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Jakob Thiel

Prolog

Eine spiegelglatte Fläche, die glänzt und strahlt und mir zuzurufen scheint: »Jake, na los, komm schon!« Als würde sie nur für mich so unberührt daliegen. Und wenn ich meine Füße darauf setze, spüre ich ein Kribbeln im ganzen Körper. Das Gefühl ist unbeschreiblich. Kufen unter den Füßen, auf so herrlich glattem Eis, kalte Luft, ein ganz besonderer, typischer Geruch, der vermutlich nur in mir diese besonderen Gefühle auslöst. Er erfüllt mich, nimmt alle Sorgen, alles was irgendwie stressig ist, alles worüber ich mich geärgert habe von mir, und für diesen Moment ist alles perfekt.

Ich gleite wie von selbst über das Eis, vorbei an dem großen Kreis in der Mitte des Feldes, an dem sich zu Spielbeginn die Gegner zum Face off treffen, vorbei an der Mittellinie, an der blauen Linie, an der Torlinie, ich fahre hinter dem Tor vorbei, setze meine Runde auf der gegenüberliegenden Seite fort. Die Kufen unter meinen Füßen kratzen, es ist ein herrliches Geräusch, ein bisschen aggressiv, aufmüpfig, und auf der anderen Seite doch ganz zart und sanft. Ich weiß, dass das Eis unter meinen Kufen wegspritzt, als ich eine Vollbremsung hinlege. Ich sehe mich um. Jetzt ist das Eis nicht mehr ganz so unberührt. Ich kann meinen Weg genau zurückverfolgen anhand der Kratzer im Eis.

Ein echtes Eishockeyfeld muss zerkratzt sein. Nach einem Drittel muss es völlig holprig und uneben sein. Weil hier gespielt wird. Der beste und schönste Sport der Welt. Der schnellste Mannschaftssport übrigens, und auch einer der kraftvollsten, dynamischsten, härtesten. Nicht unfair, aber hart. Und genau das lässt ihn zu dieser Faszination werden. Die Eisbahn mit den Plexiglaswänden, die Schläger, die Helme und Polster, die kleine, schwarze Hartgummischeibe, auch Puck genannt, die Schlittschuhe. Es gibt auch keinen anderen Sport, der so schöne Geräusche macht. Das Kratzen der Kufen, das Aufeinanderschlagen der Schläger, der Knall, wenn der Puck mit voller Wucht gegen die Bande prallt.

Ich spüre den Schläger in meiner Hand, er liegt locker und angenehm darin, als würde er zu mir gehören, als wäre er meine verlängerte Hand. Und irgendwie ist er das auch. Weil ich perfekt mit dem Schläger harmoniere. Ich ziehe mir einen Puck heran, die Kelle schmiegt sich geschmeidig an ihn, er liegt sicher darin, und ich weiß, dass ich die Kontrolle über ihn habe, dass ich ihn nicht verliere, dass ich genau weiß, was ich damit tue. Ich schiebe ihn übers Eis, dribble ihn nur so zum Spaß einige Male von rechts nach links, dann bin ich vor dem Tor, und nun ist der Schläger wahrhaftig meine verlängerte Hand, weil ich perfekt, absolut präzise, mit einem winzig kleinen Schlenker meines Handgelenks den Puck ins Netz legen kann.

Es gibt einen Ort auf der Welt, an dem Hockey am schnellsten und härtesten gespielt wird: die NHL. Die höchste Eishockeyliga der Welt, in der die besten Eishockeyspieler der Welt spielen. Sie hat ein eigenes Regelwerk, in dem mehr Härte erlaubt ist, und kleinere Eisflächen als nach der internationalen Norm, weil das Hockey dadurch noch schneller und dynamischer wird. Hier zu spielen … das ist die größte Ehre eines jeden Eishockeyspielers und der Traum eines jeden kleinen Jungen, der mit dem Hockey beginnt. Für die allermeisten von ihnen bleibt dieser Traum ein nie erreichbarer, weit ferner Traum, genauso wie der Traum von der großen Fußballkarriere a là Christiano Ronaldo oder der Karriere als Topmodel für Mädchen.

Für mich war dieser Traum immer schon mehr als ein Traum. Er war ein Ziel. Mein größtes Ziel. Für dieses Ziel habe ich auf Kindergeburtstage und Treffen mit Freunden verzichtet, statt mit meiner Familie in den Urlaub, bin ich ins Trainingscamp gefahren, habe mit meinem Vater zusammen, der selbst früher Profi war, schon früh damit begonnen, Eishockeyspiele zu schauen und zu besprechen, und ich war teilweise schon vor dem Kindergarten und der Schule im Garten zu finden, wo ich unerbittlich auf Inlinern stand und geübt habe. Für Regentage hatte ich in meinem Kinderzimmer eine Plastikeisbahn, ein kurzes Stück glatter Kunststoff mit einem Tor am Ende, auf das man sogar richtige Pucks schießen konnte. Ich hatte praktisch immer einen Schläger in der Hand und habe alles herumgeschossen, was mir vor die Kelle kam. Mein großer Bruder Danny hat oft mitgemacht, weil er auch selbst Eishockey gespielt hat. Er ist sechs Jahre älter als ich und war so etwas wie mein Vorbild. Er konnte schon so viel auf dem Eis, als ich gerade erst geboren worden war, und er hat mir auch schon gezeigt, wie man einen Schläger hält, als ich noch nicht einmal laufen konnte. Mein Vater hielt sich, was das angeht, immer etwas zurück, vermutlich aus Angst vor meiner Mutter, die für Sport leider nie so viel übrig hatte. Doch hinter ihrem Rücken hat auch er mich von Anfang an auf diesen Sport geprägt. Ich bin darauf geprägt worden, anders kann man es gar nicht ausdrücken. Ich glaube, ich hätte gar keine andere Wahl gehabt, als das Hockey heiß und innig zu lieben. Und ich habe mir auch niemals gewünscht, dass es anders wäre.

Und wenn genetische Veranlagung und natürliches Talent auf eine solch massive Förderung und Unterstützung treffen … Ich glaube, dabei konnte nur das herauskommen, was letztendlich aus mir geworden ist: ein Junge, der bereits mit sechzehn Jahren in der DEL gespielt hat und als einer der besten deutschen Spieler galt, weil er in der Jugendmannschaft schlicht und einfach schon unterfordert war. Dadurch, dass ich schon immer praktisch ununterbrochen nur ans Hockey gedacht und so viel trainiert habe, war ich schon früh viel weiter als die Gleichaltrigen. Mit siebzehn durfte ich schon mit zur Eishockey-WM 2018. Ich hatte noch nicht einmal einen Führerschein, als ich schon gut und sehr erfolgreich Profieishockey gespielt habe. Ich weiß einfach, dass es sich gelohnt hat, auf all das zu verzichten, was ein Kind eigentlich normalerweise so macht. Im Grunde habe ich mir selbst meine Kindheit ein Stück weit genommen – weil ich schon damals wusste, dass mein Talent allein nicht reicht, um mein Ziel zu erreichen.

Ich bin geboren worden, um Hockey zu spielen. Dessen bin ich mir jeden Tag sicher. Ich habe mein Leben fest in der Hand, das hatte ich schon immer. Ich habe schon immer die richtige Portion Disziplin für die richtigen Dinge aufgewendet, ich habe schon immer so hart trainiert, wie es sein musste. Mein Leben war schon immer fest geplant und die Ziele waren klar gesteckt, und ich stehe jeden Tag auf, um meinen Lebensplan weiter zu verwirklichen. Und ich weiß, dass ich alle Ziele erreichen kann, wenn ich so hart trainiere, wie es sein muss. Ich habe bisher jedes Teilziel erreicht, und ich werde auch alle Ziele erreichen, die noch vor mir liegen. Ein Scheitern kenne ich nicht und werde ich auch nie kennenlernen. Ich bin Jakob Thiel, und genau das macht Jakob Thiel aus und deshalb liebe ich es, ich zu sein.

Kapitel 1

Jake starrte auf eines der Fotos, die auf dem großen Kaminsims standen. »Wie klein ich da noch war!«

»Klein?« Manny lachte. »Du warst schon damals riesig! Sehr groß für dein Alter. Groß und kräftig.«

»Aber sieh dir mein Gesicht an, wie jung es war! Voll der Babyspeck!«

»Du warst sechzehn, Jake.«

»Dass das jetzt sechs Jahre her ist …«

»Kommt es dir kürzer oder länger vor?«, wollte Manny wissen.

Jake dachte einen Moment nach. »Kürzer. Es ist so viel geschehen in diesen sechs Jahren … Ich fühle mich fast wie ein ganz anderer Mensch. Und dabei sind es ja nur sechs Jahre.« Er sah wieder das Bild an, das Bild von seinem ersten DEL-Spiel. Mit vergittertem Helm, gegen die Red Bulls. Als er sechzehn gewesen war, als Ersatzspieler, weil durch eine Reihe unglücklicher Zwischenfälle die Anzahl der einsatzfähigen Heschbacher Geparden um zehn Spieler geschrumpft war. Jake hatte in diesem seinem ersten DEL-Spiel auch seine erste DEL-Vorlage gegeben. Manfred Holzer, Manny, war der Scorer gewesen. Und in dessen Wohnzimmer stand Jake nun, sechs Jahre später, und besah sich Fotos von sich selbst.

Manny war durchs Zimmer gegangen und kam nun mit einem anderen Bilderrahmen wieder zu ihm zurück. »Aber das hier ist mein Lieblingsbild von dir.«

Jake nahm ihm das Foto aus der Hand und musste lächeln. »Mein erstes DEL-Tor.«

»In deinem dritten Spiel in der DEL. Ich war so stolz auf dich … Ich glaube, ich hätte dir die Rippen gebrochen, wenn du keine Schutzausrüstung getragen hättest, so fest habe ich dich gedrückt.«

»Das habe ich gar nicht wahrgenommen«, gab Jake zu. »Alles ist an mir vorbeigelaufen wie ein Film. Ich erinnere mich nur noch an die Wahnsinnsstimmung in der Halle und daran, dass ich von euch allen umringt war.«

»Selbst die Kölner haben sich für dich gefreut«, grinste Manny. »Du warst der Fanliebling.«

Jake strich mit dem Daumen über den Knubbel aus Heschbachern, der auf dem Foto zu sehen war. »Immerhin habe ich für die nächste Saison dann einen Vertrag bei den Geparden bekommen.«

Manny nickte. »Die wollten sich natürlich den Fanliebling und vielversprechenden Youngster sichern, bevor sich ihn ein anderer Club unter den Nagel reißt. Ich war froh, dass du zu uns gekommen bist. Du warst auswärts immer ein echt toller Zimmergenosse.«

Jake gab ihm lächelnd das Bild zurück. »Du auch. Du hast mich immer an die Hand genommen.« Er sah Manny zu, wie er das Bild zurück an seinen Platz auf einem der Regale brachte. Vielleicht war Manny sogar sein bester Freund, und das, obwohl er siebzehn Jahre älter war als Jake. Er hatte seine Spielerkarriere mittlerweile beendet und war momentan Cheftrainer bei den Adler Mannheim.

»Jaja, darauf bin ich ja schon ein bisschen stolz«, grinste Manny. »Dass ich einen NHL-Spieler unter meine Obhut genommen habe, als er gerade Profi wurde …«

Jake musste ebenfalls lachen. »Wenn ich später meine Autobiografie schreibe, werde ich dich erwähnen und gebührend feiern.«

»Das ist ja wohl das mindeste!«, lachte Manny. »Es ist so schön, dass du mich endlich einmal hier in Mannheim besuchen kommst! Wollen wir uns jetzt auf die Terrasse setzen oder möchtest du erst noch mein persönliches Reich im Keller sehen?«

»Ich dachte, das Wohnzimmer wäre schon dein persönliches Reich.« Es war so vollgestopft mit Eishockeybildern und -artikeln, dass Jake angenommen hatte, es wäre bereits Mannys Triumphzimmer.

Er zeigte Jake einen Vogel. »Da hast du aber meine Frau noch nicht erlebt! Wenn ich den Inhalt des Kellers ins Wohnzimmer verlegen würde, würde sie einen Anfall bekommen. Das mit den Bildern verschmerzt sie gerade noch so.«

»Redet ihr über mich?«, ertönte eine Stimme von der Tür her und Manny zuckte zusammen.

»Oh, Becky, stehst du schon lange da?«

Becky stemmte die Hände in die Seiten. »Ich glaube, lange genug. Das Essen ist fertig. Wollt ihr auf der Terrasse oder im Esszimmer essen?«

Manny warf Jake einen Blick zu. »Dann lass uns zuerst auf die Terrasse setzen und essen. Nachher zeige ich dir dann den Keller.«

»Gute Idee. Ich habe von der Fahrt ganz schön großen Hunger – aber auf den Keller bin ich schon sehr gespannt!«, meinte Jake. Insgeheim hatte er schon begonnen, Pläne für die Einrichtung seines eigenen Hauses zu schmieden, seit er Mannys Haus betreten hatte. Es war ziemlich inspirierend. Jake würde natürlich in jedem Zimmer seine Leidenschaft, das Eishockey, zum Ausdruck bringen. Und natürlich würde sein Haus auch noch deutlich größer sein als das von Manny. Eine richtige Villa. Er war jetzt schon Millionär, nachdem er zwei Saisons in der NHL hinter sich hatte.

Becky riss ihn aus seinen Gedanken an seine Luxusvilla, indem sie schrill auflachte. »Hah! Du wirst deinen Augen nicht trauen können, Jake! Allein schon diese Eisbahn … was die für einen Strom frisst!« Damit war sie aus dem Wohnzimmer verschwunden.

»Eine Eisbahn?«, hakte Jake nach und folgte Manny zur Terrassentür.

Er sah sich grinsend zu ihm um. »Jap. Naja, eigentlich ist es bloß ein schmaler Streifen mit einem Tor drauf. Ist die beste Art, sich zu beruhigen, wenn man das Gefühl hat zu platzen. Einfach einen Schläger in die Hand nehmen und drauflos ballern. Und meine Kids üben darauf. Deshalb sind sie in ihren Teams auch die besten Scorer.«

Jake ließ sich auf einen der Gartenstühle unter der Markise fallen. »Mein Vater hat ja wirklich viel getan, um mich zu fördern, aber eine eigene Eisfläche im Keller … das wäre oberhammer gewesen!«

Manny lachte. »Hätte dein Vater die gehabt, dann wärst du wahrscheinlich schon mit dreizehn in der DEL gewesen.«

»Ich merke mir das jedenfalls für meine eigenen Kinder«, beschloss Jake.

Manny schenkte ihnen Wasser ein und warf ihm einen merkwürdigen Blick zu. »Ist da …«, er räusperte sich, »was in Planung oder so?«

Jake hätte sich beinahe verschluckt und warf Manny einen vorwurfsvoll Blick zu. »Ich bin zweiundzwanzig und habe meine ganze Karriere noch vor mir!«

Manny hob beschwichtigend die Hände. »Sorry. Du hast das so gesagt …«

»Nun ja, später werde ich ja auch Kinder haben«, erklärte Jake in versöhnlichem Tonfall. »Wenn Aylin ihre Karriere beendet hat. Sie selbst spielt ja auch Eishockey.«

Manny schnippte mit dem Finger. »Richtig. Du hast ja die absolute Traumfrau abbekommen.«

Jake räkelte sich zufrieden im Korbstuhl. Oh ja, Aylin war die absolute Traumfrau. Und sie gehört mir. »Aylin würde sich über eine Eisfläche im Keller freuen«, sagte er und war sich sicher, dass Manny schon ein weiteres Kompliment für Aylin auf den Lippen lag, doch in diesem Moment kam seine Frau mit einem Tablett auf die Terrasse. Also schluckte er das Kompliment hinunter und drehte sich mit unschuldiger Miene zu ihr um. »Magst du dich zu uns setzen, Schatzi?«

Becky hatte Nudeln und Salat gemacht, was bei einem heißen Sommertag wie heute genau das Richtige war. Sie stellte ihnen mit gerümpfter Nase die Teller hin. »Nein danke. Ich kann mir denken, worüber ihr sprecht. Männerunterhaltungen interessieren mich nicht so sehr.«

Manny zuckte die Schultern, dann wandte er sich wieder Jake zu. »Also, was gibt es bei dir so Neues, Jake?«

»Naja … mein Bruder hat sein Referendariat beendet und jetzt zum neuen Schuljahr eine Festanstellung an einem Gymnasium angetreten. Aylins kleine Schwester ist in die erste Klasse gekommen …«, zählte Jake betont gelangweilt auf. Eigentlich gab es etwas, was viel wichtiger war. Aber genau deshalb wollte er sich damit etwas Zeit lassen.

»Also ist quasi alles beim Alten«, stellte Manny fest und schob sich eine Portion Nudeln in den Mund.

»Naja, nicht ganz …« Jake spießte ein Salatblatt auf seine Gabel und konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Sein Herz hüpfte, wenn er daran dachte.

Manny hob die Augenbrauen. »Mach es doch nicht so spannend, Jake! Das muss ja was ganz Besonderes sein, bei dem fetten Grinsen!«

»Aylin wird nächste Saison in Amerika sein«, ließ Jake die Bombe platzen. »In North Dakota, in Crozburgh, genau wie ich.«

Nun war es Manny, der sich beinahe verschluckte. »Wie das? Sie hat doch nicht aufgehört mit dem Hockey?«

Jakes Körper wurde gleich wieder von einer Wärme durchströmt, wenn er daran dachte, dass er und Aylin sich in der nächsten Saison so nah waren. »Sie hat einen Vertrag bei den Flyers unterschrieben«, erklärte er und konnte nur mit Mühe verhindern, dass er aufgeregt und schnell zu brabbeln begann. »Die spielen in der NWHL in Crozburgh. Das ist natürlich sportlich gesehen eine wahnsinnige Chance für Aylin, und wir sind nicht mehr neun Monate lang so weit weg voneinander.«

Manny starrte ihn an. »Und das hat ernsthaft geklappt? Das ist ja wirklich optimal!«

Jake drehte ein Spaghetti-Paket auf seine Gabel. »Naja … erst wollte sie nichts davon wissen, aus Deutschland wegzugehen«, gab er zu. Es hatte sogar ausgesprochen lange gedauert, bis sie mit diesem Gedanken warm geworden war. »Doch dann hat sie mich wieder einmal so sehr vermisst. Und außerdem lief ihr Vertrag beim ESC Heschbach ohnehin aus, und die wollten ihn auch nicht mehr verlängern. Und die Flyers haben wahrhaftig für die nächsten Saison eine Torhüterin gesucht. Für zwei Jahre hat Aylin jetzt bei denen unterschrieben. Während wir beide noch spielen, sind diese zwei Jahre vielleicht die einzige Chance, zusammenzuwohnen. Und da konnte selbst Aylin diese Möglichkeit nicht ausschlagen.«

Manny musste lachen. »Das klingt doch nach einem Ruf des Schicksals!«

Jake musste lächeln und in ihm prickelte es. »Das glaube ich auch. So einen Zufall gibt es doch gar nicht.«

Manny betrachtete Jake und schüttelte leicht den Kopf. »Irgendwie hast du wirklich immer mit allem ein unverschämtes Glück, Jake. Jetzt kommt Aylin sogar zu dir nach Amerika, wo ihr euch so viel näher sein könnt …«

Jake schob die Spaghettis in seinem Mund hin und her und starrte gedankenverloren auf die Wäscheleinen, die über die große Wiese gespannt waren. Ja, irgendwie schien er wahrhaftig immer ein unverschämtes Glück zu haben. Irgendwie klappte es einfach immer so, wie er sich das vorstellte. Er war Jakob Thiel, und sein Leben war wirklich … ja, eine Art von vollkommen.

Aylin öffnete zum letzten Mal ihren Mitarbeiterspind und nahm ein Paar Turnschuhe, eine Sportjacke und einige Fitnessbänder heraus, um sie in ihren Rucksack zu packen. Sie betrachtete einen Moment das Handtuch mit dem Bodycheck-Logo, musste mit einem wehmütigen Kloß im Hals lächeln und legte es dann oben auf den Rucksack, bevor sie ihn schloss.

Gerade war ihre letzte Schicht im Bodycheck zu Ende. Sie hatte nach dem Abitur einen Schein zum medizinischen Fitnesstrainer gemacht und dann vier Jahre lang hier im Fitnessstudio gearbeitet. Sie hatte natürlich all die Jahre damit rechnen müssen, aufgrund des Eishockeys umziehen und somit hier kündigen zu müssen, doch nun, wo es tatsächlich so weit war, fiel ihr der Abschied sehr schwer. Aylin hatte wirklich Glück gehabt, dass sie sechs Jahre lang in der DFEL-Mannschaft des ESC Heschbach hatte spielen können und somit auch vier Jahre hier arbeiten konnte.

Sie schloss ihren Spind, schulterte ihren Rucksack und verließ die Umkleide. Sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, in einem anderen Fitnessstudio zu arbeiten. Ich werde in Amerika niemals so ein schönes Fitnessstudio finden. Das Bodycheck war wirklich ein Glückslos gewesen. Es hatte just zu dem Zeitpunkt eröffnet, als Aylin ihren Trainerschein gemacht hatte, und sie hatte sofort gewusst, dass sie dort arbeiten wollte. Der Name Bodycheck hatte ihr, einer Eishockeyspielerin, natürlich sofort gefallen.

Aylin verabschiedete sich bei ihrer Chefin, bei den Kollegen, die gerade Schicht hatten, wurde auch von ein paar Kunden, die das mitbekamen, verabschiedet, und ging schließlich mit einem schweren Herzen noch einmal durchs Studio. An der Tür sah sie sich ein letztes Mal um, ließ ihren Blick über die Theke und die Geräte wandern, dann stieß sie die Tür auf und stand mitten im geschäftigen Einkaufscenter in der Innenstadt von Heschbach.

Für all diese Menschen war ein ganz normaler Montagmittag. Für Aylin hingegen war es der letzte Montag in Deutschland. Heute in einer Woche um diese Zeit wäre sie schon in Amerika. Amerika. Ihr war schlecht, wenn sie auch nur an dieses Wort dachte.

Sie setzte sich in Bewegung und machte sich auf den Weg zum Parkplatz. Plötzlich kam ihr jeder Schritt, den sie durch das überfüllte Kaufhaus machte, ganz kostbar und wertvoll vor. Sie nahm alles plötzlich ganz anders wahr. Die Schaufenster und Gerüche und überqellenden Mülleimer. Weil es nicht mehr selbstverständlich war, hier entlangzulaufen. Als ihr ein kleiner Junge vor die Füße rannte, verdrehte sie nicht wie sonst die Augen, sondern lachte und wartete geduldig, bis die Mutter das Kind dazu bewegt hatte, den Weg frei zu machen.

Es war heiß und unangenehm draußen, über dreißig Grad. Aylin ging auf ihren alten, gebrauchten Ford Fiesta zu, schmiss ihre Tasche auf die Rückbank und musste sich regelrecht dazu zwingen, ins Auto zu steigen, das den ganzen Tag in der Sonne gestanden hatte. Im ersten Moment glaubte sie, einen Hitzschlag zu bekommen, und machte sofort die Klimaanlage an.

Mit einem Blick auf ihr Handy stellte sie fest, dass Roy ihr geschrieben hatte: »Haben ein total geiles Motorrad reinbekommen! Hast du Zeit und Lust, mich zu besuchen?«

Aylin musste lächeln. Roy Vehling war ihr bester Freund und wie ihr großer Bruder. Und er war ein absoluter Auto- und Motorradfanatiker. Er war der geborene Kfz-Mechatroniker. »Ja klar!«, schrieb sie zurück. »Ich bin allerdings zum Mittagessen bei meinem Vater. Danach komme ich. Du bist doch heute bis fünf Uhr in der Werkstatt, oder?«

Sie wollte ihren Vater Patrick fragen, ob noch Sachen von ihr bei ihm waren, die sie vielleicht mit nach Amerika nehmen wollte. Jake war ja ohnehin noch bis morgen in Mannheim. Er war in dieser Sommerpause auch schon in Köln, Ingolstadt und Hamburg gewesen, um alte Kumpels zu besuchen. Letztes Jahr hatte Aylin ihn begleitet, doch in diesem Jahr, wo ihre eigene Zeit in Heschbach begrenzt war, hatte sie lieber hierbleiben wollen.

Als Aylin fünfzehn gewesen war, hatte Patrick Katja kennengelernt. Kurz darauf war sie schwanger geworden und sie waren in ein kleines Reihenhaus gezogen, vor dem Aylin nun parkte. Ihre kleine Schwester Laura war mittlerweile sechs Jahre alt und ging seit ein paar Wochen in die Schule.

Sie war es auch, die Aylin nun die Tür öffnete. »Aylin!«, rief sie begeistert mit demselben strahlenden Zahnpasta-Lächeln, das auch Katja hatte. Laura sah ihr sowieso sehr ähnlich; auch sie hatte grüne Augen und blonde Locken. Und sie war sehr quirlig und ein bisschen vorlaut. Und sehr mädchenhaft. Heute steckte sie in einem knallpinken Kleid und hatte einen Blümchenkranz in den Haaren. »Endlich bist du da!«

McMissile, der kleine beige Terriermischling, den Aylin nach Michaels Tod bekommen hatte, hatte sich an Laura vorbeigedrängt und begrüßte Aylin schwanzwedelnd. Sie hockte sich hin und knuddelte ihren kleinen Hund ab. Auch wenn er bei Patrick geblieben war, als sie mit Jake zusammengezogen war, hatte sie ihn oft gesehen, war oft mit ihm spazieren gegangen und er war eigentlich immer ihr Hund geblieben. Und nun musste sie sich auch für neun Monate von ihm trennen. Sie würde überhaupt kein Tier in Amerika haben, obwohl sie Tiere doch so liebte. Ich werde dich so sehr vermissen, mein Kleiner, dachte sie und küsste ihn auf die Stirn.

»Der Papa macht Fischstäbchen und Pommes!«, riss Laura sie aufgekratzt wie immer aus ihren Gedanken und hüpfte auf und ab.

Aylin erhob sich, scheuchte McMissile in den Flur und schloss die Tür. »Ich hoffe doch, es gibt auch etwas Vegetarisches für mich …« Sie streifte ihre Flipflops von den Füßen und folgte Laura in die Küche.

Patrick stand am Herd und stocherte in zwei Pfannen herum. Er hatte sich in den letzten Jahren überhaupt nicht verändert. Er war dürr wie eh und je, markant im Gesicht, hatte schwarze Haare, einen dunklen Teint und dunkle Augen. In seinen weichen, gutmütigen Gesichtszügen lag wie immer etwas Melancholisches. Aylin blieb in der Küchentür stehen und betrachtete ihren Vater einen Moment. Mittlerweile hatte sie ihn wirklich sehr lieb und kam meistens gut mit ihm klar. Das war nicht immer so gewesen. Patrick, der bei ihrer Geburt erst dreiundzwanzig gewesen und von ihrer achtzehnjährigen Mutter alleine gelassen worden war, war überfordert gewesen und hatte die Hilfe seines Vaters annehmen müssen. So war Aylin mehr bei Michael als bei ihm aufgewachsen, und aus Gründen, die Aylin heute selbst nicht verstand, war sie mit Patrick nie warm geworden. Sie war immer so sehr auf Michael fixiert gewesen. Dabei war Patrick eigentlich so lieb und gutmütig und locker. Aber irgendwie war es genau das gewesen, was Aylin immer gestört hatte. Dass er nicht streng war, ihr alles durchgehen ließ. Sie hatte sich oft von ihm ignoriert gefühlt. An Michael hatte er einfach nie heranreichen können. Bei weitem nicht. Doch inzwischen verstand sie sich mit ihm besser. Und er sah Aylins Michael, je älter er wurde, immer ähnlicher. Bloß dass Michael kräftiger und weniger gutmütig gewesen war. Er hatte immer etwas hart und kühl gewirkt.

»Hallo, Aylin«, riss Patrick sie aus ihren Gedanken und sah sich zu ihr um. »Schön, dass du zum Mittagessen kommst!«

»Danke, dass ich kommen darf«, erwiderte Aylin.

»Natürlich, das darfst du immer! Ich habe extra Gemüsestäbchen für dich gekauft.« Patrick schwenkte stolz eine der Pfannen in der Gegend herum. »Weil du doch kein Fleisch isst. Und im Kühlschrank ist auch noch etwa Salat. Den kannst du dir nehmen.«

»Das ist gut!« Aylin legte stöhnend eine Hand auf ihren Bauch. »Ehrlich, Papa, ich habe in letzter Zeit unnormal viel gegessen!« Sie neigte leider zu einer gewissen Speckschicht, aber dank dem Sport hatte sie dennoch einen trainierten Bauch – zumindest eigentlich. Denn in letzter Zeit hatte sie ständig das Gefühl, irgendwie so aufgebläht zu sein. Sie hatte auch das Gefühl, mehr Hunger zu haben, und gleichzeitig war ihr oft schlecht. Ich bekomme wahrscheinlich bald meine Tage, dachte sie. Weil sie durch den Sport immer so viel Stress hatte, kamen ihre Tage nie ganz regelmäßig. »Aber ich hätte mir ja denken können, dass es Fastfood gibt, wenn Katja arbeiten ist«, fuhr sie neckend fort. Patrick hatte noch nie etwas von gesunder Ernährung gehalten. Würde es Katja nicht geben, wären er und Laura vermutlich schon zwei Kugeln. Wobei … die beiden konnten ja essen, was sie wollten, ohne ein Gramm zuzunehmen. Aylin hingegen wurde schon vom Hinsehen dick. Das Leben war in so vieler Hinsicht wirklich unfair.

Kapitel 2

Mit dem Rest vom Avocado-Salat, der noch im Kühlschrank gewesen war, hatte das Mittagessen richtig lecker geschmeckt und die kleine Laura hatte Aylin auf andere Gedanken bringen können, indem sie mit leuchtenden Augen von ihren neuen Schulfreundinnen und der netten Frau Sander und dem Unterricht erzählt hatte. Dadurch, dass Laura so aufgeweckt war, hatte ihr der Schulstart überhaupt nichts ausgemacht. Sie hatte sich sehr schnell eingewöhnt, fühlte sich in ihrer Klasse wohl und hatte schon viele Freundinnen gefunden. Nach dem Essen wollte Patrick, dass sie ihm dabei half, die Spülmaschine einzuräumen, doch da verkündete Laura mit wichtiger Miene, dass sie noch Hausaufgaben machen müsste, und verschwand auf der Treppe nach oben in ihr Zimmer.

»Hausaufgaben in den ersten Schulwochen des Lebens?«, brummelte Patrick ihr ungläubig hinterher und kratzte sich am Kopf.

»Wahrscheinlich sollen sie ein Bild malen«, riet Aylin und erhob sich. »Oder deine Tochter hat dich wieder mal verarscht. Ich helfe dir schnell.«

»Das ist lieb. Möchtest du auch einen Nachtisch?« Patrick zog mit einem Poltern die Gefrierschublade auf, wühlte darin herum und zog dann ein Magnum heraus.

»Ach nein – oder doch! Doch, gib mir auch ein Magnum. Hast du eins mit Mandel? Perfekt!«

»Man muss sich doch schließlich auch mal was gönnen«, lächelte Patrick und biss knackend von seinem Eis ab.

Aylin musste seufzen. Bloß dass ich mir in letzter Zeit etwas sehr viel gegönnt habe. Seit sie Profieishockey spielte, aß Aylin eigentlich kaum noch Süßes. Aber in diesem Sommer … da waren ihre ganzen Ernährungsgewohnheiten zusammengebrochen. Das sind ja die perfekten Voraussetzungen für die NWHL, dachte sie ärgerlich.

Patrick betrachtete sie kauend. »Gibt es einen bestimmten Anlass für deinen Besuch?«

Aylin schloss die Spülmaschine und lehnte sich mit dem Hintern dagegen. »Muss es das?«

»Ich meine ja nur … Es kommt ja nicht so oft vor, dass du einfach mal so zu uns kommst. Wolltest du dir McMissile leihen?«

Aylin seufzte. »Eigentlich wollte ich fragen, ob noch irgendwelche Sachen von mir hier sind.«

»Was denn für Sachen?«

»Was weiß denn ich. Bücher, Filme, Bilder …«, zählte Aylin auf und verdrehte die Augen. Manchmal war Patrick wirklich schwer von Verständnis. »Vielleicht ist ja was dabei, das ich mit nach Amerika nehmen will«, erklärte sie.

Nun hatte Patrick verstanden. »Ach so. Naja, wir können ja mal in dein altes Zimmer gehen. Ich glaube, da sind noch ein paar Sachen. Ich muss nur vorher noch eine rauchen.«

»Okay, ich gehe schon mal vor.« Aylin warf das Papier ihres Eises weg und stieg die Treppe hoch. Oben befanden sich ein kleines Badezimmer, Lauras Zimmer, Patricks und Katjas Schlafzimmer und Aylins altes Zimmer, das nach ihrem Auszug zu einem Arbeitszimmer umfunktioniert worden war. Aylin stieß die Tür auf und betrat es. Hier hatte sie ungefähr zwei Jahre gewohnt. Als Jake achtzehn geworden war, hatte er sich sein Auto gekauft und eine Wohnung gemietet und Aylin war dann ziemlich schnell zu ihm gezogen.

Dort, wo jetzt Patricks Schreibtisch stand, hatte auch ihr eigener gestanden, an dem sie so viel für die Schule und ihre Fahrprüfung gelernt hatte. An der Wand mit der Dachschräge, an der ihr Bett gestanden hatte, stand jetzt ein Sofa. Aber ihre Schränke waren noch da. In ihrem alten Bücherregal standen jetzt Patricks Bücher. Seine anspruchsvollen Klassiker. Aylin überflog die Regalbretter, die mit Thomas Mann, Goethe, E.T.A. Hoffmann, Kafka, Brecht, Remarque, Fontane und anderen Werken dieser Art vollgestopft waren. Hin und wieder waren auch moderne Bücher dabei; Patrick hatte sogar den ersten Harry Potter-Band und Herr der Ringe gelesen, doch letztendlich schlug sein Herz doch für die Klassiker, mit denen Schüler heutzutage geärgert wurden. Aber eigentlich war das gar nicht so schlecht, es war Aylin während der Oberstufe nämlich zugute gekommen. Nachdem sie damals beschlossen hatten, beide an einer besseren Beziehung zu arbeiten, hatten sie das vor allem dank Aylins Deutsch-LK ziemlich gut in die Tat umgesetzt. Ihre langen Tee- und Kaffeestunden mit Faust, Galilei, dem Sandmann und der Marquise von O… hatten Aylin schließlich zu vielen Einsen in den Klausuren verholfen. Sie musste bei der Erinnerung an den begeistert in den Büchern blätternden Patrick lächeln. Eigentlich war das immer gemütlich und sogar interessant und spannend gewesen, weil Patrick teilweise Dinge aus dem Ärmel zauberte, die wahrscheinlich noch nicht einmal Aylins Lehrerin gewusst hatte. Und eigentlich waren diese Bücher auch gar nicht so schlecht gewesen. Ein bisschen hatte Aylin diese Ader ihres Vaters nämlich auch geerbt. Sie fuhr mit dem Finger die zerknickten Buchrücken entlang. In diesen Büchern von Patrick war keine Seite unbearbeitet. Er las sie nicht nur, er arbeitete mit ihnen, analysierte sie, kritzelte hinein, versah sie mit Post it’s, schüttete Kaffee darüber und krümelte mit seinem Kuchen hinein. Aber genau das verlieh ihnen etwas ganz Besonderes. Eigentlich hätte Patrick selbst Schriftsteller werden müssen. Oder Literaturkritiker oder wenigstens Germanistik-Professor. Aylin hatte nie verstanden, warum er nicht Deutsch studiert hatte. Stattdessen war er Radiomoderator.

»Und, hast du noch Bücher von dir gefunden?«, riss er sie aus ihren Gedanken.

Aylin sah sich zu ihm um. »Mal sehen …« Sie fand tatsächlich noch ein paar Jugendbücher. Liebesromane, die sie früher eigentlich nie gelesen hatte. Doch als sie sich in Jake verliebt hatte, war sie plötzlich doch ein bisschen interessiert an Liebesgeschichten gewesen. Aber weil die immer vom ach so heißen, perfekten Typen und dem dünnen, wunderhübschen Püppchen handelten, hatte sie die Lust daran schnell wieder verloren. »Die hier«, sagte sie und deutete darauf. »Aber die können ruhig hierbleiben. Es ist ohnehin besser, wenn ich nur noch englische Bücher lese.«

»Na schön, wie du meinst. Aber ich glaube …« Patrick ging zu Aylins alter Kleiderkommode und zog die unterste Schublade auf. »Tatsächlich, hier ist noch deine Bettwäsche.«

Aylin löste sich von ihrem Platz und kniete sich neben ihn. »Ja! Meine Star Wars-Bettwäsche!« Sie musste lachen und holte die Bettwäschen mit dem Millenium Falcon, mit Darth Maul und die mit der Anakin vs Obi Wan-Szene aus Episode 3 heraus. »Ich weiß noch, wie du mir die zum Geburtstag geschenkt hast. Wie alt war ich da, zehn?«

»So ungefähr«, lachte Patrick. »Kurz davor habe ich dir die Star Wars-Filme gezeigt und du warst begeistert.«

Aylin musste ebenfalls lachen. »Star Wars ist ja auch cool!«

»Meine Kindheit«, grinste Patrick. »Wir waren damals alle in Leia Organa verliebt.«

Aylin zog die Augenbrauen hoch. »Spätestens nach Jabbas Palast, wie?«

Patrick schmunzelte mit geröteten Wangen. »Na klar. Schau mal, die hast du vergessen.« Er zog eine Bettwäsche von Han Solo und Chewie aus der Kommode. »Meine beiden Lieblinge.«

»Stimmt, du hast dich immer gefreut, wenn ich die Bettwäsche drauf hatte«, erinnerte Aylin sich. Aber damals habe ich mich nicht darum geschert. Damals warst du mir … egal. Damals hat Opa noch gelebt. »Da müsste eigentlich noch …« Sie warf einen Blick in die Schublade. »Ja, genau!«

»Ach, die Eishockey-Bettwäsche, die Opa dir geschenkt hat«, sagte Patrick und ganz kurz huschte ein Schatten über sein Gesicht.

Aylin sah in seine dunklen Augen, die auch sie hatte. »Ich hatte aber auch die Star Wars-Bettwäsche sehr gerne, Papa.« Und dich habe ich auch gerne. Plötzlich hatte sie einen Kloß im Hals, von dem sie selbst nicht so genau wusste, woher er kam. »Die Bettwäsche nehme ich jedenfalls mit nach Amerika«, murmelte sie. »Dann habe ich da ein paar schöne Kindheitserinnerungen … und Erinnerungen an dich …« Es fiel ihr immer noch schwer, Patrick wirklich ihre Gefühle für ihn zu zeigen. Und sie wusste, dass es ihm ebenso ging.

Er betrachtete sie eingehend. »Möchtest du nach Amerika gehen?«, fragte er dann ungewohnt ernsthaft.

Aylin schaute auf die Bettwäsche in ihren Händen, fuhr mit dem Finger über einen der fiktiven Spieler, der einen Puck vor sich her schob. »Ich würde nicht gehen, wenn ich es absolut gar nicht wollen würde, oder?« Sie wusste selbst, dass das ein Herumgedruckse war. Weil sie nicht ja sagen konnte. Sie wollte nicht nein sagen, aber ja konnte sie nicht sagen.

Patrick gab ein seltsames Räuspern von sich. »Naja … vielleicht gehst du, weil Jake das gerne hätte?«

Aylin warf ihm einen Blick zu und fühlte sich seltsam ertappt. Hatte sie nicht letztendlich größtenteils aufgrund seines Quengelns zugestimmt? Und weil sie ihn nicht noch einmal neun Monate lang vermissen wollte? Aber sie ging doch nicht nach Amerika, damit er seinen Willen bekam, nur weil er es wollte! »Du magst Jake nicht mehr«, hörte sie sich leise sagen. Sie hatte dieses Gefühl schon länger. Am Anfang ihrer Beziehung hatte Patrick Jake sehr gerne gehabt. Aber mittlerweile …

Er richtete sich seufzend auf und setzte sich aufs Sofa. »Ich frage mich nur, ob du wirklich glücklich und zufrieden sein wirst in Amerika. Ob du mit dieser Entscheidung wirklich glücklich bist. Du selbst.«

Aylin starrte auf den hellen Laminat-Boden, in den sie mit Puck und Schläger schon ein paar Macken gemacht hatte. »Ich habe Angst und bin nervös.«

»Du bist anders, seit du diesen Vertrag unterschrieben hast«, meinte Patrick und klang beinahe etwas ärgerlich. »Was ich so mitbekommen habe … und was Roy mir erzählt hat …«

Aylin sah auf. Na toll! Verbündeten die sich hinter ihrem Rücken etwa gegen sie? Roy und Patrick waren inzwischen ziemlich gute Raucher- und Motorradkumpels. »Verbindet euch neben Zigaretten und Motorrädern jetzt auch noch eine Abneigung gegen Jake?«, wollte sie wissen und konnte nicht verhindern, dass sie knurrig klang.

»Jake hat sich verändert«, sagte Patrick. Es klang beinahe wie eine Rechtfertigung. »Ist dir das nicht aufgefallen? Früher hat er dich so glücklich gemacht, du hast immer so erfüllt gewirkt … Aber mittlerweile gibt es doch nur noch seinen Sport für ihn. Er zieht das mit der NHL ohne Rücksicht auf Verluste durch, ohne Rücksicht auf dich zu nehmen … Du hast plötzlich alleine in eurer Wohnung gesessen, während er nach Amerika losgezogen ist, in der Sommerpause ist er dann die ganze Zeit unterwegs, um alte Kameraden zu besuchen oder zu trainieren …«

»Das ist im Sport so, Herr Vater«, unterbrach Aylin ihn und spürte Wut in sich aufbrodeln. Jake hatte als Profisportler doch gar keine andere Wahl. »Dachtest du, wir beide würden immer in Heschbach bleiben, bis zum Ende unserer Karriere? Jake hat immer von der NHL geträumt. Das war mir doch bewusst, als ich mit ihm zusammengekommen bin. Und ich habe auch bloß einfach Glück gehabt, dass ich sechs Jahre im selben Verein bleiben konnte. Das ist nicht selbstverständlich. Ich finde es nicht maßlos super, aber Profisport bedeutet, immer wieder umzuziehen, Abschied zu nehmen und woanders neu anzufangen«, zischte sie.

»Meinst du, das wüsste ich nicht?«, fragte Patrick zu ihrer Überraschung.

Aylin starrte ihn an. »Was weißt du denn vom Sport, Papa? Du kannst doch nicht einmal eine Kurve auf Schlittschuhen drehen!«

»Nein, aber mein Vater war immerhin ein Nationalspieler. Ich habe seinen Alltag doch mitbekommen. Dass er nie Zeit hatte und immer nur an seinen Sport gedacht hat. Dass wir deshalb umziehen mussten. Als ich noch zur Schule gegangen bin, ist er einfach nach Berlin gegangen und hat mich in Heschbach alleine gelassen, damit ich in der Oberstufe nicht noch einmal die Schule wechseln muss. Er hat mir Geld überwiesen und die Miete bezahlt, aber er hat seinen Sohn einfach alleine gelassen, wegen seinem Sport.«

»Weil er einen Trainerposten bei den Eisbären angeboten bekommen hat. Weil das sein Beruf war. Und es ist auch Jakes Beruf. Er verdient sein Geld damit. Und nebenbei möchte er auch noch weiterkommen, sich verbessern. Meine Güte, es gibt auch Geschäftsleute, die ständig reisen müssen! Und du? Du hast mich auch schon früh nachts alleine gelassen, weil du Nachtsendung hattest. Das ist dasselbe.«

Patrick schüttelte leicht den Kopf. »Das ist gar nicht das, worum es geht, Aylin.«

Sie kniff die Augen zusammen. »Worum geht es denn?«

Doch natürlich war Patrick wieder zu schüchtern, um einen Streit mit ihr zu wagen. So war das schon immer gewesen, und genau das ging Aylin so furchtbar auf die Nerven. Im Grunde sagte er nie, was ihm nicht passte, man konnte kein Wortgefecht mit ihm führen. »Weißt du was? Ist egal!«, zischte sie und stand auf. »Du hasst Sport und hast für Profisport nichts übrig, das ist ja keine Neuigkeit. Aber Jake und ich leben für den Sport, und deshalb steht er eben an erster Stelle und wir können nicht immer darauf schauen, was jetzt für alle Beteiligten das Beste ist. Und Opa war auch so, ein Profisportler muss so sein. Und deshalb werde ich auch nach Amerika gehen. Weil ich dort eine tolle Chance bekomme und eine neue Herausforderung. Auch wenn mir der Abschied schwerfällt.« Insgeheim wusste sie, dass das nicht ganz stimmte, dass sie nicht so überzeugt und sicher war, wie sie sich jetzt nach außen gab. Und das machte sie noch wütender. Im Grunde war es die ganze Zeit über schon nicht Patrick, auf den sie wütend war, sondern sie selbst. Weil irgendetwas in ihr wusste, dass er vielleicht recht hatte.

»Naja«, hörte sie ihn kaum hörbar murmeln. »Wenn du mit dieser Priorität leben kannst und zufrieden damit bist …«

»Ja, das bin ich«, sagte sie, heftig, weil sie glaubte, sich dadurch selbst vollends davon überzeugen zu können. »Und eigentlich bin ich auch nicht gekommen, um übers Eishockey und Jake zu lästern.«

»Ich wollte doch gar nicht über ihn lästern!« Patrick stand vom Sofa auf und betrachtete sie. »Ich will nur, dass es dir gutgeht.«

Und da musste Aylin doch wieder lächeln. Ihr Verhältnis zu Patrick war wirklich nicht immer leicht, aber sie hatte ihn doch sehr lieb und wusste, dass sie auch von ihm geliebt wurde.

»Wenn mich nicht alles täuscht, dann müsste doch auch noch irgendwo eine Kiste mit Krimskrams von dir sein …«, brummte er, ganz so, als hätte es die kleine Auseinandersetzung eben gar nicht gegeben, und öffnete einen der Schränke.

In der Werkstatt stank es wie immer nach Gummi, Öl, Arbeit und Elektronik. Das Radio verkündete gerade fünfunddreißig Grad. In der Werkstatt fühlte es sich eher an wie fünfundvierzig. Aylin war bei Roys Arbeitskollegen schon bekannt. Matz, dem der Schweiß nur so hinunterströmte und der einen Kopf so rot wie eine Tomate hatte, grüßte sie mit einer lässig gehobenen Hand. Irgendwie fand Aylin, dass die Automechaniker alle so eine gewisse lässige, lockere, unkomplizierte und freundliche Art hatten. Sie wirkten manchmal etwas ruppig, aber irgendwie schienen sie alles nicht so ernst und schwer zu nehmen. »Bekommt unser Streber mal wieder Besuch?« Roy wurde von seinen Kollegen gerne damit aufgezogen, dass er sein Abitur gemacht hatte, obwohl für ihn im Grunde ohnehin klar gewesen war, dass er eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker machen würde. Roy wehrte sich dann immer damit, dass er das Abi auch nur dank der Existenzprüfung in Pädagogik geschafft hatte, in der er ein Fallbeispiel eines missratenen Teenagers bekommen hatte. Er behauptete immer, dass er in der Prüfung nur eine Drei bekommen hatte, weil er während der Analyse nach Hurrelmann an seine eigene verkorkste Jugend hatte denken können. In seinem Leben hatte es tatsächlich schon die ein oder andere schwere Phase gegeben, aber Roy hatte sich immer wieder gefangen. Seine Ausbildung hatte er dann sogar als Bester seiner Klasse absolviert. Das gab seinen Kollegen aber natürlich nur noch mehr Anlass, ihn ein bisschen zu ärgern. »Er ist hinten bei seiner neuen Flamme«, gab Matz Aylin Auskunft.

Aylin stutzte. »Neue Flamme?« Roy wartete schon so lange auf eine Freundin, und er hätte es ihr bestimmt sofort erzählt, wenn es da jemanden gegeben hätte. Sie lief eilig durch die Werkstatt und fand Roy vor einem fetten Motorrad hocken und konzentriert arbeiten. Weit und breit keine Frau. Und da wurde ihr bewusst, dass das Motorrad mit Roys Flamme gemeint war. Sie sah sich um. Matz grinste sie von weitem breit an. Aylin fiel jedes Mal aufs Neue auf ihn herein.

»Haha, lustig!«, knurrte sie.

Roy blickte auf. »Schwesterherzchen! Da bist du ja endlich!« Er zog noch irgendeine Schraube fest, dann stand er auf, wischte sich die Hände flüchtig an seinem schmutzigen Unterhemd ab und nahm sie in den Arm.

»Du glühst ja!«, stöhnte Aylin, genoss die Umarmung aber trotzdem. Roy war zwar nicht wirklich ihr Bruder, doch sie fühlten so geschwisterlich füreinander, dass sie oft selbst vergaßen, dass sie eigentlich nicht verwandt waren.

»Bei den Temperaturen ist das hier ja auch eine Qual!«, stöhnte Roy und schlackerte sein Unterhemd. »Aber jetzt sieh dir dieses Teil an!« Er begann, ihr euphorisch und strahlend wie ein kleines Kind zu erzählen und zu zeigen, was an diesem Motorrad so toll und cool und außergewöhnlich war. Aylin verstand nur die Hälfte, doch sie hörte geduldig zu und musste lächeln. Das hier war Roys Welt. Er passte hier einfach perfekt hin! Vom Inneren, aber auch vom Äußeren. Er war ein nicht dünner, aber schlanker Typ und verdammt attraktiv. Er war jetzt vierundzwanzig, zwei Jahre älter als Aylin, und sah besser aus denn je. Markant, verwegener Dreitagebart, blonde Haare, blaue Augen, ein bisschen zwielichtig, doch da Aylin ihn so gut kannte, war er für sie auch ein Inbegriff von Liebe und Sanftmut . Er passte perfekt in eine Werkstatt, zwischen Autos und Motorräder. Dazu trug auch sein Markenzeichen bei, eine schwarze Lederjacke. Sie hing wahrscheinlich gerade im Büro, wo Roy sie nachher wieder anziehen würde, um mit dem Motorrad nach Hause zu fahren. Er fuhr immer noch die schwarze 125er Maschine, die er als Teenager in Raten abbezahlt hatte. Er hatte nie viel Geld gehabt.

»Eines Tages habe ich so eine Maschine«, schloss er mit leuchtenden Augen und tätschelte den Sitz des fetten Motorrads. »Wenn ich jeden Monat etwas Geld zurücklege …« Einen Moment sah er verträumt aus, dann klärte sich sein Blick wieder und er sah sich zu Aylin um. »Komm, wir gehen einen Moment an die Luft.«

Im Innenhof war es zwar auch ziemlich heiß, da die Sonne schon den ganzen Tag hineinknallte, aber es war immer noch angenehmer als in der Werkstatt. Sie verzogen sich an die Hauswand, die zumindest einen schmalen Streifen Schatten bot, und Roy zündete sich eine Zigarette an. »Schön, dass du gekommen bist, Lonely.«

Aylin warf ihm einen Blick zu. Lonely. Roy war der einzige, der sie noch bei ihrem alten, unfreiwilligen Spitznamen nannte, den sie durch ihre komplette Schulzeit mit sich herumgeschleppt hatte. Weil er als einziger aus der Schule in ihrem Leben noch eine Rolle spielte. Selbst zu Pablo, Roys bestem Freund, hatte sie keinen Kontakt mehr, und Roy hörte auch nur noch hin und wieder etwas von ihm. Der trat in die Fußstapfen seiner Eltern und machte Karriere. Manchmal stand er sogar in der Zeitung als erfolgreicher junger Unternehmer. Das hätte Aylin ihm gar nicht zugetraut, wo er doch früher nur Star Wars im Kopf gehabt und eine Fünf nach der anderen geschrieben hatte.

»Immerhin haben wir ja nur noch eine Woche zusammen«, fügte er seufzend hinzu.

»Ich werde dich vermissen«, murmelte Aylin mit einem Kribbeln in der Nase.

Roy strich ihr über die Wange. »Ich dich auch, Lonely. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie ein Leben ohne dich überhaupt ist. Ich meine … vielleicht können wir ab und zu schreiben und telefonieren, aber …«

»Amerika ist so weit weg«, vollendete Aylin leise seinen Satz. Und genau deshalb ziehe ich ja auch dorthin. Weil ich nicht noch einmal neun Monate so weit weg von Jake sein will. Dafür würde sie aber diesmal von allem anderen so weit weg sein. Sie war in Heschbach aufgewachsen und hatte ihr ganzes bisheriges Leben hier verbracht. Natürlich hatte sie insgeheim immer gewusst, dass sie eines Tages wegziehen müsste, weil sie in einem anderen Verein spielen würde. Aber Amerika … »Ich verstehe mich selbst nicht«, murmelte sie. »Eigentlich müsste ich mich freuen, dass ich eine Chance in der NWHL bekomme. Das ist noch mal eine ganz andere Hausnummer als die DFEL. Eine sportliche Herausforderung. Aber irgendwie kann ich das gar nicht so sehen.«

Roy zog nachdenklich an seiner Kippe. »Dein Vater hat den Eindruck, dass du wegen Jake nach Amerika gehst. Nicht unbedingt wegen dem Sport.«

Aylin verdrehte die Augen. »Genau das hat er mir gerade gesagt. Dann haben wir uns ein bisschen gestritten.« Sie sah Roy einen langen Moment an. »Aber er hat recht. Weißt du … ich habe immer davon geträumt, Nationaltorhüterin zu werden.«

»Und das hast du geschafft. Letztes Jahr warst du sogar bei den olympischen Winterspielen.«

Aylin nickte. »Ja, ich habe diesen Traum erfüllt. Wenn man manchen Leuten glaubt, dann gehöre ich sogar zu den besten Torhüterinnen der Welt.«

Roys Lippen umspielte ein Schmunzeln. »Das wird dann wohl so sein.«

»Und das habe ich ohne Amerika erreicht. Dafür musste ich nicht erst in der NWHL spielen. Ich hätte am liebsten einfach weiter beim ESC Heschbach gespielt.« Wo ist dein Ehrgeiz, über dich hinauszuwachsen? Eishockey war doch immer ihre Leidenschaft gewesen! Wie oft hatte sie schon das Gefühl gehabt, nichts anderes wirklich zu können? Doch irgendwie hatte sie überhaupt keine Lust auf die Herausforderung in Amerika.

»Aber da gab es doch überhaupt keine Herausforderung mehr für dich!«, meinte Roy prompt.

Aylin zuckte mit den Schultern und hatte plötzlich einen Kloß im Hals. »Ich konnte Eishockey spielen, hier leben, bei dir und dem Rest meiner Familie sein, im Bodycheck arbeiten … Eigentlich fand ich das sehr schön. Obwohl ich mich nicht mehr verbessern konnte.« Es war ihr eigentlich immer ums Eishockeyspielen gegangen. Nicht unbedingt wirklich um große Erfolge oder Entwicklungen. Ihr großes Ziel war immer die Nationalmannschaft gewesen. Sie war niemals so verbissen gewesen wie zum Beispiel Jake. Sie hatte ein sehr großes Talent und ihr Opa war immer ein sehr strenger Trainer gewesen. Für ihn hatte sie stets so viel gegeben. Aber in den letzten Jahren hatte sie es eigentlich eher genießen wollen. »Ein Profi dürfte eigentlich gar nicht so denken«, murmelte sie. »Manchmal glaube ich, dass ich eigentlich der falsche Typ bin, um Profisportler zu sein. Weil ich so ein häuslicher Mensch bin und vor Neuem immer Angst habe.«

»Ach was, das ist Quatsch! Es gibt niemanden, der besser für so ein Leben gemacht wäre als du, Lonely!«, widersprach Roy ihr etwas zu heftig. »Du kannst so gut Hockey spielen! Und es ist doch auch sehr aufregend, ein so besonderes Leben zu führen. Das Talent zu besitzen, so ein Leben führen zu können. Darauf kann man schon stolz sein.«

Aylin sah ihn wieder an. »Das bin ich ja auch. Aber … du und Papa, ihr habt recht. Gäbe es Jake nicht, dann wäre ich bestimmt in Deutschland geblieben. In Ingolstadt und Berlin habe ich ja auch Angebote bekommen.«

Roy seufzte leise und blies langsam seinen Rauch aus. »Im Grunde habe ich es immer gewusst.« Auf seinem Gesicht lag ein dunkler Schatten.

»Was?«

»Dass du gehen wirst, wenn Jake den Sprung schafft.«

Aylin senkte den Blick. Jake hatte bereits drei Jahre in Amerika verbracht, eins in der AHL, im Farmteam der Boomers, und zwei in der NHL bei den Crozburgh Boomers. Und die Trennung von ihm war jedes Mal so schwer und schmerzhaft. Weil Aylin ihn so sehr vermisste, weil eine Beziehung eine so große Distanz kaum aushielt. Aber je näher der Termin rückte, desto mehr wurde Aylin bewusst, dass die Trennung von zu Hause und ihrer Familie ebenso schmerzhaft sein würde. »Er ist mein Freund und ich verbringe mein Leben mit ihm. Und … das geht einfach nicht, wenn man sich im ganzen Jahr bloß drei Monate sieht.« Das klang beinahe wie eine Rechtfertigung. Ist das eine Rechtfertigung vor Roy oder vor dir selbst, Lonely? »Und vermutlich werden diese zwei Jahre die einzige Chance für … vielleicht noch zehn Jahre sein, dass wir zusammen wohnen können«, fuhr sie fort. Hätte sie diese Chance denn verstreichen lassen können?

»Das ist auch genau die richtige Entscheidung, Lonely!«, sagte Roy sofort mit einem traurigen Lächeln. »Du kannst dich so glücklich schätzen, dass du einen Freund wie Jake hast, dass ihr schon seit sechs Jahren zusammen seid und euch so liebt … Für denjenigen, mit dem ich mein Leben verbringe, würde ich überall hingehen, wenn ich nur mit ihm zusammen sein könnte.«

Aylin musste lächeln. Diese Worte taten gut. Und sie musste wieder einmal daran denken, dass es wirklich ungerecht war, dass ausgerechnet Roy keine Freundin hatte, der er all die Liebe schenken konnte, die in ihm schlummerte. Vermutlich hatte er die Richtige einfach noch nicht getroffen – doch wenn er sie dann traf, dann wäre sie die glücklichste Frau auf der ganzen Welt. Mit ihm wäre vieles so viel leichter, weil er normal war, einen normalen, geregelten Alltag hatte. Sie sah in Roys blaue Augen. »Wir bleiben doch in Kontakt, oder?«, wisperte sie zaghaft. »Wir verlieren uns nicht, wenn ich in Amerika bin.«

Roy warf seine Kippe weg. »Lonely, nein! Du wirst immer meine kleine Schwester sein! Was soll ich denn ohne dich machen?«

Aylin atmete erleichtert aus. »Lass uns feste Telefonzeiten abmachen, okay?«

»Na klar! Und über WhatsApp können wir ja auch ständig in Kontakt sein, trotz Zeitverschiebung.«

Aylin spürte, wie ihr etwas leichter ums Herz wurde. Es war einfach wundervoll, einen Menschen wie Roy in ihrem Leben zu haben. Hin und wieder fragte sie sich, wo sie ohne Roy jetzt wäre. In der Nationalmannschaft jedenfalls nicht, so viel steht fest! Wenn sie nun zurückdachte, dann kam ihr der Gedanke, dass sie einmal geglaubt hatte, nie wieder Eishockey spielen zu wollen, unmöglich vor. Doch als ihr Großvater gestorben war, war ihre Welt wortwörtlich zusammengebrochen. Sieben Jahre war das jetzt her. Michel Rahde war immer ihr Ein und Alles gewesen, ihre einzige wirkliche Bezugsperson. Und er war ein Eishockeynationaltorhüter gewesen. Eine Torhüter-Legende. Er war auch ein sehr erfolgreicher Trainer gewesen und hatte Torhüter auf der ganzen Welt trainiert. Und er hatte Aylin trainiert. Anstrengender Privatunterricht. Doch dank dieses Unterrichts war Aylin auf dem Eis so gut geworden. Michael und das Eishockey, das war der einzige Inhalt in Aylins Leben gewesen. Doch vor sieben Jahren dann hatte Michael sich nach seiner dritten Knie-OP eine Lungenentzündung eingefangen, an der er schließlich gestorben war. Beinahe wäre Aylin an seinem Tod zugrunde gegangen. Sie hatte mit dem Eishockey aufgehört und war immer mehr vereinsamt. Doch dann war Roy in ihr Leben gekommen und hatte sie wieder aus diesem Loch herausgeholt. Seitdem hatte er einen ganz festen Platz in ihrem Leben, genau wie ihre Familie, und Jake natürlich. Michael würde immer den größten Platz in ihrem Herzen einnehmen, aber sie hatte gelernt, auch ohne ihn wieder glücklich zu sein und andere Menschen an sich heranzulassen. Es war ein bisschen wie mit Wayne Greztky, der ein so guter Eishockeyspieler gewesen war, dass er als The Great One bezeichnet wurde. Er war immer der eine Große geblieben, auch wenn ihm natürlich immer wieder ähnliche Wahnsinnstalente wie Mario Lemieux oder Alexander Ovetchkin folgten. In Aylins Welt war Michael The Great One – und Roy so jemand wie Mario Lemieux. Das war eine Auszeichnung. Aylin musste in sich hineinseufzen. Sie würde ihn so sehr vermissen.

Kapitel 3

Es war schon dämmrig und angenehm kühl, als Jake am Dienstagabend in Heschbach ankam und seinen BMW-Z3 in in die Straße lenkte, in der er mit Aylin wohnte – zumindest bis jetzt gewohnt hatte, jedenfalls in seiner Sommerpause. Diese Saison würden sie ja zusammen in Amerika wohnen. In den letzten beiden Saisons hatte Jake mit seinem Captain Filip Berglund zusammengewohnt. Doch als klar gewesen war, dass Aylin in der nächsten Saison in Crozburgh sein würde, hatte er sich um eine gemeinsame Wohnung gekümmert, bevor er in der Sommerpause nach Deutschland gekommen war.

Jake musste lächeln, zog den Zündschlüssel ab, griff seine Reisetasche vom Beifahrersitz und stieg aus. Er konnte noch immer kaum glauben, dass das mit Aylins Wechsel tatsächlich funktioniert hatte. Aber irgendwie hatte Manny recht: In Jakes Leben schien doch letztendlich eigentlich immer alles zu klappen. Aber ich habe auch von Anfang an auf Dinge verzichtet und muss jeden Tag hart arbeiten. Doch es lohnte sich, es zahlte sich aus, und deshalb nahm er das harte Training und den Verzicht gerne in Kauf. Er genoss es, Jakob Thiel zu sein.

Das Wohnzimmer war beinahe komplett ausgefüllt von einer riesigen Sofalandschaft, auf der Jake und Aylin schon so viele romantische Momente erlebt hatten. Oft genug hatten sie sogar die ganze Nacht hier geschlafen, weil das Sofa so groß und bequem war. Aylin saß in ihre Lieblingsecke des Sofas gekuschelt und las, als Jake reinkam. Sie hatte sich in die rosa Fleecedecke mit den Herzchen gekuschelt, die Jake ihr geschenkt hatte, und sah unheimlich schön und niedlich aus. Jake war wieder einmal überwältigt von ihr.

Aylin war die Frau, die er sich ausgesucht hatte, um sein Leben mit ihr zu verbringen. Als sie zusammengekommen waren, war für Jake ein Traum in Erfüllung gegangen, den er tatsächlich schon hegte, seit er denken konnte. So lange kannte er auch Aylin schon. Sie kannten sich, seit sie drei Jahre alt waren und in der Laufschule ihre Hockeykarrieren begonnen hatten. Jake hatte sie in der Umkleide gesehen, wie sie sich von ihrem Opa die Schlittschuhe hatte anziehen lassen, und war in sie verliebt gewesen. Natürlich war es damals noch mehr eine kindliche Vernarrtheit gewesen, doch als er älter geworden war, hatte sich diese Vernarrtheit in Liebe verwandelt. Jake hatte immer schon gewusst, dass er sie eines Tages heiraten und eine Familie mit ihr gründen wollte. Ein anderes Mädchen hatte es für ihn niemals gegeben. Er wusste selbst nicht, woher diese heftige Zuneigung schon mit drei Jahren kam.

Und vor sechs Jahren hatte Aylin sich dann auch in ihn verliebt, nachdem sie ihn zuvor ihr Leben lang hatte abblitzen lassen. Sie war seine Freundin geworden und Jake hatte gewusst, dass sie von nun an sein Schatz sein würde, dass er sie festhalten und lieben und beschützen würde. Sie hatten von Anbeginn ihrer Beziehung an wenig Zeit füreinander gehabt, da Jake ein paar Monate später in die DEL gekommen war, während Aylin in die DFEL gewechselt war und nebenbei ihr Abi gemacht hatte. Doch jedes Mal, wenn er mit Aylin zusammen sein konnte, fühlte es sich einfach richtig und schön an. Sie hatten schon immer auch viel gestritten, da sie beide sehr temperamentvoll sein konnten, doch an ihrer Liebe hatte Jake all die Jahre nicht gezweifelt.

Er liebte alles an ihr, von ihrer markanten Nase über den stämmigen, weiblichen, trainierten und trotzdem etwas speckigen Körper bis zu ihren Fußspitzen. Dabei war sie keine dieser 08/15-Schönheiten und schon gar keine 08/15-Spielerfrau. Aylin musste man länger betrachten, um all das Schöne an ihr zu erkennen. Ihre vollen Lippen, die dunklen, geheimnisvollen Augen und ihre markante Nase. Seit einiger Zeit trug sie wieder einen Pony. Genau wie damals, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Der Pony machte sie verführerisch, wie er neckisch fast ihre kompletten Augenbrauen verdeckte.

»Hi«, lächelte sie und legte ihr Buch weg, als sich Jake neben sie kuschelte. Sie gaben sich einen sanften Kuss. »Schön, dass du wieder da bist!«

»Schön, wieder hier zu sein.«

»Wie war es in Mannheim?«

»Es war schön, Manny mal wiederzusehen.« Er grinste. »Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass du die absolute Traumfrau bist.«

Aylin spürte, wie sie etwas rot wurde. »Ach ja?«

»Ja. Mir ist wieder neu bewusst geworden, wie viel Glück ich mit dir habe. Stell dir mal vor, dass Mannys Frau ihm verbietet, das Wohnzimmer mit seinen Eishockeysachen zu dekorieren!«

Aylin musste über Jakes entsetzten Blick lachen.

»Ehrlich, Mäuschen! Er musste sein persönliches Reich im Keller errichten. Aber da hat er wirklich ein Reich! Das war vielleicht geil! Am besten fand ich die Eisbahn! Stell dir das mal vor! Eine eigene kleine Eisbahn im Keller! Und dann die ganzen Bilder und Erinnerungsstücke und Ausrüstungsgegenstände und Pucks und … Wahnsinn! Und einen Fitnessraum hat er auch. Den benutzt seine Frau übrigens mit. Mir sind so viele geile Ideen für unsere eigene Villa gekommen …«

Aylin runzelte die Stirn. »Was denn für eine Villa? Hab ich was verpasst?« Sie würden doch in Amerika nur in einem Apartment leben!

Jake schnalzte mit der Zunge. »Wenn wir unsere Karrieren beendet haben, natürlich!« Er rückte ihr näher und blickte ihr tief in die Augen. »Dann kaufen wir eine große Villa und richten sie voll und ganz nach unseren Vorstellungen ein.« Er strich ihr über die Wange. »Das wird unser kleines Schloss.«

Aylin musste lächeln und genoss die Dominanz, die wieder einmal von Jake ausging. Irgendwie hatte ihr diese dominierende Art, die er an den Tag legen konnte, schon immer gefallen. Er hatte dann etwas Starkes, Beschützendes, Männliches. »Ein Eishockey-Schloss?«

Jake streifte mit seiner Nase ihre. »Und genau deshalb bist du die Traumfrau. Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich darauf freue!«

Ich mich auch, Jake, dachte Aylin und blickte in seine dunklen Augen.

»Freust du dich auch schon darauf?«, flüsterte Jake in ihr Ohr.

»Ja«, wisperte Aylin zurück und schob ihre Hände über seinen Oberkörper. »Ich liebe dich.«

»Ich dich auch«, hauchte Jake. »Und ich liebes es, wenn du zum Schlafen meine T-Shirts anziehst.«

Aylin musste kichern. »Ich auch!« Sie stibitzte sich oft eins von Jakes Shirts, die an ihr überdimensioniert wirkten, um sie als eine Art Nachthemd zu benutzen. Wenn er früher mit den Geparden unterwegs gewesen war, hatte Aylin oft ein Shirt von ihm mitgenommen, um sein Waschmittel zu riechen und sich ihm näher zu fühlen. Und seit er in Amerika lebte, schlief sie fast nur noch in seinen Shirts. Heute trug sie ein orangefarbenes Shirt mit dem Logo der Crozburgh Boomers, Jakes NHL-Team. Es zeigte ein Känguru mit Eishockeyhandschuhen, Schläger und Schlittschuhen.

»Aber trotzdem würde ich dich jetzt lieber ohne Shirt haben«, raunte Jake, fuhr mit den Händen unter das Shirt und gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss.

»Ich fühle mich, als hätte ich zugenommen«, murmelte Aylin.

»Na und? Das stört mich nicht. Allmählich müsstest du das doch begriffen haben!« Jake beugte sich mit dem Kopf über ihren Bauch und begann, ihn zu küssen. »Dein armer Bauch! Der hat bestimmt schon Depressionen, weil du jeden Tag sagst und denkst, dass du ihn nicht magst!«

Aylin musste lachen und ließ sich nach hinten sinken, mit dem Kopf auf ein paar weiche Sofakissen. »Ach Jake, du bist süß.«

Jake folgte ihr und bedeckte ihren Bauch mit zarten Küssen. »Wirklich, dein Bauch ist doch einfach wunderschön! Und das Bauchnabelpiercing mit dem Herzchen macht ihn noch perfekter«, raunte er und Aylin konnte an seiner Stimme erkennen, dass er ebenfalls lächelte.

»Das ist ja auch das schönste, das ich habe«, wisperte sie und richtete sich vorsichtig etwas auf, um sich das T-Shirt vom Kopf zu ziehen.

Es war ganz still und in der Luft hing … Liebe. Anders konnte man diesen Moment, diese Atmosphäre nicht ausdrücken. Aylin lag auf der Seite, mit dem Gesicht zu Jake, der ebenfalls zu ihr gewandt dalag, spürte ihn beinahe nachträglich immer noch. Die Zeit stand still. Es gab nichts und niemanden, nur sie und ihn. Das, was sie gerade miteinander geteilt hatten, war wieder einmal etwas so Wunderschönes, Kostbares, Einzigartiges gewesen. Nur Jake konnte sie das fühlen lassen, was sie gerade spürte. Diese Liebe, die er ihr schenkte, konnte sie einfach nur von ihm bekommen. Von all den wichtigen Menschen in ihrem Leben war Jake der wichtigste. Er war ihr Sidney Crosby. Crosby war ein Wahnsinnsspieler und trug den Spitznamen The Next One. Denn er hatte ein ähnliches Talent wie Wayne Gretzky, der Great One. Und Jake war Aylins Next One. Der es nach Michaels Tod am nächsten an ihn herangeschafft hatte. Er füllte etwas in ihr aus und konnte sie so glücklich machen, wie sie auch jetzt wieder war.

Sie schob eine Hand unter ihren Kopf und betrachtete Jake verträumt. Die markanten Züge, der Bartschatten, der so herrlich männlich-kratzig war, die dunklen Augen, die völlig zerzausten dunklen Haare, die ganz besondere Narbe an seinem Kinn … Sie war inzwischen nicht mehr seine einzige Narbe, doch sie war die schönste und bedeutungsvollste. Es war die Narbe, die Aylin persönlich ihm verpasst hatte, als sie sieben Jahre alt gewesen waren und sie ihn und seine Annäherungsversuche nicht hatte ausstehen können. Dort, wo sich die Narbe befand, wuchsen keine Bartstoppeln, und das ließ ihn noch viel aufregender aussehen.

Er war noch etwas rot im Gesicht und sein kräftiger Körper war verschwitzt. Er war kein schlanker Typ und früher immer etwas pummelig, wenn auch sehr trainiert gewesen. Mittlerweile hatte sich das geändert. Er hatte den meisten Speck in noch mehr Muskeln umgewandelt, auf die er sehr stolz war. Aylin kam er manchmal wie ein großer, harter Muskelklotz vor. Insgeheim sehnte sie sich nach dem gemütlichen Speck. Aber wenn Jake seine Karriere eines Tages beendet hatte, dann wäre der sofort wieder da. Sie musste lächeln und strich sanft über Jakes Karriere-Tattoo an seinem Unterarm, das sich erweiterte, wann immer er den Verein wechselte oder bei einer WM spielte. Den Anfang machte das Logo des ESC Heschbach und das Ende das der Boomers. Es war wohl Jakes selbstverliebtestes, aber irgendwie auch sein süßestes Tattoo. Insgeheim fand Aylin, dass Jake es übertrieben hatte mit seinen Tattoos auf beiden Armen und dem Oberkörper. Aber irgendwie war er für sie trotzdem der attraktivste Mann der Welt. Weil er ihr Mann war, weil sie ihn liebte. Das war ihr Jake, ihr Freund, der ihr gerade wieder einmal so viele Zärtlichkeiten geschenkt hatte.

Sie blickte in seine dunklen Augen. »Ich kann mir gar nicht vorstellen, mit einem anderen Mann zu schlafen, Jake.«

Er hob eine Hand und gab ihr einen liebevollen Stupser auf die Nase. »Das will ich doch auch schwer hoffen! Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, mit einer anderen Frau zu schlafen.«

Aylin wusste, dass er das noch nie getan hatte. Und sie selbst … Ihr erstes, überstürztes Mal lag schon so weit zurück und im Grunde war auch für sie Jake der einzige Mann. »Es ist so schön, bisher nur dich in meinem Leben gehabt zu haben«, sagte sie leise. »Das macht dich zu etwas ganz, ganz Besonderem.«

Jake strich ihr sanft über die Wange. »Ja, das ist wirklich etwas ganz Besonderes. Du bist etwas ganz Besonderes. Meine Eltern haben mich, was dieses Thema angeht, ja ziemlich streng erzogen, aber für mich war das nie spießig oder übertrieben konservativ. Denn Liebe, und der Akt der Liebe, ist so wertvoll und wichtig, dass man ihn nicht vielen Personen schenken sollte.« Er beugte sich etwas vor und küsste sie zart. »Ich bin so dankbar, dass ich dich habe.« Er schob einen Arm um sie und sah nachdenklich zur Decke. »Weißt du, worüber ich mich total freue?«

»Nein.«

»Dass wir uns die nächsten zwei Jahre nicht voneinander trennen müssen, sondern zusammen sein werden. Stell dir mal vor, wie oft wir die Gelegenheit haben werden, uns zu sehen und uns zu lieben …«

Aylin schwieg einen Moment. Genau das war der Hauptgrund, weshalb sie den Vertrag bei den Flyers unterschrieben hatte. Weil sie dann mit Jake zusammen sein konnte. Weil sie ihr Leben miteinander verbrachten und es eine Beziehung einfach nicht aushielt, so weit entfernt voneinander zu sein. Und obwohl sie hier mit Jake lag und ihn so liebte, konnte sie sich nicht ebenso auf die Zeit in Amerika freuen wie er.

»Ich bin immer noch nicht darüber hinweg, dass das tatsächlich geklappt hat«, riss Jake sie aus ihren Grübeleien und küsste sie. »Das muss echt Schicksal sein, das kann einfach kein Zufall sein!«

»Schicksal …«

Er lächelte sie mit seinen drei Zahnlücken an, die er im Laufe seiner Karriere gesammelt hatte. Er hatte sich immer noch keine Prothesen einsetzen lassen, weil er stolz auf sein Eishockeyspielergebiss war. »Ich glaube schon, dass das Schicksal ist. Diese zwei Jahre werden wahrscheinlich die einzigen zwei Jahre in unserer Karriere sein, in denen wir tatsächlich zusammenwohnen können.« Er zog eine Schnute. »Danach müssen wir wieder getrennt voneinander sein, bis wir dann in unserer Villa wohnen, erfolgreiche Karrieren hinter uns haben und verheiratet sind.«

Aylin hob den Kopf. »Verheiratet …« Jake hatte schon so oft davon gesprochen, doch je älter sie wurden und je länger sie zusammen waren, desto verbindlicher und ernster schien dieser Begriff zu werden. Mit sechzehn frisch verliebt vom Heiraten zu träumen, war etwas anderes, als es mit zweiundzwanzig nach sechs Jahren Beziehung zu sagen.

Jakes Blick wurde ernst und sie spürte, wie er eine Hand über ihre Hüfte schob. »Du heiratest mich doch irgendwann, oder?«

Aylin blickte in sein markantes Gesicht. »Ja. Natürlich heirate ich dich irgendwann!« Sie strich über sein stoppeliges Kinn. »Du bist doch mein Next One!«

Jake beugte sich lächelnd über sie und küsste ihr ganzes Gesicht ab, wie er das immer tat, wenn er ganz besonders zärtlich sein wollte. »Ich habe dich so lieb, Mäuschen!«

Aylin schloss die Augen und konnte nichts dagegen tun, dass sich ihre Mundwinkel zu einem Lächeln nach oben zogen. Nach Michaels Tod hatte sie über ein Jahr lang geglaubt, nie wieder so glücklich sein zu können, wie Jake sie immer wieder machte. Und manchmal fragte sie sich, warum ausgerechnet sie einen solchen Mann wie Jake abbekommen hatte, mit dem sie sich trotz vieler Streitereien so sicher und geborgen und geliebt fühlen konnte. Aber vielleicht, dachte sie und nahm Jakes Hand in seine, um sie zu streicheln, vielleicht hatte sie diese Beziehung doch ein bisschen verdient, weil sie auf der anderen Seite schon so viel hatte einstecken müssen und auch trotz all der tollen Menschen in ihrem Leben noch immer nicht ganz geheilt war. Ihr Leben, das nach Michaels Tod in tausende von Scherben zerbrochen war, war wieder zusammengeklebt worden, doch die Scherben waren nicht wieder zusammengewachsen. Und die Menschen, die ihr halfen, glücklich und fröhlich zu sein, waren der Kleber, der die Scherben zusammenhielt.

Kapitel 4

Wirre Bilder zogen vor Aylins Augen vorbei, teils etwas unscharf, teils schnell wechselnd. Da war Roy, wie er an dem Motorrad arbeitete, und dann sprang plötzlich Laura durchs Bild, mit wehenden blonden Locken und einem knallpinken Kleid. Und dann stand da Michael! Die Werkstatt verwandelte sich in die Eishalle. Michael fuhr in seiner roten Trainingsjacke vor Aylin auf und ab. Sie lehnte an ihrem Tor und trug ihre Ausrüstung. »Ich weiß nicht, wie oft ich dir das noch sagen soll, Madame!«, schimpfte er. »Man lässt einen Puck niemals nach vorne abprallen! Denn was passiert, wenn man es tut?«

»Dann schießt man ihn dem Gegner genau vor die Kelle und schenkt ihm eine erneute und gefährliche Torchance«, spulte Aylin wie mechanisch ab. Ihr Herz hämmerte. So ein dummer, dummer Fehler! Sie schämte sich. Michael hatte die Angewohnheit, sie sich wie einen blutigen Anfänger fühlen zu lassen, wenn sie etwas falsch machte, das eigentlich doch schon in Fleisch und Blut übergegangen war. Er bremste abrupt ab und sah aus seinen dunklen, stets etwas kalt wirkenden Augen streng auf sie hinunter. »Und was tut man stattdessen?«

Aylin konnte seinen Blick nicht standhalten und musste ihren senken. »Man versucht, den Puck immer zur Seite abprallen zu lassen.«

»Aha. Dann möchte ich das jetzt auch sehen. Konzentration.«

Aylin brachte sich in Position und versuchte, sich einzig und allein auf den Puck zu konzentrieren, auf ihren Körper. Sie musste den Puck spüren, eins mit ihm sein – es wurde dunkler und dunkler und wärmer und Aylins Magen schien sich umzudrehen. Sie fand sich im Bett wieder, im Schlafzimmer, in das durch die Schlitze in den Jalousien bereits Licht fiel. Ihr Herz pochte schnell und ihre Wangen waren nass von Tränen. Opa. Auch nach sieben Jahren machten ihr Träume von Michael noch zu schaffen. Der Moment, in dem sie wach wurde und wieder wusste, dass er nie wieder mit ihr trainieren, nie wieder sprechen und herumlaufen würde, dass er weg war, für immer, schnürte ihr auch nach sieben Jahren noch immer einen Moment lang die Kehle zu. Sie atmete einmal tief durch, doch sofort folgte der nächste Schreck: Morgen um diese Zeit würde sie bereits im Flugzeug sitzen. Es war ihr letzter Tag in Deutschland. Sie hatte mehr Angst als vor ihrem ersten Nationalspiel. Und ihr war übel. Aylin schlug ihre viel zu warme Decke zurück, sprang auf und schaffte es gerade noch rechtzeitig ins Badezimmer. Sie musste sich übergeben und blieb einen Moment zitternd vor der Toilette hocken. Du wärst doch stolz auf diese Chance gewesen, Opa! Warum konnte sie selbst sich so wenig darüber freuen? Michael hatte ihr so viel auf dem Eis beigebracht. Ohne ihn wäre sie bestimmt nicht die Nationaltorhüterin geworden, die sie jetzt war. Aber dennoch … Aylin fühlte sich nicht völlig wohl und zufrieden. Irgendetwas in ihr war all die Jahre ruhelos geblieben, schien immer noch auf der Suche nach etwas zu sein. Nach irgendeinem Ziel. Als wäre ihre Karriere eben nicht ihre komplette Erfüllung.

»Mäuschen?«

Aylin zuckte zusammen, erhob sich schnell und zog ab. Dann ließ sie sich auf den heruntergeklappen Klodeckel sinken. Jake stand verschlafen, mit zerzausten Haaren und verwirrtem Blick in der Tür. »Ist dir schlecht?«

»Geht schon wieder«, murmelte Aylin und seufzte. »Ich habe gestern Abend meine Tage bekommen.« Doch insgeheim glaubte sie eher, dass der bevorstehende Abschied der Grund für die Übelkeit war.

Jake löste sich von seinem Platz an der Tür, ging langsam auf Aylin zu, hockte sich vor sie und nahm sanft ihre Hände in seine. »Du hast geweint«, stellte er fest.

Aylin blickte in seine dunklen Augen. »Ich habe von Opa geträumt.«

»Magst du es mir erzählen?«

»Ach … eigentlich hat er nur mit mir gemeckert, weil ich den Puck nach vorne hab abprallen lassen.«

»Autsch.«

Aylin verdrehte die Augen.

Jake knuffte sie sanft. »Dein Opa war ein toller Trainer, weil er so streng und fair war. Die besten Trainer sind die strengsten und fairsten. Er hat dich zu einer der Toptorhüterinnen der Welt gemacht. Und in Amerika kannst du das einem weitaus größeren Publikum unter Beweis stellen!«

Aylins Lippen zogen sich nach oben, doch es war nur eine Lippenbewegung, kein echtes Lächeln. Natürlich, Jake dachte immer an den Erfolg und die Leistung. So sollte ein Profisportler das auch machen. Aber Jake und sie hatten sich schon immer unterschieden. Jake war immer verbissen und unglaublich ehrgeizig gewesen. Er hatte nicht nur spielen wollen, er hatte es auch allen, am meisten sich selbst, zeigen wollen. Aylin hingegen war es eigentlich immer mehr um Michael gegangen als wirklich um den Sport und ihren bestmöglichen Erfolg. Jake fiel es deshalb auch nicht schwer, Dinge aufzugeben und zu opfern, um weiterzukommen. Es wäre ihm nicht im Traum eingefallen, zu hinterfragen, ob es sich für den Sport wirklich lohnte, so viel aufzugeben. Weil der Sport sein Leben war.

»Hey«, riss er sie aus ihren Gedanken. »Neun Monate gehen vorbei. Und die halten so viel für dich und uns bereit.« Er zog die Nase kraus. »Bereust du es, den Vertrag unterschrieben zu haben?«

Aylin starrte auf ihre Hände in seinen und stieß ein Seufzen aus. »Ich weiß es nicht«, gab sie zu.

Jakes Händedruck wurde fester. »Warte es mal ab. Wenn wir dann da sind und du unser neues Zuhause siehst und unsere Autos, und wenn du wieder Eishockey spielen kannst … Das ist dort ein anderes Niveau, das wirst du schnell merken. Und ich bin mir sicher, dass du dich dann auch einlebst.«

Aylin wollte das glauben, weil es doch schließlich auch logisch schien und weil es eigentlich völlig unsinnig und dumm war, sich so in die Angst und das Heimweh hineinzusteigern. Und doch konnte sie das nicht völlig glauben.

Jake lächelte sie an. »Ich bin stolz auf dich, dass du diesen Schritt gehst und dich traust!« Sie spürte seinen starken, dominanten Händedruck, hatte neun Monate mit ihm zusammen vor sich, doch sie konnte sich gar nicht richtig darauf freuen. Statt Freude war sie voller Angst und Wehmut und Trauer. Sie hatte bereits einmal etwas unwiderruflich verloren, Michael nämlich, und seitdem hegte sie Verlustängste. Einerseits hatte sie Angst davor, Menschen wirklich an sich heranzulassen, oft blieb sie sogar bei denjenigen, denen sie eigentlich blind vertraute, ein bisschen auf Abstand, doch auf der anderen Seite war da auch die Angst, die Menschen, die ihr so wichtig waren, zu verlieren. Deshalb waren die letzten drei Jahre, in denen Jake so weit weg gewesen war, auch so schlimm für sie gewesen. Sie hatte Angst, ihn loszulassen. Sie hatte aber auch Angst vor Amerika. Sie hatte Angst, dass sich etwas verändern könnte. Sie fühlte sich plötzlich ganz alleine, obwohl sie doch hier neben Jake saß. »Ich habe Angst, dich zu verlieren, Jake.«

»Du verlierst mich nicht, Mäuschen«, flüsterte er. »Genau deshalb kommst du doch mit!«

»Es ist so ein … komisches, inneres Gefühl. So was wie eine Vorahnung.«

»Sag so etwas nicht! Wenn du nicht daran glaubst, dann bewahrheitet sie sich auch nicht! Mein Schatz, warum sollten wir uns denn verlieren?«

Ich weiß es doch nicht. Als ob Aylin jemals verstanden hätte, was in ihrer Seele vor sich ging! Sie blickte zu ihm hinunter. »Ich liebe dich.&

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