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Jede Sünde wert ...

Emma Darcy

Jede Sünde wert …

 

 

 

 

 

 

 

1. KAPITEL

Die erste Hochzeit

„Es tut mir leid, dass ich dir Fletcher als Begleiter zumuten muss, Tammy, aber es ging nicht anders. Wir haben ihn zu einem Gefolgsmann des Bräutigams gemacht, damit er einen festgelegten Platz beim Essen hat und sich nicht einfach unter die Gäste mischen kann. Mein Bruder ist nämlich so überheblich, dass er wahrscheinlich jeden Tischnachbarn vor den Kopf stoßen würde. Nun wird er am langen Ende der Hochzeitstafel sitzen und wohl niemanden provozieren. Da dein Platz an der anderen Seite ist, brauchst du dich auch nicht lange mit ihm abzugeben.“

Das waren Celine Stantons entschuldigende Worte gewesen, die sich Tammy Haynes jetzt noch einmal durch den Kopf gehen ließ, während sie mit den anderen vier Freundinnen in der Brautjungfernlimousine zur Kirche fuhr. Obwohl alle fünf seit der Highschool mit Celine Stanton befreundet waren, hatte noch keine diesen Fletcher zu Gesicht bekommen. Von ihm war immer nur als „mein Bruder, das Superhirn“, die Rede gewesen, der „sein Ding“ in Übersee machte und kaum Berührungspunkte mit dem Leben seiner jüngeren Schwester hatte.

Er war erst gestern in Sydney angekommen und hatte sich wegen des Jetlags bei der Hochzeitsprobe entschuldigen lassen. Zähneknirschend gestand Celine ihm das zu, aber eigentlich passte es ihr gar nicht, und sie unterstellte ihm, dass er ihren Wunsch, alles möge an ihrem großen Tag perfekt sein, einfach ignorierte. „Er hätte ja auch einen Tag früher kommen können“, hatte sie geschimpft. „Er sagt, er bräuchte nur da entlangzugehen, und dann würde es schon klappen. Aber ich glaube, er hält es für unter seine Würde, überhaupt etwas zu proben, weil er so intelligent ist.“

Mit seiner überdurchschnittlichen Intelligenz konnte er bei seiner Schwester auf jeden Fall nicht punkten. Aber, dachte Tammy, es machte ihn doch zu einem ganz außerordentlichen Mann, der ihre Neugier weckte. Es gab schließlich nicht allzu viele Leute, die so viel erreicht hatten wie er.

Erst vor kurzem stand ein Artikel über ihn im „Time Magazin“, mit der Überschrift: „Computergenie des Jahres“. Detailgenau wurde darin aufgeführt, wie bemerkenswert er war. Schon als Grundschüler hatte er internationale Mathematikwettbewerbe gewonnen und ging bereits zur Uni, als seine Altersgenossen gerade einmal mit einer weiterführenden Schule begannen. Mit sechzehn verließ er die Universität von Sydney mit einem herausragenden Abschluss, woraufhin ihn der Dekan einer amerikanischen Elitehochschule bat, doch bei ihm zu promovieren. Den Doktor der Mathematik machte er dann mit sage und schreibe einundzwanzig Jahren.

Direkt danach wurde er treibende Kraft einer Softwareschmiede, die ein Logistikprogramm entwickelte, mit dem man internationale Transportprobleme lösen konnte. Er und sein Team verkauften es an Regierungen und Internetfirmen auf der ganzen Welt und machten damit Millionen. Trotzdem ließ Celine kein gutes Haar an ihm.

„Er ist sogar noch überheblicher geworden, seitdem er so unverschämt viel Geld verdient“, hatte sie geschimpft, als sie Tammy auf seine Gesellschaft vorbereitete. „Jeder bewundert ihn, und Frauen werfen sich ihm gleich reihenweise an den Hals. Aber lass dich nicht von seinem Geld blenden, Tammy. Glaub mir, du möchtest nicht mit ihm leben.“

Den Hinweis hätte sie sich sparen können. Tammy wollte sowieso nichts mit einem reichen Mann zu tun haben. Was die bei einer Frau anrichten konnten, sah sie an ihrer Mutter. Sie hatte ihre Schönheit eingesetzt, um sich vermögende Ehemänner zu angeln, die sie fallen ließen, sobald eine attraktivere Frau auf der Bildfläche erschien. Bei keiner ihrer Ehen war Liebe im Spiel gewesen, und auch nicht bei ihren Affären. Es machte Tammy ganz krank, mit ansehen zu müssen, dass ihre Mutter sich immer mehr um ihr Aussehen sorgte, je älter sie wurde. Inzwischen war sie regelrecht sportsüchtig, um schlank und fit zu bleiben, und schreckte auch vor Schönheitsoperationen nicht zurück. Als sei man nur etwas wert, wenn man jung und schön war.

Nein, nein, nein … Für kurze Zeit der Spielball eines reichen Mannes zu sein, gehörte eindeutig nicht zu Tammys Lebenszielen. Wenn sie jemals heiraten sollte, dann, weil sie den Mann aufrichtig liebte und er ihre Liebe erwiderte. Wie bei Celine und Andrew. Deshalb beschloss Tammy jetzt, Fletcher Stanton als Kuriosum zu sehen. Sollte er doch arrogant sein. Nichts konnte ihr diesen besonderen Tag verderben, an dem die erste ihrer fünf Schulfreundinnen heiratete. Vor Jahren hatten sie einander das Versprechen gegeben, bei der Hochzeit einer jeden als Brautjungfern zur Verfügung zu stehen.

Celine, als erste Braut, fuhr jetzt mit ihren Eltern in der Limousine hinter ihnen, und die anderen – Kirsty, Hannah, Lucy und Jennifer – waren mit Tammy in der Brautjungfernlimousine.

Alle sechs waren immer füreinander da, teilten Freud und Leid und konnten sich unbedingt aufeinander verlassen. Was Tammy betraf, hatten ihr die Freundinnen sogar die mangelnde Wärme zu Hause ersetzt. Zwar hatten sich ihre Wege in beruflicher Hinsicht inzwischen getrennt, ihre Freundschaft war aber immer noch genauso stark wie früher, und Tammy hoffte, dass es auch immer so bleiben würde.

Jetzt unterhielten sich die Freundinnen aufgeregt, und Tammy beteiligte sich an ihrem lebhaften Gespräch und dachte nicht mehr an ihren problematischen Begleiter.

Hannah war ganz begeistert von den kupferfarbenen Strähnen, die sie sich extra hatte machen lassen, damit sie farblich zu Lucys natürlichem Rotbraun passte. Am Altar würden dann zwei Rothaarige, zwei Blonde – Celine und Kirsty – und zwei Brünette stehen. Wobei Jennifers Haar dunkelbraun war und Tammys beinah schwarz. Auch die Brautjungfernkleider sahen ganz wunderbar aus. Sie bestanden aus weich fallendem Organza und besaßen einen Volant aus dem gleichen Stoff am Ausschnitt und am Saum. Kirstys Kleid war rosa, Hannahs gelb, Lucys grün, Jennifers blau und Tammys lilafarben. Zusammengenommen bildeten die Freundinnen einen romantischen regenbogenfarbenen Rahmen für das Brautpaar.

Aufgedreht verließen sie vor der Kirche die Limousine und warteten lächelnd, bis die Braut ausstieg. Dann überprüften sie, ob Celines Schleier hübsch fiel und sie den Brautstrauß richtig hielt. Währenddessen scherzten sie mit Celines Vater, der seine Tochter stolz anstrahlte. Im Vorraum zum Kirchenschiff kontrollierten sich die Brautjungfern ein letztes Mal gegenseitig und stellten sich dann für die Prozession zum Altar auf, entschlossen, diesen wichtigen Tag im Leben ihrer Freundin ehrenvoll zu begehen.

Als das Orgelspiel begann, war Tammy sehr aufgeregt. Sie sollte den anderen voranschreiten und hatte plötzlich Angst, aus dem Takt zu geraten.

„Los!“, zischte Jennifer hinter ihr.

Jeder in der Kirche drehte sich um. Tammy zwang sich, einen Fuß vor den anderen zu setzen, und versuchte sich daran zu erinnern, wie sie alles geprobt hatten. Lächle, sagte sie sich, als sie Andrew ebenfalls lächelnd vor dem Altar stehen sah – ein glücklicher Mann, der auf seine Braut wartete. Dann ließ sie den Blick über die Reihe seiner Gefolgsleute gleiten, die neben ihm standen. Der letzte musste Celines Bruder sein, wahrscheinlich ein Klassenstrebertyp mit Hornbrille, Hühnerbrust und hängenden Schultern von all der Arbeit am Computer.

Nur, dass er kein bisschen diesem Bild entsprach!

Darüber war sie so erstaunt, dass sie beinah gestolpert wäre. Doch irgendwie gelang es Tammy, halbwegs normal weiterzugehen, während sich ein ganzer Schwarm Schmetterlinge in ihrem Bauch niederließ und ihren gesunden Menschenverstand ausschaltete. Fletcher Stanton sah einfach großartig aus, und sie vergaß völlig seinen viel gepriesenen Intellekt. Und seine Millionen. Was sein Äußeres betraf, war er einfach ein Traumtyp.

Er hatte ein markantes Gesicht. Nase, Kinn und Wangenknochen waren ausgeprägt, die Brauen schwarz und gerade, sie betonten die dicht bewimperten, dunkelbraunen Augen. Sein fest umrissener Mund verfügte über sehr sinnliche Lippen. Seine Haare waren genauso dunkel wie Tammys, wobei ihm eine Locke vorwitzig in die attraktive Stirn fiel. Er war der Größte in der Reihe, hatte aber nichts Schlaksiges. Jeder Mann sah in einem ordentlich geschnittenen Anzug gut aus, aber Fletcher einfach großartig.

Offenbar lächelte sie immer noch, denn er erwiderte ihr Lächeln und zeigte dabei strahlend weiße Zähne. Und blitzte es da etwa interessiert in seinen Augen? Fand er sie attraktiv? Freute er sich, dass sie während der Hochzeitsfeierlichkeiten seine Partnerin war? Aufgeregt nahm Tammy ihren Platz als fünfte Brautjungfer neben dem Altar ein.

Auf jeden Fall sah sie heute so gut aus wie noch nie. Normalerweise achtete sie nicht besonders auf ihr Äußeres. Es sollte nicht zur wichtigsten Sache in ihrem Leben werden. Aber heute war es etwas anderes. Schließlich wollte sie in Celines Vorstellung von der perfekten Hochzeit passen.

Die Brautjungfern waren von einer Kosmetikerin und einer Friseurin gestylt worden. Danach erkannte sich Tammy kaum wieder. Gekonnt aufgetragener Lidschatten ließ ihre etwas dunklen Augen lebhafter erscheinen. Verschiedene Rougetöne milderten ihre runden Wangen und belebten ihre sonst ziemlich helle Haut. Ihr Mund sah voll und verführerisch aus, nachdem mit etwas Lippenstift und Gloss nachgeholfen worden war. Was Tammys sommersprossige Nase betraf, ließ ein gut deckendes Make-up die Pünktchen wie durch Zauberhand verschwinden. Dazu kam, dass ihr langes, normalerweise glattes Haar ihr nun in sexy Ringellöckchen um die Schultern schwang.

Tammy fand sich richtig hübsch und war begeistert, dass ein Mann wie Fletcher Stanton Notiz von ihr nahm – eine merkwürdig neue und angenehme Erfahrung, die ihr eine Vorstellung davon gab, warum ihre Mutter so viel Aufhebens um ihr Äußeres machte. Tammy erkannte jetzt, dass sich all die Mühe womöglich lohnte … Obwohl es natürlich furchtbar oberflächlich war, nur danach zu gehen, erinnerte sie sich dann. Dabei bemühte sie sich, nicht allzu aufgeregt darüber zu sein, dass sie den heutigen Tag mit diesem Fletcher verbringen würde.

Realistisch betrachtet, war es ja auch eine Zwangsverbindung: Brautjungfer und alleinstehender Bruder der Braut. Mit seinem bemerkenswerten Aussehen und den Millionen auf dem Konto war er bestimmt daran gewöhnt, dass täglich wunderschöne Frauen um seine Aufmerksamkeit buhlten. Dass sie, Tammy, nun wenigstens hübsch aussah, machte es für ihn wahrscheinlich erträglicher. Andererseits durfte sie auch nicht vergessen, dass Celine gesagt hatte, er sei arrogant und überheblich.

Wegen seines Intellekts oder wegen seines guten Aussehens? Womöglich trug beides dazu bei.

Tammy beschloss, sich nicht weiter den Kopf darüber zu zerbrechen. Dieser Fletcher gehörte ihr, zumindest für den Rest des Tages. Sie wollte das Beste daraus machen und war auch gern bereit, den Funken Interesse zu nähren, den sie in seinen Augen gesehen hatte. Außerdem hatte sie ja nichts zu verlieren. Wenigstens würde sie einmal die Erfahrung machen, den bestaussehenden Mann einer Gesellschaft an ihrer Seite zu haben.

Die Trauung begann, und Tammy konzentrierte sich auf die Zeremonie. Celine verdiente ihre volle Unterstützung – als erste der Freundinnen, die heiratete. Vielleicht bin ich die Nächste, dachte Tammy, als sie hörte, wie der Geistliche sagte: „Von diesem Tag an füreinander einzustehen …“ Dabei stellte sie sich Fletcher als Bräutigam vor. Aber da ging doch ihre Fantasie mit ihr durch. Sie hatte den Mann ja noch nicht einmal kennengelernt.

Doch bald wäre es so weit …

Schließlich wurden Andrew und Celine zu Mann und Frau erklärt und unterschrieben die Heiratsurkunde. Der Organist begann einen Hochzeitsmarsch zu spielen. Braut und Bräutigam führten den Auszug aus der Kirche an, wobei Brautjungfern und Gefolgsmänner sich ihnen anschlossen. Endlich stand Tammy Fletcher Stanton gegenüber. Von Nahem war er noch atemberaubender. Auf der Stelle wurden ihre Knie weich, und um das zu überspielen, flüchtete sie sich in Smalltalk.

„Hallo, ich bin Tammy Haynes.“

Er nahm ihren Arm und nickte ihr zu. „Ich weiß“, sagte er dann leise mit sexy Anklang in der Stimme. „Celine hat mir schon alles von dir erzählt.“

„Oho!“ Tammy schluckte trocken und fragte sich sofort, was genau Celine ihm wohl über sie erzählt hatte. Hoffentlich war sie nicht auch als arrogant und überheblich beschrieben worden. „Was hat sie denn über mich gesagt?“, fragte sie zaghaft.

Er schien amüsiert. „Sie hat mir gesagt, dass du eine sehr gute Freundin bist und ich dich nett behandeln soll.“

„Nun … das war lieb von ihr“, erklärte Tammy erleichtert.

„Und ich soll aufpassen, was ich zu dir sage, weil du von euch die mit der schärfsten Zunge bist.“

Fletchers Blick wanderte zu ihren gloss-glänzenden Lippen. „So ein herrlicher Kussmund“, sagte er dann neckend, „und intelligent reden kann er auch noch. Ich freue mich darauf, dich kennenzulernen.“

Tammy atmete tief ein und wandte den Blick von ihm ab, um sich zu sammeln. Fletcher Stanton brachte sie völlig durcheinander. Sie konnte nur noch daran denken, wie gern sie seinen Mund geküsst hätte. Das änderte sich erst, als sie die letzte Kirchenbank vor dem Ausgang erreichten.

„Wieso heißt du Fletcher? Der Name ist doch ziemlich unüblich, als Vorname, meine ich.“

„Weil meine Mutter von Marlon Brandos Darstellung des Fletcher Christian im Film ‚Meuterei auf der Bounty‘ ganz hingerissen war. Ich heiße mit zweitem Vornamen sogar Christian, genauso wie Celine mit zweitem Vornamen Dion heißt, nach der Sängerin. Was Eltern ihren Kindern manchmal aus rein persönlichen Vorlieben antun …“ Er lächelte wehmütig. „Warum denken sie nie daran, was andere Kinder mit diesen Namen machen?“

„Wie würdest du deine Kinder nennen?“

„Paul, Steven, John …“ Er zuckte die Schultern, und Tammy warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Was ist mit Mädchennamen?“

„Magst du deinen?“ In seinen Augen blitzte es herausfordernd.

Auch sie zuckte jetzt die Schultern. „Er ist okay und hat mir noch keinen Ärger gemacht.“

Fletcher zog ungläubig eine Augenbraue hoch. „Gab es da nicht einen Fernsehkinderstar, der Tammy hieß und zuckersüß aussah? Als ich deinen Namen hörte, habe ich gedacht, du bist blond und redest ohne Unterlass.“

„Tja, da muss ich dich enttäuschen. Zumindest was die Haarfarbe angeht.“

Er lachte laut auf. „Ich bin froh, dass du der anderen Tammy nicht ähnelst.“

„Eigentlich heiße ich Tamalyn, doch die meisten nennen mich Tam oder Tammy.“

„Ah! Das passt schon besser zu dir. Es klingt irgendwie exotisch.“

Ihr Herz tat einen Sprung. Exotisch? War das sein Eindruck von ihr? Das musste an den Locken liegen. Wenn Fletcher sie morgen mit ihren glatten Haaren sah … Aber heute war heute, und sie würde den Eindruck, den sie auf diesen Mann machte, nicht herunterspielen. Stattdessen griff sie das Bild auf.

„‚Tama‘ ist ein indianisches Wort für Blitz“, erklärte sie. „Meine Mutter hat noch ein ‚Lyn‘ darangehängt, damit es schöner klingt.“

„Blitz …“ Er grinste. „Hast du vor, mich zu treffen?“

„Nur, wenn du mich unfreundlich behandelst.“

„So, so …“

Als sie gemeinsam die Kirche verließen, schien die Sonne nicht nur für die Braut, sondern auch für ihre fünfte Brautjungfer. Tammy war bester Laune. Fletcher genoss ihre Gesellschaft. Er fand sie exotisch. Das Leben war schön.

Sie konnten sich allerdings erst einmal nicht weiter unterhalten, weil der Fotograf ihnen ständig neue Plätze auf der Kirchentreppe zuwies, um die unterschiedlichsten Gruppenfotos zu machen. Als er vorschlug, sie und Fletcher sollten enger beieinanderstehen, hatte Tammy nichts dagegen. Daraufhin legte ihr Fletcher einen Arm um die Taille und zog sie an sich. Dabei reichte sie ihm gerade einmal bis zur Schulter. Einen großen, starken Mann neben sich zu haben, gab ihr das wunderbare Gefühl, gut aufgehoben zu sein – auch wenn so ein Gedanke natürlich völlig altmodisch war. Aber Fletcher Stanton sprach eindeutig Urinstinkte in ihr an.

„Hm … sogar dein Parfüm riecht exotisch“, raunte er ihr jetzt ins Ohr, sodass ihr unter seinem warmen Atem ein wohliger Schauer über den Rücken lief.

„Es heißt ‚White Diamonds‘ – ‚Weiße Diamanten‘“, erklärte sie und war froh, dass Jennifer darauf bestanden hatte, ihr ein bisschen von dem kostbaren Duft aufzusprühen.

In Fletchers Augen glitzerte es amüsiert. „‚White Diamonds‘ klingt kühl. Das Parfüm sollte ‚Purple Passion‘ heißen, ‚Glühende Leidenschaft‘.“

Sie kicherte, ohne es zu wollen, und Jennifer warf ihr einen fragenden Blick zu. „Was ist denn so komisch?“

„Nichts“, prustete Tammy kopfschüttelnd und versuchte vergeblich, sich wieder unter Kontrolle zu bekommen.

„Komm, sag schon“, drängte die Freundin und sah zu Fletcher.

„Tamalyn hat einen glühenden Verehrer“, meinte dieser seelenruhig.

„Tamalyn?“ Jennifer war erstaunt, dass Fletcher die Freundin bei ihrem vollen Vornamen nannte.

„Er findet, der Name passt besser zu mir“, erklärte Tammy und begann wieder zu kichern.

Fletcher drückte ihre Taille, und Tammy hoffte, dass sie mit ihrem Gekichere die exotische Wirkung auf ihn nicht zunichte gemacht hatte. Aber das mit dem glühenden Verehrer war einfach zu viel gewesen.

„Du kannst uns den Witz ja im Auto erklären“, sagte Jennifer. „Es geht weiter.“

Und tatsächlich: Celine und Andrew schritten bereits die Kirchentreppe hinunter, während die anderen Gäste sie mit Reis bewarfen. Die Brautjungfern mussten wieder in die Limousine und die Gefolgsleute des Bräutigams in ihren Wagen. Die nächste Station war „Boronia House“ – das Hotel, in dem der Empfang und das anschließende Essen stattfanden. Fletcher hatte immer noch einen Arm um ihre Taille gelegt. Tammy schenkte ihm ein Lächeln und machte sich zögerlich frei.

„Bis gleich.“

„Ja, bis gleich, ich freue mich schon darauf.“

Tammy schwebte im siebten Himmel, als sie ihren Freundinnen zum Wagen folgte. Fletcher und sie kamen hervorragend miteinander aus. Die Anziehung war gegenseitig. Sie fand ihn auch nicht überheblich oder arrogant und wusste gar nicht, wieso Celine das von ihm behauptet hatte. Vielleicht gab es da eine kleine Geschwisterfehde, weil sich Celine als kleine Schwester gegenüber ihrem älteren, erfolgreichen Bruder zurückgesetzt fühlte.

Aber Celine hatte auch gesagt, dass er Menschen gern vor den Kopf stieß. Vielleicht riss er sich jetzt zusammen und behandelte sie nur nett, weil es die Hochzeit seiner Schwester war. Wie auch immer … Für Urteile irgendwelcher Art war es viel zu früh. Abgesehen davon, fühlte sich Tammy einfach zu gut, um alles zu hinterfragen.

Genieß es, sagte sie sich und stieg lächelnd zu ihren Freundinnen in die Limousine. Sie saß noch nicht richtig, als die anderen sie bestürmten.

„Wow! Da hast du ja wohl den Hauptpreis gezogen!“, rief Kirsty. „Mein Begleiter ist dagegen eine Niete.“

„Ja … da hast du vielleicht Glück gehabt, Tam!“, fiel Hannah ein. „Egal, wie viel Kohle der Typ hat … Er ist auch so einfach der Hammer!“

„Wieso hat uns Celine eigentlich nie erzählt, dass ihr Bruder so ein gut aussehender Mann ist? Sie hat ihn immer nur das Superhirn genannt“, beschwerte sich Lucy.

„Langweilig kann er auch nicht sein, weil sich Tammy mit ihm vor Lachen ja kaum noch halten konnte“, meinte jetzt Jennifer zu den anderen, bevor sie sich direkt an ihre Freundin wandte. „Was hat er zu dir gesagt? Und wieso hat er dich Tamalyn genannt? Seid ihr euch schon nähergekommen?“

„Er fand mich exotisch, da habe ich ihm gesagt, dass ich eigentlich ‚Tamalyn‘ heiße und was mein Name bedeutet.“

„Exotisch? Du?“ Die anderen prusteten vor Lachen.

„Macht es nicht kaputt! Schließlich sehe ich nicht jeden Tag so aus, oder rieche so gut. Danke, übrigens, Jennifer … Da kann ich mein Aussehen doch einmal zu meinem Vorteil nutzen, oder?“

„Natürlich, Süße, mach was draus!“, riefen die anderen im Chor.

Mit diesem Satz hatten sie sich immer angefeuert, und Tammy dachte, wie glücklich sie sich schätzen konnte, all die Jahre so gute Freundinnen gehabt zu haben. Sie hoffte, dass sie es auch bleiben würden, obwohl einige von ihnen inzwischen eine feste Beziehung hatten. Seitdem Celine mit Andrew ausging, war sie für die Freundinnen nicht mehr jederzeit verfügbar. Wenn sie erst einmal alle in festen Händen waren, würden sie sich bestimmt noch seltener sehen. Aber das war der Lauf der Dinge. Tammy hoffte nur, dass sie nicht allzu weit auseinander ziehen würden.

Daran sollte sie sich heute mit Fletcher gelegentlich erinnern, damit sie sich nicht zu etwas hinreißen ließ, das ohnehin aussichtslos war. Fletchers Leben spielte sich schon jetzt vor allem in den großen Metropolen der Welt ab, ein ganzes Weltmeer von Sydney und dem Leben entfernt, das Tammy für sich geplant hatte.

Doch, wer wusste schon, was die Zukunft brachte?

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