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Jägerin des verlorenen Schätzchens

Susan Mallery

Jägerin des verlorenen Schätzchens

Roman

Aus dem Amerikanischen von Jana Mareike von Bergner

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

PROLOG

Vor langer Zeit in einer finsteren Nacht in einem noch dunkleren Wald jagte eine Gruppe aufgebrachter Männer eine alte Frau durch das Gehölz. Einige von ihnen sagten, die Alte sei eine Heilerin, andere nannten sie eine Hexe. Sie raunten sich gegenseitig zu, dass sie gesegnet war … und verflucht. Die alte Frau wusste, dass beides zutraf.

Als die Männer sie überwältigten und drohend die geballten Fäuste erhoben, rief die alte Frau um Hilfe. Nur eine Person aus der Menge der Schaulustigen wagte es, sich den Männern zu widersetzen. Clarinda Bradley ignorierte die Gefahr und bot der Frau Zuflucht an.

Die alte Frau bedankte sich mit einem Vermächtnis bei ihr: der Verheißung von Liebe, innig genug, um ein ganzes Leben zu überdauern.

Sie schenkte Clarinda ein besonderes Nachthemd, das ihr – wenn sie es in der Nacht ihres fünfundzwanzigsten Geburtstags trüge – das Gesicht ihrer einen wahren Liebe offenbaren würde. Hörte Clarinda auf die Prophezeiung und heiratete den Mann, würde sie den Rest ihres Lebens glücklich und zufrieden sein. Wenn ihre Nachkommen es ebenso machten, würden auch sie mit Glück gesegnet sein.

Zwei Monate später, am Abend ihres fünfundzwanzigsten Geburtstags, zog Clarinda das Nachthemd an und träumte von einem attraktiven Unbekannten. Am nächsten Morgen kam er ins Dorf geritten. Clarinda heiratete ihn und lebte – wie prophezeit – glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. So nahm die Familienlegende der Bradley-Frauen ihren Anfang.

1. KAPITEL

Ich wünschte, ich würde von dem Mann träumen, der für mich bestimmt ist!“, verkündete Cassie und strahlte. „Ich weiß, wie aufgeregt du deswegen bist.“

Seufzend sah Chloe Bradley Wright ihre Schwester an. „Oh ja. Zu aufgeregt, um es in Worte zu fassen“, erwiderte sie ironisch und zupfte spielerisch an den weichen Schnüren des Nachthemds. „Muss ich das wirklich tun?“

„Du musst gar nichts tun.“

Wenn das nur wahr wäre, dachte Chloe bedauernd. Aber sie musste das dumme Nachthemd tragen. Es war ihr fünfundzwanzigster Geburtstag und Zeit für sie, ihren Teil der Familiensage zu erfüllen. Nicht dass sie an Magie geglaubt hätte – oder an ein „glücklich bis an ihr Lebensende“. Soweit es sie betraf, war Liebe die Garantie für ein gebrochenes Herz.

Sie öffnete den Mund, um ihre Meinung zu sagen, presste dann aber fest die Lippen aufeinander. Sie mochte nicht daran glauben, aber ihre Schwester Cassie war felsenfest von der Magie des Nachthemds überzeugt.

Nachdenklich musterte Chloe das Gesicht, das ihr beinahe so vertraut war wie ihr eigenes. Cassie war adoptiert, aber nur sechs Monate jünger. Sie waren unzertrennlich und allerbeste Freundinnen. Chloe hatte ihre zynische Sichtweise bei mehr als einer Gelegenheit offenbart, aber Cassies Glaube an die Legende war unerschütterlich. Wer war sie, ausgerechnet jetzt zu versuchen, die Meinung ihrer Schwester zu ändern? Es war doch nur für eine Nacht. Was konnte es schaden, das Nachthemd anzuziehen?

„Ich werde es tragen“, sagte sie und bemühte sich, freundlich zu klingen.

Cassie beugte sich vor, um sie zu umarmen. „Ich wusste, du würdest es tun.“ Schnell sprang sie vom Bett und strich sich das kurze braune Haar aus der Stirn. „Ich gehe und erzähle es Tante Charity. Glaubst du, sie ist überrascht?“

„Wahrscheinlich nicht“, murmelte Chloe, sobald sie allein war. Tante Charity verfügte über einen siebten Sinn, was diese Dinge betraf. Zweifellos hatte die ältere Frau bereits eine genaue Vorstellung davon, von wem Chloe träumen würde.

„Ich werde von niemandem träumen“, verkündete sie laut, während sie sich das T-Shirt über den Kopf zog, dann schlüpfte sie aus ihren Jeans. „Es ist nur ein Nachthemd. Es hat keine magischen Kräfte. Um Himmels willen, wir befinden uns im einundzwanzigsten Jahrhundert! Niemand glaubt mehr an solchen Kram.“

Sie öffnete den BH und warf das Kleidungsstück auf den Fußboden, dann hob sie das Nachthemd auf. Die Baumwolle fühlte sich kühl an und verursachte ihr eine Gänsehaut.

„Es ist nichts“, beharrte sie. Aber sie zögerte, bevor sie sich den weichen Stoff über den Kopf zog. Was, wenn die Legende doch stimmte? Was, wenn sie wirklich von dem Mann träumen würde, der für sie bestimmt war? Was, wenn …?

„Was, wenn Leute von Außerirdischen entführt werden, die ihnen in Kornfeldern auflauern?“, fragte sie laut.

„Oh, ich glaube nicht, dass diese Geschichten wahr sind“, antwortete ihre Tante, die gerade zur Schlafzimmertür hereinkam. Charity zog die dunklen Augenbrauen hoch. „Wie sehr musste Cassie dir den Arm verdrehen, um dich dazu zu bringen, es heute Nacht zu tragen?“

Chloe zuckte mit den Schultern, während sie das Nachthemd glatt strich. „Nicht allzu sehr. Ich glaube, es lässt sich nicht vermeiden, dass alle Bradley-Frauen dieses Ritual hinter sich bringen müssen. Es ist so unvermeidlich wie Geburtstage und Steuern. Mir tut es nur leid, dass sie morgen früh enttäuscht sein wird.“

„Ja“, sagte Charity, ging zum Bett und schlug die Decke zurück. „Das wird traurig. Cassie ist eine der ganz wenigen, die wirklich noch an etwas glauben. Davon gibt es nicht mehr viele.“

Chloe war an diesem Tag fünfundzwanzig geworden. Aber plötzlich fühlte sie sich wie eine Zehnjährige, deren Lieblingstante auf ihr mäßiges Zeugnis starrte und ihr erklärte, dass schlechte Noten in Ordnung seien, solange sie ihr Bestes gegeben hatte.

„Du kannst mir nicht erzählen, dass du an diese Legende glaubst.“ Chloe ließ sich auf die Bettkante plumpsen.

Charity setzte sich neben sie. Die ältere Frau war durchschnittlich groß und hatte die dunklen Augen und Haare der Wright-Familie. Sie war Mitte fünfzig, wirkte aber gut und gern zehn Jahre jünger.

„Ich bin um die ganze Welt gereist“, ermahnte Charity sie. „Dabei habe ich viele erstaunliche Dinge gesehen. Und was Magie und Legenden betrifft …“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wer kann schon sagen, was davon stimmt und was nicht?“

Chloe stieß einen verächtlichen Laut aus. „Mach mal Pause! Du behauptest also, dass dieses Nachthemd mehrere Hundert Jahre alt ist und magische Kräfte besitzt?“

„Das kannst du nicht wissen.“

Vorsichtig betastete Chloe die weiche Baumwolle. „Dafür, dass es so alt ist, ist es in einem ziemlich guten Zustand.“

„Genau wie ich, mein Herz.“ Lächelnd tätschelte Charity ihr die Hand.

„Na, so alt bist du nun auch wieder nicht.“ Chloe holte tief Luft. „Es wäre schön, wenn das alles wahr wäre, aber ich kann einfach nicht daran glauben.“

„Das ist die Reporterin in dir.“

„Du hast recht. Aber irgendjemand in dieser Familie muss praktisch denken. Du und Cassie, ihr lebt doch im Wolkenkuckucksheim.“

„Ich bin wieder da“, verkündete Cassie, die fröhlich zurück ins Zimmer hüpfte. Sie hielt etwas in der Hand, und bevor Chloe erkennen konnte, worum es sich handelte, warf sie es in die Luft. Dutzende Rosenblätter in Rot, Pink und Creme segelten auf Chloe, Tante Charity und das Bett herab.

„Mein Beitrag“, erklärte sie lächelnd und setzte sich dann in den schmalen Schaukelstuhl neben der Badezimmertür.

Chloe zupfte die Rosenblüten aus ihrem Haar. Ihr Ärger schwand angesichts solch liebevoller Unterstützung. Wer war sie, gegen diese Tradition anzukämpfen?

„Okay, ihr habt gewonnen“, erklärte sie und stand auf.

Charity erhob sich ebenfalls. „Es ist zu deinem Besten, Liebes, du wirst schon sehen.“ Sie wartete, bis Chloe ins Bett gekrochen war, und deckte sie zu. „Schlaf gut.“

Nachdem sie gegangen war, kam Cassie näher und beugte sich zu ihrer Schwester hinunter. „Träum von jemandem, der wunderbar ist“, verlangte sie. „Reich, attraktiv und sehr liebevoll.“ Der Blick ihrer weit geöffneten dunklen Augen wurde bei diesem Gedanken weicher. „Jemand, der für immer mit dir zusammen sein will.“

„Du bist eben eine echte Romantikerin“, neckte Chloe sie. „Ich werde mein Bestes geben.“

Cassie richtete sich auf. „Morgen früh will ich Details! Eine Menge Details.“

„Versprochen. Oh, und danke für die Party. Es war großartig.“

Ihre Schwester lächelte. „War mir ein Vergnügen.“ Damit spazierte sie aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

Chloe stützte sich auf die Ellenbogen und schaltete die Nachttischlampe aus. Dann kuschelte sie sich in das Bett, in dem sie schlief, seit sie dreizehn war. Den Raum hatte sie mehrere Male umdekoriert. Mit Ausnahme der drei Jahre auf der Highschool hatte sie ihr ganzes Leben hier verbracht. Dieses Zimmer, dieses Haus und sogar die ganze Stadt waren ihr vollkommen vertraut. Und doch fühlte es sich in dieser Nacht vollkommen anders an.

„Das liegt an meiner Stimmung“, ermahnte sie sich sanft. All das Gerede über Magie und Legenden. Selbst eine eingefleischte Zynikerin wie sie musste davon berührt werden.

Entschlossen zog sie sich die Decke bis zum Kinn hoch und machte die Augen zu. Erinnerungen an die Party zu ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag kamen ihr wieder in den Sinn und brachten sie zum Lächeln. Sie hatte sich eine kleine Feier gewünscht, nur Freunde und Familie. Cassie und Tante Charity hatten ein Abendessen vorbereitet. Die Geschenke bestanden zum größten Teil aus witzigen Präsenten, wie sie sie am liebsten mochte. Bloß nichts Sentimentales für sie!

In der Redaktion stand ihr eine arbeitsreiche Woche bevor. Im Geiste listete sie alles auf, was sie in den nächsten paar Tagen erledigen musste.

Während sie sich entspannte und allmählich schläfrig wurde, drängte sich die alte Legende wieder in ihr Bewusstsein. Gemäß der Familienüberlieferung hatte eine junge Frau vor mehreren Jahrhunderten eine alte Zigeunerin vor dem sicheren Tod gerettet. Im Gegenzug hatte die Zigeunerin ihr ein magisches Nachthemd geschenkt. Wenn die Frauen ihrer Familie – der Bradley-Familie – dieses Nachthemd am Abend ihres fünfundzwanzigsten Geburtstags trugen, träumten sie von dem Mann, der für sie bestimmt war. Käme es zur Hochzeit, würde das Paar ein langes glückliches Leben haben.

„Ja, richtig“, murmelte Chloe, während sie sich auf die Seite drehte. „Er wird wahrscheinlich auf einem Schimmel angeritten kommen und mich glatt umhauen.“

Sie wusste genau, was sie träumen würde – das, was sie immer träumte: absolut nichts. Ihre Nächte waren ruhig und ereignislos, und genau so mochte sie es. Das Nachthemd besaß keine Zauberkraft. Die Legende war nicht real. Und sie fühlte sich plötzlich sehr, sehr schläfrig …

Er tauchte aus der Finsternis auf, nicht auf einem Schimmel, sondern in einem Jeep, dessen Motor am Hang des Berges laut aufheulte.

Das hier passiert nicht wirklich, ermahnte sich Chloe und konnte dennoch nicht verhindern, dass sie sich freute. Sie klammerte sich seitlich an einen Felsen, der Wind peitschte durch ihr Haar und blähte ihr Nachthemd wie ein Segel.

Nachthemd? Das brachte selbst sie aus der Fassung. Großer Gott, sie war – bis auf eine dünne Schicht spitzenbesetzter Baumwolle – nackt! Was, in aller Welt …?

Du träumst, beruhigte sie sich. Das ist alles nur ein Traum. Spiel mit, und alles wird gut.

Trotz dieser Beschwichtigungsversuche pochte ihr Herz heftig, als der Jeep sich näherte. Der Mann im Inneren bremste knapp zwei Fuß entfernt von ihr und stieg dann aus.

Er war groß – wesentlich größer als sie mit ihren eins fünfundsiebzig – und schlank. Wenigstens ist er wirklich gut aussehend, dachte Chloe. Ich meine, wenn ich schon von einem fremden Kerl träumen muss, dann möchte ich nicht, dass er aussieht wie ein Volltrottel.

Der Mann sprach nicht. Wortlos ging er zu ihr hinüber, riss sich das Hemd auf und zog sie heftig gegen seine feucht glänzende Brust.

„Ich mag das“, kommentierte sie es, als er sich an sie drängte.

„Sei still, mein Liebling! Ich bin dein Schicksal.“

„Aha. Und ich bin eine direkte Nachfahrin von Königin Victoria.“

Sie starrte in die grünsten Augen, die sie jemals gesehen hatte. Der Traum wirkte verblüffend echt. Der Wind fuhr ihr durchs Haar, der Mann strahlte Hitze aus, und sie spürte seinen Atem auf ihrer Wange. Sie schluckte. Die Nähe dieses attraktiven Mannes machte sie nervös. Wow! Sie musste unbedingt mehr über diesen Traum herausfinden. Unterbewusst schien ihr wirkliches Leben sie zu langweilen.

„Ich will dich“, verkündete der Mann.

„Dann nimm mich. Ich bin dein.“

Er küsste sie, und Chloe unterdrückte einen Schrei. So viel zum Thema „einfach mitspielen“. Seine sinnlichen Lippen schienen sie auf vollkommene, meisterhafte Weise herauszufordern. Sie fühlte sich klein und verletzlich und unglaublich frei. Dies war schließlich ein Traum. Sie konnte sagen und tun, was sie wollte, und niemand würde je davon erfahren.

Sie umfasste sein Gesicht und trat gleichzeitig ein Stück zurück. „Ich habe eine Bedingung“, sagte sie.

„Stell sie! Ich werde alles für dich tun.“

„Großartig. Verschwinde einfach nicht, bevor wir fertig sind, okay? Ich hasse diese erotischen Träume, in denen ich dreißig Sekunden vor dem wirklich guten Teil aufwache. Das ist keine erholsame Nacht.“

Statt zu antworten, hob er sie hoch und trug sie zu einer Höhle. Dort brannte ein Feuer. Ihr Lager bestand aus frischem, herrlich duftendem Stroh. Wie nett von ihrem Gehirn, diese Details zu liefern.

Der Fremde liebte sie so zärtlich, wie sie es in der Realität nie zuvor erlebt hatte. Er berührte und küsste jeden Körperteil von ihr, und zu ihrer großen Erleichterung wachte sie nicht vor dem entscheidenden Teil auf. Tatsächlich kam sie sogar zweimal zum Höhepunkt. Sie musste dabei sogar schreien, was sie noch nie getan hatte.

„Wer bist du?“, fragte sie, als sie sich schließlich nebeneinander ausstreckten. Noch immer waren sie beide atemlos. Sie zeichnete seinen vollkommenen Körper mit ihrer Fingerspitze nach und verweilte auf einer Narbe auf seinem linken Unterarm.

„Dein Schicksal.“

„Das hast du gesagt. Aber hast du einen richtigen Namen, oder soll ich dich einfach Mr D. nennen?“

Er hob den Kopf und starrte sie an. Sein Blick war so intensiv, dass sie das Gefühl hatte, sie könne bis auf den Grund seiner Seele blicken. Was immer sich dort verbarg, rief nach ihr. Sie wollte antworten, wusste aber nicht, wie. Dies war immer noch ein Traum, richtig? Es war nicht real. Aber in dieser Sekunde wünschte sie sich verzweifelt, alles wäre wahr.

„Du wirst mich kennenlernen“, erklärte er, während die Welt um sie herum in Dunkelheit versank.

Sie versuchte, nach ihm zu greifen, aber seine Hand entglitt ihr. Bevor sie nach ihm rufen konnte, war er verschwunden. Allein und aufgewühlt blieb sie zurück.

„Wie war’s? Erzähl alles ganz genau, und lass dir Zeit.“

Chloe blinzelte in das helle Licht und sah sich verwirrt um. Es war tatsächlich Morgen. Sie befand sich wieder in ihrem eigenen Zimmer, in ihrem vertrauten Bett. Zufrieden lächelnd hopste Cassie neben ihr auf der Matratze auf und ab.

„Also, wer ist er? Von wem hast du geträumt?“

„Was?“

Chloe setzte sich langsam auf. In ihrem Kopf drehte sich alles, und sie wurde nicht richtig wach. Vielleicht, weil sie sich nicht ausgeruht fühlte. Sie hatte fast den Eindruck, als wäre sie die ganze Nacht herumgelaufen. Oder hätte Sex mit einem schönen, geheimnisvollen Fremden gehabt.

Energisch schob sie diesen letzten Gedanken beiseite. Nichts war passiert. Sie hatte nur komisch geträumt. Vermutlich das Ergebnis von zu viel Schokoladenkuchen und Eiscreme. Das bedeutete überhaupt nichts.

Cassie trug das XXL-T-Shirt, in dem sie gewöhnlich schlief. Ihr kräftiges Haar war zerzaust, ihr Gesicht vom Schlafen gerötet. „Willst du mir weismachen, dass du von niemandem geträumt hast? Nicht mal von einem einzigen Typen?“

Chloe setzte sich auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr Körper schmerzte angenehm, und ihr Schritt war eindeutig feucht. Das ist alles viel zu verrückt, sagte sie sich im Stillen. Sie glaubte nicht an die Familiensage. Der Traum war ein glücklicher Zufall gewesen, keine Prophezeiung. Sie würde Cassies wilden Fantasien nicht noch zusätzliche Nahrung geben.

„Ich habe von niemandem geträumt“, sagte sie langsam, malte sich aber augenblicklich den attraktiven Mann aus, der sie in die Höhle getragen hatte. Das alles war viel zu peinlich. Was sollte sie sagen? Dass sie großartigen Sex gehabt hatte? Nein, das konnte sie niemandem gestehen.

Cassies Lächeln verschwand. „Aber ich dachte, die Legende würde stimmen.“ Sie klang, als habe ihr jemand das letzte bisschen Hoffnung geraubt.

Chloe verzog das Gesicht. Genau das hatte sie gerade getan. Aber sie konnte ihr einfach nicht die Wahrheit erzählen.

„Es tut mir leid.“ Tröstend berührte Chloe ihre Schwester am Arm. „Es ist einfach ein Nachthemd, Kleine, so wie jedes andere auch.“

„Okay. Tante Charity hat mich schon gewarnt, dass die Legende einfach nur eine Geschichte sein könnte. Aber ich wollte ihr nicht glauben. Ich denke, jetzt muss ich es.“ Cassie sah aus, als ob sie noch mehr sagen wollte, doch dann schälte sie sich aus der Decke und stand auf. „Ich koche Kaffee.“

Sobald Chloe allein war, ließ sie sich zurück ins Kissen sinken. Ihr Inneres fühlte sich sonderbar an – wie aus dem Gleichgewicht gebracht. Lag es an dem Traum?

„Es gibt keine Legende“, beruhigte sie sich. „Der Traum ist nur meinem Unterbewusstsein entsprungen, das mir zu signalisieren versucht: ‚Es ist Zeit, Männer zu treffen.‘ Ich nehme den Hinweis an. Heute werde ich mich im Verlag nach geeigneten Kandidaten umsehen.“

Aber als sie ins Bad ging und darüber nachdachte, welcher der infrage kommenden Männer sie interessieren würde, erwischte sie sich dabei, sich ihn auszumalen. Sie zitterte … nicht vor Angst oder Wut, sondern bei dem Gedanken daran, was seine Berührungen mit ihr angestellt hatten.

Eine heiße Dusche beruhigte ihr Gemüt. Während sie sich abtrocknete, überprüfte sie ihre Arme und Brustwarzen: Es war nichts Besonderes zu sehen – nur ihre ebenmäßige Haut. Fast hatte sie erwartet, dort Zeichen von seinem Liebesspiel zu entdecken.

Ich muss daran denken, Tante Charity zu fragen, ob Wahnsinn in der Familie liegt, grübelte sie, als sie ihre Kleidung für den Tag auswählte.

Fünfzehn Minuten später hatte sie sich das Haar getrocknet und sich angezogen. Sie steuerte auf die Küche und die erste wohltuende Tasse Kaffee des Tages zu. Seufzend griff sie nach der Kaffeekanne, während Cassie sich durch das Fernsehprogramm zappte. Gewöhnlich sahen sie beim Frühstück eine der Morgensendungen.

In einer Hand hielt Chloe die Kanne, in der anderen den Becher. Eine vertraute Stimme erfüllte den Raum, und sie erstarrte.

„Die ausgestellten Edelsteine sind ein hochinteressanter Fund“, sagte er. „Aber es ist nicht allein mein Verdienst, dass ich sie der Universität überreichen kann. Man braucht ein großes Gremium, um diese Art von Dingen zu stemmen.“

Gänsehaut breitete sich auf ihren Armen aus. Schnell stellte sie die Kaffeekanne zurück auf die Warmhalteplatte, um sie nicht fallen zu lassen, und setzte den Becher auf der Arbeitsplatte ab. Dann drehte sie sich ganz langsam zum Fernseher um.

Die Kamera zeigte eine gut gelaunte Moderatorin der lokalen Morgenshow. Dann schwenkte sie nach rechts, und ein Mann kam ins Blickfeld. Ein stattlicher Mann. Ein Mann, den sie – bis irgendwann in der vergangenen Nacht – niemals zuvor gesehen hatte. Aber sie kannte ihn. Sie kannte jeden Zoll seines Körpers. Sie hatte ihn berührt und geschmeckt. Sie erinnerte sich so gut an seinen Geruch, dass sie ihn in völliger Dunkelheit erkannt hätte.

„Was glauben Sie, warum sind immer Sie derjenige, der die großartigen Entdeckungen macht?“, fragte die Frau.

Der Mann lächelte. Chloes Herz pochte wild, und ihre Haut prickelte am ganzen Körper. Sie wollte sich vielleicht nicht erinnern, aber ihr Körper würde sie nicht vergessen lassen.

Der Mann lächelte. „Einfach Glück gehabt, schätze ich.“

Die Moderatorin schien dahinzuschmelzen. „Unglücklicherweise läuft uns die Zeit davon. Zur Erinnerung für unsere Zuschauer: Arizona Smith wird an der Universität einen Vortrag über seinen sagenhaften Edelsteinfund halten. Noch gibt es Eintrittskarten, aber sie werden knapp. Die Edelsteine selbst werden den ganzen Monat über in der Ausstellung zu sehen sein. Mr Smith, es war mir ein Vergnügen, Sie heute Morgen begrüßen zu dürfen.“

Chloe verzog den Mund. Die Frau schnurrte beinahe wie ein Kätzchen. Nicht gerade professionell, dachte sie. Dabei weigerte sie sich, sich einzugestehen, dass die weiße Glut in ihrem Inneren Eifersucht sein könnte.

Also hatte ihr mysteriöser Fremder einen Namen: Arizona Smith. Was bedeutete, dass es ihn wirklich gab. Sie grübelte über das Nachthemd, über die Legende der Familie Bradley, den Traum … Oh Gott, es konnte nicht wahr sein! Er war nicht ihr Schicksal. Sie ging jeder Beziehung aus dem Weg.

Das alles spielt keine Rolle, ermahnte sie sich scharf. Der Mann befand sich vielleicht eine Woche in der Stadt. Sie würde ihm überhaupt nicht begegnen.

„Ich muss früher zur Arbeit“, behauptete sie.

„Willst du nicht wenigstens deinen Kaffee trinken?“, fragte Cassie.

Chloe war bereits halb zur Tür hinaus. „Ich hole mir unterwegs einen“, rief sie über die Schulter und ergriff die Flucht. Arizona Smith ist überall, dachte Chloe verdrießlich. Sie trank ihren Kaffee in einem kleinen Imbiss gegenüber der Redaktion. Sein Bild war auf drei Bussen und vier Werbetafeln plakatiert, die sie auf ihrem Weg zur Arbeit entdeckt hatte. Sogar jetzt starrte er sie von der Bank direkt vor dem Gebäude aus an – oder zumindest sein Foto. Sie konnte diesem Mann einfach nicht entkommen.

Tief durchatmen, riet sie sich. Der Trick bestand darin, durchzuhalten und in Bewegung zu bleiben. Wenn er sie nicht erwischen konnte, war sie vor ihm sicher.

Das alles wurde ihr allmählich unheimlich. Möglicherweise hatte sie sein Foto im Laufe der letzten Tage gesehen, ohne es richtig zu bemerken. Irgendwie war es in ihr Hirn und letzte Nacht an die Oberfläche gelangt. Eine vollkommen plausible Erklärung.

Wenn nur der Sex nicht so gut gewesen wäre.

Ich glaube nicht an das Schicksal, ermahnte sie sich, während sie den Imbiss verließ und sich auf den Weg zum Verlagsgebäude machte. Die Redaktion ihres Magazins befand sich im ersten Stock. Sie blieb kurz beim Sekretariat stehen, um ihre Nachrichten abzuholen.

„Jerry will dich sehen“, rief Paula, die Aushilfskraft. „Es geht um irgendeinen Spezialauftrag.“

Großartig! Das war genau das, was sie brauchte: eine Herausforderung, um ihre Gedanken von ihrer vorübergehenden geistigen Umnachtung abzulenken.

Sie ließ ihre Sachen auf den Schreibtisch fallen und marschierte zum Büro des Chefredakteurs.

Bradley Today war ein kleines, aber renommiertes Magazin, das zweimal im Monat erschien. Chloe hatte die Stelle dort bekommen, nachdem sie an der Universität Berkeley ihren Abschluss in Journalistik gemacht hatte. Irgendwann in der Zukunft würde sie den Weg nach New York einschlagen, wo die großen Zeitungen herausgegeben wurden. Aber für den Moment sammelte sie hier Erfahrung und Arbeitsproben.

Sie trat durch die offene Glastür. „Sie wollten mich sehen, Chef?“

„Ja, setzen Sie sich.“ Jerry wies auf den Stuhl gegenüber seinem Schreibtisch. Es war erst acht Uhr dreißig, aber sein langärmeliges Hemd war bereits zerknittert, und seine Krawatte hing schief. Hätte seine Kleidung sich nicht von der vom Vortag unterschieden, würde Chloe schwören, dass er darin geschlafen hatte.

„Es sieht folgendermaßen aus“, sagte er und schob die Hand in den Stapel Mappen auf seinem Tisch. Er zog eine Mappe heraus, las die Beschriftung, schob sie zurück und griff eine andere. „Nancy ist schwanger.“

Chloe nickte. Nancy war eine ihrer erfahrensten Redakteurinnen. „Sie befindet sich schon seit sieben Monaten in diesem Zustand.“

„Sagen Sie selbst: wozu Babys? Wer braucht sie schon? Wie auch immer, sie sagt, dass ihre Schwangerschaft schon zu weit fortgeschritten ist, um für mich durch die Gegend zu laufen. Sie will Kram schreiben, für den sie in der Redaktion bleiben kann. Können Sie sich das vorstellen?“

Seine Empörung entlockte Chloe ein Lächeln. „Wow. Wie unsensibel von ihr!“

„Ganz genau. Hat sie mich irgendwie vorgewarnt? Oh nein! Sie ruft mich gestern Abend zu Hause an und lässt die Bombe platzen. Deshalb gebe ich das jetzt an Sie weiter. Viel Glück, Kleine.“ Mit diesen Worten warf er ihr eine Mappe zu.

Sobald Chloe den festen Pappdeckel berührte, spürte sie denselben Schauder wie vergangene Nacht, als sie das Nachthemd angezogen hatte. Ihr sträubten sich die Nackenhaare. Nur zu genau wusste sie, was sie in dieser Mappe finden würde. Und es gab nichts, was sie tun konnte, um etwas daran zu ändern. Es war, wie sie selbst zugab, unvermeidlich.

„Er ist für drei Wochen in der Stadt“, erklärte Jerry. „Folgen Sie ihm. Das sollte nicht allzu schwer sein. Er will die Geschichte genauso sehr wie wir – gute Werbung und dieser Unsinn. Lernen Sie den wahren Mann kennen. Schreiben Sie mir etwas Brillantes, und es könnte Ihre Fahrkarte hier raus sein.“ Jerry sah sie an. „Ein größerer Verlag, vielleicht sogar ein Buchvertrag. Machen Sie es richtig, Kleine. Chancen wie diese kommen nicht oft. Und nun gehen Sie. Ich bin beschäftigt.“

Mit diesen Worten hob Jerry sein klingelndes Telefon ab und vergaß vermutlich, dass sie jemals sein Büro betreten hatte.

Behutsam nahm Chloe die Unterlagen an sich und kehrte an ihren Arbeitsplatz zurück. Sie wollte die Mappe nicht öffnen. Wenn sie nur lange genug wartete, würden sich die Papiere vielleicht einfach in Luft auflösen. Pures Wunschdenken, dachte sie und atmete tief durch. Sie schlug die Mappe auf und sah ihn. Er stand am Hang eines Berges, gegen einen frei stehenden Felsen gelehnt. Sie erkannte die Kleidung, den Ort und den Mann. Und sie wusste genau, dass sich direkt um die Ecke eine Höhle befand, in der es ein Feuer und ein Bett aus Stroh gab.

„Das gefällt mir gar nicht“, flüsterte Chloe. „Es ist einfach zu merkwürdig.“

„Ich habe das hier geholt“, sagte Paula, die in die winzige Arbeitskabine spazierte und einen Stapel Mappen auf dem Ersatzstuhl ablud, der zwischen die Trennwand und Chloes Schreibtisch gezwängt worden war.

„Was ist das?“

„Recherchematerial. Alles Zeug, das Nancy über diesen Kerl namens Smith gesammelt hat. Sie sagt, du kannst sie zu Hause anrufen, wenn du irgendwelche Tipps brauchst.“ Paulas Blick schweifte zu der Fotografie. „Wow, sieht der gut aus! Genau wie der Typ in den Filmen mit – du weißt schon – Indiana Jones. Obwohl er nicht viel Ähnlichkeit mit Harrison Ford hat. Er ist größer. Trotzdem würde ich ihn nicht von der Bettkante stoßen.“ Sie zwinkerte Chloe zu und verschwand.

Offensichtlich würde ich das auch nicht tun, dachte Chloe bedrückt. So viel zu dem Versuch, ihrem Schicksal zu entkommen. In einem Zeitraum von zwölf Stunden war ein fremder Mann zuerst in ihr Unterbewusstsein eingedrungen und dann in ihr reales Leben. Was sollte sie nur tun?

Aber Chloe kannte die Antwort längst. Ein Auftrag wie der, den Jerry ihr gerade gegeben hatte, war etwas, wofür jeder Nachwuchsschreiber töten würde. So viel zum Thema Glücksfall.

Oder Schicksal, säuselte eine leise Stimme.

„Ich glaube auch nicht an Stimmen“, murmelte Chloe. „So, jetzt mache ich mich an die Arbeit.“

Den Rest des Tages verbrachte sie damit, sich durch Nancys Notizen, Zeitungsausschnitte und Informationen aus dem Internet zu wühlen. Um sechzehn Uhr dreißig brannten ihr die Augen, und sie hatte starke Kopfschmerzen. Sie hatte immer noch keine Strategie, wie sie mit allem, was passiert war, umgehen sollte, aber sie brauchte eine, und zwar schnell. Ihr erstes Treffen mit Mr Smith war für den nächsten Morgen in der Universität angesetzt. Nancy hatte es vereinbart. Er würde ihr eine private Führung durch die Edelsteinausstellung geben.

Sie sammelte alle Unterlagen ein und stopfte sie in ihre Aktentasche. Vielleicht konnte sie zu Hause besser arbeiten.

Vierzig Minuten später bog sie in die Auffahrt des viktorianischen Herrenhauses ein, das seit Generationen das Zuhause ihrer Familie war. Sie stieg aus dem Auto. Endlich in Sicherheit! Chloe lief die Stufen am Eingang hinauf und betrat den Flur.

„Ich bin’s“, rief sie. Cassies Wagen stand nicht in der Garage, aber der von Tante Charity.

„Wir sind in der Küche.“

Chloe verzog das Gesicht. Tante Charity hatte einen Großteil ihres Lebens auf Reisen verbracht. Sie schien auf jedem Flecken des Erdballs jemanden zu kennen, und hin und wieder kamen ihre Bekannten zu Besuch. Wer war es dieses Mal? Ein Stammesältester aus Afrika oder ein dunkler Prinz aus dem Mittleren Osten? Sie spürte den vertrauten Unmut gegenüber ihrer Tante in sich aufsteigen – dafür, dass sie nicht da gewesen war, als sie sie am meisten gebraucht hätte. Aber sie schob diesen unerfreulichen Gedanken beiseite. An diesem Abend wollte sie nicht darüber grübeln. Allerdings befand sie sich auch nicht in der Stimmung, die Gastgeberin zu spielen.

Trotzdem straffte sie die Schultern und zwang sich zu einem Lächeln, während sie den Flur durchquerte und die Küche betrat. Sie streckte den Arm aus, um Charitys geheimnisvollem Gast die Hand zu schütteln.

Doch dann erstarrte sie, und die Kinnlade klappte ihr hinunter. Schließ deinen Mund, befahl sie sich, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht.

Er war so groß, wie sie ihn in Erinnerung hatte: schlank, kraftvoll und viel zu gut aussehend. Kein Stammesältester oder Prinz. Nein, er war sehr viel gefährlicher. Er war Arizona Smith – der Mann aus ihren Träumen.

2. KAPITEL

Arizona, darf ich dir meine Nichte Chloe vorstellen? Sie ist die Journalistin. Chloe, das hier ist Arizona Smith. Ich glaube, du hast ihn heute schon in den Morgennachrichten gesehen, nicht wahr?“

Charitys Frage hing in der Luft, aber Chloe antwortete nicht. Arizona rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl an dem runden Tisch hin und her. Er war an Bewunderer gewöhnt, denen es in seiner Gegenwart die Sprache verschlug, aber Chloe Bradley Wright wirkte nicht wie der ängstliche Typ. Außerdem starrte sie ihn an, als ob ihm ein Horn auf seiner Stirn gewachsen wäre. Langsam strich er sich das Haar zurück und berührte dabei die fragliche Stelle, nur um ganz sicherzugehen.

„Hallo, Chloe“, begrüßte er sie und streckte ihr die Hand entgegen. Die Vergangenheit hatte ihn gelehrt, dass ein höflicher, freundlicher Umgang die Leute oft beruhigte.

Noch immer leicht panisch, sah sie von seinem Gesicht zu seiner Hand. Automatisch antwortete sie: „Mr Smith, es ist mir ein Vergnügen.“ Dann wandte sie sich an ihre Tante. „Du hast nicht erwähnt, dass wir Gesellschaft zum Dinner haben. Ich glaube, wir haben noch einen Rostbraten, aber er ist nicht aufgetaut. Ich könnte ihn in die Mikrowelle stellen und …“

„Alles schon erledigt“, sagte Charity und klopfte auf den freien Stuhl an ihrer Seite. „Hol dir was zu trinken, und gesell dich zu uns. Arizona und ich bringen uns gerade auf den neuesten Stand. Er hat einige wundervolle Geschichten auf Lager. Ich bin sicher, sie würden dich interessieren.“

Chloe erwiderte nichts. Arizona las Besorgnis in ihren Augen und unterdrückte ein Seufzen. Zweifelsohne hatte Charity wieder Geschichten aus seiner Schulzeit erzählt. Die ältere Frau liebte es, mit seinen Heldentaten zu prahlen. In Ordnung, er war bereit, zuzugeben, dass es eine Zeit gegeben hatte, als alles stimmte, was die Leute über ihn redeten. Aber das war lange her. Mittlerweile war sein Leben beinahe langweilig. Zumindest soweit es sein Liebesleben betraf.

Chloe öffnete den Kühlschrank. „Möchtet ihr irgendwas?“

„Ich bin versorgt, Liebes“, sagte Charity.

„Ich auch.“ Arizona deutete auf die Flasche Bier vor sich.

Chloe lächelte angespannt, nahm ein Diät-Soda für sich selbst und setzte sich an den Tisch.

Es ist unhöflich zu starren, ermahnte sich Arizona, aber Ms Chloe Bradley Wright bot einen sehr schönen Anblick. Groß, mit großen braunen Augen und einer rotbraunen Lockenmähne, die ihr bis über den Rücken reichte. Sie mochte nicht viele Kurven haben, aber sie war Frau genug, um sein Blut in Wallung zu bringen.

Wenn er einen bestimmten Frauentyp hätte, dann wäre sie es. Glücklicherweise hatte er keinen und suchte auch keine Gesellschaft für die Dauer seines kurzen Aufenthalts in Bradley.

„Ich versuche, Arizona zu überzeugen, bei uns zu bleiben, solange er hier ist“, sagte Charity, die das Gespräch wieder dort aufnahm, wo sie es unterbrochen hatten, als Chloe nach Hause gekommen war. „Ich habe ihm erklärt, dass wir genug Platz haben und er uns überhaupt keine Umstände machen würde. Was hältst du davon?“

Chloe musterte ihn schon wieder. Was immer auch der Grund für ihre Aufmerksamkeit war, ihm gefiel es. Sie blinzelte zweimal, dann wandte sie sich ihrer Tante zu. „Wie bitte? Oh, Entschuldigung. Ich war …“ Sie nahm einen Schluck Soda. „Es ist nur so, dass ich den ganzen Tag Ihr Foto angestarrt habe. Ich kann nicht glauben, dass Sie hier in meiner Küche sitzen.“

Ihre Worte hingen im Raum wie tanzende Staubflocken an einem sonnigen Nachmittag. Die Stille dehnte sich aus. Chloe hielt den Atem an und errötete so, als wäre ihr gerade erst klar geworden, was sie da gesagt hatte.

„Äh … so war das nicht gemeint“, bemerkte sie hastig.

„Kein Problem.“ Arizona zwinkerte ihr zu. „Mein Fanclub kann immer neue Mitglieder gebrauchen. Habe ich erwähnt, dass ich mich oft selbst um die Initiationsriten kümmere?“

Er machte Spaß … zum größten Teil. Chloes Gesicht lief immer dunkler an. Vielleicht würde die Kleinstadt Bradley interessanter werden, als er angenommen hatte.

Flüchtig blickte er zu Charity und bemerkte ihren fragenden Blick. Aha, seine Freundin dachte über eine kleine Verkupplungsaktion nach. Er trank sein Bier, ohne sich wegen ihrer Bemühungen zu sorgen. In der Vergangenheit hatte er viel schwierigere Dinge bewältigt. Wie sie in Australien zu sagen pflegten – mach dir keine Sorgen!

Chloe räusperte sich. „Nun haben Sie mich von meiner schlechtesten Seite kennengelernt – oder zumindest beinahe. Normalerweise trete ich nicht so ins Fettnäpfchen. Was ich meinte, war, dass ich Reporterin beim Magazin Bradley Today bin. Die Journalistin, die Sie die nächsten Wochen begleiten und einen Artikel über Sie schreiben sollte, fällt aus. Unser Chefredakteur hat mir heute Morgen den Auftrag übergeben. Ich habe seitdem fleißig recherchiert.“

Eine Reporterin. Ihm zugeteilt. Das gefiel ihm. „Sollte Spaß machen.“

„Wie schön. Ich habe eine Nachricht in Ihrem Hotel hinterlassen, um alles zu erklären.“

„Ich habe fast den ganzen Tag mit Charity verbracht“, sagte er. „Ich höre Ihre Nachricht ab, wenn ich wieder im Hotel bin.“

„Tun Sie das. Morgen früh werde ich Sie interviewen.“

Sie lächelte. Ein echtes Lächeln ohne Hintergedanken oder Absichten. Sie strahlte geradezu, ihre Augen funkelten, und er beugte sich zu ihr vor und überlegte, wie er sie noch einmal zum Lächeln bringen könnte.

Chloe nahm ihre lederne Aktenmappe und klappte den Deckel auf. „Ich glaube, wir sind morgen früh um halb zehn in der Edelsteinausstellung verabredet. Passt Ihnen der Termin noch?“

In mehr Hinsichten, als Sie sich vorstellen können, dachte er. Aber alles, was er sagte, war: „Ja.“

„Gut.“ Sie notierte etwas in ihrem Terminkalender. „Ich werde ein paar Tage brauchen, um richtig ins Thema reinzukommen. Natürlich habe ich Nancys Notizen, aber ich möchte auch selbst recherchieren. Hoffentlich falle ich Ihnen mit meinen vielen Fragen nicht auf die Nerven.“

„Mein Leben ist ein offenes Buch für Sie“, sagte er.

Charity räusperte sich. „Tatsächlich, Arizona? Das ist gut. Ich hatte befürchtet, dass es einige Geschichten gibt, die ich Chloe nicht erzählen darf. Aber wenn du keine Geheimnisse hast …“ Sie drehte sich zu ihrer Nichte um. „Nachher erzähle ich dir, wie die Tochter eines Stammesältesten ihn dafür bezahlt hat, die Kunst der körperlichen Liebe von ihm zu erlernen. Anscheinend hatte sie ein Problem mit …“

Arizona stöhnte auf. „Charity, hast du kein Schamgefühl? Das ist privat!“

„Ich dachte, du willst ganz offen sein und dein Leben mit den Menschen teilen.“

„Das ist etwas zu viel an Information. Es gibt einige Dinge, die Chloe für sich selbst herausfinden sollte.“

Chloe zog die Augenbrauen hoch. „Wie nett von Ihnen, das zu sagen. Aber keine Sorge! Ich interessiere mich nicht für Nachhilfestunden darüber, wie ich die Männer in meinem Leben befriedigen kann.“

„Sind sie denn alle zufrieden?“

„Vollkommen.“

In ihrer maßgeschneiderten Hose und dem Leinenblazer wirkte Chloe professionell und selbstsicher. Er fragte sich, ob Charity bemerkte, dass die Hand ihrer Nichte leicht zitterte, als sie ihr Sodaglas anhob. Chloe log das Blaue vom Himmel herunter. Was entweder bedeutete, dass sie ihren Mann nicht befriedigte oder dass sie gar keinen Mann hatte. Er hoffte auf Letzteres.

Charity schmunzelte. „Tut mir leid, Chloe. Ich vermittle dir einen völlig falschen Eindruck von Arizona. Es stimmt, dass er ein Charmeur sein kann. Aber meistens verhält er sich anständig und nett.“

Arizona machte ein gequältes Gesicht. „Ich dachte, du bist meine Freundin.“

„Das bin ich.“

„Du sprichst über mich wie über den Familienhund.“

Chloe beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf den Tisch. „Also möchten Sie gar nicht anständig und nett sein? Insgeheim wären Sie gern …“ Sie verstummte und presste die Lippen aufeinander.

… unanständig. Das Wort geisterte ihm durch den Kopf, und er rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Was lief da zwischen ihm und Chloe? Das alles ergab keinen Sinn. Das Wortgeplänkel machte Spaß – er mochte Menschen mit Humor. Aber sexuelle Anspielungen waren nicht seine Art. Viel zu platt. Fehlte ihm einfach eine Frau in seinem Leben, oder lag es speziell an Chloe?

Bevor er genauer darüber nachdenken konnte, wurde die Haustür geöffnet, und aus dem Flur wurde ihnen ein Gruß zugerufen.

„Das ist Cassie“, sagte Charity und stand auf. „Meine andere Nichte. Sie ist das Nesthäkchen der Familie.“

„Das ist ungerecht!“, protestierte Chloe. „Sie ist gerade mal sechs Monate jünger. Bei dir klingt es so, als wäre sie noch ein Teenager.“

„Oder du eine alte Frau“, neckte Charity.

„Vielen Dank.“

Cassie betrat die Küche. Ihr Blick blieb an Arizona hängen. „Ich habe Sie heute Morgen im Fernsehen gesehen“, sagte sie lächelnd. Ihr kurzes dunkles Haar brachte ihre großen Augen vorteilhaft zur Geltung. Während Chloe groß und schlank war, war Cassie etwas kleiner, besaß dafür aber weibliche Kurven.

Eine hübsche junge Frau, dachte Arizona, als sie einander vorgestellt wurden. Hübsch, aber nicht so faszinierend wie ihre Schwester.

„Sie sind also ein berühmter Forscher“, bemerkte Cassie, während sie nach dem Krug mit Eistee griff und sich selbst ein Glas einschenkte. An ihren Ohren funkelten herzförmige Ohrringe.

„Das klingt nach mir. Größer als das Leben selbst.“

Cassie setzte sich neben ihn und seufzte. „Geraten Frauen ins Schwärmen, wenn sie Ihnen begegnen?“

„Nur wenn sie unglaublich anspruchsvoll sind.“ Er blickte auf und sah Chloe lächeln.

„Sind Sie verheiratet?“

„Cassie!“ Chloe sah ihre Schwester finster an. „Werd nicht so intim!“

„Warum nicht? Nun, sind Sie?“

„Machen Sie mir einen Antrag?“

Cassie nippte an ihrem Tee, das Gespräch brachte sie offensichtlich keineswegs aus der Fassung. „Nein, ich bin mit jemandem zusammen. Aber Chloe ist Single.“

Arizona streifte sie mit einem Blick. Also gab es tatsächlich keinen Mann in ihrem Leben. Merkwürdig, wie wichtig ihm diese Information auf einmal erschien.

„Danke, dass du dieses Detail mit uns allen geteilt hast“, sagte Chloe und erhob sich. Ihre Tante stand am Küchentresen und hantierte mit der elektrischen Bratpfanne. „Kann ich dir helfen?“, fragte Chloe.

„Ich komme schon zurecht. Ich koche gerade Arizonas Lieblingsessen.“

Chloe blickte kurz zur Pfanne, dann zu ihm. „Schmorbraten?“

„Yea. Sie würden sich wundern, wie schwer der an manchen Orten zu kriegen ist.“

„Da bin ich sicher.“

„Zum Nachtisch gibt es Schokoladenkuchen und Eiscreme“, ergänzte Charity. „Ihr beiden Mädchen bleibt doch zum Dinner?“

Das war nicht als Frage gemeint. Die Schwestern tauschten wissende Blicke aus, und Arizona freute sich, dass er nicht der Einzige war, den Charity herumkommandierte.

„Sie brauchen nicht, wenn Sie andere Pläne haben. Obwohl ich mich über Ihre Gesellschaft sehr freuen würde.“ Die letzte Bemerkung richtete er direkt an Chloe.

„Oh, wir sind nicht beschäftigt“, sagte Cassie. „Ich bin nur mit Joel verabredet, aber den kann ihn anrufen und absagen.“

„Joel ist dann wohl Ihr junger Freund?“, erkundigte er sich.

„Hm. Wir wollen uns verloben.“ Sie streckte die linke Hand aus. Ein dünner goldener Ring zierte ihren Ringfinger. Der Diamant darauf war so klein, dass er wie ein Sandkorn aussah.

„Ganz reizend!“, bemerkte er.

Sie strahlte und begann, ihn mit Fragen zu löchern. Er antwortete automatisch, wobei er seine Aufmerksamkeit hauptsächlich auf ihre Schwester konzentrierte.

Chloe schloss sich ihnen bei Tisch nicht wieder an. Stattdessen lief sie in der Küche auf und ab und erledigte Kleinigkeiten, die seiner Meinung nach völlig überflüssig waren. Beinahe so, als ob sie sich von ihm fernhalten wollte. Machte er sie etwa nervös?

Da ist etwas zwischen uns, dachte er. Eine Art Verbindung. Er wusste, dass andere Leute das Gefühl, dass sie jemanden schon einmal getroffen hatten, für Unsinn halten würden. Aber er nicht. Er war zu viel gereist und hatte zu viele unerklärliche Dinge gesehen, um das Offensichtliche zu ignorieren.

Wenn er Chloe ansah, spürte er Hitze und Verlangen, aber auch noch etwas anderes. Ein vages Gefühl, das er nicht erklären, aber auch nicht einfach beiseiteschieben konnte. Er wollte sie besser kennenlernen. Zumindest würden die Umstände ihn in seinem Bestreben unterstützen. Wenn sie über ihn schrieb, konnte sie ihm schwerlich die drei Wochen aus dem Weg gehen, die er in der Stadt war.

Chloe wandte sich um und öffnete eine Schublade. Während sie nach dem Besteck griff, fiel ihr ein Messer herunter. Sie kniete sich hin, um es aufzuheben, und diese Bewegung weckte eine vage Erinnerung in seinem Hinterkopf. Als ob er sie schon einmal so knien gesehen hätte. Doch als er den Gedanken weiter verfolgte, tauchte vor seinem inneren Auge ein Bild von einer nackten Chloe auf, die auf einem Strohlager kniete.

Nicht dass er sich darüber beklagte, aber wie – um Himmels willen! – kam er nur darauf? Innerlich fluchend, zwang er sich dazu, sich auf Cassie und ihren Fragenkatalog zu konzentrieren. Gott sei Dank saß er gerade, sodass niemand seine recht offensichtliche körperliche Reaktion auf diese Fantasiebilder bemerkte! Ganz eindeutig hatte er zu viel Zeit ohne Frau verbracht. Dem Wunsch nach einer Braut in jedem Hafen war er entwachsen, aber er war immer noch ein Mann, der gewisse Bedürfnisse hatte. Irgendwann würde er sie ausleben müssen.

Cassie unterbrach ihre Fragerunde, um einen Salat zuzubereiten. Chloe kam herüber und deckte den Tisch.

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