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Jane Eyre

Charlotte Brontë

Jane Eyre

Die Waise von Lowood

Eine Autobiographie

Aus dem Englischen von Marie von Borch

 

Vollständig neu bearbeitet von Martin Engelmann

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Inhaltsübersicht

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Neunundzwanzigstes Kapitel

Dreißigstes Kapitel

Einunddreißigstes Kapitel

Zweiunddreißigstes Kapitel

Dreiunddreißigstes Kapitel

Vierunddreißigstes Kapitel

Fünfunddreißigstes Kapitel

Sechsunddreißigstes Kapitel

Siebenunddreißigstes Kapitel

Achtunddreißigstes Kapitel

Zur Übersetzung

 

Charlotte Brontë

Erstes Kapitel

Es war ganz unmöglich, an diesem Tag einen Spaziergang zu machen. Am Morgen waren wir zwar noch eine ganze Stunde in den blätterlosen, jungen Anpflanzungen umhergewandert, aber seit dem Mittagessen – Mrs. Reed speiste stets zu früher Stunde, wenn keine Gäste zugegen waren – hatte der kalte Winterwind so düstere, schwere Wolken und einen so durchdringenden Regen mit sich gebracht, dass von weiterer Bewegung im Freien nicht mehr die Rede sein konnte.

Ich war von Herzen froh darüber, denn lange Spaziergänge waren mir stets zuwider, besonders an frostigen Nachmittagen. Ich fand es furchtbar, in der rauen Dämmerstunde nach Hause zu kommen, mit fast erfrorenen Händen und Füßen und mit einem vom Schimpfen der Kinderfrau Bessie schweren Herzen, gedemütigt durch das Bewusstsein meiner körperlichen Minderwertigkeit gegenüber Eliza, John und Georgiana Reed.

Eliza, John und Georgiana hatten sich gerade im Salon um ihre Mama versammelt. Diese ruhte auf einem Sofa in der Nähe des Kamins, umgeben von ihren Lieblingen, die zufälligerweise in diesem Moment weder zankten noch schrien, und sah vollkommen glücklich aus. Mich hatte sie davon befreit, mich dieser Gruppe anzuschließen: Sie bedauere es zutiefst, sei aber gezwungen, mich fernzuhalten, solange sie nicht selbst oder durch Bessies Worte überzeugt sei, dass ich ernsthaft versuche, mir anziehendere und freundlichere Manieren, einen kindlicheren, geselligeren Charakter und ein leichteres, offenherzigeres, natürlicheres Benehmen anzueignen. Bis dahin müsse Sie mich aber leider von allen Vorrechten ausschließen, die nur für zufriedene, glückliche kleine Kinder gedacht seien.

»Was sagt denn Bessie, dass ich getan habe?«, fragte ich.

»Jane, ich liebe weder Spitzfindigkeiten noch Fragen; außerdem ist es geradezu widerlich, wenn ein Kind ältere Leute in dieser Weise zur Rede stellt. Sofort setzt du dich irgendwohin und schweigst, bis du höflicher reden kannst!«

An das Wohnzimmer grenzte ein kleines Frühstückszimmer, in das ich hineinschlüpfte. Hier stand ein großer Bücherschrank. Ich ergriff einen dicken Band, wobei ich sorgsam darauf achtete, dass er auch bebildert war. Dann kletterte ich auf den Sitz in der Fenstervertiefung, zog die Füße hoch und kreuzte die Beine wie ein Türke. Schließlich zog ich die roten Wollvorhänge fest zusammen und war auf diese Weise doppelt versteckt.

Scharlachrote Stofffalten verdeckten mir die Aussicht nach rechts; links befanden sich die großen, klaren Fensterscheiben, die mich vor dem düsteren Novembertag schützten, mich aber nicht von ihm trennten. In kurzen Momenten, wenn ich die Seiten meines Buches umblätterte, fiel mein Blick auf den Winternachmittag. In der Ferne lagen Wolken über einem blassen, leeren Nebel, davor in endlosem Regen die freie Rasenfläche mit ihren entlaubten, sturmgepeitschten Sträuchern.

Ich kehrte zu meinem Buch zurück, es war Bewicks »Britische Vogelkunde«. Im Allgemeinen kümmerte ich mich wenig um den gedruckten Text, und doch waren da einige einleitende Seiten, welche ich nicht gänzlich übergehen konnte. Sie handelten von den Verstecken der Seevögel, von jenen einsamen Felsen und Klippen, die nur ihnen gehören, und von der Küste Norwegens, die von ihrer äußersten südlichen Spitze, dem Lindesnes, bis hinauf zum Nordkap mit Inseln übersät ist:

»Wo der nördliche Ozean, in wildem Wirbel

Um die nackten, öden Inseln tobt

Des fernen Thule; und das atlantische Meer

Sich stürmisch zwischen die Hebriden wälzt.«

Auch konnte ich nicht unbeachtet lassen, was dort stand über die düsteren Küsten Lapplands und Sibiriens, über die Küsten von Spitzbergen, Nowaja Semlja, Island und Grönland, den endlosen Bereich der arktischen Zone und jene einsamen Regionen leeren Raumes – jenes »Reservoir von Eis und Schnee, wo fest gefrorene Eisfelder, durch Jahrhunderte des Winters auf alpine Höhen geschichtet, den Nordpol umgeben und zu einem Ort der strengsten, äußersten Kälte vereinigt sind«. Von diesen todesweißen Regionen machte ich mir meine eigenen Vorstellungen: schattenhaft, wie alle nur halb verstandenen Gedanken im Kopf eines Kindes, aber einen seltsam tiefen Eindruck hinterlassend. Die Worte dieser einleitenden Seiten verbanden sich mit den darauffolgenden Vignetten und gaben ihnen eine tiefere Bedeutung: jenem Felsen, der aus einem Meer von Wellen und Wogenschaum emporragte; dem zertrümmerten Boot, das an traurig-wüster Küste gestrandet war; dem kalten, geisterhaften Mond, der durch düstere Wolkenmassen auf ein sinkendes Wrack herabblickt.

Ich weiß nicht mehr, mit welchen Empfindungen ich auf den stillen, einsamen Friedhof mit seinem beschrifteten Grabstein sah, auf jenes Tor, die beiden Bäume, den niedrigen Horizont, der durch eine zerfallene Mauer begrenzt war, auf die schmale Mondsichel, die die Stunde der Abendflut bezeichnete.

Die beiden Schiffe, welche auf regungsloser, windstiller See lagen, hielt ich für Meeresungeheuer.

Über den Unhold, welcher sich sein Diebesbündel auf den Rücken schnürte, eilte ich flüchtig hinweg; er war ein Gegenstand des Schreckens für mich.

Ein gleiches Entsetzen flößte mir das schwarze, gehörnte Etwas ein, das hoch auf einem Felsen saß und eine Menschenmenge in weiter Ferne beobachtete, die um einen Galgen stand.

Jedes Bild erzählte eine Geschichte. Oft war diese für meinen noch nicht entwickelten Verstand geheimnisvoll und meinem unbestimmten Empfinden unverständlich, stets aber flößte sie mir das tiefste Interesse ein: dasselbe Interesse, mit welchem ich den Erzählungen Bessies lauschte, wenn sie zuweilen an Winterabenden in guter Laune war. Dann pflegte sie ihr Bügelbrett an das Kaminfeuer des Kinderzimmers zu bringen und erlaubte uns, unsere Stühle heranzurücken. Und während sie Mrs. Reeds Spitzenmanschetten bügelte und die Rüschen ihrer Nachthauben kräuselte, erfreute sie uns mit Erzählungen von Liebesgram und Abenteuern aus alten Märchen und noch älteren Balladen, oder – wie ich erst viel später entdeckte – aus den Romanen »Pamela« und »Henry, Graf von Moreland«.

Mit dem »Bewick« auf meinen Knien war ich damals glücklich, glücklich wenigstens auf meine Art. Ich fürchtete nichts als eine Unterbrechung, eine Störung – und diese kam nur zu bald. Die Tür zum Frühstückszimmer wurde geöffnet.

»Oho, Madam Trübsal!«, ertönte John Reeds Stimme. Dann hielt er inne, augenscheinlich war er erstaunt, das Zimmer leer zu finden.

»Wo zum Teufel ist sie denn?«, fuhr er fort. »Lizzy! Georgy!«, rief er seinen Schwestern zu, »Jane ist nicht hier. Sagt Mama, dass sie in den Regen hinausgelaufen ist – dieses Biest!«

›Wie gut, dass ich den Vorhang zugezogen habe‹, dachte ich, und dann wünschte ich inbrünstig, dass er mein Versteck nicht entdecken möge. John Reed allein würde es auch niemals entdeckt haben – er war langsam, sowohl im Begreifen wie in seinem Wahrnehmungsvermögen – aber Eliza steckte den Kopf zur Tür herein und sagte sofort:

»Sie ist gewiss wieder in die Fenstervertiefung gekrochen, sieh nur da nach, Jack.«

Ich kam sofort heraus, denn ich zitterte bei dem Gedanken, dass Jack mich hervorzerren würde.

»Was möchtest du?«, fragte ich mit schlecht geheuchelter Gleichgültigkeit.

»Sag: ›Was wünschen Sie, Mr. Reed?‹«, lautete seine Antwort. »Ich will, dass du hierher kommst!« Und indem er in einem Lehnstuhl Platz nahm, gab er mir durch eine Geste zu verstehen, dass ich näher kommen und vor ihn treten solle.

John Reed war ein Schuljunge von vierzehn Jahren – vier Jahre älter als ich, denn ich war erst zehn Jahre alt. Er war groß und stark für sein Alter, hatte eine unreine, ungesunde Haut, grobe Züge in einem breiten Gesicht, schwerfällige Gliedmaßen und große Hände und Füße. Gewöhnlich pflegte er sich bei Tisch so vollzustopfen, dass er gallig wurde und trübe Augen und schlaffe Wangen bekam. Eigentlich hätte er jetzt in der Schule sein müssen, aber seine Mama hatte ihn für ein bis zwei Monate nach Hause geholt, »seiner zarten Gesundheit wegen«. Mr. Miles, der Direktor der Schule, versicherte, dass es ihm außerordentlich gutgehen würde, wenn man ihm nur weniger Kuchen und Leckerbissen von zu Hause schicken wollte, aber das Herz der Mutter empörte sich über eine so rohe Behauptung und neigte mehr zu der feineren und zarteren Ansicht, dass Johns Blässe von Überanstrengung beim Lernen und vielleicht auch von Heimweh herrühre.

John hegte wenig Liebe für seine Mutter und seine Schwestern – und eine starke Antipathie gegen mich. Er quälte und bestrafte mich, nicht zwei- oder dreimal in der Woche, nicht ein- oder zweimal am Tage, sondern fortwährend und unaufhörlich. Jeder Nerv in mir fürchtete ihn, und jeder Zollbreit Fleisch auf meinen Knochen schauderte und zuckte, wenn er in meine Nähe kam. Es gab Augenblicke, wo der Schrecken, den er mir einflößte, mich ganz verrückt machte, denn ich hatte niemanden, der mich gegen seine Drohungen und seine Tätlichkeiten verteidigte. Die Dienerschaft wagte es nicht, ihren jungen Herren zu beleidigen, indem sie für mich gegen ihn Partei ergriff, und Mrs. Reed war in diesem Punkte blind und taub: Sie sah niemals, wenn er mich schlug, sie hörte niemals, wenn er mich beschimpfte, obgleich er beides gar oft in ihrer Gegenwart tat, häufiger jedoch noch hinter ihrem Rücken.

Aus Gewohnheit gehorchte ich John auch dieses Mal und näherte mich seinem Stuhl. Eine schier endlose Zeit brachte er damit zu, mir seine Zunge so weit entgegenzustrecken, wie er es ohne Gefahr für seine Zungenbänder bewerkstelligen konnte. Ich fühlte, dass er mich jetzt gleich schlagen würde, und obgleich ich eine furchtbare Angst vor dem kommenden Schlag empfand, vermochte ich doch über die ekelerregende und hässliche Erscheinung des Burschen, der mich gleich schlagen würde, meine Betrachtungen anzustellen. Ich weiß nicht, ob er diese Gedanken auf meinem Gesicht las, denn plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, schlug er heftig und brutal auf mich los. Ich taumelte, dann gewann ich das Gleichgewicht wieder und trat einige Schritte von seinem Stuhl zurück.

»Das ist für die Frechheit, dass du vor einer Weile Mama eine unverschämte Antwort gegeben hast«, sagte er, »und dass du gewagt hast, dich hinter dem Vorhang zu verkriechen, und für den Blick in deinen Augen vor zwei Minuten, du Ratte, du!«

An Johns Beschimpfungen gewöhnt, fiel es mir niemals ein, irgendetwas auf dieselben zu erwidern; ich dachte immer nur daran, den Schlag zu ertragen, der unfehlbar auf die Schimpfworte folgen würde.

»Was hast du da hinter dem Vorhang gemacht?«, fragte er weiter.

»Ich habe gelesen.«

»Zeig mir das Buch!«

Ich ging an das Fenster zurück und holte es.

»Du hast kein Recht, unsere Bücher zu nehmen, du bist eine Untergebene, hat Mama gesagt. Du hast kein Geld, dein Vater hat dir keins hinterlassen, eigentlich solltest du betteln und hier nicht mit den Kindern eines Gentleman, wie wir es sind, zusammenleben und dieselben Mahlzeiten essen wie wir und Kleider tragen, die unsere Mama dir kaufen muss. Nun, ich werde dich lehren, zwischen meinen Büchern herumzustöbern, denn sie gehören mir, und das ganze Haus gehört mir oder wird mir wenigstens in einigen Jahren gehören. Geh und stell dich an die Tür; weg vom Spiegel und den Fenstern!«

Ich tat, wie mir geheißen, ohne eine Ahnung von seiner Absicht zu haben. Als ich aber gewahrte, dass er das Buch emporhob und mit demselben zielte, sprang ich instinktiv zur Seite und stieß einen Schreckensschrei aus – jedoch nicht schnell genug: Das Buch traf mich, ich fiel hin, schlug mit dem Kopf gegen die Tür und verletzte mich. Die Wunde blutete, der Schmerz war heftig; mein Entsetzen aber hatte den Höhepunkt überschritten und andere Empfindungen bemächtigten sich meiner.

»Du gemeiner Kerl!«, schrie ich. »Du bist wie ein Mörder – wie ein Sklaventreiber – du bist wie die römischen Kaiser!«

Ich hatte Goldsmith’ »Geschichte Roms« gelesen und mir meine eigene Ansicht über Nero, Caligula und andere gebildet. Im Stillen hatte ich schon meine Vergleiche gezogen, welche laut zu äußern allerdings niemals meine Absicht gewesen war.

»Was, was?«, schrie er. »Hat sie das zu mir gesagt? Habt ihr es gehört, Eliza und Georgiana? Das will ich Mama erzählen! Aber vorher …«

Er stürzte auf mich zu; ich fühlte, wie er meine Haare und meine Schulter fasste. Doch er kämpfte mit einem verzweifelten Geschöpf: Ich sah wirklich einen Tyrannen in ihm, einen Mörder. Ich fühlte, wie einzelne Blutstropfen von meinem Kopf auf den Hals herabfielen, und empfand einen stechenden Schmerz. Diese Empfindungen siegten für den Augenblick über die Furcht, und ich trat ihm in wahnsinniger Wut entgegen. Was ich mit meinen Händen tat, kann ich nicht mehr sagen, aber er schrie fortwährend: »Ratte! Ratte!«, und brüllte aus Leibeskräften. Hilfe für ihn war sofort zur Stelle: Eliza und Georgiana waren gelaufen, um Mrs. Reed zu holen, die nach oben gegangen war. Jetzt erschien sie auf der Szene, und ihr folgten Bessie und ihre Zofe Abbot. Man trennte uns, dann hörte ich die Worte:

»Mein Liebling, mein Liebling! – Welch eine Furie, so auf Mr. John loszustürzen!«

»Hat man jemals ein so leidenschaftliches Geschöpf gesehen?«

Und Mrs. Reed verfügte: »Bringt sie in das Rote Zimmer und schließt sie dort ein!«

Vier Hände bemächtigten sich meiner und man trug mich nach oben.

Zweites Kapitel

Auf dem ganzen Weg leistete ich Widerstand; dies war etwas Neues und ein Umstand, der viel dazu beitrug, Bessie und Miss Abbot in der schlechten Meinung zu bestärken, welche diese ohnehin schon von mir hegten. Tatsache ist, dass ich vollständig außer mir war. Ich wusste sehr wohl, dass die Empörung dieses einen Augenblicks mir schon außergewöhnliche Strafen zugezogen haben musste, daher war ich in meiner Verzweiflung wie jeder rebellische Sklave fest entschlossen, nun bis ans Äußerste zu gehen.

»Halten Sie ihre Arme fest, Miss Abbot, sie ist wie eine wilde Katze.«

»Schämen Sie sich! Schämen Sie sich!«, rief die Zofe. »Welch ein abscheuliches Betragen, Miss Eyre, einen jungen Gentleman zu schlagen! Den Sohn Ihrer Wohltäterin! Ihren jungen Herrn!«

»Herr? Wieso ist er mein Herr? Bin ich denn eine Dienerin?«

»Nein, Sie sind weniger als eine Dienerin, denn Sie tun nichts, Sie arbeiten nicht für Ihren Unterhalt. Da! Setzen Sie sich und denken Sie über Ihre Bosheit nach!«

Sie hatten mich inzwischen in den von Mrs. Reed genannten Raum gebracht und mich auf ein Sofa geworfen. Mein erster Impuls war, wie eine Sprungfeder emporzuschnellen, jedoch drückten mich vier Hände augenblicklich wieder zurück.

»Wenn Sie nicht still sitzen, werden wir Sie festbinden«, sagte Bessie. »Miss Abbot, borgen Sie mir Ihre Strumpfbänder, die meinen würde sie augenblicklich zerreißen.«

Miss Abbot wandte sich ab, um ein starkes Bein von den notwendigen Banden zu befreien. Die Vorbereitungen, mir Fesseln anzulegen, und die Schande, die dies für mich bedeutete, dämpften meine Aufregung ein wenig.

»Nehmen Sie sie nicht ab«, weinte ich, »ich werde ganz still sitzen!«

Um ihnen für dieses Versprechen eine Garantie zu bieten, hielt ich mich mit beiden Händen an meinem Sitz fest.

»Das möchte ich Ihnen auch raten«, sagte Bessie, und als sie sich überzeugt hatte, dass ich wirklich anfing, mich zu beruhigen, ließ sie mich los. Dann stellten sie und Miss Abbot sich mit gekreuzten Armen vor mich und blickten finster und zweifelnd in mein Gesicht, als glaubten sie nicht an meinen gesunden Verstand.

»Das hat sie bis jetzt noch niemals getan«, sagte Bessie endlich zur Kammerzofe.

»Aber es hat schon lange in ihr gesteckt«, lautete die Antwort. »Ich habe der gnädigen Frau schon oft meine Meinung über das Kind gesagt, und sie hat mir auch beigestimmt. Sie ist ein verschlagenes kleines Ding: Ich habe noch nie ein Mädchen in ihrem Alter gesehen, das so hinterlistig war.«

Bessie antwortete nicht. Nach einer Weile wandte sie sich zu mir und sagte:

»Fräulein, Sie sollten doch wissen, dass Sie Mrs. Reed verpflichtet sind, sie versorgt Sie schließlich. Wenn sie Sie fortschickte, so müssten Sie ins Armenhaus gehen.«

Auf diese Worte hatte ich nichts zu erwidern; sie waren mir nicht neu. Soweit ich in meinem Leben zurückdenken konnte, war ich schon immer auf diese Umstände hingewiesen worden. Der Vorwurf meiner Abhängigkeit war in meinen Ohren schon fast zur leeren, bedeutungslosen Leier geworden, sehr schmerzlich und bedrückend zwar, aber nur halb verständlich. Nun fiel auch Miss Abbot ein:

»Und glauben Sie ja nicht, dass Sie mit den Fräulein Reed und Mr. Reed auf gleicher Stufe stehen, weil Mrs. Reed Ihnen gütig erlaubt, mit ihren Kindern erzogen zu werden. Diese werden einmal ein großes Vermögen haben, und Sie sind arm. Sie müssen demütig und bescheiden sein und versuchen, sich den anderen angenehm zu machen.«

»Was wir Ihnen sagen, ist zu Ihrem Besten«, fügte Bessie in weicherem Ton hinzu. »Sie sollten versuchen, sich nützlich und angenehm zu machen, dann werden Sie hier vielleicht eine Heimat finden; wenn Sie aber heftig, roh und ungezogen sind, so wird Mrs. Reed Sie fortschicken, davon bin ich fest überzeugt.«

»Außerdem«, sagte Miss Abbot, »wird Gott Sie strafen. Er könnte Sie mitten in Ihrem Trotz tot zu Boden fallen lassen, und wohin kämen Sie dann? Kommen Sie, Bessie, wir wollen sie allein lassen: Um keinen Preis der Welt möchte ich ihr Herz haben. Sagen Sie Ihr Gebet, Miss Eyre, wenn Sie allein sind, denn wenn Sie nicht bereuen, könnte etwas Schreckliches durch den Kamin herunterkommen und Sie holen.«

Sie gingen hinaus und schlossen die Tür hinter sich ab.

Das Rote Zimmer war ein Gästezimmer, in dem nur selten jemand schlief; man könnte beinahe sagen niemals oder nur dann, wenn ein übergroßer Besucherstrom auf Gateshead Hall es notwendig machte, alle Räumlichkeiten des Hauses zu nutzen. Und doch war das Zimmer eines der schönsten und prächtigsten Gemächer des Herrenhauses. Wie ein Tabernakel stand ein Bett im Mittelpunkt des Raumes, von massiven Mahagonipfeilern getragen und mit Vorhängen von dunkelrotem Damast behängt. Die beiden großen Fenster, deren Jalousien immer herabgelassen waren, wurden durch Gehänge und Faltendraperien des gleichen Stoffes halb verhüllt. Der Teppich war rot und auch der Tisch am Fußende des Bettes war mit einer tiefroten Decke belegt. Die Wände waren mit einem Stoff behängt, der auf lichtbraunem Grund ein zartes rosa Muster trug; die Garderobe, der Toilettentisch, die Stühle waren aus dunklem, poliertem Mahagoni angefertigt. Aus diesen düsteren Schatten erhoben sich hoch und glänzend die aufgehäuften Matratzen und Kopfkissen des Bettes, über die eine schneeweiße Decke gebreitet war. Ebenso unheimlich stach ein großer, gepolsterter, ebenfalls weißer Lehnstuhl hervor, der am Kopfende des Bettes stand und vor dem sich ein Fußschemel befand; damals erschien er mir wie ein geisterhafter Thron.

Das Zimmer war kalt, weil hier nur selten ein Feuer angezündet wurde; es war still, weil es weit vom Kinderzimmer und der Küche entfernt lag; und es war unheimlich, weil ich wusste, dass fast nie jemand das Zimmer betrat. Nur am Sonnabend kam das Hausmädchen hierher, um den stillen Staub einer Woche von den Möbeln und den Spiegeln zu wischen; und in großen Abständen kam auch Mrs. Reed, um den Inhalt einer gewissen Schublade zu kontrollieren, in welcher sich verschiedene Urkunden, ihre Juwelenschatulle und ein Miniaturbild ihres verstorbenen Gatten befanden. Und hierin bestand auch das Geheimnis des Roten Zimmers, der Zauberbann, weshalb es trotz seiner Pracht so einsam und verlassen war.

Mr. Reed war seit neun Jahren tot. In diesem Zimmer hatte er seinen letzten Atemzug getan, hier lag er aufgebahrt, von hier hatten die Leichenträger ihn hinausgetragen, und seit jenem Tag hatte ein weihevoll-düsteres Gefühl mögliche Besucher von der Schwelle des Raumes ferngehalten.

Der Sitz, auf welchen Bessie und die bitterböse Miss Abbot mich gebannt hatten, war eine niedrige Ottomane, welche nahe dem weißen Marmorkamin stand. Das Bett türmte sich vor mir auf; zu meiner Rechten befand sich ein hoher dunkler Garderobenschrank, auf dessen Täfelung sich matte, düstere Lichter brachen; zu meiner Linken waren die verhängten Fenster. Ein großer Spiegel zwischen ihnen wiederholte die leere Majestät von Bett und Zimmer. Ich war nicht mehr ganz sicher, ob sie die Tür zugeschlossen hatten, und als ich wieder Mut genug hatte, um mich zu bewegen, stand ich auf und sah nach. Aber ach, keine Kerkertür war jemals sicherer verschlossen! Als ich wieder zur Ottomane zurückging, musste ich an dem Spiegel vorüber, und mein gebannter Blick bohrte sich unwillkürlich in die Tiefe desselben ein. In ihm sah alles noch kühler, hohler und düsterer aus als in Wirklichkeit, und die seltsame, kleine Gestalt, die mir aus ihm entgegenblickte, mit weißem Gesicht und Armen, die grell aus der Dunkelheit hervorleuchteten, mit Augen, die vor Furcht hin- und herrollten, wo sonst alles bewegungslos war – diese kleine Gestalt sah aus wie ein wirkliches Gespenst. Ich dachte an eines jener zarten Phantome, halb Elfe, halb Kobold, wie sie in Bessies Dämmerstunden-Geschichten aus einsamen, wilden Schluchten und düsteren Mooren hervorkamen und sich dem Auge des nächtlichen Wanderers zeigten … Ich kehrte auf meinen Sitz zurück.

In diesem Augenblick bemächtigte der Aberglaube sich meiner, aber die Stunde seines vollständigen Sieges über mich war noch nicht gekommen: Mein Blut war noch warm, die Wut des empörten Sklaven erhitzte mich noch mit ihrer ganzen Bitterkeit. Ich hatte noch einen wilden Strom von Gedanken an die Vergangenheit zu bändigen, bevor ich mich ganz dem Jammer über die trostlose Gegenwart hingeben konnte.

Wie der schmutzige Bodensatz aus einem trüben Brunnen, so stieg aus meinem bewegten, aufgeregten Gemüt alles an die Oberfläche meines Empfindens: John Reeds wilde Tyrannei, die hochmütige Gleichgültigkeit seiner Schwestern, die Abneigung seiner Mutter, die Parteilichkeit der Dienstboten. Weshalb musste ich stets leiden, stets mit verächtlichen Blicken angesehen werden, immer beschuldigt, immer verurteilt werden? Weshalb konnte ich niemals etwas recht machen? Weshalb war es immer nutzlos, wenn ich versuchte, irgendeines Menschen Gunst zu erringen? Man hatte Achtung vor Eliza, die doch so eigensinnig und selbstsüchtig war. Jedermann hatte Nachsicht mit Georgiana, die stets übel gelaunt, trotzig und frech war. Ihre Schönheit, ihre rosigen Wangen und goldigen Locken schienen jeden zu entzücken, der sie anblickte, und ihr Vergebung für all ihre Mängel und Fehler zu erkaufen. John wurde niemals bestraft, niemand widersprach ihm jemals, obgleich er den Tauben die Hälse umdrehte, die jungen Hühner umbrachte, die Hunde auf die Schafe hetzte, den Weinstock im Treibhaus seiner Trauben beraubte und von den seltensten Pflanzen die Knospen abriss. Er nannte seine Mutter sogar »altes Mädchen«, nahm kaum Rücksicht auf ihre Wünsche, ja zerriss und beschmutzte nicht selten ihre seidenen Kleider – und doch war er »ihr einziger Liebling«. Ich wagte niemals, einen Fehler zu begehen; ich bemühte mich stets, meine Pflicht zu tun. Und mich nannte man unartig und unerträglich, mürrisch und hinterlistig, vom Morgen bis zum Mittag, vom Mittag bis zum Abend.

Mein Kopf schmerzte noch und blutete von dem erhaltenen Schlag und dem Sturz. Niemand hatte John einen Verweis erteilt, dass er mich grundlos geschlagen hatte. Aber als ich mich gegen ihn aufgelehnt hatte, um seiner weiteren besinnungslosen Gewalt zu entgehen, hatten mich alle mit den lautesten Schmähungen überhäuft.

»Ungerecht! Ungerecht!«, sagte meine Vernunft, welche durch den Schmerz eine frühreife, wenn auch vorübergehende Kraft erlangt hatte; und die Entschlossenheit, welche ebenfalls geweckt war, ließ mich allerhand Mittel ersinnen, um eine Flucht aus dieser unerträglich gewordenen Unterdrückung zu bewerkstelligen. Ich dachte daran, einfach davonzulaufen, oder, wenn dies nicht möglich wäre, niemals wieder Speise und Trank zu mir zu nehmen und mich auf diese Weise zu Tode zu hungern.

Wie bestürzt war meine Seele an diesem traurigen Nachmittag, wie erregt war mein Gemüt, wie furchtbar empört mein Herz! Aber in welcher Finsternis, welcher Verblendung, welcher unglaublichen Unwissenheit wurde dieser Seelenkampf ausgekämpft! Ich hatte keine Antwort auf die sich mir unaufhörlich aufdrängende Frage, weshalb ich so viel leiden musste. Jetzt, aus dem Abstand von – nein, ich will nicht sagen, von wie vielen Jahren –, jetzt sehe ich alles klarer.

Ich war ein Misston in Gateshead Hall. Ich war ein Nichts an diesem Ort, ich hatte keine Gemeinschaft mit Mrs. Reed oder ihren Kindern oder ihren bezahlten Vasallen. Sie liebten mich nicht, und in der Tat, ich liebte sie ebenso wenig. Es war auch nicht ihre Pflicht, mit Liebe auf ein Geschöpf zu blicken, welches mit keiner ihrer Seelen übereinstimmen konnte; ein andersartiges Geschöpf, welches ihr direktes Gegenteil in Temperament, in Fähigkeiten und Neigungen war; ein nutzloses Geschöpf, welches ihrem Interesse nicht dienen, zu ihrem Vergnügen nichts beitragen konnte; ein giftiges Geschöpf, welches die tiefste Verachtung für ihre Urteile und die Keime der Empörung über die ihm widerfahrende Behandlung in sich nährte. Ich weiß wohl, dass, wenn ich ein unbekümmertes, geistreiches, schönes und wildes Kind gewesen wäre, Mrs. Reed meine – wenn auch ebenso abhängige und freundlose – Gegenwart leichter ertragen haben würde. Ihre Kinder hätten für mich ein freundlicheres Gefühl der Gemeinsamkeit gehegt; die Dienstboten wären weniger geneigt gewesen, mich zum Sündenbock des Kinderzimmers zu machen.

Das Tageslicht begann aus dem Roten Zimmer zu schwinden. Es war nach vier Uhr, und auf den bewölkten Nachmittag folgte eine trübe Dämmerung. Ich hörte, wie der Regen unaufhörlich gegen das Fenster der Treppe schlug, wie der Wind in den Laubgängen hinter dem Herrenhaus heulte; nach und nach wurde ich so kalt wie ein Stein, und mein Mut begann zu sinken. Die gewöhnliche Stimmung des Gedemütigtseins, Zweifel an mir selbst und eine hilflose Traurigkeit bemächtigten sich meiner und legten sich auf die Asche meiner erkaltenden Wut. Alle sagten, dass ich boshaft sei – vielleicht stimmte es ja? Hatte ich nicht soeben den Gedanken gehegt, mich zu Tode zu hungern? Das war doch gewiss eine Sünde, denn war ich auf den Tod vorbereitet? War das Gewölbe unter der Kanzel in der Kirche von Gateshead ein so einladendes Ziel? In diesem Gewölbe lag Mr. Reed begraben, wie man mir gesagt hatte. Durch diesen Gedanken an ihn erinnert, versuchte ich, ihn mir dort vorzustellen und verweilte mit wachsendem Grauen dabei. Ich konnte mich nicht an ihn erinnern, aber ich wusste, dass er mein Onkel gewesen war, der einzige Bruder meiner Mutter, dass er mich in sein Haus aufgenommen hatte, als ich ein armes, elternloses Kind gewesen war, und dass er noch in seinen letzten Augenblicken Mrs. Reed das Versprechen abgenommen hatte, mich wie ihr eigenes Kind zu erziehen und zu versorgen. Mrs. Reed war höchstwahrscheinlich der Überzeugung, dass sie dieses Versprechen gehalten habe, und soweit ihre Natur ihr dies erlaubte, hatte sie es wohl auch tatsächlich getan. Wie sollte sie denn auch für einen Eindringling Liebe hegen, der nicht zu ihrer Familie gehörte und nach dem Tode ihres Gatten durch keine Bande mehr an sie gekettet war? Es musste ihr natürlich ärgerlich sein, sich durch ein unter solchen Umständen gegebenes Versprechen genötigt zu sehen, einem fremden Kinde, das sie nicht lieben konnte, die Eltern zu ersetzen; es ertragen zu müssen, dass eine ganz andersartige Fremde sich unaufhörlich in ihren Familienkreis drängte.

Eine sonderbare Idee bemächtigte sich meiner: Ich zweifelte nicht, ja hatte es niemals bezweifelt, dass Mr. Reed, wenn er noch am Leben wäre, mich mit Güte behandelt haben würde. Und jetzt, als ich so dasaß und auf die dunklen Wände und das weiße Bett blickte, zuweilen auch wie gebannt ein Auge auf den trübe blinkenden Spiegel warf, da begann ich mich an das zu erinnern, was ich von Toten gehört hatte, die im Grabe keine Ruhe finden konnten, weil man ihre letzten Wünsche unerfüllt gelassen hatte. Wie sie jetzt auf die Erde zurückkehrten, um die Meineidigen zu strafen und die Bedrückten zu rächen. Ich stellte mir vor, wie Mr. Reeds Geist, gequält durch das Unrecht, welches man dem Kinde seiner Schwester zufügte, seine Ruhestätte verließ – entweder das Gewölbe der Kirche oder das unbekannte Land der Abgeschiedenen – und in diesem Zimmer vor mir erscheinen würde. Ich trocknete meine Tränen und unterdrückte mein Schluchzen; denn ich fürchtete, dass diese lauten Äußerungen meines Grams eine übernatürliche Stimme zu meinem Trost erwecken oder aus dem mich umgebenden Dunkel ein Antlitz mit einem Heiligenschein hervorleuchten lassen könnten, das sich mit wundersamem Mitleid über mich beugte. Diese vielleicht ganz trostreiche Vorstellung würde entsetzlich sein, wenn sie Wirklichkeit annehmen würde. Mit aller Gewalt versuchte ich, diese Gedanken zu unterdrücken – ich bemühte mich, ruhig und gefasst zu sein. Indem ich mir das Haar von Stirn und Augen strich, hob ich den Kopf und versuchte, in dem dunklen Zimmer umherzublicken. In diesem Augenblick sah ich plötzlich den Widerschein eines Lichtes an der Wand. War dies vielleicht der Mondschein, der durch eine Öffnung in dem Vorhang drang? Nein, die Mondesstrahlen waren ruhig, und dieses Licht bewegte sich; während ich noch hinblickte, glitt es zur Decke hinauf und erzitterte über meinem Kopf. Heute kann ich freilich erraten, dass dieser Lichtstreifen aller Wahrscheinlichkeit nach der Schimmer einer Laterne war, welche jemand über den freien Platz vor dem Haus trug, aber damals, mit dem auf Schrecken und Entsetzen vorbereiteten Gemüt, mit meinen vor Aufregung bebenden Nerven hielt ich den sich schnell bewegenden Strahl für den Herold einer Erscheinung, die aus einer anderen Welt zu mir kam. Mein Herz pochte laut, mein Kopf wurde heiß, und in meinen Ohren spürte ich ein Brausen, das ich für das Rauschen von Flügeln hielt. Etwas schien sich mir zu nähern, ich fühlte mich bedrückt, erstickt, mein Widerstandsvermögen gab nach, ich stürzte auf die Tür zu und rüttelte mit verzweifelter Anstrengung an der Klinke. Eilende Schritte kamen durch den Korridor heran; der Schlüssel wurde im Schloss herumgedreht und Bessie und Miss Abbot traten ein.

»Miss Eyre, sind Sie krank?«, fragte Bessie.

»Welch ein fürchterlicher Lärm! Ich bin ganz außer mir!«, rief Abbot aus.

»Lasst mich raus! Lasst mich ins Kinderzimmer gehen!«, schrie ich.

»Weshalb denn? Ist Ihnen irgendetwas geschehen? Haben Sie etwas gesehen?«, fragte wiederum Bessie.

»Oh, ich sah ein Licht, und ich meinte, dass ein Geist kommen würde.« Ich hatte jetzt Bessies Hand ergriffen, und sie entzog sie mir nicht.

»Sie hat mit Absicht so geschrien«, erklärte Abbot mit einigem Abscheu. »Was für ein Geschrei! Wenn sie große Schmerzen gehabt hätte, so könnte man es noch entschuldigen, aber sie wollte weiter nichts, als uns alle herbeilocken. Ich kenne ihre bösen Streiche schon.«

»Was gibt es denn hier?«, fragte eine andere Stimme gebieterisch. Mrs. fegte mit flatternden Haubenbändern und wehendem Kleid den Korridor entlang. »Abbot und Bessie, ich glaube, dass ich Befehl gegeben habe, Jane Eyre in dem Roten Zimmer zu lassen, bis ich selbst sie holen würde.«

»Miss Jane schrie so laut, Madam«, wandte Bessie zögernd ein.

»Lasst sie los«, war Mrs. Reeds Antwort. »Lass Bessies Hand los, Kind! Verlass dich darauf, auf diese Weise wirst du nicht hinausgelangen. Ich verabscheue solche List, besonders bei Kindern; es ist meine Pflicht, dir zu beweisen, dass du mit derartigen Ränken und Schlichen nicht weit kommst. Jetzt wirst du noch eine ganze Stunde hierbleiben, und auch dann gebe ich dich nur frei, wenn du mir das Versprechen gibst, vollkommen ruhig und gehorsam zu sein.«

»Oh, Tante, habt Erbarmen! Vergebt mir doch! Ich kann, ich kann es nicht ertragen … Bestraft mich doch auf andere Weise! Ich komme um, wenn …«

»Sei still! Diese Heftigkeit ist ganz widerlich und empörend!«

Ohne Zweifel hegte sie Abscheu gegen mein Betragen. In ihren Augen war ich eine frühreife Schauspielerin; sie sah in mir eine Verkörperung der heftigsten Leidenschaften, geprägt von einem niedrigen, gemeinen Geist und gefährlicher Falschheit.

Als Bessie und Abbot sich zurückgezogen hatten, warf Mrs. Reed, die meiner wilden Angst und meines lauten Schluchzens wohl müde geworden war, mich rasch in das Zimmer zurück und schloss mich ohne weitere Worte wieder ein. Ich hörte noch, wie sie davonrauschte, und bald nachdem sie gegangen war, muss ich in Krämpfe verfallen sein: Bewusstlosigkeit machte der Szene ein Ende.

Drittes Kapitel

Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich mit dem Gefühl eines schrecklichen Albtraumes erwachte: Vor mir sah ich eine unheimliche rote Glut, von der sich dicke, schwarze Gitterstäbe abhoben. Ich hörte Stimmen, die so hohl an mein Ohr klangen, als würden sie durch Wasserrauschen oder das Toben des Windes übertönt. Aufregung, Ungewissheit und ein alles beherrschendes Gefühl des Entsetzens hielten meine Sinne gefangen. Es vergingen nur wenige Augenblicke und dann gewahrte ich, dass jemand mich berührte, mich aufhob und in eine sitzende Stellung brachte, und zwar viel zärtlicher und sorgsamer, als mich bis jetzt irgendjemand gestützt oder emporgehoben hatte. Ich lehnte meinen Kopf gegen einen Arm oder ein Polster und fühlte mich unendlich wohl.

Nach fünf Minuten lösten sich die letzten Wolken der Bewusstlosigkeit auf. Jetzt wusste ich sehr wohl, dass ich in meinem eigenen Bett lag, und dass die rote Glut nichts anderes war, als das Feuer im Kamin des Kinderzimmers. Es war Nacht, eine Kerze brannte auf dem Tisch; Bessie stand am Fußende meines Bettes und hielt eine Waschschüssel in der Hand. Ein Herr saß auf einem Lehnstuhl neben mir und beugte sich über mich.

Ich empfand eine unbeschreibliche Erleichterung, eine wohltuende Überzeugung der Sicherheit und der Geborgenheit, als ich sah, dass sich ein Fremder im Zimmer befand, ein Mensch, der nicht zum Haushalt von Gateshead, nicht zu den Verwandten von Mrs. Reed gehörte. Mich von Bessie abwendend – obgleich ihre Gegenwart mir weit weniger unangenehm war, als mir zum Beispiel Abbots Gesellschaft gewesen wäre –, prüfte ich die Gesichtszüge des Herrn. Ich erkannte ihn: Es war Mr. Lloyd, ein Apotheker, den Mrs. Reed zuweilen rufen ließ, wenn ihre Dienstboten krank waren. Für sich selbst und ihre Kinder nahm sie immer nur die Hilfe des Arztes in Anspruch.

»Nun, wer bin ich?«, fragte er.

Ich sprach seinen Namen aus und streckte ihm gleichzeitig meine Hand entgegen. Er nahm sie, lächelte und sagte: »Ah, wir werden uns jetzt langsam erholen.« Dann legte er mich nieder, wandte sich zu Bessie und empfahl ihr, sehr vorsichtig zu sein und mich während der Nacht nicht zu stören. Nachdem er noch weitere Weisungen erteilt und gesagt hatte, dass er am folgenden Tag wiederkommen würde, ging er zu meiner größten Betrübnis fort. Während er auf dem Stuhl neben meinem Kopfkissen saß, fühlte ich mich so beschützt, so sicher, und als sich die Tür hinter ihm schloss, wurde das ganze Zimmer dunkel und mein Herz verzagte von Neuem unter der Last einer unbeschreiblichen Traurigkeit.

»Glauben Sie, dass Sie schlafen können, Miss?«, fragte Bessie mich ungewöhnlich sanft.

Kaum wagte ich, ihr zu antworten, denn ich fürchtete, dass ihre nächsten Worte wieder grob klingen würden. »Ich will es versuchen«, sagte ich leise.

»Möchten Sie nicht irgendetwas essen oder trinken?«

»Nein danke, Bessie.«

»Nun, dann werde ich auch schlafen gehen, denn es ist schon nach Mitternacht. Aber Sie können mich rufen, wenn Sie während der Nacht irgendetwas brauchen.«

Welch seltene Höflichkeit! Das ermutigte mich, eine Frage zu stellen:

»Bessie, was ist denn mit mir geschehen? Bin ich sehr krank?«

»Ich vermute, dass Sie vom Schreien im Roten Zimmer krank geworden sind; aber Sie werden ohne Zweifel bald wieder ganz gesund sein.«

Bessie ging in das angrenzende Zimmer der Hausmädchen. Ich hörte, wie sie dort flüsterte:

»Sarah, komm und schlaf bei mir im Kinderzimmer. Um mein Leben könnte ich nicht diese Nacht mit dem armen Kind allein bleiben; es könnte sterben! Wie sonderbar, dass Miss Jane einen solchen Anfall haben musste! Ich möchte doch wissen, ob sie irgendetwas gesehen hat. Mrs. Reed war dieses Mal aber auch zu hart gegen sie.«

Sarah kam mit ihr zurück; beide gingen zu Bett und flüsterten mindestens noch eine halbe Stunde miteinander, bevor sie einschliefen. Ich hörte einige Bruchstücke ihrer Unterhaltung, aus denen ich auf den Gegenstand ihres Gespräches schloss:

»Etwas ist an ihr vorübergeschwebt, ganz in Weiß gekleidet, und dann ist es wieder verschwunden …« – »… ein großer, schwarzer Hund hinter ihm …« – »… dreimal hat es laut an der Zimmertür geklopft …« – »… ein Licht auf dem Friedhof gerade über seinem Grab …« – und so weiter, und so weiter.

Endlich schliefen beide ein. Feuer und Licht erloschen. In schaurigem Wachen ging die Nacht für mich langsam dahin; Entsetzen und Angst hielten Ohren, Augen und Sinne wach – Entsetzen und Angst, wie nur Kinder sie zu empfinden imstande sind.

Diesem Zwischenfall im Roten Zimmer folgte keine lange, ernste, körperliche Krankheit, nur eine heftige Erschütterung meiner Nerven, deren Widerhall ich noch bis auf den heutigen Tag empfinde. Ja, Mrs. Reed, Ihnen verdanke ich gar manchen qualvollen Schmerz der Seele. Aber ich sollte Ihnen verzeihen, denn Sie wussten nicht, was Sie taten. Während Sie jede Faser meines Herzens zerrissen, glaubten Sie, nur meine bösen Neigungen und Anlagen zu ersticken.

Am nächsten Tag gegen Mittag war ich bereits aufgestanden und angekleidet und saß, in einen warmen Schal gehüllt, vor dem Kaminfeuer. Ich fühlte mich körperlich schwach und gebrochen, aber mein schlimmstes Übel war ein unaussprechlicher Jammer der Seele, ein Jammer, der mir fortwährend stille Tränen entlockte. Kaum hatte ich einen salzigen Tropfen von meiner Wange getrocknet, als auch schon ein weiterer folgte. Und doch meinte ich, dass ich augenblicklich glücklich sein müsste, denn keiner von den Reeds war da, alle waren mit ihrer Mama im großen Wagen spazieren gefahren. Auch Abbot nähte in einem anderen Zimmer, und während Bessie hin und her ging, Spielsachen forträumte und Schubladen ordnete, richtete sie dann und wann ein ungewöhnlich freundliches Wort an mich. Diese Lage der Dinge wäre für mich ein Paradies des Friedens gewesen, für mich, die ich nur an ein Dasein voll von nie endendem Tadel und ungedankter Plackerei gewöhnt war – aber meine Nerven waren jetzt in einem solchen Zustand, dass keine Ruhe sie mehr besänftigen, kein Vergnügen sie mehr freudig stimmen konnte.

Bessie war unten in der Küche gewesen und brachte mir einen Kuchen herauf, der auf einem bunt bemalten Porzellanteller lag. Er zeigte einen Paradiesvogel, welcher auf einem Kranz von Maiglöckchen und Rosenknospen schaukelte und bisher immer meine begeisterte Bewunderung hervorgerufen hatte. Gar oft hatte ich innig gebeten, diesen Teller in die Hand nehmen zu dürfen, um ihn genauer betrachten zu können, bis jetzt hatte man mich aber stets einer solchen Gunst für unwürdig gehalten. Jetzt stellte man mir nun diesen kostbaren Teller auf den Schoß und bat mich freundlich, das Stückchen auserlesenen Gebäcks, welches auf demselben lag, zu essen. O eitle Gunst! Sie kam zu spät – wie so manch andere, die innig erwünscht und lange versagt wird. Ich konnte den Kuchen nicht essen, und selbst das Gefieder des Vogels und die Farben der Blumen schienen mir seltsam verblasst. Ich schob Teller und Gebäck von mir. Bessie fragte mich, ob ich ein Buch haben wolle. Das Wort Buch übte seinen Reiz auf mich aus, und ich bat sie, mir »Gullivers Reisen« aus der Bibliothek zu holen. Dieses Buch hatte ich schon unzählige Male mit Entzücken gelesen; ich hielt es für eine Erzählung von Tatsachen und nahm daher ein weit tieferes Interesse an ihm, als ich es für Märchen hatte. Denn nachdem ich die Elfen vergebens unter den Blättern des Fingerhuts und der Glockenblume, unter Pilzen und altem, von Efeu umranktem Gemäuer gesucht hatte, hatte ich mich mit der traurigen Wahrheit ausgesöhnt, dass sie England wohl verlassen hätten, um in ein unbekanntes Land zu gehen, wo die Wälder noch stiller, wilder und dichter, die Menschen noch spärlicher gesät sind. Liliput hingegen und Brobdingnag waren nach meiner Überzeugung solide Bestandteile der Erdoberfläche; ich zweifelte nicht, dass, wenn ich eines Tages eine weite Reise machen könnte, ich mit meinen eigenen Augen die kleinen Felder und Häuser, die winzigen Menschen, die zierlichen Kühe, Schafe und Vögel des einen Königreichs sehen würde, und ebenso die baumhohen Kornfelder, die mächtigen Bullenbeißer, die Katzen-Ungeheuer und die turmhohen Männer und Frauen des anderen. Und doch, als ich den geliebten Band jetzt in den Händen hielt, als ich die Seiten umblätterte und in den wundersamen Bildern den Reiz suchte, welchen sie mir bis jetzt stets gewährt hatten – da war alles düster und unheimlich; die Riesen waren hagere Kobolde, die Pygmäen boshafte und scheußliche Gnomen, Gulliver ein trübseliger Wanderer in grauenhaften und gefährlichen Regionen. Ich schloss das Buch, in dem ich nicht länger zu lesen wagte, und legte es auf den Tisch neben das unberührte Stück Kuchen.

Bessie war jetzt mit dem Abstauben und Aufräumen des Zimmers fertig. Nachdem sie ihre Hände gewaschen hatte, öffnete sie eine kleine Schublade, welche mit den schönsten, prächtigsten Stoffresten von Seide und Atlas angefüllt war, und fing an, einen Hut für Georgianas neue Puppe zu machen. Dann begann sie zu singen:

»Als wir streiften durch Wald und Flur,

Vor langer, langer Zeit …«

Wie oft hatte ich dieses Lied schon gehört, und immer mit dem größten Entzücken, denn Bessie hatte eine schöne Stimme – wenigstens nach meinem Geschmack. Aber jetzt, obgleich ihre Stimme noch immer lieblich klang, lag für mich eine unbeschreibliche Traurigkeit in dieser Melodie. Zuweilen, wenn ihre Arbeit sie ganz in Anspruch nahm, sang sie den Refrain sehr leise, sehr langsam: »Vor langer, langer Zeit.« Dann klang es wie die traurigste Kadenz eines Grabliedes. Endlich begann sie eine andere Ballade zu singen, diesmal eine wirklich traurige:

»Mein Körper ist müd und wund ist mein Fuß,

Weit ist der Weg, den ich wandern muss,

Bald wird es Nacht und den Weg ich nicht find,

Den ich wandern muss, armes Waisenkind!

 

Weshalb sandten sie mich so weit, so weit,

Durch Feld und Wald, auf die Berg’, wo es schneit?

Die Menschen sind hart! Doch Engel so lind,

Bewachen mich armes Waisenkind.

 

Die Sterne, sie scheinen herab so klar,

Die Luft ist mild! Es ist doch wahr:

Gott ist barmherzig, er steuert dem Wind,

Dass er nicht erfasse das Waisenkind.

 

Und wenn ich nun strauchle am Waldesrand

Oder ins Meer versink, wo mich führt keine Hand,

So weiß ich doch, dass den Vater ich find,

Er nimmt an sein Herz das Waisenkind!

 

Das ist meine Hoffnung, die Kraft mir gibt,

Dass Gott da droben sein Kind doch liebt.

Bei ihm dort oben die Heimat ich find,

Er liebt auch das arme Waisenkind!«

 

»Kommen Sie, Miss Jane, weinen Sie nicht«, sagte Bessie, als sie zu Ende war. Ebenso gut hätte sie dem Feuer sagen können »Brenne nicht!«, aber wie hätte sie denn auch eine Ahnung von dem herzzerreißenden Schmerz haben können, der mich quälte? Im Laufe des Vormittags kam Mr. Lloyd wieder.

»Wie? Schon aufgestanden?«, rief er, als er ins Kinderzimmer trat. »Nun, Bessie, wie geht es ihr denn?«

Bessie entgegnete, dass es mir außerordentlich gut gehe.

»Dann sollte sie aber fröhlicher aussehen. Kommen Sie her, Miss Jane. Sie heißen Jane, nicht wahr?«

»Ja, Sir. Jane Eyre.«

»Nun, Sie haben geweint, Miss Jane Eyre, wollen Sie mir nicht sagen, weshalb? Haben Sie Schmerzen?«

»Nein, Sir.«

»Ach, ich vermute, dass sie weint, weil sie nicht mit Mrs. Reed spazieren fahren durfte«, warf Bessie ein.

»O nein, gewiss nicht, für solche Albernheiten ist sie doch schon zu groß.«

Das dachte ich auch, und da meine Selbstachtung durch die falsche Beschuldigung verletzt war, antwortete ich schnell: »In meinem ganzen Leben habe ich noch keine Tränen um solche Dinge vergossen. Ich hasse die Spazierfahrten. Ich weine, weil ich so unglücklich bin.«

»Schämen Sie sich, Miss!«, rief Bessie.

Der gute Apotheker schien ein wenig verwirrt. Ich stand vor ihm, und er sah mich eindringlich an. Seine Augen waren klein und grau, nicht sehr leuchtend, aber ich glaube, dass ich sie heute sehr klug finden würde. Trotz der harten Züge hatte er ein gutmütiges Gesicht. Nachdem er mich lange mit Muße betrachtet hatte, sagte er:

»Was hat Sie gestern krank gemacht?«

»Sie ist gefallen«, warf Bessie ein.

»Gefallen! Nun, das ist gerade wieder wie ein Kind! Kann sie bei ihrem Alter denn noch nicht allein gehen? Sie muss doch acht oder neun Jahre alt sein!«

»Jemand hat mich zu Boden geschlagen«, lautete meine derbe Erklärung, welche der Schmerz des gekränkten Stolzes mir eingab, »aber das hat mich nicht krank gemacht.«

Mr. Lloyd nahm bedächtig eine Prise Tabak.

Als er die Tabaksdose wieder in seine Westentasche schob, rief der laute Klang einer Glocke die Dienstboten zum Mittagessen. Mr. Lloyd wusste, was das bedeutete: »Das gilt Ihnen, Bessie«, sagte er, »Sie können hinuntergehen. Ich werde Miss Jane einige Lehren geben, bis Sie zurückkehren.«

Bessie wäre lieber geblieben, aber sie war gezwungen zu gehen, weil man in Gateshead Hall streng auf die Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten achtete.

»Der Sturz hat Sie nicht krank gemacht? Nun, was war es dann?«, fragte Mr. Lloyd, nachdem Bessie gegangen war.

»Ich war in einem Zimmer eingesperrt, wo ein Geist umgeht – und es war schon lange dunkel.«

Ich sah, wie Mr. Lloyd lächelte und zugleich die Stirn runzelte. »Ein Geist! Was denn, sind Sie am Ende doch noch ein kleines Kind? Sie fürchten sich vor Geistern?«

»Ja, vor Mr. Reeds Geist fürchte ich mich. Er starb in jenem Zimmer und lag dort aufgebahrt. Weder Bessie noch sonst jemand geht am Abend da hinein, wenn es nicht dringend nötig ist. Und es war furchtbar grausam, mich dort allein und ohne Licht einzuschließen – so grausam, dass ich glaube, ich werde es niemals vergessen können.«

»So ein Unsinn! Das macht Sie so elend? Fürchten Sie sich jetzt bei Tage auch noch?«

»Nein. Aber es dauert nicht lange und dann wird es wieder Nacht. Und außerdem bin ich unglücklich, sehr unglücklich, um anderer Dinge willen.«

»Was für Dinge denn? Können Sie mir die nicht nennen?«

Sosehr ich wünschte, offen und ehrlich auf diese Frage antworten zu können, so schwer war es, die richtigen Worte für eine solche Antwort zu finden. Kinder können wohl empfinden, aber sie können ihre Empfindungen nicht zergliedern, und wenn ihnen die Zergliederung zum Teil auch in Gedanken gelingt, so wissen sie nicht, wie sie das Resultat dieses Vorganges in Worte kleiden sollen. Da ich aber fürchtete, dass diese erste und einzige Gelegenheit, meinen Kummer durch Mitteilung zu erleichtern, ungenützt vorübergehen würde, gelang es mir nach einer Weile schließlich doch noch, eine unzulängliche, aber wahre Antwort hervorzubringen.

»Erstens habe ich keinen Vater, keine Mutter, keinen Bruder und keine Schwester.«

»Aber Sie haben eine gütige Tante, liebe Cousinen und einen Vetter.«

Wiederum hielt ich inne, dann rief ich aus:

»Aber John Reed hat mich zu Boden geschlagen, und meine Tante hat mich im Roten Zimmer eingesperrt!«

Zum zweiten Mal holte Mr. Lloyd seine Schnupftabaksdose hervor.

»Finden Sie denn nicht, dass Gateshead Hall ein wunderschönes Haus ist?«, fragte er. »Sind Sie nicht dankbar, an einem so schönen Ort leben zu können?«

»Es ist nicht mein eigenes Haus, Herr, und Abbot sagt, dass ich weniger Recht habe, hier zu sein, als ein Dienstbote.«

»Dummes Zeug! Sie können doch nicht so dumm sein, zu wünschen, dass Sie einen so herrlichen Ort wie diesen verlassen wollen?«

»Wenn ich nur wüsste, wohin ich gehen sollte, ich wäre wahrhaftig froh zu gehen. Aber ich darf Gateshead erst verlassen, wenn ich erwachsen bin.«

»Vielleicht doch auch früher, wer weiß? Haben Sie außer Mrs. Reed denn keine Verwandten?«

»Ich glaube nicht, Sir.«

»Niemanden, der mit Ihrem Vater verwandt war?«

»Ich weiß es nicht. Einmal fragte ich Tante Reed, und da sagte sie, dass ich möglicherweise irgendwelche armen, heruntergekommenen Verwandten namens Eyre haben könnte, dass sie aber nichts über sie wisse.«

»Würden Sie denn zu denen gehen wollen, wenn es solche Leute gäbe?«

Ich besann mich. Armut – das klingt für erwachsene Menschen abschreckend, für Kinder aber noch mehr. Kinder haben keinen Sinn für fleißige, arbeitsame, ehrenhafte Armut, das Wort erweckt in ihnen nur Gedanken an zerlumpte Kleider, kärgliche Nahrung, einen kalten Ofen, rohe Manieren und entwürdigende Laster. Auch für mich war Armut gleichbedeutend mit Entehrung.

»Nein! Ich möchte nicht bei armen Leuten leben«, war daher meine Antwort.

»Auch nicht, wenn diese gütig gegen Sie wären?«

Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte nicht begreifen, wie arme Leute überhaupt die Mittel haben sollten, gütig zu sein. Und sollte ich etwa reden wie sie, ihre Manieren annehmen, schlecht erzogen werden, aufwachsen wie eines jener armen Weiber, die ich zuweilen vor den Hütten ihre Kinder warten und ihre Kleider waschen sah? Nein, ich war nicht heroisch genug, meine Freiheit um den Preis meiner Kaste zu erkaufen.

»Aber sind Ihre Verwandten denn wirklich so arm? Gehören sie zur arbeitenden Klasse?«

»Das weiß ich nicht. Tante Reed sagt, wenn ich überhaupt Angehörige habe, so müssen sie Bettlergesindel sein. Nein, nein, ich möchte nicht betteln gehen.«

»Möchten Sie gerne in die Schule gehen?«

Wieder dachte ich nach; wusste ich doch kaum, was eine Schule eigentlich war. Bessie sprach zuweilen davon wie von einem Ort, an dem man von jungen Damen erwartete, dass sie außerordentlich manierlich und geziert sind. John Reed hasste seine Schule und schmähte seinen Lehrer, aber John Reeds Ansichten und Geschmack waren keine Maßstäbe für mich. Und wenn Bessies Berichte über die Schuldisziplin – diese stammten von den Töchtern einer Familie, in welcher sie gedient hatte, bevor sie nach Gateshead kam – auch etwas abschreckend klangen, so waren ihre Erzählungen von den verschiedenen Talenten und Kenntnissen, welche die besagten jungen Damen sich in der Schule angeeignet hatten, andererseits höchst verlockend. Bessie schwärmte von wunderschönen Gemälden mit Landschaften und Blumen, welche sie vollendet hatten, von Liedern, die sie singen und Klavierstücken, die sie spielen konnten, von Täschchen, die sie häkelten und von französischen Büchern, die sie übersetzten – so lange, bis mein Gemüt zur Nachahmung aufgestachelt wurde. Zudem bedeutete die Schule eine gründliche Veränderung: Es wäre eine lange Reise damit verknüpft, eine gänzliche Trennung von Gateshead und ein Eintritt in ein neues Leben.

»Ja, ich möchte in der Tat gerne zur Schule gehen«, war die hörbare Schlussfolgerung dieser meiner Gedanken.

»Nun ja, wer weiß schon, was nicht alles geschehen kann?«, sagte Mr. Lloyd, indem er sich erhob. »Das Kind braucht Luft- und Ortsveränderung«, fügte er für sich selbst hinzu, »die Nerven sind in einer bösen Verfassung.«

Jetzt kam Bessie zurück, und im selben Augenblick hörte man auch Mrs. Reeds Wagen über den Kies der Gartenwege rollen.

»Ist das Ihre Herrin, Bessie?«, fragte Mr. Lloyd. »Ich möchte noch mit ihr reden, bevor ich gehe.«

Bessie begleitete ihn ins Frühstückszimmer. Wie ich aus den nachfolgenden Begebenheiten schloss, wagte der Apotheker während seiner Unterredung mit Mrs. Reed die Empfehlung, mich doch in eine Schule zu schicken. Und ohne Zweifel wurde dieser Rat sehr bereitwillig angenommen, denn als ich an einem der folgenden Abende im Bett lag und Bessie und Abbot mich schlafend glaubten, sagte Letztere: »Ich glaube, die gnädige Frau ist nur zu froh, solch ein langweiliges, boshaftes Kind loszuwerden; sie sieht immer aus, als beobachte sie jeden Menschen und schmiede heimliche Pläne.« Ich glaube wahrhaftig, dass Abbot mich für einen verschlagenen Attentäter, eine Art kindlichen Guy Fawkes hielt.

Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch aus Miss Abbots Mitteilungen an Bessie, dass mein Vater ein armer Pastor gewesen war, den meine Mutter gegen den Willen ihrer Angehörigen geheiratet hatte, welche diese Heirat für erniedrigend hielten. Mein Großvater Reed war so erzürnt über den Ungehorsam meiner Mutter, dass er sie gänzlich enterbte. Nachdem er kaum ein Jahr mit meiner Mutter verheiratet gewesen war, holte sich mein Vater den Typhus in den armen Vierteln der großen Fabrikstadt, in welcher seine Pfarre lag. Meine arme Mutter folgte dann ihrem Gatten kaum einen Monat später ins Grab.

Als Bessie diese Erzählung anhörte, seufzte sie und sagte: »Abbot, die arme Miss Jane ist wirklich zu bedauern.«

»Ja, ja«, entgegnete Abbot. »Wenn sie ein liebes, gutes, hübsches Kind wäre, so könnte man wohl Mitleid mit ihr haben, weil sie so gänzlich verlassen ist. Aber solch eine scheußliche kleine Kröte kann einem doch unmöglich Erbarmen einflößen.«

»Nein, nicht viel«, stimmte Bessie ihr bei, »auf jeden Fall würde eine so prächtige Schönheit wie Miss Georgiana in einer solchen Lage viel rührender wirken.«

»Ja, ich bete Miss Georgiana an!«, rief die begeisterte Abbot. »Der kleine süße Liebling! Mit ihren langen Locken, blauen Augen und der frischen Farbe, gerade wie gemalt! – Weißt du was, Bessie, ich bekomme wahrhaftig Appetit auf geröstetes Brot mit Käse zum Abend.«

»Ich auch, ich auch – mit geschmorten Zwiebeln. Kommen Sie, wir wollen hinuntergehen.«

Und sie gingen.

Viertes Kapitel

Aus meiner Unterredung mit Mr. Lloyd und dem soeben geschilderten Gespräch zwischen Abbot und Bessie schöpfte ich Hoffnung genug, um den Wunsch nach Genesung zu hegen. Eine Veränderung schien bevorzustehen, und ich hoffte und wartete im Stillen. Die Sache verzögerte sich indessen. Die Tage und Wochen vergingen, mein Gesundheitszustand war wieder normal, aber ich vernahm keine Hinweise mehr auf den Gegenstand, über welchen ich grübelte. Oft betrachtete Mrs. Reed mich mit strengen, finsteren Blicken, aber nur selten sprach sie zu mir. Seit meiner Krankheit hatte sie eine schärfere Grenzlinie denn je zwischen mir und ihren eigenen Kindern gezogen; mir war eine kleine Kammer als Schlafgemach zugewiesen worden, man hatte mich verurteilt, meine Mahlzeiten allein einzunehmen, und ich musste allein im Kinderzimmer verweilen, während ihre Kinder sich stets im Wohnzimmer aufhielten. Indessen gab es noch immer keine Anzeichen von dem Plan, mich in eine Schule zu schicken. Und doch hegte ich die instinktive Gewissheit, dass sie mich nicht mehr lange unter ihrem Dach dulden würde, denn mehr denn je las ich in Mrs. Reeds Blicken ihren unüberwindlichen und tief verwurzelten Abscheu.

Eliza und Georgiana handelten augenscheinlich nach Instruktionen, da sie so wenig wie möglich mit mir sprachen. John streckte die Zunge heraus, sobald er mich nur erblickte, und einmal versuchte er sogar, mich zu schlagen. Da ich mich aber augenblicklich gegen ihn wandte und er in meinen Blicken dieselbe Wut wahrnahm, mit welcher ich mich schon einmal gegen ihn aufgelehnt hatte, hielt er es für besser, abzulassen und unter lauten Verwünschungen davonzulaufen, während er schrie, ich hätte ihm das Nasenbein zertrümmert. Tatsächlich hatte ich nach diesem hervorspringenden Gesichtsteil einen Schlag geführt, so heftig, wie meine Knöchel ihn nur auszuteilen vermochten. Und als ich bemerkte, dass entweder dieser Schlag oder aber meine Blicke ihn wirklich eingeschüchtert hatten, verspürte ich die größte Neigung, meinen Vorteil noch weiter auszubeuten. Er war indessen schon zu seiner Mutter gelaufen. Ich hörte, wie er mit stammelnden Lauten eine Geschichte begann, wie »diese abscheuliche Jane Eyre«, einer wilden Katze gleich, auf ihn gesprungen sei. Mit strenger Stimme unterbrach ihn jedoch seine Mutter:

»Sprich mir nicht von ihr, John, ich habe dir gesagt, dass du ihr nicht zu nahe kommen sollst. Sie ist deiner Beachtung nicht wert, und ich will nicht, dass du dich mit ihr abgibst. Und für deine Schwestern gilt das Gleiche.«

In diesem Augenblick lehnte ich mich über das Treppengeländer und schrie plötzlich, ohne im Geringsten über meine Worte nachzudenken:

»Nein, sie sind es nicht wert, mit mir zu verkehren!«

Mrs. Reed war eine ziemlich starke Frau; als sie indessen diese seltsamen und dreisten Worte vernahm, kam sie ganz leichtfüßig die Treppe heraufgerannt und zerrte mich mit Windeseile ins Kinderzimmer, und indem sie mich an die Seite meines kleinen Bettes drückte, verbot sie mir mit pathetischer Stimme, mich von dieser Stelle fortzurühren oder während des ganzen Tages auch nur noch ein einziges Wort zu sprechen.

»Was würde Onkel Reed jetzt sagen, wenn er noch lebte?«, war meine fast willenlos gestellte Frage. Ich sage ›fast willenlos‹, denn es war, als spräche meine Zunge diese Worte aus, ohne dass mein Wille darum wusste – es sprach etwas aus mir, worüber ich keine Gewalt hatte.

»Was?«, zischte Mrs. Reed fast unhörbar, und in ihren sonst so kalten, ruhigen, grauen Augen blitzte etwas auf, das der Furcht glich. Sie ließ meinen Arm los und blickte mich an, als wisse sie nicht recht, ob ich ein Kind oder ein Teufel sei. Jetzt fasste ich Mut.

»Mein Onkel Reed ist im Himmel und kann alles sehen, was Sie tun und sagen, und mein Vater und meine Mutter auch. Sie wissen, dass Sie mich den ganzen Tag einsperren und dass Sie nur wünschen, ich wäre tot.«

Mrs. Reed fasste sich schnell wieder; sie schüttelte mich heftig, ohrfeigte mich und verließ mich dann, ohne ein weiteres Wort zu sprechen. Bessie füllte diese Lücke aus, indem sie mir eine stundenlange Strafpredigt hielt, in welcher sie mir zweifelsfrei bewies, dass ich das elendeste und pflichtvergessenste Kind sei, das jemals unter einem Dache aufgezogen worden ist. Halb und halb glaubte ich ihr, denn ich empfand selbst, wie in diesem Augenblick nur böse Gefühle in meiner Brust tobten.

November, Dezember und der halbe Januar gingen vorüber. Das Weihnachtsfest und Neujahr wurden in Gateshead in der üblichen fröhlichen Weise gefeiert, Geschenke waren nach allen Seiten hin ausgeteilt und Mittags- und Abendgesellschaften gegeben worden. Ich war natürlich von allen Festlichkeiten ausgeschlossen; mein Anteil an diesen bestand darin, dass ich täglich mit ansehen musste, wie Eliza und Georgiana in ihren zarten Musselinkleidern und rosenroten Schärpen, mit sorgsam gelocktem Haar auf das Schönste herausgeputzt in den Salon hinabgingen. Später horchte ich dann auf die Töne des Klaviers oder der Harfe, die zu mir heraufdrangen; hörte, wie der Kellermeister und die Diener hin und her liefen, wie die Teller klapperten und die Gläser klangen, während die Erfrischungen gereicht wurden. Und wenn die Türen des Salons geöffnet und wieder geschlossen wurden, drangen sogar abgebrochene Sätze der Konversation an mein Ohr. Des Lauschens müde geworden, verließ ich dann meinen Posten auf dem Treppenabsatz und ging in das stille, einsame Kinderzimmer zurück. Dort, wenn ich auch traurig war, fühlte ich mich wenigstens nicht elend. Offen gestanden hegte ich nicht das leiseste Verlangen, in Gesellschaft zu gehen, denn in der Gesellschaft schenkte mir selten irgendjemand Beachtung. Wenn Bessie nur ein wenig liebenswürdig und freundlich gewesen wäre, so hätte ich es für eine Bevorzugung angesehen, die Abende ruhig mit ihr, anstatt unter den gefürchteten Augen von Mrs. Reed in einem Kreise von mir unsympathischen Herren und Damen zubringen zu dürfen. Aber sobald Bessie ihre jungen Damen angekleidet hatte, pflegte sie sich in die lebhafteren Regionen der Küche und des Zimmers der Haushälterin hinunterzubegeben und gewöhnlich auch noch das Licht mit fortzunehmen. Dann saß ich da mit meiner Puppe im Arm, bis das Feuer herabgebrannt war, und blickte zuweilen ängstlich umher, um mich zu vergewissern, dass sich nichts Schlimmeres als ich selbst in dem düsteren Zimmer befand. Wenn sich dann nur noch ein Häufchen glühend roter Asche auf dem Rost befand, entkleidete ich mich hastig, riss und zerrte mit allen Kräften an den Bändern und Knöpfen meiner Röcke und suchte in meinem Bettchen Schutz vor der Kälte und der Dunkelheit. In dieses Bettchen nahm ich auch stets meine Puppe mit: Jedes menschliche Wesen muss etwas lieben, und da mir jeder andere Gegenstand für meine Liebe fehlte, fand ich meine Glückseligkeit darin, ein farbloses, verblasstes Gebilde zu lieben, das noch hässlicher als eine Miniatur-Vogelscheuche war. In der Erinnerung scheint es mir jetzt unbegreiflich, dass ich mit so alberner Zärtlichkeit an diesem kleinen Spielzeug hängen konnte. Oft bildete ich mir ein, dass es lebendig sei und mit mir empfinden könnte. Ich konnte nicht schlafen, wenn ich es nicht in die Falten meines Nachthemdchens gehüllt hatte, und wenn es dort sicher und warm lag, fühlte ich mich verhältnismäßig glücklich, weil ich glaubte, dass es ebenfalls glücklich sein müsse.

Wie lang schienen mir die Stunden, wenn ich auf das Fortgehen der Gäste und auf Bessies Schritte auf der Treppe horchte. Zuweilen kam sie auch zwischendurch einmal herauf, um ihren Fingerhut und ihre Schere zu suchen oder mir irgendetwas zum Abendbrot heraufzubringen, einen Käsekuchen oder ein Milchbrot vielleicht. Dann pflegte sie auf der Bettkante zu sitzen, während ich aß, und wenn ich fertig war, wickelte sie mich fest in die Decken, küsste mich zweimal und sagte: »Gute Nacht, Miss Jane.« Wenn Bessie so sanft war, erschien sie mir wie das beste, hübscheste, freundlichste Geschöpf auf der Welt, und dann wünschte ich so innig, dass sie stets so fröhlich und liebenswert sein und mich niemals wieder umherstoßen oder schelten oder mich ungerecht beschuldigen möchte, wie es doch meistens ihre Gewohnheit war. Ich glaube, dass Bessie Lee ein Mädchen mit guten natürlichen Anlagen gewesen sein muss. In allem, was sie tat, war sie flink und geschickt, außerdem hatte sie ein wundervolles Erzähltalent – oder wenigstens schien es mir so, nach dem Eindruck, welchen ihre Geschichten auf mich machten. Auch war sie hübsch, wenn mich die Erinnerung an ihre Gestalt und ihr Gesicht nicht täuscht. Sie steht vor mir als eine schlanke, junge Frau mit schwarzem Haar, dunklen Augen, sehr hübschen Zügen und einer klaren, gesunden Gesichtsfarbe. Aber sie war von heftigem und launischem Temperament und sehr unausgeglichen, was Grundsätze und Gerechtigkeit anbelangte. Und doch, wie und was sie auch sein mochte, sie war mir lieber, als irgendein anderes lebendes Wesen in Gateshead Hall.

Es war am 15. Januar, ungefähr gegen neun Uhr morgens. Bessie war zum Frühstück hinuntergegangen, meine Cousinen waren noch nicht zu ihrer Mama gerufen worden. Eliza zog gerade ihren warmen Gartenmantel an und setzte ihren Hut auf, um hinunterzugehen und das Geflügel zu füttern – eine Beschäftigung, welche sie sehr liebte. Ebenso viel Vergnügen machte es ihr, der Haushälterin ihre Eier zu verkaufen und das Geld, welches sie auf solche Weise erlangte, zu sparen. Sie hatte viel Sinn für den Handel und einen ausgesprochenen Hang zur Sparsamkeit. Dies zeigte sich nicht allein im Verkaufen von Hühnern und Eiern, sondern auch im scharfen Feilschen mit dem Gärtner um Blumenpflanzen, Samen und junge Schösslinge – der Gärtner hatte von Mrs. Reed den strengen Befehl erhalten, der jungen Herrin alle Produkte ihres kleinen Gartens, welche sie etwa zu verkaufen wünschte, abzukaufen. Eliza würde jedes einzelne Haar ihres Kopfes verkauft haben, wenn sie einen hinreichenden Profit dabei erzielt hätte. Anfänglich hatte sie ihr Geld in allen möglichen Winkeln und Ecken, in altem Lockenwicklerpapier oder in Lumpen versteckt; aber als einige dieser wohlverwahrten Schätze vom Zimmermädchen entdeckt wurden, willigte Eliza, welche fürchtete, eines Tages ihr ganzes Hab und Gut zu verlieren, ein, es ihrer Mutter gegen unerhörte Wucherzinsen anzuvertrauen – fünfzig oder sechzig Prozent. Diese Zinsen trieb sie regelmäßig jedes Vierteljahr ein und führte mit ängstlicher Sorgfalt in einem kleinen Notizbuch darüber Rechnung.

Georgiana saß auf einem hochbeinigen Stuhl und ordnete ihr Haar vor dem Spiegel; in ihre Locken flocht sie künstliche Blumen und verblichene Federn, von denen sie einen ganzen Vorrat in einer Kiste auf dem Dachboden gefunden hatte. Ich brachte mein Bett in Ordnung, denn Bessie hatte mir den strikten Befehl erteilt, damit fertig zu sein, bevor sie zurückkommen würde. Sie benutzte mich jetzt häufig als zweites Zimmermädchen, ich musste aufräumen, den Staub von den Möbeln wischen und dergleichen. Nachdem ich die Bettdecke ausgebreitet und mein Nachtkleid zusammengefaltet hatte, ging ich an das Fensterbrett, um einige Bilderbücher und Puppenmöbel, welche dort umherlagen, fortzuräumen. Ein lauter Befehl Georgianas, ihre Spielsachen nicht anzurühren, gebot meinem Tun jedoch Einhalt: Die Liliput-Stühle und Spiegel, die Feen-Teller und Tassen gehörten ihr. In Ermangelung einer anderen Beschäftigung fing ich daher an, auf die Eisblumen zu hauchen, welche die Kälte auf die Fensterscheiben gezaubert hatte. Ich verschaffte mir so eine kleine Öffnung auf dem Glas, durch welche ich in den Garten blicken konnte, wo der harte Frost alles getötet und erstarren lassen hatte hatte.

Durch dieses Fenster waren die Loge des Portiers und die Fahrstraße sichtbar, und gerade als ich so viel von dem silberweißen Blattwerk, das die Scheiben verschleierte, fortgehaucht hatte, um hinausblicken zu können, sah ich, dass die Pforten geöffnet wurden und ein Wagen durch das Tor rollte. Gleichgültig verfolgte ich, wie er vor das Haus fuhr. Es kamen ja oft Wagen nach Gateshead, aber niemals brachten sie Besucher, für die ich auch nur das geringste Interesse hegte. Der Wagen hielt vor dem Hause, die Glocke wurde heftig gezogen, der Besucher erhielt Einlass. Da dieser ganze Vorgang mich aber nicht kümmerte, wurde meine unbeschäftigte Aufmerksamkeit bald von dem Anblick eines kleinen, hungrigen Rotkehlchens angezogen, das sich piepsend auf die entlaubten Zweige eines Kirschbaumes nahe am Fenster gesetzt hatte. Die Reste meines Frühstücks aus Brot und Milch standen noch auf dem Tisch. Ich zerrieb eine Semmel zu Krümeln und zog gerade an dem Klappfenster, um die Brosamen auf das Fenstersims streuen zu können, als Bessie atemlos ins Kinderzimmer stürzte:

»Miss Jane, nehmen Sie Ihre Schürze ab! Was machen Sie da? Haben Sie heute Morgen Gesicht und Hände schon gewaschen?« – Bevor ich antwortete, zog ich noch einmal an der Fensterklinke, denn der Vogel sollte doch sein kleines Mahl bekommen. Die Klinke gab nach, und ich streute die Brosamen aus, einige auf das steinerne Gesims, andere auf die Zweige des Kirschbaumes. Dann schloss ich das Fenster und entgegnete:

»Nein, Bessie, ich bin erst jetzt mit dem Aufräumen fertig geworden.«

»Unartiges, unordentliches Mädchen! Was machen Sie da? Sie sehen so rot aus, als hätten Sie irgendein Unheil angerichtet. Weshalb haben Sie das Fenster aufgerissen?«

Die Antwort blieb mir erspart, denn Bessie schien zu große Eile zu haben, um meinen Erklärungen Gehör schenken zu können. Sie zerrte mich an den Waschtisch, unterwarf meine Hände und mein Gesicht einer erbarmungslosen aber glücklicherweise kurzen Waschung mit Seife, Wasser und einem groben Handtuch, ordnete danach meinen Kopf mit einer harten Bürste, entkleidete mich meiner Schürze und riss mich dann hastig an die Treppe, wo sie mir gebot, eilig hinunterzugehen, da man mich im Frühstückszimmer erwarte.

Ich hätte gern gewusst, wer mich wohl erwartete, gern hätte ich gefragt, ob Mrs. Reed dort sei, aber Bessie war schon wieder davongelaufen und hatte die Kinderzimmertür hinter sich geschlossen. Langsam stieg ich die Treppe hinunter. Seit fast drei Monaten hatte Mrs. Reed mich nicht mehr rufen lassen. Seit dieser Zeit war ich ins Kinderzimmer verbannt gewesen, und das Frühstückszimmer, der Speisesaal und der Salon waren für mich Regionen geworden, die ich nur noch mit Schrecken und Angst betreten konnte.

Ich stand jetzt in der leeren Halle, vor mir war die Tür des Frühstückszimmers. Zitternd und furchtsam hielt ich inne. Welch einen elenden kleinen Feigling hatte die Furcht vor ungerechter Bestrafung in jenen Tagen aus mir gemacht! Ich fürchtete mich, in das Kinderzimmer zurückzugehen; ich fürchtete mich, in das Wohnzimmer einzutreten. Zehn Minuten stand ich ängstlich zögernd da, aber das heftige Klingeln der Glocke im Frühstückszimmer entschied: Ich musste eintreten.

›Wer konnte nach mir verlangen?‹, fragte ich mich, als ich mit beiden Händen die Türklinke erfasste, welche mehrere Sekunden meinen Anstrengungen widerstand. ›Wen würde ich noch außer Tante Reed in dem Zimmer erblicken? Einen Mann oder eine Frau?‹ Die Klinke gab nach, die Tür sprang auf, ich trat ein, machte einen tiefen Knicks, blickte auf und sah – eine schwarze Säule! Denn auf den ersten Blick erschien mir die lange, schmale, schwarz gekleidete Gestalt als eine solche, die da kerzengerade vor dem Kamin stand: Das ernste Gesicht zuoberst sah aus wie eine geschnitzte Maske, die als Kapitell auf die Säule gestellt war.

Mrs. Reed hatte ihren gewohnten Platz neben dem Kamin eingenommen. Sie machte mir ein Zeichen, näher zu treten. Ich tat es und sie stellte mich dem steinernen Fremden mit den Worten vor: »Dies ist das kleine Mädchen, wegen dem ich mich an Sie wandte.«

Er, denn es war ein Mann, wandte den Kopf langsam nach der Seite, auf welcher ich stand, und nachdem er mich mit zwei neugierigen, unter einem Paar buschiger Augenbrauen funkelnden Augen geprüft hatte, sagte er feierlich mit einer tiefen Stimme: »Sie ist klein von Gestalt, wie alt ist sie?«

»Zehn Jahre.«

»Tatsächlich?«, lautete die zweifelnde Antwort. Darauf fuhr er noch einige Zeit fort, mich schweigend zu prüfen, bevor er mich anredete:

»Ihr Name, kleines Mädchen?«

»Jane Eyre, Sir.«

Als ich diese Worte aussprach, blickte ich auf. Er erschien mir wie ein großer Mann, aber ich war eben sehr klein; seine Züge waren breit und wirkten hart und steif wie seine ganze Gestalt.

»Nun, Jane Eyre, sind Sie ein gutes Kind?«

Unmöglich, diese Frage bejahend zu beantworten. Die kleine Welt, die mich umgab, war anderer Meinung, also schwieg ich. Mrs. Reed antwortete für mich mit einem ausdrucksvollen Schütteln des Kopfes, gleich darauf fügte sie hinzu: »Je weniger man über diesen Punkt spricht, Mr. Brocklehurst, desto besser.«

»Tut mir leid, das zu hören! Da muss ich mich aber dann wohl doch ein wenig mit ihr unterhalten.« Damit knickte die senkrechte Säule in der Mitte ein und ließ sich im Lehnstuhl gegenüber von Mrs. Reed nieder. »Kommen Sie hierher«, sagte er.

Ich ging über den Kaminteppich zu ihm hinüber, und er rückte mich gerade und aufrecht vor sich zurecht. Was hatte er doch für ein Gesicht, jetzt, wo ich mich ihm gegenüber auf gleicher Höhe befand! Welch eine ungeheure Nase und welch ein Mund! Welche großen, hervorstehenden Zähne!

»Es gibt keinen schrecklicheren Anblick auf der Welt, als den eines unartigen Kindes«, begann er, »besonders eines unartigen kleinen Mädchens! Wissen Sie denn, wohin die Gottlosen kommen, wenn sie gestorben sind?«

»Sie kommen in die Hölle«, lautete meine schnelle und orthodoxe Antwort.

»Und was ist die Hölle? Können Sie mir das ebenfalls sagen?«

»Eine Grube voll Feuer.«

»Und möchten Sie wohl in diese Grube hineinfallen und dort für ewig brennen?«

»Nein, Sir.«

»Was müssen Sie denn tun, um das zu vermeiden?«

Einen Augenblick überlegte ich meine Antwort, aber als sie kam, war gewiss viel gegen sie einzuwenden: »Ich muss gesund bleiben und nicht sterben.«

»Wie können Sie denn gesund bleiben? Täglich sterben Kinder, die jünger sind als Sie. Erst vor zwei oder drei Tagen habe ich ein kleines Kind von fünf Jahren begraben – ein gutes Kind, dessen Seele jetzt im Himmel ist. Es steht zu befürchten, dass man dasselbe nicht von Ihnen sagen könnte, wenn Sie aus diesem Leben abberufen würden.«

Da ich nicht in der Lage war, seine Zweifel zu zerstreuen, schlug ich nur die Augen nieder und ließ sie auf seinen ungeheuerlichen Füßen ruhen, die sich in den Kaminteppich eingegraben hatten. Dann seufzte ich tief auf. Ich wünschte mich weit, weit fort.

»Ich hoffe, dass dieser Seufzer aus der Tiefe Ihres Herzens kommt und dass Sie bedauern, die Quelle so vieler Unannehmlichkeiten für Ihre ausgezeichnete Wohltäterin gewesen zu sein.«

›Wohltäterin, Wohltäterin!‹, wiederholte ich innerlich. ›Jedermann nennt Mrs. Reed eine Wohltäterin! Wenn sie das wirklich war, so ist eine Wohltäterin eine sehr unangenehme Sache.‹

»Sprechen Sie abends und morgens Ihr Gebet?«, fuhr er mit dem Verhör fort.

»Ja, Sir.«

»Lesen Sie Ihre Bibel?«

»Zuweilen.«

»Mit Freude? Lieben Sie Ihre Bibel?«

»Ich liebe die Offenbarung, das Buch Daniel, die Genesis und Samuel – und ein wenig vom Buch der Prediger und einen Teil der Könige und der Chronik. Und Hiob und Ruth.«

»Und die Psalmen? Ich hoffe, Sie lieben diese auch?«

»Nein, Sir.«

»Nein? Oh, entsetzlich! Ich habe einen kleinen Knaben, viel jünger als Sie, der sechs Psalmen auswendig weiß. Und wenn Sie ihn fragen, ob er lieber eine Pfeffernuss essen oder einen Vers aus den Psalmen auswendig lernen möchte, so sagt er: ›Oh, den Vers aus den Psalmen! Die Engel singen Psalmen‹, sagt er, ›und ich möchte schon hier auf Erden ein kleiner Engel sein.‹ Und dann bekommt er zum Lohn für seine kindliche Frömmigkeit zwei Pfeffernüsse.«

»Psalmen interessieren mich nicht«, bemerkte ich.

»Das beweist, dass Sie ein bösartiges Herz haben. Sie müssen Gott bitten, dass er Ihnen ein besseres gibt, ein neues, ein reines; dass er Ihnen Ihr Herz von Stein nimmt und Ihnen ein Herz von Fleisch gibt.«

Ich war gerade im Begriff, ihn nach der Art und Weise zu fragen, in der die Operation, mir ein neues Herz einzusetzen, vor sich gehen solle, als Mrs. Reed mich unterbrach, indem sie mir gebot, mich zu setzen. Dann übernahm sie selbst das Gespräch:

»Mr. Brocklehurst, ich glaube, dass ich in dem Brief, welchen ich Ihnen vor ungefähr drei Wochen schrieb, schon angedeutet habe, dass dieses kleine Mädchen nicht ganz den Charakter und die Eigenschaften hat, welche mir wünschenswert erscheinen. Wenn Sie sie in die Schule von Lowood aufnehmen sollten, so würde ich Ihnen dankbar sein, wenn Sie die Vorsteherin und die Lehrer ersuchen wollten, ein scharfes Auge auf sie zu haben und vor allen Dingen ihrem schlimmsten Fehler, einem Hang zur Lüge und Verstellung, entgegenzuarbeiten. Ich erwähne diese Sache in deiner Gegenwart, Jane, damit du nicht versuchst, auch Mr. Brocklehurst zu täuschen.«

Wie sollte ich Mrs. Reed nicht fürchten und eine tiefe Abneigung gegen sie hegen, wo es doch in ihrer Natur lag, mich stets aufs Grausamste zu verletzen? Niemals fühlte ich mich glücklich in ihrer Gegenwart. Wie sorgsam ich mich auch bemühte, ihr zu gefallen, ihr aufs Wort zu gehorchen – meine Anstrengungen wurden mir immer nur durch Zurückweisungen gelohnt. Mir schnitt diese Beschuldigung, vor einem Fremden ausgesprochen, tief ins Herz. Ich erkannte, wie Mrs. Reed schon vorab jegliche Hoffnung aus der neuen Lebensphase, in welche ich einzutreten im Begriff war, verbannte. Ich fühlte, obgleich ich diese Empfindung nicht in Worte fassen konnte, dass sie bemüht war, Abneigung und Unfreundlichkeit auf meinen künftigen Lebenspfad zu säen; ich fühlte förmlich, wie ich mich in Mr. Brocklehursts Augen in ein verschlagenes, eigensinniges Kind verwandelte. Aber was konnte ich gegen diese Ungerechtigkeit schon tun?

›Nichts, gar nichts!‹, dachte ich, ein Schluchzen unterdrückend und mir hastig ein paar Tränen abtrocknend – ohnmächtige Zeugen meines Leids.

»Verstellung ist in der Tat ein trauriger Charakterfehler bei einem Kind«, sagte Mr. Brocklehurst, »ein Fehler, welcher mit Falschheit und Lüge einhergeht, und alle Lügner werden ihren Anteil bekommen an dem See, in welchem Pech und Schwefel brennen. Wir werden das Mädchen sorgsam im Auge behalten, Mrs. Reed. Ich werde mit Miss Temple und den Lehrerinnen sprechen.«

»Ich wünsche, dass sie in einer Weise erzogen wird, welche mit ihren Lebensaussichten übereinstimmt«, fuhr meine Wohltäterin fort. »Sie soll sich nützlich machen und demütig bleiben und auch die Ferien soll sie stets, mit Ihrer Erlaubnis, in Lowood verbringen.«

»Ihre Bestimmungen, Madam, sind durchaus vernünftig«, entgegnete Mr. Brocklehurst. »Die Demut ist ein Schmuck der Christen und einer, der ganz besonders für die Schülerinnen von Lowood passend ist. Ich gebe daher die Weisung, dass ihrer Pflege eine besondere Sorgfalt gewidmet wird. Ich habe ein Studium darauf verwendet, zu ergründen, wie das weltliche Gefühl des Stolzes und des Hochmuts am besten in ihnen zu ersticken ist. Und vor wenigen Tagen erst hatte ich eine angenehme Probe meiner Erfolge: Meine zweite Tochter, Augusta, hatte mit ihrer Mama die Schule besucht, und bei ihrer Rückkehr rief sie aus: ›Oh, mein teurer Papa, wie unscheinbar und einfach all die Mädchen in Lowood aussehen! Mit ihrem Haar, das glatt hinter die Ohren gestrichen ist, und ihren langen Schürzen und den kleinen Taschen, welche sie über ihren Kleidern tragen – sie sehen beinahe aus wie die Kinder armer Leute! Und‹, fuhr sie fort, ›sie starrten Mamas und mein Kleid an, als ob sie in ihrem ganzen Leben noch kein seidenes Kleid gesehen hätten.‹«

»Eine solche Einrichtung und deren Ziele hat meinen ungeteilten Beifall«, erwiderte Mrs. Reed. »Wenn ich auch ganz England durchsuchen würde, so würde ich sicher keine bessere Schule finden können für ein Kind, wie Jane Eyre es ist. Konsequenz und Festigkeit, mein lieber Mr. Brocklehurst, ich befürworte Konsequenz in allen Dingen!«

»Konsequenz, Madam, ist die erste der christlichen Pflichten, und sie wird in Lowood bei jeder Maßnahme zuvörderst berücksichtigt: Einfache Kost, einfache Kleidung, einfache Einrichtungen, fleißige Gewohnheiten – das ist die Tagesordnung für das Haus und seine Bewohnerinnen.«

»Sehr richtig, Sir. Ich kann mich also darauf verlassen, dass dieses Kind als Schülerin in Lowood aufgenommen und dort entsprechend ihrer Stellung und Lebensaussichten erzogen wird?«

»Ja, Madam, das können Sie. Sie soll an jene Pflegestätte auserlesener Pflanzen versetzt werden. Und ich hoffe, dass sie sich dankbar zeigen wird für das unschätzbare Privileg, welches ihr dadurch zuteil wird.«

»Ich werde sie Ihnen sobald wie möglich schicken, Mr. Brocklehurst, denn ich versichere Ihnen, ich hege das innigste Verlangen, so schnell wie irgend möglich von einer Verantwortung befreit zu werden, welche mir lästig geworden ist.«

»Ohne Zweifel, Madam, ohne Zweifel. Und jetzt will ich Ihnen einen guten Tag wünschen. In ungefähr zwei bis drei Wochen werde ich nach Brocklehurst Hall zurückkehren; mein guter Freund, der Erzdiakon, wird mir kaum erlauben, ihn früher zu verlassen. Übrigens werde ich Miss Temple ankündigen, dass sie ein neues Mädchen zu erwarten hat, damit bei ihrem Eintritt keine Schwierigkeiten entstehen. Leben Sie wohl!«

»Leben Sie wohl, Mr. Brocklehurst, und empfehlen Sie mich Mrs. und Miss Brocklehurst, Augusta und Theodore sowie Master Broughton Brocklehurst!«

»Das werde ich tun, Madam. – Mein kleines Mädchen, hier ist ein Buch mit dem Titel: ›Des Kindes Wegweiser‹. Lesen Sie es mit Andacht, besonders jenen Teil, welcher von dem ›furchtbaren und plötzlichen Tode der Marta G.‹ handelt, einem unartigen Kinde, welches der Falschheit und Lüge ergeben war.«

Mit diesen Worten legte Mr. Brocklehurst ein Pamphlet in meine Hand, welches sorgsam in einen Umschlag genäht war. Dann ließ er seinen Wagen vorfahren und verschwand.

Mrs. Reed und ich blieben allein; mehre Minuten verharrten wir im Schweigen; sie nähte, ich beobachtete sie. Mrs. Reed mochte zu jener Zeit ungefähr sechs- oder siebenunddreißig Jahre alt sein, sie war eine Frau von robuster Gestalt, breiten Schultern und starken Knochen, nicht schlank, aber auch nicht dick. Sie hatte ein ziemlich großes Gesicht mit einem stark entwickelten, hervortretenden Unterkiefer. Ihre Stirn war niedrig, das Kinn breit, Mund und Nase waren ziemlich regelmäßig. Unter ihren farblosen Brauen blitzten Augen, die wenig Herzensgüte verrieten; ihre Haut war dunkel und matt, das Haar flachsblond. Sie war von fester und gesunder Konstitution – niemals nahte sich ihr eine Krankheit. Sie war eine strenge, pünktliche Hausfrau, der Haushalt und die Dienerschaft standen vollständig unter ihrer Kontrolle – nur ihre Kinder trotzten zuweilen ihrer Autorität und verlachten sie höhnisch. Sie verstand es, ihre stets sorgfältig Kleidung zur Geltung zu bringen.

Ich saß wenige Schritte von ihrem Lehnstuhl entfernt auf einem niedrigen Schemel und ließ meine Blicke prüfend auf ihren Gesichtszügen ruhen. In der Hand hielt ich das Traktat, welches von dem plötzlichen Tod der Lügnerin handelte und das – als passende Warnung für mich – meiner besonderen Aufmerksamkeit anempfohlen worden war. Noch schmerzte mir die Seele von dem, was soeben geschehen war, was Mrs. Reed in Bezug auf mich zu Mr. Brocklehurst gesagt hatte. Ich hatte jedes Wort ebenso klar empfunden, wie ich es gehört hatte, und das leidenschaftlichste Rachegefühl begann sich in mir zu regen.

Mrs. Reed blickte von ihrer Arbeit auf; ihre Augen bohrten sich in die meinen und ihre Finger hielten in ihrer geschäftigen Bewegung inne.

»Verlass das Zimmer! Geh wieder ins Kinderzimmer zurück!«, befahl sie. In meinem Blick musste sie etwas Herausforderndes entdeckt haben, denn sie sprach mit nur mühsam unterdrücktem Zorn. Ich stand auf und ging an die Tür. Dann kam ich aber wieder zurück und ging ans Fenster, schließlich jedoch quer durch das Zimmer bis dicht an ihren Lehnstuhl.

Ich musste sprechen, man hatte mich zu schmerzhaft verletzt, ich musste mich auflehnen. Doch wie? Welche Mittel hatte ich denn, um meine Gegnerin wirksam zu treffen? Ich nahm meinen ganzen Mut, meine ganze Energie zusammen und schleuderte ihr folgende Worte ins Gesicht:

»Ich bin nicht falsch, nicht lügnerisch, wäre ich es, so würde ich sagen, dass ich Sie liebte. Aber ich erkläre Ihnen, dass ich Sie nicht liebe, ich hasse Sie mehr als irgendjemanden auf der ganzen Welt, John Reed ausgenommen, und dieses Buch hier mit der Geschichte einer Lügnerin, das können Sie Ihrer Tochter Georgiana geben, denn sie ist es, die beständig lügt, nicht ich!«

Mrs. Reeds Hände ruhten untätig auf ihrer Arbeit, ihre eisigen Augen waren wie erstarrt.

»Hast du sonst noch etwas zu sagen?«, fragte sie mich in einem Ton, den man wohl Erwachsenen gegenüber, niemals aber im Gespräch mit einem Kind anzuschlagen pflegt.

Ihre Augen und ihre Stimme wühlten all den Hass, der in mir lebte, auf. Von Kopf bis Fuß bebend, von einer Erregung geschüttelt, der ich nicht mehr Herr werden konnte, fuhr ich fort:

»Ich bin glücklich, dass Sie nicht meine Blutsverwandte sind. Niemals, solange ich lebe, werde ich Sie wieder Tante nennen. Niemals, selbst wenn ich erwachsen bin, werde ich kommen, um Sie zu besuchen, und wenn irgendjemand mich fragen sollte, ob ich Sie liebe und wie Sie mich behandelt haben, so werde ich antworten, dass der Gedanke an Sie allein schon genügt, um mich todkrank zu machen, und dass Sie mich mit elender Grausamkeit behandelt haben!«

»Wie kannst du es wagen, Jane Eyre, so etwas zu behaupten?«

»Wie ich es wagen kann, Mrs. Reed? Wie ich es wagen kann? Weil es die Wahrheit ist! Sie glauben, dass ich kein Gefühl habe, dass ich ohne die geringste Liebe und Güte leben kann, aber so kann ich nicht leben. Sie kennen kein Mitleid, kein Erbarmen. Ich werde niemals vergessen, wie Sie mich heftig und roh in das Rote Zimmer zurückgestoßen und mich dann eingeschlossen haben – bis zu meiner Sterbestunde werde ich es nicht vergessen. Obgleich ich Todesangst hatte, obgleich ich, vor Jammer und Entsetzen fast erstickend, mit allen Kräften schrie und flehte: ›Habt Erbarmen, Tante Reed! Habt Erbarmen!‹ Und diese Strafe ließen Sie mich erdulden, weil Ihr boshafter, schlechter Sohn mich schlug – mich ohne Grund und Ursache zu Boden schlug. Und diese Geschichte – gerade so, wie ich sie jetzt erzähle – werde ich jedem erzählen, der mich fragt. Die Leute glauben, dass Sie eine gute Frau sind, aber Sie sind schlecht! Sie sind hartherzig! Sie sind lügnerisch und falsch!«

Ehe ich noch mit dieser Antwort zu Ende war, begann sich ein seltsam glückliches Gefühl der Freiheit und des Triumphes meiner Seele zu bemächtigen. So hatte ich noch niemals empfunden. Es war, als wenn unsichtbare Fesseln und Bande plötzlich zerrissen wären und ich mir endlich den Weg zur unverhofften Freiheit erkämpft hätte. Und dieses Gefühl kam nicht ohne Veranlassung über mich, denn Mrs. Reed schien erschrocken und eingeschüchtert. Die Arbeit war von ihrem Schoße gefallen, sie erhob die Hände und wiegte sich hin und her, ja, ihr Gesicht verzerrte sich – fast, als wolle sie anfangen zu weinen.

»Jane, du irrst, du irrst dich, Kind! Was ist mit dir vorgegangen? Weshalb zitterst du so heftig? Möchtest du einen Schluck Wasser trinken?«

»Nein, Mrs. Reed.«

»Möchtest du irgendetwas anderes, Jane? Du kannst mir glauben, ich wünsche nichts anderes, als dir eine Freundin zu sein.«

»Nein, das ist nicht wahr. Sie haben Mr. Brocklehurst gesagt, dass ich einen lügnerischen, bösen und falschen Charakter hätte. Aber ich werde jedem Menschen in Lowood erzählen, was Sie sind und was Sie getan haben! Das schwöre ich Ihnen!«

»Jane, du verstehst solche Dinge nicht. Kinder müssen von ihren Fehlern geheilt werden.«

»Ich bin aber keine Lügnerin, Falschheit ist nicht mein Fehler!«, schrie ich mit wilder, gellender Stimme.

»Aber du bist leidenschaftlich und heftig, Jane, das musst du zugeben. Und jetzt geh wieder in das Kinderzimmer … sei ein gutes, liebes Kind … geh und ruh dich ein wenig aus!«

»Ich bin nicht Ihr gutes, liebes Kind! Ich kann mich nicht ausruhen! Schicken Sie mich bald in die Schule, Mrs. Reed, denn das Leben hier ist mir unerträglich und verhasst.«

»Wahrhaftig, ich muss sie so schnell wie möglich in die Schule schicken«, murmelte Mrs. Reed vor sich hin. Dann raffte sie ihre Arbeit zusammen und verließ hastig das Zimmer.

Ich blieb allein zurück, als Siegerin auf dem Schlachtfeld. Es war der erbittertste Kampf, den ich bisher gekämpft, und der erste Sieg, den ich je errungen hatte. Einige Augenblicke stand ich vor dem Kamin auf derselben Stelle, wo zuvor Mr. Brocklehurst gestanden hatte, und genoss meinen einsamen Erfolg. Ich lächelte still vor mich hin und fühlte mich erhaben. Aber diese trotzige Freude schwand in demselben Maße dahin, wie das Rasen meines Pulsschlags nachließ. Ein Kind kann nicht mit älteren Leuten streiten, kann seinen Gefühlen nicht freien Lauf lassen, wie soeben geschehen, ohne dass es nachher quälende Gewissensbisse hat und Furcht vor Konsequenzen empfindet. Als ob ein Höhenzug in der Heide in Flammen steht, lebhaft strahlend und sich verzehrend – so war mein Gemüt, als ich Mrs. Reed anklagte und bedrohte. Dasselbe Heideland, nachdem die Flammen erloschen sind, schwarz und versengt, würde ein passendes Bild meiner sich anschließenden Verfassung abgeben. Eine ruhige halbe Stunde des Nachdenkens führte mir den Wahnsinn meines Verhaltens und die Trostlosigkeit meiner verhassten Lage vor Augen.

Zum ersten Mal hatte ich von der Rache gekostet. Wie ein kräftiger Wein schmeckte sie mir, der während des Trinkens süß und feurig ist, dem aber ein herb-metallischer Nachgeschmack folgt, als ob er vergiftet wäre. Gern hätte ich nun um Mrs. Reeds Verzeihung gebeten, aber ich wusste, teils aus Erfahrung, teils aus Instinkt, dass sie mich dann nur mit doppelter Verachtung zurückstoßen und dadurch meine Auflehnung aufs Neue erwecken würde.

Ich war von meinen guten Anlagen überzeugt, wie gerne hätte ich diese anstelle des Trotzes entwickeln wollen, wie gerne andere mir innewohnende Fähigkeiten geübt als Ausbrüche wütender Empörung, wie gerne sanftere Gefühle gehegt. Ich griff mir ein Buch – es waren die »Geschichten aus Tausendundeiner Nacht« –, setzte mich und bemühte mich zu lesen. Ich konnte den Sinn des Ganzen aber nicht verstehen; meine eigenen Gedanken schwebten fortwährend zwischen mir und den Zeilen, die mich sonst stets gefesselt hatten. Also öffnete ich die Glastür, welche aus dem Frühstückszimmer in den Garten führte. Die jungen Anpflanzungen lagen still vor mir; der strenge Frost, weder durch Sonne noch Wind gestört, hatte sein Reich im Garten aufgeschlagen. Ich bedeckte meinen Kopf und meine Arme mit dem Rand meines Kleides und lief hinaus, um in einen abgeschiedenen Teil des Parks zu gelangen. Aber ich fand keine Freude an den stillen, bewegungslosen Bäumen, den herabfallenden Tannenzapfen, den erstarrten Relikten des Herbstes, den braunen, welken Blättern, welche der Wind in Haufen zusammengefegt und der Frost bewegungslos gemacht hatte. Ich lehnte mich gegen eine Pforte und blickte auf eine einsame Weide, auf welcher keine Schafe mehr grasten, wo das kurze Gras geschwärzt, welk und traurig aussah. Es war ein sehr grauer Tag. Ein matter Himmel, der voll Wolken hing, wölbte sich über die Landschaft; dann und wann fielen einige Schneeflocken, die auf den hart gefrorenen Wegen, den Büschen und Bäumen liegenblieben, ohne zu schmelzen.

Da stand ich nun, ein unglückliches Kind, und flüsterte immer wieder: »Was soll ich tun? Was soll ich nur tun?«

Plötzlich hörte ich eine helle Stimme nach mir rufen: »Miss Jane! Wo sind Sie? Kommen Sie zum Mittagessen!«

Ich wusste sehr wohl, dass es Bessie war, aber ich rührte mich nicht von der Stelle. Dann ertönte ihr leichter Schritt auf dem Gartenweg.

»Sie unartiges, kleines Ding!«, sagte sie. »Weshalb kommen Sie nicht, wenn man Sie ruft?«

Bessies Gegenwart hellte die düsteren Gedanken auf, die meine Gesellschaft gewesen waren, obwohl Bessie wie gewöhnlich etwas zornig war. Eigentlich machte ich mir nach meiner siegreichen Auseinandersetzung mit Mrs. Reed kaum noch etwas aus dem vorübergehenden Zorn des Kindermädchens. Ich war vielmehr geneigt, mich in ihrer jugendlichen Unbeschwertheit zu sonnen. So schlang ich denn meine beiden Arme um ihren Hals und sagte schmeichelnd: »Komm Bessie, schimpf nicht mit mir!«

Dies war natürlicher und furchtloser als nur irgendetwas, was ich mir je erlaubt hatte; aber anscheinend gefiel es Bessie auch.

»Sie sind ein sonderbares Kind, Miss Jane«, sagte sie, indem sie zu mir herabblickte. »Ein ruheloses, einsames kleines Ding. Und nun wird man Sie also in die Schule schicken?«

Ich nickte.

»Und wird es Ihnen nicht schwer werden, Ihre arme Bessie zu verlassen?«

»Was sollte das Bessie schon ausmachen? Sie schimpft ja immer nur mit mir.«

»Weil Sie ein so furchtsames, scheues, sonderbares kleines Ding sind. Sie sollten mutiger sein.«

»Was? Um noch mehr Schläge zu bekommen?«

»Unsinn! Aber es ist schon wahr, es wird hart mit Ihnen umgegangen. Als meine Mutter mich vorige Woche besuchte, sagte sie, dass sie keins von ihren kleinen Kindern an Ihrer Stelle wissen möchte. – Aber kommen Sie jetzt nur herein, ich habe Ihnen etwas Schönes zu erzählen!«

»Ach nein, Bessie, das glaube ich nicht.«

»Kind! Was fällt Ihnen denn ein? Mit welch traurigen Augen Sie mich ansehen! Nun, die gnädige Frau und die jungen Damen und Master John fahren heute Nachmittag zum Tee aus, und Sie sollen mit mir Tee trinken. Ich werde die Köchin bitten, dass sie Ihnen einen kleinen Kuchen bäckt. Und später sollen Sie mir helfen, Ihre Schränke und Schubladen durchzusehen, denn ich werde bald Ihren Koffer packen müssen. Die gnädige Frau hat beschlossen, dass Sie in ein bis zwei Tagen Gateshead verlassen sollen. Sie dürfen sich die Spielsachen aussuchen, die Sie mitnehmen möchten.«

»Bessie, du musst mir versprechen, nicht mehr mit mir zu schimpfen, solange ich noch hier bin.«

»Nun, das will ich Ihnen versprechen! Aber nun müssen Sie auch ein gutes Kind sein und sich nicht mehr vor mir fürchten. Schrecken Sie nicht immer gleich auf, wenn ich einmal ein bisschen scharf spreche, das ärgert mich!«

»Nein, ich glaube nicht, dass ich mich jemals wieder vor dir fürchten werde, Bessie; ich habe mich jetzt an dich gewöhnt, und gar bald werden andere Leute da sein, vor denen ich mich zu fürchten habe.«

»Wenn Sie sich vor den Leuten fürchten, so werden die Sie niemals mögen.«

»So wie du, Bessie?«

»Oh, ich habe Sie lieb, Fräulein, ich glaube, ich halte mehr von Ihnen, als von all den anderen.«

»Aber du zeigst es mir nicht!«

»Sie kluges, kleines Ding! Sie sprechen mit einem Mal ganz anders. Was macht Sie denn so mutig, so verwegen?«

»Nun, ich werde ja bald weit von hier sein, und außerdem …« – ich war schon im Begriff, etwas von dem zu sagen, was zwischen Mrs. Reed und mir vorgefallen war, jedoch fühlte ich plötzlich, dass es doch besser sei, über diesen Punkt zu schweigen.

»Sie sind also froh, mich zu verlassen?«

»Oh gewiss nicht, Bessie. In diesem Augenblick tut es mir beinahe leid.«

»›In diesem Augenblick‹ und ›beinahe‹! Wie ruhig die kleine Dame das sagt! Ich glaube wahrhaftig, wenn ich Sie in diesem Augenblick um einen Kuss bitten würde, so würden Sie ihn mir nicht geben. Sie würden dann sicher sagen: ›beinahe, aber lieber nicht‹.«

»Ich will dir einen Kuss geben, sehr gerne, komm, beug deinen Kopf zu mir herunter!« Bessie neigte sich, wir umarmten uns, und ich folgte ihr ganz getröstet ins Haus. Dieser Nachmittag verging in Frieden und Eintracht, und am Abend erzählte Bessie mir einige ihrer bezauberndsten Geschichten und sang mir ihre schönsten Lieder vor: Sogar auf mein Leben fiel dann und wann ein Sonnenstrahl.

Fünftes Kapitel

Am Morgen des 19. Januar hatte es kaum fünf Uhr geschlagen, als Bessie ein Licht in meine kleine Kammer brachte und mich beinahe fertig angekleidet fand. Ich war schon eine halbe Stunde vor ihrem Eintritt aufgestanden, hatte mein Gesicht gewaschen und mich beim Schein des gerade untergehenden Halbmondes, der seine letzten Strahlen durch das schmale Fenster neben meinem Bett warf, angekleidet. Heute sollte ich Gateshead mit der Postkutsche verlassen, die um sechs Uhr morgens am Parktor des Herrenhauses vorbeikam. Bessie war die einzige Person, die mit mir aufgestanden war; sie hatte im Kinderzimmer ein Feuer im Kamin angezündet und bereitete mir dort jetzt ein Frühstück. Nur wenige Kinder vermögen zu essen, wenn sie von dem Gedanken an eine Reise beherrscht sind – und auch ich konnte es nicht. Umsonst bat Bessie mich, wenigstens ein paar Löffel von dem Milch- und Brotbrei zu versuchen, den sie für mich gekocht hatte; ich weigerte mich hartnäckig. Sie wickelte darum etwas Zwieback in ein Papier und schob das Päckchen in meine Reisetasche. Dann half sie mir beim Ankleiden mit Hut und Pelz, hüllte sich selbst in ein dickes Tuch, und wir verließen das Kinderzimmer. Als wir an Mrs. Reeds Schlafzimmer vorüberkamen, sagte sie: »Wollen Sie hineingehen und Ihrer Tante Lebewohl sagen?«

»Nein, Bessie. Als du gestern zum Abendbrot in die Küche hinuntergegangen warst, kam sie an mein Bett und sagte, dass ich weder sie noch meine Cousinen heute Morgen zu stören bräuchte, und dann ermahnte sie mich, nie zu vergessen, dass sie stets meine beste Freundin gewesen sei – und dass ich dankbar von ihr sprechen und an sie denken solle.«

»Und was antworteten Sie darauf, Fräulein?«

»Nichts. Ich bedeckte mein Gesicht mit der Decke und wandte mich von ihr ab.«

»Das war nicht recht, Miss Jane.«

»Es war ganz recht, Bessie. Mrs. Reed ist niemals meine Freundin gewesen, sie war meine ärgste Feindin.«

»Oh, Miss Jane, das dürfen Sie nicht sagen!«

»Lebe wohl Gateshead!«, rief ich, als wir durch die Halle gingen und durch die große Haustür hinaustraten.

Der Mond war verschwunden, und es war noch sehr dunkel. Bessie trug eine Laterne, deren Licht auf nasse Stufen und einen durch plötzlichen Tau aufgeweichten Kiesweg fiel. Feucht und rau war dieser Wintermorgen, meine Zähne schlugen vor Kälte zusammen, als wir den Fahrweg hinuntereilten. Aus dem Pförtnerhäuschen glänzte ein Licht. Als wir näher kamen, sahen wir, dass die Pförtnersfrau gerade ein Feuer machte. Mein Koffer, welcher schon am Abend zuvor hinuntergetragen worden war, stand mit Stricken verschnürt vor der Tür. Es fehlten nur noch wenige Minuten an sechs Uhr, und kurz nachdem die volle Stunde geschlagen hatte, verkündete das ferne Rollen von Rädern das Nahen der Postkutsche. Ich ging an die Tür und beobachtete, wie die Laternen des Wagens schnell durch die Dunkelheit näher kamen.

»Fährt sie allein?«, fragte die Portiersfrau.

»Ja.«

»Und wie weit ist es von hier?«

»Fünfzig Meilen.«

»So ein weiter Weg! Mich wundert es nur, dass Mrs. Reed nicht besorgt ist, sie die lange Strecke allein fahrenzulassen.«

Die Kutsche hielt vor der Tür. Da stand sie nun, mit ihren vier Pferden und voll besetzt mit Reisenden. Der Kutscher und sein Begleiter riefen laut zur Eile auf, mein Koffer wurde hinaufgehoben, und man zog mich von Bessie fort, deren Hals ich umklammert hielt, um ihr noch einen Kuss zu geben.

»Dass Sie mir nur gut auf das Kind achten!«, rief Bessie dem Begleiter zu, der mich in das Innere des Wagens hob.

»Jaja«, war seine Antwort. Die Tür wurde wieder zugeschlagen, eine Stimme rief: »In Ordnung!«, und los ging es. So trennte ich mich von Bessie und von Gateshead – so fuhr ich davon, unbekannten und, wie ich damals glaubte, fernen und geheimnisvollen Regionen entgegen.

Von jener Reise erinnere ich mich nur noch an wenige Einzelheiten. Ich weiß noch, dass der Tag mir von einer unnatürlichen Länge erschien, und dass es mir vorkam, als ob die Landstraße, auf welcher wir dahinfuhren, Hunderte von Meilen lang sei. Wir kamen durch verschiedene Orte, und in einem größeren hielt die Kutsche an. Die Pferde wurden ausgespannt, und die Passagiere stiegen aus, um zu Mittag zu essen. Ich wurde in ein Wirtshaus geführt, wo der Begleiter mich aufforderte, doch etwas zu essen. Da ich jedoch keinen Appetit hatte, ließ er mich in einem großen Zimmer allein, an dessen beiden Enden sich je ein Kamin befand; ein Kronleuchter hing von der Decke herab, und oben an der Wand war eine kleine, rote Galerie angebracht, auf der verschiedene Musikinstrumente lagen. In diesem Raum ging ich lange auf und ab. Mir war seltsam zumute, und ich hatte furchtbare Angst, dass jemand hereinkommen könnte, um mich zu rauben, denn ich glaubte an Kinderdiebe – ihre Untaten hatten in Bessies Kaminfeuererzählungen stets eine herausragende Rolle gespielt. Endlich kam der Begleiter zurück, noch einmal wurde ich in die Kutsche gehoben, das Horn erklang und wir rasselten über die steinigen Straßen von L*** davon.

Nass und neblig kam der Nachmittag heran, und als schließlich die Dämmerung hereinbrach, begann ich zu fühlen, dass wir in der Tat schon weit von Gateshead entfernt sein mussten. Wir kamen durch keine Ortschaften mehr, und die Landschaft veränderte sich. Große, graue Hügel begannen den Horizont einzuschließen. Als es immer dunkler wurde, fuhren wir in ein düsteres, dicht bewaldetes Tal hinab, und lange nachdem die Nacht sich herabgesenkt und jede Aussicht unmöglich machte, hörte ich den wilden Sturm durch die Bäume rauschen.

Dieses Rauschen lullte mich ein, endlich schlief ich fest. Doch hatte ich noch nicht lange geschlummert, als das plötzliche Ende der schaukelnden Bewegungen mich weckte. Die Tür der Postkutsche war geöffnet und eine Person, die wie eine Dienerin gekleidet war, stand davor. Beim Schein der Laterne konnte ich ihr Gesicht und ihre Kleidung erkennen.

»Ist ein kleines Mädchen hier, welches Jane Eyre heißt?«, fragte sie. Ich antwortete »Ja!«, und wurde herausgehoben. Man setzte meinen Koffer ab, und augenblicklich fuhr der Postwagen weiter.

Ich war steif vom langen Sitzen und ganz betäubt vom Lärm und von der Bewegung der Kutsche; nachdem ich mich gestreckt hatte, blickte ich umher. Regen, Wind und Dunkelheit füllten die Luft, trotzdem erkannte ich vor mir eine Mauer mit einer geöffneten Tür. Durch diese Tür geleitete mich meine neue Führerin, die die Pforte hinter uns sorgsam verschloss. Jetzt wurde ein Haus oder ein Komplex von Häusern sichtbar; es war ein Gebäude von großer Ausdehnung mit vielen, vielen Fenstern. Durch einige derselben fiel Lichterschein. Wir gingen einen breiten, mit Kies bestreuten Weg hinauf und wurden durch eine Tür in das Haus eingelassen, dann führte die Dienerin mich durch einen Korridor in ein Zimmer, wo ein helles Kaminfeuer brannte. Hier blieb ich allein.

Ich stellte mich an die Glut und wärmte meine erstarrten Finger, dann blickte ich umher. Es brannte kein Licht, aber bei dem unsicheren Schein des Kaminfeuers konnte ich tapezierte Wände, einen Teppich, Vorhänge und glänzende Mahagonimöbel unterscheiden. Es war ein Wohnzimmer, zwar nicht so geräumig und prächtig wie der Salon in Gateshead Hall, aber dennoch hübsch und gemütlich. Ich war gerade damit beschäftigt, einen Kupferstich, welcher an der Wand hing, genauer zu betrachten, als die Tür geöffnet wurde und eine Gestalt eintrat, welche ein Licht in der Hand trug; eine zweite folgte ihr auf dem Fuße.

Die erste war eine schlanke Dame mit dunklem Haar, dunklen Augen und einer weißen, hohen Stirn. Ihre Gestalt wurde zum Teil durch einen Schal verhüllt, ihr Gesicht war ernst, ihre Haltung gerade.

»Das Kind ist doch noch zu jung, um eine solche Reise allein zu machen«, sagte sie, indem sie das Licht auf den Tisch stellte. Eine Weile betrachtete sie mich aufmerksam, dann fügte sie hinzu:

»Es wird gut sein, wenn sie bald zu Bett geht, sie sieht so müde aus. Bist du müde?«, fragte sie und legte ihre Hand auf meine Schulter.

»Ein wenig, Madam.«

»Und auch hungrig, ohne Zweifel. Sorgen Sie dafür, Miss Miller, dass sie etwas zu essen bekommt, bevor sie sich schlafen legt. Ist es das erste Mal, dass du deine Eltern verlassen hast, meine Kleine, um hier in die Schule zu kommen?«

Ich erklärte ihr, dass ich keine Eltern habe. Sie fragte mich, wie lange sie schon tot seien; dann wie alt ich wäre, wie ich heiße, ob ich lesen könne und auch schreiben und ein wenig nähen? Endlich berührte sie meine Wange sanft mit ihrem Zeigefinger und sagte, »sie hoffe, dass ich ein gutes Kind sein würde«, und dann schickte sie mich mit Miss Miller fort.

Die Dame, die ich soeben verlassen hatte, mochte vielleicht Ende zwanzig sein; die, welche mit mir ging, konnte einige Jahre weniger zählen. Hatte die Erstere durch ihr Auftreten, ihren Blick und ihre Stimme einen großen Eindruck auf mich gemacht, so war Miss Miller von gewöhnlicherer Art. Ihr Teint war gesund, obgleich ihre Züge die Spuren von Kummer und Sorgen trugen. Und sie war hastig in Gang und Bewegungen, ganz wie jemand, der fortwährend eine Menge der verschiedensten Dinge zu besorgen hat. Man sah ihr auf den ersten Blick an, was sie – wie ich später erfuhr – war: eine Hilfslehrerin. Von ihr geführt, ging ich von Zimmer zu Zimmer, von Korridor zu Korridor durch das große, unregelmäßige Gebäude. Endlich wurde die vollständige und trübselige Stille in den von uns durchschrittenen Räumen durch ein Gewirr von Stimmen abgelöst. Wir traten in ein großes, langes Zimmer, in welchem an jedem Ende zwei große, hölzerne Tische standen. Auf den Tischen brannten zwei Kerzen, und rund um dieselben saßen auf Bänken viele Mädchen jeden Alters zwischen neun und vielleicht zwanzig Jahren. Im trüben Schein der Talgkerzen schien mir ihre Anzahl ungeheuer groß, obgleich es in Wirklichkeit nicht mehr als achtzig waren. Sie trugen sämtlich eine Schuluniform von ganz altmodischem Schnitt aus braunem Wollstoff sowie lange, baumwollene Schürzen. Es war die Stunde, in welcher sie ihre Aufgaben für den kommenden Tag lernten, und das Summen von Stimmen, welches ich zuvor vernommen hatte, war das vereinigte Resultat ihrer geflüsterten Repetitionen.

Miss Miller machte mir ein Zeichen, mich auf eine Bank nahe der Tür zu setzen, dann ging sie an das obere Ende des großen Zimmers und rief mit sehr lauter Stimme:

»Aufseherinnen, sammelt die Schulbücher zusammen und legt sie an ihren Platz!«

Augenblicklich erhoben sich vier große Mädchen von verschiedenen Tischen, nahmen die Bücher zusammen und brachten sie fort. Von Neuem ertönte Miss Millers lautes Kommando:

»Aufseherinnen, holt die Tabletts mit dem Abendessen!«

Die großen Mädchen gingen hinaus und kehrten augenblicklich wieder zurück. Jede trug ein großes Präsentiertablett mit Portionen von Essen – ich konnte nicht erkennen, was es war. In der Mitte eines jeden solchen Brettes stand ein Krug mit Wasser und ein Becher. Die Portionen wurden herumgereicht, wer wollte, konnte auch einen Schluck Wasser trinken, der Becher war für alle gemeinsam bestimmt. Als die Reihe an mich kam, trank ich, denn ich war durstig, das Essen aber ließ ich unberührt. Aufregung und Ermüdung machten es mir unmöglich zu essen. Indessen sah ich jetzt, dass es ein dünner, in Stücke geschnittener Kuchen von Hafermehl war.

Als die Mahlzeit vorüber war, las Miss Miller das Abendgebet vor, und die Klassen gingen in Reihen von zwei und zwei nach oben. Jetzt hatte die Müdigkeit mich vollständig überwältigt, ich bemerkte kaum, welche Art von Aufenthaltsort das Schlafzimmer eigentlich war. Ich sah nur, dass es ebenso lang war wie das Schulzimmer. Diese Nacht musste ich das Bett mit Miss Miller teilen; sie half mir beim Entkleiden. Als ich mich niederlegte, blickte ich auf die lange Reihe von Betten, von denen jedes sich rasch mit zwei Mädchen füllte. Nach zehn Minuten wurde das einzige Licht gelöscht. Stille und vollständige Dunkelheit herrschten, und ich schlief ein.

Die Nacht verstrich schnell. Ich war sogar zu müde und abgespannt, um träumen zu können. Nur einmal erwachte ich und vernahm, wie der Wind in wütenden Stößen durch die Bäume brauste. Der Regen fiel in Strömen. Jetzt gewahrte ich auch, dass Miss Miller ihren Platz neben mir eingenommen hatte. Als ich die Augen wieder öffnete, schlug der laute Ton einer Glocke an mein Ohr. Die Mädchen waren bereits aufgestanden und kleideten sich an. Der Tag war noch nicht angebrochen, und ein oder zwei Lichter brannten im Zimmer. Widerwillig erhob auch ich mich, denn es war bitterkalt. Ich kleidete mich so gut an, wie ich es vor Kälte bebend vermochte. Als eine Waschschüssel frei geworden war, wusch ich mich. Allerdings musste ich lange auf diese glückliche Fügung warten, denn auf den Waschtischen, welche entlang der Zimmermitte aufgestellt waren, befand sich immer nur eine Schüssel für je sechs Mädchen. Wieder ertönte die Glocke. Alle traten wie am vorigen Abend – zwei und zwei – in die Kolonne. In dieser Ordnung gingen sie die Treppe hinunter und schritten in das trübe erhellte und kalte Schulzimmer. Hier las Miss Miller das Morgengebet vor; dann rief sie laut:

»Bildet die Klassen!«

Nun folgte ein großer Tumult, der eine Weile anhielt. Miss Miller rief wiederholt zu Ruhe und Ordnung auf. Als diese endlich eingetreten waren, sah ich, dass sich alle in vier Halbkreisen vor vier Stühlen aufgestellt hatten, welche vor vier Tischen standen. Alle hielten Bücher in den Händen und ein großes Buch, einer Bibel ähnlich, lag auf jedem Tisch vor dem leeren Stuhl. Nun entstand eine minutenlange Pause, während welcher man nichts vernahm, als das leise Gemurmel von Zahlen. Miss Miller ging von Klasse zu Klasse und brachte diese unbestimmten Laute zum Verstummen.

Aus der Ferne ertönte eine Glocke. Gleich darauf traten drei Damen ins Zimmer. Jede derselben ging an einen der Tische und nahm Platz. Miss Miller nahm den vierten Stuhl, welcher der Tür am nächsten stand und um den die kleinsten Kinder sich versammelt hatten, dieser letzten Klasse wurde auch ich zugewiesen, und zwar als Letzte.

Jetzt begann die Arbeit. Das Tagesgebet wurde wiederholt, dann wurden mehrere Texte aus der Heiligen Schrift hergesagt und endlich folgte das Lesen von Kapiteln aus der Bibel, welches eine ganze Stunde dauerte. Als wir mit dieser Übung fertig waren, war auch der Tag vollständig angebrochen. Die unermüdliche Glocke ertönte jetzt zum vierten Mal. Die Klassen sammelten sich und marschierten in ein anderes Zimmer, wo das Frühstück eingenommen wurde. Wie froh war ich bei der Aussicht, jetzt endlich etwas zu essen zu bekommen. Der Hunger hatte mich beinahe schon krank gemacht, denn den Tag zuvor hatte ich fast gar keine Nahrung zu mir genommen.

Das Refektorium war ein großer aber niedriger, düsterer Saal. Auf zwei langen Tischen dampfte etwas Heißes in kleinen Näpfen, das zu meiner größten Enttäuschung aber einen Geruch ausströmte, der alles andere als einladend war. Als der Dampf dieser Mahlzeit in die Nasen der Mädchen drang, bemerkte ich eine allgemeine Unruhe. Aus der Vorhut unserer Prozession, die von den großen Mädchen der ersten Klasse gebildet wurde, hörte man es flüstern:

»Ekelhaft! Der Haferbrei ist schon wieder angebrannt!«

»Ruhe!«, gebot eine Stimme. Es war nicht diejenige Miss Millers, sondern sie gehörte einer der Oberlehrerinnen, einer kleinen dunklen Person, die hübsch gekleidet war, jedoch sehr mürrisch und unangenehm aussah. Diese nahm an dem oberen Ende eines Tisches Platz, während eine behäbigere Dame an dem anderen präsidierte. Umsonst hielt ich Ausschau nach der Gestalt, welche ich am ersten Abend gesehen hatte, sie war nicht sichtbar. Miss Miller hatte am unteren Ende des Tisches Platz genommen, an welchem ich saß, und eine seltsam fremdartig aussehende, ältliche Dame – die französische Lehrerin, wie ich später erfuhr – nahm denselben Platz am nächsten Tisch ein. Ein langes Gebet wurde gesprochen, ein Choral gesungen, dann brachte eine Dienerin den Tee für die Lehrerinnen herein und die Mahlzeit nahm ihren Anfang.

Vollständig ausgehungert und ermattet, verschlang ich mehrere Löffel von meiner Portion, ohne an den Geschmack zu denken, als aber der erste, quälende Hunger gestillt war, bemerkte ich, welch übelriechendes Gemisch vor mir stand. Angebrannter Haferbrei ist beinahe ebenso abscheulich wie verfaulte Kartoffeln, selbst die Hungersnot schreckt davor zurück. Die Löffel bewegten sich ganz langsam, ich sah, wie die Mädchen die ihnen vorgesetzte Nahrung kosteten und wie sie versuchten, sie hinunterzuschlucken, aber in den meisten Fällen gaben sie auf: Das Frühstück ging vorüber, und niemand hatte gefrühstückt. Wir sprachen das Dankgebet für etwas, was wir gar nicht bekommen hatten, und nachdem ein zweiter Choral abgesungen worden war, leerte sich das Refektorium, und wir begaben uns ins Schulzimmer. Ich war eine der Letzten, die hinausgingen, und als ich die Tische passierte, sah ich, wie eine der Lehrerinnen einen Napf mit Haferbrei nahm, um den Inhalt desselben zu kosten. Sie blickte die anderen an, deren Gesichter sämtlich Entrüstung ausdrückten. Eine der Damen, die behäbige, flüsterte:

»Abscheulicher Mischmasch! Das ist empörend!«

Eine Viertelstunde verging, bevor die Stunden wieder begannen. Während dieser Zeit herrschte in dem Schulzimmer ein glorreicher Aufstand: In dieser Viertelstunde schien es nämlich erlaubt, frei und laut zu sprechen, und die Mädchen machten ausgiebig Gebrauch von diesem Recht. Die ganze Konversation drehte sich um das Frühstück, auf das alle ungeniert schimpften. Die Ärmsten, war dies Schimpfen doch der einzige Trost, der ihnen blieb. Außer Miss Miller war keine weitere Lehrerin im Zimmer. Einige der größeren Mädchen bildeten eine Gruppe um sie und diskutierten gebärdenreich, ernsthaft und trotzig. Ich hörte von einigen Lippen den Namen Mr. Brocklehursts. Miss Miller schüttelte missbilligend den Kopf, aber sie machte keine großen Anstrengungen, um die allgemeine Wut und Empörung zu dämpfen – ohne Zweifel teilte sie dieselbe.

Die Uhr im Schulzimmer schlug die neunte Stunde. Miss Miller verließ den Kreis, welcher sich um sie gebildet hatte, trat in die Mitte des Zimmers und rief mit lauter Stimme:

»Ruhe! Auf die Plätze!«

In kurzer Zeit kam Ordnung in die wirre Menge, es kehrte wieder Disziplin ein, und auf die babylonische Sprachverwirrung folgte eine verhältnismäßige Ruhe. Die Oberlehrerinnen nahmen pünktlich ihre Posten ein, und doch schienen alle noch auf irgendetwas zu warten. Auf den Bänken, welche sich an den Seiten des Raumes entlangzogen, saßen achtzig Mädchen bewegungslos und kerzengerade. Allen war das Haar glatt aus der Stirn gekämmt, nicht eine Locke war sichtbar. Eine seltsame Versammlung in braunen Kleidern, die bis an den Hals reichten und oben mit einer schmalen Rüsche abschlossen, mit kleinen, baumwollenen Taschen nach der Art der Beutel der Highlander, die an der Vorderseite des Kleides befestigt waren und als Handarbeitstäschchen dienten. Dazu kamen wollene Strümpfe und einfach gearbeitete Schuhe, welche mit Messingschnallen zusammengehalten wurden. Ungefähr zwanzig der auf diese Weise gekleideten Mädchen waren schon erwachsen oder zumindest über die erste Jugend hinaus; das Kostüm kleidete sie schlecht und gab selbst der hübschesten unter ihnen ein sonderbar abstoßendes Aussehen.

Ich betrachtete sie eingehend und danach auch die Lehrerinnen, von denen keine einzige mir besonders gefiel: Die Behäbige hatte etwas Gewöhnliches, die Dunkle sah sehr trotzig aus und die Fremde herb und grotesk. Und Miss Miller, das arme Ding, war blaurot, abgehärmt und überarbeitet. Da plötzlich, als meine Blicke noch von einem Gesicht zum anderen wanderten, erhob die ganze Schule sich zugleich und wie auf Kommando, als hätte eine einzige Sprungfeder sie alle in die Höhe geschnellt.

Was war geschehen? Ich hatte keinen Befehl vernommen – ich war ganz bestürzt. Bevor ich mich jedoch orientiert hatte, saßen die Klassen schon wieder. Da sich jetzt aber alle Blicke auf einen Punkt richteten, so sah auch ich in diese Richtung und erblickte die Dame, welche mich am vorhergehenden Abend empfangen hatte. Sie stand am Kamin am unteren Ende des Raumes. Ernst und ruhig musterte sie die beiden Reihen der Mädchen. Miss Miller näherte sich ihr und schien eine Frage zu stellen. Nachdem sie die Antwort erhalten hatte, ging sie an ihren Platz zurück und sagte laut:

»Aufseherin der ersten Klasse, gehen Sie und holen Sie die Globen!«

Während diese Weisung befolgt wurde, schritt die Dame langsam durch den Raum. Ich glaube, ich bin zu starker Verehrung fähig, denn noch heute erinnere ich mich des Gefühls staunender Bewunderung, mit welchem ich ihren Schritten folgte. Jetzt im hellen Tageslicht sah sie schlank, groß und wohlgestaltet aus. Braune Augen mit einem freundlichen, klaren Blick und fein gezeichnete Wimpern hoben die schneeige Weiße ihrer Stirn noch besonders hervor. Nach der Mode jener Zeit, wo weder glatte Scheitel noch lange Locken en vogue waren, trug sie ihr schönes, dunkelbraunes Haar in kurzen, dicken Locken an den Schläfen zusammengefasst. Ihre Kleidung, ebenfalls nach der Mode des Tages, bestand aus dunkelviolettem Tuch mit einer Art von spanischem Besatz aus schwarzem Samt. Eine goldene Uhr – Uhren wurden in jenen Tagen noch nicht allgemein getragen – hing an ihrem Gürtel. Um das Bild vollständig zu machen, muss der Leser sich noch feine, vornehme Züge hinzudenken, eine bleiche, aber klare Gesichtsfarbe und eine eindrucksvolle Haltung und Gestalt – dann hat er, so deutlich wie Worte sie zu geben vermögen, eine ungefähre Vorstellung von der äußeren Erscheinung von Miss Temple – Maria Temple, wie ich später einmal in einem Gebetbuch las, welches mir anvertraut wurde, um es in die Kirche zu tragen.

Die Vorsteherin von Lowood, denn dies war ihr Amt, nahm ihren Sitz vor zwei Globen ein, die auf einem der Tische standen, rief die erste Klasse auf, sich um sie zu versammeln, und begann eine Geographiestunde. Die Lehrerinnen wandten sich den unteren Schulklassen zu und prüften diese in Weltgeschichte und Grammatik. Dies dauerte eine Stunde. Dann folgten Arithmetik und Schreibunterricht, und Miss Temple gab einigen der größeren Mädchen eine Musikstunde. Die Dauer jeder Unterrichtsstunde wurde nach der Uhr bemessen. Endlich schlug es zwölf und die Vorsteherin erhob sich.

»Ich habe einige Worte an die Schülerinnen zu richten«, sagte sie.

Der Tumult, welcher stets nach Beendigung der Schulstunden einzutreten pflegte, hatte sich bereits erhoben, aber er legte sich sofort beim Klang ihrer Stimme. Sie fuhr fort:

»Ihr habt heute Morgen ein Frühstück gehabt, welches ihr nicht essen konntet. Ihr müsst hungrig sein – ich habe befohlen, dass für euch alle ein Gabelfrühstück von Brot und Käse aufgetragen wird.«

Die Lehrerinnen richteten Blicke auf sie, welche das größte Erstaunen verrieten.

»Es soll auf meine Verantwortung geschehen«, fügte sie in einem erklärenden Ton in Richtung dieser Damen hinzu; gleich darauf verließ sie das Zimmer.

Brot und Käse wurden alsbald hereingebracht und verteilt, zum größten Ergötzen und zur höchsten Befriedigung der ganzen Schule. Und nun erging die Order: »In den Garten!« Jede Schülerin setzte einen groben, hässlichen Strohhut mit Bändern von buntem Kaliko auf und band einen Mantel von grauem Fries um. Ich wurde in gleicher Weise ausgestattet und folgte dem Strom hinaus an die frische Luft.

Der Garten war eine weite Fläche und von so hohen Mauern umgeben, dass jeder Blick nach draußen unmöglich war. An der einen Seite zog sich eine überdachte Veranda entlang. Breite Kieswege umfassten eine Fläche in der Mitte, die in unzählige, kleine Beete unterteilt war. Diese Beete waren den Schülerinnen zum Bebauen und zur Pflege übergeben, und jedes Beet hatte eine Besitzerin. Ohne Zweifel mussten die Beete sehr hübsch gewesen sein, wenn sie mit blühenden Blumen bedeckt waren, aber jetzt, gegen Ende des Januars, boten sie dem Auge nur ein Bild der winterlichen Zerstörung und des traurigen Verfalls. Es durchschauerte mich, als ich so dastand und umherblickte. Der Tag war der Bewegung im Freien durchaus nicht günstig, es herrschte zwar kein richtiger Regen, der alles durchnässte, dafür aber ein dicker, gelber, herabrieselnder Nebel. Der Boden unter unseren Füßen war durch den gestrigen Regen noch gänzlich durchweicht. Die kräftigeren unter den Mädchen liefen umher und amüsierten sich mit fröhlichen Spielen, aber in der Veranda stand auch eine ganze Schar bleicher, magerer Gestalten, die ängstlich zusammenkrochen, als suchten sie hier Schutz und Wärme. Oft ertönte aus ihrer Mitte, wenn der dichte Nebel ihnen fast bis auf die Haut drang, ein hohles, ungesundes Husten.

Bis jetzt hatte ich noch mit niemandem gesprochen und niemand schien mir besondere Beachtung zu schenken; ich stand ganz allein da. Aber an das Gefühl der Einsamkeit war ich ja gewöhnt, es bedrückte mich nicht mehr als sonst. Ich lehnte mich gegen einen Pfeiler der Veranda und zog meinen grauen Mantel fest um mich zusammen. Und indem ich versuchte, die Kälte, die mich von außen schmerzte, und den unbefriedigten Hunger, der von innen an mir nagte, zu vergessen, gab ich mich ganz der Beobachtung und dem Nachdenken hin. Meine Gedanken waren zu unbestimmt und zu bruchstückhaft, als dass sie Erwähnung verdienten. Ich wusste noch kaum, wo ich mich eigentlich befand. Gateshead und mein bisheriges Leben schienen in einer unermesslichen Ferne zu verschwinden, die Gegenwart war seltsam und vage, und von der Zukunft wagte ich nicht, mir irgendein Bild zu machen. Ich blickte in dem klösterlichen Garten umher, dann zum Hause hinauf. Es war ein großes Gebäude, dessen eine Hälfte grau und alt erschien, während die andere ganz neu war. Dieser neue Teil, welcher das Schulzimmer und den Schlafsaal enthielt, hatte vergitterte Bogenfenster, die ihm ein kirchenähnliches Aussehen gaben. Eine steinerne Tafel oberhalb der Tür trug die Inschrift:

›Lowood Stiftung. Dieser Teil des Hauses wurde erbaut A. D. *** durch Naomi Brocklehurst von Brocklehurst Hall, in dieser Grafschaft. Lasset euer Licht leuchten vor den Menschen, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. Matth. V, 16.‹

Wieder und wieder las ich diese Worte. Ich fühlte, dass sie noch eine Erklärung haben müssten, und war außerstande, ihren ganzen Inhalt zu erfassen. Noch dachte ich über die Bedeutung des Wortes »Stiftung« nach und bemühte mich, einen Zusammenhang zwischen den ersten Worten und dem Bibelvers zu finden, als ein hohler Husten hinter mir mich veranlasste, den Kopf zu wenden.

Ich sah ein Mädchen auf einer nahen Steinbank sitzen, sie war über ein Buch gebeugt, dessen Inhalt sie vollständig zu fesseln schien. Von der Stelle aus, wo ich stand, konnte ich den Titel lesen, er lautete »Rasselas« – ein Name, der mir seltsam vorkam und der mich neugierig machte. Als sie eine Seite umblätterte, blickte sie zufällig auf, und sogleich sagte ich:

»Ist dein Buch interessant?« Ich hatte bereits den Entschluss gefasst, sie eines Tages zu bitten, es mir zu leihen.

»Mir gefällt es«, sagte sie nach einer Pause von einigen Sekunden, während welcher sie mich gemustert hatte.

»Wovon handelt es denn?«, fuhr ich fort. Noch heute weiß ich kaum, woher ich den Mut nahm, in dieser Weise eine Konversation mit einer gänzlich Unbekannten anzufangen. Es war so ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheit und meiner Natur, aber ich glaube, dass ihre Beschäftigung irgendeine Saite in mir zum Klingen gebracht hatte, denn auch ich liebte die Lektüre, obgleich die meine bisher stets kindlich und nichtssagend gewesen war. Schweres und Ernstes konnte ich weder verstehen noch verdauen.

»Du darfst es dir ruhig ansehen«, sagte das Mädchen und reichte mir sofort bereitwillig das Buch. Das tat ich. Ein kurzer Blick überzeugte mich, dass der Inhalt weit weniger fesselnd war als der Titel. »Rasselas« schien meinem seichten Geschmack höchst langweilig; ich fand darin nichts von Feen oder Dämonen, die eng bedruckten Seiten schienen keine fröhliche Abwechselung zu bieten. Ich gab ihr das Buch zurück. Sie nahm es ruhig und wollte sich, ohne ein weiteres Wort zu sprechen, ihrer früheren Beschäftigung wieder ganz hingeben, als ich noch einmal wagte, sie zu stören:

»Kannst du mir sagen, was die Inschrift dort auf dem Stein über der Tür bedeutet? Was heißt ›Stiftung Lowood?‹«

»Das ist das Haus, in welchem du hier lebst.«

»Und weshalb nennen sie es Stiftung? Ist es denn in irgendeiner Weise von anderen Schulen verschieden?«

»Es ist in gewisser Weise eine Wohltätigkeitsschule. Du und ich und alle Übrigen sind Mildtätigkeits-Zöglinge. Ich vermute, dass du eine Waise bist; ist nicht dein Vater oder deine Mutter tot?«

»Sie sind beide tot, schon lange, ich habe gar keine Erinnerung mehr an sie.«

»Nun, all die Mädchen hier haben entweder Vater oder Mutter oder beide Eltern verloren, und dies ist ein Institut für die Erziehung von Waisen.«

»Bezahlen wir denn kein Schulgeld? Werden wir hier umsonst erhalten?«

»Wir oder unsere Verwandten bezahlen fünfzehn Pfund jährlich.«

»Und weshalb nennt man uns dann Mildtätigkeits-Schüler?«

»Weil fünfzehn Pfund nicht hinreichend sind für Kost und Schule, das Fehlende wird durch Spenden aufgebracht.«

»Wer spendet denn?«

»Verschiedene barmherzige Damen und Herren in dieser Gegend und in London.«

»Und wer war Naomi Brocklehurst?«

»Die Dame, welche den neuen Teil dieses Hauses gebaut hat, wie die Inschrift besagt, und deren Sohn hier alles überwacht und anordnet.«

»Weshalb tut er das?«

»Weil er der Schatzmeister und Direktor des ganzen Instituts ist.«

»Dann gehört dieses Haus also nicht der großen, schlanken Dame, welche eine Uhr trägt, und die sagte, dass wir Brot und Käse bekommen sollten?«

»Miss Temple? Oh nein! Ich wollte, es gehörte ihr! Sie ist Mr. Brocklehurst für alles, was sie tut, verantwortlich. Mr. Brocklehurst kauft alle Nahrungsmittel und alle Kleider für uns.«

»Wohnt er hier?«

»Nein – zwei Meilen von hier, in einem großen, prächtigen Herrenhaus.«

»Ist er ein guter Mann?«

»Er ist ein Geistlicher, und man sagt, dass er sehr viel Gutes tut.«

»Sagtest du, dass die schlanke Dame Miss Temple heißt?«

»Ja.«

»Und wie heißen die anderen Lehrerinnen?«

»Die mit den roten Wangen heißt Miss Smith, sie muss auf die Handarbeiten achten und schneidet die Stoffe zu – wir nähen nämlich unsere Wäsche, Kleider, Mäntel und auch alles andere selbst. Die Kleine mit dem schwarzen Haar heißt Miss Scatcherd, sie lehrt Geschichte und Grammatik und prüft die zweite Klasse. Die Dritte, die einen Schal trägt und das Taschentuch mit einem gelben Band an der Seite festgebunden hat, ist Madame Pierrot. Sie kommt aus Lille in Frankreich und lehrt Französisch.«

»Liebst du die Lehrerinnen?«

»O ja, so ziemlich.«

»Liebst du auch die kleine Schwarze und die Madame …? Ich kann ihren Namen nicht so gut aussprechen wie du.«

»Miss Scatcherd ist heftig, du musst dich hüten, sie ärgerlich zu machen. Aber Madame Pierrot ist keine üble Person.«

»Aber Miss Temple ist die Beste, nicht wahr?«

»Miss Temple ist sehr klug und sehr gut; sie steht über all den anderen, weil sie viel mehr weiß als sie.«

»Bist du schon lange hier?«

»Zwei Jahre.« »Bist du eine Waise?«

»Meine Mutter ist tot.«

»Fühlst du dich hier glücklich?«

»Du stellst eigentlich zu viele Fragen. Für jetzt habe ich dir genug geantwortet.

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