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Je Fussball, desto ohne mich!

Inhalt:

Anstelle eines Vorwortes

Das Dilemma

Sport ist gut

Fussball – klar!

Fussball und Kultur

Das E-Bike

Die Entwicklung der Sprache am Beispiel des Fussball-Fans Jasper

Mathe für Fans

Elternabend

Das Freundschaftsspiel

Krieges Bruder

Das Beinahe-Tor

Der arme Hund

Fan-Sein ist kein Zustand

BVB – Danke, Papa!

Wurst und Spiele

Ey, hömma!

Die Angst des Tormanns

Das Ende der Krise

FC Schalke

Mein Verein gewinnt immer

Sense

Denke ich, bloß weil ich bin?

Forscher blasen Fussballergehirn auf

Das Tor stimmt nicht

Lucky

Fussball, voll öko

Protokoll einer Veränderung

Ein Sportreporter im Himmel

Am Bolzplatz gestrandet

Tod bei der WM 2006

Nachtrag zur EM 2016

Senegal gegen Kolumbien

Die WM 2018 und kein Ende

Anstelle eines Vorwortes

Eigentlich hätte sich hier das Vorwort eines der ganz Großen gut gemacht, einer der Ikonen des internationalen – wenigstens aber des nationalen Fussballs. Nun hat allerdings die letzte Zeit gelehrt, wie schnell eben diese Großen plötzlich ins Visier der Steuerfahnder rücken können, unter Korruptionsverdacht stehen oder mit anderen Schmuddeligkeiten in Verbindung gebracht werden müssen – selbst von der eigentlich den eher individuellen Sportarten wie Radfahren vorbehaltenen Praxis des Dopings ist im Fussball schon gesprochen worden. So war es sicherlich ein Akt weiser Voraussicht, nicht auf Autoren dieser Provenienz zuzugreifen, um mich und dies bescheidene Werk nicht durch weitere zu erwartende Skandale um FIFA und DFB in Verruf zu bringen. Also – anstatt eines Vorwortes ein Blick in meine biographischen Hintergründe der Betrachtungen in diesem Buch.

Im Leben eines jeden Jungen stellt sich früher oder später die Frage, ob er einen anständigen Beruf ergreifen wird oder eben doch etwas anderes werden muss – also nicht Fussballer. Denn wenn es für einen anständigen Beruf nicht reicht, muss er sich beizeiten umsehen – seine Schullaufbahn ernster nehmen, vielleicht Abitur machen oder eine Ausbildung ansteuern.

Als sich mir diese Frage stellte, war ich zehn oder elf Jahre alt, und meine Eltern hatten gerade ein Haus gebaut, das im Kellergeschoss eine Garage hatte. Die Zufahrt war fast ebenerdig, und das Garagentor bestand aus Holz. Es hatte das Format, das den anderen Kindern und mir geeignet schien, es als Trainigstor zu nutzen, zudem lag es buchstäblich vor der Haustür, und der nächste Bolzplatz war gut einen Kilometer entfernt. So ergab es sich fast zwingend, dass ich einem anständigen Beruf zustrebte, nämlich dem des Nationaltorwarts. Schließlich war es ja gewissermaßen mein Tor. Außerdem erschien mir die Lauferei, die ein Feldspieler zu absolvieren hat, schon damals als eher lästig.

Nun lag die Einliegerwohnung meiner Großmutter genau über der Garage, sodass die Bälle, die ich nicht hielt, mit lautem Knall gegen das Tor schlugen, die Freude des jeweiligen Torschützen unterstrich zusätzlich, was meine Großmutter ohnehin kaum überhört haben konnte: TOOOOR!

Außerhalb der Mittagsruhe hat meine Großmutter – vermutlich zähneknirschend – den mit der Verfolgung meiner Karriere verbundenen Lärm hingenommen. Sie mag gehofft haben, dass ich mit zunehmender Professionalität immer weniger Bälle durchlassen würde. Während der Mittagsruhe allerdings kannte sie kein Pardon – also kein Training zwischen 13 und 15 Uhr. Auch kein Training, wenn etwas von Peter Tschaikowski oder Richard Wagner im Radio gesendet wurde, denn auch da war sie unnachgiebig, selbst unter dem Risiko einer abgebremsten Entwicklung meiner beruflichen Fortentwicklung.

Aber ach, trotz ihrer selbstlosen Duldsamkeit für das Ziel, aus mir etwas Großes wie einen Nationaltorhüter werden zu sehen, hat es letztlich doch nicht geklappt.

Eines der Ereignisse, die mich ernstlich an meiner Eignung für diese Laufbahn haben zweifeln lassen, fand an einem frühen Nachmittag statt, an dem ich – inzwischen zwölf Jahre alt – mit einigen Nachbarsjungen zum Bolzplatz ging. Ich weiß nicht mehr, ob das Training wegen der Mittagszeit, Peter Tschaikowskis oder Richard Wagners an diesem Tag nicht vor unserer Garage stattfinden konnte, ich weiß nur noch, dass ich in meinen neuen Fussballschuhen zum Bolzplatz ging. Damals war man so stolz auf neue Fussballschuhe, dass man sie natürlich auch nicht erst am Bolzplatz anzog, sondern den ganzen Weg dorthin darin lief – ähnlich den Jungen, die ihre T-Shirts mit den Namen heutiger Fussballgrößen sogar tragen, wenn sie ihre kleine Schwester vom Kindergarten abholen müssen.

Der Bolzplatz meiner Kindheit heute, mit neuem Tor Jedenfalls blieb ich schon nach wenigen Metern so unglücklich mit den Stollen des rechten Fußes an einem Grasbüschel hängen, dass ich stürzte, wobei mein rechter Mittelfinger im vorletzten Gelenk rechtwinklig zur Seite geknickt wurde. Der Schmerz war kolossal, mit entschlossen zusammengepressten Zähnen klappte ich den Finger wieder gerade, aber sowohl das Training an diesem Tag als auch mein angestrebter Berufsweg als Ganzes erfuhren eine deutliche Umbewertung.

Weitere Ereignisse ähnlicher Art möchte ich mir an dieser Stelle ersparen, sie hatten alle etwas mit Schmerzen, Kälte, nassem Dreck oder anderen Formen von Leid zu tun. Nach einer kurzen Phase beruflicher Unorientiertheit beschloss ich, mich einer halbwegs erfolgreichen Schulkarriere zu widmen, und auch meine Großmutter mag sich rasch damit abgefunden haben, dass ich nun doch keine Fussballberühmtheit werden würde.

Inzwischen habe ich mich innerlich so weit von meiner jugendlichen Ambition entfernt, dass Fussball in meinem Leben praktisch genauso unwichtig ist wie die Populationsentwicklung des Gelbrandkäfers unter dem allenthalben angedrohten Einfluss des Klimawandels. So passiert es immer wieder, dass die täglichen Nachrichten für mich immer dann enden, wenn das Wort Fussball zum ersten Mal erwähnt wird, was sie auf eine Stufe mit den Wetteraussichten und den Verkehrshinweisen stellt: Ich höre das einfach nicht, meine Konzentration wendet sich reflexartig Dingen zu, die viel wichtiger sind – etwa dem Füllstand meiner Teetasse oder der Frage meiner Gewichtsentwicklung in Zeiten vermehrten Kalorienaufkommens in den Zeiten des Klimawandels sowie den Möglichkeiten der Einflussnahme auf dieselbe – außer Sport natürlich.

Was sich allenfalls gelegentlich in mein Bewusstsein drängt, sind Wörter wie „Lauterer“, wenn von Kaiserslautern gesprochen wird. Müsste es nicht eher „Lauterner“ heißen? Aber wie die wann gegen wen und wo gewonnen oder verloren haben, das kriege ich nicht mit, würde ich auch nie speichern – es ist eindeutig außerhalb meines Tellerrandes.

Auch die Wahrnehmung derer, die dem Fussballsport frönen, begrenzt sich auf Zufallsbegegnungen. Ich kann mich erinnern, vor vielen Jahren einmal während einer beschaulichen Motorradfahrt durch die Eifel an einem dörflichen Sportplatz angehalten und für mehrere Minuten dem Spiel Mannebach gegen Salcherath zugesehen zu haben, einem Spiel, das die Würze solch sympathischer Begleiterscheinungen ausstrahlte wie jeweils ein paar Bierflaschen hinterm Tor, dicklichen Spielern sowie einem ebensolchen Schiedsrichter, der sich nur noch wenige Meter von der Mittellinie entfernte.

Vielleicht sollte ich abschließend noch erläutern warum ich mich hinsichtlich der Schreibweise des Wortes Fußball von der gängigen Praxis gelöst habe. Schuld daran hat Gerhard Schröder, bei dem es zwar zum Profi-Fussballer auch nie gereicht hat, der jedoch in seiner Zeit als deutscher Bundeskanzler gern erkennen ließ, wie tief er in der Mitte des Volkes verwurzelt war, indem er immer so liebevoll von diesem Sport sprach – zweifellos hat ihm das zahlreiche Wählerstimmen eingebracht: Mach dich mit denen gemein, von denen du gewählt werden willst. Intellektuelle haben mit so etwas ihre Schwierigkeiten – er nicht. Fussball, so hat er es dabei immer ausgesprochen – wenn nicht sogar Fusssball – mit drei s, auf jeden Fall nicht Fußball. Das an ihm ist mir noch in Erinnerung. Also, gewissermaßen ihm zum Gedächtnis: Fussball.

Das Dilemma

„Das war kein Tor – auf keinen Fall! Der Titel gehörte ganz klar uns! Ein Riesenbeschiss war das!“

So oder ähnlich reagieren alle, die alt genug sind, sich eben dieses Tores wegen an das legendäre Endspiel zwischen Deutschland und England am 30.07.1966 zu erinnern. Selbst diejenigen, die noch zu jung sind, sich daran zu erinnern, haben zumindest davon gehört.

Es geht um das Tor bzw. Nicht-Tor, dass der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst nach kurzer Rücksprache mit dem Linienrichter Tofiq Behramov (klar – ein Russe!) gegen die deutsche Elf verhängte – und das in der 101. Spielminute! Spielstand dadurch 3:2 für England. Dass dann auch noch ein ebenfalls durch Geoff Hurst geschossenes Tor in der 120. Minute gepfiffen wurde, obwohl schon Zuschauer auf den heiligen Rasen im Londoner Wembley-Stadion zu strömen begannen, passt ins Bild. Was für eine böse Mischung aus Inkompetenz und Parteilichkeit!

Ich habe damals das Spiel vor einem trüben Schwarz-weiß-Fernseher erleben wollen, den eine Berliner Kneipe im ersten Stockwerk aufgebaut hatte. Eine prekär auf der Fensterbank ausbalancierte Antenne bemühte sich redlich um eine angemessene Übertragungsqualität, lieferte allerdings trotz klaren Sommerwetters nur ein verschneites Bild. In der Mitte des Raumes standen zusammengerückt mehrere Tische, längs angeordnet als Sichtachse zum Fernsehgerät.

Ein verschwitzter Kellner schleppte unaufhörlich Bierflaschen heran, und wenn er bei den Versuchen, diese einzelnen Trinkern zuzustellen, versehentlich an die ausladende Antenne stieß und daraufhin das Bild kurz von weißen Blitzen durchkreuzt wurde, drohte die Menge, ihn aus dem Fenster auf den Kurfürstendamm zu werfen. Das veranlasste den armen Mann, seine Aktivitäten auf das Heranschaffen voller Flaschen zu begrenzen, die leergetrunkenen blieben auf dem Tisch, wurden zur Mitte geschoben und bildeten dort bald einen soliden Körper leeren braunen Glases.

Das ausschließlich männliche Publikum profilierte sich in bekannter Weise mit kompetenten Ratschlägen der Mannschaft gegenüber. Fettleibige, windschiefe und bierglasige Gestalten übertrafen sich gegenseitig mit Rufen wie „Loof dir doch frei – oder biste anjewachsen?!“, „Mann, Mann, Mann, wenn ick det sehe!“ oder „Wo hat der denn Fussball jelernt, wa? Nee-nee!“ Kurz vor der Halbzeitpause, nachdem es immer noch 1:1 stand, beschloss ich, meinen Stehplatz am Rande des biergeschwängerten und trotz offenen Fensters schweißstinkenden Raumes aufzugeben und im Erdgeschoss nach frischer Luft zu schnappen.

Wie der Zufall es oft so will, entdeckte ich in einer Ecke ein Flippergerät, eins von denen, die es damals noch gab, die dem Spieler nicht durch galaktisch anmutende Tonkadenzen und Lichtkaskaden die Lust am Flippern rauben. Was für ein Glücksfall, ich stand vor einem meiner Lieblingsmodelle – Big Chief! Für 50 Pfennige würde ich drei wunderbare Spiele lang Entspannung auf höchstem Niveau finden – endlich Zerstreuung nach der erzwungenen Konzentration auf all die Pässe zwischen unseren Heroen des Rasens, die Schnellinger, Overath, Weber, Seeler, Haller, Emmerich und Beckenbauer hießen (komische Namen hatten die damals …).

So versenkte ich also meine Münze und ließ die glänzende Kugel ins Feld schnacken, wo sie sich in rascher Folge an den leuchtenden Pilzen abstieß, beschleunigt bis zur Unsichtbarkeit, und das Zählwerk mit leisem Klackern meine Punkte addierte. Bei tausend Punkten gab es ein Freispiel, eine Punktzahl, für die man wirklich kämpfen musste.

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