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Jayden

Dana Müller

Jayden

Fantasy Romance


Der größte Dank gilt meiner Familie, die diesen Roman erst möglich gemacht hat, und meiner liebsten Testleserin Nadine Mortag. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Diese Geschichte entspringt der reinen Phantasie der Autorin.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Prolog


Rupert zählte mit seinen fünftausend Einwohnern nicht unbedingt zu den interessantesten Orten auf der Erde. Wenn man hier etwas erleben wollte, ging man ins Kino, oder besuchte die Bowlingbahn. Die Möglichkeiten waren begrenzt. Mir reichte es, meine Kindheit hier verbracht zu haben und so träumte ich jeden Tag davon, dieses kleine, liebevolle Kaff hinter mir zu lassen. Meine Seele zog es hinaus in die Weiten der Welt, die so viele Gelegenheiten der Entfaltung boten. Ich wollte sie nicht ungenutzt verstreichen lassen. Diese Chance sollte ich bald bekommen.

 
Den Großteil meiner Ferien durfte ich bei Tante Claire in New York verbringen. Doch jedes Mal, wenn ich wieder zurück nach Idaho kam, stellte ich erschrocken fest, wie überschaubar mein Heimatort war. Hier kannte jeder jeden und Geheimnisse waren Mangelware. Das letzte Wochenende, bevor die Fesseln der Zivilisation wieder angelegt wurden. Natürlich verbrachte ich diese Tage in Freiheit mit meinen Freunden und tat nichts. Was sollte man auch tun, bei neununddreißig Grad im Schatten?

Ich saß auf einem Findling am Straßenrand und zeichnete mit einem Stock Muster in den Staub, als mich plötzlich ein Kieselstein traf. Andy hatte sich meine Schuhe als Zielscheibe erwählt.

»Hey, die sind neu«, beschwerte ich mich und hoffte nicht aufstehen zu müssen, um sein Spielchen zu unterbrechen. Doch Andy dachte offensichtlich nicht daran, aufzuhören. Also nahm ich meine Wasserflasche und drückte einen kräftigen Strahl aus dem Ventil, der seine Hose traf und wohlplatziert für seinen Spott sorgte.

Page verschluckte sich an ihrer Coke, während Sebastian von seinem Skateboard sprang, um ihr beherzt auf den Rücken zu klopfen.

»Andy hat sich in die Hose gemacht«, prustete sie los.

So lustig fand er das nicht und schnappte sich Sebastians Shirt vom BMX, um den Fleck zu trocknen. Und gerade, als die Situation aus dem Ruder zu laufen drohte, näherte sich ein Ungetüm.

Der schnaufende Lkw arbeitete sich auf der schmalen, unbefestigten Straße nur langsam voran. Ich sprang von meinem Findling, denn ich wollte nicht in der Staubwolke verschwinden, die das Monster aufwirbelte. Das Logo einer Umzugsfirma prangte an seiner Seite und ich fragte mich, wer es wohl diesmal war, der den Absprung aus diesem Kaff geschafft hatte.

Doch Page klärte mich auf. »Das sind sie«, sagte sie ganz aufgeregt.

Wir sahen sie fragend an und nach einer kurzen Pause rückte sie mit der Sprache raus. Eine Sekunde länger und sie wäre vermutlich geplatzt.

»Ich habe euch doch von dem Bunker erzählt, für den Tante Marnie zwei Jahre lang Käufer gesucht hat.«

Pages Tante war Maklerin und brachte es fertig die unmöglichsten Häuser gewinnbringend zu veräußern. Sollte sie es tatsächlich geschafft haben, den Bunker zu verkaufen? Es handelte sich nicht wirklich um einen Bunker, die Leute nannten das kleine Haus nur so, weil es nicht mal ein Dach besaß. Dieses akkurat quadratische Gebäude war das hässlichste, das Rupert je hervorgebracht hatte.

»Sie hat es wieder einmal geschafft«, prahlte Page.

»Und wer hat die Kiste gekauft?«, fragte Sebastian.

»Irgend so ein Mr Brody. Er zieht mit seinem Sohn ein. Frischfleisch«, fügte sie hinzu und sah mich mit einem neckischen Zwinkern an.

»Oh, das Raubtier hat gesprochen«, triezte Sebastian.

»Du meinst wohl eher das Kätzchen«, verbesserte Andy ihn und lachte.

»Im Ernst Leute, der soll total schnuckelig sein, meint Tante Marnie.«

Die Lage beruhigte sich und ich widmete mich meinen Grübeleien.

Bis jetzt hatte Rupert es nicht sonderlich gut mit mir gemeint. Mein Deckelchen würde ich hier nicht finden, der Richtige wartete irgendwo da draußen in der weiten Welt auf mich, das hoffte ich zumindest. Ich war mit siebzehn wohl die einzige Jungfrau auf meiner Schule. Es ist nicht so, dass sich nie Chancen geboten hätten, vielmehr war ich ziemlich wählerisch, was Jungs anging. Abgesehen von Justin, aber das ist eine Sache für sich. Leider schien sich Mr Right ziemlich viel Zeit zu lassen und nährte so meine Zweifel an der Liebe.

Außerdem fragte ich mich, was uns als Seniors auf der Rupert-High erwartete. Würden die Juniors uns mit dem Respekt entgegentreten, den wir den Seniors im letzten Jahr zuteilwerden ließen? Vor mir lag ein Jahr voller Möglichkeiten und Ungewissheit. Ich wusste nur, dass ich nach Harvard gehen würde, so wie es mein Vater und zuvor sein Vater getan hatten.

 
Ich sah zu meinen Freunden hinüber, versank in Wehmut und dachte unwillkürlich daran, wie sehr sie mir fehlen würden. Page war meine allerbeste Freundin. Seit der Vorschule unzertrennlich, waren wir Schwestern und zugleich Seelenpartner. Manchmal glaubte ich, sie würde die Welt mit meinen Augen sehen. Sie war nicht nur meine engste Vertraute, sie war die einzige Person in meinem Leben, die meine Sätze beendete. Und selbst wenn ich bei meiner Tante in New York war, telefonierten wir täglich mindestens zehn Mal miteinander und sehnten uns nach dem Tag meiner Rückkehr. Wenn es schon so schwer war, wenige Wochen von ihr getrennt zu sein, wie würde es dann erst in Harvard? Mein Dad pflegte immer zu sagen: »Neuer Ort, neue Begegnungen«, und »Aus den Augen, aus dem Sinn«, aber ich weigerte mich, an den Wahrheitsgehalt seiner Worte zu glauben.

Dabei genügt manchmal nur ein Funke, der das Leben bersten lässt, um es dann zu einem neuen Ganzen wieder zusammenzufügen.

Eins


Ich wurde unsanft von Taylor Swift aus meinen Träumen gerissen. Meine Angewohnheit, jedem Anrufer einen eigenen Klingelton zuzuweisen, hatte sich schon so einige Male bewehrt. So hatte ich Page »Trouble« zugewiesen, denn ihr Temperament bescherte mir so einigen Ärger. Ständig versuchte sie mich zu verkuppeln und ich musste mich dann aus den unmöglichsten Situationen retten. Schlaftrunken griff ich nach dem Handy und würgte den Klingelton ab.

»Morgen, Maus«, drang Pages helle Stimme in meinen Kopf.

»Hm«, erwiderte ich.

»Hab ich dich etwa geweckt? Raus aus den Federn du Schlafmütze. Ich hab einen tollen Plan für heute.«

Ich legte auf, ohne darauf zu antworten und quälte mich schwerfällig aus dem Bett, um meine müden Knochen unter die Dusche zu schleppen. Für einen kurzen Moment dachte ich daran, einfach wieder in mein warmes Bett zu schlüpfen, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Wenn sich meine beste Freundin etwas in den Kopf gesetzt hatte, musste alles sofort passieren. Geduld war wirklich nicht ihre Stärke. Ich hatte gerade meine Jeans angezogen und mir ein passendes Shirt rausgesucht, als die Türklingel läutete. Eilig trug ich das Mascara auf und bürstete meine Haare. Gott, wie ich diese schlappe Farbe hasste. Meine Mutter meinte, es wäre irgend so ein Ding zwischen mittel - und dunkelblond, aber ich fand, köterblond war die bessere Bezeichnung für die Farbe meiner Haare, die mindestens fünf verschiedene Töne in sich vereinten und am Ansatz immer aussahen, als wären sie gefärbt. Ich musste mich beeilen, denn keinesfalls sollte Page mein Zimmer betreten. Die Bilder von Justin und mir hingen immer noch an der Wand. Sie würde mir eine Moralpredigt halten. Justin hatte mich vor den Ferien einfach abserviert. Was Page aber richtig mies fand, war die Tatsache, dass er mich wochenlang betrogen hatte. Trotzdem konnte ich die Bilder nicht abnehmen. Bei Gelegenheit würde ich das tun, aber jetzt war mir einfach nicht danach. Immerhin waren wir nahezu drei Jahre glücklich miteinander, zumindest empfand ich das so. Ich wollte ihn nicht zurück, vielmehr war ich noch nicht über ihn hinweg, aber das verstand Page nicht. Sie hätte Justin wohl am liebsten ausradiert und mit ihm alles, was mich an ihn erinnerte. Ich schnappte mir die Collegejacke, meine Tasche, warf das Handy hinein und polterte die Treppe hinunter. Gerade noch rechtzeitig, denn Page stand bereits mit einem Fuß auf der untersten Stufe.

»Hey, Süße«, sagte ich und schenkte ihr ein Begrüßungsküsschen.

Sichtlich überrumpelt sah sie mich an.

»Bist du okay?«

»Ja, klar. Lass uns einfach schnell machen. Keinen Bock auf Frühstück. Kennst ja meine Ma«, erwiderte ich und öffnete die Haustür. Leider hatte mein Vater offensichtlich nicht die Zeit gefunden, die Scharniere zu ölen und das Quietschen verriet uns. Die helle Stimme gellte in meinen Ohren.

»Melina Coleman, du gehst nicht, ohne zu frühstücken aus dem Haus!«

Das war`s. Meine Mutter gehört zu der Sorte überaus besorgter Mütter, die dich erst mästen und dann in stundenlange Gespräche verwickeln. Ich sah Page an, sie musste mich retten. Sie reagierte auch prompt und setzte ihr Liebstes-Mädchen-Gesicht auf, ging in die Küche voraus und sagte:

»Mrs Coleman, wir haben es wirklich sehr eilig. Hat Melina vergessen zu erwähnen, dass sie heute von meinen Eltern zum Frühstück eingeladen ist?«

Das war wirklich gut. Page log besser, als ich es je könnte. Ich stieg ein.

»Oh, Mann! Wie konnte ich das nur vergessen? Sorry Mom«

»Dabei hast du dich so sehr darauf gefreut. Was ist bloß los mit dir?«, übernahm Page unser Lügengeflecht.

»Das ist aber schade. Ich habe extra die Pancakes nach Omas Rezept gemacht. Die magst du doch so«

Auch das noch, jetzt hatte sie mein Gewissen erreicht. Es meldete sich so laut, dass ich am liebsten mit einem Grinsen gesagt hätte: »April, April.« Wie sollte ich jetzt gehen und sie so zurücklassen? Immerhin musste sie sehr früh aufgestanden sein, um die Lieblingspancakes aus meiner Kindheit zuzubereiten. Mit geriebener Orangenschale und einer Prise Zimt. Vor zwei Jahren hätte sie mich damit sofort am Haken gehabt.

»Vielleicht könnten wir welche mitnehmen? Dann könnte Melina sie bei uns essen«, lenkte Page ein.

Meine Mutter überlegte kurz und riss die Tür des Küchenschranks auf.

»Aber wirklich. Es gibt nichts Ungesünderes, als den Tag auf nüchternen Magen zu beginnen«, erklärte sie.

Ich nickte, während sie eine Plastikschale herausnahm und diese mit den Pancakes füllte.

Sowie die Tür hinter uns ins Schloss gefallen war, hatten wir uns nicht mehr umgeblickt. Wir liefen, als wäre der Teufel hinter uns her und wurden erst langsamer, als wir in die Fünfzehnte Straße einbogen.

»Wie machst du das nur? Du hast nicht mal mit der Wimper gezuckt.«

Page grinste. »Für dich wachse ich halt über mich hinaus. Und ... außerdem glaube ich, dass die Jungs sich über die Pancakes nach Omas Rezept freuen. Jetzt müssen wir uns aber ranhalten, die warten schon.«

Schon, als wir in den Neptunpark einbogen, konnte man Sebastian und Andy ganz deutlich zanken hören. Man durfte sie keine fünf Minuten alleine lassen, denn Sie waren zwei echte männliche Zicken, solange kein Mädchen in der Nähe war.

Der Park hatte zu dieser frühen Tageszeit ein ganz besonderes Flair. Die Luft roch wie gewaschen und die Sonnenstrahlen glitzerten in den letzten Tautropfen. Vogelgezwitscher rundete die Atmosphäre ab. Für diesen Genuss der Sinne war es mir das wert, so früh hier zu sein. Je näher wir kamen, desto fieser wurden die Sprüche, die sich die Jungs gegenseitig an den Kopf warfen. Doch, als sie uns bemerkten, waren sie auf Knopfdruck sanftmütig, wie kleine Kätzchen. Und als Page den Deckel öffnete und einen würzigen Zimtduft verströmte, war es um sie geschehen. Ein bisschen erinnerte es an die Raubtierfütterung im Zoo, als die beiden über die Pancakes herfielen.

»Boah, sind die geil«, lobte Sebastian mit vollem Mund.

»Ja, ja, esst schneller. Wir müssen noch was besprechen«, drängte Page.

Andy stopfte sich das letzte Stück in den Mund, als Page langsam darauf hindeutete, worum es ging.

»Boah Mädchen, nun mach es doch nicht so spannend. Oder planst du einen Mord?«, drängte Andy.

»Nein, natürlich nicht. Vielmehr geht es darum, sich einen Überblick zu verschaffen.«

Alles verstummte und sah Page mit ungläubigen Augen an.

»Seid ihr denn gar nicht neugierig, wer in den Schuppen eingezogen ist?«, fuhr sie fort.

»Ey, nicht schon wieder. Das hast du doch nicht nötig. Page, das ist doch Mist«, schimpfte Sebastian.

Es war nicht zu übersehen, dass er schon seit Längerem ein Auge auf Page geworfen hatte. Ständig nahm er sie in Schutz und suchte ihre Nähe. Klar, dass er sich bei dem Gedanken daran, sie könnte sich in einen Fremden verlieben, nicht sonderlich wohlfühlte.

»Kommt schon, ist doch nur ein kurzer Blick. Was soll schon passieren? Er wird doch bestimmt auf die Rupert gehen. Wollt ihr euch echt überraschen lassen? Ich will doch nur wissen, wie er aussieht. Vielleicht ist er ja was für Melina.«

Hatte sie das wirklich laut gesagt? Ich konnte es nicht fassen. Offenbar versuchte sie mich wieder einmal zu verkuppeln, aber das Schlimmste war, dass sie den Typen nicht einmal kannte.

»Nein danke. Kein Bedarf«, erklärte ich und versuchte Andy Zeichen mit den Augen zu geben. Entweder war er nicht in der Lage, sie zu deuten, oder er wollte es nicht.

»Also, ich finde das gar nicht so verkehrt. Wer will schon `ne Katze im Sack kaufen«, sagte Andy, während er mit seinem Schuh Staub aufwirbelte. »Ich glaube, mit denen stimmt was nicht. Wer zieht schon freiwillig in den Bunker?«, erklärte er weiter.

»Was ist mit euch? Sebastian? Melina?«, fragte Page und legte so viel Hoffnung in ihre Stimme, dass es mir schwerfiel, sie zu enttäuschen.

»Boah, wenn`s denn sein muss. Aber ich geh` nur mit euch mit. Ist nicht mein Ding, andere zu stalken. Nur, damit das klar ist«, gab Sebastian nach.

Page verlieh ihrer Freude mit einem lauten Quieken Ausdruck. Alle Blicke richteten sich nun auf mich. Ehrlich gesagt war mir überhaupt nicht danach, irgendwelche Jungs zu treffen. Ich hatte ja den Letzten noch nicht überwunden. Das passte genau zu Pages Art, alles und jeden kontrollieren zu müssen. Aber, ich wollte mich nicht verkuppeln lassen. Diesmal nicht.

»Sorry Leute, aber ich kann nicht. Ich muss Eddy helfen«, log ich und war erstaunt, dass mir diese kleine Notlüge so leicht über die Lippen kam.

»Ach, komm schon. Dein Onkel wird schon nicht eingehen, wenn du später kommst«, drängte sie unermüdlich.

Ich schüttelte den Kopf und biss mir auf die Lippen. »Wirklich, ich habe es versprochen. Das ist schon länger geplant. Außerdem muss ich seinen Einkauf erledigen. Tut mir wirklich leid.«

Ich fand es schrecklich, meine Freunde anzulügen. Überhaupt zu lügen. Es lag mir nicht, aber es war notwendig, denn alles ist besser, als die gnadenlosen Verkupplungsversuche meiner Besten. Sie hatte mir einfach keine Wahl gelassen.

»Dann verschieben wir das jetzt auf morgen und ich sterbe heute Nacht vor Neugier. Und heute steht dann eben der Besuch bei Onkel Edmond an«, bestimmte sie.

Na super, dachte ich. Der Schuss war nach hinten losgegangen. Zu meinem Glück meldete sich Andy zu Wort.

»Ich kann morgen nicht. Familientreffen mit den nervigsten Verwandten, die die Welt jemals hervorgebracht hat. Also, wenn überhaupt, dann heute«, sagte er und warf mir einen kurzen, aber prüfenden Blick zu.

Mir drängte sich der Gedanke auf, dass er mich durchschaut hatte, denn soweit ich wusste, befanden sich seine Eltern auf einer Reise und viel mehr Verwandte hatte er nicht. Ich hoffte nur, dass Page die Lüge nicht riechen würde und setzte noch einen drauf, um die Wichtigkeit dieses Besuches zu untermauern, und von Andy abzulenken, ehe ihr etwas auffallen würde.

»Sorry Süße, aber das ist einer dieser seltenen Onkel-Nichten-Tage. Da kann ich dich leider nicht mitnehmen. Du weißt doch, dass Eddy sich seit dem Unfall mit dem Reden immer schwerer tut. Er meint, dass es ihm hilft, wenn ich da bin. Er kann dann über Dinge reden, die sonst nicht über seine Lippen wollen. Außerdem würdest du dich echt langweilen.«

Oh mein Gott! Ich hatte das Gefühl, jeden Moment zu platzen. Mein Gesicht fühlte sich glutrot an und meine Nasenspitze kribbelte. Ganz so, als würde sie jeden Moment nach vorne schnellen. Ich wette, Pinocchio hatte auch so seine Zweifel an der ersten Lüge, die ihm über die hölzernen Lippen gehuscht war.

»Du Arme!«, sagte Page in einem ungewöhnlich bemitleidenden Ton.

Mein Gewissen nagte nicht nur, nein es fraß an mir. Wie konnte ich ihr das nur antun?

»Du machst so viel für ihn. Jetzt musst du zu allem Übel auch noch seinen Kummerkasten spielen. Du tust mir wirklich leid«, ergänzte sie.

Hinter Page war gerade ein Pantominenschauspiel in vollem Gange. Andy gestikulierte Sebastian an, als wäre der taubstumm. So lange, bis bei dem offensichtlich der Groschen gefallen war.

»Baby, ich kann morgen auch nicht. Aber, wenn ich ehrlich bin ..., mich würde schon interessieren, wie der so ist. Wie Andy schon sagt: Nur Psychos wohnen freiwillig in dem Bunker. Außerdem hasse ich Überraschungen.«

Page verdrehte die Augen. »Boah, Leute! Ist ja schon gut. Wir machen`s heute«, sagte sie genervt, und reichte mir die leere Tupperdose.

»Okay«, fuhr sie fort. »Aber nur, weil er im Rollstuhl sitzt. Wenn du`s dir anders überlegst, weist du ja, wo du uns findest.«

Ich verabschiedete mich und machte, dass ich fortkam, solange sie es sich nicht anders überlegte.

Zwei

 
Das hatte ich nun von meiner Flunkerei. Ein inneres Stimmchen sagte mir, ich solle doch wenigstens versuchen, der Schwindelei entgegenzuwirken und sie an Kraft zu berauben. Wenn ich jetzt zu Eddy gehen würde, dann wäre es keine richtige Lüge gewesen. Vielmehr ein Impuls, dem ich nachgegangen war. Wenn ich mich beeilte, würde ich den Bus noch erwischen. Ich hatte weder Lust, einmal quer durch die Stadt zu laufen, noch eine halbe Stunde an der Bushaltestelle zu warten. Tatsächlich stand er noch da und wartete auf die letzten Nachzügler. Ich rannte über die Straße und wurde beinahe von einem Auto erfasst. Der Fahrer hupte und versetzte mir einen Heidenschreck. Das hatte zur Folge, dass der Busfahrer den Kopf aus dem Fenster hielt und nicht wegfuhr. Ich schaffte es geradeso in den Bus hinein, bevor die Türen sich schlossen. Zwar waren alle Blicke auf mich gerichtet, aber wenigstens musste ich nicht laufen. Es war später Morgen. Für diese Tageszeit war der Bus überraschend voll. Ich ergatterte einen Platz neben einer älteren Dame, die sich mit ihrem Strickzeug ans Fenster gesetzt und scheinbar nichts von meinem Beinaheunfall bemerkt hatte. Das war gut so, denn mir war jetzt wirklich nicht nach Konversation. Als ich ausstieg, wehte ein kühler Wind. Das Wetter hatte schlagartig umgeschlagen und ich war froh, dass Eddys Haus nicht weit von der Endhaltestelle entfernt war. Er würde sich wundern, dass ich so früh kam. Sonst besuchte ich ihn meistens am späten Nachmittag. Nach einem prüfenden Blick über die Schulter hob ich eine Ecke der Fußmatte hoch. Der Schlüssel lag da, wo er immer lag. Ich musste unbedingt mit Eddy reden, dass er sich ein besseres Versteck für den Zweitschlüssel einfallen ließe. Kaum hatte ich den Flur betreten, wuselte auch schon Biest schnurrend um meine Beine. Mein Onkel hatte sie so genannt, als sie noch ein süßes, kleines Babykätzchen war. Sie hatte ihm während des Spielens in ihrem Übermut ständig die Hände zerkratzt. Zwar waren die Krallen damals noch fein, aber Striemen hatte er trotzdem davongetragen. Seine Arbeitskollegen fragten ihn irgendwann, welches Biest ihn so zugerichtet hatte und prompt stand der Name fest.

»Onkel Edmond?«, rief ich in die ungewöhnliche Stille hinein. Für mich war er immer schon Onkel Eddy, aber nach dem Unglück hatte er mir und allen anderen verboten, ihn so zu nennen. Edmond würde reif und anständig klingen, hatte er gemeint, während Eddy immer nur der kleine dumme Junge bliebe. Normalerweise fand ich ihn im Wohnzimmer, vor dem Laptop vor. Aber heute war ich viel früher da, womöglich schlief er noch. Also machte ich mich auf die Suche nach ihm und fand ihn schließlich in seinem alten Schlafzimmer. Es war das Zimmer, das er mit Emily bewohnte, bevor der Unfall geschah. Sie wollten nach zwölf Jahren wilder Ehe endlich heiraten. Doch, dann spielte das Schicksal ein anderes Spiel und Emily starb. Zum Glück hatte Eddy nicht am Steuer gesessen. Er hätte es nicht verkraftet, mit dieser Schuld zu leben. Seitdem ist er auf seinen Rollstuhl angewiesen. Das Zimmer war seit dem Unglückstag unverändert und niemand durfte es betreten. Das wollte er nicht. Und jetzt stand sein Rollstuhl inmitten des Zimmers, dessen Boden über und über mit Fotos bedeckt war. Eines hielt er gedankenversunken in der Hand und starrte ins Leere. Am liebsten wäre ich wieder gegangen, aber ich konnte ihn jetzt nicht alleine lassen.

»Onkel Edmond«, sagte ich sanft und hockte mich neben ihn. Ich berührte seine Hand. »Was machst du hier«

Langsam regten sich seine Gesichtszüge und eine Träne suchte den Weg über seine Wange. Sie fiel auf das Bild in seiner Hand. Sein Blick folgte ihr und dann sah er zu mir auf.

»Sieh, was ich getan habe. Emily würde jetzt mit mir meckern. Sie sagte immer, Bilder wären Teile eines Puzzles, das sich Leben nennt. Jetzt ist dieses Puzzleteil ganz nass«

Ich nahm das Bild aus seiner Hand und tupfte es vorsichtig mit meinem Ärmel ab.

»Siehst du, alles wieder gut«, sagte ich und gab es ihm wieder.

Er lächelte. »Danke.«

»Schon okay. Sag mal, wieso bist du denn hier, in dem Zimmer?«

»Ich dachte mir, dass ich mich irgendwann mit der Vergangenheit versöhnen muss«, antwortete er und ließ seinen Blick über die Fotos schweifen.

»Ich mach dir einen Vorschlag. Du machst uns einen Kaffee und ich räume die Bilder zusammen«, sagte ich entschlossen.

Eddy nickte und rollte sein Gefährt zur Tür hinaus. Ich brauchte nicht lange und folgte ihm in die Küche. Der Duft frisch gemahlener Bohnen stieg mir in die Nase und erfüllte mich mit Wohlbehagen. Ich setzte mich zu ihm an den Tisch und nahm meine heiße Tasse mit beiden Händen, dann starrte ich vor mich hin.

»Was machst du denn so früh hier? Ich hatte heute überhaupt nicht mit dir gerechnet«, durchbrach Eddy die Stille.

»Ist unwichtig. Sag mir mal lieber, ob ich einkaufen soll. Ich hätte Zeit«, versuchte ich auszuweichen.

Er streichelte sanft meine Wange und bemühte sich, mir in die Augen zu sehen. Was gar nicht so einfach war, denn ich versuchte überall hinzusehen, nur nicht zu ihm. Wir hatten schon immer ein ganz besonderes Band. Er war mein liebster Verwandter und kannte all meine Geheimnisse. Eddy war der einzige Mensch, der verschwiegen genug war, mich nicht an meine Eltern auszuliefern, ganz egal, was ich ihm erzählte, oder wobei er mich ertappte. Aber, er war auch der Mensch, vor dem ich nichts verbergen konnte. Ich war ohnehin keine gute Lügnerin, aber er erkannte die Unwahrheit schon, ehe ich sie aussprach.

»So, jetzt erzählst du mir mal, was los ist.«

Ich schluckte. »Page hatte da so einen super Plan.«

»Und der gefällt dir nicht, weil ...?«

»Naja, du kennst doch Page«, sagte ich verlegen.

»Sag bloß, sie hat wieder einmal versucht, dich zu verkuppeln?«

Ich nickte. Sie hatte zwar noch nicht viel unternommen, aber mir reichte die blanke Andeutung.

»Wer ist es denn diesmal?«

»Du weißt doch, dass ihre Tante Maklerin ist. Und die hat den Bunker an den Mann, oder besser an die Familie gebracht. Ja, und der Sohn soll laut Marnie total schnuckelig sein. Naja, mit ihm halt.«

»Aha, die sind doch gestern erst eingezogen. Wann hat sie den denn kennengelernt?«, wollte Eddy wissen.

Und genau das war der springende Punkt. Sie kannte ihn nicht und schmiedete bereits Pläne. Eddy hatte mich gelehrt, Menschen, die ich nicht kannte, mit Vorsicht gegenüberzutreten.

»Das ist ja das Problem. Sie kennt ihn nicht. Das will sie aber heute ändern, indem sie ihn stalken geht. Da hab ich den Besuch bei dir einfach vorgeschoben«, erklärte ich, zog die Augenbrauen hoch und biss mir auf die Lippe.

Eddy sah mich mit einem Schmunzeln an und nickte.

»Verstehe. Und du hast natürlich überhaupt kein Interesse an neuen Mitbürgern.«

»Nein. Ähm, ich meine ... nicht so, jedenfalls. Ist doch irgendwie krank, jemanden zu stalken. Ich werde ihn schon noch kennenlernen, wenn die Zeit eben gekommen ist«, stotterte ich zusammen.

Eddy rollte aus der Küche und deutete mit einer Geste an, dass ich ihm folgen sollte. Ich stutzte. Er hatte sich vor dem Wohnzimmerfenster platziert und spreizte die Lamellen der Jalousie.

»Bitte. Sieh hindurch und sag mir, was du siehst«, forderte er mich auf.

Ich zögerte einen Moment, denn ich wusste ganz genau, was mich hinter dieser Jalousie erwarten würde. Eddy wohnte gegenüber dem Bunker. Naja, nicht direkt, denn zwischen seinem Gegenüber und dem Bunker lagen zwei Häuser. Trotzdem hatte er einen guten Einblick in den Vorgarten und den Hauseingang der Brodys. Ich sah hindurch.

»Okay, das wusste ich bereits«, sagte ich und war gerade im Begriff, mich vom Fenster zu entfernen, als ich bemerkte, dass ich während meiner Beobachtung ebenfalls beobachtet wurde, und zwar aus einem der wenigen Fenster des Bunkers. Eine Frau, deren blondes Haar im einfallenden Licht schimmerte, schien großes Interesse an mir zu haben. Sie war sehr blass. Dunkle Schatten zeichneten sich unter ihren großen, leiderfüllten Augen ab, mit denen sie meinen Blick fesselte. Ich war nicht in der Lage mich von ihnen zu lösen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie immer näherkamen und in mich hineinkriechen würden. Die Straße, die zwischen uns lag, schien verschwunden. Eine unerfüllte Sehnsucht flammte in ihren Augen auf und dann schlossen sich ihre Lider. Ich schrak zurück.

»Und, gesehen, was ich dir zeigen wollte?«, fragte Eddy.

Und wie ich etwas gesehen hatte. Nur ich war mir nicht ganz sicher, wer das sein sollte. Ich hatte eine Frau erkannt. Sie wirkte unheimlich blass, was auch daran liegen konnte, dass ich sie hinter dem Glas nicht so genau erkannte. Trotz der Entfernung wirkte sie unsagbar nah, als wäre nur Eddys Fenster zwischen uns. Hatte Page nicht gesagt, dass ein Mann mit seinem Sohn eingezogen wäre? Entweder hatte sie keine Frau erwähnt, oder ich habe es schlichtweg überhört.

»Ich hab mich gerade ganz schön ertappt gefühlt«, gab ich zu.

Ich wollte nicht preisgeben, dass ich mir eben fast in die Hose gemacht hätte. Er hatte seine eigenen Probleme, da musste er sich nicht noch Sorgen darum machen, dass seine Nichte nicht alle beisammenhatte.

»Siehst du! Du bräuchtest überhaupt kein schlechtes Gewissen haben, wenn ihr rein zufällig hier abhängen würdet. Die Brodys sind echt hartnäckige Stalker mit Durchhaltevermögen, das muss man ihnen lassen.«

»Dann steht die Olle da länger?«

»Jupp! Ich habe sie beobachtet, als sie eingezogen sind. Sie haben alle Sachen reingebracht und dann fuhr der Lkw wieder weg. Aber, und jetzt kommt das Seltsame, ich habe nicht mitbekommen, dass eine Frau, oder irgendjemand anderer, als Herr Brody und sein Sohn das Haus betreten hat. Und plötzlich stand dieses Weib am Fenster«, sagte er und griff nach einem kleinen Notizbuch von der Kommode.

»Was machst du da?«

Er notierte sich etwas und legte es wieder beiseite.

»Ich passe nur auf meine Nachbarschaft auf. Ist doch erlaubt, oder?«

»Du weist am besten, dass das die reinste Form von Stalking ist. Warum machst du denn so was?«

Er schürzte die Lippen.

»Irgendwie sind die unheimlich. Nenne es Bauchgefühl, oder wie auch immer. Der Detektiv in mir schreit danach, deren Geheimnis aufzudecken.«

Eigentlich fand ich es gut, dass Eddy sich wieder in seinen alten Beruf wagte, wenn auch sehr langsam. Was mir nicht gefiel, war die Tatsache, dass er sich für seinen Wiedereinstieg ausgerechnet diese Leute ausgesucht hatte.

»Erinnert ein bisschen an diesen alten Film, wie hieß der noch gleich?«

»Das Fenster zum Hof?«, kam es, wie aus der Kanone geschossen.

Ich nickte. »Ja, genau der. Was, wenn die dich erwischen? Diese Frau ist echt komisch. Und außerdem, woher willst du denn wissen, dass die überhaupt ein Geheimnis haben?«

»Melina«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Jeder Mensch hat Geheimnisse. Sogar du. Und ich auch. Wir wären keine Menschen, hätten wir sie nicht«

Okay, schachmatt. Ich gab mich geschlagen. Was blieb mir sonst übrig? Das Einzige, was ich machen konnte, war öfter nach ihm zu sehen und ihn noch öfter anzurufen. Ich rang ihm das Versprechen ab, sich sofort bei mir zu melden, sollte er in Schwierigkeiten geraten.

Drei


Den ganzen Sonntag hatte ich versucht, Page zu erreichen. Sie ging weder ans Handy, noch öffnete sie die Tür. Sie musste ziemlich sauer auf mich sein. Wahrscheinlich hatte sie meine Lüge sofort durchschaut. Ich fühlte mich schlecht. Ein verregneter Montagmorgen. Das passte ja zum ersten Schultag und spiegelte genau meine Gefühle wider. Der Temperaturwechsel war enorm. Ich zog meine Kapuze tiefer ins Gesicht, um es vor den kalten Tropfen zu schützen. Es regnete nicht stark, vielmehr war es ein ungemütlicher Nieselregen. Der kalte Wind verfing sich in meiner Jacke und ließ mich frösteln. Ich fragte mich, ob ich einen oder zwei Monate verschlafen hatte, denn vor ein paar Tagen war es noch so unerträglich heiß, dass man sich so wenig, wie möglich bewegte, nur um nicht zu schwitzen. Da ich spät dran war, eilte ich die Stufen hinauf zur Flügeltür. Nur noch ein Jahr, dann müsste ich diese Mauern nie wieder von innen sehen. Doch, als mir Harvard einfiel, war ich dankbar für dieses letzte Jahr auf der Rupert-High. In den Gängen sah es ganz anders aus, als draußen. Es herrschte rege Betriebsamkeit. Ich streifte meine Kapuze ab und rasterte die Menge. Einige hatten sich in den Ferien ganz schön verändert.

»Hey, Melina«, rief eine helle Stimme. Sie gehörte zu Jenny, das wusste ich, aber ich konnte sie nirgends erblicken. Ein Mädchen berührte meinen Arm und ich sah sie an. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich sie, denn ihr Optisches passte irgendwie nicht mehr zu der Stimme, die ich kannte.

»Jenny?«

Das Mädchen nickte mit einem breiten Grinsen.

»Was hast du angestellt? Du siehst so ... boah aus«, mir fehlten die Worte. Da hatte sich aus dem kleinen hässlichen Entlein mit Hornbrille und Rettungsring ein stattlicher Schwan entwickelt. Ohne Brille, dafür mit Modelmaßen.

»Kontaktlinsen«, bemerkte sie. »Gefällt es dir?«, fragte sie unsicher.

»Du siehst toll aus. Du hast total abgenommen. Wahnsinn«

Jennys Wangen bekamen Farbe. »Danke«, sagte sie und wurde gleich von einer Herde Ziegen begutachtet.

Ich hoffte, dass sie mit der wirklich hässlichen Hornbrille nicht auch ihren Charakter eingebüßt hatte. So, wie sie jetzt aussah, passte sie erschreckend gut in den Kreis der Ziegen mit ihrem arroganten Gehabe und den Essstörungen.

»Melina!«

Ich drehte mich um. In dem Stimmenwirrwarr der Alphaweibchen, die sich genau neben mir versammelt hatten, konnte ich nicht genau ausmachen, aus welcher Richtung die Stimme kam. Nur eines wusste ich. Sie gehörte zu Page. Sie ging aufgrund ihrer Größe ein wenig unter. Aber, als ich sie dann endlich erblickte, war ich froh, mich nicht mehr alleine durch diesen Dschungel schlagen zu müssen.

»Wo warst du? Warum hast du mich nicht abgeholt? Gestern hattest du wohl auch was Besseres zu tun, als dich bei mir zu melden«, stänkerte ich und war felsenfest davon überzeugt, sie wäre sauer auf mich, weil ich sie hängen gelassen hatte.

»Ich ..., ich hab geschlafen, glaube ich«, sagte sie verwirrt.

»Wie, du hast geschlafen? Das ganze Wochenende?«

Page legte die Stirn in Falten und sagte: »Ich glaube schon. So genau kann ich das nicht sagen. Irgendwie hab ich da `nen Blackout.«

Wir liefen langsam zum Sekretariat, um den Stundenplan zu holen. Unerwartet zog sie mich am Arm in die kleine Nische zwischen Wand und Schließfachschrank und sah zu mir hinauf. Sie wirkte, wie ein kleines Mädchen, dem jeden Moment ein Geheimnis über die Lippen drängen würde.

»Ich muss dir was erzählen«, flüsterte sie und verstummte sofort wieder, als eine Gruppe an unserem Versteck vorbeilief.

Was war nur los mit ihr? So kannte ich sie gar nicht. Sonst sagte sie immer frei heraus, was ihr auf der Zunge lag, aber heute war sie wie ausgewechselt.

»Wir reden später, okay?«

Und wieder zog sie an meinem Arm, nur diesmal zurück in den Gang.

Der Stundenplan war in Ordnung. Nicht nur, dass wir fast dieselben Kurse belegt hatten, bis auf Psychologie, damit wurde Page einfach nicht warm, montags und mittwochs hatten wir eine verlängerte Mittagspause. Also würden wir viel Zeit zum Reden haben. Die Kehrseite der Medaille war, dass der Montag mit Mathematik begann und mit Psychologie endete. Ich mochte Psychologie, aber Mr Gibs war die reinste Schlaftablette. Davon konnte ich mich im letzten Jahr überzeugen. Eine Unterrichtsstunde ohne Page an meiner Seite würde ungewohnt langweilig. Sie lockerte die trockenste Stunde auf. Irgendwie hatte sie sich in den letzten zwei Jahren zum Klassenclown entwickelt, womit sie schon so manchen Sympathiepunkt bei den Lehrern eingebüßt hat. Auf dem Gang war die Rede vom Neuen. Natürlich vertraten die Zicken die Meinung, sie hätten das alleinige Privileg, ihn zuerst kennenzulernen. An ihrer Spitze Stacy, deren blonden schulterlangen Löckchen bei jeder Bewegung regelrecht tanzten. Stacy war gerade verbal auf Hochtouren gelaufen. Sie legte sich mit einer aus der Achten an, weil die dem Neuen hinterhergeschmachtet hatte. Mir war unbegreiflich, wieso die solch einen Aufstand um ihn machten. Ich schüttelte im Vorbeigehen den Kopf und kassierte sofort Giftpfeile von der Oberziege. Für einen Moment ließ sie von der armen Achtklässlerin ab, stürzte sich dann aber wieder wie ein Tier auf sie. Ihre Anfeindungen saßen. Ich konnte zwar nicht mehr hören, was sie gesagt hatte, aber das Mädchen rannte weinend an uns vorbei und verschwand auf der Toilette. Ich verstand diese Weiber nicht. Ich war doch auch eine von ihnen, warum verhielt ich mich nicht so verrückt, wenn ich einen Jungen sah? Stimmte etwas nicht mit mir? Wie konnten sie sich wegen eines Typen, den sie nicht einmal kannten, derart kindisch benehmen? Hatten die denn überhaupt keine Würde? Plötzlich spürte ich Pages Ellenbogen in den Rippen.

»Au«, schrie ich auf.

»Da! Da ist er«, sagte sie und deutete mit dem Kopf zum Ende des Gangs. Ich sah nur kurz hin. Na schön, da stand ein Typ mit einem umwerfenden Äußern. Was soll`s. Ich schenkte ihm keine weitere Beachtung. Vielmehr bereitete es mir Sorge, dass der Hype um diesen Kerl vollkommen Besitz von Page ergriff. Sie verhielt sich, als wäre sie ferngelenkt. Genauso, wie die Ziegen vorhin, aber bei denen ist das nichts Ungewöhnliches. Die waren immer so. Vor ein paar Minuten hatte ich noch die Hoffnung, dass Pages langer Schlaf sie zur Vernunft gebracht hätte. Ich dachte, das Thema den-Neuen-stalken wäre durch. Und jetzt zog sie ihn mit ihren Augen aus.

»Page, das ist peinlich«, sagte ich in scharfem Ton und verdrehte die Augen. Normalerweise hasste sie diese Geste von mir, aber heute interessierte sie sich nur für ihn. Ich mochte ihn jetzt schon nicht. Zum Glück läutete es zur Stunde und der Flur lichtete sich.

»Komm, wir verspäten uns noch wegen deiner Schwärmerei.«

Sie war so gefesselt von ihm, dass mir nichts Anderes übrigblieb, als sie in den Klassenraum zu schubsten, um ihren schmachtenden Blick von ihm zu lösen. Das war doch nicht meine Freundin Page. Die coole Page, die Page, die für solche Mädchen immer einen netten Spruch auf Lager hatte. Für Mädchen, die sich in Anwesenheit eines Jungen wie willenlose Hühner benahmen. Jetzt war sie selbst zu so einer geworden. Page war ein Liebeszombie. Die beiden vordersten Tische waren noch frei und ich platzierte sie direkt am Fenster. Ein wenig frische Luft würde ihr einen klaren Kopf verschaffen. Dann setzte ich mich daneben und kramte in meiner Tasche. Ich hörte, wie Mr Wales den Raum betrat.

»Ich möchte euch euren neuen Mitschüler vorstellen«, sagte er.

Ein dicker Klumpen steckte mir plötzlich im Hals. Ich traute mich nicht aufzusehen, denn ich wusste ganz genau, wen ich erblicken würde. Ich dachte unwillkürlich an Page. Wenn sie ein ganzes Schuljahr mit ihm verbringen müsste, könnte sie sich am Ende von ihrer Zukunft verabschieden. Ihr Hirn hatte sich ja bereits nach ein paar Minuten in Mus verwandelt. Ich wartete darauf, dass er den neuen Schüler vorstellte, vorher wollte ich mich nicht der winzigen Hoffnung berauben, dass er es vielleicht doch nicht ist.

»Jayden Brody, meine Damen und Herren«, sagte Mr Wales in feierlichem Ton, ganz so, als würde er einen Künstler oder Star anpreisen. Eine Welle des Tuschelns raunte durch die Klasse.

»Fragen wird er beantworten, aber dafür ist in der Pause genug Zeit«, ergänzte er und forderte Jayden auf, sich zu setzen.

Vorsichtig blickte ich auf und verfing mich in seinem Augenpaar, wie eine Fliege im Netz der Spinne. In ihnen lag ein Funkeln, das mein Interesse weckte. Ohne den Blick von mir zu lösen, setzte er sich auch noch auf den Stuhl neben mir. Da saß ich nun zwischen Page, die scheinbar ihre Fassung wiedererlangt hatte und Jayden, den ich nicht mochte, weil alle ihn mochten.

Die Stunde zog sich hin, wie Kaugummi. Als sie endlich zu Ende ging, schnappte ich meine Sachen, und eilte nach draußen. Ich wartete vor dem Klassenzimmer auf Page. Die kam auch prompt, anscheinend hatte ihr die Frischluft, die vom Fenster her direkt auf ihren Platz geweht war, gutgetan. Sie schmachtete ihn nicht an und schaffte den Weg hierher ganz alleine.

»Was war das denn?«, fragte sie.

»Page, du hast dich so peinlich verhalten. Ich hoffe, das hat niemand aufgenommen.«

»Äh, du hast dich gerade ziemlich schräg verhalten. Hast Jayden total angegiftet. Was ist denn los mit dir?«

»Ich?«, fragte ich ungläubig. »Ich hab gar nichts gemacht! Der Unterricht war so öde, dass ich fast eingeschlafen bin«, erklärte ich, und wusste nicht, was sie meinte.

»Oh Melina, hier läuft was ganz Komisches. Komm, wir gehen mal raus«, sagte sie und hakte sich bei mir ein.

»Wo sind eigentlich Sebastian und Andy?«, bemerkte ich.

»Woher soll ich das wissen?«

»Du warst doch zusammen mit den Jungs bei den Brodys. Schon vergessen?«

Sie überlegte. Ihre Mimik verriet mir, dass sie sich tatsächlich nicht erinnerte. Ohne ein Wort lief sie hinaus in den Regen. Ich zog meine Kapuze über den Kopf und folgte ihr. Doch vor der Schule war sie wie vom Erdboden verschluckt. Also zog ich mein Handy aus der Tasche und wählte ihre Nummer. Es klingelte. Zur selben Zeit ertönte ihr schriller Klingelton. Demnach musste Sie hier ganz in der Nähe sein. Der Ton lockte mich hinter das Gebäude, und da hockte sie völlig verstört und blickte mit verweinten Augen zu mir auf. Ich ging ebenfalls in die Hocke und nahm sie in den Arm. Erschöpft schmiegte sie sich an mich. So konnte sie auf keinen Fall zurück in den Unterricht.

»Ich glaube, ich werde verrückt«, murmelte sie in meine Schulter.

So, wie sie sich verhalten hatte, würde ich das sofort unterschreiben. Allerdings müsste ich dann auch nicht mehr alle Tassen im Schrank haben.

»Sag doch so was nicht. Du wirst nicht verrückt. Mit dir sind einfach die Hormone durchgegangen«, versuchte ich, sie zu beruhigen.

Page schüttelte den Kopf.

»Das ist es nicht. Ich ..., wo soll ich nur anfangen?«

»Am Anfang würde ich sagen. Aber wollen wir nicht erst mal aus dem Regen raus?«

»Nein! Nur so kann ich mit dir reden. Ich ..., wir ..., also die Jungs und ich sind doch zu den Brodys. Danach bin ich heute Morgen aufgewacht und zur Schule los. Dazwischen liegt der totale Filmriss. Andy und Sebastian sind nicht da und ich hab keine Ahnung, was passiert ist. Wenn ich im Regen stehe, dann tauchen immer wieder diese Bilder auf. Da ist diese Frau. Sie starrt mich an und ich fühle mich abscheulich. Und dann sehe ich Andy, der ein Loch buddelt. Und Sebastian, der auf sein Bord steigt und die Straße runterfährt. Scheinwerfer blenden ihn und er reißt den Arm hoch, um seine Augen zu schützen. Und das Schlimmste daran ist, dass ausgerechnet die beiden heute nicht da sind. Melina was, wenn ihnen etwas passiert ist?«

Ich überlegte, ob ich ihr von meinem Erlebnis mit der seltsamen Frau erzählen sollte. Doch dann beschloss ich, es für mich zu behalten, um sie nicht noch mehr zu verwirren.

»Davon hätten wir doch erfahren. Hier gibt es keine Geheimnisse. Aber mal `ne andere Frage: Warum rufen wir sie nicht einfach mal an. Wenn was passiert sein sollte, erfahren wir das aus erster Hand«, kaum hatte ich ausgesprochen, tauchten Andy und Sebastian leibhaftig auf dem Schulgelände auf und hatten es ziemlich eilig ins Gebäude zu gelangen.

Als sie uns sahen, änderten sie die Richtung und gesellten sich zu uns.

»Ey, Mädels. Diese Typen sind voll schräg. Die haben irgendwas mit uns gemacht«, sagte Sebastian.

»Page hat`s mir schon erzählt. Wir müssen uns nachher unbedingt zusammensetzen. Aber jetzt sollten wir mal rein. Sind bestimmt schon zu spät«, sagte ich und ließ mir von Andy aufhelfen.

Der Rest des ersten Tages verlief etwas schneller. Nur Psychologie war furchtbar, denn Jayden hatte diesen Kurs ebenfalls belegt. So zählte ich die Sekunden und hoffte, mich nicht daneben zu benehmen. Glücklicherweise hatte er sich an einen anderen Tisch gesetzt. Dieser Typ war die Pest und ich wusste nicht, warum.

Vier


Sebastian winkte der Kellnerin, die sich an der Theke angeregt mit einer Kollegin unterhielt. Ihr Lachen verstummte und sie trottete an unseren Tisch, um die Bestellungen aufzunehmen. Ich hatte keinen Hunger, mir lag der Tag noch schwer im Magen, so ging es scheinbar auch Andy und Page. Doch Sebastians Appetit war offensichtlich durch nichts in die Flucht zu schlagen. Er bestellte die halbe Karte. Ehrlich gesagt, die Karte bestand aus zwei Tagesmenüs und einigen Kuchensorten, nebst Eis und Getränken. Ich wählte einen Café Latte und Page tat es mir gleich. Andy nahm nur eine Cola. Langsam kehrte die Farbe in Pages Gesicht zurück und sie war auch wieder zu Scherzen aufgelegt.

»Sebastian, wann ist es denn so weit?«

Er zog eine Augenbraue hoch und machte »Hä?«

»Du isst doch mindestens für zwei. Wer ist denn der Glückliche?«

»Haha! Hab halt Hunger. Glaube, ich hab seit Tagen nichts gegessen«

Andy sah ihn schmunzelnd an. »Es ist so, wie immer. Wenn die Apokalypse ausbricht, plünderst du als Erster die Häuser. Aber, jetzt wo du es sagst. Ich hab keine Ahnung, wann ich zuletzt was gegessen hab.«

Ich beugte mich über den Tisch, näher zu den Jungs. Es musste ja niemand mithören. »Meint ihr, es hängt mit dem Blackout zusammen? Ich meine, wenn ihr wirklich so lange geschlafen habt, dann ...«

Die Kellnerin unterbrach mich mit dem Klappern des Tabletts, das sie ziemlich wacklig auf ihrer Hand balancierte.

Andy starrte mich an. Die Kellnerin verließ den Tisch und Sebastian begann, seinen Burger zu verschlingen. Das Ding triefte nur so vor Fett. Wenn er seine Essgewohnheiten nicht bald ändert, wird er mit dreißig an Arterienverstopfung sterben, dachte ich bei dem Anblick.

»Genau! Was, wenn die uns irgendwas gegeben haben. So was, wie Schlaftabletten, oder so? Ich meine, ich bin mir fast sicher, dass ich das Wochenende komplett verschlafen habe«, er sah zu Sebastian hinüber. »Du doch auch, oder?«

Sebastian nickte, während er grunzend den Rest des toten Tieres samt Brötchen in den Mund stopfte.

»Aber, wie sollen die das gemacht haben? Ich kann mich nicht erinnern, dass sie rausgekommen sind. Und zu denen rein sind wir auch nicht«, sagte Page und nippte an ihrem Café Latte.

»Du sagst es. Du kannst dich nicht erinnern, genauso wenig, wie ich, oder Sebastian.«

Andy hatte recht. Sie hatten alle einen ausgewachsenen Filmriss. Niemand von ihnen konnte wissen, ob er nicht vielleicht bei den Brodys Kaffee getrunken hatte. »Haben denn eure Eltern was gesagt? Denen wird doch aufgefallen sein, dass ihr nicht zum Essen kommt.«

»Melina, du weißt doch, dass meine Eltern diese Kreuzfahrt machen, und ich gerade sturmfrei habe. Und Sebastians Mom merkt doch durch den Suff nichtmal, wenn die Welt untergeht. Page, was ist mit deinen Alten?«

Sie zog die Schultern hoch. »Mein Dad ist ja kaum da und meine Mom ist so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie nicht merken würde, wenn ich nicht mehr da wäre. Also, ne«, sagte sie traurig.

»Aber, mir ist was Anderes aufgefallen«, sagte Sebastian. »Als ich heute so durch den Regen gelaufen bin, da kamen diese Erinnerungsbrocken. Keine Ahnung, ob das mit dem scheiß Regen zu tun hat, aber in der Schule war alles wieder weg. Und dann hab ich mir vorhin aufm Klo das Gesicht nass gemacht. Mann, da kam alles wieder. Irgendwelche Fetzen, die völlig zusammenhanglos durch meinen Schädel jagen. Voll krass.«

Dasselbe war Page passiert, sowie sie mit Wasser in Berührung gekommen war, wurde sie von Erinnerungen überwältigt. Ich sah zu ihr hinüber, aber sie schwieg. Konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, was sie mir im Regen gesagt hatte, oder wollte sie es nicht mit den Jungs teilen?

»Was hast du denn gesehen? Komm schon, spann uns nicht auf die Folter«, forderte ich ihn auf. Page knabberte nervös an ihren Fingern.

»Ich steh halt auf meinem Baby und bin die Straße runter und dann ist da dieses Licht, das mich geblendet hat. Ich kann euch sagen, dieses Feeling war so geil. Ich hab mich gefühlt, wie Heman. Tja, und dann verlier ich wegen so `’nem beschissenen Auto das Gleichgewicht und lande im Busch. Aus die Maus.«

Mir fielen Andys Hände auf, die er bis jetzt in seinem Schoß versteckt hatte. Aber jetzt ruhten sie auf dem Tisch ineinander verschlungen und unter seinen sonst so gepflegten Fingernägeln staute sich der Dreck. Schwielen drängelten um ihren Platz, obwohl Andy nicht der Typ war, der gerne harte Arbeit verrichtete.

»Andy«, sagte ich, während meine Augen an seinen Händen hafteten.

Sofort, als er mein Interesse bemerkte, zog er die Hände zurück. Aber ich packte sie und hielt sie auf dem Tisch fest. Page starrte auf die dreckigen Fingernägel, als würde sie einen Geist sehen, während Sebastian sein Gesicht angewidert verzog.

»Andy, woher hast du solche Hände?«, fragte ich direkt. Es machte keinen Sinn, nur Vermutungen aufzustellen. Also wollte ich handfeste Erklärungen. Und vor allem Ehrliche.

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Als ich heute Morgen aufgestanden bin, waren meine Hände total verdreckt und taten weh. Da, wo eine Erinnerung sein sollte, da ist nur ein tiefes schwarzes Loch!«

Kaum hatte Andy ausgesprochen, landete Sebastians Sprite in seinem Gesicht. Er sprang auf und setzte zum Schimpfen an, verstummte aber wieder. Dann stützte er sich mit beiden Händen auf dem Tisch ab und sah aus, als würden seine Adern jeden Moment platzen. Sein Gesicht lief rot an und auch die Augen sahen aus, als hielten sie enormem Druck stand. Sein ganzer Körper verkrampfte.

»Was sollte das denn? Du Idiot!« Page gab Sebastians Oberarm einen Fausthieb, während ich von meinem Platz aufsprang und um den Tisch eilte. Andy war vollkommen unansprechbar. Er zitterte und auf seiner Stirn sammelten sich kleinen Schweißperlen.

»Hey, was is`n mit dem? Ist der krank?«

Das fehlte noch. Die Kellnerin blieb auf Abstand. In ihrem Gesicht spiegelte sich reale Angst wider.

»Los, raus mit euch! Der ist doch bestimmt ansteckend!«

Ich bat Sebastian, mit anzupacken und gemeinsam stützten wir Andy. Draußen setzten wir ihn auf eine Bank, die vor dem Diner stand und langsam kam er wieder zu sich.

»Wie geht`s dir«, fragte ich leise.

»Mann Alter! Was hast du gesehen? So, wie du abgedriftet bist, muss es die Hölle gewesen sein«

Das war so typisch für Sebastian. Der war sich scheinbar keiner Schuld bewusst. Mein Ellenbogen landete unsanft in seiner Seite.

»Ja Junge, die Hölle. Ich habe, wie ein Tier ein Grab ausgehoben. Ich glaube, es war mein Grab. Ich habe noch nie so hart geschuftet. Meine Hände konnten nicht mal mehr die Schaufel halten, aber irgendeine Macht trieb mich immer weiter voran. So müssen sich Marionetten fühlen«, erklärte er schnaufend.

»Das ist alles die Schuld von diesem Neuen! Seit der mit seiner Sippschaft aufgetaucht ist, laufen hier echt schräge Sachen. Mann, ich werd dem eine drücken, wenn ich ihn das nächste Mal sehe. Man muss ihm klarmachen, dass die hier nicht willkommen sind«, sagte Sebastian und schlug mit der Faust in seine Hand.

»Ja! Habt ihr die Ziegen gesehen? Total hormongesteuert. So was von peinlich«, ergänzte Page.

»Süße, für die ist das normal, aber genauso hast du dich auch verhalten«, klärte ich sie auf.

Page sah beschämt auf ihre Hände. Ich wollte sie nicht bloßstellen, aber ich mag es nicht, wenn über die Fehler anderer geredet wird, obwohl man dieselben gemacht hat. Sie kannte mich und würde mir das nicht übelnehmen, das tat sie nie.

Wir mussten mehr über Jayden herausfinden. Wenn Sebastian recht hatte, dann waren die Brodys gefährlich. Und wenn wir das beweisen könnten, dann würden sie sich einen neuen Ort zum Leben suchen müssen. Während Page Sebastian nach Hause begleitete, damit der keine Dummheiten machen konnte, brachte ich Andy Heim. Das lag sowieso auf meinem Weg, denn er wohnte eine Straße weiter. So konnte ich mal ungestört mit ihm reden, während er neben mir her schlurfte.

»Du, ich muss mich mal bei dir bedanken«, sagte ich.

Andy runzelte die Stirn. »Wofür?«, fragte er schließlich.

»Naja, du weißt schon ..., die kleine Notlüge. Als du mich davor bewahrt hast, Jayden zu stalken.«

»Ach das! Du warst verabredet. Ich hatte keine Zeit am nächsten Tag und Sebastian auch nicht. Fertig. Da gibt es nichts, wofür du dich bedanken müsstest«, sagte er, während sein Blick am Boden haftete.

Es roch regelrecht nach Lüge. Aber ich beließ es dabei. Schließlich standen wir vor seinem Gartentor und Andy hatte es plötzlich ziemlich eilig. Wahrscheinlich fürchtete er aufzufliegen, ginge er nicht sofort. Ich musste schmunzeln. Er verhielt sich gerade, wie ein kleiner Junge. Gehörte er nicht zu meinen besten Freunden, könnte ich schwören, dass er sich in mich verknallt hatte, denn so benahmen sich nur verliebte Jungs. Aber, was wir hatten, ging weit übers Verknallen hinaus. Er war wie der große Bruder, den ich nie hatte. Obwohl er gerade mal zwei Monate älter und einen halben Kopf größer, als ich war. Bei Gelegenheit musste ich mit ihm reden, um auszuschließen, dass er sich da in etwas verrennt. Denn ich würde nie, niemals etwas mit ihm anfangen. Dafür ist er mir zu wichtig. Außerdem war es Page, die in seiner Gegenwart Schmetterlinge im Bauch hatte. Aber das durfte ich ihm ja nicht sagen. Nicht auszumalen, was sie mit mir machen würde, wenn es mir zufällig über die Lippen huschte.

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