu bestehen. Hier war man auf der Jagd nach dem Dollar, hier konnte sich ein Mann für Geld jeden sündhaften Wunsch erfüllen.

Brian beschloss, erst am kommenden Tag zum Claim seines Vaters zu reiten. Er ging zu seinem Pferd, löste die Leine vom Holm und zog das Tier hinter sich her. Am Fahrbahnrand bewegte er sich die Straße hinunter. In den Saloons herrschte bereits ausgelassene Stimmung. Viele der Digger verbrachten den Winter in Bozeman, und wenn sie zu Beginn ihres Gastspiels in der Stadt oftmals die Taschen voller Geld hatten, so kehrten sie im Frühling gewiss arm wie die Kirchenmäuse auf ihre Claims zurück, gerupft und ausgenommen wie Weihnachtsgänse.

Bei einem kleineren Hotel stellte Brian sein Pferd ab und ging hinein. Die Rezeption war verwaist. Brian schlug mit der flachen Hand auf die Glocke, und gleich darauf erschien ein glatzköpfiger Oldtimer mit einer Drahtgestellbrille auf der Nase. Brian fragte ihn, ob er ein Zimmer mieten könne. Der Clerk nickte. „Sicher. Die Wühlmäuse kehren nach und nach auf ihre Claims zurück. Wie lange gedenken Sie denn zu bleiben, Mister - äh ...“

Fragend musterte er Brian.

„Latimer - Brian Latimer.“ Brian beobachtete die Reaktion des Mannes und sah, dass er leicht zusammenzuckte. Er erklärte: „Zunächst einmal diese Nacht. Morgen will ich hinaus zum Sixteen Mile Creek. Wie weit muss ich reiten?“

„Das ist doch kein Zufall“, murmelte der Clerk und kratzte sich am Kinn. „Ein Latimer besaß am Fluss einen Claim. Er wurde am Spieltisch erschossen. Sie könnten sein Sohn sein.“

„Ich bin sein Sohn“, knurrte Brian. „Vom Marshal habe ich bereits alles erfahren. Also, wie weit muss ich reiten, um zum Sixteen Mile Creek zu gelangen?“

„Etwa dreißig Meilen.“ Der Clerk leckte sich über die Lippen. „Es wird sich schnell herumsprechen, dass James Latimers Sohn nach Bozeman gekommen ist. Und einigen Gentlemen hier wird das nicht so recht in den Kram passen.“ Der Oldtimer senkte die Stimme, und die nächsten Worte kamen nur noch flüsternd aus seinem Mund: „Sind Sie hier, um das Erbe Ihres Vaters anzutreten?“

„Ich ritt nach Bozeman, um zusammen mit meinem Vater auf dem Claim zu arbeiten. Mein Vater schrieb mir, und bat mich, zu ihm zu kommen. Jetzt ist er tot. Und ich will die vielen Meilen von Nebraska herauf nicht völlig umsonst zurückgelegt haben.“

Der Clerk zog den Kopf ein und schaute sich ängstlich um, als fürchtete er unliebsame Beobachter. Er murmelte: „Sie hätten in Nebraska bleiben sollen, Junge. Dort hätten Sie alt und grau werden können. Hier aber ...“ Er verstummte vielsagend, aber gerade in dem, was er verschwieg, lag eine düstere Prophezeiung. Er schob Brian das aufgeschlagene Gästebuch hin, dann wandte er sich um und angelte einen der Schlüssel vom Brett, den er Brian reichte. „Zimmer acht. Oben rechts.“

Brian nahm den Schlüssel entgegen. „Was spielte sich genau ab an dem Abend, als mein Vater starb?“, fragte er unvermittelt. „Er nannte diesen Cold Chuck Warnock einen Falschspieler. Was geschah dann?“

Der Clerk wurde nervös. In seinen Mundwinkeln zuckte es. Er zog den Kopf zwischen die Schultern und schien regelrecht zu schrumpfen. Er ächzte: „Warnock ließ es natürlich nicht auf sich sitzen. Er nannte Ihren Vater einen stinkbesoffenen Bastard, der nicht verlieren könne, und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Und dann ging alles rasend schnell. James Latimer griff zur Kanone ...“

„Also hat Warnock die Schießerei provoziert?“

„Hören Sie ...“

Brian winkte ab. „Besitzt das Hotel einen Stall?“, fragte er.

„Sicher. Es wird sich jemand um Ihr Pferd kümmern.“

„Thanks.“ Brian ging noch einmal hinaus, holte sein Gewehr und seine Satteltaschen und suchte sein Zimmer auf.

Drei Stunden später trat er wieder auf die Straße. Brian hatte sich etwas ausgeruht und fühlte sich einigermaßen frisch. Es war jetzt finster und es schneite stärker.

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