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Jeder einzelne Tag mit Dir

Über die Autorin

Shari Low lebt mit ihrer Familie in Glasgow, wo sie seit vielen Jahren als freie Autorin tätig ist. Inzwischen hat sie vierzehn Romane geschrieben, die in zahlreichen Ländern veröffentlicht wurden. Neben der Arbeit an ihren Romanen widmet sich die Autorin außerdem dem Schreiben von Zeitungskolumnen, Fernseh- sowie Radiobeiträgen.

Besuchen Sie die Autorin unter www.sharilow.com im Internet.

SHARI LOW

Jeder einzelne Tag
mit Dir

ROMAN

Aus dem Englischen von
Barbara Ritterbach

BASTEI ENTERTAINMENT

Prolog

Vor zehn Jahren bin ich schon einmal durch dieses Kirchenschiff gegangen.

Die erste Person, die ich damals sah, war meine herrlich verrückte Großmutter. Ganz in Violett und mit einem Hut, der aussah wie eine Frisbeescheibe. Unter dem verbarg sie ihre Tränen, denn sie gehörte noch einer Generation an, für die es sich nicht schickte, in der Öffentlichkeit zu weinen.

Ich sah meine Eltern. Die Frau, die mich zur Welt gebracht hat, wäre beinahe vor Stolz geplatzt. Sie genoss die Aufmerksamkeit, die ihr als Brautmutter zuteilwurde, und ignorierte einfach, dass sie anfangs keinerlei Interesse an der Heirat ihrer Tochter gezeigt hatte. »Oh. Ich schaue mal in meinen Kalender«, hatte sie gesagt, als ich ihr das Datum genannt hatte.

Hinter mir liefen meine besten Freundinnen Lulu und Rosie in eleganter, cremefarbener Harmonie. Sagt man in unserem Alter noch »beste Freundinnen«? Gehört dieser Ausdruck nicht eher zum Wortschatz von Teenies? Meine besten Freundinnen also. Mit ihrem breiten Lächeln überspielten sie ihren Kater, der eigentlich nach einem abgedunkelten Raum und einer Endlosfolge von Grey’s Anatomy schrie.

Und vor mir sah ich Jon. Meinen wunderbaren Jon. Er stand am Altar, in einem perfekt sitzenden Anzug, total gelassen, und strahlte, als wäre dies eine Party, auf die er sich seit Ewigkeiten schon freute und die nun endlich begann. Ich wäre am liebsten auf ihn zugestürmt, hätte mich tanzend und Pirouetten drehend in seine Arme gestürzt, um gleich zu dem Teil mit dem Küssen und dem Jubeln zu kommen.

Ich sah Blumen und Licht und Liebe. Ich sah Versprechungen. Hingabe. Freude. Lust. Aufregung. Wahr gewordene Träume. Eine fantastische Zukunft. Glück bis in alle Ewigkeit.

Das war damals. Bevor so vieles geschah. Bevor die Zeit ihren Tribut forderte. Bevor mein Herz brach. Bevor mich meine Freundin hinterging. Bevor mein Mann mit einer anderen schlief.

Vor zehn Jahren ging ich ganz in Weiß durch dieses Kirchenschiff.

An diesem Tag trug ich Schwarz.

1. Kapitel

2005 – Shauna

Wenn er zehn Minuten später gekommen wäre, hätten wir uns nie kennengelernt.

Im Pitcher & Piano war es zu voll und zu laut. Der meiste Lärm kam von den vielen selbstgefälligen und arroganten Anzug­schnö­seln, die lautstark versuchten, sich gegenseitig zu übertrumpfen.

»Sechs Millionen hab ich reingeholt! Der Yen hat diese Woche einen Superjob für mich gemacht.«

»Nicht schlecht, Junge! Wenn du so weitermachst, kannst du bald in der ganz großen Liga mitspielen. Mein Deal mit Pharmazeutika hat mir diese Woche mindestens einen Porsche eingebracht«, brüstete sich sein Kollege. Sein permanentes Nasereiben ließ darauf schließen, dass er seinen Erfolg mit einer besonderen Sorte Pharmazeutika gefeiert hatte.

Ihre chronische Aufschneiderei tat meiner Stimmung keinen Abbruch. Ich liebe diese Bar! Das Haus mit den klassizistischen weißen Säulen steht direkt am Themseufer. Von der riesigen Holzterrasse aus hat man einen herrlichen Blick auf den Fluss und die nahegelegene Richmond Bridge. Selbst an diesem kühlen Oktoberabend verbreitete sich ein Hauch Fünfzigerjahre-­Roman­tik. Aber es war Zeit, nach Hause zu gehen.

Ich hatte eine anstrengende Woche hinter mir. Meine Füße taten weh. Ich hatte in der vergangenen Nacht nur drei Stunden geschlafen – schuld daran war eine megareiche Hausfrau aus Battersea, für die ich ein Charity-Frühstück organisiert hatte. Wenn es nur Schinkenbrötchen gegeben hätte, hätten wir zwar ein paar Hunderter mehr eingenommen, aber na ja. Ich wollte mich nicht beklagen. Ich war dankbar für diesen Auftrag, auch wenn mich der Geruch von pochierten Eiern mit Bacon und Räucherlachs-Blini den ganzen Tag verfolgt hatte.

Am nächsten Morgen stand eine Kinderparty für dreißig Zwölf­jährige in Balham auf dem Programm, und die Hähnchen-­Nuggets machten sich leider nicht von selbst.

Kurz und gut – mein Bett schrie nach mir. Doch dann machte Lulu meine Pläne mit einem Schlag zunichte. Typisch!

»Shauna, ich bin mal fünf Minuten weg. Deck mich, falls Daniel auftaucht«, zischte sie und verstärkte ihre Bitte mit einem hastigen Kuss auf meine Wange. Emotionale Erpressung nennt man das wohl.

Alle Männer in der Bar schauten dem rothaarigen Vamp nach, der hüftschwingend an ihnen vorbeitänzelte. Aufreizend. Verführerisch. Vermutlich war ich die Einzige, die bemerkte, dass Lulu einem großen, fitnessgestählten Australier, mit dem sie den ganzen Abend heimlich geflirtet hatte, in den hinteren Teil der Bar folgte.

»Verdammt dreist«, murmelte ich.

»Wer ist dreist?«

Rosie unterbrach ihre Unterhaltung mit Jason, dem Langzeitstudenten. Zwischen den beiden hatte es schon vor einiger Zeit richtig gefunkt. Er war ein trockener, analytisch denkender Akademiker, studierte Geologie oder Psychologie oder Zoologie, irgend­was mit Ologie jedenfalls, daher dauerte es, bis der Funke so richtig zündete und aus ihrer Unterhaltung mehr wurde als eine intellektuelle Diskussion über … Also, eigentlich hatte ich keinen blassen Schimmer, über was sie redeten.

»Unsere Freundin«, raunte ich und zeigte auf das sich entfernende Hüftschwingen. »Erinnere mich irgendwann daran, dass ich sie umbringe. Ich verspreche auch, es schmerzlos zu tun.«

Die Bar füllte sich, der Geräuschpegel stieg weiter – ein Segen, denn er übertönte den nervenden Atomic-Kitten-Song, der im Hintergrund dudelte. Whole Again. Derjenige, der sich traute, sämtliche noch existierende CDs mit einem Holzhammer zu zertrümmern, hätte einen Nobelpreis verdient!

»Verflucht, da kommt Daniel«, zischte Rosie plötzlich.

Das war ja klar! Die Götter verwegener Freundinnen liebten so etwas. Ich hätte längst durch die Tür sein können. Stattdessen kam nun Lulus blendend aussehender Freund auf mich zu, während besagte Freundin vor der Tür mit einem tätowierten Aus­tralier unerlaubte, möglicherweise unmoralische, jedoch definitiv unanständige Dinge tat.

»Hi, Mädels«, begrüßte er mich und Rosie und küsste uns auf die Wangen. Ich hatte Daniel schon immer für ein Mysterium gehalten. Er sah aus, als wäre er in Wirklichkeit ein anderer, als er vorgab. Model vielleicht oder Schauspieler. Oder wenigstens einer dieser nackten Feuerwehrmänner, die sich auf einem strategisch geschickt positionierten Pferd in einem Fotokalender räkelten. Aber nein, er verkaufte irgendetwas – was, wusste ich auch nicht so genau. Autoteile? Fahrzeugzubehör? Egal, er reiste jedenfalls durch Autowerkstätten und verhökerte Ersatzteile, und das wiederum passte perfekt zu einem schwingenden Fahrgestell. »Wo ist Lulu?«, fragte er dann.

»Auf dem Klo«, antwortete ich. »Kann dauern. Sie hat was von Blasenentzündung gesagt.« Eine gemeine Lüge, aber ich konnte nicht anders. Mein Grinsen erstarrte, als er einen Schritt zur Seite machte und sagte: »Leute, das ist Jon. Jon, darf ich dir Rosie und Jason vorstellen? Und die mit der Blasenentzündung ist Shauna.«

Na super! Ein wahrhaft würdevoller Moment. Jon nutzte ihn und hielt mir grinsend seine Hand hin. »Freut mich, dich kennenzulernen. Und um das gleich klarzustellen: Ich hatte noch nie eine Blasenentzündung.«

Ja, das waren die ersten Worte, die die Liebe meines Lebens an mich richtete. Gut, es war nicht unbedingt wie bei Rosamunde Pilcher, aber das spielte keine Rolle. Ich wusste selbst nicht, ob es an dem weichen irischen Akzent lag, an seinem intelligenten Humor oder dem absolut nettesten Lächeln, das ich je gesehen hatte. Jedenfalls beschloss ich auf der Stelle, dass er mir gehörte.

2. Kapitel

2015 – Shauna

In fünf Minuten waren wir bei Lulu und Daniel, und er hatte immer noch nicht gefragt. Vielleicht würde er es ja gar nicht tun. Mir war aufgefallen, dass es in letzter Zeit für ihn fast selbstverständlich war – nur ein kurzer Blick in meine Richtung, wenn er das erste Bier öffnete, das war’s. Ich nickte meist unauffällig, in einer Ehe funktioniert ja so vieles ohne Worte. Okay, du kannst trinken, ich fahre. Es machte mir nichts, aber manchmal wünschte ich mir schon, anständig gefragt zu werden.

»Alles gut?« Jon nahm eine Hand vom Steuer und legte sie auf meine.

»Ja, ja. Bin ein bisschen müde. Die Woche war ganz schön anstrengend.« Eine echte Untertreibung, aber ich biss mir auf die Zunge. Ich würde jetzt nicht wieder aufzählen, was ich alles erledigt hatte, ohne dass es ihm aufgefallen war: Ich hatte sechzehn Stunden am Tag gearbeitet, unsere Tochter zur Schule gebracht, sie an fünf Nachmittagen zu ihren Freundinnen chauffiert, zweimal für irgendwelche Schulveranstaltungen gebacken, ein Geburtstagsgeschenk für Jons Mutter besorgt, das Auto in die Werkstatt gebracht, stundenlang nach Urlaubsangeboten gesucht, die allen Bedürfnissen unserer Familie gerecht wurden, das komplette Haus geputzt, einen Babysitter für den heutigen Abend organisiert, für den Babysitter und unsere Tochter Essen vorbereitet, mich in fünf Minuten fertig gemacht, mich noch schnell im Auto geschminkt …

JA, ES IST SONNTAGABEND, UND ICH BIN VERDAMMT NOCH MAL MÜDE.

Ich konzentrierte mich weiter darauf, wach zu bleiben. Die Berührung half, sie holte mich aus dem Modus der gestressten Mutter und Ehefrau zurück in den Ich-Modus. Einfach nur Shauna. Wenn ich mir richtig Mühe gab, konnte ich vielleicht noch eine gut gelaunte Shauna hinkriegen und unseren ersten freien Abend seit Ewigkeiten genießen.

Ich merkte, dass ich mich entspannte. Mit dem Daumen strich ich sanft über Jons Handfläche. Ich schaute ihn an und bemerkte, dass auch er müde aussah. »Ich glaube, es wird mal wieder Zeit für eins unserer Grundsatzgespräche.«

Ich lehnte den Kopf gegen die Kopfstütze aus hellem Leder, was meinem ohnehin unordentlich gebundenen Pferdeschwanz wahrscheinlich nicht guttat. Aber vielleicht konnte ich so vertuschen, dass mein dunkelblondes Haar dringend frische Strähnchen brauchte.

Jon nickte. »Du meinst das, bei dem wir jedes Mal feststellen, dass wir viel zu viel um die Ohren haben und dringend etwas verändern müssten?«

»Exakt.«

Wie oft sagten wir das? Einmal im Monat? Öfter? Sooft es unsere Zeit zuließ – und genau das war das Problem. Wir arbeiteten nicht, um zu leben, sondern wir lebten, um zu arbeiten. Das musste anders werden, unbedingt. Und das würde es. Sobald wir mal fünf Minuten Zeit haben würden zu überlegen, wie. Ich setzte den Gedanken auf meine To-do-Liste. Kühlschrank abtauen. Neue Schulklamotten für Beth besorgen. Lebenswichtiges Gespräch mit dem Ehemann führen.

Wir bogen in die Einfahrt, ich griff nach dem Prosecco und der großen Schachtel mit den Süßigkeiten, die Lulu und Daniel so gern mochten, und stieg aus dem Wagen. Das Haus unserer Freunde sah aus wie eines jener, die man auf Weihnachtspost­karten abgebildet sah. Ein vierstöckiges rotes Ziegelstein­gebäu­­de, direkt am Richmond Park gelegen, mit wunderschönen alten Sprossenfenstern. Die Eingangstreppe besaß ein schmiede­eiser­nes Geländer, Efeu umrankte die rot lackierte Holztür. Lulu und Daniel bewohnten die beiden unteren Etagen, in den oberen befanden sich zwei weitere Wohnungen. Daniel hatte großen Wert darauf gelegt, so viele originalgetreue Details wie möglich zu erhalten. Daher gab es noch den ursprünglichen Fliesenboden, hohe Decken und schöne alte Stuckverzierungen. Es war ein wunderbares Haus, und Lulus ständiges Drängen, Daniel solle es verkaufen und mit ihr in eine dieser modernen Hightech-Schuhschachteln direkt am Fluss ziehen, völlig unverständlich.

Ich atmete tief durch, schüttelte meine Müdigkeit ab und setzte ein breites Lächeln auf. Sekunden später öffnete uns eine kichernde Lulu die Tür.

»Hereinspaziert! Hey, Süßer, wie geht’s dir?« Die Frage war an Jon gerichtet, und ich musste lachen. Lulu, die notorische Männermörderin, hatte sich in den zwei Jahrzehnten, die ich sie kannte, kein bisschen verändert. Sie hatte noch immer dieselbe üppige rote Mähne, die unglaublichen Kurven, die großen Augen mit dem verschmitzten Funkeln und die nahezu faltenfreie Alabasterhaut. Dabei gab es kein Vertun: Wir alle näherten uns unaufhaltsam der Fünfunddreißig. »Dir geht’s sicher blendend wie immer«, sagte sie und umarmte als Nächstes mich.

»Ich könnte dich jetzt ganz einfach erdrücken«, warnte ich.

»Tu das, dann bin ich endlich meine Probleme mit Daniel los«, gab sie zurück. Wahrscheinlich war ich die Einzige, die den Unterton mitbekam, der in ihrer Stimme mitschwang. O Gott, bitte nicht schon wieder! »Oh, als hätten wir uns abgesprochen!« Sie zeigte auf meinen schwarzen Overall mit den Achtziger­jahre-­Schulterpolstern. Wunderbar, diese zyklisch wiederkehrenden Modetrends.

»Ach, du meine Güte, wir sehen aus wie die Nolans Sisters«, sagte ich. »Wenn eine von uns einen Ton treffen würde, hätten wir echte Chancen auf ein Revival.«

»Ich wäre sofort dabei«, antwortete sie seufzend. »Ich brauche dringend einen neuen Job.«

Da war es wieder. Lulu arbeitete seit fünf Jahren für Daniel. Er und Jon hatten sich damals selbstständig gemacht und eine Personalberatungsagentur gegründet. Zu Anfang war Lulu das Gesicht des Unternehmens gewesen und die Stimme am Telefon, diejenige, die die Buchhaltung machte, die Rechnungen schrieb und sich um alles kümmerte, was den Männern den Rücken für ihre Beratungstätigkeit freihielt. Jetzt, da die Jungs endlich Erfolg hatten und Geld verdienten, arbeitete sie nur noch stundenweise. Die restliche Zeit verbrachte sie mit Networking und Imagebuilding, wie sie es nannte. Andere würden Shoppen und Essen gehen dazu sagen.

Die offene Küche mit dem Essbereich im rückwärtigen Teil des Hauses war um eine Lounge-Ecke erweitert worden. Es war der einzige Raum, der ganz modern war: weiße Wände, heller Travertinboden, bodentiefe Glastüren, durch die das Licht der vielen Solarleuchten aus dem Garten fiel. Sie strahlten wie unzählige winzige Sterne.

Die anderen saßen bereits am Esstisch. Rosie war die Erste, die uns sah. »Hey, ihr Süßen«, rief sie, und ihr Lächeln war mindestens so funkelnd wie der Rotwein in dem Glas, das sie uns zur Begrüßung entgegenhielt.

Rosie sah aus wie ein Fleisch gewordener Betty-Boop-Cartoon – kurzes schwarzes Haar, riesige blaue Augen und Wimpern, mit denen man den Boden fegen konnte. Sie war maximal eins fünfzig groß und inszenierte ihre Kurven mit Klamotten im Fünfzigerjahre-Look. Heute trug sie ein weißes, tief ausgeschnittenes Top mit knallroten Punkten, die genau zum Ton ihres Lippenstiftes passten, dazu ein rotes Tuch, das sie um den Hals geschlungen hatte. Plötzlich kam ich mir in meinem monochromen Schwarz ziemlich langweilig vor. Neuer Input für meine To-do-Liste: mehr Mühe geben beim Outfit, mehr Farbe an die Klamotten, mehr Zeit nehmen fürs Schminken.

Ich begrüßte Rosie und ihren Freund Jack, umarmte Daniel und setzte mich auf den freien Stuhl neben ihn. Jon stand an der Kochinsel und öffnete eine Bierflasche. Aha, da war der Blick! Ich würde also fahren …

Im Grunde war mir das nicht unrecht. Beth musste morgen früh zum Ballett, und einen Haufen Fünfjährige konnte ich nur in unverkatertem Zustand halbwegs im Zaum halten.

»Was willst du trinken, Schatz?«, fragte Jon.

»Wodka. Pur«, antwortete ich und sah zu, wie sich die anfäng­liche Irritation in seinem Gesicht in ein Grinsen verwandelte.

»Vielleicht bleibe ich auch einfach mal bei Wasser«, fügte ich hinzu.

Sofort nahm Daniel eine große Karaffe vom Tisch und schenkte Eiswasser in das Weinglas an meinem Platz.

»Hm. Was riecht hier so gut?«, fragte ich Lulu.

»Lasagne, Knoblauchbrot, Salat«, zählte sie auf. »Leider nicht besonders originell.«

In Wahrheit störte sie das nicht im Geringsten. Und das war gut so. Bei unseren Treffen ging es ums Reden, ums Austauschen, ums Spaß haben – das Essen stand auf der Prioritätenliste weit unten. Und ganz ehrlich, nachdem ich das ganze Wochenende für fremde Menschen gekocht hatte, war ich froh, dass ich nicht diejenige war, die Gurkenscheiben in eine Salatschüssel hobeln musste.

Jon setzte sich zu uns an den Tisch und wandte sich sofort an Daniel. »Alles okay, Junge? Wie bist du mit dem Sosstic-Vertrag vorangekommen?«

»He, he, he! Wir reden am Tisch nicht über die Arbeit«, protestierte ich.

Es war die einzige Regel, die wir aufgestellt hatten, nachdem die Männer sich gemeinsam selbstständig gemacht hatten. »Lu hat Küchenwerkzeug in der Hand und schreckt nicht davor zurück, es zu benutzen.« Ich zeigte auf Lulu, die eine Hand in die Hüften gestemmt hatte und in der anderen drohend den Gemüsehobel schwenkte.

Ich brauchte einen Moment, ehe ich registrierte, dass alle lachten. Nur Daniel war ungewöhnlich schweigsam.

Das änderte sich auch im Laufe des Abends nicht. Dabei verlief auf den ersten Blick alles so locker und ungezwungen wie immer. Nach ein bisschen Knoblauchbrot und einer knappen halben Stunde mit meinen liebsten Freunden fühlte auch ich mich entspannter. Jon sah aus, als ginge es ihm genauso. Die dunklen Schatten unter seinen seegrünen Augen waren zwar noch zu erkennen, aber sein Lächeln und seine Gartenbräune machten das wett. Gerade erzählte er eine witzige Story aus dem Fitnessstudio, wo ihn letzte Woche ein Typ in Lycra-Klamotten angemacht hatte. Alle brüllten vor Lachen, als er zugab, dass er ihn abgewiesen, aber aus lauter Angst, seine Gefühle verletzt zu haben, zum Kaffee eingeladen hatte. So war Jon. Sein dunkelbraunes Haar hatte zwar die ersten grauen Strähnchen, und im Gesicht waren ein paar Fältchen, die früher noch nicht da gewesen waren, aber er war wie eh und je der lustigste Mensch, den ich kannte.

Daniel schien den Abend nicht so recht zu genießen. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass er die Kiefermuskeln anspannte und sein Glas fest umklammerte. Ein kurzer Blick zu Rosie bestätigte, dass ihr das auch aufgefallen war. Das war gar nicht typisch für Dan. Klar, er konnte manchmal ungeduldig sein und leicht aufbrausen, aber zu Hause und im Kreis seiner Freunde war er meist entspannt und gut gelaunt.

Rosie hatte offenbar vor, das Gespräch auf ein Thema zu lenken, das ihn aufheitern sollte. »Also Leute, ich finde, wir könnten zu eurem Hochzeitstag nächsten Monat was Schönes unternehmen.«

Im selben Augenblick ließ Lulu, die gerade den Tisch abräumte, die Salatschüssel fallen. Ein weißes Rinnsal breitete sich auf den Bodenfliesen aus.

»Mist!«

Ich sprang auf, um ihr zu helfen. Am Ende erledigte ich die Arbeit allein, während sie sich hastig ein neues Glas Rotwein einschenkte.

»Schauen wir mal, ob wir noch so lange durchhalten«, sagte Daniel grimmig.

Betroffene Stille. Lulu war die Erste, die reagierte. »Muss das jetzt sein?«, zischte sie.

Typisch Lulu. Angriff ist die beste Verteidigung – so lautete ihr Lebensmotto. Wenn dich einer nervt oder dir zu nahe tritt, wehr dich, schlag zurück und hoffe auf das Beste.

»Warum nicht?« Daniel sah sie schulterzuckend an. »Oder willst du erst deinen Lover anrufen und um Erlaubnis bitten?«

Ich war sofort wieder angespannt und sah, dass auch Jon und Rosie die Luft anhielten. Jack kannte uns noch nicht lange genug, um die Situation einschätzen zu können. Selbst ich als Gründungsmitglied hatte Mühe, es zu verstehen. Lulu und Daniel führten schon immer eine Beziehung, die ganz eigenen Regeln folgte und nicht von jedem nachzuvollziehen war.

Lulu trank einen Schluck Wein und stellte das Glas anschließend auf die Arbeitsfläche. Sie tat das mit der langsamen, konzentrierten Bewegung einer Person, die Mühe hatte, die Fassung zu wahren.

»Ich bin mir nicht sicher, welche Telefonnummer er hat. Vielleicht kann deine neueste Errungenschaft es für mich herausfinden?«

»Nur weiter so, wenn du dich dann besser fühlst.« Daniels Stimme bebte vor Zorn. »Dabei wissen wir doch beide ganz genau, dass ich recht habe. Warum erzählst du unseren Freunden nicht von deinen Nachmittagen im Richmond Hotel?«

»Du Widerling«, zischte Lulu. »Hast du mir etwa nachspioniert?«

»Das war gar nicht nötig. Du hast ja deine Kreditkarte benutzt.«

»Ja, für mein Personal Training im Fitnessclub dort. Ich kann nicht fassen, dass du meine Karte überprüfst. Wie tief kann man nur sinken?«

»Nicht so tief wie du. Ich habe mich erkundigt. Du bist dort gar nicht angemeldet. Also mach weiter, denk dir neue Ausreden und Entschuldigungen aus … Oder willst du uns das nicht lieber ersparen und gleich die Wahrheit sagen? Gib’s zu. Du hast es schon wieder getan. Wer ist es dieses Mal? Der Typ, der im Fitnessstudio arbeitet? Oder wieder dieser Immobilienmakler? Oder hast du vielleicht ein ganz neues Beuteschema?«

»Daniel, bitte«, flehte ich, als ich Lulus Gesichtsausdruck sah.

Das Ganze würde gleich eskalieren. Rosie sah betreten zu Boden. Jon rieb sich die Schläfen. Und Jack studierte intensiv den leeren Teller vor sich.

»Ich glaube, wir müssen jetzt gehen«, meinte Jon. »Es ist schon spät, und ich hab Kopfschmerzen.«

Er sagte nicht, dass er das Theater nicht schon wieder ertragen konnte. Aber ich wusste, dass er das dachte. Wie oft hatten wir etwas in der Art schon erlebt? Dreimal? Viermal? Lulu und Daniel hatten die unbeständigste Beziehung, die man sich vorstellen konnte. Lulus Hang zum Flirten und ihre hedonistischen Neigungen waren von Anfang an Grund für ständigen Streit zwischen ihnen gewesen. Ihr Bedürfnis nach Abenteuern würde die beiden irgendwann endgültig auseinanderbringen. Ich wusste von zwei Affären, die sie hatte, und von einer bei Daniel. Sie waren ein Paar, das Dramen und Aufregung brauchte, um zu überleben. Ich konnte so etwas früher nicht verstehen und kann es heute auch noch nicht, aber ich wusste, dass es in Momenten wie diesen das Beste war, die beiden allein zu lassen. Jetzt Partei zu ergreifen wäre ein fataler Fehler, denn wenn sie sich versöhnten – was sie bisher immer getan hatten –, war man anschließend in einer blöden Situation.

Rosie stand bereits. »Ich finde, wir sollten auch gehen. Jack?« Sie brauchte das nicht zweimal zu sagen. Jack war schon aufgesprungen und auf dem Weg zur Tür. Er winkte noch einmal im Gehen. »Danke für das Essen. Es war … sehr lecker.«

Er tat mir unendlich leid. Ganz offensichtlich gehörte er zu den 99,9 Prozent der Menschen, die so eine Situation zutiefst unangenehm fanden.

Daniel stierte stumm vor sich hin, während Lulu uns zur Tür begleitete. Sie nahm unsere Jacken von der Garderobe.

Ich sah sie an. »Kriegst du das hin? Warum kommst du nicht einfach mit zu uns?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nein, heute nicht. Vielleicht komm ich morgen auf dein Angebot zurück. Ich werde ihn verlassen, Shauna, ich halt es nicht mehr aus. Ich ruf dich morgen früh an.« In ihren Augen standen Tränen, die sie rasch wegblinzelte.

Ich nahm sie in die Arme. »Solltest du es dir anders überlegen, komm einfach vorbei. Wann immer du willst. Du hast ja einen Schlüssel.«

Sie drückte mich so fest, dass mir die Luft wegblieb. »Danke, Shauna.«

Jon sagte nichts, er schwieg auch, als wir zum Auto gingen. Erst als ich den Motor startete, sprach er.

»Ich verstehe einfach nicht, wie du zu ihr halten kannst, wenn sie so was macht. Sie ist ein Albtraum, Shauna.«

»Daniel hat sie doch auch betrogen.«

»Ja, aber erst, nachdem er sich jahrelang von ihr hat demütigen lassen. Das ist was ganz anderes.«

»Woher weißt du das? Du darfst Lulu nicht verurteilen, Jon. Du kennst die Dynamik ihrer Ehe nicht. Vielleicht brauchen sie das ja, damit sie funktioniert. Oder auch nicht«, fügte ich ratlos hinzu.

»Mag sein, ich finde es dennoch schlimm, wie sie ihn behandelt. Daniel arbeitet verdammt hart, um ihr ein tolles Leben zu ermöglichen. Warum reicht ihr das nicht?«

Ich lehnte mich seufzend zurück und fuhr in Richtung Richmond Bridge. Na super! Meine Freundin hatte eine Affäre, und mein Mann und ich stritten deswegen.

Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, dass Jon die Augen geschlossen hatte und sich die Nasenwurzel rieb.

»Alles okay?«, fragte ich, um die Lage zu entspannen. Normalerweise ging ich Konflikten nicht aus dem Weg, aber an diesem Abend war ich so müde, dass ich eine Ausnahme machte.

»Mein Schädel brummt«, antwortete er. Das überraschte mich. Ich hatte gedacht, es wäre nur ein Vorwand gewesen, um rasch verschwinden zu können.

»Ich habe Kopfschmerztabletten dabei«, antwortete ich und zeigte auf meine Handtasche, die in seinem Fußraum stand.

Ich dachte schon, er wollte sich danach bücken, aber dann sah ich, dass seine Hand zum Radio ging und er am Lautstärkeregler zu fummeln begann. Das Radio war gar nicht eingeschaltet, daher passierte nichts.

»Was tust du da?«, fragte ich erstaunt.

»Ich versuche, das verdammte Ding auszuschalten.«

»Aber es ist doch gar nicht an.«

»Was ist das denn dann für ein Lärm?«

Sollte das ein Witz sein, den ich nicht verstand?

»Welcher Lärm?«

Er lehnte sich wieder zurück. »Hörst du das denn nicht?«

»Was?«

»Na dieses … ich weiß auch nicht. So ein Rauschen. Total nervend.«

Es musste ein Witz sein.

»Jon, ich höre nichts. Okay, komm zur Pointe.« Ich lächelte. Offenbar wollte er die Stimmung ein bisschen aufheitern.

»Shauna, ich schwöre dir, ich meine es ernst. Kannst du wirklich nichts hören?«

»Nein.« Ich blieb vor einer roten Ampel stehen und drehte mich zu ihm um. Er sah völlig verwirrt aus.

»Das ist seltsam«, sagte er leise.

»Ist dir so was schon mal passiert?«

»Ein paarmal. Ich glaube, meine Mum hatte das früher auch immer. Migräne.«

»Ja, Migräne kann die merkwürdigsten Symptome haben«, ant­wortete ich. »Das wird es sein. Eine Schmerztablette und eine Nacht ausschlafen, dann ist sicher alles wieder gut.«

Die Ampel wurde grün, und ich fuhr an. Ich versuchte das Unbehagen, das sich in mir breit machte, zu verdrängen.

Ich hätte es ernst nehmen sollen.

3. Kapitel

2005 – Jon

Wamm! Peng! Bumm!

Ich halte nicht viel von romantischem Geschwätz und Gefühlsduseleien, aber ich bin ziemlich sicher, dass es sich so in meinem Kopf angehört hat, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe.

Daniel hatte mich zu einem Bier überredet, damit ich nicht an einem Freitagabend allein zu Hause sitzen, mich betrinken und am Ende mit der Frau im Bett landen würde, mit der ich gerade Schluss gemacht hatte.

Ich freute mich über seine Fürsorge, machte mir aber, was Jess betraf, keine Gedanken. Sie und ich hatten uns nach sechsjähriger Ehe getrennt, und ich hatte nicht die Absicht, zu ihr zurückzugehen. Ganz und gar nicht!

Im Gegenteil: Wenn an diesem Abend eine Gruppe zölibatärer Mönche auf der Suche nach Gleichgesinnten durch London gezogen wäre, hätte ich vermutlich, ohne zu zögern, an Ort und Stelle auf der gestrichelten Linie unterschrieben.

Aber Daniel, der zum Vertriebsteam unserer Firma gehörte, war immer gut drauf und Dreh- und Angelpunkt jeder Party, und im Moment konnte ich etwas Spaß gut brauchen.

Ich hatte mir einen Abend in der Stadt ausgemalt, vielleicht ein paar Clubs. Gab es das überhaupt noch? Ich hatte gar keine Ahnung mehr, was man an einem Freitagabend in London machte, seit ich mich als verheirateter Mann in einem Reihenhaus in Notting Hill niedergelassen hatte.

Aber Daniel hatte andere Vorstellungen, wie der Abend verlaufen sollte. Er schleppte mich nach Richmond raus, weil er dort seine neue Freundin treffen wollte. Na super! Der erste Abend seit Jahren, und ich durfte bei einem Arbeitskollegen und seiner neuesten Eroberung drittes Rad am Wagen spielen.

Meine Laune änderte sich in der Sekunde, als ich Shauna sah. Ich gebe eigentlich nichts auf Blödsinn wie »Liebe auf den ersten Blick« und so, aber da war irgendwas an der Mischung aus verstrubbeltem blondem Haar, süßen Sommersprossen und einem absolut ansteckenden Lächeln, das mich völlig in den Bann zog. Ich wollte einfach nur noch dastehen und sie anschauen.

Wie ein Idiot.

Daniel und seine neue Freundin, Lulu, hatten irgendeinen Streit, aber ehrlich gesagt kümmerte uns das nicht. Shauna und ich begannen eine Unterhaltung, und am Ende waren nur noch wir zwei übrig, so eng aneinandergerückt, dass wir gar nicht merkten, dass die Temperatur erheblich gesunken war. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass alle anderen längst gegangen waren.

Als das Barpersonal irgendwann keine Lust mehr hatte, um uns herum zu kehren, gingen wir. Ich brachte sie nach Hause, über die Richmond Bridge zu ihrer Wohnung in Twickenham. Sie nahm mich noch mit hinein und bat mich, leise zu sein, damit wir ihre Mitbewohnerin nicht aufweckten. Kurze Zeit später saßen wir mit einem Kaffee auf dem kleinen Balkon vor ihrer Küche.

Ich bezweifelte, dass die klapprigen alten Holzstühle meinem Gewicht lange standhalten würden, und rechnete jede Sekunde damit, unsanft auf meinem Hintern zu landen.

»Also. Warst du schon mal verheiratet?«, fragte ich sie.

Sie schüttelte den Kopf, sodass ihre blonden Locken hin und her flogen. »Ich war verlobt«, gestand sie fast ein wenig verlegen. »Wir haben uns vor einem Jahr getrennt.«

»Darf ich fragen, warum, oder ist das zu persönlich?«

Sie lachte leise, ganz anders als vorher im Pub, wo wir die ganze Zeit gegen den Lärm anschreien mussten. »Du sitzt mitten in der Nacht auf meinem Balkon. Ich würde sagen, da können wir ›zu persönlich‹ aus dem Wortschatz streichen.« Sie trank noch einen Schluck Kaffee. »Es hat einfach nicht geklappt. Ich glaube, ich bin beziehungsunfähig. Die Vorstellung, einen Mann für immer und ewig zu haben, ist mir unheimlich. Ich kann ja kaum ein halbes Jahr mit derselben Tapete im Flur leben. Also ganz klare Bindungsprobleme.«

Sie lächelte, aber ich sah einen Hauch von Traurigkeit in diesem Lächeln. »Und du? Beziehungen? Kinder?«

Ups. Jetzt hatte sie mich erwischt. Selbst schuld. Siebenundzwanzig und schon eine gescheiterte Ehe auf dem Buckel. Das waren nicht die besten Referenzen, oder?

Sie deutete mein Zögern falsch und warf einen raschen Blick auf meine Hände. »Oh, verdammt, sag nicht, dass du verheiratet bist. Das hätte ich dich natürlich fragen müssen, bevor ich dich mit raufnahm.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bin nicht verheiratet.«

»Gott sei Dank.«

Mach langsam. Überstürz nichts. Der vernunftgesteuerte Teil von mir verlangte, dass ich es dabei beließ. Blöderweise hatte er nicht allzu viel Einfluss auf das, was tatsächlich aus meinem Mund kam.

»Aber ich war es. Ich bin geschieden. Seit einem Monat.«

Sie schwieg einige Sekunden, und ich trat mir mental mit Anlauf in den Hintern. Wie blöd konnte man sein? Jetzt hielt sie mich bestimmt für einen, der nach seiner Scheidung die Scherben zusammenkehrte. Ich versuchte eine Erklärung. »Hör zu, ich weiß, das ist noch nicht allzu lange her. Aber ich bin kein emotionales Wrack, ehrlich nicht. Die Scheidung war ganz klar das Beste, was wir tun konnten.«

Das entsprach der Wahrheit.

»Dann bedauerst du es also nicht, und eure Trennung war nicht schmerzhaft für dich?«

Das nicht, aber schließlich war ich ja nicht unfehlbar.

»Tja, dann …« Ich stellte mich innerlich auf ein »Es war nett, dich kennenzulernen, da ist die Tür« ein. »… hast du der Ehe sicher auf immer abgeschworen«, fuhr sie jedoch fort.

O mein Gott, schon wieder Wahrheit oder Lüge. Wahrheit oder Lüge. Wahrheit oder …

»Könnte man so sagen«, antwortete ich. Wahrheit.

Sie sah mich an, und ihre blauen Augen blitzten, als sie lachte. »Super. In dem Fall werden wir gut miteinander klarkommen.«

Ich verstand nicht, was da gerade passierte. Aber irgendwie war ich auch noch nicht auf dem Weg zur Tür, also lief alles gut. Sie verschwand in der Küche und kam mit der Kaffeekanne zurück, um unsere Tassen aufzufüllen.

Ich wechselte das Thema, und wir redeten über alles und nichts. Keine Ahnung, wie lange das so ging, jedenfalls zeigte sie auf einmal zum Himmel.

»Das erste Flugzeug. Ich sehe so gern zu, wenn sie morgens früh reinkommen. Wie Sternschnuppen, die auf der Erde landen.«

Ich blickte hinauf und sah orangefarbene Lichter lautlos am Himmel blinken. Dann begriff ich, dass wir uns direkt unterhalb der Einflugschneise zum Flughafen Heathrow befanden. Im Hintergrund ging gerade die Sonne auf, ein perfekter Ort also – wenn man vom Anblick der Mülltonnen unten im Hof einmal absah.

Nach acht Jahren mit derselben Frau war ich aus der Übung, aber ich war mir trotzdem ziemlich sicher, dass dies einer der Augenblicke war, in denen ich das tun konnte, was ich schon den ganzen Abend tun wollte.

Ich verlor den Mut und entschied mich für vorheriges Absichern. »Ich würde dich jetzt schrecklich gern küssen. Meinst du, das wäre okay für dich?«

»Hat sich deine Frau wegen deines grauenvollen Sinns für Romantik scheiden lassen?«, fragte Shauna und lächelte.

»Nein. Sie konnte mein sensationelles Aussehen nicht länger ertragen«, witzelte ich zurück. Für diese Nacht war Schluss mit der Wahrheit.

»Hm, ich sehe, dass das ein Problem sein könnte.«

Ihr Gesicht war todernst, was bei mir die gegenteilige Wirkung hervorrief. Ich bekam einen Lachanfall und hörte erst auf, als sie aufstand, sich auf meinen Schoß setzte und mich küsste. Das war dann wohl die Antwort auf meine Frage.

Ich würde gern behaupten, dass dies der romantischste Moment meines Lebens war. Das hätte er tatsächlich sein können – wenn der klapprige Stuhl unter uns nicht genau in diesem Moment seinen Geist aufgegeben hätte und mit uns zusammengebrochen wäre. Wir hatten ja schon festgestellt, dass ich auf dem Gebiet der Romantik nicht sonderlich talentiert war. Aber als wir am Boden lagen, lachend und darauf wartend, dass unsere Schmerzrezep­toren uns schlechte Nachrichten meldeten, dachte ich, dass die vielen Menschen, die über uns hinwegflogen, sicher noch nie einen so perfekten Augenblick erlebt hatten wie wir gerade.

4. Kapitel

2015 – Shauna

»Und? Hast du heute schon was von ihr gehört?«, fragte Rosie aus den Tiefen meines Kühlschranks.

Ehe ich antworten konnte, tauchte sie mit einem Erdbeerjoghurt daraus auf und ging zur Besteckschublade, um sich einen Löffel zu holen. Sie trug ein pinkfarbenes Vierzigerjahre-Kleid, dazu einen roten Cardigan und marineblaue Kitten Heels. Eigentlich passte das alles nicht zusammen, aber sie sah großartig aus – und wieder mal viel glamouröser als ich mit meinen verwaschenen Jeans, dem grauen Sportshirt und den nackten Füßen im No-Pediküre-Look.

»Nein, nichts. Ich hab ein paar Mal versucht, sie anzurufen, aber sie ist nicht rangegangen. Dann hab ich ihr auf die Mailbox gequatscht. Bisher hat sie sich noch nicht gemeldet. Sie macht es sich nicht leicht, oder?«

»Nie«, bestätigte Rosie. »Aber sie könnte hervorragendes Material für ganze Soap-Serien liefern.«

Man hätte denken können, wir nähmen die Probleme unserer besten Freunde nicht ernst. Aber zu unserer Verteidigung war zu sagen, dass wir diese Situation schon so oft erlebt hatten, dass wir ziemlich abgestumpft waren.

»Wie kommt denn die Romanze des Jahres voran?«, fragte ich und faltete einen Stapel Handtücher, die ich gerade aus der Waschmaschine gezogen hatte.

»Super! Ehrlich. Ich suche immer noch nach dem Haken. Du weißt schon, irgendein Geständnis. ›Ich hab eine kriminelle Vergangenheit‹ oder ›Ich bin nur deshalb mit dir zusammen, weil ich plane, dein Bankkonto zu plündern und dich mittellos sitzenzulassen‹.«

»Du solltest dringend deine Vorgehensweise bei Männerbekanntschaften überdenken. Ich weiß nicht, ob Drecksäcke.com die richtige Wahl ist.«

Rosie lachte. »Klar, dass du das sagst, Miss Perfect. Aber da draußen herrscht Krieg. Außerdem hat Jack ja bisher alle Tests bestanden. Noch volles Haar, eigene Zähne, ein richtiger Job.«

Ich setzte ihre Checkliste weiter fort. »Wie sieht es aus mit Pornos? Hast du ihn schon gegoogelt? Gibt es Fotos von seinem Penis irgendwo online?«

»Hab ich. Keine kompromittierenden Fotos. Und er hat es schon sechs Monate mit mir ausgehalten, also ist er auch nicht auf One-Night-Stands aus. Damit ist er nahezu perfekt!«

Ich freute mich, dass sie so glücklich war. Natürlich wusste ich, dass eine Frau keinen Mann brauchte, um sich selbst zu definieren. Einige meiner Freundinnen waren bewusst Singles und liebten ihre Freiheit, aber so eine war Rosie nicht. Sie wünschte sich jemanden, mit dem sie für immer zusammen sein konnte. In den letzten zwanzig Jahren hatte sie viele Beziehungen gehabt, alle hatten sich nach ziemlich genau zwei Jahren selbst zerstört. Der Zweijahresfluch, so nannte sie es. Da war zum Beispiel Mark gewesen, der sich entschieden hatte, nach Südchina zu reisen und sich selbst zu finden. Zak, der Roadie, der einen Job als Tour-Manager einer Band bekommen hatte und danach nie mehr gesehen war. Paul und Colin, die beide Schluss gemacht hatten, weil sie sich nicht binden wollten. Und wer war noch mal der Typ gewesen, mit dem sie zusammen war, als ich Jon kennenlernte? Ich musste einen Moment überlegen. Jason. Ja, so hieß er. Er war irgend­­wo in den Norden des Landes gezogen, um dort in einem Zoo zu arbeiten, und Rosie hatte daraus geschlossen, dass er Tiere mehr liebte als sie. Sie suchte sich immer Männer aus, die so waren wie sie, ein bisschen flippig, und dann wunderte sie sich, wenn sie abhauten und etwas … nun ja … Flippiges taten.

Dreimal auf Holz geklopft – Jack, der Lebenscoach, schien ein Bleiber zu sein. Auch wenn Jon behauptete, er gebe eine Menge Psychozeugs von sich, und es mich ziemlich nervte, dass er mir jedes Mal, wenn wir uns trafen, einen Vortrag über meine persönlichen Entwicklungspotenziale hielt. Ich verstand gar nicht, was er damit meinte. Wie auch immer, die beiden hatten sich bei Rosie im Café kennengelernt. Nachdem sie zehn Jahre lang gejobbt hatte, weil sie sich nicht entscheiden konnte, was sie mit ihrem Leben anstellen sollte, war sie schließlich zufällig auf das winzige Café in der Nähe der Chiswick High Road gestoßen. Es sollte damals geschlossen werden. In einem für sie ungewöhnlichen Akt von Spontaneität hatte sie es gekauft und als Vierzigerjahre-­Retro-­Café unter dem Namen Doris Day neu eröffnet. Es war ganz zauberhaft, mit Big-Band-Sound vom Band und Tischen, die aussahen, als hätten sie schon bei ihrer Großmutter im Wohnzimmer gestanden. Sie wurde damit nicht reich, aber es lief gut, und sie liebte es.

Das Knallen der Hintertür, die immer offen stand, kündigte einen Neuankömmling an. Ich schaute auf die Uhr. Es war noch zu früh für Jon. Er war heute in Canary Wharf, wo er ein Trainingsseminar in einem Software-Unternehmen abhielt. Vor sechs rechnete ich nicht mit seiner Rückkehr. Ich wettete auf Lulu, stattdessen kam Daniel in die Küche, bewaffnet mit einer ziemlich großen Reisetasche. Das bedeutete nichts Gutes.

»Hi«, begrüßte er uns zerknirscht.

Beth wählte ausgerechnet diesen Moment, um ihren Kopf aus dem Esszimmer zu strecken. Ihre blonden Wuschellocken erschienen Sekunden vor dem Rest von ihr. »Onkel Daniel!«, rief sie, stürmte auf ihn zu und sprang in seine Arme. Er fing sie auf und wirbelte sie im Kreis herum. Von Jon abgesehen war Daniel ihr Lieblingsmann. Ich wartete, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte. »So, meine Süße, jetzt gibt’s Abendessen, und danach geht es in die Badewanne.«

»Ich darf vor dem Fernseher essen!«, verkündete sie triumphierend. Das war etwas Besonderes. Normalerweise bestand ich darauf, dass wir alle zusammen am Tisch aßen, aber an diesem Abend gab es eine Ausnahme. Beth mit ihren fünf Jahren war noch viel zu jung, um Worte wie »Affäre«, »Untreue« oder »Betrug« zu lernen. Also durfte sie heute Toy Story 3 schauen und dabei ihre heiß geliebten Nudeln mit Würstchen und Spinat essen.

Sie lief davon, We Belong Together summend, den Filmtitelsong, den sie den ganzen Tag in einer Endlosschleife vor sich hin sang.

Eine unangenehme Pause entstand, dann zeigte ich auf Daniels Tasche. »Ist Lulu da drin?«

Wenigstens gelang ihm der Anflug eines Lächelns, als er sich zu Rosie an den Tisch setzte. Er wirkte erschöpft. Zwangsläufig schenkte ich ihm einen Kaffee aus der Maschine ein, der quasi ständig vor sich hin kochte. Das Aroma von Medium Roast begleitete mich praktisch mein gesamtes Erwachsenenleben lang.

»Ich hatte es erst überlegt. Shauna, ich weiß, es ist eine Zumutung für euch, aber …«

»Gar kein Problem. Du kannst hierbleiben. Brauchst gar nicht zu fragen.«

Sein Gesicht entspannte sich. »Danke. Lulu und ich können nicht mal mehr zusammen im selben Haus sein. Diesmal ist es endgültig aus. Am Freitag habe ich einen Termin beim Anwalt.«

Rosie beugte sich vor und legte ihre Hand auf seine. »Bist du ganz sicher? Ich meine, vielleicht ist es ja ein Irrtum oder …«

Sie stockte, merkte selbst, wie unsinnig das klang. Wir alle wussten, dass es kein Irrtum war …

»Danke, Rosie, aber ihr kennt sie doch.«

Allerdings. Das machte es so traurig und uns so verdammt hilflos. Aber was tut man, wenn die engste Freundin Fehler macht? Wie oft in den letzten zwanzig Jahren war ich hin- und hergerissen gewesen zwischen dem Bedürfnis, sie zu umarmen, und dem Wunsch, sie umzubringen. Viel zu oft.

Ich zog den Schlüssel von dem kleinen goldenen Haken neben der Hintertür und gab ihn Daniel. »Das Apartment ist fertig. Wenn du noch was brauchst, ruf einfach.«

Der Ausdruck »Apartment« war ziemlich übertrieben. Jon hatte die Garage in eine Art Männerrückzugsort verwandelt, mit einem Schlafsofa, einem Fernseher, einer winzigen Küche und einem kleinen Bad. »Studio« wäre wohl eine geeignetere Bezeichnung gewesen. Oder Höhle, wie ich immer sagte. Jetzt würde es erst mal Daniels Zuhause sein.

Rosie stand auf und zog ihre kirschrote Umhängetasche von der Stuhllehne. »Ich muss los. Um sieben bin ich mit Jack verabredet, und vorher muss ich unbedingt noch an mir arbeiten. Daniel, wenn du was brauchst, ruf mich einfach an. Und falls du hier rausfliegst, steht dir meine Couch jederzeit zur Verfügung.«

Ihre Bemühungen, witzig zu sein, machten alles fast noch ein bisschen trauriger. Armer Daniel!

Er stand ebenfalls auf, drückte mir einen Kuss auf die Wange und ging zur Hintertür. Ich nahm mir vor, später noch mal nach ihm zu schauen, um zu sehen, wie es ihm ging – nachdem ich die Wäsche weggefaltet hatte, einen Kaffee gekocht, ein bisschen mit Beth erzählt, sie gebadet, Abendessen für Jon und mich vorbereitet und einen Plan erstellt hatte für eine Schwangerschaftsankündigungsparty, die ich am nächsten Tag ausrichten musste. Im Ernst! Diese Frau lud ihre fünfzig besten Freundinnen ein, um ihnen zu erzählen, dass sie ihr drittes Kind bekam. Wie schon bei ihren ersten beiden Kindern würde es in zwölf Wochen eine Geschlechtsankündigungsparty geben. Danach eine Geburtsparty, dann die Taufparty. Sie schlachtete das Ereignis wirklich maximal aus, aber hey, damit war sie natürlich eine richtig gute Kundin für mich.

»Hallo, Schatz, wie geht’s?« Ich war so sehr in Mrs. Towers gesammelte Festivitäten vertieft, dass ich Jon gar nicht hatte kommen hören.

»Genervt von der Wäsche, müde, schlecht gelaunt, überarbeitet und gereizt«, antwortete ich und lächelte.

»Ah. Ich hatte eigentlich auf ein simples Gut gehofft«, antwortete er lachend, legte mir den Arm um die Taille und küsste meinen Nacken.

»Daddy!«, schrie Beth und stürzte sich in unsere Umarmung. Unsere Tochter hält nicht viel von Diskretion.

»Onkel Daniel ist hier!«

»Wo?« Jon sah mich überrascht an, bevor er den Kühlschrank öffnete. »Hier drin?«

Beth kreischte vor Lachen.

»Nein«, stellte Jon fest und schaute unter den Tisch. »Oder hier?«

»Nein!« Beth kicherte.

»Aha, dann kann er ja nur hier sein«, sagte er und öffnete den Backofen.

»Er ist in der Männerhöhle!«, verkündete Beth, und ich nahm mir vor, ganz schnell einen neuen Namen für den Raum zu erfinden. Jon sah mich fragend an.

»Er wird eine Zeit lang zu Besuch sein«, erklärte ich in bestmöglichem kinderfreundlichem »Alles ist gut, kein Problem, nichts Besonderes«-Ton.

Er verstand sofort, hob Beth hoch, warf sie über seine Schulter und trug sie ins Wohnzimmer. Ich verspürte große Dankbarkeit, dass er sich immer Zeit für seine kleine Tochter nahm.

In den nächsten Stunden hakte ich meine Liste der Reihe nach ab, bis zu dem Punkt, an dem unser Abendessen auf den Tisch kam. Oben war es ruhig. Jon war vermutlich mit seiner Gutenachtgeschichte zu Ende und neben seiner Tochter in dem hell­blauen Himmelbett eingeschlafen. Ihre Wahl. Sie steckte gerade in einer militanten Anti-Rosa-Trotzphase.

Ich ging hoch und streckte den Kopf ins Kinderzimmer. Beth schlief tief und fest, von Jon keine Spur.

In unserem Schlafzimmer war er auch nicht, also steuerte ich das kleine Zimmer daneben an, das wir als Büro nutzten. Dort saß er und schaute konzentriert auf den Bildschirm vor sich.

»Hey, Darling, das Essen ist fertig.«

»Hm«, antwortete er mechanisch.

Instinktiv trat ich näher heran, um zu sehen, was er sich so aufmerksam ansah. Ich brauchte einen Moment, ehe ich begriff, dass es sich um eine dieser medizinischen Selbstdiagnoseseiten handelte.

»Was machst du da?«

Er zuckte mit den Schultern. »Ach, nichts Besonderes. Ich bin gleich so weit.«

Ich überflog den Fragebogen, den er bereits ausgefüllt hatte. Er begann mit »Kopfschmerzen«. Jon hatte es angeklickt und einige andere Punkte ebenfalls. Ich las weiter. »Sehstörungen«, »Hörstörungen«.

Er war fast fertig und klickte Nein in das Kästchen neben »Gewichtszunahme«, dann drückte er auf »Enter«.

»Ich kann gar nicht glauben, dass du so was machst«, sagte ich scherzhaft. »Vermutlich erfährst du gleich, dass du schwanger bist. Oder ein Hypochonder.«

Er zog mich auf seinen Schoß. »Ich weiß. Aber ich habe im Moment einfach keine Zeit für einen Arzttermin. Ich bin nun mal ein vielbeschäftigter Mann.«

Ich lachte, als der Computer Pling machte und das Ergebnis auf dem Bildschirm erschien.

Mögliche Diagnosen? Migräne stand an erster Stelle. Darunter folgte eine lange Liste anderer potenzieller Ursachen – von Gehirnerschütterung über Kopfverletzung bis Hirntumor.

»Wie schade. Doch nicht schwanger. Bist du jetzt enttäuscht?«, fragte ich ihn mit gespieltem Mitleid. Ich war, was diese Portale betraf, sehr skeptisch. Las man nicht immer wieder, wie fehlerbehaftet die Ergebnisse waren? Und dass Scharen von Menschen die Arztpraxen belagerten, nachdem sie im Internet bei sich selbst lebensverändernde Krankheiten diagnostiziert hatten? Es gab auch einen Namen dafür. Ich dachte angestrengt nach. Cyberchondrie. Ja, so hieß es. »Mein Name ist Jon O’Flynn. Ich bin Cyberchonder«, sagte ich und küsste meinen Mann. »Komm, lass uns was essen und dann nachsehen, ob Daniel in der Männerhöhle auf der Couch liegt, Eis isst und Shania-Twain-Trennungssongs vor sich hin plärrt.«

»Moment noch, ich will nur noch schnell eine Sache …« Er klickte sich zurück auf die vorletzte Seite. »Ich habe in letzter Zeit gemerkt, dass meine Jeans ein bisschen eng geworden sind«, sagte er und änderte seine Antwort bei »Gewichtszunahme« noch einmal. Ja.

»Das liegt wahrscheinlich daran, dass du kaum noch Sport machst«, antwortete ich und zog ihn hoch. »Komm schon, du musst dich um deinen liebeskummerkranken Freund kümmern.«

Er stand bereits, als der Computer wieder Pling machte.

Das Ergebnis hatte sich verändert.

An erster Stelle der möglichen Diagnosen stand: Hirntumor.

5. Kapitel

2005 – Shauna

»Du hast dir die Beine rasiert! Das beweist, dass du unanständige Absichten hast.« Als Lulu kicherte, schwappte der Rotwein in ihrem Glas bedenklich hin und her. Sie lag auf dem Bett in meinem winzigen Apartment in Twickenham, mit Wein, Schokolade und einer ziemlich klaren Meinung zu meinem Erscheinungsbild. »Also, wenn ich richtig mitgezählt habe, ist das heute Date Nummer vier.«

»Drei«, korrigierte ich sie. »Wir haben uns am Freitag kennengelernt, waren am Sonntag was trinken und dann heute.«

»Und du hast noch nicht mit ihm geschlafen?«, fragte sie verständnislos.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich wollte warten, bis ich ein paar Dinge über ihn weiß … zum Beispiel seine Lieblingsfarbe. Sein Sternzeichen. Und vielleicht sogar seinen Nachnamen.«

»O’ Flynn. Du kannst also loslegen.«

Ich warf eine Haarbürste in ihre Richtung, und sie duckte sich geschickt.

»Du bist wirklich das Allerletzte.«

»Ich weiß.«

Nach kurzem Wühlen in meiner Beste-Unterwäsche-Schublade zog ich einen schwarzen BH mit passendem Höschen hervor. Lulu nickte anerkennend.

»Hör auf! Ich werde heute nicht mit ihm schlafen. Ich will ihn erst besser kennenlernen. Wenn der Sex mit ihm nicht gut ist, weiß ich wenigstens, dass es etwas gibt, das sich noch verbessern lässt.«

»Bloß nicht! Wenn der Sex mit ihm nicht absolut göttlich ist, änderst du deine Telefonnummer und tust so, als sähest du ihn nicht, wenn du ihm zufällig auf der Straße begegnest.«

Ich hatte das ungute Gefühl, dass ihre Theorie auf einer Menge eigener Erfahrungen beruhte. Aber es blieb keine Zeit nachzufragen, denn sie hatte sich gerade aufgesetzt, um mich noch einmal von oben bis unten zu begutachten. Schwarzes Etuikleid, schwarze Velourslederstiefel, klobiger Silberschmuck.

»In dem Fall ist er göttlich«, konterte ich, was mir einen missbilligenden Blick einbrachte. Gott, sie war wirklich unverbesserlich.

Ich hatte geplant, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nehmen, in der letzten Minute aber ein Taxi bestellt. Schließlich hatte ich eine harte Woche hinter mir, und wenn ich mir mit einem Zwanziger den Zug, die U-Bahn und einen langen Spaziergang auf diesen Absätzen ersparte, sollte es das wert sein.

Er wohnte in Notting Hill. Nicht in dem schicken, millionenschweren Notting Hill von Julia Roberts und Hugh Grant, sondern in der weniger trendigen Portobello-Road-Gegend. Auch nett. Die alten Häuser waren in Wohnungen aufgeteilt und die Mieten nicht ganz so astronomisch.

Das Taxi setzte mich vor einem rot gestrichenen Tor ab, das zu der roten Tür des viktorianischen Reihenhauses passte, in dem Jon zusammen mit zwei Freunden lebte. Als ich durch den Vorgarten ging, merkte ich plötzlich, wie nervös ich war. In meinem Magen flatterten unzählige Schmetterlinge, mein Herz wäre mir vor lauter Aufregung beinahe aus der Brust gehüpft. Ich hatte bisher gar nicht gewusst, dass ein verknallter Teenie in mir steckte. Wieso meldete er sich jetzt, mit vierundzwanzig Jahren, plötzlich? Ich rügte ihn heftig und gab ihm für den restlichen Abend striktes Ausgehverbot. Wie albern war das denn? Lenny und ich waren zwei Jahre lang zusammen gewesen, und ich hatte nie etwas Ähnliches erlebt: nicht beim Kennenlernen, nicht bei unserem ersten Kuss, nicht, als er vorschlug zusammenzuziehen, nicht mal, als er an einem romantischen Abend auf Mykonos auf die sonnenverbrannten Knie fiel, einen wunderschönen Saphirring hervorzauberte und mich fragte, ob ich ihn heiraten würde.

Und nun war ich hier, kämpfte mich durch einen Urwald aus Rhododendronsträuchern, um einen Mann zu treffen, den ich erst zweimal im Leben gesehen hatte, und stand kurz vor einem Schwächeanfall.

Die Tür öffnete sich, noch bevor ich sie erreicht hatte, und da stand er – lässig an den Rahmen gelehnt, in Jeans, schwarzem T-Shirt und mit nackten Füßen. »Ich weiß, ich benehme mich ziemlich uncool. Ich hätte warten müssen, bis du klingelst, aber …«

Ich ließ ihn den Satz nicht beenden. Einem spontanen Impuls folgend, der mich ohne Vorwarnung und ohne jede Selbstkon­trol­­le überrumpelte, ging ich auf ihn zu und küsste ihn. Es war ein langer, unglaublich leidenschaftlicher Kuss, den ich nur deshalb abkürzte, weil ich spürte, dass sich meine physischen Reaktionen – die Schmetterlinge, das aufgeregte Zittern, das pochende Herz – in meine Beine verlagert hatten und ich mit dem Hinterteil voran in den Rhododendron zu stürzen drohte.

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