Logo weiterlesen.de
Jede Sorte von Glück

Inhaltsübersicht

1960

1961

1962

1963

1964

1965

1966

1967

1968

1969

1970

1971

1972

1973

Die letzte Karte Brigitte Reimanns an ihre Eltern

Elisabeth Reimann an Irmgard Weinhofen

Anhang

Anmerkungen

Personenverzeichnis

Lebensdaten Brigitte Reimann

Zu dieser Ausgabe

1960

Hoyerswerda, am 12. 1. 60

 

Liebe Mu, lieber Vati, liebe Krümel-Mama

und liebes, kleines halskrankes Anhängsel,

(hoffentlich habe ich nicht doch ein Stückchen Familie vergessen!), nachdem wir uns schon ganz hübsch durch den Dreck geschaufelt haben, kann ich euch endlich einen Brief schreiben – und vielleicht ist es sogar ganz gut, daß ich jetzt erst zum Schreiben komme, denn vor ein paar Tagen wäre es ein schrecklicher Jammerbrief geworden. Zuerst wäre ich fast gestorben vor Heimweh (ihr wißt ja, daß der schönste Ort auf der Welt für mich die Neuendorfer Straße ist), und ich habe immerzu geheult. […]

Natürlich war an unserer Niedergeschlagenheit auch der Zustand der Wohnung schuld; sie war schrecklich verdreckt und verstaubt, und man konnte nicht treten vor lauter Kisten und Kartons und Möbelstücken. In den ersten Tagen hätte man hundert Hände haben mögen, und wir wußten nicht, wo wir anfangen sollten. Schließlich haben wir mit der Küche begonnen, dann den Korridor und vorgestern mein Zimmer in Angriff genommen, und wir sind, glaube ich, sehr fleißig gewesen, denn heute sieht es schon recht sauber und gemütlich bei uns aus. Wir mußten uns auch über allerhand Pfuschereien und Fehler ärgern: die Badewanne lief, in Daniels Zimmer war Putz von der Decke gefallen, Lampenfassungen und Steckdosen funktionierten nicht und dergleichen. Zum Glück hat Daniel schon Beziehungen zu einem Meister von der Bau-Union, der uns bevorzugt und sofort Reparaturleute geschickt hat (auf dem Weg über die Wohnungsverwaltung hätte es noch Wochen gedauert).

Jetzt fühlen wir uns schon ein bißchen besser hier; man gewöhnt sich ja so rasch an eine neue Umgebung, und unsere Wohnung ist wirklich sehr hübsch […], und am angenehmsten ist die Fernheizung – man kommt jederzeit in eine wunderbar durchgewärmte Wohnung, ohne einen Handschlag für die Feuerung tun zu müssen. […]

Mit dem Einkaufen haben wir es auch ganz bequem. Fünf Minuten von unserem Block entfernt gibt es einen großen und modernen Selbstbedienungsladen, in dem man so ziemlich alles Lebensnotwendige bekommt. Wegen Haushaltsartikeln usw. muß man freilich noch nach Hoyerswerda fahren, und die Busverbindung klappt nicht gerade glänzend. Aber es werden eine Menge neuer Läden hier draußen gebaut, auch Frisiersalons und Gaststätten, und wahrscheinlich ist das meiste im Sommer schon fertig, denn es geht mit Riesentempo voran. Von unserem Küchenfenster aus können wir eine Straße entlangblicken und zusehen, wie das Haus am Ende der Straße buchstäblich von einem Tag zum anderen um ein Stockwerk wächst (natürlich wird nur mit Großplatten und Kränen gearbeitet). Es ist schon eine tolle Stadt – wenn sie bloß nicht soweit weg wäre von Burg!

Ich kann mich wirklich für Hoyerswerda begeistern – aber zu Hause werde ich mich hier nie fühlen, glaube ich. Eigentlich betrachte ich H. nur als eine Art Durchgangsstation, selbst wenn wir mehrere Jahre hierbleiben sollten. Richtig gernhaben werde ich H. wahrscheinlich erst viel später, wenn ich mal darüber schreibe und längst woanders wohne […].

Es ist schon Abend; wenn es dunkel wird, ist H. am romantischsten mit den vielen erleuchteten Fenstern und den Lampen in den breiten Straßen. (Gepflasterte Straßen gibt es kaum; unsere liegt noch voller Baugerümpel und Sandhaufen – aber in gewisser Weise ist auch dieses Unaufgeräumte romantisch.) […]

Daniel ist ein fabelhafter Hausvater; […] er bekämpft mit Bienenfleiß jedes Stäubchen und jede kleine Schramme. Ohne ihn wäre ich niemals mit der Wohnung zurechtgekommen und sicherlich am zweiten Tag schon ausgerückt. Wenn es überhaupt Idealmänner gibt, dann ist Daniel einer. Sogar heute, an seinem Geburtstag, bastelt er an den Gardinen für mein Zimmer herum […]. Vor acht Uhr werde ich die Bescherung gar nicht starten können, und dabei freue ich mich den ganzen Tag schon darauf, ihm seinen Geburtstagstisch aufbauen zu können […], ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr wir euch alle vermissen: daß man nicht einfach mehr ein Stockwerk höher steigen und mit euch schwatzen kann, und daß Du, liebe Mu, nicht mehr mittags bei uns reinschaust. Es ist scheußlich, so allein in einer fremden Stadt und in einem Riesenhaus zu sein … Aber ihr dürft euch keine Sorge machen, wir werden uns schon durchboxen, und sicherlich ist es gut, daß wir hier auf eigenen Füßen stehen und mit allem allein fertigwerden müssen. Morgen fahren wir ins Kombinat und melden uns an, und vielleicht wird es auch im Labor nicht so schlimm werden; wir merken schon hier im Haus, daß wir als Schriftsteller freundlich und höflich behandelt werden. Solange wir uns nicht affig benehmen – und das werden wir bestimmt nicht – wird man uns das Leben nicht schwermachen.

Jetzt muß ich mich erstmal unterbrechen und nachsehen, wieweit das arme, geplagte Geburtstagskind mit seinen Vorhängen ist […]

 

 

Hoywoy, am 13. 1. [60]

Guten Morgen, meine Lieben!

Daniel schläft noch; er hat bis heute früh um vier an den Gardinen gearbeitet (ihr kennt ja seine Gründlichkeit) […].

Jetzt kommen ein paar Nachrichten in Schlagzeilen: Daniels Geld von der Wochenpost – 140 DM – ist endlich eingetroffen. (Lest ihr übrigens meine Erzählung mit? Hier im Haus wird sie auch gelesen, und bei der Familie unseres Hausvertrauensmanns bin ich schon »unsere Brigitte Reimann«.) […]

Unseren Schriftsteller-Kollegen Siegrist, der nur ein paar Blöcke entfernt wohnt, haben wir am Sonntag besucht. Er war eine Zeitlang krank und hatte wohl auch einige Mißerfolge (worüber er aus Eitelkeit nicht deutlicher spricht) und hat infolgedessen etwas von der Größe seiner leninschen Gesten eingebüßt, was ihn viel netter macht. Vielleicht können wir doch ein bißchen geselligen Verkehr mit den Siegrists pflegen.

Einen schreibenden Arbeiter haben wir schon kennengelernt. Er gab ziemlich an, und hinterher hörten wir, daß er ein fauler Kunde ist. Der Zirkel hier ist überhaupt sehr blöd; es gibt, heißt es, keine echten Talente darin. Trotzdem werden wir ihn am nächsten Dienstag mal besuchen; wir wollten ja gern einen Zirkel leiten, und wenn man unter zwanzig Nieten eine Begabung findet, lohnt die Sache schon.

Nächstens fotografieren wir unsere Wohnung. Daniel ist so stolz auf sie und möchte die Bilder an seine Eltern und Geschwister schicken, damit sie sich überzeugen können, […] daß auch das »arme Reich des Ostens« – wie sein Bruder es nennt – was zu bieten hat.

Heute kommt hoffentlich der Mann mit dem Nagel-Colt, um uns die Bilder und Spiegel an die Wände zu schießen. Bis jetzt haben wir noch nichts aufhängen können; kleinere Nägel will Daniel selbst eindübeln […]. Er hat sich in der letzten Zeit als ein so tüchtiger und praktischer und geschickter Handwerker entpuppt, daß ich ihm bei der schwierigsten Arbeit Erfolg zutraue.

Die Bescherung war gestern abend erst um neun. […] Die elf Bände »Dichtung der Antike«, die ich ihm schenken wollte, sind leider vergriffen (… aber dadurch habe ich 75 DM gespart, und das ist in unserer Situation nicht zu verachten).

Daniel hat sich durch die Arbeit wieder die Handgelenke ruiniert. Wir beschimpfen uns jeden Tag wegen der blödsinnigen Idee, als armselige kleine Wracks in einen industriellen Schwerpunkt zu marschieren. Ihr müßtet mal die Tiefbau-Athletinnen sehen, die in unserer Straße schippen! Die pusten uns glatt um …

Das Hänschen hat seit Tagen nicht mehr gejodelt. Wahrscheinlich ist er beleidigt, weil wir ihn im Zuge der Reinemachaktion ständig von einem Platz auf den anderen verfrachten und weil er in unserer hübschen kleinen Puppenküche nicht herumfliegen und die Bar verunreinigen darf.

Die BZ haben wir bestellt, aber noch nicht erhalten; Radio können wir nicht hören, solange wir nicht irgendwelche komplizierten Manipulationen mit den Steckern und Strippen vorgenommen haben, und so wissen wir nicht mehr, was in der Welt passiert.

Frau Jäger vom Rundfunk hat geschrieben, sie habe unser Hörspiel, das wir zum Wettbewerb eingesandt hatten, gelesen und fände es sehr gut. Näheres darf sie noch nicht verraten, weil der Auswertungstermin um einen oder zwei Monate verschoben worden ist, und so dürfen wir nun wochenlang zappeln […], ehe wir erfahren, daß der Rundfunk unsere Arbeit wieder mal nicht haben will. Trotzdem müßt ihr die Daumen für uns drücken; ich unke nur aus Gewohnheit […].

Wir haben beide Sehnsucht nach unseren Romanen, aber die müssen wir wohl noch eine Weile ruhen lassen. […] Daniel ist ganz unglücklich, weil er nun schon dreißig Jahre alt geworden ist und sein Buch immer noch nicht veröffentlicht hat, und ich müßte auch an meinem Roman weiterschreiben, weil Caspar voraussichtlich Anfang Februar kommt und natürlich die neuen Kapitel sehen will. Wir müssen unbedingt versuchen, den Kaderleiter zu beschwatzen, daß wir erst am 1. März anfangen; schließlich ist das Kombinat auf unsere bescheidenen Kräfte nicht angewiesen, und für uns wäre dieser Zeitgewinn außerordentlich wichtig und nützlich. Am besten ist es, wenn wir uns die Hilfe der Partei sichern; der Gen. Lehmann […] begreift anscheinend besser als mancher andere, daß unsere Arbeit vor allem dem Studium und dem Materialsammeln gilt. Nächste Woche werden wir ihn hoffentlich in Cottbus treffen, wo Schriftsteller-Tagung ist. Ich bin gespannt auf die neuen Kollegen und stur genug, von vornherein anzunehmen, daß sie natürlich nicht so gute Kameraden wie unsere Magdeburger sind.

[…] Bleibt gesund und macht keine Dummheiten, denkt oft an eure großen Abenteurer und seid ganz lieb gegrüßt und geküßt

von eurer Brigitte […]

 

 

Hoyerswerda, am 17. 1. 60

Liebe Mu, lieber Vati,

[…] Mein Zimmer haben wir endlich bewältigt; jeder Nagel war eine Strapaze. Jetzt sieht es ganz reizend aus, wir haben eine wundervolle Blumenwand (ein Hausbewohner […] hat uns einen Affenbrotbaum geschenkt; er ist leidenschaftlicher Kakteenzüchter), und eigentlich müßten wir glücklich und zufrieden mit uns sein. Aber glaubt bloß nicht, wir dächten bald – wie Mutti schrieb – mit einem Lächeln an unsere Neuendorfer Behausung zurück; […] Daniel […] hat unsere Stimmung am treffendsten ausgedrückt, als er sagte: Nun, da wir mit der Wohnung fertig seien, könnten wir uns also hinsetzten und auf die Leute warten, die hier einziehen sollen. Wir haben eben noch kein Zuhause-Gefühl, das ist es, und ich weiß nicht, ob das an dem großen Haus mit all den fremden Leuten liegt oder an dieser allzu neuen Stadt oder an was sonst.

Gestern abend hatten wir zum erstenmal Gäste. Die Siegrists waren da, sie brachten eine Flasche Wein mit und wünschten uns sehr herzlich Glück und Erfolg in der neuen Umgebung. Es war wirklich ein netter Abend […], obgleich wir altersmäßig soweit auseinander sind, und wir wollen uns so oft wie möglich mit ihnen treffen. Wenn Besuch da ist und getrunken und laut gesprochen und gelacht oder über Literatur gestritten wird, fühlt man sich wenigstens nicht so einsam und verlassen. Siegrist hat es auch nicht leicht (obgleich er durch seinen Vertrag mit dem Kombinat gut verdient), und gemeinsame Ärgernisse und Enttäuschungen verbinden ja immer. […] Du schreibst, Mutti, wir könnten ja jederzeit nach Burg fahren – aber das ist nicht so einfach […], unser Geld ist kläglich zusammengeschnurrt, weil wir noch eine Menge unbedingt nötiger Ausgaben hier hatten, und die Rechnung von der Spedition steht noch aus. Daniels Honorar von der Wochenpost brauchen wir zum Leben (für meine Erzählung ist mir noch kein Pfennig gezahlt worden), und Anfang des nächsten Monats muß eine bestimmt Summe bereitstehen, um die wir nicht herumkommen: 35 DM für Unterhalt, 55 DM für die Miete und dazu der ganze Läpperkram wie Gas, Licht, Zeitungen usw. Kurzum, wir lernen endlich den Ernst des Lebens kennen […], und ich habe ein bißchen Existenzangst. Eigentlich dürfte ich das nicht schreiben; wenn Daniel nachher den Brief liest, wird er sich ärgern oder bekümmert sein, und er wird behaupten, ich machte wieder in Panik […]. Lieber Vati, bitte, sei nicht böse, wenn wir diesen Monat nicht die 100 Emmchen laut Abmachung zahlen können; daß es keine Böswilligkeit ist, weiß Du ja, und wir werden uns bestimmt alle Mühe geben, in Zukunft die Abmachung einzuhalten.

Eine kleine Verdienstquelle haben wir schon erschlossen: Am Freitag waren wir im Kombinat bei dem Kulturmann, und er hat seinen Vorschlag erneuert, mit uns eine Art Freundschaftsvertrag zu schließen. Wir bekommen zusammen 200 DM im Monat und leisten dafür Kulturarbeit. Wahrscheinlich werden wir einen Zirkel schreibender Arbeiter leiten und gelegentlich Buchbesprechungen und Lesungen durchführen. […] man setzt allerlei Erwartungen in uns, und obgleich uns das ehrt und freut, werden wir manchmal einige Energie aufwenden und nein sagen müssen, weil wir schließlich nicht auf jeder Hochzeit tanzen können. Wir haben das auch schon angedeutet, und es scheint, als ob Krupper und die wirklich liebenswürdige und gescheite Bibliothekarin für unseren Wunsch, möglichst viel Zeit zum Schreiben zu behalten, Verständnis haben. […]

An die Möbel für Daniels Zimmer ist vorläufig nicht zu denken. Allenfalls kaufen wir einen Schreibtisch und einen Kleiderschrank (wir wissen nicht, wohin mit unseren Sachen und müssen einen Teil noch im Koffer lassen), und vor allem wollen wir – wenn das Wochenpost-Honorar eintrifft, eine gewisse Summe auf die Bank bringen, um für den Notfall einen kleinen Rückhalt zu haben. […] Eines Tages werden wir in Glanz und Glorie zurückkommen; jeder, hoffen wir, mit einem ehrenvollen Preis und einem ansehnlichen Konto. Aber das sind schon wieder Spinnereien; wahrscheinlich werden wir unserem Ehrgeiz, gute und anständige Bücher schreiben zu wollen, alle materiellen Vorteile opfern und weiterhin als biedere Schafe durch die Gegend wandeln. […]

Es ist ärgerlich, daß wir hier nicht Radio hören können. Es gibt noch keine Antenne, und auf UKW kommt kein einziger Sender rein. […] Aus der Wohnung unter uns hören wir abscheuliche Unterhaltungsmusik und können sie nicht mit Louis Armstrong übertönen. Ein bitteres Schicksal für Jazzfans und Hörspiel-Liebhaber … Eben holte mich Daniel in den Korridor. Er ist geradezu ein Künstler, und ihr werdet staunen, wenn ihr das Schmuckkästchen besichtigt. Es ist, mit einem Wort, die große Welt, und ich kann Daniel nicht genug bewundern.

Eben fällt mir noch eine Bitte an Dich ein, Mutti. Die Wäscherei hier nimmt nur Wäsche mit Monogrammen an, und da ich auch Daniels Oberhemden waschen lassen will, brauche ich so kleine gedruckte Monogrammbändchen, die ich überall annähen kann. Könntest Du ungefähr zwei Dutzend davon bestellen? […] Du hast bestimmt eine Quelle. […] Übrigens, habt ihr schon meine Bilder abgeholt? […] Vor ein paar Tagen bekam ich einen Brief aus der Ukraine, in dem ich von einem russischen Leser um ein Bild gebeten wurde. Ulkig, was? Natürlich bin ich auch stolz, daß mein Buch in der SU gefallen hat, und vielleicht ergibt sich später mal eine Gelegenheit, nach Kiew zu reisen.

Für heute gute Nacht! Ich grüße und küsse euch alle ganz lieb. Schreibt bald!

Herzlichst Eure Brigitte

Heute habe ich zum erstenmal richtig gekocht – serbisches Reisfleisch und hinterher Schokoladenpudding. […] Daniel wurde fast neidisch auf meine unerwarteten Kochkünste. Wir wollen von jetzt ab möglichst jeden Mittag was Warmes essen. Bist Du beruhigt, Mutti?

 

Liebe Eltern,

ich muß doch noch schnell ein Schwänzchen anhängen. Daniel sagte nämlich, mein Brief wirkte so niederdrückend […]. Mir ist das beim Schreiben gar nicht zum Bewußtsein gekommen, und daß ich nicht die Absicht habe, euch das Herz schwer zu machen, ist klar. Also, nehmt es nicht zu tragisch, wenn manches grau und trübe klingt – mit der Zeit werden wir uns hier schon zurechtfinden und fröhlicher sein. Im Vergleich zu Lutz und Gretchen sind wir ja sehr gut dran, weil wir wenigstens eine eigene Wohnung mit allem Komfort haben. […]

Ehe ich es wieder vergesse: Wir haben auf dem Tisch im Wohnzimmer unsere schwarze Schere liegenlassen und wollten euch bitten, sie uns bald nachzuschicken. Hier gibt es nämlich keine Scheren zu kaufen […].

Eure Brigitte

 

 

Hoyerswerda, am 25. 1. 60

Liebe, beste Mu,

dieser Brief ist speziell für Dich bestimmt […], und ich bemühe mich um meine bravste Sonntagsnachmittagsausgeh-Handschrift, weil Du in zwei Tagen Geburtstag hast. Wir gratulieren Dir herzlich und schicken hunderttausend gute Geburtstagswünsche (und dabei weiß ich nicht mal genau, wie jung Du eigentlich am 27. wirst – so ungefähr 35 Jahre, stimmt’s?); vor allem anderen wünschen wir Dir gute Gesundheit und ein langes Leben, damit Du noch einen oder zwei kleine Pitschmänner unter Deine Fittiche nehmen kannst.

Eigentlich hatten wir für Mittwoch die Absicht, unsere Gratulation höchstpersönlich darzubringen. Ich wollte Mittwoch früh […] hier abreisen und wäre nachmittags, pünktlich zur Kaffeetafel, in Burg gewesen […]; aber nun hat sich unser schöner Plan zerschlagen, und ich brauche Dir nicht zu versichern, wie traurig ich darüber bin. Wir haben bloß noch ein paar Mark zum Leben, und die 50 DM Rücklage müssen wir am 1. Februar für die Miete bezahlen. […]

Endlich arbeiten wir wieder – zwar noch immer, wie in Burg, zusammen in einem Zimmer, aber da es groß genug ist und jeder seinen Schreibtisch hat, stören wir uns nicht. […] Übrigens ist neulich unter der Last der Kleider die Stange im Schrank runtergebrochen, und ein Mann hier aus dem Haus hat sie uns wieder mit Blechbeschlägen zusammengeflickt. […]

Gestern habe ich die Fahnen für meine Erzählung »Das Geständnis« gelesen (ich finde sie jetzt ziemlich schlecht und möchte streichen oder alles wegschmeißen); wahrscheinlich wird sie schon im nächsten Monat erscheinen. […]

Ich muß schließen, Daniel will den Brief noch schnell zur Post bringen (wir haben schon ein eigenes winziges Postamt in der Neustadt). Feiert schön, denkt ein bißchen an Eure verlorenen Schafe, und Du, liebste Mu, futtere nur ordentlich und ungeniert Kuchen – für Deine Kinder bleibst Du doch immer schlank und hübsch!

Es küßt Dich zärtlich

Deine Brigitte

 

Lieber Vati,

ich will Dir ganz rasch noch ein paar Zeilen schreiben – über Geldsorgen, wie Du Dir denken kannst. […] Im Februar werden wir hoffentlich endlich eine Rate abzahlen können. Es liegt wirklich mal wieder an den verdammten Redaktionen, die einen solange auf ein längst fälliges Honorar warten lassen, und wir sind einigermaßen ängstlich vor dem kommenden Monat. Falls es ganz schlimm kommt und wir uns nicht mal mehr Brot kaufen können – dürfen wir dann ein SOS-Telegramm schikken? Hier gibt es ja keinen, den man mal eben anpumpen könnte. Das Kombinat hat uns zwar Hilfe für den Ernstfall angeboten, aber davon wollen wir unter keinen Umständen Gebrauch machen, damit wir nicht in den üblen Geruch kommen, wir seien nur des Geldverdienens wegen hierher gezogen. Du verstehst das doch, nicht wahr? Es würde uns beim Verband und schließlich auch hier im Kombinat schaden. […]

Und noch eine Bitte: Hier gibt es kein Summavit. Könntest Du nicht bei Dr. Krause ein paar Fläschchen organisieren und sie uns sobald wie möglich schicken? Wir haben uns sehr an das Zeug gewöhnt und fühlen uns viel besser als früher.

Vergiß nicht, eine Rechnung aufzumachen […]. Wir rauchen nur noch ganz wenig; Daniel geht dazu über, pro Tag zwei Zigarillos zu rauchen; ich glaube, sie sind bekömmlicher als Zigaretten […].

Weißt Du was? Wir vermissen Dich ganz gewaltig (aber nicht wegen der Finanzberatung, das mußt Du uns glauben!)

Viele liebe Grüße und ein Küßchen

von Deiner Brigitte

 

 

Hoy., am 3. 2. 60

Liebe Mutti, lieber Vati, liebe Familie,

heute mittag wollen wir ins Kombinat fahren und unseren Vertrag mit den Kulturleuten abschließen. Ich habe deshalb keine rechte Ruhe und Sammlung mehr für mein Buch (inzwischen habe ich ein Mädchenbuch angefangen, für das sich das Neue Leben schon interessiert) […] Heute wird also […] der Vertrag gemacht, dann bekommen wir sicher bald unsere 200 Emmchen – eine klägliche Summe für die uns zugedachte Arbeit. Zum Glück hat unser Kollege – ich darf schon fast sagen: unser Freund – Siegrist für uns sich verwendet und wenigstens erreicht, daß die literarischen Vorlesungen aus eigenen Arbeiten extra bezahlt werden (die Honorar-Sätze sind hier allerdings niedriger als in Magdeburg, wo unser geschäftstüchtiger Brennecke seine scharfen Vorstands-Augen überall hatte). Auch die Szenen, die wir – eventuell – für das Arbeiter-Theater schreiben werden, sollen gesondert honoriert werden. Ich glaube, die Kulturleute waren zuerst ein bißchen sauer; es paßte ihnen wohl nicht recht, daß der Schriftsteller-Verband in ihrem schönen Vertrag herumfuhrwerkte. Aber wozu haben wir schließlich unsere Dichter-Gewerkschaft? […]

Einen schönen Gruß an Gretchen! Sie muß froh und glücklich sein, daß sie ein Baby haben darf, und wir beneiden sie sehr. Hoffentlich ist Lutz rechtzeitig aus Rostock zurück. Er wird sich schwerlich noch auf seine Prüfungen konzentrieren können – eine scheußliche Situation, wenn man bedenkt, was von diesen letzten Prüfungen abhängt. Wir haben auch mächtigen Appetit auf ein Baby; unser Hausbuchmann (der Kakteenzüchter, von dem wir inzwischen sogar eine »Königin der Nacht« bekommen haben, die er sich unter Qualen vom Herzen gerissen hat) hat vier Jungen, und der Jüngste ist öfter mal bei uns oben. Eine furchtbar komische Nudel, kugelrund, drei Jahre alt und mit riesigen braunen Augen und krummen Beinen; er kann noch kaum sprechen und nuschelt bloß so ulkiges Zeug. Neulich hat ihn Daniel mit zum Einkaufen genommen […]; es war zum Totlachen, wie sie zusammen über die Straße tappelten – der Kleine rollt mehr als er geht.

Wir sind ziemlich oft bei den Kakteenleuten unten (Daniel behauptet, Schömann sei ein bißchen in mich verliebt – aber Daniel ist ja gar nicht eifersüchtig!), und sie erzählen uns eine Menge interessanter Geschichten vom Kombinat, die man aus offiziellen Quellen nicht erfährt. – Wir haben hier – im Gegensatz zu Burg – sehr häufig das Bedürfnis nach Gesellschaft, weil wir uns eben doch immer noch fremd und einsam fühlen. […] Hin und wieder hüpfen wir auf ein Stündchen zu Siegrists rüber […]. Neulich haben wir uns Kartoffeln bei ihnen holen müssen; unsere Hoyerswerdaer Kartoffel-Zuteilung haben wir noch nicht bekommen. Natürlich sind sie nicht so gut wie die Burger Kartoffeln – aber das […] versteht sich von selbst.

Liebe Mu, Du fragst, ob wir auch regelmäßig kochen. Jawohl! Das Küchen-Regiment ist auf mich übergegangen, ich koche jeden Tag, und sogar gut. […] In den beiden letzten Wochen war es gar nicht einfach, mit den überaus bescheidenen Zutaten noch was Anständiges auf den Tisch zu bringen […]. Ich habe Deinen Rat befolgt und richte es immer so ein, daß ich aus dem Essen vom vorigen Tag – mit ein paar neuen delikaten Zutaten – am nächsten noch mal was Originelles basteln kann. Trotzdem frißt die Küchenarbeit eine Menge Zeit […]. Übrigens solltest Du Dich auch mal mit der »Gesunden Küche« von Dr. Krauß beschäftigen, er gibt vorzügliche Ratschläge, wie man die Vitamine trotz des auslaugenden Kochprozesses erhalten kann. Wir haben jetzt ganz auf Vitamin umgeschaltet (obgleich es hier so gut wie gar kein Gemüse gibt) und essen auch nur noch Vollkornbrot. […]

Eben war die kleine Antje von Siegrists da und hat uns einen Brief von ihrem Vater gebracht, in dem ein Fünfzigmarkschein lag. Wir hatten gestern in seiner Gegenwart über die Bummelei unseres Verlages geschimpft und so hat er, ohne zu fragen, ausgeholfen. Wir waren beide ganz gerührt. Es ist wirklich ein schönes und beruhigendes Gefühl, wenn man auf einmal sieht, daß man doch nicht verlassen ist. […]

Von Rundfunks haben wir noch nichts wieder gehört. Dabei haben wir noch ein anderes Hörspiel auf Lager und wollen es, wenn es unsere Zeit erlaubt, bald zuende schreiben. (Wir haben nämlich, auch wenn es unmoralisch ist, die feste Absicht, hier eine Masse Geld zu verdienen, damit wir endlich, endlich mal in Ruhe die Romane schreiben können, auf die wir Appetit haben.) Aus dem Labor werden wir flüchten, sobald es geht – es ist wirklich Quatsch, unsere kostbare Zeit dort zu vertrödeln, wo unsere Arbeit ohne wirklichen Nutzen für das Kombinat und für uns ist. Lieber arbeite ich gelegentlich in einer Brigade mit, über die ich nachher schreiben kann. Für mein Mädchenbuch brauche ich sowieso die Verbindung zu einer Jugendbrigade […].

Wenn hier bloß nicht immer so weite Wege zurückzulegen wären. Die Entfernungen vom Kombinat zur Neustadt und gar erst zur Altstadt, das ewige Warten auf einen Bus (manchmal fahren sie einfach vorbei, und man kann eine Stunde lang stehen) – das ist alles verlorene Zeit. Ohne fahrbaren Untersatz ist man hier verraten und verkauft. Einen Pitty würden wir uns dieses Jahr wohl schon leisten können, aber davon hält Daniel nichts. Bei dem scharfen Wind, der hier um alle Ecken pfeift, ist es auch nicht angenehm, auf einem Pitty zu sitzen; ich habe sowieso schon immer Kopfschmerzen und Rheuma (in meinem Alter!).

[…] mit dem Radio sieht es immer noch düster aus. […] Den ganzen Nachmittag lassen wir uns von den Schlagern von Radio Luxemburg berieseln, der hier von jedem gehört wird, weil er überall am klarsten reinkommt. Aber wir vermissen Hörspiele und dergleichen Sprechsendungen. […]

Liebe Familie samt allem, was dazu gehört – seid herzlich gegrüßt; einen Extra-Kuß für Mu und Vati!

Eure Brigitte […]

 

 

Hoywoy, am 4. 2. 60

Lieber Vati,

obgleich es spät am Abend ist und ich schrecklich müde bin (ich habe den ganzen Tag an meinem Mädchenbuch geschrieben und eben noch gewaschen), will ich Dir noch rasch ein paar Zeilen schreiben und herzlich danken für die Geldsendung. […] Wir hatten gar nicht erwartet, daß der Arm unseres Finanzministers bis nach Hoyerswerda reichen würde. Daniel ist sofort in die Stadt gefahren und hat unsere Miete bezahlt, und Siegrists freundliches Darlehen werden wir morgen zurückgeben […].

Gestern nachmittag haben wir unseren Vertrag mit dem Kombinat abgeschlossen. Sie haben es ganz feierlich gemacht – mit zwei Flaschen Wein und guten Zigaretten und einem Haufen belegter Brötchen (sie scheinen zu glauben, daß Schriftsteller immer hungrige Leute sind). Ich schrieb ja schon, daß sie zuerst etwas sauer waren, weil Siegrist […] darauf bestand, unsere Lesungen aus eigenen Arbeiten müßten gesondert honoriert werden. Tatsächlich gab es dann auch beinahe noch einen kleinen Streit, denn sie vertraten den Standpunkt, wir seien Privatpersonen und der Vertrag ginge nur uns beide und das Kombinat was an. Darauf habe ich ihnen sehr deutlich und energisch klargemacht, daß hinter uns eine genau so starke Gewerkschaft stehe wie hinter ihnen, und daß unser Verband eben dazu da sei, unsere Interessen zu vertreten. So haben wir uns schließlich gütlich geeinigt und in tiefstem Frieden den Vertrag unterzeichnet.

Nach einer langen Diskussion haben wir auch beschlossen, die dumme Labor-Sache fallen zu lassen. […] Wir werden also in eine sozialistische Brigade gehen (Daniel vermutlich in der Brikettfabrik, ich in der Mechanischen Werkstatt) und dort einen Tag in der Woche mitarbeiten und auch sonst eine Art Patenschaft übernehmen. Ich bin sehr froh über diese Lösung, denn ich brauche diesen Kontakt unbedingt für mein neues Buch, und wenn ich in der Werkstatt die nötigen Kenntnisse gesammelt habe und so rasch weiterarbeite wie jetzt, kann ich das Buch schon im Sommer abschließen (Lewerenz leckt sich schon alle Finger danach).

[…] Was mir eben noch einfällt: Hier gibt es keine Staubsauger zu kaufen, und wir brauchten dringend einen, denn unsere Wohnung ist wegen des nahen Heizwerkes ziemlich staubig. Könntest Du vielleicht Deine sagenhaften Verbindungen mal spielen lassen und einen Staubsauger in Genthin oder Burg besorgen? […]

Grüß Mu und die ganze Familie von mir und sei selbst ganz lieb gegrüßt

von Deiner Brigitte

Bei mir scheint es bis auf weiteres nur immer zu kleinen Randkritzeleien zu reichen, aber sie sind eben so herzlich wie ehrlich dankbar […]. Ich sitze ebenso fleißig wie die tüchtige Eichhörnin an meiner neuen Arbeit (es werden etwa 80 Seiten), für den Aufbau-Verlag, und danach soll es dann endlich wieder an meinen »Helden« gehen. – Tausend Dank und viele liebe Grüße! Daniel

 

 

Hoy., am 11. 2. 60

Liebe Familie,

(speziell für jeden einzelnen eine originelle Anrede auszudenken, fällt mir heute etwas schwer – wir haben bis um zwei unseren ersten Hochzeitsjahrestag gefeiert), zunächst recht herzlichen Dank für Mus Briefe. Mit dem ersten hast Du uns einen heillosen Schrecken eingejagt […]. Natürlich haben wir uns, als wir von den Krümel-Komplikationen lasen, gleich die schrecklichsten Möglichkeiten ausgemalt und konnten uns beim besten Willen nicht mehr auf unsere Arbeit konzentrieren – bis dann Lutz’ Telegramm mit der großen Freudenbotschaft kam. […] Ich war begeistert, daß der Krümel schwarze Augen hat – aber das scheint ja, wie ich dem zweiten Brief entnahm, ein haltloses Gerücht gewesen zu sein, das der stolze Vater in die Welt gesetzt hat. […] Die große schiefe Nase verwächst sich – kein Unglück. (Außerdem hat Lutz auch eine große schiefe Nase, und sie steht ihm ausgezeichnet.)

Daß der Krümel Lutz schon angesehen hat (nicht auch angelächelt?), wundert uns gar nicht. Wenn Lutz nächstens aus dem Krankenhaus die Nachricht mitbringt, daß der jüngste Reimann-Ableger schon »Papa« gemurmelt hat, glauben wir es auch. – Für Dich, lieber Lutz-Bruder, bei dieser Gelegenheit viele ehrfürchtige Glückwünsche zur Eins im Staatsexamen. Ich habe übrigens keinen Augenblick daran gezweifelt, daß Du es schaffen würdest – obgleich es natürlich nur, wie ich Dich kenne, ein erstaunlicher Zufall und ganz unverdiente Glückssache war. […]

Mit unseren Finanzen steht es leider nicht zum besten. Wir haben zwar das Geld von der »Wochenpost« bekommen, waren aber tief enttäuscht: nach Abzug der Steuern und des Verlags-Anteils sind ganze 720.– DM übriggeblieben – eine lächerliche Summe für einen so langen Vorabdruck. Ich habe fast geheult, als die Briefträgerin das Geld brachte […]. Ich hatte mit ungefähr 2000 DM gerechnet und wollte davon Daniels Zimmer einrichten. […]

Seit einer Woche führe ich ein Haushaltsbuch, um mal zu testen, wieviel wir durchschnittlich im Monat brauchen. Obgleich wir selbst bescheiden leben, kommt immer eine ganz hübsche Summe zusammen […]; allein das Fahrgeld frißt einen großen Teil der bescheidenen Zuwendung vom Kombinat (eine Fahrt zum Kombinat kostet für uns beide 3,20 Mark). […]

Vorhin habe ich mich unterbrechen müssen und kann jetzt den zweiten Teil mit einer guten Nachricht beginnen. Daniel hatte eine Erzählung von 12 Seiten an die »Wochenpost« geschickt, und heute nachmittag kam die Redakteurin aus Berlin zu uns, um noch einige winzige Änderungen mit ihm zu besprechen. Vor allem wollte sie wohl sehen, wie wir leben und was dieser Pitschmann eigentlich für ein Bursche ist – sie war begeistert von seiner Arbeit und sagte mir, Daniel sei ein unerhört begabter Junge und könnte noch sehr viel erreichen. Ich war blödsinnig stolz (und ein bißchen neidisch – das läßt sich nicht vermeiden unter Kollegen); ihr Besuch bei uns war ja auch ein Beweis, wieviel der Redaktion an Daniel – und auch ein wenig an mir – gelegen ist. […] Die Geschichte erscheint nächste Woche schon; ihr müßt Euch unbedingt die Ausgabe besorgen, ja?

[…] Es wäre natürlich großartig, wenn man dort so eine Art Hausautor werden könnte; man verdient auf diese Weise viel mehr als mit Büchern. Ich freue mich so für Daniel – endlich zeichnet sich ein Erfolg für ihn ab. Frau Amme hat uns noch den Tip gegeben, wir sollten, wenn wir ihnen wieder eine längere Erzählung anbieten, vorher keinen Vertrag mit dem Verlag machen; Originalmanuskripte bezahlen sie viel höher. Mit Daniels neuer Erzählung, die in der »Reihe« bei Caspar erscheinen soll, werden wir es jedenfalls so halten […], und wenn sich der Verlag noch so sehr darüber giften sollte.

[…] Für »Oma« und »Opa« (du lieber Himmel – und das bei Eurer Jugend! Wenn Ihr mit dem Krümel ankommt, halten sie ihn für Euren jüngsten Sohn) und für Gretchen und Lutz und Puppa und den Oliver-Krümel die allerherzlichsten Grüße und – hoffentlich bald – auf Wiedersehen!

Eure Brigitte […]

 

 

Hoy., am 7. 3. 60

Liebe Mu, lieber Vati,

[…] Ich bin heil nach Haus gekommen. Der ganze Zug war besoffen und hat Rosenmontag gefeiert. Daniel hat mich natürlich von der Bahn abgeholt, und ich habe ihm die halbe Nacht von zu Haus erzählt – vor allem vom Steckernasenkrümel […]. Bestellt ihm tausend schöne Grüße von mir; er ist ja ein so kluges Bürschchen und wird schon Bescheid wissen, wenn Ihr ihm sagt, daß Tante Brigitte einen Kuß für sein Faltenhälschen mitschickt.

[…] Auf mein erstes Kapitel vom Jugendbuch ist der Verlag anscheinend angesprungen; eine richtige Nachricht habe ich zwar noch nicht, dafür aber eine dringliche Einladung zur Jugendbuch-Konferenz, die ich leider absagen mußte, denn ich würde – da sie in Prieros stattfindet – allein für Hin- und Rückfahrt zwei Tage brauchen, und außerdem fällt sie zusammen mit der Kulturkonferenz im Kombinat, an der ich unbedingt teilnehmen muß. Wenn ich meinen Terminkalender ansehe, wird mir schlecht; ich hasse dieses Herumsitzen auf Konferenzen, bei denen ja doch nichts sensationell Neues herauskommt.

Am Mittwoch war der Cheflektor vom »Morgen-Verlag« bei uns; er möchte gern Arbeiten von uns haben. Vorerst müssen wir bedauern, obgleich der Chef einen guten Eindruck macht und sehr gescheite Ansichten über Literatur hat. Falls Caspar, der sich zu meinem Roman immer noch nicht geäußert hat, das Buch nicht haben will, gehe ich damit versuchsweise zum »Morgen«; sie suchen Bücher für den Mittelstand (es ist der Verlag der LDP), und mein Roman spielt ja in bürgerlichen Kreisen, und dieser Umstand, der beim »Aufbau« geradezu belastend wirkt, wäre also ein Vorteil beim »Morgen«. […]

Der Staubsauger funktioniert wunderbar und ist mir eine große Hilfe. Noch mal ein Extra-Dankeschön an Vati!

Was macht der affige kleine Teenager? Hat er sich inzwischen mal wieder besoffen?

Grüßt Gretchen und den Oliver-Krümel und seid selbst ganz lieb gegrüßt von

Eurer Brigitte […]

 

 

Hoywoy, am 17. 3. 60

Liebe Eltern,

[…] gestern habe ich mein zweites Kapitel abgetippt, und Daniel hat es abends noch nach Hoy. zur Post gebracht und per Eilbrief abgeschickt. […]

Ihr könnt Euch vorstellen, wie ich geschuftet habe, und jetzt bin ich ganz schön nervös – zum Glück äußert sich diese Nervosität nur in schrecklicher Albernheit, und da es Daniel auch nicht viel besser geht (gestern hat er bis morgens um acht Uhr gearbeitet und eine Menge geschafft), treiben wir lauter Unsinn, balgen uns und spielen das große »Kater- und Schellfisch-Spiel«. Eigentlich zanken wir uns hier so gut wie gar nicht, vielleicht deshalb, weil wir zum erstenmal ganz allein auf uns gestellt sind.

Herzlichen Dank für das Päckchen, liebe Mu! […] Wir haben uns vor allem über die Forsythien aus der Neuendorfer Straße gefreut. Sie […] haben sich im Wasser sofort erholt und stehen jetzt in voller Blüte. Das war wirklich eine wunderbare Idee!

[…] Du sahst letztes Mal so schlecht aus, lieber Vati, daß ich geradezu einen Schreck bekommen habe, und ich hoffe sehr, daß Du Dich in der einen Woche ein bißchen erholst. Du müßtest wirklich versuchen, egoistischer zu werden und Dir das Übermaß an Arbeiten möglichst vom Hals zu halten. Wenn Du diese ganze Anstrengung in Genthin mit einem Zusammenbruch bezahlst, nützt Du weder Dir noch der Bank, das müßtest Du den Leuten mal klarmachen.

[…] Geld, Geld … Ich glaube, diese Sorge werden wir niemals los. Dabei brauchen wir […] jede Woche ungefähr hundert Mark, meistens noch ein wenig mehr als hundert. […] Wir leben wirklich nicht üppig oder gar verschwenderisch, aber jede Woche kommen irgendwelche Sonderausgaben dazu – Miete, Fahrgelder, ein paar teure Südfrüchte, ein Paket Kaffee, eine Flasche Wodka, wenn wir Gäste erwarten, Ferngespräche, irgendwelche Haushaltsgegenstände – kurzum, es summiert sich erschreckend. Für größere Anschaffungen ist nichts da. Dabei brauchten wir zum Sommer dringend einen Kühlschrank, denn den ganzen Morgen und Mittag knallt die Sonne ins Küchenfenster, und wenn es erst richtig heiß wird, läuft uns die Butter und Sahna im Schrank weg. Freilich gibt es momentan gar keine Kühlschränke zu kaufen, nur Bestellungen werden angenommen. Lieferzeit: ein dreiviertel Jahr. […]

Einen Lichtblick haben wir allerdings: Lewerenz hat das 1. Kapitel meines Jugendbuches gelesen und mit einer Lobeshymne geantwortet. Wenn er am Sonnabend kommt, wollen wir über das Buch sprechen. Er schrieb, wenn der Verlag die weitere Handlung akzeptieren könne, werde ich einen Vertrag bekommen. Falls die Auflage gleich mit 20 000 angesetzt wird – und das ist bei diesem wichtigen Thema schon möglich –, wird natürlich mit der ersten Rate allerlei für mich rausspringen. Hoffentlich schaffe ich das Buch und bleibe nicht wieder auf halbem Wege stecken! Mit meinem Roman sieht es düster aus. Caspar hat ihn gelesen und einen ausführlichen Brief dazu geschrieben. Ich werde den Roman stark kürzen und umarbeiten müssen. Eigentlich macht mich das nicht wütend oder bekümmert, ich bin gern bereit, noch zwei Jahre an das Buch zu hängen, wenn dann am Ende ein ansehnliches Stück Literatur rauskommt – nur, wovon sollen wir solange leben? […]

Mit tausend lieben Grüßen an Euch alle

Eure Brigitte

 

 

Hoy., am 8. 4. 60

Liebe Mutti, lieber Vati,

[…] Mein Brief wird wohl ein bißchen knapp ausfallen müssen; nachdem mein Kopf einige Zeit ganz gut in Ordnung war, kann ich heute kaum aus den Augen sehen vor Schmerzen. Wahrscheinlich habe ich mir gestern was ausgewischt; ich habe bei meiner Brigade gearbeitet und die Halle war wieder einmal scheußlich kalt und zugig.

Vorige Woche war ich zum erstenmal bei der Brigade und habe Ventile geschliffen. Es ging recht gut, ich stellte mich weniger ungeschickt an, als ich selbst erwartet hatte. Die Kollegen waren sehr nett und hilfsbereit, und sie freuten sich, ihre Schriftstellerin auch mal in Schlosserjacke und mit dreckigen Händen zu sehen. Ich bin begeistert von meiner Brigade und vor allem von meinem geliebten, bewunderten Meister Hanke, von dem ich Euch bei Gelegenheit noch erzählen werde – er ist, glaube ich, einer der besten Menschen, dem ich je begegnet bin. Er kümmert sich in der freundlichsten Weise um mich; neulich hat er mich im Geländewagen durch das ganze Kombinat gefahren und alles erklärt, und gestern sind wir eine Stunde lang in der Brikettfabrik herumgestiefelt; die Gewerkschaft hat es trotz ihrer Versprechungen bis heute nicht fertig gebracht, uns einmal den Betrieb zu zeigen. Wir haben überhaupt oft Ärger mit Funktionären und ihrer albernen Bürokratie […].

Ich habe gestern doch aufhören müssen zu schreiben, weil mein Gehirn völlig zerdemmelt war. […] Meinen Klagegesang über die lieben Funktionäre breche ich besser ab, damit mir nicht wieder die Galle hochsteigt. Mit Siegrist verstehen wir uns auch nicht mehr so recht, wir ärgern uns maßlos über seine Schluderei und seinen Mangel an künstlerischem Verantwortungsgefühl – sein Pumpenbuch ist die letzte Scheiße, und trotz allen Zuredens ist er nicht zu bewegen, etwas zu überarbeiten. Hoffentlich haut ihn nachher die Kritik ordentlich zusammen! Das ist kein frommer Wunsch, sicher, aber ich kann diese Nur-Geldverdiener nicht ausstehen. Mich nennt er überheblich, weil ich mir gelegentlich eine – viel zu zahme – Kritik erlaube. Na schön, lassen wir das! Es ist kein erfreuliches Thema. […]

Wir haben furchtbar viel Arbeit – aber das ist ja keine Neuigkeit. Schlimm ist nur, daß man kaum noch zum Schreiben kommt; während der letzten zwei Wochen haben wir fast jeden Tag auf Konferenzen, Sitzungen und Aussprachen herumgehockt, und niemand denkt daran, daß wir fürs Rumsitzen kein Gehalt bekommen wie die anderen. Und ich […] möchte und muß schreiben: bis spätestens September muß das Manuskript abgeliefert sein, damit es im zweiten Quartal nächsten Jahres (!) erscheinen kann. […] wir sind entschlossen, in Zukunft härter zu werden und mehr Absagen zu geben. Seit Anfang Februar arbeiten wir nun für das Kombinat und haben noch keinen Pfennig von unserem großen Gehalt zu sehen bekommen. Wir mahnen nicht – mal sehen, wie lange die Gewerkschaft uns noch vergißt.

[…] Grüßt alle von uns […], und seid selbst ganz lieb gegrüßt und geküßt

von Eurer Brigitte (und natürlich auch von Daniel) […]

 

 

Hoywoy, 14. 5. 60

Liebe Mu, lieber Vati, verehrte Miß!

Herzlichen Dank für Mus langen Brief; entschuldigt, bitte, daß ich noch nicht eher geantwortet habe – es ist immerzu etwas dazwischengekommen: einen Tag habe ich beim Friseur vertrödelt (ich habe mir wieder Kaltwelle legen lassen und sehe fürchterlich aus), einen Tag hatte ich einen Kater, weil wir am Abend vorher mit meinem lieben Meister Hanke in der »Kastanienhof«-Bar gewesen waren; dann waren wir in Dresden, um Möbel zu kaufen; zwei Tage sind für Berlin draufgegangen – na, und gearbeitet habe ich auch mal wieder ein bißchen, denn am nächsten Dienstag kommt der halbe Verlag Neues Leben, um die Pumpe zu besichtigen, und da sie gleich den Vertrag mitbringen, muß ich anstandshalber auch ein paar neue Zeilen auf den Tisch des Hauses legen.

Zu Lutz möchte ich lieber nichts sagen – schließlich ist er mein Bruder. Wenn Ihr wieder irgendetwas von ihm hört, schreibt es uns gleich, ja? […] Sei nicht so traurig wegen Krümel, Mu – eines Tages legen wir einen kleinen Pitschmann in das Kinderbettchen; der läuft Dir bestimmt nicht in den Westen davon, sondern wird ein kühner Pumpenschwengel.

Dresden war übrigens eine Pleite, und wir sind ziemlich niedergeschlagen wieder nach Haus gefahren. D. h. natürlich war nur ich wütend; der Pessimist Daniel hatte von vornherein nichts Besseres erwartet […]. Wir waren im Hellerau-Haus, das sehr elegant und geschmackvoll eingerichtet ist und eine ganze Anzahl schöner Möbel zeigt – aber leider eben nur zum Angucken. […] Wir haben uns Möbel für ein Arbeitszimmer ausgesucht, können die Bestellung aber erst am 1. Juli aufgeben […]. Geliefert wird dann bestenfalls im August oder September […].

Der Empfang bei Rundfunks war ganz interessant. Neue Linie: kein Alkohol. Es gab nur Kaffee und Konfekt. Dafür verschönte die Anwesenheit Professors Leys die kleine Feier; er ist der Vorsitzende des Staatlichen Rundfunkkomitees. Er war sehr leutselig und ganz undogmatisch und hatte eine Menge guter Ideen für die Verbesserung unserer Rundfunkerei, denn inzwischen hat es sich anscheinend bis in die Nalepastraße rumgesprochen, daß der Westfunk uns technisch überlegen ist und seine Möglichkeiten besser nützt als wir. »Ans Weltniveau, ans teure, schließ dich an!« Leider war ich gar nicht in Form, hatte andauernd Herzbeschwerden, so daß ich außerstande war, meinen ganzen Charme spielen zu lassen […], und so hockten wir wie zwei schüchterne Hühnchen herum. Na, vielleicht hat gerade das einen guten Eindruck gemacht – denn immerhin haben wir ja nicht nur den 2. Preis gewonnen, sondern das beste Hörspiel geschrieben. Edle Einfalt, stille Größe … […].

Mit unserer Meisterschüler-Sache ist es noch nicht vorangegangen; unser eventueller Meister Uhse steckt in einer schlimmen Krise (unter normalen Menschen nennt man das eine Liebesaffäre – aber Schriftsteller tun es nicht unter »Krise«); seine Frau ist nach Mexiko zurückgegangen, und Bodo treibt sich seufzend irgendwo an der Ostsee herum.

Am Dienstag kommt also das Neue Leben in die Pumpe gerauscht: der Verlagsleiter, die Cheflektorin und mein kleiner Lewerenz. Ich habe mit Erwin Hanke schon ein Programm gemacht; er spielt den Bärenführer und wird unsere lieben Gäste recht ausführlich durch die dreckigsten Objekte – Brikettfabrik u. dergl. – schleppen; hoffentlich hat die Chefdame nicht gerade ein weißes Kostüm an. Anschließend gehen wir ins Gasthaus Schwarze Pumpe, damit die Lektoren das frohe Jugendleben bei uns kennen lernen. Erwin hat mir die ganze Organisation abgenommen – und was er in die Hände nimmt, das klappt. […] Vielleicht bekommt er dieses Jahr noch – als erster im Kombinat – den Orden »Banner der Arbeit«. Na, dann ist ja der Affe los! Ich […] bin sehr froh, daß ich gerade an ihn geraten bin […]. Wenn man mit ihm spricht oder ihn bei der Arbeit beobachtet, dann vergißt man einfach, daß er dick und glatzköpfig ist, und man kann sich Hals über Kopf in ihn verlieben. […] Neulich war ich bei ihm im Wohnlager; er hatte einen ganzen Tag und eine Nacht gearbeitet und war so frisch und lustig, als hätte er gerade 14 Tage Urlaub hinter sich. Er sagt keinem ein böses oder nur lautes Wort – und trotzdem gehorcht ihm jeder […]. Er ist eben rundherum ein positiver Held … […]

Ich werde jetzt Schluß machen, um noch an meinem verdammten Kapitel zu arbeiten, mit dem ich jeden Tag um ganze fünf Zeilen vorwärtskomme. Ist das eine Schinderei! Wir verdienen unser Brot wirklich schwer genug – aber wenigstens sind wir jetzt schon soweit, daß wir uns auch die Butter auf dem Brot verdienen. Wenn wir Zeit haben, essen wir ganz ordentlich. Wieso wir trotzdem immer magerer werden, verstehe ich auch nicht. […]

Tausend liebe Grüße und Küsse

von Eurer Brigitte

 

 

Hoy, am 29. 5. 60

Liebste Mu,

[…] ich bin noch hundemüde von unserem Brigadeausflug gestern. Wir waren in Oybin und sind auf den Töpferberg und auf den Oybin gestiefelt, und hinterher habe ich die halbe Nacht durchtanzt mit meinem lieben Meister Hanke, der mir zuliebe nun sogar das Tanzen gelernt hat und dabei einige Kilo von seinen zwei Zentnern Lebendgewicht zu verlieren hofft. Du kannst Dir vorstellen, was für einen greulichen Muskelkater ich heute habe […].

Von Euch zuhaus hört man gar nichts mehr. […] Ich werde selbst einmal nach dem Rechten sehen müssen. Am Donnerstag komme ich auf ein paar Stunden nach Hause. Hanke fährt mit dem Wagen nach Magdeburg, um Ersatzteile für das Kombinat einzukaufen […]. Er wird mich in der Neuendorfer Straße absetzen […] und abends wieder abholen. […] vielleicht kannst Du mal ein bißchen pünktlich von der Schule abmarschieren, damit wir ein paar Stunden für uns haben. Gleich nach der Ankunft werde ich kurz in die Stadt gehen und einige Einkäufe machen, so daß ich mittags wieder zurückbin. Ich muß unbedingt […] im Konsum eine Reisedecke für Daniel kaufen. […]

Bis dahin tausend liebe Grüße und einen süßen Kuß

von Deiner Brigitte […]

 

 

Hoy, am 15. 6. 60

Liebe Mu, lieber Vati,

[…] Ich würde Euch so gern einen lieben und netten Brief schreiben und erfreuliche Dinge berichten (beispielsweise, daß am Montag unser Hörspiel in Produktion gegangen ist), aber ich bin in furchtbarer Stimmung. Wir hatten heute früh eine Aussprache mit Siegrist, in Gegenwart der Klubleitung, und wir sind fix und fertig. Die Sache mit ihm hat sich so zugespitzt, daß wir uns an die Leitung des Schriftsteller-Verbandes wenden müssen, um eine Klärung zu erreichen. Der Lump hat die übelsten Gerüchte über mich ausgestreut, Verleumdungen, die ich vor den keuschen Ohren meiner braven Eltern gar nicht wiederholen kann. Daß ich mir meine »Verträge erschlafen« habe, war noch nicht einmal das Schlimmste. […] natürlich versuchte er zu leugnen, was ihm aber nicht viel half, denn wir hatten Zeugen. Das letzte Mittel war dann, uns politisch zu diffamieren – und das alles im Namen der Partei und »ich als alter Genosse …« Daniel, der Sanfte, ist ganz schön aus der Rolle gefallen und hat S. angebrüllt, daß die Wände wackelten. Immerhin hatten wir ihn dann soweit, daß er nicht mal muckste, als ich ihn in Gegenwart der anderen ein Schwein und ein Miststück nannte – was freilich von mir auch nicht ganz sachlich, auf jeden Fall aber zutreffend war. […] Seit Wochen geht jetzt dieser zähe Kleinkrieg mit Klatsch und Intrigenspinnerei – und er hat mit dem Tag angefangen, als ich den großen Schriftsteller zu kritisieren wagte. […] Anfangs dachten wir sogar daran, das Kombinat ganz zu verlassen, aber dazu können wir uns doch nicht entschließen; wir haben uns schon zu sehr an das Leben und an unsere Brigaden gewöhnt. Auch unsere Freunde (denn wir haben ein paar wirklich gute und anständige Freunde hier) raten uns dringend ab, die Flinte ins Korn zu werfen […].

Gestern hatten wir hohen Besuch: Der Verlagsleiter vom Komsomol-Verlag in Moskau war da und ein Korrespondent der Komsomolskaja Prawda, zwei sehr sympathische und überaus höfliche Leute. […] Der Komsomol-Verlag interessiert sich jetzt schon für mein Buch, […] und sobald das Manuskript abgeschlossen ist, soll es nach Moskau geschickt werden. Wenn alles klappt und es gibt eine Übersetzung, können wir für ein paar Wochen in die SU reisen und dort unser Honorar verbraten. Es waren wirklich ein paar sehr erfreuliche Stunden, die wir mit den russischen Gästen verbracht haben […]. Beim Abschied bedankten sie sich hundertmal – ich habe tatsächlich selten eine solche Höflichkeit gesehen wie bei den beiden.

Ihr seht also, was wir alles im Skat haben und wie wichtig das Kombinat für uns ist. Aus diesem Grund müssen wir uns irgendwie durch den ganzen Schmutz durchboxen – und mit Daniel zusammen habe ich auch keine Angst. Wir haben überhaupt festgestellt, daß wir uns umso besser verstehen, je mehr Pech wir haben, und wie Ihr wißt, haben wir uns während unserer zweijährigen Ehe (ich rechne die »wilde« Ehezeit mit) schon mit einer ganzen Menge Schwierigkeiten herumschlagen müssen. Wann wird man nur endlich mal zur Ruhe kommen und so friedlich arbeiten können, wie man sich das wünscht? […]

Wenn’s geht, macht Euch keine Sorgen; jeder Mensch hat im Leben solche üblen Situationen zu überstehen, sei es im Beruf oder im Privatleben, und auf jeden Fall dient es dazu, die Widerstandskraft zu stärken und ein Stückchen klüger zu werden. Man sollte kein Vertrauen zu anderen Menschen haben, bevor man nicht einen Scheffel Salz mit ihnen gegessen hat. Soweit allerdings bin ich noch nicht, daß ich mir sage, ich muß ein Reptil werden, um mich von den anderen Reptilien nicht kaputtmachen zu lassen – soweit bin ich noch nicht. […]

Für heute […] tausend liebe Grüße und für jeden einen Kuß

von Eurer mehr wütenden als bekümmerten, aber trotz allem optimistischen Brigitte

 

 

Hoy, 25. 6. 60

Liebe Mu, lieber Vati,

[…] Die Geschichte mit Siegrist hatte uns mächtig in der Arbeit gehemmt und hemmt uns heute noch […]. Am Donnerstag ist Aussprache in Berlin, bei Strittmatter, und ich muß gestehen, es graut mir davor. Das ewige Getratsch und schmutzige-Wäsche-waschen hängt mir allmählich zum Halse raus. […] Es wird eine Nervenprobe, fürchte ich, und mit unseren Nerven steht es nicht zum besten. […]

Von uns selbst kann ich eigentlich gar nichts berichten, wir haben kein Privatleben mehr. Alles dreht sich um das Kombinat und um die Arbeit. Zu allem Unglück haben wir von Rundfunks eine neue Aufgabe bekommen – und wir waren verrückt genug, anzubeißen. Zur Woche des Gegenwartshörspiels sollen wir noch ein Stück schreiben, das bedeutet also, wir müssen im September spätestens abliefern. Die Fabel steht noch nicht fest, vorläufig hat der Rundfunk (der Chefdramaturg selbst war bei uns – ein reizender Bursche!) nur verschwommene Ideen von einem jungen Meister, der sich in seiner Brigade durchsetzen muß. […]

Ich vergesse von einer Minute zur anderen, was ich schreiben will – wahrscheinlich vor Hunger. Mein lieber Mann saust immer noch in Hoywoy rum und kauft ein, und es ist schon halb drei, und seit dem Morgen habe ich nichts gegessen, weil ich immerzu denke, es lohnt nicht mehr, bevor Daniel wieder hier ist. […]

Zu dem Stoff: Wir haben keine Schneiderin gefunden. Alle sind bis zum September besetzt, und dann ist es natürlich witzlos. An Dich, Mu, wollte ich den Stoff aber auch nicht zurückschicken – wie hätten wir das mit dem Anprobieren machen sollen? Nun hat sich Frau Schömann aufgeopfert. Wir haben einen ganz einfachen Schnitt gewählt (wie mein Sonnenkleid damals, aber ohne Bolero), der Stoff wirkt schon von sich aus genug. Da hast Du wirklich einen herrlichen Einkauf gemacht, Mu! Übrigens: das blau-weiß gestreifte Taftkleid, das mir Fräulein Wilhelm voriges Jahr gemacht hat, ist beim Waschen derartig eingegangen, daß ich es nicht mehr anziehen kann. Vielleicht kann sich Frau Schömann mal aufraffen, wenigstens den Saum rauszulassen, dann mag es noch so halbwegs gehen. Ich habe mich blödsinnig geärgert, als ich ahnungslos das enge Läppchen anzog und plötzlich ein Kinderkleid anhatte – und das eine halbe Stunde, bevor der Rundfunk-Onkel eintrudelte! […]

Daniels Arbeitszimmer wird nun doch bald eingerichtet sein – früher, als wir erwartet hatten. […] er hat einen Herrenschrank (als Kleiderschrank aufgemacht, wißt Ihr) und eine Kommode mit Bücheraufsatz gekauft. Nun fehlt nur noch der Schreibtisch, aber das ist nicht so schlimm; vorläufig arbeitet Daniel an dem Palettentischchen. Einen Wannensessel hat er in Bautzen erjagt, wo es überhaupt alles zu kaufen gibt – die schönsten Garnituren, Teppiche, Möbel u. dergl. Wir haben nur noch Transportsorgen, denn wir müssen die Möbel von Hellerau selbst abholen. Hanke versucht seit drei Tagen, den Framo aus unserer Werkstatt für ein paar Stunden zu entführen […]

Neulich hat Sonja Marchlewska wieder geschrieben […]. Sie hat uns verzweifelt gesucht, aber die Briefe, die sie nach Burg schickte, kamen zurück, weil wir verzogen sind. Albern! […] Hoffentlich kommt sie bald wieder mal nach Deutschland – diese Frau mit ihren klaren, vernünftigen, toleranten Ansichten ist eine Erholung, wenn man tagaus, tagein soviel Affenscheiße über sich ergehen lassen muß. […] Dabei fällt mir ein, daß es hier ein nettes Sprichwort gibt: »Wer in Pumpe nicht verrückt wird, der hat selber schuld, denn alle Möglichkeiten sind gegeben.« Sehr wahr!

Mein Daniel-Knilch ist immer noch nicht da […]. Der arme Junge verbringt fast jeden Tag damit, die Läden im Umkreis von fünfzig Kilometern unsicher zu machen, damit unser Haushalt endlich mal komplett ist.

Mit tausend lieben Grüßen und einem Kuß für jeden

Eure Brigitte […]

 

 

Hoy, am 10. 7. 60

Liebe Mu, lieber Vati,

heute ist Sonntag und also Briefschreibetag, und Daniel hat mir gnädig sein Zimmer zur Verfügung gestellt, während er am Mittagessen bastelt. Ich […] habe eben in den Novellen von Thomas Mann gelesen und bin noch einigermaßen verwirrt und erschüttert von der Erkenntnis, daß das, was wir so als Literatur ausgeben, in Wahrheit nichts damit zu tun hat. Unsere nur aufs Prinzip der unmittelbaren Nützlichkeit gestellte Schreiberei … es ist ein Jammer!

Da wir gerade bei der Nicht-Literatur sind: […] Habe ich Euch eigentlich schon von der Aussprache in Berlin erzählt? […] Es ist so ausgelaufen, wie wir erwartet hatten: Zuerst machte der Arsch den starken Mann […] – unser Zirkel sei eine bürgerliche Plattform und dergleichen; dann kamen die Schweinereien zur Sprache, die er über mich verbreitet hatte, und auf beides reagierte der Verband sehr sauer. Strittmatter und Klein […] nannten ihn einen Sektierer und sagten, er habe als Genosse und als Vorsitzender des Cottbuser Verbandes versagt und benutze sein Parteiabzeichen als Schild für seine Machenschaften. Dabei kam übrigens heraus, daß der Arsch »Meldung an die Kreisleitung« gemacht hat wegen unserer Umtriebe (er hat uns, wie es scheint, als eine Art Staatsfeinde verdächtigt, ohne den geringsten Beweis zu haben). Strittmatter war außer sich vor Wut, er brüllte […], daß es eine Lust und Wonne war […]. [Siegrist] mußte sich bei uns entschuldigen und wurde verpflichtet, sich auch im Kombinat öffentlich zu entschuldigen und in unserer Gegenwart der Kreisleitung Bericht zu erstatten über die Aussprache im Verband. Natürlich hat er weder das eine noch das andere getan – er spielt den Pascha wie eh und je […].

Ihr werdet verstehen, daß wir noch keine Ruhe geben, sondern die Geschichte vorerst an die Bezirksleitung weitergegeben haben […] – sonst kann man in eine ganze eklige Sache reinrutschen und weiß nicht wie. Ihr kennt ja wahrscheinlich auch diesen Typ von Leuten, die andere politisch diffamieren, weil sie ihnen fachlich nichts anhaben können.

Aber lassen wir jetzt dieses Thema! Es gibt genug wichtigere und nettere Dinge.

Daniels Zimmer ist nun fast ganz eingerichtet; vor zwei Wochen hat Erwin uns einen Lastwagen beschafft, der die Möbel […] aus Dresden holte, und nach vielem Herumrücken (das Zimmer ist eben doch zu klein) haben wir eine halbwegs gute Lösung gefunden. […] den alten Teppich haben wir Schömanns gegeben, die sich mächtig gefreut haben. Die Kinder wollten am ersten Tag gar nicht aus dem Zimmer raus – sie besitzen ja zum erstenmal einen richtigen »Teppsch«. […]

Hat Vati schon mal seine Nase nach einem Kühlschrank rausgestreckt? Die Butter läuft uns weg, und die Wasserkühlungsanlage, die wir im Abwaschbecken gebaut haben, ist auch nicht der letzte technische Schrei. – Für heute genug! […]

Mit tausend lieben Grüßen

Eure Brigitte

 

 

Hoy, 15. 7. 60

Liebe Mu, lieber Vati,

heute will ich Euch nur ganz rasch von unserer glanzvollen Uraufführung erzählen, die am Mittwoch, also vor zwei Tagen, hier im Kombinat stattgefunden hat.

Am Vormittag hatten wir noch mit dem Chefdramaturgen, Rentzsch, […] gearbeitet […]. Ich glaube, der R. mag uns gut leiden – wir sind die einzigen Autoren, mit denen er persönlich arbeitet, statt sie von einem seiner Dramaturgen betreuen zu lassen. Er hat uns auch versprochen, er werde jederzeit auf ein paar Stunden hier aufkreuzen, wenn wir ein Telegramm schicken, daß wir nicht recht weiterkommen oder so. Wir haben uns mit dem Hörspiel schon eine ganz schöne Basis bei Rundfunks geschaffen … […]

Die Premiere fand im Funkstudio statt. Fast alle Leute, die wir eingeladen hatten, waren erschienen […], und der Raum war voll. Von Daniels Brigade waren einige gekommen, und nur meine Brigade konnte nicht teilnehmen, weil sie im Endspurt bei der Reparatur im Pressenkeller steht; sie arbeiten momentan 12 Stunden täglich. […] Wir machen dafür aber eine Extraaufführung für meine Brigade, denn die schlauen Funk-Piraten vom Kombinat haben beim Abspielen gleich mitgeschnitten und besitzen nun ein eignes Band. […]

Wir hatten natürlich schreckliches Lampenfieber, und als die ersten Worte aus dem Lautsprecher kamen, konnte ich sie vor Herzklopfen kaum hören. Es ist wirklich sehr eigenartig, selbstgeschriebene Worte aus dem Mund anderer zu hören … Bei einigen Szenen war ich etwas schockiert, weil ich sie mir ganz anders vorgestellt hatte (aber die Auslegungen vom Autor und vom Regisseur stimmen eben nicht immer überein), aber bei anderen Szenen war ich begeistert und beinahe gerührt – so, als stammte das Stück von jemandem anders. Nach der ersten Viertelstunde konnte ich schon ziemlich objektiv und kritisch zuhören […]. Wir haben gemerkt – und das ist das Wichtigste für uns – was man aus einem Hörspiel rausholen kann, wie man es bauen muß, um es auch funktechnisch wirksam zu machen, und ich hoffe, unser nächstes Stück wird noch besser. Ihr versprecht uns doch ganz fest, daß Ihr Euch das Spiel auch anhört, ja? […]

Aber zurück zu unserer Premiere! Am Ende schluchzten die Frauen vor Rührung (aber Du brauchst keine Angst zu haben, Mu, es geht nicht traurig aus!), […] und wir wurden mit Lobeshymnen überschüttet. […] am meisten freute mich bei dem ganzen Rummel, daß unsere Freunde von der Partei dabei saßen, die damals – bei der Arsch-Diskussion – solchen Unsinn geschwätzt hatten. Alle rühmten nämlich die schöne Sprache in dem Stück, und daß der politische Inhalt so dezent verpackt ist – also genau das, was wir bei der Buchdiskussion von einem Schriftsteller forderten. Der Kultursekretär, mit dem ich mich damals so in der Wolle gehabt habe, gratulierte uns – und ich glaube, er meinte es ehrlich. Vielleicht hat er jetzt begriffen, was ich meinte, wenn ich ihm sagte, Form und Inhalt müßten übereinstimmen, und die beste politische Aussage bleibt wirkungslos, wenn sie in einer schlechten und unliterarischen Form vorgetragen wird. Kurzum, es war ein großer Erfolg, und unser Prestige im Kombinat ist sichtbar gestiegen. Hinterher machten wir noch eine kleine Premierenfeier mit Rundfunks und der Partei, und wir sind uns, wie es scheint, dadurch auch menschlich näher gekommen […].

Der Rundfunk legte den Funktionären nahe, sie sollten unser Stück für den FDGB-Literaturpreis vorschlagen […]. Vielleicht ist sogar bei der Internationalen Runde noch was für uns drin. R. jedenfalls machte uns Hoffnungen; er sitzt selbst in der Jury und kennt die meisten anderen Stücke und hält sie für schlechter als unseres. […] Wenn wirklich nochmal ein Preis rausspringt, kaufen wir uns sofort ein Auto und kommen bei Euch angegondelt. […]

Gestern nachmittag war Daniel zum Pilzesuchen, und er brachte tatsächlich einen Beutel Pfifferlinge, die wir uns abends gebraten haben. Ein herrliches Gericht! Ich hätte noch ein Pfund mehr davon verputzen können. Daniel möchte jetzt öfter mal in den Wald schwirren […] – es tut ihm gut, er hat Spaß daran und kann auf diese bescheidene Weise mal ein wenig ausspannen. Wir sind ja beide keine Stiernaturen, und vielleicht sind wir auf die Dauer dem Trubel hier nicht gewachsen, wenn wir uns in Zukunft nicht mal ein paar freie Sonntage leisten.

[…] Schreibt bald, denkt an uns und seid ganz lieb gegrüßt und geküßt von

Eurer Brigitte […]

 

 

Hoy, 24. 7. 60

Liebe Mu, lieber Vati,

habt schönsten Dank für die Briefe und für den wunderbaren Neuendorfer-Kuchen, der leider einen Tag zu spät gekommen ist. Ich hatte an meinem Geburtstag verzweifelt auf das Postauto gewartet […].

Lutz’ Brief schicke ich wieder mit. Er hat mich ziemlich mitgenommen … Manche Stellen darin – z. B. über die Freiheit – gleichen fast wörtlich denen, die mein Lutz im Hörspiel sagt, nachdem er sich eine Zeitlang im Westen herumgetrieben und die goldenen Berge nicht gefunden hat.

[…] unser Geld ist jämmerlich zusammengeschmolzen (wir haben noch ganze 600 Mark auf dem Konto), die Anschaffungen haben eben doch eine Menge gekostet. Aber sie waren notwendig, und Ihr könnt sicher sein, daß wir nicht unnötig Geld verjuxen.

Ich hätte ja trotzdem große Lust, jetzt schon den Wagen zu bestellen; ehe er geliefert wird, vergeht doch viel Zeit. Erwin redet mir auch zu; er sagt, er würde uns 2000 Mark vorschießen. […] Eine Frage an Vati: Könntest Du, wenn wirklich Not am Mann ist (d. h. wenn der Wagen eintrudelt und unser Geld nicht ganz reicht), für ein paar Wochen 1000 Mark flüssig machen? […] Wir sind ganz verrückt nach einem Auto, wir wollen endlich mal aus dem Bau kommen und, wenn wir ins Kombinat müssen, nicht ewig Zeit vertrödeln (neulich habe ich wieder fast eine Stunde an der Haltestelle gestanden und mich halbtot geärgert, weil zuhause ein Haufen Arbeit lag); im Winter wird es noch schlimmer mit dem Busverkehr. Und vor allem wollen wir öfter mal nach Burg gondeln …

[…] Jetzt will ich Euch noch rasch ein bißchen von meinem Geburtstag erzählen. Daniel weckte mich nachts – große Bescherung: 27 Nelken und 27 Rosen – ein Farbenrausch; ein winziges Kofferradio, 3 Perlongarnituren (manchmal ist er eben doch ein kleiner Verschwender), eine silberne Halskette, Emailleschmuck, den »Stillen Don«, ein Buch von Lukian, ein riesiger Kasten Pralinen, ein modernes buntes Likörservice aus Steingut und Taschentücher, mit und ohne Spitzen … Er hat sich mal wieder selbst übertroffen. Morgens kam der kleine Pummel von Schömanns mit Tierchen für meinen Zoo, Harms (er ist der Älteste) mit einem Strauß Nelken, für den er seine Sparbüchse geplündert hatte.

Wir mußten unsere Gäste in zwei Schichten empfangen. Nachmittags kamen Richter (der Klubhausleiter) und unsere Bibliothekarin, Brigitte Hamann, und Günter, mein spezieller Liebling in der Brigade. Ich glaube, ich erzählte Euch schon von ihm; er kann kaum lesen und schreiben, ist aber ein prächtiger Charakter. Er wohnt mit Erwin zusammen im Lager und brachte mir, da Erwin schon auf seiner Völkerfreundschaft schwimmt, dessen Geschenk, einen silbernen Aschbecher aus Vietnam, der natürlich viel zu schön ist, als daß man ihn durch Asche entweihen könnte. Abends waren die Schömanns da und Rolf Järkel mit seiner Frau. Wir haben ein bißchen Wein getrunken und waren sehr lustig, ohne daß jemand einen richtigen Schwips hatte. Daniel hatte morgens noch eine Butterkremetorte besorgt. Leider ging es ihm gar nicht gut; er hat jetzt oft Magenbeschwerden, und wir wissen nicht, woher sie stammen. Wir leben eigentlich – bis auf das Rauchen – sehr gesund, wir essen jeden Tag Gemüse und öfter Obst und haben seit zwei Tagen ein neues Leben angefangen: Wir wollen jetzt immer spätestens um zehn ins Bett gehen und morgens um sechs aufstehen, damit wir den ganzen Vormittag schon zum Arbeiten haben. Hoffentlich läßt sich das in Zukunft durchhalten. […]

Mit vielen lieben Grüßen und einem Kuß für jeden

Eure Brigitte […]

 

 

Hoy, 4. 8. 60

Liebe Mu, lieber Vati,

[…] bei uns war in der letzten Zeit ein unheimlicher Trubel, es ging zu wie bei Prominenten, die Reporter gaben einander die Klinke in die Hand … […]

Nachmittags kam ein Pressefotograf, der für die Rundfunkzeitung eine Bildreportage über uns macht (vor dem Radio, hinterm Briefkasten, auf der Couch, unter der Couch, schreibend, lesend, diskutierend, junges Schriftstellerglück etc. pp.). Vorige Woche war die NBI hier und hat ebenfalls Aufnahmen gemacht, und Kiesling (er ist der Chefknipser von der NBI) hat sich so in meinen roten Latzrock verliebt, daß er von mir ein Titelfoto, bunt natürlich, machen will, und dazu soll ein Interview von uns erscheinen. Ich verstehe auch nicht, warum auf einmal alle möglichen Leute ihr Herz für uns entdecken – aber es ist ganz gut so. Über das Hörspiel sind schon eine ganze Anzahl von wohlwollenden Kritiken erschienen – da haben wir wirklich in aller Unschuld einen Schlager rausgehauen! […]

Daniel schreibt wieder eine sehr gute Geschichte, es geht freilich ein bißchen langsam voran, aber das macht nichts; jedenfalls liefert er Qualität, und Caspar – bei dem er vor zwei Tagen war – rechnet sowieso erst 1965 mit dem Geschichtenbändchen.

[…] Ihr müßt mich entschuldigen, wenn ich einen so kurzen Brief schreibe. Auf meinem Tisch liegen noch ca. 200 unbeantwortete Briefe mehr oder weniger offizieller Art, zu denen ich überhaupt keine Lust habe, denn augenblicklich macht mir mein Kapitel viel Spaß.

Wir sehen uns ja nächste Woche und haben unterwegs im Wagen Gelegenheit genug, über alles mögliche zu reden. Wenn Ihr an Miß Lullaby schreibt […] grüßt sie schön von mir.

Euch beiden (und Oma) die herzlichsten Grüße und einen Smatz

von Eurer Brigitte

Daniel läßt schön grüßen – er kocht gerade unser Mohrrüben-Mahl.

 

 

Hoy, am 12. 8. 60

Liebe Mu, lieber Vati,

[…] Ich graule mich schon vor dem sogenannten Urlaub, weil es eigentlich bloß eine Schinderei wird, und weil von dem Hörspiel, das wir dort schreiben sollen, soviel abhängt; das macht mich von vorhherein unsicher. Daniel allerdings ist recht zuversichtlich. Ach was, wir werden die Sache schon hinbiegen!

Sonst hat sich nichts Nenneswertes bei uns ereignet, […] sensationelle Briefe sind nicht gekommen, und der Nationalpreis ist uns auch noch nicht angeboten worden. Dafür läuft unser Hörspiel nächste Woche wieder […]. Das gibt wieder Sendegebühren, und das Wägelchen rückt in greifbare Nähe. […] Die Klubleitung hat immer noch nicht gezahlt; ich hörte schon, daß sie gar kein Geld mehr haben. Für die Kultur schlägt eben keines Finanzministers Herz. […]

Gestern haben wir mit Erwin im Wohnlager Geburtstag gefeiert; es war sehr nett und harmonisch, und niemand hat sich besoffen. Natürlich haben wir dabei wieder profitiert: wir haben ein paar tolle Geschichten gehört, die wir irgendwann mal niederschreiben werden. Leute, die sich mit Schriftstellern an einen Tisch setzen, müssen eben damit rechnen, daß sie literarisch ausgebeutet werden. […]

Für jeden einen Kuß von

Eurer Brigitte […]

 

 

Sayda, 22. 8. 60

Liebe Eltern,

[…] Wir arbeiten seit ein paar Tagen angestrengt am Hörspiel, haben den Fahrplan und die ganze erste Szene fertig. Es macht uns jetzt doch viel Spaß – man muß ja erstmal mit seinen Personen warmwerden. Wir vertragen uns sehr gut bei der Arbeit – solche Zankereien wie beim ersten Stück gibt es nicht mehr. – Neulich waren wir in der Spielzeugstadt Seiffen und haben für Daniel eine riesige Pyramide und für mich eine schöne handgeschnitzte Krippe gekauft. Für Euch haben wir auch ein Souvenir mitgebracht und werden es in den nächsten Tagen schicken; hoffentlich habt Ihr Eure Freude daran. – Wir wohnen hier sehr gemütlich und ruhig, unser Zimmer ist hell und nett; der Hauswirt hat sogar einen Teppich spendiert. Leider gibt es kein fließendes Wasser. Bis jetzt haben wir jeden Tag heizen müssen, sonst wären uns beim Arbeiten die Pfoten abgefroren. […]

Spazierengegangen sind wir noch nicht viel; dafür kommen wir endlich mal ins Kino (in Hoy waren wir ja nur ein einziges Mal im Kino). Anschluß haben wir nicht gefunden (und nicht gesucht); die Leute, die unseren Beruf ja nicht kennen, halten uns anscheinend für Halbverrückte, weil wir zum Arbeiten hier sind. Wir gehen früh ins Bett und essen unheimlich viel; wahrscheinlich liegt das an der Bergluft.

Viele liebe Grüße von Eurer Brigitte + Daniel

 

 

Hoy, am 16. 9. 60

Liebe Mu, lieber Vati,

[…] Weshalb ich heute einen Eilbrief schreibe: wir brauchen dringendst Geld … Für uns selbst unerwartet ist plötzlich ein Auto in greifbare Nähe gerückt […]. Bloß leider können wir es nicht bezahlen […].

Wir haben zwei Beziehungen laufen, über die ich Euch aber lieber mündlich berichten werde. Die eine Beziehung fährt heute nach Dresden und will zusehen, daß sie einen Volkswagen für uns erwischt. Wie gesagt, das kam für uns selbst so überraschend, daß wir zuerst fast einen Schreck bekamen und uns fragten, ob wir es riskieren können. Aber es wäre Idiotie, nicht zuzugreifen, denn auf offiziellem Wege ist gar nichts zu machen. Unsere Bibliothekarin sagte uns gestern, daß sie ihren Trabant trotz Dringlichkeitsbescheinigung erst in vier Jahren bekommen wird. Weniger als zwei Jahre dauert es bloß bei Sachsenring und Wolga … Ihr seht also, es ist das Gescheiteste, jetzt um jeden Preis das Geld aufzubringen […]. Daniel ist jetzt unterwegs, um den Schuldschein von S[…], dem wir ja 1000 DM geborgt haben, an jemanden anders zu verkaufen (natürlich einen Freund, denn mit anderen kann man solche Geschäfte ja nicht machen).

Fallt bitte nicht um, wenn ich die Summe nenne, die wir von Euch brauchen – 2 Mille oder allerwenigstens anderthalbtausend. […] Daniel sagte, ich sollte Euch gleich dazu schreiben, welche Sicherheiten wir zu bieten haben. Folgende: Im September bekommen wir den Hörspielvertrag (1800 brutto), ferner steht noch eine Sendegebühr für den »Mann vor der Tür« in Höhe von 1000 netto aus. Im Oktober oder November gibt es mindestens zwei Sendegebühren in der gleichen Höhe für das neue Stück (das Caspar wahrscheinlich auch wieder drucken wird). Außerdem kommen die »Kinder von Hellas« wieder heraus, und ich werde in den nächsten Tagen um die erste Rate bitten. Daniels und mein neues Buch laufen auch, so daß sich bis Ende des Jahres noch allerhand auf unserm Konto tun wird. Es würde sich also um ein Darlehen bis spätestens Dezember handeln. […] Ich weiß nicht, wie man am schnellsten das Geld hierher kriegen kann – vielleicht gib es so etwas wie Eilüberweisungen. Aber das wird Vati ja am besten wissen. […]

Nun seid bitte nicht böse, daß ich Euch so plitz und platz damit überfallen habe, und schimpft nicht auf Eure leichtsinnigen Kinder. Ihr wißt ja, wie dringend wir einen Wagen brauchen, und wir sind überzeugt, daß wir es uns auch wirklich leisten können […]. Irgendwann will man ja auch mal einen Lohn für die verdammte Arbeit haben […]; wenn alles gut gegangen ist, rauschen wir Ende September bei Euch an. Vielleicht haben wir sogar noch gutes Wetter für eine Ausflugstour.

Mit vielen lieben Grüßen […] und tausend Dank im voraus

Eure Brigitte

 

 

Hoy, am 24. 9. 60

Liebe Mu, lieber Vati,

[…] Zunächst einmal unseren herzlichsten Dank für Eure Hilfsbereitschaft – und für den lieben Brief des Finanzministers. […] Offen gestanden, ich hatte gar nicht damit gerechnet, daß Ihr eine so große Summe lockermachen könnt.

[…] Unsere Beziehung hat also in Dresden ihre Fühler ausgestreckt (wenn Ihr wißt, wer die Beziehung ist, schreit Ihr Feuer – aber das wird nur mündlich mitgeteilt), und es zeigte sich, daß in D. vorläufig nichts zu holen ist. Es gab nur noch einen alten Hanomag, den kein Mensch haben wollte und mit dem wir uns auch nicht auf der Straße zeigen würden – es sei denn aus Jux. Immerhin macht uns die Beziehung – die wir gar nicht persönlich kennen, sondern nur durch einen Mittelsmann – Hoffnungen, daß es im Oktober noch klappen könnte. Er wird dann den ersten besten, halbwegs anständigen Wagen sofort kaufen und damit bei uns vorgefahren kommen. Wir sind auf Überraschungen gefaßt. Aber eigentlich ist es uns ziemlich wurscht, welche Marke wir erwischen – Hauptsache, das Ding bewegt sich und sieht nicht so aus, daß uns die Kinder hinterherlaufen. Wir brauchten den Wagen ja nur ungefähr ein Jahr; bis dahin wollen wir soviel gespart haben, daß wir einen Skoda kaufen können.

[…] heute kam der Bescheid, daß wir den bestellten Kühlschrank abholen müßten. Wir haben natürlich zugegriffen, obgleich wir etwas erschrocken waren über den Preis. Er kostet 990 Mark – ein 60-Liter-Schrank. Wir brauchen ihn, und Gott weiß, wann die nächste Sendung kommt […]. Ihr findet es doch nicht leichtsinnig, nicht wahr? […]

Nun aber zu unserer Arbeit und unseren schönen Aussichten. […] Vorige Woche war der Fernsehfunk bei uns, obgleich wir einen Absage-Brief geschrieben hatten. Aber man scheint dort großes Interesse an uns zu haben, und so kam denn ein reizender kleiner Dramaturg angesaust, und wir ließen uns einwickeln und versprachen für Anfang des nächsten Jahres ein Stück. Eine ganz genaue Vorstellung haben wir allerdings noch nicht, aber wir wollen uns darüber jetzt auch nicht den Kopf zerbrechen – das stört nur die Arbeit an den Sachen, die momentan wichtiger sind.

Gestern war nun noch die Defa da. Es ist beinahe zum Lachen, wenn man sieht, wie einem plötzlich alle möglichen Leute nachrennen, die vorher keine Notiz von uns genommen haben. Ich weiß noch recht gut, wie kaltschnäuzig uns die Defa vor zwei Jahren eine Filmskizze über Pumpe zurückgeschickt hat – sie hätten genug Stoffe. Jetzt stellen sie auf einmal fest, daß sie durchaus keine Gegenwartsstoffe haben und gerade uns – die Basis-Autoren – brauchen. Der Dramaturg […] war ebenfalls sehr nett und aufgeschlossen; es scheint nun doch eine neue Lektoren-Generation heranzuwachsen […]. Er versprach, die Defa werde sehr mutig sein. Na, daran glaube ich noch nicht; an ehrliche Stoffe, Geschichten, wie wir sie hier täglich erleben, trauen sie sich ja doch nicht ran. Wir waren erst ziemlich zurückhaltend, und der Dramaturg sagte, er könne uns verstehen, die anderen Autoren hätten auch keine Lust mehr, für die Defa zu arbeiten, und die Filme würden immer schlechter. Eine anerkennenswerte Einsicht! Wir haben uns dann doch geeinigt; einen etwas heiklen Stoff haben wir auf Lager […]. Zunächst sollen wir mal eine Skizze einschicken.

Ihr seht, mit Plänen sind wir eingedeckt. Dazu kommen ja noch unsere Bücher: Ich will meinen Roman, der nun ein Jahr auf Eis gelegen hat, überarbeiten und zuende schreiben, und Daniel wird sich wieder seinem Pumpenbuch zuwenden. Wie wir das schaffen werden, ist mir noch unklar, aber ich denke, daß schon ein gewisser Erfolg unsere Arbeitslust mächtig beflügeln wird. Und wenn wir gesund leben – soweit sich das in unserem Beruf machen läßt – halten auch unsere strapazierten Nerven dieses Jahr durch. Vielleicht kann man danach ein bißchen langsamer treten und sich mal ein paar Wochen erholen.

Falls wir im Frühjahr einen Wagen haben, wollen wir für eine Woche nach Prag fahren, zum großen Musikfestival »Prager Frühling«. Wenn es geht, nehmen wir Rentzsch mit; er hat jedenfalls große Lust dazu, und wir stellen uns die Fahrt mit diesem charmanten Burschen sehr amüsant vor. Wir werden dann nämlich einige Kronen in Prag haben, so daß wir diese Woche gut leben können. R. sagte uns, daß Prag unser Hörspiel angekauft hat. Es würde nicht lohnen, die Kronen hierher überweisen zu lassen […]. Viel schöner ist es, das Honorar in der Goldenen Stadt zu verbraten, die wir sowieso gern mal sehen möchten. Und dann eine Woche lang die schönste Musik hören […].

Vielleicht schreibe ich vorher noch ein Kriminalstück, zusammen mit unserem Bezirksstaatsanwalt Hans Schneider, der sich diese Co-Produktion wünscht und heute einen interessanten Stoffvorschlag geschickt hat – eine tolle Mordgeschichte, die er seinen Akten entnommen hat. Ich weiß nicht, ob ich Euch schon von Schneider erzählt habe. Er ist ein bißchen älter als wir, vielleicht Mitte Dreißig, und gehört zu unsrem Cottbuser Schriftsteller-Verband. […]

Heute kam endlich ein Brief von Lutz, der sich anscheinend mit seiner Lage abgefunden hat und im Begriff ist, ein zufriedener Bundesbürger zu werden. Von seinem Standpunkt aus kann ich ihn verstehen, und ich wünsche ihm auch von Herzen Glück für seinen Weg – aber traurig ist es doch, daß eine Familie auf diese Weise auseinandergerissen wird, menschlich und politisch. Wer weiß, wie lange es noch dauert, und man kann sich nicht mehr verstehen, spricht zwei verschiedene Sprachen … Mir ist heute wieder die ganze Bitterkeit des gespaltenen Deutschland bewußt geworden. Aber was kann man momentan tun? Zurückkommen wird Lutz ja doch nicht, solange es ihm gut geht. Er hat schon angekündigt, daß wir große Diskussionen starten werden, wenn wir uns mal in Berlin treffen. Er schwärmte seitenlang von Krümel und hat auch ein paar entzückende Bilder mitgeschickt. Was für ein goldiges Kind! Das Bild, wo er sich mit seiner ulkigen bunten Mütze über den Wagenrand beugt, ist am süßesten; er sieht darauf Lutz sehr ähnlich. Man kriegt direkt Appetit auf ein Baby – wenn man nur wüßte, ob es auch so ein Schlager wird!

Im Oktober kommt unsere Sonja-Adoptivmutter nach Deutschland, und sie will auch uns eine Zeitlang besuchen. Sie ist auf Einladung des ZK der SED hier. […] Vielleicht kann man durch sie unserer lieben Kreisleitung eins auf den Deckel geben. Die guten Leute haben sich bis heute nicht gerührt […], und wir laufen immer noch als »Staatsfeinde« durch die Gegend. […] Wir sind nicht mehr so wütend wie am Anfang, aber es kratzt einen eben doch, daß man von so einem Dilettanten mit Dreck beworfen wird und keine Möglichkeit hat, sich zu rehabilitieren […], auf jeden Fall aber werden wir Sonja davon erzählen, und ich nehme an, sie wird der Kreisleitung eine »polnische Szene« machen, wie sie es nennt. Es wird eine temperamentvolle Angelegenheit werden, und da sie das ZK hinter sich hat, werden einige Genossen klein und bescheiden werden. Höchste Zeit! Manchmal kriegt man die Wut, wenn man so die Geschichten hört, was die Leute sich herausnehmen – nicht nur uns gegenüber, sondern auch unseren Arbeitern. Die Folgen kann man überall beobachten, es herrscht, wie ein Genosse das neulich ausdrückte, eine allgemeine Leckt-mich-am-Arsch-Stimmung unter den Kumpels. Aber irgendwann wird sich das ändern, ewig halten sich die Ochsen nicht, die die einfachen Arbeiter ständig vor den Kopf stoßen. […]

Unser Zirkel schreibender Arbeiter wächst, blüht und gedeiht, und wir freuen uns immer wieder, zu sehen, was für Talente wir dabei haben. Wir vertragen uns sehr gut mit unseren Zirkelleuten, und mit einigen sind wir sogar befreundet. […]

Wundert Euch nicht, daß ich bisher nichts von unserem »Privatleben« geschrieben habe. Es ist einfach deshalb, weil alles großartig in Ordnung ist: wir zanken uns nicht und haben uns schrecklich lieb – das ist das Einzige und zugleich Beste, was sich von unserer Ehe sagen läßt. Wir leben recht vernünftig, essen viel Obst und Gemüse, gehen nicht zu spät schlafen (außer wenn Besuch da ist) und kochen jeden Tag Mittagessen […]. Meistens bereitet Daniel die raffinierteren Sachen, und für mich bleibt die Hausmannskost. Sonntags ist er immer Oberkoch, und ich darf mich nicht in der Küche sehen lassen, bevor das Essen auf dem Tisch steht. Auch die ganze übrige Hausarbeit wird gemeinsam erledigt – mit einem Wort, ich habe einen Idealmann. Aber das wißt Ihr ja, nicht wahr? Sorgen habe ich bloß wegen Daniels Herzfehler, und wenn er abends noch draußen rumläuft, kann ich vor Angst nicht schlafen, weil ich immer denke, er könnte unterwegs einen Anfall bekommen. Ich wünsche mir nur eins: daß wir mal soweit sind, daß Daniel nur drei bis vier Stunden am Tag arbeiten muß und die übrige Zeit spazieren gehen oder lesen oder einfach ausspannen kann. […] Mir macht die Arbeit nicht soviel aus, vorläufig bin ich noch ganz schön stabil. […]

Mit vielen lieben Grüßen und einem Kuß für jeden

Eure Brigitte […]

 

 

Hoy, 8. 10. 60

Liebe Mu, lieber Vati,

da haben wir ja endlich mal wieder einen richtigen langen Brief bekommen – und ein paar Tage vorher auch die tausend Emmchen, die sich sehr gut auf unserem Konto ausnehmen und noch besser aussähen, wenn sie uns wirklich gehörten. […]

Heute nachmittag sind wir endlich mit unserem verfluchten Hörspiel fertiggeworden. […] Ausgerechnet an diesem Endspurt-Tag kam Hellmut Sakowski, er ist noch größer und breiter geworden. Wir haben uns natürlich mächtig gefreut. Er sagte, wir seien jetzt ganz berühmt geworden und in aller Munde (ich frage mich nur, warum), und er staunte, als Rundfunks Wagen vorgefahren kam: wir seien Starautoren; er habe noch nicht erlebt, daß sein Manuskript extra abgeholt wird. Aber sie brauchen es zur Woche des Gegenwartshörspiels, die im November anläuft. Hoffentlich gibt es daraufhin nun wirklich einen Jahresvertrag mit dem Rundfunk! […]

Der Fernsehfunk hat sich heute auch wieder gemeldet – mit einer herrlichen Sache. […] Man hat mir angeboten (genauer: mich gebeten), umgehend mit der Arbeit an einem Fernsehspiel zu beginnen. Die »Frau am Pranger« soll aufgeführt werden! Ist das nicht großartig? Ich werde natürlich selbst die Bearbeitung übernehmen. Der Dramaturg war ganz begeistert und sehr gerührt von der Geschichte und hat anscheinend im Funk mächtig Reklame dafür gemacht […]. Daß die Defa neulich da war, habe ich wohl geschrieben, nicht wahr? Sie wollen einen Film von uns und sind – vorläufig – sehr nett und mutig und zuvorkommend. Erfahrungsgemäß ändert sich das, sobald man den Vertrag unterschrieben hat. […] Mir wird ganz schlecht, wenn ich an meinen lieben Lewerenz denke. Er wird verrückt, wenn er hört, daß ich schon wieder abspringe und den Termin für das Buch nicht schaffe. Ich hoffe nur, daß er ein bißchen gnädiger gestimmt wird dadurch, daß es sich um ein Buch aus seinem Verlag handelt, und wenn sie auf Draht sind, machen sie schnell eine neue Auflage […]. Daniel glaubt auch, daß es ein ganz großer Knüller werden wird, bei dem alle Leute schrecklich weinen … Schriftsteller sind ein scheußliches Volk, was?

Es tut mir so leid, daß er es ablehnt, an dem Stück mitzuarbeiten, weil sein Ehrgeiz oder Stolz es nicht zuläßt. Es macht mich überhaupt traurig, zu sehen, wie er reagiert. Ich glaube, er ist ganz niedergeschlagen, weil er sich einbildet, nur ich hätte Erfolg. Aber ohne ihn wäre ich heute nicht in Pumpe, hätte kein Hörspiel geschrieben – und mit Pumpe und dem Hörspiel hat ja die ganze Erfolgsserie erst angefangen. Ohne ihn wäre ich ein ganz verkorkstes Frauenzimmer mit viel Wodka und Männergeschichten, und vielleicht wäre es mit der Literatur schon aus. Aber darüber möchte ich lieber nicht nachdenken. Ich wünschte mit jetzt dreifache Kräfte und doppelt so lange Stunden, damit ich viel schaffen kann. Mein Buch liegt mir doch schwer auf der Seele … […]

Jetzt muß ich schließen, es ist schon spät, und unter uns ist das Schlafzimmer der anderen Mieter. Schreibmaschine ist keine ideale Nachtmusik. […]

Tausend liebe Grüße von uns beiden

und für jeden ein Kuß von

Eurer Brigitte

 

 

Hoy, 6. 11. 60

Liebe Einsamkeits-Mu

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Jede Sorte von Glück" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen