Logo weiterlesen.de
Jakobsweg für Manager

Raúl Etto

Jakobsweg für Manager

Die Business Class geht pilgern

Mit 25 Fotos

www.tredition.de

Alle Fotos vom Autor privat.

Mein großer Dank geht an Kerstin Jungk für die zuverlässige Fehlerkorrektur und die sich anschließenden Gespräche über den Camino. Weiterhin danke ich Hildegard, Helena und Flora aus Weinheim, dass sie uns von ihrem Camino ein Jahr zuvor so sehr begeistert und uns wertvolle Tipps für unsere eigene Reise mitgegeben haben. In diesem Sinne danke ich auch Herrn Kerkeling, der uns alle zu solchen Reisen inspiriert hat. Danke. Ganz besonderer Dank geht an meine Frau und meine beiden Töchter, Julia und Caroline, dafür, dass sie mich zu dem Buch ermutigt und mir während des Schreibens stets den Rücken frei gehalten haben. Ihr Lieben, ohne euch wäre das Buch niemals entstanden. Danke!

Vorwort

Als mir meine Frau vor Jahren den Jakobsweg vorschlug, hatte ich nur ein fades Schmunzeln übrig. Der Jakobsweg, dort gehen doch nur Christen hin. Oder Aussteiger. Oder eben Hape Kerkeling. Was soll das alles mit mir zu tun haben? Ich lehnte rund herum ab und wir flogen wie gewohnt, Business-Class-mäßig in die Erholungsferien. Einmal USA, oder eben Bali, Thailand oder Mexiko. Schließlich arbeitet man hart genug.

Aber der Jakobsweg, der Camino, hat seine Geheimnisse. Einmal mit ihm begonnen, lässt er einen nicht mehr los. Er schafft sich seine Räume und er sorgt dafür, dass du ihn gehen wirst, wenn er zu dir passt. Nicht ohne Grund ist er ein uralter Weg. Schon vor der großen Zeitwende war er Jahrtausende lang der Einweihungsweg keltischer Priester. Dann, mit der Wiederentdeckung der Reliquien wurde er der wichtigste Pilgerweg der Christenheit. Über tausend Jahre pilgerten ihn tiefgläubige Christen, erlagen seinem Zauber, starben am Straßenrand und in seinen Gebirgen oder kamen nach Monaten oder Jahren geläutert zurück.

Und heute? Heute ist der Camino ein unerklärliches Phänomen geworden. Christen aus aller Welt gehen wieder diesen Weg, aber auch Andersgläubige und auch Menschen, die an gar nichts mehr glauben. Warum tun die das? Es ist doch nur ein Weg. Und sind die Reliquien wirklich echt? Muss man ihre Existenz nicht wissenschaftlich bezweifeln, ist nicht alles nur Legende? Diese Fragen stellt man sich vielleicht vorher, hinterher nicht mehr. Denn jeder, der den Camino gegangen ist, wird von ihm verändert werden. Ein Weg, der seit mehreren Jahrhunderten ein heiliger Weg ist hat nun mal seine Wirkungen. Was bedeuten unsere 100 Jahre? Wie flüchtig ist alles, was wir tagtäglich erringen? Wie grandios die Landschaft des Camino, die Leute, der Zauber und seine Magie.

Davon werde ich berichten.

Aber selbst wenn man sich nun vorgenommen hat, den Camino zu wagen, können moderne Menschen das überhaupt? Menschen, die jahrzehntelang im Büro sitzen. Schafft man das, 700 bis 900 Kilometer zu Fuß. Und wie hält man es in den berüchtigten spanischen Albergues - den Herbergen für Pilger - aus? Wie findet man dort seine Ruhe? Können ganz normale Leute den Camino gehen?

Die Antwort ist bereits an dieser Stelle ein klares JA. Jeder Normalbürger, jeder Büromensch, jeder in die Jahre gekommene Manager kann den Camino gehen, man muss nur genügend Zeit mitbringen. Aber wie hält man das durch, 6 Wochen ohne richtigen Schlaf. Nun, das ist das Wichtigste: Niemand muss in den 30- bis 40-Bett-Zimmern der spanischen Albergues schlafen. Der Autor und seine Frau haben tatsächlich keine einzige Nacht in solch einer Massenunterkunft verbracht.

Wie das geht? Auch davon werde ich erzählen.

Und für den hochmotivierten Business-Kollegen, der wie üblich nicht allzu viel Zeit hat, sei direkt auf den Anhang verwiesen. Dort werden alle Hotels, Hostals und Albergues mit Privatzimmern aufgelistet, in denen der Autor übernachtet hat.

Man kann die Prosa getrost überspringen.

Doch eines vorab. Dieses Buch ist ein sehr privates Buch geworden. In der Tat, es ist die überarbeitete Abschrift meines Tagebuches, mit allen Gedanken, Irrungen und Wirrungen. Diesem Buch fehlt daher jeglicher professioneller Abstand, den man bei Erzählungen und Berichten eigentlich erwarten sollte. Hier gibt es diesen Abstand nicht, im Gegenteil. Die 42 Tage auf dem Camino waren für mich das größte Abenteuer seit Jahrzehnten und ich habe dabei all meine Emotionen und Gedanken - naive, hintergründige, spirituelle, aber auch banale Gedankensplitter - aufgeschrieben und verarbeitet.

Natürlich habe ich in dem Tagebuch auch versucht, den Camino selbst zu beschreiben, seine Wege, seine Städte, seine Menschen.

Ich bin jedoch kein Schriftsteller, sondern ein Ingenieur, der seit über 10 Jahren ein Unternehmen leitet. Dies hat nun gar nichts mit dem hier Dargelegten zu tun oder eher, mein eigentliches Leben ist das pure Gegenteil vom Pilgern. Ich bitte den Leser daher um Verständnis, dass ich Erkenntnisse notiert habe, die er selbst schon lange besitzt. Dass ich in Kathedralen Gänsehaut bekomme, die er schon lange besucht hat. Und dass ich mich an der Landschaft erfreue, die der Naturverbunde schon seit Jahrzehnten gesehen hat. Jeder geht seinen eigenen Camino, dies sollte bereits zu Beginn klar sein.

Und jeder verdient seinen Respekt.

Warum wage ich das Experiment – mein Tagebuch der Kritik zu übergeben – dann überhaupt?

Nun, ich denke, viele Menschen stecken in einem Hamsterrad. Tun Dinge, die sie nicht tun wollen. Würden gerne ausbrechen, wissen aber nicht mehr wie. Und viele haben vom Jakobsweg gehört und von seinen kleinen Wundern.

Aber ihn selber gehen?

Schön wär’s, doch wie soll man Zeit finden? Wie soll man das schaffen? Wie kann man es mit all der Mühsal, den Flöhen und Wanzen, den Unbequemlichkeiten des Weges nur aushalten? Man braucht keinen Luxus, aber einen solchen Weg, dies sei zu hart, so hört man viele sagen. Denn um diesen Weg ranken sich zahlreiche Mythen, Missverständnisse und falsche Vorstellungen. Und viele Filme und Bücher betonen geradezu die Mühsal, die Strapazen und die schlechten spanischen Unterkünfte. Das stimmt auch alles, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Und das ist schade. Viele, ja viel zu viele Menschen, denen der Weg sehr gut tun würde, werden dadurch vom Camino Francés, dem Sternenweg nach Santiago de Compostela, abgehalten.

Für diese Menschen – Menschen wie Sie und ich - gebe ich mein Tagebuch frei. Genau für Sie also, damit auch Sie den Weg gehen werden, denn er wird vieles verändern. Im Inneren und im Äußeren.

Beginnen wir mit dem Abenteuer.

 

Inspiration vom Wegesrand

Pilger, was ruft dich?

Tausende, seit über 1.000 Jahren.

Pilger, was ruft dich?

Ist es der eisige Schneesturm in der Navarra

oder der köstliche Wein der Rioja

ist es die grandiose Kathedrale von Burgos

oder sind es die Berühmtheiten von Astorga?

Und der Pilger schaut in mein Gesicht

nein, das ist es alles nicht.

Ist es die ewige Hochebene der Tierra de Campos

oder sind es die weißen Hähne von Santo Domingo

ist es die erhabene Gotik von León

oder sind es die mysteriösen Templer von Ponferrada?

Und der Pilger schaut in mein Gesicht

nein, das ist es alles nicht.

Ist es das bescheidene Cruz de Ferro

oder das malerische Villafranca del Bierzo

sind es die schmackhaften Pulpo Gallego

oder die schauerlichen Nebel von O Cebreiro?

Und der Pilger schaut in mein Gesicht

nein, das ist es alles nicht.

Ist es die Einsamkeit des Wegs

auf den endlosen Feldern der Meseta

oder sind es die warmherzigen Menschen

in den Dörfern und Städten, durch die du gehst?

Und der Pilger schaut in mein Gesicht

nein, das ist es alles nicht.

Dann ist es die Kathedrale von Santiago de Compostela

was euch lässt schlagen eure Herzen schneller!

Doch der Pilger schaut in mein Gesicht

nein, das ist es alles nicht.

Aber Pilger, sag, was ist es dann?

Was ist es, was dich treibt so an?

Und der Pilger schaut auf und spricht

ja, das war es alles und es war es nicht.

Dann steht er auf, dreht sich mir zu

in mir wird es leise, unendliche Ruh

Er schaut mich still an und sagt dann bestimmt

es ist jene Stimme, die in uns erklingt.

Ich sehe ihn an, versteh ihn nicht

der Pilger lacht in mein Gesicht…

Es ist jene Stimme, die am Ziele spricht

dass dein Leben deine eigene Wallfahrt ist.

Raúl Etto

frei nach Fundstücken und Erlebnissen

auf dem Jakobsweg

Tagebuch

42 Tage auf dem Camino Francés

Alle Personennamen vom Autor geändert

Tag 1 - 1. März

Jeder Mensch trägt all das in sich, was er für ein glückliches Leben braucht, viele haben es nur vergessen.

W. Shakespeare

Anreise: Von Bilbao nach Pamplona

Heute sind wir in Bilbao angekommen, mit Lufthansa, direkt aus Frankfurt. Was für ein angenehmer Flug, der Pilot hat die Maschine jederzeit im Griff. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Lufthansapiloten tatsächlich noch fliegen können. Das ist gut so. Zuerst hatte ich mich beim Lesen schon gewundert, dass dieser Umstand im Artikel so betont wurde, man sollte ja denken, dass … Aber es war natürlich manuell fliegen gemeint. Und selbst das können unsere Jungs also. Gut zu wissen, dass im Cockpit Menschen sitzen, die fliegen können, selbst dann, wenn die Technik mal aussetzt.

Danke, Lufthansa!

Warum interessiert mich so etwas? Nun, ich bin Ingenieur. Ich liebe die Technik. Ich liebe die Mathematik. Und komplexe Systeme zu analysieren, ist mein bevorzugtes Element. Dafür wurde ich ausgebildet. Und je komplexer ein System, desto besser fühle ich mich. Irgendwann steigen immer mehr Wettbewerber aus dem Ring, was mir die Luft zum Atmen bringt. Was mir Freiräume bringt. Was mir meinen Lebensunterhalt einbringt. Komplexität ist meine Welt, hier bin ich zu Hause. Aber man kennt so leider auch die Tücken der Systeme. Einfach gut, dass es Piloten gibt, die fliegen können. Ich grinse vor mich hin. Meine Frau rüttelt mich aus meinen Gedanken.

Bilbao. Die Stadt empfängt uns freundlich. 20 Grad Lufttemperatur. Und das am 1. März. Damit haben wir nicht gerechnet. Die schlimmsten Schauergeschichten wurden uns erzählt. Nordspanien im März. Die Hölle. Schneestürme. Kälte, genauso wie in Deutschland. Aber wir wollten es trotzdem wagen, konnten am Termin nichts mehr ändern. Man muss ja erst einmal 6 Wochen frei bekommen. Das ist nicht so einfach. Nein, das Wetter war mir egal. Der Rucksack voller Wintersachen. Schlafsack schützend bis minus 20 Grad. Mütze, Schal, Thermojacken. Man will ja nicht frieren. Aber Bilbao meint es gut mit uns. Hier friert keiner, im Gegenteil. Ein paar Jogger kommen mit kurzen Hosen auf uns zu. Sind wir in der falschen Stadt, Südspanien vielleicht, wir kommen ins Schwitzen. Natürlich sind wir richtig. Aber das Wetter. Ach nein, nicht das Wetter. Es ist der Rucksack, ca. 15 kg sind auf meinem Rücken. Meine Frau hat ca. 12 kg. Soll man nicht machen! Es gibt da diese goldene Regel, dass der Rucksack nur 10% des eigenen Körpergewichtes schwer sein soll. Das wissen wir auch. Aber wir haben wochenlang gepackt, überlegt, Listen gemacht, wieder überlegt, neue Listen gemacht. Und wir haben nur noch das aller Nötigste dabei. Ehrlich. Mit weniger kann kein Mensch überleben, das wissen wir genau.

Und doch. Der Rücken schmerzt bereits jetzt. Der Schweiß rinnt nur so runter. Wir machen eine längere Pause. Bilbao ist schön, warum nicht einfach mal eine Pause machen und die Stadt genießen. Geschäftskollegen haben gemeint, Bilbao sei hässlich. Das war wohl mal so. Aber heute ist es anders. Eine tolle Stadt. Und vorne am Fluss das Guggenheim-Museum. Aber dafür steht uns heute nicht der Sinn. Unser Tag 1 der Pilgerreise hat begonnen. Was mussten wir uns nicht alles anhören. Pilgern? Was du? Du bist doch der langweilige CEO einer Firma. Was soll das denn jetzt? Hast du einen Schuss oder bist du gar verrückt geworden? Willst du etwa aussteigen? Und - by the way - (wofür hat man sonst Freunde) das schaffst du nie! Deine Frau vielleicht, die ist ja eh die sportlichere von euch beiden. Aber du? Niemals, nicht den ganzen Weg. Nicht den Camino Francés.

Nun gut. Ich bin zu klein für mein Gewicht, viel zu klein. Hohe Schuhe machen den BMI auch nicht besser. Was soll‘s also. Jeden Tag Geschäftsessen. Der Magen knurrt auch jetzt wieder. Ich suche eine Tapasbar. Wir sind in Spanien. Ich liebe Tapas, Spanien selber kenne ich nicht, jedenfalls nicht das Land. Alle Inseln sind besucht. Alle Hotels, immer alles inklusive, abgegrast. Aber das Land? Wie spricht man hier? Ich kenne ca. 20 Wörter. Mein bestes ist la cerveza aus dem Familienurlaub. Alles inklusive. Die Kinder bekommen immer so schöne Armbänder, und man selber hat dann seine Ruhe, schließlich muss man ausspannen.

Bilbao. Wir gehen durch einen wunderschönen Park, sieht neu angelegt aus. Die Sonne brennt. Scheiß-Rucksack, denke ich leise. Sagen tue ich lieber nichts, meine Frau hat sich riesig auf die Reise gefreut. Ob sie auch schon Schmerzen hat, ich blinzle unauffällig rüber.

Wir sind in Spanien und wir finden natürlich eine Tapasbar. Da hier niemand Englisch spricht, muss ich die Finger benutzen. Und es klappt gut. Niemand ist frustriert darüber, dass ich kein Spanisch kann. Zum Glück sind wir nicht in Frankreich gelandet. Es fängt gut an. Meine Frau ist super glücklich mit den Tapas, ich auch. Ich könnte an der Bar herausschreien, dass ich pilgern werde. Ob die Leute an unseren Rucksäcken erkennen können, dass ich Pilger bin. Ich drehe mich vorsichtig um. Meine Frau erkennt mein Anliegen sofort und ist amüsiert. Ich bin bereits jetzt schon ziemlich stolz, bis jetzt haben wir es vom Flughafen zum Bus geschafft und vom Bus bis in die Tapasbar. War doch ganz gut, denke ich mir so. Wird schon, muntere ich mich auf.

Oh Gott, ich habe ja noch keine Ahnung.

Ich bin - wie immer bei Urlaubsreisen - überhaupt nicht vorbereitet, weiß aber trotzdem, dass ca. 900 Kilometer Fußweg vor uns liegen. Drei Kilometer haben wir heute bereits geschafft. Es klappt gut, ich bin in Hochlaune. Die Arbeit zu Hause, bloß nicht dran denken, dass bringt nur Sorgen. Ich esse Tapas und strahle meine Frau an. Dann suchen wir den Rückweg, denn um 18 Uhr geht der Bus nach Pamplona. Wir müssen heute noch dort hin. Pamplona. Dies ist die verrückte Stadt mit den Stierkämpfen. Spanier sind komisch, aber wir müssen dorthin. Denn wir wollen nicht schummeln. Wir wollten ganz vorne anfangen. St.-Jean-Pied-de-Port. Der Beginn des berühmten Jakobsweges. Davon gibt es viele. Aber keiner soll sein wie der Camino Francés. Der Sternenweg. Wir werden sehen.

Unterwegs sehen wir wohl sehr hilfesuchend aus. Eine einheimische Familie spricht uns an und erklärt uns den Weg zum Busbahnhof. Mir ist sofort klar, dass die Mutter dies nur macht, um der Tochter ihr perfektes Englisch vorzuführen. Aber warum nicht. So lernt die Kleine hautnah, wie wichtig eine Fremdsprache ist. Ich stupse ihr mit dem Finger auf die süße Nase. Sie grinst. Ich auch. Dann gehen wir weiter. Irgendwann sitzen wir im Bus. Ich bin völlig kaputt. Hoffentlich muss ich nicht auf die Toilette. Vor uns liegen zwei Stunden Fahrt. Nun, nach Fahrplan, aber man weiß nie, wir sind schließlich in Spanien. Mein Kopf driftet ab. Hey Raúl, wir sind nicht Dritte Welt. Eine gute Freundin meiner Frau schimpft, wenn ich von Geschichten anfange, die aus dem Business stammen. Deutschland hat es aber auch wirklich drauf. Sind wir nicht wirklich die größten? Man sieht es ja jetzt wieder in der EU. Wer zahlt? Deutschland. Wer empfängt? Auch Spanien.

Der Bus fährt jedoch überraschend gut und ich schlafe ein. Endlich. Denn schlafen ist nicht so meine Stärke. Ein eigenes Thema. Immer arbeiten, bis Mitternacht. Dann keine Ruhe finden. Dann Alkohol. Wein. Natürlich den teuren, die Firma zahlt, ich lebe seit 10 Jahren in einem Hotel auf Kosten der Firma. Aber so geht man irgendwann kaputt. Man merkt es sogar selber, aber man ändert es nicht, man hat nicht den Mut es zu ändern. Bis, ja bis der Blitz einschlägt. Ich träume verrückte Dinge. Der Bus wackelt. Meine Frau schmiegt sich an mich. Seit 25 Jahren sind wir verheiratet. Die beste Entscheidung meines Lebens. Wieder höre ich im Halbtraum unsere Freunde. Waaas, mit deiner Frau? Niemals geht das gut. Und die Freunde meiner Frau sind noch viel, viel schlimmer. Waaas, mit deinem Mann? Niemals. Denkt immer dran, der Camino schmiedet Ehen, und der Camino zerstört Ehen. Aber mal unter uns, ich würde diesen Weg niemals ohne meine Frau gehen. Für uns war klar, nur zusammen. Und es war eine gute Entscheidung. Aber das weiß man natürlich erst hinterher. Ja, was für ein Weg.

Ich habe ja immer noch keine Ahnung.

Ich glaube, niemand weiß, auf was er sich hier wirklich einlässt.

Du musst Hape lesen, sagt meine Frau, sie liebt diesen Komiker, ich nicht. Ich will Hape nicht lesen und ich widersetze mich. Meine geniale Begründung. Dann vermittelt er mir Erwartungen, die mich später total enttäuschen. Das überzeugt meine Frau und ich habe meine Ruhe, von Hape. Aber heimlich lese ich doch Abschnitte aus Jakobsbüchern. Ich bin diesmal zu aufgeregt, um den Weg wirklich völlig zu ignorieren.

Der Bus hält. Wir sind in Pamplona. Übrigens auf die Minute. Ich bin überrascht.

Pamplona. Ich schlage in meinem Reiseführer nach. Vor über 2.000 Jahren von den Römern gegründet. Später Zentrum der Christianisierung der Basken. Heute, die Stadt der Stierkämpfer und Hauptstadt der Navarra. Und die größte Stadt am Jakobsweg. 200.000 Einwohner. Städtisches Flair. Sehr schöne Altstadt. Und zwei berühmte Tapas-Gassen. Eigentlich ein sehr guter Eintrittspunkt für Pilger. Insbesondere die Tapas-Gassen möchte ich genauer kennen lernen. Aber nicht heute, denn wir wollten ja ganz vorne anfangen. Nun, ich sage bereits wollten. Leider ist der Pyrenäenpass nämlich noch gesperrt, so haben wir erfahren. Viel zu viel Schnee, der Pass ist für Pilger nicht passierbar. Wir haben daher auf der Busreise entschieden, in Roncesvalles zu starten. 20 Kilometer später, direkt an der französischen Grenze. Dadurch gewinnen wir einen Tag, verlieren aber den Wunsch-Startpunkt auf unserer Karte. Ich bin ehrlich enttäuscht, meine Frau jedoch glücklich, dass wir am ersten Tag nicht 1.000 Höhenmeter zu überwinden haben. Nun gut, es ist ja irgendwie auch ihre Reise.

In Pamplona angekommen gehen wir in die Kathedrale Santa Maria, Sitz des hiesigen Erzbischofes. Ich bin beeindruckt. Was für ein schönes gotisches Bauwerk. 100 Jahre lang wurde sie gebaut, 1501 fertig gestellt. Ich suche den Heiligen Jakob und stelle mich davor. Meine Frau weiß Bescheid. Sie darf mich jetzt nicht stören. Denn ich habe mir einen persönlichen Text überlegt, den ich dem Jakob jeden Tag vortragen möchte. Man weiß ja nie. Vielleicht hilft er ja wirklich. Ich habe einen riesen Bammel vor den 900 Kilometern, bin so etwas noch nie gelaufen. Es ist die größte sportliche Herausforderung meines bisherigen Lebens. „Heiliger Jakob, unterstütze und bestärke uns auf unseren Weg …“, beginne ich … und werde nachdenklicher und nachdenklicher und nachdenklicher. Gleich am Eingang ist die Passstelle, ruft meine Frau nach 15 Minuten, um mich aus den Gedanken zu reisen. Man erhält dort seinen Credencial del Peregrino, seinen Pilgerpass. Wir haben unseren jedoch bereits in Deutschland besorgt, vom Jakobsverein aus Paderborn. Wir stempeln jedoch nicht ab, denn heute soll es noch nicht losgehen.

Nach der Kathedrale geht es doch in die Tapas-Gassen, man darf sich den Schönheiten einer Stadt einfach nicht verschließen. Und was für eine schöne Sitte ist das auch. Kleinigkeiten, mit besten Fisch, Fleisch, Käse. Dazu Wein. Spanien ist einfach toll. Ich beginne es zu lieben. Gegen 22 Uhr geht es leider schon zurück. Unser Hotel liegt in der Altstadt, das war eigentlich eine gute Idee, aber nun? Was für ein Krach. Unser Zimmer zeigt auf eine Gasse mit - ich glaube es nicht - Tapasbars. Was für ein Krach. Die Leute dort unten lachen, schreien, pöbeln und lieben sich. Spanien nervt total. Es ist 2 Uhr nachts. Erst um 3 Uhr kommt Ruhe in die Stadt und langsam – endlich - kommt Ruhe in meinen Kopf. Ich denke noch mit Sorge an den Weg, dann wirkt der viele Wein und ich schlafe ein.

Tag 2 - 2. März

Es sind deine Gedanken, die Dich traurig oder glücklich, arm oder reich machen.

Ch. Brandstetter

Roncesvalles – Espinal (Aurizberri)

Als ich aufwache, steht meine Frau auf dem kleinen Balkon und hält ihren Block in der Hand. Was machst du, frage ich. Zeichnen, antwortet sie lapidar. Und in der Tat. Meine Frau macht eine erste Skizze von der Gasse. Pilgern mit Zeichenblock. Warum nicht, wenn man es denn tragen kann (natürlich können wir es nicht tragen).

Überraschenderweise gibt es Frühstück, obwohl der Hotelier ausdrücklich gesagt hat, dass es kein Frühstück gäbe. In der Lobby ist jedoch Kaffee und Gebäck für alle gedeckt. Ein guter Tag beginnt. Leider stellt sich jedoch heraus, dass der Bus nach Roncesvalles erst um 18 Uhr abfährt. Wir würden einen ganzen Tag verlieren, was wir auf gar keinen Fall wollen, obwohl wir genug Reserven eingeplant haben. Wir entscheiden uns daher für ein Taxi. Die Taxifahrer wissen sofort Bescheid, Roncesvalles, no problema, sicherlich arbeiten die heimlich mit dem Busunternehmen zusammen. 60 Euro für die knapp 50 Kilometer. Das ist überteuert, denke ich, aber wir willigen ein.

Die Taxifahrt ist schön, aber jetzt verstehe ich erst die Entfernungen. Oh ja. Das müssen wir alles wieder zurück. In drei Tagen pilgern wir ja hochoffiziell in Pamplona ein. Die Straßen ziehen sich endlos dahin. Das geht es alles wieder zurück. In meinem Kopf hämmert es. Tausende haben das schon geschafft, sage ich mir. Warum nicht auch du, versuche ich mich zu beruhigen. Die Landschaft lenkt mich ab. Es geht kurvig die Berge hoch. Und jetzt kommt der Schnee. Links und rechts der Straße ca. 2 Meter hoher Schnee. Ja, man hatte uns gewarnt. Im März sind die Pyrenäen nicht passierbar, höre ich Freunde vortragen. Aber ich kenne das Aufzählen von Problemen aus dem Job. Irgendwie geht dann doch immer alles, man muss nur wirklich wollen. Dachte ich. Aber hier, so ganz alleine? Meine Frau mustert mich besorgt, sie kennt mich eben ziemlich gut, und drückt meine Hand. Ich beruhige mich, die Landschaft ist faszinierend. Schnee. Wie schön, sage ich mir, wie jungfräulich. Ich atme tief ein und wieder aus. Mit einmal wirkt alles ruhig und majestätisch. Dort vorne dann Roncesvalles, sage ich souverän zu meiner Frau. Aber ich irre mich, und zwar noch vielmals. Der Taxifahrer lacht, nein, es dauert noch! Plötzlich kreuzen Pilger unsere Straße. Der Taxifahrer erklärt, dass dies nun wirklich ungewöhnlich sei, scheinbar sind selbst hier unten die Pilgerwege immer noch nicht passierbar. Ohje.

Nach gefühlten drei Stunden Fahrt kommen wir endlich an.

Roncesvalles. Das Eintrittstor des Camino Francés auf spanischer Seite. Es ist mittags 11 Uhr. Wir steigen aus, … und sind alleine. Dichter Nebel ringsherum. Kein Mensch zu sehen. Mein Herz hüpft, ob vor Freude, weiß ich selbst nicht recht. Aber langsam erkenne ich die Schönheit des Ortes. Und seine Bedeutung. Seit über tausend Jahren pilgern hier die Menschen durch, kommen geschwächt aus Frankreich an, müssen versorgt werden. Im Hospital. Oder müssen schlafen. Im 40-Mann-Schlafraum. Der Ort ist bereits dadurch etwas Besonderes. Es ist mucksmäuschenstill im gesamten Dorf.

Alles liegt im Nebel. In mir kommt endlich, endlich Ruhe auf. Wir gehen in die Kirche, sie ist offen, was wir erst später zu schätzen wissen, denn bestimmt 70% aller Kirchen auf dem Weg werden geschlossen sein. Die Kirche ist dunkel, leider, bis meine Frau einen Geldschlitz findet, in welchen sie 1 Euro hineinsteckt. Jetzt wird die Kirche für 8 Minuten hell … und wunderschön. Der Altar ist pures Gold. Ich zünde 4 Kerzen an. Für uns und unsere Kinder, die in Gedanken immer bei uns sind. Und ich zünde eine 5. Kerze an, für einen guten Bekannten, der kürzlich erkrankt ist. Ich drücke ihm fest die Daumen, dass er das durchsteht. Krankheit entsteht immer zuerst im Kopf, ob die Ärzte das wahr haben wollen oder nicht. Doch sie heilen nur den Körper. Aber erst wenn auch der Geist wieder geheilt ist, ist man gesund, so sehe ich das. Lange stehe ich vor dem Altar und bin in Gedanken. Dann sehe ich eine Büste vom Heiligen Jakob, er steht vorne rechts. Ich sehe ihn an und spreche mit ihm, jetzt wird es ernst.

Es ist 12 Uhr mittags. Die Kirchturmglocken verbreiten einen magischen Klang. Der Ort atmet Magie, würde ein Dichter sagen. Es klingt kitschig, aber es ist wahr. Dieser Ort atmet Magie. Seit über 1.000 Jahren pilgern hier Menschen los. So etwas ist für mich unbegreiflich. Und ich stehe hier und denke, was wird bitteschön in 1.000 Jahren sein? Ich habe keine Ahnung. Nun gut, was wird in 100 Jahren sein? Ach was, was wird in einem Jahr sein? Ich kann mich vom Altar nicht losreisen, seit ewigen Zeiten war ich nicht mehr in einer Kirche. Höchstens, um sie als Bauwerk zu bestaunen. Aber Roncesvalles ist einmalig. Benommen trete ich aus der Kirche. Wir sind immer noch ganz alleine in diesem Ort. Der Nebel ist allgegenwärtig. Man sieht nichts als graues Weiß und überall Schnee. Dann entdecke ich Bauarbeiter auf der anderen Straßenseite und betrete einen riesigen Schlafsaal. Das also ist der berühmte Saal aus den zahlreichen Büchern und Filmen. Platz für 100 Leute. Zwei Duschen, zwei Toiletten, unterirdisch. Man muss wirklich sehr müde sein, wenn man hier ausspannen will, denke ich sarkastisch. Aktuell ist er zum Glück geschlossen. Die Pilger schlafen in einem anderen Haus. Wie wir später erfahren, hat aber auch dieser Schlafsaal kein einziges Fenster. Das 4-Sterne Haus am Ort öffnet erst am 1. April, wir dürfen es trotzdem besichtigen.

Hier könnte man nächtigen.

Wir suchen den offiziellen Startpunkt und finden neben der Kirche den Eintritt. Nach mehrmaligem lauten Klopfen kommt ein altes Männlein.