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Jakobsweg - geholfen hat es nicht

Ich danke vor allem meiner Frau, weil sie mich hat gehen lassen.

Des Weiteren gilt mein Dank all denen, die mich bei diesem Buch unterstützt haben. Die vielen Namenlosen in Social-Media-Gruppen, die ich mit meinen Fragen gelöchert habe, die Testleser für ihre ehrliche Meinung und natürlich der Lektorin für ihre wertvolle Arbeit.

Und noch mal meiner Frau, für die vielen Stunden, die sie mich hat „etwas machen“ lassen, weil sie nicht wusste, dass ich dieses Buch für sie schreibe. Meine Kinder sollte ich auch erwähnen. Sie wussten, was ich mache, und haben mich nicht verpetzt.

Alle Namen von Beteiligten, mit Ausnahme des eigenen, wurden geändert und lassen keinen Rückschluss auf die echten Namen zu.

Aller Anfang ist schwer

Anreise nach Saint-Jean-Pied-de-Port

Saint-Jean-Pied-de-Port – Roncesvalles

Gott sei Dank keine Pyrenäen mehr

Roncesvalles – Zubiri

Zubiri – Pamplona

Der Berg der Läuterung

Zubiri – Obanos

Obanos – Villatuerta

Villatuerta – Los Arcos

Tage der Schmerzen

Los Arcos – Viana

Viana – Navarrete

Navarrete – Azofra

Azofra – Grañon

Der erste Regen

Grañon – Villafranca Montes de Oca

Villafranca Montes de Oca – Cardeñuela Riopico

Cardeñuela Riopico – Tardajos

Tardajos – Castrojeritz

Die Partymeile und der Wildpinkler

Castrojeritz – Fromista

Fromista – Calzadilla de la Cueza

Calzadilla de la Cueza – Calzada del Coto

Calzada del Coto – Reliegos

Reliegos – León

Der höchste Punkt

León – Villavante

Villavante – Santa Catalina de Somoza

Santa Catalina de Somoza – El Acebo

Endlich mal wieder deutsch reden

El Acebo – Villafranca del Bierzo

Villafranca del Bierzo – La Faba

La Faba - Triacastela

Der Weg wandelt sich

Triacastela – Barbadelo

Barbadelo – Ventas de Narón

Ventas de Narón – Boente

Santiago, ich komme

Boente – O Pedruzo

O Pedruzo – Santiago de Compostela

Es geht heim

Abreise

Nachtrag

Rückblick

Aller Anfang ist schwer

Da sitze ich nun. In einem Zug auf dem Weg in ein kleines Dorf in den Pyrenäen. In Saint-Jean-Pied-de-Port beginnt meine Pilgerreise nach Santiago de Compostela, von der ich mir sehr viel verspreche. Der Kalender sagt, es ist Montag. Genauer gesagt der 16. April 2018.

Die Umgebung rauscht an mir vorbei. Alles, was zu nah ist, verschwimmt. Nur die Ferne lässt sich bei der Geschwindigkeit erfassen. Das war auf dem deutschen Teil der Strecke anders. Als wäre ich mit einem Mofa unterwegs gewesen, das ich in Straßburg gegen eine Rennmaschine eintauschte. Doch ich bin gar nicht umgestiegen, es ist derselbe ICE. In Deutschland hält der Zug ständig an irgendwelchen Stationen. Jede Stadt entlang einer ICE-Trasse ist der Meinung, sie wäre wichtig genug, um ein ICE-Bahnhof zu sein.

Nachdem der Wecker neben dem Bett mir heute Morgen um 4.20 Uhr erklärt hat, dass die Nacht vorbei ist, genoss ich noch einmal die eigene Dusche. Auch das Frühstück genoss ich, hatte ich doch überall von einem recht gewöhnungsbedürftigen Frühstück in Spanien gelesen. Es blieb sogar noch Zeit meine Frau in die Arme zu nehmen, bevor sie mich dann zum Bahnhof fuhr.

Von dort, einem Bahnhof, in der Nähe meines Heimatortes, fuhr ich mit dem Nahverkehrszug nach Frankfurt. Morgens um 5.30 Uhr sind die Züge nicht sonderlich voll. Das kam mir sehr gelegen, denn ich hatte ja einen Rucksack dabei. Nicht den typischen Rucksack, mit dem man in die Arbeit oder zu einem Tagesausflug fährt. Nein, dieses Mal ist er groß. Und er wiegt 14,6 Kilogramm. Das ist natürlich viel zu viel. Zumindest, wenn man die Foren von vorne bis hinten durchliest. Er soll auf gar keinen Fall zehn Prozent des Körpergewichtes überschreiten. Jedenfalls ohne Wasser und Proviant. Und natürlich ohne die Kleidung, die man am Körper trägt. Und um auch ja auf dieses Gewicht zu kommen, bei mir wären es 8,6 Kilogramm, grassieren im Internet allerlei Packlisten, an die man sich halten soll. Wer sich also gerne um Gewichtsunterschiede von einigen Gramm streitet, kann in den Foren reichlich diskutieren. Ich habe einige Teile mitgenommen, die andere für unsinnig halten würden, mir aber wichtig sind. Und so ist mein Rucksack halt ein wenig schwerer. Das sollte im Moment jedoch kein Problem sein, denn ich fuhr ja mit dem Zug. Im Gegensatz zum Nahverkehrszug hatte ich im ICE einen Sitzplatz reserviert, was ab Straßburg sowieso Pflicht wäre. Und da ich die Fahrt genießen wollte, hatte ich mich bei der Buchung vor drei Monaten dazu hinreißen lassen dreißig Euro mehr auszugeben und dafür erster Klasse zu fahren.

Doch bevor ich mich am gehobenen Equipment der Deutschen Bahn erfreuen konnte, durfte ich noch etwa 45 Minuten den Hauptbahnhof Frankfurt genießen. Mit einer Laugenstange in der Hand schlenderte ich in Richtung Gleis 18, denn dort sollte später mein Zug abfahren. Und da ich noch so viel Zeit hatte, konnte ich mich in Ruhe umschauen. Etwa dreißig Jahre ist es her, dass ich hier regelmäßig entlang hetzte, wie es auch jetzt alle anderen um mich herum taten. Ich war Auszubildender und sowohl mein Ausbildungsplatz, als auch meine Berufsschule waren hier in Frankfurt gewesen. Dreißig Jahre, in denen sich viel am Frankfurter Hauptbahnhof verändert hat.

Am Gleis 18 angekommen, begab ich mich in den markierten Raucherbereich und rauchte noch schnell zwei Zigaretten. Die letzten, für die nächsten vier Stunden. Vier Stunden für die Fahrt von Frankfurt nach Paris. Zwei davon benötigt man für die etwa 210 Kilometer von Frankfurt nach Straßburg. Schneller geht es halt nicht, wenn man zwischendurch in Mannheim und Karlsruhe anhalten muss. Da lohnte es sich, dass kurz nach der Abfahrt in Frankfurt ein Bediensteter der Bahn vorbeikam und fragte, ob man etwas trinken oder essen möchte. Ich nahm nichts, sondern genoss meinen gemütlichen Sitz, den Ausblick und die Ruhe. Mit der Ruhe war es allerdings in Straßburg vorbei. Bahnfahren scheint in Frankreich Volkssport zu sein. Selbst die erste Klasse war jetzt komplett voll. Jetzt machte auch die Reservierungspflicht auf einmal Sinn. Wer möchte schon erster Klasse stehen?

Und dann begann das Erlebnis Hochgeschwindigkeitszug! Kaum aus Straßburg draußen, gleisten wir auf die Hochgeschwindigkeitstrasse auf und der Lokführer durfte den Geschwindigkeitsregler einmal richtig ausnutzen und beschleunigte auf etwa 300 km/h. Nächster Halt Paris. Die rund 450 Kilometer schafften wir in einer Stunde und 47 Minuten.

Da sitze ich nun.

Ich sitze da und denke daran, was mir in den nächsten Wochen bevorsteht und wie viel ich schon hinter mich gebracht habe.

Ende 2016 hatte ich einen Bänderriss im Sprunggelenk. Während des Dienstsports spielten wir Fußball und ein Kollege war nicht damit einverstanden, dass ich den Ball hatte. Seine Idee mir den Ball auf unkonventionelle Art abzunehmen fanden wiederum meine Bänder nicht gut und schon stand ich geschlagene sechs Wochen im Aus. Es mag Berufe geben, bei denen man mit Bänderriss oder halb ausgeheiltem Bänderriss arbeiten gehen kann, Feuerwehrmann gehört leider nicht dazu. Und so ließ ich mir daheim die Decke auf den Kopf fallen. Wieder im Dienst hatte ich irgendwie Probleme, mich wieder einzufinden. Egal, was ich machte, ich hatte das Gefühl, es wäre falsch. Und eines Abends sah ich im Fernseher den Film „Ich bin dann mal weg“. Was soll ich sagen: Der Samen war gesät. Ich las Bücher über Bücher, meldete mich in Foren an und stellte das Internet auf den Kopf. Ich saugte förmlich alles über den Jakobsweg in mich auf. So las ich unter anderem, dass das Pilgern auch bei einem Burn-out-Syndrom helfen kann. Das hatte ich zwar nicht, aber die ersten Symptome, wie ständige Müdigkeit, Antriebslosigkeit sowie eine gesenkte Reizschwelle, waren zu erkennen.

Natürlich fiel meiner Frau mein plötzliches Interesse auf, aber ich beruhigte sie erst einmal. Immerhin könnte es ein Strohfeuer sein. Ich bin nämlich prädestiniert für Strohfeuer. Als Drohnen bezahlbar wurden, habe ich alles Mögliche über Drohnen in mich aufgesaugt und wollte eine haben. Nach etwa zwei bis drei Monaten fand ich das Thema zwar noch immer interessant, aber eine Drohne wollte ich nicht mehr.

Mit dem Jakobsweg war es anders. Er faszinierte mich auf so viele Arten, dass ich ihn unbedingt gehen und erleben wollte. Dies jedoch führte unweigerlich zu langen Diskussionen mit meiner Frau. Von „willst du mich verlassen?“, als ob wir ein Eheproblem hätten, bis hin zu „du bist ja sonnig“ habe ich alle Diskussionen geführt. Sonderlich begeistert war sie nicht, ließ mich aber gehen. Die elf Monate, die bis zu meinem Jakobsweg noch vor mir lagen, waren größtenteils sehr intensiv.

Da ich privat gerne Trekkinghosen trage und beruflich Funktionskleidung besitze, brauchte ich mich darum schon mal nicht zu kümmern. Schuhe waren natürlich ein besonderes Thema. Da ich Einlagen trage, führte mich mein erster Weg zu meinem Orthopädietechniker. Mit den Einlagen ging ich dann Schuhe kaufen und mit den Schuhen wieder zum Orthopädietechniker. Bei einer Probewanderung versagte dann mein 25 Jahre alter Rucksack und ich brauchte einen neuen. Egal wo wir waren, Outdoorläden waren wie ein Magnet für mich. Langsam aber sicher vervollständigte ich meine Ausrüstung. Bei der Arbeit stellte ich einen Antrag auf Abbau von Überstunden. Dort hatte ich das große Glück, dass mir acht Wochen am Stück genehmigt wurden. Ich hatte also viel Zeit für den Weg.

In Paris angekommen, strebe ich in Richtung der U-Bahn Linie vier. Die Schilder, die mir den Weg weisen, sind trotz der Baustelle nicht zu übersehen. Das Ticket für die Fahrt zum Bahnhof Gare Montparnasse habe ich, dank eines Tipps, schon im ICE gekauft. Als meine Fahrkarte von dem dortigen Schaffner kontrolliert wurde, fragte ich nach dem Ticket für die U-Bahn und bekam prompt den französischen Kollegen vorbei geschickt. Auf diese Art musste ich mich wenigstens nicht mit dem Automaten am Bahnhof in Paris auseinandersetzen.

Gleich die erste U-Bahn, die einfährt, ist mit der Nummer 4 versehen. Als sie dann anfährt, bleibt mir nur die Hoffnung, dass ich mich nicht mit der Richtung vertan habe. Etwa 25 Minuten später fahre ich in die Station Gare Montparnasse ein und atme auf. Nun beginnt eine unterirdische Wanderung durch Paris. Die Strecke in der riesigen Röhre ist so lang, dass es Laufbänder gibt, wie sie auch auf großen Flughäfen vorkommen. Es erscheint mir unwirklich eine derart lange Strecke zurückzulegen, wenn man doch an der richtigen Station ausgestiegen war. Aber auch der längste Tunnel endet irgendwann und per Rolltreppe erreiche ich die Bahnhofsvorhalle.

Gar nicht mal so groß, war mein erster Gedanke, als ich in der Halle stand. Und da ich von jetzt an Zeit habe, der Zug fährt erst in etwa eineinhalb Stunden, gehe ich erst einmal zum Rauchen an die frische Luft.

Vor dem Bahnhof sind ein paar kleine Grünflächen mit wenigen Bäumen. Dahinter ein Busbahnhof und links und rechts am Bahnhof vorbei führend, zwei große Straßen. Alle wuseln hektisch umher und versuchen, ihre Verkehrsmittel zu erreichen, während ich mit meinem Rucksack ruhig dastehe und zusehe. Irgendwie fühle ich mich hier in dieser Hektik fehl am Platz, beinahe schon als störendes Element in einem bewegten Bild. Ich muss mir in Erinnerung rufen, dass ich vor einem Bahnhof stehe und nicht in irgendeinem Kurpark.

Ich mische mich wieder unter die Laufenden. Im Bahnhof versuche ich herauszufinden, wo mein Zug nachher abfahren wird. Ohne sonderliche Kenntnisse der französischen Sprache, ich beherrsche lediglich einige Höflichkeitsfloskeln, und nicht der geringsten Ahnung wie der Zugverkehr in Frankreich funktioniert, laufe ich über gefühlte fünf Ebenen, wobei auf vieren davon Züge abfahren. Ich muss mir in diesem Moment erst einmal eingestehen, dass der Bahnhof wohl doch nicht ganz so klein ist, wie ich das beim Betreten der Vorhalle vermutet hatte. Während ich umher irre, sehe ich immer mal wieder Menschen, die offensichtlich dasselbe Ziel wie ich haben: Saint-Jean-Pied-de-Port. Sie sind unschwer an den großen Rucksäcken und den daran baumelnden Jakobsmuscheln, dem Zeichen der Jakobsweg-Pilger, zu erkennen. Ich folge dem Strom, in dem sich diese Pilger befinden und lande kurz darauf an den Ferngleisen. Nun, da ich weiß, wo ich hinmuss, orientiere ich mich neu und gehe erst einmal etwas essen.

Mein Zug ist schließlich auf den Abfahrtsmonitoren noch nicht zu sehen.

Wieder an den Ferngleisen angekommen, sehe ich, wie sich eine Dame mit Händen und Füßen mit einem Bediensteten der Bahngesellschaft unterhält. Wobei unterhalten maßlos übertrieben ist. Sie versucht, etwas zu erklären, und er schaut ganz verzweifelt. Da sie, wie die Muschel verrät, eine Pilgerin ist, gehe ich zu den beiden und versuche zu helfen. Das klappt auch ganz gut. Ulrike, so heißt diese blonde Pilgerin, will wissen, auf welchem Gleis der Zug abfährt. Das ist, wie ich finde, eine durchaus interessante Frage. Als Deutscher ist man gewohnt, dass irgendwo ein Plan aushängt, auf dem sowohl die Ankünfte der Züge aufgelistet sind, als auch, in diesem Fall der wichtigere Teil, die Abfahrten. Hier sucht man einen solchen Plan allerdings vergeblich. Da Ulrike jedoch ausschließlich deutsch spricht und der Mitarbeiter der Bahn nicht, führt die Diskussion schnell in eine Sackgasse. Und wenn man sein Gegenüber nicht versteht, schaut man sich eben verzweifelt an. Ulrike kommt zwar aus dem Saarland, aber das bedeutet offensichtlich nicht unbedingt, dass man ein paar Brocken Französisch kann. Gut, ich kann mit Französisch auch nicht wirklich weiter helfen, da sich meine Kenntnisse ja, wie bereits erwähnt, nur auf das Nötigste beschränken, aber ich kann ein paar Brocken Englisch und das wiederum zaubert dem Mitarbeiter der Bahn ein Lächeln auf das Gesicht. Nun erfahren wir, was wir unbedingt wissen müssen. Das Abfahrtsgleis wird auf dem Monitor angezeigt, sobald der entsprechende Zug dort abfahrtbereit ist. Auch werden dann erst die Zugänge zu diesem Bahngleis frei geschaltet. Ich vermute, dass der Zug unter Umständen jeden Tag an einem anderen Gleis abfährt. Zu gerne würde ich das, neugierig wie ich bin, mit dem Mann klären. Allerdings hat er immer noch die Schweißperlen von der Hand- und Fuß-Kommunikation mit Ulrike auf der Stirn und so schlucke ich meine Neugier herunter und bedanke mich. Das sogar auf Französisch, diesen Teil kann ich nämlich.

Ulrike und ich unterhalten uns noch ein wenig. Sie kommt, wie erwähnt, aus dem Saarland und lebt dort auf einem Bauernhof. Im Moment ist wohl die Phase, in der am wenigsten Arbeit auf dem Hof anfällt, und so konnte sie ihren Mann für ein paar Tage alleine lassen, um sich ihren Wunsch vom Jakobsweg zu erfüllen. Sie kann zwar nicht den ganzen Weg laufen und will auch nicht jedes Jahr ein Stück davon laufen, aber sie hat vor, ein Stück vom Anfang zu laufen, dann mit dem Bus zu fahren, um anschließend noch die letzten Kilometer nach Santiago laufen zu können. Ich finde es schön, dass sie ihren Traum auf diese Art verwirklichen kann.

Eines der ersten Dinge, die ich über den Jakobsweg gelernt hatte, war, dass jeder seinen Weg läuft, wie er es kann und möchte. Der eine startet vor seiner Haustüre, ein anderer an einer der „100-Kilometer-Punkte“. Das sind die Städte, von denen man die Mindeststrecke von 100 Kilometern zu Fuß zurücklegt, um ein Anrecht auf die Urkunde zu haben. Dann gibt es Pilger, die an einem Stück laufen, wieder andere laufen jedes Jahr eine Teilstrecke.

Während wir plappern, erscheint auf dem Abfahrtsmonitor hinter unserem Zug das Abfahrtsgleis und wir laufen los. Magisch, als wäre ein schwarzes Loch aufgetaucht, scheint es auf einmal alle Menschen zum selben Punkt zu ziehen. Aufgehalten werden die Massen nur von der Zugangskontrolle vor dem Bahnsteig. Ähnlich einer Toilettenanlage auf einer deutschen Autobahn-Raststätte, müssen alle Passagiere durch Drehkreuze hindurch, die sich nur dann öffnen, wenn man das Ticket an den dazu gehörigen Scanner hält. Die Bahnfahr-Profis haben ihr Ticket schon alle in der Hand und laufen einer nach dem anderen nach einem Piepston durch die Drehkreuze. Wir fangen erst einmal an nach unseren Tickets zu wühlen und, nachdem wir fündig geworden sind, passieren auch wir die Barriere und verabschieden uns, da wir in unterschiedlichen Abteilen sitzen.

Ich sitze direkt im ersten Wagen oben. Die Sitze selbst sind breit und gemütlich, die Gänge aber recht eng. Im Vergleich zum ICE schneidet der TGV da eher schlechter ab. Natürlich ist auch hier der Zug, wie schon zwischen Straßburg und Paris, komplett gefüllt.

Wenig später setzt sich der Zug in Bewegung. Langsam passieren wir ein Wirrwarr aus Weichen und verlassen Paris. Auf der Hochgeschwindigkeitstrasse angekommen werden wir stetig schneller, ohne dass man es wirklich merkt. Nächster Halt Bordeaux.

Wer aber an Eisenbahn-Romantik denkt, mit dem entsprechendem „dadamm – dadamm“, der wird enttäuscht sein. Heutzutage gleitet man geräuschlos dahin und erkennt die Tatsache, dass man sich fortbewegt nur noch an dem verwaschenen Bild der Schallschutzvorrichtungen, wenn man aus dem Fenster schaut. Wahlweise kann man auch auf einen der Monitore schauen. Dort wechselt sich Werbung mit einer Anzeige der aktuellen Geschwindigkeit ab. Aktuell ist das eine Versicherung, die dann von der Anzeige „330 km/h“ abgelöst wird.

Aussicht hat man allerdings keine. Dafür ist man aber innerhalb von knapp zwei Stunden in dem 550 Kilometer entfernten Bordeaux. Dort steigt auch ein Großteil der Passagiere aus. Nun, da sich nicht einmal mehr halb so viele Passagiere an Bord befinden, ist der Geräuschpegel massiv gesunken und es wird schon fast gemütlich. Mit der französischen Gemütlichkeit macht man auch sogleich hinter Bordeaux Bekanntschaft.

Keine Hochgeschwindigkeitstrasse, also keine Hochgeschwindigkeit.

Von Bordeaux bis Bayonne sind es etwa 190 Kilometer, also circa ein Drittel der Strecke Paris – Bordeaux. Der Zeitaufwand für die Strecke ist aber der Gleiche. Ganze zwei Stunden! Da kommt man sich nach zweistündiger Fahrt mit über 300 km/h doch ein wenig seltsam vor. Dafür kann man jetzt aus dem Fenster schauen und die Landschaft sehen. Wo keine Trasse ist, fehlt natürlich auch der entsprechende Schallschutz. Die Landschaft entlang dieser Strecke ist so berauschend, dass ich mir einen Schallschutz und eine Trasse wünsche. Der Naturpark der Gascogne besteht aus Kiefernplantagen. Entweder abgeerntet oder noch schön in Reih und Glied am Wachsen. Nach zwei für die Augen qualvollen Stunden, Plantagen finde ich nicht sonderlich schön, steige ich in Bayonne aus dem TGV aus.

Von hier aus geht es mit der Bimmelbahn weiter nach Saint-Jean-Pied-de-Port. Eigentlich. Allerdings ist die Bahnstrecke aufgrund von Ausbesserungsarbeiten gesperrt und es gibt einen Schienenersatzverkehr. Der Bus fährt jedoch vollkommen losgelöst von jeglichen Bahnverkehrszeiten. Und so haben wir, ich bin ja nicht der Einzige, der nach Saint-Jean-Pied-de-Port möchte, anstatt 40 Minuten satte zwei Stunden Zeit zum Umsteigen. Dabei können wir froh sein, dass wir überhaupt fahren können, denn in Frankreich wird der Zugverkehr bestreikt. Tagelang hatte ich mich immer wieder durch das Internet geklickt, bis die französische Gewerkschaft endlich bekannt gegeben hatte, an welchen Tagen gestreikt werde. Mein Reisetag war nicht dabei und trotzdem stehe ich, mit einigen anderen Pilgern, verloren am Bahnhof in Bayonne und warte auf den Bus. Bayonne hat ein paar sehr schöne Ecken und vor allem eine schöne Kirche, aber das ist alles nicht am Bahnhof. Der Bahnhof hat zwar für die Größe der Stadt, sie ist etwa mit Speyer vergleichbar, viele Gleise, dafür ist das Bahnhofsgebäude umso kleiner und bietet, außer einem Fahrkartenschalter, nicht wirklich viel mit dem man sich beschäftigen könnte. An besagtem Schalter steht auch Ulrike an. Ich warte einen Moment, bis sie fertig ist, und wir verlassen gemeinsam den Bahnhof. Die Umgebung ist leider viel zu schnell erkundet. Zehn mal zehn Meter Bahnhofsvorplatz, ein Busparkplatz, der durch eine Baustelle auf zwei Plätze eingeschränkt ist, ein kleiner Parkplatz, eine Fahrspur und vor dem Ganzen eine Straße. Das war es mit Beschäftigung.

Ulrike und ich vertreiben uns die Zeit mit Plappern und je mehr Zeit vergeht, umso mehr Pilger versammeln sich an dem Busparkplatz. Einer davon hat einen sogenannten Pilgerwagen. Er muss seinen Rucksack nicht auf dem Rücken tragen, sondern zieht ihn hinter sich her. Das Konstrukt sieht aus wie eine mittelalterliche Schubkarre. Ein Rad, Ladefläche und zwei Haltestangen. Natürlich ist der Wagen nicht aus Holz, sondern aus Metall. Er wird auch nicht geschoben. Man hat eine Art Tragegestell an, in das der Wagen eingehängt wird, sodass man ihn hinter sich herziehen kann. Einem ersten Eindruck folgend würde ich glatt ein Doppelrad installieren, um dem Wagen mehr Stabilität zu geben, aber vermutlich liegt der Schwerpunkt tief genug, damit der Wagen nicht umkippt, wenn man die Griffe loslässt. Später auf dem Weg stelle ich mir immer mal wieder vor, wie es wäre diese Stelle mit einem solchen Wagen zu passieren und bin froh, dass ich einen Rucksack habe.

Als der Bus kommt, stehen wir mittlerweile mit einem recht ansehnlichen Grüppchen von etwa 40 Personen an der Bushaltestelle. Nicht alle sind Pilger, aber diese stellen eindeutig die Mehrheit dar. Der Busfahrer verstaut nach und nach das ganze Gepäck und dann geht es los. Da es sich um einen Schienenersatzverkehr handelt, fährt der Bus jeden Bahnhof der Strecke an. Der Zug hätte für die Strecke etwa eine Stunde gebraucht und wäre früher gefahren. Der Bus fährt schließlich um kurz vor sieben Uhr und braucht dafür ein bisschen länger. Das tut der Stimmung im Bus aber keinen Abbruch. Es wird geschnattert, gelacht und fotografiert. Dabei kommen wir dem Ziel und damit auch den Pyrenäen immer näher. Kurz vor 20 Uhr stehe ich endlich im Pilgerbüro von Saint-Jean-Pied-de-Port.

Das Pilgerbüro ist die Anlaufstelle Nummer eins für alle Pilger, die in diesem kleinen Ort starten. Ich bekomme dort meinen Pilgerausweis und, gegen eine kleine Spende, eine Jakobsmuschel, um sie an meinen Rucksack zu hängen. Ich erfahre auch, dass die Napoleon-Route morgen offen sein wird. In den Wintermonaten und bei Schlechtwetter-Lagen ist diese Passroute gesperrt. Im Winter, also von Anfang November bis Ende März kostet das Betreten eine Geldbuße von bis zu 12.000 Euro. Ein guter Grund, die Ausweichroute zu wählen. Das Problem habe ich aber nicht. Das Wetter soll gut werden und so ziehe ich los, um mir eine Bleibe für die Nacht zu suchen.

Die Altstadt von Saint-Jean-Pied-de-Port erscheint komplett restauriert. Ein altes Gebäude reiht sich an das nächste. Es ist schade, dass es schon morgen früh weiter geht. Eigentlich müsste man sich für dieses Städtchen ein wenig mehr Zeit nehmen. Etwa 40 Meter von dem Pilgerbüro entfernt finde ich eine private Herberge, von der ich schon im Internet gelesen hatte. Ich stelle mich in der Schlange an und bekomme das drittletzte Bett. Gerade als ich die Anmeldung ausfülle, ertönt von hinten ein „Andreas?“.

Ich sehe mich um und vor mir steht Manfred. Manfred habe ich vor ein paar Wochen durch einen Zufall im Internet kennengelernt. Irgendjemand kam auf die glorreiche Idee, dass jeder, der in diesem Jahr den Camino Francés läuft, sein Startdatum posten sollte. Manfred postete den 17.04. und ich freute mich, dass jemand am selben Tag startete, und schrieb nur drunter „Ich auch“. Er meinte daraufhin, dass er derjenige sei, der mit hochroten Kopf die Pyrenäen hinauf schnaufe, worauf ich entgegnete, dass ich dann derjenige sei, der ihm hinterherhechele. Damit hatte sich das Ganze eigentlich auch schon erledigt. Keiner, der sich nicht verabredet, glaubt wirklich daran, jemanden zufällig zu treffen. Und doch standen wir voreinander und stellten fest, dass wir sogar im selben Raum schliefen.

Insgesamt sind neun Schlafplätze in dem Raum. Zwei Doppelbetten werden von zwei asiatischen Müttern mit ihren Kindern belegt. Über den Doppelbetten, quasi dem Stockbett, schlafe auf der einen Seite ich und auf der anderen Michael, ein drahtiger junger Deutscher. Auf der gegenüberliegenden Raumseite stehen drei Einzelbetten. Dort schlafen Manfred, ein wortkarger Ungar und ein Amerikaner namens Logan. In dieser Herberge gibt es noch mindestens zwei weitere Zimmer die, wie es scheint, auch von Asiaten belegt sind.

Manfred, Michael, Logan und ich ziehen noch mal los, da wir alle vier noch nicht zu Abend gegessen haben. Keine fünf Minuten später sitzen wir in einem kleinen Restaurant und freuen uns auf unser erstes Pilgermenü bestehend aus einer Suppe als Vorspeise, einem Hähnchenschenkel mit Kartoffeln und Gemüse sowie einem Stück Kuchen als Nachtisch.

Pilgermenüs sind eine günstige Variante sich auf dem Jakobsweg zu ernähren. Man bekommt für relativ wenig Geld ein Drei-Gänge-Menü mit einem Getränk. Dabei kann man in der Regel zwischen drei Speisen pro Gang auswählen. Beim Getränk hat man meistens die Wahl zwischen Wasser und Rotwein. Wenn man nett fragt, bekommt man aber auch etwas anderes zu trinken dazu. Nach diesem leckeren Essen gehen wir zurück in die Herberge und kriechen in die Betten. Obwohl ich gespannt bin, wie der morgige Tag wird, schlafe ich sofort ein.

Um kurz nach sechs Uhr ist die Nacht dann zu Ende. Die Ersten stehen auf und bereiten sich für den Aufbruch vor. Nach einer Dusche und dem vollkommen unkoordinierten Packen meines Rucksacks, der übrigens zu den leichteren hier im Raum zählt, geht es zum Frühstück. Die Herbergsmutter hat schon alles bereitgestellt, wir brauchen uns nur noch setzen und können frühstücken.

Als wir dann zu dritt vor die Tür treten, ist es noch sehr ruhig. Die Straßen sind leer gefegt und der Nebel schluckt alle Geräusche. Es ist kurz vor acht Uhr. Entweder sind wir die Letzten oder die Ersten, auf jeden Fall hätte ich erwartet, auf andere Pilger zu stoßen. Wir schauen uns an und laufen los. Die Richtung ist eigentlich nicht zu verfehlen, es geht zwar erst einmal bergab, aber alle paar Meter befindet sich auf dem Boden ein Messing-Pfeil mit einer Muschel, der in Richtung Porte-Notre-Dame zeigt. Durch dieses alte Tor in einem Turm gelangt man aus der Altstadt hinaus, überquert das Flüsschen Nive und ab dann geht es bergauf.

Nach etwa 400 Metern und sage und schreibe 20 Höhenmetern, bittet Manfred darum, dass wir ihm die Wanderstöcke, die an seinem Rucksack befestigt sind, geben. Er steht schnaufend da, der Kopf ist hochrot und auf seiner Stirn befindet sich eine Schweißperle neben der anderen. Ich gehe zu ihm, öffne die Halter an seinem Rucksack und gebe ihm die Stöcke. Er bedankt sich und verabschiedet sich von uns, da er unser Tempo nicht halten kann. Weitere 200 Meter weiter verabschiede ich mich auch von Michael. Er ist, mit seinen zwanzig Jahren weniger auf dem Lebenskonto, wesentlich schneller als ich.

Von nun an laufe ich alleine.

Ich habe mich lange mental auf diesen Tag vorbereitet, indem ich mir immer wieder gesagt habe, dass es verdammt anstrengend wird. Die zu bewältigende Strecke ist 26 Kilometer lang und eine solche Strecke mit über 16 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken zurückzulegen, ist in einem untrainierten Zustand, also in meinem Zustand, wirklich anstrengend. Wenn dann noch ein Höhenunterschied von knappen 1300 Metern hoch und 500 Metern runter hinzukommt, dann ist man auf der ersten Etappe des Jakobsweges angekommen. Der Vorteil ist, dass der Rucksack immer leichter wird, da ich ja zwei Liter Wasser dabei habe, die ich nach und nach austrinke.

Nach etwa acht Kilometern sind die zwei Liter leer und ich bin in Orisson angekommen. Etwa zweieinhalb Stunden habe ich bis hierher gebraucht und unterwegs, aufgrund der Steigung und der damit verbundenen Anstrengung, immer wieder an Manfred denken müssen. Orisson ist sowohl eine Bar als auch eine Herberge. Um hier übernachten zu können, muss man allerdings im Vorhinein ein Bett buchen. Je nach Saison muss dies sogar bis zu drei Wochen vorher erledigt werden. Ich nutze die Bar für eine kleine Pause. Mit einer Cola und einem belegten Baguette setze ich mich auf die Aussichtsterrasse und genieße den Blick über die umgebende Landschaft. Im Pilgerbüro gestern hieß es nur, dass das Wetter gut werden würde. Das war maßlos untertrieben. Nachdem ich Saint-Jean-Pied-de-Port verlassen und ein paar Höhenmeter erklommen hatte, löste ich mich aus dem Nebel und über mir erschien ein Himmel, der von einem Horizont zum anderen nur eine Farbe kannte, und das war Azur. Nicht einmal ein kleines Stückchen einer Wolke war zu sehen. Blickte man nach unten in die Täler, sah man den Nebel, durch den man gelaufen war. Alle Täler waren mit diesen tiefen Wolken gefüllt und hin und wieder schauten sanfte Hügel hervor. Ein Anblick, wie man ihn üblicher weise nur aus Bilderbüchern kennt.

Nachdem ich mein Geschirr wieder abgegeben habe, fülle ich meinen Trinkwasservorrat auf, denn bis nach Roncesvalles gibt es nur noch den Roland-Brunnen und der ist in seiner Funktion wohl nicht sonderlich zuverlässig.

Gut erholt nehme ich um 11.15 Uhr die letzten 17 Kilometer in Angriff. Waren auf dem bisherigen Weg links und rechts immer mal wieder Büsche, Bäume und vereinzelt Häuser zu sehen, wandelt sich die Umgebung nun langsam in eine reine Graslandschaft. Vereinzelt sieht man schroffe Felsen, die aus den Grasflächen heraus ragen. Auf einem größeren Felsen steht die „La vierge de Biakorri“, die Jungfrau von Biakorri. Sie ist die Hüterin der Hirten und soll die Tiere vor Blitzeinschlägen schützen. Den Pilgern soll sie Mut machen und den Weg weisen. In der Ferne hört man einige Kuhglocken läuten, zumindest wären das bei uns Kuhglocken. Hier hängen sie an den Hälsen der Pferde, sodass sie in der Graslandschaft, eine einzige riesengroße Pferdeweide, nicht verloren gehen. Immer wieder hört man entlang des Weges die Glocken der Pferde läuten und vereinzelt hat man das Glück und sieht einige davon grasen. Auch wenn sowohl vor als auch hinter einem immer irgendwelche Pilger zu sehen sind, so ist man hier doch ziemlich allein mit seinen Gedanken. Da die Strecke langsam ziemlich anstrengend wird, versuche ich, meine Gedanken in eine moralische Unterstützung zu lenken. Heraus kommt ein Lied: „Das Wandern ist des Müllers Lust“. Und so ein Lied kann ziemlich lange in einem Kopf kreisen. Es kann sich auch verändern. Man glaubt gar nicht, wie viele Berufsgruppen auf einmal Lust zum Wandern haben. Selbst als einige Geier über mir kreisen, lenkt mich das nur kurz von diesem tollen Lied ab.

Kurz bevor man Frankreich verlässt, gilt es noch einen Hügel zu erklimmen. Dafür darf man die asphaltierte Straße verlassen, der man, seit Orisson, gefolgt ist und sich auf einen lehmigen Pfad begeben, der sich bei Regenwetter bestimmt besonders nachhaltig im Rückblick einnistet. Kaum in Spanien angekommen, beginnen links und rechts Wälder zu sprießen. Die Bäume sind klein, sehr knorrig gewachsen und stark bemoost. Wenn es jetzt nebelig wäre, was es wohl häufig genug zu sein scheint, würde ich mich in keiner Weise darüber wundern, wenn ein Troll meinen Weg kreuzen würde. Auf Trolle stoße ich aber bei dem Wetter nicht, dafür aber auf ein Schneefeld, das in einer schattigen Kuhle sein Dasein fristet.

Vorbei an der Roland-Quelle, die heute tatsächlich Wasser führt, komme ich zum Refugio Izandorre.

Das Wort „Refugio“ lässt sich mannigfaltig übersetzen und auf noch mehr Arten verwenden. Viele Herbergen tragen dieses Wort in ihrem Namen, hat es doch so Bedeutungen wie „Obdach“ oder „Schutz“. In diesem Fall ist die zutreffende Übersetzung: „Schutzhütte“.

Während meiner Vorbereitungen war ich per Zufall auf diese Hütte gestoßen und hatte sie, nach einigen Recherchen, als Notunterkunft abgespeichert. In Notfällen sollte man möglichst gut vorbereitet sein. Dieser Tatsache ist es auch geschuldet, dass ich ein sogenanntes „Notbiwak“ im Rucksack rumschleppe. Rumschleppen ist bei 120 Gramm natürlich relativ und das Packvolumen entspricht einer normalen Getränkedose, aber für die Gewichtsextremisten ist sogar das vollkommen überflüssig. Ich will aber auf Nummer sicher gehen. Sollte ich, aus welchen Gründen auch immer, mitten in den Pyrenäen übernachten müssen, so kann ich mit meinem Schlafsack in mein tragbares „refugio“, also den Notbiwak, schlüpfen und dort bis zum nächsten Tag schlafen. Die Pyrenäen sind ein Hochgebirge und die Nähe zum Atlantik macht das Wetter nicht unbedingt berechenbarer. Sicherheit wird auch von spanischer Seite aus sehr groß geschrieben, deshalb steht hier auch diese Schutzhütte. Fest gemauert, mit einer Türe versehen, gemauerten Bänken, einem offenen Kamin, Feuerholz und einer Notrufeinrichtung. Dazu kommen entlang des Weges in regelmäßigen Abständen nummerierte Pfosten. Auf diese Art kann man im Falle eines Notrufs immer den exakten Standort durchgeben. Ich habe das Glück, dass ich keine dieser Hilfen in Anspruch nehmen muss.

An der zweiten und auch letzten Notrufstation, am Col de Lepoeder, mache ich, wie viele andere, eine Pause. Dieser Pass ist, mit 1429 Metern Höhe, der Höchste auf dieser Etappe und auf dem gesamten Weg des Camino Francés nach Santiago, zählt er als zweithöchster Punkt, nach dem Cruz de Ferro. Neben der Notrufsäule gibt es hier ein paar Sitzmöglichkeiten und einen Blick über ganz Navarra. Zumindest hat es den Anschein, als könne man den gesamten Landesteil überschauen. Dank des guten Wetters sieht man von hier aus die schneebedeckte Gipfel der Pyrenäen und rund herum sanfte Hügel und tiefe Täler. Das heutige Etappenziel, das Kloster von Roncesvalles, ist ebenfalls zu sehen. Über den Kronen der Bäume, die die Hügel überziehen, kann man die Dächer des Klosters erkennen und freut sich, dass man es geschafft hat. Zumindest habe ich mich gefreut und übertrage das auch auf andere. Nach der Pause stapfe ich also mit einem siegessicheren Lächeln auf den Lippen los.

Nebenbei sei erwähnt, dass mittlerweile auch der Bäcker, der Pfarrer, Schneider, Küfer und der Schmied die Lust am Wandern entdeckt hat, denn das Lied geistert immer noch in meinem Kopf herum.

Es gilt ein relativ großes Schneefeld zu durchqueren und dann muss man sich entscheiden. Links herum, einem Rinnsal folgend, der steile, aber kurze Weg. Bei schlechtem Wetter wird dringend davon abgeraten, diesen Weg zu nutzen, da er dann sehr schlammig und somit auch rutschig sein soll. Halb rechts der etwas längere Weg, der zum Alto de Ibañeta führt, an dem eine Pilgerkapelle steht. Von dort aus geht es über gut begehbare Wege zum Kloster.

Da das Wetter nicht regnerisch ist und ich ja nur etwa 500 Meter runter muss, nehme ich natürlich die kurze Variante.

Nachträglich betrachtet fällt mir dazu nur eins ein: Was war ich doch naiv!

Ich folge also dem kleinen Rinnsal und tauche wieder einmal in einen Wald ein. Dieses Mal ist das Waldstück nicht ganz so verwunschen und schön wie die Vorherigen auf der anderen Passseite.

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