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Jeder Mensch ist uns der Liebe wert

Studien

zur Theologie und Praxis

der Caritas und Sozialen Pastoral

Herausgegeben von

Klaus Baumann und

Ursula Nothelle-Wildfeuer

Begründet von

Heinrich Pompey und

Lothar Roos

Band 30

Petra Zeil

Jeder Mensch ist uns der Liebe wert

Benedict Kreutz als zweiter Präsident des Deutschen Caritasverbandes

„Jeder Mensch ist uns der Liebe wert,

weil er eine unsterbliche Seele hat.“1

Benedict Kreutz, 1921

1 ADCV 081/01-04 (2)

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Teil 1 „Aus seinem Leben eine geschichtliche Leistung machen.“ Biografischer Überblick

1.1 Kindheit

1.2 Schulzeit, Studium und Priesterweihe

1.3 Zeit als Seelsorger bis zum Ende des Ersten Weltkrieges

1.4 Benedict Kreutz und Lorenz Werthmann

1.5 Die Hauptvertretung in Berlin

1.6 Wahl und Einführung des neuen Präsidenten

1.7 Wirken als Präsident

1.8 Reisen und Heimatverbundenheit

1.8.1 Eucharistischer Kongress in Chicago

1.8.2 Eucharistischer Kongress in Sydney

1.8.3 Pilgerfahrt nach Rom und Papstaudienz

1.9 Ehrungen

1.10 Sehnsucht, Erschöpfung, Krankheit, Tod

1.11 Zusammenfassung

Teil 2 „Mit dem Stück Brot ein Stück Liebe geben.“ Das Wirken von Benedict Kreutz zur Zeit der Weimarer Republik

2.1 Der Caritasgedanke bei Benedict Kreutz

2.1.1 Biblische Grundlegung der Caritas

2.1.2 Historische Entwicklung der Caritas

2.1.3 Kreutz’ Vision von Caritas

2.1.3.1 Als Mensch dem Mitmenschen begegnen

2.1.3.2 Nicht nur Brot schenken, sondern auch Liebe

2.1.3.3 Verwurzelung im Glauben: Caritas als Gotteshilfe

2.1.3.4 Caritas als Pflicht jedes Christen

2.1.3.5 Das Bild vom Dom der Caritas

2.1.4 Erneuerung der Caritas

2.1.5 Zusammenfassung

2.2 Zusammenarbeit innerhalb der Wohlfahrtspflege

2.2.1 Zusammenarbeit zwischen öffentlicher und freier Wohlfahrtspflege

2.2.2 Zusammenarbeit mit anderen Verbänden der freien Wohlfahrtspflege

2.2.3 Aufbau einer internationalen Caritasorganisation

2.2.4 Zusammenfassung

2.3 Einflussnahme auf die Sozialpolitik

2.3.1 Verbindungen zu Reichs- und Staatsbehörden und -ministerien

2.3.2 Mitwirkung an RJWG und Fürsorgepflichtverordnung

2.3.2.1 Reichsjugendwohlfahrtsgesetz (RJWG)

2.3.2.2 Fürsorgepflichtverordnung

2.3.3 Zusammenfassung

2.4 Entwicklung und Weiterentwicklung caritativer Aufgabenfelder

2.4.1 Die Zentrale: Das Werthmannhaus

2.4.2 Kinder- und Jugendfürsorge

2.4.3 Mädchenschutz

2.4.4 Auslandsdeutschtum

2.4.5 Vermittlung von Hilfsaktionen des Auslands

2.4.6 Caritashilfe in der Seelsorge

2.4.7 Trinkerfürsorge

2.4.8 Eigene Publikationen des DCV

2.4.9 Caritasbibliothek und Archiv

2.4.10 Zusammenfassung

2.5 Initiierung caritativer Ausbildungsstätten

2.5.1 Das Institut für Caritaswissenschaft an der Universität Freiburg

2.5.1.1 Bestimmung und Aufgaben

2.5.1.2 Erkundigungen und Verhandlungen im Vorfeld

2.5.1.3 Gestaltung des Institutes und des Curriculums

2.5.2 Die vier Schulen an der Zentrale des DCV

2.5.2.1 Soziale Frauenschule

2.5.2.2 Jugendleiterinnenseminar

2.5.2.3 Seminar für Wohlfahrtspfleger

2.5.2.4 Katholische Gemeindehelferinnenschule

2.5.3 Das Caritasinstitut für Gesundheitsfürsorge Köln-Hohenlind

2.5.4 Zusammenfassung

Teil 3 „Am Kreuzweg den richtigen Weg einschlagen.“ Benedict Kreutz als Präsident des Deutschen Caritasverbandes zur Zeit des Nationalsozialismus

3.1 Auseinandersetzungen mit „Neuem Staat“ und NS-Ideologie

3.1.1 Adolf Hitler

3.1.2 Wiederherstellung der „deutschen Ehre“ nach Kriegsniederlage und Versailler Vertrag

3.1.3 Krieg

3.1.4 Volksgemeinschaft

3.1.5 Juden

3.1.6 Verstaatlichung aller Lebensbereiche

3.1.7 „Lebensunwertes Leben“

3.1.8 Umgang mit Religion, Kirche und konfessioneller Wohlfahrtspflege

3.1.9 Überhöhung des Endlichen

3.1.10 Zusammenfassung

3.2 Zusammenarbeit innerhalb der Wohlfahrtspflege

3.2.1 Das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933

3.2.2 Staatliche Wohlfahrtspflege und NSV

3.2.2.1 Veränderungen im Verständnis von Wohlfahrtspflege

3.2.2.2 Veränderte Zuständigkeiten?: NSV statt Staat

3.2.3 Freie Wohlfahrtspflege und NSV

3.2.3.1 Von der Liga zur Reichsgemeinschaft

3.2.3.2 Zuständigkeiten innerhalb der freien Wohlfahrtspflege

3.2.4 Zusammenfassung

3.3 Kampf gegen Gleichschaltung und Auslöschung der Caritas – Kampf um den hilfebedürftigen Menschen

3.3.1 Einsatz für den Erhalt des DCV als Verband der freien Wohlfahrtspflege

3.3.2 Ringen um die Aufgabenfelder der Caritas

3.3.2.1 Bahnhofsmission

3.3.2.2 Jugendwohlfahrt

3.3.2.3 Institut für Caritaswissenschaft

3.3.2.4 Caritas-Schrifttum

3.3.2.5 Caritas-Schwesternschaft

3.3.3 Versuch der Verteidigung verfolgter Personengruppen

3.3.4 Zusammenfassung

3.4 Reflexionen zur richtigen Haltung und zum richtigen Handeln von Christinnen, Christen und Caritas im „Dritten Reich“

3.4.1 „Sich auf die Seite des Ewigen schlagen“

3.4.2 „Das Ewige ins Zeitliche tragen“

3.4.3 „Mit Christus oder ohne Christus und damit gegen Christus“

3.4.4 „Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn“

3.4.5 „…dass die Liebe nicht erkalte“

3.4.6 „Wache halten an den Toren der Seele“

3.4.7 Zusammenfassung

3.5 Blicke von der Warte der Nachkriegsjahre

3.5.1 Blick zurück: Nationalsozialismus und Krieg

3.5.1.1 NS-Ideologie und -Politik

3.5.1.2 Schuld und Versagen des Deutschen Volkes

3.5.1.3 Krieg und Verwüstung am Beispiel von Freiburg

3.5.2 Blick auf das Heute des Nachkriegsdeutschlands

3.5.2.1 Allgemeine Not und Nothilfe

3.5.2.2 Lage des Caritasverbandes

3.5.2.3 Persönliche Situation von Benedict Kreutz

3.5.3 Blick nach vorne: zwischen Chaos und Zuversicht

3.5.4 Zusammenfassung

Abschließende Gedanken

Literatur

Abkürzungsverzeichnis

1 Joh

Erster Johannesbrief

1 Kor

Erster Korintherbrief

AB

Arbeitsbereich

Abs.

Absatz

ADCV

Archiv des Deutschen Caritasverbandes

Anm. PZ

Anmerkung Petra Zeil

Art.

Artikel

AWO

Arbeiterwohlfahrt

BAGFW

Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege

DCV

Deutscher Caritasverband

DiCV

Diözesancaritasverband

DRK

Deutsches Rotes Kreuz

Ebd.

Ebenda

Gestapo

Geheime Staatspolizei

Hrsg.

Herausgeber/-in

ICW

Institut für Caritaswissenschaft

IM

Innere Mission

Kap.

Kapitel

Lk

Evangelium nach Lukas

M

Mark (Deutsche Reichsmark)

Mk

Evangelium nach Markus

Mt

Evangelium nach Matthäus

NS

Nationalsozialismus, Nationalsozialisten, nationalsozialistisch

NSDAP

Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei

NSV

Nationalsozialistische Volkswohlfahrt

o. J.

ohne Jahresangabe

QA

Quadragesimo Anno (Enzyklika Papst Pius XI.)

RJWG

Reichsjugendwohlfahrtsgesetz

RM

Deutsche Reichsmark

RN

Rerum Novarum (Enzyklika Papst Leo XIII.)

S.

Seite

SA

Sturmabteilung

SS

Schutzstaffel

WHW

Winterhilfswerk

ZWST

Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland

Vorwort

Bereits in einer Denkschrift aus dem Jahre 1922 wünscht sich Benedict Kreutz, dass Studierende im Bereich von Caritas und Caritaswissenschaft im Archiv des Deutschen Caritasverbandes forschen.2 Mit jedem Zeugnis aus der Caritasgeschichte, das ich in diesem Archiv einsehen durfte, habe ich die Bedeutung dieses Wunsches besser zu verstehen und die Tatsache zu schätzen gelernt, dass dieser historische Schatz noch heute, über 90 Jahre später, den Studierenden zugänglich gemacht wird. Mein Dank gilt allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Archiv des Deutschen Caritasverbandes in Freiburg für die monatelange freundliche, kompetente Unterstützung und Hilfsbereitschaft.

Dankbar bin ich auch dem Prälaten Dr. Benedict Kreutz dafür, dass er seine Reden und Schriften, seine Korrespondenz und viele mit seiner Biografie verknüpfte Unterlagen sorgfältig aufbewahrt und sie dem Archiv des Deutschen Caritasverbandes vermacht hat. Er hat mir damit aufschlussreiches und beeindruckendes Material zu einer Arbeit bereitgestellt, die zu schreiben mir zu einem persönlichen Anliegen und zur Freude geworden ist.

Nicht zuletzt danke ich Prof. Dr. Klaus Baumann von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br. für die Begleitung meiner Arbeit, seine wertvollen Anregungen sowie die gute Zusammenarbeit am Arbeitsbereich Caritaswissenschaft und Christliche Sozialarbeit.

Und schließlich danke ich Andreas Harder-Matern aus Offenburg für seine kompetente und freundliche Hilfe bei der Formatierung meiner Arbeit.

2 Vgl. z. B. ADCV 081/01-05 (6), S. 6

Einleitung

Rückblickend auf das Leben des zweiten Präsidenten des Deutschen Caritasverbandes schreibt der Freiburger Erzbischof Wendelin Rauch im Jahr 1949:

„Der Herr hat Benedikt Kreutz einen besonderen Lebensweg geführt. Die Caritas, die Gottesliebe und die aus ihr hervorgehende Nächstenliebe, ist die Königin der Tugenden, die Vollendung der christlichen Vollkommenheit […]. Die reifste Zeit seines Lebens ging Prälat Kreutz die Wege der Caritas. Über ein Vierteljahrhundert stand er leitend an der Spitze der organisierten kirchlichen Liebestätigkeit.“3

In den meisten Darstellungen zur Geschichte des Deutschen Caritasverbandes (DCV) tritt dieser zweite Präsident hinter Lorenz Werthmann, den Gründer und ersten Präsidenten, zurück, der durch sein Lebenswerk der Wohlfahrtspflege in Deutschland und darüber hinaus einen Dienst von unschätzbarem Wert erwiesen hat. Doch auch Benedict Kreutz (1879–1949) hat sich im und durch den DCV in bemerkenswerter Weise verdient gemacht und den Verband durch die Notjahre der Weimarer Republik und die verheerenden Erschütterungen der NS-Zeit geführt. Ihm ist es maßgeblich zu verdanken, dass der Verband diese Stürme überstanden hat. Sein Verdienst beschränkt sich jedoch nicht auf den Erhalt des DCV. Es liegt in einer reichen, tatkräftigen Förderung der Caritasarbeit in unterschiedlichen Aufgabenfeldern, im Auf- und Ausbau des caritativen Schulungswesens und im beherzten Einsatz für die Kooperation mit anderen Verbänden der freien Liebestätigkeit sowie der öffentlichen Wohlfahrtspflege. Unter Kreutz ist der DCV zum Anwalt des hilfebedürftigen Menschen geworden, einem Anwalt, der sich in die Sozialpolitik mit einbringt. In alledem zeigt sich Kreutz als promovierter Nationalökonom, begabter Redner und ernstzunehmender Gesprächspartner. Allem voran aber ist Kreutz Theologe, Priester und Christ. Der Name des Verbandes, in dem und durch den er wirkt, ist sein Programm: Sein Anliegen ist die Caritas im umfassenden Sinn als Liebe Gottes zum Menschen und Liebe des Menschen zu Gott und zum Nächsten.

Die Weimarer Republik (1919–1933) war geprägt von den Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges, der Deutschland Millionen von Menschenleben gekostet und drastische materielle Verluste eingebracht hatte. Das Land war als Kriegsanzetteler und -verlierer gebrandmarkt und durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages isoliert und zu horrenden Reparationszahlungen verpflichtet worden.4 Die Menschen lebten in finanzieller und seelischer Not, die durch die Hyperinflation von 1922 und 19235 und die Weltwirtschaftskrise von 19296 noch verschlimmert wurde. In diese Zeit fallen Kreutz’ Übernahme der Berliner Hauptvertretung (20.06.1919)7 und der Beginn seiner Zeit als Präsident (09.11.1921).8 Wie hat er in diesen einflussreichen Ämtern gewirkt? Wie hat er sich für die Wohlfahrtspflege, für die freie, insbesondere die konfessionelle, Liebestätigkeit und letzten Endes für den hilfebedürftigen Menschen eingesetzt? Wie hat er die Aufgabenfelder der Caritasarbeit weiterentwickelt und die drei Säulen der Caritas nach Werthmann – Studieren, Organisieren, Publizieren – stabilisiert, um dem Gebäude in dieser Zeit der Not Halt zu geben? Das Anliegen des zweiten Teiles der vorliegenden Arbeit ist es, diesen Fragen nachzugehen und eine Antwort darauf zu finden, nachdem der erste Teil einen Überblick über Kreutz’ Biografie verschafft hat, um vorab den Kontext zu zeigen, in dem Kreutz‘ Wirken steht. Kreutz kann als Präsident des größten Verbandes christlicher Liebestätigkeit kein Manager sein, der v. a. die Maximierung von Gewinn und Einfluss im Blick hat. Die Idee, von der er beseelt und angetrieben wird, soll in Kapitel 2.1 in ihrer bei Kreutz spezifischen Ausprägung erläutert werden: der Caritasgedanke. Auf diese Weise gerüstet durch den Einblick in Kreutz’ Leben und Motivation sowie seine Sichtweise der Caritasarbeit, werden die Leserin und der Leser Kreutz’ Einsatz für den DCV und innerhalb desselben leichter nachvollziehen können. Kapitel 2.2 und 2.3 behandeln den Rahmen, in welchem die praktische Caritasarbeit steht: die Kooperation mit der öffentlichen sowie innerhalb der freien Liebestätigkeit, die Arbeitsgemeinschaft mit katholisch-caritativen Verbänden anderer Nationen und die Einflussnahme auf die Sozialpolitik. Kapitel 2.4 und 2.5 befassen sich schließlich mit den Aufgabenfeldern der praktischen Caritasarbeit, zu denen unverzichtbar die caritative Schulung gehört. Da es über Letztere in Verbindung mit Kreutz vieles zu sagen gibt, wird sie in einem eigenen Kapitel 2.5 behandelt, obgleich sie auch als Unterpunkt des Kapitels 2.4 hätte erscheinen können.

Bald nach der nationalsozialistischen Machtergreifung weist Kreutz darauf hin, dass Menschen in Situationen geraten können, in denen sich der Zusammenhang von Brot und Liebe, von materiellen und ideellen Werten, auflösen kann und Menschen dann möglicherweise das „Brot“ wählen, von dem sie einen unmittelbareren Nutzen erwarten als vom Festhalten an Überzeugungen. So schreibt er 1933: „Wir wollen Nachsicht üben, wenn die Menschen im augenblicklichen Kampfe, ob sie Brot oder ihre Überzeugung opfern sollen, oft irrig entscheiden.“9 Welche Wahl trifft Kreutz, der als Präsident der verbandlichen katholischen Liebestätigkeit Verantwortung für das ihm anvertraute Werk trägt, in einer Zeit, in der die Entscheidung für die eigene Überzeugung einem Menschen das lebensnotwendige „Brot“, die Grundlage für sein Überleben, entziehen kann? Aus einem Fragebogen der Militärregierung in Deutschland, den Kreutz am 20.02.1946 unterschreibt, geht hervor, dass er nie Mitglied in der NSDAP oder einer anderen NS-Organisation war, dass ihm von einer solchen Organisation kein Titel, Rang, keine Auszeichnung oder Urkunde ehrenhalber verliehen worden ist, dass seine Schriften und Reden sich nur mit unpolitischen, religiösen, wohlfahrtspflegerischen Themen beschäftigen und er nach 1919 keinen Militärdienst geleistet hat.10 Dies lässt ahnen, dass Kreutz sich nicht an die NS-Politik anbiedert und kein Mann ist, den – wie der Caritashistoriker Hans-Josef Wollasch es ausdrückt – das NS-Regime „als Sympathisanten hätte vereinnahmen können“11. Teil 3 der vorliegenden Arbeit trägt den Titel „Am Kreuzweg den richtigen Weg einschlagen“, der einer Forderung entnommen ist, welche 1938 von Kreutz gestellt wird; der Forderung, sich für den richtigen Pfad zu entscheiden, wo der Weg sich teilt, wo deutlich wird, dass zwei Lebenshaltungen, zwei Überzeugungen, zwei Handlungsweisen nicht mehr miteinander vereinbar sind. Jeder Mensch – so Kreutz – wird vor die Wahl gestellt, welchen Weg er gehen will, und die Entscheidung wird folgenschwer sein: „Heil dem Menschen, der schon sehr früh die Entscheidung an seinem Kreuzweg getroffen hat.“12 Der dritte Teil dieses Buches setzt sich zum Ziel, den Weg nachzuvollziehen, den Kreutz als Präsident des Deutschen Caritasverbandes zur Zeit des Nationalsozialismus gewählt und eingeschlagen hat und den er durch sein Wirken in jener Zeit gegangen ist. Schwierigkeiten ergeben sich im Rahmen der Forschung aus der Tatsache, dass Kreutz, dem es als Präsident v. a. darum ging, den Verband und dessen Handlungsfreiheit so gut wie möglich zu erhalten, mit regimekritischen Äußerungen und anderen Zeugnissen, die als Nachweis für Widerstand betrachtet hätten werden können, vorsichtig umgehen musste und dass so manches erhaltene Dokument, das vielverheißende Andeutungen macht, an entscheidender Stelle mit Hinweisen darauf, dass Weiteres später mündlich besprochen werde, abbricht13. Kapitel 3.1 beschäftigt sich mit Kreutz‘ Auseinandersetzungen mit dem „Neuen Staat“ und der NS-Ideologie. Die Zusammenarbeit innerhalb der Wohlfahrtspflege, die bereits für Kreutz‘ Präsidentschaft zur Weimarer Zeit ein wichtiges Anliegen war, wird in Kapitel 3.2 thematisiert. Während jedoch für die Weimarer Zeit eindeutig zwischen staatlicher und freier Wohlfahrtspflege unterschieden werden konnte, vermischen sich in der NS-Zeit durch das Auftreten der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, die sich selbst als Verband der freien Wohlfahrtspflege betrachtet, beide Bereiche. Kapitel 3.3 legt dasjenige Thema dar, das in den meisten Veröffentlichungen zu Kreutz besonders hervorgehoben wird: seinen Kampf gegen Gleichschaltung und Auslöschung der verbandlichen Caritas. Hinzugenommen wird in diesem Kapitel auch sein Kampf um den hilfebedürftigen Menschen – die Grundlage dafür, dass er den Verband und dessen Freiheit so entschlossen verteidigt. Kreutz‘ Reflexionen und Anleitungen dazu, welche innere Haltung Christinnen und Christen und damit auch insbesondere der Caritas im „Dritten Reich“ angemessen ist und welches Handeln daraus resultieren muss, werden in Kapitel 3.4 wiedergegeben. Kapitel 3.5 beleuchtet schließlich Kreutz‘ Blicke von der Warte der Nachkriegsjahre ab 1945 zurück auf Nationalsozialismus und Krieg, auf sein zeitgenössisches Nachkriegsdeutschland sowie nach vorne in eine ungewisse, aber nicht gottverlassene Zukunft.

Karl Borgmann, langjähriger Mitarbeiter der Caritaszentrale, stellt bereits 1949, anlässlich des Todes von Kreutz, ein kleines Buch mit einigen Auskünften zu Leben und Tod dieses zweiten Präsidenten des DCV zusammen, weist jedoch darauf hin, dass eine Biografie einer späteren Zeit vorbehalten sein müsse.14 Einige Werke haben sich seither in Kapiteln, Aufsätzen und Überblicken mit Kreutz beschäftigt, und Hans-Josef Wollasch, der sich ausgiebig mit der Kreutz-Forschung befasst, widmet sein Buch Beiträge zur Geschichte der Deutschen Caritas in der Zeit der Weltkriege, welches Georg Hüssler im Vorwort als „Buch über Benedict Kreutz“15 bezeichnet, Kreutz zum 100. Geburtstag.

Das vorliegende Buch ist aus zwei Abschlussarbeiten erwachsen: aus meiner Masterarbeit „Mit dem Stück Brot ein Stück Liebe geben: Das Wirken von Benedict Kreutz zur Zeit der Weimarer Republik“ vom 25.07.2013 und meiner Diplomarbeit „Am Kreuzweg den richtigen Weg einschlagen. Benedict Kreutz als Präsident des Deutschen Caritasverbandes zur Zeit des Nationalsozialismus“ vom 11.03.2014, beide verfasst am Arbeitsbereich Caritaswissenschaft und Christliche Sozialarbeit der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.16 Dieses Werk bietet zwar keine ausführliche Biografie über das 70-jährige Leben dieses vielseitigen Priesters und Caritasmannes, will aber einen möglichst guten Einblick geben in das Wesen, Leben und v. a. Wirken von Benedict Kreutz und in seine Verdienste im und durch den Deutschen Caritasverband. Das Material zu dieser Arbeit stammt größtenteils aus Kreutz’ Nachlass im Archiv des DCV in Freiburg und wurde teilweise erstmals verwendet. Es wird ergänzt durch Sekundärliteratur und andere Quellen.

Beim Studium von Kreutz’ Nachlass fällt die unterschiedliche Schreibung seines Vornamens auf. Während u. a. in der Geburtsurkunde vom 15.01.187917 sowie im Personalausweis von 192018Benedict mit c zu finden ist, kennen u. a. der Taufschein vom 16.01.187919 und die Einladung zur Einführung ins Präsidentenamt im November 1921 die Schreibweise Benedikt mit k. Da er selbst sich meist mit c schreibt, wird in der vorliegenden Arbeit diese Schreibweise verwendet.

„Jeder Mensch ist uns der Liebe wert.“20 Dieser Satz aus einem Ausspruch von Benedict Kreutz soll dem vorliegenden Buch als Titel dienen, da er Kreutz‘ Wirken zugrunde liegt und in seinem Handeln im Rahmen der Caritas immer wieder zutage tritt.

3 Erzbischof Dr. Wendelin Rauch, Freiburg, Protektor des DCV, zitiert nach Borgmann 1949, S. 5

4 Vgl. Kolb, S. 3

5 Vgl. ebd., S. 225/226

6 Vgl. ebd., S. 230

7 Vgl. ADCV 081/02-07, Brief von Kreutz an das Erzbischöfliche Ordinariat Freiburg, 04.06.1919

8 Vgl. ADCV 081/02-08

9 ADCV 081/01-16 (15), S. 10

10 Vgl. ADCV 081/02-00

11 Wollasch, Hans-Josef 1997, S. 252

12 ADCV 081/01-21 (10), S. 3

13 Vgl. z. B. ADCV 081/01-325, Brief von Kreutz aus Berlin an die Zentrale des DCV in Freiburg, 04.11.1938

14 Vgl. Borgmann 1949, S. 3

15 Hüssler, 1978

16 Die beiden Abschlussarbeiten sind im Masterstudiengang Caritaswissenschaft und Chr. Gesellschaftslehre und im Diplomstudiengang Katholische Theologie entstanden.

17 Vgl. ADCV 081/02-01c

18 Vgl. ADCV 081/02-01b

19 Vgl. ADCV 081/02-01c

20 ADCV 081/01-04 (2)

Teil 1 „Aus seinem Leben eine geschichtliche Leistung machen.“ Biografischer Überblick

„Unser Dank sei unsre Treue,

Die sich stets in uns erneue!

Und dein Beispiel mag uns lehren:

Alles tun nur Gott zu Ehren.“21

In stichwortartig notierten Erinnerungen an seine Kindheit schreibt Benedict Kreutz, dass er als Junge den Wunsch hegte, aus seinem Leben eine geschichtliche Leistung zu machen.22 Was zunächst eine unspezifische Ambition ist, füllt sich im Laufe der Zeit mit Inhalt und konkretisiert sich, je mehr Kreutz sein Leben in den Dienst der organisierten Caritas und Wohlfahrtspflege stellt, diese mitgestaltet und nicht zuletzt die Lebensgeschichten zahlreicher Hilfebedürftiger prägt. Der erste Teil des vorliegenden Buches will Kreutz‘ Lebensweg nachzeichnen und Einblick geben in die geschichtliche Leistung, zu der sein Leben schließlich geworden ist.

1.1 Kindheit

„Benedikt – so nannte ihn

Seiner Eltern frommer Sinn,

Klug bedacht auf Tradition,

Einstigen Klosters Schutzpatron“23,

so reimt Heinrich Auer 1949 zum 70. Geburtstag seines Freundes und Vorgesetzten Benedict Kreutz. Dieser kommt am 15.01.1879 um 1 Uhr nachmittags in St. Peter im Schwarzwald als Sohn der Karolina Kreutz, geb. Schwär, und des Bäckermeisters Benedikt Kreutz zur Welt.24 Väterlicherseits stammt seine Familie von den Begründern des Uhrenmacherhandwerkes im Schwarzwald ab25, was Kreutz später immer wieder erwähnt. Er ist das zehnte von insgesamt 17 Kindern, von denen sechs im Säuglings- oder Kleinkindalter sterben.26 Benedict wird am Tag nach seiner Geburt in der Pfarrkirche von St. Peter – der Barockkirche einer ehemaligen Benediktinerabtei – getauft. Seine Paten sind Creszentia Baier, Ehefrau des Hirschenwirtes Wilhelm Schmidle, und Adalbert Schwär, Bauer im Oberibental.27

Zu Kreutz’ frühen Kindheitserinnerungen zählen ein Schwalbennest in der Kanzel, ein Sturz vom Hochrad mit kleinem Hinterrad, den er sich nicht zu melden getraut und der ihm eine Blutvergiftung einbringt, zwei durchwanderte Nächte auf dem Feldberg und ein Pfennig, den man ihm als Bezahlung fürs Wasserholen gibt, abends zurückfordert und am nächsten Morgen für denselben Dienst neu vergibt.28 Er gewöhnt sich in den Ferien durch das Aufsagen von Gedichten seinen badischen Dialekt ab, interessiert sich für Kriegsgeschichten, ist tief beeindruckt vom Bodensee und ministriert in der Pfarrkirche.29

1.2 Schulzeit, Studium und Priesterweihe

Der junge Benedict wird am 23.04.1884 in die Volksschule St. Peter eingeschult, wo er vom Lehrer hinter die Mädchen gesetzt und nicht weiter beachtet wird, was ihn tief beleidigt.30 Am 12.08.1891 wird ihm bestätigt, dass er „als Zögling des […] Erzbischöflichen Gymnasialkonvikts angenommen“31 wird, und fortan besucht er das Großherzogliche Gymnasium – das humanistische Bertholdsgymnasium – in Freiburg im Breisgau. Nicht in jedem seiner Zeugnisse ist er unter den Jahrgangsbesten vermerkt, doch in Religion und Turnen erzielt er fast durchgängig die Note 1,032, so auch in seinem Reifezeugnis vom 16.07.1898.33

Nach dem Abitur studiert er Philosophie und Soziologie am Bischöflichen Seminar zum Heiligen Willibald in Eichstätt, wo er Bestnoten erhält.34 Aus einem Prospekt von 1898 geht hervor, dass das Klerikalseminar „nach Vorschriften des Concils von Trient eingerichtet“ sei und der Pensionspreis pro Schuljahr 450 Mark betrage bzw. 500 Mark inklusive einem Liter Bier pro Tag.35 Vom 30.10.189936 bis zum Sommersemester 1904 ist Kreutz zum Theologiestudium an der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität eingeschrieben.37 Außerdem absolviert er zwei Semester Praktische Theologie am Priesterseminar St. Peter.38 Während seines Studiums in Freiburg gründet er mit Kommilitonen einen Sozialen Zirkel.39

Noch vor der offiziellen Beendigung seines Studiums wird Kreutz von Erzbischof Thomas Nörber in St. Peter zum Subdiakon (21.02.1902), Diakon (22.02.1902) und Priester (02.07.1902) geweiht.40 In einem Gedicht zum Silbernen Priesterjubiläum werden die Kurskollegen 25 Jahre später über Kreutz sagen:

„Weil er Liebeswerke leitet

Schmückt ihn des Prälaten Würde

Er gereicht dem ganzen Kurse

Durch die Caritas zur Zierde.“41

Im Sommersemester 1904 hört Kreutz Vorlesungen über Imperialismus und Sozialpolitik.42 Sechs Jahre später schreibt er sich erneut an der Freiburger Universität ein und belegt Vorlesungen in Finanzwissenschaft und Sozialpolitik.43 Er interessiert sich für ein Studium der Nationalökonomie, doch sein Bischof stellt ihn nicht dafür frei.44 Im Sommersemester 1919 hört er Theoretische Nationalökonomie.45 Nach seinem Umzug nach Berlin immatrikuliert er sich am 23.01.1920 an der dortigen Friedrich-Wilhelm-Universität46, wo er bis zum 27.05.1922 an der staatswissenschaftlichen Abteilung der Philosophischen Fakultät47 u. a. Vorlesungen zu Spezieller Volkswirtschaftslehre, Sozialpsychologie, Wirtschaftspolitischen Systemen, Grenz- und Auslanddeutschtum und Deutschem Jugendrecht hört.48 Seine 150-seitige Dissertation „Das ländliche Gemeindeheim. Eine Studie zur ländlichen Wohlfahrtspflege“ reicht er am 25.05.1922 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ein und meldet sich dort zur Doktorprüfung an.49 An Heiligabend 1922 wird er mit der Note gut (cum laude) zum Doktor der Staatswissenschaften promoviert.50 Drei Tage später schreibt er an Prof. Emil Weber in Kassel: „Ein Dr. theol. h.c. bin ich leider nicht, dagegen ein richtiger Dr. rer. pol. (ohne h.c.), den ich mir für volkswirtschaftliche Studien an der Universität Berlin in siebensemestrigem Studium vorbereitet, tatsächlich aber in Münster in Westf. gemacht habe […].“51

1.3 Zeit als Seelsorger bis zum Ende des Ersten Weltkrieges

Am 13.12.1901 wird Kreutz vom Ministerium der Justiz, des Kultus und Unterrichts in Karlsruhe bestätigt, „dass er zur ständigen öff. Ausübung kirchlicher Funktionen“ und zur „Ausübung von Kirchenämtern im Großherzogtum Baden zugelassen worden“ ist.52 Zunächst wird der Neupriester am 26.07.1902 als Urlaubsvertretung nach Birndorf im Hotzenwald geschickt53, dann am 05.09.1902 als Vikar nach Durlach bei Karlsruhe.54 Der Durlacher Pfarrer wird später über Kreutz schreiben, dass es ihm durch seine Sozialpolitik gelungen sei, „in den religiös und sozial äusserst ungünstigen Verhältnissen der Fabrikstadt Durlach in und ausser des von ihm gegründeten und präsidierten Kath. Arbeitervereins eine reiche gesegnete und sehr dankbar allseits anerkannte Tätigkeit zu entfalten.“55 Ab Ende April 1904 unterrichtet Kreutz Religion an der Freiburger städtischen Oberrealschule56 und arbeitet als Kooperator des alemannischen Volksdichters Pfarrer Heinrich Hansjakob in der Freiburger Martinspfarrei mit.57 Dort engagiert er sich für den katholischen Arbeiter- sowie den Arbeiterinnen- und den Männer-Vinzenzverein.58 Der am 04.05.1910 ausgestellte Versetzungsbescheid59 sorgt für Aufruhr. Hansjakob und die Gemeindemitglieder protestieren beim Ordinariat gegen die Versetzung60, woraufhin dieses in zwei Antwortbriefen den Beschluss zur Versetzung verteidigt: „Seine Ernennung zum selbständigen Pfarrverweser ist tatsächlich eine Beförderung, und der ihm zugewiesene Posten wurde als von der Sozialdemokratie gefährdet gerade mit Rücksicht auf die Fähigkeiten des Herrn Kreutz gewählt.“61 In dem Arbeitszeugnis, welches Hansjakob für Kreutz ausstellt, klingt seine Enttäuschung über die Versetzung an: „Sein Talent und sein Eifer haben ihn in hohem Grade befähigt, in einer Stadt zu wirken und hat deshalb der unterzeichnete Pfarrer es bedauert, dass ihm eine so hervorragende Hilfskraft durch Versetzung entzogen wurde.“62

Am 19.05.1910 tritt Kreutz widerwillig den Dienst als Pfarrverweser in Untergrombach im Dekanat Bruchsal an.63 Schon am 03.09.1910 bewirbt er sich um die Pfarrei Villingen, jedoch ohne Erfolg.64 Stattdessen wird er am 13.03.1914 durch Erzbischof Nörber zum Pfarrer von Untergrombach ernannt65 und entfaltet dort ein bemerkenswertes soziales Engagement. Im Vorwort zu seiner Dissertation schreibt er 1922:

„Der Verfasser hat in seiner ländlichen Pfarrgemeinde Untergrombach […] versucht, […] eine Welle sozialer Fürsorge aus der Dorfgemeinschaft heraus entstehen zu lassen. Dieselbe hat fast restlos das ganze Dorf ergriffen und nach der organisatorischen Seite hin in einem eigenen Gemeindeheim […] bewusst alle Teilgebiete der erwachten Hilfsbereitschaft in eine bewusste, innere Lebenseinheit gebracht.“66

Von 1915 bis 1918 ist Kreutz im Krieg Divisionspfarrer und Feldgeistlicher67, eine existentielle Erfahrung, die ihn prägt und mit der Frage nach dem Sinn von Leben und Sterben konfrontiert.68 Er ist u. a. im elsässischen Mulhouse, in den Hochvogesen, Galizien und der Ostsee-Division in Finnland tätig.69 Später hält er immer wieder Reden zum Gedächtnis an die Gefallenen und mahnt zur Fürsorge für Versehrte und Hinterbliebene.70 Einige seiner Kameraden, mit denen er in Kontakt bleibt, setzen sich in der Weimarer Zeit und im nationalsozialistischen Staat in Ministerien und politischen wie militärischen Dienststellen für Kreutz’ Belange ein.71 Auffällig ist, dass Kreutz zuweilen Kriegsvokabular auf Belange der Caritas anwendet, z. B., wenn er zum „heiligen Kreuzzug“ gegenüber dem „Schrei der Massennot“ aufruft oder von dem Befehl spricht, „der heiligen Caritas Heeresgefolgschaft zu leisten.“72

Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg bleibt er noch ein Jahr in Untergrombach. Dann übernimmt er zunächst provisorisch die Berliner Hauptvertretung des Caritasverbandes.73 Als klar wird, dass diese als dauerhafte Einrichtung erhalten bleibt, verzichtet er am 08.06.1920 auf die Pfarrei Untergrombach, wobei er auf eigenen Wunsch hin Priester der Erzdiözese Freiburg bleibt.74

1.4 Benedict Kreutz und Lorenz Werthmann

„Mit dem Beginn seiner priesterlichen Tätigkeit zeigte sich seine starke rednerische Begabung, die auch den Gründer des Deutschen Caritasverbandes, Prälat Dr. Lorenz Werthmann, auf den damaligen Cooperator an der St. Martinskirche in Freiburg i. Br. aufmerksam werden liess.“75

Während seiner Arbeit im Männer-Vinzenzverein als Kooperator in St. Martin knüpft Kreutz Kontakt zu den Caritasmännern Lorenz Werthmann, Heinrich Auer und Arthur Klieber.76 Am 29.08.1917 werden ihm von Werthmann die lebenslange Mitgliedschaft im Caritasverband sowie die Zahlung des einmaligen Mitgliedsbeitrags von 200 Mark bescheinigt.77 Werthmann erkennt in Kreutz Eigenschaften und Fähigkeiten, die ihn für eine leitende Funktion in der Caritasarbeit qualifizieren. Er gewinnt ihn als Redner für Caritastage und als Mitarbeiter für die Zeitschrift Caritas.78 Es ist sein ausdrücklicher Wunsch, dass Kreutz die Hauptvertretung in Berlin79 und später das Präsidentenamt übernimmt.80 Hans-Josef Wollasch nennt die Tatsache, dass Werthmann Kreutz in den Verband holt, die für Werthmann „glücklichste Lösung einer für den Caritasverband entscheidungsvollen Frage.“81

Kreutz seinerseits verehrt Werthmann zeitlebens, weist noch lange nach dessen Tod auf ihn und seine Verdienste in der verbandlichen Caritas hin und bezeichnet ihn als „erste reife Garbe“ des Verbandes, die „zu den Wohnungen Gottes gebracht“82 wird. In einer Diskussion über die Kündigung eines Mitarbeiters der Zentrale des Deutschen Caritasverbandes schreibt er an Prof. Krebs von der Universität Freiburg: „Sie werden […] verstehen, dass ich nicht Leute, die der von mir so hoch geschätzte Prälat Werthmann in die Caritas gerufen hat, entlasse oder entlassen kann, ohne dass ich ihnen Gelegenheit gegeben habe, sich persönlich auch auszusprechen.“83

Die gute Beziehung dieser ersten beiden Präsidenten zeigt sich auch darin, dass Werthmanns Schwester Barbara an Kreutz’ Amtseinführung an der Freiburger Verbandszentrale teilnimmt84 und Kreutz Kontakt zu ihr hält.85

In der ersten Rede nach seiner Wahl zum Präsidenten am 09.11.1921 setzt Kreutz sich das Ziel, das von Werthmann geschaffene Werk zu erhalten und auszubauen.86 Damit kündigt er an, was für seine Präsidentschaft kennzeichnend sein wird: Kontinuität in Treue zu Werthmann sowie das Bahnen eigener Wege und das Hinterlassen eigener Spuren.

1.5 Die Hauptvertretung in Berlin

Werthmanns Wunsch, Kreutz als Leiter der Hauptvertretung zu gewinnen, wird am 09.08.1918 zum ersten Mal an Kreutz herangetragen, als dieser noch Divisionspfarrer in Finnland ist. Werthmann persönlich teilt ihm mit, dass sich der Caritasverband auf seiner Zentralratssitzung in Koblenz am 25.07. einmütig dazu entschieden habe, in Berlin eine ständige Vertretung einzurichten. Hinzu komme, dass der Raphaelsverein auf seiner Generalversammlung ebenfalls die Einrichtung einer Vertretung in Berlin beschlossen habe. Beide Vertretungen sollen zunächst zusammengelegt und nach dem Friedensschluss getrennt werden. Für die Leitung wünscht sich Werthmann einen auf dem Gebiet der Caritas erfahrenen, in Wort und Schrift gewandten Geistlichen, der v. a. die Interessen des Caritasverbandes gegenüber Reichsbehörden, preußischen Landeszentralbehörden und interkonfessionellen Verbänden in Berlin vertreten sowie Kontakte zu katholischen Parlamentariern des Reichstags und des preußischen Landtags etablieren soll. Er betont die angesehene Stellung, die dem Leiter einer solchen Vertretung zukäme, und verspricht ein Gehalt „für ein standesgemäßes Auftreten.“ Der Freiburger Erzbischof, so Werthmann, würde es „lebhaft begrüßen“, wenn Kreutz zusagen würde, und die bischöflichen Behörden würden alles tun, um Kreutz vom Militär freizubekommen.87 Kreutz reagiert mit verhaltener Freude und äußert Bedenken, die Werthmann ausräumt mit der Bitte, die Stelle wenigstens vorläufig zu übernehmen.88 Auch Generaldirektor Klieber fordert Kreutz mit dem Hinweis „Es steht gegenwärtig für uns alles auf dem Spiel“ auf, nicht nach Finnland zurückzukehren sondern sich nach Berlin zu begeben.89

Die Eröffnung der Vertretung verzögert sich jedoch90, sodass Kreutz sich zunächst in Freiburg über die geleistete Arbeit informieren soll.91 Am 08.05.1919 beurlaubt ihn das Ordinariat.92 Klieber schreibt Kreutz nach Untergrombach: „Glücklich bin ich, dass Sie im starken Glauben an die Zukunft den Berliner Posten übernehmen wollen. Es erwartet sie eine herrliche Aufgabe, die mich selbst begeistert und hinreisst.“93

Am 20.06.1919 siedelt Kreutz schließlich nach Berlin über. Noch geht er davon aus, dass er nach Untergrombach zurückkehren wird. Dem Ordinariat in Freiburg schreibt er: „Ich nehme an, dass innerhalb eines Jahres sich die Verhältnisse so geklärt haben, dass man über das Schicksal der Berliner Geschäftsstelle ein sicheres Urteil hat.“94 Mit Beschluss des Zentralrats des Caritasverbandes wird die Hauptvertretung zur dauerhaften Einrichtung, und Kreutz übernimmt die Stelle bis zu seiner Übersiedlung als Präsident an die Freiburger Zentrale.95 1921 beschreibt er in einem Artikel die Hauptvertretung in der Oranienburgerstr. 13/14 [wo heute u. a. die Geschäftsstelle der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) sowie der Paritätische Gesamtverband untergebracht sind, Anm. PZ] als Verbindungsstelle mit den gesetzgebenden Körperschaften, Reichs- und Staatsbehörden und den anderen reichsmäßig organisierten Wohlfahrtsorganisationen.96 Sie soll die Wünsche, Beschwerden und Anträge der Diözesan- und Ortscaritasverbände sowie der angeschlossenen Fachverbände an die zuständigen Stellen tragen.97 Am 02.10.1922 schreibt Generalsekretär Joerger dem Freiburger Generalvikar Mutz:

„Durch sehr geschickte Verhandlungen war es Herrn Präsidenten Dr. Kreutz möglich, den Einfluss des Caritasverbandes bei den Reichsministerien stark zu mehren und ebenso sehr wichtige Beziehungen zu sämtlichen Kreisen der deutschen Wohlfahrtspflege aufzunehmen.“98

Über 26 Jahre später reimt Heinrich Auer über seinen Freund Kreutz:

„Nach dem Weltkrieg als Vertreter

Werthmanns in Berlin dann geht er

Bei Ministern aus und ein

Eifrig, nie an Dienmut klein.“99

1.6 Wahl und Einführung des neuen Präsidenten

Am 27.10.1921 schreibt Kreutz seinem Erzbischof, dass er eine eventuelle Wahl zum Präsidenten annehmen werde: „Es wird mein Bestreben sein, den Caritasgedanken zu einer Volks- und Herzenssache zu machen, ihn zu vertiefen und alle inneren Reibungsflächen innerhalb des Verbandes […] auszugleichen.“100 Auf Werthmanns Wunsch101 und auf Empfehlung der Fuldaer Bischofskonferenz wählt der Zentralausschuss Kreutz einstimmig zum Präsidenten.102 Kreutz nimmt an, zeigt sich tief ergriffen und dankt dem Zentralausschuss für dessen Vertrauen, spricht jedoch davon, dass das Präsidium ein „neuer Kreuzweg“, ein „opfervolles Amt“ für ihn sei, gegen das er sich lange gesträubt habe. Er will mit allen Fach- und Diözesancaritasverbänden zusammenarbeiten und bittet um Rat und Anregung.103

Schon vor seiner Wahl fragt Kreutz beim Episkopat an, ob etwas dagegen spräche, dass er als stellvertretende Vorsitzende zwei Laien, darunter eine Frau, vorschlägt. So brächte das Präsidium durch die Repräsentation von Priestern und Laien, Frauen und Männern, den ganzen Charakter der Caritasarbeit zum Ausdruck. Er schlägt Klieber104, alternativ den Münchner Amtsgerichtspräsidenten Riss, sowie Agnes Neuhaus aus Dortmund vor105 – Letztere zählt er explizit zu den „anerkannten und bewährten Caritasführern“106. Am 18.11.1921 berichten Generalsekretär Joerger und Generaldirektor Klieber dem Freiburger Erzbischof Karl Fritz, dass die Zahl der stellvertretenden Vorsitzenden auf vier erhöht worden sei. Gewählt wurden Riss, Neuhaus, Domkapitular Lange aus Breslau und Diözesancaritasdirektor Lenné aus Köln.107

Die Einführung des Präsidenten findet am Montag, 19.11.1921 um 11 Uhr in der Freiburger Caritasschule durch Erzbischof Fritz statt. Kreutz gelobt, den Caritasgeist in „den eigenen Reihen [zu] pflegen“ und „auf der ganzen Caritasfront eine gemeinsame Operationsbasis [zu] schaffen, um der seelischen und leiblichen Not unseres deutschen Volkes wirksam zu Hilfe zu kommen.“108 Noch bis Juli 1922 bleibt er zur Einarbeitung seines Nachfolgers an der Hauptvertretung in Berlin. Dann zieht er nach Freiburg um.109

1.7 Wirken als Präsident

Borgmann schreibt über Kreutz: „Er hat die organisierte kirchliche Liebestätigkeit als eine hilfreiche, aufbauende Kraft mitten in die Kirche, in der sie gründet, mitten ins Volk und in die Gesellschaft, denen sie dienen will, hineingebaut und dort verankert.“110 Kreutz etabliert die Caritas als angesehene Größe in der Wohlfahrtspflege. Dabei betont er ihr Proprium: Sie ist kirchliche, katholische Wohlfahrtspflege. Wie als Leiter der Hauptvertretung setzt er sich als Präsident für ihre Belange ein und verhilft ihr – und v. a. den Hilfesuchenden – anwaltschaftlich zu ihrem Recht. Borgmann sieht das Geheimnis von Kreutz’ Erfolg darin, dass Kreutz alle Kräfte und Bestrebungen, die er als gut erkennt, für die Caritasarbeit nutzbar zu machen versteht.111

1923 schafft Kreutz über die deutsche Vatikanbotschaft eine ständige Vertretung des Deutschen Caritasverbandes am Heiligen Stuhl. 1924 nimmt er an der ersten internationalen Caritaskonferenz in Amsterdam teilt und beteiligt sich am Aufbau einer internationalen Caritasorganisation.112 Unter seiner Mitwirkung entstehen der Wirtschaftsbund gemeinnütziger Wohlfahrtseinrichtungen (Wibu), die Solidaris Treuhand GmbH, die Anstaltskredit GmbH, die Hilfskasse gemeinnütziger Wohlfahrtseinrichtungen sowie zahlreiche Diözesancaritasverbände.113 Nicht zuletzt ist es Kreutz’ Mühen, seinem Verhandlungstalent, seiner Bereitschaft zum Selbstverzicht und seiner „durch nichts zu erschütternden Liebe zu dem von Werthmann übernommenen Werk“114 sowie seiner konsequenten christlichen Nächstenliebe zu verdanken, dass der Deutsche Caritasverband zur Zeit des Nationalsozialismus weder verboten noch gleichgeschaltet wird – wenn ihm auch in jeder Hinsicht tiefe Wunden geschlagen werden.115

Großen Wert legt Kreutz auch auf die Schulung und Qualifizierung der in der Caritasarbeit aktiven Personen. Borgmann berichtet, dass Kreutz – wie er es bei Werthmann erlebt hat – um einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kämpft, um sie für die Caritas zu gewinnen, dass er ihnen so viel Freiheit gewährt und Verantwortung überträgt, wie es in katholischen Organisationen bis dahin unbekannt ist, dass er stolz auf sie ist, sich über ihre Leistungen und Erfolge freut und sie zur Fortbildung und z. T. zur Promotion ermutigt.116 Kreutz sagt von sich bezüglich seines Umgangs mit seinen Caritasmännern und -frauen: „Ich vermeide grundsätzlich jede Härte“117 und: „Mir haben sie […] ihre unwandelbare Treue und persönliche Hingabe an die Arbeit und an mich als Führer ausgesprochen. Mit diesem Kapital arbeite ich, das verpflichtet mich aber, absolutes Vertrauen zunächst den einzelnen Gliedern entgegen zu bringen.“118

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