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Jahre der Sehnsucht

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Dank
  8. Stammbaum
  9. Weitere wichtige Personen
  10. ERSTES BUCH
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
    9. Kapitel 9
    10. Kapitel 10
    11. Kapitel 11
  11. ZWEITES BUCH
    1. Kapitel 12
    2. Kapitel 13
    3. Kapitel 14
    4. Kapitel 15
    5. Kapitel 16
    6. Kapitel 17
    7. Kapitel 18
    8. Kapitel 19
    9. Kapitel 20
    10. Kapitel 21
    11. Kapitel 22
    12. Kapitel 23
  12. DRITTES BUCH
    1. Kapitel 24
    2. Kapitel 25
    3. Kapitel 26
    4. Kapitel 27
    5. Kapitel 28
    6. Kapitel 29
    7. Kapitel 30
    8. Kapitel 31
    9. Kapitel 32
    10. Kapitel 33
    11. Kapitel 34
    12. Kapitel 35
  13. VIERTES BUCH
    1. Kapitel 36
    2. Kapitel 37
    3. Kapitel 38
    4. Kapitel 39
    5. Kapitel 40
    6. Kapitel 41
    7. Kapitel 42
    8. Kapitel 43
    9. Kapitel 44
    10. Kapitel 45
    11. Kapitel 46
    12. Kapitel 47

Über die Autorin

Marcia Willett wurde 1945 als jüngste von fünf Schwestern in Somerset geboren. 1969 heiratete sie einen Marineoffizier, ein Jahr später wurde Sohn Charles geboren. Inzwischen lebt Marcia Willett mit ihrem zweiten Ehemann Rodney und einem Neufundländer in Devon, wo sie sich hauptsächlich dem Schreiben von Romanen widmet.

Marcia Willett

Jahre der
Sehnsucht

Roman

Aus dem Englischen von
Michaela Link

Für James und Nicola

Dank

Ich bedanke mich bei Peter Iain Matthew vom Orden der
Unbeschuhten Karmeliter für die Erlaubnis, seine
Übersetzung des »Gebets einer liebenden Seele« des
Heiligen Johannes vom Kreuz zu benutzen.

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Weitere wichtige Personen

George FOX (1892 –) war in der Seeschlacht vor dem Skagerrak Kanonier unter Bertie Chadwick. Nach dem Krieg wurde er Gärtner und Hausmeister auf The Keep. Er bewohnt eines der beiden Pförtnerhaus-Cottages.

ELLEN Makepeace (1897 –) war Freddys Hausmädchen und wurde schließlich Haushälterin auf The Keep.

CAROLINE James (1928 –) war eine Freundin von Prue Clark (Carolines ältere Schwester ging mit Prue zusammen zur Schule.) Sie wurde als Kinderfrau für die verwaisten Chadwick-Kinder eingestellt.

Cynthia Janice Tulliver – auch Sin genannt – teilt sich die Wohnung mit Kit.

ERSTES BUCH

Sommer 1972

1

Die Lerche war irgendwo hoch über ihr und erfüllte die blaue Luft mit ihrem Gesang. Fliss blickte empor und beschirmte die Augen mit den Händen gegen das strahlende, goldene Licht. Das Land war durchtränkt von Sonnenlicht; es sickerte in die reiche, rote Erde, stürzte sich in die kalten, klaren Fluten des Flusses und tauchte die Bäume in leuchtend bunte Farben. Aus der Nähe konnte man jeden langen Grashalm einzeln erkennen, hellgrün, klar geschnitten, mit seinem dünnen, scharfen, schwarzen Schatten; in der Ferne erhoben sich die Hügel, indigoblau und violett, ihre Gipfel mit Gold überhaucht. Auf der anderen Seite des Flusses trotteten Schafe über die Wiese, ihre Lämmer noch im Schlepptau, knabberten hie und da an einem Grashalm und wurden weitgehend ignoriert von den Kühen, die im Schatten der Kopfweiden am Rand des Wassers lagen.

Fliss trat zurück in das Dunkel des Wäldchens. Hie und da durchdrang der Sonnenschein das dichte, grüne Dach, malte goldene Münzen auf die Erde und fuhr mit flüssigen Fingern über Bäume mit rauer Borke und glatte, graue Stämme. Jetzt, da die Glockenblumen verwelkt waren, blühte in diesem düsteren Wald kaum noch etwas. Zwischen den Wurzeln einer mächtigen Buche reckten sich hellrosa Feuernelken auf staksigen Stielen hoffnungsvoll dem fernen Licht entgegen, während über einen heruntergefallenen Zweig verstohlen Dornen herangekrochen kamen.

Während ihre Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnten, rang Fliss mit dem mittlerweile vertrauten Aufwallen von Furcht. Es war ihr gänzlich unmöglich zu glauben, dass sie in drei Monaten in Hongkong sein würde, um bald darauf Mutter zu werden und zwei Jahre dort auf einem Marineposten zu bleiben. Sie konnte sich einfach weder das eine noch das andere vorstellen. Ein Kind zu bekommen musste doch eine hinreichend welterschütternde Erfahrung sein, auch ohne dass sie dabei so viele tausend Meilen von allem getrennt war, was sie kannte und liebte. Sie sah sich um und berührte ganz sachte die Blätter eines überhängenden Astes. Das Buchenblatt, das sie zwischen den Fingern aufrollte, fühlte sich saftig und biegsam an. In der Vergangenheit – ihrer Vergangenheit – war das Wäldchen ein Symbol gewesen, ein Orientierungspunkt, eine Herausforderung. Das ging auf ihre kleinen Geschwister, Mole und Susanna, zurück. Der Lauf um das Wäldchen hatte als Wettrennen begonnen, bei dem Fox, der Gärtner und Hausmeister ihrer Großmutter, die Zeit maß. Mit der Uhr in der Hand stand er auf dem Hügel unterhalb der Mauern von The Keep, während sie um das Wäldchen liefen. Damals war es lediglich ein Spiel gewesen. Später hatte es für Mole eine andere, größere Bedeutung angenommen, war zum Symbol einer Leistung geworden; allein um das Wäldchen herumzulaufen, vorbei an der Stelle, an der er die Mauern von The Keep nicht länger sehen konnte, hatte seinen ganzen Mut verlangt.

Noch heute wusste Fliss nicht, warum Mole vor fünfzehn Jahren in Kenia die Nachricht, dass ihre Eltern und ihr älterer Bruder von den Mau Mau überfallen und ermordet worden waren, so furchtbar gequält hatte. Ihre eigene Trauer war schmerzvoll genug gewesen, aber der damals vierjährige Mole war monatelang stumm geblieben und konnte manchmal noch heute nicht das Stottern beherrschen, das ihm zu schaffen machte, seit er damals die Sprache wiedergefunden hatte. Er hatte unter furchtbaren Albträumen gelitten und große Angst davor gehabt, allein gelassen zu werden. Aber auf The Keep, in der Obhut seiner Großmutter Frederica Chadwick, hatte er ganz allmählich gelernt, seine Furcht zu beherrschen. Jetzt hatte er die Eignungsprüfung bestanden und war der Königlichen Marine beigetreten, wie Generationen von Chadwicks vor ihm.

Fliss lehnte sich an die Buche und schloss die Augen. Wie weit sie nach jenem verzweifelten Tag in Kenia gekommen waren. Mole – Kadett der Marine, Susanna – kurz vor ihrem Schulabschluss, nach dem sie eine Ausbildung zur Grafikerin machen wollte; und sie, Fliss – verheiratet mit einem Marineoffizier, schwanger mit ihrem ersten Kind und im Begriff, die Sicherheit der vertrauten Umgebung zu verlassen und nach Hongkong zu gehen. Miles, ihr Mann, hatte keine Ahnung von dem Ausmaß ihrer Angst. Ihm schien es völlig natürlich, dass sie ihre Sachen packte und ihm folgte, wo auch immer die Marine ihn hinschickte, und sie konnte ihre Ängste nicht mit ihm teilen. Fünfzehn Jahre älter als sie, war er so erwachsen, so viel erfahrener, so entschlossen …

Er hat keine Familie, keine Wurzeln, dachte Fliss, und er ist so zuversichtlich, so sicher

Sie seufzte ein wenig, drängte ihre Furcht zurück und dachte daran, wie sie die Qualen nach dem Tod ihrer Eltern und Jamies, ihres geliebten großen Bruders, überstanden hatte. Aus dem Schatten des Wäldchens blickte sie über die Felder zu den Hügeln hinüber und atmete tief durch, bis sie ein wenig von ihrem Mut wiederfand. Wenn Mole seine Schwäche und seine furchtbare Angst besiegen konnte, dann konnte sie das auch. Sie sah zu den Bäumen empor, deren lange Schatten sich The Keep entgegen streckten, und dachte daran, welche Sorgen sie sich um ihren kleinen Bruder gemacht hatte, welche Angst sie um ihn gehabt hatte. Jetzt bestand kein Grund mehr, sich um eines ihrer Geschwister zu sorgen. Mole hatte sich in Dartmouth niedergelassen, und Susanna verfügte noch immer über die glückliche Zuversicht, die ihr Geburtsrecht gewesen war; es gab keinen Grund, warum sie, Fliss, nicht frei von allen Befürchtungen und Ängsten nach Hongkong gehen sollte.

Aber da sind immer noch Großmutter und Onkel Theo, dachte Fliss. Und Fox und Ellen. Sie werden langsam alt …

Die ersten beiden Jahre ihrer Ehe waren wunderbar gewesen. Man hatte Miles an Land verwendet, in Devonport, und seither bewohnten sie ein kleines Haus in Dartmouth, kaum eine halbe Stunde Fahrt von The Keep entfernt. Aber Hongkong war so furchtbar weit weg, und ihr Kind würde fast zwei Jahre alt sein, wenn sie nach Hause zurückkam. Zwei Jahre alt: Genau so alt wie Susanna, als sie damals aus Kenia gekommen waren. Sie konnte sich gut daran erinnern, wie einsam und verschreckt sie sich gefühlt hatte, bis Großmutter auf dem Bahnhof erschien, sie in den Wagen verfrachtete und nach Hause, nach The Keep fuhr: nach Hause zu Ellen, der Haushälterin, und zu Fox und zu den Hunden … Sie durfte sich einfach nicht anmerken lassen, wie nervös sie war; sie durfte nicht zulassen, dass sie sich um sie sorgten. Nein, sie musste ihnen zeigen, dass das Ganze für sie ein Riesenspaß war, ein einziges großes Abenteuer.

Fliss drückte die Schultern durch, trat hinaus ins Sonnenlicht und ging, ohne noch einen Blick zurück auf das Wäldchen zu werfen, den Weg hinauf, der zu der grünen Tür in der hohen Steinmauer führte.

Ihre Großmutter erwartete sie in der großen, kühlen Halle. Traditionsgemäß wurde der Tee grundsätzlich hier eingenommen. Im Winter brannte in dem großen, granitenen Kamin ein Holzfeuer, aber heute stand die Tür zum Garten weit offen, und der Duft der Albertine und das Vogelgezwitscher wehten herein. Zu beiden Seiten des Kamins standen zwei Sofas mit hoher Rückenlehne, getrennt von einem langen, niedrigen Tisch, einander gegenüber. Ein zusätzlicher Sessel am Kopfende des Tisches schuf so etwas wie einen abgegrenzten kleineren Bereich in der geräumigen Halle. Der verblichene Chintz, die dicken Kissen und die abgetretenen, schottisch gemusterten Läufer gaben dem Raum eine anheimelnde, behagliche Atmosphäre, und der Tee, den Caroline, die Kinderfrau, vor ein paar Sekunden hereingebracht und auf den Tisch gestellt hatte, vollendete das Bild.

Frederica Chadwick dachte über Fliss nach. Es hatte so viel Spaß gemacht, sie in den beiden letzten Jahren in der Nähe zu haben. Sie kam regelmäßig nach The Keep, und man konnte deutlich sehen, dass sie ihr neues Leben mit Miles und ihre Ehe genoss. Wie stolz sie gewesen war, sie alle in ihrem Haus in Dartmouth willkommen zu heißen, die Honneurs zu machen und ihr neues Heim zu zeigen. Manchmal hatte sie Miles am Hafen abgesetzt und den ganzen Tag mit ihnen auf The Keep verbracht, und in den Ferien hatten Susanna und Mole sich bei ihr in Dartmouth einquartiert, wenn auch nicht beide zusammen; das kleine Haus war nicht groß genug, um zwei Gästezimmern Platz zu bieten, und Miles schätzte es gar nicht, im Wohnzimmer über Schlafsäcke zu stolpern. Er legte großen Wert auf Ordnung und gute Manieren, was Freddys absolute Billigung fand, aber sie hatte oft das Gefühl, dass er viel besser zu ihrer eigenen Generation passte als zu der ihrer Enkelkinder. Die Wahrheit war natürlich, dass er der Generation zwischen ihnen angehörte, und er trat Fliss und ihren Geschwistern gegenüber oft mehr wie ein Vater auf denn wie ein Ehemann und Schwager.

Freddy rührte rastlos in ihrem Tee. Wenn es doch nur möglich gewesen wäre, Caroline mit Fliss nach Hongkong zu schicken, zumindest solange, bis sie das Kind zur Welt gebracht hatte; Caroline hätte ihr helfen können, sich einzuleben, und sie hätte dafür sorgen können, dass wirklich alles in Ordnung war. Als sie, Freddy, diese Möglichkeit zaghaft ins Spiel gebracht hatte, hatte Miles darüber nur die Nase gerümpft. Heutzutage, sagte er, sei es völlig normal, dass Frauen ohne ein Gefolge von Kindermädchen und anderem Personal auskämen, dass zu Freddys Zeiten mit den Familien der Marineoffiziere gereist sei. Er hatte ihr versichert, dass Fliss im britischen Militärhospital in bester Obhut sein würde, dass eine Amah da sein würde, die ihr helfen konnte, für das Baby zu sorgen, und dass ein anderer Offizier, der bereits in Hongkong lebte, eine Unterkunft für sie besorgte. Also war ihr nichts anderes übrig geblieben, als ihm zu vertrauen. Freddy wusste, dass sie sich wie eine Mutterhenne aufführte, aber Fliss war eben etwas ganz Besonderes. Sie alle würden sie furchtbar vermissen …

Theo Chadwick, der seine Schwägerin über den Tisch hinweg beobachtete, spürte, dass sie die nachmittäglichen Freuden kaum wahrnahm. Obwohl sie zur offenen Tür blickte, war er davon überzeugt, dass sie weder die Vögel hörte noch den Duft der Rosen roch. Nicht einmal der Teller mit Ellens frisch gebackenen Scones und das Glas mit selbst gemachtem Brombeergelee vermochten ihr Interesse zu erregen. Er hatte sich das Gehirn zermartert, wie er sie ablenken könnte, wohl wissend, dass ihre Gedanken bei Fliss waren, aber es wollte ihm einfach nichts einfallen. Das Schweigen zog sich in die Länge, und schließlich sprach er die Worte aus, von denen er hoffte, dass sie sie vielleicht ein wenig trösten würden.

»Man wird gut für sie sorgen, das weißt du doch«, sagte er sanft. »Sie wird sich dort ganz wie zu Hause fühlen. Ein kleines England. Hongkong ist schließlich eine Kronkolonie.«

Freddy versuchte gar nicht erst, ihre Befürchtungen zu verhehlen oder zu leugnen. »Aber es ist so schrecklich weit weg«, sagte sie verzweifelt.

Theo schwieg. Obwohl die Chadwicks ihr Geld mit Porzellanerde verdienten, gab es in der Familie seit gut über hundert Jahren eine Marinetradition. Theos Vater war Admiral gewesen, sein älterer Bruder, Bertie – Freddys Mann –, war im ersten Weltkrieg in Jütland getötet worden, und er selbst war Marinepfarrer gewesen. Niemand wusste besser als er, dass Trennung und Verlust für Freddy nichts Fremdes waren. Als sie mit den beiden kleinen Zwillingen, Peter und John, verwitwet zurückgeblieben war, hatte sie sich mit der Hilfe von Ellen und Fox durchgeschlagen: Ellen, die als Freddys Hausmädchen vor mehr als fünfzig Jahren mit ihr nach The Keep gekommen war, und Fox, der 1916 als Kanonier unter Bertie gedient hatte. Nach dem Krieg hatte Fox sich nach The Keep durchgeschlagen, um der Familie seines Leutnants Chadwick die Wahrheit über dessen mutige letzte Schlacht zu erzählen. Und dann war er geblieben, um sich um das Haus zu kümmern und die junge Witwe und deren Kinder zu beschützen. Die Zwillinge waren dann erwachsen geworden, um im zweiten Weltkrieg zu dienen. Die Geschichte wiederholte sich mit schauriger Unbarmherzigkeit. John war gestorben, als sein Schiff auf Geleitfahrt torpediert wurde, und er hatte eine junge Witwe hinterlassen, Prue, die nun ihrerseits ihre Zwillinge großziehen musste. Und obwohl Peter den Krieg überlebt hatte, war er später zusammen mit seiner Frau und ihrem ältesten Sohn in Kenia umgekommen …

Theo stieß einen innerlichen Seufzer aus. Nein, Trauer war für Freddy kein Fremdwort, und nun nahm bereits die nächste Generation die Herausforderung an. Hal, Johns Sohn, war Marineleutnant, und Mole, Peters jüngerer Sohn, war entschlossen, auf ein U-Boot zu kommen … und jetzt schickte Fliss sich an, ihre Sachen zu packen und ihrem Mann zu folgen.

»Du hattest keine Probleme, als Hals Schiff für zwei Jahre in den fernen Osten aufbrach«, bemerkte er schließlich. »Das ist doch so ziemlich das Gleiche, oder?«

»Es ist überhaupt nicht das Gleiche«, sagte Freddy scharf. »Hal ist ein Mann. Und er war nicht schwanger.«

Einmal mehr war Theo zum Schweigen gebracht worden. Er hörte Freddys Worte, aber er spürte, dass noch etwas anderes, Verborgenes dahinter steckte; etwas, das über Freddys natürliche Besorgnis um ihre Enkeltochter hinausging. Sie sah ihn beinahe trotzig an, das Kinn auf die altvertraute Weise emporgereckt, und seine große Liebe zu dieser Frau erschütterte ihn bis ins Herz hinein und gab ihm erst recht das Gefühl, der Situation nicht gewachsen zu sein.

»Sag doch etwas«, rief sie. »Sitz nicht einfach nur da.«

»Aber was kann ich denn sagen?«, fragte er hilflos. »Hongkong ist wirklich sehr weit weg. Hal ist wirklich ein Mann, und er war ganz sicher nicht schwanger, als er nach Singapur ging.«

Zu seinem Entsetzen sah er Tränen in ihren Augen glitzern. »Ich könnte sterben, bevor sie zurückkommt«, murmelte sie. »Gut möglich, dass ich Fliss’ Kind niemals sehen werde.«

»Meine liebste Freddy«, antwortete er und bemühte sich um einen heitereren Tonfall, »das könnte auf jeden von uns zutreffen, selbst auf Susanna oder Mole – Unfälle können einem zu jeder Zeit zustoßen. Aber welchen Sinn hat es, sich da hineinzusteigern? Du bist gesund und kräftig und kommst aus einer Familie, in der die Menschen uralt werden …«

»Ich bin siebenundsiebzig«, unterbrach ihn Freddy ungehalten und fast so, als nehme sie Theo seine positive Art übel. »Es könnte alles Mögliche passieren.«

»Noch eine unleugbare Wahrheit«, pflichtete Theo ihr bei und griff nach der Teekanne. »Erdbeben, Überflutungen, Hungersnöte. Ein oder zwei Seuchen …«

Sie funkelte ihn böse an, aber wie üblich hatte er sie durch seine Weigerung, mit ihr in Panik zu geraten, ein wenig aus ihrem schwarzen Loch herausgeholt. Hätte sie doch nur sicher sein können, dass Fliss wirklich glücklich war, dass sie Recht gehabt hatte, Miles zu heiraten.

Sie nahm gerade ihre Teetasse von Theo entgegen und brachte es irgendwie fertig, sein Lächeln zu erwidern, als die Tür, die zum hinteren Teil des Hauses führte, sich öffnete und Fliss hereinkam. Sie lächelte den beiden älteren Herrschaften, die auf sie warteten, munter zu.

»Entschuldigt, dass ich so spät komme«, sagte sie. »Es ist so wunderschön da draußen, dass ich mich kaum losreißen konnte. Ich war nur schnell noch mal drüben beim Wäldchen.«

Die Vertrautheit des Bildes, das sich ihr bot, war ebenso beruhigend wie ergreifend. Seit sie wusste, dass sie ein Kind erwartete, befanden sich ihre Gefühle in einem stetigen Hin und Her zwischen Tränen und Lachen, Zuversicht und Schrecken. Das Bild von ihrer Großmutter und ihrem Großonkel, wie sie einander am Couchtisch gegenübersaßen, war einerseits tröstlich, denn es stand für Kontinuität und Gelassenheit; andererseits wurde ihr Glück beim Anblick der beiden von der Angst erschüttert, sie könnten nicht mehr hier sein, wenn sie aus Hongkong zurückkam. Sie gab sich alle Mühe, diese Gefühle zu beherrschen, verspottete sich für ihre kindischen Gedanken und schalt sich sentimental, aber trotzdem – sie wünschte, sie hätte nicht mit beidem gleichzeitig fertig werden müssen, mit der Stationierung in Hongkong und dem Baby.

Onkel Theo schenkte ihr den Tee ein, während Großmutter über grüne Blattläuse auf den Rosen zu plaudern begann. Fliss nahm sich ein Scone und griff nach dem Brombeergelee.

»Ich bin schrecklich verwöhnt, weil ich nur einen Katzensprung von zu Hause entfernt gelebt habe«, sagte sie munter. »Ich muss mir unbedingt ein paar Rezepte von Ellen aufschreiben, die ich mit nach Hongkong nehmen kann. Hoffentlich bekomme ich dort die richtigen Zutaten. Ist es nicht ein komischer Gedanke, dass ich in drei Monaten in Hongkong einkaufen werde?«

2

Später, in der Einsamkeit ihres Zimmers, wünschte Fliss, sie hätte die Worte: »Ich war gerade drüben beim Wäldchen«, nicht ausgesprochen. Sie vermutete, dass ihrer Großmutter und ihrem Großonkel deren Bedeutung kaum entgangen sein konnte. Obwohl sie während des Teetrinkens über die Aufregung geschwatzt hatte, nach Hongkong zu gehen, hatte dennoch eine seltsame Atmosphäre geherrscht, eine Atmosphäre von – ja, von was? Fliss drehte dem Fenster und der Aussicht, die es bot, den Rücken zu, dann setzte sie sich auf den Fenstersitz und musterte das kleine Zimmer, das in den letzten fünfzehn Jahren ihres gewesen war. Abgesehen von ein paar kostbaren Dingen, die sie in das Haus in Dartmouth begleitet hatten, war es noch genauso wie damals, als sie es in Besitz genommen hatte.

»Du wirst sicher manchmal zu Besuch kommen wollen«, hatte Caroline gesagt, »wenn Miles auf See ist. Dann hast du hier ein zweites Zuhause. Lass ein paar Sachen da …«

Fliss hatte Carolines Rat befolgt. Außerdem hätten ihre Siebensachen ohnehin nicht alle Platz gefunden in dem engen Haus in der Above-Town-Straße, das Miles nach seiner ersten Heirat als sehr junger Offizier gekauft hatte. Seine kränkliche Frau war nach nur wenigen Ehejahren gestorben, aber er hatte das Haus behalten und ihm mit seiner Persönlichkeit seinen Stempel aufgedrückt. Fliss’ viktorianische Blumendrucke hätten sich merkwürdig ausgenommen neben seinen Aquarelloriginalen und den antiken Drucken von Marinehäfen; die kleine, bemalte Truhe hätte inmitten all der teuren Stilmöbel wie ein Fremdkörper gewirkt. Miles hatte seine Möbel mit großer Sorgfalt ausgewählt, und in dem Haus herrschte eine gewisse nüchterne Strenge, kombiniert mit Zweckmäßigkeit, deren Wirkung einigermaßen einschüchternd war. Fliss war an einen urwüchsigeren Lebensstil gewöhnt. Die einzelnen Stücke in den Räumen auf The Keep hatten sich nach und nach dort angesammelt, wobei eine jede Generation etwas hinzugefügt, ersetzt oder repariert hatte, sodass moderne und edwardianische Möbel wetteiferten mit Stücken aus der Regency-Zeit und der viktorianischen Ära, und trotzdem fügte sich alles auf eine vollkommen natürliche Art und Weise zusammen.

Fliss stand auf und schlenderte zu dem Waschtisch hinüber. Sie hatte die kleine Porzellanschüssel ihrer Mutter ebenso wie das Alabasterkästchen, in dem einst die Manschettenknöpfe ihres Vaters aufbewahrt worden waren, mit nach Dartmouth genommen, aber der vom Alter fleckig gewordene Spiegel in seinem angekitschten Mahagonirahmen hing immer noch dort. In diesem Rahmen klebten einige Fotografien. Am Anfang hatte sie sie einfach vergessen und nur die silbergerahmte Studioaufnahme mitgenommen; es war ein Bild von ihrer Familie: Ihr Vater und Jamie standen nebeneinander, ihre Mutter hatte Susanna auf dem Schoß, Mole lehnte sich an sie, und Fliss saß neben ihr. Es war ein entzückendes Porträt einer ganz normalen, glücklichen, kleinen Familie, und jetzt stand es auf der Mahagonikommode in ihrem Schlafzimmer in Dartmouth, wo es keineswegs deplatziert wirkte. Trotzdem hatte sie aus irgendeinem Grund die anderen Fotos hier gelassen, vertraute, tröstliche und wichtige Bilder, die in dem Rahmen klebten. Da war Jamie, die Hände in den Taschen, und lächelte ihr zu; Susanna auf Fliss’ altem Fahrrad mit einem stolzen Strahlen im Gesicht; Kit, ihre Cousine, die neben der inzwischen lange verstorbenen Hündin Mrs. Pooter kniete, einen Arm um ihren wuscheligen Hals geschlungen, Mole, der ihr zublinzelte, und ein verschwommener Fox hinter ihm.

Fliss beugte sich vor, um sich den Schnappschuss von ihren Eltern auf der Rennbahn Ngong in Nairobi anzusehen; ihr Vater groß, zuversichtlich, gut aussehend, und ihre Mutter mit einem Gesichtsausdruck, der beinahe kritisch wirkte. Fliss beugte sich tiefer über das Bild. Ähnelte sie ihrer Mutter? Mit diesem Gesichtsausdruck hatte ihre Mutter sie und Jamie immer an der Kandare gehalten. Alison hatte große Dinge von ihren Kindern erwartet, und es war ziemlich anstrengend gewesen, ihren Erwartungen gerecht zu werden. Fliss war davon überzeugt, dass ihre Mutter kein Verständnis für ihre gegenwärtigen Befürchtungen gehabt hätte. War sie nicht nach Kenia gegangen, obwohl Fliss erst sieben und Mole knapp ein Jahr alt gewesen war? Susanna war in Afrika zur Welt gekommen. Alison war tüchtig, ruhig und umsichtig gewesen; ob sie wohl jemals Angst gehabt hatte?

Ein anderes Foto erregte Fliss’ Aufmerksamkeit. Es zeigte sie auf ihrer Hochzeit, war aber nicht von dem offiziellen Fotografen aufgenommen worden; jene Bilder bewahrte sie in dem eleganten kleinen Album auf, das Miles ihr gekauft hatte. Dieses Bild war einfach bei den anderen im Rahmen zurückgeblieben. Fliss löste es vorsichtig von dem Mahagoni und sah es sich eingehend an. Das Foto war im Garten aufgenommen worden, sie hatte Mole untergehakt, und sie lachten zusammen über irgendetwas. Susanna hockte neben ihnen und machte sich an ihrem Schuh zu schaffen; ihr Strauß aus Gartenwicken lag unbeachtet neben ihr im Gras. Miles stand im Hintergrund, sehr elegant in seiner Uniform, einen Arm erhoben, und zeigte mit dem Finger auf einen unsichtbaren Kameraden. Ihre Cousine Kit bezeichnete diese Geste bei ihm als seine »… und überdies …«-Haltung.

Einen Augenblick lang fühlte Fliss sich zurückversetzt an jenen Junitag vor zwei Jahren; beinahe konnte sie die Sonne auf dem Rücken spüren und den Duft der Rosen riechen. Die ganze Familie hatte sich dem Anlass würdig erwiesen und ihr Bestes getan, um den Tag zu dem glücklichsten in Fliss’ Leben zu machen, und sie hatten ihr, jeder auf seine eigene, ganz besondere Art, ihren Stolz und ihre Liebe gezeigt. Da Miles Witwer war, hatte sie sich für eine schlichte und stille Hochzeit entschieden, nur Familie und enge Freunde, und es war alles wunderbar verlaufen. Susanna hatte so hübsch ausgesehen in jenem dunklen Rosaton; und wie hatte sie sich über das Armband aus zierlich gearbeitetem Silber und Korallen gefreut, das Miles ihr geschenkt hatte. Fliss’ eigenes Kleid war aus einer dicken, cremefarbenen Baumwollspitze, knöchellang und schmal geschnitten, und erinnerte in seinem Stil ganz schwach an viktorianische Gewänder. Sie liebte es und trug es häufig zu Ladies’ Nights und förmlicheren Partys. Mole hatte sie in seinem besten Sonntagsanzug zum Altar geführt, und später, als ihm der Champagner zu Kopf gestiegen war, hatte er eine überaus amüsante und sehr rührende Ansprache gehalten, ohne dabei ein einziges Mal zu stottern. Sie war so stolz auf ihn gewesen …

Fliss wandte sich von dem Waschtisch ab, setzte sich auf die Kante des schmalen Eisenbettes und strich mit den Fingern unbewusst über die Patchworkdecke; noch ein Talisman, der in das Haus in Dartmouth nicht recht passen wollte. Die Decke war ein Stück Familiengeschichte – oh, wie sollte sie es ertragen, sie alle zu verlassen und so weit fortzugehen? Wie sollte sie nur damit fertig werden, dass ihr und dem Baby solch unendlich wichtige Kontaktpersonen fehlten? Keine Großmutter, die ihr dieses nur für sie allein bestimmte beifällige Lächeln schenkte, kein Onkel Theo mit seiner ungeheuren inneren Stärke, keine Ellen, die vor Stolz und Freude gurrte, kein Fox, der ihr sagte, dass das Baby ein richtiger Chadwick sei, keine Caroline mit ihrem gesunden Menschenverstand, keine Kit, die sich für das neueste Familienmitglied fantastische Namen einfallen ließ. Keine Tante Prue mit ihrer mütterlichen Wärme, keine Susanna, kein Mole, die Tante und der Onkel des Babys. Kein Hal …

Als es an der Tür klopfte und gleich darauf Caroline eintrat, stand Fliss schnell auf. Es war Jahre her, dass Caroline aufgehört hatte, ihre Kinderfrau zu sein, und ihre Freundin geworden war, aber Fliss lächelte ihr automatisch zu und streifte sich den Mantel strahlender Munterkeit über, in den sie geschlüpft war, seit sie am Abend zuvor auf The Keep angekommen war.

»Komm doch auf ein Schwätzchen mit in die Küche hinunter, während ich das Gemüse fürs Abendessen putze«, schlug Caroline vor. »Wir möchten alle schrecklich gern mehr über Hongkong hören. Das mit dem Baby ist wunderbar, nicht wahr? Bist du so glücklich, wie du aussiehst, oder bist du nur tapfer? Ich jedenfalls hätte Todesangst bei dem Gedanken, nach Hongkong zu gehen, um dort mein erstes Kind zu bekommen.«

Fliss sah sie schnell an. Was für eine Närrin sie doch gewesen war, zu glauben, sie könne irgendetwas vor Caroline verborgen halten.

»Ahnen die anderen etwas?«, fragte sie ängstlich. »Ich möchte nicht, dass irgendjemand sich um mich sorgt.«

Caroline drückte liebevoll Fliss’ Arm.

»Wahrscheinlich übertreibst du es etwas«, gab sie zu. »Nur eine Spur. Wir können nicht so ganz glauben, dass du dich dermaßen darüber freust, so weit von uns fortzukommen. Wir haben nämlich auch unseren Stolz. Wir möchten gern glauben, dass du uns vermissen wirst. Nur ein kleines bisschen.«

»Natürlich werde ich euch vermissen«, sagte Fliss unglücklich. »Natürlich habe ich Angst – aber was soll ich denn tun? Ich möchte nicht, dass Großmutter sich Sorgen macht. Es ist weniger die Vorstellung, nach Hongkong zu gehen – das ist schon ziemlich aufregend –, es ist mehr der Gedanke, so weit fort von zu Hause mein Kind zu bekommen. Und was ist, wenn einem von euch etwas zustoßen sollte, während ich dort bin …«

Sie wandte sich ab und blickte aus dem Fenster, damit Caroline nicht die Tränen in ihren Augen sah.

Caroline betrachtete sie voller Mitgefühl. Sie war kurz nach der Ankunft der Kinder nach The Keep gekommen, als man festgestellt hatte, dass Hilfe vonnöten sein würde. Mrs. Chadwick war zweiundsechzig gewesen, Ellen sechzig, Fox fünfundsechzig; ein alter Haushalt für so kleine Kinder. Also war Caroline hergekommen, um sich um sie zu kümmern, und in keiner ihrer Stellungen als Kinderfrau war sie so glücklich gewesen wie auf The Keep. Als die Kinder sie nicht länger brauchten, war zur allseitigen Zufriedenheit beschlossen worden, dass sie bleiben solle, und allmählich hatte sie die Aufgaben übernommen, die fünfzig Jahre lang Ellen und Fox zugefallen waren. Ellen war immer noch ziemlich aktiv, aber Fox machte es eine schlimme Arthritis unmöglich, die meisten seiner früheren Aufgaben zu erfüllen. Es wurde jedoch nie erwogen, ihn in Pension zu schicken. Er blieb in seinem Quartier im Pförtnerhaus, verrichtete hie und da kleinere Arbeiten und war zufrieden, die Verantwortung an Caroline und den jungen Josh weiterzugeben, der vom Dorf heraufkam, um die schweren Arbeiten auf dem Grundstück zu verrichten.

Diese drei, Fox, Ellen und Caroline, hatten dem Leben der Kinder einen Rahmen gegeben, und Caroline wusste, wie tief Fliss in dem Boden verwurzelt war, aus dem ihre Familie kam, und dass sie zarte Fühler ausgesandt hatte, die sich um diesen Rahmen rankten. Von allen Kindern war sie am innigsten mit The Keep und der Familie verbunden. Sie war tapfer zur Schule und zum College gegangen und hatte später einen Job in Gloucestershire angenommen, aber hier gehörte sie hin, hier war sie am liebsten.

Caroline dachte: Es würde ihr leichter fallen, nach Hongkong zu gehen, wenn sie nicht schwanger wäre. Für Fliss wird es schlimm sein, ihr Kind so weit entfernt von uns allen bekommen zu müssen.

Laut sagte sie: »Komm mit nach unten und rede darüber. Du kannst die Menschen nicht daran hindern, dass sie sich Sorgen machen. Am besten, man spricht alles offen aus. Haltung ist ja schön und gut, aber manchmal sind Tränen genauso wohltuend. Friss die Dinge nicht in dich hinein, Flissy.«

Fliss lächelte sie dankbar an. »Ich bin ein bisschen aus dem Häuschen wegen der ganzen Sache«, gestand sie. »Dumm, nicht wahr? Dabei ist doch nichts dabei, wirklich nicht. Miles sagt, dass die Frauen von Marinesoldaten eben damit rechnen müssen. Es gibt da ein Sprichwort: ›Wenn man keinen Spaß versteht, darf man gar nicht erst einsteigen.‹ Man darf keinen Seemann heiraten und dann von ihm erwarten, dass er zu Hause bleibt.«

»Das ist völlig richtig«, stimmte Caroline ihr zu und folgte dann Fliss hinaus auf den Flur. »Aber andererseits hat Miles keine Familie, die er zurücklässt. Und er ist auch nicht derjenige, der das Baby bekommt.«

Fliss ging nachdenklich die Treppe vom Kinderzimmer im zweiten Stock nach unten. Sie konnte Caroline nicht widersprechen, aber unterm Strich machte es keinen Unterschied. Sie musste mit der Situation fertig werden, und es hatte keinen Sinn, den anderen die Ohren voll zu jammern.

»Ich habe großes Glück gehabt«, sagte sie, als sie den Treppenabsatz erreichten. »Es war ein Riesenvorteil, dass ich meine Ehe mit Miles beginnen konnte, während er an Land eingesetzt wurde. Er war so gut wie gar nicht fort. Ich kann dir nicht sagen, wie überglücklich er darüber ist, dass man ihm das Kommando von HMS Yarnton übertragen hat. Er ist ganz aus dem Häuschen deswegen.«

»Ja«, sagte Caroline, die sich noch gut an die Zeit erinnerte, als sie geglaubt hatte, selbst in Miles verliebt zu sein. »Ja, natürlich freut er sich darüber. Und über das Baby auch, nehme ich an.«

Fliss brauchte ziemlich lange, um zu antworten, und dann waren ihre Sätze einigermaßen verworren. »Hm, das ist er, aber es ist wohl … du weißt schon. Vielleicht ist der Zeitpunkt ein bisschen unglücklich … natürlich hätte ich mein Baby lieber hier bekommen, aber ich kann Miles unmöglich so lange allein lassen. Er wäre sehr gekränkt …«

Caroline sah Fliss an, betrachtete das traurig dreinblickende Gesicht, das dicke, blonde Haar, das sie sich zu einem lockeren Zopf geflochten hatte, die schlanke Gestalt in dem langen, indischen Rock, den sie sich um die immer noch schmale Taille geschlungen hatte, und die darüber geknotete Gazebluse. Eine Vielzahl von Gefühlen wallte in Caroline auf. Da war zum einen die alte Zärtlichkeit für das Kind, das sie gekannt hatte, dann ein neuer Respekt für die Frau, zu der Fliss sich entwickelte, und schließlich die überwältigende Erleichterung, dass sie selbst frei war von jenen vielschichtigen Banden, die die Ehefrau und Mutter ihren Zwängen unterwarfen. Während sie Fliss beobachtete, wie sie mit ihren verworrenen Gefühlen rang, war sie von Herzen dankbar, dass sie selbst diese Zerrissenheit zwischen verschiedenen Verpflichtungen niemals kennen lernen würde. Wer sollte an erster Stelle kommen: der Ehemann oder das Kind? Sie legte Fliss einen Arm um die schlanken Schultern, und gemeinsam gingen sie durch die Halle.

»Ein Gläschen Sherry«, schlug sie vor. »Ja? Du setzt dich hier hin und nimmst einen Drink, während ich die Kartoffeln schäle. Ellen ist drüben bei Fox, wechselt seine Bettwäsche und schafft ein bisschen Ordnung. Wir werden ein ruhiges halbes Stündchen haben.«

In der Küche lag Mrs. Pooters Nachfahrin Polly Perkins in einem riesigen Hundekorb. Sowohl Mrs. Pooter als auch deren Sohn Mugwump waren tot, aber Perks war genauso ein großer, wuscheliger Border-Collie, eine Kreuzung mit einem Spaniel oder Red River, mit rostfarbenem Fell, langen Schlappohren und dunkelbraunen Augen. Polly Perkins zeigte allerdings ein gemäßigteres Temperament, als es die gierige, schlaue und undankbare Mrs. Pooter getan hatte, und schien außerdem Mugwumps Sinn für Humor geerbt zu haben. Sie genoss ihre Spaziergänge auf dem Hügel hinter The Keep oder in der dunklen, stillen Gasse, wo sie nach dem Tee mit Caroline gewesen war. Jetzt lag sie zu einer Kugel zusammengerollt da, die Nase auf den Schwanz gebettet, und schnarchte friedlich vor sich hin. Ihr bloßer Anblick brachte Fliss’ aufgewühltem Gemüt ein wenig Ruhe zurück.

Wie gewöhnlich sah sie sich voller Behagen in der Küche um. Seit sie denken konnte, schien sich dort nichts verändert zu haben, und nirgendwo war sie so gern wie hier. Hier hatte sie sich, als sie aus Kenia zurückgekommen war, am sichersten gefühlt, hier hatte sie die Verantwortung für ihre Geschwister mit Ellen und Fox geteilt, hatte am Küchentisch Domino gespielt oder auf dem Fenstersitz gekniet, um den Blick über die adretten, vielfarbigen Felder hinweg zu den fernen Hügeln schweifen zu lassen. Der Hügel fiel hinter dem Haus so steil ab, dass die Küche hoch oben in der Luft zu hängen schien, und es hatte die kleine Fliss geradezu verzaubert, auf die Vögel hinabblicken zu können, die unter ihr kreisten.

Fliss setzte sich in den Schaukelstuhl neben dem Aga-Herd und beobachtete Carolines kräftige, tröstliche Gestalt, wie sie hin und her ging, Gläser holte und Sherry einschenkte. Die Wärme vom Herd, das leise Ticken der Uhr, die Geranien auf dem tiefen Fenstersims und der sanfte Schimmer des Porzellans auf dem Küchenschrank, all diese Dinge waren unendlich wohltuend, und Fliss fühlte sich plötzlich angenehm schläfrig.

Es war fast eine Erleichterung gewesen, als Miles zu einem Kurs nach Portsmouth gefahren war und sie allein zurückblieb, um über die Neuigkeit nachzudenken, dass man ihn nach Hongkong schickte. Diese Nachricht kam fast unmittelbar nach der Entdeckung, dass sie schwanger war, und sie hatte kaum genug Zeit gehabt, um sowohl das eine wie das andere zu verdauen.

»Wollten wir denn so früh schon ein Kind?«, hatte Miles gefragt. Er hatte seine Frage in einem durchaus wohl gelaunten Tonfall gestellt, aber Fliss’ Magen hatte sich trotzdem seltsam zusammengekrampft. Sie war davon ausgegangen, dass er genauso begeistert sein würde wie sie, und wusste nicht, was sie ihm antworten sollte. Eine kindliche Enttäuschung war in ihr aufgestiegen und hatte sie sprachlos gemacht. Er hatte sich verwirrt zu ihr umgedreht und dann über ihren Gesichtsausdruck gelächelt. »Törichtes Kind«, hatte er gesagt, war zu ihr gegangen und hatte sie in die Arme genommen. »Natürlich freue ich mich. Das versteht sich doch wohl von selbst, oder? Es ist nur ein kleiner Schock. Ich dachte, wir wollten noch eine Weile warten. Ein bisschen Spaß haben und so weiter. Es ist eine große Verantwortung, nicht wahr?«

»Es muss passiert sein, als wir im Urlaub waren«, hatte sie beinahe entschuldigend erwidert und versucht, ihre eigenen Gefühle zu verbergen. »Wir waren ein bisschen unvorsichtig …«

»Ich habe dir doch gesagt, dass du besser die Pille nimmst«, hatte er sie getadelt. »Jetzt ist es zu spät … Das wird die Zeche in der Messe um einen ganzen Batzen in die Höhe treiben.«

Während sie nun an ihrem Sherry nippte und Caroline zuhörte, die von Perks letzten Unternehmungen berichtete, wurde Fliss klar, dass sie eine Art Groll empfand. Miles’ Einstellung war die eines Erwachsenen, der ein Kind für einen gedankenlosen Fehltritt tadelte, und nicht die eines Mannes, der mit seiner Frau über ihr erstes Kind sprach. Als er von seinem Besuch bei der vorgesetzten Dienststelle freudestrahlend mit der Nachricht zurückkehrte, dass er nach Hongkong versetzt wurde, war dann sie diejenige, die schockiert reagierte.

»Aber wie soll das gehen?«, hatte sie ängstlich gefragt. »Mit dem Baby und allem. Es ist natürlich eine wunderbare Neuigkeit, Liebling. So schrecklich aufregend. Aber wie soll ich denn zurechtkommen mit … du weißt schon, wo das Baby doch unterwegs ist und so weiter?«

»Gütiger Himmel, es gibt ein britisches Militärhospital in Hongkong«, hatte er ungeduldig gerufen. »Das ist kein Problem. Mach dir deswegen keine Gedanken. Mein Gott, es wird fantastisch sein, ein eigenes Kommando zu haben! Ich sag dir was, ich reserviere uns für heute Abend einen Tisch im Cherub. Das schreit nach einer kleinen Feier.«

Es hatte wehgetan, dass seine Versetzung ihn viel mehr begeisterte als die Entdeckung, dass sie ihr erstes Kind erwartete. Aber dann hatte sie sich zusammengerissen, hatte sich gesagt, dass sie endlich erwachsen werden sollte, und sie hatte sich nach Kräften bemüht, ihre kleine Feier zu genießen. Trotzdem war es eine Erleichterung, allein zu sein, das kleine Haus ein Weilchen für sich zu haben und nach The Keep zu kommen, um ihre Familie zu besuchen. Als sie ihren Sherry austrank, gelangte sie zu dem Schluss, dass sie einfach müde war – wahrscheinlich ganz normal unter den gegebenen Umständen – und dass sie an einem akuten Mangel von Humor gelitten hatte.

»Na komm«, sagte sie, stand auf und trat neben Caroline an die Spüle, »ich helfe dir bei dem Gemüse. Hast du in letzter Zeit mal was von Kit gehört? Sie war ganz aus dem Häuschen wegen des Babys. Sie möchte Patentante werden …«

3

Am gleichen Tag, aber etwas später, dachte Kit in der geräumigen Wohnung im zweiten Stock am Pembridge Square an ihre Cousine Fliss und plauderte glücklich über die Neuigkeit, dass sie ein Kind erwartete.

»Hannah«, sagte Kit nachdenklich. »Hannah ist ein hübscher Name, meinst du nicht auch? Oder Humphrey, wenn es ein Junge wird? Wir wollen etwas Besonderes. Einen Namen, der dafür sorgt, dass man ihn oder sie so leicht nicht vergisst. Was denkst du?«

Cynthia Jane – mit der Kit sich die Wohnung teilte und der sie in Studententagen den Spitznamen Sin gegeben hatte – schenkte ihr Wein nach und stützte das Kinn auf die Hände.

»Hannibal«, überlegte sie laut. »Das hat doch was, findest du nicht? Stell dir nur den ersten Tag in der Schule vor, wenn Fliss sagt: ›Das ist Hannibal Harrington.‹ Das würde so leicht niemand vergessen.«

»Ach, sei still«, sagte Kit gutmütig. »Aber du könntest Recht haben. Vielleicht nicht unbedingt eine Alliteration. Schade. Hannah gefällt mir nämlich wirklich gut. Also schön …« Sie blätterte in den Seiten des kleinen Buches, das sie sich gerade vorgenommen hatte. »Georgina. Oder George natürlich.«

Sin verdrehte die Augen. »Glaubst du wirklich, dass sie dir erlauben werden, den Namen für ihr erstgeborenes Kind auszusuchen?«

»Ich denke mir immer die Namen für die Familie aus«, protestierte Kit. »Ich bin berühmt dafür.«

»Für die Hunde, ja«, gab Sin zu. »Und für die Autos. Sogar Spitznamen. Aber für Babys? Glaubst du wirklich, Miles wird daneben stehen, während du sein Kind taufst?«

»Fliss hat gesagt: ›Du musst dir einen wirklich guten Namen ausdenken‹«, sagte Kit. »Ich bin schließlich die Cousine der Mutter des Kindes und seine Patentante.«

»Kannst du denn für dasselbe Kind Muttercousine und Patentante sein?«, überlegte Sin.

»Warum nicht?«, fragte Kit. »Ich wollte immer schon Patentante sein. Es klingt nach viel Spaß. Man kann die Kinder von der Schule abholen und sie zum Tee einladen und ihnen sein ganzes Geld hinterlassen, wenn man stirbt.«

»Hm, das wird natürlich wunderbar für das arme Ding«, murmelte Sin. »Ich dachte allerdings immer, es gäbe da noch irgendeinen religiösen Hintergrund …«

»Na ja, natürlich gibt es den«, antwortete Kit ungeduldig, griff nach der Flasche und musterte viel sagend die drei oder vier Fingerbreit Wein, die noch übrig waren. »Was das betrifft, werde ich Onkel Theo bitten, mir etwas unter die Arme zu greifen.«

Sin richtete sich plötzlich auf. »Donnerwetter«, sagte sie leise. »Daran habe ich überhaupt noch nicht gedacht. Stunden hinter verschlossener Tür mit dem lieben Theo, um über den Zustand meiner Seele zu sprechen.«

»Wie meinst du das?«, fragte Kit argwöhnisch. »Was hat denn deine Seele mit dem Ganzen zu tun?«

»Hör mal«, sagte Sin ernsthaft, schob ihren Teller beiseite und beugte sich vor. »Wie wär’s, wenn ich die Patentante des Kindes würde, und du bleibst einfach die gute alte Cousine Kit? Da kannst du doch trotzdem Unmengen Spaß haben …«

»Vergiss es«, sagte Kit unerbittlich. »Ich durchschaue dich. Das hat überhaupt nichts mit dem Baby zu tun; es ist lediglich eine List, um etwas Zeit mit Onkel Theo zu verbringen. Deine Leidenschaft für ihn ist ja weidlich bekannt. Einfach schockierend. Und das, wo er ein Geistlicher ist und obendrein jenseits der Siebzig!«

»Er hat mein Leben zerstört«, seufzte Sin. »Bist du dir sicher, dass ich nicht Patentante werden könnte? Das wäre vielleicht mein Glück.«

»Ich kann mir direkt vorstellen, wie Miles zu dieser Idee ja sagt«, spöttelte Kit.»Vor allem wenn du bei jeder Gelegenheit, selbst bei seiner eigenen Hochzeit, schamlos mit ihm flirtest. Mit ihm und Onkel Theo …«

»Ich habe eben ein Faible für ältere Männer.« Sin nippte traurig an ihrem Wein.

»Wie wahr. Und für jede andere Sorte von Männern.« Kit klappte das Buch zu. »Maria wird sich dich eines Tages vorknöpfen, wenn du nicht aufpasst. Sie ist furchtbar eifersüchtig.«

»Maria ist ein ganz einfacher Fall«, gab Sin zu. »Ich brauche praktisch nichts zu tun. Nur ein einziger Blick zum lieben Hal hinüber, ein bedeutungsvolles kleines Lächeln, und sie stellt die Haare auf und faucht einen praktisch an. Die gute alte Flissy findet überhaupt nichts dabei, wenn ich dasselbe bei Miles mache, aber andererseits …« Sie hielt inne.

»Aber andererseits was?«, fragte Kit neugierig, als das Schweigen sich in die Länge zog.

Sin zuckte die Achseln, runzelte ein wenig die Stirn und schüttelte den Kopf.

»Na komm schon«, hakte Kit überrascht nach. »Was wolltest du sagen?«

»Sieh mal«, sagte Sin schließlich, »ich habe das noch nicht richtig durchdacht. Es ist mir einfach so eingefallen. Ich bin mir nicht sicher …«

»Oh, um Himmels willen«, rief Kit ungeduldig. »Spuck es aus. Für wen hältst du dich? Wittgenstein oder was? Ich werde deine Worte schon nicht in Stein meißeln. Sag’s einfach.«

»Ich wollte sagen, dass Fliss nicht in Miles verliebt ist. Nicht so wie Maria in Hal. Das ist alles. Bloß dass ich vorher noch nicht richtig darüber nachgedacht hatte. Aber jetzt habe ich nachgedacht, und es kommt mir immer noch so vor, als wäre es die Wahrheit.«

Die Geräusche Londons wehten durch die offenen Fenster herein: das Dröhnen des fernen Verkehrs, Kinder, die auf dem kleinen Vorplatz Kricket spielten, Musikfetzen aus irgendeinem Radio …

Kit dachte: Sie hat Recht. Zwischen Fliss und Miles gibt es keine Leidenschaft. Natürlich ist er so viel älter, und Fliss ist so viel ernsthafter veranlagt als Maria, aber es hatte sie gegeben, diese heimliche Erregung, diesen gewissen Funken zwischen Hal und Fliss, bevor die Familie dahinter kam und alles vermasselte. Oh, zum Teufel …

»Natürlich hat es nichts zu bedeuten«, sagte Sin jetzt hastig, »die beiden sind so vollkommen verschiedene Typen. Fliss und Maria, meine ich. Hm, wo wir gerade beim Thema sind, dasselbe gilt auch für Miles und Hal, aber …«

»Es ist schon in Ordnung«, sagte Kit. »Ich bin durchaus im Stande, damit fertig zu werden. Reite nicht weiter darauf herum.«

»Aber sie bekommen ein Baby«, fügte Sin hinzu. Sie konnte einfach nicht dagegen an; sie hatte das Bedürfnis, die Tatsache zu verschleiern, dass sie ins Fettnäpfchen getreten war. »Du siehst also, dass ich mich wahrscheinlich gründlich irre.«

»Oh, halt endlich den Mund«, sagte Kit ungehalten. »Es ist jetzt sowieso zu spät. Du hast mich ins Grübeln gebracht. Und du hast Recht. Etwas fehlt. Aber was? Möglich, dass die beiden einfach ein gesetztes, glücklich verheiratetes Paar sind, das nicht zu verrückten Verstiegenheiten neigt und so weiter. Aber so ist es irgendwie nicht, nicht wahr?«

Sin seufzte wieder. »Es ist so, als wäre er ihr Vater. Er ist lieb und rücksichtsvoll und gerade eben eine Spur herablassend. Verstehst du? Der Typ, der einem die Schulter tätschelt und ›na komm schon, Liebling‹ sagt. Er liebt sie, daran besteht kein Zweifel, aber jetzt, nachdem er sie gewonnen hat, ist er wieder in sein früheres behagliches Leben zurückgekehrt, nur dass er jetzt eine Ehefrau im Schlepptau hat.«

»Vielleicht wird Hongkong ja helfen«, meinte Kit hoffnungsvoll.

Sin hob die Augenbrauen und sagte nichts.

»Sie klang ein bisschen merkwürdig, als sie gestern davon erzählte«, fuhr Kit fort, »aber ich bin einfach davon ausgegangen, dass das Baby sie viel mehr umtreibt als die Versetzung nach Hongkong. Miles ist natürlich begeistert.«

»Natürlich«, antwortete Sin neutral.

Kit sah sie scharf an. »Warum sagst du das so?«, fragte sie. »Natürlich ist er begeistert. Ein Baby unterwegs und sein eigenes Kommando. Was könnte besser sein?«

»Ja, wirklich, was?«, murmelte Sin. »Vergessen wir die Sache, ja? Komm, lass uns einen Spaziergang durch den Park machen. Ich verspüre da so einen Drang, mich in der Serpentine zu ertränken. Das überkommt mich jedes Mal, wenn wir über Liebe und Ehe und Babys und so weiter reden.«

»Es spricht nichts dagegen«, sagte Kit. »Vielleicht schließ ich mich dir an. Wir könnten ja zusammen sterben. Beziehungen sind so verdammt kompliziert.«

»Wo wir gerade beim Thema sind«, sagte Sin unschuldig, »Jake hat vorhin angerufen. Er hat keine Nachricht hinterlassen, ich soll dich nur von ihm grüßen. Willst du ihn zurückrufen, bevor wir gehen?«

»Nein«, sagte Kit unwirsch. »Ich bin jetzt nicht in Stimmung. Das ist noch so ein Problem. Ich liebe ihn ja, den guten alten Jake, aber ist es wirklich das Wahre? Nachdem diese kleine Bombe geplatzt ist, bin ich verwirrter denn je. Wir haben so viel Spaß zusammen. Wird das vielleicht alles anders, wenn ich mich ernsthaft auf ihn einlasse? Und heißt das, dass ich ihn nicht wirklich liebe? Woher soll man so was wissen?«

»Mach dir nichts draus«, erwiderte Sin. »Natürlich bin ich, wie du bereits bemerkt hast, nicht Wittgenstein, aber weißt du, was er gesagt hat? ›Die Liebe, die sich nicht klassifizieren lässt, ist die beste.‹ Der Mann hat nicht ganz Unrecht, wie?«

»Dein Wunsch zu sterben, geht vielleicht in Erfüllung, noch bevor wir den Park erreichen«, sagte Kit grimmig. »Du hast mir den Abend verdorben. Begnüge dich damit. Oh, und nimm dein Portemonnaie mit. Möglich, dass ich gern ein Eis hätte.«

Auf der Reise von Portsmouth nach Devon saß Maria tief in Gedanken versunken da, während Hal über seine Versetzung auf die Fregatte HMS Falmouth sprach, darüber, wie schön es sei, nach Devon zurückzukehren und vielleicht in den Verheiratetenquartieren in der Compton Road in der Nähe von HMS Manadon in Plymouth unterzukommen. Sie stimmte ihm dann und wann murmelnd zu und versuchte, ihrer Stimme einen begeisterten Klang zu geben, aber ihre Gedanken waren anderswo. Die Aussicht auf ein paar gemeinsame Urlaubstage wurde von dem Wissen getrübt, dass Fliss auf The Keep war. Maria war überglücklich gewesen, als Hal den Vorschlag machte, dass sie sich zusammen die Quartiere für Verheiratete ansehen sollten und bei dieser Gelegenheit ein paar Tage bei seiner Großmutter verbringen konnten. Sie genoss es, sich von Ellen und Fox umsorgen zu lassen, sich in der billigenden Zuneigung von Mrs. Chadwick und Onkel Theo zu sonnen und sich von Caroline verwöhnen zu lassen. Sie fühlte sich dann wie ein geliebtes Kind, das von der Schule nach Hause zurückkehrte. Hal war bei der ganzen Familie außerordentlich beliebt. Sei Gesicht war entschlossen, zuversichtlich, gut aussehend, offen. Alle fühlten sich zu ihm hingezogen, schätzten sein freundliches Lächeln und sein gutmütiges Lachen. Er hatte für jeden einen Händedruck und ein versöhnliches Wort; alle liebten ihn.

Genau das war natürlich die Wurzel des Übels. Maria wollte nicht, dass alle Hal liebten, oder genau genommen wünschte sie, er würde diese Liebe nicht so bedingungslos erwidern. In ihren vernünftigeren Augenblicken wusste sie, dass Hal seine unbefangene Zuneigung Männern wie Frauen gleichermaßen schenkte – aber wann wäre Eifersucht je vernünftig gewesen? Sie befiel sie aus dem Nichts, brach über sie herein, um ihr schwaches Selbstbewusstsein zu unterhöhlen und ihren Glauben an seine Liebe zu erschüttern. Die Eifersucht trieb sie dazu, zickig und grausam zu sein, sie hielt sie des Nachts wach, wenn Hal fort war. Sie war der Grund, warum sie den Klatsch der anderen Ehefrauen fürchtete und es ihr verhasst war zu hören, dass er an irgendwelchen Dingen Spaß haben könnte, an denen andere Frauen beteiligt waren. Sie wusste, dass die Offiziere, wo immer das Schiff anlegte, zu Partys und Dinnerveranstaltungen eingeladen wurden, dass man sie während ihrer »Besuche zwecks Flaggezeigens« in den ausländischen Häfen königlich bewirtete und geradezu feierte. Sie wartete begierig auf seine Briefe, auf den gelegentlichen Telefonanruf, auf jede Bestätigung seiner Liebe.

An diesem sonnigen Junimorgen, als die Straße hinter ihnen dahinflog, fragte sie sich, ob es dasselbe gewesen wäre, wenn Hal ihr das mit Fliss nie erzählt hätte. War Hals »Geständnis« – nämlich dass er einmal eine romantische Beziehung zu seiner Cousine gehabt hatte – der Grund für ihre Unsicherheit? Es war so unfair. Er hatte es für seine männliche Pflicht gehalten, sich die Sache von der Seele zu reden, ohne darüber nachzudenken, welche Wirkung das auf sie haben würde. Er hatte ihr erklärt, dass es seine Jugendliebe gewesen sei und völlig unschuldig, aber die ganze Angelegenheit hatte so etwas schrecklich Romeo-und-Juliahaftes, und, so schien es jedenfalls Maria, wenn seine Familie es nicht verboten hätte, hätte die Liebe zwischen ihm und Fliss wahrscheinlich Bestand gehabt. Es war ihr nie recht gelungen, Hal diesbezüglich festzunageln. Seine Haltung war: »Nun, es ist nichts passiert, was soll also das ganze Theater? Ich bin jetzt mit dir verheiratet, und damit basta.«

Aber irgendetwas ist da immer noch, ich weiß es einfach, dachte Maria. Ich spüre es, wenn sie zusammen sind. Ich bin das Zweitbeste, das ist das Problem. Wie kann ich es mit ihr aufnehmen? Gott, ich hasse sie!

Was sie wirklich irritierte, war der Umstand, dass Fliss so nett zu ihr war. Tatsächlich hatte sie sogar einmal während einer von Hals längeren Patrouillen auf See eine Einladung in Fliss’ kleines Haus in Dartmouth angenommen. Einen kurzen, vernünftigen Augenblick lang hatte Maria begriffen, dass sie die ganze Sache vielleicht neutralisieren könnte, indem sie sich mit Fliss anfreundete; sie würden sich verbünden, sodass sie nichts mehr von ihr zu befürchten haben würde.

Zu Anfang sah es dann auch so aus, als könnte es funktionieren. In Hals Abwesenheit hatten die beiden jungen Frauen eine unbefangene Freundschaft begonnen und eine wundervolle Woche miteinander verbracht. Fliss zeigte Maria die Strände und Moore und fuhr mit ihr in die kleinen Marktstädte; sie besuchten sogar eine Abendandacht in der Kathedrale von Exeter, nachdem sie einen himmlischen Nachmittag mit Einkäufen in der Stadt verbracht hatten. Hal wurde dabei kaum erwähnt, abgesehen von der Tatsache, dass Maria sich todunglücklich fühlte, wenn er nicht da war. Seine Abwesenheit hatte es ihr ermöglicht, über ihn zu sprechen, als sei er ein ganz anderer Hal, einer, den Fliss nur flüchtig kannte, während er ihr selbst zutiefst vertraut war. Sie war weltklug gewesen, hatte sich seinen Mängeln gegenüber tolerant gezeigt und leichtherzig über seinen Mangel an Häuslichkeit gescherzt. Fliss hatte keinen Versuch unternommen, Ansprüche auf ihn zu erheben, hatte mit keinem Wort auf ihre eigene vertraute Beziehung zu Hal angespielt. Sie war so verständnisvoll gewesen, so mitfühlend, und sie hatten zusammen über die Probleme gelacht, die den Frauen von Marineoffizieren das Leben schwer machten. Am Ende der Woche war Maria davon überzeugt, das Gespenst begraben zu haben.

Ihre Gewissheit hatte bis zu dem Tag angehalten, als sie Hal und Fliss bei dem Geburtstagswochenende auf The Keep zusammen sah. Die Chadwicks pflegten eine alte Tradition, mehrere Geburtstage mit einem einzigen großen Fest zu feiern. Mrs. Chadwick, Hal und Kit sowie Mole hatte allesamt Ende Oktober Geburtstag, und wie durch ein Wunder waren in dieser Zeit immer Semesterferien. Im Laufe der Jahre war dieses Fest zu einer stehenden Einrichtung geworden. Jeder versuchte, zu dem Anlass nach The Keep zu kommen.

An diesem speziellen Geburtstag, kurz nach ihrem ersten Hochzeitstag, war Hal gerade von einem Einsatz auf See nach Hause gekommen, und er und Maria fuhren zu der großen Feier nach Devon. Sie war wunderbar zuversichtlich gewesen, hatte sich sogar darauf gefreut – bis sie den Ausdruck in Hals Augen bemerkt hatte, als er Fliss das erste Mal wiedersah …

Sie hatten mit Onkel Theo und Mole in der Halle gestanden, nachdem sie früher als erwartet eingetroffen waren, als Fliss und Caroline mit dem Tee hereinkamen. Die beiden lachten noch und blieben direkt hinter der Tür stehen, um ihr Gespräch zu beenden, die Köpfe zusammengesteckt und plötzlich mit ernster Miene, bevor sie sich der Gruppe am Kamin zuwandten. Maria hatte schon oft den Ausdruck gehört, dass Gesichter »aufleuchteten«, und in diesem Augenblick wusste sie genau, was er bedeutete. Fliss’ kleines Gesicht glättete sich, ihre Augen weiteten sich, und ihre Mundwinkel bogen sich nach oben. Maria, die unwillkürlich Hal ansah, bemerkte, dass auch sein Gesicht vor Liebe strahlte; es war, als bestünde eine unsichtbare, aber dennoch beinahe greifbare Verbindung zwischen den beiden. Ihr Herz hatte vor Angst schneller geschlagen, und sie verspürte die tiefe Sehnsucht, etwas an die Wand zu werfen, zu schreien, alles, nur um den Faden zu durchtrennen, der ihren Mann und ihre Cousine zu verbinden schien.

Sie hatte sich damals ziemlich töricht benommen und sich zu Mole umgedreht, um ihn zu fragen, warum die Familie immer noch seinen Spitznamen benutzte, obwohl er doch jetzt erwachsen war und viel zu groß, um sich unter Teppichen zu verbergen oder hinter Möbeln zu verschanzen. Sam sei so ein hübscher Name, hatte sie zu ihm gesagt, und von jetzt an werde sie ihn Sam nennen. Er hatte sie verwirrt gemustert, und sie war sich darüber im Klaren, dass ihre Stimme zu hoch war und ihre Gesten zu übertrieben, aber sie wusste auch, dass sie irgendetwas tun musste, um die Spannung zwischen Hal und Fliss zu zerreißen. Dann war Prue, Hals Mutter, erschienen, und die Elektrizität war versiegt, bis nur die ganz gewöhnliche Zuneigung zweier Familienmitglieder übrig blieb, die einander mit völlig natürlicher Freundlichkeit begrüßten. Maria hatte sich voller Erleichterung und Dankbarkeit der Umarmung ihrer Schwiegermutter überlassen. Prue war so mütterlich, so lieb, so erfreut, sie zu sehen …

»Schätzchen«, drang Hals fröhliche Stimme in ihre Gedanken, und sie zuckte zusammen. »Wir sind gut vorwärts gekommen. Wie wär’s mit einer Kaffeepause?«

4

The Keep war am Standort einer alten Hügelfestung zwischen Moor und Meer erbaut worden. Der dreistöckige, bugartige Turm zeigte mit der Rückfront nach Norden; seine Fundamente lagen hinter hohen Steinmauern. Der Hof lag im Süden, der Ziergarten und die daran anschließende Obstwiese im Westen. Nach Norden und Osten jedoch fiel der Hügel steil ab. Die zerklüfteten, grasbewachsenen Hänge führten zu der Talmulde hinunter, durch die der Fluss verlief. Spätere Generationen hatten dem Haus zwei Flügel hinzugefügt, die ein kleines Stück nach hinten versetzt zu beiden Seiten des Turms selbst lagen. Kein Schmuck linderte die Strenge von dessen rauen Steinmauern, obwohl sich an den Flügeln und den Hofmauern alte Rosen und Glyzinen emporrankten. Schutzlos dem launischen Wetter des West Country preisgegeben, wirkte The Keep älter als die einhundertdreißig Jahre, die es tatsächlich stand. Es schien vollkommen natürlich aus der Erde gewachsen zu sein, eins mit seiner Umgebung.

An diesem nebligen, regnerischen Morgen war Ellen, als sie in die Küche kam, überaus dankbar für die Wärme des Aga-Herds. Auf keinen Fall war sie töricht genug zu glauben, es sei jetzt wirklich Sommer geworden oder der Aga-Herd werde nicht länger benötigt. Trotz des neuen elektrischen Herds in der Spülküche hielt Ellen lieber am Althergebrachten fest. Wo sonst konnte man die Wäsche besser trocknen als auf dem Holzgestell, das an seinem Seilzug hoch über ihr von der Decke hing? Was sonst konnte die Küche an einem so unfreundlichen Tag behaglicher wärmen? Jetzt war Caroline diejenige, die die Asche hinausbrachte und den Koks ins Haus trug, aber zu Ellens Erleichterung – und zu der von Fox – beklagte sie sich niemals über diese Schinderei und wies auch niemals darauf hin, dass der neue Elektroherd viel bequemer wäre. Schweigend und ein wenig vorwurfsvoll stand er in seinem ganzen jungfräulichen Weiß unbenutzt da, eine stete Erinnerung an die Verschwendung von Mrs. Chadwicks Geld.

Fox hatte es sich bereits im Schaukelstuhl bequem gemacht, eine Tasse Tee in der Hand, während Ellen durch die Küche wuselte und das Frühstück vorbereitete. An Tagen wie diesem hatte Caroline es auch übernommen, mit dem Hund hinauszugehen. Fox’ Arthritis hinderte ihn daran, sich weit hinauszuwagen, obwohl er es, wenn das Wetter es zuließ, durchaus genoss, auf dem Hügel herumzuspazieren. Er hatte eine Weile gebraucht, um sich an den Verlust seiner Unabhängigkeit zu gewöhnen und sich mit Würde in sein Schicksal zu ergeben. Seine geliebte Herrin, der er fünfzig Jahre lang gedient hatte, war es schließlich gewesen, die das Problem gelöst hatte. Sie hatte den Stachel entfernt, der seinen Lebensabend zu vergiften drohte. Er hatte seinerzeit versucht, seiner Dankbarkeit darüber Ausdruck zu verleihen, dass er seinen Lebensabend bei ihr auf The Keep verbringen durfte; er hatte sich für seine Unzulänglichkeit entschuldigt, und sie hatte ihm nachdenklich zugehört.

Ihre Worte rührten ihn noch immer und wärmten ihm das Herz, und sie hatten es ihm endlich ermöglicht, in Ehren nachzugeben: »… du gehörst nun mal zu meiner Familie. Du musst jetzt über deinen Schatten springen und akzeptieren, dass wir in Zukunft für dich sorgen – so wie wir akzeptiert haben, dass du uns all die Jahre beschützt hast und uns treu zu Diensten warst. Du hast es dir verdient … du warst von Anfang an bei mir, Fox, und wir stehen es bis zum Ende durch, wir beide.«

Sie hatte ihm seine Würde zurückgegeben, sodass er nicht fortgehen und The Keep verlassen musste, um sich ohne Familie oder Freunde allein durchzuschlagen.

»Es will mir einfach nicht gefallen«, sagte Ellen plötzlich und stellte den Marmeladentopf mit einem vernehmlichen Krachen auf den Tisch. »Es ist nicht gut. Ich muss meine Meinung sagen, oder ich platze. Ich sorge mich halb krank, und das ist die Wahrheit. Auf die andere Seite der Welt zu gehen und dort ihr Baby zu bekommen. Ich frage mich wirklich, was als Nächstes kommt. Es wird ihr gar nicht gut gehen in diesem Klima. Sie ist nicht besonders stark, unsere Fliss. Was mag sich der Commander bloß dabei denken, dass er so etwas zulässt?«

Fox bog unter Schmerzen seine knotigen Finger durch und tätschelte den einzigen Teil von Ellen, an den er heran konnte. Sie zuckte missbilligend zurück, wie ein Pferd, das eine Fliege abschüttelte, und nickte dann abrupt, als sie begriff, dass er sie nur hatte trösten wollen.

»So etwas passiert ständig«, erklärte er ihr. »Und Hongkong, Hongkong ist britisch. Sie werden dort schon Krankenhäuser und alles haben. Nicht nötig, sich deswegen aufzuregen. Der Commander kann sie schließlich nicht zwei Jahre allein lassen, das will er bestimmt nicht. Er wird bei ihr sein.«

»Und das wird ihr auch wirklich etwas nützen«, rief Ellen. »In solchen Zeiten braucht man seine Familie.«

»Er ist ihre Familie«, bemerkte Fox milde. »Er ist ihr Mann.«

»Du weißt ganz genau, was ich meine«, blaffte Ellen. »Ehemänner mögen ja schön und gut sein, wo sie an ihrem Platz sind, aber ihr Platz ist nicht bei einem schwangeren Mädchen Tausende von Meilen von zu Hause entfernt. Außerdem wird er bestimmt sowieso auf See sein, und sie wird ganz allein sein. Oh, ich mache mir solche Sorgen, dass ich nicht mehr geradeaus denken kann.«

»Fliss ist jetzt die Frau eines Seemanns«, sagte Fox sanft. »Es ist ihre Pflicht, beim Commander zu sein. Keiner von uns kann da was machen, Mädchen. Sei einfach dankbar, dass man heutzutage in medizinischen Dingen so weit ist.«

»Sie hat Angst«, sagte Ellen kläglich und setzte sich plötzlich hin. »Ich kann es deutlich merken, trotz all ihres fröhlichen Geplappers. Mich täuscht sie nicht.«

Fox starrte sie an, erschüttert von dieser Enthüllung. Er selbst hatte Fliss ihren Frohsinn bisher durchaus abgekauft, aber jetzt, als er Ellens Schultern herunterhängen sah, wie sie es sonst niemals taten, jetzt steckte sie ihn langsam mit ihrer Sorge an.

»Es erinnert mich an damals, als sie aus Kenia herkamen«, sagte Ellen. »Weißt du noch? Sie hat ihre eigene Trauer immer unterdrückt, weil Mole nach dem Schock stumm geworden war. Ich sehe sie noch an eben diesem Tisch sitzen, voller Panik, weil sie dachte, er würde nie wieder sprechen, und ihn, wie er schluckte und schluckte und versuchte, die Worte herauszubringen. Aber sie hat es ihn nie merken lassen. Immer fröhlich und wohl gelaunt, hat sie versucht, ihn abzulenken und ihre eigene Angst zu verbergen. Jetzt macht sie es wieder, aber mich täuscht sie nicht.«

Fox fiel nichts ein, was er hätte sagen können. Er fühlte sich hilflos und vermutete, dass Ellen in ihrer gegenwärtigen Verfassung jeden Vorschlag seinerseits ohnehin zurückweisen würde. Als kurz darauf Caroline und Perks zusammen in die Küche kamen, stieß er einen Seufzer der Erleichterung aus.

»Ich werde noch bis an mein Lebensende darüber staunen, wie schnell sich das Wetter ändern kann«, sagte Caroline und schloss die Tür hinter sich, während Perks auf ihren Korb zutappte. »Heute haben wir noch Sommer, und am nächsten Tag ist schon Herbst …«

Sie hielt inne, weil sie die Atmosphäre in der Küche spürte, und ihr Blick ging zwischen Fox und Ellen hin und her. Fox schüttelte leicht den Kopf und zeigte dann mit dem Kinn auf Ellen, wobei er warnend die Mundwinkel herunterzog. Caroline hob fragend die Augenbrauen und legte Ellen im Vorbeigehen sachte eine Hand auf die Schulter.

»Ich brauche eine Tasse Tee«, sagte sie. »Es ist nicht direkt kalt, aber irgendwie ist es furchtbar feucht. Gott sei gedankt für eine schöne, warme Küche. Auch eine Tasse, Ellen? Ich sehe, dass Fox seine schon hat.«

»Ich glaube, ich nehme eine«, sagte Ellen, ohne sich von der Stelle zu rühren. »Ich bin heute mit dem falschen Bein aufgestanden, das ist alles.«

»Arme alte Ellen.« Caroline nahm die große, braune Teekanne vom Herd und stellte sie auf den Tisch. »Gibt es irgendeinen besonderen Grund dafür, oder ist es einfach ein kleiner Depri wie früher Moles ›schwarzer Hund‹?«

»Es geht um Fliss«, jammerte Ellen und rang die Hände. »Sie ist nicht glücklich, Caroline. Da gibt es kein Vertun.«

»Nein«, sagte Caroline nach einem kurzen Augenblick. »Nein, das ist mir klar. Hier.« Sie schenkte Ellen Tee ein und schob ihr die Tasse hin. »Ich habe auch darüber nachgedacht. Sie versucht, tapfer zu sein, aber sie hat eine Menge auf dem Herzen. Das Baby, den Umzug nach Hongkong, dass sie von uns allen zwei Jahre lang getrennt sein wird. Das Schlimme ist, dass sich da nichts machen lässt. Wenn sie hier bleibt, um das Baby zu Hause zu bekommen, und dann wartet, bis es alt genug zum Reisen ist, wird die Hälfte von Miles’ Zeit vorüber sein, bevor sie überhaupt in Hongkong ankommt.«

»In meiner Jugend«, sagte Ellen grimmig und völlig unbeeindruckt von diesem Einwand, »sind die jungen Frauen von Marineoffizieren nicht mit ihren Ehemännern um die Welt getingelt. Sie sind hübsch zu Hause geblieben und haben ihre Kinder großgezogen. Ich erinnere mich gut daran, dass es Väter gab, die ihre Kinder erst sahen, als sie zwei Jahre oder älter waren.«

»Damals gab es ja auch noch keine Flugzeuge«, warf Fox ein. »Die Seereise zu den Standorten in China oder sonstwo war genug, um die meisten jungen Frauen abzuschrecken.«

»Aber das Ganze ist doch nichts Neues«, sagte Caroline sanft. »Denk doch nur an die Briten draußen in Indien. Und du möchtest doch sicher nicht, dass Miles sein Kind erst sieht, wenn es zwei Jahre alt ist, Ellen?«

»Es geht mir nicht um den Commander«, erwiderte Ellen halsstarrig. »Es geht um Fliss. Eine junge Mutter sollte glücklich und zufrieden sein, nicht verschreckt und einsam und voller Sehnsucht nach ihrer Familie.«

»In Kowloon gibt es ein britisches Militärhospital. Und dort werden andere junge Frauen sein, die genau wie Fliss Kinder bekommen. Sie wird viele Freundinnen finden. Die Marine kümmert sich um ihre Leute, Ellen. Der Marinestützpunkt heißt HMS Tamar, nach dem Fluss. Das ist doch ein schöner, vertraut klingender Name, wie man ihn überall in Devonshire finden könnte, nicht wahr?«

»Aber was der Name des Stützpunktes mit der Frage zu tun haben soll, ob Fliss glücklich ist oder nicht, das will mir nicht einleuchten.«

Caroline und Fox tauschten einen Blick, während Ellen wütend an ihrem Tee nippte und die Tasse klirrend auf den Unterteller stellte.

»Das Problem ist«, sagte Caroline, die selbst aus einer Soldatenfamilie stammte und Verständnis für beide Standpunkte aufbringen konnte, »dass es nichts gibt, was wir tun könnten. Wenn Fliss unsere Angst um sie spürt, wird sie nur umso unglücklicher sein. So wie ich es sehe, ist es besser, je weniger sie darüber nachdenken muss. Natürlich macht es ihr zu schaffen, dass sie uns alle verlassen und so weit weg gehen muss, und natürlich hat sie Angst davor, ihr erstes Kind unter fremden Menschen zu bekommen. Aber es gibt keine Alternative. Sie glaubt, es wäre falsch – und da gebe ich ihr Recht –, hier zu bleiben. Wir sollten sie in ihrer tapferen Einstellung bestärken, dass das Ganze ein großes Abenteuer sein wird, weil wir ihr sonst den Mut nehmen. Das ist das Mindeste, was wir tun können …«

Die Tür öffnete sich, und Fliss trat in die Küche. Die sofortige Stille war so gespannt, dass sie einen Augenblick lang einfach nur dastand und die anderen abwechselnd ansah. Sie erwiderten ihren Blick, schockiert und reglos, als spielten sie gerade das altbekannte Spiel »Standbild«.

»Tut mir Leid«, sagte sie und lächelte, obwohl sie dabei ein wenig ängstlich wirkte. »Habe ich bei irgendetwas gestört?«

»Nur«, sagte Ellen und erhob sich schwerfällig vom Tisch, »nur bei dem alten Streit über diesen verflixten Herd. Meiner Meinung nach eine schreckliche Geldverschwendung, obwohl Mrs. Chadwick es nur gut gemeint hat. Er mag ja sauberer und bequemer sein, aber was wir an einem Morgen wie diesem ohne den Aga-Herd machen sollten, weiß ich wirklich nicht. Aber ich weiß etwas anderes, nämlich dass es uns kein bisschen weiterbringt, einfach nur rumzusitzen und darüber zu reden. Wo ich ohnehin schon mit dem Frühstück etwas spät bin.«

Caroline lächelte Fliss zu, während diese sich auf einen Stuhl sinken ließ. »Tee?«

»Bitte.« Fliss seufzte zufrieden. »Ich muss sagen, ich bin ganz Ellens Meinung. Ich liebe diese Küche. Ich habe immer so gefroren, als wir damals aus Kenia zurückkamen, und es war hier immer so wunderbar gemütlich. Nirgendwo im Haus bin ich damals so gern gewesen wie hier.«

»Erinnerst du dich noch an unsere Dominopartien?« Fox strahlte sie aus seinem Schaukelstuhl an. »Und an Ellens Dose mit den Karamellbonbons?«

»Oh ja, und ob ich mich daran erinnere!«, sagte Fliss. »Durchsichtiges Papier mit verschiedenfarbigen Schnörkeln darauf. Ich habe immer die roten am liebsten gemocht, obwohl ich den Verdacht hege, dass die Karamellbonbons alle gleich schmeckten.«

»Und diese Susanna«, sagte Ellen, die nun wieder zurückgewuselt kam, »immer wollte sie ein Bonbon für jede Hand. Die reinste Landplage, das Mädchen.«

»Ziemlich typisch für Susanna, meinst du nicht auch?«, sagte Caroline. »Das Leben mit beiden Händen zu packen und sich zu weigern, wieder loszulassen. Sie hat sich nicht geändert.«

»Ich bin froh, dass sie sich dafür entschieden hat, ihr Kunststudium in Bristol zu machen«, sagte Fliss, stützte sich mit beiden Ellbogen auf den Tisch und wärmte ihre Hände an der Tasse. »Es tut gut zu wissen, dass sie für den Anfang bei Tante Prue wohnen wird. Sie kennt niemanden in Bristol und wird erst einmal furchtbar einsam sein.«

Es folgte ein winziges Schweigen.

»Die wird schon im Handumdrehen Freunde finden, unsere Susanna«, sagte Fox aufmunternd. »So ein liebenswertes kleines Mädchen wie unsere Susanna.«

»Ganz meine Meinung«, lächelte Caroline. »Der arme alte Mole hatte immer solche Schwierigkeiten mit ihr, wenn sie im Zug von der Schule kamen oder wieder hinfuhren. Sie hat jeden angesprochen, der ihr über den Weg lief.«

»Deshalb bin ich ja so froh, dass sie bei Tante Prue wohnen wird«, sagte Fliss. »Die gute Sooz steht immer gleich mit jedem auf Du und Du. Jeder ist ein Freund. Weiß Gott, mit wem sie sich ein Zimmer teilen würde. Auf diese Weise wird sie wenigstens etwas Luft zum Atmen haben. Etwas Zeit, um sich einzuleben und Leute kennen zu lernen.«

»Natürlich«, sagte Caroline nachdenklich, »das ist das Gute an der Marine, nicht wahr? Wo immer man hingeht, ist da ein gewisses Netz. Leute, die man kennt, alte Freunde, die man wiedersieht.«

»Das ist richtig«, sagte Fliss sofort. »Es ist überraschend, wie viele von Miles’ Kollegen draußen in Hongkong stationiert sind. So wie es sich anhört, wird es eine riesige Wiedersehensfeier geben. Die anderen Ehefrauen werden mir bestimmt helfen, mich dort zurechtzufinden. Ich muss sagen, das ist ein tröstlicher Gedanke.«

»Wenn du wieder nach Hause kommst, wirst du schon ein richtiger alter Hase sein«, sagte Fox munter. »Was du uns dann alles erzählen kannst! Pass bloß auf, dass du viele Fotos machst, Mädchen. Wir wollen alles sehen.«

»Natürlich mache ich das«, versicherte Fliss ihm. Sie schluckte, presste die Lippen zusammen und versuchte zu lächeln. »Ich wünschte nur, ich könnte euch alle mitnehmen.«

»Ein toller Einfall, ich muss schon sagen«, bemerkte Ellen, die hinter ihr vorbeiging und einen Augenblick lang stehen blieb, um Fliss eine Hand auf die Schulter zu legen. »Uns alte Leutchen nach Hongkong zu verfrachten. Ich frage mich, was als Nächstes kommt? Aber wir werden alle hier sein und auf dich warten, wenn du zurückkommst, da kannst du Gift drauf nehmen. Und jetzt trink diesen Tee aus, dann bekommst du einen Teller Porridge.«

5

Freddy ging langsam den Weg unterhalb der Hofmauer entlang und beschnitt die Rosen, die sich zwischen den Glyzinen und den Clematis rankten. Ihr dickes, jetzt silbern schimmerndes Haar trug sie noch immer zu einem schweren Knoten im Nacken frisiert, und jetzt thronte ein alter Leinenhut darüber, der ihre Augen gegen die Sonne beschirmte. Ihre Arme waren nackt und dunkelbraun von langen Stunden im Garten, und ihr alter Tweedrock war ein wenig aus der Form geraten, nachdem sie sich in ihm viele Jahre über ihre geliebten Blumen gebeugt und vor ihre Pflanzen gekniet hatte. Trotzdem umgab sie noch immer eine gewisse anmutige Eleganz, die durch ihre hochgewachsene, schlanke Gestalt unterstrichen wurde. Ein Rotkehlchen leistete ihr Gesellschaft, perlte aus den Zweigen über ihr sein Lied hervor und legte dann den Kopf schief, um zu sehen, ob sie es auch zu schätzen wisse. Ab und an hüpfte der Vogel hinunter, um zwischen den holzigen Wurzeln zu stöbern, oder er flog auf die Mauerkrone hinauf, um sich das Gefieder zu putzen. Freddy erfreute sich an seiner Anwesenheit und sprach leise mit ihm.

Die Kinder waren in ihre jeweiligen Häuser zurückgekehrt, und ohne sie wirkte The Keep stiller als gewöhnlich. Während sie vor sich hin schnibbelte, überlegte Freddy, dass sie mit einem ganz anderen Gefühl im Haus lebte, wenn eins der Kinder da war, obwohl jedes Kind seine eigene Atmosphäre schuf. Sie hielt einen Augenblick lang inne und fragte sich, ob das vielleicht nur Einbildung sei, kam dann aber zu dem Schluss, dass es stimmte. So zum Beispiel bei Hal. Hal gab einem das Gefühl, wachsam zu sein und bereit für alles Mögliche, das sich ereignen konnte. Es konnte geschehen, dass man von einem Augenblick zum anderen aufgeschreckt wurde: Wahrscheinlich rollte bald ein Wagen voller junger Leute durchs Tor, oder man hatte einen wildfremden Menschen am Frühstückstisch sitzen, von Hal nach einem fröhlichen Abend im Pub eingeladen. Wann immer sie sich geneigt fühlte, ihm diese doch einigermaßen lässige Art zu verübeln, versuchte Freddy sich ins Gedächtnis zu rufen, dass Hal irgendwann vielleicht der Herr von The Keep sein würde. Er war ihr Testamentsvollstrecker und Treuhänder, denn sie hatte sich endlich überreden lassen, juristischen Rat zu suchen und den ganzen Besitz in ein Treuhandvermögen umzuwandeln, und so hatte sie Hal als ihren Bevollmächtigten eingesetzt. Es hatte sie bekümmert, ihr Versprechen zurückzunehmen, denn er war nicht länger ihr Erbe – sie hatte keinen Erben als solchen –, aber die ganze Familie war sich darin einig und akzeptierte, dass wahrscheinlich er derjenige unter ihren Enkelkindern sein würde, der The Keep später als sein Zuhause benutzen würde; also sollte er auch das Einkommen haben, um den Besitz in Stand zu halten. Es war gut, dass er sich hier so zu Hause fühlte, gut, dass The Keep unter seiner großzügigen Gastfreundlichkeit ein offenes Haus sein würde. So viele Jahre lang war es jetzt eher eine Zuflucht gewesen: eine Zuflucht für Freddy selbst und ihre vaterlosen Zwillinge; eine Zuflucht für die drei verwaisten Kinder, als sie von Kenia zurückkamen; eine Zuflucht auch für Theo, als er beschloss, seine Wohnung in Southsea aufzugeben und endlich nach Hause zu kommen. Jetzt waren alle Kinder fort – oder fast alle. Susanna, die Letzte, die das Haus verließ, würde im Herbst nach Bristol gehen, obwohl sie über die Ferien immer nach Hause zurückkommen wollte. Aber sobald Mole mit seiner Ausbildung in Dartmouth fertig war und Susanna ihren Kurs beendet hatte, würde The Keep nur noch ein Heim für die alten Leute sein, die innerhalb seiner Mauern zurückblieben.

Freddy ließ die Gartenschere in den Korb fallen und sah sich um. Es war ein leicht niederdrückender Gedanke – und ein törichter. Schließlich war Caroline noch lange nicht alt, und die Kinder kamen immer übers Wochenende und für kurze Ferien oder einfach auf der Durchreise vorbei. Das würde nicht alles aufhören, weil keiner von ihnen mehr auf The Keep lebte. Trotzdem, es kam einem doch so vor, als nähere sich die Familie dem Ende einer Ära.

Das Rotkehlchen hüpfte auf einen nahen Zweig und sang ein oder zwei Strophen, und sein strahlender Blick flößte Freddy Mut ein. Sie lächelte und nickte wie zur Antwort – sie durfte sich einfach nicht gestatten, Trübsal zu blasen –, und um sich abzulenken, griff sie ihren vorherigen Gedankengang wieder auf. Nachdem sie über Hal bereits nachgedacht hatte, wandte sie sich nun Kit zu, seiner Zwillingsschwester. Nun, die liebe Kit war schlicht und einfach eine Exzentrikerin, daran gab es nichts zu rütteln. Sie erinnerte Freddy an eine ältliche Tante, die sie als Kind über alles geliebt hatte; ein ziemlich verrücktes Huhn, aber herrlich unberechenbar. Genauso ein Mensch war Kit. Sie war jung, aber die Anzeichen waren schon alle da: ihre Art, wie sie sich mit den Hunden in dem großen Hundekorb zusammenrollte, ihr Hang zu ungewöhnlichen Menschen – Sin zum Beispiel und der zauberhafte Jacques, den sie Jake the Rake nannte – und ihre Treue ihrem alten Morris gegenüber, Eppyjay genannt wegen seines Nummernschilds, EPJ 43. Sie war unpünktlich, faul und unbestimmt, aber es wurde einem immer warm ums Herz, dachte Freddy, wenn Kit einem den Arm um den Hals schlang und ins Ohr flüsterte: »Hallo, Schätzchen.« Keines der anderen Kinder hatte sie je »Schätzchen« genannt …

Fliss war natürlich etwas ganz Besonderes, nicht zuletzt weil sie Freddy daran erinnerte, wie sie selbst in jungen Jahren gewesen war. Sie verbarg ihre Unsicherheit mit dem gleichen Emporrecken des Kinns und einem Durchdrücken der Schultern; sie hing mit allen Fasern ihres Seins an der Familie, und hinter ihrem zerbrechlichen Äußeren lag eine unvermutete Stärke. Fliss um sich zu haben erschien ihr das Natürlichste von der Welt – als hätte sie eine jüngere, stärkere Version ihrer selbst im Haus. Wenn es doch nur möglich gewesen wäre, Fliss und Hal eine Heirat zu erlauben. Sie hätten das perfekte Paar abgegeben, die idealen Besitzer von The Keep. Seine Lebhaftigkeit hätte ihren Ernst gemildert, und ihr gesunder Menschenverstand hätte seiner Verwegenheit Zügel angelegt.

Das Rotkehlchen flatterte empor und über die Mauer, und Freddy setzte sich auf die Holzbank und blickte mit einem Seufzer über den Hof. Nun, das Thema war erledigt, und es hatte keinen Sinn, weiter darüber nachzugrübeln. Hal hatte Maria; so ein hübsches Kind, aber sie würde noch eine Weile brauchen, um erwachsen zu werden. Freddy spürte einen Mangel an Selbstbewusstsein bei Maria, den zu verstehen ihr einfach nicht möglich war. Tatsächlich hatte es während des letzten Besuches Augenblicke gegeben, in denen sie sich beinahe über Maria geärgert hatte. Manchmal hatte sie geradezu verdrossen dreingeblickt, und als Fliss ihnen erzählt hatte, dass sie ein Kind erwarte, hatte Maria sich höchst merkwürdig aufgeführt.

Ich glaube, sie war eifersüchtig, dachte Freddy. Aber was für ein Unsinn! Sie und Hal sind sicher durchaus im Stande, Kinder zu bekommen. Es muss etwas anderes gewesen sein.

Sie hob das Gesicht dem Sonnenschein entgegen und schloss die Augen. Ach ja, und dann war da noch Mole. Nun, mit Mole lagen die Dinge wieder ganz anders. Ein echter Chadwick, Theo so ungemein ähnlich, dunkelhaarig, braunäugig, ein stiller, bescheidener, freundlicher, kluger Junge, aber – und darin unterschied er sich von Theo – es war immer ein wenig anstrengend, ihn dazuhaben. Das lag natürlich an all diesen Jahren der Sorge. Zuerst konnte er nicht sprechen, und als er endlich seine Stimme wiederfand, waren die Albträume gekommen und das Schlafwandeln, die furchtbare Angst, allein gelassen zu werden, seine Sorge, dass die Mitglieder seiner Familie auf dieselbe Weise verschwinden könnten wie seine Eltern und sein Bruder. Der arme Mole. Zum tausendsten Mal fragte sie sich, welche schrecklichen Einzelheiten Mole wohl an dem furchtbaren Tag gehört haben mochte, als er unter dem Küchentisch spielte und der Polizist hereingestürzt kam, um der Köchin die grauenvolle Nachricht zu überbringen. Jahrelang war dies ihr ganz privater Kummer gewesen. Die offizielle Geschichte war, dass der Wagen von Mau-Mau überfallen und seine Insassen erschossen worden waren, aber seither waren viele andere Geschichten von Gräueltaten durchgesickert, und Freddy vermutete, dass ihr Ende äußerst qualvoll gewesen sein musste.

Freddy zwang sich, sich von diesem Grauen abzuwenden, und dachte an Susanna. Glücklich, freundlich, ausgeglichen; Susanna war von allen Kindern am leichtesten zu haben. Da sie zu jung gewesen war, um sich an ihre Eltern und ihren Bruder zu erinnern, hatte sie sich zufrieden in das Leben auf The Keep eingefügt und hatte heute keine anderen Erinnerungen. Dies war ihr Zuhause und ihre Familie. Sie gehörte hierher – so wie sie alle auf die eine oder andere Weise hierher gehörten, weshalb Freddy darauf bestanden hatte, dass The Keep für sie alle weiterhin eine Zuflucht sein musste. Hal war der geeignete Kandidat, um später die Zügel in die Hand zu nehmen, um den Trust für seine eigenen Kinder und deren Vettern und Cousinen zu erhalten. Das war die Bedingung, die an sein »Erbe« geknüpft war.

Wir sind schon eine seltsame Schar, dachte Freddy. Die lieben Alten, Ellen und Fox, die seit einer Ewigkeit bei mir sind. Caroline. Was um alles in der Welt hätten wir bloß ohne Caroline angefangen? Und Theo …

Während sie da in der Sonne saß, ihren Korb neben sich auf der Bank, lächelte Freddy wehmütig. All die Jahre, in denen sie ihn geliebt hatte, und nie hatte er etwas erraten. Wie schrecklich es gewesen war, den Mann zu heiraten, den man zu lieben glaubte, nur um sich dann in dessen jüngsten Bruder zu verlieben. Es war schwer gewesen, ohne die Erwiderung dieser ganz speziellen Art von Liebe leben zu müssen … zumindest hatte er nie geheiratet. Zweifellos hatte sein Priesterstand etwas damit zu tun, obwohl es ihm als Marinepfarrer gestattet gewesen wäre, sich eine Frau zu nehmen. Selbst heute, wo doch alle Leidenschaft eigentlich verbraucht sein sollte, verspürte Freddy einen schwachen Stich der Eifersucht bei dem Gedanken, Theo könnte eine romantische Beziehung zu einer anderen Frau haben. Wie glücklich sie gewesen war, als er endlich beschlossen hatte, heimzukommen, wie kostbar seine Kameradschaft ihr in diesen letzten sieben Jahren gewesen war. Sie hatte mit ihm gehadert, hatte seinen Glauben geschmäht, hatte sich auf ihn gestützt und liebte ihn nun seit mehr als fünfzig Jahren. Ein Leben ohne Theo war unvorstellbar.

Das Rotkehlchen kam heruntergeflogen, pickte in den Ritzen zwischen den Pflastersteinen neben ihrem Schuh und spähte mit seinen strahlenden, wissenden Augen zu ihr empor.

»Ganz recht«, sagte sie zu ihm. »Ich lasse nach.« Woraufhin Freddy sich erhob, nach ihrem Korb griff und sich wieder den Rosen zuwandte.

Mole, der den Hügel zu dem schmalen Haus in der Above Town hinaufging, dachte darüber nach, was für ein Glück es gewesen war, dass Fliss während seiner ersten beiden Jahre auf dem College in Dartmouth gelebt hatte. Er liebte die Stadt mit ihren engen Straßen und den malerischen alten Häusern; das Leben dort spielte sich hauptsächlich rund um den Fluss ab, auf dem jetzt Vergnügungsdampfer zwischen Dartmouth und Totnes hin- und herfuhren oder die Besucher zu einem Ausflug die Küste entlang aufs Meer hinausbrachten. Die Burg bewachte die Flussmündung, und unter dem bewaldeten Hügel namens Gallants Bower kauerte sich die kleine Steinkirche von St. Petrox.

Ich fühle mich, als gehörte ich hierher, dachte Mole. Vielleicht kaufe ich mir eines Tages ein Haus am Fluss und wohne hier.

Während des letzten Jahres hatte er endlich begonnen, sich von dem Albtraum zu befreien, den der Tod seiner Familie für ihn dargestellt hatte; es ging nicht mehr nur darum, das Grauen niederzuringen, wenn es ihn plötzlich ansprang, sondern ihm tatsächlich zu entwachsen. Er hatte allmählich geglaubt, dass ihm das niemals möglich sein würde, aber sein neues Leben … Dartmouth, die Marine, ein Gefühl echter Zugehörigkeit …, diese Kombination schien seine Last irgendwie zu relativieren. Jahrelang hatte das Schicksal seiner Familie sein Denken ausgefüllt, und die Worte und Bilder hatten ihn blind gemacht und ihm die Luft zum Atmen genommen. Niemand außer ihm hatte den Bericht gehört, den der Polizist an jenem heißen Nachmittag gedankenlos der Köchin offenbart hatte: »… oh, mein Gott! Überall war Blut. Sie hatten Macheten dabei, Äxte, Stöcke … das Hemd von dem Jungen triefte vor Blut … Sie haben seinen Kopf fast zu Brei geprügelt, so brutal, dass er sich beinahe vom Körper löste …« Der Tod hatte plötzlich, an einem strahlend sonnigen Tag, zugeschlagen. Sein geliebter großer Bruder war tot – und auf eine so furchtbare Weise gestorben. Er, Mole, war der Einzige von der Familie, der die Bürde der wirklichen Wahrheit trug, der langsam gelernt hatte, mit ihr zu leben, sich mit ihr zu arrangieren, und jetzt hatte er, wie es schien, endlich die Chance, sie zu überwinden. Wenn er es nur schaffte, sich von diesen furchtbaren Bildern nicht niederdrücken und in den schwarzen Abgrund hinabziehen zu lassen, so hatte er geglaubt, würde es ihm zu guter Letzt gelingen, die Furcht zu beherrschen. Aber er hatte nie darauf gehofft, sich ganz davon befreien zu können. Und dennoch war er klug genug, sich nicht allzu hart auf die Probe zu stellen, nicht allzu bald auf allzu viel zu hoffen. Dieses Wissen war fünfzehn Jahre lang sein Gefährte gewesen, und er vermutete, dass es seine Macht über ihn nicht allzu bereitwillig aufgeben würde.

Er pfiff leise vor sich hin, als er nun den Crowders Hill hinaufstieg und nach Above Town einbog. Die Tür stand offen, und er schlug einen kurzen Trommelwirbel auf das Holz, während er mit ein paar lauten Grußworten in den engen Flur trat. Fliss kam ihm aus der Küche entgegen, und sie umarmten sich. Sie trug einen von ihren indischen Wickelröcken und eine kurzärmlige Gazebluse, die sie sich um die Taille geknotet hatte. Mole achtete sehr auf die Kleidung einer Frau, und im Großen und Ganzen zog er einen eleganteren Stil vor, aber er fand, dass Fliss doch entzückend aussah in dem langen, fließenden Rock und mit ihrem dicken, blonden Haar, das sie sich beiläufig zu einem Knoten gesteckt hatte. Es fiel ihm schwer, sie unvoreingenommen zu betrachten. Sie war seine Schwester, seine Freundin, seine Vertraute, aber jetzt musterte er sie kritisch und sah auch die Schatten unter ihren Augen und die feinen Linien der Anstrengung um ihren Mund herum.

»Geht es dir gut?«, fragte er, während er ihr in das Wohnzimmer folgte, das gegenüber der Küche lag. »Zu Hause alles in Ordnung? Wie ging es Hal und Maria?«

»Es geht allen gut«, versicherte sie ihm. »Die Gefühle im Hinblick auf Hongkong und das Baby sind natürlich etwas gemischt.«

»Na ja, das ist wohl verständlich.« Er sah sich in dem Raum um und ließ sich in einem Habitat-Sessel nieder, einem Gestell aus rostfreiem Stahl, über das wie eine Hängematte grüner Cordstoff gespannt war. Dieses Zimmer gefiel ihm von allen am besten. »War Maria eifersüchtig wegen des Babys?«

Sie sah ihn scharf an.

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