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Ein Mann für alle Fälle: Jede Nacht mit Charlie

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Jennifer Crusie

Ein Mann für alle Fälle: Jede Nacht mit Charlie

Roman

Übersetzung aus dem Amerikanischen von
Heike Hellmann-Brown

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1. KAPITEL

Eine Yuppie-Bar war ein lausiger Ort für die Suche nach einem Helden, aber Allie McGuffey war verzweifelt. Also musste sie nehmen, was da war. Leider ließ die Auswahl erheblich zu wünschen übrig.

Sie schob ihre Hornbrille hoch und musterte resigniert die Reihe Barhocker. Geschäftsmann. Geschäftsmann. Freier Platz. Geschäftsmann. Geschäftsfrau. Frei. Frei. Typ im Grunge-Look. Geschäftsmann. Okay, dann eben der verhinderte Grunge-Rocker. Solange sie lebte, würde sie nie wieder eine Beziehung mit einem Anzugtypen eingehen. Selbst wenn die nur fünf Minuten dauerte.

„Hi!“ Allie warf ihre Tasche auf den Tresen und kletterte auf den Barhocker. Langsam drehte Tarzan sich um. Allie wusste nicht, was sie erwartet hatte. Vielleicht einen Traummann, der selbst Mark in den Schatten stellte. Bei aller Fairness ein Ding der Unmöglichkeit. Doch dieser Kerl hier war nicht mal im Rennen. Vage erinnerte er an einen der Jungs, die in High-School-Klassen grundsätzlich die hinteren Reihen bevölkerten. Zugegeben, er sah nett aus. Sehr nett. Aber das war es auch schon. Das dunkelblonde Haar hing ihm bis über den Kragen, seine braune Lederjacke und die Jeans hatten schon bessere Tage gesehen, aber ansonsten wirkte er gepflegt.

„Erwarten Sie jemanden?“ Allie warf einen vorsichtigen Blick über die Schulter. Alles, was sie tun musste, war, den Grunge-Rocker in eine Unterhaltung zu verwickeln, bis Mark hereinkam, sie in männlicher Gesellschaft antraf und wieder verschwand.

Mark mochte keine Konkurrenz.

„Also, sind Sie?“ Allie lächelte wie eine Televerkäuferin. „Verabredet, meine ich.“ Hoffentlich bekam sie keinen Korb. Von Fehlschlägen hatte sie heute nämlich die Nase gestrichen voll.

Sie war gefeuert! Die Worte ihres Bosses und Exlovers, „Starmoderator“ Mark King, hatte Allie noch im Ohr: „Natürlich bist du nicht gefeuert. Du wirst lediglich versetzt.“

„Ersetzt“ traf es besser. Durch Lisa Mitchell, seine neueste Geliebte. Nicht nur, dass der ungekrönte Star des Radiosenders WBBB sie vor einigen Wochen aus Prestigegründen recht unsanft aus seinem Bett geschubst hatte – das unrühmliche Ende einer sechsmonatigen Affäre –, jetzt besaß er auch noch den Nerv und schanzte Lisa ihren Job zu!

Erst vor einer halben Stunde hatte Allie die Türen des Senders voller Elan aufgestoßen. Wie üblich fielen ihre Kollegen gleich wie die Krähen über sie her. Allie liebte diesen Rummel. Hier war sie Allie, das Hirn hinter der Mark-King-Show, Allie, die Retterin. Freud wäre sicher das ein oder andere zu ihrer sonderbaren Identitätsfindung eingefallen, doch verglichen mit all den anderen Problemfällen, die im Sender frei herumliefen, befand sie sich trotz ihres Egotrips bei relativ guter seelischer Gesundheit.

Zuerst war es nur Karen, die Empfangsdame, die laut „Allie!“ rief.

Das alarmierte Lisa, Allies Assistentin, die türknallend in den Flur stürmte. „Allie, ich …“ Prompt wurde sie beiseite geschoben von Albert, dem Finanzdirektor: „Allie, die Quoten …“ Diesen wiederum übertönte Marcia, der Nachmittags-Barrakuda. „Allie, wie ich hörte …“

Rücksichtslos schubste Mark, Allies Exlover und gegenwärtiger Chef, sie beiseite. „Allie, ich möchte dich in deinem Büro sprechen. Sofort!“

Schweigen senkte sich über die Lobby. Normalerweise fiel Mark weniger durch völlig unangebrachtes autoritäres Gebaren auf als durch eine beständig praktizierte Selbstinszenierung, die sich darin äußerte, dass er zu laut redete – vornehmlich über sich selbst –, ständig wichtige Namen fallen ließ und immer an den falschen Stellen herzlich lachte.

Unverfroren nahm er hinter Allies Schreibtisch Platz. Nur mit Mühe verkniff sie sich eine spöttische Bemerkung. Dies war ihr Büro, so winzig und voll gestopft es auch sein mochte! Es war ihr Schreibtisch, ihr Sessel, und er machte sie zu einem Besucher in ihrer eigenen Domäne!

„Es gibt keinen schonenden Weg, dir das beizubringen, Allie-Schatz, also sage ich es geradeheraus.“ Durch ungeschickte Gewichtsverlagerung kippte der Drehsessel in die Horizontale, was dazu führte, dass Mark statt mit Allie mit der Zimmerdecke sprach. Das allerdings spielte kaum eine Rolle, denn so, wie sie ihn kannte, geriet er jetzt erst einmal ausgiebig ins Philosophieren, ehe er auf den Punkt kam. Vorausgesetzt, er hatte überhaupt einen. „Zugegeben, Allie-Schatz, es wird schwer für dich, aber du bist schließlich erwachsen. Die Dinge ändern sich. Wandel ist positiv. Die Menschen wachsen an neuen Aufgaben. Sieh mich an.“

Das tat sie. Was blieb ihr anderes übrig? Während Mark sich weiter in Selbstbeweihräucherung erging, begann Allie automatisch seinen heruntergeleierten Monolog für Sendezwecke zu überarbeiten. Dabei dämmerte ihr der Verdacht, dass ihr vermeintlicher Liebeskummer nichts als ein „Die Geister, die ich rief“-Phänomen sein könnte, denn dieser hohlköpfige, wenn auch äußerst dekorative Dressman langweilte sie zu Tode.

„Das ist also der Grund, weshalb …“

Ungeduldig unterbrach sie seine hochdramatischen Ausführungen. „Warum kommst du nicht einfach zum Thema? Falls es dir entgangen sein sollte, ich habe noch jede Menge Arbeit zu erledigen, wenn du weiterhin den großen Star spielen willst.“ Okay, das ging unter die Gürtellinie, aber mit der Inbesitznahme ihres Sessels hatte er den Streit provoziert, diese Laus!

„Na schön. Hier ist es.“ Schwungvoll beförderte er den Sessel in Sitzposition. „Du wirst nicht mehr an meiner Show arbeiten.“ Das war’s. Der Mann von Welt stellte Tatsachen fest. Mit den unangenehmen Folgen durften sich andere auseinander setzen.

Der Raum drehte sich. Allie sank auf den nächstbesten Stuhl. „Was?“

„Seit unserer Trennung verspüre ich bei dir eine gewisse Feindseligkeit. Negative Schwingungen beeinträchtigen meine Kreativität. Daher übernimmt mit sofortiger Wirkung Lisa deinen Job. Es ist das Beste für alle von uns.“

Lisa! Ihre Assistentin. Marks neue Geliebte. Marks neue Produzentin!

„Für wen?“ konterte sie. Immerhin hatte sie ihn geschaffen! Wie konnte er es wagen, die Früchte ihrer Arbeit einer anderen Frau zu übertragen? Einer Frau, die – so ganz nebenbei erwähnt – ihr gesamtes Radiowissen Allie verdankte! „Nicht für alle!“ Sie betonte das letzte Wort. „Du moderierst die Prime-Time-Show. Ich bin die Prime-Time-Produzentin. Solange du dich nicht mit deinem neuen Schwarm an irgendeinen kuscheligen Ort wie beispielsweise die Antarktis zurückziehst und mir die Sendezeit überlässt, ist es nicht das Beste für mich!“

„Natürlich ziehe ich nicht weg. Ich bin schließlich das Talent.“

Er war das Talent. Was, zum Teufel, war dann sie?

„Komm, beruhig dich. Schließlich bist du nicht gefeuert. Alle Beteiligten wissen deine bisherige Leistung durchaus zu schätzen.“ Ungeachtet ihrer versteinerten Miene sprach er weiter. „Bill gibt dir eine neue Sendung. Dafür habe ich gesorgt.“

Rasender Zorn gewann die Oberhand über ihre Panik. Der gute alte Mark! Was für ein Herzchen! „Danke für die Unterstützung! Viel Glück für die Zukunft! Und jetzt raus aus meinem Sessel!“

Instinktiv folgte er ihrem Befehl. Die Macht der Gewohnheit. „Warum genehmigen wir uns nicht einen Drink im Settle Inn?“ Strotzend vor Gönnerhaftigkeit, schlenderte er zur Tür. „Als Zeichen dafür, dass es keine feindseligen Gefühle zwischen uns gibt.“

Am liebsten hätte Allie diesem aufgeblasenen Wichtigtuer jedes einzelne ihrer ausreichend vorhandenen feindseligen Gefühle um die Ohren gehauen! Aber so ein kleiner Mord unter Freunden brachte hohe Prozesskosten mit sich, und die konnte sie sich dank ihres unerwarteten Karriereknicks nicht leisten. Natürlich würde Bill, der große Boss von WBBB, sie herauspauken. Sobald er sich abgeregt hatte, was manchmal ganz schön lange dauern konnte. Nein, besser nicht. Überhaupt hielt Mark sich ja nur mit Mühe und Not aufrecht. Wer erschlug schon so einen Schwächling? Als Notwehr ging das niemals durch. Vielleicht Mord im Affekt? Sie könnte auf zeitweilige Unzurechnungsfähigkeit plädieren. Wenn sie dann noch ihre kurze Affäre mit dieser Null beichtete, würde ihr jeder Richter mildernde Umstände zubilligen.

„Tut mir leid, aber ich habe bereits eine Verabredung.“ Blitzschnell tauchte Allie unter seinem Arm weg und floh in den Flur. Energisch blinzelte sie die aufsteigenden Tränen zurück, denn beim ungewohnten Anblick einer tränenüberströmten Ex-Prime-Time-Produzentin vermuteten bestimmt gleich alle einen plötzlichen Todesfall. Und dann müsste sie ihren Freunden erklären, dass Mark tragischerweise noch unter den Lebenden weilte.

Begriffsstutzig wie er war, folgte er ihr.

Allie beschleunigte das Tempo. Als sie am Empfangstresen vorbeihastete, schob Karen ihr einen Umschlag zu. Ihr mitleidiges Lächeln gab Allie den Rest. Wortlos steckte sie den Brief ein, rang sich ein halbwegs unbekümmertes Lächeln ab und stürmte mit Mark auf den Fersen zum Lift.

Zum Glück erbarmte sich Karen und hielt ihn auf.

Fünf Sekunden später stand Allie buchstäblich auf der Straße.

Sie war gefeuert! Von der Erfolgsproduzentin zum Nichts. Der rasante Sinkflug einer kometenhaften Karriere! Verbissen reckte Allie das Kinn. Was soll’s, sagte sie sich. Dann würde sie eben eine neue Supersendung auf die Beine stellen!

Wenn es bloß so einfach wäre …

Einen Augenblick lang verspürte Allie nackte Angst. Was, wenn sich der Erfolg nicht wiederholen ließ? Was, wenn Mark recht hatte, und er besaß das Talent?

Nein! Sie würde den Weg zurück an die Spitze finden!

Sie biss die Zähne zusammen und betrat das Restaurant auf der anderen Straßenseite. Die Eingangshalle trennte den Speisesaal von der Bar, eine Art entmilitarisierte Zone, die die essenden Yuppies von den trinkenden Yuppies trennte. Hier blieb Allie stehen und öffnete den Umschlag. Sie fand die Art Notiz, für die der Besitzer des Senders berühmt war: kurz, taktlos und prägnant:

Vergessen Sie Mark King! Ab sofort kümmern Sie sich um Charles Tenniel, der für Waldo Hancock einspringt. Seien Sie morgen um Punkt fünf in meinem Büro.

Bill

Dem wahnwitzigen Waldo gehörte die Friedhofsschicht von 22 bis 2 Uhr. Sie war gerade vom Äquivalent der „Oprah-Winfrey-Show“ zu einem Unterhaltungsmagazin mit viel Werbung degradiert worden. Und ihr Mitbewohner, Joe, der sie eigentlich hier treffen sollte, war nicht da, um sie zu trösten! Auch der Rückweg war abgeschnitten, denn vor der Tür stand Mark, der Leute begrüßte, die ihn begrüßten, als sei er ein Star. Was er natürlich auch war. Wegen Joes Verspätung würde Mr. Megastar in die Bar kommen und sie allein antreffen. Künftig musste sie sich wirklich bessere Lügen ausdenken. Nicht, dass Joe eine besonders beeindruckende Verabredung abgab, aber immerhin war er beeindruckender als überhaupt keine Verabredung.

Charlie Tenniel dachte über seine Zukunft nach, als dieser brünette Bibliothekarinnentyp ihn aufriss. Sechs Wochen, Maximum, dann würde er dieser Stadt wieder den Rücken zukehren. Wie schwer konnte es schon sein, den Absender eines anonymen Briefes an einen Radiosender in Tuttle, Ohio, aufzuspüren? So groß war der Sender nicht. Zur Hölle, nicht mal die Stadt war besonders groß! Sein Hauptproblem bestand darin, möglichst überzeugend einen Discjockey zu mimen, und wie schwer konnte das sein, wenn sein Bruder es sogar im Drogenrausch geschafft hatte? Spätestens Anfang November konnte er sein nächstes Ziel ansteuern. Möglichst weit entfernt von seinem Vater, der ihn in letzter Zeit ständig um irgendwelche verrückten Gefallen bat. Wie beispielsweise: „Überprüf doch mal diesen Radiosender für meinen alten Freund Bill!“ Das kam davon, wenn man persönlich zum väterlichen Geburtstag erschien. Ab sofort würde er nur noch Karten schicken. Sobald er hier fertig war, würde er zur Abwechslung mal eine Weile etwas Einfaches machen. Zum Beispiel Schweine züchten. Nein, zu kompliziert. Dann eben Karotten anbauen. Karotten brauchten keine regelmäßige Fütterung.

Ein schrilles „Hi!“ unterbrach seinen Gedankengang.

Trotz der offensichtlichen Anmache war sie keine der gelackten Emanzen, die Männer zum Zeitvertreib aufgabelten. Hinter einer riesigen runden Hornbrille glitzerten intelligente braune Augen. Das kinnlange goldbraune Haar umrahmte ein zartes Gesicht mit einem verführerischen kirschroten Mund. Das Blümchenkleid und die übergroße Weste waren auch nicht gerade Femme-fatale-Stil. „Was haben Sie vor?“

„Sie aufzureißen?“ Erneut lächelte sie angestrengt.

„Nie im Leben. Was wollen Sie wirklich?“

Das künstliche Lächeln wandelte sich in ein ernsthaftes Stirnrunzeln. „Das glaube ich einfach nicht! Können Sie nicht wenigstens so tun, als hofften Sie auf eine Glückssträhne?“

„Theaterspielen liegt mir nicht.“ Charlie ignorierte das Wimperngeklimpere und stupste den Finger in den Plüschbeutel, den sie auf die Bar geworfen hatte. Vage erinnerte er an einen uralten, blau geblümten Teppich. Charlie hatte nie auch nur etwas annähernd Ähnliches gesehen. Das galt auch für Mary Poppins, die hier anscheinend auf Männerfang ging.

Allie musterte ihn über ihren Brillenrand hinweg. „Betrachten Sie einen gemeinsamen Drink einfach als Akt der Nächstenliebe.“ Auf seinen skeptischen Blick hin setzte sie hinzu: „Ich schwöre, das ist alles.“

„Sagte die Spinne zur Fliege.“ Ganz sicher folgten Komplikationen. Die folgten immer. Deshalb hatte Charlie während seiner vierunddreißig Lebensjahre gelernt, leicht auf den Füßen und schnell aus der Tür zu sein. Andererseits verfügte er über einen freien Abend, bevor er seine Nase in anderer Leute Angelegenheiten stecken musste, also konnte er sie ebenso gut eine Weile in ihre Angelegenheiten stecken. Er machte dem Barkeeper ein Zeichen. „Die Lady würde gerne …“

„Die Lady würde gerne für ihren Amaretto mit Sahne selbst zahlen, Max.“ Sie nahm ein Bündel Dollarnoten aus ihrer Teppichtasche und warf einen verstohlenen Blick über die Schulter.

„Kommt sofort, Allie.“ Der Barkeeper verschwand.

„Amaretto mit Sahne?“ Charlie rümpfte die Nase.

„Eigentlich sollte es entrahmte Milch sein, aber Bars führen keine entrahmte Milch.“

Vielleicht sollte er künftig doch vorsichtiger mit flüchtigen Barbekanntschaften sein. „Wissen Sie, Sie arbeiten mit der verrücktesten Anmache der westlichen Hemisphäre.“

„Anmache?“ Ihre Wangen glühten vor Verlegenheit. Verlegenheit stand ihr sehr gut. „Das ist keine Anmache. Die Anmache war das gepiepste ‚Hi‘ vorhin. Das, was nicht funktionierte.“ Aus ihren Augenwinkeln bemerkte sie eine Bewegung. „Da ist er! Okay, hier kommt der Deal: Wir sind zusammen. Versuchen Sie so auszusehen, als hätten Sie mich gerade nicht beleidigt.“

„Das war keine Beleidigung, sondern eine Feststellung.“

Wollte sie sich wirklich mit diesem Besserwisser herumstreiten, wo das Verhängnis nur Meter entfernt war? „Er geht vorüber. Ich bin sicher, er geht vorüber. Er muss einfach …“

Ein geschniegelter Schönling blieb neben ihr stehen. „Allie! Hier steckst du also!“

Wie von der Tarantel gestochen fuhr sie hoch. „Mark! Was für eine Überraschung, dich zu sehen!“

Nicht übel, fand Charlie. Eine überzeugende schauspielerische Leistung, aber eine ziemlich lahme Antwort. Neugierig betrachtete er den Störenfried: sehr gut aussehend, wenn man wirklich schöne Männer mochte. Sehr teurer Anzug. Zahnpastalächeln. Bestimmt wusste er, dass seine Sitznachbarin Todesqualen litt. Kopfschüttelnd leerte Charlie sein Glas. Gut, dass ihn die ganze Sache nichts anging. Es war ein Schlamassel erster Güte.

„Lass mich dir einen Drink bestellen, Al. Das ist das Mindeste, was ich tun kann.“ Mark machte dem Barkeeper ein Zeichen, nahm neben Allie Platz und klopfte ihr brüderlich auf den Rücken.

„Grrrr.“ Das leise Knurren ging fast unter im Lärmpegel der Bar.

„Blicken Sie nicht drein wie ein verwundeter Basset!“ flüsterte Charlie ihr ins Ohr.

Sofort bedachte Allie ihren neu erkorenen Intimfeind Mark King mit einem strahlenden, wenn auch leicht maskenhaften Lächeln.

„Willst du mir deinen Freund nicht vorstellen?“

Da Charlie Allies Geisteszustand langsam Sorgen bereitete, zeigte er Mitleid. „Charlie Tenniel.“

Beiden entging Allies Bestürzung.

„So ein Zufall! Ich bin Mark King. Sie haben meine Produzentin geerbt, Sie Glücklicher! Von mir weiß sie alles, was es im Radio zu wissen gibt.“

Allie schluckte. Während Mark seine vielfältigen Erfolge ausgiebig lobte, schweiften Charlies Gedanken ab. So viel also zu einer amüsanten Ablenkung. Allie arbeitete beim Sender. Zusammen mit diesem Blödmann. Grandiose Aussichten.

Allies gequälte Miene sprach Bände. „Stimmt das?“ zischte sie. „Sie sind mein neuer DJ?“ Auf sein kaum merkliches Nicken hin stieß sie einen Stoßseufzer aus. „Darüber sprachen wir gerade“, schwindelte sie ihren Exlover an.

Marks Neugier war geweckt. „Kennt ihr beide euch schon länger?“

In einem Zug kippte Allie ihren Amaretto hinunter. „Es erscheint mir wie eine Ewigkeit.“

„Vorsicht, Honey, Sahne ist keine entrahmte Milch!“ Charlie nahm ihr das leere Glas ab. „Das ist das harte Zeug. Max, noch einen Spezialmix für die Lady. Besser noch, schieben Sie einfach die Flasche rüber, und treiben Sie die Kuh herein.“

„Ein Komiker.“ Allie rollte die Augen. „Fünf Typen sitzen an einer Bar, und ich wähle ausgerechnet den Scherzkeks.“

„Wie bitte?“

„Sie liebt meinen Humor.“ Charlie legte seiner neuen Sendeleiterin den Arm um die Schulter. „Humor ist die Basis jeder guten Beziehung.“

„Vielleicht ist das bei uns schief gelaufen, was, Allie?“

Was für ein Idiot! dachte Charlie.

„Ihr beide wart einmal …“ Vielsagend wackelte Charlie mit den Augenbrauen. „Das hast du mir nie erzählt, Honey.“

„Es ergab sich nicht.“ Aus seiner Armbeuge heraus bedachte sie ihn mit einem vernichtenden Blick.

„Sie sind ein glücklicher Mann, Tenniel.“

„Ja, das sagen alle. Dabei ist es kein Glück, sondern pures Talent.“

„Wie habt ihr beide euch kennen gelernt?“

Charlie genoss die Situation aus vollen Zügen. „In einer Bar. Sie hat mich angesprochen.“

„Allie?“

„So was passiert mir ständig. Animalischer Magnetismus oder so.“

„Oh, ein Scherz.“ Mark wirkte erleichtert. „Wie habt ihr beide euch wirklich kennen gelernt?“

„Ich habe ihn angesprochen.“ Wortlos wies Allie Charlie in seine Schranken. „Die Wahrheit ist …“

Charlies fester Griff drückte ihr kurzzeitig die Luft ab. „Die Wahrheit ist, sie setzte sich neben mich, und ich dachte: ‚Was für eine tolle Frau‘. Ein Wort gab das andere, und seitdem sind wir zusammen.“

Allies Kopf schoss hoch. Gegen ihren Willen musste sie über so viel Dreistigkeit lächeln. „Du bist ein guter Mensch, Charlie Tenniel“, raunte sie ihrem unfreiwilligen Partner zu. „Ich verzeihe dir die Beleidigung vorhin.“ In dem gedämpften Licht der Bar schimmerte Allies Haar wie Bronze. Und erst ihr Mund! Unter seiner eindringlichen Musterung befeuchtete sie nervös die Lippen. Einer Herausforderung hatte Charlie noch nie widerstehen können. Den Blick fest auf ihre Zungenspitze geheftet, wickelte er eine Haarsträhne um den Finger und zog Allie unerbittlich näher.

„Also, wie lange kennt ihr euch wirklich?“ brach Mark den Zauber des Augenblicks.

„Eine Ewigkeit.“

„Ich hätte Lisa mitbringen sollen. Wir hätten zusammen essen können.“ Mark verzog das Gesicht. „Wirklich schade. Jetzt ist ihr Charlie entgangen.“

Hinter dem Rücken ihres Sitznachbarn machte Allie jemandem am Durchgang zur Eingangshalle verstohlen ein Zeichen. Ein hoch gewachsener Mann verschwand im Speisesaal. Na so was, seine neue Produzentin besaß Geheimnisse. Das Leben wurde mit jeder Minute interessanter!

„Keine Sorge.“ Charlie trank aus. „Ich gehe nirgendwohin. Außer an die Spitze der Einschaltquoten.“

Mark nahm auch das als Scherz. Sein Lachen erinnerte an ein asthmatisches Pferd. Wahrscheinlich war das der Grund, weshalb Allie ihn verlassen hatte. Obwohl auch sein IQ an manche Vierbeiner heranreichte. Was zu einer äußerst unangenehmen Schlussfolgerung führte: Falls dieser Depp stellvertretend für seine übrigen Radiokonkurrenten war, würde Charlie tatsächlich früher oder später an der Spitze der Einschaltquoten landen! Leider war ein hoher Bekanntheitsgrad der Ruin jedes Undercover-Agenten.

„Unser Dinner wartet.“ Allie glitt von ihrem Barhocker. „War nett, dich wiederzusehen, Mark.“ Mark wollte sie zum Abschied küssen. Durch ein ungeschicktes Ausweichmanöver landete sie in Charlies Armen.

„Diese Frau ist mir rettungslos verfallen.“ Allie war weich und rund und duftete verführerisch nach Blumen. „Beherrsch dich“, spottete er und zog sie zwischen seine Schenkel.

„Es muss an deinem animalischen Magnetismus liegen“, witzelte sie. „Jetzt bin ich beherrscht. Du kannst mich loslassen.“

„Noch nicht.“ Damit küsste er sie.

Eigentlich hatte er nur einen flüchtigen Kuss vorgehabt, hauptsächlich, um Mark zu ärgern, und, okay, zugegeben, weil sie einen so reizvollen Mund besaß. Kaum schmeckte er ihre berauschende Süße, wollte er mehr.

In ihrem Kopf drehte sich alles. Überrascht klammerte sie sich an Charlies breite Schultern, öffnete die Lippen, erwiderte sein leidenschaftliches Zungenspiel und überließ sich ihren Empfindungen. Die Hintergrundgeräusche verblassten. Rastlos glitten seine Hände über ihren Rücken und umfassten ihren Po. Dabei drängte er sich an sie, und Allie fühlte seine männliche Härte.

Er war eindeutig erregt.

Das brachte sie schlagartig zur Besinnung. „Was … was machst du da?“

Mit Mühe erinnerte sich Charlie, wo er war. „Die Fronten klären. Komm sofort wieder her!“

„Also wirklich, Allie!“ unterbrach ein sichtlich verstimmter Mark das Geplänkel. „Du befindest dich in einem öffentlichen Restaurant!“

„Das ist Lust“, bemerkte Charlie trocken. „Sie kann einfach nicht ihre Lippen von mir lassen.“

Mit hochroten Wangen schnappte sich Allie ihre Tasche und rauschte aus der Bar. Wesentlich gemächlicher stand Charlie auf. „So, wie es aussieht, King, müssen wir weiter. Grüßen Sie Lisa.“

In der Halle holte er Allie ein und blockierte ihr den Weg. So leicht ließ er sich nicht abschieben! Es gab zu viele Dinge, die sie ihm über den Sender erzählen konnte. Wahrscheinlich todlangweiliger Klatsch, den auch alle anderen kannten. Aber die besaßen weder Allies betörende Stimme noch ihren verlockenden Mund. „Wo willst du hin?“

„Zum Dinner. Mit dem einzigen perfekten Mann, den ich kenne.“ „Du meinst deinen Vater.“ Charlie nickte. „Ich sollte ihn kennen lernen, damit er seine vernichtende Meinung über deine Schützlinge korrigieren kann.“

„Nein.“

„Nein, das soll er nicht tun?“

„Nein, er ist nicht mein Vater.“

„Nein?“ Seine Gedanken überschlugen sich. „Puh, ich habe noch nie einen perfekten Mann getroffen.“ Er versuchte einen treuherzigen Augenaufschlag. „Ich suche übrigens schon lange nach einem Vorbild.“

„Wer bist du wirklich? Satan?“ Aufgebracht bohrte Allie ihm den Zeigefinger zwischen die Rippen. „Ich werde bestraft, richtig?“

„Ich bin Charlie Tenniel.“ Formvollendet reichte er ihr die Hand. Ein Überbleibsel seiner guten Manieren. „Der künftige Kollege dieses ausgestopften Hemdes, mit dem du ausgegangen bist. Ich hoffe doch stark, dass sich eure Aktivitäten auf Händchenhalten in vollbesetzten Restaurants beschränkten. Ich hasse nämlich die Vorstellung, eine Frau, die ich in einer Bar geküsst habe, könne tatsächlich mit so einer Niete ins Bett gehüpft sein.“

Uneingeladen folgte er ihr ins Restaurant, einem großen Saal mit zu viel Mahagoni und zu wenig Licht. An einem der hinteren Tische erhob sich ein Mann und winkte Allie zu. Charlies Augen musterten ihn argwöhnisch. Dieser Typ stellte tatsächlich eine echte Konkurrenz dar. Er überragte sogar seine einsachtundachtzig und war klassisch attraktiv, ohne die damit üblicherweise verbundene Arroganz. Sein Kinn war markant, das blonde Haar glänzte, seine blauen Augen blickten warm, und das Lächeln, das er Allie schenkte, verriet aufrichtige Zuneigung.

„Dein Bruder?“

„Nein.“

Gereizt suchte Charlie nach einem Makel an Mr. Perfekt.

Am Tisch stellte Allie die beiden Männer einander vor. „Joe, das ist Charlie Tenniel, mein neuer DJ. Übrigens solltet ihr euch duzen, denn wir haben uns gerade so gut wie verlobt.“

„Mir scheint einiges entgangen zu sein seit Karens Anruf vorhin.“ Unerfreuliche Nachrichten machten schnell die Runde.

„Charlie, das ist Joe Ericson, mein Mitbewohner. Er ist der Buchhalter des Senders.“ Sie klang wie ein wohlerzogenes Kind. Allmählich fragte sich Charlie, wie Allie hinter der Maske aus Höflichkeit und Abwehr wirklich war. Nein! Derartige Überlegungen zogen genau die Art von Komplikationen nach sich, die er vermeiden wollte.

„Charlie Tenniel.“ Die beiden Männer schüttelten sich die Hand.

„Der berühmt-berüchtigte Ten Tenniel?“

Er schüttelte den Kopf. „Bitte nenn mich Charlie.“ Verdammt! Er hasste Lügen, doch er hätte ja wohl kaum erwidern können „Nein, das ist mein Bruder, der drogendealende DJ.“

„Eine Bekannte aus Lawrenceville schwärmt von dir. Anscheinend hast du durch dein plötzliches Verschwinden deine ganze Fangemeinde in Aufregung versetzt“, fuhr Joe fort.

„Wer in Lawrenceville?“ Trotz der Frage galt Allies Interesse vornehmlich der Speisekarte.

„Rona. Wir waren zusammen auf einem Seminar, erinnerst du dich?“

„Du bist mit Rona in Verbindung geblieben?“ Abwesend fuhr Allie mit dem Finger die Menüs entlang. „Pasta.“

„Ich bleibe mit allen in Verbindung.“ Joe tippte auf Allies Karte. „Keine Pasta. Nudeln gibt’s morgen bei uns. Bestell dir was, das die Köche zum Rotieren bringt. Magst du Pasta, Charlie? Dann komm morgen zum Dinner.“

Charlie schenkte ihm sein gewinnendstes Lächeln. „Mit Vergnügen.“ Noch ein Kontakt im Sender. Erst Allie, dann Mark und jetzt Joe. Er konnte sich wirklich gratulieren.

Allie schien weniger entzückt.

„Sieh mich nicht so an! Ich möchte Ten Tenniel kennen lernen.“

„Charlie“, verbesserte er prompt. „Nenn mich einfach Charlie.“

Männer! Eben noch Konkurrenten, und schon waren sie die besten Freunde! Im Gegensatz zu Joes deutlicher Begeisterung waren Allies Gefühle eher zwiespältiger Natur. Charlies spontanes Einspringen bei der Konfrontation mit Mark war ein netter Zug gewesen, allerdings musste sie nun mit einem Mann zusammenarbeiten, der sie in einer Bar geküsst ...

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