Logo weiterlesen.de
Januskiller

D. P. Lyle, geboren in Huntsville, Alabama, arbeitet seit dreißig Jahren als Kardiologe in Kalifornien. Er ist Autor mehrerer preisgekrönter forensischer Sachbücher, unter anderem CSI-Forensik für Dummies, und Romane. Zudem ist er als dramaturgischer und technischer Berater für mehrere populäre TV-Serien wie CSI: Miami und Law & Order tätig.

D. P. Lyle

JANUSKILLER

Thriller

Aus dem amerikanischen Englisch
von Ulrike Moreno

be-logo.jpg

 

1. Kapitel

Sonntag, 23.36 Uhr

Er genoss die Augenblicke vor dem Töten.

Wenn sein Herz gegen seine Rippen hämmerte. Wenn seine Haut in Schweiß gebadet war, der ihm in den Augen brannte. Wenn sein Atem schwer und rasselnd ging. Wenn seine Schultermuskeln sich verkrampften und seine Hände kribbelten. Er schloss die Augen, atmete ein paar Mal tief die warme, süße Nachtluft ein. Nur keine Eile. Er hatte Zeit, die prickelnde Erwartung auszukosten.

Hinter einer dichten, eins fünfzig breiten Hortensienhecke kauernd, lehnte Brian Kurtz sich an die kühle Backsteinmauer. Sein T-Shirt blieb an der rauen Oberfläche hängen. Drinnen schlief sein Opfer den tiefen, friedlichen Schlaf eines Menschen, der glaubt, die Zukunft hielte noch viele solcher erholsamer Nächte für ihn bereit.

Daraus wird nichts, Mr. Michael Savage.

Savage. Der Name gefiel ihm. Er implizierte Macht und Leidenschaft, Gewalt und Zorn. Er beschwor Bilder des alten Mannes im Russel Erskine Hotel und der kleinen Schwuchtel drüben in Madison herauf. Savage. Sie hatten die Bedeutung dieses Worts am eigenen Leib erfahren. Und dem Mann hinter der Mauer würde es heute Nacht genauso ergehen.

»Sehr bald schon, Mr. Savage«, murmelte Brian.

Er redete oft laut mit sich selbst, wenngleich seine Stimme in Augenblicken wie diesem seltsam klang. Blechern, tonlos. Sein Puls dröhnte in seinen Ohren, und die mittlerweile vertraute, durch Zorn geschürte Anspannung in seinem Magen wuchs. Die Wut wollte heraus.

Noch nicht.

Gott, er liebte dieses Gefühl!

Er verlagerte sein Gewicht. Der murmelgroße Kies unter den Sträuchern knirschte leise. Mit der Schulter riss er ein paar Blütenblätter von einer der kugelförmigen Blumen ab. Sie schwebten zu Boden und gesellten sich zu anderen, die ihnen vorangegangen waren.

Zum hundertsten Mal ging er seinen Plan im Kopf noch einmal durch. Jeder Schritt war ein sauberes, deutliches Bild. Über den Zaun in den Garten hinterm Haus springen. Durch die Seitentür der Garage, die Küche und den Flur hinunter zu dem Zimmer, wo Savage auf seinem Bett lag, nichtsahnend, eine leichte Beute. Die Waffe, der leise Knall, der Rückstoß. Und schon gehörte Savage ihm.

Die Bilder brachten Brians Puls noch mehr auf Touren. Sein Gesicht war schweißbedeckt, und er wischte es mit der Vorderseite seines T-Shirts ab.

Es wurde Zeit.

2. Kapitel

Montag 00.37 Uhr

Brian lag auf dem Boden seiner Wohnung. Nackt. Der dünne Teppich trug kaum etwas dazu bei, die Härte des Betonbodens zu mindern. Die Erschöpfung, die diesen Ausflügen jedes Mal folgte, schien heute Nacht besonders stark zu sein. Nicht mal eine kalte Dusche hatte ihn beleben können. Er drehte das Sofakissen um, das er sich unter den Kopf gestopft hatte, und bemerkte, dass sein feuchtes Haar einen dunklen Kreis auf dem groben Stoff hinterlassen hatte. Er rollte sich auf den Rücken, starrte an die Zimmerdecke und begann gedankenverloren die winzigen Löcher in den Dämmplatten zu zählen. Mehrmals kam er durcheinander, weil ihm die nächtlichen Ereignisse im Kopf herumspukten.

Es war wahnsinnig intensiv gewesen. Das Beste bisher. Seine Wut hatte sich beinahe völlig ausgetobt. Und Savage hatte bekommen, was ihm zustand.

Das Klingeln des Telefons schreckte ihn auf. Obwohl er mit dem Anruf gerechnet hatte, entfachte die jähe Störung aufs Neue seinen Zorn. Er drehte sich zur Seite, starrte das Telefon an, das auf seinem Schreibtisch auf der anderen Seite des Zimmers stand. Sein erster Impuls war, das Kabel aus der Wand zu reißen. Stattdessen ließ er den Lärm über sich ergehen, bis er verstummte. Nicht heute Nacht. Heute Nacht konnte er nicht mit ihm reden.

Er legte sich wieder auf den Rücken und zog das Kopfkissen zurecht. Kaum schloss er die Augen, hockte er wieder in den Sträuchern vor Savages Haus. Er konnte die Nachtluft riechen und spürte die raue Backsteinmauer im Rücken. Das Gefühl der Erwartung kam zurück. Aber das Klingeln auch, verflucht noch mal!

Jedes Läuten machte den Kopfschmerz, der sich hinter seinen Augen zusammenballte, schlimmer. Verpiss dich, Mann! Erst nach einem Dutzend Klingeltönen kroch er hinüber und griff zum Hörer. »Ja.«

»Warum hat es so lange gedauert?«

»Ich war unter der Dusche.« Brian lehnte sich mit dem Rücken an den Schreibtisch.

»Aha.« Ein paar Sekunden Schweigen. Brian konnte das langsame, ruhige Atmen des Mannes hören. Dann: »Sie waren gut heute Nacht.«

»Woher wollen Sie das wissen?«

Der andere lachte leise. »Ich hab’s gesehen.«

»Wann?«

»Vorher, während und danach. Ich meine es ernst. Sie waren gut.«

»Können Sie mir das schriftlich geben? Dann kann ich’s rahmen und an die Wand hängen.«

»Sie brauchen nicht gleich zynisch zu werden.«

»Bin ich nicht. Nur müde.«

Wieder ein leises Lachen. »Dann ruhen Sie sich aus. Wir werden bald wieder beginnen.«

»Wann?«

»Voller Eifer, wie ich sehe. Das ist gut. Ich rufe an.« Und schon war die Leitung tot.

Brian legte auf und zog sich auf die Beine. Das Pochen in seinem Kopf wurde schlimmer. Er rieb sich die Schläfen, doch der Schmerz schien nichts davon zu bemerken.

Er ging in die Küche, nahm ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank, öffnete die Dose zischend und leerte die Hälfte in einem Zug.

Ein Klopfen an der Tür. Dann eine Stimme. »Ich weiß, dass du zu Hause bist. Ich hab die Dusche gehört.«

Es war Laranne Millonzi. Sie und ihr Ehemann Carl wohnten im Apartment nebenan. Wenn Laranne nach Mitternacht bei ihm anklopfte, bedeutete das, dass Carl auf Achse war. Er fuhr Sattelschlepper oben an der Ostküste.

Brian und Laranne hatten es vor drei Monaten zum ersten Mal miteinander getrieben. Während einer von Carls ausgedehnten Fahrten war Laranne auf ein Bier herübergekommen, und es dauerte nicht lange, bis sie auf dem Teppich übereinander herfielen. Eigentlich war Brian heute nicht in der Stimmung für Gesellschaft, aber Laranne verstand es hervorragend, Kopfschmerzen zu lindern.

Er machte sich weder die Mühe, sich anzuziehen, noch das Handtuch vom Boden aufzuheben, bevor er die Tür öffnete.

Sie warf ihm einen überraschten Blick zu, dann lächelte sie. »Das erspart uns den Smalltalk.«

»Genau. Wir können gleich zur Sache kommen.«

Laranne trat ein und schloss die Tür. Sie war barfuß und trug einen kurzen Seidenkimono, der gerade mal bis zur oberen Hälfte ihrer Schenkel reichte. Das Kleidungsstück glitt leise raschelnd von ihren Schultern und rutschte zu Boden. Darunter trug sie nichts.

Der Sex war schnell, heiß und wild. Brian musste seine Dämonen loswerden. Laranne offensichtlich auch. Fußboden, Küchentheke, Bett – sie trieben es überall.

Danach fiel Brian in tiefen Schlaf. Als er um kurz nach drei Uhr morgens erwachte, war Laranne nicht mehr da.

3. Kapitel

Montag, 8.07 Uhr

»Das wird dir nicht gefallen«, sagte Sheriff Luther Randall.

Mir verkrampfte sich der Magen. »Bringen wir’s hinter uns.«

Das Leben schien nur noch im Zeitlupentempo abzulaufen, als ich Luther den Gang hinunter zu Mikes Schlafzimmer folgte. Meine Beine fühlten sich schwer an, und meine Schuhsohlen griffen nach dem Teppich, als versuchten sie, mich zurückzuhalten. Als wüssten sie, was kam.

Ich heiße Dub Walker, und ich habe in meinem Job bisher mehr als hundert Mordfälle bearbeitet. Als Militärpolizist bei der Marine, als Labortechniker beim Alabama Department of Forensic Sciences hier in Huntsville, als Ausbilder und Berater bei der Verhaltensanalyseeinheit des FBI in Quantico, und schließlich als Tatort- und Beweisspurenuntersucher bei Fällen im ganzen Land. Ich gelte als Experte auf diesem Gebiet und habe ein Dutzend Bücher zu diesen Themen geschrieben; da denken die Leute ganz von selbst, oh, Mann, der hat den Durchblick. Vielleicht stimmt das, vielleicht auch nicht.

Ich habe wütende Ehepartner einander erstechen, zerstückeln und erschießen sehen, misslungene Drogendeals, Auftragsmorde, Bandengemetzel, Mafiamorde und Bluttaten, die in keine Schublade passen. Ich habe Opfer von Schießereien, Vergiftungen, Prügeleien, Bränden, Sprengsätzen und One-Way-Flügen von hohen Gebäuden herab gesehen. Ich habe Erfahrungen aus erster Hand mit den Taten von Serienmördern, die ihre Opfer folterten, verstümmelten, ausschlachteten, manchmal sogar konservierten.

Doch nichts von alledem hatte mich auf das hier vorbereitet.

Luther trat beiseite und ließ mich vorangehen. Drei Lampen und die Deckenlampe brannten, trotzdem trübte und verengte sich meine Sicht. Bilder rasten auf mich zu, als würden sie durch einen Gewehrlauf abgefeuert. Magensäure schoss mir in die Kehle.

Das hier war nicht Mike. Was ich hier vor mir hatte, war nichts Menschliches mehr. Arme und Beine in Blut gebadet, x-mal gebrochen und zu einem grotesken Etwas verdreht. Das Gesicht war nicht mehr vorhanden. Ich konnte gerade noch einen zerschmetterten Kieferknochen erkennen. Mehrere Zähne lagen auf dem blutdurchtränkten Teppich. Ein schmiedeeiserner Schürhaken, den ich als den vom Wohnzimmerkamin erkannte, ragte aus seinem Bauch.

»Ich sagte ja schon, kein schöner Anblick«, bemerkte Luther.

Ich unterdrückte eine Woge der Übelkeit. Nur die Ruhe. Du hast Schlimmeres gesehen. Aber das war eine Lüge.

»Todeszeitpunkt?«, fragte ich.

»Irgendwann zwischen zweiundzwanzig Uhr und ein Uhr morgens, sagt Sidau. Körpertemperatur, Hautverfärbung und Leichenstarre deuten darauf hin.«

»Wer bearbeitet den Fall? Das HPD

Das HPD war das Huntsville Police Department.

»Ist ein Gemeinschaftseinsatz vom HPD und dem Sheriff’s Department. Unser Mann ist Scotty Simpson. Beim HPD ist es dein Freund Tortelli.« Luther blickte auf den Gang hinaus. »Da kommt er schon.« Er trat beiseite, um T-Tommy eintreten zu lassen.

Tommy Tortelli. T-Tommy für seine Freunde. Ich kannte ihn seit der vierten Klasse. Seit dem ersten Schultag, an dem wir uns zusammen zum Football anmeldeten. Heute, mit neununddreißig, war er einfach nur eine größere Ausgabe dessen, was er mit neun gewesen war. Aber das passendere Wort ist dick: dicke Arme, Beine, Brust und Nacken. Selbst sein Haar war dick und schwarz. Er hatte als Linebacker gespielt, als Football-Verteidiger, und bewegte sich noch immer wie einer. Es war ein zielstrebiger, schnörkelloser, ich-spring-dir-ins-Gesicht-falls-nötig-Gang. Mit eins dreiundachtzig hatten wir die gleiche Größe, nur mit seinen 115 Kilo übertraf er mich um 25.

»Ist das nicht ’ne verdammte Scheiße?«, sagte er.

»Mehr als das.« Ich spürte ein Pochen hinter dem linken Auge, als ich den Blick wieder auf Mikes Leichnam richtete. »Ich hasse es, so was sehen zu müssen.«

T-Tommy legte mir eine Hand auf die Schulter und drückte zu. »Wir kriegen den Mistkerl.« Er sah Luther an. »Hast du’s ihm schon gesagt?«

Luther schüttelte den Kopf.

T-Tommy seufzte. »Wir haben noch zwei andere Morde, die ganz genauso aussehen.«

Ich konnte immer noch nicht den zähen Speichel schlucken, der sich in meiner Kehle sammelte. Und auch das Atmen fiel mir nicht gerade leicht. Ich sah T-Tommy an. »Das ist nicht dein Ernst.«

»Doch. Leider.«

»Ihr glaubt, wir hätten einen Serienmörder?«

Einen Moment lang starrte T-Tommy auf den Boden, dann wandte er sich mit geistesabwesendem Blick dem zum Garten hinausgehenden Fenster zu. »Gestern war es nur eine Theorie. Aber nach dem hier sind wir über das Theoretische hinaus.« Er blickte mich an. »Zumindest sehe ich das so. Aber natürlich will ich auch deine Meinung hören.«

»Das HPD hatte die ersten beiden Morde«, sagte Luther. »Wir haben den hier. Vor ein paar Tagen kam T-Tommy zu mir und wollte wissen, ob wir ähnliche Fälle hätten. Hatten wir nicht.« Ein harter Zug erschien um seinen Mund. »Bis jetzt. Als ich das hier sah, wusste ich sofort, dass es derselbe Kerl sein musste, und habe T-Tommy angerufen.« Luther rieb sich mit einer Hand den Nacken. »Scotty richtet in der City einen Raum für eine Sondereinheit ein. Wir haben mehr Platz als das HPD. Sie bringen uns sämtliche Beweismittel hinüber, die sie von den ersten beiden Morden haben.«

Die Zentrale des Sheriff’s Departments von Madison County, darunter auch Luthers Büro, nahm den gesamten ersten Stock des im Stadtkern von Huntsville gelegenen Amtsgerichtsgebäudes ein. Ich vermutete allerdings, dass es keine architektonische Frage war, dort die Sondereinheit einzurichten, sondern nur bedeutete, dass Luther alles genauestens im Auge behalten wollte. Das HPD mochte uns zwar bei der Bearbeitung der Fälle unterstützen, aber die Leitung hatte Luther. Er übernahm diesen Fall, damit nichts vermasselt wurde. Und weil er es tun musste. Mike zuliebe. Das konnte ich sehr gut verstehen.

Luther blickte auf Mikes Leichnam, schloss für einen Moment die Augen und sagte dann zu T-Tommy: »Warum bringst du Dub nicht auf den neuesten Stand? Ich muss ins Büro zurück. Wenn ihr hier fertig seid, setzen wir uns zusammen und entscheiden, wie wir am besten mit den Medien umgehen. Ich werde eine Pressekonferenz für später am Tag anberaumen.« Er zögerte einen Moment, bevor er sich abwandte und den Flur hinunterging.

»Okay, lass uns mit der Tour beginnen«, sagte T-Tommy.

4. Kapitel

Montag, 8.32 Uhr

Die Tour begann draußen. Zwei Kriminaltechniker kauerten bei den Hortensien vor dem Haus. Einer richtete eine Kamera auf einen gut sichtbaren Schuhabdruck und das Lineal, das zum Abmessen der Größe danebengelegt worden war.

»Wie läuft’s?«, fragte T-Tommy.

»Mit den Fotos sind wir fertig.« Sidau Yamaguchi blickte auf und erhob sich. »Dub.« Er streifte seine Latexhandschuhe ab, und wir schüttelten uns die Hand. »Ich hatte schon damit gerechnet, dass sie dich hinzuziehen.« Er deutete mit einer Handbewegung auf das Haus. »Das mit Mike tut mir leid. Schlimme Sache.«

Sidau war der leitende Kriminaltechniker beim Alabama Department of Forensic Sciences. Ich hatte sechs Jahre mit ihm zusammengearbeitet und dann noch als Berater bei einigen Fällen, nachdem ich das Department verlassen hatte. Von Sidau hatte ich eine Menge forensischer Kunstgriffe gelernt.

Ich hockte mich neben den Abdruck. »Was haben wir hier?«

»Mehrere Schuhabdrücke am Rand der Kiesfläche. Sieht aus wie von einem Sportschuh. Davon müssten wir ein paar gute Gipsabdrücke machen können. Die dürften uns zumindest Größe und Hersteller verraten.«

Ich erinnerte mich noch, wie Mike und ich den Kies ausgestreut hatten. Während ich ihn von der rostigen alten Schubkarre heruntergeschaufelt hatte, war Mike auf Händen und Füßen herumgekrochen, um ihn unter den Sträuchern zu verteilen. Mike zufolge half der Kies, die Feuchtigkeit zu bewahren.

Ich blickte zur Straße. »Wahrscheinlich hat er hier gewartet und die Straße im Auge behalten, um sicherzugehen, dass niemand ihn sah. Wo hat er das Haus betreten?«

»Hier entlang«, sagte T-Tommy. Er führte Sidau und mich seitlich um das Haus herum und durch das Tor in dem von Heckenpflanzen überwucherten Holzzaun, der den Garten umschloss. »Hier ist er übers Tor gesprungen. Es war verschlossen, und niemand hatte sich an dem Schloss zu schaffen gemacht. Wir haben es aufgebrochen, um hereinzukommen. Am Tor und am Schürhaken im Haus haben wir ein paar weiße Baumwollfasern gefunden.« Er sah mich an. »Ähnliche Fasern haben wir auch an den anderen beiden Tatorten entdeckt.«

Wir gingen auf die offene Seitentür der Garage zu, wo ich den Türgriff und das Schloss untersuchte. Keine Anzeichen von Schäden. Keine sichtbaren Kratzer. »Du nimmst an, dass diese Tür hier unverschlossen war?«

T-Tommy steckte die Hände in die Hosentaschen und wippte auf den Absätzen. »Scheint so.«

»Das klingt aber nicht nach Mike.«

»Nee, stimmt. Die Tür von der Garage zur Küche sieht übrigens genauso aus. Keine Anzeichen, dass daran hantiert wurde.«

Wir gingen in die Garage, wo ich mehrere der rechteckigen Papprahmen sah, die Sidau um sichtbare Schuhabdrücke aufzustellen pflegte. Das Schuhsohlenmuster hier drinnen war das gleiche wie draußen.

»Wir haben hier auf dem Beton ein paar Abdrücke gefunden, und noch einige auf dem Küchenfußboden«, sagte Sidau.

Also weiter in die Küche. Hier standen noch mehr von den Papp-Rechtecken auf dem Boden.

Sidau blieb am Spülbecken stehen. »Hier hat der Mörder sich gewaschen.«

Ich sah einen tränenförmigen Fleck auf dem Spritzschutz hinter dem Heißwasserhahn. Er war dem Täter von der Hand getropft, als er das Wasser aufgedreht hatte. Außerdem sah ich den rötlichen Farbton von verdünntem Blut in den Ritzen am Fuß der Armaturen und um den Abfluss herum.

»Genau wie Mike hat er ein Geschirrhandtuch benutzt, um sich die Hände abzuwischen«, sagte Sidau. »Es hängt zum Trocknen draußen. Ich habe übrigens ein paar Haare darauf gefunden. Falls sie vom Täter sind, können wir vielleicht seine DNA ermitteln.«

Im Wohnzimmer schien alles unverändert zu sein. Nichts deutete auf einen Kampf hin. Das Sofa, der Großbildfernseher, Mikes bequemer Polstersessel – alles war so, wie es sein sollte. Wie viele Samstage hatte ich hier gesessen und mir mit ihm College-Football angesehen? Wie viel Bourbon hatten wir beide hier konsumiert? Wie viele Lügen erzählt?

Ich ging zu dem großen Fenster und blickte auf die Straße hinaus. Gelbe Absperrbänder erstreckten sich über den Vorgarten und vom Laternenpfahl neben der Einfahrt zu dem Pekannussbaum, den Mike so geliebt hatte. Sie dienten als Barriere, um die wachsende Menge fernzuhalten. Paare, Kinder, Jogger, Hausfrauen und andere Neugierige. Prüfend ließ ich den Blick über die Gesichter gleiten. War einer dieser Leute der Mörder?

Dann sah ich Claire McBride, die neben dem Übertragungswagen der Channel 8 News stand und einen Mann interviewte. Sie war eine knallharte Enthüllungsjournalistin und die Nummer Eins bei Channel 8. Sie konnte jede Story bekommen. War Zucker nötig, konnte sie süß wie warmer Ahornsirup sein. Sie konnte so gut wie jeden erweichen und, falls nötig, die meisten Männer sogar ins Koma saufen. Außerdem war sie meine Exfrau. Aber das ist eine lange Geschichte.

Ich folgte T-Tommy und Sidau wieder den Flur hinunter in Mikes Schlafzimmer. »Wann bringt ihr den Leichnam weg?«

»Jetzt«, antwortete Sidau. »Luther wollte, dass du vorher noch den Tatort siehst. Dann werde ich die Jungs von der Spurensicherung daransetzen.«

»Und ich muss mit ein paar von denen reden«, sagte T-Tommy.

Nachdem die beiden sich zurückgezogen hatten, ging ich um das Bett herum und suchte den zerschundenen Körper nach irgendetwas ab, das noch an Mike erinnerte. Mein Blick fiel auf das USMC-Tattoo, das er stolz an seinem linken Oberarm trug. Es sah blass und verwaschen aus und war mit Rinnsalen von Blut überzogen. Darauf bedacht, mich von den vielen Blutspritzern fernzuhalten, sah ich mir den Tatort aus verschiedenen Winkeln an. Ein paar Mal musste ich tief Luft holen und schluckte schwer.

Zeit, dich an die Arbeit zu machen, sagte ich mir. Hör auf, das hier als Mike zu sehen. Sieh es einfach nur als Tatort. Benutze deinen Verstand, nicht dein Herz.

Aber so einfach war das nicht. Die Gesichtsverletzungen waren beträchtlich, aber ich glaubte, eine Austrittswunde am linken Kiefer ausmachen zu können. Sicher konnte ich mir allerdings nicht sein, da der Unterkiefer an zwei Stellen gebrochen war. Doch wenn es so war, wie ich glaubte, bedeutete es, dass die Kugel von hinten eingetreten war. Die Autopsie würde das klären.

Das Blutspurenmuster um das Bett herum spiegelte die Brutalität des Mörders wider. Lange Abschleuderspritzer – Blut, das von einer blutigen Waffe spritzt, die in Bewegung ist – bildeten streifenförmige Muster an der Zimmerdecke über dem Bett. In einem kreisförmigen Bereich rings um die Leiche befanden sich die typischen, von stumpfer Gewalt erzeugten Spritzer mittlerer Geschwindigkeit. Sie färbten das Kopfteil, die Bettdecke und die Wand, den Nachttisch und den Lampenschirm sowie die Gardine und die Vorhänge. Alles bis auf eine leere Ecke links vom Bett. Genau dort, wo ich stand. Wo auch der Mörder gestanden hatte. Wo sein Körper die Spritzer aufgefangen hatte, die in diese Richtung geflogen waren.

Der totale Overkill.

Ich streckte die linke Hand nach Mikes Bein aus und berührte es behutsam. Seine Kälte war erschreckend. Ich zog die Hand schnell wieder weg, aber die Kälte blieb und schien bis in meine Fingerknochen zu dringen. Bilder schossen mir durch den Kopf. Mike und Mary, seine Frau, auf der Intensivstation vor ihrem Sohn stehend, nachdem das Gehirn des Jungen bei einem Motorradunfall unwiederbringlich zerstört worden war. Die herzzerreißende Entscheidung der Eltern, die lebenserhaltenden Maßnahmen einzustellen. Marys schwere Depressionen und ihr späterer Selbstmord. Mikes zweiter Besuch innerhalb eines Jahres auf dem Friedhof von Maple Hill, um sich von einem geliebten Menschen zu verabschieden. Mikes Herzanfall. Die Aufgabe seiner Tätigkeit als Sheriff des Madison County, die er so geliebt hatte.

Und jetzt das.

»Scheiße, Mike! Warum gerade du? Nach allem, was du durchgemacht hast.« Tränen brannten hinter meinen Augenlidern. »Ich verspreche dir, alter Junge, dass wir den Mistkerl finden. Er wird nicht davonkommen. Keine Chance.«

Rasch blickte ich mich ein letztes Mal am Tatort um, denn ich musste hier heraus. Ich hatte genug gesehen. Und falls nicht, war es mehr, als ich in diesem Augenblick verkraften konnte.

Auf dem Gang begegnete ich zwei Kriminaltechnikern, die Plastikplanen bei sich hatten. Ich hasste dieses kalte, unpersönliche, synthetische Material, hatte es schon immer gehasst. Mit Bedauern erinnerte ich mich an die Zeit, als Leichen zum Transport noch in Decken eingehüllt wurden, was zumindest die Illusion von Geborgenheit, Wärme und Respekt hervorrief. Dumm, ich weiß. Die Toten merken den Unterschied ja nicht. Trotzdem versuchte ich, mir Mike nicht in dieses durchsichtige Plastik gehüllt vorzustellen.

Als ich das Wohnzimmer erreichte, sprach T-Tommy gerade mit einem uniformierten Polizisten. Dann nickte der junge Mann und ging zur Eingangstür hinaus.

»Was ist mit den anderen beiden?«, fragte ich.

»Der eine war ein älterer Mann im Russel Erskine Hotel, der andere ein junger Bursche im Madison County«, sagte T-Tommy. »Warum fährst du nicht schon mal rüber und schaust, was Scotty vorbereitet hat? Ich komme nach, sobald ich kann.«

5. Kapitel

Montag, 9.11 Uhr

Draußen auf der Eingangsterrasse sah ich Claire, die einer Frau in Lockenwicklern und Bademantel ein Mikrofon unter die Nase hielt. Claires Kameramann richtete sein Objektiv über ihre Schulter, um das aufgeregte Geplapper der Frau einzufangen.

Claire war eine Schönheit. Schlank und fit, mit taillenlangem rotem Haar, einem hinreißenden Lächeln, Sommersprossen auf der Nase und grün-braunen Augen, die mehr zu Braun tendierten, wenn sie müde war, und zu Grün, wenn sie verärgert war. Oder lachte. Das machte es oft ein bisschen schwierig, ihre Stimmung einzuschätzen. Sie sah in natura sogar noch besser aus als im Fernsehen, und das hieß schon was. Claire hatte eine treue Fangemeinde, besonders in der Bevölkerungsgruppe der achtzehn- bis fünfundfünfzigjährigen Männer. Mit achtunddreißig gehörte ich natürlich auch dazu.

Unsere Ehe hatte ganze fünfzehn Monate gehalten. Der Sex war großartig gewesen, das Lachen und die Fröhlichkeit noch besser, aber es hatte einfach nicht sein sollen, denn als es zwischen uns gefunkt hatte, hatten wir beide nicht klar denken können. In meinem Fall lag das an der Entführung meiner Schwester, bei Claire an der Auflösung einer zweijährigen Verlobung. Es endete, weil wir als Freunde einfach besser miteinander auskamen. Claire gab unserem roten Haar die Schuld; sie meinte, zwei Rothaarige könnten nicht lange unter einem Dach leben, ohne aufeinander loszugehen. Eigentlich ist mein Haar eher mahagonibraun, das Rot kommt nur bei direkter Sonneneinstrahlung zum Vorschein. Claire dagegen ist ein echter Rotschopf, auch wenn die Töne bisweilen die gesamte Bandbreite durchlaufen. Heute beispielsweise war es eine Art Zedernholzton.

Jedenfalls, bei unseren Auseinandersetzungen ging es um die Vorherrschaft in unserer Beziehung. Jeder wollte der Boss sein, besonders Claire. Nein, ganz ehrlich: Die Scheidung war nicht nur unvermeidlich, sie war auch willkommen; da waren wir uns einig. Deshalb ging sie dann auch reibungslos über die Bühne, und wir blieben enge Freunde. Hin und wieder auch von der Sorte »Freunde mit Vergünstigungen«.

Als ich näher kam, ließ die Frau mit den Lockenwicklern sich gerade darüber aus, was für ein netter Mensch Mike Savage sei, wie sicher sie sich gefühlt habe, den pensionierten Sheriff in der Nachbarschaft zu wissen, und wie schockierend es doch sei, dass hier so etwas geschehen könne, gleich drüben auf der anderen Straßenseite, gegenüber von ihrem eigenen Haus.

Claire beendete das Interview abrupt und fing mich ab, als ich unter dem Absperrband hindurchschlüpfte. Die Frau entfernte sich, umarmte ihre Freundin – eine Dame, die ebenfalls im Bademantel auf der Straße stand – und erzählte ihr kichernd, dass sie jetzt ins Fernsehen käme.

»Was ist los hier?«, fragte Claire.

»Freut mich auch, dich zu sehen, Claire.«

»Ja, ja. Plaudern können wir später bei einem Drink. Worum geht es hier?« Claire war im Arbeitsmodus, was bedeutete: Vergeude nicht meine Zeit. Komm zur Sache oder hau ab. Als ich nichts erwiderte, lenkte sie ein. »Ich weiß, dass es ein Mord ist, und ich weiß auch, dass Mike der Tote ist.« Sie berührte meinen Arm. »Tut mir leid.«

»Ja. Schlimme Sache.«

»Was kannst du mir sagen?«

»Aber du hast das nicht von mir gehört, okay?«

»Ich kenne die Spielregeln. Und jetzt sag schon, was du weißt, oder du kriegst einen Arschtritt.«

»So charmant, wie du mal wieder bist, wie könnte ich da widerstehen?«

»Charmant oder nicht, raus damit!«

Ich nickte zu ihrem Kameramann hinüber. »Kein Film, kein Ton.«

»Jeffrey?« Sie zeigte mit einer Handbewegung auf den Übertragungswagen, und der junge Mann senkte seine Kamera und schlenderte zu dem Fahrzeug, bis er außer Hörweite war. Claire schaltete ihr Mikrofon ab, steckte es in die Tasche ihres Blazers und holte Stift und Notizblock aus ihrer Schultertasche.

»Der Tote ist Mike«, begann ich. »Das einzige Opfer. Er ist zwischen zehn und eins gestorben. Im Schlaf.«

Claire strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr, die allerdings nicht dort blieb, sondern ihr gleich wieder ins Gesicht fiel. »Was noch?«

»Mehr weiß ich nicht. Ich war erst kurz vor dir hier.«

Sie warf mir einen wissenden Blick zu. »Du verschweigst mir etwas«, sagte sie und ließ den Kugelschreiber ein paar Mal auf und zu schnappen. »Du weißt doch, dass ich so was merke. Warum willst du es vor mir verbergen?«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Und du weißt auch, dass ich dich zum Reden bringen kann.«

»Ach ja? Was willst du denn tun? Mich treten oder vögeln?«

»Das hättest du wohl gern. Ich lasse nicht eher locker, bis du dich geschlagen gibst. Also erspar dir den Ärger und sag’s mir einfach.«

Ich blickte zum Haus. T-Tommy stand an dem großen Fenster im Wohnzimmer und sprach mit einem Uniformierten. »Okay, eins kann ich dir noch sagen … Mike wurde erschossen. Wahrscheinlich mit einem einzigen Kopfschuss. Mit Sicherheit weiß ich es aber erst nach der Autopsie.« Ich holte tief Luft, stieß sie langsam wieder aus. »Und er wurde übel zugerichtet. Postmortal.«

Der Kugelschreiber in ihrer Hand erstarrte mitten im Wort, und sie schaute mich an. »Ich habe Gerüchte gehört, dass es bei den anderen beiden Morden auch so gewesen ist. Stimmt das? Glaubst du, es besteht eine Verbindung?«

»Keine Ahnung.«

»Ach komm, du bist gerade so schön dabei. Lass mich jetzt nicht hängen.«

»Ich weiß es wirklich nicht. Mit den anderen beiden Fällen hatte ich nichts zu tun.«

»Aber du wirst sie dir ansehen?«

»Ich war gerade auf dem Weg dorthin.«

»Sie haben dich um Hilfe gebeten?«

»Sieht ganz so aus.« Ich sah Tommy und den Uniformierten aus der Eingangstür kommen und um das Haus herumgehen. T-Tommy hatte sein Mobiltelefon am Ohr.

»Du hältst mich auf dem Laufenden?«

»So gut ich kann. Ich will ja keinen Tritt in den Allerwertesten von dir riskieren.«

»Ich würde dir auch nur ungern einen verpassen. Geschäft ist Geschäft.«

»Ich liebe dich auch.«

»Ich weiß.«

Ich nickte in Richtung Kameramann, der jetzt in der offenen Tür des Übertragungswagens saß und mit seiner Kamera herumspielte. »Kann er etwas für mich tun?«

»Was?«

»Die Menge filmen.«

»Du weißt, das darf ich nicht. Es ist illegal.«

»Du darfst die Aufnahmen nicht den Cops zukommen lassen. Aber da ich nicht zu dem Verein gehöre, kannst du sie mir ruhig geben.«

Sie zögerte einen Herzschlag lang und nickte dann. »Du glaubst doch nicht, dass der Mörder noch hier ist?«

»Einige treiben sich gern am Tatort herum, um die Reaktionen auf ihr Werk zu sehen. Das Chaos, den Schrecken. Vielleicht auch, um an die Ermittler heranzukommen und ihnen Tipps zu geben oder sogar ihre Hilfe anzubieten, um den Fall zu lösen.«

»Die müssen ja irre sein.« Claire schüttelte den Kopf. »Ich wäre so weit weg wie nur möglich, wenn ich jemanden umgebracht hätte.«

»Mörder neigen nicht zu rationalem Denken.«

Claire winkte den jungen Mann herüber und stellte mich ihm vor. Jeffrey Lombardo war ein gutaussehender Bursche mit seinen langen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haaren, den abgewetzten Jeans und einem grauem T-Shirt. Und er hatte einen festen Händedruck. Ich erklärte ihm, was ich brauchte.

»Seien Sie diskret«, warnte ich ihn. »Falls unser Killer hier ist, wird er verschwinden, sobald er merkt, was läuft.«

»Kein Problem«, sagte Lombardo. »Ich gebe Claire das Video, sobald es fertig ist.«

6. Kapitel

Montag, 9.43 Uhr

Die Sondereinheit wurde ganz in der Nähe von Luthers Büro im ersten Stock untergebracht – im selben Eckzimmer, in dem ich schon den Packwood-Fall bearbeitet hatte. Billy Wayne Packwood war ein echtes Scheusal. Er stand darauf, sich junge Mädchen zu schnappen, um sie zu vergewaltigen, zu foltern und zu töten. Die Anzahl seiner Opfer lag bei zwölf, ehe er gefasst wurde. Ich hatte an dem Fall als Berater mitgearbeitet und beim Täterprofil und der Beweismittelauswertung geholfen.

Als ich den Raum betrat, stürmten Erinnerungen auf mich ein. Bilder von Packwoods verstümmelten Opfern. Der Geruch verwesender Körper. Die Furcht, die Packwood in der ganzen Stadt verbreitet hatte. All das war immer noch scharf in mein Gedächtnis eingebrannt.

Auch der Raum hatte sich nicht verändert. Dieselben verblichenen gelben Wände, metallenen Schreibtische und Stühle. Dieselbe müde alte Kaffeemaschine auf demselben klapprigen Holztischchen. Die Kanne war neu, aber neue Kannen gab es regelmäßig, da Glas hier nur eine kurze Lebensdauer hatte.

Sechs Korktafeln bedeckten eine Wand. Zwei enthielten Fotos und Zettel, einige getippt, andere handgeschrieben, die mit bunten Pinnnadeln befestigt waren. Auf den Fotos war zu erkennen, dass es den beiden anderen Opfern nicht besser ergangen war als Mike. Ich wusste, dass die dritte Pinnwand bald Bilder des Tatorts enthalten würde, den ich soeben erst verlassen hatte. Und ich wusste auch, dass die meisten anderen Korktafeln, wenn nicht sogar alle, mit Fotos weiterer Tatorte bedeckt sein würden, bevor es vorbei war. So war das nun mal bei dieser Art von Mördern.

Die traurige Wahrheit ist, dass eine hohe Opferzahl bei der Lösung dieser Art von Fällen sogar hilft. Ein Tatort – sogar zwei oder drei – bieten selten genug Beweismittel, um den Täter zu identifizieren. Doch wenn sich die Gräuel häufen, kommen durch jeden Tatort und jedes Opfer weitere Beweisstücke hinzu, die sich irgendwann hinreichend zusammenfügen, um ein Bild zu ergeben, sodass man die Schlinge zuziehen kann. Und wenn es soweit ist, wenn also der Killer gefasst oder getötet wird und man den Fall im Nachhinein betrachtet, fragt man sich jedes Mal, wirklich jedes Mal, warum man ihn nicht schon vorher erwischt hat. Warum die letzten zwei, drei oder mehr Opfer nicht gerettet wurden. Das scheint immer so zu sein. Leider. Ich hasse es, aber was kann man da schon tun? Es ist nun mal, wie es ist.

»Na, wen haben wir denn da!«

Ich drehte mich um und sah Scotty Simpson, der zur Tür hereinkam. Mit seiner beginnenden Glatze sah er mehr wie einundfünfzig aus statt einunddreißig, aber er hatte immer ein freundliches Lächeln für alle, und heute war keine Ausnahme. »Scotty. Schön, dich wiederzusehen.«

Wir gaben uns die Hand, und dann verblasste Scottys Lächeln, und seine Miene wurde ernst.

»Furchtbar, das mit Mike. Ich fasse es einfach nicht.«

Geht es uns nicht allen so? Ich zeigte auf die Pinnwände. »Was haben wir bisher?«

»Einen elenden Mistkerl. Nimm dir einen Kaffee, wenn du willst, und ich gehe es mit dir durch.«

Ich goss etwas von dem abgestandenen Zeug in einen Styroporbecher und trank einen Schluck. Bitter, aber heiß und stark. Nicht schlecht für Sondereinheits-Kaffee.

Scotty trat seitlich vor die erste Tafel. Während er redete, überprüfte ich sorgfältig jedes Foto, das mit dem ersten Tatort in Verbindung stand.

Mr. Carl Petersen. Dreiundsiebzig. Pensionierter Raumfahrtingenieur. War zwanzig Jahre beim Marshall Space Flight Center der NASA beschäftigt gewesen. Wohnte allein im alten Russel Erskine Hotel. Vierter Stock. Ermordet am achtundzwanzigsten Juni. Witwer. Ehefrau vor vier Jahren an Krebs verstorben. Ein Mann, der für sich blieb und seit dem Tod seiner Frau als verschlossen und streitlustig galt. Fanatischer Baseball-Fan. Sammelte Autogrammkarten, handsignierte Bälle und Schläger. Der Mörder war durch die Eingangstür in das Russel Erskine gelangt. Nichts wies auf ein gewaltsames Eindringen hin. Todesursache: stumpfes Schädeltrauma. Zahlreiche Hiebe mit einem von Henry Aaron signierten Baseballschläger.

Abwehrverletzungen. Der linke Arm gebrochen, in einem 90°–Winkel verdreht und mit hervorstehendem Knochen. Zwei gebrochene Finger an der rechten Hand. Eingedrückter Schädel. Gesicht wie ausradiert. Baseballschläger gespalten von der Wucht der Hiebe. Der Mörder hatte dem toten Mr. Petersen den Schläger in den Unterleib gerammt und dort stecken lassen. Wie den Schürhaken bei Mike.

Nichts davon waren gute Neuigkeiten.

Das alte Russel Erskine Hotel befand sich in der Innenstadt, nur wenige Häuserblocks entfernt von unserem Gebäude. Dieses einst berühmteste Hotel der Stadt war in ein Seniorenheim umgewandelt worden. Was bedeutete, dass Petersen kein zufälliges Opfer war. In dieses Haus hineinzugelangen war nicht das Gleiche, wie durch jemandes Fenster einzusteigen oder durch eine unverschlossene Garagentür. Um es unbemerkt in den vierten Stock und wieder zurück zu schaffen, waren entweder große Geschicklichkeit und Erfahrung vonnöten oder unglaubliches Glück. Wegen des intakten Türschlosses hatte der Täter entweder einen Schlüssel – das Werk von Insidern? –, oder er war sehr gut im Aufbrechen von Schlössern. Wie bei Mikes Garagentür. Ich war mir sicher, dass Mike immer alles bestens verschlossen gehalten hatte. Das galt sicher auch für Petersen, der Ingenieur gewesen war. Diese NASA-Typen überließen nichts dem Zufall.

»Petersen ist nicht erschossen worden?«

»Nee.«

»Sonst noch was?«

»Oh ja«, sagte Scotty. »Das Verrückteste überhaupt. Dieser Irre war in der Küche und hat eine Kleinigkeit gegessen.«

»Nach diesem Gemetzel?«

Scotty nickte. »Milch und Plätzchen. Als würde er eine Pause machen.«

»War es ja auch. Eine Pause zwischen Morden.«

»Um sich wieder einzukriegen?«, fragte Scotty.

»So was Ähnliches. Nachdem er seinem Dämon – oder was immer es sein mag – freien Lauf gelassen hatte, kehrte er zu alltäglicheren Beschäftigungen zurück. Hört sich verrückt an, aber es ist nichts Ungewöhnliches.«

»Wir haben blutige Handschuhabdrücke auf dem Kühlschrankgriff, dem Milchkarton, dem Glas und der Plätzchentüte gefunden. Schoko-Cookies. Und wir fanden Baumwollfasern in den Blutflecken auf dem Glas und dem Baseballschläger. Ein paar andere an der Haustürklinke. Sidau sagt, dass sie wahrscheinlich von ganz normalen Gärtnerhandschuhen stammen.«

»Habt ihr DNA-Proben von dem Glas genommen?«

»War leider nicht möglich.«

»War an dem Abend jemand in der Eingangshalle?«

Scotty schüttelte den Kopf. »Damals nicht. Inzwischen haben sie einen Nachtwächter.«

»Und wie sieht’s mit Sicherheitsvorkehrungen aus?«

»Zwei Kameras. Nicht die beste Qualität. Wir haben allerdings eine Aufnahme von dem Täter. Oder zumindest von dem, den wir für den Mörder halten. Er kam durch den Empfangsbereich und ging die Treppe hinauf. Aber da er eine Mütze trug, konnten wir leider nicht viel sehen.«

»Wann war das?«

»Die Uhr der Anlage ging nicht ganz richtig, aber soweit wir sagen können, war es gegen ein Uhr morgens.«

»Und die Todeszeit?«

»Drummond schätzte sie auf irgendwann zwischen ein und drei Uhr früh.«

Dr. Lou Drummond, einer der beiden Gerichtsmediziner des Madison County, arbeitete unter der Leitung des County Coroners Edwin Dreyer. Wie viele andere Gerichtsbezirke benutzte auch Madison County das sogenannte »Coroner-System« der amtlichen Untersuchung eines Todesfalls durch einen ins Amt gewählten Coroner, der in der Regel aber kein Rechtsmediziner ist. Dreyer, der Besitzer des Bestattungsinstituts, war schon seit vier Amtszeiten Coroner und würde sehr wahrscheinlich auch die nächste Wahl gewinnen. Hauptsächlich wohl deshalb, weil niemand gegen ihn kandidierte.

Da Dreyer keine medizinischen Fachkenntnisse besaß, beschäftigte der Staat Drummond und seine Partnerin, Dr. Becka Cooksey, um die Autopsien vorzunehmen, die anderen medizinischen Verfahren abzuwickeln und Dreyer, dem medizinischen Laien, die Labortests zu erklären. Es war vielleicht nicht das effizienteste System, aber es funktionierte.

»Mrs. Cohen, seine nächste Nachbarin, hat gesagt, sie habe Petersens Fernseher gehört und dass ein Baseballspiel lief«, sagte Scotty. »Er hat den Fernseher gegen elf Uhr ausgemacht. Am nächsten Morgen wollte Mrs. Cohen ihm Kuchen bringen. Als er nicht aufgemacht hat, dachte sie, er sei spazieren gegangen, wie fast jeden Morgen, aber als sie ihn gegen Abend immer noch nicht gesehen hatte, rief sie die Leute vom Sicherheitsdienst an, weil sie befürchtet hat, er sei krank oder verletzt oder so etwas. Die Sicherheitsleute öffneten mit dem Hauptschlüssel und fanden das hier.« Scotty zeigte auf das Tatortfoto.

»Hat Mrs. Cohen sonst noch was gehört?«, fragte ich. »Nachdem der Fernseher aus war? Seine Abwehrverletzungen beweisen, dass er erbitterten Widerstand geleistet haben muss.«

Scotty schüttelte den Kopf. »Sie sagte, sie hätte möglicherweise einen dumpfen Schlag gehört, war sich aber nicht sicher, um welche Zeit das war oder woher es kam. Sie gab allerdings zu, dass sie zum Schlafen häufig Xanax nimmt und an diesem Abend auch noch zwei Gläser Wein getrunken hatte. Sie muss ganz schön high gewesen sein, dass sie nichts gehört hat.«

»Wohl eher schon im Koma.« Ich füllte meinen Kaffeebecher auf. Langsam gewöhnte ich mich schon wieder daran. Ich hatte wohl nur vergessen, wie gut schlechter Kaffee sein kann. »Haben irgendwelche anderen Nachbarn was gehört?«

»Nada.«

»Wo ist das Überwachungsvideo? Ich möchte es mir ansehen.«

»Drüben in der Forensik.«

»Sonst noch was?«

Scotty schüttelte den Kopf.

»Und der zweite Mord?« Ich trat vor die nächste Pinnwand, um die Fotos besser sehen zu können.

»Das Opfer war William Allison, genannt Skip. Politisch sehr engagiert in der hiesigen Schwulenszene. Ermordet am dritten Juli in seinem Apartment stadtauswärts in Richtung Madison. Er wohnte in der obersten Etage eines Vier-Parteien-Hauses. Und er hatte einen Lover namens Billy Holcomb. Das genaue Gegenteil von Skip. Muskulös, immer schlecht gelaunt und ein Tattoo-Fan. Er war zur Tatzeit allerdings in Atlanta, auf einer Party mit ungefähr zwanzig Zeugen. Allison wurde mit einer Neunmillimeter erschossen, die vermutlich mit einer Art Schalldämpfer versehen war.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Bist du sicher?«

»Die Jungs im Labor meinen, dass Spuren an der Kugel und das Tätowierungsmuster darauf schließen lassen.«

Eines der Fotos war eine Großaufnahme der Eintrittswunde direkt über und vor Allisons linkem Ohr. Es war ein kleines Wunder, dass dieser Bereich des Schädels von den nachfolgenden Traumata verschont geblieben war. Eine in der Mitte verdichtete, aber nicht allzu große Tüpfelung umgab die saubere runde Eintrittswunde. Die Verbreitung der Spritzer deutete auf eine Schussverletzung mit fast schon aufgesetzter Mündung hin, während das geringe Blutspurenmuster darauf hinwies, dass die Mündung weiter entfernt gewesen war.

Und welche Schlüsse ließ das zu? Es könnte bedeuten, dass ein Schalldämpfer die Verbreitung der Blutspritzer eingedämmt und teilweise auch das verbrannte und nicht verbrannte Pulver aufgefangen hatte, das der Kugel folgte. Kein überzeugender Beweis, aber nicht uninteressant.

Ich massierte meine Nackenmuskeln, die sich versteiften, als ich an meinen Traum von gestern Nacht und die Szene in Mike Savages Haus zurückdachte. »Sieht ganz so aus, als hätte unser Junge nach einem sauberen Schuss nicht haltgemacht.«

Scotty schüttelte den Kopf. »Keine Abwehrverletzungen – also ist alles andere, was du siehst, nach Eintritt des Todes geschehen.«

»Was hat der Täter benutzt?«

»Zunächst mal eines dieser dekorativen Nudelhölzer. Die Schläge wurden mit solcher Kraft geführt, dass das Holz zerbrach. Daraufhin schnappte er sich eine Messingtischlampe. Sie war eingebeult und verbogen von der Wucht der Schläge. Drummond glaubt, dass Allison hundertmal oder öfter damit geschlagen wurde.«

»Wie bei Mike«, sagte ich zähneknirschend, bevor ich meinen Kaffeebecher leerte und ihn in einen Papierkorb in der Ecke warf. »Noch was?«

»Zwei verschmierte Teilabdrücke von blutigen Schuhen auf dem Teppich. Wegen des schlechten Trägermaterials konnten wir aber keinen Sohlenabdruck nehmen.«

»Seid ihr fertig?«, fragte T-Tommy, der zur Tür hereinkam.

»So gut wie. Ich würde mir nur gern noch die ersten beiden Tatorte ansehen«, antwortete ich.

»Allisons Wohnung ist schon gereinigt und dem Eigentümer übergeben worden. Aber der Petersen-Tatort könnte noch intakt sein.«

»Es wäre hilfreich, wenn ich beide sähe.«

7. Kapitel

Montag, 11.13 Uhr

Ich stieß die große Glastür des Russel Erskine Hotels auf. Bei dieser einstigen Grande Dame der Stadt waren die Geschäfte ins Stocken geraten, als sich das Wirtschaftszentrum aus der City hinaus in die Einkaufszentren außerhalb der Stadt verlagert hatte. Die Belegungsdichte des Russel Erskine sank, und 1983 war das Hotel zu einem staatlich subventionierten Seniorenheim umgebaut worden. Das Schild über dem prachtvollen Säulenvorbau wies es jedoch nach wie vor als Hotel Russel Erskine aus. Ich hatte es seit meiner Kinderzeit nicht mehr betreten und sah nun, dass das Foyer im ursprünglichen Stil von 1930 wiederhergestellt worden war. Es sah einfach grandios aus – sauber und frisch, mit großen quadratischen Bodenfliesen und strahlend weißen Wänden mit grauer Stuckverzierung. Ein mächtiger Kronleuchter und eine Marmortreppe mit vergoldetem Geländer ließen die Eingangshalle wie eines dieser alten Hollywood-Filmsets erscheinen.

Eine attraktive Frau mittleren Alters in einer schicken braunen Hose und weißer Seidenbluse begrüßte uns freundlich. T-Tommy machte mich mit Wilma Foster bekannt, so hieß die Hausverwalterin, und erklärte ihr, dass wir uns Carl Petersens Apartment noch einmal ansehen müssten. Als die Aufzugtür sich zischend schloss und die Kabine sich in Bewegung setzte, sagte Mrs. Foster: »Dieser schreckliche Vorfall hat unsere Bewohner tief erschüttert. Alle liebten Mr. Petersen. Er war ein wichtiger Teil unserer kleinen Gemeinde.«

»Ich habe gehört, er soll ein bisschen griesgrämig gewesen sein«, bemerkte ich.

Sie schaute mich an und lächelte. »Ein bisschen. Aber auf nette Art. Er hat hier eine Lesegruppe eingerichtet, die sich jeden Mittwochabend traf. Die Gruppe war sehr beliebt. Ungefähr dreißig Leute sind jede Woche erschienen.«

»Wurde seine Wohnung schon gereinigt?«, wollte ich wissen.

Sie seufzte. »Ich kann mich nicht dazu überwinden. Ich bin nicht einmal mehr drinnen gewesen, seit …«

»Das kann ich verstehen.«

»Außerdem wird es eine Weile dauern, bevor wir das Apartment wieder vermieten können. Vorfälle wie dieser schrecken potenzielle Mieter häufig ab.«

Die oberen Etagen, die genauso hübsch und sauber wie die Eingangshalle waren, rochen nach frischer Farbe und neuem Teppichboden. Vor Apartment 506 blieb Wilma stehen, um aufzuschließen, und schob die Tür auf. Mit einem scharrenden Geräusch glitt sie über den Teppich. Sie müsste abgeschliffen werden, doch Wilma schien davon nichts zu bemerken. Ohne auch nur einen Blick in die Wohnung zu werfen, trat sie rasch von der Tür zurück. »Schließen Sie einfach ab, wenn Sie hier fertig sind«, sagte sie und ging zurück zum Lift.

Ich schaute den Flur hinauf und hinunter. Nichts als Zimmertüren, Wandleuchten und ein rotes Ausgangsschild an einem Ende. Wahrscheinlich ging es dort zur Treppe. Petersens Zimmertür sah aus wie alle anderen. Der Mörder hatte genau gewusst, wohin er wollte. Nichts hier war Zufall.

T-Tommy ging hinein, während ich noch an der Tür verharrte. Wo auch der Mörder stehen geblieben war. Wo er sein Eintreten geplant hatte. War er ängstlich gewesen? Aufgeregt? Sich seiner Sache vielleicht nicht ganz sicher? Wusste er, dass Petersen schlief? Hatte er einen Schlüssel? Wenn ja, woher? Oder hatte er das Schloss geknackt? Schwitzend, sich ständig umblickend und voller Sorge, er könnte von einem anderen Bewohner überrascht werden?

Ich ging ins Wohnzimmer. In den zwei Wochen, in denen es versiegelt gewesen war, hatte es eine Menge muffiger Gerüche angenommen. Ansonsten wirkte alles unverändert. Nirgendwo waren Anzeichen eines Kampfes zu sehen. Ich ging an dem Sofa und dem mit Zeitschriften beladenen Couchtisch vorbei – Scientific American, National Geographic und Aviation Week, soweit ich sehen konnte – und in den kleinen Koch- und Essbereich. Bis auf die dünne Staubschicht wirkte auch hier alles ganz normal. Als könnte der Bewohner jeden Moment von einem ausgedehnten Urlaub zurückkehren. Nun, das würde nicht geschehen. Nicht jetzt und überhaupt nie wieder.

Das Schlafzimmer war eine andere Sache. Hier roch es nach Gewalt, Tod und altem Blut. Einige der vielen widerwärtigen Empfindungen, die in meinem Gedächtnis weiterlebten. Gerüche, Anblicke und Geräusche, die oft noch Jahre später zurückkehrten, wenn ich es am wenigsten erwartete, und Erinnerungen heraufbeschworen.

An den Mann, der den Verstand verlor und zuerst seine Frau und dann sich selbst erschoss. Als sie vier Tage später in ihrem übergroßen, von der Sonne glühend heißen Wohnwagen aufgefunden wurden, war der Gestank ihrer verwesenden Körper so extrem, dass ich ihn auf der Zunge schmecken konnte. Das war in Sarasota, Florida gewesen.

Oder an die beiden Wasserleichen, die nach einer Woche aufgefunden wurden, nachdem sie gefesselt und geknebelt in den Sumpf geworfen worden waren, weil sie ihre Schulden bei einem Gangster aus New Orleans nicht beglichen hatten. Angeknabbert von Alligatoren, Schildkröten und Fischen. Ich hatte geholfen, die Leichen aus dem trüben Wasser herauszuholen. Das Gefühl ihrer aufgedunsenen Körper, die glitschig wie Seife über meine Finger rutschten … Nichts fühlt sich vergleichbar an.

An das Kind, das …

Nein, nicht das. Hier zügelte ich meine Erinnerungen.

Das Bett, in dem Carl Petersen gestorben war, war nur noch ein Gestell. Matratze und Sprungfederrahmen waren zur Untersuchung ins Kriminallabor gebracht worden. Auch ein Teil des Teppichbodens war entfernt worden; ein von dunklen, getrockneten Blutflecken umgebenes Beton-Rechteck war zurückgeblieben. Aufprallspritzer sprenkelten die Wand nahe dem Kopfende des Bettes; Abschleuderspritzer zeichneten die Zimmerdecke. Beide waren Nebenprodukte der Petersen zugefügten Gewalttätigkeiten. Genau wie bei Mike. Nur links vom Bett, wo der Mörder gestanden haben musste, gab es keine Blutspritzer.

Zwei Baseballschläger lehnten in der Ecke, beide dick bestäubt mit Fingerabdruckpuder. Die Schranktür stand offen. Petersens Kleidungsstücke hingen in militärisch perfektem Abstand zueinander. Genauso, wie man es von einem NASA-Ingenieur erwarten würde. An zwei ebenso ordentlichen Reihen von Haken hingen Baseballkappen von der Zimmerdecke. Von den Atlanta Braves, den New York Yankees und anderen, mit Werbeaufdrucken für Läden und Werkstätten.

Nachdem ich mich umgesehen hatte, ging ich zurück zur Küche und schaute mir die Blutflecken am Griff des Kühlschranks und der anderen Schränke an. An die Arbeitsplatte gelehnt, versuchte ich mir vorzustellen, wie sich alles abgespielt hatte. Ein Verbrecher hinterlässt nicht nur physische Hinweise wie Fingerabdrücke, Blut, Samen, Haare, Fasern – also typisches Material für das Kriminallabor –, sondern auch Spuren seiner Persönlichkeit. Nicht immer leicht zu erkennen und wahrscheinlich auch nicht allzu akkurat, spiegeln diese Hinweise doch oft die Motivation des Täters wider. Und die Beweggründe und das Warum zu verstehen, führt in den meisten Fällen auch zur Beantwortung der Frage nach dem Wer.

Einige Polizisten und Fallanalytiker behaupten, einen sechsten Sinn zu haben, ein Verbrechen riechen und im Geiste nachvollziehen zu können. Aber das ist Unsinn. Ein guter Ermittler hält die Augen offen und bleibt objektiv. Lässt die Beweise sprechen und benutzt das, was er sieht, um seine Schlüsse zu ziehen. Was absolut nichts mit einem sechstem Sinn oder dergleichen zu tun hat.

Natürlich mache auch ich mir im Geiste Bilder von einem Verbrechen. Wie es vor sich gegangen sein könnte, was der Mörder wohl gedacht hatte, und warum er bestimmte Dinge tat. Aber das war nichts Übersinnliches, Hellseherisches oder irgendeine Art Voodoo; es war einfach Erfahrung und Logik.

Bei mir stellten sich diese Bilder manchmal erst nach tagelangen Ermittlungen ein. Wenn die Beweise sich Stück für Stück zusammenfügten, bis nur noch eine Schlussfolgerung möglich war. Hin und wieder erschienen die Bilder jedoch auch ganz plötzlich, hervorgebracht durch irgendetwas, das ich am Tatort sah. Die Lage der Leiche, ein Möbelstück, das sich nicht an seinem Platz befand, eine zerdrückte Zigarettenschachtel, ein winziger Blutstropfen. Es konnte etwas so Auffälliges sein, dass es augenblicklich meine Sicht der Dinge änderte, oder auch etwas so Unaufdringliches, dass es meinem Gehirn nur einen winzigen Stich versetzte. Gerade groß genug, um ein Bild hindurchzulassen, das sich nach und nach vergrößerte, verschärfte und vervollständigte.

Das Bild, das ich mir jetzt gerade machte, war das von Petersen, wie er allein zu Hause vor dem Fernseher saß und sich das Baseballspiel anschaute, bis er müde zu Bett ging, in tiefen Schlaf versank und von nichts etwas bemerkte, bis es zu spät war. Dann sah ich den Mörder geschickt am Schloss hantieren und schließlich vorsichtig die Tür aufdrücken, deren leises Scharren über den Teppich sich in der stillen Dunkelheit wie ein bremsender Zug angehört haben musste. Im Schlafzimmer hatte der Täter vermutlich stumm vor dem alten Mann gestanden und dessen Atemzügen gelauscht.

Wie lange? Hatte er sich Zeit gelassen, um den Augenblick zu genießen? Oder hatte er schnell zugeschlagen aus Furcht, Petersen könnte erwachen? Scottys Einschätzung zufolge war sein erster Schlag an Petersens Schulter abgeprallt. Die nächsten beiden zerschmetterten ihm den Arm und die Finger, als er die Hiebe abzuwehren versuchte. Und schließlich der tödliche Schlag gegen die zerbrechliche Stirn des alten Mannes. Petersen hatte nicht den Hauch einer Chance gehabt.

Dann war der Mörder in aller Ruhe in die Küche stolziert, zu einem Glas Milch und Plätzchen, was ein ausgesprochen soziopathisches Verhalten war. Obendrein das Verhalten eines Menschen, der sein Opfer kannte, der wusste, dass kaum die Gefahr eines unerwarteten Besuchs bestand, und dem klar war, dass er Zeit hatte.

»Wie siehst du die Sache?«, fragte T-Tommy.

»Das hier ist nicht gerade der am leichtesten zugängliche Ort, den ich je gesehen habe. Die Apartments liegen nahe beieinander, und es gibt keinen schnellen Fluchtweg. Das war eine sehr verwegene Aktion.«

»Oder eine total verrückte.«

»Das auch. Petersens Nachbarin, die alte Dame … sie wohnt in 508, richtig?«

T-Tommy nickte.

»Schwer zu glauben, dass sie nicht mehr als einen dumpfen Schlag gehört hat.«

T-Tommy schloss die Wohnung ab, und wir fuhren mit dem Aufzug wieder hinunter. Unten im Foyer bemerkte ich die zwei Überwachungskameras, die den größten Teil des ausgedehnten Eingangsbereichs erfassten. Wilma sah ich nicht, fand sie dann aber in ihrem Büro. Da die Tür offenstand, steckte ich den Kopf hinein. »Ich habe ein paar Fragen, falls es Ihnen nichts ausmacht.«

Sie nahm ihre schmale Goldrandbrille ab und hob den Blick zu mir. »Natürlich nicht.«

»Sind die Eingangstüren bei Nacht verschlossen?«

»Jetzt ja.« Sie seufzte. »Ich wünschte, sie wären es auch in jener Nacht gewesen. Aber wir hatten wirklich keinen Grund dazu. Dieses Haus ist eigentlich sehr sicher.« Sie warf T-Tommy einen kurzen Blick zu und wandte sich dann wieder mir zu. »War es zumindest. Jetzt ist alles gut verschlossen. Und wir haben einen Wachmann.«

»In jener Nacht war also niemand in der Eingangshalle?«

»Leider nicht.«

8. Kapitel

Montag, 11.31 Uhr

Die Gulf Coast Telemarketing war das Ergebnis einer hässlichen Scheidung. Wanda Fisher, die Eigentümerin, hatte ihren unfähigen Ehemann in die Wüste geschickt, nachdem er seine Sekretärin vernascht hatte, und mit dem Geld, das ihr vom Gericht zugesprochen worden war, Gulf Coast Telemarketing eröffnet. Die Firma begann sehr klein, in einem Mietshaus, aber in den nächsten sechs Jahren wuchs sie zu einem Millionengeschäft, das mit einer Fläche von fast zweieinhalbtausend Quadratmetern zwei Drittel eines Bürogebäudes beanspruchte, das sich ein paar Meilen südlich der Innenstadt in unmittelbarer Nähe des Memorial Parkway befand. Das letzte Drittel nahm ein Blumenladen namens Noreen’s Flowers ein.

Der größte Teil der Bürofläche der Gulf Coast war in Reihe um Reihe kabinenartiger Arbeitsplätze aufgeteilt, in denen im Schichtdienst arbeitende Telefonverkäufer ihrem Job nachgingen. Brian Kurtz saß in einer dieser Kabinen und hackte auf seiner Computertastatur herum, um schon wieder ein neues Auftragsformblatt auszufüllen. Der leichte Kopfschmerz, der ihn schon den ganzen Morgen geplagt hatte, ließ sich jetzt als gleichmäßiges Pochen hinter seinen Augen nieder. In den vergangenen drei Stunden hatte er fünfzig Anrufe getätigt und elf Verkäufe abgeschlossen. Fünf für Mr. Foam Carpet Cleaning, vier für Top Coat Painting und zwei für Thompson’s Pest Control. Kein schlechter Morgen. Brian wusste, dass keiner seiner Kollegen da mithalten konnte. Das hatten sie noch nie gekonnt.

Er beschloss, noch einen weiteren Anruf zu tätigen, bevor er in die Mittagspause ging. Nachdem er sein Headset zurechtgerückt hatte, wählte er die nächste Nummer auf seiner Liste. Es klingelte viermal. Fünfmal. Sechsmal. Siebenmal.

»Ja?« Die Stimme klang schroff und ungeduldig.

»Mr. Kushner?«

»Wer will das wissen?«

»Mein Name ist Brian Kurtz.«

»Ich kenne keinen Brian Kurtz. Was wollen Sie?«

»Ich rufe im Auftrag von Mr. Foam Carpet Cleaning an. Wir haben unsere alljährliche Sommer…«

»Ich brauche kein verdammtes Teppichreiniger-Arschloch, das mich stört! Warum lasst ihr Erbsenzähler die Leute nicht in Ruhe?«

»Tut mir leid, Sir.« Brian biss die Zähne zusammen. »Wenn es kein guter Zeitpunkt ist, kann ich …«

»Warum fickst du dich nicht selbst, du Penner?«

Brian knirschte mit den Zähnen. »Nein, Mr. Kushner, ficken Sie sich selbst!«, versetzte er und unterbrach die Verbindung.

»Brian?«

Er schwenkte seinen Stuhl herum und sah sich Wanda Fisher gegenüber. Ach du Schande. Verdammter Mist!

»Kann ich Sie in meinem Büro sprechen?« Ohne seine Antwort abzuwarten, fuhr sie herum und stöckelte den Gang hinunter.

Brian blieb noch eine Minute sitzen. Blödes Weibsstück. Erteilte hier Befehle, als wäre sie die verdammte Königin von England oder so was. Wenn sie mit ihm reden wollte, konnte sie es auch hier tun.

Ein paar Mal holte er tief Luft, um seinen hochkochenden Zorn zu bezwingen. Es half tatsächlich ein bisschen. Schließlich stand er auf, um zu Wandas Büro zu gehen. Unaufgefordert setzte er sich auf einen der unbequemen Stühle vor ihrem Schreibtisch und wartete, während Wanda in einem Stapel Papiere blätterte, bevor sie sich endlich dazu bequemte, zu ihm aufzublicken.

»Wären Sie so freundlich, mir zu sagen, was das gerade war?«, fragte sie.

»Nur so ein Blödmann, den ich in der Leitung hatte.«

»Wir nennen sie Kunden.«

»Nicht diesen. Er war beleidigend und arrogant.«

»Brian, wir haben das schon einmal besprochen. Letzte Woche, um genau zu sein.« Wanda beäugte ihn über ihre Lesebrille hinweg, die bis auf ihre Nasenspitze gerutscht war. »Sie wissen, dass manche Leute ein bisschen gereizt sein können, wenn wir anrufen. Trotzdem müssen Sie höflich bleiben, egal was die Leute sagen. Bei unserem letzten Gespräch hatten Sie mir versprochen, sich zusammenzunehmen.«

Gespräch?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Januskiller" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen