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Jagdzeit

Die Decke der Zivilisation ist dünn

Seit College-Zeiten sind Ken, Greg und Art befreundet. Nun haben sie Karriere gemacht, sind verheiratet und leben in einem netten Häuschen in der Vorstadt. Was niemand ahnt: Hinter der netten Mittelschichtsfassade verbergen sich rücksichtslose, psychopathische Mörder. Ohne die Spur eines Unrechtsempfindens kidnappen sie regelmäßig Pärchen und geben sie in den abgelegenen Sümpfen Michigans zum Abschuss frei — für die drei ist das „guter, sauberer und durch und durch amerikanischer Spaß“. Doch dieses Mal läuft alles anders. Irgendwann holen die Schatten der Vergangenheit jeden ein …

David Osborn wurde 1923 in New York geboren. Als Pilot der US-Luftwaffe flog er vier Jahre lang Einsätze im Südpazifik. Während seines Studiums an der Columbia University schrieb er erste Stücke für Off-Broadway-Theater. Da er während der McCarthy-Hysterie mit einer kommunistischen Organisation in Verbindung gebracht wurde, ging er 1955 nach Frankreich und arbeitete in der Nähe von Cannes tagsüber in einem Steinbruch, nachts schrieb er erfolgreiche Drehbücher für die britische Filmindustrie. Das Drehbuch zu „The Trap“ wurde für den „Oscar“ nominiert. In den frühen 1970ern arbeitete er zeitgleich für Disney und Jacques Tati. Später, in der Schweiz entstanden einige seiner erfolgreichen zehn Romane. David Osborn lebt heute mit seiner Frau in Connecticut.

David Osborn

Jagdzeit

Übersetzt von Marcel Keller

Mit einem Nachwort

von Frank Göhre

PENDRAGON

Zum 17. Juni 1972 – Watergate

In „Jagdzeit“ geht es nicht in erster Linie um die pervertierte Barbarei der drei Protagonisten Ken, Greg und Art — oder auch Wolkowski —, sondern um die dunkle Seite der Menschen allgemein, die immer und überall zutage tritt. Seit Erscheinen meines Buches hat sich die Menschheit diesbezüglich bedauerlicherweise nicht verändert.

David Osborn im Dezember 2010

Prolog

Der Bezirksstaatsanwalt hielt sich selbst für einen durchaus empfindsamen Menschen. Während er mit Alicia Rennick und ihren steif dasitzenden Eltern sprach, hatte er auf einmal das Gefühl, den Ausdruck in Alicias hohlen Augen nicht länger ertragen zu können. Es war nicht so sehr die leidvolle Erinnerung an Schrecken, Ekel und Schmerz; das alles hatte er schon oft genug bei anderen jungen Frauen gesehen, die vergewaltigt worden waren. Es war vielmehr der dumpfe Widerschein der irgendwo tief in ihr wachsenden Erkenntnis, dass sie völlig verraten worden war.

Also wandte er sich von ihr ab. Und auch von Mr. und Mrs. Rennick. Er schwang seinen ledergepolsterten Bürostuhl herum und starrte vorbei an dem scharf und zuversichtlich drein blickenden Porträt Präsident Eisenhowers an der Wand neben den hohen, von Vorhängen eingerahmten Fenstern. Draußen traf goldenes Nachmittagslicht die Ulmen, welche den Stadtpark und die ihn umgebenden roten Ziegelbauten aus dem frühen 19. Jahrhundert überragten. Jenseits der Äste und Blätter und durch sie hindurch konnte man andeutungsweise den Turm der presbyterianischen Kirche und den Glockenturm der Universität erkennen. Später sollte sich der Staatsanwalt noch an diesen speziellen Moment erinnern und daran, wie impotent und heuchlerisch ihm ironischerweise die amerikanische Flagge vorgekommen war, die bewegungslos in einer Ecke des Büros stand, ihr gebündelter Stoff eine Ansammlung von roten, weißen und blauen Vertikalen.

Es war totenstill. So still, dass es schien, die dunkelgetäfelten Wände und der schwere Teppich erstickten sogar die Gedanken. Aber Gedanken waren sehr wohl da. Gedanken, die in Worte gefasst und laut ausgesprochen werden mussten. Er kannte das Was. Das Wie war so schwierig. Es gab da Dinge, von denen die Rennicks keine Ahnung hatten und die er ihnen nicht sagen wollte. Wenn diese Dinge ausgesprochen würden, würde das Mädchen noch mehr verletzt werden, als sie es ohnehin schon war.

Als er sich wieder umwandte, vermied er Alicias Blick und sah stattdessen Rennick an, ein großes, untersetztes Exemplar der gutbürgerlichen Mittelklasse, mit Augen, die schon klein geworden waren vor lauter Wohlanständigkeit und Phrasendrescherei.

Er weiß es, dachte der Bezirksstaatsanwalt, Rennick ist nicht blöd. Aber er wird so tun, als wüsste er nichts. So kann er die ganze Tonleiter rauf- und runterspielen. Für Rennick würde es unnötigerweise nur darum gehen, das Gesicht zu wahren.

„Ich möchte nicht, dass Sie denken, dieses Amt habe kein Verständnis, Mr. Rennick. Wir sind hier, um Ihnen und Alicia in jeder nur möglichen Weise zu helfen. Aber Verständnis, ich meine amtliches Verständnis in Form einer öffentlichen Anklage — nun, das ist für Alicia vielleicht jetzt gerade nicht das Richtige. Denken Sie wirklich, nach allem, was sie durchgemacht hat, braucht sie da noch öffentliche Zurschaustellung? Braucht sie nicht eher Ruhe und Schutz?“

„Was meinen Sie mit Zurschaustellung?“ Das kam von Mrs. Rennick. Trotzig. Eine kräftige Frau in den Vierzigern, mit noch guter Figur. Aber ihr sorgfältig und übertrieben geschminktes Gesicht war eine Maske rechtschaffenen Anstands. Sie war mal attraktiv gewesen. Sie wäre es vielleicht noch, wenn sie es sich selbst erlaubt hätte.

„Er meint einen Prozess“, erklärte Rennick ihr geduldig. „Presseberichte.“

Aber ihrer Entrüstung Ausdruck zu verleihen war plötzlich erträglicher, als sich um das Wohl ihrer schweigenden Tochter zu sorgen. Sie fühlte sich persönlich angegriffen. Und mit ihr alle Frauen. Angegriffen von der nicht endenden privilegierten Verschwörung der Männer. Gott, wie sie deren selbstgefällige Posen verabscheute.

„Ein Prozess stellt die Schuldigen zur Schau und bestraft sie“, ätzte sie zurück. „Wir wissen alle, wer sie sind und was sie getan haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand Alicia verurteilen wird!“

Alicia rührte sich nicht. Sie war achtzehn und hübsch in einer zerbrechlichen, unsicheren und gehemmten Art. Ihre schmalen Künstlerhände lagen gefaltet, bewegungslos in ihrem Schoß, auf dem gerade geschnittenen Kleid, das ihre Mutter sie zu tragen gezwungen hatte, ein besonders hochgeschlossenes Kleid, als ein brennendes Symbol geschändeter Weiblichkeit.

Der Bezirksstaatsanwalt erinnerte sich daran, wie sie ein einziges Mal flüchtig gelächelt hatte. Es war das sanfteste und verlorenste Lächeln, das er je gesehen hatte. Er versuchte es noch mal. „Betrachten wir es doch einmal so, Mrs. Rennick. Wenn Sie gestatten. Vom Standpunkt der Geschworenen aus. Zunächst einmal: Ein zerschundenes Äußeres, ein paar Schrammen, eine zerschnittene Lippe, ein blaues Auge — nichts davon deutet zwangsläufig auf Vergewaltigung hin.“ Er zwang sich zu einem fröhlichen Lächeln und täuschte Leichtigkeit vor. „Die Polizei liest jedes Wochenende ein dutzend Kids auf, die nach einer Schlägerei unter Schulfreunden genauso aussehen. Meistens passiert so was, wenn ein Mädchen versucht, in den Kampf von zwei eifersüchtigen Jungs einzugreifen.“

Der Versuch ging daneben. Mrs. Rennicks Stimme zischte ein weiteres Mal unangenehm aus dem breiten Oval ihres feindseligen Gesichts. „Sie sagen, dass Alicia nicht vergewaltigt wurde?“

„Aber nein. Versuchen Sie doch bitte zu verstehen.“ Seine Stimme bat sie noch einmal eindringlich, die Sache fallen zulassen, den ganzen verdammten Mist, nach Hause zu gehen und es zu vergessen. „Meine Verantwortung Ihnen und Alicia gegenüber verpflichtet mich dazu, Ihnen genau zu sagen, was Ihnen bevorsteht, falls Sie sich für eine Anklage entscheiden.

In jedem Gerichtsverfahren gibt es Unwägbarkeiten, egal wie klar oder verworren die Sachlage erscheinen mag.“

„Weiter.“ Das war Rennick.

Alicia starrte immer noch regungslos auf einen Punkt im Raum. War es die Vergangenheit? Oder die Gegenwart oder die Zukunft? Hörte oder sah sie etwas?

Da waren Stimmen und undeutliche Bilder. Vorbeihuschende Erinnerungssplitter von Trunkenheit und Schuld. Und Angst. Das warnende Gefühl von Angst, das sie ignoriert hatte, als Ken auf der Party vorschlug: „Machen wir ‘nen kleinen Ausflug, Alicia.“ Und Art hatte gelacht und gezwinkert. Die plötzliche Angst, als sie sich nicht nur mit Ken, sondern auch mit Art und Greg im Auto wiederfand. Die wachsende, whiskygetränkte Panik, als Greg vom Rücksitz aus nach vorne griff und eine Hand in ihre Bluse gleiten ließ; und dann Art, der dasselbe tat. Und Ken, der plötzlich vom Fahrersitz aus fachmännisch unter ihren Rock langte.

Sie hatte angefangen, sich zu wehren und zu schreien. Hatte Ken sie da zum ersten Mal geschlagen? Mit dem Handrücken. Ihre Lippen waren noch immer geschwollen und aufgeplatzt. Und ihr Zahnfleisch war wund. Vom ersten Schlag oder den anderen, die folgten?

Das grelle Licht. Das Motel. Greg und Art, die sie auf den Boden des Wagens drücken, außer Sicht. Das Licht taucht das Dach und die Fenster des Wagens in Weiß. Die plötzliche Dunkelheit des Zimmers, lange unbenutzt, stickig kalt. Ihre Beine, die gegen fremde Möbel schlagen. Faustschläge. Kleider werden ihr vom Leib gerissen. Die Nacktheit. Erst ihre, dann die der anderen. Das Fremde der behaarten, harten, muskulösen Männerkörper. Und Männergeruch. Nicht einer, sondern drei. Dann Hände überall und Gelächter und Münder, die in ihren Mund beißen und an ihren Brüsten nagen. Und wieder Hände, die ihre Hände zwingen, sich um ein steifes Glied zu schließen, dann noch eines. Ken und Greg. Das Gewicht und der schmerzhafte Druck hartknochiger Gliedmaßen und der endgültige schreiende Schmerz, Greg unter ihr, ein Schmerz, der schneidet wie ein Messer, das Gewicht von Ken über ihr, seine tiefen Stöße von der gleichen Raserei. Ihre Flüche und ihr Gelächter. Und schließlich Art in ihrem Mund, gummiartig scheußlich, seine volle, erstickende Länge, die Daumen in ihre Augenwinkel gepresst. „Du Flittchen“, faucht er, „beiß mich und ich quetsch sie dir aus.“

Wann war sie gegangen? Warum hatten sie sie laufen lassen? War es nur, weil sie schließlich betrunken eingeschlafen waren? Wann hatte die Polizei sie am Rand der nächtlichen Straße aufgelesen? Der diensthabende Sergeant ignorierte ihre Verzweiflung.

„Nein, mir ist nichts zugestoßen, ich habe nur zu viel getrunken. Ich bin spazieren gegangen. Ich bin gefallen.“

„Der Name Ihres Vaters?“

„Bitte, ich möchte keinen Ärger. Bitte. Lassen Sie mich einfach nach Hause gehen. Was habe ich getan? Sie machen es nur noch schlimmer.“

Und das Telefon, das läutet, irgendjemandes blecherne Stimme, unheilvoll, am anderen Ende. Das Motel. Drei Jungs. Wer wohl für den Schaden bezahlen würde, die zerbrochene Lampe, den Spiegel, den Stuhl, die von Zigaretten verbrannte Matratze, die verschmutzten Laken? Als sie eincheckten, hatte niemand das Mädchen gesehen. Das war ein anständiges Motel. Hatten noch nie Ärger. Ja, jemand der Frazer hieß. College Student.

Der Bezirksstaatsanwalt, inzwischen ungeduldig, drehte an seinem Bleistift. „Mrs. Rennick.“

Aber sie ließ sich nicht unterbrechen. Ihre Augen trüb vor Abscheu über das, was sie zu sagen hatte, und voller Hass gegen alle Männer, während sie sprach. „Noch vierundzwanzig Stunden später wurden Samenspuren bei Alicia festgestellt. Anal als auch vaginal.“

Mit einer Geste resignierender Endgültigkeit ließ er den Bleistift auf die Ablage fallen. Genug ist genug. Man konnte nicht jeden schützen. Nicht vor sich selbst. Er hatte auch noch andere Arbeit zu erledigen. Alicia war achtzehn, sie würde es überleben. So etwas hat noch keinen umgebracht.

Er antwortete kalt: „Das stimmt, Alicia wurde untersucht, Mrs. Rennick. Der Bericht stellt aber nicht fest, ob der an ihr vollzogene Beischlaf gegen ihren Willen erfolgte.“

Sie brauchte eine Sekunde, um zu verstehen. Sie starrte ihn an, dann explodierte sie: „Was bitte, zum Teufel, wollen Sie damit andeuten?“

„Tut mir leid, Mrs. Rennick, aber Sex ist für junge Frauen heutzutage beinahe eine Selbstverständlichkeit. Sogar in der Junior High School. Vierzehnjährige Mädchen. Das werden die Geschworenen zumindest in Betracht ziehen.“

„Jetzt passen Sie mal auf!“ Rennick richtete sich schwerfällig auf, während Wut in ihm hochkochte. „Alicia vögelt nicht in der Gegend rum. Und weder Sie noch sonst jemand wird mir das Gegenteil erzählen. Am allerwenigsten die kleinen miesen Schweine, die sie vergewaltigt haben.“

„Sie war Jungfrau!“ Das war wieder Mrs. Rennick.

Und das stimmte wahrscheinlich. Der medizinische Bericht hatte es nicht ausdrücklich bestätigt, aber der Arzt war der Meinung, dass Alicia die Wahrheit gesagt hatte.

„Wir sind vielleicht nicht anders als andere Eltern, weder besser noch schlechter, aber wir kennen unser Kind.“

Das sagten sie alle.

Und Alicia selbst. War sie wirklich unschuldig? Wahrscheinlich. So gut konnte niemand Theater spielen.

„Mr. Rennick, Mrs. Rennick, ob es Ihnen gefällt oder nicht, Ken Frazer, Greg Anderson und Art Wallace stellen die Elite der amerikanischen Jugend dar. Attraktive Jungs, stammen aus den besten Familien. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass sie alle drei zu den besten Studenten des College zählen. Anderson ist der Held seiner Universität. Dieses Jahr zum landesweit besten Sportler gekürt.“

„Sie haben meine Tochter vergewaltigt.“ Schrill klang es, unkontrolliert.

„Art Wallace ist Präsident seiner Studentenvereinigung. Ken Frazer wird sein Studium mit Auszeichnung abschließen.“

„Das interessiert mich einen Dreck, und wenn er der Präsident der Vereinigten Staaten wäre.“

„Also im Klartext: Sie verlangen von mir, dass ich die Geschworenen davon überzeuge, dass in einer freizügigen Gesellschaft drei männliche, derart beliebte amerikanische Jungs nicht in der Lage wären, ihre sexuellen Bedürfnisse mit buchstäblich Dutzenden anderer attraktiver, ich möchte sogar sagen, äußerst bereitwilliger Mitstudentinnen zu befriedigen. Sie verlangen von mir, zu behaupten, sie hätten ausgerechnet Ihre unbedeutende Tochter aussuchen müssen, um sie mit Gewalt zu nehmen?“

„Ich verlange eine strafrechtliche Verfolgung.“

Es gab keinen Ausweg. Er senkte seine Stimme und sagte behutsam: „Nun gut, wenn Sie es wünschen. Ich fürchte, ich kann Ihnen ein weiteres Detail nicht ersparen.“ Er wartete, dann sprach er, mit einem rachsüchtigen Unterton, denn Mrs. Rennick blickte ihn immer noch herausfordernd an. „Diesem Amt ist bekannt, dass alle drei Jungs bereit sind, unter Eid auszusagen, Alicia selbst hätte die Party vorgeschlagen. Dass sie von jedem zwanzig Dollar verlangt und erhalten habe, um dafür freiwillig an jedem einzelnen und in Anwesenheit der anderen unnatürliche Akte grober sexueller Perversion auszuführen, einschließlich Analverkehr und Fellatio.“

Er nahm einige Papiere von seinem Schreibtisch. „Ich habe die Kopien ihrer eidesstattlichen Erklärungen hier. Und einige dies bekräftigende Zeugenaussagen, einschließlich einer Studienkollegin Alicias.“ Spitz fügte er hinzu: „Einem Mädchen.“

Nach einer Weile sagte Rennick: „Nun gut.“ Seine Stimme klang rau und belegt und er erhob sich schwerfällig.

Der Bezirksstaatsanwalt holte noch zu einem letzten Schlag aus. „Ich fürchte, dass Sie, wenn es uns nicht gelingen sollte, einen Schuldspruch zu erreichen, zweifellos wegen Verleumdung angeklagt werden. Alicia wird sich vor der Polizei wegen Prostitution und sexueller Ausschweifung und vielleicht sogar wegen Verführung Minderjähriger zu verantworten haben. Ken Frazer ist noch keine einundzwanzig.“

Später, als sie hinuntergingen, als sie den Ziegelbau des Gerichts verließen, warteten Alicia und ihre Mutter, während Mr. Rennick das Auto holen ging, das auf der anderen Seite des Rasens geparkt war.

Plötzlich fragte Mrs. Rennick sachlich: „Wann ist deine nächste Periode?“

Langsam wandte sich Alicia ihr zu. Und durch den Schock fand sie ihre Stimme wieder und hörte sich selbst, als wären ihre Stimme und sie verschiedene Identitäten, als würden sie durch die ganze Weite der weichen Grünfläche mit ihren Bänken und Blumen und dem Bürgerkriegsdenkmal und der schweren Kanone voneinander getrennt.

„Was?“

„Deine nächste Periode. Oder hast du sie schon verpasst?“ Ihre Mutter lächelte verkrampft. „Oder hast du daran gedacht, dein Diaphragma zu benutzen?“

Sie hatte es also gefunden. Sie hatte ihr Zimmer durchsucht. Wie beweisen, dass man es nie verwendet hat? Nie. Gewollt ja, geplant, es irgendwann einmal zu tun. Aber dann doch nie den Mut dazu gehabt. Wie konnte man irgendjemanden überzeugen, wenn drei College-Helden bereit waren zu schwören, man hätte es für Geld getan. Wenn eine deiner eigenen Freundinnen dich verkauft hat, um sich bei ihnen lieb Kind zu machen. Wenn dein eigener Vater weggegangen ist, um den Wagen zu holen, mit steinernem Gesicht, ohne ein Wort? Wenn der Bezirksstaatsanwalt deinem Blick ausgewichen ist beim Verabschieden? Wenn deine Mutter dich ansieht, den Mund zu einem lippenstiftbedeckten, mörderischen Schlitz zusammengekniffen?

„Morgen sagst du Buddy wie-heißt-er-noch-gleich, dass du ihn heiratest, sobald er will.“

„Buddy?“

„Der Junge nebenan. Der in der Autowerkstatt arbeitet.“

„Buddy Garner?“ Ungläubiger Blick. „Aber er ist bloß Mechaniker.“ War ihre Mutter verrückt geworden? Sie war nicht einmal mit Buddy aus gewesen. „Mutter, ich kenne ihn kaum.“

Mrs. Rennick lachte schrill. „Nun, er ist verrückt nach dir. Zu verrückt, um Fragen zu stellen.“

„Nein. Nicht er!“

Was war mit Buddy? Etwas Kaltes irgendwo tief in ihm, etwas, das anders war. Oder war es bloß das erbärmliche, hündische Schmachten in seinen Augen, wann immer sie vorbeikam, um zu tanken? Bei ihm schauderte sie immer.

„Ich mag ihn nicht einmal.“

„Das wird sich geben.“

„Aber ich will nicht heiraten. Ich möchte hier bleiben und die Schule abschließen.“

Bloß nicht weinen, um Himmels willen, gib ihr nicht diese Genugtuung.

„Die Schule abschließen? Tatsächlich? Nach allem, was du deinem Vater und mir angetan hast?“ Einen Augenblick Schweigen. Dann: „Was ist mit dem Schulgeld? Unterhalt? Ach ja, natürlich, hatte ich ganz vergessen. Du kannst ja Geld verdienen, nicht wahr!?“

Diesmal war ihr Lächeln wie Samt. Anständige Frauen, die Geld von den Männern bekamen, die sie geheiratet hatten, konnten es sich leisten, mit Huren freundlich zu sein.

Und da war ihr Vater, plötzlich, und hielt die Wagentür auf. Nur ein paar Meter entfernt.

Es war Zeit zu gehen.

1

Montag, sechs Uhr morgens.

Mit seinen achtunddreißig Jahren war Ken Frazer ein Mann, der zu Recht von sich behaupten konnte, es zu etwas gebracht zu haben. Er war stellvertretender Direktor einer wichtigen Werbeagentur in Detroit und mit dem Etat einer großen Firma für Haushaltsgeräte betraut; er war Vorsitzender der Southern Michigan Democrats for Nixon und im Vorstand der Ann Arbor Historic Society; er war Direktor mehrerer lokaler Firmen, einschließlich eines wichtigen, der Universität angeschlossenen Forschungslabors; und er hatte überall Freunde. Sein Siebzigtausend-Dollar-Haus am Stadtrand von Ann Arbor war großzügig umgeben von fast einem halben Hektar Wiesen und Bäumen. Der beheizbare Swimmingpool und der Gartengrill fielen nicht so auf, dass man sie als amerikanischen Mittelklasse-Kitsch hätte kritisieren können. Wie Ken selbst.

Dann gab es da einen schnittigen europäischen Sportwagen, einen leuchtend gelben 911 S Porsche, sorgfältig heruntergespielt durch seinen Wagen für alle Tage, einen gewöhnlichen Ford-Kombi. Es gab eine Bibliothek mit Klassikern und Büchern aus dem Buch-Club, die Helen und er gelegentlich lasen. Sie machten immer wieder Ferien an interessanten Orten. Letztes Jahr hatten sie zehn Tage in Budapest verbracht, anstatt sich der üblichen amerikanischen Sommerinvasion in Paris, Rom oder Madrid anzuschließen, und ihr Hang zum Kommunismus war seitdem der Witz auf jeder Dinner-Party gewesen. Im Jahr davor hatten sie ein Haus an Portugals berühmter Algarve-Küste gemietet, wo die In-People international und intellektuell waren, britische Adelstitel vorherrschten, auch wenn deren Träger eher aus den Kolonien, Rhodesien und Kenia, stammten.

Helen selbst gab sich zurückhaltend schick und modisch. Sie rauchte durchaus mal einen Joint, wenn es die anderen auch taten, lehnte aber Partnertausch oder Gruppensex entschieden ab. Sie und Ken hatten es einmal ausprobiert und es hatte ihr nicht gefallen. Nicht etwa wegen ihres eigenen Partners, der nicht übel war, sondern wegen Ken, der munter und nachgerade hemmungslos mit einer ihrer ehemaligen Studienkolleginnen gevögelt hatte, die schon immer eine Schwäche für ihn gehabt hatte. Gelegentliches Nacktbaden mit Freunden machte ihr aber nichts aus. Wenn die Kinder nicht in der Nähe waren. Es machte Spaß und war ungefährlich. Ihr einziges ernstzunehmendes Laster war, dass sie vielleicht ein bisschen zu viel trank. Das hinterließ allmählich Spuren in Form einer gewissen Schlaffheit am Bauch und an den Oberschenkeln und einer leichten Rundung unter ihrem ansonsten festen Kinn. Aber im Augenblick ging es noch. Ihre Figur war noch ziemlich gut. Etwas gelitten hatte sie durch die Geburt und Aufzucht von vier Kindern, vierzehn, zwölf, zehn und acht Jahre alt. Geistig und emotional gelitten. Die Plackerei der Mutterschaft war nicht leicht gewesen, nach den Jahren an der Uni. So manche Frau fragte sich heute wohl, wozu ihr Diplom eigentlich gut sein soll, während sie dreckige Papierwindeln ins Klo entleerte oder wieder mal nach dem Abendessen loszog, um verstreutes Kinderspielzeug einzusammeln. Jetzt hatte sie das alles natürlich schon hinter sich. Jetzt waren Teenager-Probleme dran. Nach einer Reihe katastrophaler europäischer Aupair-Mädchen, meistens völlig hirnlose Schweizerinnen, hatte Ken wie durch ein Wunder ein schwarzes Teilzeit-Hausmädchen aufgetrieben, ein ziemlich selbstbewusster, frecher Afro Typ, zugegeben, aber dennoch himmlisch. Die Kinder waren, zumindest was ihr leibliches Wohl betraf, ziemlich selbständig. Helen hatte daher Zeit, Yoga-Stunden zu nehmen, Vorsitzende des lokalen Umweltschutz-Komitees zu werden und vielleicht sogar einen Job bei Ford zu bekommen, nachdem ein findiger Jung-Manager sich bei der Frauenbewegung einzuschmeicheln versuchte, indem er die Meinung überdurchschnittlich gebildeter Frauen — wie sie es war — über neue Designs und Farben erkundete.

Auch Ken konnte ein paar persönliche Pluspunkte verbuchen. Er wog kaum ein Pfund mehr als zu College-Zeiten, er hatte noch immer volles Haar und er hatte einen Hang zu Späßen, den er sofort abschalten konnte, wenn es darum ging, jemandem zu imponieren, dessen Intellekt und Niveau über dem Durchschnitt lagen. Er war dunkel, blauäugig, relativ groß, einsachtzig, um genau zu sein, und noch immer der Star des alljährlichen Eltern-Lehrer-Ballspiels.

Alle diese Gedanken fügten sich zu einer gewissen ruhigen Selbstgefälligkeit, die ihn beim Erwachen sanft durchströmte. Es war der erste November und noch dunkel. Er sollte Art Wallace und Greg Anderson nach Möglichkeit vor sieben Uhr abholen. Sie hatten heute eine lange Fahrt vor sich. Und er hatte einen Kater. Gestern hatten er und Helen zum Sonntags-Lunch geladen und er hatte viel zu viel getrunken. Wie sie alle. Vorwand war Halloween gewesen. Art und Greg und ihre Frauen Pat und Sue waren da gewesen, Annie und Tom Purcell, Bill Carter und seine Freundin Joyce und, relativ neu in ihrer jahrealten Clique, Paul Wolkowski, den zu kennen sich lohnte, weil er die richtigen Beziehungen in der Hauptstadt hatte und was auch immer in Ordnung bringen konnte. Zum Grillen mit zu viel Bier hatten sie der Kälte getrotzt, den ganzen Nachmittag mit den Kindern Fußball gespielt, und dann, nach einem kalten Abendessen, nachdem die Kinder im Bett gewesen waren, hatten sie ernsthaft zu trinken begonnen.

Die Frauen hatten den üblichen Blödsinn geschnattert, und die Männer hatten über Kens, Gregs und Arts alljährlichen Jagdausflug zu den Seen der nördlichen Halbinsel von Michigan gesprochen. Sie wollten am nächsten Morgen losfahren und diskutierten endlos darüber, was sie letztes Jahr mitgeschleppt hatten und diesmal zu Hause lassen sollten, und umgekehrt. Sie käuten alte Geschichten wieder, wer wann welches Wild erlegt und wer in welcher Nacht den meisten Bourbon erledigt hatte. Purcell, Carter und Wolkowski waren echt neidisch. Kens, Gregs und Arts Jagdhütte war exklusiv. Jahrelang hatten sie freundlich, aber bestimmt jedwede und jedermanns Bitte abgeschlagen, sie begleiten zu dürfen.

Nach Mitternacht waren schließlich alle Gäste gegangen. Mehr aus Tradition als aus einem besonderen Bedürfnis hatte Ken mit Helen geschlafen. Dabei wurde sie unerwartet erregt und wollte mehr und er musste ein zweites Mal ran. Danach hatte er wie ein Toter geschlafen.

Jetzt regte sie sich neben ihm. Er fühlte die volle Länge ihres nackten Körpers. Sie schlief immer so, voll ausgestreckt. Eine ihrer Brüste, lag weich auf seinem Arm. Ich könnte ihre Beine auseinander schieben und in ihr sein, bevor sie wach genug ist, um rauszufinden, dass sie zu müde dazu ist, dachte er, und wenn ich fertig bin, wird sie wach genug sein, um mehr zu wollen. So muss man eine Frau zurücklassen, damit sie die Tage zählt, bis du wieder zurück bist und zu Ende bringst, was du begonnen hast, als du wegfuhrst. Aber nach der letzten Nacht schien es ihm zu mühsam, und Helen war nicht die Gleiche, wenn sie schlief, nicht schnippisch und kokett, stattdessen bewegungslos, mit leicht geöffnetem Mund, saurem Atem und plumpen, schlaffen Brüsten.

Leise stieg er aus dem Bett. Er machte die Badezimmertür hinter sich zu und drehte die Dusche auf. Nach und nach kehrte Leben in seinen Körper zurück. Er putzte sich die Zähne und vertrieb mit Mundspülung und Alka-Seltzer den Großteil des Bourbon-Geschmacks, bevor er sich leise anzog. Segeltuchhose, dickes Wollhemd, hochgeschnürte Jagdstiefel.

Gestern Nacht hatte Helen gesagt, sie würde in der Küche Kaffee für ihn hinstellen. Lautlos verließ er das Schlafzimmer und durchquerte das Wohnzimmer, wo das erste graue Licht die Möbel gespenstisch aussehen ließ. Er stahl sich den Flur entlang, vorbei an dem Raum, in dem Petey schlief.

Die Tür stand offen. Schlief er? Helen sagte, dass er fast nie die Augen schloss. Sie sagte, er läge einfach da, stundenlang, und starre in die Dunkelheit, wartend.

Irgendwie unheimlich. Schön, aber hirnlos. Sechzehn Jahre, aber geistig höchstens zwei oder drei. Petey war Paul Wolkowskis Sohn, und Wolkowski war Witwer. Niemand wusste, wie seine Frau gestorben war. Er sprach nie von ihr. Er hatte für Petey eine Ganztags-Krankenschwester angestellt, keine ausgesprochene Schönheit, aber nicht so hässlich, dass die Leute nicht insgeheim hofften, er würde vielleicht doch gelegentlich mit ihr schlafen. Man konnte von einem Kraftpaket wie Wolkowski keine Enthaltsamkeit erwarten. Die Krankenschwester war derzeit nicht da. Jeden Herbst nahm sie sechs Wochen frei, um ihre kranke Mutter in Kalifornien zu besuchen, und wenn er in dieser Zeit dienstlich auswärts zu tun hatte, wie diese Woche, bat Wolkowski Freunde, sich um den Jungen zu kümmern.

Meistens war es Helen. Weder Sue Anderson noch Pat Wallace wollten Petey bei sich im Haus haben. Sagten, er könne ihren eigenen Kindern schaden. Nun, vielleicht. Ken wollte das aber nicht recht glauben, denn wenn andere Kinder Petey auslachten und sich über ihn lustig machten, war dessen einzige Antwort ein sanftes Lächeln und hinter seinen blauen Augen in seinem engelhaften blonden Gesicht war nichts. Wem könnte so jemand etwas zuleide tun?

Ken fand den Kaffee, wärmte ihn auf, trank ihn langsam und wünschte sich, er wäre wieder im Bett. Und er verfluchte sich, dass er Helen nicht genommen hatte, als sie vorhin so bereit dalag. Jetzt, fertig angezogen, hatte er auf einmal Lust. Doch als der Gedanke an die lange Fahrt, die noch bevorstand, in ihm aufblitzte, wurde seine Fantasie gedämpft. Er stellte seine Kaffeetasse in die Geschirrspülmaschine, schaltete das Licht aus und verließ die Küche.

Der Boden des Flurs bestand aus handgehauenen Bohlen, die aus einer verlassenen Scheune in Illinois stammten. Das Sideboard, einige Stühle und eine Bank waren echt frühamerikanisch, mennonitisch. Helen sagte immer, dass sie eine gute Balance zum modernen Stil des Wohnzimmers darstellten. Da gab es auch einen Gewehrständer mit drei Schrotflinten und vier Kugelgewehren. Ken nahm einen 25-06 Repetierstutzen Modell Remington 700 herunter und lehnte ihn vorsichtig neben den schweren Rucksack, den er letzte Nacht vollgepackt hatte. Es war ein Allzweck-Gewehr mit hoher Schussgeschwindigkeit, für Elch- und Rotwildjagd gleichermaßen geeignet und bis auf fünfhundert Yards schussgenau. Er fand seine Jagdmütze, an deren rechte Seite er keck die Lizenzmarke für Rotwildjagd gepinnt hatte. Er setzte sie auf, schnallte sich den Rucksack um, nahm das Gewehr unter den Arm. Wenn er vorsichtig war, würde er zur Haustür hinauskommen, ohne jemanden zu wecken. Außer vielleicht den armen Spasti am Ende des Flurs, hinter der offenen Tür.

Er bewegte sich lautlos, da tauchte völlig unerwartet Helen auf, noch schlaftrunken, ihr weißer Körper im Kontrast zu ihrem dunklen geöffneten Morgenmantel.

„Sagst du nicht auf Wiedersehen?“

„Sicher. Wollte dich nur nicht wecken.“

Sie lehnte sich an ihn, küsste ihn auf die Wange.

„Viel Spaß“, sagte sie.

Sie küsste ihn wieder, diesmal mit offenem Mund, langte hinunter und ließ ihre Hand absichtlich die linke Seite seiner Hose hinaufgleiten, um, gegen die weiche Fülle seines Glieds gepresst, gerade lange genug zu verweilen, bis sie spürte, wie es sich ihr unwillkürlich entgegen drängte.

Dann war sie weg.

Miststück, dachte er, warte nur, bis ich zurück bin.

Die Tür vom Flur zur Garage schloss sich hinter ihm mit einem kaum hörbaren Klick. Er knipste das Licht an, drückte den grünen Auf-Knopf, und das Garagentor hob sich mit einem schwachen elektrischen Summton. Das Dach des Ford war voll bepackt. Da waren zwei Außenbordmotoren, zwei Sechsmann-Schlauchboote, vier große Propangasflaschen sowie einige Meter Rohr und ein Gewindeschneider. Die Rohre hatte er dabei, weil die Wasserleitung zu ihrer Jagdhütte dringend repariert werden musste. Das alles war mit einer Gummiplane gesichert. Das hatte er alles am Vortag erledigt. Aber um sicher zu gehen, ging er noch mal alles durch. Dann verstaute er seinen Rucksack und sein Gewehr hinten im Wagen, knipste die Beleuchtung aus, setzte sich hinters Lenkrad, schaltete die Zündung ein. Der Motor sprang sofort an. Er fuhr ohne Licht in die Morgendämmerung hinaus. Der Rasen mit den Büschen und dem stillen, kalten Swimmingpool, dessen Möbel für den Winter weggeräumt waren, sah finster aus. Wie ein Friedhof.

Als Ken auf dem Fahrweg Richtung Straße war, bemerkte er eine Bewegung an seinem Schlafzimmerfenster. Helen sah ihm nach. Er erinnerte sich an einen Traum, den er vor ein paar Nächten gehabt hatte. Er war wie jetzt weggefahren, und Helen stand am Fenster. Sie hatte ihm für immer Lebewohl gesagt, denn er würde nicht wiederkehren.

Die Erinnerung beunruhigte ihn. Er erreichte die Straße und zündete sich eine Zigarette an, und der erste Zug an diesem Tag ließ ihn sich besser fühlen. Er fuhr zu Art Wallaces Haus. Art zuerst, dann Greg Anderson. Keiner von ihnen wohnte mehr als eine halbe Meile entfernt. Es schien, als seien sie immer so nah beisammen gewesen. Selbst Korea hatte sie nicht auseinander gebracht. Greg und er waren in derselben Infanteriedivision gewesen; Art war bei den Hubschraubern, aber er hielt den Kontakt, wann immer er eine offizielle Ausrede finden konnte, um „vorbeizuschauen“, was oft passierte. Sie hatten viel Spaß gehabt. Sie hatten immer Spaß gehabt. Und wenn Ken an sie drei dachte, wusste er, sie würden immer Spaß haben. Guten, sauberen, typisch amerikanischen Große-Jungs-Spaß.

2

Sieben Uhr dreißig.

Ein richtiger Jäger muss seiner Ausrüstung besondere Aufmerksamkeit widmen. Qualitativ erstklassige Ware kann ihm das Leben retten. Minderwertige Ware kann ihn selbiges kosten. Wenn er zum Beispiel in den dichten Wäldern im Norden von Maine, Minnesota, Oregon oder Michigan jagt, wird er wadenhohe relativ Wasser- und kältefeste Stiefel benötigen, die geschmeidig genug sind, um seinen Beinen Bewegungsfreiheit zu gewähren, doch schwer genug, um den tödlichen Biss einer Giftschlange abzuwehren, sollte er versehentlich eine aus ihrem Vorwinterschlaf wecken. Die Sohlen dürfen nicht so dick sein, dass das Gehen zu einem schwerfälligen Tiefseetaucher-Spaziergang wird, aber dick genug für ein Profil, das guten Halt auf umgestürzten Bäumen und moosbewachsenen glitschigen Felsen gibt.

Er sollte schweiß-absorbierende Socken bei sich tragen, eine Reservegarnitur Unterwäsche und ein Hemd zum Wechseln. Jäger laufen aufgrund der Natur ihrer Beschäftigung ständig Gefahr, durchnässt zu werden; in Seengebieten gibt es Gewässer und Flüsse, in die man hineinfallen kann. Und wenn er auf weniger dramatische Art nass werden sollte — durch Regen, Hagel oder Schnee —, braucht er eine wasser-, schnee- und winddichte Jacke, die eng am Hals schließt, sodass weder Feuchtigkeit noch Wind eindringen können.

Wenn er keine feste Bleibe hat, wird er eine Feldflasche und Wasserdesinfektionstabletten benötigen; niemand traut heutzutage mehr einem klaren Bergbach. Er sollte kompakte und ausgewogene Trockennahrung dabei haben, die im Notfall auch ungekocht genießbar ist. Auch sollte er sowohl ein Mehrzweck-Taschenmesser als auch sein klassisches Jagdmesser mit sich führen, eine Erste-Hilfe-Ausrüstung, eine wasserdichte Streichholzschachtel und ein Gasfeuerzeug — eigentlich zwei Feuerzeuge für den wenn auch unwahrscheinlichen Fall, dass das eine mit den Streichhölzern zusammen verloren geht. Ein paar Nähnadeln, etwas Zwirn und ein oder zwei Sicherheitsnadeln gehören ebenso zur Standardausrüstung. Genauso wie ein kleiner Satz Schraubenschlüssel und ein Schraubenzieher mit Hohlgriff, der ein Sortiment Klingen und Ahlen enthält.

Der Jäger sollte auch eine Sonnenbrille als Blendschutz und einen Feldstecher bei sich tragen, vorzugsweise mit splitterfesten Linsen für den Fall eines unglücklichen Sturzes. Außerdem eine wasserfeste Taschenlampe mit verstellbarem Fokus, Ersatzbatterien und -lämpchen, eine stoßfeste, wasserdichte Armbanduhr, einen Feldspaten, laminierte topografische Karten von dem Gebiet, das er durchstreifen wird, und natürlich einen leichten, wasserdichten, insektensicheren Schlafsack, der zum Lüften gewendet werden kann. Auch eine Zwanzig Meter-Rolle mit leichtem, reißfestem Nylon-Kletterseil kann manchmal nützlich sein.

All dies und vieles mehr sollte sorgfältig innerhalb und außerhalb eines in viele Fächer unterteilten Rucksacks aus Nylon verstaut werden, der an einem Alu-Rahmen mit gepolsterten Schulterriemen und gepolstertem Hüftgürtel befestigt ist.

Es muss wohl kaum erwähnt werden, dass er auch eine Waffe tragen muss. Unter der großen Auswahl an klassischen Tötungswerkzeugen, wie Langbogen, Armbrust, Wurfmesser, Machete, Bumerang oder Bola, Schrotflinte, Handfeuerwaffe oder Kugelgewehr, ist das Kugelgewehr wahrscheinlich die beste Wahl — insbesondere wenn der Jäger vorhat, jene äußerst gefährliche Art von Großwild zu jagen, die man Mensch nennt.

Das seltene 7 mm Holland & Holland Magnum doppelläufige Kipplaufgewehr britischer Herkunft hat auf 2.450 Fuß Entfernung eine Geschwindigkeit von 816 Metern pro Sekunde und eine Auftreffenergie von 830 Kilopond, genug, um einen angreifenden Elefanten sofort zu töten oder einen dreiviertel Tonnen schweren Elchbullen nicht nur in die Knie zu zwingen, sondern komplett von den Hufen zu hauen. Es ist, abhängig von den Windverhältnissen, genau, das heißt, bei der oben genannten Entfernung ist seine Streuung auf 14 Zentimeter genau, somit ein kürzerer Abstand als der vom Thorax bis zum Herzen eines durchschnittlichen männlichen Menschen.

Mit einem guten, niedrig montierten Zielfernrohr, wie etwa einem variablen Leupold mit zehnfacher Vergrößerung, reduziert sich ein 300 Meter entfernt liegendes Ziel auf dieselbe Kopf und Schulteransicht, die man auf ein mittelgroßes Familienporträt hätte, das über dem Wohnzimmerkamin hängt.

Der Mann, der nun in seiner Küche stand, derweil Ken, Greg und Art sich auf den Weg machten, überprüfte diese Waffe zum letzten Mal. Er wusste sehr wohl, wie man sie am effektivsten handhabt. Mit Ersatzpatronen zwischen dem zweiten und dritten und dem dritten und vierten Finger der linken und der rechten Hand konnte er schneller laden und feuern, als die meisten erfahrenen Schützen ein Voderschaft oder Repetiergewehr bedienen konnten. Im Koreakrieg war er ein Meisterschütze bei den Marines gewesen und um nicht aus der Übung zu kommen, hatte er über die Jahre gerne Neunziger Nägel über eine Entfernung von 100 Yards in Bäume gejagt. Er schoss fast nie daneben.

In Kürze würde er auf die Jagd gehen, das heißt, den Job erledigen, auf den er sich jahrelang vorbereitet hatte. Sein Rucksack lag bereit auf einem Küchenstuhl. Wenn er die Küche verlassen und die angrenzende Garage betreten hatte, würde niemand mehr in das Haus kommen, bis er wieder zurück war, wahrscheinlich spätestens Mittwoch in einer Woche. Niemand würde jemals erfahren, dass er die Stadt mit seiner Jagdausrüstung und seinem Gewehr verlassen hatte. Niemand.

Es blieb also nichts weiter zu tun, als aus dem Haus zu gehen.

Einige Momente später glitt sein Mustang aus der Garage. Er verschloss die Tür und fuhr langsam die Straße hinunter. Er war nicht für die Jagd gekleidet. Er trug einen konservativen Geschäftsanzug. Die Jagdkleidung befand sich in seinem Rucksack. Dennoch war es zweifelhaft, ob er selbst von den allerneugierigsten Hausfrauen der Nachbarschaft überhaupt beachtet wurde. Es war die Uhrzeit, um die er gewöhnlich zur Arbeit ging. Zum Teil hatte er den Zeitpunkt seiner Abreise aus diesem Grund gewählt. Eigentlich war es nur eine Frage des Prinzips. Wenn man ihn sah, würde das kaum einen Unterschied machen. Der Rucksack, das Gewehr und die Kugeln, die töten würden, lagen in einem Koffer verborgen im abgeschlossenen Gepäckraum des Wagens. Für seine Nachbarn aus der Vorstadt im besonderen und für den Rest der Welt im allgemeinen war er nur einer der vielen Tagespendler, der wie gewöhnlich zur Arbeit fuhr.

3

Acht Uhr.

Denver’s Diner lag zwanzig Yards von der mit Lastwagen überfüllten Route 23 entfernt, fünfzehn Meilen nördlich von Flint. Es war ein kleines Lokal, das Billy Denver gehörte und von ihm betrieben wurde. Alle nannten ihn Billy Dee. Denver klang etwas zu großmäulig, selbst für einen derart ungeheuerlich fetten Typen. Als Kens Ford vorfuhr, nahm Billy Dee ihn automatisch optisch und akustisch wahr. Er wandte sich vom Grill ab, wo die Eier für den einsamen Kunden an der Theke fast fertig waren. Die Rush Hour der Fabrikarbeiter war vorbei und damit auch die Frühstückszeit. Die anderen Stammkunden waren seit einer halben Stunde weg. Für Laufkundschaft war es noch zu früh. Auch für den Vormittagskaffee der Lastwagenfahrer. Er sah Ken und Greg und Art aus dem Auto steigen, Jagdwesten über grünschwarz und rotschwarz karierten Flanellhemden, und grunzte seine Kellnerin an:

„Gussie, drei Mägen, beweg deinen Arsch.“

Sie war eine träge Teenagerschlampe, aber das Beste, was er heutzutage als Hilfe finden konnte. Wobei „Hilfe“ nicht etwa mit Arbeit zu verwechseln war, aber Gussie lockte ein paar Gäste mehr an. Sie trug einen Minirock, der absichtlich zu kurz war, weil sie die Blicke liebte, die sie damit provozierte, die unverhohlen gierigen Blicke in den Augen von Männern, die so alt waren wie ihr Vater und älter. Es war eine der Arten, es ihren Eltern heimzuzahlen. Als Billy Dee sprach, schob sie den Kaugummiklumpen in die andere Seite ihres knallroten Mauls und gab sich nicht mal die Mühe, von dem Tisch aufzublicken, den sie in einer Nische abräumte.

Ein kalter Windstoß fegte herein, als die drei Männer, gerade über einen Witz lachend, hereinkamen.

Sie setzten sich an die Theke.

„Gentlemen?“ Billy Dee erkannte sie wieder, vom Vorjahr.

Er stützte seine riesige, weiche Körpermasse mit den Fäusten auf dem Tresen ab, wartete auf ihre Bestellung und erinnerte sich, während seine kleinen Augen, tief versenkt in dem fetten teigig-weißen Fleisch seines Gesichts, von einem zum anderen huschten.

Sicher. Dieselben drei wie letztes Jahr. Fast derselbe Tag des Monats, dieselbe Uhrzeit. Jäger. Im Geiste schlug er zehn Cent auf jedes Ei auf, das sie bestellen würden. Die hatten Geld. Guck dir nur den Wagen an. Die ganze Ausrüstung auf dem Dach und Gott weiß was noch alles zu Hause. Neunmalkluge Ehefrauen mit schlanken, teuren Beinen, schicken Klamotten und Pelzmänteln. Die Wodka-und-Tonic-Typen. Und kleine Rotznasen, die mit ihren Mini-Motorrädern um Swimmingpools herumkurven. Und der Große mit dem blau schimmernden Kinn, alles Muskeln und Schultern — ein hohes Tier im Rotary Club. Er war selber Mitglied und kannte ihn von einem Foto her, das er letzten Sommer in einem Monatsheft gesehen hatte. Hatte die Caterpillar-Lizenz für irgendwo. Wahrscheinlich für den halben Bundesstaat. War in Michigan mal bester College-Sportler. Verdammt noch mal, ein richtiger Schläger.

Greg bemerkte Billy Dees abschätzenden Blick und fragte: „Wie sind die Eier?“

„Hab’ sie nicht selber gelegt, aber sind garantiert frisch“, grinste Billy Dee und entblößte dabei Zähne, die zu weiß und zu regelmäßig waren, um echt zu sein. Die Eier kamen aus der Kühltruhe und waren vermutlich vor zehn Jahren in Schweden oder sonst wo gelegt worden.

„Für mich zwei Spiegeleier, Bacon und Kaffee.“

„Toast?“

„Bitte.“

Art und Ken bestellten, und Billy Dee schob sein Fett durch die Gegend. Gussie war mit einer Ladung Geschirr Richtung Küche unterwegs.

„Lass das Zeug, Herrgott noch mal, die Gentlemen warten.“ Und als zusätzlicher Einfall: „Drei Kaffee.“ Er holte Pfannkuchenteig und Eier aus dem Kühlschrank.

Gussie stellte das Geschirr ab und latschte mürrisch zur Kaffeemaschine. Sie bewegte sich absichtlich langsam, ihre Kiefer mahlten vielsagend auf ihrem Kaugummi rum.

„Mach schon, du Mondkalb! Beweg dich!“

Das war hässlich. Er hatte die Geduld verloren. Sie knallte Kaffeetassen auf Untertassen.

Greg lachte. Er ließ seinen Blick über ihren Körper gleiten, verweilte bei ihren fast perfekten Arschbacken und Schenkeln, wanderte dann wieder hinauf zu ihren leicht vorgebeugten Schultern und den hängenden Brüsten. Dieser Körper verlangte nach Bett und Männern, irgendwelchen Männern. Aber nicht, wenn die Männer wollten, sondern nur, wenn sie wollte. Sie bemerkte seinen Blick und hockte sich hin, um eine Gabel vom Boden aufzuheben, und ihr Rock rutschte rauf.

„Mamma mia“, brummte Greg. Art hörte ihn und guckte ihr ebenfalls zwischen die Beine. Er wurde allmählich dick um die Hüften und fing an, eine Glatze zu bekommen, aber sein Gesicht war faltenlos und seine sanften blauen, feuchten Augen ohne die geringste Spur irgendeines persönlich erfahrenen Leids. Er war Unternehmensberater, besaß seine eigene Firma und verbrachte eine Menge Zeit mit Reisen, zahlte viele Drinks für eine Menge junger Frauen, die die Hilton-Hotel-Bars zierten.

„Etwas zu nahe an zu Hause, Kumpel“, sagte er zu Greg. Aber sein Tonfall verriet, dass er in Bezug auf Gussie mit Greg einer Meinung war. Verdammt noch mal, sie machte einen an.

„Vergiss es“, sagte Ken. Mit einem Blick war ihm klar, dass sie Ärger machen würde, dieser Dorfschlampentyp. Art drehte sich weg und zwinkerte Billy Dee zu, der alles mitbekommen hatte und fachmännisch grinste.

Aber Greg konnte nicht wegsehen. Als Gussie den Kaffee brachte und die Tassen hinknallte, labte sich sein Blick an den ausdruckvollen Tiefen ihrer halbaufgeknöpften schäbigen Weste, bis sie seine Schamlosigkeit nicht mehr ertrug und sich abwehrend wegdrehte.

Dann hörte er, wie Billy Dee Ken fragte: „Habe ich euch drei nicht letztes Jahr schon mal hier gesehen?“

Ken antwortete, plötzlich vorsichtig: „Hm, da muss ich mal nachdenken.“

„Die gleiche Zeit. Erste Woche der Rotwildsaison.“

Art musterte Billy Dee völlig arglos. „Sie wissen, dass Sie Recht haben.“

„Wir fahren ziemlich früh morgens los. Sie fallen genau in unsere übliche Frühstückszeit.“ Das war Ken. Ohne zu sagen, wo sie wohnten. Oder wo sie hinfuhren.

Aber Billy Dees Gedächtnis war genauso elefantenmäßig wie sein Körper, und er war stolz darauf. Er mochte fett sein, keine anständige Frau würde mit ihm ins Bett gehen, aber er hatte weiß Gott ein gutes Gedächtnis.

„Sicher“, sagte er. „Ihr habt eine Jagdhütte an einem der Seen auf der nördlichen Halbinsel. Ein bisschen westlich von Schoolcraft County. Traumhafte Gegend.“

Ein sehr schneller Blickwechsel zwischen Ken und Art. Nur ein warnendes Flackern im Auge. Greg hatte sich wieder in das Studium von Gussies Hintern vertieft, als sie ihren linken Schenkel extra nahe an der Schamgegend kratzte. Aber jetzt war Greg nur scheinbar an ihr interessiert. Es war Tarnung.

Ken entschied, dass Ausflüchte gefährlicher waren, als den Typen einzuweihen. Er lächelte leichthin und antwortete Billy Dee: „Das stimmt. Ganz am Ende der Welt.“

„Bestimmt selbst gebaut?“

„Jedes Brett.“

„Strom?“

„Nein. Wir benutzen Gaslampen. Aladdins. Und kochen mit Propangas. Kein Kühlschrank. Braucht man nicht zu dieser Jahreszeit. Nur ein Speiseschrank. Trockeneis für Gefrorenes.“

Billy Dee fiel Kens Sprechweise auf. Gebildet. Muss mal auf einer dieser elitären Superschulen im Osten gewesen sein.

„Fischen?“, fragte er.

„Absolut großartig. Flussbarsch. Seebarsch. Seeforelle.“

Billy Dee wendete die Eier und die Pfannkuchen für Art. Der satte Geruch strömte aus der Pfanne und verstärkte die angenehme Stimmung der ganzen Mahlzeit. Jeder Lastwagenfahrer in der Gegend kannte Billys Wheat-Cakes. „Toast ist gleich fertig.“ Er ließ ein paar Scheiben in die Maschine fallen. „Ja, ihr wart auf der Jagd letztes Jahr. Genau wie jetzt. Und? Eure Quote erreicht?“

Greg lachte. „Kein Problem.“

„Und ein bisschen mehr, eh?“, zwinkerte Billy Dee. Jeder Jäger, der campiert, holt sich noch einen Extra-Bock.

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